RECORD: Hahn, Otto. 1882. Bericht über zwei Gallertmeteoritenfälle. Jahreshefte des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg (Württembergische naturwissenschaftliche Jahreshefte). 38: 85-91.

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III.

Bericht über zwei Gallertmeteoritenfalle. Von Dr. Otto Hahn in Reutlingen.

Nach den bisherigen Beobachtungen sind 8 Fälle von Gallert-mofceoriten zu verzeichnen, worunter einer vom Jahr 1828- oder 1829 (von Allport Derbyshire), dessen Analyse 32,00 Schwefel, ,34,09 Eisenoxyd, 43,59 Kohle und spezifisches Gewicht 2 ergab.

V

Die übrigen Fälle kamen nicht zur Untersuchung, sind aber von durchaus glaubwürdigen Personen bezeugt. Alle sind zusammengestellt von G. v. Boguslawski, aus welchem wieder Dr. Otto Ule (Die Wunder des Himmels, II. Ausgabe von D. Klein S. 360 ff.) die wichtigsten erwähnten 8 Fälle beschrieben hat.

Die Fälle gleichen sich unter einander und erregen, so bald sie als voll erwiesen angenommen werden können, das höchste Interesse schon wegen der merkwürdigen chemischen Zusammensetzung. Bis jetzt scheint aber die Wissenschaft doch eine absolute Gewissheit nicht zuzulassen. Ich erachte es daher für geboten, zwei weitere ebenfalls blos höchstwahrscheinlich gemachte Fälle mitzutheilen, zwei Fälle, welche mit den von v. Boguslawski beschriebenen völlig übereinstimmen, wovon überdies der eine

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noch eine besondere Merkwürdigkeit für uns hätte: denn er wäre der einzige in Württemberg beobachtete Meteorfall.

Beide Fälle sind von Personen berichtet, denen die Beobachtungsfähigkeit nicht abgesprochen werden kann: deren Charakter auch dafür bürgt, dass sie die Wahrheit sagen wollten.

Die Wahrscheinlichkeit ihrer Aussagen aber wird zur Gewissheit eben durch den Inhalt der Mittheilung selbst. Beide Gewährsmänner sind [nicht Sachverständige, sie wussten bloss, dass ich mich für Meteoriten sehr interessire. Hätten sie mir etwa einen Bären aufbinden wollen, so würden sie, wie jener Falsificator des Eisfuchses zum nächsten besten Bilderbuch griff, so entweder nach bisher gieng und gäben Beschreibungen erzählt, oder zu einem Buche gegriffen, und hienach von einer Feuer-erscheinurig, daher sicher von Lichterscheinung, Kanonenschuss, Kleingewehrgeknatter als begleitenden Erscheinungen erzählt haben. Es ist im höchsten Grade unwahrscheinlich, dass sie eine Beschreibung gerade des seltensten Vorgangs gefunden oder herausgenommen hätten.

In den gewöhnlichen Lehr- und Lesebüchern findet sich aber nichts von Gallertmeteoriten. Diese Mittheilungen geschahen überdiess so, dass auch eine Vorbereitung darauf kaum möglich gewesen wäre.

So nehme ich an, dass sie Beobachtetes treu erzählt haben: . ist aber wahr, was sie erzählen, so ist ein Zweifel darüber, dass man es wirklich mit kosmischen Massen zu thun hat, ausgeschlossen.

Es wurden allerdings schon Gallertmassengefunden, welche man sich nicht sofort erklären konnte, wesshalb man zur Erklärung aus Sternschnuppen griff. Allein sie waren nach aller Beschreibung doch ganz anderer Art, strukturlose Schleimmassen; sie wurden bei genauer Untersuchung als tellurische Substanzen erkannt. Auf solch gefundene Dinge lässt sich bei dem heutigen Stand der Wissenschaft ein Werth nicht legen, Bei den von mir zu berichtenden Fällen ist durch die Art der Form jeder Gedanke an terrestrische Entstehung, z. B. Froschlaich, Nostokalgen von vornherein ausgeschlossen: es sind alle begleitende Umstände angegeben und die Identität des Gefundenen

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oder richtiger beobachteten mit dem wirklich gefallenen Gegenstand ausser Zweifel. Eine 'Erklärung für eine solche Masse auf einem trocknen Grasboden oder einem Baume, wie ich dies nun näher mittheilen werde, gibt es nicht.

Die zwei Fälle, erfolgton beide höchstwahrscheinlich im Jahre 1848 und zwar in einer Nacht zwischen 9. bis 14. August.

Der erste meiner Gewährsmänner, Herr Mechaniker Müller in Reutlingen, gab mir an:

Ich binVim August 1837 geboren. Mein Vater war Kgl. bayrischer Bezirksgeometor in Ott ob euren bei Memmingen, vorher Kechnungs-Revisor bei der Landesvermessung in Bayern.

Ich besuchte die ausgezeichnete Volksschule in Ottobeuren, war stets der Erste meiner Klasse und besitze noch die ersten Preise, welche ich während meines Schulbesuchs bis zum 14. Jahre jedes Jahr erhielt. In dem Unterricht schon erfuhren wir von Meteorsteinen und Sternschnuppen. Mein Vater war mit den betreffenden Naturvorgängen vertraut „und setzte sie uns in der Unterhaltung auseinander.

Ich weiss nicht mehr, war es im Jahr 1848 oder 1849, ich glaube 1848, nach der Heuernte, als ich an einem Sommerabend (bei anhaltend trockenem Wetter) den, ganz klaren Himmel beobachtete, und hier eine Unzahl von Sternschnuppen fallen sah. Sie fielen in allen Richtungen. Der Himmel bildete ein Netz von Lichtstreifen, kreuz und quer. Einzelne sah ich in einem Winkel sich bewegen, als ob sie von einem Gegenstand in der Atmosphäre abgesprungen wären. Dabei stoben viele garbenartig auseinander. Diesem Phänomen sah ich in der Nähe des Orts zu und, um es vollständig beobachten zu können, begab ich mich auf eine kleine Anhöhe, i/i Stunde vom Ort gelegen, wo ich gegen Osten einen Tannenwald in der Entfernung von % Stunde unter mir hatte. Der Hügel war etwa so hoch als die Tannengipfel, ich stand also in gleicher Höhe mit den Tannenspitzen.

Ich bemerke, dass es lange trockenes Wetter war; das Grundstück, auf welchem ich stand, bildete einen Hügel, es war eine Wiese (mit vielen Sprüngen in Folge der Trockenheit), ihr

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Untergrand war ein Diluvialgerölle, wie in der ganzen Gegend und daiauf eine etwa IV2' tiefe Sandschichte, welche eine Decke von Graspflanzen trug.

Plötzlich hörte ich über den Wald her (hinter mir) Zischen und Sausen und nachdem ich es 2—3 Sekunden gehört, einen Fall hinter mir in der Entfernung von 3—4 Schritten. Der Ton wies nach Osten, nach dem Wald hin. Beim Auffallen that es, wie wenn eine mit Luft gefüllte Ochsenblase zersprengt würde. Während dessen hörte ich auch noch das Echo des Zischtons vom Walde her.

Ich drehte mich rasch um und suchte den offenbar gefallenen Gegenstand. Da ich aber einen solchen wegen der Dunkelheit nicht sofort unterscheiden konnte, so bezeichnete ich die Stelle, wo der Fall.stattgefunden haben musste, mit meinem Stocke, um am andern Tag dieselbe wieder aufzusuchen. Das Grundstück war unser Eigentlnim; ich hatte sie auch ohne diese Bezeichnung leicht wieder gefunden; denn sie war an der Grenze in einem Winkel, welchen diese mit dem Nachbargrundstück machte, also schon genügend für mich bezeichnet.

In aller Frühe des andern Tages begab ich mich auf den Platz und fand wirklich nur 1 m von der durch den Stock bezeichneten Stelle eine gallertartige Kugel, bestehend wieder aus Kugeln von Rostfarbe. Sie lag auf dem dünnen Grase; unten hatte sich eine Fläche plattgedrückt.

Der Durchmesser der Kugel war 30 cm.

Ich stiess die Kugel mit dem Fusse an, sie kam in zitternde Bewegung, welche sich längere Zeit fortsetzte, bis die Blasse nach immer schwächeren Schwingungen zum Ruhepunkt zurückkehrte. Nun berührte ich sie, sie war klebrig, es blieb aber von der Substanz nichts an den Fingern hängen, auch veränderte sich weder vom Stoss des Fusses noch von der Berührung des Fingers ihre Form.

Nun komme ich an die nähere Beschreibung der Kugel. Sie bestand aus rostfarbenen runden Körpern, welche an einander lagen, ohne dass ich ganz scharfe Grenzlinien wahrgenommen hätte.

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Eine dieser Kugeln war 4 cm gross, die meisten kleiner bis zu 2 cm.* Im Innern der Kugeln bemerkte ich fadenförmige Linien von dunkler, sogar von schwarzer Farbe; die Zwischenräume zwischen den Kugeln (denn diese legten sich nicht unmittelbar an einander) waren von dunkler Masse ausgefüllt und hatten ebenfalls eine Art Struktur, wie ich sie an den Kugeln deutlich beobachtete. Das Ganze hatte ungefähr das Aussehen eines dunkelgelben Froschlaich-Klumpens, mit Fäden durchzogen, wodurch sie sich eben, sowie durch die verschiedene Grösse der Kugeln ganz unzweifelhaft von Froschlaich unterschied. Die Oberfläche war schwach durchsichtig, so dass ich die- Form der Kugeln als runde und birnförmige Körper erkennen konnte.

Ich wussto nichts mit dem Ding zu thun. Der Klumpen erregte Eckel in mir. Ich Hess ihn liegen. Aber ich hatte keinen andern Glauben, als dass er ein Meteor sei. Ich habe nämlich nichts der Art je auf der Erde, ebenso nichts vor- und nachher auf der Wiese gesehen. Auch meine Geschwister, welche sie sahen, erinnerten sich nie, solche Gebilde dort gesehen zu haben.                             '

Nach einigen Tagen war nichts mehr davon zu sehen.

Einen Eindruck im Boden hintorliess sie nicht. Ich habe die Kugel nicht umgekehrt, sie blieb also auf der Erde liegen, wo sie nach und nach eingetrocknet sein muss.

Zum Schlüsse bemerke ich, dass ich, weil ich bloss von Meteorsteinen wusste, am Morgen den Platz auf ziemlich weitem Umkreis auch nach einem Stein absuchte, aber keinen, auch kein Loch fand, wesshalb ich sicher war, dass nichts anderes als der Klumpen der am Abend vorher gefallene Gegenstand war.

Während des Falls beobachtete ich weder eiuen Knall oder Knattern, noch eine den Fall begleitende Lichterscheinung, welche sich, wenigstens wenn sie stark gewesen, mir doch von hinten her durch den Wiederschein hätte bemerkbar machen müssen.

* Diese Thatsache, wie sie auch im zweiten Fall beobachtet wurde, schliesst jede Verwechslung mit Froschlaich aus.

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Die Fallrichtung giug über den Wald her von Osten, nach Westen, was ich sogleich, wie nachher noch in dem Echo-des WTaldes erkennen konnte.

Ausser meiner Familie machte ich keine Mittheilung. Meine Eltern und Brüder sind gestorben."

Dies die Erzählung des Hergangs Seitens der Herrn Müller, welcher diese Angaben mit seinem Ehrenwort bekräftigt.

Wahrscheinlich in derselben Nacht war es, dass eine Kameradschaft Bauernburschen in Neuhausen, O.A. Urach, mit einem Kübel Wein auf ein nahes Baumgut sich begaben, um denselben dort zu trinken. Unter ihneu war der jetzt als Kaufmann in Linsenhofen, O.A. Nürtingen, ansässige Kaufmann Gottfried Seiz, mein Gewährsmann, damals 20 Jahre alt. — Ich bemerke, dass den ledigen Bauernjungen der Wirthsbausbesuch untersagt war, dass sie sich also auf solche Art hiefür schadlos hielten. Einer um den andern musste den Abend mit der Weinlieferung aushalten. G. Seiz versichert, dass der Antheil eines Jeden nicht zu gross gewesen, und dass es stets ohne Betrunkene abgegangen sei, und an jenem Abend auch alle nüchtern gewesen seien.

So sass, bei schon eingetretener Dunkelheit, die Kameradschaft unter einem grossen Birnbaum und hatte noch Zeit genug übrig, das prachtvolle Schauspiel des ausserordentlichen Sternschnuppenfalls zu beobachten. Plötzlich zog ein leuchtender Gegenstand über den Berg von Osten (von Neuffen her), senkte sich herab und fiel in die Krone des Birnbaumes, unter dem die Leute sassen, um dort in hunderte von leuchtenden Funken auseinander zu stieben. Unmittelbar nach dem Aufprallen im Gipfel hörte man Körper durch die Zweige und Blätter fallen, einer fiel in den Kübel. Der Kübel war fast leer: er wurde vollends geleert und nun fand sich auf dem Boden ein aus grünlichen schleimigen Kugeln bestehender Klumpen, welchen Seiz herausnahm und näher betrachtete.

Eine Kugel hatte Haselnussgrösse, die anderen waren kleiner bis zur Stecknadelkopfgrösse. Die Kugeln selbst waren von Linien oder Fäden durchzogen, was Seiz ganz genau beobachtete. Die Masse wurde nicht aufbewahrt und ging so verloren.

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Aus diesen Beschreibungen ist die vollständige Ueberein-stimmung mit den von Boguslawski berichteten Fällen zu entnehmen, wie denn auch beide von mir berichtete Fälle unter sich (bis auf die Farbe und die Lichterscheinung, welche aber, wenn sie eine schwache war, dem Beobachter doch entgehen, um so leichter entgehen konnte, als die vielen Fälle schon Licht verbreiteten) übereinstimmen.

Ich möchte an diese Mittheilung die Bitte knüpfen, auf diesen Spuren weiter zu forschen und in vorkommenden Fällen für sorgsamste Erhaltung der Massen zu sorgen. Alle Berichte sprechen dafür, dass dieselben sehr schnell vertrocknen oder gar verdunsten. Es müsste also, soll die Masse erhalten bleiben, hiegegen durch luftdichten Verschluss Vorsorge getroffen werden.

Vielleicht gelingt es auch unsern Mitgliedern, durch Nachfrage weitere Fälle zu erheben. Ich wäre für Mittheilungen darüber sehr verbunden.

Ausgeschlossen müssten natürlich solche sein, wo das Fallen der Massen selbst nicht festgestellt werden könnte. Soviel ist sicher: die Wissenschaft ist aufgefordert, diese Anfänge zu verfolgen und bei der nächsten besten Gelegenheit diese im höchsten Grade wichtige Frage durch genaue Feststellung der Thatsachen und Untersuchung des Gegenstands zur Entscheidung zu bringen.


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Citation: John van Wyhe, editor. 2002-. The Complete Work of Charles Darwin Online. (http://darwin-online.org.uk/)

File last updated 2 July, 2012