RECORD: Preyer, William Thierry. 1891. Briefe von Darwin. mit Erinnerungen und Erlaeuterungen. Deutsche Rundschau 17, no. 9 (June): 356-390.

REVISION HISTORY: Transcribed by AEL Data, corrections by John van Wyhe 9.2009. RN2

NOTE: Wilhelm Thierry Preyer (1841-1897) was an English-born physiologist and psychologist who emigrated to Germany in 1857, later Professor of Physiology at Jena 1869-1893. In 1862 he wrote a dissertation on the great auk, one of the earliest scientific works based on the Origin of species published in German.

This offprint reproduces German translations of eleven letters from Darwin to Preyer (Calendar numbers: 6075, 6540, 6687, 7112, 7190, 7729, 7756, 11042, 11331, 12867, 13438; also 10849, 10863, 10912, 12871, 13260). This publication was incorrectly catalogued by R. B. Freeman as a translation of F1.


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Separatabdruck.

Deutsche Rundschau.

Herausgegeben

von

Julius Rodenberg.

Siebzehnter Jahrgang. Heft 9. Juni 1891.

Briefe von Darwin.

Mit Erinnerungen und Erlaeuterungen
von
Professor W. Preyer in Berlin.

Berlin.
Verlag von Gebrueder Paetel.

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Deutsche Rundschau.

Die „Deutsche Rundschau" steht gegenwaertig in ihrem siebzehnten Jahrgang, und duerfte es wohl kaum erforderlich sein, nochmals das Programm dieser angesehensten und verbreitetsten Revue darzulegen. In gleichmaessiger Beruecksichtigung der schoenen Literatur und der Wissenschaft ist die „Deutsche Rundschau" bestrebt, das Organ zu sein, welches dem hohen Bildungsstande der Gegenwart nach beiden Seiten hin entspricht. Ueber den Controversen, welche den Tag bewegen, und den Parteien haelt sie fest an Dem, was unser Aller unveraeusserliches und gemeinfames Eigenthum ist: an dem nationalen Gedanken, der sich im deutschen Reich verwirklicht hat, und an den Ueberlieferungen unserer Classiker. Auf diesem Boden sucht die „Deutsche Rundschau" zu foerdern, was immer unserem nationalen und Geistesleben neue Kraefte zufuehrt, und keinem Fortschritt in den Fragen der humanitaeren und socialpolitischen Bewegung, der Erziehung, der Wissenschaft, der Kunst, der Literatur verschliesst sie sich.

Die „Deutsche Rundschau" erscheint in zwei Ausgaben:

a) Monats-Ausgabe in Heften von mindestens 10 Bogen. Preis pro Quartal (3 Hefte) 6 Mark.

b) Halbmonatshefte von mindestens 5 Bogen Umfang. Preis pro Heft 1 Mark.

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Briefe von Darwin.

Mit Erinnerungen und Erlaeuterungen
von
Professor W. Preyer in Berlin.

Als ich im Herbste des Jahres 1860, von einer Forschungsreise nach den Faer-Oeer und Island heimgekehrt, in Berlin die Ergebnisse derfelben bearbeitete, war mir das im November 1859 erschienene, epochemachende Wert Darwin's noch unbekannt. Erst durch Gespraeche wurde ich darauf aufmerksam und bemuehte mich laengere Zeit vergeblich, das Buch aus England zu erhalten. Die erste Auflage war sogleich nach dem Erscheinen vergriffen, die zweite bald darauf. Erst im Fruehjahr 1861 gelang es mir, ein Exemplar der dritten Auflage zu erwerben. Ich las es, las es wieder und war von dem Inhalt geradezu ueberwaeltigt. Mit einem Schlage veraenderte sich meine ganze, durch die grossartigen Erscheinungen der vulcanischen Insel im hohen Norden fuer neue Ansichten sehr empfaenglich gewordene Naturbetrachtung. Alles Lebende, dessen Beobachtung fuer mich eine besondere Anziehungskraft stets gehabt hat, der Zusammenhang der Naturvorgaenge untereinander und das Verhaeltniss des Menschen zu ihnen gewannen ein anderes Ansehen. Es war, als wenn ploesslich ein Schleier, durch den ich bis dahin gesehen, weggenommen wuerde, und statt dessen das geistige Auge in groessere Fernen und Tiefen, als bisher, zu schauen vermoechte. Das seit meiner fruehesten Lernzeit mit Leidenschaft betriebene Sammeln und Snstematisiren von Naturobjecten hoerte auf. Meine Mineralien, Muscheln, Vogeleier und Vogelbaelge, meine Kaefer und Schmetterlinge wurden an Museen verschenkt, und das Nachbenken ueber selbst Beobachtetes trat an die Stelle des Sammelns. Unvermitteltes schien sich vermitteln, undurchdringlich Dunkles sich erhellen zu lassen.

Es wurde von dem Tage an, als ich Darwin's „Ursprung der Arten" mir zu eigen gemacht hatte, mein lebhaftes Bestreben, thatsaechliche Beweise fuer seine Lehren, namentlich fuer die allgemeine Bedeutung des Concurrenzprincips und der Selectionstheorie, sowie fuer die Ableitung der Lebensvorgaenge hoeherer Thiere von denen niederer aufzusuchen. Zugleich aber wuenschte ich, Thatsachen zur Widerlegung der von Darwin selbst hervorgehobenen Einwaende gegen seine Auf-

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fassung im Ganzen und im Einzelnen zu ermitteln. Merkwuerdiger Weise begegnete ich fast ueberall mit dieser entschiedenen und enthusiastischen Zustimmung zum Darwinismus, ehe er ueberhaupt in Deutschland bekannt geworden war, hartnaeckigem Widerspruch, oder, was noch schlimmer, einer unfreundlichen Gleichgueltigkeit. Weder von meinen Altersgenossen noch von den Universitaetslehrern, deren Vorlesungen ich besuchte, Bronn, Peters, Pagenstecher, Reichert, um nur einige wenige zu nennen, hat damals, zu Anfang der sechziger, Jahre, auch nur einex mich auf dem betretenen Wege fortzuschreiten ermuthigt. Im Gegentheil, sast allgemein wurde zu jener Zeit Darwin's Lehre fuer vollstaendig verfehlt angesehen, waehrend jesst nicht ein einziger competenter Naturforscher gefunden werden kann, der die durch sie herbeigefuehrten Erweiterungen der Naturerkenntniss und methodologischen Fortschritte nicht anerkennte. Ich war gleich anfangs so fest von ihrer Richtigkeit, tross mangelhafter eigener Erfahrung und unzureichender Vorbildung, ueberzeugt, dass ich mich durch nichts beirren liess. Als ein erst Zwanzigjaehriger unternahm ich es beispielsweise mit jugendlicher Kuehnheit darzuthun, ein noch im Jahre 1844 lebend auf islaendischen Klippen gesehener Vogel, der grosse nordische Pinguin oder Brillenalk (Plautus oder Alca impennis) werde ueberhaupt nicht mehr lebend angetroffen werden, weil er den Kampf um das Dasein nicht mehr bestehen koenne. Meine Aufforderung in dem „Journal fuer Ornithologie", ueber alle Reste des Brillenalks (Baelge, Knochen, Eier u. f. w.) in Museen und Privatsammlungen Nachricht zu geben — ich selbst zaehlte neunzehn Exemplare auf — ist vom Januar 1862 datirt, und die Abhandlung ueber diesen Vogel im Jahre 1861 geschrieben, bildet die erste in Deutschland veroeffentlichte Arbeit, in welcher Darwin's Anschauungen auf einen besonderen Fall angewendet werden. Ich hatte dieselbe als Promotionsschrift in Heidelberg eingereicht und obwohl sie mix von Alexander Pagenstecher als durchaus nicht hervorragend bezeichnet wurde, womit ich vollkommen uebereinstimme, so hat sie doch jesst, abgesehen von der Richtigkeit der Vorhersagung, einen kleinen historischen Werth als erste darwinistische Inauguraldissertation. Bronn, der erste Ueberfesser von Darwin's Hauptwerk, der aber schon am 5. Juli 1862 starb, interessirte sich fuer dieselbe, und erwaehnte sie sogar in seinen Vorlesungen, was den angehenden Naturforscher zum ersten Male ermuthigte.

Diese Laengst verschollene Promotionsschrift faengt folgendermassen an:

Wenn irgend eine Thierart die zu ihrer Existenz noethigen Bedingungen nicht gegeben findet, wenn sie durch ihre natuerliche Anlage im Kampfe ums Dasein im Nachtheil ist, so geht diese Art unter und macht anderen besser organisirten Platz. So sehen wir Arten vergehen oder eigentlich unterliegen. Welches die unmittelbaren Ursachen des Unterganges dex zahllosen, jesst nicht mehr durch lebende Repraefentanten vertretenen Thiergeschlechter sind , ist in den allermeisten Faellen in das geheimnissvollste Dunkel gehuellt. Nur bei einigen, in historischer Zeit ausgestorbenen Arten, welche, seitdem sie bekannt, auf einen sehr kleinen Verbreitungsbezirk beschraenkt waren, kann kein Zweifel obwalten darueber, dass der Mensch der Vernichter der Art gewesen sei .

Weiter heisst es:

Relativ mangelhaste Organisation und unablaessige Versolgungen des Menschen wegen des schmackhaften Fleiches und der trefflichen Dunen, das sind die Nachtheile,

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welche Plautus impennis anderen nahe vermandten Voegeln gegenueber hatte, unb welchen er schliesslich erlag.

In Bezug auf die vergleichsweise mangelhafte Organisation stehen sich der Brillenalk, ber Dodo und die Riesenvoegel von Reuseeland biologisch ziemlich gleich. Ein Vogel, der weder fliegen noch laufen kann, gewissermassen das Zerrbild eines Vogels, scheint don vornherein in einer periode wie die jessige, dem Untergang geweiht. Haette Plautus fliegen koennen, so wuerbe es tross der Verfolgungen jesst noch zahlreiche Scharen davon auf den Inseln des nordatlantischen Oceans geben. Aehnlich verhaelt es sich mit Didus und Dinornis.

Diese Vogelgeschlechter liefern ein Beispiel dasuer, wie in dem Kampfe ums Dasein, ver sichtbar unsichtbar in allen Sphaeren organischen Lebens ununterbrochen fortgekaempft wirb, allmaelig das wohl organifirte ueber das vermandte unvollkommenere die Oberhand gewinnt, bis lessteres ganz unterliegt. Waehrend ver dem Brillenalk nahe vermandte Torbalk bei jeber Ueberrumpelung des gemeinschaftlichen Nistplasses sofort wegfliegen, einen anderen Brueteplass sich suchen konnte und hoechstens seine Brut verlor, fiel der Brillenalk stets selbst als Opfer mitsammt seiner Brut, seiner toelpelhaften Unbeholfenheit wegen, die der ausschliesslich zum Aufenthalt im Wasser geeigneten Organisation zur Last Faellt. Haette Plautus wenigstens etwas behender gehen, nur wenig laufen koennen, so wuerbe der Untergang der Art noch lange nicht herbeigefuehrt worden sein. Die Voegel haetten bei jebem Ueberfall rasch in das Meer sich begeben, wo sie , die geschickesten Schmimmer und Taucher jeber Verfolgung spotteten.

Die ihnen auf dem Lande eigene Schmersaelligkeit aber, welche nur dann dem betreffenden Individuum, der betreffenden Art, dem betreffenden Genus nicht verderblich wird, wenn sie dem Gewandten, Ueberlegenen, Maechtigen, dem Menschen, unbekannt bleibt wie vor der Entdeckung von Robriguez beim Dodo, die hoechst unvollkommene Entwicklung des die Classe der Voegel kennzeichnenden Organes, des Fluegels, haben den Untergang des Didus und Dinornis wie den des Plautus herbeigefuehrt.

Doch nicht ausschliesslich. Es ist bei Lessterem noch ein Agens hinzugekommen, die unterseeischen vulcanischen Ausbrueche und Erderschuetterungen.

Gegen Ende der ganzen Bewiesfuehrung:

Es gestattat viese Thatsache von der theilweisen Vernichtung des Brillenalks durch vulcanische Eruptionen einen Schluss zu machen auf die Art des Unterganges der zahllosen, nur zum verschwindend kleinen Theile bekannten palaeozoischen Gebilde.

Wenn auch die Hypothesen der aelteren Geologie von Kataklysmen und periodischen Erdumwaelzungen, welche alles Lebendige auf einmal vernichtet haben sollen, unbedingt zu verwerfen sind, und was man als die Folge dieser Katastrophen aufmeisen moechte, das allmaelig zu Stande gekommene Werk von Millionen Jahrtausenden ist, so kann doch nicht geleugnet werden, das local gewaltige Naturereignisse, wie sie jesst noch stattfinden, von dem groessten, Verderben bringenden Einfluss gewesen sind auf Thiergeschlechter, welche auf dem unmittelbaren Schauplass des Phaenomens sich befanden, Traf es sich, dass gerade folche Thiere, die zugleich felten und auf einen kleinen Verbreitungsbezirk beschraenkt waren, heimgefucht wurden, so erklaert sich ihr ploesslicher und spurlofer Untergang leicht. Wenn wir es erleben, wie ein Vogel, nachdem er von seinen frueheren Aufentthaltsorten vertrieben worden, schliesslich gerade da, wo seine Verfolger ihn nicht oder nur sehr schwer erreichen koennen, durch ploessliche Eruptionen und Erschuetterungen den Tobesftoss erhaelt, so gewinnt die Vermuthung ungemein an Wahrscheinlichkeit, dass nicht nur die Nachtheile, in denen seiner Natur nach eine Art der anderen gegenueber ist, nicht nur klimatische Einfluesse und was fonst noch nach Darwin allmaelig wirkend im Kampfe um das Dasein die eine Art der anderen weichen macht, Urfachen des Unterganges derfelben sind , sondern auch locale Katastrophen die Vernichtung einzelner Thiergeschlechter herbeigefuehrt oder durch Reduction der Individuenzahl beschleunigt haben.

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Island bietet mit seinen neunundzwanzig Vulcanen manche Belege hiersuer. Im Jahre 1783 fand die grossartigste Eruption statt, die des Skaptárjoekull. Der directe Einsluss dieses Ausbruches auf Islands Thierwelt ist unverkennbar. Die Fischereien an der suedlichen und suedoestlichen Kuefte haben seit jener Zeit ausserordentlich an Ertrag eingebuesst. Die Vogelberge, bei denen ein einziger secundenlanger Erdstoss genuegt, Tausende von Bruten zu vernichten, litten ungeheuren Schaden. Seit der Eruption des Leirhnúkur und der Krafla in den Jahren 1724—1727 sind die vor der Zeit durch ihre Guete und Menge in ganz Island bekannten Forellen des Mueckensees an Zahl so vermindert worden, dass an den meiften ehemaligen Fischorten das Fischen eingestellt ist. Diese Beispiele zeugen von dem Einfluss, den vulcanische Naturerscheinungen aus die Fortdauer vieler Thiergeschlechter ausueben.

Nirgends deutlicher aber als bei Plautus haben wir zugleich gesehen, wie eine Thierart vor ihrem Ausfterben feltener wird, nicht mit einem Male verschwindet. Sie wird allmaelig von den von ihr bewohnten Orten durch ueberlegene Geschoepfe, vielleicht auch durch Wechsel des Klimas, Treibeis vertrieben, bis sie zulesst auf einen kleinen Bezirk beschraenkt bleibt, wo sie vor Verfolgungen mehr oder weniger geschuesst ist, die Bedingungen zu ihrer Existenz am guenstigsten findet und ungestoert selbst bei langfamer Vermehrung unberechenbar lange sich erhalten kann. Tritt aber gerade da eine solche Katastrophe ein, sei es eine Ueberschwemmung, sei es ein Erdbeben, sei es eine von wiederholten Erfchuetterungen begleitete submarine Eruption, so wird dann die Thierart allerdings ploesslich ihrem Untergange nahe gebracht, wenn nicht gaenzlich vernichtet. So sind moeglicherweise viele Geschoepfe untergegangen, von denen nur einzelne Ueberbleibfel zeugen und viele mehr, von denen wir nichts wissen. Man fagt zwar: die Natur macht keinen Sprung, aber es gehoert zu ihrem Haushalt, dass sie mitunter ausraeume, das Unvollkommenere vertilgend zu Gunften des Vollkommeneren, und an Mitteln dazu fehlt es ihr nicht.

Aus diesen Saessen vom Fruehjahr 1862 erkennt man schon, mit welcher Bestimmtheit, allen gutgemeinten Rathschlaegen, den Darwinismus fallen zu lassen, entgegen, ich an ihm Festhielt. Ich erinnere mich noch heute — nach neunundzwanzig Jahren — sehr wohl, wie schwer es mir gemacht wurde. Und doch war es recht. Keine Autoritaet kann eine wissenschaftliche Methode oder auch nur Hypothese, in der Wahrheit wohnt, wie ein Licht ganz ausloeschen. Das Licht entzuendet sich immer wieder aufs Neue, bis es fchliesslich gar nicht mehr aufhoert zu leuchten.

Meine Studien nahmen indessen eine etwas andere Richtung. Ein starkes Verlangen nach exacterer Biologie, als die Zoologie sie damals bieten konnte, machte mich zu einem begeifterten Juenger der Physiologie. Hier tritt die ausserordentliche Fruchtbarkeit der Darwin'schen Methoden so sehr hervor, wie vielleicht auf keinem anderen Gebiete. Nicht allein bezueglich der Behandlung ueberlieferter physiologischer Probleme, sondern auch in betreff des Aufstellens neuer Fragen, namentlich ueber den Ursprung der Functionen, hat Darwin mehr anregend gewirkt, als er es selbst jemals erfahren hat. Ich erinnere mich lebhaft, wie ich schon 1865 in meinen Vorlefungen als Privatdocent in Bonn sogleich das Protoplasma als die differenzirungsfaehige, variable, ebenso durch Vererbung wie durch Anpassung sich geftaltende physiologische Grunblage alles Lebens meinen Zuhoerern darftellte und demonstrirte. Bald darauf erschien Haeckel's „Generelle Morphologie der Organismen", und von da an mehrte sich die Zahl der Anhaenger Darwin's in Deutschland in erfreulicher Weife. Ich kam durch eine ganze Reihe von Specialfragen und ein lebhaftes Interesse an

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ihm selbst und seinem Studiengang in einen Briefwechsel mit ihm, welcher auch fuer weitere Kreise Interesse hat. Denn mehr noch als aus den meiften veroeffentlichten Briefen, geht aus den an mich gerichteten manche Charaktereigenthuemlichkeit hervor. Man sieht aus ihnen, wie sehr Darwin seine eigenen Kraefte und Kenntnisse in zu weit gehender Bescheidenheit unterschaesste, und mit welch erstaunlicher Vielseitigkeit er bis zulesst mit dem ganzen Interesse eines jungen Forschers aus weit auseinander liegende Gegenstaende einging, falls sie eine Beziehung zu seiner eigenen rastlosen wissenschaftlichen Thaetigkeit hatten. Ich glaube daher dem oft an mich gerichteten Wunsche entsprechen zu follen, die Briefe Darwin's an mich in wortgetreuer Ueberfessung zu veroeffentlichen. Es geschieht mit der ausdruecklichen Erklaerung, dass die hier, wie in Briefen an Andere, hervortretende uebergrosse Hoeflichkeit und die ruehmenden Beiwoerter, wenn von den Arbeiten seiner Correspondenten in seinen Briefen die Rebe ist, keine andere Bedeutung haben, als dass sie Zeichen eines unermesslichen Wohlwollens sind , welches gern kleine Berdienste Anderer mehr, als die grossen eigenen gelten liess.

Leider sind nur elf Briefe von Darwin an mich in meinem Besisse. Sie sind ebenso formlos in der Uebersetzung geblieben wie in der Urschrift. Es liegen mir ferner vor Briefe von Darwin an Henslow, seinen geliebten und hochverehrten Lehrer, welche er waehrend seiner grossen Reise als zweiundzwanzig bis sechsundzwanzigjaehriger Entdecker schrieb. Diese sind hoechst charakteristisch fuer die ausserordentliche Selbstaendigkeit, Wahrheitsliebe und vielseitige Begabung Darwin's, besonders mit Ruecksicht aus unmittelbare Beobachtung der Natur, welche stets seine mitthcilsamste Lehrerin war. Man findet schon in diesen nur in wenigen Exeplaren vorhandenen und ihrer Zeit nur fuer die Mitglieder einer gelehrten Gesellschaft in Cambridge als Manuscript gedruckten Auszuegen hier und da die Keime fuer die kuenftigen Ideen, welche die naturhiftorischen Wissensgebiete umgestaltet haben. Wenigstens tritt die Unzufriedenheit mit den ueberlieferten Lehren und eine merkwuerdige Vereinigung von zoologischen mit geologischen, namentlich palaeontologischen Beobachtungen scharf hervor. Dass jedoch Darwin seine ersten reformatorischen Gedanken nicht waehrend der Reife felbft, fondern erst nach ihrer Vollendung gehabt hat, zeigt sich deutlich in einem an Dr. Zacharias gerichteten Briefe, den ich ebenso wie einen nicht weniger merkwuerdigen an Herrn Dr. Hugo Thiel gerichteten dieser kleinen Sammlung einreihe, weil sie , verbreiteten Irrthuemern entgegen, zeigen, wie srueh schon der Grundgedanke und wie spaet erst seine Anwendung aus ethische und sociale Fragen bei Darwin gezeitigt wurde. Enblich habe ich noch einen Brief an E. Rade in Muenfter und drei Briefe an Dr. Ernst Kraufe (Carus Sterne) in Berlin beigefuegt, welche theils ein biographisches, theils ein allgemein-wissenschaftlliches Interesse haben. Der Text der Briefe entspricht genau den englischmen Originalen. Nur hier und da wurde von mir ein Wort [in eckigen Klammern] eingeschaltet.

Aus den Briefen ist auch nichts fortgelassen worden, als einzig der erste Theil des ersten, welcher, die in den lessten Jahren viel discutirte Frage der Bererbung durch Berstuemmelungen erworbener Defecte betreffend, in eine wissenschaftliche Fachzeitschrift gehoert. Ich hatte einen Fall einer solchen Vererbung in Bonn in Erfahrung gebracht und Darwin mitgetheilt. Dieser eroerterte ihn

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und schloss damit, die Thatsache sei ohne Zweisel sehr wichtig fuer jede Theorie der Vererbung.

Im Uebrigen hat dieser Brief folgenden Wortlaut:

Down. Bromley. Kent.
[31. Maerz 1868.]

Werther Herr!

Ich danke Ihnen sehr ausrichtig fuer Ihren sehr interessanten Brief … Ich bin ersreut zu hoeren, dass Sie die Lehre von der Abaenderung der Species aufrecht halten und meine Ansichten vertheidigen. Die Unterstuessung, welche ich von Deutschland erhalte, ist der Hauptgrund fuer meine Hoffnung, dass unfere Ansichten schliesslich herrschen werden. Bis zu dem gegenwaertigen Tage werde ich fortwaehrend von Schriftstellern meines eigenen Vaterlandes geschmaeht oder mit Verachtung behandelt; aber die juengeren Naturforscher sind fast alle auf meiner Seite, und frueher oder spaeter muss das Publicum Denen folgen, welche den Gegenstand zu ihrem Specialstudium machen. Der Zorn und die Verachtung unwissender Schriftsteller verlessen mich sehr wenig.

Mit aufrichtigem Dank fuer Ihre Freundlichkeit verbleibe ich, werther Herr,

Ihr sehr ergebener
Charles Darwin.

Die von Jahr zu Jahr wachsende Zustimmung, welche Darwin's Lehren in Deutschland fanden, gewaehrte ihm grosse Befriedigung. Am 2. Mai 1882 kurz nach seinem Tode — er starb am 19. April — schrieb mir sein Sohn Francis, er habe stets „ein warmes Gefuehl der Dankbarkeit denjenigen deutschen Naturforschern gegenueber empfunden, welche so entschieden fuer ihn eintraten".

Zu diesen habe ich mich seit 1861 gezaehlt, mich aber Darwin zu dem lebhaftesten Dank verpflichtet gefuehlt fuer die Anregung, die ich durch seine Werke empfing. Ich hielt damals (1868) an der Universitaet Bonn Vorlesungen ueber die Darwin'sche Theorie, welche ausserordentlich stark besucht waren. Der groesste Hoersaal reichte kaum aus, die Zuhoerer aus allen Facultaeten zu fassen. Unter denselben erschienen sogar einige Professoren regelmaessig. Darwin, von dem hierdurch bekundeten Interesse an seiner Lehre in Kenntniss gesesst, geht deshalb im folgenden Briefe in seiner Bescheidenheit viel zu weit. Es waren die Neuheit des Gegenstandes und sein Name, welche so Viele anzogen, nicht der Vortrag eines unbekannten jungen Privatdocenten. Auch zog Manchen die Neugier hin. Denn damals wurden die von Darwin entdeckten Wahrheiten von sehr Vielen verspottet, laecherlich gemacht, als schaedlich bezeichnet. Wenn ich ein menig dazu beigetragen habe, ihnen zum Siege zu verhelfen, so ist es vielleicht weniger durch ihre Verwerthung und Weiterfuehrung in der Physiologie in meinen Arbeiten und denen meiner Schueler, als durch die empirische Beweisfuehrung in meinen seit fechsundzwanzig Jahren an den Universitaeten zu Bonn, Jena und Berlin gehaltenen Vorlesungen erreicht worden. Der Brief lautet:

Down. Bromley. Kent. S. E.
29. Maerz 1869.

Werther Herr!

Ich danke Ihnen ausrichtig fuer Ihren sehr verbindlichen Brief und das Geschenk Ihrer beiden Abhandlungen. Es ist fuer mich in hohem Masse befriedigend, von dem grossen Ersolge Ihrer Vorlesungen [ueber Darwinismus] zu hoeren, obwohl ich beneselben Ihrer Kraft als Redner zufchreiben muss. Ungluecklicher Weife bin ich ein sehr schwacher

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Kenner des Deutschen und habe bis jezst nicht Zeit gehabt (werde jedoch sicherlich bald Zeit finden), Ihre Abhandlung zu lefen, mit Ausnahme der beiden Anmerkungen.

Haette ich von den Mammae erraticea gewusst, so wuerde ich nicht die Vermuthung in Betreff des Rueckschlages gewagt haben.

In Bezug auf den Ausdruck struggle for existence habe ich immer einige Zweifel gehegt, war jedoch nicht im Stande, irgend eine bestimmte Grenzlinie zwischen die beiden darin eingeschlossenen Vorstellungen zu ziehen. Ich vermuthe, dass der deutsche Ausdruck „Kampf" u. s. w. nicht ganz dieselbe Vorstellung wiedergibt.

Die Worte struggle for existence druecken, denke ich, genau das aus, was Concurrenz besagt. Es ist correct, im Englischen zu sagen, dass zwei Maenner um das Dasein kaempfen, welche nach derselben Nahrung waehrend einer Hungersnoth jagen moegen und gleicher Weise, wenn ein einzelner Mann nach Nahrung jagt; oder wiederum kann gesagt werden, dass ein Mann um das Dasein gegen die Wogen des Meeres kaempft, wenn er Schiffbruch gelitten hat. —

Ich habe bis jesst niemals ein Verzeichniss aller meiner Werke entworfen, Ihr Brief hat mich bewogen, es zu thun. Ich fende nun eine Abschrift, obwohl sie mehr Einzelheiten gibt, als Sie moeglicher Weise brauchen.

Es ist Sitte in unferen wissenschaftlichen Gesellschaften, Auszuege zu veroeffentlichen, ehe die vollstaendigen Abhandlungen erscheinn; aber ich habe es nicht der Muehe werth erachtet, sie aufzustoebern. Ihre Nummer 12 ist wahrscheinlich eine Uebersessung eines solchen Auszuges oder vielleicht von Auszuegen einiger meiner Briefe. Ihre Nummer 18 ist, vermuthe, ich, ein Auszug aus meinem Reifetagebuch.

Waehrend ich nach der Abhandlung, die Sie brauchen, fuchte, fand ich einige andere unbedeutende Auffaesse, die ich Ihnen mit dieser Post fende.

Ich gratulire Ihnen zu Ihrer Wahl zum Professor und verbleibe mit sehr aufrichtigem Dank fuer Ihr freundliches Interesse an mir, werther Herr

Ihr sehr ergebener
Charles Darwin

P. S. Im Verlaufe von ein bis zwei Monaten wird eine neue verbesserte Auflage meines Ursprunges der Arten erscheinen, und es wird mir grosses Vergnuegen machen, Ihnen ein Exemplar zu fenden. —

Erlauben Sie mir, Ihnen fuer die grosse Freundlichkeit der Frau Preyer zu danken, welche meine Tochter besuchte.

Die beiden hier erwaehnten Anmerkungen findet man in meiner kleinen Schrift ueber den Kampf um das Dasein, welche zuerft im Fruehiahr 1869 in Bonn erschien (zulesst „Aus Natur- und Menschenleben". Berlin 1885). Die eine betrifft die Erklaerung des Vorkommens ueberzaehliger Brueste, die andere die Begrenzung des durch das Darwin'sche Schlagwort „Kampf um das Dasein" bezeichneten Begriffs.

Ich hatte hervorgehoben, dass es sich bei Anwendung des Selections-Princips auf die Geftaltung der lebenden Natur immer nur um einen Wettkampf, um einen echten Wettbewerb handeln kann, und in einem 1879 in Breslau erschienenen Vortrage (vom Herbst 1878) ueber „Die Concurrenz in der Natur", wo ich zum ersten Male die Wichtigkeit des Wettkampfs der Theile im Organismus betonte und vom Wettkampf der Zellen untereinander, der Gewebe untereinander, der Organe untereinander sprach (auch „Naturwissenschaftliche Thatsachen und Probleme". Berlin 1880. S. 90), die naechfte Folge der Concurrenz als eine grosse Mannigfaltigkeit von Compromissen bezeichnet. Es fehlt ein passendes deutsches Wort fuer diese. Auch fehlt es noch an einer Theorie der Naturconcurrenz und der Naturcompromisse. Ich habe zwar in Universitaets-

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vorlesungen ueber allgemeine und vergleichende Physiologie, auch in solchen ueber „Die Lehre vom Kampfe um das Dasein", namentlich diese physiologische Bedeutung des Concurrenzprincips darzulegen mich bemueht, aber es laesst sich zur Zeit der Inhalt desselben nach seinen verschiedenen Seiten nicht streng abgrenzen.

Indessen hat Professor W. Roux, einer meiner begabteften Zuhoerer, in seiner Schrift ueber den Kampf der Theile im Organismus (1881) selbstaendig neue Beitraege, namentlich mit Ruecksicht auf die functionelle Unpassung geliefert. Darwin nannte dieses Buch das wichtigste, welches seit einiger Zeit auf dem Gebiete der Entwicklungslehre erschienen sei . —

Das dem Briefe beigelegte Berzeichniss Darwin'scher Schriften war unvollstaendig. Einige, die er selbst nicht mit aufgezaehlt hat, sind in dem Kataloge wissenschaftlicher. Abhandlungen der Londoner Royal Society genannt, aber auch diese Liste ist unvollstaendig. Ein besseres Berzeichniss brachte die Darwinistische Zeitschrift „Kosmos" 1879. In dem von Francis Darwin herausgegebenen, von Carus uebersessten dreibaendigen Werke „Darwin's Leben und Briefe"1), ist es bis zum Todesjahr fortgefuehrt zu finden, und damit sind die in diesem Briefe erwaehnten einzelnen Nummern des ersten Entwurfes zur Erledigung gekommen.

Um aber ueber Darwin selbst mehr, als in seinen Werken zu finden ist, zu erfahren, und behufs Gewinnung sicherer biographischer Daten hatte ich (1869) einen Fragebogen an ihn gesendet und ihn gebeten, einige von den vielen, ihn betreffenden Fragen besselben zu beantworten. Die Fragen sind hier abgedruckt, und zwar mit Untworten, welche theils von ihm selbst, theils von seiner Gemahlin geschrieben sind , daher die wechfelnbe Bezeichnung in der ersten und dritten Person.

Fragen? Darwin's Antworten.
Seines Vaters Vater? Dr. Erasmus Darwin, Berfasser der „Zoonomie".
Seiner Mutter Vater? Jofiah Wedgwood.
Sein Vater? Dr. Robert Darwin, Arzt.
Geboren wann? wo?
Gestorben wann? Starb 1848 zu Shrewsbury.
Brueder und Schwestern des Herrn Charles Darwin? Bier Schmestern und ein Bruder.
Charles Darwin geboren wo? Zu Shrewsbury.
Wann? (Tag, Monat, Iahr.) Am 12. Februar 1809.
Erziehung im Elternhaus, wo?
Wie lange?
In der Schule wo? In der Schule zu Shrewsbury.
Wie lange? Sieben Jahre lang.
Einfluss der Eltern:
Einfluss der Lehrer:
Einfluss aeusserer Umstaende:
Die Schulferien wo verbracht? Zu Hause? Zu Hause.
Gesundheit, Kraft: Gute Gesundheit.

1) 1888, Bb, LVII, S. 231 ff.

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Universitaet. Welche Universitaeten: Edinburg 1825, zwei Jahre lang.
Studienanfang wann?
Gehoerte Vorlesungen: Von da nach Cambridge, wo er im Jahre 1831 sein Examen machte.
Namen der Universitaetsprofessoren (in Cambridge, Edinburg u. s. w.), welche Einfluss auf ihn hatten? Der Red. Professor Henslow, Professor der Botanik, war von grossem Einfluss auf meine Neigung zur Naturwissenschaft, so dass ich mich fuer diese entschied.
Lieblingsstudien an der Universitaet?- Seine [wissenschaftliche] Erziehung begann in Wirklichkeit erst, als er an Bord des Beagle war.
Ende der Universitaetsstudien wann? Pruefungen:
Baccalaureus Artium (B.A.) wann? wo? 1831 zu Cambridge.
Magister Artium (M.A.) wann? wo? Ich habe das Datum vergessen.
Die Reise um die Erde vom 27. December 1831 bis zum 2. October 1836? Veroeffentlicht 1839.
Wie er dazu kam, Naturforscher der Expedition zu werden? Der Capitaen Fiss Roy erbot sich, einen Theil seiner Cajuete irgend einem Naturforscher zu ueberlassen, welcher I. M. Schiff „Beagle" bei einer Erdumsegelung behuss Kuestenausnahmen begleiten wollte. Herr Darwin stellte sich freiwillig ohne Gehaltsansprueche zur Versuegung, jedoch unter der Bedingung, dass er die vollstaendige sreie Verfuegung ueber seine Sammlungen behielte.
Heimkehr? Leben in London? Wie lange? Drei Jahre.
Wissenschastliche Thaetigkeit: Ehrensecretaer der Geologischen Gesellschaft.
Verheirathung wann? Wo? 1839 in Staffordshire mit Fraeulein E. Wedgmood, seiner Coufine.
Wie viele Kinder? Soehne? Toechter? Fuenf Soehne und zwei Toechter.
Das Leben in Down beginnt wann? 1842.
Gesundheit des Herrn Darwin? Gesundheit schlecht seit 1840.
Beschreibung des Grundbesisses:
Beschreibung der Physiognomie (ein Photogramm vorzuziehen): [Photogramm].
Verzeichniss der Titel des Herrn Darwin:
1. Ehrendoctor der Medicin und Chirurgie der Universitaet Bonn am 3. August 1868.
2. Orden pour le mérite, wann? 1867.
Wissenschaftliche Koerperschaften:
a) Mitglied der koeniglichen Gesellschaft zu London. Wann? Erhielt die Royal Medal 1853, die Copley Medal 1864 von der Royal Society zu London; die Wollaston Medal wurde mir von der Geologischen Gesellschaft zu London verliehen.
b) Mitglied der Linné'schen Gesellschaft zu London. Wann?
c) Mitglied der Geologischen Gesellschaft zu London. Wann?
d) „Darwin, Charles, Esq., M.A., F. G. S. F. L. S., F. R. S. E. Acadd. Reg. Sci. Berol. et Holm., Soc. Reg. Sci. Upsal., Acad. Caes. Nat.-Cur. Dresd. Soc. Sci. Neoc. et Acad. Nat. Sci.

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Philad. Soc. Honor. Down, Beckenham, Kent." Auch St. Petersburg, Edinburg und Dublin und ich glaube einige andere, aber ich habe kein Verzeichniss.

Am Schlusse des Fragebogens war fuer weitere Titel (d) Raum freigelassen. Heir findet sich ein dem gedruckten Mitgliederverzeichniss der Londoner Royal Society entnommener Ausschnitt, und dieser nennt eine Reihe von Akademien, deren Mitglied oder Ehrenmitglied Darwin war, in lateinischen Abkuerzungen. Die darunter sehr eilig eigenhaendig geschriebenen Worte „und i ch glaube einige andere, aber ich habe kein Verzeichniss" sind charakteristisch.

Was Viele, besonders in Frankreich, als hoechstes Ziel lebenslanger wissenschaftlicher Arbeit mit Anspannung aller Kraefte erstreben, Akademiker zu werden, fiel Darwin zu, ohne dass er nur daran dachte. Ex konnte nicht angeben, welchen Akademien er angehoerte. Sein Sohn hat spaeter ein Berzeichniss der anderen gelehrten Koerperschaften, die ihn zum Mitgliede erwaehlt hatten, veroeffentlicht. Es sind im Ganzen dreiundsiebzig. Das Berzeichniss, nach den im Nachlass vorgefundenen Diplomen und Brifen zusammengestellt, ist jedoch, wie er bemerkt, ohne Zweifel unvollstaendig; einige der Zuschriften von auslaendischen Societaeten scheinen verloren gegangen oder verlegt worden zu sein. England ist darin mit fast ebensoviel Corporationen wie ganz Amerika vertreten (vierzehn und dreizehn), Deutschland mit ebenso viel (elf) wie ganz Asien, Australien, Russland, Daenemark, Portugal, Spanien und die Schweiz zusammen, Italien mit sechs, Oesterreich-Ungarn mit fuenf, Frankreich und Holland mit je vier, Belgien mit drei, Schweden mit zwei. Der Oxforder Ehrendoctor fehlt in der Liste, welche deutlich erkennen laesst, dass Deutschland und Nordamerika die meisten Anhaenger Darwin's zaehlen.

Die hoechste wissenschaftliche Auszeichnung, welche sein Vaterland ueberhaupt einem einzelnen Forscher verleihen kann, die Zuerkennung der Copley-Medaille, scheint Darwin hoeher gestellt zu haben, als die Wahl zum Ritter des Ordens pour le mérite, des einzigen von ihm jemals erhaltenen Ordens, dessen Insignien er aber nie anlegte. Er kannte offenbar nicht die Tragweite dieser Auszeichnung, welche in Bezug auf ihn eine besondere Bedeutung hat. Denn nach stattgehabter Wahl konnte Koenig Wilhelm I. sehr wohl die Bestaetigung versagen oder verzoegern. Er gab sie aber bereits 1867, also zu einer Zeit, als in Deutschland die Erkenntniss, dass im Darwinismus die maechtigfte theoretische Stuesse aristokratischer Grundsaesse, namentlich des Erbadels, gegeben ist — durch das conservative Princip von der Erhaltung der Bevorzugten und das Gesess von der cumulativen Vererbung persoenlicher Vorzuege — ganz vereinzelt war. Haette der Koenig die Bestaetigung verweigert, so muerden Viele sich kaum so sehr gewundert haben, wie sie sich ueber die officielle Anerkennung der vorher sast allgemein verkannten, unterschaessten und anfangs missachteten Reformarbeiten Darwin's gefreut haben. Wilhelm I. zeigte auch in diesem Falle eine hervorragende Begabung, Echtes von Unechtem zu unterscheiden und uebertraf hierin namentlich die Pariser Akademie der Wissenschaften, welche wiber-

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strebend nach langen Streitigkeiten erst 1878 Darwin zum correspondirenden Mitgliede ihrer „botanischen" Section erwaehlte.- Sogar die Britische Regierung stellte er in Schatten; denn diese hat Darwin keine einzige Ehre zu seinen Lebzeiten erwiesen. Als er aber gestorben war, ertoente sogleich in ganz Grossbritannien ueberall gleichzeitig der Ruf, die lesste Ruhestaette muesse ihm unter den Heroen seines Landes in der Westminster-Abtei bereitet werden. Das Organ der oeffentlichen Meinung in England, die „Times", stellte daemals interessante Betrachtungen darueber an. An hervorragender Stelle heisst es unter Anderem:

„Nach Westminster!" hoert man jedesmal, wenn ein sehr beruehmter. Englaender stirbt. Sei er ein Dichter oder Staatsmann, sei er ein Gelehrter oder Feldherr, seine Bewunderer vergleichen ihn mit den grossen Todten zu Westminster und bestehen darauf, dass seine Leistungen denen Jener gleichkommen. Eine Beisessung daselbst ist fast zu einem Masse der grossen Thaten grosser Maenner geworden. Manchmal ist aber das Verlangen nach ihr weniger ein Abschluss der im Leben erwiesenen Ehrungen, als ein Zeichen von Reue ueber die Spaerlichkeit der lessteren. Eine Generation bezeugt dann ihre verspaetete Entdeckung, dass sie einen Propheten in ihrer Mitte hatte, durch selbstanklaegerischen Glanz der Beisessungsfeierlichkeiten. Denn die Massen wuenschen zu Westminster die irdischen Reste eines Lieblingshelden in einem aehnlichen Gefuehl zu bewahren wie in einer katholischen Kirche die Reliquien eines Heiligen. Dem Instinct des Volkes ist der Tod nicht voelliger Tod, wenn der Koerper des Genies oder Kriegers im nationalen Sanctuarium aufgebahrt wird. Als Darwin starb, waren aber solche Beweggruende weniger massgebend. Seine Juenger wussten, dass sie einen Vergleich nicht erst zu fordern, seinen Ruhm nicht zu verkuenden brauchten, da alle Laender der Erde in seiner Lobpreifung einig waren. Es hatte freilich eine Zeit gegeben, da Gegner, auch Gegner von Schluessen, die sie selbst aus seinen leidenschaftslosen. Sammlungen von Thatsachen zogen, seinen vorzeitigen Tod als einen Anreiz empfunden haben wuerden, grundlose Angriffe durch eine pompoese Beerdigung zu compensiten.

Jene Zeit war aber „nicht laengst vorueber", wie der Englische Nekrolog ein wenig beschoenigend sagt. Darwin und seine Lehren hatten zwar fast alle persoenlichen Anseindungen schliesslich ueberdauert, die Verehrung seiner Persoenlichkeit aber wuchs langsam; sie wuchs in dem Masse, wie seine ihn missverftehenden Veraechter, einer nach dem anderen, schwiegen, ohne dass er jemals auch nur einen mit einem Worte einer Antwort gewuerdigt haette. An diese Verehrung will die Britische Nation durch das Grab in ihrem Campo Santo erinnert sein. Der einfache Stein neben dem, welcher den Namen John Herschel traegt, nahe dem Newton geweihten Denkmal, ist ein Denkstein zur Erinnerung an Darwin's Leben nicht weniger, sondern vielleicht mehr, als an seine Werke. Seine Laufbahn bietet der Neugier so wenig wie der seindseligkeit. Er beobachtete und dachte, und seine Gedanken sind substanciirt wesenhaft geblieben, nicht seine Erlebnisse. Die Epheuranke, der Wurm in der Erde ebenso wie die steilen Gipfel der Cordilleren und die oceanischen Koralleninseln und wiederum auch das Mienenspiel des Kindes und des Mannes sind Traeger seiner Ideen, sprechen zum Forscher in seiner Sprache. Im Voraus ist schon deren wissenschaftliche Untersuchung gleichsam mit dem Stempel seiner genetischen Methode versehen. Alle Biologen huldigen ihm. Eher verwittern seine Monumente, als seine Methode vergessen wird.

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Dennoch hat es Viele befremdet, dass Darwin in der Westminster-Abtei beerdigt wurde. Mancher goennte ihm nicht die allerdings ueberaus sei erliche Beisessung, und warum nicht? Die Mehrheit kann wahre Groesse nicht verstehen, so lange sie ihr ganz nahe ist. Am Jusse des Bergriesen sieht man nicht, wie hoch die Spisse emporragt ueber die Nachbarspissen. Erst in der Entfernung und von diesen aus zeigt sich der Unterschied deutlich.

Aber die, welche Darwin das lesste Geleit gaben, grossentheils selbst Koryphaeen und einzelne von ihnen ihm congenial, hatten seinen Werth erkannt. Einige moegen hier namhaft gemacht sein, damit Anhaenger wie Gegner erfahren, wer sich zu seinen Jreunden und Verehrern Zaehlte und oeffentlich der Achtung vor ihm Ausdruck gab.

Das Veichentuch hielten maehrend der Procession der Herzog von Devonshire, der Herzog von Argyll, der Earl von Derby, der amerikanische Gesandte J. Russel Lowell, der Vorsissende der Royal Society Spottismoode, der grosse Botaniker Sir Joseph Hooker, der Mitentdecker Alfred Russell Wallace, der grosse Biologe Thomas Huxley, Sir John Lubbock und der Domprediger Farrar. Zugegen waren bei der Einsegnung unter vielen anderen angesehenen Persoenlichkeiten: der jessige, Ministerpraesident Marquis von Salisbury, Lord Aberdeen, Sir Charles Dilke, Lord Kensington, Sir Stafford Northcote, Lord Arthur Russell, Professor Max Mueller, Sir William Thomson, Herbert Spencer, der Sprecher des Unterhauses Childers, Sir Henry Holland, W. C. H. Lecky, E. B. Tylor, Francis Galton, Allen Thomson, Lord Spencer als Vertreter der Ministerien, Viscount Sherbrooke, Sir William Jenner, Dr. Siemens, Sir William Gull, der Lord-Mayor von London, ausserdem sehr viele Parlamentsmitglieder, Professoren und Diplomaten. Die Botschaften, bezueglich Gesandtschaften von Deutschland, Amerika, Italien, Frankreich, Russland und Spanien waren vertreten desgleichen hatten die Universitaeten von Cambridge, Oxford, Aberdeen, Glasgow, Edinburg, St. Andrews und Dublin ihre Abgeordneten entsendet, die ersten wissenschaftlichen Koerperschaften ihre Vorstaende.

Ehe ein folches Leichenbegaengniss wiederkehrt, wo freiwillig Herzoege, Peers, Naturforscher, Parlamentarier, Hofprediger, Gesandte und Staatsbeamte ersten Ranges einem bescheidenen Privatmann die lessten Ehren erweisen, kann wohl cin Jahrhundert vergehen. Jeder fuehlte, dass der Todte der Juerst war, welcher mehr Menschen sich durch seines Geistes Siege unterwarf und die Denkweise der kuenftigen Generationen mehr bestimmte, als irgend ein Anderer.

Namentlich die ihn, so lange er lebte, in kurzsichtiger Verblendung unoerstaendig und unwuerdig heftig angegriffen hatten, die englischen Geiftlichen, wetteiferten schon wenige Tage nach seinem Tode, seinen edeln Charakter von der Kanzel aus zu ruehmen und fuchten seine Weltanschauung mit den alten ueberlieferten Lehren in Einklang zu bringen.

Es ist bezeichnend, dass an der Spisse des Comités, welches die Errichtung des im Kenfington-Museum befindlichen Denkmals, die Herftellung des Bronze-Medaillons in der Westminster-Kirche und die von der Royal Society verwaltete Darwin-Stiftung veranlasste, neben dem Herzog von Albany, den Botschaftern von Deutschland, Italien und Frankreich, dem Amerikanischen, sowie dem Schwedischen Gefandten, der Erzbischof von York, der Bifchof von London, die Decane von Westminster, von St. Paul und von der Christchurch standen.

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Zwanzig Jahre frueher, ja nur ein Jahrzehnt frueher haetten die hoechsten Wuerdentraeger der Anglicanischen Kirche zu einem solchen Schritte sich nicht entschlossen.

Da eine wohlwollende Beurtheilung Darwin's und seiner Lehren seitens der Theologen in England vor seinem Hinscheiden sehr selten war, so moege Einiges von dem der Vergessenheit entrissen werden, was drei Domprediger wenige Tage nach demselben in London oeffentlich sagten.

Der Domprediger Liddon sprach in der St. Paul's-Kathebrale zu einer zahlreich versammelten Gemeinde von dem eminenten Manne, dessen Tod ein Ereigniss von europaeischer Bedeutung sei; denn seine Werke haetten eine Art Umwaelzung in der Anschauungsweise auf einem grossen Gebiete des Denkens hervorgerufen und anerkanntermassen englischer Wissenschaft sehr viel Auszeichnung eingetragen. Der Redner gab zu, dass, als Darwin's Buecher ueber den Ursprung der Arten und ueber die Abstammung des Menschen zuerst erschienen, die in ihnen dargelegte Theorie von religioesen Maennern weit und breit als nothwendig fundamentalen Wahrheiten der Religion entgegengesesst angesehen wurde. Ein eingehenderes Studium habe jeden derartigen Eindruck wesentlich abgeaendert. Man sehe ein, dass, ob Gottes schaffende Thaetigkeit durch Katastrophen, wie die Rebeweise lautet, oder in fortschreitender Entwicklung sich aeussert, es doch immer seine schaffende Thaetigkeit ist und die wirklich grossen Fragen darueber hinaus unberuehrt bleiben. Der Entwicklungsprocess, angenommen er existire, muesse einen Anfang gehabt haben. Wer begann ihn? Er muss Material gehabt haben, um damit zu arbeiten. Wer lieferte es? Er ist selbst ein Gesess oder ein System von Gesessen. Wer ordnete sie an? Selbst wenn man vorausfesst, dass die Theorie absolute Wahrheit darstellt, und nicht nur eine vorlaeufige Art, die Dinge entsprechend, dem gegenwaertigen Stande des Wissens anzusehen ist, sind jene grossen Fragen durch die Naturwissenschaft jesst ebenso wenig zu entscheiden, als sie es waren, da Moses den Pentateuch schrieb. Aber es gibt, wie es scheint, drei wichtige Luecken in der Entwicklungsreihe, welche man gut thut, sich gegenwaertig zu halten. Da ist die grosse Kluft zwischen dem hoechsten Thierinstinct und dem ueberlegenden, sich selbst messenden, sich selbst zergliedernden Denken des Menschen. Da ist die groessere Kluft zwischen dem Lebenden und dem am hoechsten organisirten Stoff. Da ist die groesste Kluft von allen zwischen der Materie und dem Nichts. An diesen drei Punkten muss, so weit wir sehen koennen, der schoepferische Wille auf anderem Wege als auf dem der Entwicklung aus vorhandenem Material eingegriffen haben, um den Geist zu schaffen, das Leben zu schaffen, die Materie zu schaffen. Aber ohne alle Frage liegt es uns ob in der Wissenschaft wie in anderen Dingen, jeden klar festgestellten Befund der Sinne zu respectiren; denn jeder derartige Befund stellt eine Thatsache vor, und eine Thatsache ist geheiligt, da sie ihren Plass in dem Tempel der allgemeinen Wahrheit hat. Darwin's Groesse ist nicht am wenigsten ersichtlich in der Geduld und Sorgfalt, mit der er kleine einzelne Thatsachen ebenso wie Gruppen von Thatsachen ermittelte und registrirte. Wer, der sein Buch ueber den Regenwurm gelesen hat, koennte seine Versuche vergessen, durch welche er sich vornahm, zu entdecken, ob ein Wurm hoeren kann? Aber eine Thatsache ist Eines, waehrend Theorien, Hypothesen, Doctrinen — wie die der Entwicklung selbst — von genialen Maennern erdacht, so dass sie Thatsachen einschliessen oder davon Rechenschaft geben, elwas ganz Anderes sind . Diese Theorien koennen wahr oder nicht wahr sein, auch wenn sie glaenzen und imponiren; sie koennen eine Generation oder ein Jahrhundert hindurch Alles vor sich her tragen in der Welt der Gedanken. Indessen die Wissenschaft kennt keine Begrenzung, und waehrend Theorien voruebergehen und vergessen werden, bleiben die Thatsachen.

Der Domprediger Prothero predigte in der Westminsterabtei an demselben Nachmittage gegen die Bigotterie und den Aberglauben und ruehmte Darwin's reine und ernste Liebe zur Wahrheit und seinen geduldigen Fleiss bei ihrer Erforschung. Er, der groesste Mann der Wissenschaft seiner Zeit, hatte ein liebenswuerdiges und sanftes

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Gemueth; ihm waren Stolz aus seinen Verstand und Anmassung so gaenzlich fremd, dass er mit der aeussersten Bescheidenheit Meinungen ueber die Wahrheit, von der er selbst ueberzeugt war, ausfprach, welche aber, wie er wohl wusste, nicht allgemein angenehm oder annehmbar war. Sicherlich lebte in einem folchen Manne jene Barmherzigkeit, welche das innerste Wesen des wahren christlichen Geistes ausmacht.

Am Abende eben dieses Tages hielt auch der Domprediger Barry, gleichfalls in der Westminster-Abtei, eine Predigt, in welcher er von Darwin sprach, als einem Fuehrer im wissenschaftlichen Denken. Er hob hervor, dass die fruchtbare Lehre von der Entwicklung, mit der sein Name fuer immer verknuepft bleiben werde, sich mindestens ebenso leicht mit dem alten Worte Gottes wie mit moderneren, aber weniger vollstaendigen Erklaerungen des Universums vertrage; das Princip der Selection stehe keineswegs im Gegenfass zur christlichen Religion, aber es handele sich dabei um eine unter goettlicher Intelligenz geuebte Auswahl, und diese werde bestimmt durch die geistige Tauglichkeit jedes Menschen fuer das kuenftige Leben. Dem Menschen sei das Privilegium der Willensfreiheit gewaehrt, welches ihn befaehige, ein Mitarbeiter Gottes in dem grossen Plane der Vorsehung zu sein. Im natuerlichen Leben der thierischen Welt sei der Kampf ums Dasein constantes und herrschendes Motiv, aber das geistige Leben des Menschengeschlechtes werde erfrischt und vertieft durch das Befolgen der entgegengesessten Lehre von der Selbstaufopferung, welche allen Lehren des Evangeliums zu Erunde liege.

Die milde Ausdrucksweife dieser drei hervorragenden Theologen in der Kathedrale und in der Westminsterkirche zu London am 23. April 1882 verdient ebenso Nachahmung wie ihre Anerkennung der ausserordentlichen Charaktereigenfchaften, besonders der Bescheidenheit Darwin's, welcher uebrigens niemals beansprucht hat, eine vollftaendige Theorie zu geben, und Fragen wie die nach dem Ursprung der Materie, nach dem Ursprung des Lebens, nach dem Ursprung des Geistes ueberhaupt nicht behandelte. — er meint nur, der Schoepfer habe einigen wenigen Formen Leben eingehaucht, aus denen dann die uebrigen sich entwickelten. Aber die Ermittelung der Wahrheit hat er ueber Alles geftellt. „Einen ehrlicheren Mann kann es nicht geben"; er wollte immer beobachten, vergleichen, denken, bewahrheiten, Einwaende hoeren und pruefen, das Fuer und Wider abwaegen und zuegelte stets seinen kuehnen, genialen Ideenflug durch unerbittliche Selbftkrtik.

Einen Betweis fuer seine rueckhaltlose Wahrheitsliebe, auch bezueglich seiner eigenen Versaeumnisse, liefern die folgenden eigenhaendigen, dem Fragebogen beigefuegten biographischen Notizen.

Seit meiner frueheften Jugend liebte ich es, allerlei Naturobjecte zu fammeln und die Gewohnheiten frei lebender Thiere zu beobachten. Ich war ein leidenschaftlicher Waidmann, und das machte mich sehr unfleissig. In Edinburg vernachlaessigte ich, obwohl ich die Gelegenheit dazu hatte, aus thoerichtem Ekel das Studium der Anatomie, und ich habe dieses mein ganzes Leben hindurch bereut. — Ich beobachtete zu Edinburg niedere Seethiere. In Cambridge fammelte ich energifch Kaefer und pfuschte ein wenig in die Geologie, aber ich ftudirte keinen Gegenstand wissenschaftlich, sondern nur zur Unterhaltung. Ich arbeitete nie, bis ich auf den Beagle kam, und da arbeitete ich von ganzem Herzen. C.D.

Zu Edinburg gab mir Dr. Grant, jesst Professor an der Londoner Universitaet, Anleitung, die niederen Seethiere zu fammeln und zu beobachten.

Auf Grund aller dieser aphoristischen brieflichen Mittheilungen und einer Anzahl von thatsaechlichen persoenlichen Angaben in Darwin's Reisebeschreibung.

Deutsche Rundschau. XVII, 9.

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fowie einiger anderer zuverlaessiger Nachrichten schrieb ich die erste biographische Skizze. Dieselbe war im Fruehiahr 1869 druckfextig, als Darwin sechzig Jahre alt wurde und der Sturm sich legte, welchen er zehn Jahre vorher entfesselt hatte. Schon begann hier und da die Anpassung auch orthodoxer Theologen, die Bekehrung der Biologen und der Rueckzug der leidenschaftlichsten Gegner.

Von dem lebhaften Wunsche erfuellt, richtige Angaben ueber Darwin's Leben und Arbeiten den Gebildetsten in Deutschland in knapper Darstellung mitzutheilen — denn ich war entruestet, damals aller Orten die ungerechtesten, ganz unbekannten, aber hochverehrten, seinen saemmtlichen Gegnern weit ueberlegenen Forscher, zu hoeren — fandte ich das Manuscript an die damalige leitende deutsche Monatsschrift.Ein fachwissenschaftliches Organ musste fuer diesen Auffass ausgeschlossen werden und die „Deutsche Rundfchau" existirte zu jener Zeit noch nicht. Ich nahm an, dass jene Zeitschrift die kurze wesentlich sachliche Darftellung tross der starken auf ungenuegender Kenntnissnahme beruhenden antidarwinistischen Denkart in den Kreisen der oberen Zehntausend abbrucken wuerden — war ja doch Darwin sei t zmei Jahren einer der wenigen auslaendischen Ritter des preussischen Ordens pour le mérite. Aber ich hatte die Zeitschrift ueberfchaesst. Denn der damalige Herausgeber sandte mir das Manuscript mit einem hoeflichen Schreiben vom 26. April 1869 zurueck. In diesem erklaerte er, er verkenne nicht den Werth der Notizen, dieses Knochengeruest interessanter thatsaechlicher Angaben muesse aber fuer sein Publicum mit mehr biographischem Fleisch umgeben sein; eine Biographie Darwin's wuerde fuer seine Zeitschrift sehr geeignet sein, dagegen schiene ihm die Skizze mehr in ein gelehrtes Journal, in ein naturwissenschaftliches Fachblatt, zu passen; es wuerde sich gewiss leicht ein solches finden lassen. Ein volles Jahrezehnt hatte also nicht genuegt, so musste ich aus dieser Ablehnung schliessen das Vorurtheil gegen Darwin ausserhalb der Fachkreise zu beseitigen. Die Biographie eines Lebenden zu fchreiben, lag ebensowenig in meiner Abficht, wie das Vergraben der Skizze in einer Fachzeitschrift. Ich wartete drei Vierteljahre und fandte dann das Manuscript an das „Ausland", dessen Herausgeber Oskar Peschel es zu Anfang 1870 fogleich sehr freundlich aufnahm. Es erschien aber, weil er Darwin's Bildniss im Holzschnitt beizugeben wuenschte, erst am 2. April 1870, und ich erhielt durch einen Zufall das Heft erst nach fuenf Wochen. Daher Darwin's fpaete Antwort, welche folgendermassen lautet:

Down. Beckenham. Kent. S. E.
15. Mai 1870.

Mein werther Herr!

Ich erhielt vor zwei Tagen Ihren Auffass, welcher mich in einem sehr hohen Grade befriedigt hat. Jebes Wort, das Sie fagen, ist von dem denkbar freundlichften Sinn eingegeben; aber Ihre Schaessung des Werthes meiner Arbeit muerde, so fuerchte ich, von den meisten Leuten als sehr viel zu hoch erachtet werden. Nichts so Vollstaendiges oder, so weit es sich um Thatsachen handelt, so Wahres, ist bis jesst ueber mich veroeffentlicht worden. Es finden sich eine oder zwei sehr unbedeutende Ungenauigkeiten, naemlich in Betreff meines Schiessens und Iagens in den Hochlanden. Sie geben auch unferen Strassen oder vielmehr Feldwegen ein gar zu schlechtes Ansehen;

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sie sind sehr eng und ziemlich schlecht; aber wenn Sie nach England kommen, hoffe ich, dass Sie, indem Sie mich hier befuchen, sich ueberzeugen werden, dass sie nicht unpassirbar sind.

Falls Sie irgend eine Verbindung mit Dr. Peschel haben, bitte ich, ihm meinen aufrichtigen Dank fuer sein Geschenk auszusprechen. Ich kann fehen, dass der Gegenstand aeusserst interessant ist, aber die grosse Schwierigkeit, mit der ich Deutsch lese, ist ein nie endigender Kummer fuer mich.

Sie fragen nach meinem naechsten Buch; es handelt theils von der Abstammung des Menschen, hauptsaechlich jedoch von der geschlechtlichen Zuchtwahl, welch' lesstere, wie ich gefunden habe, ein sehr grosses Gebiet umfasst.

Ich vermuthe, dass ich fpaet im Herbst zu drucken anfangen werde, aber ich schreite sehr langsam vorwaerts.

Mit herzlichem Dank fuer alle die Ehren, welche Sie auf mein Haupt gehaeuft haben, verbleibe ich, mein werther Herr,

Ihr aufrichtig ergebener
Ch. Darwin.

P. S. Ich bitte meine sehr freundlichen Gruesse meinem guten Freunde E. Haeckel zu uebermitteln.

Dass ich sagte, Darwin habe „in den schottischen Hochlanden" statt „in Schottland" gejagt und den zu seinem Landfiss in Down fuehrenden Weg einen „schlechten, oft kaum fahrbaren" nannte, statt ihn einfach einen „schlechten" zu nennen, erklaert sich durch die Unbestaendigkeit muendlicher Mittheilungen, welche nicht sogleich zu Papier gebracht werden. Ich glaubte, eine Tochter Darwin's in Bonn fo verstanden zu haben und erwaehne diese unbedeutenden Umstaende hier nur, weil sie die Wahrheitsliebe Darwin's selbst in den kleinsten Einzelheiten aufs Neue darthun, eine Art Gewaehr fuer die Richtigkeit der zahlreichen anderen Angaben bieten — es waren die einzigen Ungenauigkeiten der Skizze — und weil ein damals und spaeter verbreitetes Geruecht durch die Berichtigung der zweiten. widerlegt wird, als wenn Darwin absichtlich sich in eine Gegend zurueckgezogen habe, wohin kaum fahrbare Wege fuehren, um nicht durch haeufigen Besuch bei sienen Arbeiten geftoert zu werden. Es ist laengst bekannt, dass haeufige Befuche ihm hoechst erfreulich gewesen sind und er selbst, fomeit sein Gesundheitszustand es erlaubte, der liebenswuerdigste und gastfreiste Wirth war. Zusammen mit dem „Ausland" hatte ich auf Peschel's Wunsch dessen eben erschienenes Buch „Neue Probleme der vergleichenden Erdkunde als Versuch einer Morphologie der Erdoberflaeche" Darwin zugesandt. Waere diese Schrift des eminenten Geographen in englischer Sprache erschienen, dann wuerde sie ohne Zweifel Darwin stark in Anspruch genommen haben. Er hat noch, als ich im Auguft 1880 mit ihm in Cambridge eine Unterredung hatte, und von den Fortschritten des Darwinismus in Deutschland sprach, versichert, dass die grosse Schwierigkeit, mit der er deutsche Abhandlungen selbst lese, fuer ihn um so schmerzlicher sei, als allerdings in Deutschland die groesste Anzahl von Originalunterfuchungen gerade auf den von ihm bevorzugten Gebieten im Gange sei, worueber er sich freute. Dieselben einzeln kennen zu lernen, blieb ihm aber in einem noch groesseren Umfange versagt, als man in Deutschland annahm. Ich hatte von einigen der beften und bekanntesten Specialarbeiten gesprochen und war ueberrascht, dass er sie nicht einmal dem Namen nach kannte. Die Nachtheile, welche dem beutschen Naturforscher durch Unkenntniss des Englischen und Franzoesischen einerfeits, dem

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Englaender und Franzosen durch Unkenntniss des Deutschen andererseits erwachsen, sind so gross, dass jeder noch vor Beendigung seiner Universitaetszeit sich angelegen sein lassen sollte, wenigstens so viel zu lernen, als zum Verstaendniss wissenschaftlicher Abhandlungen nothwendig ist. Viele englische Gelehrte kennen deutsche Buecher nur aus franzoesischen Uebersessungen. Aber die wenigsten deutschen Studenten verstehen Englisch und die meisten nicht genuegend Franzoefisch. Darwin haette eine bessere Kenntniss des Deutschen eine ausserordentliche Erleichterung beim Arbeiten gewaehrt, was er sehr wohl fuehlte.

In der etwas ausfuehrlicheren, anlaesslich der sei er seines siebzigsten Geburtstages in der Zeitschrift „Kosmos" erschienenen biographischen Slizze sind auch die in dem folgenden Briefe enthaltenen Erinnerungen Darwin's verwerthet, welche zeitlich dem lessten Brief vorangehen, aber fuer das „Ausland" zu spaet kamen, uebrigens zum Theil die frueheren Angaben lediglich wiederholen oder bestaetigen.

Down. Beckenham, Kent.
S. E. 17. Februar 1870.

Mein werther Herr!

Ich bin Ihnen sehr verbunden fuer Ihren ueberaus freundlichen Brief und fuer Ihre verschiedenen Geschenke. Obwohl Ihre Schaessung meiner Arbeit sicherlich zu hoch ist, so ist sie doch ermuthigend fuer mich, besonders da ich gestern zwei soeben in England veroeffentlichte Pamphlete las, in denen jebe Form von Schmaehung auf mich gehaeust wird. Ich werde z. B. ein „kothiger Traeumer" genannt.

Sie scheinen praechtige Arbeit in der Physiologie zu thun, der nobelsten unter den Wissenschaften, wofuer ich sie laengst gehalten habe. Was Sie von den Verschiedenheiten der Blutskrystalle sagen, ist wahrhaft erstaunlich. Ich interessire mich auch sehr fuer das, was Sie von der verschiedenen Wirkung der Blausaeure auf verschiedene Individuen derselben Art sagen; ich enksinne mich, vor einigen Jahren vergeblich auf Information ueber diese Frage gewartet zu haben. Ich meine, sie entstand durch die Beobachtung, wie verschieden schnell (ob wegen der Frequenz der Athmung oder wegen directer Wirkung des Giftes, konnte ich nicht ermitteln) der Dampf auf verschiedene Infecten wirkte. Ich erinnere mich, dass Bienen sofort starben, aber es war (meine ich) ein zu den Longicorniern gehoeriger Kaefer [Bodkaefer], welcher der Wirkung erstaunlich lange Zeit widerstand.

R. W. Darwin ist mein Vater, aber ich glaube, er wurde bei Abfassung seiner Abhandlung zur Optik von seinem Vater Erasmus Darwin erheblich unterstuesst.

Ich habe wirklich nichts von Interesse ueber mich selbst zu fagen; da Sie es abet wuenschen, will ich, was mir gerade einsaellt, hinkrisseln. Ich hatte keinen Vortheil von den Vorlesungen zu Edinburg, denn sie waren unendlich tiuebselig und heilten mich von irgend welcher Liebhaberei an der Geologie fuer die Dauer von drei Jahren. Dr. Grant war nicht Professor, aber or arbeitete zoologisch aus reiner Liebe zur Sache, und seine Gesellschaft war eine grosse Ermuthigung. Ich pflegte mich damit zu unterhalten, Seethiere zu untersuchen, aber ich that es ausschliesslich zur Unterhaltung.

Ich gloube, ich war der erste Mensch, der je den frueheften beweglichen Zustand einer Bryozoe [Mooskoralle] sah: ich zeigte ihn Grant, welcher davon in einer Sissung der Werner'schen naturhistorischen Gesellschaft. Mittheilung machte, und diese kleine Entdeckung war damals eine neue Ermuthigung. — Die Anatomie ekelte mich an, und ich besuchte nur zwei oder drei Vorlesungen, und dieses ist seitdem stets ein unersesslicher Verlust fuer mich gewesen. —

Als ich nach Cambridge ging, wurde ich ein hoechst enthusiastischer Kaefersammler; aber wiederum nur zur Unterhaltung. Wenn mir irgend Iemand den Ramen eines

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Kaefers fagte, meinte ich, ich wuesste Alles, was irgend Iemand verlangen koenne; und ich glaube, ich habe niemals die Fresswerkzeuge irgend eines Infects auch nur angesehen! Doch arbeitete ich wie ein Sklave beim Sammeln.

Henslow's Gesellschaft hatte einen grossen Reiz und Vortheil fuer mich, und seine Borlefungen ueber Botanik gefielen mir sehr.

Meine ganze Iugend hindurch war ich verfessen auf Sammeln. Mineralien, Muscheln, Pflanzen, Bogelbaelge haben alle ihre Zeiten gehabt.

Gegen Ende meines Anfenthalts in Cambridge ueberredete mich Henslow, mit Geologie anzufangen.

Ich hatte immer schr gern die Gewohnheiten der Voegel beobachtet, und White's Naturgeschichte von Selborne hatte dadurch viel Einfluss auf meine Gedankenrichtung. Aber von allen Buechern haben Humboldt's Reisebeschreibungen bei Weitem den groessten Einfluss gehabt. Ich las grosse Ubschnitte immer wieder und wieder. —

Ich hatte es fast erreicht, eine Gesellschaft zusammenzubringen, um nach den kanarischen Inseln, zu reisen, als das Anerbieten, mit dem Beagle zu gehen, mix gemacht und von mir freudigst angenommen wurde. Ich vermuthe jedoch, dass kein Mann fchlechter vorbereitet als ich es war, ausser als blosser Sammler, je eine solche Reise angetreten hat. Ich wusste nichts von Anatomie und hatte niemals irgend ein systematisches Wert ueber Zoologie gelesen. Ich hatte nie in zusammengesesstes Mikroskop beruehrt und hatte erst vor ungefaehr fechs Monaten angefangen, mich mit Geologie zu beschaeftigen. Aber ich nahm eine Fuelle von Buechern mit und arbeitete so angerstrengt, wie ich konnte und zerlegte oberflaechlich allerlei neidere pelagische Thiere. Da fuehlte ich furchtbar den Mangel an Uebung und Kenntniss. Meine [wissenschaftliche] Erziehung begann thatsaechlich on Bord des Beagle. Ich erinnere mich an nichts, was vorher [wissenschaftliche] Erziehung gennant zu werden verdiente, ausser an einige chemische Experimentalarbeiten mit meinem Bruder, als ich Echulknabe war. — Ohne Zweifel hatte [jedoch] das Sammeln in so grossem Massstabe in so vielen Gebieten meine Faehigkeiten in Beobachten vervollkommnet. —

Ich schrieb nie in meinem Leben so viel ueber mich selbst, und ich hoffe, es moege fuer Sie des Lesens werth sein, aber ich zweifle. —

Ich verbleibe, mein werther Herr,

Ihr ausrichtig ergebener
Ch. Darwin.

Ich weiss nicht, ob Ihnen daran gelegen sein wird, Auszuege aus meinen Briefen zu sehen, welche Professor Henslow drucken liess, doch sende ich ein Exemplar mit dieser Post, —

Die in diesem Briefe mitgetheilte Notiz ueber Robert Waring Darwin bezieht sich auf meine Unfrage nach dem wahren Verfasser der von Goethe in seiner Geschichte der Farbenlehre ausfuehlich eroerterten Abhandlung ueber die subjectiven farbigen Nachbilder, die „Augengespenster" Gothe's. Der daselbst als „Bluts- ober Namensvetter" des Verfassers bezeichnete Erasmus Darwin ist demnach der Vater desselben und zugleich an der Ausarbeitung wensentlich betheiligt, der Verfasser selbst der Vater des grossen Ch. Darwin. Er war praktischer Arzt und schristftellerte nicht, waehrend Erasmus, ein wahres Universalgenie, in seiner „Zoonomie" jene physiologische Arbeit vom Jahre 1785 wieder abdrucken liess. Goethe kritisirt dieselbe scharf, will den Ausdruck „Augentaeuschung" ein fuer allemal verbannt wissen, und bemerkt ausdruecklich: „das Auge taeuscht sich nicht; es handelt gesesslich" u. s. w. Dass eine so originelle Abhandlung, wie die genannte, nicht von dem 1766 geborenen Robert Waring Darwin allein verfasst worden ist, wird schon durch das jungedliche Alter desselben hoechst wahrscheinlich. Denn als sie erschien, zaehlte er

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kaum neunzehn Jahre. Ohne Zweifel ist Schopenhauer, der sie in seiner Schrift „Ueber das Sehen und die Farben" (1816) als wichtig anerkennt, bei Aufstellung seiner Theorie bon der getheilten Thaetigkeit der Nesshaut beim Farbensehen, stark von ihrem Inhalt beeinslusst worden. Leider geben hervorragende Denker und Forscher nur bisweilen oder nur auf Befragen bestimmt an, welche Buecher oder Abhandlungen auf ihre eigene Geiftesrichtung am meisten, und welche andere garnicht auf dieselbe eingewirkt haben. Darin war Darwin, wie ueberhaupt in Betreff seines Bildungsganges, von einer seltenen Offenheit, welche dieser Brief aufs Neue bezeugt.

Das ihn fesselnde, in England in hohem Ansehen stehende Werk von Gilbert White „Die Naturgeschichte und die Alterthuemer von Selborne" (bei Southampton) erschien zuerst im Jahre 1789 und dann in noch acht oder mehr Auflagen mit vielen Zusaessen, Abbildungen und einem Naturforscher-Almanach. Im Jahre 1860 wurde in London eine besondere Ausgabe fuer juengere Leser veranstaltet. Dieses Werk und Humboldt's Reisen haben einen maechtig anregenden Einfluss auf Darwin ausgeuebt; wie auch aus einigen seiner Briefe an Andere hervorgeht. Um das Iahr 1857 besuchte er selbst White's einstige Wohnung in Selborne. Noch ein Iahr vor seinem Tode las er wiederum Baende von Humboldt's Werken, die er ein halbes Iahrhundert frueher mit der groessten Begeisterung studirt, stellenweise sogar abgeschrieben und bei Ausfluegen Anderen vorgelesen hatte. Er und Hooker erklaerten noch 1881 Alexander v. Humboldt fuer den groessten wissenschaftlichen Reisenden, der je gelebt habe. Darwin meinte aber, dass er ein wunderbarer Mann gewesen sei mehr durch eine Annaeherung an Allwissenheit; als durch Originalitaet. Als er seine persoenliche Berkanntschaft gemacht hatte, war er etwas enttaeuscht. Er hatte seine Erwartungen zu hoch gespannt. —

Zwei in diesem Briefe erwaehnte Fragen beduerfen noch der Erlaeuterung.

In Betreff des von sehr vielen verschiedenartigen Thieren in Krystallen erhaltenen rothen Blutfarbstoffs hatte ich theils neu gefunden, theils bestaetigt, dass bei voelliger Identitaet des spectralen Verhaltens, also der Farbe, in allen Faellen doch andere Eigenschaften, wie die Krystallisirbarkeit, Loeslichkeit, Haerte, Zusammensessung, verschieden sind, je nach der Thierart. Ich folgerte daraus, dass wegen der Abstammung aller Saeugethiere von einem Ursaeugethier, noch mehr wegen der Abstammung aller Wirbelthiere von einem Arwirbelthier, ausser der morphologischen Aenderung der Artcharaktere im Laufe von unzaehligen Generationen, auch eine frueher nie beruecksichtigte und noch heute ganz raethselhafte chemische Aenberung wichtiger Stoffe in Thierkoerper bei der allmaeligen Entftehung neuer Arten Stattgefunden haben muesse. Beispielsweife haben das Meerschweichen und das Eichhoernchen zweifellos ein und dasselbe Nagethier zum Vorfahren, und dieses kann, wie jedes rothbluetige Thier, in seinem Blute nur einerlei Art von rothem Blutfarbstoff gehabt haben; dennoch sind die hexagonalen Blutkrystalle des Eichhoernchens von den rhombischen Sphenoiden aus dem Blute des Meerschweinchens mesentlich verschieden bei Identitaet der Farbe. Im Spectrum sind sie nicht von einander zu unterscheiden. Darwin interessirte sich fuer diese chemische und physikalische Verschiedenheit des bei allen Wirbelthieren den Sauer-

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stoff beim Einathmen ausnehmenden, bei allen physiologisch voellig uebereinstimmenden, rothen Blutfarbstoffs in jeber einzelnen Thier art begreiflicherweise um so mehr, als sie zunaechst seiner Theorie von der Veraenderlichkeit der Species nach einer bis dahin nicht beruecksichtigten Richtung zu widersprechen schien. In einem Buche „Ueber die Blutkrystalle" (1871) habe ich die Wichtigkeit der Thatsche hervorgehoben und die constanten Ungleichheiten der Blutkrystalle von etwa einem halben Hunbert verschiedener Thierarten aus allen Wirbelthierclassen zusammengestellt.

Ebenso interessirte sich Darwin fuer die nach der Thierart, und innerhalb derselben nach der Individualitaet, verschiedene Wirkung kleinster Giftmengen. Ich hatte eine grosse Anzahl von Thieren aus den verschiedensten Abtheilungen, auch Kaefer und fuer immun gehaltene, namentlich Igel, mit Blausaeure vergiftet, um ihre Wirkung zu verstehen und ein Gegengift zu finden, und die nach der Art, dem Alter, Geschlecht u. s. w. ungleichen physikalischen Wirkungen des fuer alle schon in verhaeltnissmaessig kleinen Mengen toedtlichen Giftes in einer besonderen Schrift ueber die Blausaeure in physiologischer Hinsicht (1868) beschrieben. Dabei zeigte sich im Allgemeinen, dass ein Thier um so leichter affieirt wird, je groesser sein Sauerstoffbeduerfniss ist. Da dieses wiederum nicht allein mit der Eigenwaerme; sondern auch individuell variirt, ueberhaupt von vielen Factoren abhaengt, so ist die ungleiche, sogar wechselnde Empfindlichkeit verschiedener Individuen derselben Species — einschliesslich des Menschen — gegen Gifte, wie Blausaeure, viel weniger ihren morphologischen, als ihren physiologischen Eigenthuemlichkeiten, also der Beschaffenheit ihres Protoplasma, zuzuschreiben und das von mir empfohlene Gegenmittel, kuenstliche Sauerstofseinathmung, wenn auch das sicherste, doch ungleich schnell wirkend. —

Das im vorhergehenden Briefe erwaehnte Buch Darwin's ueber die Abstammung des Menschen und die sexuale Zuchtwahl, veranlasste mich, ihm einiges Bedauern ueber die Vereinigung dieser zwei wenig mit einander zusammenhaengenden Probleme (noch dazu in einem zweibaendigen Werke) zu schreiben, ohne zu wissen, dass Wallace ihm denselben Einwand machte. Der Uebelstand war um so groesser, als man das Buch ueber die Herkunft des Menschen mit Spannung erwartet hatte und nun die Aufmerksamkeit auf die Sexual-Selection abgelenkt wurde. Die Vertheilung der beiden Gegenstaende auf je einen Band haette jebem von beiden nur foerderlich sein koennen. Richt nur stehen beide, aeusserlich verbundene Buecher, bei Weitem nicht auf der Hoehe des grundlegenden Werkes vom November 1859, es hat auch die Zusammenfassung beider in eins die gruendlichere Durcharbeitung jebes einzelnen Abschnittes wesentlich beeintraechtigt. Darwin selbst schrieb darueber:

Down. Beckenham. Kent. S. E.
[30. April 1871.]

Mein werther Herr!

Ich bin Ihnen sehr verbunden fuer Ihren ausserordentlich freundlichen Brief. — Erlauben Sie mir zu bemerken, dass, als ich ein Verzedichniss derjenigen aussesste, an welche meine Abstammung des Menschen zu senden war, ich gaenzlich Ihren Namen, sowie den von zwei oder brei Anderen bergass, bezueglich derer ich jesst ausserordentlich bedauere, dass mein Gebaechtniss mir versagte. Wenn Sie kein Exemplar befissen, wollen

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Sie sich bemuehen, mich zu benachrichtigen, so werde ich sofort eins seden. Wallace's Vorschlag, welchen Sie auch machen, in Betreff der Abtrennung der geschlechtlichen Zuchtwahl, ist ein sehr guter, und ich bemerkte zur Zeit den Rachtheil der gegenmaertigen Vereinigung, wusste jedoch nicht, wie ich ihn vermeiden koennte. Um das Uebel zu heilen, waere jesst mehr Zeit noethig als es merth ist.

Ich bin Ihnen sehr verbunden fuer das versprochene Geschenk des Werkes ueber die Blutkrystalle, und wollen Sie im Voraus sehr ausrichtig Professor Mueller fuer sein beabsichtigtes Geschenk danken. Es ist ein nie endigendes Leidwesen fuer mich, dass ich Deutsch so schlecht lese, aber ich bin jesst zu alt und habe eine zu armselige Anlage fuer Sprachen, um mich zu bessem.

Ich merde mich besonders freuen, Ihre Abhandlung ueber das aeussere Ohr zu fehen, da dieselbe sehr nuesslich juer irgend eine spaetere, verbesserte Auslage meines Buches sein wird. Ich mar vollkommen unkundig der unerklaerlichen Thatsache des Mangels des Ohrlaeppchens bei Negern. Hat nicht der Igel Ohren, welche denen des Menschen in der Form sehr aehneln? Es murde mir kuerzlich so berichtet, doch hatte ich keine Gelegenheit, einen anzusehen. In Betreff des Meerschweinchens haette ich fagan muessen, dass einft in Deutschland eine Zucht mit herabhaengenden Ohren existirte, denn obmohl ich der Ouelle dafuer mich nicht erinnern kann, suehle ich mich sicher, dass sie zuverlaessig war.

Ich bleibe, mein werther Herr,

Ihr sehr ausrichtig ergebener
Charles Darwin.

Die Besprechung in den „Times" hat mich nicht im geringsten afficirt, denn sie war offenbar nicht von einem wissenschaftlichen Mann verfasst; ich weiss nicht, wer der Verfasser war.

Bezueglich der von dem Jenaer Professor der allgemeinen Pathologie und pathologischen Anatomie Wilhelm Mueller damals ausgefuehrten michtigen Untersuchungen zur Entmidelung gewisser Hirntheile und der Schilddruese, melche in der Jenaischen „Zeitschrift fuer Medicin und Naturwissenfchaft" 1871 erschienen und von denen einige Darwin, zusammen mit meiner Schrift ueber die Blutkrystalle, damals zugeschickt wurden, wiederholt sich die Bemerkung, dass, abgesehen von zwei vorher markixten Anmerkungen, Darwin megen der sprachlichen Schmierigkeiten nicht von ihrem Jnhalte Kenntniss genommen hat.

In Betreff meiner, die menschliche Ohrmuschel betreffenden Beobachtungen und Versuche, von denen hier die Rede ist, kann ich nur nach der Erinnerung berichten, da mir das Material bald darauf abhanden kam, und ich ueber diesen Gegenstand „Die Form und Junction der menichlichen Ohrmuschel" nur einen Bortrag in der Jenaischen Sefellichaft fuer Medicin und Naturwissenschaft gehalten habe, melcher nicht protocollirt murde.

Unter Hinweis auf die ganze morphologische Beschaffenheit, die quergestreisten Muskeln in und an der Muschel, melche sich zum Theil niemals zufammenziehen, maehrend sie bei vielen Saeugethieren eine grosse Bemeglichkeit besissen und sehr zahlreich sind , ferner auf die ausserordentliche individuelle Berschiedenheit und das haeufige Jehlen des Ohrlaeppchens bei Negern und Weissen, hatte ich behauptet — es wird 1869 gewesen sein — dass die menschliche Ohrmuschel ein in der Ruedbildung begriffenes, also ein rudimentaeres Sebilde ist; dasuer spricht auch die von Darwin als umgeklappte Spite gedeutete und als rudimentaerer Punkt bezeichnete Stelle am oberen Rande, auf melche der Bilbhauer Woolner ihn ausmerksam machte. Ich hatte diese bei einzelnen Individuen ungemoehulich gross und links und rechts meistens ungleich gefunden. Bei Manchen fehlt die Hervorragung am einen Ohr, maehrend sie am anderen sehr auffaellt, wogegen ich immer bei hochbegabten Musikern und Saengerinnen das gaenzliche

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Fehlen der rubimentaeren Leiste constatiren konnte. Bei Lessteren fand ich fast ausnahmslos sehr wohlgebildete Ohrmuscheln beiderseits, mit runden Ohrlaeppchen und glattem Tragus und Helix, und sie stehen bei ihnen nie weit vom Kopfe ab. Diese merkmuerdige Correlation ist sogar bei der physiognomischen Beurtheilung verwerthbar. Bei gaenzlich unmusikalischen Individuen fand ich die groessten Schwankungen in Betreff der Groesse, der Form, der Stellung und der erwaehnten Besonderheiten. Bei mir selbst zeigte sich ferner die Betheiligung der Ohrmuschel am Hoeren als eine ganz unbedeutende, indem zwar beim Hoeren sehr leiser Geraeusche, etwa des Ticktacks einer Taschenuhr in acht bis zehn Meter Entsernung nach Verklebung der ganzen Ohrmuschel mit Wachs oder dergl. und Einfuehren eines kurzen Glasroehrchens in den Gehoergang, ein in der Richtung von vorn geradlinig fortgeleiteter, eben noch hoerbarer Schall nicht in so grosser Entfernung erkannt wird als mit Betheiligung der Ohrmuschel, ihr also eine gewisse geringfuegige Bedeutung als Reflector und Schallverstaerker zukommt, aber dieses gilt nur fuer ganz leisen Schall. Dadurch kann ihr Schicksal, der Ruckbildung verfallen zu sein, nicht aufgehalten werden. Die grosse Beweglichkeit des Kopfes ist beim Menschen an die Stelle der Beweglichkeit des Thierohres mit seinen zahlreichen activen Muskeln getreten. Auch die Voegel haben meist keine Ohrmuschel, aber einen sehr beweglichen Kopf.

Nicht durch die Spisse allein erhaelt, wie ich durch Zeichnungen in meiner Mittheilung an Darwin erlaeuterte, das menschliche Ohr einen thierischen Charakter — Faune, Silene, Satyre, Teufel, Daemonen u. s. w. sind seit Jahrhunderten oft mit spissen Ohren modellirt und gemalt worden — sondern, wie ich durch vergleischende Messungen damals feststellte, auch durch die Stellung. Denn je weiter das Dreieck: Ohroeffnung, Nasenwurzel (zwischen den inneren Augenwinkeln) und Kinnspisse von einem gleichseitigen abweicht je hoeher namentlich der aeussere Gehoergang hinaufrueckt, um so unedler wird das Profil. Schon die Zunahme des Abstandes vom Ohr zur Kinnspisse verleiht ihm etwas Thierisches; sie fiel mir an den Darstellungen von Menschen im Profil auf altaegyptischen Denkmaelern besonders auf.

Ich sah auch an sehr alten mexikanischen Steinfiguren und an sorgsaeltig gemeisselten Koepfen aus Centralindien (jesst z. B. im Museum fuer Voelkerkunde zu Berlin) die Ohrmuschel auffallend hoch stehen, auch wo von phantastischen Darstellungen oder Carricaturen nicht die Rede sein kann. Besonders deutlich fand ich aber an einem wohl erhaltenen taetowirten Menschenkopf aus Neuseeland und an brei Mumienkoepsen von den Neu-Hebriden (in jenem Museum) die hoehere Stellung der Ohrmuschel.

Uebrigens sind einige von den hier beruehrten Punkten inzwischen von anderer Seite untersucht worden, daher ich die von Darwin erwartete Abhandlung ueber den ganzen Gegenstand, welche auch fruehere Beobachtungen Anderer ueber das Hoeren ohne Ohrmuschel kritisch beleuchtete, nicht ausgearbeitet habe. Der Physiologe E. Ray Lankester, damals in Jena, besprach mit mir wiederholt die Deutung der Anomalien der menschlichen Ohrmuschel; aber seitdem sind so viele andere Spuren vergangener nieberer Organisation beim Menschen entdeckt worden— unverkennbare Stempel seiner unermesslich langen Aynenreihe — dass sich nun kein so grosses Interesse mehr im Darwinistischen Sinne an diesen Gegenstand knuepft, wie damals. Darwin schrieb noch darueber:

Southampton, 13. Mai 1871.

Mein werther Herr!

Ich bin Ihnen recht verbunden fuer Ihren interessanten Brief ueber die menschliche Ohrmuschel. Ich weiss gar nicht, was ich von der hoeheren Stellung des Ohres bei den alten Aegyptern denken soll; aber es ist ossenbar ein der Ausmerksamkeit werther Punkt. Der Astronom Janssen schickte mir dieser Tage eine Nachricht, dass er etwas

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sehr Merkwuerdiges in Bezug auf das Ohrlaeppchen oder den Ohrlappen (so wie ich die Nachricht verstand) bei einigen eingeborenen Rassen in Indien beobachtet habe. Er sagte, er wuerde an mich schreiben; und wenn ich mehr hoere, will ich es Ihnen mittheilen, falls die Thatsache sich als merkwuerdig erweisen sollte. Koennten Sie irgend welche Beobachtungen darueber erhalten, in welchem Zeitpunkt dás Ohr des menschlichen Foetus gefaltet wird? Dieses scheint einer Untersuchung werth zu sein, da in einem Photogramm eines Orang-Embryo das Ohr wie in dem Umriss des Rubens'schen Bildes, welches Sie mir schickten, zugespisst, d. h. nicht gefaltet ist.

Ich dachte, Herr Lankester sei in Leipzig und ich sandte ihm meinen Dank fuer seinen lessten Brief durch Dr. Nissfche, Bitte, sagen Sie Herrn Lankester, dass seine Idee in Betreff des Ohrlappens und des Streckens der Ohrmuscheln bei den Botokuben mir durch den Kopf ging, aber ich liess sie als zu kuehn fallen.

Schliesslich seien Sie so freundlich, Professor Mueller fuer sein freundliches Schreiben und sein Buch zu danken, welches ich ohne Zweisel nach meiner Rueckkehr naechste Woche zu Hause finden werde. Ich bin ihm besonders verbunden fuer das Unmerken der Stellen, welche mehr speciell mich betreffenn. Mein werther Herr,

Ihr ausrichtig ergebener
Ch. Darwin.

Es trat nun eine laengere Pause in meinem Briefwechsel mit Darwin ein. Als sich aber meine Beobachtungen ueber die Sinne bei Neugeborenen haeuften, und immer mehr thatsaechliches Material zur Ausarbeitung einer „Seelenentwickelung" oder „Psychogenesis", wie ich sie nannte, angesammelt hatte, wandte ich mich wieber an den Begruender der genetischen Methode in der Biologie. Er antwortete:

8 Juli 1877.

Down. Bedenham. Kent.
Bahnstation Orpington.
S. E. R.

Mein werther Herr!

Ich bin sehr erfreut, von dem Gegenstande zu hoeren, welchen Sie untersuchen, da die Ergebnisse sehr interessant sein werden. Ich fuerchte, Sie werden sehr wenig in meiner Urbeit finden, welche ich mit der heutigen Morgenpost expedire. Haben Sie jemals von Douglas Spalding's Nersuchen gehoert, Huehnchen zu blenden, indem er einen kleinen Nerband ueber ihrem Kopf anbrachte, sowie sie aus der Schale entfernt worden waren? Die Ergebnisse waren ueberaus interessant und zeigten, wie viel durch Bererbung geleistet wird. Wenn Sie die Baende von „Nature" seit den lessten fuenf Jahren haben, wuerden Sie leicht den Aussass mittelst des Registers finden. Mein werther Herr,

Ihr aufrichtig ergebener
Charles Darwin.

P. S. Wenn Sie Spalding's Abhandlung nicht finden koennen, koennte ich vielleicht Erfolg haben, aber ich bin durchaus nicht sicher, dass ich es kann. Im „Nature" 1876 findet sich eine merkwuerdige Mittheilung von Romanes ueber eine Henne, welche junge Frettchen ausgebracht hatte.

Die hier erwaehnten sher kurzen, aphoristischen Notizen zur Psychogenesis von Darwin, meist an einen seiner Soehne im Jahre 1840 angestellte Beobachtungen, sind wiederholt in beutscher Uebersessung veroeffentlicht worden. Sie beanspruchen aber durchaus nicht den Werth, welchen manche wegen des Namens ihres Nerfassers ihnen zugeschrieben haben, und bilden mur eine Kleine Borarbeit zu einem Theile des Werkes ueber den Ausdruct der Gemuethsbewegungen.

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Dagegen sind viele thatfaechliche Angaben in diesem Buche und die Versuche von Spalding Douglas an ganz jungen Schweinchen und Huehnchen mir bei Untersuchungen ueber die erworbene und die erbliche Furchtfamkeit und den Instinct von besonderer Wichtigkeit geWesen. Ich wiederholte die Versuche grossentheils, verschaffte mir auch einen Thurmfalken, um zu fehen, wie die eben ausgeschluepften Huehunchen sich bei seinem Anblick verhalten und beschrieb die Hauptergebnisse der an vielen neugeborenen und ganz jungen Thieren verschiedener Arten angestellten Beodachtungen ueber ihre geiftige Entwickelung, im Vergleiche zu der des Menschenkindes, in dem spaeter (1881) in erster und 1890 in dritter vermehrter Auflage) erschienenen Buche ueber „Die Seele des Kindes", andere in der „Speciallen Physiologie des Embryo" (Leipzig 1885). Es wird in dem erstgenannten Werke zum ersten Male eingehend die Vererbungslehre Darwin's psychogenetische verwerthet. Die Grundzuege habe ich in einem Vortrage ueber die Sinnesthaetigkeit bei Neugeborenen in einer Sissung der Anthropologischen Gesellschaft zu Jena am 14. Januar 1878 entwickelt, zum Theil auch in der „Deutschen Rundschau". in dem Auffass „Psychogenesis"1). Die beiden Buecher, welche der in diesem Briefe erwaehnte Dr. G. I. Romanes, einer der hervor rogendsten Darwinianer in England, ueber die geiftige Entmicklung der Thiere (1883) und des Menschen (1888) schrieb, haben diese Richtung, besonders die vergleichende Psychologie, in etwas anderer Weife, weiter verfolgt.

Das solgende Schreiben ist kein privatbrief, sondern an den Vorsissenden der Ienaer medicinisch-naturwissenschaftlichen Gefellschaft gerichtet. Als solcher hatte ich 1878 den Antrag gestellt, Darwin anlaesslich seines 70. Geburtstages zum Ehrenmitglied zu waehlen. Der Antrag murde einstimmig angenommen. Frueher waren zu Ehrenmitgliebern gewaehl worden: Schimper (1855) (†), Kieser (1857) (†), Louis Soret (1864) (†), der Physiologe von Bezold (1866) (†); nachher murden noch Huxley (1867), Gegenbaur (1873), Schleiden (1878) (†) und Oskar Schmidt (1878) (†) Ehrenmitglieder. Von Biologen, auf beren Arbeiten Darwin Einfluss geuebt hat, gehoerten der Gesellschaft ausser mir zu jener Zeit noch an: E. Haeckel, Wilhelm Mueller, E. Strasburger, C. Frommann, K. Bardeleben, G. Schwalbe, Richard Hertmig, Oskar Hertwig, W. Detmer, so dass in Deutschland keine wissenschaftliche Koerperschaft eine groessere Anzahl von activen Darwinianern aufzuweisen hatte. Von Iena aus verbreitete sich auf zoologischem, botanischem, anatomischem, embryologischem und physiologisch-psychologischem Gebiete der Darwinismus Jahr fuer Jahr mit wachfendem Erfolge ueberallhin. Das schlichte Dankeswort fuer die Anerkennung seitens der im Ganzen aus fechsunddreissig einheimischen Maennern der Wissenschaft beftehenden Gesellschaft lautet:

1) 1880, Bd. XXIII, S. 198 ff.

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25. Januar 1878.

Down. Beckenham. Kent.
Bahnstation Orpington.
S. E. R.

Mein werther Herr!

Ich danke Ihnen ausrichtig fuer Ihren sehr freundlichen Brief, und ich hoffe, dass Sie den Mitgliedern Ihrer Gesellschaft aussprechen werden, wie sehr empsaenglich ich fuer die Ehre bin, welche sie mir erwiesen haben, indem sie mich zu einem ihrer Ehrenmitglieder erwaehlten. Mit viel Hochachtung verbleibe ich, mein werther Herr,

Ihr ergebener
Charles Darwin.

Aus den naechstfolgenden Jahren liegen mir nur zwei briefliche Mittheilungen vor. Ich hatte damals, sehr eingehend mit der Untersuchung der Lebensvorgaenge ungeborener Thiere beschaeftigt, lange vergeblich nach einem Verfahren gefucht, um die Bewegungen des Huehnchens im bebrueteten Ei sich selbst registriren zu lassen und kam durch Einfuehren seinster Nadlen nicht damit zu Stande. Darwin hatte nun die von ihm als Circumnutation bezeichneten Drehungen der Pslanzentheile, zu welchen auch die nach dem Lichte gehoeren, mittelst einer neuen Methode graphisch fixirt und die Ergebnisse in seinem Buche ueber die Bewegungen der Pslanzen mitgetheilt. Ich hoffte auf ein geeignetes Mittel fuer meine Zmecke dadurch gefuehrt zu werden, aber die Hoffnung erfuellte sich nicht, wie Darwin richtig vermuthete.

27. November 1880.

Down. Beckenham. Kent.
Bahustation Orpington.
S. E. R.

Mein werther Herr!

Es wird mix viel Vergnuegen machen, Ihnen ein Exemplar meines Buches zu fenden, und ich habe Herrn Murray angewiesen, Ihnen eins zu fenden; aber es kann eine kleine Verzoegerung eintreten, da ich heute Morgen hoerte, dass alle Exemplare verkauft sind ; jedoch steht der Sass noch, und mehr Exemplare werden sofort gedruckt werden. —

Ich suerchte, meine Methoden werden sich auf Embryonen nicht anwenden lassen.

Ich lege Abzuege der Auffaesse bei, auf welche Sie, wie ich annehme, sich beziehen, und welche ich nach einem langen Suchen entdeckte. — Da ich kein anderes Exemplar habe, so wuerbe ich Ihnen fuer die Ruecksendung verbunden sein. —

Ich fchrieb neimals fuer den „Zoologist", und ich vermuthe, dass etmas aus „Nature" entlehut wurde. —

Ihr, Buch ist noch nicht angekommen, wird aber wahrfcheinlich morgen eintreffen, da [Sendungen] oft um einen oder zwei Tage durch unfere poft verzoegert werden. Ich bin Ihnen richt sehr verbunden fuer Ihre Jreundlichkeit, es mir zu schicken. —

Mein werther Herr,

Ihr aufrichtig ergebener
Charles Darwin.

Der hier erwaehnte „Zoologist" ist eine von Sd. Newman geleitete populaere naturgeschichtliche englische Zeitschrift, welche eine Mittheilung von Darwin ueber die Sinnesthaetigkeit niederer Thiere (im 8. Bande 1873) gebracht hatte. Diese wuenschte ich kennen zu lernen. Sie stammt aber diesem Briefe zufolge nicht von Darwin selbst her. Sie ist der „Nature" vom 13. Maerz 1873 entnommen.

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Als ich das vorhin erwaehnte Buch ueber die geistige Entwickelung des Menschen in den ersten Lebensjahren vollendet hatte, sandte ich das erste Exemplar an Darwin. Er antwortete umgehend:

28. October 1881.

Down. Beckenham. Kent.
Bahnstation Orpington.
S. E. R.

Mein werther Herr!

Ich danke Ihnen sehr aufrichtig fuer Ihre Freundlichkeit, mix Ihr grosses Werk „Die Seele des Kindes" zu schicken. Aber ich wollte, dass ich Deutsch leicht lesen koennte, denn der Gégenstand interessirt mich sehr, und ich hege keinen Zweisel, dass Jhr Wert ausgezeichnet ist.

Ihr ausrichtig ergebener
Ch. Darwin.

Diese ueberaus wohlwollenden Zeilen sind die lessten, welche Darwin an mich gerichtet hat. Das Studium seiner Werke gab eine so starke Unregung beim Zustandekommen des hier Erwaehnten, dass er sich bei einer eingehenden Kenntnissnahme derselben ohne Zweifel ueber die Fruchtbarkeit seiner Ibeen, tross der neuen Behandlung des Problems und vieler Abweichungen im Einzelnen, sehr gefreut haben wuerde. Englische und franzoesische Uebersessungen erschienen aber erst nach seinem Tobe. So hat er den erfolg seiner Theorie nach biefer Richtung nicht mehr erlebt.

Ebenso nach anderer Richtung nicht, zum Beispiel bezueglich der Social-wissenschaften.

In einer bemerkenswerthen Abhandlung ueber landwirthschaftliches Genossen-schaftswesen hatte 1868 Dr. Hugo Thiel, damals Privatdocent an der Universitaet Bonn, zum ersten Male — abgesehen von Lange's kleiner Schrift zur Urbeiter-frage — den Grundgedanken des Darwinschen Concurrenzprincips allgemein auf die Beziehungen der Menschen zueinander angewendet; er sandte die Schrift an Darwin und erhielt den folgenden merkwuerdigen Brief als Antwort.

Down. Bromley. Kent. S. E.
25. Februar 1869.

Werther Herr!

Bei meiner Heimkehr nach einer kurzen Abwesenheit sand ich Ihr sehr hoesliches Schreiben und Heft vor, und ich beeile mich, Ihnen fuer beide zu danken, sowie fuer die sehr ehrenvolle Erwaehnung meines Namens darin. — Sie werden mix gern glauben, wie sehr es mich interessirt, zu erfahren, dass Sie auf moralische und sociale Fragen Ansichten anwenden, aehnlich denen, welche ich in Bezug auf die Abaenderung der Species verwendete. Es ist mix frueher nicht beigefallen, dass meine Ansichten auf so weit abweichende und hoechst wichtige Gegenstaende ausgedehnt werden koennten. —

Mit viel Hochachtung bitte ich, verbleiben zu duersen, werther Herr,

Ihr ergebener und verbundener
Charles Darwin.

Un Herrn Dr. Hugo Thiel. Bonn

Auf diesen Brief habe ich schon frueher („Aus Natur- und Menschenleben") hingewiesen, weil er den Beweis liefert dafuer, dass Darwin im Fruehjahr 1869, ehe er Thiel's kleine Aphandlung und meine Schrift ueber den Kampf um das Dasein erhalten hatte, noch nicht an die Anwendung seiner

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Theorie auf die Ethik und Socialwissenschaft dachte, waehrend 1871 in seinem Werte ueber die Abstammung des Menschen schon ausfuehrlich davon die Rebe ist. In diesem Falle erscheint aber auch der zweiundsechzigjaehrige Darwin weniger kritisch als der fuenszigjaehrige.

Und hierin ist eine der Ursachen zu suchen fuer die unberechtigten und sich widersprechenden Folgerungen, welche bezueglich der neueren socialdemokratischen Irrlehren aus dem Darwinsmus gezogen worden sind . In Wahrheit lieferte Darwin die schlagendsten Beweise gegen gewisse utopistische, naturwidrige und wie eine epidemische Krankheit sich verbreitende Lehrsasse und Forderungen der Socialdemokratie. Die Bererbung, die Concurrenz, die Anpassung, die Selection und der von Darwin entdeckte gesessmaessige Zusammenhang dieser Naturthatsachen zeigen Jebem, der ihn studirt, aber auch wirklich studirt und nicht den unechten Darwinianern der Journalistik folgt, dass die Ungleichheit der Menschen eine Naturnothwendigkeit ist und je weiter die Cultur fortschreitet, wegen der immer weitergehenden Arbeitstheilung sich immer schaerfer auspraegen muss. Sowohl die Paedagogik, als auch die Volkswirthschaftswissenschaft kann deshalb von der neuen Biologie sehr viel lernen. Denn je mehr die Bluethe der Jugend jahrelang durch zu abstracte Gegenstaende, durch die uebliche uebertriebene Unterweisung in todten Sprachen mit Vernachlaessigung der Koerperpflege von dem Wirklichen, dem Gegenwaertigen, von der Natur und der Menschheit, wie sie jesst ist, abgezogen wird, um so mehr muessen solche krankhaste Stoerungen der natuerlichen Entwicklung einer an sich gesunden Nation beguenstigt werden, wie die Socialdemokratie sie dietet. Is ist baher bringende Pflicht, die natuerliche Entwicklung des Einzelnen schon in den Schulen zur Geltung zu bringen. Beilaeufig wird von allen deutschen Reformplaenen am meisten dieser Forberung gerecht die „Neue Deutsche Schule" von Hugo Goering.

Es liegt so nahe, die von Darwin geschaffene Wissenschaft von den gesessmaessigen Beziehungen der lebenden Wesen zu einander, welche man gewoehnlich Biologie nennt, auf die Nationaloekonomie anzuwenden, dass man sich wundern muss, wie wenig es in Deutschland versucht worden ist. Die juengsten, aeusserst fruchtbaren Errungenschaften der Biologie — ich erinnere nur an die Thatsachen des Symbiose, des Mutualismus, des Parasitismus und der monarchischen Thierstaaten — sind wohl werth, von Politikern eingehend beruecksichtigt zu werden, weil die Analogie des thierischen und pflanzlichen Verbandlebens mit dem Zusammenleben der Menschen in Familien, Gemeinden, Staaten ungemein lehrreich ist. Was die Menschen zusammenfuehrt und zusammenhaelt, sind gemeinsame Interessen, was sie entzweit, Sonderinteressen. Aehnlich im Thier- und Pflanzenreich. Wenn man nun sieht, in wie ueberraschend vollkommener Weise bei lessteren die Compromisse zu harmonischen Systemen fuehren, wo die Individuen zwar dem Ganzen untergeordnet, aber von sehr ungleichem Range sind , und stets ihre Individualitaet behalten, dann erscheint allzu oft die Art, wie im Menschenleben Individuen geopfert werden, weil die richtige Form ihrer Unterordnung nicht gefunden wurde, beschaemend. Nicht Unverstand, sondern Unkenntniss traegt die Schuld, dass ein so grosser Theil der Staatsbueger den Staat hasst, dass so Viele ungern fuer alle die ihre Existenz, Ausbildung und Berufsthaetigkeit erst er -

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moeglichenden Leistungen des Staates relativ kleine Opfer bringen, zum Beispiel ungern ihre Steuern bezahlen, ungern ihrer Militaerpflicht genuegen. Wer dagegen naturwissenschastlich den menschlichen Staat gerade wie einen Baum ober einen Siphonophorenstock studirt, seine Entwicklung und seine Lebensbedingungen ermittelt, kann nicht anders als ihm seine Dankbarkeit und Verehrung zuwenden. Die Biologie des menschlichen Staates, dieses physiologischen Individuums hoechfter Ordnung, dieses complicirtesten Naturgebildes, fuehrt zu einer so befridigenden Einsicht in seine Nuesslichkeit fuer den Einzelnen, und seine Existenznothwendigkeit, dass gar keine andere Auffassung diese an Kraft uebertreffen kann. Um aber sein Werden und Wesen zu verstehen, ist der Darwinismus unerlaesslich. —

Ein anderes geschichtliches Interesse als der lesste Brief hat der folgende, welcher die Entstehunt der ersten Gedanken von der gemeinsamen Apstammung der Arten betrifft, und an Dr. Otto Zacharias gerichtet ist.

Werther Herr!

Als ich an Bord des Beagle war, glaubte ich an die Permanenz der Species, aber so viel ich mich zu erinnern vermag, gingen mix gelegentlich vage Zweisel durch den Kopf. Nach meiner Heimkehr im Herbste des Jahres 1836 begann ich sogleich mein Tageburch fuer die Veroeffentlichung vorzubereiten, und sah dann, wie viele Thatsachen die gemeinschastliche Abstammung der Arten andeuteten, so dass ich im Juli 1837 ein Notizbuch begann, um irgend welche Thatsachen einzutragen, welche fuer die Frage Bedeutung haben koennten. Aber ich wurde nicht ueberzeugt, dass die Species veraenderlich sind , bis, glaube ich, zwei oder drei Jahre voruebergegangen waren.

Der Brief zeigt, dass Darwin erst nach der Heimkehr von der grossen Forschungsreise Thatsachen zur Descendenztheorie zu sammeln suchte — seit Juli 1837 — und nach zweit ober drei Jahren seine Aeberzeugung fest stand. Auch aus den spaeter von Francis Darwin veroeffentlichten Papieren seines Vaters geht herbor, dass er 1839 mit sich in Betreff der Descendenztheorie einig war, aber schon 1837 schrieb „meine Theorie wird" u. s. w. Also ist ihr Geburtsiahr doch 1837. Die Erkenntniss der Bedeutung des Kampfes um das Dasein fuer die Erhaltung der Passendsten entstand im October 1838 nach der Lectuere des Malthus' schen Buches ueber die Bevoelkerungszunahme.

Den Brief selbft hat der Abressat in seiner Skizze ueber das Geburtsiahr der Darwin'schen Theorie im Original mitgetheilt. Dieselbe war als Anhang dem Berichte von E. Rabe ueber das, Darwin zu seinem neunundsechzigsten Geburtstage ueberreichte Album beigesuegt. Das Empfangsschreiben lautet:

Down, Beckenham, Kent
16. Februar 1877.

Mein Herr!

Ihr prachtvolles Album ist soeben angekommen, und ich kann nicht Worte finden, mein Gesuehl tieser freudiger Besriedigung ueber diese ausserordentliche Ehre ausszusprechen. Ich hoffe, Sie werden die einhundertundvierundfuenfzig Maenner der Wissenschaft, welche einige der am meisten geehrten Namen in der Welt einschliessen, benachrichtigen, wie dankbar ich bin fuer ihre durch Uebersendung ihrer Photographien zu meinem Geburtstage bekundete Guete und grossmuethige Sympathie. Erlauben Sie mir ferner, Ihnen sehr warm zu danken fuer die beigelegten Briefe und Dichtungen, welche fuer mich alle so hoch erfreulich sind . Die Ehre, welche Sie mir erwiesen haben, geht weit ueber

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meine Verdienste hinaus, denn ich weiss wohl, dass fast meine ganze Arbeit sich auf Material stuesst, das von vielen ausgezeichneten Beobachtern gesammelt wurde.

Diese immer denkwuerdige Widmung wird mich anregen zu erneuten Anstrengungen, so lange ich zu irgend einer Arbeit faehig bin, und nach meinem Tode wird es ein hoechst werthvolles Vermaechtniss fuer meine Kinder sein.

Ich habe meine Empfindungen ganz ungenuegend ausgesprochen und werde immer bleiben, mein Herr,

Ihr verbundener und dankbarer Diener Charles Darwin.

An Herrn Rade. Muenster.

In den Jahren 1877 bis 1881 stand Darwin auch mit Dr. Ernst Krause, dem Herausgeber des „Kosmos", im Briefwechsel, welcher vorwiegend die von beiden zusammen edirte Schrift ueber Erasmus Darwin betrifft. Jedoch finden sich unter den Briefen, welche der Adressat mix freundlichst zur Verfuegung stellte, einige von allgemeinem Interesse. So die drei folgenden:

25. Maerz 1877.

Down, Beckenham, Kent
Bahnstation Orpington.
S. E. R.

Werther Herr!

Ich erhielt erst gestern Ihren vom 11. Maerz datirten Brief. Ich danke Ihnen herzlich fuer Ihre sehr freundlichen Ausdruecke mir gegenueber, aber Ihre Schaessung meiner wissenschaftlichen Arbeit ist viel zu hoch. Es wuerde mich freuen, Ihre neue Zeitschrift zu unterstuessen; aber ich habe gegenwaertig wirklich nichts zu fagen, was des Druckes werth waere. Ich bin so gewoehnt gemesen, Materialien fuer Buecher anstatt fuer gefonderte Abhandlungen zu sammeln, dass es fuer mich ein sehr seltenes Ereigniss ist, irgend Etwas fuer eine Zeitschrift zu schreiben. Aber ich werde Ihren Wunsch nicht vergessen, im Falle irgend eine passende Gelegenheit sich bieten follte. Ich habe mit meinem Sohne Francis gesprochen, der spaeter im Stande sein mag, einen Auszug aus neuen von ihm angestellten Benbachtungen mitzutheilen.

Ich will einen Punkt hervorheben, welchen Sie als Herausgeber vielleicht Ihren Lesern nahe zu legen Gelegenheit finden werden und welcher mir von ganz besonderer Wichtigkeit hinsichtlich der Descendenztheorie zu sein scheint — naemlich die Untersuchung der Ursachen der Variabilitaet. Warum, zum Beispiel, ist das wilde Rindvieh, welches in den Pampas unherschmeift, einfoermig gefaerbt? waehrend es, sobald es halb gezaehmt ist, wie Azara sagt, die Farbe veraendert; und so in zahllofen anderen Faellen. Wir wollen wissen, welcher Art die Aenderung in der Umgebung ist, die Variabilitaet in jedem einzelnen Falle herbeifuehrt und warum ein Theil der Organisation mehr als ein anderer afficirt wird; obwohl es gegenwaertig hoffnungslos zu sein scheint, dieses lesstere Problem loesen zu wollen. Ich muss annehmen, dass Licht auf diesen schwierigen Gegenstand geworfen werden koennte durch Versuche und Beodachtungen an kuerzlich domesticirten Thieren und Culturpflanzen.

Mit allen guten Wuenschen fuer den Erfolg Ihrer Zeitschrift, verbleibe ich, werther Herr,

Ihr ergebener
Charles Darwin.

Das hier formulirte Problem hat seitdem viele juengere Biologen beschaestigt. Ich habe in einem Vortrage ueber den Darwinismus am 3. April 1873 diesen schwaechsten Punkt der ganzen Darwin'fchen Theorie ausfuehrlich besprochen und hervorgehoben, dass viele Factoren zusammenwirken, um die individuellen Verschiedenheiten der Organismen zu veranlassen. Nicht die urspruengliche dem Lebenden von vornherein in hoeherem Grade als dem Todten eigene Veraenderlichkeit (Variabilitaet), sondern das Unftreten bon neuen Eigenschoften, von Ab-

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weichungen, Verschiedenheiten (Variationen) gilt es zunaechft zu erklaeren, wenn die erstere gegeben ist. Und in dieser Hinsicht sagte ich, dass der Zufall, das heisst das Zusammentreffen von verschiedenen von einander nicht nothwendig abhaengigen Einwirkungen der Umgebung, namementlich zur Zeit der ersten Entwicklung wo die gewebebildenden Stoffe hoechst empfaenglich fuer jeden Eindruck sind , als Hauptursache der Verschiedenheiten angesehen werden muss. Daher die noch allzu wenig untersuchten Einfluesse vor der Geburt fuer diese Besonderheiten zumeist in Betracht kommen. Wenn auch die Besonderheiten den Berhaeltnissen, in dennen die Thiere zu leben haben, nicht immer am besten entsprechen, so dass die Anpassung die bestmoegliche wird, so muss doch auch die vortheilhaftefte bleibende Berschiedenheit ebenso wie manche Neubildung und Missbildung, welche mit Anpassung nichts zu thun hat, durch Einwirkungen auf das ungeborene Thier bedingt sein. Die experimentelle Embryologie hat bereits Thatsachen zur Stuesse dieser Ansicht geliefert. Jedenfalls kommt die vor 1873, soviel ich finde, fuer die vorliegende Frage nicht herangezogene beispiellose Impressionabilitaet der plastischen, differenzirbaren und von aeusseren Einfluessen nachgewiesenermassen hoechst abhaengigen Protoplasmen im Ei fuer die von Darwin mit Recht verlangte Untersuchung in erster Linie in Betracht.

Wenn uebrigens die den Pampasrindern vortheihafte gleichfoermige Faerbung nach einigen Generationen bei Stallfuetterung verloren ging, so muss zuerft ermittelt werden, ob jede Kreuzung mit schekigen, bereits domesticirten Thieren ausgeschlossen, oder ob etma Rueckschlag moeglich war, sofern eine frueher importirte bunte Rasse verwilderte und dann weider domesticirt wurde.

Eine zusammenhaengende Theorie der Bariation fehlt noch. Aber durch die unabhaengig voneinander entstandenen Arbeiten darueber von Dr. Carl Duesing, einem meiner faehigsten und fleissigsten Jenaer Zuhoerer, und von W. Brooks, sind neue Gefichtspunkte von Wichtigkeit festgeftellt worden, welche man in der Zeitschrift „Kosmos" und in der Jenaischen Zeitschrift fuer Naturwissenschaft seit 1883 bargelegt findet. Der oben ermaehnte Factor ist in des Erstgenannten Buch ueber die Regulirung des Geschlechtsverhaeltnisses (1884) nach einer speciellen Richtung eingehend und erfolgreich untersucht worden.

Ein anderer Punkt, welcher bei dem ploesslichen Auftreten neuer Eigenschaften in Betracht kommt, ist der Atavismus. In dieser Hinsicht ist von besonderem Interesse die von Dr. E. Kraufe Darwin mitgetheilte, von Friss Mueller entdeckte Thatsache, dass eine Suedamerikanische Suesswasser-Sarneele nach dem Abschneiden der Juesse, biese nicht nach dem vorhandenen Mufter, fondern zunaechft nach dem Vorbilde einer Ahnenform neubildet, mas fuer die Pangenefis-Hypothese Darwin's von Belang ist. Lessterer antwortete am 28. November 1880:

Mein werther Herr!

Ich muss Ihnen fuer Ihren hoechst interessanten Brief danken. Die Rachricht in Betreff bes „Kosmos" ist recht schlimm. Ich werde sein Eingehen sehr bedauern, denn ich fand in jeder Rummer Estmas, das mich lebhaft interessirte. Immerhin muessen Sie das befriebigende Gefuehl haben, ein ausgezeichneter Herausgeber gewesen zu sein und die Wissenschaft in jeder Weise gefoerdert zu haben.

Deutsche Rundschau. XVII, 9.

25

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Auch die Friss Mueller betreffende Nachricht ist betruebend — das heisst falls er seine Instrumente und Buecher eingebuesst hat. Ich habe ihn laengst fuer den besten Beobachter in der Welt angesehen. Ich habe an seinen Bruder Hermann geschrieben, um zu ersahren, ob er viele Verluste erlitten hat, und ob er, zu wissenschaftlichen Zwecken, mir erlauben wuerde, ihm bei dem Ankauf von neuen Mikroskopen u. s. w. zu helfen.

Ich weiss nicht, wann ich je so sehr erstaunt gewesen bin, wie ueber Ihren Bericht von dem Krebsthier, welches seine Beine durch die einer Ahnenform ersesst. Verstehe ich ben Fall, so handelt es sich um eine Art localisirten Rueckschlags. Dieses scheint mir die Hypothese der Pangenesis zu stuessen, welche kaum irgend welche Freunde in dieser Welt hat.

Ich kann mir vorstellen, dass eine kleine Ansammlung von Molekuelen (das ist einer von meinen imaginaeren Keimlingen) in einem Organismus eine fast unbeschraenkt lange Zeit hindurch laten bleiben kann; aber ich denke, es wird schwierig fuer Haeckel sein. Andere glauben zu machen, dass gewisse Molekuele, aus denen der Koerper aufgebaut ist, in einer eigenthuemlichen Weise waehrend zahlloser Generationen zu vibriren fortgefahren haben, so dass sie , wenn die Gelegenheit [sich] bietet, eine ancestrale Extremitaet bilden. Wenn ich mich recht erinnere, ist der reproducirte Schwanz der Eidechse von dem normalen Schmanz verschieden. Ich habe einen ein klein wenig analogen Fall mitgetheilt, naemlich den eines Huhnes, welches, als es unfruchtbar wurde, das maennliche Gefieder einer ancestralen Rasse, und nicht ihrer eigenen Rasse, annahm. — Aber ich beabsichtigte nicht, Sie mit meinen Vorstellungen u. s. w. in Betreff der pangenesis zu behelligen. —

Mein werther Herr,

Ihr ergebener
Charles Darwin.

Die in diesem Briefe bezueglich der Zeitschrift fuer Entwicklungslehre und einheitliche Weltanschauung „Kosmos" ausgesprochene Befuerchtung, sie werde schon damals aufhoeren zu erscheinen, bewahrheitete sich erst sechs Jahre spaeter, nach Vollendung des neunzehnten Bandes, im Jahre 1886, als ein besonderes Organ zur Befestigung und Verbreitung des Darwinismus nicht mehr Beduersniss war. Er war befestigt und verbreitet. Auch trat Dr. E. Krause nicht 1880, sondern erst 1882 von der Redaction zurueck — lediglich aus Gesundheitsruecksichten — und von da ab war Professor B. Vetter in Dresden der Herausgeber. Im Jahre 1880 ging aber der Verlag bon Guenther-Alberts in Leipzig auf Schweizerbarth in Stuttgart ueber, drei Jahre nachdem ersterer in der uneigen=nuessigsten Weise diese einzige Darwinistische Zeitschrift in Deutschland 1877 ins Leben gerufen hatte. Zu ihren Mitarbeitern gehoerten vom Unfang an unter vielen Anderen Ernst Haeckel in Jena, S. Guenther in Ansbach, Friss Mueller in Rio de Janeiro und dessen Bruder Hermann Mueller in Lippstadt, Ludwig Noiré in Mainz, L. Pfaundler in Innsbruck, Oskar Schmidt in Strassburg, Eilhard Schulze in Grass, jesst in Berlin, E. Strasburger in Jena, jesst in Bonn, Moriss Wagner in Muenchen, spaeter auch J. Delboeuf in Luettich, Th. von Heldreich in Athen, Th. Huxley in London, Sir John Lubbock ebenda, O. C. Marsh in New-Haven, Herbert Spencer in London, A. Weismann in Freiburg.

Schon aus diesen Namen erkennt man die starte Betheiligung von Vertretern der wissenschaftlichen Zoologie, Botanik, Physik, Psychologie, Palaeontologie, Philosophie. Aber auch die Physiologie und Anatomie, die Anthropologie und Thier- und Pflanzengeographie, die Kosmologie und Geologie und verwandte

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Disciplinen waren ebenso repraesentirt. Die neunzehn stattlichen Baende dieser Zeitschrift bilden ein Repertorium fuer alle Zweige des Darwinismus von bleibendem Werth.

Der Folgende Brief Darwin's zeigt, wie es sich mit der Veroeffentlichung seines Buches ueber den Regenwurm verhaelt. Viele Monate vorher war der Druck begonnen worden, und Dr. E. Krause hatte um Correcturbogen fuer den „Kosmos" gebeten. Darwin liess sich Abzuege auf Fahnen in Folioformat mit sehr breiten Raendern herstellen und schrieb dei der Correctur manchmal die ganze Seite neu — nicht um erhebliche sachliche Aenderungen anzubringen, sondern weil seine eigene Schreibweise in formaler Hinsicht ihm nicht gefiel. Daher dauerte der Druck gewoehnlich lange. Im vorliegenden Falle aber war der Reindruck ein Bierteljahr vor der Ausgabe vollendet. Der Brief gibt die Erklaerung.

Down, Beckenham, Kent.
Bahnstation Orpington
S. E. R.

30. Juli 1881.

Mein werther Herr!

Da Sie moeglicherweise sich wundern koennten, die versprochenen Druckbogen meines Wurmbuches nicht erhalten zu haben, so schreibe ich, um zu sagen, dass eine ausserordentliche Verzoegerung seitens der Drucker dei der Correctur der lessten Bogen stattfand, und jesst bittet mich mein Verleger, die Veroeffentlichung (obgleich das Buch so gut wie fertig ist) bis zum Ende des October aufzuschieben, welches die Publicationssaison genannt wird; und ich bin genoethigt worden, seinem Verlangen nachzugeben. Ich werde Ihnen aber Aushaengebogen senden, sobald ich sie erhalte, und dann koennen Sie ueber etwaige Auszuege urtheilen. Ich meine jeboch, dass eine Besprechung des ganzen Buches fuer Sie der beste Plan waere, aber was Sie auch beschliessen moegen, wird mir gefallen. —

Vielen Dank fuer „Die Gegenwart", welche Sie so freundlich waren mir zu senden. — Ich las sie mit grossem Interesse. Der Instinct der Pflanzen ist ein hoechst raethselvolles Problem. Ich sehe nicht, wie das Geistige definirt werden kann, wenn wir das Bewusstsein davon abziehen. Auch kann ich nicht bezweifeln, dass Bewusstsein irgendwie eine Stufe in der natuerlichen Entwicklung der geistigen Faehigkeiten ist, obwohl Philosophen geltend machen moegen, dass es einer gaenzlich verschiedenen Kategorie von Dingen angehoere. Mein werther Herr.

Ihr sehr ergebener
Ch. Darwin.

Wie interessant waren die verschiedenen lessten Nummern des Kosmos!

Die Bemerkungen ueber den Instinct der Pflanzen und das Bewusstsein beziehen sich auf einen Aussass von Dr. E. Krause ueber Darwin's Buch „Die Bewegungen der Pflanzen". Ersterer hatte dabei auch von her Beseelung der Bflanzen gesprochen und die ansichten von Darwin's Grossvater, welcher bei der Sinnpflanze nach Nerven und Ganglien suchte, erwaehut. Wie sehr diese Frage C. Darwin beschaeftigt hat, erkennt man am besten aus seinen inzwischen veroeffentlichten Briefen. Im Sommer 1860 begann er die Untersuchung der insectenfressenden Pflanzen, und zwar zuerst der Drosera, des gemeinen Sonnenthaus, und schrieb auf Grund von vielen Experimenten an Lyell Ende November 1860:

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„Ist es nicht merkwuerdig, dass eine Pflanze gegen Beruehrung bei Weitem empfindlicher sein soll als irgend ein Nerv des menschlichlichen Koerpers? Doch bin ich vollkommen sicher, dass es mahr ist."

und 1862 an Hooker:

Ich bin zu der Meinung gefuehrt morden, dass Drosera eine der Nervensubstanz der Thiere ganz nahe verwandte Substanz in organischer Verknuepfung verbreitet enthalten muss.

Bei Dionaea ist die Uebertragung augenblicklich; die Analogie mit Thieren wuerde auf eine Uebertragung durch Nervensubstang hinweisen.

„Ich kann die Schlussfolgerung nicht umgehen, dass Drosera eine der Nervensubstanz wenigstens bis zu einem gewissen Grade nach Constitution und Function analoge Substanz besisst."

Endlich im Jahre 1871 an Asa Gray:

„Der Punkt, welcher mich am meiften interessirt hat, ist das Aufsuchen der Nerven! die den Gefaebuendeln folgen. Durch einen Stich mit einer spissen Lanzette an einer beftimmten Stelle kann ich die eine Haelfte des Blattes laehmen, so dass eine Reizung der auderen Haelfte keine Bewegung verurjacht. Es ist gerade wie bei der Durchschneidung des Rueckenmarks eines Frosches … Ich finde meine frueheren Ergebnisse in Betreff der erstaunlichen Empfinblichkeit des Nervensystems (!?) der Drosera verschiedenen Reizen gegenueber vollftaendig bestaetigt und erweitert."

Alle diese brieflichen Aeusserungen wurden erst im November 1887 veroeffentlicht.

Das Wort „Protoplasma" kommt in ihnen nicht vor. Aber durch die hoechst bedeutsame, 1879 von Professor Karl Frommann in Jena gemachte Entdeckung von der Verbindung der einzelnen Pflanzenzellen miteinander mittelft Protoplasmafaeden gewinnen sie einen festen Untergrund. Ich habe seit vielen Jahren bei verschiedenen Anlaessen auf die ausserordentliche Aehnlichkeit des Protoplasma in der Thier-und Pflanzenzelle bezueglich ihrer Empfindlichkeit hingewiefen und seit mehr als zwei Jahrzehnten die Nothwendigkeit, alle pflanzlichen und thierischen Lebensvorgaenge auf das Protoplasma zurueckzufuehren, bemiesen. Frueher suchte man nach Nerben im Protoplasma der niedersten lebenden Wesen und der schon regelmaessig arbeitenden embryonischen Herzen im bebrueteten Ei und fand keine. Jesst muss man nach Protoplasma in den Nerven der hoeheren und hoechften Thiere suchen. Ohne Zweifel ist das Innere, das Lebendige in ihnen, der Axenfaden, protoplasmatischer Natur. Die alle lebenden Theile der Pflanze miteinander verknuepfenden seinsten Protoplasmafaeden, melche die Belweglichkeit and Empfindlichkeit der pflanzlichen Ensektenfresser ermoeglichen, gleichen functionell den alle lebenden Theile der Thiere miteinander verknuepfenden seinften Nervenfaeden, welche die thierische Bemeglichkeit und Empfindlichkeit ermoeglichen. Der Gedanke Darwin's, von einem Nervensystem der Pflanzen zu sprechen, hat heute nach dreissig Jahren erft seine volle Berechtigung erhalten. Beide, Thiere und Pflanzen, haben sich aus Protoplasma entwickelt und sind durch eine ungleiche Art der Arbeitstheilung so verschieden geworden, dass man ihren gemeinfamen Ursprung nur durch die genaueste Untersuchung ihrer in allen Wesentlichen uebereinstimmenden Protoplasmen erkennen kann. Durch derartige Experimentaluntersuchungen sind jesst fuer das in einer nachgewiesenen organischen Continuitaet in den Pflanzen vertheilte Protoplasma bereits Eigenschaften der

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Nervensubstanz der Thiere sicher festgestellt. Denn es ist reizbar, pflanzt die Erregung fort und loest Bewegungen aus. Es ist hoechst empfindlich gegen Licht und Waerme, gegen Beruehrung und gewisse Chemikalien in enormer Verduennung, sowie gegen elektrische Einwirkungen, und seine eigene elektromotorische Wirksamkeit aehnelt der der Nerven. Man sagt zwar nicht, dass der lebende Inhalt der Pflanzenzelle riecht, schmeckt, fuehlt und Licht und Waerme empfindet wie en Thier, aber man nennet ihn doch empfindlich. Und wenn man dem Thier Bewusstsein und Instincte, bei centralisirtem Nervensystem auch Selbstbemusstsein, zuschreibt, weil es empfindet, so kann dem Pflanzenprotoplasma ein niederer Grad von Bewusstsein und Instinct nicht abgesprochen werden, denn es verhaelt sich ebenfalls genau so als wenn es empfaende.

Eine Veroeffentlichung der Briefe, welche von Darwin in den Jahren 1832 bis 1835 an Professor Henslow gerichtet worden sind, und zwar von verschiedenen Punkten aus, die jener waehrend der Erdumseglung mit dem Beagle beruehrte, bleibt fuer eine andere Gelegenheit vorbehalten. Es liegen von diesen umfangreichen Briefen nur Auszuege vor, welche, wie bereits bemerkt wurde, als Manuscript auf des Adressaten Veranlassung in einer kleinen Anzahl von Exemplaren am 1. December 1835 gedruckt wurden, weil einige der geologischen Notizen darin in einer Sitzung einer gelehrten Gesellschaft zu Cambridge am 16. November 1835 besonderes Interesse erregten. Die Aeusserungen Darwin's is diesen Briefen muessen, wie Henslow mit Recht bemerkt, als erste Einfaelle eines Reisenden in Betreff dessen, was es sieght, betrachtet werden, ehe er noch Zeit hatte, seine Notizen mit der fuer Sammlungen zu untersuchen.

Wenn man aber bedenkt, dass die Briefe von dem jugendlichen Forscher waehrend der Reise selbst an Bord eines kleinen Schiffes ober under sehr unbequemen Verhaeltnissen, nach Stuermen an der Kueste geschrieben wurden, so wird man ihre Formlosigkeit dem Verfasser nicht veruebeln. Ueberhaupt hat Darwin waehrend seines ganzen Lebens sehr wenig bei Abfassung seiner Briefe auf die Form geachtet. Aber was er mittheilt, die vielen Entdeckungen, die er gemacht hat, die selbstaendigen Gedanken, welche sich ihm aufbraengten bie der Betrachtung der grossartigen Gebirgswelt Suedamerika's, der weite Blict, mit dem er vergangene und gegenwaertige Zeiten umspannte, die Kuehnheit seiner Combinationen bei dem Versuche, das Unvermittelte in Zusammenhang zu bringen, diese in seltenem Masse ihm eigenen Gaben treten schon in diesen Tagebuchblaettern in Briefform deutlich hervor. Es ist etwas ganz Ausserordentliches, wenn ein dreiundzwanzigjaehriger Insektensammler und Waldmann, welcher noch kurz vor seiner Abreise fuer das Studium der Theologie sich vorzubereiten begonnen hatte, die Entdeckung macht, dass der groesste Theil des suedamerikanischen Kontinents seit der Diluvialepoche dem Meere entstieg. Schon bei den Kap-Verdischen Inseln fiel ihm die Kuestenerhebung auf, und die Leichtigkeit, mit der bei seinen Wanderungen durch die Anden der erst angehende Geologe und Palaeontologe sich orientirte und die unmittelbaren Schlussfolgerungen aus seinen Beobachtungen am Pruesstein der Erfahrung erhaertete, ist wahrhaft genial.

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Desgleichen aber muss die Fuelle von Beobachtungen aus dem Gebiete der Zoologie und Botanik, welche schon im Jahre 1832 eine grosse Selbstaendigkeit Darwin's beweift, den Leser ueberraschen. Wenn auch erst nach der Rueckkunst die grundlegenden Gedanken fuer seine kuenftige reformatorische Naturanschauung von ihm zu Papier gebracht wurden, so erkennt man doch schon in diesen Briefen sein herforragendes Interesse an den unregelmaessigen Formen, welche in das starre System nicht passen wollen. Die Abweichungen, die Uebergaenge, die Veraenderungen, die Verwandtschaften der Thierformen aus fast allen Abtheilungen nehmen den jungen Sammler viel mehr in Anspruch, als die sogenannten guten Arten, und fuer die Erkenntniss der Uebereinstimmung fossiler Saeugethiere mit noch gegenwaertig in Suedamerika lebenden, eine der Grundlagen der ganzen Descendenzlehre, ist unverkennbar schon 1832 das thatsaechliche Material von Darwin gewonnen worden. Die uebrigen, bereits veroeffentlichten Reisebriefe schildern den ersten Eindruck, welchen die lebende und todte Welt waehrend der grossen Forschungsreise um die Erde auf den fuer alles Neue und Schoene in der Natur ausserordentlich empfaenglichen Begruender einer neuen und schoenen Naturwissenschaft gehabt haben.


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Citation: John van Wyhe, editor. 2002-. The Complete Work of Charles Darwin Online. (http://darwin-online.org.uk/)

File last updated 2 July, 2012