RECORD: Darwin, C. R. 1860. Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung, oder, Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe um's Daseyn. Translated by H. G. Bronn. Stuttgart: Schweizerbart.

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Charles Darwin,

Über die

ENTSTEHUNG DER ARTEN

im Thier- und Pflanzen-Reich

durch

natürliche Züchtung.

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Charles Darwin,

über die

ENTSTEHUNG DER ARTEN

im Thier- und Pflanzen-Reich

durch

a&tiirliehe Xüc&tang,

Erhaltung der vervollkommneten'Rassen im Kampfe ff um's Daseyn.

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Nach der zweiten Auflage, mit einer, geschichtlichen Vorrede und andern Zusätzen des Verfassers für diese deutsche Ausgabe

aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen

von

Dr. H. ©. Bronn.

Stuttgart

E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung und Druckerei.

1860.

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Inhalt.

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Vorrede des Verfassers. Sehe 1. Einleitung. S. 7.

Erstes Kapitel. Abänderung durch Domestizität. S. 13.

Ursachen der Veränderlichkeit. Wirkungen der Gewohnheit. Wechselbeziehungen der Bildung. Erblichkeit. Charaktere kullivirter Varietäten. Schwierige Unterscheidung zwischen Varietäten and Arten. Entstehung kullivirter Varietäten von einer oder mehren Arten. Zahme Tauben, ihre Verschiedenheiten und Entstehung. Frühere Züchtung und ihre Folgen. Plan-miissige und unbewusste Züchtung. Unbekannter Ursprung unsrer kultivirten Rassen. Günstige Umstände für das Zuchtungs-Vermögen des Menschen.

Zweites Kapitel. Abänderung im Natur-Zustande. ST 50.

Variabilität. Individuelle Verschiedenheiten. Zweifelhafte Arten. Weit verbreitete, sehr zerstreute und gemeine Arten variiren am meisten. Arten grössrer Sippen in einer Gegend beisammen variiren mehr, als die der Meinen Sippen. Viele Arten der grossen Sippen gleichen den Varietäten darin, dass sie sehr nahe aber ungleich mit einander verwandt sind und beschränkte Verbreitungs-Bezirke haben.

Drittes Kapitel. Der Kampf um's Daseyn. S. 65.

Stützt sich auf Natürliche Züchtung. Der Ausdruck im weitem Sinne gebraucht Geometrische Zunahme. Rasche Vermehrung naturalisier Pflanzen und Thiere. Natur der Hindernisse der Zunahme. Allgemeine Mit-bewerbuPE. Wirkungen des Klimas. Schutz durch die Zahl der Individuen. Verwickelte Beziehungen aller Thiere und Pflanzen in der ganzen Natur. Kampf auf Leben und Tod zwischen Einzelwesen und Varietäten einer Art, oft auch zwischen Arten einer Sippe. Beziehung von Organismus zu Organismus die wichtigste aller Beziehungen»

Viertes Kapitel. Natürliche Züchtung. S. 85.

Natürliche Auswahl zur Züchtung; — ihre Gewalt im Vergleich zu der des Menschen: — ihre Gewalt über Eigenschaften von geringer Wichtigkeit: — ihre Gewalt in jedem Alter und Über beide Geschlechter. — Sexuelle Zucht-

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wähl. — Ober die Allgemein!»!! der Ereuteung swischen Individuen der Biinlichen Art. — Umstände günstig oder ungünstig «r die Natürliche Züchtung, insbesondere KreuUung, Isolation und Individuen-Zahl. Langsame Wirkung.         Erlöschung durch Natürliche Züchtung verur-

sach!. — Divergenz des Charakters, in Bezug auf die Verschiedenheit der Bewohner einer kleinen Flache und auf Naturalisation. Wirkung der Natürlichen Züchtung auf die Abkömmlinge gemeinsamer Allem durch Divergent des Charakters und durch Unterdrückung. - - Erklärt die Gruppi-rung aller organischen Wesen*

Fünftes Kapitel. Gesetze der Abänderung. S. 142.

Wirkungen Süsserer Bedingungen. — Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe in Verbindung mit Natürlicher Züchtung; — Flieg- und Seh-Organc. - Akklimatiairung. — Wechselbeziehungen des Wachsthums. — Kompea-sation und Ökonomie der Enlwickelung. Falsche Wechselbeziehungen.

—  Vielrache, rudimentäre und wenig entwickelte Organisationen sind veränderlich. — in ungewöhnlicher Weise entwickelte Theile siud sehr veränderlich ; — spezifische mehr als Sippen-Charaktere. — Sekundäre Gc-schlcchts-Charaktere veränderlich. — Zu einer Sippe gehörige Arten variireh auf analoge Weise. —Rückkehr zu längst verlornen Charakteren.

—   Summarium.

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Sechstes Kapitel. Schwierigkeiten der Theorie. S. 181.

Schwierigkeiten der Theorie einer abändernden Nachkommenschaft. — Übergänge. — Abwesenheit oder Seltenheit der Zwischenabänderungen. — Übergänge in der Lebensweise. — Difl'erenzirte Gewohnheiten in einerlei Art. — Arten mit Sitten weit abweichend von denen ihrer Verwandten. Organe von äusserster Vollkommenheit. — Mittel der Übergänge. — Schwierige Falle. — Natura non facit sah um. — Organe von geringer Wichtigkeit. — Organe nicht in allen Fällen absolut vollkommen. — Das Gesetz von der Einheit des Typus und den Existenz-Bedingungen enthalten in der Theorie der Natürlichen Züchtung.

Siebentes Kapitel. Instinkt. S. 217.

Instinkte vergleichbar mit Gewohnheiten, doch andern Ursprungs. — Abstufungen. — Blattläuse und Ameisen. — Instinkte veränderlich. — Instinkte gezähmter thiere und deren Entstehung. — Natürliche Instinkte des Kuckucks, des Strausses und der parasitischen Bienen. — Sklaven-machcnde Ameisen. - Honigbienen und ihr Zellenbau-Ins linkt. — Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher Züchtung in Bezug auf Instinkt. — Geschlechtlose oder unfruchtbare Insekten. — Zusammenfassung.

Achtes Kapitel. Bastard-Bildung. S. 254. Unterschied «wischen der Unfruchtbarkeit bei der ersten Kreutzung und der Unfruchtbarkeit der Bastarde. — Unfruchtbarkeit der Stufe nach veränderlich nicht allgemein; durch Inzucht vermehrt und durch Zähmung vermindert. — Gesetze t für, die Unfruchtbarkeit der Bastarde, rr Unfruchtbarkeit keine

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besondre Eigenthümlichk eil.' sondern mit andern Verschiedenheiten zusammenfallend. — Ursachen der Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der Bastarde. — Parallelismus zwischen den Wirkungen der veränderten Lebcns-B cd in gungen und der Kreutzung. — Fruchtbarkeit miteinander gebremster Varietäten und ihrer Blendlinge nicht allgemein. —Bastarde und Blendlinge unabhängig von ihrer Fruchtbarkeil verglichen. — Zusammenfassung.

Neuntes Kapitel. Unvollkommenheit der Geologischen Überlieferungen. S. 288.

Mangel mittler Varietäten zwischen den heutigen Formen. — Natur der erloschenen Mittel-Varietuten und deren Zahl. — Länge der Zeit-Perioden nach Maasgabe der Ablagerungen und Enlblössungen. — Armulh unsrer paläontologischen Sammlungen. — Unterbrechung geologischer Formationen. —-Abwesenheit der Mittel-Varietäten in allen Formationen. — Plötzliche Erscheinung von Arten-Gruppen. — Ihr plötzliches Auftreten in den ältesten Fossilien-führenden Schichten.

Zehntes Kapitel. Geologische Aufeinanderfolge organischer

Wesen. S. 318.

Langsame und allmähliche Erscheinung neuer Arten. — Ungleiches Maass ihrer Veränderung. — Einmal untergegangene Arten kommen nicht wieder zum Vorschein. — Arten-Gruppen folgen denselben allgemeinen Regeln des Auftretens und Verschwindens. wie die einzelnen Arten. — Erlöschen der Arten1. — Gleichzeitige Veränderungen der Leben formen auf der ganzen Erd-Oberflnche. — Verwandtschaft erloschener Arten mit andern fossilen und mit lebenden Arten. Entwickelungs-Slufe aller Formen. — Aufeinanderfolge derselben Typen im nämlichen Länder-Gebiete. — Zusammenfassung des jetzigen mit früheren Abschnitten.

Eilftes Kapitel. Geographische Verbreitung. S. 353.

Die gegenwärtige Verbreitung der Organismen lässt sich nicht aus den natürlichen Lebens-Bedingungen erklären. - - Wichtigkeit der Verbreitungs-Schranken. — Verwandtschaft der Erzeugnisse eines nämlichen Kontinentes. — Schöpfungs-Mittelpunkte. — Ursachen der Verbreitung sind Wechsel des Klimas, Schwankungen der Boden-Hohe und mitunter zufällige. — Die Zerstreuung während der Eis-Periode über die ganze Erdoberfläche erstreckt.

Zwölftes Kapitel. Geographische Verbreitung (Fortsetzung). S. 387.

Verbreitung der Süsswasser-Bewohner. — Die Bewohner der ozeanischen Inseln. — Abwesenheit von Batracniern und Land-Sfiugthieren. — Beziehungen zwischen den Bewohnern der Inseln und der nächsten Festländer. — Ober Ansiedelung aus den nächsten Quollen und nachherige Abänderung. - Zusammenfassung der Folgerungen aus dem letzten und dem gegenwärtigen 'Kapitel.

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Dreizehntes Kapitel. Wechselseitige Verwandtschaft organischer Körper; Morphologie; Embryologie: Rudimentäre Organe. S. 415. Klassifikation: Unterordnung der Gruppen. — Natürliches System. — Regeln und Schwierigkeiten der Klassifikation erklärt aus der Theorie der Fortpflanzung mit Abänderung. — Klassifikation der Varietäten. — Abstammung bei der Klassifikation gebraucht.' — Analoge oder Anpassungs-Gha-raktere. — Verwandtscharten: allgemeine, verwickelte und strahlenförmige. - ; Erlöschung trennt und begrenzt die Gruppen. — Morphologie: zwischen Gliedern einer Klasse und zwischen Thcilcn eines Einzelwesens. — Embryologie: deren Gesetze daraus erklärt, dass Abänderung nicht in allen Lcbens-Allerii eintritt, aber in korrespondirendem Alter vererbt wird. — Rudimentäre Organe: ihre Entstehung erklärt. — Zusammenfassung.

Vierzehntes Kapitel. Allgemeine Wiederholung und Schluss. S. 462.

Wiederholung der Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher Züchtung* — Wiederholung der allgemeinen und besondern Umstände, zu deren Gunsten1. — Ursachen des allgemeinen Glaubens an die Unvcränderlichkeit der Arten.

—   Wie weit die Theorie Naturlicher Züchtung auszudehnen. — Folgen ihrer Annahme für das Studium der Naturgeschichte. — Schluss-Beraer-kungen.

Fünfzehntes Kapitel«. Schlusswort des Übersetzers. S. 495.

Eindruck und Wesen des Buches. —Stellung des Übersetzers zu demselben.

—  Zusammenfassung der Theorie des Verfassers. — Einreden des Übersetzers. — Aussicht auf künftigen Erfolg.

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«j.€i*. Vorrede des Verfassers*.

Ich will hier versuchen, eine kurze und sehr unvollkommene! Skizze von der Entwicklung der Meinungen über die Entstehung der Species zu geben. Die grosse Mehrzahl der Naturforscher hat geglaubt, Arten seyen unveränderliche Erzeugnisse und jede einzelne für "sich erschaffen: diese Ansieht ist von vielen Schriftstellern mit Geschick vertheidigt worden. Nur wenige Naturforscher und Andre, welche aus der Naturgeschichte nie ein besonderes Studium gemacht, glauben dagegen, dass Arten einer Veränderung unterliegen, und dass die jetzigen Lebenformen durch wirkliche Zeugung aus andern früher vorhandenen Formen hervorgegangen sind. Abgesehen von den Schriftstellern der klassischen Periode/ so wie von Demaulet und Buffon, mit deren Schriften ich nicht vertraut bin, War Lamarck der erste, dessen Meinung, dass Arten sich verändern, Aufsehen erregte. Dieser mit Recht gefeierte Naturforscher veröffentlichte seine Zoologie philosophique im Jahre 1809 und seine Einleitung in die Naturgeschichte der Wirbel-losen Thiere im Jahre 1815, in welchen Schriften er die Lehre von der Abstammung der Arten von einander aufstellt. Er scheint hauptsächlich durch die Schwierigkeit Arten und Varietäten von einander zu unterscheiden, durch die fast ununterbrochene Stufenreihe der Formen in manchen Gruppen und durch die Analogie mit unsren Züchtungs - Erzeugnissen zu dieser Annahme geführt worden zu seyn. Was die Mittel betrifft, wodurch die Umwandlung der Arten, in einander bewirkt werden,

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* Eine Zugabe des Verfassers zur deutschen Obersetzung, veranlasst durch die Bemerkungen des Übersetzers bei der ersten Anzeige dieser Schrift im N. Jahrbuch für Mineralogie I&60. 112. Sie IM datirt von Doirn. Brom* f*y, AVw/. im Februar 1860.

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,„ nhreibt er Einiges auf Rechnung der äusseren Lebens-Bedingungen, Einiges auf die einer Kreutzung der Formen und leitet das Meiste von dem Gebrauche und Niehtgebrauche der Organe oder der Wirkung der Gewohnheit ab. Dieser letzten Krall scheint er all' die schönen Anpassungen in der Natur zuzuschreiben, wie z. B. den langen Hals der Giraffe, der sie in den Stand setzt, die Zweige grosser Blume abzuweiden. Doch nahm er zugleich ein Gesetz fortschreitender Enlwickelung an, und da hiernach alle I.ebciilonnen fortzuschreiten gestrebt, so war er, um von dem Daseyn sehr einfacher Natur-Erzeugnisse auch in unsren Tagen Rechenschaft zu geben, noch eine Generatio spon-tanea zu Hülfe zu rufen gennthigt *.

Gf.oferoy Saint-Hihirk. vermulhclc. wie sein Sohn in dessen Lebens-Beschreibung berichtet, schon ums Jahr 1795, dass unsre sogenannten Species nur Ausartungen eines und des nämlichen Typus seyen. Doch erst im Jahre 1828 veröffentlichte er seine Überzeugung **, dass sich die Formen nicht in unveränderter Weise seit dem Anfang der Dinge fortgepflanzt haben. Geofkrov scheint die Ursache der Veränderungen hauptsächlich in dem «Monde ambiant" gesucht zu haben. Doch war er vorsichtig in dieser Beziehung, und sein Sohn sagt: »C'est donc im probleme ä reserrer enlieremenl ä l'arenir. suppose meine, que l'aeenir doiee aroir prise sur lui".

In England erklarte der Hochwürdige W. Hf.rbkrt, nach-heriger Dechant von Manchester, in seinem Werke über die Amaryllidaceae (1837, S. 1, 19, 339), es seye durch Horlicultur-Versuche unwiderlegbar dargethan. dass Pflanzen-Arten nur eine höhere und beständigere Stufe von Varietäten seyen. Er dehnt die nämliche Ansicht auch auf die Thiere aus. Der Dechant ist der Meinung, dass anfangs nur einzelne Arten jeder Sippe von

Es ist sonderbar zu sehen, wie vollständig mein (irossvater l)r. Ebassis Damviü diese irrigen Ansichten schon in seiner Zoonomia (vol. I. pg. 500 —510), welche im Jahre 1791 erschienen ist, antizipirt hatte.         D. Vf.

" Bekanntlich kam er in der Akademie mehrmals zu heftigen Auftritten noch mit frau. welcher die Beständigkeit der Species gegen ihn verlheidigte.

D. Übers.

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einer sehr bildsamen Beschaffenheit geschaffen worden seyen. und dass diese sodann durch Kreutzung und Abänderung alle unsre jetzigen Arten erzeugt haben.

Im Jahre 1843 — 44 hat Professor Haldeman zu Boston in den Vereinten Staaten die Gründe für und gegen die Hypothese der Entwickelung und Umgestaltung der Arten in angemessener Weise zusammengestellt (im Journal of Natural History, toi. IV, p. 468) und scheint sich mehr zur Ansicht für die Veränderlichkeit zu neigen.

Die Vestiges of Creation sind zuerst 1844 erschienen. In der letzten oder zehnten und sehr verbesserten Ausgabe (1853, p. 155) sagt der ungenannte Verfasser: »das auf reichliche Erwägung gestützte Ergebniss ist, dass die verschiedenen Reihen beseelter Wesen von den einfachsten und idtesten an bis zu den höchsten und neuesten die unter Gottes Vorsehung gebildeten Erzeugnisse sind: 1) eines den Lebenformen ertheilten Impulses, der sie in abgemessenen Zeiten auf dem Wege der Generation von einer zur anderen Organisations-Slufe bis zu den höchsten Uikolylcdonen und VVirbclthieren erhebt, — welche Stufen nur wenige an Zahl und gewöhnlich durch Lücken in der organischen Reihenfolge von einander geschieden sind, die eine praktische Schwierigkeit bei Ermittelung der Verwandtschaften abgeben; — 2) eines andren Impulses, welcher mit den Lebenskräften zusammenhangt und im Laufe der Generationen die organischen Gebilde in Übereinstimmung mit den äusseren Bedingungen, wie Nahrung. Wohnort und meteorische Kräfte, abzuändern strebt; Diess sind die »Anpassungen der Natural-Theologen". Der Verlasser ist offenbar der Meinung, dass die Organisation sich durch plötzliche Sprünge vervollkommne, die Wirkungen der äusseren Lcbcns-Bedingungeu aber stufenweise seyen. Er folgert mit grossem Nachdruck aus allgemeinen Gründen, dass Arten keine iiii\rnni derlichen Produkte seyen. Ich vermag jedoch nicht zu ersehen, \\i<' die unterstellten zwei »Impulse" in einem wissenschaftlichen Sinne Rechenschaft geben können von den zahlreichen und schonen Aii|iM-siiiigcu. welche wir allerwarts in der ganzen Natur er-iilickrn: ich rannag steht m erfceaaan, dass wir dadurch m

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Einsicht gelangen, wie z. B. die Organisation des Spechtes seiner nosondern Lebensweise angepasst worden ist. Das Buch hat sieh durch seinen glänzenden und hinreissenden Styl sofort eine sehr weile Verbreitung errungen, obwohl es in seinen früheren Auflagen ungenaue Kenntnisse und einen grossen Mangel an wissenschaftlicher Vorsicht verrieth. Nach meiner Meinung hat es vortreffliche Dienste dadurch geleistet, dass es in unsrem Lande die Aufmerksamkeit auf den Gegenstand lenkte und Vorurlheile beseitigte.

Im Jahre 1846 veröffentlichte der Veteran« unter den Geologen. ii'Omu.iis h'Hm.i.oy. hl einem vortrefflichen kurzen Aufsatze Um Bulletin de l'Aeademie Boy. de Bnnelles. Tome XIII. p. 581) seine Meinung, dass es wahrscheinlicher seye, dass neue Arten durch Descendenz mit Abänderung des alten Charakters hervorgebracht . als einzeln geschahen worden seyen: er hatte diese Ansicht zuerst im Jahre 18.11 aufgestellt.

Isidouk Geoferoy St.-Hii.aire spricht in seinen im Jahre 1850 gehaltenen Vorlesungen (von welchen ein Auszug in Rente et Magazin de Zoologie 1851, Jan. erschien) seine Meinung über Allen-Charaktere kürzlich dahin aus, dass sie »für jede Art feststehen, so lange als sich dieselbe in Mitten der nämlichen Verhältnisse fortpflanze, dass sie aber abändern, sobald die äusseren I.ebens-Bedingungen wechseln«. Im Ganzen »zeigt die Beobachtung der wilden Thiere schon die beschränkte Veränderlichkeit der Arten. Die Versuche mit gezähmten wilden Thieren und mit verwilderten Haussieren zeigen Diess noch deutlicher. Dieselben Versuche beweisen auch, dass die hervorgebrachten Verschiedenheiten vom Werlhe derjenigen seyn können, durch welche wir Sippen unterscheiden«.

Ili'uii r.i Spencer hat in einem Versuche (welcher zuerst im Leader vom März t852 und später in Spencers Essays 1858 erschien) die Theorie der Schöpfung und die der Entwicklung organischer Wesen in vorzüglich geschickter und wirksamer Weise einander gegenübergestellt. Er folgert aus der Analogie mit den Züchtungs-Erzeugnissen, aus den Veränderungen welchen die Embryonen vieler Arten unterliegen, aus der Schwierigkeit Arten und Varietäten zu unterscheiden. >» wie endlieb um dein

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Prinzip einer allgemeinen Stufenfolge in der Natur, dass Arten abgeändert worden sind, und schreibt diese Abänderung dem Wechsel der Umstände zu. Derselbe Verfasser hat 1855 die Psychologie nach dem Prinzip einer notliwendig stufenweisen Erwerbung jeder geistigen Krall und Fähigkeit bearbeitet.

Im Jahre 1H52 hat Nauuin, ein ausgezeichneter Botaniker* (in der Rerue horticole. p. 102) ausdrücklich erklär!,, dass nach seiner Ansicht Arten in analoger Weise von der Natur, wie Varietäten durch die Kultur, gebildet worden seyen. Er zeigt aber nicht, wie die Züchtung in der Natur wirkt. Er nimmt wie Dechant Herbert an, dass die Arten anfangs bildsamer waren als jetzt, legt Gewicht auf sein sogenanntes Prinzip der Finalilat, eine unbestimmte gelieimnissvolle Kraft, gleichbedeutend mit blinder Vorbestimmung für die Einen, mit Wille der Vorsehung für die Andern, durch deren unausgesetzten Einfluss auf die lebenden Wesen in allen Weltaltern die Form, der Umfang und die Dauer eines jeden derselben je nach seiner Bestimmung in der Ordnung der Dinge, wozu es gehört, bedingt wird. Es ist diese Kraft, welche jedes Glied mit dem Ganzen in Harmonie bringt, indem sie dasselbe der Verrichtung anpasst, welche es im Gesainmt-Organismus der Natur zu übernehmen hat, einer Verrichtung, welche für dasselbe Grund des Daseyns ist.

Im Jahre 1853 hat ein berühmter Geologe, Graf Keyserling (im Hulletin de la SocieU geologique, totne X. p. 3;">7) die Meinung vorgebracht, dass zu verschiedenen Zeiten eine Art Seuche durch irgend welches Miasma veranlasst, sich über die Erde verbreitet und auf die Keime der bereits vorhandenen Arten chemisch eingewirkt habe, indem sie dieselben mit irgend welchen Molecülen von besonderer Natur umgab und hiedurch die Entstehung neuer Formen veranlasste!

Die »Philosophie der Schöpfung" ist 1858 in bewundernswürdiger Weise durch den Hochwürdigeii Bades-I'ovu.ii. (in seinen Essay* an Ihe l iiily of ilorlils) behandelt worden. Er zeigt auf die triftigste Weise, dass die Einführung neuer Arten »eine

I.kcoq. pin Rnilrcr famiftsisrlirr BotiillikiT, hüll, wie ich glube, iilmlirhp \n,n lilrii mImt Ae Pnrl|ifl;Muiing niul I'iiijiihIitiiiii: dir Wien IVst. |). Vf.

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der. wie Sir Im Hm.s.-iiki. es ausdruckt, »eine Nalur- im Gegensätze einer \\'imdn Irselieinung« ist. Ich glaube, dass das genannte Werk in,hl ,,il,lill haben kann einen grossen Eindruck auf jeden philosophischen Geist zu machen.

Aufsätze von Herrn Wai.lace und mir selbst im dritten Theile des Jourmil of Uta Linnean Society (August i868) stellen zm i.-l. wie in dir Kinleitung zu diesem Band gesagt wird, die Theorie der Natürlichen Züchtung auf.

Im Jahre (SM hielt Professor IIixlkv einen Vortrag vor der Royal Institution über den bleibenden Typus des Thier - Lebens. In Bang auf derartige Falle bemerkt er: »Es ist schwierig die Bedeutung solcher Thatsachen zu begreifen, wenn wir voraussetzen, dass jede Pflanzen- und Thier-Arl oder jeder grosse Organisalions-Typus nach langen Zwischenzeilen durch je einen besondren Akt der Schopfungs-Kraft gebildet und auf die Erd-Oberfläche versetzt norden seye: und man muss nicht vergessen, dass eine solche \iiiiilniie weder in der Tradition noch in der Offenbarung eine SHHM findet, wie sie denn auch der allgemeinen Analogie in der Natur zuwider ist. Betrachten wir anderseils die »persistenten Typen" in Bezug auf die Hypolhesc, womach die zu irgend einer Zeit vorhandenen Wesen das Ergebniss allmählicher Abänderung schon früherer Wesen sind — eine Hypothese, welche, wenn auch unerwiesen und auf klägliche Weise von einigen ihrer Anhänger verkümmert, doch die einzige ist, der die Physiologie einigen Hall verleiht *- so scheint das Daseyn dieser Typen zu zeigen, dass der Betrag von Abänderung, welche lebende Wesen während der geologischen Zeit erfahren haben, sehr gering ist im Vergleich zu der ganzen Reihe von Veränderungen, welchen sie ausgesetzt gewesen-«ind.«

Im November 1659 ist die erste Ausgabe dieses Werkes erschienen. Im Dezember ls:>9 veröffentlichte Dr. Hooker seine bewundernswürdige Einleitung in die Tasmanische Flora, in deren erstem Theile er die Entstehung der Arten durch Abkommenschart und Umänderung von andern zugesteht und diese Lehre durch viele schätzbare Original-Beobachtungen unterstützt.

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Einleitung-.

Als ich an Bord des Königlichen Schiffs »Beagle« als Naturforscher Südamerika erreichte, ward ich überrascht von der Wahrnehmung gewisser Thatsachen in der Verkeilung der Bewohner und in den geologischen Beziehungen zwischen der jetzigen und der früheren Bevölkerung dieses Weltthcils. Diese Tatsachen schienen mir einiges Licht über die Entstehung der Arten zu verbreiten, diess Geheimniss der Geheimnisse, wie es einer unsrer griissten Philosophen genannt bat. Nach meiner Heimkehr im Jahre 1837 schien es mir, dass sich etwas über diese Frage müsse ermitteln lassen durch ein geduldiges Sammeln und Erwägen aller Arten von Thatsachen, welche möglicher Weise etwas zu deren Aufklarung beitragen könnten. Nachdem ich Diess fünf Jahre lang gethan, getraute ich mich erst eingehender über die Sache nachzusinnen und einige kurze Bemerkungen darüber niederzuschreiben, welche ich im Jahre /S-S4 weiter ausführte, indem ich die Schlussfolgerungen hinzufügte, welche sich mir als wahrscheinlich ergaben, und von dieser Zeit an war ich mit beharrlicher Verfolgung des Gegenstandes beschäftigt. Ich hoffe, dass man die Anführung dieser auf meine Person bezüglichen Einzelnheiten entschuldigen wird: sie sollen zeigen, dass ich nicht übereilt zu einem Entschlüsse gelangt bin.

Mein Werk ist nun nahezu vollendet; aber ich will mir noch zwei oder drei weilre Jahre Zeit lassen um es zu ergänzen; und da meine Gesundheit keinesweges lest ist, so sah ich mich zur Veröffentlichung dieses Auszugs gedrängt. Ich sah mich noch um so mehr dazu veranlasst, als Herr Wallach, welcher jetzt die Naturgeschichte der Malayischen Inselwell studirt, zu fast genau denselben allgemeinen .Schlussfolgerungen über die Arten-

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Bildung gelangt ist. MMN JttT sandte er mir eine Abh—dl—j darüber mit der Bitte zu. sie Herrn Chables Lyell zuzustellen. «rlcher sie der LisNEisehen Gesellschaft illiersandte. in deren Journal sie nun im dritten Bande abgedruckt wurden ist. Herr Lvr.u nwohl als Dr. Hookkb, welche beide meine Arbeil kennen (der 1,-i/ir hat meinen Entwurf von 1844 gelesen), beehrten mich indem sie du Wunsch ausdrückten, ich iniige einen kurzen Auszug aus meinen Handschriften zugleich mit Wahack's Abhandlung veröffentlichen.

Dieter Auszug, welchen ich hiemit der Lesewell vorlege, muss nothwendig unvollkommen seyn. Er kann keine Belege und Autoritäten für meine verschiedenen Feststellungen beibringen, und ich muss den Leser ansprechen einiges Vertrauen in meine Genauigkeit zu setzen. Zweifelsohne mögen Irrlhümcr mit untergelaufen seyn: doch glaube ich mich überall nur auf verlassige Autoritäten berufen zu haben. Ich kann hier überall nur die allgemeinen Schlussfolgerungen anführen, zu welchen ich gelangt bin. in Begleitung von nur wenigen erläuternden Thalsachen, die aber, wie ieli hoffe, in den meisten Fallen genügen werden. Niemand kann mehr als ich selber die Nothwendigkeil fühlen, alle Thatsachen. aufweiche meine Scblussfolgerungen sich stützen, mit ihren F.inzelnheilen bekannt zu machen, und ich hoffe Diess in einem künftigen Werke zu Ihun. Denn ich weiss wohl, dass kaum ein Punkt in diesem Buche zur Sprache kommt, zu welchem man nicht Thatsachen anführen könnte, die oft zu gerade entgegengesetzten Folgerungen zu führen scheinen. Ein richtiges Ergebniss lasst sich aber nur dadurch erlangen, dass man alle Erscheinungen und Gründe zusammenstellt, welche für und gegen jede einzelne Frage sprechen, und sie dann sorgfältig gegen einander abwagt, und Diess kann nicht wohl hier geschehen.

Ich muss bedauern nicht Raum zu finden, um so vielen Naturforschern meine Erkenntlichkeil für die Unterstützung auszudrücken, die sie mir, mitunter ihnen persönlich ganz unbekannt, in uneigennützigster Weise zu Theil werden Hessen. Doch kann ich diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne wenigst.... die grosse Verbindlichkeit anzuerkennen, welche ich Dr. Hookerj

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dafür schulde, dass er mich in den letzten fünfzehn Jahren in jeder möglichen Weise durch seine reichen Kenntnisse und sein ausgezeichnetes Urtheil unterstützt hat.

Wenn ein Naturforscher über die Entstehung der Arten nachdenkt, so ist es wohl begreiflich, dass er in Erwägung der gegenseitigen Verwandtschafts-Verhältnisse der Organismen, ihrer embryonalen Beziehungen, ihrer geographischen Verbreitung, ihrer geologischen Aufeinanderfolge und andrer solcher Thatsachen zu dem Schlüsse gelangen könne, dass jede Art nicht unabhängig von andern erschaffen seye, sondern nach der Weise der Varietäten von andern Arten abstamme. Demungcachtet dürfte eine solche SchliissfoIgenin<r. selbst wenn sie richtig wäre, kein Genüge leisten, so lange nicht nachgewiesen werden kann, auf welche Weise die zahllosen Arten, welche jetzt unsre Erde bewohnen, so abgeändert worden seycn, dass sie die jetzige Vollkommenheit des Baues und der Anpassung für ihre jedesmaligen Lebens-Verhältnisse erlangten, welche mit Recht unsre Bewunderung erregen. Die Naturforscher verweisen beständig auf die äusseren Bedingungen, wie Klima, Nahrung u. s. w. als die einzig möglichen Ursachen ihrer Abänderung. In einem sehr beschränkten Sinne kann, wie wir später sehen werden, Diess wahr seyn. Aber es wäre verkehrt, lediglich äusseren Ursachen z. B. die Organisation des Spechtes, die Bildung seines Fusses, seines Schwanzes, seines Schnabels und seiner Zunge zuschreiben zu wollen, welche ihn so vorzüglich befähigen, Insekten unter der Rinde der Bäume hervorzuholen. Eben so wäre es verkehrt, bei der Mistel-Pflanze, die ihre Nahrung aus gewissen Bäumen zieht, und deren Saamen von gewissen Vögeln ausgestreut werden müssen, wie ihre Blüthen. welche getrennten Geschlechtes sind, die Thätigkeit gewisser Insekten zur Übertragung des Pollens von der männlichen auf die weihliche Bliithe voraussetzen, die organische Einrichtung dieses Parasiten mit seinen Beziehungen zu jenen verschiedenerlei organischen Wesen als eine Wirkung äussrer Ursachen oder der Gewohnheit oder des Willens der Pflanze selbst anzusehen.

Es ist daher von der grössten Wichtigkeit eine klare Einsicht

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mi Hl Millcl 7.U gewinnen, durch welche solche I iiiiii..i«rniiLMii und Anpassungen bewirkt werden. Beim Beginne meiner Be-lllmtlimni schien es mir wHhrscheinlich. dass ein sorgfältiges Studium der Hauslhierc und Kultur- Pflanzen die beste Aussicht auf Losung dieser schwierigen Aufgabe gewahren wurde. Und ich habe mich nicht getauscht, sondern habe in diesem wie in allen andern \er»ii kellen Kullen immer gefunden, dass unsre Erfahrungen über die im goziihmleii und angebauten Zustande erlösenden Veränderungen der l.ebcnwcsen immer den besten und sichersten Aufschluss gewahren. Ich stehe nicht an meine I luM/.eiigung von dein hohen Worlhe solcher von den Naturforschern gewöhnlich sehr vernachlässigten Studien auszudrücken. Aus diesem eirunde widme ich denn auch das erste Kapitel dieses Auszugs der Abänderung im Kullur-Zustande. Wir werden daraus ersehen, dass erbliche Abänderungen in grosser Ausdehnung wenigstens möglich sind, und, was nicht minder wirhtig. dass das VtnuÖgCU) des Menschen, geringe Abänderungen durch deren ausschliessliche Auswahl zur Nachzucht, d. h. durch künstliche Züchtung* zu häufen, sehr beträchtlich ist. Ich werde dann zur Veränderlichkeit der Lebenwesen im Na'ur- Zustande übergehen: doch bin ich unglücklicher Weise gcnothigl diesen Gegenstand viel zu kurz abzuthun, da er angemessen eigentlich nur durch Mittheilung langer Listen von Thatsacheii behandelt werden kann. Wir werden demungeachtet im Slande seyn zu erörtern. was für Imstande die Abänderung am meisten befördern. Im nächsten Abschnitte soll der Kanipf ums Da seyn unter den organischen Wesen der ganzen Welt abgehandelt werden, welcher unvermeidlich aus ihrem hoch geometrischen Zunahme-Vermögen hervorgehl. Es ist Diess die Lehre

Durch „Z ii r h I ii n »" »erde ich den slels wiederkehrenden Englische« Ausdruck „Seleclion" übertragen, welcher in gegenwärtigem Sinne auch in Kfltmd nicht gebrauchlich und desshalb dort angegriffen worden ist. Richtiger wäre wohl „Auswahl cur Züchtung" gewesen, zumal bei der „Züchtung" auch noch Anderes als die Auswahl der Zuehl-Thiere allein in Betracht kommen kann, doch ist Diess von wohl nur untergeordnetem Interesse. Zuweilen entspricht jedoch eine Chersctiung etwa durch das neu tu bildende Wort „Zuchtwahl" wirklich hesser. insbesondre bei Übertragung des Ausdrucks „Sexual telection".                                                           0

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von Mai.thus auf das ganze Thier- und Pflanzen-Reich angewendet. Da viel mehr Einzelwesen jeder Art geboren werden, als fortleben können, und demzufolge das Ringen um Existenz besliindig wiederkehren muss, so folgt daraus, dass ein Wesen, welches in irgend einer für dasselbe vortheilhaften Weise von den übrigen auch nur etwas abweicht, unter manchfachen und oft veränderlichen Lebens-Bedingungen mehr Aussicht auf Fortdauer hat und demnach bei der Natürlichen Züchtung im Vortheil ist. Eine solche zur Nachzucht ausgewählte Varietät strebt dann nach dem strengen Erblichkeits - Gesetze jedesmal seine neue und abgeänderte Form fortzupflanzen.

Diese Natürliche Züchtung ist ein llauptgegenstnnd, welcher im vierten Kapitel etwas weitläufiger abgehandelt werden soll; und wir werden dann finden, wie die Natürliche Züchtung gewöhnlich die unvermeidliche Veranlassung zum Erloschen minder geeigneter Lebenformen wird und herbeiführt, was ich Divergenz des Charakters* genannt habe. Im nächsten Abschnitte werden die zusammengesetzten und wenig bekannten Gesetze der Abänderung und der Wechselbeziehungen in der Entwickelung besprochen. In den vier folgenden Kapiteln sollen die auffälligsten und bedeutendsten Schwierigkeilen unsrer Theorie angegeben werden, und zwar erstens die Schwierigkeiten der Übergänge, oder wie es zu begreifen ist. dass ein einlaches Wesen oder Organ verwandelt und in ein hoher entwickeltes Wesen oder ein hoher ausgebildetes Organ umgestaltet werden kann: «Wartens der Instinkt oder die geistigen Fähigkeiten der Thierc: drittens die Kreutzung oder die Unfruchtbarkeit der gekreutzten Species und die Fruchtbarkeit der gekreutzten Varietäten; und viertens die l'n-vollkominenheit der geologischen Urkunde. Im nächsten Abschnitte werde ich die geologische Aufeinanderfolge der Organismen in der Zeit betrachten; im eilften und zwölften deren geographische Verbreitung im Räume; im dreizehnten ihre Klassifikation und gegenseitigen Verwandtschaften im reifen wie im Embiyo-Ztistande.

° Amilog mit derjenigen Kr.seheinung. weicht' in meinen Morphologischen Studien „UifTerenzirung der Organe" geniinnt worden ist.                 D. Tbrs.

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Im lerne, Abschnitte endlich werde ich eine kurze Zusammen fassung des Inhaltes des ganzen Werkes mil einigen Mim Bemerkungen geben.

Ihiruher. dass noeh so Vieles über die Entstehung der Arien und Vnriei.deu unerklärt bleibe, wird sieb niemiind wundern, wenn er unsre liefe Unwissenheit hinsichtlieh der Wechselbeziehungen all" der um uns her lebenden Wesen in Belrachl riebt, Wie kann man erklaren, dass eine Art in grosser Anzahl und weiler Verbreitung \oikmiiiiil. wahrend ihre nächste Verwandle seilen und auf engen Raum beschrankt ist? Und doch sind diese Beziehungen von der höchsten Wichligkeil, insoferne vir die gegenwarlige Wohlfahrl und, wie ich glaube das künftige (Matal iiml die Modifikation eines jeden Bewohners der Well bedingen. Aber noch viel weniger Kennlniss haben wir von den Wechselbeziehungen der unzähligen Bewohner dieser Knie wahrend der zahlreichen Perioden ihrer einsligen Bildungs-(leschiehle. Wenn daher auch noeh Vieles dunkel ist und noch lange dunkel bleiben wird, so zweifle ich nach den sorgfältigsten Studien und dem anbefwucaaftM l'rlheile. deren ich fähig bin, doch nicht daran, dass die Meinung, welche die meisten Naturforscher hegen und auch ich lange gehabt habe, als wäre nnmlich jede Spezies unabhängig von den übrigen erschaffen worden, eine irrlhümlirhe sey. Ich hin vollkommen überzeugt, dass die Arten nicht unveränderlich sind: dass die zu einer sogenannten Sippe * zusammengehörigen Arien in einer Linie von anderen gewohnlich erloschenen Arien abstammen, in der nämlichen Weise, wie die anerkannten Varietäten einer Art Abkömmlinge dieser Species sind. Endlieh bin ich überzeugt, dass Natürliche Züchtung das hauptsachlichste wenn auch nicht einzige Mittel zu Abänderung der Lebenformen gewesen ist.

Ich wühle da* Om'aclM Wnrl „Sippe" für Bau», »eil das Deutsche Won „fiesehlechr seiner iwcifarhen Bedeutung wegen hier ihn Versl.indniss MM -eilen erschweren würde. Leider hesilr.en wir keinen ähnlichen Ausweg, der Missilrulung des ebenfalls .weisinnigen Wortes „Art" zu entgehen, welches bald tar Sprcies und bald für das Englische CM", angewendet werden «,„,,.                                                                          V.\)bm.

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Erstes Kapitel, Abänderung: durch Domestizilät-

Drucken der Veränderlichkeit. Wirkungen der Gewuhnheil. Wcchsrlbciiehun-gen der Bildung. Erblichkeit Charaktere kullivirter Varietäten. Schwierige Unterseheidung /.wischen Varietäten und Arien. Entstehung kultivirter Varietäten von einer oder mehren Arten. Zahme Tauben, ihre Verschie-denheiten und Entstehung. Frühere Züchtung und ihre Folgen. Plan-massige und ulibewusstc Züehtung. Cnbekanntcr l'rsprung unsrer kultivirleu Hassen, liun.sline l'mslaitde für das Ziuhümiis-Vermögen des Mensehen.

Wenn wir die Einzelwesen einer Varieliil oder Untervarie-tat unsrer allen Kultur-Pflanzen und -Thiere belrachten, so ist einer der Punkte, die uns zuerst auffallen, dass sie im Allgemeinen mehr von einander abweichen; als die Einzelwesen einer Art oder Varietät im Natur-Zustande. Erwägen wir nun die grosse Manchlälligkeit der Kultur-Pflanzen und -Thiere, welche sich zu allen Zeiten unter den verschiedensten Klimaten und Bchand-lungs-Weisen abgeändert haben, so glaube ich sind wir zum Schlüsse gedrängt, dass diese grossere Veränderlichkeit unsrer Kultur-Erzeugnisse die Wirkung minder einförmiger und von den natürlichen der Stamm - Allern etwas abweichender Lebens-liedingungen isl. Auch hat, wie mir scheint, Andrew Knight's Meinung, dass diese Veränderlichkeit zum Theil mit überflüssiger Nahrung zusammenhänge, einige Wahrscheinlichkeit für sich. Es scheint ferner ganz klar zu seyn, dass die organischen Wesen einige Generalionen hindurch neuen Lebens-Bedingungcn ausgesetzt seyn müssen, ehe ein bemerkliches Maass von Veränderung in ihnen hervortreten kann, und dass, wenn ihre Organisation einmal abzuändern begonnen hat, diese Abänderung gewöhnlich durch viele Generationen fortwährt. Man kennt keinen Fall, dass ein veränderliches Wesen im Kullur-Zuslande aufgehört halle veränderlich zu seyn. I'itsre alleslen Kiiltur-

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eben oft noch mm Varicta-ten. iin.l um IMKM Ommmmn sind noch immer rascher BMmJmMJ >MI ?M»dMBf fähig.

Man hat darüber gcslrittcn, in welchem Lehens Aller die Ursachen der Abänderungen, worin sie immer bestehen nflgSB, wirksam zu seyn pllegen, ob in der ersten, oder in der letzten Zeit der Entwicklung des Embryos, oder im Augenblicke der Empliingniss. BMUI St. Mimik. > \.. -u. hf ergeben, dass eine unnatürliche Behandlung des Embryos Monstrositäten erzeuge, und Monstrositäten können durch keinerlei scharfe Grenzlinie von Varietäten unterschieden werdM. Doah bin ich sehr zu vermulhen geneigt, dass die häufigste Ursache zur Abänderung in Einflüssen zu suchen seye, welche das mannliche oder weibliche reproduktive Element schon vor dem Akte der Befruchtung erfahren hat. Ich habe verschiedene Grunde für diese Meinung: doch liegt der Hauptgrund in den heinerkenswerlhen Kolgen, welche Einsperrung oder Anbau auf die Verrichtungen des reproduktiven Systemes äussern, indem nämlich dieses System viel empfänglicher für die Wirkung irgend eines Wechsels in den Lebens - Bedingungen als jeder andere Theil der Organisation zu seyn scheint. Nichts ist leichter, als ein Thier zu zahmen, und wenige Dinge sind schwieriger, als es in der Gefangenschaft zu einer freiwilligen Fortpflanzung zu veranlassen in den zahlreichen Fallen sogar, w» man Mannchen und Weibchen bis zur Paarung bringt. Wie viele Thiere wollen sich nicht fortpflanzen, obwohl sie schon lange in nicht sehr enger Gefangenschaft in ihrer Heimath-Gegend leben! Man schreibt Diess gewohnlich verdorbenen Naturtrieben zu; allein wie viele Kultur-Pflanzen gedeihen in der äussersten Kraft-Fülle, ohne jemals oder Tast jemals Samen anzusetzen! In einigen wenigen solchen Fallen hat man herausgefunden, dass sehr unbedeutende Verhältnisse, wie etwas mehr oder weniger Wasser zu einer gewissen Zeit des Wachsthums für oder gegen die Samen-Bildung entscheidend wird. Ich kann hier nicht eingehen in die zahlreichen Einzelheiten, die ich über diese merkwürdige Frage gesammelt: um aber zu /.eigen, wie eigentümlich die Gesetze sind, welche die

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Fortpflanzung der Thiere in Gefangenschaft bedingen, will ich nur anführen, dass Raubthicre selbst aus den Tropen-Gegenden sich bei uns auch in Gefangenschaft ziemlich gerne fortpflanzen, doch mit Ausnahme der Sohlengänger oder der Bären Familie, wahrend Fleisch-fressende Vogel nur in den seltensten Fällen oder fast niemals fruchtbare Eier legen. Viele ausländische Pflanzen haben ganz werthlosen Pollen genau in demselben Zustande wie die meist unfruchtbaren Bastard-Pflanzen. Wenn wir auf der einen Seite Hausthiere und Kultur-Pflanzen oft selbst in schwachem und krankem Zustande sich in der Gefangenschaft ganz freiwillig fortpflanzen sehen, während auf der andern Seite jung eingefangene Individuen, vollkommen gezähmt, Geschlechts-reif und kräflig (wovon ich viele Beispiele anfuhren kann , in ihrem Rcproduktiv-Systeme durch nicht wahrnehmbare Ursachen so angegriffen erscheinen, dass sie sich nicht zu befruchten vermögen, so dürfen wir uns um so weniger darüber wundern, wenn dieses System in der Gefangenschaft in nicht ganz regelmässiger Weise wirkt und eine Nachkommenschaft erzeugt, welche den Altern nicht vollkommen ähnlich oder welche veränderlich ist.

Man hat Unfruchtbarkeit als den Untergang des Gartenbaues bezeichnet; aber Variabilität entsteht aus derselben Ursache wie Sterilität, und Variabilität ist die Quelle all der ausgesuchtesten Erzeugnisse unsrer Gärten. Ich möchte hinzufügen, dass, wenn einige Organismen (wie die in Kästen gehaltenen Kaninchen und Frettchen) sich unter den unnatürlichsten Verhallnissen fortpflanzen, Diess nur beweiset, dass ihr Reproduktions-System dadurch nicht angegriffen worden ist; und so widerstreben einige Thiere und Pflanzen der Veränderung durch Zähmung oder Kultur und erfahren nur sehr geringe Abänderung, vielleicht kaum eine stärkere als im Natur-Zuslande.

Man konnte eine lange Liste von Spielpflanzcn (Sporting plantsl aufstellen, mit welchem Namen die Gärtner einzelne Knospen oder Sprossen bezeichnen, welche plötzlich einen neuen und von der übrigen Pflanze oft sehr abweichenden Charakter annehmen. Solche Knospen kann man durch Propfen und oft

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mittelst Samen loilpll.in/.cn. I»ic-c Spielpflanzen sind in der Yilur mi>scmrdcnllich seilen, im Kultur-Zustando aber nichts 1'ngewohnliches. und »ir sehen in diesem Falle, dass die abweichende M*llag der aillfftmia die Knospe oder den Sprossen, nielil aber das Eichen oder den Tollen berührt hat. DM mMh NrfriolOgn sind aber der Meiimni:. dass zwischen einer Knospe und einem Hieben nur ihrer ersten liildungs-Stufe kein wesentlicher l'ntcrsrhied ist, so dass die Spiclpflunzen in der Thul meiner Mcinum; zur Slut/.e gereichen, dass die Veranderlirh-Keit L'ius>iiitliiil> mmi I-.iiiIIiism'ii herzuleiten seye, welche die Behandlung der Mutterpflanze auf das Eichen oder den Pollen oiIit ;nii beide Mfcoa »or dem Befruchtungs-Ahte ausgeübt hat. Oiese lulle HigM dann auch, dass Abänderung nicht, wie einige \iilnnn angenommen, nolbwendig mit dem Generations-Akte zusammenhange.

Sämlinge von derselben Frucht erzogen oder Junge von einem Wurfe »eichen oft weit von einander ab, obwohl die Jungen und die Allen, wie Miller bemerkt, offenbar genau denselben Lebens-Hedingungen ausgesetzt gewesen: und es ergibt sich daraus, wie unerheblich die unmittelbaren Wirkungen der Lcbcns-Bedingungen im Vergleiche zu den Gesetzen der Reproduktion, der Wechselbeziehungen des Wachsthums und der Erblichkeit sind: denn wäre die Wirkung der Lebens-Bedingungen in dem Falle, wo nur ein Junges abändert, eine unmittelbare gewesen, so wurden zweifelsohne alle Junge dieselben Abänderungen zeigen. Es ist sehr schwer zu beurtheilen, wie viel bei einer solchen Abänderung dem unmittelbaren Einflüsse der Warme, der Feuchtigkeit, des Lichtes und der Nahrung im Einzelnen zuzuschreiben seye: ich halte mich aber überzeugt, dass solche Kralle bei Thieren nur sehr wenig unmittelbaren Erfolg haben können, wahrend derselbe bei Pflanzen offenbar grosser ist. In dieser Beziehung sind Bickmass neuere Versuche mit Pflanzen von grossem Werthe. Wenn alle oder fast alle Einzelnwesen, welche den nämlichen Einflüssen ausgesetzt gewesen, auch auf dieselbe Weise abgeändert werden, so seheinl diese Wirkung anfangs jenen Einflüssen unmittelbar zugeschrieben werden zu müssen:

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es lässt sich aber in einigen Fällen nachweisen, dass ganz entgegengesetzte Bedingungen ähnliche Veränderungen des Baues bewirken können. Demungeachtet glaube ich, dass ein kleiner Betrag der stattfindenden Umänderung der unmittelbaren Einwirkung der Lebens-Bedingungen zugeschrieben werden kann, wie in einigen Fällen die veränderte Grosse von der Nahrungs-Menge, die Färbung von besonderen Arten der Nahrung und vom Lichte, und vielleicht die Dichte des Pelzes vom Klima ableitbar ist.

Auch Gewöhnung hat einen entschiedenen Einfluss, wie die Versetzung von Pflanzen aus einem Klima ins andere deren ßliithc-Zeit ändert. Bei Thieren ist er bemerkbarer: ich habe bei der Haus-Ente gefunden, dass die Flügel-Knochen leichler und die Bein Knochen schwerer im Verhältniss zum ganzen Skelette sind als bei der wilden Ente; und ich glaube, dass man diese Veränderung getrost dem Umstände zuschreiben kann, dass die zahme Ente weniger fliegt und mehr geht, als bei dieser Enten-Art in ihrem wilden Zustande der Fall ist. Die erbliche stärkere Entwicklung der Euter bei Kühen und Geisen in solchen Gegenden , wo sie regelmässig gemelkt werden, im Verhältnisse zu andern, wo es nicht der Fall, ist ein anderer Beleg dafür. Es gibt keine Art von Haus - Säugethieren, welche nicht in dieser oder jener Gegend hängende Ohren hätte, und so ist die Meinung, die irgend ein Schriftsteller geäussert, dass dieses Hängendwerden der Ohren vom Nichtgebrauch der Ohr-Muskeln herrühre, weil das Thicr sich nicht mehr durch drohende Gefahren beunruhigt fühle, ganz wahrscheinlich.

Es gibt nun viele Gesetze, welche die Veränderungen regeln, von welchen einige wenige sich dunkel erkennen lassen, und die nachher noch kürzlich erwähnt werden sollen. Hier will ich nur anführen, was man \V e c h s e I b e z i e h u n g d e r E n t w i c k I u n g nennen kann. Eine Veränderung in Embryo oder Larve wird sicherlich meistens auch Vcranderunuvn im reifen Thicre nach sich ziehen. Bei Monstrositäten sind die Wechselbeziehungen zwischen ganz verschiedenen Thcilen des Körpers sehr sonderbar, und Isidork Gkoihioy St.-Hilaike führt davon viele Belege in seinem grossen Wirkr mi, Viehzüchter glauben, dass verlängerte Beine gewöhn1

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hfl, nah HM '>"»> verlängerten Kflftl begleitet sind. Kinige Beispiele erscheinen nta wund«**« .vi: m, dm Iwan mit bl.ui.-ii tagen kttetail lau» sind. Farbe und Kigenlhumlichkeitcn

iI.t Konsiituiiim lind mil einander in Verbindung, wovon sich title urkwflrd&e F»Ue hei Htanten und XHenn anfuhren lassen. Aus den von II I ION I geMIUWllM Thatsachen geht hervor, dass weisse Schanis und Schweine von gewissen Pflanun-Giflaa ganz anderi als die dnakel-farbigen berührt werden. Dabehaarta Hunde haben iimullkomiucnc ZaJlM : lang- und grob-haarige Thiere sollen geneigter seyn. hinge und viele Homer zu liekoiunien: rauben niil

Fedarftsaen haben emeHanl »wiaehenihrenSnasaren Zehen; kurz-sshnaaeJige Iwben haben kleine Fasse, und die mit langen gehma-liiln loch lange FQsse. Wenn nau daher durch Auswahl geeigneter ladfaidnen von Pflancen ondThieren für die Nachzucht irgend eine Eigenlhuinlichkeit derselben zu sieigeren gedenkt, so wird man ge-\m-- meistens, ohne es zu wollen, diesen geheimnissvollen Wechselbeziehungen der Kniwickelung gemäss noch andre Theile der Struktur mit abändern. Da8Ergebniaa der mancherlei entweder ganz unbekannten oder nur dunkel sichtbaren (iesetzen der Variation ist ausserordentlich Wiawanjoaetat und vielfältig. Es ist wohl dir Hohe ararth die verschiedenen Abhandlungen über unsre allen Kultur-l'lhinzen, wie Hyazinthen, Kartoffeln, Dahlien u. s. w. sorgfältig zu studiren und von der endlosen Menge von Verschiedenheiten in Bau und I.ebensausserung Kenntniss zu nehmen, durch welche alle diese Varietäten und Siihvarietaten von einan der abweichen. Ihre ganze Ürganisation scheint bildsam geworden zu seyn, um bald in dieser und bald in jener RicJitung sich etwas von dem alterliehen Typus zu entfernen.

Nicht-erbliche Abänderungen sind für uns ohne Bedeutung. Aber schon die Zidd und llanchfaltigkeit der erblichen Abweichungen in dem Bau des Korpers, scy es von geringerer oder von beträchtlicher physiologischer Wichtigkeit, ist endlos. Dr. Prosi-er Utas' Abhandlung in zwei starken Banden ist das Beste und Vollständigste, was man darüber hat. Kein Viehzüchter ist darüber in Zweifel, dass die Neigung zur Vererbung sehr gross iat: Gleiches erzeugt Gleiches ist sein Grund-Glaube, und nur

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theoretische Schriftsteller haben dagegen Zweifel erhoben. Wenn irgend eine Abweichung öfters zum Vorschein kommt . und wir sie in Vater und Kind sehen, so körnen wir nicht sagen, ob sie nicht etwa von einerlei Grundursache herrühre, die auf beide gewirkt habe. Wenn aber unter Einzelwesen einer Art, welche offenbar denselben Bedingungen ausgesetzt sind, irgend eine seltene Abänderung in Folge eines ausserordentlichen Zusammentreffens von Umstanden an einem Vater zum Vorschein kommt — an einem unter mehren Millionen — und dann am Kinde wieder erscheint, so nöthigl uns schon die Wahrscheinlichkeit diese Wiederkehr aus der Erblichkeit zu erklären. Jedermann hat schon von Fällen gehört, wo so seltene Erscheinungen, wie Albinismus, Stachelhaut, ganz behaarter Körper u. dgl. bei mehren Gliedern einer und der nämlichen Familie vorgekommen sind. Wenn aber so seltene und fremdartige Abweichungen der Körper-Bildung sich wirklich vererben, so werden minder fremdartige und ungewöhnliche Abänderungen um so mehr als erbliche zugestanden werden müssen. Ja vielleicht wäre die richtigste Art die Sache anzusehen die, dass man jedweden Charakter als erblich und die Nichterblichkeit als Ausnahme betrachtete. Die Gesetze, welche die Erblichkeit regeln, sind gänzlich unbekannt, und niemand vermag zu sagen, wie es komme, dass dieselbe Eigenlhümlichkeit in verschiedenen Individuen einer Art und in Einzelwesen verschiedener (?]Arten zuweilen erblich ist und zuweilen es nicht ist; wie es komme, dass das Kind zuweilen zu gewissen Charakteren des Grossvaters oder der Gross-mutter oder noch früherer Vorfahren zurückkehre; wie es komme, dass eine Eigenthümlichkeit sich oft von einem Geschlecht« auf beide Geschlechter übertrage, oder sich auf eines und zwar dasselbe Geschlecht beschränke. Es ist eine Thatsache von nur geringer Wichtigkeit für uns, dass eigenlhüinliihe Merkmale, welche an den Mannchen unsrer Hausthiere zum Vorschein kommen, ausschliesslich oder doch vorzugsweise wieder nur auf männliche Nachkommen übergehen. Eine wichtigere und wie ich glaube verlässige Erscheinung ist die, dass, in welcher Periode des Lsbem sich die abweichende Bildung reigen möge, sie auch in

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der Itwülll.....«W*tfl "»mer '" dem eulsproehondeii Aller, oder

mulll mfel früher. HD Vorschein k.....ml. In vielen Füllen

ist hiess niehl anders nin»lieh. »eil die eiblichen Eigenthümlich-

keilen z. H. in den Hörnern ile.s Rindviehs hu den Nachk.....inen

>,. I) ersl im reifen Aller zeigen können: und eben so gibl H bekanntlich Eigenlhüniliehkeilen des Seidcnwurms, die nur den Raupen- oder den l'uppcn Zustand hotrcllcn. Aher erbliehe Kriinkheileii u. e. n. Thalsachen veranlassen mich zu glauben, dass die Hegel «ine »euere. Ausdehnung hat. und dass selbst da, »o kein offenbarer Grund fiir das Krseheinen einer Abänderung in einem lieslinuulen Aller vorliegl, doch das Streben vorherrscht, auch am Nachkommen in dem gleichen I.ebens-Abschnilte sich zu zeigen, wo sie an dem Vorfahren erstmals eingetreten ist. Ich ülauhc. dass diese Itegel von der grosslen Wichligkeit für die Erklärung der Gesetze der Embryologie isl. Diese Bemerkungen beziehen sich übrigens an)' das crsle Sichtbarwerden der Eigen-thuiiilichkeil, und nicht auf ihre erste Veranlassung, die vielleicht schon in dem männlichen oder weiblichen ZeugungsstolT liegen kann, in der Weise etwa, wie der aus der Kreutzung einer kurz-hornigen Kuh und eines langhornigen Bullen hervorgegangene SpröMling die ginssre Lange seiner Horner erst spat im Leben /.eigen kann, obwohl die ersle I rsache dazu schon im Zeugungs-slolT des Vaters liegt.

Ich habe des Falles der Bückkehr zur grossalterliehen Bildung erwähnt um! in dieser Beziehung noch anzuführen, dass die Naturforscher oll behaupten, unsre llaiislhier-Hassen nahmen, wenn sie verwilderlen. zwar nur allmählich, aber doch gewiss, wieder den Charakter ihrer wilden Slanimaltern an, woraus man dann geschlossen hat, dass Folgerungen von zahmen Kassen auf die Arten in ihrem Nalur-Zustandc niehl zulassig seyen. Ich habe jedoch vergeblich auszumitleln geslrebt, auf was für entscheidende Thalsaehen sich jene so oft und so bestimmt wiederholte Behauplung slütze. Es mochte sehr schwer sein, ihre Richtigkeit nachzuweisen: denn wir können mit Sicherheit sagen, dass sehr viele der ausgeprägtesten zahmen Varietäten im wilden Zustande gar niehl leben konnlen. In vielen Fallen kennen wir

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nicht einmal den Urotauun und vermögen uns daher noch weniger zu vergewissern, ob eine vollständige Rückkehr eingetreten ist oder nicht. Jedenfalls würde, um die Folgen der Krcutzung zu vermeiden, nolhig seyn, dass nur eine einzelne Varietät in die Freiheit zurückversetzt werde. Ungeachtet aber unsre Varietäten gewiss in einzelnen Merkmalen zuweilen zu ihren Urformen zurückhehren, so scheint mir doch nicht anwahrscheinlich, dass, wenn man die verschiedenen Abarten des Kohls z. B. einige Generationen hindurch in einem ganz armen Boden zu naturali-siren fortführe (in welchem Falle dann allerdings ein Theil des Erfolges der unmittelbaren Wirkung des Bodens zuzuschreiben wäre), dieselben ganz oder fast ganz wieder ihre wilde Urform annehmen würden. Ob der Versuch nun gelinge oder nicht, ist für unsere Folgerungs-Beilie ohne grosse Erheblichkeit, weil durch den Versuch selber die Lebens-Bedingungen geändert werden. Liesse sich beweisen, dass unsre kultivirten Rassen eine starke Neigung zur Rückkehr, d. h. zur Ablegung der angenommenen Merkmale an den Tag legten, wenn sie unter unveränderten Bedingungen und in beträchtlichen Hassen beisammen gehalten Hürden, so dass freie Krcutzung etwaige geringe Abweichungen der Struktur in Folge ihrer Durcheinaudermischung verhütete, — in diesem Falle wollte ich zugeben, dass sich aus den zahmen Varietäten nichts hinsichtlich der Arten folgern lasse. Aber es ist nicht ein Schalten von Beweis zu Gunsten dieser Meinung vorhanden. Die Behauptung, dass sich unsere Wagen- und Rasse-Pferde, unsre lang- und kurz-hornigen Rinder, unsre manchfal-tigen Federvieh-Sorten und Nahrungs-Gewächse nicht eine fast endlose Zahl von Generationen hindurch fortpflanzen lassen, wäre aller Erfahrung entgegen, Ich will noch hinzufügen, dass, wenn im Natur-Zustande die Lebens-Bedingungen wechseln, Abänderungen und Rückkehr des Charakters wahrscheinlich eintreten werden; aber die Natürliche Züchtung würde, wie nachher gezeigt werden soll, bestimmen, wie weit die hieraus hervorgehenden neuen Charaktere erhalten bleiben.

Wenn wir die erblichen Varietäten oder Kassen unsrer Ilaus-Thieie und Kultur-Gewächse befrachten und dieselben mit

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rbereinslimmung des Charakters, als bei achten Arten. Auch

......,.„ rahme Kassen um derselben Thier Art oll einen elwas

monströsen Charakter, womit ich sagen will. dass, wenn sie sich auch \on einander und von den übrigen Arten derselben Sippe in mehren wichtigen Punkten unterscheiden, sie doch oft im ausserstrn Grade in irgend einem einzelnen Theile sowohl von den andern \ arietalcn als insbesondere von den übrigen naehsl-verwandten Arten derselben Sippe zurückweichen. DtOM WH« (und die der Mdlkomniencn Fruchtbarkeit gi'kreut/.ter Varietäten BiMT Art. wovon nachher die Bede seyn soll) ausgenommen, weichen die kultivirlcn Hassen einer und derselben Spezies in gleicher Weise, nur gewöhnlich in geringerem Grade, von einander ab. wie die einander nächst verwandten Arten derselben Sippe im Nalur-Zustande. Ich glaube, man wird Dies* zugeben, wenn man findet. dass es kaum irgendwelche gepflegte Rassen unter den Thicren wie unter den Pflanzen gibt, die nicht schon von einigen urthcilsfahigen Richtern als wirkliche Varietäten und von andern ebenfalls sachkundigen Heurtlieilcrn als Abkömmlinge einer ursprünglich verschiedenen Art erklart worden wären. Gabe es irgend einen bestimmten Unterschied zwischen kultivirlcn Rassen und Arten, so konnten dergleichen Zweifel nicht so oft wiederkehren. Oll hat man versichert, dass gepflegte Rassen nicht in Sippen-Charakteren von einander abweichen. Ich glaube zwar, dass sich diese Behauptung als irrig erweisen lässt: doch gehen die Meinungen der Naturforscher weil auseinander, wenn sie sagen sollen, worin Sippen-Charaktere bestehen, da alle solche Werbungen nur empirisrh sind, Überdies« werden wir nach der Ansicht von der Entstehung der Sippen, die ich jetzt aursteilen will, kein Recht haben zur Erwartung, bei unseren Kultur-Erzeugnissen oll auf Sippen-Verschiedenheiten zu stossen.

Wenn wir den Betrag der Struktur-Verschiedenheiten zwischen den gepflegten Rassen von einer Art zu schätzen versuchen, so werden wir bald dadurch in Zweifel versetzt, dass wir nicht wissen, ob dieselben von einer oder von mehren alterlichcn

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Arien abstammen. Es wäre von Interesse, wenn sich diese Frage aufklaren, wenn sich z. B. nachweisen liesse, ob das Windspiel, der Schweisshund, der Dachshund, der Jagdhund und der Bullenbeisser, welche sich so genau in ihrer Form lorlpllanzun, Abkömmlinge von nur einer Stamm-Art seyen? Denn solche That-sarhen würden sehr geeignet seyn unsre Zweifel zu erregen über die Unveranderlichkeit der vielen einander sehr nahestehenden natürlichen Arten der Füchse z. B., die so ganz verschiedene Weltgegenden bewohnen. Ich glaube nicht, dass wir jetzt im Stande sind zu erkennen, ob alle unsre Hunde von einer wilden Stamm-Art herkommen, obwohl Diess bei einigen andren Hausthier-Rassen wahrscheinlich oder sogar genau nachweisbar ist.

Es ist oft angenommen worden, der Mensch habe sich solche l'llanzen- und Thier-Arten zur Zähmung ausgewählt, welche ein angeborenes ausserordentlich starkes Vermögen abzuändern und in verschiedenen Klimaten auszudauern besassen. Ich will nicht bestreiten, dass diese Fähigkeiten viel zum Werlhc unsrer meislen Kultur-Erzeugnisse beigetragen haben. Aber wie vermochte ein Wilder zu wissen, als er ein Thier zu zahmen begann, ob dasselbe in folgenden Generationen zu venire» geneigt und in anderen Klimaten auszudauern vermögend seyn werde? Oder hat die geringe Veränderlichkeit des Esels und des Perlhuhns, das geringe Ausdaurungs-Vermögen des liennlhiers in der Wärme und des Kameeis in der Kälte ihre Zähmung gehindert? Ich hege keinen Zweifel, dass, wenn man andre Hlanzen-und Thier-Arten in gleicher Anzahl wie unsre gepflegten Rassen und aus ebenso verschiedenen Klassen und Gegenden ihrem Natur-Zustande entnähme und eine gleich lange Reihe von Generationen hindurch im zahmen Zustande fortpflanzte, sie in gleichem Umfange variiren würden, wie es unsre jetzt schon kidli-virten Arten Ihun.

In Bezug auf die ineisten unsrer längst gepflegten l'llauzcu-und Thier-Kassen halte ich es nicht für möglich zu einem bestimmten Ergebniss darüber zu gelangen, ob sie von einer oder von mehren Arten abstammen. Die Anhanger der Lehre von einem nichrlältigcn Ursprung unserer Hassen berufen sich

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einer ymiiW \«hiodonheit der Rassen Zeueniss gehen, und

fcu nnie derselben mit UMnn jährig« «« (lio ("**! Ähnlichkeit hüben, wenn nicht gänzlich übereinstimmen. Wäre aber diese Thatsacho Mal besser begründet, als sie es 7.U seyn .scheint. N wurde sie *>0l nichts anderes howflison. hIs dass diie oder die andre unsrer Rassen dnrl vor vier bis fünf Tau-MM* .lahren enlslanden ist. Hoch IIoiim »'s I ntersuchungen haben es einigennassen wahrscheinlich gemacht, dass Monsihon. schon hinreichend zivilisirl um Tupfer-Waaren zu fertigen, das Xit-Tliul seit bcreils 13—14 Tausend Jahren bewohnen; und wer mochte hchaii|ilcn. dass nicht schon sehr lange vor dieser Zeil Wilde auf der Kultur Stufe der jetzigen Feuerlander oder Australier, die ebenfalls einen halb-gezalunten Hund besitzen, in Ägypten gelebt haben können?

Obwohl ich glaube, dass die ganze Krage unentschieden bleiben inuss. so will ich doch, ohne in liinzolnheilon einzugehen, hier erklären, dass es mir nach geographischen und anderen Holrachlnngoii sehr wahrscheinlich ist. dass unser Haushund von mehren wilden Arten abstamme. In Bezug auf Schaf und Ziege fWaag ich mir keine Meinung zu bilden. Nach den mir von Blvtii über die Lebens-Weise, Slimme, Konstitution u. s. w. des Indischen Ihickerochsen milgetheilten Thatsachen sollte ich denken, dass er von einer anderen Art als unser Europäisches Kind herstammen müsse, welches manche sachkundige Beurthcilcr von mehrfachen Stamm-Arten ableilen «rollen. Hinsichtlich des l'lcrdes bin ich aus Gründen, die ich hier nicht entwickeln kann, mit einigen Zweirein gegen die Meinung einiger Schriftsteller anzunehmen geneigt, dass alle seine Rassen nur von einem wilden Stamme herrühren. Bot», dessen Meinung ich seiner reichen und manchfalligen Kenntnisse wegen in dieser Beziehung hoher als fast eines jeden Andern anschlagen muss, glaubt dass alle unsre Hiihner-Yarietaten vom gemeinen Indischen Huhn tt'allus Bankivai herkommen. In Bezug auf Enten und Stall-l'»scn. deren Rassen in ihrem Korper-Bau beträchtlich von cin-

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ander abweichen, zweifle ich nicht, dass sie alle von der gemeinen Wild-Ente und dem Kaninchen stammen.

Die Lehre der Abstammung unsrer verschiedenen Hausthier-Rassen von verschiedenen wilden Stamm-Arten ist von einigen Schriftstellern bis zu einem abgeschmackten Extreme gelrieben worden. Sie glauben nämlich, dass jede wenn auch noch so wenig vcrschicdQie Rasse, welche ihren unterscheidenden Charakter durch Inzuehl bewahrt, auch ihre wilde Stamm-Form gehabt habe. Dann müsste es eine ganze Menge wilder Rinds-, viele Schaaf- und einige Geben-Arten in Europa und mehre selbst schon innerhalb Grvssbritiiiinien gegeben haben. Hin Autor meint, es hatten ehedem eilf wilde und dem Lande eigentümliche Schaal-Arten dort gelebt. Wenn wir nun erwägen, dass Britannien jetzt kaum eine ihm cigcnthümliche Säugethier-Art, Frankreich nur sehr wenige nicht auch in Deutschland vorkommende-, und umgekehrt, besitze, dass es sich eben so mit Ungarn, Spanien u. s. w. verhalte, dass aber jedes dieser Königreiche mehre ihm eigene Rassen von Rind, Schaaf u. s. w. darbiete, so müssen wir zugeben, dass in Europa viele llausthier-Stiimme entstanden sind; denn von woher sollen alle gekommen seyn, da keines dieser Lander so viele eigentümliche Arten als abweichende Stamm-Rassen besitzt? Und so ist es auch in Ostindien. Selbst in Bezug auf die Haushunde der ganzen Welt kann ich, obwohl ich ihre Abstammung von mehren verschiedenen Arten ganz wahrscheinlich finde, nicht in Zweifel ziehen, dass da ein uner-messlicher Beirag vererblicher Abweichungen vorhanden gewesen ist. Denn wer kann irlaubcn, dass Thiere nahezu übereinstimmend mit dem Italienischen Windspiel, mit dem Schwcisshund, mit dem Bullenbeisser, mit dem Blcnheimer Jagdhund und so abweichend von allen wilden Canidcn. jemals frei im Naturzustände gelebt ballen. Ks ist oft hingeworfen worden, alle imsre lliiinle-llassen seyen durch Kreutzung einiger weniger Stamm-Arten miteinander entstanden: aber Kreutzung kann nur solche Formen liefern, welche mehr oder weniger das Mittel /.wischen ihren Allern halten, und gingen wir von dieser Erfahrung bei unsern zahmen Hassen aus. so müsslen wir annehmen, dass

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hundcs. des llullcnbcissers ii. s. w. im wilden Zustande gelebt hMlen. I berdiess ist die HBtcMwWj durch Krciilzuiig mt.m luc-dene Russen zu bilden, sehr übertrieben worden. W enn es auch keinem Zweilel nullTheel. da-s eine Hasse durch gelegentliche

Knatag mittelst orgftUigar Auswahl der Blendling*, welche

irirend iinen ImwcdUW Ihanikter dnrbielen. Heb bedeutend mndilizircn lassl. so kann ich doch kaum glauben, dass man eine nahezu das Mittel /.wischen zwei weil >crscliiedcnen Hessen oder Arten hallende Rasse zu Zuchten im Stunde ist. Sir .1. Sinuiwir hat absichtliche Versuche in dieser Beziehung angestellt und keinen BrMg erlangt. l'ie Nachkoiiiinenschalt aus der ersten Krculzung zwischen zwei reinen Rassen ist erträglich und zuweilen, wie ich bei Tauben gefunden, ausserordentlich einförmig, und Alles scheint einfach genug. Werden aber diese Blendlinge einige Generationen hindurch unter ciiiiinder gepaart, so werden kaum zwei ihrer Nachkommen mehr einander ähnlich ausfallen, und dann wird die ausscrsle Schwierigkeit oder vielmehr ganzliche Hoffnungslosigkeit des Erfolges klar. Gewiss kann eine Mittel-Rasse zwischen zwei sehr verschiedenen reinen Rassen nicht ohne die ausserste Sorgfalt und eine lang fortgesetzte Wahl der Ziicbtthiere gebildet werden, und ich finde nicht einen Fall berichtet, wo dadurch eine bleibende Rasse erzielt worden wäre.

Züchtung der Haus-Tauben. Von der Ansicht aus gehend, dass es am zweckmassigsten seye, irgend eine besondere Thier-Gruppe zum Gegenstände der Forschung zu machen, habe ich mir nach einiger Erwägung die Haus-Tauben dazu ausersehen. Ich habe alle Rassen gehallen, die ich mir verschaffen konnte, und bin auf die freundlichste Weise mit Exemplaren aus verschiedenen Welt-Gegenden bedacht worden, insbesondere durch den ehrenwerlhen W. Ellioi aus Ostindien und den ehrenwerthen C. Mibbav aus Persien. Es sind viele Abhandlungen in verschiedenen Sprachen veröffentlicht worden und einige darunter durch ihr ansehnliches Alter von besonderer Nichtigkeit. Ich habe mich mit einigen ausgezeichneten Tauben-

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Liebhabern verbunden und mich in zwei Londoner Tauben-Clubs aufnehmen lassen. Die Verschiedenheit der Rassen ist oft erstaunlich gross. Man vergleiche z. B. die Englische Botentaube und den kurzstirnigen Purzier und betrachte die wunderbare Verschiedenheit in ihren Schnäbeln, welche entsprechende Verschiedenheiten in ihren Schädeln bedingt. Die Englische Botentaube (Carrier) und insbesondere das Männchen ist noch bemer-kenswerth durch die wundervolle Entwickelung von Fleischlappen an der Kopfhaut, die mächtig verlängerten Augenlider, sehr weite äussere Nasenlöcher und einen weitklafl'cnden Mund. Der kurzstirnige l'urzler hat einen Schnabel, im Porfd fast wie beim Finken: und die gemeine Purzel-Taube hat die eigenthüm-liche und streng erbliche Gewohnheit, sich in dichten Gruppen zu ansehnlicher Hohe in die Luft zu erheben und dann Kopfüber herabzupurzeln. Die Runt-Taube ist von beträchtlicher Grosse mit langem massigem Schnabel und grossen Füssen; einige Unler-rassen derselben haben einen sehr langen Hals, andre sehr lange Schwingen und Schwanz, noch andre einen ganz eigenthümlich kurzen Schwanz. Der »Barb« ist mit der Botentaube verwandt, hat aber, statt des sehr langen, einen sehr kurzen und breiten Schnabel. Der Kropfer hat Korper, Flügel und Beine sehr verlängert, und sein ungeheuer entwickelter Kropf, den er sich aufzublähen gefällt, mag wohl Verwunderung und selbst Lachen erregen. Die Moventaubc (TurbiD besitzt einen sehr kurzen kegelförmigen Schnabel, mit einer Reihe umgewendeter Federn auf der Brust, und hat die Sitte den oberen Theil des Schlundes beständig etwas auszubreiten. Der Jakobiner oder die Perückentaube hat die Nacken-Federn so aufgerichtet, dass sie eine Perücke bilden, und verhaltnissinässig lange Schwung- und Schwanz-Federn. Der Trompeter und die Trommeltaube* rucksen, wie ihre Namen ausdrücken, auf eine ganz andre Weise als die andern Rassen. Die Pfauentaube hat 30—40 statt der normalen 12—14 Schwanz-Federn und trägt diese Federn in der Weise

Ihe laugher, die Lachtaube: doch sclicinl Dich dem Zusammenhange bter eher die Trommeltaube als die Colnmba risoria gemeint iu sevn. I). (l>>.

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\,„ I, Ukbfli einige minder ausgezeichnete (tauen wifc« zahlen übrig.

Im Sbatatta der ranohiedaMa Raten weicht dta Entwicke-lung der ticsichtsknochen in Lange. Brettl nd Krümmung MM--,undeutlich ab. Dia Form sowohl als die Breite und Lange de- I nlerkiel'er -AHM lindern in sehr hui U%\ nr.litn'r \\ eise. Hie fahl der llciligonlioin- und Schwanz-Wirbel und der Rippen, die MriÜUfaUMMlfa Brett« und Anwesenheit ihrer Oueerl'orls.ilze MUMM ebenfalls. Sehr veränderlich sind ferner die Grosse und Kiinn der Linken im Brustbein, so wie der Oll'nungs-Winkel und die bezügliche tirosso der zwei Schenkel des (iabelbeins. Dia vergKdWM Weite des Miindspullcs. die verhaltnissmäs-sige Lange der Augenlider, der äusseren Nasenlöcher und der Zunge. »eiche sich nicht immer nach der des Schnabels richtet, die Griten des Kropfes und des obern Theils des Schlundes, die F.nlwickolung oder Verkümmerung der Ol-I>rüse, die Zahl der ersten Schwung- und der Schwanz-Federn, die verglichene Lange von Klugeln und Schwanz gegen einander und gegen die des Korpers. die des Laufs gegen die Zehen, die Zahl der Hornschuppen in der Zehen -Bekleidung sind Alles Abanderungs-Mriga Punkte im Korper-Bau. Auch die Periode, wo sich das vollkommene Gefieder einstellt, ist ebenso veränderlich als die BcschalTcnhcil des Flaums, womit die Nestlinge beim Ausschlüpfen aus dem F.ie bekleidet sind. Form und Grosse der Eyer sind der Abänderung unterworfen. Die Art des Flugs ist eben so merkwürdig verschieden, wie es bei manchen Rassen mit Stimme und Gemulhsarl der Fall ist. F.ndlieh weichen bei gewissen Rassen die Männchen etwas von den Weibchen ab.

So konnte man wenigstens eine ganze Menge von Tauben-Formen auswählen, die ein Ornithologe, wenn er überzeugt wäre, dass es wilde Vogel, unbedenklich für wohl-bezeichnete Arten erklaren würde. Ich glaube nicht einmal, dass irgend ein Ornithologe die Knglische Botentaube, den kurzstirnigen Purzier, den Runt, den Barb, die Kropf- und die Pfauen-Taube in dieselbe

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Sippe zusammenstellen würde, zumal eine jede dieser Rassen wieder mehre erbliche Unterrassen in sich enthalt, die er für Arten nehmen konnte.

Wie gross nun aber auch die Verschiedenheit zwischen den Tauben-Rassen seyn mag, so bin ich doch überzeugt, dass die gewöhnliche Meinung der Naturforscher, dass alle von der Felstaube (Columba livia) abstammen, richtig ist, wenn man unter diesem Namen nämlich verschiedene geographische Rassen oder Unterarten mit hegreift, welche nur in den untergeordnetesten Merkmalen von einander abweichen. Da einige der Gründe, welche mich zu dieser Meinung bestimmt haben, mehr und weniger auch auf andre Fälle anwendbar sind, so will ich sie kurz angeben. Wären jene verschiedenen Rassen nicht Varietäten und nicht von der Felslaube entsprossen, so miissten sie von wenigstens 7—8 Stammarten herrühren: denn es wiire unmöglich alle unsre zahmen Rassen durch Kreulzung einer geringeren Arten-Zahl miteinander zu erlangen. Wie wollte man z. B. die Kropftaubc durch Paarung zweier Arten miteinander erzielen, wovon nicht wenigstens eine den Ungeheuern Kropf besässe? Die unterstellten wilden Stammarten müssten silmmllich Fels-Tauben gewesen seyn, die nämlich nicht freiwillig auf Bäumen brüten oder sich auch nur darauf setzen. Doch ausser der C. livia und ihren geographischen Unterarten kennt man nur noch 2—3 Arten Fels-Tauben, welche aber nicht einen der Charaktere unsrer zahmen Rassen besitzen. Daher müssten dann die angeblichen l'rstämme entweder noch in den Gegenden ihrer ersten Zähmung vorhanden und den Omithologen unbekannt geblieben seyn, was wegen ihrer Grosse, Lebensweise und merkwürdigen Eigenschaften sehr unwahrscheinlich ist; oder sie müssten in wildem Zustande ausgestorben seyn. Aber Vogel, welche an Fels-Abhängen nisten und gut fliegen, sind nicht leicht auszurotten, und unsre gemeine Fels-Taube, welche mit unsren zahmen Rassen gleiche I.chcns-Wcise besitzt, hat noch nicht einmal auf einigen der kleineren Brilisrhrn Inseln oder an den Küsten des Mittelmeeres ausgerottet werden können. Daher mir die angebliche Ausrottung so vieler Arten, die mit der FelMaubc

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aln.hr I.iImii- U.im' besitzen , eine sehr iibercille Annnhine D st-)n sihi-inl. I hrrdicss sind die «iticn genannten .so abweichen den Hassen BMl dkl cllgegcnden verpflanzt worden und NM daher wohl einige derselben in ihre Heimalh zurückgelangt seyn. Und doch ist nieht eine dersi-II"-n verwildert, obwohl die Feld-Taube, d. i. die Felstaubc in ihrer am wenigsten MB-anderlen Form, in einigen (legenden wieder wild geworden ist. Da nun alle neueren Versuche zeigen , dass es sehr schwer isl ein wildes Thier zur Fortpflanzung im Zuslnnile der Zähmung zu veriiingeii. so wäre iii.ni durch die Hypothese eines mehrfaltigen Ursprungs unsrer Haus-Tauben zur Annahme genolhigt, es seyen schon in alten Zeiten und von halh-zivilisirlen Menschen wenigstens 7—8 Arten so vollkommen gezähmt worden, dass sie jetzt in der Gefangenschaft ganz wohl gedeihen.

Ein Beweisgrund, wie mir scheint, von grossem Werthe und auch anderweitiger Anwendbarkeit ist der, dass die oben aufgezahlten Rassen, obwohl sie im Allgemeinen in organischer Tha-ligkeil, I.cbens-Weise. Stimme. Färbung und den meisten Theilen ihres Korper-Baues mit der Felstaube übereinkommen, doch in anderen Theilen dieses letzten gewiss sehr weit davon abweichen; und wir wurden uns in der ganzen grossen Familie der Colum-biden vergeblich nach einem Schnabel, wie ihn die Englische Botentaube oder der kurzslirnige Purzier oder der Barb besitzen,

—  oder nach umgedrehten Federn, wie sie die Perückenlaube hat,

—  oder nach einem Kropf wie beim Kropfer, — oder nach einem Schwanz, wie bei der Pfaiibcntaube umsehen. Man müsste daher annehmen, dass der halb-zivilisirte Mensch nicht allein bereits mehre Arien vollständig gezähmt, sondern auch absichtlich oder Hlg ausserordentlich abweichende Arien dazu erkoren habe, und dass diese Arien seitdem alle erloschen oder verschollen seyen. Das Zusammentreffen so vieler seltsamer Zufälligkeiten scheint mir im höchsten (Irade unwahrscheinlich.

Noch mochten hier einige Thatsarhen in Bezug auf die Färbung des tielieders Berüchsichtigung verdienen. Die Felslaube ist Schiefer-blau mit weissem (bei der Ostindischen Subspecies, t . intermedia Strick... blaulichem} Hinterrücken, hat am Schwänze

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eine schwarze End-Biitde und an den äusseren Federn desselben einen weissen äusseren Rand, und die Flügel haben zwei schwarze Binden; einige halb und andere anscheinend ganz wilde Unter-rassen haben auch noch schwarze Flecken auf den Flügeln. Diese verschiedenen Merkmale kommen bei keiner andern Art der ganzen Familie vereinigt vor. Nun treffen sich aber auch bei jeder unsrer zahinen Kassen -zuweilen und selbst unter den ganz ausgebildeten Vögeln derselben alle jene Merkmale gut entwickelt in Verbindung miteinander, selbst bis auf die weissen Ränder der äusseren Schwan/federn. Ja sogar, wenn man zwei Vögel von verschiedenen Rassen, wovon keiner blau ist noch eines der erwähnten Merkmale besitzt, mit einander paart, sind die dadurch erzielten Blendlinge sehr geneigt, diese Charaktere plötzlich anzunehmen. So kreuzte ich z. B. einfarbig weisse Pfauentauben mit einfarbig schwarzen Barb-Tauben und erhielt eine braun und schwarz gefleckte Nachkommenschaft; und als ich diese durch Inzucht vermehrte, kam ein Enkel der rein weissen Pfauen- und der rein schwarzen Barb-Taube mit schon blauem Gefieder, weissem Unterröcken, doppelter schwarzer Flügelbinde, schwarzer Schwanzbinde und weissen Seitenrandern der Steuerfedern, Alles wie bei der wilden Felstaubc, zum Vorschein. Man kann diese Thatsache aus dem wohl bekannten Prinzip der Rückkehr zu voralterlichen Charakteren begreilen, wenn alle zahmen Rassen von der Felstaube abstammen. Wollten wir aber Dieses laugnen, so müssten wir eine von den zwei folgenden sehr unwahrscheinlichen Unterstellungen machen. Entweder: dass all' die verschie-denenen eingebildeten Stamm-Arten wie die Felstaubc gefärbt und gezeichnet gewesen (obwohl keine andre lebende Art mehr so gefärbt und gezeichnet ist), so dass in dessen F"olgc noch bei allen Rassen eine Neigung zu dieser anfänglichen Färbung und Zeichnung zurückzukehren vorhanden wäre. Oder: dass jede und auch die reinste Rasse seit etwa den letzten zwölf oder höchstens zwanzig Generationen einmal mit der Felstaube gc-kreulzt worden seye: ich sage: höchstens zwanzig, denn wir kennen keine Thatsache zur Unterstützung der Meinung, dass ein Abkömmling nach einer noch längeren Reihe von Genere-

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Imncn sogar zu den «W*f OB seiner Vorfahren zurückkehren könne. Wenn in einer Kasse nur einmal eine Kreulzung mit einer .meiern stattgefunden hat. so wird die Neigung zu einem ('h.u-.iklcT dieser lel/.lcn zurückzukehren nalurlic li imi M kleiner und kleiner »erden, je weniger BW von dersellien noeh in jeder Skleren Generation übrig ist. Hai aber eine Kreulzung mil fremder Nasse ni.hl slallgelunden und isl gleichwohl in beiden Altern die Neigung der Hiickkehr zu einem (harakler vorbanden, der schon seil mehren Generationen verloren gegangen. so isl trotz Allem, was man Gegenthciliges sehen mau, die Annahme geboten, dass sieh diese Neigung in ungoschwachtcin Grade wahrend einer unbestimmten Reibe von Generationen fortpflanzen könne. Diese zwei verschiedenen Falle werden in Abhandlungen Über Krbliehkeil oll mileinander verwechselt.

Endlich sind die Bastarde oder Blendlinge, welche durch die kreulzung der verschiedenen Tauben-Kassen erziel! werden, alle vollkommen fruchtbar. Ich kann Picss mittelst meiner eigenen Versuche bestätigen, die ich absichtlich zwischen den alier-verschiedensten Rassen angestellt habe. Pagegen wird aber schwer und vielleicht unmöglich seyn. einen Fall anzuführen, wo ein Bastard uu zwei bostiinml verschiedenen Arien schon selber vollkommen liuchlbar gewesen wäre. Einige Schriftsteller nehmen an, ein lang-dauernder Zustand der Zähmung beseitige allmählich diese Neigung zur l'nfruchlbarkeil, und aus der Geschichte des Hundes zu schliessen scheint mir diese Hypothese einige Wahrscheinlichkeil zu haben. wenn sie auf einander sehr nahe verwandle Arien angewendet wird, obwohl sie noch durch keinen einzigen Versuch bcslaligl worden ist. Aber eine Ausdehnung der Hypolhese bis zu der Behauptung, dass Arten, die ursprünglich von einander eben so verschieden gewesen, wie es Botentaube, Purzier, Kropfer und Prauenschwanz jetzt sind, eine bei Inzucht vollkommen fruchtbare Nachkommenschaft liefern, scheint mir äusserst voreilig zu seyn.

Diese verschiedenen Gründe und zwar: die ".Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch schon in früher Zeil sieben bis acht wilde Tauben-Arten zur Fortpflanzung in der Gefangensehafl ver.....cht

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habe, die wir weder im wilden noch im verwilderten Zustande kennen, ihre in Daneben Beziehungen von der Bildung aller Co-lumbiden mit Ausnahme der Felstaube ganz abweichenden Charaktere, das gelegentliche Wiedererscheinen der blauen Farbe und charakteristischen Zeichnung in allen Rassen sowohl im Falle der Inzucht als der Krcutzung, die vollkommene Fruchtbarkeit der Blendlinge: alle diese Gründe zusainmengenoinmnien gestalten mir nicht zu zweifeln, dass alle, unsre zahmen Tauben-Rassen von Columba livia und deren geographischen Unterarten abslammen.

Zu Gunsten dieser Ansicht will ich noch ferner anführen: 1) dass die Felstaubc, C. livia, in Europa wie in Indien zur Zähmung geeignet gefunden worden ist, und dass sie in ihren Gewohnheiten wie in vielen Struktur-Beziehungen mit allen un-sern zahmen Rassen übereinkommt. 2) Obwohl eine Englische Botentaube oder ein kurzstirniger I'urzler sich in gewissen Charakteren weit von der Felstaube entfernen, so isl es doch dadurch, dass man die verschiedenen Unterformen dieser Rassen, mit Einschluss der z. Th. aus weit entfernten Gegenden abstammenden, mit in Vergleich ziehet, möglich, fast ununterbrochene Ubcrgangs-Reihen zwischen den am weitesten auseinander-liegen-den Bildungen derselben herzustellen. 3) Diejenigen Charaktere, welche die verschiedenen Rassen hauptsächlich von einander unterscheiden , wie die Fleischwarzen und der jlange Schnabel der englischen Botenlaube, der kurze Schnabel des l'urzlers und die zahlreichen Schwanzfedern der Pfauenlaube sind in jeder Rasse doch äusserst veränderlich, und die Erklärung dieser Erscheinung wird uns erst möglich seyn, wenn von der Züchtung die Rede seyn wird. 4) Tauben sind bei vielen Völkern beobachtet und mit ausserster Sorgfall und Liebhaberei gepflegt worden. Man hat sie schon vor Tausenden von Jahren in mehren Weltgegcnden gezähmt: die älteste Nachricht von ihnen stammt aus der Zeit der fünften Ägyptischen Dynastie, etwa 3000 J. v. Chr., wie mir Professor Lefsics milgetheilt; aber ßinni benachrichtigt mich, dass Tauben schon auf einem Küchenzettel der Drangehenden Dynastie vorkommen. Von Pmmis vernehmen

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wir. dass r.ur Zeil der ROM unueheiires (ield lur Tauben aus-lr,.l>,|,,n wurden isl: ja. es war dahin gekommen, dass man iluicn ..Stammbaum und Rasse nachrc.linele. liegen das Jahr 1600 schätzte sie Akrkk Kran in Indien so sehr, dass ihrer nicht weniger als 20.0(10 zur Hof-Haltung gehorten. «fifc Monarchen von Iran und Tman sandten einige sehr seltene \<>ivl heim und» . berichtet der Hof-Hisloriker weiter, ..Ihre Majestät hat durch kreulzung der Kassen, welche Methode früher nie angewendet worden war, dieselben in erstaunlicher Weise verbessert«, lui diese nämliche Zeit waren die Hollander eben so sehr. wie früher die Homer, auf die Tauben erpicht. Hie aussersle Wichtigkeit dieser Betrachtungen für die Krkliirung der ausserordentlichen Veränderungen, welche die Tauben erfahren haben, wird uns erst bei den spateren Erörterungen über die Züchtung deutlich werden. Wir werden dann auch sehen woher es kommt, dass die Rassen so oft ein etwas monströses Aussehen haben. Endlich ist es ein sehr Einstiger Umstand für die Erzeugung verschiedener Rassen, dass bei den Tauben ein Männchen mit einem Weibchen leicht lebenslänglich zusammengepaarl, und dass verschiedene Kassen in einem und dem nämlichen Vogel-Hause beisammen gehalten werden können.

Ich habe die wahrscheinliche Entslehungs-Arl der zahmen Tauben-Rassen mit einiger, wenn auch noch ganz ungenügender Ausführlichkeit besprochen, weil ich selbst zur Zeit. wo ich anfing Tauben zu halten und ihre verschiedenen Formen zu beobachten, es für ganz eben so schwer hielt zu glauben, dass alle ihre Rassen jemals einem gemeinsamen Stammvater enl-sprossen seyn konnten, als es einem Naturforscher schwer fallen würde, an die gemeinsame Abstammung aller Finken oder irgend einer andern grossen Vogel-Familie im Natur-Zustande zu glauben. Insbesondere machte mich der Umstand sehr betroffen, dass alle Zuchter von Haus-Thieren und Kultur-Pflanzen, mit welchen ich je gesprochen oder deren Schrillen ich gelesen, vollkommen überzeugt waren, dass die verschiedenen Rassen, welche ein Jeder von ihnen erzogen, von eben so vielen ur-slirum-lich verschiedenen Arten herstammten. Fragt man. wie ich

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gefntgl habe. irgQMJ einen berühmten Vercdler der Hercrnrd'schcn Kindvieh-Rasse, ob dieselbe nicht von der lang-hörnigen Hasse abstamme, so wird er spöttisch lachein. Ich habe nie .inen Tauben-, Hühner-, Enten- oder Kaninchen-Liebhaber gefun-den, der nicht vollkommen überzeugt gewesen wäre, dass jede Haupt-Rasse von einer andern Stamm-Art herkomme. Van Mons zeigt in seinem Werke über die Äplel und Birnen, wie weniger zu glauben geneigt seye, dass die verschiedenen Sorten, wie z. B. der Ribston-pippin, der Codlin-Apfel u. a., je von Saamen des nämlichen Baumes entsprungen seyen. Und so konnte ich un/.ahlige andere Beispiele anführen. Uiess lasst sich, wie ich glaube, einfach erklaren. In Folge lang-jahriger Studien haben diese Leute einen tiefen Eindruck von den Unterschieden zwischen den verschiedenen Rassen in sich aufgenommen: und obgleich sie wohl wissen, dass jede Rasse etwas variire, da sie eben durch die Züchtung solcher geringen Abänderungen ihre Preise gewinnen, so gehen sie doch nicht von allgemeineren Vernunftschlüssen aus und rechnen nicht den ganzen Betrag zusammen, der sich durch Häufung kleiner Abänderungen wahrend vieler aufeinander-folgender Generationen ergeben muss. Werden nicht jene Naturforscher, welche, obschon viel weniger als diese Züchter mit den Erblichkeits-Geselzen bekannt und nicht besser als sie über die Zwischenglieder in der langen Reihe der Ab-kominensehafl Unterrichtet, doch annehmen, dass viele von unseren gehegten Rassen von gleichen Allein abstammen, — werden sie nicht eine Lektion über Behutsamkeit zu gewärtigen haben, wenn sie über den (iedanken lachen, dass eine Art im Naturzustand in gerader Linie von einer andern Art abstammen könne? /. neh tu Big. i VVÜ Wollen jetzt kürzlich die Wege betrachten, auf welchen die gehegten Rassen jede von einer oder von mehren einander nahe verwandten Arten erzeugt worden sind. Ein kleiner Tlieil der Wirkung mag dabei vielleicht dem unmittelbaren Einflüsse aiissrer l.elienslieiiini:iiiii;eu und ein kleiner der tiewiihnung zuzuschreiben seyn: es wäre aber thoricht, solchen Kräften die Verschiedenheiten zwischen einem Karrengaul und ei....... Ilasse-I'feid . zwischen einem Windspiele und einem

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Sehweisshiind. einer Holen- und einer I'urzel-Taube zusi Iiioi-

|>,-n H Hollen. Eine der .....rU urdiovlon KieonlhHuilichkeiten,

dir »vir tfl MM kullivirlen Hassen wahrnehmen, ist ihre tepMra* nicht an der NHI oder des Thieres eigenen Vor-llicil . sondern an des Menschen Nutzen und Liebhaberei. Einige ihm nützliche Ahand.Tiingen sind zweifelsohne plötzlich oilcr mil ein Mal enlslanden. wie z. B. manche Bolani-ker ülanlieii . das« die » eherKarde mil ihren Haken, welchen keine mechanische Vorriehlung an Brauchbarkeit gleichkommt, nur eine Varietät dal wilden Dipsacus seye, und diese ganze Abänderung mag wohl plötzlich in irgend einem Sämlinge die-sis MM '"in VoMOhcin gekommen seyn. So ist es wahr-scheiulich auch mil <U-r in Em/Iiniil MB Drehen der Bralspicsso gebrauchten llunde-liasse der Fall, und es ist bekannt, dass eben so das Amerikanische Ancon-Schaaf enlslanden ist. Wenn wir aber im RsM l'ferd mit dem Karrengaul. den Dromedar mit dem Karneol. die für Kulturland tauglichen mit den für Berg-Weide passenden Seli.i.ile-Bässen, deren Wollen sieh zu ganz verschiedenen Zwecken dgasn, wenn wir die manohlalliovn llunde-liassen vergleichen, deren |ed« dem Menschen in einer anderen Weise dient, — IM »ir den im Kample so ausdauernden Streit-Hahn mil andern friedfertigen und tragen Rassen, welche ..immer legen und niemals zu hriilen verlangen", oder mil dem fo kleinen und ziemlichen Banlain-Huhnc vergleichen. — wenn wir endlich das Heer der Acker-, (Mist-. Küchen- und Zier-Pflanzcnrassen ins Auge fassen, »eh ho dem Menschen jeden anderem Zwecke und in andrer Jahreszeit so nützlich oder für seine Augen so angenehm sind, so müssen wir uns doch wohl weiter nach den I'rsachen solcher Veränderlichkeit umsehen. Wir können nicht annehmen, dass alle diese Varietäten Hf einmal so vollkommen und so nutzbar entstanden seyen. wie wir sie jetzt vor uns sehen, und kennen in der Thal von manchen ihre Geschichte genau genug um zu wissen, dass Dies.« nicht der Fall gewesen. Der Schlüssel liegt in des Menschen a ccnmulalivem Wahl-Vermögen, d.h. in seinem Vermögen. durch jedesmalige Auswahl derjenigen Individuen zur Nachzucht, welehe die ihn erwünschten Eigenschaften im

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höchsten Grade besitzen, diese Eigenschaften bei jeder Generation um einen wenn auch noch so unscheinbaren Betrag zu steigern. Die Natur liefert allmählich mancherlei Abänderungen; der Mensch befördert sie in gewissen ihm nülzlichen Richtungen. In diesem Sinne kann mau von ihm sagen, er schaffe sich nützliche Rassen. Die Macht dieses Züchtungs-Princips ist nicht hypothetisch: denn es ist gewiss, dass einige unsrer ausgezeichnetsten Viehzüchter binnen einem Menschen-Alter mehre Rind- und Sehaaf-Rassen in beträchtlichem Umfange modilizirt haben, l'm das, was sie geleistet haben, in seinem ganzen Umlange zu würdigen, muss man einige von den vielen diesem Zwecke gewidmeten Schriften lesen und die Thiere selber sehen. — Zuchter sprechen gewöhnlich von eines Thieres Organisation wie von einer ganz bildsamen Sache, die sie meistens völlig nach ihrem Gefallen modeln könnten. Wenn es der Raum gestattete, so würde ich-viele Stellen von den sachkundigsten Gewährsmännern als Belege anführen. Youatt , der wahrscheinlich besser als last irgend ein Anderer mit den landwirthschaltlichcn Werken bekannt und selbst ein sehr guter Beurtheiler eines Thieres war, sagt von diesem Züchlungs-Prinzip, es seye «was den Landwirth befähige den Charakter seiner Heerde nicht allein zu modiliziren, sondern gänzlich zu andern. Es ist der Zauberstab, mit dessen Hülfe er jede Form ins Leben ruft, die ihm gefallt«. Lord Someiiville sagt in Bezug auf das, was die Züchter hinsichtlich der Sehaaf-Rassen geleistet: »Es ist, als hätten sie eine in sich vollkommene Form an die Wand gezeichnet und dann belebt«. Der erfahrenste Züchter, Sir Jons Sebhight, pflegte in Bezug auf die Tauben zu sagen: »er wolle eine ihm aufgegebene Feder in drei .lahren hervorbringen, bedürfe aber sechs Jahre, um Kopf und Schnabel zu erlangen«. In Sachsen ist die Wichtigkeit jenes Prinzips für die Merino-Zucht so anerkannt, dass die Leute es gewerbsmässig verfolgen. Die Schaafe werden auf einen Tisch gelegt und studirt, wie der Kenner ein Gemälde studirt. Diess wird je nach Monatsfrist dreimal wiederholt, und die Schaafe werden jedesmal gezeichnet und klassifizirt, so dass nur die allerbesten zuletzt für die Nachzucht übrig bleiben,

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ans den ungeheuren Preisen hcnor. di«' man für Thiere be-zahll. die einen guten Stammbaum aufzuweisen haben, und diese !,.,! ni,in pi/.i inuii bat diu WaHfngaain (ueaaMrti Utah

Neiedelung nihil im Allgemeinen kcine>»eL». .ln>oii her. das.-iiiiin verschiedene Bussen umeinander gckrciilzl. AH' dir besten Zu. lil.-r (BKOfcM liflfe streng gOffM (Ihm'« VmUm aus, es

.rw' driin etwa iwiaohM »i.....idei wh»Tanrandtoai Orter——

l ml lial eine solch.' krcul/.uiig slatlucluuden. M i>l die sorgfältigste Auswahl weit nolhw endiger, als selbsl in gewöhnlichen Killen Handelte .-> Nah bei da Wahl nur durum, irgend weiche .-ehr uuiiulicmlc Abänderungen wiwundern und zm

\.nh/uelit H verwenden, m> Irtra das 1'riu/ip SO handgreiflich. dass es Meli kaum der Muhe lidinle . davon zu sprechen. Aber eine Wichtigkeit besteh) in dem grossen Erfolg von Generation zu Generation forlgesetaier Häufung »on dem ungeübten Auge ganz iinkeiinllielien Abmuleiungen in einer Bichtiing hin: Abänderungen, die ieli. einlaeh genumnien, vergebens wahrzunehmen gedreht habe. Mehl ein Menseh miler Tausend hat ein hättet» ehend scharfes Auge und l rtheil, um ein ausgezeichneter Züchter zu werden. Ist er mit diesen Eigenschaften versehen . stu-dirt seinen Gegenstand Jahre lang und widmet ihm seine ganze Lebenszeit mil ungeschwachter Beharrlichkeit, so wird er Erfolg haben und grosse Verbesserungen bewirken. Ermangelt er aber jener Kigensehallen, so wird er sicher nichts ausrichten. Es haben wohl nur Wenige davon eine Vorstellung, was für ein Grad von natürlicher Befähigung und wie viele Jahre Übung dazu gehören, um nur ein geschickler Tauben-Zuchter zu werden.

Die nämlichen Grundsätze «erden beim Garten-Bau befolgt. aber die Abänderungen erfolgen oft plötzlicher. Doch glaubt niemand, dass unsere edelsten Garten-Erzeugnisse durch eine einfache Abänderung unmittelbar aus der wilden Urform entstanden seven. In einigen Fallen können wir beweisen, dass Üiess mein geschehen ist, indem genaue Protokolle darüber geführt worden sind: um aber ein sehr Hellendes Beispiel —:ufuhren. können wir uns auf die stelig zunehmende (iros.se der Stachelbeeren be-

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ziehen. Wir nehmen eine erstaunliche Veredlung in manchen Zierblumen wahr, wenn man die heuligen Blumen mit Abbildungen vergleicht, die vor 20—30 Jahren davon gemacht worden sind. Wenn eine Pflanzen-Rasse einmal wohl ausgebildet worden ist, so entfernt der Samen-Züchter nicht die besten Pflanzen, sondern diejenigen aus den Saanicn-Bcclcn, welche am weitesten von ihrer eigentümlichen Fomn abweichen. Bei Thieren findet diese Art von Auswahl ebenfalls statt: denn kaum dürfte Jemand so sorglos seyn, seine schlechtesten Thiere zur Nachzucht zu verwenden.

Bei den Pflanzen gibt es noch ein anderes Mittel das Maas der Wirkungen der Zuchtwahl zu beobachten, nämlich die Vergleichung der Verschiedenheil der Blüthen in den mancherlei Varietäten einer Art im Blumen-Garten: der Verschiedenheit der Blatter, Hülsen, Knollen oder was sonst für 'l'heilc in Betracht kommen, im Küchen-Garten, gegenüber den ßlülhcn der nämlichen Varietäten: und der Verschiedenheit der Früchte bei den Varietäten einer Art im Obst-Garten, gegenüber den Blattern und Blüthen derselben Varietalen-Reihe. Wie verschieden sind die Blatter der Kohl-Sorten und wie ahnlich einander ihre Blüthen! wie unähnlich die Blüthen des Jelängerjeliebers und wie ahnlich die Blatter! wie sehr weichen die Früchte der verschiedenen Stachelbeer-Sorlen in Grosse, Farbe, Gestall und Behaarung von einander ab. wahrend an den Blülhen nur ganz unbedeutende Verschiedenheiten zu bemerken sind! Nicht als ob die Varietäten, die in einer Beziehung weit auseinander, in andern gar nicht verschieden waren: Diess ist schwerlich je und vielleicht niemals der Fall! Die Gesetze der Wechselbeziehungen des Wachs-Ihums, deren Wichligkeil nie übersehen werden sollte, werden immer einige Verschiedenheilen veranlassen: im Allgemeinen aber kann ich niclil zweifeln, dass die forlgeselzte Auswahl geringer Abänderungen in den Blattern, in den Blülhen oder in der Frucht solche Rassen erzeuge, welche hauptsächlich in diesen Theilen von einander abweichen.

Man konnte einwenden, das Prinzip der Zuchtwahl .eye

rrst seil kai.....Irei Vierleln eines Jahrhunderls zu planmässiger

Anwendung gebracht winden: gewiss ist es erst seit den letzten

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Uhren mehr in l'hung und sind «toi« Schrillen darüber erschic neu: Mi Kinelunssc >nnl in einem entsprechenden Grade immer rascher und erheblicher geworden. Es ist aber nicht entfernt wahr, dass dieses Prinzip eine neue Entdeckung seye. Ich kann mehre Beweise anfuhren, uns welchen sieh die volle An-eikcunung seiner Wichtigkeit schon in sehr alten .Schriften ergibt. seihst in den rohen und barbarischen Zeiten der Enylisrhrn Geschichte sind ausgesuchte Zucht-Thiore oft eingeführt und ist ihre Ausfuhr gesetzlich verboten worden: auch war die Zerstörung der Herde unter einer gewissen Grosse angeordnet, was sieh mit dem oben erwähnten Ausjäten der Pflanzen vergleichen luvst. I'as Prin/.ip der Züchtung finde ich auch in einer alten Chinisisrhrn Km vUo|iiclie bestimmt angegeben. Bestimmte Kegeln darüber sind bei einigen Kimiiscltiii Klassikern niedergelegt. Aus einigen Stellen in der Genesis erhellt, dass man schon in jener Indien Zeil der Farbe der llauslhiere seine Aufmerksamkeit zugewendet bat. Wilde kreulzen noch jetzt zuweilen ihre Hunde mit wilden llumlc-Vrten. um die Rasse zu verbessern, wie es nach Pmsiis' Zeugnis.« auch vormals geschehen ist. l»ie Wilden in fltrf itfiikll spannen ihre Zug-Ochsen nach der Farbe zusammen, wie einige Esquimaux ihre Zug-Hunde. Liwngstone berichtet, wie hoch gute Hausthier-Rassen von den Negern im innern Afrika, welche nie mit Europaern in Berührung gewesen, geschätzt werden. Kmie der angeführten Thatsachen sind zwar keine Belege für wirkliche Züchtung: aber sie zeigen, dass die Zucht der Haussiere schon in altern Zeiten ein Gegenstand der Bestrebung gewesen und es bei den rohesten Wilden noch jetzt ist. Es würde aber in der Thal doch befremden müssen, wenn sich bei der Züchtung die Aufmerksamkeil nicht sofort auf die Erblichkeit der so auffälligen guten und schlechten Eigenschaften gelenkt hatte. . In jetziger Zeil versuchen es ausgezeichnete Züchter durch planmassige Wahl, mit einem bestimmten Ziel im Auge, neue Stumme oder Lnlcrrassen zu bilden, die alles bis jetzt bei uns Vorhandene übertreffen sollen. Für unseren Zweck jedoch ist diejenige An von Züchtung wichtiger, welche man die unbewußte nennen kann und welche ein Jeder in Anwendung bringt, der

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von den besten Thieren zu besitzen und nachzuziehen strebt. So wird Jemand, der einen guten Hühnerhund zu haben wünscht, zuerst möglich gute Hunde zu erhalten suchen und hernach von den besten seiner eignen Hunde Nachzucht zu bekommen streben, ohne die Absicht oder die Erwartung zu haben, die Rasse hie-durch bleibend zu andern. Demungoachtet zweifle ich nicht daran, dass, wenn er dieses Verfahren einige Jahrhunderte lang fortsetzte, er seine Rasse andern und veredeln wurde, wie Bakf.well,. Collins u. A. durch ein gleiches und nur mehr planmiissiges Verfahren schon wiihrend ihrer eigenen Lebens-Zeit die Formen und Eigenschaften ihrer Rinder-Hcerden wesentlich verändert haben. Langsame und unmerkliche Veränderungen dieser Art lassen sich nicht erkennen, wenn nicht wirkliche Ausmessungen oder sorgfältige Zeichnungen der fraglichen Rassen von Anfang her gemacht worden sind, welche zur Vergleichung dienen können; zuweilen kann man jedoch noch unveredelte oder wenig veränderte Individuen in solchen Gegenden auflinden, wo die Veredelung derselben ursprünglichen Rasse noch nicht oder nur wenig fortgeschritten ist. So hat man Grund zu glauben, dass König Kabi.'s Jagdhund-Rasse * seit der Zeit dieses Monarchen unbewusster Weise beträchtlich verändert worden ist. Einige völlig sachkundige Gewährsmänner hegen die Überzeugung, dass der Spürhund in gerader Linie vom Jagdhund abstammt und wahrscheinlich durch langsame Veränderung aus demselben hervorgegangen ist. Es ist bekannt, dass der Vorstehehund im letzten Jahrhundert grosse Umänderung erfahren hat, und hier glaubt man seye die Umänderung hauptsächlich durch Kreutzung mit dem Fuchs-Hunde bewirkt worden: aber was uns berührt, das ist, dass diese Umänderung

f Herr DlSWD erllicill mir Ibef die hier genannten Englischen llunde-Ka>sen folgende Auskunft:

der Jagdhund (Spaniel) isl klein, rauhhaarig, mit hängenden Ohren und gibt auf der Fiihrie des Wildes Laut:

der Spurhund (Seiler isl ebenfalls rauhhaarig, aber gross, und druckt sich, wenn er Wind vom Wilde hat. ohne Laut M geben lange Zeil regungslos auf den Boden lau! die KährteY?);

der Vontehehund i Poinler) endlich entsprich! dem Deutschen Hühnerhunde und i*i in Englnd grora und glatthaarig.                          I). Üb».

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niibe»ussler und lM|MaM NM geschehen und dennoch H

Ania pt.....i"'11- Herr Bm— '"i'1' '',"'" versichert hal> in

pol gfm»m k.-iii.- einheimische Hunde - Hasse gesehen zu liulicii. die unsiTi'in Vorstchchund gliche.

Hiirch «-in gleiches Wahl-Verfahren und Mrgtttt0l Aufzucht 1,1 dk gaua IHM to WagUmm Hasse l'fenlc dahin gelangt in

S. hnelligkcil und ftnmn ihren Arabischen 1 rslamm zu übertreffen,

-ip dass dieser letzte bei di'ii Bestil.....uugen Ober die (ioodwood-

BmMI hinsichtlich des /.u tragenden liewicillc.» begünstigt »cid, 10

musstc. I.Uni Sn si in u.a. haben gezeigt, dass in Emgkmd <um Kind\ich 1111 Schwere und früher Heile gegen Indien: Zeilen zugenommen. Veigleinhl man die Nachrichten, welche in allen IiiiiIiiii lliiilicni über die Heilen- und Purzel-Tauben enlliallen sind, mit dii'M 11 Hassen, wie sie jelzt in liritunnieii. Indien und l'crsicn \nrkniniucn. su kann man, scheinl mir, deutlich die Stillen verfolgen, welche sie allmählich zu durchlaufen hatten, um endlich sn »eil von der Eclslaube abzuweichen.

Yoi'att gibt eine vortreffliche Erläuterung von den Wirkungen einer lorldaucrndcn Züchtung, weiche man in so ferne als un-hewussto betrachten kann, als die Züchter nie das von ihnen erlangte Ergebnis.« selbst er»artet oder gewünscht haben können, nämlich die Erzielung zweier ganz verschiedener Stamme. Es sind die zweierlei l.cicstrcr Schaaf-Heerden, welche von Mr. Hu hin und Mr. Buickss seil etwas über äO Jahren lediglieh aus dein Bake-» Kuschen I rstamine gezüchlel worden. Unter Allen, welche mit der Sache bekannt sind, glaubt Niemand von Kerne daran, dass die beiden Eigner dieser Heerden dem reinen Bakcwell'schen Stamme jemals fremdes Blut beigemischt hallen, und doch ist jetzt die Verschiedenheit zwischen deren Heerden so gross, dass man glaubt ganz verschiedene Bässen zu sehen.

Gabe es Wilde so barbarisch, dass sie keine Verinuthung >nn der Erblichkeit des Charakters ihrer Hausthiere hallen, so würden sie doch jedes ihnen zu einem besonderen Zwecke vorzugsweise nützliche Thier »ahrend Hungersnot!) und anderen I niilucks fallen sorgfältig zu erhallen bedacht seyn. und ein der-

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artig auscrwahltes Thier würde mithin mehr Nachkommenschaft als ein andres von geringerem Werthe hinterlassen. so dass schon auf diese Weise eine Auswahl zur Züchtung stattfände. Welchen Werth seihst die Barbaren des Feuerlandes auf ihre Thiere legen, sehen wir, wenn sie in Zeiten der Noth lieber ihre alten Weiber als ihre Hunde verzehren, weil ihnen diese nützlicher sind als jene. Bei den Pflanzen kann man dasselbe stufenweise Veredlungs-Verfahren in der gelegentlichen Erhaltung der besten Individuen wahrnehmen, miigen sie nun hinreichend oder nicht genügend verschieden seyn, um bei ihrem ersten Erscheinen schon als eine eigene Varietät zu gelten: mögen sie aus der Kreutzung von zwei oder mehr Kassen oder Arten hervorgegangen seyn. Wir erkennen Diess klar aus der zunehmenden Grösse und Schönheit der Minnen von .leliingerjelieber. Dahlien, Pelargonien, Rosen u. a. Pflanzen im Vergleich zu den alteren Varietäten von derselben Arten. Niemand wird erwarten eine Jelanger-jelieber oder Dahlie erster Qualität aus dem Samen einer wilden Pflanze zu erhalten, oder eine Schmelzbirne erster Sorte aus dem Samen einer wilden Birne zu erziehen, obwohl es von einem wild-gewachsenen Sämlinge der Fall seyn konnte, welcher von einer im Garten gebildeten Varietät entstammte. Die schon in der klassischen Zeil kullivirle Birne scheint nach Pi.inus' Bericht eine Frucht von sehr untergeordneter Qualität gewesen zu seyn. Ich habe in Gartenbau-Schriften den Ausdruck grossen Erstaunens Ober die wunderbare Geschicklichkeit von Gärtnern gelesen, die aus dürftigem Material so glanzende Erfolge gcarmlcl: aber ihre Kunst war ohne Zweifel einfach und. wenigstens in Bezug auf das End-Ergebniss, eine unbewusste. Sie bestund nur darin, dass sie die jederzeit beste Varietät wieder aussäeten und, wenn dann zufallig eine neue etwas bessere Abänderung zum Vorschein kam. nun diese zur Nachzucht wählten u. s. w. Aber die Gärtner der klassischen Zeit, welche die beste Birne, die sie erhalten konnten, nachzogen, dachten nie daran, was für eine herrliche Frucht wir einst essen winden: und doch schulden wir dieses (reifliche Obst in geringem Grade wenigstens dem Imstande, dass schon sie begonnen haben, die besten Varietäten auszuwählen und zu erhalten.

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Her grosse Imfang von Veränderungen, die dal m IMertt

h.....n Mm längs..... Mi niil.«-wn»t.T Weise angehäuft haben.

erklurl die wold-bekannle Thatsache. d.iss wn in <l.u meisten Fallen ,1,,. wilde Mutterpflanze ni<M wieder erkennen und daher nicht MMMMI Mri|>l| WOhar die MB längsten In unseren Blumen-und huchen-tiarlen «jnMmlM) Pflanzen ahstaminen. Wenn es aber Hundert "der I';.iim-ii.I.- von Jiilir.n bedurft hat. um unsre kullur-Pflan7.en Ins aul deren jetzige dein Menschen sn nützliche Stute zu veredeln. so wird es uns auch begreiflich, warum HM Aushallen, noch das Kap der yulen llo/fnmiy oder irgend eine MMN MM ganz iinzivilisiilcn Menschen bewohnte Gegend uns eine der kiillm- werlhe Pflanze geboten bat. Mehl als ob diese an Pflanzen so reichen liegenden in Folge eines eigenen Zufalles gar nicht mit I iToiimn nützlicher Pflanzen von der Natur versehen wenden waren: sondern ihre einheimischen Pflanzen sind nur nicht durch iiinnisevsrl/te Züchtung bis zu einem Grad« veredeil worden, welcher mit dem der Pflanzen in den schon langst kultivirlen Landern vergleichbar wäre.

Wh die llausthiere nicht zivilisirler Volker betrifft, so darf man nicht übersehen, dass diese in der Regel, zu gewissen Jahreszeiten wenigstens. um ihre eigene Nahrung zu kämpfen haben. In zwei sehr verschieden beschaflenen Gegenden können Individuen von einerlei Organismen-Art aber zweierlei Bildung und Thatigkeil der Organe oft die einen in der ersten und die andern in der zweiten Gegend besser fortkommen und dann durch eine Art natürlicher Züchtung, wie nachher weiter erklart werden soll, zwei I nleriMssen bilden. Hiess erklärt vielleicht zum Theile, was einige (iewahrsmanner von den Tbier-Rassen der Wilden berichten, dass dieselben mehr die Charaktere besonderer Species an sich tragen, als die bei zivilisirten Völkern gehaltenen Abänderungen.

Nach der hier aufgestellten Ansicht von dem äusserst wichtigen Einflüsse, den die Züchtung des Menschen geübt, erklart es sich auch wie es komme, dass unsre veredelten Rassen sich in Struktur und Lebensweise so an die Bedurfnisse und Launen des Menschen anpassen. Es lassen sich daraus Terner, wie ich glaube, der so oft abnorme Charakter unsrer veredelten Rassen und die

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gewöhnlich iuisserlich so grossen. In inneren Theilen oder Organen aber verhültnissmitssig so unbedeutenden Verschiedenheiten derselben begreifen. Denn der Mensch kann kaum oder nur sehr schwer andre als üusserlich sichtbare Abweichungen der Struktur bei seiner Auswahl beachten, und er bekümmert sieh in der Thal nur selten um das Innere. Er kann durch Wahl nur auf solche Abänderungen verfallen, welche ihm von der Natur selbst in anfänglich schwachem Grade dargeboten werden. So würde niemals Jemand versuchen eine l'fauentaube zu machen, wenn er nicht zuvor schon eine Taube mit einem in etwas unregelmüssiger Weise entwickelten Schwanz gesehen hätte, oder einen Kropfer zu züchten, ehe er eine Taube mit einem grosseren Kröpfe gefunden. Je eigenthümlichcr und ungewöhnlicher ein Charakter bei dessen erster Wahrnehmung erscheint, desto mehr wird derselbe die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Doch wiire der Ausdruck »Versuchen eine Pfauentaube zu machen« in den meisten Fallen äusserst unangemessen. Denn der, welcher zuerst eine Taube mit einem etwas stärkeren Schwanz zur Nachzucht ausgewählt, hat sich gewiss nicht trimmen lassen, was aus den Nachkommen dieser Taube, durch theils unbewusste nnd theils planmassige Züchtung werden könne. Vielleicht hat der Stammvater aller I'fauenlauben nur vierzehn etwas ausgebreitete Schwanz-Federn gehabt, wie die jetzige Jaranische Pfauentaube oder wie Individuen von verschiedenen andren Rassen, an welchen man bis zu 17 Schwanz-Federn gezahlt hat. Vielleicht hat die erste Kropltnube ihren Kropf nicht starker aufgebiahet, als es jetzt die Möventaube mit dem oberen Theile des Schlundes zu Ihun pflegt, eine Gewohnheit, welche bei allen Tauben-Liebhabern unbeachtet bleibt, weil sie keinen Gesichtspunkt für ihre Züchtung abgibt.

Es lasst sich nicht annehmen, dass es erst einer grossen Abweichung in der Struktur bedürfe, um den Blick des Liebhabers auf sich zu ziehen: er nimmt äusserst kleine Verschiedcnhcilcn wahr, und es ist in des Menschen Art begründet, auf eine wenn auch geringe Neuigkeit in seinem eignen Besitze Werth zu lagern Auch ist der anfangs auf geringe individuelle Abweichungen bei einer. Art gelegte Werth nicht mit demjenigen zu vergleichen, welcher

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vollkommenen

Typus einer jeden Hiisse zurückgeworfen wordi 10. Dm gc.....ine Gans

hat keine aulTallende Varietät geliefert, daher die Thoiilouse-iind die gewöhnliche Kasse, »eiche nur in der Farbe als dein biegsamsten «Ihr liiaraklere verschieden sind, hei unseren Ge-llngelAusstellungen für verschiedene Arien MMeM winden. Diese Ansichten mögen ferner eine zuweilen gemachte Bemerkung erklären, dass wir nämlich nichts nher die Entstehung oder Geschichti' einer iinsrer veredelten Rassen wissen. Ilenn man kann von einer Kasse, so wie von einem Sprach - Dialekte, in Wirklichkeil schwerlich sagen, dass sie einen bestimmten Anfang gehabt habe. Es pflegt jemand und gebraucht zur Züchtung irgend ein Einzelwesen mit geringen Abweichungen des Km-|ier- Baues, oder er verwendet mehr Sorgfalt als gewöhnlich darauf, seine besten Thiere mit einander zu paaren; er verbessert dadurch seine Zucht und die verbesserten Thiere verbreiten sich unmittelbar in der Nachbarschaft. Da sie aber bis jetzt noch schwerlich einen besonderen Namen haben und sie noch nicht sonderlich geschätzt sind, so achtet niemand auf ihre («.'schichte. Wenn sie dann durch dasselbe langsame und stufenweise Verfahren noch weiter veredelt worden, breiten sie sich immer Mite aus und werden jetzt als etwas Ausgezeichnetes'und Werlhvolles anerkannt und erhallen wahrscheinlich nun erst einen l'rovinzial-Namcn. In halb-zivilisirtcn Gegenden mit wenig MM Verkehr mag die Ausbreitung und Anerkennung einer neuen Interrasse ein langsamer Vorgang seyn. Sobald aber die einzelnen werlhvolleren Eigenschaften der neuen Interrasse einmal vollständig anerkannt sind, wird das von mir sogenannte Prinzip der unbewussten Züchtung langsam und unaufhörlich — wenn auch mehr zu einer als zur andern Zeit, jenachdem eine Kasse in der Mode steigt und fallt, und vielleicht mehr in einer Gegend als in der andern, je nach der Zivilisations-Stufe ihrer Bewohner — auf die Vervollkommnung der charakteristischen Eigenschalten

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der Rasse hinwirken, welcher Arl sie nun seyn mögen. Aber es ist unendlich wenig Aussicht vorhanden, einen geschichtlichen Bericht von solchen langsam wechselnden und unmerklichen Veränderungen zu erhalten.

Ich habe nun einige Worte über die für die künstliche Züchtung günstigen oder ungünstigen Umstünde zu sagen. Ein hoher Grad von Veränderlichkeit ist insol'erne offenbar günstig, als er ein reicheres Material zur Auswahl für die Züchtung liefert. Doch nicht, als ob bloss individuelle Verschiedenheiten nicht vollkommen genügten, um mit äusserster .Sorgfalt durch Häufung endlich eine bedeutende Umänderung in fast jeder beliebigen Richtung zu erwirken. Da aber solche dem Menschen offenbar nützliche oder gefällige Variationen nur zufällig vorkommen, so muss die Aussicht auf deren Erscheinen mit der Anzahl der gepflegten Individuen zunehmen, und so wird eine Vielzahl dieser letzten von höchster Wichtigkeil für den Erfolg. Mit Rücksicht auf dieses Prinzip hat Marschall über die Schaafe in einigen Theilen von Yorkshire gesagt, dass, weil sie gewöhnlich nur armen Leuten gehören und meistens in kleine Loosc vcrtheilt sind, sie nie veredelt werden können. Auf der andern Seite haben llandelsgärtner, welche alle Pflanzen in grossen Massen erziehen, gewöhnlich mehr Erfolg als die blossen Liebhaber in Bildung neuer und werthvoller Varietäten. Die Hallung einer grossen Anzahl von Einzelwesen einer Art in einer Gegend verlangt, dass man diese Species in günstige Lebens-Bedin-gungen versetze, so dass sie sich in dieser Gegend freiwillig fortpflanze. Sind nur wenige Individuen einer Arl vorhanden, so werden sie gewöhnlich alle, wie auch ihre Beschalfenheit seyn mag, zur Nachzucht verwendet, und Diess hindert ihre Auswahl. Aber wahrscheinlich der wichtigste Punkt von allen ist, dass das Thier oder die Pflanze für den Besitzer so nützlich oder so hoch gewerthel sey, dass er die genaueste Aufmerksamkeit auf jede auch die geringste Abänderung in den Eigenschaften und dem Korper-Baue eines jeden Individuums verwende. Ist Diess nicht der Fall, so ist auch nichts zu erwirken. Ich habe es als wesentlich hervorheben sehen, es seye ein sehr glücklicher

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Zufall gewesen, dass die Erdbeere gerade zu variiren begann, als ClrlifiT diese Pflanze naher H beobachten anfingen. Z»n

MnhM halte i|ir Wl.....n immer HBttrt, uMaü ri>«gwjflw1

worden: aber mau hatte die geringen Abänderungen vernaeh-BjrtlH Als jedoch Gärtner spater die Pflanzen mit etwas grosser. 10, früheren oder besseren Fruchten heraushoben. Sämlinge davon M»mon und dann wieder die besten Sämlinge und deren Abkommen zur Nachzucht verwendeten, da lieferte diese, unterstützt durch die Krculzung mit andern Arten, die vielen be-wundernswerthen Varietäten, welche in den letzten .'i(l 40 Jahren erzielt worden sind.

Was Thiere gelrennten (ieschlechtes betrifTI, so hat die Leichtigkeit, womit ihre Kreutzung gehindert werden kann, einen wichtigen Antheil an dem Erfolge in Bildung neuer Rassen, in einer Gegend wenigstens, welche bereits mit anderen Rassen besetzt ist. Dazu kann die Einschliessung des Landes in Betracht kommen. Wandernde Wilde oder die Bewohner offner Ebenen banfcM selten mehr als eine Rasse derselben Art. Man kann zwei Tauben lebenslänglich zusaminen-paaren. und Diess ist eine grosse Bequemlichkeit für den Liebhaber, weil er viele Vollblut-Kassen im nämlichen Vogelhause beisammen erziehen kann. Dieser Umstand hat gewiss die Bildung und Veredlung neuer Rassen sehr befordert. Ich will noch beifügen, dass man die Tauben sehr rasch und in grosser Anzahl vermehren und die schlechten Vogel leicht beseitigen kann, weil sie getodtet zur Speise dienen. Auf der andern Seile lassen sich Katzen ihrer nachtlichen Wanderungen wegen nicht zusaminen-paaren. daher man auch, trotzdem dass Krauen und Kinder sie gerne haben, seilen eine neue Rasse aufkommen sieht: solche Rassen, wenn wir dergleichen jemals sehen, sind immer aus anderen Gegenden und zumal aus Inseln eingeführt. Obwohl ich nicht bezweifle, dass einige Haussiere weniger als andre variiren, so wird doch die Seltenheil oder der gänzliche Mangel verschiedener Rassen bei Katze, Esel, Perlhuhn. Gans u. s. w. hauptsachlich davon herrühren, dass keine Züchtung bei ihnen in Anwendung gekommen ist: bei halzcn. wegen der Schwierigkeit sie zu paaren: bei Eseln, weil

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sie nur in geringer Anzahl von armen Leuten gehalten werden, welche auf ihre Züchtung wenig achten; bei Perlhühnern, weil sie nicht leicht aufzuziehen und eine grosse Zahl nicht beisammen gehalten wird ; bei Gänsen, weil sie nur zu zwei Zwecken dienen mittelst ihrer Federn und ihres Fleisches, welche noch nicht zur Züchtung neuer Rassen gereitzt haben.

Versuchen wir das über die Entstehung unsrer Hausthier-und Kulturpflanzen-Rassen Gesegte zusammenzufassen. Ich glaube, dass die äusseren Lebens-Beriingungen wegen ihrer Einwirkung auf das Reproduktiv-System von der höchsten Wichtigkeit für die Entstehung von Abiinderungen sind. Ich glaube aber nicht, dass Veränderlichkeit als eine inhärente und notwendige Eigenschaft allen organischen Wesen unter allen Umstünden zukomme, wie einige Schriftsteller angenommen haben. Die Wirkungen der Veränderlichkeit werden in verschiedenem Grade modifizirt durch Vef-erblichkeit und Rückkehr. Sie wird durch viele unbekannte Gesetze geleitet, insbesondre aber durch das der Wechselbeziehungen des Wachsthums. Einiges mag der direkten Einwirkung der äusseren Lebens-Bedingungen. Manches dem Gebrauche und Nichtgebrauche der Organe zugeschrieben werden. Dadurch wird das End-Ergebniss ausserordentlich verwickelt. Ich bezweifle nicht, dass in einigen Fällen die Krculzung ursprünglich verschiedener Arten einen wesentlichen Antheil an der Bildung unserer veredelten Erzeugnisse gehabt habe. Wenn in einer Gegend einmal mehre veredelte Rassen vorhanden gewesen sind, so hat ihre gelegentliche Kreutznng mit Hilfe der Wahl zweifelsohne machtig zur Bildung neuer Rassen mitwirken können; aber die Wichtigkeit der Varietäten-Mischung ist, wie ich glaube, sehr übertrieben worden sowohl in Bezug auf die Thiere wie auf die Pflanzen, die sich aus Saamen verjüngten. Bei solchen Pflanzen dagegen, welche zeitweise durch Stecklinge, Knospen u. s. w. fortgepflanzt werden, ist die Wichtigkeit der Kreutzung zwischen Arten wie Varietäten unermesslich, weil der Pflanzenzüchter hier die ausserordenlliche Veränderlichkeit sowohl der Bastarde als der Blendlinge ganz ausser Acht lässt; doch haben die Falle, wo Pflanzen nicht aus Saamen fortgepflanzt werden, wenig

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llcileiilune fur uns. weil ihre Dauer nur vornberijehenel W. Aber

die über iBa dtaM Änderung«, i mcbm bei weitem vorherrschende Kraft ist mich meiner I berzeiiuiing die fortdauernd anhäufende Züchtung, mag sie nun phtnmassig nnil schnell, oder unbcwussl und allni;.lilichcr aber wirksamer In Anvteniliiiitr kommen.

Zweites Kapitel. Miamlcriiii!.' im \alnr-Ziislande.

ViriübiliUl. Inili\i.lii. II.- \ .-i -.-ln.-.l.-nli.-ii.-ti. Z« rift-lhaftc Arten. Weil ver-

lirt'ilfU'. M-Iir lOflHMta BDej ü''.....In« Arti-n \nriiren am meislen. Arten

grössrer Sippen in einer Crcend beisammen variirrn mehr, als die der

kli'inru Sippen. Viel« taen der grauen Sippen gleichen den Varietäten

darin, da.« sie sehr nahe aber ungleich mit einander verwand! sind und

beschrankt«- Vnrbratanen-Beiirk« haben.

Klic- wir von den Prinzipien. zu welchen wir im vorigen Kapitel geliinglen. \nwendung auf die organischen Wesen im Naturzustände machen, müssen wir kürzlich untersuchen, in wieferne diese letzten veränderlich sind oder nicht. Um diesen Gegenstand angemessen zu behandeln, iniissle ich ein langes Verzeiehniss trock-ner That.saehen aufstelle ti: doch will ich diese für mein künftiges Werk versparen. Auch will ich nicht die verschiedenen Definitionen erörtern, welche man von dem Worte »Species« gegeben hat. Keine derselben hat bis jetzt alle Naturforscher befriedigt. Gewöhnlich icbliesst die Definition ein unbekanntes Element von einem besondren Sehopfungs-Akle ein. Der Ausdruck »Varietät" ist eben so schwer zu definiren: gemeinschaftliche Abstammung ist meistens mit einbedungen. obwohl so selten erweislich. Auch hat man von Monstrositäten gesprochen, die aber stufenweise in die Varietäten übergehen. Unter einer »Monstrosität" versteht man nach meiner Meinung irgend eine betrachtliehe Abweichung der Struktur in einem einzelnen Theilc, welche der Art entweder nachtheilig oder doch nicht nützlich ist und sich gewöhnlich nicht vererbt. Einige Schriftsteller gebrauchen noch den Ausdruck »Variation« in einem technischen Sinne, um Abänderungen durch die unmittelbare Einwirkung äussrer Lebens-Bedingungen zu bezeichnen, und die Variationen dieser Art gelten nicht für erblich. The Comolete Work of Charles Darwin Online,

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Doch, wer kann behaupten, dass die zwergartige Beschaffenheit der Konrliylien im Brackwasser des Baltischen Meeres, oder die verringerte Griisse der Pflanzen auf den Hohen der Alpen, oder der dichtere Pelz eines Thieres in höheren Breiten nicht auf wenigstens einige Generationen vererblich seye? und in diesem Falle würde man. glaube ich. die form eine »Varielal" nennen. Dagegen gibt es manche geringe Verschiedenheiten, welche man als individuelle bezeichnen kann, da man von ihnen weiss, dass sie oft unter den Abkömmlingen \on einerlei Utero vorkommen, oder unter solchen die wenigstens dafür gelten, weil sie zur nämlichen Art geboren und auf begrenztem Räume nahe beisammen wohnen. Niemand unterstellt, dass alle Individuen einer Art genau nach demselben Model gebildet seyen. Diese individuellen Verschiedenheiten sind nun gerade sehr wichtig für uns, weil sie der natürlichen Zucht mg Stoff zur Häutung liefern, wie der Mensch in seinen kultivirten Bässen individuelle Verschiedenheiten in gegebener Richtung zusammenhaut'). Diese individuellen Verschiedenheiten betreffen in der Regel nur die in den Augen des Naturforschers unwesentlichen Theile: ich konnte jedoch aus einer langen Liste von Thatsachen nachweisen, dass auch Theile. die man aus dem physiologischen wie aus dem klassilikalorischon (iesichlspiiukle als wesentliche bezeichnen muss. zuweilen bei den Individuen von einerlei Art variiren. Ich bin überzeugt, dass die erfahrensten Naturforscher erstaunt seyn würden Ober die Menge von fallen möglicher Abänderungen sogar in wichtigen Theilen des Körpers, die ich ÜB Laufe der Jahre nach

guten Gewährsmännern znsi.......riigolragon habe. Man muss sich

aber auch dabei noch erinnern, dass Syslemaliker nicht erfreut sind Veränderlichkeit in wichtigen Charakteren zu entdecken, und dass es nicht viele Leute gibt, die ein Vergnügen daran fanden. innre wirblige Organe sorglallig zu untersuchen und in vielen Kxcmplarcu einer und der naoiliehen Art mit einander zu vergleichen. So haiie ich nimmer erwartet, dass die Verzweigungen

des Bauptnerven dicht am grossen Zonlrnlnorvenkliolrii eines Insektes in der nämlichen Speeies abändern kiiime, sondern hatte vielmehr gedacht, Veränderungen dieser Art kennten nur langsam

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und stulcnwc,.....intreten. Ind doch Iml Mr. Lmsock kürzlich

an Cocrus einen Und 1*1 JBWlrilllltfcWft «» lli''sl'" """l''-nerven nachgewiesen, welcher zumeist an IIa unregelmäßige VtonrrfgllBg »h»l Baumstamms erinnert. Ebenso hat dieser ausgczcu-linrle NMufMM-her gm kürzlich gezeigt, dass die Muskeln in den Kurven gewisser Insekten von Gleichförmigkeit weit entfernt sind. l>ie Schriftsteller bewegen sich oft in einem Zirkelschhiss. wenn sie behaupten, dass wichtige Organe nicht variiren; denn dieselben Schriltsteller zahlen praktisch diejenigen Organe zu den wichtigen (wie einige wenige ehrlich genug sind zu gestehen), welche nicht variiren, und unter dieser Voraussetzung kann dann allerdings niemals ein Beispiel von einem variirenden wichtigen Organe angeführt werden: aber von einem andern Gesichtspunkte aus lassen sich deren viele aufzahlen.

Mit den individuellen Verschiedenheiten steht noch ein andrer Punkt in Verbindung, der mir sehr verwirrend zu seyn scheint: ich will nämlich von den Sippen reden, die man zuweilen »pro-teische« oder »polymorphe" genannt hat. weil deren Arten ein ungeordnetes Maass von Veränderlichkeit zeigen, so dass kaum zwei Naturforscher darüber einig werden können, welche Korinen als Arten und welche als Varietäten zu betrachten seyen. Man kann Rubus. Rosa. Hieracium unter den Pflanzen, mehre Insekten- und Brachiopoden-Sippen unter den Thieren als Beispiele anfuhren. In den meisten dieser polymorphen Sippen haben einige Arien feste und bestimmte Charaktere. Sippen, welche in einer Gegend polymorph sind, scheinen es mit einigen wenigen Ausnahmen auch in andern Gegenden zu seyn und. nach den Brachiopoden zu urlheilen, in früheren Zeilen gewesen zu seyn. Diese Thalsachen nun scheinen in soferne geeignet Verwirrung zu bewirken, als sie zeigen, dass diese Art von Veranderlichkeil unabhängig von den Lebens-Bedingungen ist. Ich bin zu vermuthen geneigt, dass wir in diesen polymorphen Sippen Veränderlichkeit nur in solchen Struktur-Verhallnissen begegnen, welche der Art weder nützlich noch schädlich sind und daher bei der natürlichen Züchtung nicht berücksichtigt und befestigt worden sind, wie nachher erläutert werden soll.

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Diejenigen Formen, welche zwar einen schon etwas mehr entwickelten Art-Charakter besitzen, aber andren Formen so ahnlich oder durch Mittelstufen so enge verkettet sind, dass die Naturforscher sie nicht als besondre Arten aufführen wollen, sind in mehren Beziehungen die wichtigsten für uns. Wir haben allen Grund zu glauben, dass viele von diesen zweifelhaften und und eng-verwandten Formen ihre Charaktere in ihrer Heiniath-Gegend lange Zeit beharrlich behauptet haben. lang genug um sie für gute und achte Species zu hallen. Praktisch genommen pflegt ein Naturforscher, welcher zwei Formen durch Zwischenglieder mit einander verbinden kann, die eine als eine Varietät der anderen gewöhnlichem oder zuerst beschriebenen zu behandeln. Zuweilen treten aber sehr schwierige Falle, die ich hier nicht aufzahlen will, bei Entscheidung der Frage ein, ob eine Form als Varietät der anderen anzusehen seye oder nicht, sogar wenn heidi- durch Zwischenglieder enge miteinander verkettet sind: auch die gewöhnliche Annahme, dass diese Zwischenglieder Bastarde seyen, will nicht immer genügen um die Schwierigkeit zu beseitigen. In sehr vielen Fallen jedoch wird eine Form als eine Varietät der andern erklärt, nicht weil die Zwischenglieder wirklich gefunden worden, sondern weil Analogie den Beobachter verleitet anzunehmen, entweder dass sie noch irgendwo vorhanden sind, oder dass sie früher vorhanden gewesen sind: und damit ist dann Zweifeln und Vcrmuthungen eine weite Thüre geöffnet.

Wenn es sich daher um die Frage handelt, ob eine Form als Art oder als Varietät zu bestimmen seye, scheint die Meinung der Naturforscher von gesundem Urtheil und reicher Erfahrung der einzige Führer zu bleiben. Gleichwohl können wir in vielen Fällen uns nur auf eine Majorität der Meinungen berufen; denn es lassen sieh nur wenige wohl-bezeichnete und wohl-bekannte Varietäten namhaft machen, die nicht schon bei wenigstens einem oder dem anderen sachkundigen Siebter als Spezies gegolten hätte. Dass Varietäten von so zweifelhafter Natur keinesweges selten seyen. kann nicht in Abrede gestellt werden. Man vergleiche die von verschiedenen Botanikern geschriebenen Floren

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„„, QwlDllI—*! trn,,krr,cl, oder den HavfttiM Sl.mln, mit

nlmniln und nha, ww »i * MateMB«H'"«M"1 w»V«mim

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als blewa VtlW— UgMabH «erden, lleir II. G> W visuv welch.-in Iflh zur uiuii-len Krkennllirhk.il lur I nlerstulz.ing aller Art verlmnden hin. hui nur 181 llnhs./.r l'llaiizeu bezeichnet, «elehe |i-wohuli. h .ils Narictutcn einnereihl werden, »her auch M-hnu alle von Holaiiikcrn lur Uten erklärt worden lindj dabei M er noeh inanehe leichtere aber aueh stlion »on einem „der dem anderen liolaniker als \rl aiHucnoiiiiiienc \ arielal uheriraniren und einige sehr |uil> innruhe Sippen gänzlich ausser Acht gelassen. I nler Sippen, welche die am meislen polymorphen Korinen enthalten, lulirl BahMTOI 8dl, Iti mihm dagegen Olli 142 Arten auf. ein l nterscliicil TOB 139 zweifelhaften Können! I nter den I liieren, w.-l, In- steh /.u |edi'r r.inrung \ereinigcn iiml sehr orlwechsclnd sind, können dergleichen zwcilcllial'lc /.wisehen Art und Varietät schwankende Können nicht mi leicht in einer i,i :.. ud heisainmen vorkommen, sind aller in gl Ireiinlcn Gebieten niclil selten. Wie viele dieser \iinla?iiii ikmiisilicii und h'.uro-ptittkm Insekten und Vogel sind von dein einen ausgezeichneten Naturforscher als unzweifelhafte Art und von dem anderen als Varietät oder sogenannte klimatische Rasse bezeichnet worden! Als ich vor vielen Jahren die Vogel von den einzelnen Inseln der SftiapafM-firuppe mit einander verglich und Andre sie vergleichen sah. war ich sehr darüber erstaunt, wie ganzlich schwankend und willkuhrlieh der I nlcrschied zwischen Art und \ arielal ist. Aul den lnselchen der kleinen .IWe/r.i-liruppc kommen riete Insekten vor. welche in W oi.nsioxs bewundernswürdigem Werke als Varielaleu iliarakleiisirl sind, die aber ohne allen Zweifel von vielen Kntoiuologen als besondre Arten aufgestellt werden wurden. Selbst Irland besitzt einige wenige jeUt allgemein als \ ai-letalen angesehene Thiere. die aber von .inigen Naturforschern für Arten erklärt worden sind. Einige sehr erfahrene Ornitliologen betrachten unser llnttsrlu-s Hulhhuhn (Laoo-pus) nur als eine schart bezeichnete Rasse der .\imnaUchen Art. wahrend die meislen solche lur eine unzweiielhail eigenthuudiche

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Art Grossbritanniens erklaren. Eine weile Entfernung zwischen der Heimath zweier zweifelhallen Formen bestimmt viele Naturforscher dieselben für zwei Arten zu erklaren; aber nun fragt es sich, welche Entfernung dazu geniige? Wenn die zwischen Europa und Amerika gross genug ist. kann dann auch jene zwischen erstem Kontinente und den Azoren oder Madeira oder den Canarischen Inseln oder Irland genügen? Man muss zugeben, dass viele von hoch-befähigten Richtern als Varietäten betrachtete Formen so vollkommen den Charakter von Arten besitzen, dass sie von andern hoch-befähigten Beurtheilern für gute ächte Spezies erklärt werden. Aber es ist vergebene Arbeit die Frage zu erörtern, ob es Arten oder Varietäten seyen, so lange noch keine Definition von dem Begriffe dieser zwei Ausdrücke allgemein angenommen ist.

Viele dieser stark ausgeprägten Varietäten oder zweifelhaften Arien verdienten wohl eine nähere Beachtung, weil man vielerlei interessante Beweis-Mittel aus ihrer geographischen Verbreitung, analogen Variationen, Bastard-Bildungen u. s. w. herbeigeholt hat, um die ihnen gebührende Rangstufe festzustellen. Ich will hier nur ein Beispiel anführen, das von den zwei Formen der Schlüsselblumen. IVimula veris und l'r. elatior. Diese zwei Pflanzen weichen bedeutend im Aussehen von einander ab: jede hat einen anderen (ieruch und Geschmack: sie blühen zu etwas verschiedener Zeit und wachsen an etwas verschiedenen Standorten; sie gehen an Bergen bis in verschiedene Höhen hinauf und haben eine verschiedene geographische Verbreitung: endlich lassen sie sieh nach den vielen in den letzten Jahren von einem äusserst sorgfälligen Beobachter. Gärtner, angestellten Versuchen nur sehr schwierig mit einander kreulzen. Man kann also scliwerlich bessre Beweise dafür wünschen, dass beide Formen verschiedene Arten bilden. Auf der andern Seite aber werden sie durch zahlreiche Zwischenglieder mit einander verkettet, und es ist sehr zweifelhaft, dass Solches Bastarde sind: Diess ist, wie mir lObetet, ein überwiegendes Maass von K.vperiuienlal-Beweis dafür, dass sie von gemeinsamen Allern abstammen und mithin nur als Varietäten zu betrachten sind.

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Sorgfältige Forschung wird in den meisten Fallen die Naturforscher zur Verständigung darüber bringen, wofür die zweifelhaften Formen zu halten sind. Doch müssen wir bekennen, dass es gerade in den am besten bekannten Gegenden die meu-ten zweifelhaften Formen gibt. Ich war über die Thatsache erstaunt, dass von solchen Thieren und Plbnzen. welche dem Menschen in ihrem Nalur-Zustande sehr milzlich sind oder aus irgend einer anderen l'rsache seine besondre Aufmerksamkeit erregen, fast überall Varietäten angeführt werden. Diese Varietäten werden jedoch oft von einem oder dem andern Autor als Arten bezeichnet. Wie sorgfältig ist die gemeine Eiche stiidirl worden! Nun macht aber ein Deutscher Autor über ein Dutzend Arten aus den Formen, welche bis jetzt stets als Varietäten angesehen wurden: und in diesem Lande können Ulier den höchsten botanischen Gewährsmännern und vorzüglichsten Praktikern welche sowohl zu Gunsten der Meinung, dass die Trauben- und die Stiel-Eiche gut unterschiedene Arten seyen, wie auch andre für die gegentheilige Ansicht nachgewiesen «erden.

Wenn ein junger Naturforscher eine ihm ganz unbekannte Gruppe von Organismen zu sludiren beginnt, so macht ihn anfangs die Frage verwirrt, was für Unterschiede die Arten bezeichnen, und welche von ihnen nur Varietäten angehören: denn er weiss noch nichts von der Art und der Grosse der Abänderungen, deren die Gruppe fähig ist: und Diess beweiset oben wieder, wie allgemein wenigstens einige Variation ist. Wenn er aber seine Aufmerksamkeit auf eine Klasse in einer Gegend beschrankt, so wird er bald darüber im Klaren seyn, wofür er diese zweifelhaften Formen anzuschlagen habe. Er wird im Allgemeinen geneigt seyn, viele Arten zu machen, weil ihn, so wie die vorhin erwähnten Tauben- oder Hühner-Freunde, das Maas der Abänderung in den seither von ihm sludirten Formen betroffen macht, und weil er noch wenig allgemeine Kenntniss von analoger Abänderung in andern Gruppen und andern Gebenden zur Berichtigung jener zuerst empfangenen Eindrücke besitzt. Dehnt er nun den Kreis seiner Beobachtung weiter aus, so wird er noch auf andre Schwierigkeiten stossen; er wird einer grossen

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Anzahl nahe verwandter Formen begegnen. Erweitern sich seine Erfahrungen noch mehr, so wird er endlich in seinem eignen Kopfe darüber einig werden, was Varietät und was Spezies zu nennen seye: aber er wird zu diesem Ziele nur gelangen, indem er viel Veränderlichkeit zugibt, und er wird die Richtigkeit seiner Annahme von andern .Naturforschern olt in Zweifel gezogen sehen. Wenn er nun überdiess verwandte Können aus andern nicht unmittelbar angrenzenden Landern zu studiren Gelegenheit erhall, in welchem Falle er kaum hoffen darf die Mittelglieder zwischen diesen zweifelhaften Formen zu finden, so wird er sich fast ganz auf Analogie verlassen müssen, und seine Schwierigkeiten weiden sich bedeutend steigern.

Eine bestimmte Grenzlinie ist bis jetzt sicherlich nicht gezogen worden, weder zwischen Arten und Unterarten, d. i. solchen Formen, welche nach der Meinung einiger iNaturlorscher den Bang einer Spezies nahezu aber doch nicht ganzlich erreichen, noch zwischen Unterarten und ausgezeichneten Varietäten, noch endlich zwischen den geringere« \'arietaten und individuellen Verschiedenheiten. Diese Verschiedenheiten greifen, in eine Reihe geordnet, unmerklich in einander, und die Reihe weckt die Vorstellung von einem wirklichen Übergang.

Daher werden die individuellen Abweichungen, welche für den Systematiker nur wenig Werlh haben, für uns von grosser Wichtigkeit, weil sie die erste Stufe zu denjenigen geringeren Varietäten bilden, welche man in naturgesehichtlichen Werken der Erwähnung werth zu hallen pflegt. Ich sehe ferner diejenigen Abänderungen, welche etwas erheblicher und beständiger sind, als die nächste Stufe an. welche uns zu den mehr auffälligen und bleibenderen Varietäten führt, wie uns diese zu den Subspezies und endlich Spezies leiten. Der lbergang von einer dieser Stufen in die andre nachst-hohere mag in einigen Fallen lediglich von der lang-wahrenden Einwirkung verschiedener natürlicher Bedingungen in zwei verschiedenen Gegenden herrühren; doch habe ich nicht viel Vertrauen zu dieser Ansicht und schreibe den 1 bergang von einer leichten Abänderung zu einer wesentlicher verschiedenen Varietät der Wirkung der natürlichen

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Züchtung ....ttrlst Anhäufung indMdwIlW Abweichungen der Struktur in gewisser sleler Rirhtiinu zn. wie nachher naher auseinandergesetzt «erden soll. Ich glaube dlbeT, dass man ein,- pl ausgeprägte Varietät mit Recht eine beginnende SpeXfet nennen kann: Od »<* ibn dieser r.lnube rechtfertigen taue, mnss aus dem allgemeinen Gewichte der in diesem Werke hei gebrachten Thalsachen und Ansichten ermessen »erden.

Es ist nicht milbig zu unterstellen, dass alle Varietäten oder beginnenden Spezies si< h wirklich zum Range einer Arl erbebe«.

Sie kOfflien in dies..... fleginnungs-Zuslande wieder erloschen:

oder sie können als solch.' Varietäten Itnge Zeiträume durchlaufen, wie Woi.LASTOfi von den Varietäten gewisser l.andsclmecken-Arlen auf Madeira gezeigt *. Gedeihe! eine Varietät derartig, dass sie die alterliche Spedes in Zahl nherlrillt. so sieht man de für die Art und die Arl für die Varietät an: sie kann die alterliche \rt aber allmählich auch ganz ersetzen und überleben: oder endlich beide können wie unabhängige Arten neben einander fortbestehen Hoch, wir Werden nachher auf diesen Gegenstand zurückkommen.

Aus diesen Bemerkungen geht hervor, dass ich den Kunstausdruck ..Species« als einen nur willkürlich und der Bequemlichkeit halber auf eine Reihe von einander sehr ahnlichen Individuen angewendeten betrachte, und dass er von dem Kunslaus-drucke »Varietät" nicht wesentlich, sondern nur insofern verschieden ist. als dieser auf minder abweichende und noch mehr schwankende Formen Anwendung findet, l'nd eben so ist die I nterscheidung zwischen »Varietät" und ..individueller Abänderung« nur eine Sache der Willkür und Bequemlichkeit.

Durch theoretische Betrachtungen geleitet habe ich geglaubt, dnss sich einige interessante Ergebnisse in Bezug auf die Natur und die Beziehungen der am meisten variirenden Arten darbieten würden, wenn man alle Varietäten aus verschiedenen wohl-

Albkhs hat dieselbe Hcuhaclilung auf Madeira gemacht, aber eine andre Folgerung daraus gelogen: das, nämlich diese Formen, die während unermeßlicher Zeilraumc immer dieselben geblieben, ni rhl in einander übergehen und nicht eine Speiies bilden.                                                         D. J).

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bearbeiteten Kloren tabellarisch zusammenstellte. Anfangs schien mir Diess eine einfache Sache zu seyn. Aber Herr H. C. VVatson, dem ich für seine werthvollen Dienste und Hilfe in dieser Beziehung sehr dankbar bin. überzeugte mich bald, dass Diess mit vielen Schwierigkeiten verknüpft seye. was späterhin Dr. Hooker in noch bestimmterer Weise bestätigte. Ich behalte mir (l;ihcr für mein künftiges Werk die Erörterung dieser Schwierigkeiten und die Tabellen über die Zahlen-Verhaltnisse der variirenden Spezies vor. Dr. Hookkk erlaubt mir noch beizufügen, dass. nachdem er meine handschriftlichen Aufzeichnungen und Tabellen sorgfältig durchgelesen, er die folgenden Kestslel-lungen für vollkommen wohl begründet halte. Der ganze (legenstand aber, welcher hier nothwendig nur sehr kurz abgehandelt werden miiss. ist ziemlich verwickelt, zumal Bezugnahmen auf das „Bingen um Existenz.", auf die »Divergenz des Charakters" und andre urst spater zu erörternde Fragen nicht vermieden werden kiinnen.

Alphons DkCanuum.k u. a. Botaniker haben gezeigt, dass solche Pflanzen, die sehr weit ausgedehnte Verbreitungs-Bezirke besitzen, gewohnlich auch Varietäten darbieten, wie sich ohne-diess schon erwarten lassl. weil sie verschiedenen physikalischen Einflüssen ausgesetzt sind und mit anderen (Irup-BM von Organismen in Mitbewcrbüiig kommen, was, wie sich nachher ergeben soll. von noch viel grosserer Wichtigkeit ist. Meine Tabellen zeigen aber lerner. dass auch in einem beschrankten Gebiate die gemeinsten, d. h. die in den zahlreichsten Individuen vorkommenden Arten iiml jene, welche innerhalb ihrer eignen Gegend am meisten verbreitet sind (was von »weiter Verbreitung» und in gewisser Weise vcni »(iemeinseyn« wohl zu unterscheiden), oft zur Entstehung von hinreichend bezeichneten Varietäten Veranlassung geben, um sie in botanischen Werken aufgezahlt zu linden. Es sind mithin die am üppigsten gedeihenden oder, wie man sie nennen kann, dominirenden Arten, nämlich die am weitesten über die Erd-Oberllache ausgedehnten, die in ihrer eignen Gegend am allgemeisl verbreiteten, es sind die an Individuen reichsten Arten, welche am ollosicn wohl ausgeprägte

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Vnrielnten oder, wie man sie nennen mochte. Beginnende Speciet liefern. DM Uta IM vielleicht MMMki mwatm\ denn

M „„ mmVm, M ciniKormaas-cii bleibend zu werden, notwendig mit »ndrrn Bewi.hnern der Gegend zu kämpfen haben. pj Verden mich die luri-its herrschend gewordenen Arien am

meisten trennet seyn Narhkn.....i.'n zu liefern, welche, mit cini-

|H whfcta N ! iiiil.rimirin. diejenigen \orzuuc noch weiter zu vererben im Stada sind, wodurch ihre Allern über ihre Lan-

immmmm iios i tagowiahl errungen haben.

Wenn man die eine liegend bewohnenden nnil in einer Klora derselben beschriebenen Pflanzen in zwei gleiche Haufen Ihnll. wovon der eine alle Arten uns grossen, und der andre alle aus kleinen Sippen enthalt, so wird man eine etwas grossere Anzahl sehr gemeiner und sehr verbreiteter oder herrschender Arien n| Seiten der grossen Sippen linden. Auch Diess hat vorausgesehen werden können : denn schon die einlache Thiit-sacln. ibiss viele Arien einer und der nämlichen Sippe eine liegend bewohnen, zeigt etwas in der organischen oder unorganischen Beschaffenheit der Gegend für die Sippe Gunstiges an, daher man NU Uta durfte, in den grosseren oder viele Arten enthaltenden Sippen auch eine verhaltnissmässig grosse Anzahl herrschender Arten /.u linden. Aber es gibt so viele Ursachen, welche dieses Krgebniss zu verhüllen streben, dass ich erstaunt bin, in meinen Tabellen doch noch ein kleines Übergewicht auf Seiten der grossen Sippen zu finden. Ich will hier nur zwei Ursachen dieser Verhüllungen anfuhren. Süsswasser- und Salz-Pflanzen haben gewohnlich weit ausgedehnte Bezirke und eine starke Verbreitung: Diess scheint aber mit der Natur ihrer Standorte zusammenzuhängen und hat wenig oder gar keine Beziehung zu dem Arten-Beichthum der Sippen, wozu sie gehören. Ebenso sind Pflanzen von unvollkommenen Organisations-Slufen gewöhnlich viel weiter als die hoch organisirten verbreitet, und auch hier besteht keine nahe Beziehung zur Grosse der Sippen. Die Ursache dieser letzten Erscheinung soll in unseren Kapiteln über die geographische Verbreitung erörtert werden.

Indem ich die Arten nur als stark ausgeprägte und wohl

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umschriebene Varietäten betrachtete, war ich im Stande vorauszusagen, dass die Arten der grosseren Sippen einer Gegend öfter, als die der kleineren, Varietäten darbieten würden; denn wo immer sich viele einander nahe verwandte Arten (die der grösseren Sippen) gebildet haben, werden sich im Allgemeinen auch viele Varietäten derselben oder beginnende Arten zu bilden geneigt seyn, — wie da, wo viele grosse Bäume wachsen, man viele junge Bäumchen aufkommen zu sehen erwarten darf. Wo viele Arten einer Sippe durch Variation entstanden sind, da sind die Umstände günstig für Variation gewesen und möchte man mithin auch erwarten, sie noch jetzt günstig zu finden. Wenn wir dagegen jede Art als einen besonderen Akt der Schöpfung betrachten, so ist kein Grund einzusehen, weshalb verhältniss-mässig mehr Varietäten in einer Arten-reichen Gruppe als in einer solchen mit wenigen Arten vorkommen sollten.

Dm die Richtigkeit dieser Voraussagung zu beweisen, habe ich die Pflanzen-Arten in zwölf verschiedenen Ländern und die Käfer-Arten in zwei verschiedenen Gebieten in je zwei einander fast gleiche Haufen getheilt. die Arten der grossen Sippen auf der einen und die der kleinen auf der andern Seite, und es hat sich beharrlich überall dasselbe Ergebniss gezeigt, dass eine verhältnissmassig grössre Anzahl von Arten bei den grossen Sippen Varietäten haben als bei den kleinen. Uberdiess bieten die Arten der grossen Sippen, welche überhaupt Varietäten haben, eine verhallnissmassig grössere Varietäten-Zahl dar, als die der kleineren. Zu diesen beiden Ergebnissen gelangt man auch, wenn man die Einlheilung anders macht und alle Sippen mit nur I —4 Arten ganz aus den Tabellen ausschliesst. Diese Thatsachen sind von klarer Bedeutung lür die Ansicht, dass Arten nur streng ausgeprägte und bleibende Varietäten sind: denn wo immer viele Arten in einerlei Sippe gebildet worden sind oder wo, wenn der Ausdruck erlaubt ist, die Arten-Fabrikation thätig betrieben worden ist. müssen wir gewöhnlich diese Fabrikation noch in Thätigkeil finden, zumal wir alle Ursache haben zu glauben, dass das Fahrikations-Verfahren ein sehr langsames seye. Und Diess ist sicherlich der Fall, wenn Varietäten

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„|s hcßinnende Arien zu In—MW OM "> Tabellen zei-B,-n deutlich |Hi allgemein. *M, wo immer >iele Arten NM MM geluldel worden sind, diese Mn eine dm llnrchsrhi.itl

nher-lemcndc ta«ü * fcllllW l'<-iitnn.'ii<ti-ri .....n

Arten «UM Damit soll nicht gesagt werden, dass alle M| Sippen jetzt sehr variiron und in Vermehrung ihrer Arien-Zahl begriffen sind, oder dass keine klein,' Sippe jetzt Varielalen bilde und wachse: denn dieser Kall wäre sehr verderblich für meine Theorie, zumal uns die Geologie klar beueiset, dass kleine Sippen im l.anie der Zeil oft sehr gross geworden, und dass grosse Sippen, nachdem sie ihr Maximum erreicht. wieder zurückgesunken und endlich verschwunden sind. Alles, was hier zu beweisen nolhig ist. beschrankt sich daraul. dass da, wo viele Arten in einer Sippe gebildet worden, auch noch jetzt durchschnittlieh viele in Bildung begriffen sind: und Diess isl nachgewiesen.

Ks gibt aber noch andere beachtenswerte Beziehungen zwischen den Arien grosser Sippen und den aufgeführt werdenden Varietäten derselben. Wir haben gesehen, dass es kein untrügliches I ntersrheidiings-Merkmal zwischen Arien und stark ausgeprägten Varielalen gibt: und in jenen Fallen, wo Mittet «heilit /ui-ehen zweifelhaften Können noch nicht gefunden worden, sind die Naturforscher gennlhigt. ihre Bestimmungen von der Crosse der Verschiedenheiten zwischen zwei Korinen abhangig zu machen, indem sie nach der Analogie urlheilen, ob deren Betrag genüge, um nur eine oder alle beide zum Bange um Arien zu erheben. Der Beirag der Verschiedenheit ist mithin ein sehr wichliges Merkmal bei der Bestimmung, ob zwei Formen für Arten oder für Varietäten gelten sollen. Nun haben Kiuks in Bezug auf die Pflanzen und Westwood hinsichtlich der Insekten die Bemerkung gemacht, dass in grossen Sippen der Grad der Verschiedenheit zwischen den Arten oll ausserordentlich klein ist. Ich habe Diess in Zahlcn-Durchschmlten zu prüfen gesucht und. so weit meine noch unvollkommenen Ergebnisse reichen, bestätigt gefunden. Ich habe mich desshalb auch bei einigen genauen und erfahrenen Beobachtern befragt und

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nach Auseinandersetzung der Sache gefunden, dass sie in derselben übereinstimmen. In dieser Hinsicht gleichen demnach die Arten der grossen Sippen den Varietäten mehr, als die Arten der kleinen. Nun kann man die Sache aber auch anders ausdrücken ,und sagen, dass in den grösseren Sippen, wo eine den Durchschnitt übersteigende Anzahl von Varietäten oder beginnenden Spezies noch jelz fabrieirt worden, viele der bereits fertigen Arten doch bis zu einem gewissen Grade Varietäten gleichen, insofern sie durch einen weniger als gewöhnlich grosses Maass von Verschiedenheit von einander getrennt werden.

tberdiess stehen die Arten grosser Sippen in derselben Beziehung, wie die Varietäten einer Art zn einander. Kein Naturforscher glaubt, dass alle Arten einer Sippe in gleichem Grade von einander verschieden sind ; sie werden daher gewöhnlich noch in Subgenera, in Sektionen oder noch untergeordnetere Gruppen gelheilt. Wie Faits bemerkt, sind diese kleinen Arten-Gruppen gewöhnlich wie Satelliten um gewisse andere Arten geschaart. Und was sind Varietäten anders als Formen-Gruppen von ungleicher wechselseitiger Verwandtschalt um gewisse Formen

versammelt, um die Slai.....-Arien nämlich? Unzweifelhaft ist ein

grössrer Unterschied zwischen Arten als zwischen Varietäten; insbesondere ist der Betrag der Verschiedenheit der Varietäten

von einander oder von ihren Sta.....1 - Arten kleiner, als der

zwischen den Arien derselben Sippe. Wenn wir aber zur Erörterung des l'rincips, wie ich es nenne, der »Divergenz des Charakters« kommen, so werden wir sehen, wie Diess zu erklären, und wie die geringeren Verschiedenheiten zwischen Varietäten erwachsen zu den grösseren Verschiedenheiten zwischen den Arten.

Es gibt da noch einen andern Punkl, welcher mir der Beachtung werth seheint. Varietäten haben gewöhnlich eine beschränktere Verbreitung, was schon aus dem Vorigen folgt ; denn wäre eine Varietät weiter verbreitet, als ihre angebliche Stamm-Art, so mtissle deren Bezeichnung umgekehrt werden. Es ist aber auch Grund vorhanden zu glauben, dass diejenigen Arien, welche sehr nahe mit anderen Arten verwandt sind und

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insofern.- Varietäten gleichen, ofl eng« rerbreftoiigJ-Greiweii

Imlun SO bat mir I. B. H«t H. (' Wa«M in dem wohl-Mltchteten Londoner Pflanzen-Katalog (vierte Ausgabe) H:i Pflan-tm Bemerkt, weldie all Arten darin inlgetohrl sind, die er aber fllr so nahe mit anderen Arten verwandt hall, dass ihr Rang zweifelhan wird. Diese 63 gering-werthigen Arten verbreiten sieh im Mitlei über !>.„ .ler Provinzen, in weh he Watson Gross-bnlunnicii eingeteilt hat. Nun sind im namliehen Kataloge auch 53 anerkannle Varielalen aufgezahlt. und diese erstrecken sieh über 7„ Provinzen, wahrend die Arien, wozu diese Varielalen gehören, sich Ober 14., Provinzen ausdehnen. Daher denn die anerkannten Varielalen eine beinahe eben so beschrankte mittle Verbreitung besitzen, als jene nahe verwandten Können, welche Watson als zweifelhafte Arien bezeichnet hat, die aber von Britischen Botanikern gewöhnlich für gute und achte Arten genommen werden. Endlich haben dann Varietäten auch die nämlichen allgemeinen Charaktere, wie Spccies: denn sie können \on Arten nicht unterschieden werden, ausser, erstens, durch die Entdeckung von Mittelgliedern, und das Vorkommen solcher Glieder kann den wirklichen Charakter der Formen, welche sie verkeilen, nicht beridiren. — und ausser, zweitens, durch ein gewisses Maass von Verschiedenheil, indem zwei Formen, welche nur sehr wenig von einander abweichen, allgemein nur als Varietäten angesehen Werden, wenn auch verbindende Mittelglieder noch nicht entdeckt worden sind: aber dieser Beirag von Verschieden-heil, welcher zur Erhebung zweier Formen zum Arten-Rang nOthig, isl ganz anbestimmt. In Sippen, welche mehr als die mittle Arten-Zahl in einer Gegend haben, zeigen die Arten auch mehr als die Mittelzahl von Varielalen. In grossen Sippen lassen sich die Arten nahe, aber in ungleichem Grade, mit einander verbinden zu kleinen um gewisse Arten geordneten Gruppen. Sehr nahe miteinander verwandle Arten sind von offenbar beschränkter Verbreitung. In all' diesen verschiedenen Beziehungen zeigen die Arten grosser Sippen eine strenge Analogie mit Varietäten. Ind man kann diese Analogie'n klar begreifen, wenn Arten einstens nur Varietäten gewesen und aus diesen hervor-

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gegangen sind: wogegen diese Analogien ganz unverständlich seyn würden, wenn jede Spezies von den andern unabhängig erschaffen worden wäre.

Wir haben nun gesehen, dass es die am besten gedeihende und herrschende Spezies grosserer Sippen ist, die im Durchschnitte genommen am meisten variirt; und Varietäten haben, wie wir hernach finden werden, Neigung in neue und unterschiedene Arten überzugehen. Dadurch neigen auch die grossen Sippen zur Vergrösserung, und in der ganzen Natur streben die Lebens-Formen, welche jetzt herrschend sind, noch immer mehr herrschend zu weiden durch Hinterlassung vieler abgeänderter und herrschender Abkömmlinge. Aber durch nachher zu erläuternde Abstufungen streben auch die grösseren Sippen immer mehr in kleine auseinander zu treten. Und so werden die Lebens-Formen auf der ganzen Erde in Gruppen und Untergruppen weiter abgethcilt.

Drittes Karitol. Der Kampf iiiii's Daseyu.

StiiUt sich auf natürliche Züchtung. Der Ausdruck im Weilern Sinne ge brauch), Geometrische Zunahme. Hasche Vermt In um; naluialisirter Pflanzen und Thiere. Natur der Hindernisse der Zunahme. Allgemeine Mitbewerbung. Wirkungen des Klimas. Schulz durch die Zahl der Individuen. Verwickelt« Beziehungen aller Thiere und Pflanzen in der ganzen Natur. Kampf auf Leben und Tod zwischen Einzelwesen und Varietäten einer Art. oft auch zwischen Arten einer Sippe. Beziehung von Organismus zu Organismus die wichtigste aller Beziehungen.

Ehe wir auf den Gegenstand dieses Kapitels eingehen, muss ich einige Bemerkungen voraussenden, um zu zeigen, wie das Ringen um das Daseyn sich auf natürliche Züchtung stütze. Es ist im letzten Kapitel nachgewiesen worden, dass die Organismen im Natur-Zustande eine individuelle Variabilität besitzen, und ich wüsste in der Thal nicht, dass Diess je bestritten worden wSre. Es ist für uns unwesentlich, ob eine Menge von zweifelhaften Formen

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\,i. ini.-LiM odei VwnIM |«.....'»i pw*»i *** Baaj

fc |( ,|„. jni) MX) /.weilelhallcn Können ßnlisclu-r l'flan-,,.„ ,111/1.....Innen li.Tfi hligl sind. «'-Uli difl Kvislenz aiisgcprag-

irr VtaMMW uMwi| '>!. Aber (las bkate Dueyn »in« indi-

vidiicllcn N. r.iinli-i li. Iik. il und cinigcrwohl bezeichneter Varietäten,

».in moh BOlbwandig zur Begründung dieses Weriwe, hilft uns

nirhl > i<-l. um zu begreife«, wir Arten in der Natur entstehen. Wir lind alle dies« vortrefflichen Anpassungen von einem Tlu-ile d« Organisation au «Jon andrrn und an die ausseien Lebensbedingungen, und viiii einem organischen Wesen an ein anderes bewirk! wurden? Wir .sehen diese selinne Anpassung am klarsten bei dem Speehl und der Mistelpllanze und nur wenig minder deutlieli am niedersten Parasiten, welcher sich an das Haar eines Sauglhicres oder die ledern eines Vogels anklammert: am [Sau des hafers, weleher ins Wasser untertaucht; am befiederten Spanien, der vom leichtesten l.iillehen gelragen wird: kurz wir sehen schone Anpassungen überall und in jedem Theilc der organischen Well.

Dagegen kann man fragen, wie kommt es. dass die Varietäten, die ich beginnende Spezies genannt habe, sieb zuletzt in gute und abweichende Spezies verwandeln, welche inesitens unter sich viel mehr, als die Varilalen der nämlichen Art verschieden sind? Wie entstellen diese Gruppen von Arten, welche als verschiedene denen bezeichnel werden und mehr als die Arten dieser Genen von einander abweichen? Alle diese Wirkungen erfolgen unvermeidlich, wie wir im nächsten Abschnitte sehen werden . aus dem Hingen ums l'aseyn. In diesem W otlkampfe wird jede Abänderung, wie gering und auf welche Weise immer sie entstanden seyn mag, wenn sie nur einigermaassen voiiheil-hafl für das Individuum einer Spezies ist. in dessen unendlich verwickelten Beziehungen zu anderen Wesen und zur äusseren Natur mehr zur Erhaltung dieses Individuums mitwirken und sich gewöhnlich auf dessen Nachkommen übertragen. Ebenso wird der Nachkömmling mehr Aussicht haben, die vielen anderen Einzelwesen dieser Art, welche von Zeit zu Zeit geboren werden, von denen aber nur eine kleinere Zahl am Leben bleibt,

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zu überdauern. Ich habe dieses Prinzip, wodurch jede solche geringe, wenn nützliche Abänderung erhallen wird, mil dem Namen ..Natürliche Züchtung« belogt, um dessen Beziehung zur Züchtung des Menschen zu bezeichnen. Wir haben gesehen, dass der Mensch durch Auswahl zum Zwecke der Nachzucht grosse Erfolge sicher zu erzielen und organische Wesen seinen eignen Bedürfnissen anzupassen im Stande ist durch die Häufung kleiner aber nützlicher Abweichungen, die ihm durch die Hand der Natur dargeboten werden. Aber die Natürliche Auswahl ist, wie wir nachher sehen werden, unaufhörlich thälig und des Menschen schwachen Bemühungen so unvergleichbar überlegen, wie es die Werke der Natur überhaupt denen der Kunst sind.

Wir wollen nun den Kampf ums Dasejn etwas mehr ins Einzelne erörtern. In meinein spateren Werke über diesen Gegenstand soll er, wie er es verdient, in grosserem Umfang besprochen werden. Der allere Di.0.\m>oi.li: und Lyell haben reichlich und in philosophischer Weise nachgewiesen, dass alle organischen Wesen im Verhältnisse der Milhewerbung zu einander stehen. In Bezug auf die Pflanzen hat Niemand diesen Gegenstand mit mehr Geist und Geschicklichkeit behandelt als W. Herbert. der Dechant von Maiiclwster. offenbar in Folge seiner ausgezeichneten Gartenbau-Kenntnisse. Nichts ist leichter als in Worten die1 Wahrheit des allgemeinen W cllkamplos ums Daseyn zuzugestehen, und nichts schwerer, als — wie ich wenigstens gefunden habe — dieselbe im Sinne zu behalten, lud bevor wir srdche nicht dem Geiste lief eingeprägt, bin ich überzeugt, dass wir den ganzen Haushalt der Natur, die Vorlheilungs-W eise, die Seltenheit und den Überaus», das Erloschen und Abändern in derselben nur dunkel oder ganz unrichtig begreifen werden. W ir sehen die Natur ausseiiieh in Heiterkeit strahlen, wir schon blos l'berfluss an Nahrung: aber wir sehen nicht oder \ci",cs-sen, dass die Vogel, welche um uns her sorglos ihren Gesang erschallen lassen, meistens von Insekten oder Salinen leben und mithin beständig Leben vertilgen: oder wir vergessen, wie viele dieser Sanger oder ihrer Eier oder ihrer Nesllinge unaufhörlich \un Haubvogeln u a. Feinden zerstört werden: »ir

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behalten iik l<t immer Im IM, MM) wenn auch das Futter jetzt „„ 11,,,11,,-s vnrhanden. Dfcü «Ml nicht zu allen Zeilen im l mlaufe IM Jahres der Kuli ist.

Irh will vorausscndon. dass ich den Ausdruck »Ringen um's piHjli in einem weiten und metaphorischen Sinne gebrauche, in sich begreifend die Abhängigkeit der Wesen von einander und. was wichtiger ist, nicht allein das Leben des Individuums, sondern auch die Sicherung seiner Nachkommenschaft. Man kann mit Hecht sagen, dass zwei Hunde in Zeiten des Mangels um Nahrung und I.eben miteinander kämpfen. Aber man kann auch sagen, eine Pflanze ringe am Rande der Wii.-Ie um ihr Daseyn mit der Trockniss. Obwohl es angemessener wäre zu sagen, tta Wf» TOP reuchlinkeil abhängig. Von einer Pflanze, welche alljährlich lausend S.iamen erzeugt, unter welchen im Durchschnitte nur einer zur Kniwicklung komml. kann man noch richtiger sagen, sie ringe ums Daseyn mit andern Pflanzen derselben oder anderer Arten, welche bereits den Boden bekleiden. Hie Mistel ist abhängig vom Apfelbaum und einigen andern Baum-Arten: doch kann man nur in einem weil-ausholendcn Sinne sagen, sie ringe mit diesen Bäumen; denn wenn zu viele dieser Schmarotzer auf demselben Mamille wuchsen. so wird er verkümmern iiml sterben. Wachsen aber mehre Sämlinge derselben dicht auf einem Aste beisammen, so kann man in Wahrheit sagen, sie ringen miteinander. Da die Samen der Mistel von V.igeln ausgestreut werden, so hangt ihr Daseyn mit von dem der Vogel ab, und man kann metaphorisch sagen, sie ringen mit andern Beeren-tragenden Pflanzen, damit die Vögel eher ihre Fruchte verzehren und ihre Saamen ausstreuen, als die der andern. In diesen mancherlei Bedeutungen, welche ineinander übergehen , gebrauche ich der Bequemlichkeit halber den Ausdruck »ums Daseyn ringen«.

Ein Kampf ums Daseyn folgt unvermeidlich aus der Neigung aller Organismen, sich in starkem Verhaltnisse zu vermehren. Jedes Wesen, das wahrend seiner natürlichen Lebenszeit mehre Eier oder Saamen hervorbringt, muss wahrend einer Periode seines Lebens oder zu gewisser Jahreszeit oder in einem

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zufälligen Jahre Zerstörung erfahren; sonst würde seine Zahl in geometrischer Progression rasch zu so ausserordentlicher Grosse anwachsen, dass keine Gegend das Krzeugniss zu ernähren im Stande wäre. Wenn daher mehr Individuen erzeugt werden, als möglicher Weise fortbestehen können, so muss jedenfalls ein Kampf um das Daseyn entstehen, entweder zwischen den Individuen einer Art oder zwischen denen verschiedener Arten, oder zwischen ihnen und den äusseren Lebens-Bedingungen. Es ist die Lehre von Mauiiis. in verstärkter Kraft übertragen auf das gesammle Thier- und I'flanzen-Reich: denn in diesem Falle ist keine künstliche Vermehrung der Nahrungsmittel und keine vorsichtige Enthaltung vom Heirathen möglich. Obwohl daher einige Arten jetzt in mehr oder weniger rascher Zunahme begriffen seyn iniigen: alle können es nicht zugleich, denn die Welt würde sie nicht fassen.

Es gibt keine Ausnahme von der Kegel, dass jedes organische \\ esen sich auf natürliche Weise in dem Grade vermehre, dass, wenn es nicht durch Zerstörung litte, die Erde bald von der Nackommenschaft eines einzigen l'aares bedeckt seyn würde. Selbst der Mensch, welcher sich doch nur langsam vermehrt, verdoppelt seine Anzahl in fünfundzwanzig Jahren, und bei so fortschreitender Vervielfältigung würde die Welt schon nach einigen Tausend Jahren keinen Raum mehr für seine Nachkommenschaft haben. Linne hat berechnet, dass, wenn eine einjährige Pflanze nur zwei Saamen erzengte (und es gibt keine Pflanze, « die so wenig produktiv wäre) und ihre Sämlinge gaben im nächsten Jahre wieder zwei u. s. w., sie in zwanzig Jahren schon eine Million Pflanzen liefern würde. Man sieht den Elephanten als das sich am langsamsten vermehrende von allen bekannten Thieren an. Ich habe das wahrscheinliche Minimum seiner natürlichen Vermehrung zu berechnen gesucht, unter der Voraussetzung, dass seine Fortpflanzung erst mit dreissig Jahren be ginne und bis zum neunzigsten Jahre währe, und dass er in dieser Zeit nur drei Paar Junge zur Welt bringe. In diesem Falle würden nach fünfhundert Jahren schon Nabel« Millionen Elephanten von dem ersten Paare vorhanden seyn.

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i,„,i, „,r Mtfn .....m'' Wagt <<" * s*<-h''- * hlos

IWlIllUWtl Berechnungen, namentlich in den oft berichteten i.,ll,n HM erstaunlich rascher Vermehrung verschiedener Thier-Uton im Nalur-Ziislande, wenn dir nalurli. hen Bedingungen zwei oder drei Jahre lang dafür günstig gewesen sind. Noch schlagender sind die von unseren in verschiedenen Wellgegenden verwilderten llauslhier-Arien liergenoininenen Beweise, so dass. wenn die Behauptungen * der Zunahme der sieh doch nur langsam vermehrenden Kinder und Pferde in Süd-Amt rika und neuerlieh in Australien nicht sein wohl bestätigt waren, sie ganz unglaublich erscheinen müssten. Ehen so ist BS mit den Pflanzen. Es lassen sich Falle von eingeführten Pflanzen aufzählen, welche auf ganzen Inseln gemein geworden sind in we-algn als zehn Jahren. Einige der Pflanzen, welche jetzt in solcher Zahl über die weilen Klirncii von ia Hula verbreilrt sind, da» sie alle anderen Pflanzen daselbst ausschliessen, sind ins Europa eingebracht worden: und eben so gibt es, wie ich von Dr. Fai.oonkb gehurt, in Ostindien Pflanzen, welche jetzt vom Cup Cumarin bis zum HimaJaya reichen und seil der Entdeckung von Amerika von dorther eingeführt worden sind. In Fallen dieser Art, von welchen endlose Beispiele angeführt worden konnlen. wiril Niemand unterstellen, dass die Fruchtbarkeit sol-rher Pflanzen und Thiere plötzlich und zeitweise in einem be-merklichcn lirade zugenommen habe. Die handgreillichc Krkhi-rung ist. dass die äussern l.cbens-Bedingungen sehr günstig, dass in dessen Folge die Zerstörung von Jung nnd All geringer und mithin fast alle Abkömmlinge im Stande gewesen sind, sich fortzupflanzen. In solchen Fallen genügt schon das geometrische \eilialtniss der Zahlen-Vermehrung, dessen Resultat nie ver.elilt Erstaunen zu erregen, um einfach das ausserordentliche W.iclisthum und die weite Verbreitung eingeführter Natur-Produkte in ihrer neuen lleimalh zu erklaren. Im Nalur-Zustande bringen fast alle Pflanzen jahrlich Naamen hervor, und unter den Thieren sind nur sehr wenige, die sich nicht jahrlich paarten. Wir können daher mit Sicherheil behaupten, dass alle Pflanzen und Thiere sich in geometrischem \erhatnisse vermebren. dass

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sie jede zu ihrer Ansiedelung geeignete Gegend sehr rasch zu bevölkern im Stande seyen, und dass das Streben zur geometrischen Vermehrung zu irgend einer Zeit ihres Lebens beschrankt «erden inuss. Unsre genaue Bekanntschaft mit den grösseren Haussieren konnte zwar unsre Meinung in dieser Beziehung irre leiten, da wir keine grosse Störung unter ihnen eintreten sehen: aber wir vergessen, dass Tausende jahrlich zu unsrer Nahrung geschlachtet werden, und dass im Natur-Zustande wohl eben so viele irgendwie beseitigt werden würden.

Der einzige Unterschied zwischen den Organismen, welche jährlich Tausende von Eiern oder Saatnen hervorbringen, und jenen welche deren nur sehr wenige liefern, besieht darin, dass diese unter günstigen Verhältnissen ein paar Jahre langer als jene zur Bevölkerung eines Bezirkes nuthig haben, seye derselbe auch noch so gross. Der Condor legt zwei Bier und der Slrauss deren zwanzig, und doch dürfte in einer und derselben Gegend der Condor leirhl der häutigere von beiden werden. Dir Eis-Slurm-vogel (l'roecllaria glacialis) legi nur ein Ei, und doch glaubt man M seye der zahlreichste Vogel in der Well. Die eine Fliege lent hundert Eier und die andre wie z. B. Hiupobosca deren nur eines: Diess beilingl aber nicht die Menge der Individuen, die in einem Bezirk ihren Unterhalt linden können. Eine grosse Anzahl von Eiern ist von einiger Wichtigkeil für eine Arl, deren Kuller-Yorralhe raschen Schwankungen unterworfen sind; denn diese muss ihre Vermehrung in kurzer l'rist bewirken. Aber Wesentliche Wichtigkeit erlangt eine grosse Zahl von Eiern oder Samen der Grösse der Zerstörung gegenüber, welche zu irgend einer Lebens-Zeit erfolgt, und diese Zeit des Lebens ist in der grossen Mehrheit der Fidle eine sehr frühe. Kann ein Thier in irgend einer Weise seine eignen Eier und Junge schützen, so wird es deren eine geringere Anzahl erzeugen und diese ganze durchschnittliche Anzahl aufbringen: werden aber viele Eier oder Junge zerslürt, so müssen deren viele erzeugt werden, wenn die Art nicht untergehen soll. Wird eine Baum-Art durch-schnilllicli tausend Jahre alt, so würde es zur Ei hallung ihrer vollen Anzahl genügen, wenn sie in lausend Jahren nur einen

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Saamen hervorbrachte, vorausgesetzt das* dieser eine nie zcr

s,,„i pari« mnl i.....Inen sicheren Cur di« Keimung geeigneten

p](U gdUgM kOM»a So hangt in allen Fallen die millle An-Mkl TOD lii.iivi.Iiu-ii .iii.r Pflanzen- oder Thier-Art nur indirekt von der Zahl der Saainen oder Kier ah, die sie liefert.

Bei Itelraehlung der Natur ist es nolhig, diese Ergehnisse immer im Sinne zu behalten und nie zu vergessen, dass man von jedem einzelnen Organismus unsrer Umgebung sagen kann, er strebe nach der aussersten Vermehrung seiner Anzahl, dass aber jeder in irgend einem 'Zeit-Abschnitte seines Lebens in eim in Kample mit feindlichen Bedingungen begriffen **Y*a und ,lass grosse Zerstörung un\erineidlich über Jung oder All ergehe in jeder Generation oder in wiederkehrenden Perioden. Wird irgend ein Hinderniss beseitigt oder die Zerstörung noch so wenig gemindert, so wird in der Regel augenblicklich die Zahl der Individuen ttrkei anwachsen.

Was RH Hindernisse u sind] »eiche das natürliche Streben jeder Art nach Vermehrung ihrer Anzahl beschranken, ist meistens unklar. lielrachtel man die am kralligsten gedeihenden Ulm. so wird man rinden dass, je grosser ihre Zahl wird, desto mehr ihr Slreben nach weitrer Vermehrung zunimmt. Wir wissen nii hl einmal in einein einzelnen Falle genau, welches die Hindernisse ihr Vermehrung sind. Diess wird jedoch niemanden in Verwunderung setzen, der sich erinnert. wie unwissend wir in dieser Beziehung bei dem Menschen selbst sind, welcher doch ohne Vergleich besser bekannt ist als irgend eine andre Thier-Art. Doch ist dieser Gegenstand von mehren Schriftstellern vortrefflich erörtert worden; ich werde in meinem spateren Werke über mehre der Hindernisse mit einiger Ausführlichkeit handeln und insbesondre auf die Raublbiere Südamerikas etwas naher eingehen. Hier mögen nur einige wenige Bemerkungen Raum finden, nur um dem Leser einige Hauptpunkte ins Ge-dichlniss zu rufen Eier und ganz junge Thiere scheinen am meisten zu leiden, doch ist Diess nicht ganz ohne Ausnahme. Den Pflanzen wird zwar eine gewaltige Menge von Saunen zerstört: aber nach einigen Beobachtungen scheint es mir. als litten

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die Sämlinge am meisten, wenn sie auf einem schon mit andern Pflanzen dicht bestockten Boden wachsen. Auch die Sämlinge werden noch in grosser Menge durch verschiedene Feinde vernichtet. So beobachtete ich auf einer locker umgegrabenen Boden-Flache von 3' Lange und 2' Breite 357 Sämlinge unsrer verschiedenen Holz-Arten, wovon nicht weniger als 295 hauptsächlich durch Schnecken und Insekten zerstört wurden. Wenn man einen Rasen, der lang abgemähet wurde (und der Fall wird der nämliche bleiben, wenn er durch Süugthierc kurz abgeweidet worden), wachsen lässt, so werden die kräftigeren Pflanzen allmählich die minder kräftigen wenn auch voll ausgewachsenen tödten; und in einem solchen Falle hat man von zwanzig auf einem nur 3' auf 4' grossen Fleck beisammen wachsenden Arten neu» zwischen den anderen nun üppiger aufwachsenden zu Grunde gehen sehen.

Die für eine jede Art vorhandene Nahrungs-Menge bestimmt die äusserste Grenze, bis zu welcher sie sich vermehren kann: aber in vielen Fallen wird die Vermehrung einer Thier-Art schon weit unter dieser Grenze dadurch gehemmt, dass sie selbst wieder einer andern zur Beute wird. Es scheint daher wenig Zweifel unterworfen zu seyn, dass der - Bestand an Feld - und Hasel-Hühnern , Hasen u. 8. w. grossentlieils hauptsächlich von der Zerstörung der kleinen liaubthiere abhangig ist. Wenn in England in den nächsten zwanzig Jahren kein Stück Wildpret geschossen, aber auch keine solche Raubthiere zerstört würden, so würde nach aller Wahrscheinlichkeit der Wild-Stand nachher geringer seyn als jetzt, obwohl jetzt Hunderte und Tausende von Stücken Wildes erlegt werden. Anderseits gibt es aber auch einige Fälle wo, wie bei Elcphant und Nashorn, eine Zerstörung durch Raubthiere gar nicht stattlindet, und selbst der Indische Tiger wagt es nur sehr selten einen jungen von seiner Mutter geschützten Elephanten anzugreifen.

Das Klima hat ferner einen wesentlichen Antheil an Bestimmung der durchschnittlichen Individuen-Zahl einer Art, und ich glaube dass ein periodischer Eintritt von äusserst kalter oder trockener Jahreszeit zu den wirksamsten aller Hemmnisse gehört.

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Ich Wtllfl. dass der Wmler MM .">."> mil" meinen eignen .lagd-MMM vier MMl aller VOg«l MrfMM hat: und l'iess isl eine furchtbare Zerstörung, wenn wir hern. -ksichtigen. #Mi bei dem iMJlin eine durch Seuchen verursachte Slerl.lic hkeil von zehn Prozent silmii ganz ausserordentlich >t;irk isl. I»ie W irkung des Klimas scheint Ixiin ersten Anblick ganz unabhängig von dem Kampfe um die Kvislenz 7.11 sryii: wenn aber «Ins Klima hauptsachlich dia Nahrung vermindert, veranlasst ei den heftig«!*

Kampf zwischen den Einzelwesen seye es nur einer Oder seve dl WHUMedaiwr Arien, welche vmi derselben Nahrung leben. Selh-t «rem ein. /.. li. äusserst Kultes. Klima uninillolhar wirkt, sind es die mindest kräftigen oder diejenigen Individuen, die beim vnrrliekenden Wmler IM wenigsten Futter bekommen haben. welche um meisten leiden. Wenn wir von Süden Meli Norden oder aus einer feuchten in eine trockne Gegend wandeln. «<i den wir stets einige Arten immer seltener und seltener werden und zuletzt gänzlich verschwinden -dien: und dl der Wechsel des Klimas zu Tage liegt) so werden wir am ehesten vorsucht n > ii den ganzen Krfolg seiner direkten Kiiiwirkung zuzuschreiben, lud doch ist l'iess eine falsche Ansieht: wir vergessen dabei, dass jede Art selbst da. wo sie am häufigsten ist. in irgend einer Zeil ihres Lebens durch Feinde oder durch Mitbewerber um ihre Nahrung oder ihre Wohnslelle ungeheure Zerstörung erfahrt: und wenn diese Feinde oder Mitbewerber nur im Mindesten dun li irgend einen Wechsel des Klima's begünstigt werden, so wachsen sie au Zahl, und da jede Flache bereits vollständig mit Bewohnern besetzt ist. so muss die andre Art zurückweichen. Wenn wir auf dem Wage MM Süden eine Art in Abnahme begriffen sehen, so fühlen wir gewiss, dass die I rsache mehr in anderen begünstigten Arten liegt, als in diese* einen henachtheiliglen. Khen so, wenn wir nordwärts gehen, obgleich in einem etwas geringeren Grade, weil die Zahl aller Arien und somit aller Mitbewerber gegen Norden hin abnimmt. Daher kommt es. dass, wenn wir nach Norden oder einen Berg hinauf gehen, wir weil öfters verkümmerten Formen begegnen, welche von unmittelbar schädlichen Einflüssen des Klima's herrühren, als wenn wir nach

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Süden oder hergab gehen. Erreichen wir endlich die arktischen Regionen oder die Schnee-bedeckten Berg-Spitzen oder vollkommene Wüsten, so findet das Ringen ums Daseyn hauptsächlich gegen die Elemente statt.

Dass die Wirkung des Klimas vorzugsweise eine indirekte und durch Begünstigung andrer Arten vermittelt seye, ergibt sich klar aus der wunderbar grossen Menge solcher Pflanzen in unseren Garten, welche zwar vollkommen im Stande sind unser Klima zu ertragen. aber niemals naturalisirt werden können, weil sie weder den Wettkampl mit anderen Pflanzen aushallen noch der Zerstörung durch unsre einheimischen Thiere widerstehen können.

Wenn sich eine Art durch sehr günstige Umstände aul einem kleinen Räume zu ausserordentlicher Anzahl vermehrt. so sind Seuchen (so ist es wenigstens hei unseren Hauslhicrcn gewöhnlich der Fall) oft die Folge davon, und hier haben wir ein vom Ringen ums Daseyn unabhängiges Hemmniss. Hoch seheint wenigsten.* ein Theil dieser sogenannten Epidemien von parasitischen Würmern herzurühren, welche durch irgend eine I rsache und vielleicht durch die Leichtigkeit der Vorbreiluni; zwischen gekreutzten Rassen unverhallnissmiissig begünstigt worden sind, und so fände hier gewissermaassen ein Ringen zwisi-hen den Würmern und ihren Nuhrthiuren statt.

Andrerseits ist in vielen Fällen wieder ein grosser BaaMnH von Individuen derselben Art unumgänglich für ihre Erhaltung nothig. Man kann daher leicht Getreide. Repssaal u. s. w. in Masse aul unseren Feldern erziehen, weil hier deren Saamen in grossem l bermaasse gegenüber den Vögeln vorhanden sind, welche davon leben; und doch können diese Vogel, wenn sie auch mehr als nothig Futter in der einen Jahreszeit haben, nicht im Verhältniss zur Menge dieses Futters zunehmen, weil die ganze Anzahl im Winter nicht ihr Forlkommen lande. Dagegen weiss jeder, der es versucht hat, Saamen aus Weitzen oder andern solchen Pflanzen im Garten zu erziehen, wie iniihesam Diess ist. Ich habe in solchen Fallen jedes Saamenkom verloren. Diese Anschauungsweise von der Nothwendigkeil eines grossen Be-

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sUndcs einer Art für ihr,' Krhaltung erklärt, wie mir s.h.inl, runge ciirenlhumlirhc MB« in der Natur, wie z. It. daM sehr HtaM MÜH zuweilen sehr zahlrcic h auf einem kleinen Kleok MmM iwku—lllj »nd dass manche gesellige Pflanzen gesellig oder in grosser Zahl beisammen selbst anl' der iiusscrslen Grenze ihres Verlireilungs Hezii-kes gefunden werden. In solchen Verhältnissen kann tnan glauben, eine Pflanzen-Art vermöge nur da zu heslehon. wo die I.ebens-Bedingungen so günstig sind, dass direr viele beisammen Iclicn und so einander \or aussersler Zorsto-rung bewahren können. Ich mochte hinzufügen, dass die gulen Kolgen einer häufigen hreulzung und die schlimmen einer reinen Inzucht wahrscheinlich in einigen dieser Falle mit in Betracht kommen: doch will ich mich tlber diesen verwickelten Gegenstand hier nicht weiter verbreiten.

Man berichtet viele Beispiele, aus denen sich ergibt, wie zusammengesetzt und wie unerwartet die gegenseitigen Beschränkungen und Beziehungen zwischen organischen Wesen sind, die in i'incTlci Gegend mit einander zu ringen haken. Ich will nur ein solches Beispiel anführen, das. wenn auch einfach, midi angesprochen hat. In Sla/fordshirr auf einem Gate, über dessen Verhallnisse nachzuforschen ich in günstiger Lage war, befand sich eine sriosse äusserst unfruchtbare Halde, die nie von eines Menschen Hand beridirt worden. Doch waren einige Hundert Acker derselhen von genau gleicher Beschaffenheit mit dem I bligM fünfundzwanzig Jahre zuvor eingezäunt und mit der Schollischen Kieler bepflanzt worden. Die Veränderung in der ursprunglichen Vegetation des bepflanzten Theiles war äusserst merkwürdig, mehr als man gewöhnlich wahrnimmt, wenn man auf einen ganz verschiedenen Boden übergeht. Nicht allein erschienen die Zahlen - Verhallnisse zwischen den Haide - Pflanzen ganzlich verändert, sondern es blüheten auch in der Pflanzung noch zwölf solche Arien, Ried- u. a. Graser ungerechnet, von welchen auf der Haide nichts zu finden war. Die Wirkung auf die Kerbthiere mnss noch viel grosser gewesen seyn. da in der Pflanzung sechs Spezies Insekten-fressender Vogel sehr gemein waren, von welchen in der Haide nichts zu sehen gewesen.

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welche dagegen von zwei bis drei andren Arten derselben besucht wurde. Wir bemerken hier, wie mächtig die Folgen der Einführung einer einzelnen Baum-Art gewesen, indem durchaus nichts sonst geschehen war, ausser der Abhaltung des Wildes durch die Einfriedigung. Was für ein wichtiges Element aber die Einfriedigung seye, habe ich deutlich zu Farnham in Surret/ erkannt. Hier waren ausgedehnte Haiden mit efn paar Gruppen alter Schottischer Kiefern auf den Rucken der entfernteren Hügel: in den letzten zehn Jahren waren ansehnliche Strecken eingefriedigt worden, und innerhalb dieser Einfriedigungen schoss in Folge von Selbslbesaamung eine Menge junger Kiefern auf, so dicht beisammen, dass nicht alle fortleben können. Nachdem ich erfahren, dass diese jungen Stammchen nicht absichtlich gesäet oder gepflanzt worden, war ich um so mehr erstaunt über deren Anzahl, als ich mich sofort nach mehren Seiten wandte um Hunderte von Acres der nicht eingefriedigten Haide zu untersuchen, wo ich jedoch ausser den gepflanzten alten Gruppen buchstäblich genommen auch nicht eine Kiefer zu finden vermochte. Da ich mich jedoch genauer zwischen den Stämmen der freien Haide umsah, fand ich eine Menge Sämlinge und kleiner ISäumchcn, welche aber fortwährend von den Rinder-Heerden abgeweidet worden waren. Auf einem eine Elle im Quadrat messenden Fleck mehre Hundert Schritte von den alten Baum - Gruppen entfernt zählte ich 32 solcher abgeweideten Däumchen, wovon eines nach der Zahl seiner Jahres-Ringe zu siMiauen 26 Jahre lang gehindert worden war sich über die Haide-Pflanzen zu erheben und dann zu Grunde gegangen ist. Kein Wunder also, dass, sobald das Land eingefriedigt worden, es dicht von kräftigen jungen Kiefern überzogen wurde. Und doch war die Haide so äusserst unfruchtbar und so ausgedehnt, dass niemand geglaubt hätte, dass das Rindvieh hier so dicht und so erfolgreich nach Futter gesucht habe./

Wir sehen hier das Vorkommen der Schottischen Kiefer in Abhängigkeil vom Rinde; in andern Wellgegenden ist es von gewissen Insekten abhängig. Vielleicht bietet Paraguay das merkwürdigste Beispiel dar; denn hier sind niemals

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Rm.ler. Pferde »der * verwildert. *»«*! s'<' im Süden und lallt davon in v.-r«ii.l.-K.rn IMMM iiinliersrliwarmen. U« und IU-mmkb haben gezeigt, dass die Ursache dieser Krsrh.-iiiuntf in Pnnwitnii in dein hantigeren Vorkoininen einer gewissen Fliege tu finden MM, welche ilir«- BMI in den Nabel der ncu-geboi.n.-n Jungen dieser Thier-Arten legt. Hie Vermehrung dieser Fliege muss gewohnli.-h durch irgend ein (iegengewieht und verinulhlich durch Vogel gehindert weiden. Wenn diiher gewisse Inscklen-Iressendc \ogel. 'leren UM wieder dureh Raubvogel und Fleiseh-BMHM geregelt werden mag. in Paraguay zunähme, so wurden sich die Fliegen vermindern und Rind und Pferd verwildern. was dann wieder (wie ich in einigen Theilen Südamerika'* wirklich beobachtet habe) eine bedeutende Veränderung in der Pflanzen- M eil veranlassen wurde. Diess iniisste nun in hohem Grade auT die Insekten und luedurch. wie wir in Stafl'ordshire gesehen, auf die Insekten-fressenden Vogel wirken, und so fort in iinnirr weiteren und vorwickeltercn Kreisen. Wir haben diese Belege mit Insekten-fressenden Vögeln begonnen und ondi-ftm diimil. »och sind in der Natur die \ erhallnisse nicht immer so einlach, wie hier. Kampf um Kampf mit veränderlichem Erfolge MM immer wiederkehren: aber in die Lange halten die Kräfte einander so genau das Gleichgewicht, dass die Natur auf weile Perioden hinaus immer ein gleiches Aussehen behalt, obwohl gumai oft die unbedeutendste Kleinigkeit genügen würde, einem organischen Wesen den Sieg über das andre zu verleihen. Deimiugcachtet ist unsre Unwissenheit so gross, dass wir uns verwundern, wenn wir von dem Erloschen eines organischen Wesens vernehmen: und da wir die I'rsaehe nicht sehen, so rufen wir Umwälzungen zu Hilfe um die Welt zu verwüsten, oder erfinden Gesetze uher die Dauer der Lebenformen.

Ich bin versucht durch ein weitres Beispiel nachzuweisen, wie solche Pflanzen und Thicre. welche auf der Stufenleiter der Natur am weitesten von einander entfernt stehen, durch ein Gewebe von verwickelten Beziehungen mit einander verkettet werden. Ich werde nachher Gelegenheit haben zu zeigen, dass die ausländische l.obclia fulgens in diesem Theile von England niemals

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von Insekten besucht wird und daher nach ihrem eigentümlichen Blüthen-Bau nie eine Frucht ansetzen kann. Viele unsrer Orchideen-Pflanzen müssen unbedingt von Motten besucht werden, um ihre Pollen-Massen wegzunehmen und sie zu befruchten. Auch habe ich l'rsache zu glauben, dass Hummeln zur Befruchtung der .lelangerjelicber (Viola tricolor) nöthig sind, indem andre Insekten sich nie auf dieser Blume einfinden. Durch angestellte Versuche habe ich gefunden, dass der Besuch der Bienen zur Befruchtung von mehren unsrer Klee-Arten nothwendig seye. So lieferten mir hundert Stöcke weissen Klee s (Trifolium repens) 22!)0 Saamen, wahrend 20 andre Pflanzen dieser Art, welche den Bienen unzugänglich gemacht waren, nicht einen Saamen zur Entwicklung brachten. Lud eben so ergaben hundert Stocke rothen Klees (Trifolium pratense) 27liO Saamen, und die gleiche Anzahl gegen Bienen geschützter Stöcke nicht einen! Hummeln besuchen allein diesen rothen Klee, indem andre Bienen-Arten den Nektar dieser Blume nicht erreichen können. Daher zweifle ich wenig daran, dass, wenn die ganze Sippe der Hummeln in England -sehr seilen oder ganz vertilgt würde, auch Jclangerje-lieber und rother Klee selten werden oder ganz verschwinden müsslen. Die Zahl der Hummeln steht grossentheils in einem entgegengesetzten Verhaltnisse zu der der Feldmäuse in derselben liegend, welche deren Nester und Waben aufsuchen. Herr 11. Nkwman, welcher die Lebens-Weise der Hummeln lange beobachtet, glaubt dass über zwei Drittel derselben durch ganz England zerstört werden. .Nun findet aber, wie Jedermann weiss, die Zahl der Mause ein grosses Gegengewicht in der der Katzen, so dass Newman sagt, in der Nahe von Dörfern und Flecken habe i'r die Zahl der Hummel-Nester am grossten gefunden, was er der reichlicheren Zerstörung der Mause durch die Kal/.cn OK schreibe. Daher ist es denn wohl glaublich, dass die reichliche Anwesenheit eines Katzen-arligen Thieres in irgend einem Bezirke durch Vermittelung von Mausen und Bienen auf die Menge gewisser Pflanzen daselbst von F.influss seyn kann!

Bei jeder Spezies kommen wahrscheinlich verschiedene Arten Gegengewicht in Betracht, solche die in verschiedenen Perioden

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des Lehens, und solche diu wahrend verschiedener .Inhres-Zeiten MM» MM °<l''r einige derselben mögen mächtiger als die andern seyn: aber alle ziisam.....n bedingen die Purrhschnitls-Zahl

der Individuen oder selbsl die Kxi.-Ienz der Arl. In manchen Fallen lasst sieh nachweisen , dass sehr verschiedene Gegengewichte in verschiedenen Gegenden auf eine Spezies einwirken. Wenn wir Büsche und Pflanzen betrachten, welche einen zerfallenen Wall überziehen, so sind wir geneigt, ihre Arten und deren Zahlen-Verhältnisse dem Zulalle zuzuschreiben. Poch wie falsch ist diese Ansicht! Jedermann hat gehört, dass. wenn in Amerika ein Wald niedergehauen wird, eine ganz verschiedene Pflanzenwelt zum Vorschein kommt, und doch ist beobachtet worden, dass die Baume, welche jetzt auf den allen Indianer-Wallen im Süden der Vereinten Staaten wachsen, deren früherer Baum-Bestand abgetrieben worden, jetzt wieder eben dieselbe bunte Manchfalligkeil und dasselbe Arten-Verh;illniss wie die umgebenden jungfräulichen Haine darbieten. Welch ein Wettringen MM hier Jahrhunderte lang zwischen den verschiedenen Baum-Arten stattgefunden haben, deren jede ihre Samen jährlich zu Tausenden abwirft! Was für ein Kampf zwischen Insekten und Insekten u. a. Gewürm mit Vögeln und Baubthieren, welche alle sich zu vermehren strebten, alle sieh von einander oder von den Bäumen und ihren Saamen und Sämlingen, oder von jenen andern Pflanzen nährten, welche anfänglich den Grund überzogen und hie-durch das Aufkommen der Baume gehindert hatten. Wirft man eine Hand voll Federn in die Lüfte, so müssen alle nach bestimmten Gesetzen zu Boden fallen; aber wie einfach ist dieses Problem in Vergleich zu der Wirkung und Rückwirkung der zahllosen Pflanzen und Thiere, die im Laufe von Jahrhunderten Arten und Zahlen-Verhallniss der Bäume bestimmt haben, welche jetzt auf den allen Indianischen Ruinen wachsen!

Abhängigkeit eines organischen Wesens von einem andern, wie die des Parasiten von seinem Ernährer, findet in der Regel zwischen solchen Wesen statt, welche auf der Stufenleiter der Natur weit auseinander sind. Diess ist oft bei solchen der Fall, von denen man ganz richtig sagen kann, sie kämpfen mitein-

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ander auch um ihr Daseyn, wie Grasfressende Siiuglhiere und Heuschrecken. Aber der meistens ununterbrochen-fortdauernde Kampf wird der heftigste seyn. der zwischen den Einzelwesen einer Art stattfindet, welche dieselben Bezirke bewohnen, dasselbe Futter verlangen und denselben Gefahren ausgesetzt sind. Bei Varietäten der nämlichen Art wird der Kampf meistens eben so heftig seyn, und zuweilen sehen wir den Streit schon in kurzer Zeit entschieden. So werden z. B., wenn wir verschiedene Weitzen-Varietäten durcheinander säen und ihren gemischten Saamen-Ertrag wieder säen, einige Varietäten, welche dem Klima und Boden am besten entsprechen oder von Natur die fruchtbarsten sind, die andern überbieten und, indem sie mehr Saamen liefern, schon nach wenigen Jahren gänzlich ersetzen. Um einen gemischten Stock von so äusserst nahe verwandten Varietäten aufzubringen, wie die verschieden - farbigen Zuckererbsen sind, muss man sie jedes Jahr gesondert ärndten und dann die Saamen im erforderlichen Verhältnisse jedesmal aufs Neue mengen, wenn nicht die schwächeren Sorten von Jahr zu Jahr abnehmen und endlich ganz ausgehen sollen.

So verhält es sich auch mit den Schaaf-Rassen. Man hat versichert, dass gewisse Gebirgs-Varieläten derselben unter andern Ge-birgs-Varietäten aussterben, so dass sie nicht durch einander gehauen werden können. Zu demselben Ergebnisse ist man gelangt, als man versuchte, verschiedene Abänderungen des medizinischen Blutegels durcheinander zu halten, l'nd ebenso ist zu bezweifeln, dass die Varietäten von irgend einer unsrer Kullur-l'tlanzen oder Hausthier-Arten so genau dieselbe Stärke, Gewohnheiten und Konstitution besitzen, dass sich die ursprünglichen Zahlen-Verhältnisse eines gemischten Bestandes derselben auch nur ein halbes Dutzend Generationen hindurch zu erhalten vermochten, wenn sie wie die organischen Wesen im Natur-Zustande mit einander zu ringen veranlasst waren und der Saamen oder die Jungen nicht alljährlich sortirt würden.

Da die Arten einer Sippe gewohnlieh, doch keineswegs immer, einige Ähnlichkeit mit einander in Gewohnheiten und Konstitution und immer in der Struktur besitzen, so wird der

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Aitan uMontorirwr Sippen. *l " ««aen Di«« in dar neuerlichen Ausbreitung einer Sch»alhcn-Arl ober «inen Tkeil der YenmUn

StiHitm. m sie die Ahnah..... incr andern Art veranlasst. Die

Vermehrung der Misteldrossel in einigen Theilen von Schottland hat daselbst die Abnahme der Singdrossel zur Folge gehabt. Wie uli huren wir. das- eine Hatten-Arl den l'lalz einer andern einiicniiininen. in den verscliicdendslen kliiualeu. In Itussland hat die kleine asiatische S. habe (Blalta) ihren grosseren (?] Sippen-Genossen überall vor sieh hergetrieben. Eine Art Ackersenl ist im B«gfUfa aiae andre H ersetzen, U. s. w. Wir vermögen undeutlich zu erkennen, warum die Mitbewerbung zwischen den verwandtesten Formen am heftigsten ist, welche nahezu denselben Platz im Haushalte der Natur ausfüllen; aber wahrscheinlich werden wir in keinem einzigen Falle genauer anzugeben im Stande seyn, wie es lugegangen, dass in dein grossen Wettringen um das llaseyn die eine den Sieg über die andre davon getragen hat.

Aus den vorangehenden Bemerkungen lasst sich als Folgesatz \on grosater Wichtigkeit ableiten, dass die Struktur eines jaden arganianhan Wesen« anf die innigste aber oft verborgene Weise mit der aller andern organischen Wesen zusammenhangt, mit welchen es in Miloewerbung um .Nahrung oder Wohnung in Beziehung steht, wilche es zu vermeiden hat, und von welchen es lebt. — Diess erhellt eben so deutlich im Baue der Zahne und der Klauen des Tigers, wie in der Bildung der Beine und Krallen des Parasiten, welcher an des Tigers Haaren hangt. Zwar an dem zierlich geliederten Saamen des Löwenzahns wie an den abgeplatteten und gewiu.perlen Beinen des Wasserkufers scheint anfänglich die Beziehung nur auf das Luft- und Wasser-Element IM*-krankt. Aber der Vortheil des liedergrannigen Lowenzahn-Saaincns steht ohne Zweifel in der engsten Beziehung zu dem durch andre Pflanzen bereits dicht besetzten Lande, so dass er in der Lud erst weit untertreiben muss, um auf einen noch freien Boden fallen zu können. Den Wasserkafer dagegen befähigt die Bildung seiner Beine vortrefflich zum Untertauchen,

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wodurch er in den Stand gesetzt wird, mit anderen Wasser-Insekten in Mitbewerbung zu treten, indem er nach seiner eignen Beute jagt, und anderen Thieren zu entgehen, welche ihn zu ihrer Ernährung verfolgen.

Per Vorrath von N'abrungs-Stoff, welcher in den Saamcn vieler Pflanzen niedergelegt ist, scheint anfänglich keine Art von Beziehung zu anderen Pflanzen zu haben. Aber aus dem lebhaften \\ achsthum der jungen Pflanzen, welche aus solchen Saamen (wie EfbBen, Bohnen u. s. w.) hervorgehen, wenn sie mitten in hohes Gras ausgestreut worden, vermnthe ich, dass jener Nah-rungs-Vorrath hauptsächlich dazu bestimmt ist, das Wachsthum des jungen Sämlings zu beschleunigen, welcher mit andern Pflanzen von kräftigem Gedeihen rund um ihn her zu kämpfen hat.

Warum verdoppelt oder vervierfacht eine Pflanze in der Mitte ihres Verbreitungs-Bezirkes nicht ihre Zahl? Wir wissen, dass sie recht gut etwas mehr oder weniger Hitze und Kälte, Trockne und Feuchtigkeit aushalten kann: denn anderwärts verbreitet sie sich in etwas wärmere oder kältere, feuchlre oder trockenere Bezirke. Wir sehen wohl ein, dass, wenn wir in Gedanken wünschten, der Pflanze das Vermögen noch weiterer Zunahme zu verleihen, wir ihr irgend einen Vortheil über die andern mit ihr werbenden Pflanzen oder über die sich von ihr nährenden Tliiere gewähren müssten. An den Grenzen ihrer geographischen Verbreitung würde eine Veränderung ihrer Konstitution in Bezug auf das Klima offenbar von wesentlichem Vortheil für unsre Pflanze seyn. \\ Ir haben jedoch Grund zu glauben . dass nur wenige Pflanzen- oder Thier-Arten sich so weit verbreiten, dass sie durch die Strenge des Klimas allein zerstört werden. Nur wo wir die äussersten Gren/.en des Lebens überhaupt erreichen, in den arkliscl..... Regionen oder am Rande

der doTreslen Wüste, da hurt auch die Mitbewerbung auf. Mag das Land noch so kalt oder trocken seyn, immer werden sich noch einige Arten oder noch die Individuen derselben Art um das wärmste oder feuchteste Fleckchen streiten.

Daher sehen wir auch, dass, wenn eine Pflanzen- oder eine Thier-Arl in eine neue liegend zwischen neue Mitbewohner

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vcrsctzl wird. <i> äusseren l.rbt-ns-RediMtallfN meistens wesrnt-

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allen llciinath bliche. \\ «um hlcn wir das durchschnittliche Zahlen V < - 11:. I r 11 i > - dieser Arl in ihrer neuen lleiinalh zu steigern, so artaataa wir Um Natur »> mom Mriani Wm»« modiliziren,

als H halle in ihrer «Hell lleiinalh geschehen müssen: lienn sie bedarf eines Yorlheils über eine andre Reibe von Mitbewerbern oder Feinden. ,<K 116 <l<irt gehabt hal.

Versnobten wir in unsrer Kinhildungskraft, dieser oder jener Form einen \nrlheil ober eine andre zu verleihen, so \\u-«[i n wir wahrscheinlich in keinem einzigen Falle, was zu Ihuu MJS) "in n diesem Ziele zu gelangen. Mir würden die 1 ber-Zeugung von unsrer lnwissenheil uher die Wechselbeziehungen /wischen allen organischen Wesen gewinnen: einer I berzougung. welche eben so nolbwendig isl. als sie schwer zu erlangen batet. Allel ms wir Ikon kunnen. ist: stall im Sinne befallen, ilass jedes organische W'esea nach Zunahme in einem gio-nielnsihen \ ei hallnisse strebt : dass jedes zu irgend einer Zeil seines Lebens oder zu einer gewissen Jahreszeit, wahrend seiner Forlplluuzung oder nach nnrcgclmassigcn Zwischenräumen grosse Zerstörung zu erleiden hal. Wenn wir über diesen kämpf ums l'asevn nachdenken, so mögen wir uns selbst Insten mit dem vollen (.laiilhu. dass der krieg der Natur nichl ununterbrochen ist. dass keine Fun hl ecluhll wird, dass der Tod im All->.'emi inen schnell ist. und dass es der hralligere. der (lesunderr und licschicklcre ist. welcher überlebt und sich vermehrt.

The Comolete Work of Charles Darwin Online

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Viertes Kapitel.

Natürliche Züchtung:.

Natürliche Auswahl /ur Nachzucht; — ihn- Gewalt im Vergleich zu der dV« Hraichen: — ihre Gewalt über Eigenschaften von geringe« Wichtigkeit: -ihre Gewall in jedem Aller und über beide Geschlechter. — Sexuelle Zucht-wahl.           Über die Allgemeinheit der Krciilzung zwischen Individuen

der minilichen Art, - Umstände gunstig „der ungünstig für die IVntür-liche Züchtung, insbesondere hrenl/iin . Isolation und Individuen-Zahl.— Langsame Wirkung. Erlöschung durch natürliche Züchtung verursacht. — Divergenz des Charakters, in lic/ug au) die Verschiedenheit i\vr Bewohner einer kleinen Fläche und auf Naturalisation. — Wirkung der Naturlichen Züchtung auf die Ahkoniuilini;c L'cincinsainer Altem durch Divergenz des Charakters und durch TutcrdriK kniej. — F.rklärt die Gruppi-rung aller organischen Wesen.

Wie mag wohl der Kampf um das Haseyn. welcher im letzten Kapi(»v| allzukurz abgehandelt worden, in Bezug auf Variation wirken? Kann das l'rinzip der Auswahl lur die Nachzucht, welche in dos Menschen Hand so viel leistet, in der Natur angewendet werden'( Ich glaube, wir werden sehen, dass ihre Thatigkeil eine ausseist wirksame isl. Krwagen wir in Gedanken, mit welch" endloser Anzahl neuer Kigonthiimliehkoitoii die Ijzetignisse tins-rer Züchtung und. in minderem Grade, die der Natur variiren, und wie stark die Neigung zur Vererbung ist. Durch Zähmung und Kultivirung. kann man wohl sagen, wird die ganze Organisation in gewissem (irade bildsam. Krwagen wir Ferner , wie unendlich verwickelt und wie genau anschliessend die gegenseitigen Beziehungen aller organischen .Wesen zu einander und zu den natürlichen Lebens-Bedingungen sind. Kann man es denn bei Krwagung, wie viele für den Menschen nützliche Abänderungen unzweifelhaft vorkommen, für unwahrscheinlich halten, da>s auch andre mehr und weniger einem jeden Wesen selbst in dem grossen und zusammengesetzten Kampfe ums Leben diensanie Abänderungen im Laufe von Tausenden von Ucneralinncii DUM* len vorkommen weiden i Wenn solche aber vorkommen, bleibt dann noch zu bezweifeln. tlass (da offenbar viel mehr Indi-

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„,!„.,, pfcora min, ih .....f**" ** f«"*" k""-

,„.„, diejenigen F.iii/.elwcscn. »rieh.- irueud einen WM.....ich

nriagw Vortbeil M'i andern rarrai liiaAem, <ii<- meiste Wahr. -., li.-iiih. lik.-it haben, die andern an überdauern and wieder ihn» gleichen bervorsubringenf Andrerseits werden wirgewiaa fohlen, ,!,,>, «Joe im geringalen Gnda aaebiheiliga Abänderung in glei-

, h.-ni V<tIi;iIImi — mehr d«l \ .rliluniiü ausgesetzt ist. Ihcse F.rhal-

Uma, rorthellbi.....r iiml /in«ekaettang nachlheittgeT Abänderungen

,-t ea, ra ich Natürliche Auswahl oder Züchtung" nenne'. Abänderung* n, welche weder viirtheilluilt noch nachtheilig sind, wer-den WH der Natürlichen faiaiM im hl heruhrl. und Weihen ein seh".ulkendes Blemenl. «h wir es vielleicht in den sogenannten polymorphen Allen sehen.

Wir werden den uahrschcinlii In n Verlauf der Natürlichen Zuchtwahl um besten verstehen, wenn wir den Fall annehmen. eine liegend erfahre irgend eine physikalische Veränderung z. B, im Klima. Das Zahlen-Verhaltaisi -i.....ir Bewohner wird dann

unmittelbar ein andres werden, und ein oder die andre Arl wird gänzlich erlöschen. Wir dtlrfea lernei aus dem innigen Ahhangig-kcils-\crhallni>sc der Bewohnet einer Gegend Min einander sehlies-sen. dass, ausser dein Klima Wechsel an sich, die Änderung im Zahlen-Verhältnisse eines Tlieiles ihrer Bewohner auch sehr wesentlich auf die andern wirke. Hat diese Gegend ofl'ene Grenzen, so weiden gBMN neue Formen einwandern und das Verhältnis* eines Theiles der alten Bewohner zu einander ernstlich sturen: denn erinnern wir uns. wie folgenreich die Kin-fiihrung einer einzigen Baum- oder Sauglhier-Art in den Iniher mitgelheilten Beispielen gewesen, ist. Handelte es sieh dagegen um eine Insel oder um ein so umscbrankles Land, dass neue und besser angepasste Formen nicht eindringen können, so wer den sieh Lucken im Hausstände der Natur ergeben, welche sicherlich hesser dadurch ausgeJullt werden, dass einige der ursprünglichen Bewohner eine tag.....essene Abänderung erfahren:

denn, wäre das Land der Kinwanderung geöffnet gewesen, so

* Vrrgl. die Annirrkun« auf s.-ilr 10.                                  I, | |,_

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wurden sich wohl Eindringlinge dieser Stellen hemoehligl haben. In diesem Falle würde daher jede geringe Abänderung, die sich im Laufe der Zeil entwickelt hat und irgendwie die Individuen einer oder der andern Spccics durch bessre Anpassung an die geänderten I.ebens-Bedingungen begünstigt, ihre Erhaltung zu gewärtigen haben und die Natürliche Auswahl wird freien Spielraum für ihr Verbesserungs-Werk finden.

Wie in dem ersten Kapitel gezeigt worden, ist Grund zur Annahme vorhanden, dass eine solche Änderung in den Lebens-lledingungen. welche insbesondere auf das liepruducliv-System wirkt. Variabilität verursacht oder sie erhöhet. In dem vorangehenden Falle ist eine Änderung der Lebens-liedingungen unterstellt worden, und diese wird gewiss für die Natürliche Züchtung insofern günstig gewesen seyn, als mit ihr die Aussicht auf das Vorkommen nützlicher Abänderungen verbunden war: kommen nül/.licho Abänderungen nicht vor, so kann die Natur keine Auswahl zur Züchtung treffen- Nicht als ob dazu ein äusserstes Maass von Veränderlichkeil nothig wäre: denn wenn der Mensch grosse Erfolge durch Häutung bloss individueller Verschiedenheiten in einer und derselben liücksichl erzielen kann, so vermag es die Natur in noch Weil hoherm Grade, da ihr unvergleichlich langre Zeiträume für ihre Plane zu Gebot stehen. Auch glaube ich nicht, dass eben eine grosse klimatische oder andre Veränderung oder ein ungewöhnlicher Grad von Abschrankung gegen die Einwanderung nothig ist. um neue und noch unaiisgefüllte Stellen zu schallen, damit die Natürliche Zuchtwahl sie durch Abänderung und Verbesserung einiger variirender Bewohner der Gegend ausfüllen könne. Denn da alle Bewohner einer jeden Gegend mit gegenseitig genau abgewogenen Krallen in beständigem Kampfe mit einander liegen, so genügen oll schon äusserst geringe Modifikationen in der Bildung oder Lebensweise eines Bewohners , um ihm einen Vorlheil Über andre zu geben, und weihe Abänderungen in gleicher liichtiing »erden sein I ber»ewieht noch vergrossern. Es lassl sieh keine liegend bezeichnen, in welcher alle natürlichen Bewohner bereits 10 vollkommen an einander und au die äusseren Bedingungen des

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Lehen» nffHil irtrtD, dm keine unter ihnen mehr einer Veredelung fohig «*! denn in allen liegenden sind die ein-MMM Arten M Nv.il von naturalisirlen Kr7.eiu.-ni-.sen iibcrwun-,l,ii worden, dass diese r'remdlinge im Stande gewesen sind testen Besitz vom Lande zu nehmen, lnd da die Krcindlinge Überall einiire <ter Eingeborenen aus dem Kehle geschlagen haben, so darl man »ohl dm.ms schlicssen dass, wenn diese mil mehr Vor-lOma mgatlattet gewatu »an-n. sie solchen Eindringlingen m.'lir \l ManUad geleistet haben wurden.

Dl nun der Mensch durch methodisch oder iinbewussl ausgeführte Wahl zum Zwecke der Nachzucht so grosse Erfolge erzielen kann und gewiss erzielt hat. HU inuss nicht die Natur leisten kennen' Der Mensch kann absichtlich nur auf aussciliehe und sii-biliare I'haraklere wirken: die Natur fragt nicht nach dem \ii--i licu. ausser »11 M zu irgend einem Zwecke nützlich seyn kann. Sie kann auf jedes innere Organ, auf den geringsten Unterschied in der organischen Thaligkeil, auf die ganze Machi-nerie des Lebens wirken. Der Mensch wählt nur zu seinem eignen Nutzen: die Natur nur zum Nutzen des Wesens, das sie pflegt. Joder von ihr ausgewalille Charakter wird daher in voller Thalig-kcil erhallen und das \\'esen in günstige Lebens-Bedingungen versetzt. Der Mensch dagegen hall die Eingebornen aus vielerlei Kli-malcn in derselben Gegend beisammen und entwickelt selten irgend einen Charakter in einer besonderen und ihm entsprechenden V eise fort. Er futtert eine lang- und eine kurz-schnabelige Taube auf dieselbe Weise: er beschäftigt einen lang-rückenigen oder einen lang-heinigen Vierfüsser nicht in einer besondern Art: er setzt das lang- und das kurz-wollige Sehaaf demselben Klima aus. Er veranlasst die kralligeren Mannchen nicht, um ihre Weibchen zu kämpfen. Er zerstört nicht mit Beharrlichkeit alle unvollkommenen Thiere. sondern schützt vielmehr alle diese Erzeugnisse, so viel in seiner Gewalt liegt, in jeder verschiedenen Jahreszeit. Oft beginnt er seine Auswahl mit einer halb-monströsen Purin oder mindestens mit einer schon hinreichend vorragenden \ha„dcrung. um sein Auge zu fesseln oder ihm offenbaren Nutzen zu versprechen. In der Natur dagegen kann schon die

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geringste Abweichung in Bau und organischer Thäiigkeit das bisherige genaue Gleichgewicht zwischen den ringenden Formen aufheben und hiedurch ihre Erhaltung bewirken. Wie flüchtig sind die Wünsche und die Anstrengungen des Menschen! wie kurz ist seine Zeit! wie dürftig sind mithin seine Erzeugnisse denjenigen gegenüber, welche die Natur im Verlaufe ganzer geologischer Perioden anhäuft! Dürfen wir uns daher wundern, wenn die Natur-Produkte einen weit »achteren« Charakter als die des Menschen haben, wenn sie den verwickeltesten Lehens-Bedingungen weit besser angepassl sind und das Gepräge einer weil höheren Meislerschaft an sich (ragen ?

Man kann sagen, die Natürliche Züchtung seye täglich und stündlich durch die ganze Welt beseliafligt, eine jede auch die geringste Abänderung auslindig zu machen . sie zurückzuwerfen wenn sie schlecht, und sie in erhalten und zu verbessern' wenn sie gut ist. Stille und unmerkbar ist sie überall und allezeit, wo sich die Gelegenheit darbietet, mit der Vervollkommnung eines jeden organischen Wesens in Bezug auf dessen organische und unorganische Lebens-Bedingungen beschäftigt. Wir sehen nichts von diesen langsam fortschreitenden Veränderungen, bis die Hand der Zeil auf eine abgelaufene Welt-Periode hindeutet, und dann ist unsre Einsichl in die langst verflossenen Zeilen so unvollkommen, dass wir nur noch das Eine wahrnehmen, dass die Lebensformen jetzt ganz andre sind, als sie früher gewesen.

Ubwohl die Natürliche Züchtung nur durch und für das Gute eines jeden Wesens wirken kann, so werden doch wohl auch Eigenschaften und Bildungen dadurch berührt, denen wir nur eine untergeordnete Wichtigkeit beilegen möchten. Wenn Blatter-fressende Insekten grün, Binden-fressende grau-gefleckt, das Alpen-Schneehuhn im Winter weiss, die Schottische Art Haiden-farbiff, der Birkhahn mit der Farbe der Moorerde erscheinen, so haben wir zu vermutlien Grund, dass solche Farben den genannten Vögeln und Insekten nützlich sind und sie vor Gefahren schützen. Wald- und .Schnee-Hühner würden sich, wenn sie nicht in irgend einer Zeit ihres Lebens der Zerstörung ausgesetzt wären, in endloser Anzahl vermehren. Man weiss, dass

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m, nhr von Hanhvogeln l.i.l.n. mMm ihre B....... mil dem

tan entdecken : daher mim in manchen liegenden von Europa auch nicht ferne weisse Tauben halt. vv.il diese .Iit Knlderkung und Zerstörung am nu'islcn ausgesetzt sind. So linde ich keinen (irund 7.H zweilein, dass H hauptsächlich dir Natürliche Znc htling isl. welche jeder Arl von Wiild- und Schnee-Hühnern die ihr eigenlhninliche Farbe verlejhl und. «BMI solche einninl btBgaj (MM isl. dieselbe fortwährend erhidt. Auch inüssen wir nichl glauben, dass die zufällige Zerstörung eines Thicrcs von nbwei-clicnilcr Färbung nur wenig W irkung habe, sondern vielmehr uns erinnern, wie wesentlich es isl aus i nicr weissen Schaaf-Heerde jedes l.iiinnicheii zu beteiligen, das die gering»« Bpm von Schwarz an sich hat. Hei den rilanzen rechnen die Bota-niker den flaumigen I herzug der Krilchle und die Farbe ihres Fleisches mil zu den mindest WIOBligWI .Merkmalen: und doch

vernehmen «ir von einem ausgezeichneten Gerten-Freunde, Dow-

mm:, ilass in den Yrrchitrn Staaten nackthauligo Fnichle viel mehr durch einen Uii-selkalcr leiden als die flaumigen, unil dass die Purpurfarbene 1'flaumen von einer gewissen Krankheit viel mehr leiden, als die gelben. wahrend eine andre Krankheil die gelb-Beiechigea Pfirsiche viel mehr angreift, als die andersfarbigen.

Wenn bei aller Hilfe der Kunst diese geringen Inlerschiede zwischen den Varietäten schon einen grossen Unterschied in deren Behandlung erheischen, so werden sich gewiss im Zustande di-i YiIiii . am die Bauine mil andern Bäumen und mit einer Hang* von Feinden zu kämpfen haben) diejenigen Varietäten am sichersten behaupten, deren Fruchte, mögen sie nun nackt oder behaart sevii. ein gelbes oder ein purpurnes Fleisch haben, am hasten gedeihen;

Wh endlich eine Menge von kleinen Verschiedenheiten zwischen Spezies betrifft, welche, so weil unsre l nkenntnis zu urlheilen geslatlel. ganz unwesentlich zu seyn scheinen, so dürren wir nicht vergessen, dass auch Klima. Nahrung u. s. w. wohl einigen unmittelbaren Kinfluss haben mögen. Weil nolhiger isl es aber noch im (iedaehlniss zu behalten, dass es viele noch unbekannte Wechselbeziehungen des \\ achslhums gibt, welche.

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wenn ein Theil der Organisation durch Variation modifizirt und wenn diese Modifikationen durch Natürliche Züchtung zum Besten des organischen Wesens gehäuft werden, dann wieder andre Modifikationen oft von der unerwartetsten Art veranlassen.

Wie die Abänderungen, welche im Kullm-Zuslande zu irgend einer Zeit des Lebens hervorgetreten sind, auch beim Nachkömmling in der gleichen Lebens-Periode wieder zu erscheinen geneigt sind: in den Saamen vieler Küchen- und Acker-Gewüehse, in den Kaupen und Coccons der Seidenwurm-Varietaten, in den Eiern des Hof-Geflügels und in der Färbung des Dunenkleides seiner Jungen, in den Hörnern unsrer Schaale und Rinder, wenn sie fast ausgewachsen, — so ist auch die Züchtung im Naturzustände fähig, in einem besondern Alter auf die organischen Wesen zu wirken, für diese Lebenszeit nützliche Abänderung zu häufen und sie in einem entsprechenden Alter zu vererben. Wenn es für eine Pflanze von Nutzen ist, ihre Saamen immer weiter und weiter mit dem Winde iimherzuslreuen, so ist für die Natur die Schwierigkeit dies« Vermögen durch Züchtung zu bewirken nicht grosser, als sie für den Baumwollen-Pflanzer ist durch Züchtung die Baumwolle in den Fruchtkapseln seiner Pflanzen zu vermehren und zu verbessern. Natürlich« Züchtung kann die Larve eines Insektes modifiziren und zu zwanzigerlei Hedürfuissen geeignet anpassen, welche ganz verschieden sind von jenen, die das reife Thier betreffen. Diese Abiinderungen in der Larve werden zweifelsohne nach den Gesetzen der Wechselbeziehungen auch auf die Slruklur des reifen Insektes wirken, und wahrscheinlich ist bei solchen Insekten, welche im reifen Zustande nur wenige Stunden zu leben und keine Nahrung zu sich zu nehmen haben, ein grosser Theil ihres Baues nur als ein korrelatives F,rgebniss allmählicher Veränderungen in der Struktur ihrer Larven zu betrachten. So können aber wahrscheinlich glich {umgekehrt gewisse Veränderungen im reifen Insekte olt die Struktur der Larve berühren, in allen Fallen aber itur unter der Bedingung, dass diejenige Modifikation, welche bloss die Fol»e einer Modifikation auf einer anderen Lehensslufe ist.

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durchaus nicht aaaalWIigar \'i mi«, wail ria um du um .Miim Im ifMtM m Mfa W« *?.

Natürliche BWI1 kmin Moh die Slruklur de! Ampi in llezug /.lim Allen iiii.I du des Mm iMJU&gM UUM 'ner gegenüber nodhteiraa. Bei llausilueren na»* rta die struktur Sinei jeden Kiaialwaarni dan Strecken dw Gaaiemda an, vor-mjmilil daat wah aia M« Einzelne W dem n iMwiiklaa Wechsel gewinne. Wal du natürliche /.mhtung nebt bewirken kann. dM isl: I iiiHiideruns d«r Slruklur einer Spezies, ohne Ersatz, n linnsiru i'iiiii- aadereaSpMiet; ind obwohl in omni wMMmikm Werken Beispiele dafür MgeSttM werden, so ist iIimIi keines dnanlar, dm eine PrtUnag nuhielte. Selbst aia organisches Gebilde. du aar einmal in Laban eines Thieres gl

braucht wild, kann, wenn M ihm von grosser Wichligkeil isl. durch die Natürliche Zuchtwahl bis zu jedem Beirase inodifi-zirt »erden, wie die grossen Kinnladen einiger Insekten,

»elehe nur zum IIITuen ihrer Co, cons dienen, oder das zarie Spitzeben tal dem Bndfl des Schnabels junger Vogel, womit sie heim Aussi hluplen die Ei-Schaalc aufbrechen. Man bat versichert . ihiss von den heslen kiirzschnabeligen I'urzel-Tauben mehr im Kie zu Grunde gehen, als auszuschlüpfen im Stande sind, was Liebhaber mitunter veranlasst, bei Durchbrechung der Sehaale mitzuwirken. Wenn demnach die Natur den Schnabel einer Taube zu deren eignem Nutzen im ausgewachsenen Zustande sehr zu veikurzen halle, so wurde dieser l'rnzess sehr langsam vor sich gehen, und musste dabei zugleich eine sehr strenge Auswahl dcrienigen jungen Vögeln im Eie slatlfindcn. welche den stärksten und härtesten Schnabel besilzen, weil alle mit weichem Schnabel unvermeidlich zu Grunde gehen wurden: oder aber es müssle eine Auswahl der dünnsten und zerbrechlichsten Ei-Schaalen erfolgen, deren Dicke bekanntlich so wie jedes andre («bilde variirl.

Sexuelle Zuchtwahl. Wie im Kultiu -Zustande Eigentümlichkeiten oft an einem Geschichte zum Vorschein kommen und sich erblich an dieses Geschlecht heften, so wird es wohl auch im Natur-Zuslande geschehen, und. wenn Üiess der Kall, sa muss

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die Natürliche Züchtung fähig seyn, ein Geschlecht in seinen funktionellen Beziehungen zum andern zn modifiziren, oder ganz verschiedene Gewohnheiten des Lebens in beiden Geschlechtern zu bewirken, wie es bei Insekten zuweilen der Kall ist, — und Diess veranlasst mich, einige Warte über das zu sagen, was ich Sexuelle Zuchtwahl nennen will. Sie hangt ab nicht von einem Kample ums Daseyn, sondern von einem Kample zwischen den Mannchen um den Besitz der Weibchen, dessen Folgen für den Besiegten nicht in Tod und erfolgloser Mitbewerbung, sondern in einer spärlicheren oder ganz ausfallenden Nachkommenschaft bestehen. Diese Geschlechtliche Auswahl ist daher minder verhangnissvoll, als die Natürliche. Im Allgemeinen werden die kräftigsten, die ihre Stelle in der Natur am besten ausfüllenden Männchen die meiste Nachkommenschaft hinterlassen. In manchen Fallen jedoch wird der Sieg nicht von der Starke im Allgemeinen, sondern von besonder!! nur dem Männchen verliehenen Wallen abhängen. Ein Geweih-loser Hirsch und ein Sporn-loser Hahn haben wenig Aussicht Erben zu hinterlassen. Eine Sexuelle Züchtung, welche stets dem Sieger die Fortpflanzung ermöglichen sollte, müssle ihm unzähmbaren Mulli, lange Spornen und starke Flügel verleihen, um mit dem gespornten Laufe kämpfen zu können: wie denn der Kampfbahn-Züchter seine Zucht durch sorgfältige Auswahl in dieser Beziehung sehr zu veredeln verstellt. Wieweit hinab in dir Slufenleiler der Natur dergleichen Kampfe noch vorkommen , weiss ich nicht. Doch hat man männliche Alligatoren beschrieben , wie sie um den Besitz eines Weibchens kämpfen, brullcii und sich im Kreise drehen : männliche Salinen hat man Tage lang miteinander streiten sehen: männliche Hirschkäfer haben oft Wunden von den mächtigen Kiefern andrer Männchen. Doch ist der Kampf am heftigsten zwischen den Männchen polygamischer Thiere, uud diese scheinen auch am gewöhnlichsten mit besondern Wallen dazu versehen zu seyn. Die Männchen der Haub-Saiiuctlücre sind schon an sich wohl bewehrt: doch pflegen ihnen u. e. a. durch sexuelle Züchtung noch besondere «allen verliehen zu werden, wie dem Löwen seine Mahne, dem Kher sein Hallzahn, dem männlichen Salinen seine llaken-lorinige

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Kinnlade: und der Schild Mg dir den Sieg eben so wichtig sryn. »Is das Si-hwrrl oder der Speer. I nler den Vögeln hat dir Uewcrliiings-kaiiipf "II einen friedlicheren rhnriiklor. Alle, «eiche ilii-si-n Ceueiislmid behandelt haben, glauben, die eifrigste Rivalität finde unter den Sing-Vngclu stall. WO die Männchen durch Gesang die Weibchen anzuziehen surluii. Her Kclshthn in Mm (Kupicohil. die Paradiesvogel n. e. a. schiiarcn sich zusammen, und ein Männchen um das andere entfallet sein prach-tiges lielieder. um in theatralischen Stellungen vor den Weih, heu zn paradiren. welche als Zuschauer dastehen und sich zuletzt den liebenswürdigsten Bewerber erkiesen. Sorgfältige Beobachter der in Gefangenschaft gehallenen Vogel wissen sehr wohl, dass oft individuelle Bevorzugungen und Abneigungen stattfinden: so hat Herr K. Hmos beschrieben, wie ein scheckiger Perlhahn ausserordentlich anziehend für alle seine Hennen gewesen. Es mag kindisch aussehen. solchen anseheinend schwachen Mitteln ir-gend eine Wirkung zuzuschreiben . und ich kann hier nicht in Kinzelnheiten eingehen, um jene Ansicht zu unterstützen: w enn jedoch der Mensch im Stande ist seinen Bantam-Hvihnern in kurzer Zeit eine olegante Haltung und Schönheit je nach seinen Begriffen von Schonheil zu geben, so kann ich keinen genügenden Grund zum Zweifel finden, dass weibliche Vogel, indem sie Tausende von Generationen hindurch den Melodie-reichsten oder schönsten Mannchen, je nach ihren Begriffen von Schönheit, bei der Wahl den Vorzug geben, nicht ebenfalls einen merklichen Effekt bewirken können. Ich habe starke Vermuthung. dass einige wohlbekannte (ieselze in Betreff des Gefieders männlicher und weihlicher Vogel dem der jungen gegenüber sich aus der Ansicht erklaren lassen, das Geliedor seye hauptsächlich durch die Geschlechtliche Wahl modilizirl worden, welche im Geschlechtsreifen Aller wahrend der Jahres-Zeit wirkt, welche der Fortpflanzung gewidmet ist. Dia dadurch erfolgten Abänderungen sind dann auf entsprechende Alter und Jahres-Zcitcn wieder vererbt worden entweder durch die Mannchen allein, oder durch Mannchen und Weibchen: ich habe aber hier nicht Raun« weiter auf diesen Gegenstand einzugehen.

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Wenn daher Männchen und Weibchen einer Thier-Art die nämliche allgemeine Lebens-Weise haben, aber in Bau. Farbe oder Verzierungen von einander abweichen, so sind nach meiner Meinung diese Verschiedenheiten hauptsächlich durch die Geschlechtliche Wahl bedingt; d. h. männliche Individuen haben in auicinander-folgenden Generationen einige kleine Vortlieile über andre Mannehen gehabt in Waffen, Veftheidigungs-Mitteln oder Reitzen und haben diese Vortlieile auf ihre männlichen Nachkommen übertragen. Hoch mochte ich nicht alle solche Geschlechts-Ver-schiedenheiten aus dieser Quelle ableiten 5 denn wir sehen Eigen-thumlichkeiten entstehen und beim männlichen Geschlechte unsrer Hausthiere erblich werden, wie die Hautlappen bei den Englischen Boten-Tauben, die Horn-artigen Auswüchse bei den Mannchen einiger Hühner-Vogel u. s. w., von welchen wir nicht annehmen können, dass sie den Mannchen im kample nützlich sind oder eine Anziehungskraft auf die Weibchen ausüben*. Analoge Falle sehen wir auch in der Natur, wo z. B. der Haar-Büschel auf der Brust des l'iiterhahns weder nützlich im Kampfe noch eine Zierde für den Brautwerber seyn kann; — und wirklich, hatte sich dieser Büschel erst im Zustande der Zähmung gebildet, wir würden ihn eine Monstrosität nennen.'

Beleuchtung der Wirkungsweise der Natürlichen Züchtung.) In der Absicht die Art uno* Weise klar zumachen, wie nach meiner Meinung die Natürliche Wahl wirke, muss ich um die Erlaubniss bitten, ein oder zwei erdachte Beispiele zur Erläuterung vorzutragen. Denken wir uns zunächst einen Wolf, der sich seine Beute an verschiedenen Thiercn theils durch Lisi, theils durch Starke und theils durch Schnelligkeit verschaffe, und nehmen wir an, seine Schnelleste Beute, der Hirsch z. B., hatte sich aus irgend einer Ursache in einer Gegend sehr vervielfältigt, oder andre zu seiner Nahrung dienende Thicre hallen in der Jahreszeit, wo sich der Wolf seine Beute am schwersten verschallen kann, sehr vermindert. Unter solchen Umstanden kann

Aber wie vermöchten w i r zu araMMian, WM <'""" Bewerber in ilen Augen ein« Henne oder einer Taube liebenswürdig machen könne! D. IIb».

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ich keinen Grund 7.11 zweifeln finden, dass die schlanksten und schnellsten Wolftl am MtNU \ii.~m.-IiI Hilf Fortkommen und so-imt Hilf Erhaltung und Verwendung zur Nachzucht hallen, imincrhin iWMHurtttT. im sie diiliri starke genug behielten, um sich iliri'r Heule iiurli in einer andern Jahreszeit 7->i hemoistern, wo sii- rmnkml MJ1 konnten, niif andre Thiero auszugehen. Ich limli- um so IWhjer OfWchfl daran zu zweifeln. du ja der iBMlfll auch die S.-liii.-Uiükiit M'iiii'- Windhundes durch sorgfältig- und pliiniiiHssigc Auswahl oder durch jene iinhewusste Wahl M erhöhen in Stande isl, welche schon stullfindet, wenn nur .ledcriminn den licslen Hund zu haben strebt, ohne einen bedanken an Veredelung der Rasse.

So konnle auch ohne eine Veränderung in den Verhaltniss-znhlcn der Thiere. die dem Wolle zur Heule dienen, ein junger Wdll zur Well kommen mit angeliorner Neigung gewisse Arten von Hculclhiercn zu verfolgen. Auch Piess isl nicht sehr unwahrscheinlich : denn wie oll nehmen wir grosse I iilcrschiede in den natürlichen Neigungen iinsrer Hausthiere wahr! Kine Katze z. B. isl geneigt Ratten und die andre Mause zu langen. Eine Bette bringt nach Hrn. St. John geflügelte Beute nach Hause, die andre Hasen und Kaninchen, und die drille jagt auf Marschland und meistens nächtlicher Weile nach Waldhühnern und Schnepfen. Mihi \m is>. ihn die Neigung Hallen stall Clause zu langen, vererblich ist. Wenn nun eine angeborne schwache Veränderung in Gewohnheit oder Körper-Bn einen einzelnen Wolf begünstigt, so hat er am meisten Aussicht auszudauern und Naekkommen zu hinterlassen. Billige seiner Jungen werden dann vermulhlich dieselbe Gewohnheit oder Korper-Eigenschaft erben, und so kann durch oftmalige Wiederholung dieses Vorgangs eine neue Verfem entstehen, welche die alle Stamm-Korm des Wolfes ersetzt oder zugleich mit ihr fortbesteht. Nun werden lerner WnUe. welche Gebirgs-Gegenden bewohnen, und solche, die sich im Tieflande aulhalten, von Natur genothigl, auf verschiedene Beule auszugehen, und mithin bei forldauernder Erhaltung der fiir jede der zwei Landstriche geeignetesten Individuen allmählich iwei Abänderungen bilden. Diese Varietäten müssen da, wo ihre

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Verbreitungs - Bezirke zusammenstosscn . sich vermischen und kreutzen; doch werden wir auf die Frage von der Kreulzung später zurückkommen. Hier will ich noch beifügen, dass nach Pierce im Catskilt-Gebirge in den Vereinten Staaten zwei Varietäten des Wolfes hausen, eine leichtere von Windspiel-Form, welche Hirsche verfolgt, und eine andre schwerfalligere und mit kurzen Beinen, welche häufiger die Schaaf-Heerden angreift.

Nehmen wir nun einen zusammengesetzteren Fall an. Gewisse Pflanzen scheiden eine süsse Flüssigkeit aus, wie es scheint, um irgend etwas Nachtheiliges aus ihrem Safte zu entfernen. Diess wird bei manchen Schmetlerlings-bliithigcn Gewächsen durch Drüsen am Grunde der Stipulä und beim gemeinen Lorbeerbaum auf dem Rücken seiner Blätter bewirkt. Diese Flüssigkeit , wenn auch nur in geringer Menge zu finden, wird von Insekten begierig aufgesucht. Nehmen wir nun an, es werde ein wenig solchen süssen Saftes oder Nektars an der inneren Basis der Kronenblatter einer Blume ausgesondert. In diesem Falle werden die Insekten, welche den Nektar aufsuchen, mit Pollen bestäubt werden und denselben gewiss oll von einer Blume auf das Stigma der andern übertragen. Die Blumen zweier verschiedener Individuen einer Art werden dadurch gekreutzt, und die Kreulzung liefert i,wie nachher ausführlicher gezeigt werden soll) vorzugsweise kräftige Sämlinge, welche mithin die beste Aussicht haben auszudauern und sich fortzupflanzen. Einige dieser Sämlinge können wohl das Ncktar-Absonderungs-Yermögen erben, und diejenigen Nektar-absondernden Blüthen, welche die stärksten Drüsen besitzen und den meisten Nektar liefern, werden am Öftesten von Insekten besucht und am Öftesten mit andern gekreutzt werden und so mit der Länge der Zeil allmählich die Oberhand gewinnen. Ebenso werden diejenigen Blüthen, deren Staubläden und Staubwege so gestellt sind, dass sie je MO! Grosse und sonstigen Eigentümlichkeiten der sie besuchenden Insekten c-inigermaassen die Übertragung ihres Samenstaulis von Blülhe zu Blülhe erleichtern , gleicherweise begünstigt und zur Nachzucht geeigneter seyn. Nehmen wir den Fall an, die zu den Blumen kommenden Insekten wollten Pollen statt

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Nektar iiiiMiinin. In. sc wäre /."«r die Kntliilirung des Pollen», dir allein Nr llelru. billig der Pflanze erzeuut »ird. ein Vrhivt Inr duimUw | WM JaioBi anfangs pck-ffcnllirli und nachher MWOlnlidl «'in wenig Collen von den ihn einsammelnden

Insekten entfuhrt und von Blume im III....... gelragen wird, so

wird die lucdureh bewirkte kreutzung zum grossen Vortluil di i

Pflanzen scvn. .....(TM ihnen iiuch neun Zehntel der ganzen Pollcn-

Mi-r zerstört »erden: denn diejenige Pflanze, welehe mehr und mehr Pollen erzeugt und immer grossre Antheren bekommt, wird für di« N«-h/.ui ht das I bergewicM haben.

Wenn nun unsre Platt, »ebbe auf diese Weise vor andern erhallen und dureh Naturliebe Wahl mit Blumen versehen worden, »fiele- die Pollen verschleppenden Insekten immer mehr anziehen, so kann die l berlnhrung des Pollens von einer Pflanze zur andern endlieh zur Henri werden, wie Diess in vielen K;11-len wirklich gesehiehl. Ich will nun einen nicht einmal sehr zutreffenden Kall als Beleg dafür anrühren, welcher jedoch geeignet ist zugleich uls Beispiel eines ersten Schrittes zur Trennung der Geschlecht' r zu dienen, von welcher noch weiter die Rede seyn »ird. Einige Slec-lipalineu-Stauinie bringen nur mannliche Blülhen hervor, »ebbe \ier nur wenig Pollen erzeugende Staubgel'asse und ein wikiiiiiiuertes Pistill enthalten: andre Stamme liefern nur weibliehe Bluthen. die ein vollständig entwickeltes Pistill und vier Staubfaden mit verschrumpften Antheren einschliessen. in »eichen nicht ein Pollen-kornchcn bemerkt werden kann. Nachdem ich einen weibliehen Stamm genau 60 Ellen \on einem männlichen entlernt gefunden, nehme ich die Slignjuta aus zwanzig Bluthen von verscliicdeiien /.»eigen unter ilas Mikroskop und entdecke an allen ohne Ausnahme einige Pollen-Korner und an einigen sogar eine übermässige Menge desselben. Da der W ind schon einige Tage lang vom weibliehen gegen den männlichen Stamm bin gewehcl hatte, so kann er es nicht gewesen seyn, der den Pollen dahin geführt. Das Wetter war schon einige Tage lang kalt und stürmisch und daher nicht günstig für die Bienen gewesen, und demungeachtet war jede von mir untersuchte weibliche Bluthe durch den Pollen befruchtet worden.

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welchen die Bienen, von Bliithe zu Blüthe nach Nektar suchend, an ihren Haaren vom mannlichen Stamme mit herüber gebracht hatten. Doch kehren wir nun zu unserem ersuunenen Falle zurück. Sobald jene Pflanze in solchem Grade anziehend für die Insekten geworden, dass sie den Pollen regelmässig von einer Blüthe zur andern tragen, wird ein andrer Prozess beginnen. Kein Naturforscher zweifelt an dem Vortheil der sogen, »physiologischen Theilung der Arbeit« : daher man glauben darf, es seye nützlich für eine Pflanzen-Art in einer Blüthe oder an einem ganzen Stocke nur Staubgefässe und in <ler andern Blüthe oder auf dem andern Stocke nur Pistille hervorzubringen. Bei kultivirten oder in neue Existenz-Bedingungen versetzten Pflanzen schlagen manchmal die mannlichen und zuweilen die weiblichen Organe mehr oder weniger fehl. Nehmen wir aber an. Diess geschehe auch in einem wenn noch so geringen Grade im Natur-Zustande derselben, so würden, da der Pollen schon regelmassig von einer Blume zur andern geführt wird und eine vollständige Trennung der Geschlechter unsrer Pflanze ihr nach dem Prinzipe der Arbeilstheilung vorteilhaft ist, Individuen mit einer mehr und mehr entwickelten Tendenz dazu fortwährend begünstigt und zur Nachzucht ausgewählt werden, bis endlich die Trennung der Geschlechter vollständig wäre.

Kehren wir nun zu den von Nektar lebenden Insekten in unserem ersonnenen Falle zurück: nehmen wir an, die Pflanze mit durch andauernde Züchtung zunehmender Nektar-Bildung sey eine gemeine Art, und unterstellen wir, dass gewisse Insekten hauptsächlich auf deren Nektar als ihre Nahrung angewiesen sind. Ich konnte durch manche Beispiele nachweisen, wie sehr die Bienen bestrebt sind, Zeit zu ersparen. Ich will mich jedoch nur auf ihre Gewohnheit berufen, in den Grund gewisser Blumen Offhangen zu machen, um durch diese den Nektar zu saugen, welchen sie mit ein Bischen mehr Weile durch die Mündung heraus holen konnten. Dieser Thalsaclicn Mitgedenk halle ich es nicht für gewagt anzunehmen, dass eine zufällige Abweichung in der Grosse und Form ihres Korpers oder in der Lange und Krümmung ihres Küssrls. «rann auch viel zu unbe-

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drillend fnr unsre Wahrnehmung, von solchem Nutzen für eine hVm- od« .in udam Insekt wyi könne, du sich mit deren Hilft sein Futter leichter vcrschaln, dass es mehr Wahrscheinlichkeit der Fortdauer und der Fortpflanzung als andre Thiere -einer Art besitzt. Seine Nachkommen »erden wahrscheinlich eine Neigung zu einer ähnlichen Abweichung des Organes erben. Die Rohren der Blumen-Kronen des rothen und des Inkarnat-Klees (Trifolium pralense und Tr. incarnatuml scheinen bei fluchtiger Betrachtung nicht sehr an Lange auseinander zu weichen: ilcniungcnchtet kann die Honig- oder Korb-Biene (Apis mellilica) den Nektar leicht aus der ersten . aber nicht aus der letzten saugen, welche daher nur von Hummeln besucht wird, so dass ganze Felder rothen Klees der Korb-Biene vergebens einen Ibrrsrhuss von köstlichem Nektar darbieten. Es würde daher für die Korb-Biene von grosslem Vortheil seyn, einen etwas längeren oder abweichend gestalteten Rüssel zu haben. Auf der anderen Seile habe ich durch Versuche gefunden, dass die Fruchtbarkeit des rothen Kiee's grossentheils durch den Besuch der Honig-suchenden Insekten bedingt ist. welche bei diesem Geschäfte die Theile der Blumenkrone verschieben und dabei den Pollen auf die Oberfläche der Narbe wischen. Sollten dagegen die Hummeln in einer Gegend selten werden, so müsste eine kürzere oder liefer getheilte Blumenkrone von grosslem Nutzen für den rothen Klee werden, damit die Honig-Biene seine Blü-Ihen besuchen könne. Auf diese Weise begreife ich, wie eine Blulhe und eine Biene nach und nach, seye es gleichzeitig oder eine nach der andern, abgeändert und auf die vollkommenste Weise einander angepassl werden konnten durch fortwahrende Erhaltung von Einzelnwesen mit beiderseits nur ein wenig günstigeren Abweichungen der Struktur.

Ich weiss wohl, dass die durch die vorangehenden erson-nenen Beispiele crläuterle Lehre von der Natürlichen Auswahl denselben Einwendungen ausgesetzt ist, welche man anfangs gegen Ch. Lyells grossartige Ansichten in »the Modem Changes of the Earlh, as illuslralire of Geology vorgebracht hat: indessen hört man jetzt die Wirkung der Brandung z. B. in

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ihrer Anwendung auf die Aushöhlung riesiger Thüler oder auf die Bildung der längsten binnenlandischen Klippen-Linien selten mehr als eine unbedeutende und lacherliche Ursache bezeichnen. Die Natürliche Züchtung kann nur durch Häufung unendlich kleiner vererbter Modifikationen wirken, deren jede für Erhaltung des Wesens, dein sie angehört, günstig ist: und wie die neuere Geologie solche Ansichten, wie die Aushöhlung grosser Thaler durch eine einzige Diluvial-YVoge meistens verbannt hat, so wird auch die Natürliche Züchtung, wenn sie ein wahres Prinzip ist, den Glauben an eine fortgesetzte Schöpfung neuer Organismen oder an eine grosse und plötzliche Modifikation ihrer Organisation verbannen.

Über die Kreutzung der Individuen.) Ich muss hier . mit einem kleinen Absprung beginnen. Es liegt vor Augen, dass bei Pflanzen und Thieren getrennten Geschlechtes jedesmal zwei Individuen sich vereinigen müssen, um eine Geburt zu Stande zu bringen. Bei Hermaphroditen aber ist Diess keineswegs klar. Demungeachtet bin ich stark geneigt zu glauben, dass bei allen Hermaphroditen zwei Individuen gewöhnlich oder ausnahmsweise zu jeder einzelnen Fortpflanzung ihrer Art zusammenwirken (die sonderbaren und noch nicht recht begriffenen Fälle von Parthenogenesis ausgenommen). Diese Ansicht hat zuerst Andreas Knigiit aufgestellt. Wir werden jetzt ihre Wichtigkeit erkennen. Zwar kann ich diese Frage nur in äusserstcr Kürze abhandeln: jedoch habe ich die Materialien für eine ausführlichere Erörterung vorbereitet. Alle Wirbellhiere, alle Insekten und noch einige andre grosse Thier-Grupper. paaren sich Tür jede Geburt. Neuere Untersuchungen haben die Anzahl der früher angenommenen Hermaphroditen sehr vermindert, und von den wirklichen Hermaphroditen paaren sich viele, d. h. zwei Individuen vereinigen sich zur Reproduktion; Diess ist alles, was uns hier angeht. Doch gibt es noch viele andre zwitterliche Thiere, welche gewiss sich gewöhnlich nicht paaren. Auch bei weitem die grösste Anzahl der Pflanzen sind Hermaphroditen. Man kann nun fragen, was ist in diesen Fallen für ein Grund zur Annahme vorhanden, dass jedesmal zwei Individuen zur

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Ucprmlukhnn /uvinimcnwirkcn ? Dl hier nicht möglich ist. in Kin/elnheilen <-in/iu.'"-li.n. so MM ich mich auf einigeallgemeine llclrm'hluriL'i'ii beschranken.

Kurs Erste habe ich eine grosse im« *on Thalsachen |IIHWm>ll. «eiche übereinstimmend mit der fast allgemeinen I hcrzciiiruni! der Viehzüchter beweisen, dass bei Thiercn wie M Pflanzen ata« Krauhnag zwischen Briana verschiedener

Varietäten, "der zwischen solchen verschiedener Sliiiniiii- einer

Varielil der Nachkommenschaft Stuka nnd i-"ru.liti»iirk>it verleiht, wahrend anderseits Bog« Inzucht hrall und Fruchtbarkeit vi'rniui. derl. hiese Thalsachen allein machen mich glauben, dass es ein allgemeines Natur-tieselz ist [wie unwissend wir auch uber rill Bedeutung des GeseUee seyn mogeni. dass kein organisches Wimn sich sellisl lur eine Ewigkeit von Generationen belruch-len könne. dass daher eine Kreutzung mit einem andern Individuum \oi\ Zeit zu Zeil und vielleicht nach langen Zwischenräumen einmal unentbehrlich ist.

Nun ilem (Hauben ausgehend, dass l>iess ein Natur-Gesetz s \e. werden wir verschiedene grosse Klassen von Thatsachen rentehea, «eiche auf andre Weise unerklärlich sind. Jeder Blendlingsgelrcide-Züchter weiss, wie nachtheilig für die Befruchtung einer Bluthe es ist. wenn sie wahrend derselben der Feuchtigkeit ausgesetzt wird. l!nd doch, was für eine Menge von Blumen haben Staubbeutel und Narben vollständig dein Wetter ausgesetzt! Wenn aber eine Kreutzung von Zeit zu Zeil nun doch unerlasslich. so erklärt sich jene Aussetzung aus der Notwendigkeit. dass die Blumen für den Eintritt fremden Pollens eilen seyen, und zwar um so mehr, als die zusammengehörigen Slaubgefasse und Pistille einer Blume gewohnlich so nahe beisammen stehen, dass Selbstbefruchtung unvermeidlich scheint. Andrerseils aber haben viele Blumen ihre Befruchtungs-Werkzeuge sehr enge umschlossen, wie die Schmelterlingsbluthigen z. B.; aber in vielen und vielleicht in allen solchen Blumen ist eine sehr merkwürdige Anpassung zwischen dem Bau der Blume und der Art und Weise, wie die Bienen den Nektar daraus saugen, indem sie alsdann entweder den eignen Pollen der Blume über

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ihre Narbe wischen oder fremden Pollen mitbringen. Zur Befruchtung der Schmetterlingsblüthen isl der Besuch der Bienen so nolhwendig, dass, wie ich durch anderwärts veröffentlichte Versuche gefunden, ihre Fruchtbarkeit sehr abnimmt, wenn dieser Besuch verhindert wird. Nun ist es aber kaum möglich, dass Bienen von Blütbe zu Blüthc fliegen, ohne den Pollen der einen zur andern zu bringen, wie ich überzeugt bin, zum grossen Vorlheil der Pflanze. Die Bienen wirken dabei wie ein Kameelhaar-Pinsel, und es ist vollkommen zur Befruchtung genügend, wenn man mit einem und demselben Bürstchen zuerst das Staubgerass der einen Blume und dann die Narbe der andern berührt. Dabei ist aber nicht zu fürchten, dass die Bienen viele Bastarde zwischen verschiedenen Arten erzeugen; denn, wenn man den eignen Pollen und den einer andren Pflanzen-Art zugleich mit demselben Pinsel auf die Narbe streicht, so hat der erste eine so überwiegende Wirkung, dass er, wie schon Gärtner gezeigt, jeden Einfluss des andern ganzlich zerstört.

Wenn die Staubgelasse einer Blume sich plötzlich gegen das Pistill schnellen oder sich eines nach dem andern langsam gegen dasselbe neigen, so scheint diese Einrichtung nur auf Sicherung der Selbstbefruchtung berechnet, und ohne Zweifel ist sie auch dafür nützlich. Aber die Thaligkeit der Insekten ist oft nolhwendig, um die Staubfaden aufschnellen zu machen, wie Külkeiter beim Sauerdorn insbesondere gezeigt hat: und sonderbarer Weise hat man gerade bei dieser Sippe (Berberis), welche so vorzüglich zur Selbstbefruchtung eingerichtet zu seyn scheint, die Beobachtung gemacht, dass, wenn man nahe verwandte Formen oder Varietäten dicht neben einander pflanzt, es in Folge der reichlichen Kreutzung kaum möglich ist noch eine reine Basse zu ehalten. In vielen andern Fallen aber findet man, wie C. G. Sprengel's Schriften und meine eignen Erfahrungen Ichren. statt der Einrichtungen zu Begünstigung der Selbstbefruchtung vielmehr solche, welche das Stigma hindern, den Saamenstaub der nämlichen Blüthe aufzunehmen. So ist bei l.obeüa fulgcns eine wirklich schone und sorgfältig ausgearbeitete Einrichtung, wodurch jedes der unendlich zahlreichen Pollen-

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Körnchen aus den verwachsenen Anlherrn einer jeden Blnthe forlKeluhrl wird, ehe das Stigma derselben Blnthe bereit ist dieselben aufzunehmen. l>a nun, wenigstens in meinem Garten, diese Blumen llflll von Insekten besucht werden, so haben sie auch niemals Saamen angesetzt, bis ich auf künstlichem Wege den Pullen einer lllutlie Uli die Narbe der andern übertrug und mich hiedurch auch in den Besitz zahlreicher Sämlinge zu setzen veniKichle. Eine andre daneben stehende I,obclia-Arl. die von Bienen besucht wird, bildet von freien Stucken Saamen. In sehr vielen anderen Pillen, wo keine besondre mechanische Einrichtung vorhanden ist, um das Stigma einer Blume an der Aufnahme des eignen Saamenstaubs zu hindern. platzen entweder. wie sowohl C. C. SmMB als ich selbst gefunden, die Staubbeutel schon bevor die Narbe zur Befruchtung reif ist, oder das Stigma ist vor dem l'ollen derselben Bllilhe reif, so dass diese Pflanzen in der Thal getrennte Geschlechter haben und sich fortwährend kreutzen. Wie wundersam erscheinen diese Thal-sachen! Wie wundersam, dass der l'ollen und die Oberflaehe des Stigmas einer und derselben Blüthe so nahe zusammengerückt sind, als sollte dadurch die Selbstbefruchtung unvermeidlich werden, und dass beide gerade in so vielen dieser Falle völlig unnütz für einander sind. Wie einfach sind dagegen diese Thalsachen zu erklaren aus der Ansicht, dass von Zeit zu Zeit eine Kreulzung mit einem anderen Individuum vorteilhaft oder sogar unentbehrlich seye!

Wenn verschiedene Varietäten von Kohl, Radieschen, Lauch u. e. a. Pflanzen dicht nebeneinander zur Saamen-Bildung gebracht werden, so liefern ihre Saamen, wie ich gefunden, grossentheils Blendlinge. So z. B. erzog ich 233 Kohl-Samlingc aus dem Saamen einiger Stocke von verschiedenen Varietäten, die nahe bei einander gewachsen, und von diesen entsprachen nur 78 der Varietät des Stocks, von dem sie eingesammelt worden, und selbst diese nicht alle genau. Nun ist aber das Pistill einer jeden Kohl-Bliilhe nicht allein von deren eignen sechs Staubge-fassen, sondern auch von denen aller übrigen Blüthen derselben Pflanze nahe umgeben. Wie kommt es denn, dass sich eine so

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grosse Anzahl von Sämlingen als Blendlinge erwiesen? Ich muss vermuthen, dass es davon herrührt, dass der Pollen einer fremden Varietät einen überwiegenden Einfluss auf das eigne Stigma habe, und zwar eben in Folge des Natur-Gesetzes, dass die Kreutzung zwischen verschiedenen Individuen derselben Spezies für diese nützlich ist. Werden dagegen verschiedene Arten mit einander gekreulzt, so ist der Erfolg gerade umgekehrt, indem der Pollen einer Art einen über den der andern überwiegenden Einfluss hat. Doch auf diesen Gegenstand werde ich in einem spateren Kapitel zurückkommen.

Handelt es sich um machtige mit zahllosen Bliithen bedeckte Bäume, so kann man einwenden, dass deren Pollen nur selten von einem Stamme auf den andern übertragen werden und meistens nur von einer Blütlie auf eine andre Bliithe desselben Stammes gelangen kann, dass aber verschiedene Bliithen eines Baumes nur in einem beschrankten Sinne als Individuen angesehen werden können. Ich halte diese Einrede für triftig; doch hat die Natur in dieser Hinsicht vorgesorgt, indem sie den Bitumen ein Streben zur Bildung von Blüthen getrennten Geschlechtes verliehen hat. Sind die Geschlechter getrennt, wenn gleich männliche und weibliche Blüthen auf einem Stamme vereinigt, so muss der Pollen regelmässig von einer Bliithe zur andern geführt werden, was denn auch mehr Aussicht gewahrt, dass er gelegentlich von einem Stamm zum anderen komme. Ich finde, dass in unsren Gegenden die Baume aller Pflanzen-Ordnungen Biter als Sträuther und Kräuter getrennte Geschlechter haben, und tabellarische Zusammenstellungen der Neuseeländischen Baume, welche Hr. Hooker, und der Vereinten Staaten, welche Asa Gray mir auf meine Bitte geliefert, haben, wie vorauszusehen, zum nämlichen Ergebnisse geführt. Doch andrerseits hat mich Dr. Hooker neuerlich benachrichtigt, dass diese Regel nicht für Australien gelte, und ich habe daher diese wenigen Bemerkungen über die Geschlechts-Verhältnisse der Bäume nur machen wollen, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

Was die Thiere betrifft, so gibt es unter den Landbewohnern nur wenige Zwitter, wie Schnecken und Kegenwiinner,

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und diese paaren .sieh alle. Ich habe noeh kein Beispiel kl nn,,, plant, »" ein l.aiidthicr nWl selbsl befruchtete. Mau kann diese iiierkiMir.li»!' Tlinlsa.)..-. »eiche einen so schroffen Qegflt, salz zu du LefldplnHM bildet. MM Jer Ansieht, dass eine KrealMOJ m Seil zu Zeil MtUg *f»i erklären, indem man iM Medium. »<> in Mi l.ini.ittii.i.- leben, und die Beschaffenheit des befruchtenden Kleineiitcs li.-riii-ksirhliijl j den wir kennen keinen Weg, aui «rek-heiii. wie durah Insekten und Wind bei (Im Pneaun, '-1111 n,iden,entHrit krauUnng nriaobeu l.andthieren Minlers bewirkt werden könnte, id.- durch die unmittelbare Zusammen« iikiiuii der beiderlei Individuen Bei den Wasserthieren Inmgnn gib) ei viele sich selbst befruchtende Hermaphroditen: hier liefern ;ili.r die Slrnmuniren des Wassers ein handgreif. In Im- Mittel lur gelegentliche hrcutzungen. Und, wie bei den l'llan/en. -0 Inilie ich iiuch bei den Thieren, sogar nach Bespre-CMOM mil einer der eisten Auloriliilen, mit Professor Himii nämlich, vergebens gesucht, auch nur eine hermaphroditische Thier-Art zu finden, deren Geschlechts-Organe so vollständig im Kaaeer aingeeeMouei waren, dass dadurch der gelegentliche Kinfliiss eines andern Binteiweeeni physisch unmöglich gemacht wurde. Hie Cirripejen schienen mir zwar langezeit einen in dieser Beziehung sehr schwierigen Fall darzubieten; ich bin aber devot einen glücklichen l instand in die Lage gesetzt gewesen, si In in Miiderwarls zeigen zu können, dass zwei Individuen, wenn auch in der Kegel sieh selbst befruchtende Zwitter, sich doch zuweilen kreutzen.

Es muss den meisten Naturforschern als eine sonderbare Ausnahme schon aufgefallen seyn, dass bei den meisten Pflanzen und Thieren solche Arten in einer Familie und oft in einer Sippe beisammen stehen. »eiche, obwohl im grosseren Theile ihrer übri-den Organisation unter sich nahe übereinstimmend, doch zum Theile Zwitter und zum Theile eingeschlechtig sind. Wenn aber auch alle Hermaphroditen sich von Zeit zu Zeit mit andern Einzelwesen kreutzen, so wird der Unterschied zwischen hermaphro-dilisrhen und eingeschlechtigen Arien, was ihre Geschlechts-Funklionen betrifft, ein sehr kleiner.

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Nach diesen mancherlei Betrachtungen und den vielen einzelnen Fallen, die ich gesammelt habe, jedoch hier nicht mittheilen kann, bin ich sehr zur Vermuthung geneigt, dass im Pflanzen- wie im Thier-Reiche die von Zeit zu Zeit erfolgende Kreutzung mit einem fremden Einzelwesen ein Natur-Gesetz ist. Ich weiss wohl, dass es in dieser Beziehung viele schwierige Fälle gibt, unter welchen einige sind, worüher ich mit Forschungen beschäftigt bin. Als Endergebniss können wir folgern, dass in vielen organischen Wesen die Kreutzung zweier Individuen eine offenbare Notwendigkeit für jede Fortpflanzung ist: bei vielen andern genügt es, wenn sie von Zeit zu Zeit wiederkehrt; dagegen vermuthe ich, dass Selbstbefruchtung allein nirgends für immer ausreichend seye.

Für natürliche Züchtung günstige Verhaltnisse.) Das ist ein sehr verwickelter Gegenstand. Eine grosse Summe von erblicher Veränderlichkeit ist dafür günstig: aber ich glaube, dass schon individuelle Verschiedenheiten genügen. Eine grosse Anzahl von Individuen bietet mehr Aussieht auch auf das Hervortreten nutzbarer Abänderungen in einem gegebenen Zeitraum, selbst bei geringerem Betrag schon vorhandener Veränderlichkeit derselben, und ist eine äusserst wichtige Bedingung des Erfolges. Obwohl die Natur lange Zeiträume auf die Züchtung verwendet, so braucht sie doch keine von unendlicher Länge: denn da alle organischen Wesen sozusagen streben eine Stelle im Haushalte der Natur einzunehmen, so muss eine Art, welche nicht gleichen Schrittes mit ihren Milbewerbern verändert und verbessert wird, bald erloschen.

Bei planmässiger Züchtung wühlt der Züchter stets bestimmte Objekte, und freie Kreutzung würde sein Werk gänzlich hemmen. Haben aber viele Menschen, ohne die Absicht ihre Rasse zu veredeln, eine ungefähr gleiche Ansicht über Vollkommenheit, und sind alle bestrebt, nur die besten und vollkommensten Thiere zur Nachzucht zu verwenden, so wird, wenn auch langsam, aus dieser unbewussten Züchtung gewiss schon viele Imanderung und Veredlung hervorgehen, wenn auch viele Kreutzung mit schlechteren Thieren zwischendurchlaufl. So ist es auch in der

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Natur. Findet sich cm beschranktes Gebiet mil einer nichl ganz angc-MM ausgefüllten Stelle in ihrer geselligen Zusammensetzung, so wird die Natürliche Züchtung hestrelil seyn, alle Individuen zu erhalten, die. »-'1111 auch in verschiedenem Grade, dort) in der angemessenen Richtung so variiren. dass sie die Stelle allmählich besser auszufüllen im Stande sind. Ist jenes Gebiet aber i;r(iss. so werden nkn v.rs.lii.il.ii.'ii Hezirke gewiss ungleiche l.ehcns Bedingungen darbieten: und wenn dann durch den Kin-lluss der Natürlichen Züchtung irgend eine Spezies aul" eine andre Weise in jedem Bezirke abgeändert worden, so wird an den Grenzen dieser Bezirke eine KrOUUO.Bg zwischen den Individuen jener versihiedenen Abänderungen eintreten, und in diesem Falle kann die Wirkung der Krcutzung durch die der Natur liehen Züchtung, welche bestrebt ist alle Individuen eines jeden Bezirks genau in derselben Weise den Lebens-Bedingungen anzupassen, kaum aufgewogen werden, weil in einer zusammenhangenden Flache die Lehens-Bedingungen des einen in die des anderen Bezirkes allmählich übergehen. Die Kreutzung wird hauptsächlich diejenigen Thiere berühren, welche sieh zu jeder Forlnllanzung paaren, viel wandern und sich nichl rasch vervielfältigen. Daher hei Thieren dieser Art, Vögeln z. B.. die Abänderungen gewöhnlich auf getrennte Gegenden beschrankt seyn müssen, wie es auch der Fall zu seyn scheint. Bei Zwitter-Organismen , welche sich nur von Zeit zu Zeit mit andern krcul/.en, sowie bei solchen Thieren, die zu jeder Verjüngung ihrer Art sich paaren, aber wenig wandern und sich sehr rasch vervielfältigen können, dürlte sich eine neue und verbesserte Varietät an irgend einer Stelle rasch bilden und sieh dort in Masse zusammenhalten, so dass alle Kreutzung, wie sie auch beschaffen seye, nur zwischen Einzelthieren derselben neuen Varietät erfolgt. Ist eine örtliche Varietät auf solche Weise einmal gebildet, so wird sie sich nachher nur langsam über andre Bezirke verbreiten. Nach dem obigen Prinzip ziehen l'flanzschu-len-Besitzer es immer vor, Saamen von einer grossen Püanzen-Masse gleicher Varietät zu ziehen, weil hiedurrh die Möglichkeit einer Kreutzung mit anderen Varietäten gemindert wird.

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Selbst bei Thicren mit langsamer Vermehrung, die sich zu jeder Fortpflanzung paaren, dürfen wir die Wirkungen der Kreut-zung auf Verzögerung der Natürlichen Züchtung nicht überschätzen; denn ich kann eine lange Liste von Thatsachen beibringen, woraus sich ergibt, dass in einem Gebiete Varietäten der nämlichen Thiel - Art lange unterschieden bleiben können, wenn sie verschiedene Stationen innehaben, in etwas verschiedener Jahreszeit sich fortpflanzen, oder im Falle nur einerlei Varietät sich unter einander paart.

Kreutzung spielt in der Natur insoferne eine grosse Rolle, als sie die Individuen einer Art oder einer Varietät rein und einförmig in ihrem Charakter erhält. Sie wird Diess offenbar weit wirksamer zu thun vermögen bei solchen Thieren, die sich für jede Fortpflanzung paaren: aber ich habe schon vorher zu zeigen versucht, dass Ursache zur Vermuthung vorliegt, dass bei allen Pflanzen und bei allen Thieren von Zeit zu Zeit Kreutzun-gen erfolgen; — und wenn Diess auch nur nach langen Zwischenräumen wieder einmal erfolgt, so bin ich überzeugt, dass die hiebei erzielten Abkömmlinge die durch lange Selbstbefruchtung erzielte Nachkommenschaft an Stärke und Fruchtbarkeit so sehr übertreffen, dass sie mehr Aussicht haben dieselben zu überleben und sich fortzupflanzen, und so wird in langen Zeiträumen der Einfluss der wenn auch nur seltenen Kreutzungen doch gross seyn. Bei Organismen, die sich niemals kreutzen, kann eine Gleichförmigkeit des Charakters so lange währen, als ihre äusseren Lebens-Bedingungen die nämlichen bleiben, theils in Folge der Vererbung und theils in Folge der Natürlichen Züchtung, welche jede zufällige Abweichung von dem eigenen Typus immer wieder zerstört: wenn aber die Lebens-Bedingungen sich andern und jene Wesen dem entsprechende Abänderungen erleiden, so kann ihre hienach abgeänderte Nachkommenschaft nur dadurch Einförmigkeit des Charakters behaupten, dass Natürliche Züchtung dieselbe vortheilhalie Varietät erhält.

Abschliessung ist eine wichtige Bedingung im Prozesse der Natürlichen Zuchtwahl. In einem umgrenzten oder vereinzeilen Gebiete werden, wenn es nicht sehr gross ist, die uimrüani-rhni

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wie die organischen Lebens-Bedingungen gewöhnlich in hohem Grade einförmig seyn: daher die Noliirlirhc Zuchtwahl streben wird, alle lihli\iiliien einer veränderlichen Arl in gleicher Meise mit Hinsicht mit die gleichen Lehens Bedingungen zu modifiziren. Auch hreulzungcn mit solchen Individuen derselben Arl. «cl.hr ilh' den Bezirk umgrenzenden und anders beschaffenen Gegenden bewohnen mögen, kommen da nicht vor. Isolirung wirkt aber m. Ileicht noch kralliger, insolerne sie nach irgend einem physikalischen Wechsel im Klima, in der Hohe des Landes u. s. w ilie F.inwandcrung hindert: und so bleiben die neuen Stellen im Natur- Haushalte der (legend olTen für die Bewerbung der alten Bewohner, bis diese sich durch geeignete Veränderungen in organischer Bildung und Thatigkeit derselben angepassl haben. Abschliessung wird endlich dadurch, dass sie Einwanderung und daher Milbe Werbung hemmt. Zeit geben zur Bildung neuer Varietäten. und IMcss kann mitunter von Wichtigkeit seyn für die Hervorbringung neuer Arten Wenn dagegen ein isolirtes Land-Gebiet sehr klein ist. so wird iiolhwendig auch, entweder der es umgebenden Schranken halber oder in Folge seiner ganz eigenlhumlichen Lebens-Bedingungen, die (iesammlzahl der darin vorhandenen Individuen sehr klein seyn: und geringe Individuen-Zahl verzögert sehr die Bildung neuer Arten durch Natürliche Züchtung, weil sie die Möglichkeit des Auftretens neuer angemessener Abänderungen vermindert.

Wenden wir uns zur Bestätigung der Wahrheit dieser Bemerkungen an die Natur und sehen uns um nach irgend einem kleinen abgeschlossenen Gebiete, nach einer ozeanischen Insel z. B.. so werden wir linden dass, obwohl die Gesamintzahl der es bewohnenden Arten nur klein ist. wie sich in dem Kapitel über geographische Verbreitung ergeben wird, doch eine ver-hallnissmassig grosse Zahl dieser Arten endemisch ist, d. h. hier an Ort und Stelle und nirgends anderwärts erzeugt worden ist. Auf den ersten Anblick scheint es demnach, es müsse eine ozeanische Insel sehr geeignet zur Hervorbringung neuer Arten gewesen seyn: um jedoch thatsachlich zu ermitteln, ob ein kleines abgeschlossenes Gebiet oder eine weite offene Flache für

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die Erzeugung neuer organischer Können mehr geeignet gewesen seye , müssten wir auch gleich - lange Zeiträume dabei vergleichen können, und Diess sind wir nicht im Stande zu thun.

Obwohl ich nun nicht zweille, dass Isolirung bei Erzeugung neuer Arten ein sehr wichtiger Umstand ist, so mochte ich doch im Ganzen genommen glauben, dass grosse Ausdehnung des Gebietes noch wichtiger insbesondere für die Hervorbringung solcher Arten ist, die sich einer langen Dauer und weiten Verbreitung fähig zeigen. Auf einer grossen und offenen Flache wird nicht nur diu Aussicht auf vorteilhafte Abiinderungen wegen der grosseren Anzahl von Individuen einer Art günstiger, es werden auch die Lebens - Bedingungen wegen der grossen Anzahl schon vorhandener Arten unendlich zusammengesetzter seyn: und wenn einige von diesen zahlreichen Arten verändert oder verbessert werden, so müssen auch andre in entsprechendem Grade verbessert werden oder untergehen. Eben so wird jede neue Form, sobald sie sich stark verbessert hat, fähig seyn, sich über die offene und zusammenhangende Flüche auszubreiten, und wird hiedurch in Mitbewerbung mit vielen andern treten. Es werden hiemit mehr neu zu besetzende Stellen entstehen, und die Mitbewerbung um deren Ausfüllung wird viel heftiger als auf einem kleinen und abgeschlossenen Gebiete werden. Ausserdem aber mögen grosse Flachen, wenn sie jetzt auch zusammenhängend sind, in Folge der Schwankungen ihrer Oberfläche, oft noch unlängst von unterbrochener Beschaffenheit gewesen seyn, so dass sie an den guten Wirkungen der Isolirung wenigstens bis zu einem gewissen Grade mit theilgeiiommeii haben. Ich komme demnach zum Schlüsse, dass, wenn kleine abgeschlossene Gebiete auch in manchen Beziehungen wahrscheinlich sehr gün-Btig für die Erzeugung neuer Arten gewesen sind, doch auf grossen Flachen die Abänderungen im Aligemeinen rascher erfolgt sind und, was noch wichtiger ist, die auf den grossen Flachen entstandenen neuen Formen, welche bereits den Bieg über viele Mitbewerber davon getragen, solche sind, die sich am weitesten verbreiten und die zahlreichsten neuen Varietäten

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und Arten liefern . milhin den wesentlichsten Anlheil an den ifp-schichlliehen Veränderungen der organischen Welt nehmen.

Wir kennen von diesen Gesichtspunkten aus vielleicht einige Thalsachcn versieben. weh he in unserm Kapitel über die geographische Verbreitung erörtert werden sollen: z. B. dass die Erzeugnisse des kleineren Australischen Kontinentes früher vor denen der grossem Europäisch-Asiatischen Fläche gewichen und anscheinend noch jetzt im Weichen begriffen sind. Daher kommt .s tumt, dass festländische Erzeugnisse allenthalben so reichlich auf Inseln naturalisirt worden sind. Auf einer kleinen Insel wird der Weltkampf ums Daseyn viel weniger hellig, Erloschung wird weniger und Abänderung geringer gewesen seyn. Daher ruhrl es vielleicht auch, dass die Flora von Madeira nach Osvmn ÜBB der erloschenen Tertiär-Flora Europas gleicht. Alle Susswasser-Becken zusammengenommen nehmen dem Meere wie dem trockenen Lande gegenüber nur eine kleine Fläche ein, und demgemäss wird die Mitbewerbung zwischen den Süsswasser-Er-zeugnissen minder heftig gewesen seyn als anderwärts; neue Formen sind langsamer entstanden und alle langsamer erloschen. Im süssen Wasser finden wir sieben Sippen ganoider oder schmelzschuppiger Fische als übrig-gebliebene Vertreter einer einst vorherrschenden Ordnung dieser Klasse; und im süssen Wasser finden wir auch einige der anomalsten Wesen, welche auf der Erde bekannt sind, den Ornithorhynchus und den Lepi-dosiren, welche gleich fossilen Formen bis zu gewissem Grade solche Ordnungen miteinander verbinden, welche jetzt auf der natürlichen Stufenleiter weit von einander entfernt sind. Man kann daher diese anomalen Formen immerhin »lebende Fossile« nennen. Sie haben ausgedauert bis auf den heutigen Tag, weil sie eine beschrankte Fläche bewohnt haben und in dessen Folge einer minder heftigen Mitbewerbung ausgesetzt gewesen sind.

Fassen wir die der Naturlichen Züchtung gunstigen und ungünstigen Imstande schliesslich zusammen, so weit die äusserst verwickelte Beschaffenheit Solches gestattet. Ich gelange mit Hinsicht auf die Zukunft zum Schlüsse: dass für Land-Erzeugnisse eine weite Festland-Flache, welche wahrscheinlich noch viel-

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faltige Höhenwechsel zu erfahren hat und sich daher lange Zeiträume hindurch in einem unterbrochenen Zustande befinden wird, für Hervorbringung vieler neuen zu langer Dauer und weiter Verbreitung geeigneter Lebens-Formen die günstigsten Bedingungen darbieten wird. Eine solche Flache kann zuerst ein Festland gewesen seyn, dessen Bewohner in jener Zeit zahlreich an Arten und Individuen sehr lebhafter Mitbewerbung ausgesetzt gewesen sind. Ist sodann der Kontinent durch Senkung in grosse Inseln geschieden worden, so werden noch viele Individuen einer Art auf jeder Insel übrig seyn, welche sich an den Grenzen ihrer Verbreitungs-Bezirke (der Inseln) mit einander zu kreutzen gehindert sind. F.bcn so können nach irgend welchen physikalischen Veränderungen keine Einwanderungen stattfinden , daher die neu entstehenden Stellen in der gesellschaftlichen Verbindung jeder Insel durch Abänderungen ihrer alten Bewohner ausgefüllt werden müssen. Um die Varietäten einer jeden zu diesem Zwecke umzugestalten und zu vervollkommnen, wird lange Zeit nüthig seyn. Sollten durch eine neue Hebung die Inseln wieder in ein Festland zusammenfliessen, so wird eine heftige Mitbewerbung erfolgen. Die am meisten begünstigten oder verbesserten Varietäten werden sich ausbreiten, viele minder vollkommene Formen erloschen und die Verhältniss - Zahlen des erneuerten Kontinentes sich bedeutend ändern. Es wird daher der Natürlichen Züchtung ein reiches Feld zur ferneren Verbesserung der Bewohner und zur Hervorbringung neuer Arten geboten seyn.

Ich gebe vollkommen zu, dass die Natürliche Züchtung zuweilen mit äusserster Langsamkeit wirke. Ihre Thätigkeit hängt davon ab, ob in dem gesellschaftlichen Verbände der Natur Stellen vorhanden sind, welche dadurch besser besetzt werden könnten, dass einige Bewohner der Gegend irgend welche Abänderung erführen. Das Vorhandenscyn solcher Stellen wird ort von gewöhnlich langsamen physikalischen Veränderungen und davon abhängen, ob die Einwanderung besser anpassender Formen gehindert ist. Aber die Thätigkeit der Natürlichen Züchtung wird wahrscheinlich noch öfter davon bedingt seyn. dass einige

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,1, i Bewohner langsame Abänderungen erleiden . indem hicdurch ,1k- Nr.hMlIii/iilimmi'ii \iclcr allen Bewohner zu einander gestört »cnl.'ii. HWBl knnii bewirkt werden, bevor nicht vnrlheil-hafle Abänderungen vorkommen, und Abänderung selbst ist ollen -bar stets ein sehr lülgaaM Vorgang. Vieh werden der Meinung seyn, dass diese verschiedenen Ursachen ganz genügend seyen, um die Thaligkeit der Natürlichen Züchtung vollständig zu hindern: ich bin jedoch nicht dieser Ansicht. Aul der andern Seile glaube ich. dass Naturlid»' Züchtung immer sehr langsam wirke, oft erst wieder nach langen Zcitzwischenraumen und gewöhnlich nur bei sehr wenigen Bewohnern einer Gegend zugleich. Ich glaube ferner, dass diese sehr langsame und Hinsetzende Thaligkeit der Natürlichen Züchtung ganz gut demjenigen entsprich!. was uns die Geologie in Bezug auf die Ordnung und Art der Veränderung lehrt, welche die Bewohner dieser Knie iillmahlich erfahren haben.

Wie langsam aber auch der l'rozess der Züchtung seyn 111,11;: wenn der schwache Mensel] in kurzer Zeit schon so viel durch seine künstliche Züchtung Ihun kann, so vermag ich keine Grenze für den Umfang der Veränderungen, für die Schön-heil und endlose Verflechtung der Anpassungen aller orga-niselien Wesen an einander und an ihre natürlichen Lebens-Bedingungen zu erkennen, welche die Natürliche Züchtung im Verlaufe uiicrmcsslichcr Zeiinmine zu bewirken im Stande ist.

Kr10sehen.) — Dieser Gegenstand wird in unsrem Ab-schnille über Geologie vollständiger abzuhandeln seyn: hier berühren wir ihn nur, insoferne er mit der Züchtung zusammenhangt. Naturliche Züchtung wirkt nur durch Erhallung vortheil-hafler Abänderungen, welche die andern zu überdauern vermögen. \> enn jedoch in Folge des geometrischen Vervielfaltigungs-Ver mögens aller organischen Wesen jeder Bezirk schon genügend mit Bewohnern versorgt ist, so folgt, dass in demselben Grade, in welchem die ausgewählte und begünstigte Form an Menge zunimmt, die minder begünstigte allmählich abnehmen und sellener werden müsse. Seltenwerden ist, wie die Geologie uns lehrt. Anfang des Erlöschens. Man erkennt auch, dass eine nur

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durcli wenige Individuen vertretene Form dureh Schwankungen in den Jahreszeiten oder in der Zahl ihrer Feinde grosse Gefahr gänzlicher Vertilgung lauft. Doch können wir noch weiter gehen und sagen: wenn neue Formen langsam aber beständig erzeugt werden, so müssen andre unvermeidlich fortwahrend erlösche«, wenn nicht die Zahl der spezifischen Formen beständig und fast unendlich anwachsen soll. Die Geologie zeigt uns klarlich, dass die Zahl der Art - Formen nicht ins Unbegrenzte gewachsen ist, und es lässt sich nicht einmal die Möglichkeit dafür einsehen, weil die Zahl der Stellen im Natur - Haushalte nicht unendlich gross ist, wenn wir auch in keiner Weise zu behaupten beabsichtigen , dass irgend welche Gegend bereits das mögliche Maximum ihrer Arten-Zahl besitze. Wahrscheinlich ist noch keine Gegend vollständig besetzt: denn obwohl am Kap der guten HofTnung z. B. mehr Arten als irgendwo sonst in der Welt zusammengedrängt sind, hat man doch noch einige fremde Pflanzen eingeführt, ohne, so viel bekannt, das Erlöschen irgend welcher eingeborenen Arten zu veranlassen.

Ferner haben diejenigen Arten, welche die zahlreichsten Individuen zählen, die meiste Wahrscheinlichkeit für sich, innerhalb einer gegebenen Zeit vortheilhafte Abänderungen hervorzubringen. Die im zweiten Kapitel mitgetheilten Thalsachen können zum Beweise riafür dienen, indem sie zeigen, dass gerade die gemeinsten Arten die grösste Anzahl ausgezeichneter Varietäten oder anfangender Spezies liefern. Daher werden denn auch die selteneren Arten in einer gegebenen Periode wenigergrasch umgeändert oder verbessert werden und demzufolge in dem Kampfe mit den umgeänderten Abkömmlingen der gemeineren Arten unterliegen.

Aus diesen verschiedenen Betrachtungen scheint nun unvermeidlich zu folgen, dass in dem Masse, wie im Laufe der Zeit neue Arten durch Natürliche Züchtung entstehen, andre seltener und seltener werden und endlich erlöschen müssen. Diejenigen Formen werden natürlich am meisten leiden, welche den umgeänderten und verbesserten am nächsten stehen, Und wir haben in den Abschnitte vom Ringen ums Daseyn gesehen, dass es die

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miteinander Hin nächsten verwandten iuiinen        \anetalcn der

nämlichen Arl und Arten der nämlichen oder einander zunächst „ivi,mdlen Sippeu sind, die. weil sie nahezu gleichen Bau. Kmi sliluluin und Lebensweise haben, meistens inieh in die heftig*!« .Milbcwerliuiiu inileinander gerathen. \\ ir sehen den nämlichen BNMH der Auslilgung unler unseren Kultur-Erzeugnissen vor sieh gehen, in Folge der Züchtung verbesserter Formen durch den Menschen. Ich konnte mit fielen merkwürdigen Belegen zeigen, »ie >< hiu'll neue Hassen von Bindern, Sehaafen und andern Thieren oder neue Varietäten von Blumen die Stelle der iruheren und unwillkommeneren einnehmen. In ) orkshirc ist es geschichtlich bekannt, dass das alte schwarze Rindvieh durch die Laiighorn-Basse verdrängt und dass diese, nach dein Ausdruck eines landwirlhsi halllichen Schriftsteller«, wie durch eine mörderische Seuche von den Kurzhornern weggelegt worden ist.

luvergen/. des Charakters.) — Das Prinzip, welches ich mit diesem Ausdrucke bezeichne, ist von hoher Wichtigkeit für meine Theorie und erklart nach meiner Meinung verschiedene mehlige Thalsachen. Erstens gibt es manche sehr ausgeprägte Varietäten, die. obwohl sie etwas vom Charakter der Spezies an sich haben, wie in vielen Fallen aus den hoffnungslosen Zweifeln über ihren Rang erhellet, doch gewiss viel weniger als gute und achte Arten von einander abweichen. Demungeachtet sind nach meiner Anschauungsweise Varietäten eben anlangende Spezies. Auf welche W eise wachst nun jene kleinere Verschiedenheit zu grossem spezilischen Verschiedenheit an? Dass Diess lllgBMflin geschehe . müssen wir aus den last unzähligen in der gltll>MI Natur vorhandenen Arten mit wohl ausgeprägten Varietäten schliessen, wahrend Varietäten, die von uns unterstellten I'rotolype und Allern kunltiger wohl unterschiedener Arten, nur geringe und schlecht-ausgeprägte Unterschiede darbieten. Wenn es bloss der sogenannte Zufall wäre, der die Abweichung einer Varielat von ihren Altern in einigen Beziehungen und dann die noch stärkere Abweichung des Nachkömmlings dieser Varietät von jenen Altern in gleicher Richtung veranlasste, so wurde dieser doch nicht genügen, ein so gewohn-

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liches und grosses Maass von Verschiedenheit zu erklären, als zwischen Varietäten einer Art und zwischen Arten einer Sippe vorhanden ist.

Wir wollen daher, wie ich es bis jetzt zu thun gewohnt war, auch diesen Gegenstand mit Hilfe unsrer Kultur-Erzeugnisse erläutern. Wir werden dabei etwas Analoges finden. Ein Liebhaber wird durch eine Taube mit merklich kürzerem und ein andrer durch eine solche mit viel längerem Schnabel erfreut, und da »Liebhaber Mitteltnässigkciten nicht bewundern. sondern Extreme lieben", so machen sich beide daran (wie es mit Purzeltauben wirklich der Fall gewesen) zur Nachzucht Vögel mit immer kürzeren und kürzeren oder immer längeren und längeren Schnäbeln zu wählen. Ebenso können wir unterstellen, es habe Jemand in früherer Zeit schlankere und ein andrer Jemand stärkere und schwerere Pferde vorgezogen. Die ersten Unterschiede werden nur sehr gering gewesen seyn: wenn nun aber im Laufe der Zeit einige Züchter fortwährend die schlankeren, und andre ebenso die schwereren Pferde zur Nachzucht auswählen, so werden die Verschiedenheiten immer grösser werden und Veranlassung geben, zwei Unterrassen zu unterscheiden, und nach Verlauf von Jahrhunderten können diese Unterrassen sich endlich zu zwei wohl-begründcten verschiedenen Rassen ausbilden. Da die Verschiedenheiten langsam zunehmen. so werden die unvollkommeneren Thiere von mittlem Charakter, die weder sehr leicht noch sehr schwer sind. vernachlässigt werden und zum Erlöschen neigen. Daher sehen wir dann auch in diesen künstliehen Erzeugnissen des Menschen, dass in Folge des Divergenz-Prinzips, wie man es nennen könnte, die anfangs kaum bemerkbaren Verschiedenheiten immer zunehmen und die Rassen immer weiter unter sich wie von ihren gemeinsamen Stamm-Altem abweichen.

Aber wie. kann man fragen, lässt sich ein solches Prinzip auf die Natur anwenden ? Ich glaube, dass es schon durch den einfachen Umstand eine erfolgreiche Anwendung findet, dass. je weiter die Abkömmlinge einer Spezies in Bau, organischen Verrichtungen und Lebensweise auseinandergehen. um so besser sie geeignet seyn

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«erden, viele and lehi renchiedane SleBen In Haushalte im Natur einzunehmen und s«iuiil U /.»hl zuzunehmen.

Dwm ndgl sieh deutlich M Thiarao mit einlacher Lebens x,e.se. Nehmen »" "" werlnssi-es Haubthier zum RliinW, dessen Zahl in .-in.r Gegaod schon hingst zu dem vollen Betrage angestiegen uil. «''I'».- die Sagend n ernähren vermag. Hai das ihm innewohnende VerrieUMtigBUg»- Vannflga« fteJaj Spiel, so kUfl dieselbe Thier-Art (vorausgesetzt dass die Glgud Im 'ine Veränderung ihrer natürlichen Verhältnisse erfahr») nur iI.iiiii noch weiter zunehmen, wenn ihre Naehkinnmen in der \\ eise abändern, dass sie allmählich Micha Stellen einnehmen können, «reiche jetzt andre Thiere schon innehaben, wenn z. B. einige derselben geschickt werden auf neue Arten von lebender oder lodter Beule auszugehen. indem sie neue Standorte bewohnen, lliiinne erklimmen, ins Wasser gehen oder auch einen Theil ihrer liaiibthier-Naliir aufgeben. Je mehr nun diese Nachkommen nnsres Haubthiercs in Organisation und Lebensweise auseinandergehen. desto mehr Stellen werden sie fähig seyn in der Natur einzunehmen. Und was von einem Thiere gilt, das gilt durch alle Zeiten von allen Thieren, vorausgesetzt dass sie variiren; denn ausserdem kann Natürliche Züchtung nichts ausrichten, l'nd Dasselbe gilt von den l'flanzen. Es ist durch Versuche dargelhan worden, dass wenn man eine Strecke Landes mit Grasern verschiedener Sippen besäet, man eine grossere Anzahl von Pflanzen erziehen und ein grösseres Gewicht von Heu einbringen kann, als wenn man eine gleiche Strecke nur mit einer Gras-Art ansäet. Zum nämlichen Ergebnis« ist man gelangt, indem man zuerst eine Varietät und dann verschiedene gemischte Varietäten von Weilzen auf zwei gleich grosse Grund-Stucke saele. Wenn daher eine Gras-Art in Varietäten auseinandergeht und diese Varietäten, unter sich in derselben Weis. verschieden wie die Arten und Sippen der Graser verschieden sind, immer wieder zur Nachzucht gewählt werden, so wird eine grössere Anzahl einzelner Stocke dieser Gras-Art mit Ein-schluss ihrer Varietäten auf gleicher Flache wachsen können, als mar. Bekanntlich streut jede Gras-Art und Varietät jahrlich

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eine fast zahllose Menge von Saamen aus, so dass man fast sagen könnte. ihr hauptsächlichstes Streben seye Vermehrung ihrer Anzahl. Daher zweifle ich nicht daran, dass im Verlaufe von vielen Tausend Generationen gerade die am weitesten auseinander gehenden Varietäten einer Gras-Art immer am meisten Wahrscheinlichkeit des Erfolges durch Vermehrung ihrer Anzahl und durch Verdrängung der geringeren Abweichungen für sich haben: und sind diese Varietäten nun weit von einander verschieden, so nehmen sie den Charakter der Arten an.

Die Wahrheit des Prinzips, dass die grosste Summe von Leben vermittelt werden kann durch die grosste Wflerenzirung der Struktur, lasst sich unter vielerlei natürlichen Verhältnissen erkennen. Wir sehen auf ganz kleinen Räumen, zumal wenn sie der Einwanderung offen sind und mithin das Ringen der Arten mit einander heftig ist, stets eine grosse Manchfaltigkeit von Bewohnern. So fand ich z. B. auf einem 3' langen und 41 breiten Stück Rasen, welches viele Jahre lang genau denselben Bedingungen ausgesetzt gewesen, zwanzig Arten von Pflanzen aus achtzehn Sippen und acht Ordnungen beisammen, woraus sich ergibt, wie verschieden von einander eben diese Pflanzen sind. So ist es auch mit den Pflanzen und Insekten auf kleinen -einförmigen Inseln; und ebenso in kleinen Süsswasscr-Behaltern. Die Landwirthc wissen, dass sie bei einer Rotation mit Pllauzcn-Arten aus den verschiedensten Ordnungen am meisten Kuller erziehen können*, und die Natur bietet, was man eine simultane Rotation nennen konnte. Die meisten Pflanzen und Thiere, welche rings um ein kleines Grundstück wohnen, würden auch auf diesem Gr-indstucke (wenn es nicht in irgend einer Beziehung von sehr abweichender Beschaffenheit ist) leben können und streben so zu sagen in hohem Grade darnach da zu leben : wo sie aber in nächste .Mitbewerbung mit einander kommen, da sehen wir, dass ihre aus der Diflerenzirung ihrer Organisation, Lebensweise und Konstitution sich ergebenden wechselseitigen Vorzüge bedingen, dass die am unmittelbarsten mit

Diess dürfte jedoch der Hauptsache nach einen pol \<r,i Im ihn. n Grund haben.                                                                          !> Ü.

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taud« rinnenden Bewohner im Allgemeinen verschiedenen Sip-pcn und Ordnungen angehören.

Dante Prinzip erkennt man, wo der Mensch Pflanzen ia fremdem Lande zu naluralisiren strebt. Man halte erwarten dürfen, dass diejenigen Pflanzen, die mit Erfolg in einem Lande naturalisirt werden können, im Allgemeinen nahe verwandt mit den Eingeborenen seyen: denn diese betrachtet man gewöhnlich als besonders für ihre lleimath geschaffen und angepasst. Eben so halle man vielleicht erwartet, dass die naluralisirlcn Pflanzen zu einigen wenigen Gruppen gehörten, welche nur etwa gewissen Stationen entsprachen. Aber die Sache verhall sich ganz anders, und Alphons DeCandolle hat in seinem grossen und vortrefflichen Werke pH wohl gezeigt, dass die Floren durch Naturalisirung. der Anzahl der eingeborenen Sippen und Arten gegenüber, weh mehr an neuen Sippen als an neuen Arten gewinnen, l'm nur ein Beispiel zu geben, so sind in Dr. Asa Gray's »Manual of the Flora of the norlhern United states" 260 naturalisirte Pflanzen-Arten aus 162 Sippen aufgezahlt. Wir sehen ferner, dass diese naturalisirten Pflanzen von sehr verschiedener Natur sind, und auch von den eingebornen in so ferne weit abweichen, als aus jenen 162 Sippen nicht weniger als 100 ganz fremdländisch sind, daher die eingeborene Flora verhaltnissmassig mehr an Sippen als an Arten bereichert worden ist.

Berücksichtigt man die Natur der Pflanzen und Thiere, welche der Reihe nach erfolgreich mit den eingeborenen einer Gegend gerungen haben und in dessen Folge naturalisirt worden sind, so kann man eine rohe Vorstellung davon gewinnen, wie etwa einige die eingeborenen hallen modificirt werden müssen, um einen Vorlheil über die andern eingeborenen zu erlangen: wir können, wie ich glaube, wenigstens mit Sicherheit schliessen, dass eine Diflerenzirung ihrer Struktur bis zu einem zur Bildung neuer Sippen genügenden Betrage für sie erspriesslich gewesen wäre.

Der Vorlheil einer Diflerenzirung der Eingebornen einer Gegend ist in der Thal derselbe, welcher für einen individuellen

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Orgnnisiniis aus der physiologischen Thcilung der Arbeit unter seine Organe entspringt, ein von Milnf. Edwards so trefflich erläuterter Gegenstand. Kein Physiologe zweifelt daran, dass ein Magen, welcher nur zur Verdauung von vegetabilischer oder von animalischer Materie allein geeignet ist, die meiste Nahrung aus diesen Stoffen zieht. So werden auch in dem grossen Haushalte eines Landes um so mehr Individuen von Pflanzen und Thieren ihren Unterhalt zu finden im Stande seyn, je mehr dieselben hinsichtlich ihrer Lebensweise differenzirt sind. Eine Gesellschaft von Thieren mit nur wenig difl'erenzirter Organisation kann schwerlich mit einer andern von vollständiger diffcrenzirtem Baue werben. So wird man z. B. bezweifeln müssen, dass die Australischen Beutellhiere, welche nach Wateriiovses u. A. Bemerkung , in weniger von einander abweichende Gruppen unterschieden, unsre Baub-Thiere, Wiederkäuer und Nager vertreten, im Stande seyn würden, mit diesen wohl ausgesprochenen Ordnungen zu werben. In den Australischen Saugethieren erblicken wir den Prozess der Differenzirung auf einer noch frühen und unvollkommenen Entwicklungs-Stufe.

Nach dieser vorangehenden Erörterung, die einer grösseren Ausdehnung bedürfte, dürfen wir wohl annehmen, dass die abgeänderten Nachkommen einer Spezies um so mehr Erfolg haben werden, je mehr sie in ihrer Organisation differenzirt und hiedurch geeignet seyn werden, sich auf die bereits von andern Wesen eingenommenen Stellen einzudrängen. Wir wollen nun zusehen, wie dieses nützliehe von der Divergenz des Charakters abgeleitete Princip in Verbindung mit den Prinzipien der Natürlichen Züchtung und der Erlöschung zusammenwirke.

Das beigefügte Bild wird uns dienen, diese sehr verwickelte Frage hesser zu begreifen. Gesetzt es bezeichnen die Buchstaben A bis L die Arten einer grossen Sippe in ihrer Heimath-Gegend: diese Arten gleichen einander in verschiedenen Abstufungen, wie es eben in der Natur der Fall zu seyn pflegt, und was durch verschiedene Entfernung jener Buchstaben von einander ausgedrückt werden soll. Wir wählen eine grosse Sippe, weil wir schon im zweiten Kapitel gesehen, dass verhältnissmäs-

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sill »»'In lltll gramr Sippw lU kleiner variiren. und duss ,li,selben eine grossere Anzahl von Vnrietalen darbieten. Wir hahen ferner neschcn. dass die i;eiueinslen und am weiteslen verbreiteten Arien mehr als die seltenen mit kleinen Wohn-Be-zirken ahandem. Ks seyc nun A eine gemeine weit verhr, iL (, und abändernde Alt einer gnMMB Sippe in ihrer Heimath-i,,H,.„,|: ,1,1 Meine Fächer ,li\,ieilender I'iinkt-Linien von ungleicher Laune welche von A ausgehen, möge ihre variirendp Nachkommenschaft darstellen. Es ist ferner angenommen, deren Abänderungen seyen ausserordentlich gering, aber von der manehfaltisisteu Beschaffenheit, nicht von gleichzeitiger, sondern oft durch hngl Zwischenzeiten getrennter Erscheinung, und endlich von ungleich langer Dauer. Nur jene Abänderungen, welch» in irgend einer Beziehung nützlich sind, werden erhalten und zur Natürlichen Züchtung verwendet. Und hier ist es wichtig, dass ,las Prinzip der Nützlichkeit von der Divergenz des Charakters abgeleitet ist: denn DieH wird meistens zu den am weitesten au>cinandcr<rchciiden Abänderungen führen (welche durch unsre punktirlen Linien dargestellt sindi, wie sie durch Natürliche Züchtung erhalten und gehäuft worden. Wenn nun in unsrem Bilde eine der punktirlen Linien eine der wagrechten Linien erreicht und dort mit einem kleinen numerirten Buchstaben bezeichnet erscheint, so ist angenommen, dass darin eine Summe von Abänderung gehäuft seye, genügend zur Bildung einer -ganz wohl-bezeichneten Varietät, wie wir sie der Aufnahme in ein systematisches Werk werlh achten.

Die Zwischenräume zwischen zwei wagrochlen Linien des Bildes mögen je 1000 (besser waren 10,000) Generationen entsprechen. Nach 1000 Generationen halte die Art A zwei ganz wohl ausgeprägte Varietäten a1 und m1 hervorgebracht. Diese zwei Varietäten seyen fortwahrend denselben Bedingungen ausgesetzt, welche ihre Slaiiiinaltern zur Abänderung veranlassten, und das Streben nach Abänderung in ihnen erblich. Sie werden daher nach weitrer Abänderung und gewohnlich in derselben Art und Richtung streben wie ihre Stammallern. l'berdiess werden diese zwei Varietäten, als nur erst wenig moditicirte Formen,

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streben diejenigen Vorzüge weiter zu erwerben, welche ihren gemeinsamen Altern A das numerische Übergewicht über die meisten andern Bewohner derselben Gegend verschafft haben; sie werden gleicherweise theilnehmen an denjenigen Vorlheilen, welche die Sippe, wozu ihre Stammüttern gehiirt, zur grossen Sippe in ihrer Heimalh erhoben. Und wir wissen, dass alle diese Umstände zur Hervorbringung neuer Varietäten günstig sind.

Wenn nun diese zwei Varietäten ebenfalls veränderlich sind, so werden die divergentesten ihrer Abänderungen gewöhnlich in den nächsten 1000 Generationen fortbestehen. Nach dieser Zeit, ist in unsrem Bilde angenommen, habe Varietät a1 die Varietät a- hervorgebracht, die nach dem Differenzirungs-I'rin-zipe weiter als a1 von A verschieden ist. Varietät m1 hat zwei andre Varietäten m- und s2 ergeben, welche unter sich und noch mehr von ihrer gemeinsamen Stamm-Form A abweichen. So können wir den Vorgang lange Zeit von Stufe zu Stufe verfolgen und einige der Varietäten von je 1000 zu 1000 Generationen bald nur eine Abänderung von mehr und weniger abweichender Beschaffenheit, bald auch 2—3 derselben hervorbringen sehen, während andre keine neuen Formen darbieten. Doch werden gewöhnlich diese Varietäten oder abgeänderten Nachkommen eines gemeinsamen Stamm-Vaters A im Ganzen immer zahlreicher werden und immer weiter auseinander laufen. In dem Bilde ist der Vorgang bis zur zehntauseiidsten Generation, — und in einer mehr verdichteten und vereinfachten Weise bis zur vior/.ohntaiisendsten Generation dargestellt.

Doch muss ich hier bemerken, dass ich nicht der Meinung bin, dass der Prozess jemals so regelmässig vor sich gehe, als er im Bilde dargestellt ist, obwohl er auch da schon etwas unregelmässig erscheint. Ebenso bin ich entfernt nicht der Meinung, dass die am weitesten differirenden Varietäten unabänderlich vorherrschen und sich vervielfältigen werden. Oft mag auch eine Mittelform von langer Dauer seyn und entweder keine oder mehr als eine in ungleichem Grade abgeänderte Varietät hervorbringen ; die Natürliche Züchtung wird immer thälig seyn, je nach der Beschaffenheit der noch gar nicht oder nur unvollständig von

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anderen \\ r-rn llglMIIMHIW Stellen: und Diess wird Mi nnnnllnli Vit» ic -kellen laMH|H iil.ti:iim<n Hoch werden der ungemeinen Regel zufolge die UMMMJ! einer Art um

so mehr geeignet sc\n |.-iii- Stellen MM.....M und ihre ahge-

MM Ni' liK«.iimi.ri-.ihiill zu vermehren, je weiter sie in ihrer Organisation diflcri-nzirt sind. In unsrem Bilde M die Mm.. sions-Linie in regelmässigen /.«isi-lienrMM) unterbrochen durch

kl.'..... numerirle IMMM; zu Bezeichnung der sueeesiven

Können, welche |»B0flMd unterschieden sind, um als Varietäten aufgeführt zu werden. Aher diese l nlerbrechungen sind nur eingebildete und hatten anderwärts eingeschoben »erden können nach hinlänglich langen Zwischenräumen für die Häufung eines ansehnlichen Betrags divergenter Abänderung.

Da alle diese verschiedenartigen Abkömmlinge von einer gemeinsamen und weit verbreiteten Art einer grossen Sippe an den gemeinsamen Verbesserungen Iheilzunehmen streben, welche den Erfolg ihrer Stamm-Altem im Leben bedingt haben, so werden sie im Allgemeinen sowohl an Zahl als an Divergenz des «Charakters zunehmen, und Diess ist im Bilde durch die verschiedenen von A ausgehenden Verzweigungen ausgedruckt. Die abgeänderten Nachkommen von den letzten und am meisten verbesserten Verzweigungen in den Nachkommenschafts-Linien werden wahrscheinlich oft die Stelle der altern und minder vervollkommneten einnehmen und sie verdrangen, und Diess ist im Bilde dadurch ausgedruckt, dass einige der untern Zweige nicht bis zu den oberen Horizontallinien hinauf reichen. In einigen Fallen zweifle ich nicht, dass der Proccss der Abänderung auf eine einfache Linie der Descendenz beschrankt bleiben und die Zahl der Nachkommen nicht vermehren wird, wenn auch das Im divergenter Modifikation in den aufeinanderfolgenden Generationen zugenommen hat. Dieser Fall würde in dem Bilde dargestellt werden, wenn alle von A ausgehenden Linien bis auf die von a1 bis a10 beseitigt würden. Aul diese Weise sind z. B. die Englischen Rasse-Pferde und Englischen Windspiele langsam vom Charakter ihrer Stammform abgewichen, ohne je eine neue Abzweigung oder Nebenrasse abgegeben zu haben.

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Es wird der Fall gesetzt, dass die Art A nach 10,000 Gene-' rationen drei Formen a10, I'10 und in10 hervorgebracht habe, welche in Folge ihrer Charakter-Divergenz in den aufeinander-lolgenden Generationen weit, doch in ungleichem Grade unter sich und von ihren Stamm-Altem verschieden sind. Nehmen wir nur einen äusserst kleinen Betrag von Veränderung zwischen je zwei Horizontalen unsres Bildes an, so werden unsre drei Formen nur bis zur Stufe wohl ausgeprägter Varietäten oder etwa zweifelhaller Unterarten gelangt seyn; wir haben aber nur nuthig, uns die Abstufungen im Anderungs-l'rozesso etwas grosser zu denken, um diese Formen in gute Arten zu verwandeln; alsdann drückt das Bild die Stufen aus, auf welchen die kleinen nur Varietäten cha-rakterisirenden Verschiedenheiten in grossere schon Arten unterscheidende Unterschiede übergehen. Denkt man sich denselben Prozess in einer noch grosseren Anzahl von Generationen fortwahrend (wie es oben im Bilde in zusammengezogener und vereinfachter Weise geschehen), so erhalten wir acht von A abstammende, Arten mit a14 bis in'4 bezeichnet. So werden, wie ich glaube, Arten vervielfältigt und Sippen* gebildet.

In einer grossen Sippe variirt wohl mehr als eine Art. Im Bilde habe ich angenommen, dass eine zweite Art I in analogen Abstufungen nach 10,000 Generationen entweder zwei wohlbezeichnele Varietäten w10 und x10, oder zwei Arten hervorgebracht habe, je nachdem man sich den Betrag der Veränderung, welcher zwischen zwei wagrechten Linien liegt, kleiner oder grosser denkt. Nach 14,000 Generationen werden nach unsrer Unterstellung sechs neue durch die Buchstaben n14 — z14 bezeichnete Arten entstanden seyn. In jeder Sippe werden die bereits am weitesten in ihrem Charakter aus einander gegangenen Arten die grosste Anzahl modilicirler Nachkommen hervorzubringen streben, indem diese die beste Aussicht haben, neue und weil von einander verschiedene Stellen im Natur-Staate einzunehmen; daher ich im Bilde die extreme Art A und die last gleich extreme Art I als die am weitesten auseinander gelaufenen bezeichnete, welche auch zur Bildung neuer Varietäten und Arien Veranlassung gegeben haben. Die andren neun mit gros-

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H lli.ch.<tabcn II- " K. I. bezeichneten Arten unsrer Stamm. Sippe itioKrii sich noch lange Zeit ohne Veränderung forlpllan/cn. was im Bilde durch die punktirlen Linien ausgedruckt ist, welche Mf« mangelnden Haiimes nicht weiter aiilwarls «erlangen sm,l

Inzwischen durfte in dem auf unsrein Bilde dargestellten I mamlciiings-l'rozess noch ein andres unsrer l'rinzipien, der der Krlnschung nämlich, eine wichtige Holle gespielt hahen. Da in jeder vollständig hevolkcrten liegend Naturliche Züchtung notwendig durch Auswahl der Können wirkt, welche in dem Kample um 's D.is.yn irgend einen Vorthei! vor den übrigen Formen voraus haben, so wird in den verbesserten Abkömmlingen einer Art ein beständiges Sieben vorhanden seyn, auf jeder ferneren Stufe ihre Vorganger und ihren Urslamm zu ersetzen und zu vertilgen. Denn man muss sich erinnern, dass der Kampf gewohnlich am heiligsten zwischen solchen Formen ist, welche einander in Organisation, Konstitution und Lebensweise m nächsten stehen. Daher werden alle Zwisehenformen zwischen den frühesten uiul spatesten, das ist zwischen den unvollkommensten und vollkommensten'Stufen, sowie die Slamm-Arl selbst zum Erloschen geneigt seyn. Eben so wird es sich wahrscheinlich mit vielen ganzen Seiten-Linien verhalten, wenn sie durch spatere und vollkommenere Linien bekämpft werden. Wenn dagegen die abgeänderte Nachkommenschaft einer Art in einer besonderen liegend aufkommt oder sich irgend einem ganz neuen Standorte rasch anpasst, wo Vater und Kind nicht in Mitbewerbung geralhen, dann mögen beide fortbestehen.

Nimmt man daher in unsrem Bilde an, dass es ein grosses Maass von Abänderung vorstelle, so werden die Art A und alle frühem Abänderungen derselben erloschen und durch acht neue Arten au—mu ersetzt seyn, und an der Stelle von I werden sich sechs neue Arten n"—z14 befinden.

Doch gehen wir noch weiter. Wir haben angenommen, dass die ursprünglichen Arten unsrer Sippe einander in ungleichem Grade ahnlich seyen, wie Das in der Natur gewohnlich der Fall ist; dass die Art A naher mil B, C, D als mit den andern vcrwandl seye und 1 mehr Beziehungen mit G, H, K, L als zu den übrigen

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besitze; dass ferner diese zwei Arten A und I sehr gemein und weit verbreitet seyen, indem sie schon anfangs einige Vorzüge vor den andern Arten derselben Sippe voraus hatten. Ihre modi-fizirten Nachkommen, vierzehn an Zahl nach 14,000 Generationen, werden wahrscheinlich einige derselben Vorzüge geerbt haben: auch sind sie auf jeder weiteren Stufe der Fortpflanzung in einer divergenten Weise abgeändert und verbessert worden, so dass sie sich zur Besetzung vieler passenden Stellen im Natur-Haushalte ihrer Gegend eignen. Es scheint mir daher ausseist wahrscheinlich, dass sie nicht allein ihre Altern A und I ersetzt und vertilgt haben, sondern auch einige andre diesen zunächst verwandte ursprüngliche Spezies. Es werden daher nur sehr wenige der ursprünglichen Arten sich bis in die vierzehu-tausendste Generation fortgepflanzt haben. Wir nehmen an, dass nur eine von den zwei mit den übrigen neun weniger nahe verwandten Arten, nämlich F, ihre Nachkommen bis zu dieser spaten Generation erstrecke.

Der neuen von den eilf ursprünglichen Arten unsres Bildes abgeleiteten Spezies sind nun fünfzehn. Dem divergenten Streben der Natürlichen Züchtung gemäss, muss der ausserste Betrag von Charakter-Verschiedenheil zwischen den Arten a,4 und z " viel grosser als zwischen den unter sich verschiedensten der ursprünglichen eilf Arten seyn. Überdiess werden die neuen Arten in sehr ungleichem Grade mit einander verwandt seyn. Unter den acht Nachkommen von A mögen die drei a", q14 und p14 naher beisammen stehen, weil sie sich erst spät von a1" abgezweigt haben, wogegen b14 und f14 als alte Abzweigungen von as etwas mehr von jenen drei entfernt sind; und endlich mögen o14, e14 und in14 zwar unter sich nahe verwandt seyn, aber als Seiten-zweige seil dem ersten Beginne des Abänderungs-Prozesses weit von den andern fünf Arten abstehen und eine besondere Untersippe oder sogar eine eigne Sippe bilden.

Die sechs Nachkommen von 1 mögen zwei Subgenera oder selbst Genera bilden. Da aber die Stamm-Arl I weit von A entfernt, fast am andern Ende der Arten-Reihe der ursprünglichen Sippe steht, so werden diese sechs Nachkommen durch

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Wri rliung betrat htlich von den achl Nachkommen von A abweichen, indem Uberdiess angenommen worden, dass diese zwei Gruppen sich in auseinander [weichenden Richtungen verändert haben. Auch sind die millcln Arien, weicht- A mil 1 verbunden (was sehr wichtig ist zu beachten), mit Ausnahme von F erlo-srhen, ohne Nachkommenschall zu hinterlassen. Daher die sechs neuen von I entsprossenen und die achl von A abgeleitet« Spezies sich zu zwei sehr verschiedenen Sippen oder sogar Un-lerfamilicn erhoben haben diirrtcn.

So kommt es. wie ich meine, dass zwei oder mehr Sippen durch Abänderung aus zwei oder mehr Arten eines Genus entspringen können, l'nd von den zwei oder mehr Stamm-Arten ist angenommen worden, dass sie von einer Art einer Iriilu-ren Sippe herrühren. In unsrem Bilde ist Diess durch die gebrochenen Linien unter den grossen Buchstaben A—L angedeutet, welche abwärts gegen je einen Tunkt konvergiren. Dieser Punkt stellt eine einzelne Spezies, die unterstellte Stamm-Art aller unsrer neuen Subgenera und Genera vor.

Es ist der Mühe werth, einen Augenblick bei dem Charakter der neuen Art '" zu verweilen, von welcher angenommen wird, dass sie ohne grosse Divergenz zu erfahren, die Form von F unverändert oder mil nur geringer Abänderung ererbt habe. Ihre Verwandtschaften zu den andern vierzehn neuen Arten werden ganz sonderbar seyn. Von einer zwischen den zwei Stamm-Arten A und I stehenden Spezies abstammend, welche aber jetzt erloschen und unbekannt sind, wird sie einigerniassen das Mittel zwischen den zwei davon abgeleiteten Arten-Gruppen hallen. Da aber beide Gruppen in ihren Charakteren vom Typus ihrer Stamm-Altcrn auseinandergelaufen sind, so wird die neue Art »" das Mittel nicht unmittelbar zwischen ihnen, sondern vielmehr zwischen den Typen beider Gruppen hallen; und jeder Naturforscher dürfte im Stande seyn, sich ein Beispiel dieser Art in's Ge-dachlniss zu rufen.

In dem Bilde entspricht nach unsrer bisherigen Annahme jeder Absland zwischen zwei Horizontalen tausend Generationen; lassen wir ihn jedoch für eine Million oder hundert Millionen

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von Generalionen und zugleich einem entsprechenden Theile der Schichtenlblge unsrer Erd-Rindo mit organischen Resten gellen! In unserem Kapitel über Geologie werden wir wieder auf diesen Gegenstand zurückkommen und werden dann hoffentlich finden, dass unser Bild geeignet ist Licht über die Verwandtschaft erloschener Wesen zu verbreiten, die, wenn auch im Allgemeinen zu denselben Ordnungen, Familien oder Sippen wie ein Theil der jetzt lebenden gehörig, doch in ihrem Charakter oll in gewissem Grade das Mitte] zwischen jetzigen Gruppen hallen; und man wird diese Thatsache begreiflich linden, da die erloschenen Arien in sehr frühen Zeilen gelebt, wo die Verzweigungen der Nachkommenschaft noch wenig auseinander gegangen waren.

Ich finde keinen Grund, den Verlauf der Abänderung, wie er bisher auseinander gesetzt worden, hlos auf die Bildung der Sippen zu beschranken. Nehmen wir in unserem Bilde den von jeder successiven Gruppe auseinander-strahlender runkllinien dargestellten Beirag von Abänderung sehr hoch an, so werden die mit a14 bis p14, mit b14 bis I'14 und mit o14 bis in14 bezeichneten Formen drei sehr verschiedene Genera darstellen. Wir werden dann zwei von I abgeleitete sehr verschiedene Sippen haben, und da diese zwei Sippen, in Folge sowohl einer fortdauernden Divergenz des Charakters als der Beerbung zweier verschiedener Stammväter, sehr weit von den von A hergeleiteten drei Sippen abweichen, so werden die zwei kleinen Sippen-Gruppen je nach dem Maasse der vom Bilde dargestellten divergenten Abänderung zwei verschiedene Familien oder selbst Ordnungen bilden. L"nd diese zwei neuen Familien oder Ordnungen leiten sich von zwei Alien einer Stamm-Sippe her, die selbst wieder einer Spezies eines viel alleren und noch unbekannten Genus entsprossen seyn dürfte.

Wir haben gesehen, dass es in jeder Gegend die Arten der grtggern Sippen sind, welche am öftesten Varietäten oder neue anfangende Arien bilden. Diess war in der Thal zu erwarten; denn, wenn die Natürliche /.üchlung durch eine im Rassenkampf vor den andern bevorzugte Form wirkt, so wird sie hauptsächlich aaf diejenigen wirken, welche bereits i'inige Vorlheile voraus

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haben: und die OltMN einer Gruppe zeigt, dass ihre Arien von einem gemeinsamen Vorgänger einige Vorzüge gemeinschaftlich ererbt liiilun. Häher der Wctlkampf in Erzeugung neuer und fclMlllMlIH1 Spmsslinge hauptsächlich zwischen den grOMMM Gruppen stattfinden wird, welche sich alle an Zahl zu vergros--i rn ItNben. Kinc grosse Gruppe wird nur langsam eine andre grosse Gruppe iiberwinden. deren Zahl verringern und so denn tanichl aul künftige Abänderung und Verbesserung vermindern. Innerhalb einer und derselben grossen Gruppe werden die neueren und Imlier \er\cdlk.....mneleu l ntergruppen immer beslrebl

m\ii durch Verzweigung und dureh Heselzung von moglichsl «Mm Slellen im Staat! der Nalur die früheren und minder vervollkommneten Untergruppen allmählich zu verdrangen. Kleine und unterbrochene Graspen und 1 'ntergruppen neigen sich immer mein dein gänzlichen Verschwinden zu. In Bezug auf die Zukunft kann man vorhersagen, dass diejenigen Gruppen organischer Wesen . welche jetzt gross und siegreich und am wenigsten durchbrochen sind. d. h. bis jetzt am wenigsten durch Erloschung gelitten haben, noch auf lange Zeit hinaus zunehmen werde. Welche Gruppen aber zuletzt vorwalten werden, kann niemand vorhersagen: denn wir wissen, dass viele Gruppen von ehedem sehr ausgedehnter Entwickelung heutzutage erloschen sind. Blicken wir noch weiter in die Zukunlt hinaus, so lasst sich voraussehen, dass in Folge der fortdauernden und sielen /.uiiiiliine der grosses Gruppen eine Menge kleiner oanzlich erloschen wird ohne abgeänderte Nachkommen zu hinterlassen, und dass demgemäss von den zu irgend einer Zeit lebenden Arten nur äusserst wenige ihre Nachkommenschaft bis in eine lerne Zukunft erstrecken werden. Ich will in dem Kapitel über Klassifikation auf diesen Gegenstand zurückkommen und hier nur noch bemerken, dass nach der Ansieht, dass nur äusserst wenige der ältesten Spezies uns Abkömmlinge hinterlassen haben und die Abkömmlinge von einer und derselben Spezies heutzutage eine Klasse bilden, uns begreiflich werden niuss, warum es in jeder Hauptabteilung des Pflanzen- und Thier-Reiches nur sehr wenige Klassen gebe. Obwohl indessen

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nur äusserst wenige der ältesten Arten noch jetzt lebende veränderte Nachkommen hinterlassen haben, so mag doch die Erde in den ältesten geologischen Zeit-Abschnitten eben so bevölkert gewesen seyn mit zahlreichen Arten aus manchl'alti-gen Sippen, Familien, Ordnungen und Klassen, wie heutigen Tages.

Ein ausgezeichneter Naturforscher hat dagegen eingewendet, die fortwährende Thätigkeit der Züchtung, mit Divergenz des Charakters verbunden, müsse zu einer endlosen Menge von Arten-Formen (Ohren. Was die blos unorganischen Bedingungen be-trilTt, so wurde allerdings wahrscheinlich eine genügende Anzahl von Arten allen erheblicheren Verschiedenheiten von Wärme, Feuchtigkeit u. s. w. angepasst werden können; ich nehme aber an, däss die Wechselbeziehungen der organischen Wesen zu einander bei weitem die wichtigsten sind, und wenn die Zahl der Arten in einer Gegend in Zunahme begriffen ist, so werden die organischen Lebens-Bedingungeii immer verwickelter werden. Anfänglich seheint es daher wohl, als gebe es keine Grenze für den Betrag nützlicher Differenrirung der Organisation und daher keine Grenze für die Anzahl der möglicher Weise hervorzubringenden Arten. Es ist uns nicht bekannt, dass selbst das fruchtbarste Land-Gebiet mit organischen Formen vollständig besetzt seye, da ja selbst am Cap der guten Hoffnung, das eine so erstaunliche Arten-Zahl hervorbringt, noch viele Europäische Pflanzen naturalisirt worden sind. Die Geologie lehrt uns jedoch, dass wenigstens innerhalb der unermesslichcn Tertiär-Periode die Arten-Zahl der Konchylien und wahrscheinlich auch der Säug-thiere bis daher nicht vergrösserl worden ist. Was hemmt nun dieses Wachsthum der Arten-Zahl ins Unendliche ? Erstens muss der Betrag des auf einem Gebiete unterhaltenen Lebens (.ich meine damit nicht die Zahl der spezifischen Formen) eine Grenze haben, da es ja in so reichlichem Maasse von physikalischen Bedingungen abhangt: wo daher viele Arten erhallen werden müssen, da werden sie alle oder meistens arm an Individuen seyn: und eine Art mit wenigen Individuen wird in Gefahr seyn durch zufallige Schwankungen in der Beschaffenheit der Jahres

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Ilfttl md in der Zahl ilirrr Feinde zu erloschen. Di« Austilgnng wird in snlilii'ii Fallen rasch erfolgen, wahrend HM Arien immer nur IllgW nachkommen. Mhii denke sich den ausscrslemFBll, es gehe in Kniilnml so viele Arten als Individuell, so wird der ersle

trug« \\ inier oder Irorkne Som.....r Tauscnde und Tausende vuu

Arien verlüden, und Individuen \on andern Arien werden ihre Melle einnehmen, Zweitens \ermulhe ich. dass. wenn einige Arien sehr seilen »erden, es in der Regal nicht nahe \ervvandle seyn werden, welche sie zu verdrängen slrehen: wenigstens haben einige Autoren gemeint, dass Uiess bei dem üiickgang des Auerochsen in Litliaurn. des Kdelhirschs in Schottland und des Baren in \<n-trtycii in Betracht komme. Drittens, was die Thiere im Besondern betrifft, so sind einige Arien gm den gemacht, sich von irgend einem indem Wesen /.u nithren: wenn dieses (bei leRei geworden, so wird es nicht nun Vorlheil jener Thiere seyn. dass sie in so enger Beziehung zu einer Nahrung gestanden. und sie werden nicht mehr durch Natürliche /.uchluiig veriuchrl Werden. Vierten», wenn Irgend welche Arien arm an Individuen werden, so wird der Vorgang der Umbildung langsamer seyn. weil die Möglichkeit vorteilhafter Abänderung verringert ist. Wenn wir daher eine von sehr vielen Arten bewohnte Gegend annehmen, M miisseii alle oder die meisten Arten arm an Individuen seyn und wird demnach der l'rozess der Umänderung und Bildung neuer Formen verzögert werden. Fünftens, und wie ich glaube ist Diess der wichtigste Punkt, wird eine herrschende Art, welche schon viele Mitbewerber in ihrer eignen Heimath verdrangt hat. sich auszubreiten und noch viele andre zu ersetzen streben. Alphons DeCandollf. hat nachgewiesen, dass diejenigen Arten, welche sich weit verbreiten, gewohnlich streben sich sehr weit auszubreiten: sie werden folglich mehre andre in verschiedenen Gegenden auszutilgen streben: und Üiess hemmt die ungeordnete Zunahme von Arten-Formen auf der ganzen Erd-Oberflache. Hooker hat neuerlich gezeigt, dass in der südöstlichen Ecke Australiens, wo es viele Einwandrer aus allerlei W ellgegcnden zu geben scheint, die eigenthiimlich Australischen Arten an Menge sehr abgenommen haben. Ich wage nicht zu

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bestimmen, wie viel Gewicht diesen mancherlei Ursachen beizulegen seye: aber ich glaube, dass sie alle zusammen genommen in jeder Gegend das Streben nach unendlicher Vermehrung der Arien-Formen beschranken müssen.

Natürliche Züchtung wirkt, wie wir gesehen haben, ausschliesslich durch Erhaltung und Zusammenspariing solcher leichten Abweichungen, welche dein Geschöpfe, das sie betreffen, unter den organischen und unorganischen Bedingungen des Lebens, von welchen es in aufeinanderfolgenden Perioden abhangig ist. nützlich sind. Das Endergebniss wird seyn, dass jedes Geschöpf einer immer grosseren Verbesserung den Lebcns-ßedingiingen gegenüber entgegenstrebt. Diese Verbesserung dürfte unvermeidlich zu der stufenweisen Vervollkommnung der Organisation der Mehrzahl der über die ganze Erd-Oberflache verbreiteten Wesen führen. Doch kommen wir hier auf einen sehr schwierigen Gegenstand, indem noch kein Naturforscher eine allgemein befriedigende Definition davon gegeben hat. was unter Vervollkommnung der Organisation zu verstehen seye. Bei den Wir-hellhieren kommt deren geistige Befähigung und Annäherung an den Korper-Bau des Menschen offenbar mit in Betracht. Man mochte glauben, dass die Grosse der Veränderungen, welche die verschiedenen Theile und Organe wahrend ihrer Entwicklung vom Embryo-Zustande an bis zum reifen Alter zu durchlaufen haben, als ein Anhalt bei der Vergleichung dienen kenne : doch kommen Falle vor. wie bei gewissen parasitischen knistern, wo mehre Theile des Korpcr-Baues unvollkommner und sogar monströs werden, so dass man das reife Thier nicht vollkommener als seine Larve nennen kann. Von Bakb's Maasstab scheint noch der beste und allgemeinst anwendbare zu seyn. nämlich das Maass der Dillerenzirung der verschiedenen Theile (»im reifen Aller" dürfte wohl beizusetzen seynl und ihre Anpassung zu verschiedenen Verrichtungen, oder die Vollständigkeit der Theilung in die physiologische Arbeit, wie Mnsi; Eowabds sagen würde. Wir werden aber leicht ersehen, wie schwierig die wirkliche Anwendung jenes Kriteriums ist. wenn wir wahrnehmen, dass bei den Fischen z. B. die Haie von einem Theile dn

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Naturforscher als die vollkommensten angesehen werden, weil dt in Reptilien M nächsten stehen, während andre den gewöhnlichen Knm hcn-Kischen (Tcleosli) die erste Stelle anwei-scn. weil sie die ausgebildet*!!' Fisch Forin haben und am meisten von allen andern Vcrlcbrnten abweiehcn\ Noch deutlicher erkennen wir die Schwierigkeit. WMM wir uns zu den MuH! wenden, wo der TOB |aisliacr Befähigung hergenommene Maasstal, ganz wegfallt: und hier stellen einige Botaniker diejenigen Pflanzen am höchsten, welche Siinimlliche Organe, wie Kelch- und Kronen-Blatter. Staubfaden und Stauhwege in jeder Blulhe voll-standig entwickelt besitzen, wahrend Andre wohl mit mehr Recht jene für die vollkommensten erachten. deren verschiedenen Organe starker iiiclaniorphosirt und auf geringere Zahlen zurtick-gctuhrl sind.

Nehmen wir die Diflerenzirung und Spezialisirung der einzelnen Organe als den besten Slaasstab der organischen Vollkommenheit der Wesen im ausgewachsenen Zustande an (was mithin auch die fortschreitende Entwickelung des Gehirnes für die geistigen Zwecke mit in sich begreift), so muss die Natürliche Züchtung oflVnhar zur Vervollkommnung fuhren: denn alle Physiologen geben zu, dass die Spezialisirung seiner Organe, inso-ferne sie in diesem Zustande ihre Aulgaben besser erfüllen, für jeden Organismus von Vortheil ist: und daher liegt Häufung der zur Spezialisirung führenden Abänderungen im Zwecke der Natürlichen Züchtung. Auf der andern Seite ist es aber auch, unter Berücksichtigung, dass alle organischen Wesen sich in raschem Verhältnisse zu vervielfältigen und jeden schlecht besetzten Platz im Hausslande der Natur einzunehmen streben, der Natürlichen Züchtung wohl möglich, ein organisches Wesen solchen Verhaltnissen anzupassen, wo ihnen manche Organe nutzlos und überflüssig sind, und dann findet ein Rückschritt auf der

* liier ist ein Slissverstandniss. Aus den iwei lulelit Renannlcn Grün-den konnlcn die Knoohen-Fische die „vollkommensten Fische." aber nicht die „vollkommensten Fische" seyn, d. h. den Typus der Fische aber nicht die Vollkommenheit am besten repräsentiren. Die Knochen-Fische sind aber vollkommnere Fische aus andern Gründen.                 D. Üb».

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Stufenleiter der Organisation (eine rückschreitende Metamorphose) statt. Ob die Organisation im Ganzen seit den frühesten geologischen Zeiten bis jetzt fortgeschritten seyn, wird zweckmassiger in unserem Kapitel über die geologische Aufeinanderfolge der Wesen zu erörtern seyn.

Dagegen kann man einwenden, wie es denn komme, dass, wenn alle organischen Wesen von Anfang her fortwährend bestrebt gewesen sind, hoher auf der Stufenleiter emporzusteigen, auf der ganzen Erd-Oberflache noch eine Menge der unvollkommensten Wesen vorhanden sind, und dass in jeder grossen Klasse einige Formen viel hoher als die andern entwickelt sind? Und warum haben diese viel höher ausgebildeten Formen nicht schon überall die minder vollkommenen ersetzt und vertilgt ? Lam.vrck, der an eine angeborene und unumgängliche Neigung zur Vervollkommnung in allen Organismen glaubte, scheint diese Schwierigkeit so sehr gefühlt zu haben, dass er sich zur Annahme veranlasst sah, einfache Formen würden überall und Fortwährend durch (ieneratio sponianea neu erzeugt. Ich habe kaum nölhig zu sagen, dass die Wissenschaft auf ihrer jetzigen Stufe die Annahme. dass lebende Geschöpfe jetzt irgendwo aus unorganischer Materie erzeugt werden, keineswegs gestattet. Nach meiner Theorie dagegen bietet das gegenwärtige Vorhandenseyn niedrig organisirter Thiere keine Schwierigkeit dar: denn die Natürliche Züchtung schliesst denn doch kein notwendiges und allgemeines Gesetz fortschreitender Enlwickelung ein: sie benutzt nur solche Abänderungen. die für jedes Wesen in seinen verwickelten Lebens-Beziehungen vortheilhaft sind. Und nun kann man fragen, welchen Vortheil (so weil wir nrlheilen können) ein Infusorium, ein Eingeweidewurm, oder sjMbsl ein Regenwurm davon haben könne, hoch organisirl zu seyn ? Haben sie keinen Vortheil davon, so werden sie auch durch Natürliche Züchtung wenig oder gar nicht vervollkommnet werden und mithin für unendliche Zeilen auf ihrer liefen Organisations-Slule stehen bleiben. In der Thal lehrt uns die Geologie, dass einige der tiefsten Formen von Infusorien und Rbizopoden schon seit unermesslichen Zellen nahezu auf ihrer jeteigen Stule

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riehen DeMoogeachlel möchte es voreilig seyn anzunehmen. ,i,.s »hiige dar jeUl vorhandenen niedrigen Lebenformea seil ,1,-n ersten Zeile« ihre- Daeeyni keinerlei Vorvollkoa.....mng erfahren knien; den» jeder Naturforscher, der je welche von dieien Organismen lergliederl hat, «eiche jeUl als die ni.drig-Maa inf der Stolenleiter der Natur gellen, mnea ofl Ober deren wunderbare und berrUeba Organisation erstaunt gewesen seyn. Rahen dieaelbea Bemerkungen hissen sich hinsichtlich dar greeaen Verschiedenheiten iwitoben da*Graden ihrOrganisations-ll.ilii' inaerbalb hat jeder grossen Klasae mil Ausnahme jedoch dar Togal machen; so hinsichtlich das Zuauameaatehena von Saoglhieren and Fischen hei den Wirballbiereo, oder von Mensch und Oraitborhyachns bei den Siogelhierea, w»n Hai und Amahis>

xiis hei den Fischen, indem dieser letzte Fisch in der aussersten Einfachheit seiner Organisation den Wirhel-Iosen Thieren ganz nahe kommt. Aber Sauglhiere und Fische gcralhen kaum in Mit-Mwarboog miteinander: die hohe Slellnng gewisser SAugtbian oder auch der ganzen Klasse auf der obersten Stufe der Organisation treibt sie nicht die Stelle der Fische einzunehmen und diese zu unterdrücken. Die Physiologen glauben, das Gehirn müsse mil warmem Blute gebadet werden, um seine höchste TbStJgfceil zu entfallen, und dazu ist Luft-Respiration nolhwendig. so dass warmblütige Sauglhiere. wenn sie das Wasser bewohnen, den Fischen gegenüber sogar in gewissem Nachlheilc sind. Eben so wird in dieser Klasse die Familie der Haie wahrscheinlich nicht geneigt seyn, den Aninhioxus zu ersitzen: iinil dieser wird allem Anscheine nach seinen Kampf ums Uaseyn mit Gliedern der Wirbel-losen Thier-Klussen auszumachen haben. Die drei untersten Saugthier-Ordnungen, die Beulellhiere, die Zahnlosen und die Nager bestehen in Sud-Amerika in einerlei Gegend beisammen mil zahlreichen Affen. Obwohl die Organisation im Ganzen nur der ganzen Erde in Zunahme begriffen seyn kann, so bietet die Stufenleiter der Vollkommenheit doch noch alle Abstufungen dar; denn die hohe Organisalions-Stufe gewisser Klassen im Ganzen oder einreiner Glieder dieser Klassen führen in keiner Weise nolhwendig zum Erloschen derjenigen Gruppen, mit wel-

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.hin sie niclit in nahe Bewerbung treten. In einigen Fällen scheinen tief organisirte Formen, wie wir hernach sehen werden, sich bis auf den heutigen Tag erhalten zu haben, weil sie eigen-thüinliche abgesonderte Wohnorte ohne alle erhebliche Milbewerbung hatten, und wo auch sie selbst keine Fortschritte in der Organisation machten, weil ihre eigne geringe Individuen-Zahl der Bildung neuer vorteilhafter Abänderungen keinen Vorschub leistete.

Endlich glaube ich, duss das Vorkommen zahlreicher niedrig organisirtcr Formen aus allen Thier- und Pflanzen-Klassen über die ganze Erd-Oberfläche von verschiedenen Ursachen herrühre. In einigen Fallen mag es an vortheilhaflen Abiinderungen gefehlt haben, mit deren Hilfe die Natürliche Züchtung zu wirken und veredeln vermocht hätte. In keinem Falle vielleicht ist die Zeit ausreichend gewesen, um das Höchste in möglicher Vervollkommnung zu leisten. In einigen wenigen Fallen kann auch sogenannte »rückschroitendc Organisation" eingetreten seyn. Aber die Hauptsache liegt in dem Umstände, dass unter sehr einfachen Lebens-Bedingungen eine hohe Organisation ohne Nutzen, sondern vielleicht sogar nachlheilig seyn kann, weil sie zarter, empfindlicher und leichter zu beschädigen ist.

Eine weitere Schwierigkeit, welche der so eben besprochenen gerade entgegengesetzt ist, ergibt sich noch, wenn wir auf die Morgenrot!»' des Lebens zurückblicken, wo alle organischen Wi sen. nach unsrer Vorstellung, noch die einfachste Struktur besauen; wie konnten da die ersten Fortschritte in der Vervollkommnung, in der Differenzirung und Spezialisirung der Organe beginnen ? Ich vermag darauf keine genügende Antwort zu geben, sondern nur zu sagen, dass wir nicht im Besitze leitender Thatsarhen sind, wesshalb alle unsre Spekulationen in dieser Beziehung ohne Boden und ohne Nutzen sind.

Zusammenfassung des Kapitels.) Wenn wahrend einer langen Reihe von Zeit-I'erioden und unter veränderten äusseren Lebens-Bedingungen die organischen Wesen in allen Theilen ihrer Organisation abändern, was, wie ich glaube, nicht bestritten werden kann; wenn ferner wegen ihres Vermögens geometrisch

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Ml.....Her Ner.....hriing »lle Arien in jedem Aller, zu jeder .Iah

rMMit ""'I i» l'<l' '" Üb einen ernsten hnnipf um ihr D.i-.-y zu kämpfen haben. MI Hflfcw niehl zu laugnen isl: dann meine ieh im Hinblick auf die unendliche Verwickelung der Beziehungen nller organischen Wesen zu einander und zu den ausseien Lebens Bedingungen, »eiche ein.' endlose Verse'hiedeulicil angemessener (Irganisalionen. Konslilulionen und Lebensweisen erheischen. <lass es ein ganz ausserordentlicher Zufall seyn wurde, wenn nicht jeweils auch eine zu eines jeden Wesens eigrier Wohlfahrt dienende Abänderung vorkäme, wie deren so viele vorgekommen, die dein Menschen vorlheilhaft waren. Wenn aber solche für ein organisches Wesen nul/liche Abänderungen wirklich vorkommen, so Werde* sicherlich die dadurch bezeichneten Individuen die meiste Aussicht haben, den Kampf ums Daseyn zu bestehen, und nach dem machtigen Prinzip der Erblichkeit in ahnlicher Weise ausgezeichnete Nachkommen zu bilden streben. Diess Prinzip der Erhaltung habe ich der Kürze wegen Natürliche Züchtung genannt: es führt zur Vervollkommnung eines jeden Geschöpfes seinen organischen und unorganischen Lebens-Bedingungen gegenüber. Die Natürliche Züchtung kann nach dem Prinzip der Vererbung einer Eigenschaft in entsprechenden Altern eben sowohl das Ei und den Saamen oder das Junge wie das Erwachsene abändern machen. Bei vielen Thieren unterstützt geschlechtliche Auswahl noch die gewohnliche Züchtung, indem sie den kräftigsten und geeignetesten Mannehen die zahlreichste Nachkommenschalt sichert. Geschlechtliche Auswahl vermag auch solche Charakter.' zu verleihen, welche den künftigen Mannchen allein in ihren Kämpfen mit Mannchen von gewöhnlicher Beschallenheil den Sieg verschaffen.

Ob nun aber die Natürliche Züchtung zur Abänderung und Anpassung der verschiedenen Lebenformen an die mancherlei äusseren Bedingungen und Stationen wirklich mitgewirkt habe, muss nach Erwägung des Werthes der in den folgenden Kapiteln zu liefernden Beweise beurtheilt werden. Doch erkennen wir bereits, dass dieselbe auch Austilgung verursache, und die Geologie macht uns klar, in welch' ausgedehntem Grade Austilgung bereits in

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die Geschichte der organischen Well eingegriffen habe. Auch liihrt Natürliche Züchtung zur Divergenz des Charakters; denn je mehr Wesen auf einer gegebenen Flache ihren l'nterhalt finden, desto mehr andern sie in Organisation, organischer Thiilgkcit und Lebensweise ab. wovon man die Beweise bei Betrachtung der Bewohner eines kleinen Land-Flecks oder der naturalisirten Erzeugnisse finden kann. Je mehr daher wahrend der Umänderung der Nachkommen einer Art und wahrend des bestandigen Kampfes aller Arten um Vermehrung ihrer Individuen jene Nachkommen ditferenzirt werden, desto hesser ist ihre Aussicht auf Erfolg im Ringen ums Daseyn. Auf diese Weise streben die kleinen Verschiedenheiten zwischen den Varietäten einer Spezies stets grösser zu werden, bis sie den grösseren Verschiedenheiten zwischen den Arten einer Sippe oder selbst zwischen verschiedenen Sippen gleich kommen.

Wir haben gesehen, dass es die gemeinen, die weit verbreiteten und allerwarls zerstreuten Arten grosser Sippen sind, die am meisten abändern, und diese streben auf ihre abgeänderten Nachkommen dieselbe Überlegenheit zu vererben, welche sie jetzt in ihrer Heimath-Gegend zur herrschenden machen. Natürliche Züchtung führt, wie so eben bemerkt worden . zur Divergenz des Charakters und zu starker Austilgung der minder voll-kommnen und der mittein Lehenformen. Aus diesen Prinzipien lassen sich nach meiner Meinung die Hang-Verschiedenheiten zahlloser organischer Wesen in jeder Klasse auf der ganzen Erdoberfläche sowohl als die in der Natur ihrer Verwandtschaften mit einander erklären. Es ist eine wirklich wunderbare Thatsache. obwohl wir das Wunder aus Vertrautheit damit zu übersehen pflegen, dass Thiere und Pflanzen zu allen Zeiten und überall so miteinander verwandt sind, dass sie in Untergruppen abgetheilte Gruppen bilden, so dass nämlich, wie wir allerwarls erkennen, Varietäten einer Art einander am nächsten stehen, dass Arten einer Sippe weniger und ungleiche Verwandtschaft zeigen und Untersippen und Sektionen bilden, dass Arien verschiedener Sippen einander noch weniger nahe stehen, und dass Sippen mit verschiedenen Verwandtschafls-Graden zu einander Unterfamilien, Familien, Ordnungen, Unter-

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Massen iiiiI KtaltOII zusammensetzen. W< verschiedenen einer M,..c untergeordneten Gruppen UtUM nicht in eine Linie aneinander JUHlfcul werden, sondern scheinen vielnielir um gc-\ii--' l'unkte gesclmarl und diese wieder um andre Mittelpunkte gesammelt zu seyu. und M weiter in last endlosen Kreisen. Aus der Ansicht, dass jede Art unabhängig von der andern geschaffen worden seye. kann ich keine Erklärung dieser wichtigen Thatsache in der Klassifikation aller organischen Wesen entnehmen: sie ist aber nach meiner vollkommensten Iberzeugung er klarlich aus der Erblichkeit und aus der zusammengesetzten Wirkungs-Weise der Natürlichen Züchtung, welche Austilgnng der Formen und Divergenz der Charaktere verursacht, wie mit Hilfe bildlicher Darstellung (zu Seite 121) gezeigt worden ist.

Die Verwandtschaften aller Wesen einer Klasse zu einander sind iiiiinchmal in Form eines grossen Baumes dargestellt worden. Ich glaube, dieses Bild entspricht sehr der Wahrheit. Die crimen und knospenden Zweige stellen die jetzigen Arten. und die in jedem vorangehenden .lahre entstandenen die lange Aufeinanderfolge erloschener Arten vor. In jeder Wachslhums-Pe-riode haben alle wachsenden Zweige nach allen Seiten hinaus zu treiben und die umgebenden Zweige und Äste zu überwachsen und zu unterdrücken gestrebt, ganz so wie Arten und Arten-Gruppen andre Arten in dem grossen Kampfe ums Daseyn zu überwältigen suchen. Die grossen in Zweige gelheilten und un-terabgetheillen lata waren zur Zeil, wo der Stamm noch jung, selbst knospende Zweige gewesen: und diese Verbindung der früheren mit den jetzigen Knospen durch unlerabgetlieille Zweig! mag ganz wohl die Klassifikation aller erloschenen und lebenden Arien in Gruppen und l'ntergruppen darstellen. Von den vielen Zweigen, die sich entwickelten, als der Baum noch ein Busch ge-wesen. leben nur noch zwei oder drei, die jetzt als mächtige Äste alle anderen Verzweigungen abgeben: und so haben von den Arten . welche in langst vergangenen geologischen Zeiten gelebt, nur sehr wenige noch lebende und abgeänderte Nachkommen. Von der ersten Entwicklung eines Stammes an ist mancher Ast und mancher Zweig \erdürrl und verschwunden.

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und diese verlorenen Äste von verschiedener Grösse mögen jene ganzen Ordnungen, Familien und Sippen vorstellen, welche, uns nur im fossilen Zustande bekannt, keine lebenden Vertreter mehr haben. Wie wir hier und da einen vereinzelten dünnen Zweig aus einer Gabel tief unten am Stamme hervorkommen sehen, welcher durch Zufall begünstigt an seiner Spitze noch fortlebt, so sehen wir zuweilen ein Thier, wie Ornithorhyn-chus oder Lepidosiren, das durch Seine Verwandtschalten gewissermaassen zwei grosse Zweige der Lebenwelt, zwischen denen es in der Mitte steht, mit einander verbindet und vor einer verderblichen Mitwerberschalt offenbar dadurch gerettet worden ist, dass es irgend eine geschützte Station bewohnte. Wie Knospen bei ihrer Entwicklung neue Knospen hervorbringen und, wie auch diese wieder, wenn sie kraftig sind, nach allen Seiten ausragen und viele schwachre Zweige überwachsen, so ist es, wie ich glaube, durch Generation mit dem grossen Baume des Lebens ergangen, der mit seinen todten und heruntergebrochenen Ästen die Erd-Hinde erfüllt, und mit seinen herrlichen und sich noch immer weiter theilenden Verzweigungen ihre Oberfläche bekleidet.

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b'üut'tes Kapitel. Gfsclzc der Abänderung;.

Wirkungen lautrer Bedingungen — Gebrauch und Mchtgebrauch der Or-ganc in Verbindung tnil IValurlicIicr Züchtung; Flieg- und Seh-Organc. - Akktimalisirung. — YVcchsclbc»icliuiigcn rl.-s Wnrhslhums. — Knmpcn-llion und Ökonomie drr Kutwickclung. - Falsche Wei'hselhnirhiingrn. — Vielfache, niiluiicnl.irc und WMi| entwickelte Organisationen sind veränderlich. — In ungewöhnlicher Weise culwii kelle Theilc sind »ehr veränderlich: — sueiifische mehr als Sippen-Charaktere.         Sekuinl ire Im-«chlrchts-Charaktere veränderlich. Zu einer Sippe gehörige Arien variiren auf analoge Heise. — Kuckkehr tu langst verlornen Charakteren. Suinniariuni.

Ich hübe bisher von tlen Abiinderungen - die so gemein und tiiunchfaltig im Kultur-Stande der Organismen und in etwas minderem Grade häufig in der freien Natur sind — zuweilen N gi tfpTOl In n. als ob dieselben vom Zufall veranlasst waren. Diess ist aber eine ganz unrichtige Ausdrucks-Vi u.r. welche nur geeignet ist unsre ganzliche Unwissenheit über die Ursache jeder besonderen Abweichung zu beurkunden. Einige Schriftsteller sehen es mehr als die Aufgabe des Reproduktiv-Systemes an, individuelle Verschiedenheiten oder ganz leichte Abweichungen des Baues hervorzubringen, als das Kind den Altern gleich zu machen. Aber die viel grössere Veränderlichkeit sowohl als die viel häufigeren Monstrositäten der der Kultur unterworfenen Organismen leiten mich zur Annahme, dass Abweichungen der Struktur in irgend einer Weise von der Beschaffenheit der äusseren Lebens-Bedingungen, welrhen dif Altern und deren Vorfahren mehre Generationen lang ausgesetzt gewesen sind, abhängen. Uli habe im ersten Kapitel die Bemerkung gemacht — doch würde ein langes Verzeichniss von Thalsachen, welches hier nicht gegeben werden kann, dazu nulhig seyn. die Wahrheil dieser Bemerkung zu beweisen —, dass das Rcpro-dukliv-Syslem für Veränderungen in den äussern Lebens-Bedingungen äusserst empfindlich ist: daher ich dessen funktionellen Störungen in den Altern hauptsächlich die veränderliche oder bildsame Beschaffenheit ihrer Nachkommenschaft zuschreibe. Die

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männlichen und weiblichen Elemente der Organisation scheinen davon schon berührt zu seyn vor deren Vereinigung zur Bildung neuer Abkömmlinge der Spezies. Was die Spielpflanzen (S. 15) anbelangt, so wird die Knospe allein betroffen, die auf ihrer ersten Entwiekelungs-Stufe von einem Eichen nicht sehr wesentlich verschieden ist. Dagegen sind wir in gänzlicher Unwissenheit darüber, wie es komme, dass durch Störung des Reproduktiv-Systems dieser oder jener Theil mehr oder weniger als ein andrer berührt werde. Deinungeachtet gelingt es uns hier und da einen schwachen Lichtstrahl aufzufangen, und wir halten uns überzeugt, dass es für jede Abänderung irgend eine wenn auch geringe Ursache geben müsse.

Wie viel unmittelbaren Einfluss Verschiedenheiten in Klima, Nahrung u. s. w. auf irgend ein Wesen auszuüben vermögen, ist äusserst /.weifclfafl. Ich bin überzeugt, dass bei Thieren die Wirkung äusserst gering, bei Pflanzen vielleicht etwas grosser seye. Man kann wenigstens mit Sicherheit sagen, dass diese Einflüsse nicht die vielen trefflichen und zusammengesetzten Anpassungen der Organisation eines Wesens ans andre hervorgebracht haben können, welche wir in der Natur überall erblicken. Einige kleine Wirkungen mag man dem Klima, der Nahrung u. s. w. zuschreiben, wie z. B. Edward Fohbes sich mit Bestimmtheit darüber ausspricht, dass eine Konchylieii-Arl in wärmeren Gegenden und seichtem Wasser glänzendere Farben als in ihren kälteren Verbreitungs-Bezirken annehmen kann. Gocld glaubt, dass Vögel derselben Art in einer stets heileren Atmosphäre glänzender gefärbt sind, als auf einer Insel oder an der Küste*. So glaubt auch Wollaston, dass der Aufenthalt in der Nähe des Hotirrt die Farben der Insekten angreife. Moquin-Tandon gibt eine Liste von Pflanzen, welche an der See-Küste mehr und weniger fleischige Blatter bekommen, wenn sie auch landeinwärts

Diese AhhUgigkflit vom Klimu isl dcDD doch in grosser Ans.l.-Im mit; UchgewiucB worden von Glockh in seiner Schrill „übet das Abändern d« Vogel durch das Klima", llresla» 1838, 8". Von vielen anderen Abänderungen sind die äusseren Ursachen lusammengcslcllt in unserer „Geschichte der .Vuur" II. 68— II«.                                                                           " t ber».

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niehl fleischig sind. Und so Hessen sich noch manche ähnliche Beispiele anluhrvn.

Die Thatsachc. dass Varicellen einer All. IM sie in dir Verbreiliings-Zone einer andern Arl hiniiberreichen, in geringem Grade etwas von deren I haraklcren annehmen, summt mit unsrer Ansicht uberein, das.- Spezies aller Art nur ausgeprägtere bleibende Yarirlalcn sind. So haben die Konchylien- Arten sei. hl.r tropischer Meeres -liegenden gewohnlich glan/.enilere Farben als die in tiefen und kalten Gewässern wohnenden. So sind die Vogel - Arien der Hinnenlander nach Goild lebhafter als die der Inseln gefärbt. So sind die Insekten-Arien, welche auf die kuslcn beschrankt sind, oll Bronze-artig und triib von Aussehen wie jeder Sammler weiss. Pflanzen- Arien, welche nur längs dem Meere fortkommen, sind sehr oft mit fleischigen Blattern versehen. Wer au die besondre Erschaffung einer jeden einzelnen Spezies glaubt, wird daher sagen müssen, dass z. B. diese Konchylien Im ein wärmeres Meer mit glänzenderen Karben geschaffen worden sind, wahrend jene andern die lebhaftere Färbung erst durch Abänderung angenommen haben, als sie in die seichteren und wärmeren tiewasser übersiedelten.

Wenn eine Abänderung für ein Wesen von geringstem Nutzen ist, vermögen wir nicht zu sagen, wie viel davon von der häufenden Thuligkeit der Natürlichen Züchtung und wie viel von dem Einfluss aussrer Lebens-Bedingungen herzuleiten ist. So ist es den Pelz-Handlern wohl bekannt, dass Thiere einer Arl um so dichtere und bessere Pelze besitzen, in je kälterem Klima sie gelebt haben. Aber wer vermöchte zu sagen, wie viel von diesem Unterschied davon herrühre, dass die am wärmsten gekleideten Einzelwesen durch Natürliche Züchtung viele Generalionen hindurch begünstigt und erhalten worden sind, und wie viel von dem direkten Einflüsse des strengen Klimas? Denn es scheint wohl, dass das Klima einige unmittelbare Wirkung auf die Beschaffenheit des Haares unsrer Hauslhiere ausübe.

Man kann Beispiele anfuhren, dass dieselbe Varietät unter den aller-verschiedensten Lebens - Bedingungen entstanden ist, wahrend andrerseits verschiedene Varietäten einer Spezies unter

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gleichen Bedingungen zum Vorsrheiit kommen*. Diese Thatsachen zeigen, wie mittelbar die Lebens-Bedingungen wirken. So sind jedem Naturforseher auch zahllose Beispiele von sich acht erhallenden Arien ohne alle Varielälen bekannt, obwohl dieselben in den entgegengesetztesten Klimalen leben. Derartige Betrachtungen veranlassen mich, nur ein sehr geringes Gewicht auf den direkten Einfluss der Lebens-Bedingungen zu legen. Indirekt scheinen sie. wie schon gesagt worden. einen wichtigen Antheil an der Störung des Reproduktiv-Systemes zu nehmen und hie-durch Veränderlichkeit herbeizuführen, und Natürliche Züchtung spart dann alle nützliche wenn auch geringe Abänderung zusammen, bis solche vollständig entwickelt und für uns wahrnehmbar wird. Wirkungen von Gebrauch und Nichtgebrauch.) Die im ersten Kapitel angerührten Thatsachen lassen wenig Zweifel bei unseren Haussieren übrig, dass Gebrauch gewisse Thcile stärke und ausdehne und Nichtgebrauch sie schwäche, und dass solche Abänderungen vererblich sind. In der freien Natur hat man keinen Maassstab zur Vergleichung der Wirkungen lang fortgesetzten Gebrauches oder Nichtgebrauches, weil wir die älterlichen Formen nicht kennen; doch tragen manche Thiere Bildungen an sich, die sich als Folge des Nichtgebrauchs erklären lassen. Professor R. Owen hat bemerkt, dass es eine grosse Anomalie in der Natur ist, dass ein Vogel nicht fliegen könne, und doch sind mehre in dieser Lage. Die Südamerikanische Dickkopf-Ente kann nur über der Oberfläche des Wassers hin-flattern und hat Flügel von fast der nämlichen Beschaffenheit wie die Ayhsburyer Hausenlen-Rasse. Da die grossen Boden-Vogel selten zu andren Zwecken fliegen, als um einer Gefahr zu entgehen, so glaube ich, dass die fast ungeflügclte Beschaffenheit verschiedener Vogel-Arten, welche einige Inseln des Grossen Ozeans jetzt bewohnen oder einst bewohnt haben, wo sie keine Verfolgung von Raubthieren zu gewärtigen haben, vom Niclitge-brrache ihrer Flügel herrührt. Der Strauss bewohnt zwar Kontinent.' iiml ist von Gefahren bedroht, denen er nicht durch Flug

So lange nun die wahre Unache diaaer BnUtehung nicht kennt, hat Dien nicht. Befremdende!.                                                      » "hrs.

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entgehen kann: aber er kann lieh s«-llisl durch Ausschlagen Hill den

Kate« ü,ig«n wi»« Feind« n gut vcriheidigen wie einig« der kin-norei Vierfuteer. Man kaM sieli vorstellen, dass der 1'rvater des Strausses eine I.chens-Wcise etWI wie der Truppe gehabt, und dass ei in Folge Natürlicher Züchtung in lincr langen Generationen-Heike immer grosser Bild schwerer geworden seye. seine Beine mehr und taina Flügel weniger gebraucht habe, his er endlich ganz unbillig geworden sey zu fliegen.

Kirby hal bemerkt (und ich habe dieselbe Thatsache beobachten, dass die VorderUivsea vieler männlichen Koihkatar oll abgebrochen sind: er untersuchte liebensehn MusterelOckc

seiner Sa.....düng, und fand in keinem eine Spur mehr davon.

OnitW Apelles baj seine Tarsen so gewöhnlich verloren, dass man diess Insekt beschrieben. als fehlten sie ihm gänzlich. In einigen anderen Sippen sind sie nur in verkuminerlem Zustande vorhanden Dem Aleuehus oder heiligen Kaier der Agyplier fehlen sie gänzlich. Hoch ist kein gelingender Nachweis vor banden. dass \ eistuniiucUingcn immer erblich seyen. und ich mochte den gänzlichen Mangel der Yordcrtarsen des Aleuehus und ihren verkümmerten Zustand in einigen andern Sippen lieber der lang-fortgesetzten Wirkung ihres Nichtgebrauches bei deren Stamm-Vätern zuschreiben: denn da die Tarsen vieler Kothkaler meistens fehlen, so müssen sie schon früh im Leben verloren gehen und können daher bei diesen Insekten nicht viel gebraucht werden.

In einigen Fallen mochten wir leicht dem Nichtgebrauch? gewisse Abänderungen der Organisation zuschreiben, welche jedoch ganzlich oder hauptsächlich von Natürlicher Züchtung herrühren. Woii.vston hat die merkwürdige Thatsaehe entdeckt, dass von den Ö50 Karer-Arten, welche Madrira bewohnen. 200 so unvollkommene Flügel haben, dass sie nicht fliegen können, und dass von den >'.> der Insel ausschliesslich angehorigen Sippen nicht weniger als 23 lauter solche Arten enthalten. Manche l'hatsachcn. wie unter andern, dass in vielen Theilen der Well Hegende Käfer beständig ins Meer gewehet werden und zu Grunde gehen, dass die Kaler auf Madeira nach Woi.lastos's

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Beobachtung meistens verborgen liegen, bis der Wind ruhet und die Sonnp scheint, dass die Zahl der Flügel-losen Käfer an den ausgesetzten kahlen Felsklippen verhältnissmassig grosser als in Madeira selbst ist, und zumal die ausserordentliche Thatsaehc, worauf Wollaston so beharrlich fusset, dass gewisse grosse anderwärts sehr zahlreiche Käfer-Gruppen, welche durch ihre Lebens-Weise viel zu fliegen geniithigt sind, auf Madeira gänzlich fehlen, — diese mancherlei Gründe machen mich glauben, dass die ungeflügelte Beschaffenheit so vieler Käfer dieser Insel hauptsächlich von Natürlicher Züchtung, doch wahrscheinlich in Verbindung mit Nichtgebrauch herrühre. Denn während tausend aufeinanderfolgender Generalionen wird jeder einzelne Käfer, der am wenigsten fliegt, entweder weil seine Flügel am wenigsten entwickelt sind oder weil er der indolenteste ist, die meiste Aussicht haben alle andern zu überleben, weil er nicht ins Meer gewehet wird: und auf der andern Seite werden diejenigen Käfer, welche am liebsten fliegen, am öftesten in die See getrieben und vernichtet werden.

Diejenigen Insekten auf Madeira dagegen, welche sich nicht am Boden aufhallen und, wie die an Blumen lebenden Käfer und Schmetterlinge, von ihren Flügeln gewöhnlich Gebrauch machen müssen um ihren Unterhalt zu gewinnen, haben nach Wouaston's Vcrnnilhung keineswegs verkümmerte, sondern vielmehr stärker entwickelte Flügel. Diess ist ganz verträglich mit der Thätigkeit der Natürlichen Züchtung. Denn, wenn ein neues Insekt zuerst auf die Insel kommt, wird das Streben der Natürlichen Züchtung die Flügel zu verkleinern oder zu vergreissern davon abhängen, ob eine grossre Anzahl von Individuen durch erfolgreiches Ankämpfen gegen die Winde, oder durch mehr und weniger häufigen Verzicht auf diesen Versuch sich rettet. Es ist derselbe Fall wie bei den Matrosen eines in der Nahe der Küste gestrandeten Schilfes: für diejenigen, welche gut schwimmen, ist es um so besser, je besser sie schwimmen konnten um ihr Heil im \\'i'ilerschwiiumen zu versuchen, wahrend es fur die schlechten Schwimmer im besten wäre, wenn sie gar nicht schwimmen konnten und sich daher auf dem Wrack Rettung Buchten.

10"

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Die Augen der Maulwürfe und einiger wühlenden Nager sind an Grosse verkümmert iiinl in manchen Fallen ganz von Haut und l'elz bcdeckl. Dieser Zustand der Augen rührt wahrscheinlich von fortwährendem Nichtgebrauche her, dessen Wirkung vielleicht durch Natürliche Züchtung unterstützt wird. Ein .s"»</-Amerikanischer Nager, Ctenomys, hat eine noch mehr unterirdische Lebensweise als der Maulwurf, und ein Spanier, welcher olt dergleichen gefangen, versicherte mir. dass solcher oft g;mz blind seye: einer, den ich lebend bekommen, war es gewiss und zwar, wie die Sektion ergab, in Folge einer Entzündung der Nickhaut. Da häufige Augen-Entzündungen einem jeden Thiore nachtlieilig werden müssen, und da für unterirdische Thiere die Augen gewiss nicht unentbehrlich sind, so wird eine Verminderung ihrer Grösse, die Verwachsung des Augenlides damit und die Überziehung derselben mit dem Felle für sie von Nutzen seyn; und wenn Diess der Fall, so wird Natürliche Züchtung die Wirkung des Nichtgebrauches beständig unterstützen.

Es ist wohl bekannt, dass mehre Thiere aus den verschiedensten Klassen, welche die Höhlen in Sleycrmark und Kenliirky bewohnen, blind sind. In einigen Krabben ist der Augen-Stiel noch vorhanden, obwohl das Auge verloren ist: das Teleskopen-Gestell ist geblieben, obwohl das Teleskop mit seinem Glase fehli. Da nicht wohl anzunehmen, dass Augen, wenn auch unnütz, den in Dunkelheit lebenden Thieren schädlich werden sollten, so schreibe ich ihren Verlust gänzlich auf Rechnung des Nichtgebrauchs. Bei einem der blinden Thiere insbesondre, bei der Bohlen-Hatte, haben die Augen eine ungeheure Grösse: und Professor Sii.i.iman war der Meinung, dass dasselbe, nachdem es einige Tage im l.icht gelebt, ein schwaches Sehe-Vermögen wieder erlange. Wie auf Madeira die Flüger einiger Insekten durch Natürliche Züchtung, von Gebrauch und Nichtgebrauch unterstüzt, allmählich theils vergrössert und theils verkleinert wurden," so scheint dieselbe Züchtung bei der Höhlen-Ratte mit dem Mangel des Lichtes gekämpft und die Augen vergrössert zu haben, während bei allen anderen blinden Höhlen-Bewohnern Nichtgebrauch allein gewirkt haben mag.

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Es ist schwer sich ähnlichere Lebens -Bedingungen vorzustellen, als tiefe Kalkstein-Iluhlen in nahezu ähnlichem Klima, so dass, wenn man von der gewöhnlichen Ansicht ausgeht, dass die blinden Thieiv für die Amtriktmücken und für die Europäischen Hohlen besonders erschallen worden seyen, auch eine grosse Ähnlichkeit derselben in Organisation und Verwandtschaft zu erwarten stünde. Diese findet aber nach S(hiödte's u. A. Beobachtung nicht statt: und die Höhlen-Insekten der zwei Kontinente sind nicht naher mit einander verwandt, als sich schon nach der grossen Ähnlichkeit zwischen den andern Bewohnern \onl-Amerikas und Europas erwarten lüsst. Nach meiner Meinung muss man annehmen, dass Amerikanische Thiere mit gewöhnlichem Sehe-Vermögen in nach-einanderfolgenden Generationen immer tiefer und tiefer in die entferntesten Schlupfwinkel der Kentucky sehen Höhle eingedrungen sind, wie es Europäische in den Höhlen von Sleyeriuark gethan. Und wir haben einigen Beweis für diese stufenweise Veränderung des Aufenthalts: denn Sciiiödte bemerkt: Wir betrachten demnach diese unterirdischen Faunen als kleine in die Erde eingedrungene Abzweigungen der geographisch-begrenzten Faunen der nächsten Umgegenden, welche in dem Grade, als sie sich weiter in die Dunkelheit ausbreiteten, an die sie umgebenden Verhaltnisse gewohnt wurden: Thiere, von gewöhnlichen Formen nicht sehr entfernt, bereiten den Übergang vom Tage zur Dunkelheit vor: dann folgen die fürs Zwielicht gebildeten und endlich die fürs ganzliche Dunkel bestimmten. Wahrend der Zeit, in welcher ein Thier nach zahllosen Generationen die hintersten Theile der Hohle erreicht, wird hiernach Nichtgebrauch die Augen mehr oder weniger vollständig unterdrückt und Natürliche Züchtung oft andre Veränderungen erwirkt haben, die. wie verlängerte Fühler und Fressspitzen, einigermaassen das Gesichl ersetzen. Ungeachtet dieser Modifikationen werden wir erwarten, noeli Verwandt« hallen der Hohlen-Thiere Amerikas mit den anderen Bewohnern dieses Kontinents, und der Hohlen-Bcwohncr Europas mit <\ri\ übrigen Europäischen Thieren zu sehen. Und Diess ist bei einigen Amerikanischen llohlen-Thieren der Fall, wie ich von 1'roleSMH DAR* bore: und einige Europäische Höhlen - luseklell

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stehen manchen in der Umgegend der Hohle wohnenden Arten gnn?; nahe. Es dürfte sehr schwer seyn, eine vernünftige Erklärung von der Verwandtschaft der blinden Hohlen -Thiere iml den andern Bewohnern der beiden Kontinente aus dem gewöhnlichen Gesichtspunkte einer unabhängigen Erschaffung zu geben. Dass einige von den Hbhlen-Bewohnern der Alten und der Nun» Well in naher Beziehung zu einander stehen, liisst sich aus den wohl-bekannten Verwandtschalts-Verhaltnissen ihrer meisten übrigen Erzeugnisse zu einander erwarten. Zwar geboren einige der den Höhlen beider Hemisphären gemeinsamen Insekten zu solchen Sippen, welche bis jetzt allerdings nur in Hohlen gefunden worden, aber früher wohl eine weite oberflächliche Verbreitung gehabt haben mögen. Blinde Arten der Sippe Adelops wohnen jetzt in Höhlen und werden ausser denselben an dunkeln Orten unter .Moos u. s. w. gefunden. Ferne davon mich darüber zu wundern, dass einige der Höhlen-Thiere von sehr anomaler Beschaffenheit sind, wie Acassiz von dein blinden Fische Amblyopsis in Amerika bemerkt, und wie es mit dem blinden Keptile Proteus in Europa der Kall ist, bin ich vielmehr erstaunt, dass sich darin nicht mehr Wracks der alten l.ebenlormen erhallen haben, da solche in diesen dunkeln Abgründen wohl einer minder strengen Mitbewerbung ausgesetzt gewesen seyn winden *.

Akklima tisirung.) Gewohnheit ist bei Pflanzen erblich in Bezug auf BlOthe-Zeit, nöthige Regen-Menge für den Keimungs-Prozess, Schlaf u. s. \v., und Üiess veranlasst mich hier noch Einiges über Akklimatisirung zu sagen. Es ist sehr gewöhnlich, dass Arien von einerlei Sippe sehr heisse sowie sehr kalte Gegenden bewohnen: und da ich glaube, dass alle Arten einer Sippe von einem gemeinsamen Urvater abstammen, so muss, wenn Dicss richtig, Akklimatisirung widirend einer langen Fortpflanzung leicht bewirkt werden können. Es ist bekannt, dass jede Arl dem Klima ihrer eignen Heimath angepasst ist; Arten einer arktischen oder auch nur einer gemässigten Gegend können in

Ein vollständiges Verzeichniss der Bewohner dunkler Höhlen hal F.hhbnberg zusammengetragen in den Mona's Berichten der Berliner Akademie 1859, 758 ff.                                                                    D (jbs

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einem tropischen Klima nicht ausdauern, u. u. So kiinnen auch manche Fetlpflanzen nicht in feuchtem Klima Ibrtkoinmen. Doch ist der Grad der Anpassung; der Arten an das Klima, worin sie leben, oft überschätzt worden. Wir kiinnen Diesa schon aus unsrer oftmaligen Unfähigkeit vorauszusagen, ob eine eingeführte Pflanze unser Klima ausdauren werde oder nicht, sn wie aus der grossen Anzahl von Pflanzen und Thiercn entnehmen, welche aus wärmerem Klima zu uns verpflanzt hier ganz wohl gedeihen. Wir haben Grand anzunehmen, dass im Natur-Stande Arten durch die .Mitbewerbung andrer organischer Wesen eben so sehr oder noch starker in ihrer Verbreitung beschränkt »erden, als durch ihre Anpassung an besondre Klimate. Mag aber die Anpassung im Allgemeinen eine sehr genaue seyn oder nicht: wir haben bei einigen wenigen Pflanzen-Arten Beweise, dass dieselben schon von der Natur in gewissem Grade an ungleiche Temperaturen gewohnt oder akklimatisirt werden. So zeigen die von Dr. Hooker aus Säumen von verschiedenen Höhen lies Himalayii erzogenen Pinus- und Rhododendron-Arten auch ein verschiedenes Vermögen der Kalte zu widerstehen. Herr Twaites belichtet mir, dass er ähnliche Thalsachen auf Ceylon beobachtet habe, und Herr H. C. VVatson bat ähnliche Erfahrungen mit Pflanzen gemacht, die von den Azoren nach England gebracht worden sind. In Bezug auf Thiere Messen sich manche wohl beglaubigte Falle anfuhren, dass Arten derselben binnen geschichtlicher Zeit ihre Verbreitung weit aus wärmeren nach kälteres Zonen oder umgekehrt ausgedehnt haben: jedoch wissen wir nicht mit Bestimmtheit, ob diese Thiere einst ihrem heimalhlichen Klima enge angepasst gewesen, obwohl wir Diess in allen gewöhnlichen Fällen voraussetzen, — und ob demzufolge sie erst einer Akklimatisirung in ihrer neuen Heimath bedurft haben, oder nicht.

Da ich glaube, dass unsre Hausthiere ursprunglich von noch unzivilisirten Menschen gezähmt worden sind, weil sie ihnen nützlich und in der Gefangenschaft leicht fortzupflanzen waren, und nicht wegen ihrer erst später erkundeten Tauglichkeit zu weil ausgedehnter Verpflanzung, so kann nach meiner Meinung das gewöhnlich ausserordentliche Vermögen unsrer Hausthiere

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di,. verschiedensten Klimata muBubalton und sich darin (ein viel neuartigeres Zeugniss) fortzupflanzen, zur Schlussfolgerung dienen, dass auch eine vorlialtnissmassig grosso Anzahl andrer Thicre. die sich jelzl noch in Natur - Zustande befinden, leicht dazu gebracht worden konnte, sehr verschiedene hliinate zu ertragen. Wir dürfen jedoch die vorangehende Folgerung nicht zu weit treiben, weil einige unsrer Hausthiere von verschiedenen wilden Stammen herrühren können. wie z. B. in unsren Haushund-Kassen das Blut eines tropischen und eines arklisdicn Wolfes oder wilden Hundes gemischt seyn könnt«:. Hatten und Mause dürfen nicht als Hausthiere angesehen werden : und doch sind sie vom Menschen in viele Theile der Welt übergeführt worden und besitzen jetzt eine weitre Verbreitung als irgend ein andres Nagethicr, indem sie frei unter dem kalten Himmel der Faröer im Norden und der Falklands-Inseln im Süden, wie auf vielen Inseln der Tropen-Zone leben. Daher ich geneigt bin, die Anpassung an ein besondres Klima als eine leicht auf eine angeborene weile Biegsamkeit der Konstitution, welche den meisten Thieren eigen ist, gepropfte Eigenschaft zu betrachten. Dieser Ansicht zu Folge hat man die Fähigkeit des Menschen und seiner meisten Hausthiere die verschiedensten Klimale zu ertragen und solche Thalsachen, wie das Vorkommen einstiger F.lephanten- und Khinozeros-Arten in einem Eis-Klima, wahrend deren jetzt lebenden Arten alle eine tropische oder subtropische Heimatli haben, nicht als Gesetzwidrigkeiten zu betrachten, sondern lediglich als Beispiele einer sehr gewöhnlichen Biegsamkeil der Konstitution anzusehen, welche nur unter besondern l mslan-den mehr zur Geltung gelangt ist.

VI ie viel von der Akklimalisirung der Arten an ein besondres Klima bloss Gewohnheils-Sache seye, wie viel von der Natürlichen Züchtung von Varietäten mit verschiedenen Körper-Verfassungen abhänge, oder wie weit beide Ursachen zusammenwirken, isl eine sehr schwierige Frage. Dass Gewohnheit und l'bung einigen Einfluss habe, will ich sowohl nach der Analogie als nach den ununterbrochenen Warnungen wohl glauben, welche in unsern landwirtschaftlichen Werken und selbst in alten Chinesischen Encyclo-

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püdien enthalten sind, recht vorsichtig bei Versetzung von Thieren aus einer Gegend in die andre zu seyn. Denn es ist nicht wahrscheinlich, dass man durch Züchtung so viele Rassen und Unterrassen mit eben so vielen verschiedenen Gegenden ange-passten Konstitutionen gebildet habe; das Ergebniss rührt vielmehr von Gewohnung her. Andrerseits sehe ich auch keinen Grund zu zweifeln, dass Natürliche Züchtung bestandig diejenigen Individuen zu erhalten strebe, welche mit den für ihre Heimalh-Gegenden am besten geeigneten Korper-Verfassungen geboren sind. In Schriften über verschiedene Sorten kullivirter Pflanzen heisst es von gewissen Varietäten, dass sie dieses oder jenes Klima besser als andre vertragen. Diess ergibt sich sehr schlagend aus den in den Vereinten Staaten erschienenen Werken über Obstbaum-Zucht, worin gewöhnlich diese Varietäten für die nördlichen und jene für die südlichen Staaten empfohlen werden: und da die meisten dieser Abarten noch neuen Ursprungs sind, so kann man die Verschiedenheit ihrer Konstitutionen in dieser Beziehung nicht der Gewöhnung zuschreiben. Man hat die Jerusalem-Artischoke, welche sich nicht aus Saamen fortpflanzt und daher niemals neue Varietäten geliefert hat, angeführt als Beweis, dass es nicht möglich seyc eine Akklimalisirung zu bewirken, weil sie noch immer so empfindlich seye, wie sie jederzeit gewesen: zu gleichem Zwecke hat man sich oft auf die Schminkbohne, und zwar mit viel grosserem Nachdrucke berufen. So lange aber, als nicht jemand einige Dutzend Generationen hindurch seine Schininkbohnen so frühzeitig aussäet, dass ein sehr grosser Theil derselben durch Frost zerstört wird, und dann, mit der gehörigen Vorsicht zur Vermeidung von Kreutzun-gen, seine Saamen von den wenigen überlebenden Stocken nimmt und von deren Sämlingen mit gleicher Vorsicht abermals seine Saunen erzieht, so lange wird mau nicht sagen können, dass der Versuch angestellt Worden seye. Auch kann man nicht unterstellen, dass nicht zuweilen Verschiedenheiten in der Konstitution dieser verschiedenen Bohnen-Samlinge zum Vorschein kommen; denn es ist bereits ein Bericht darüber erschienen, wie viel härter ein Theil dieser Sämlinge gegenüber den andern seye.

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Im Ganzen kann man, glaube ich, schliessen. dass Gewöhnung, Gebrauch und Nichtgebrauch in manchen Fallen einen beträchtlichen Kinfluss auf die Änderung; der Konslilulion und den Dan verschiedener Organe ausgeübt haben: dass jedoch diese Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauch» oft in ansehnlichem GrUle vermehrt und mitunter noch überboten worden sind durch Natürliche Züchtung mittelst angeborner Abänderungen.

Wechselbeziehungen der Bildung) — Ich will mit diesem Ausdrucke sagen, dass die ganze Organisation der natürlichen Wesen so unter sich verkettet ist. dass, wenn wahrend der Enlwiekelung und dem Wachsthum des einen Theiles eine geringe Abänderung erfolgt und von der Natürlichen Züchtung gehäuft wird, auch andre Theile geändert werden müssen. Üiess ist ein sehr wichtiger Punkt, aber noch wenig begriffen. Der gewöhnlichste Kall ist der. dass Abänderungen, welche nur zum Nutzen der Larve oder des Jungen gehäuft werden, zweifelsohne auch die Organisation des Erwachsenen berühren; ebenso wie eine Missbildung, welche den frühesten Embryo betrilH, auch die ganze Organisation des Alten ernstlich berühren wird. Die mehrzahligen homologen und in der Irübesten Embryo-Zeit einander noch ahnlichen Theile des Korpers scheinen in verwandter Weise zu variiren geneigt; daher die rechte und linke Seile des Korpers in gleicher Weis« abzuändern pflegen, die vorderen Glicdmaassen in gleicher Weise wie die hintern, und sogar in gleicher Weise wie die Kinnladen, da man ja den Unterkiefer für ein Homologen der Glicdmaassen halt. Diese Neigungen kennen, wie ich nicht bezweifle, durch Natürliche Züchtung mehr und weniger beherrscht werden; so hat es früher eine Hirsch-Kamilie mit einem Augsprossen nur an einem Geweihe gegeben, und wäre diese Eigenheit von irgend einem grosseren Nutzen gewesen, so würde sie durch Natürliche Züchtung vermutblich bleibend geworden seyn.

Homologe Theile streben, wie einige Autoren bemerkt

hüben, zusammenzuhängen, man sieht Diess oft in monströsen

Pflanzen; und nichts ist gewöhnlicher als die Vereinigung

homologer Theile zu normalen Bildungen, wie z. B. die Vereiui-

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gung der Kronen-Bliiltcr zu einer Röhre". Harte Theile scheinen auf die Form anliegender weicher einzuwirken, und einige Autoren sind der Meinung, dass die Verschiedenheit in der Form des Beckens der Vögel den merkwürdigen Unterschied in der Form ihrer Nieren verursache. Andere glauben, dass beim Menschen die Gestalt des Beckens der Mutler durch Druck auf die Schä-ilel-Form des Kindes wirke**. Bei Schlangen bedingen nach Schlegel die Foriri des Körpers und die Art des Sehlingens die Lage einiger der wichtigsten Eingeweide. Die Beschaffenheit des Bandes der Wechselbeziehung ist sehr oll ganz dunkel. Isidore Geoffkoy Saikt-Hilaire hat auf nachdrückliche Weise hervorgehoben, dass gewisse .Missbildungen sehr häutig und andre sehr selten zusammen vorkommen, ohne dass wir den Grund anzugeben vermöchten. Was kann eigenlhümlicher seyn, als die Beziehung zwischen den blauen Augen und der Taubheil der Katzen, oder die der Farbe des Panzere mit dem weiblichen Geschlechte der Schildkröten; die Beziehung zwischen den gefiederten Füssen und der Spannhaut zwischen den ausseien Zehen der Tauben, oder die zwischen der Anwesenheit von mehr oder weniger Flaum an den eben ausschlüpfenden Vögeln mit der künltigen Farbe ihres Gefieders 5 oder endlich zwischen Behaarung und Zahn-Bildung des nackten Türkischen Hundes, obschon hier wohl Homologie mit ins Spiel kommt. Mil Bezug auf diesen letzten Fall von Wechselbeziehung seheint es mir kaum zufällig zu seyn, dass diejenigen zwei Saugelliier-Ordnungen, welch.' am abnormsten in ihrer Bekleidung, auch am abweichendsten in der Zahn-Bildung sind: nämlich die Cetaeeen (Wale) und die Edentalen (Schuppenthiere, Gürtelthiere u. s. w.).

Ich kenne keinen Fall, der besser geeignet wäre, die Wesen-

0 Weil gewöhnlicher ist gewiss das Streben homologer Thcile sich sowie andre mil fortschreitender Enlwickclung selbslstiindigcr zu dillerenziren, es seye denn, dass jenes Streben unter sieb zusammcn/.uhängcn eine Diiicrenii-rung von heterologen Thcilen bewirke, wie eben in Blumen.         D. Lbrs.

* Dieses ist nur bei solchen weichen Thcilen denkbar, welche sieb nach den ihnen anliegenden harten bilden, die ihrerseits selbst aus weichen hervorgehen. Der Schädel modelt nicht das werdende Gehirn, sondern dieses den Schädel!                                                                                           D- Üd™-

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heil der Gesetze der Wechselbeziehung bei Abänderung wirh-liger Gebilde unabhängig von deren Nützlichkeit und somit auch von der Natürlichen Züchtung darzuthun, all es die Yerschic-denheit der aussein und innern Rliilhen im BlUlhenslande einiger Compositiflorae und Umbelliferae ist. Jedermann kennt den Unterschied zwischen den mitteln und den Kand-ISliithen z. B. des Gänseblümchens (Bellis), und diese Verschiedenheit ist oft verbunden mit der Verkümmerung einzelner Blumen Theile. Aber in einigen Coinpositifloreii unterscheiden sich auch die Früchte der beiderlei Blülhen in Grösse und Skulptur, und selbst die Ovarien mit einigen Ncbentheilen weichen ab. wie Cassini nachgewiesen. Diese Unterschied« sind von einigen Botanikern dem Druck zugeschrieben worden, und die Frucht-Formen in den Sirahlen Blumen der Compositiflorcn unterstützen diese Ansicht: keineswegs aber Irillt es bei den Umbelliferen zu. dass die Arten mit den dichtesten Umbclleii die grösste Verschiedenheil zwischen den inneren und äusseren Blülhen wahrnehmen Hessen. Man halte denken können, dass die stärkere Entwiekelung der im Hände des Blülhenslandes befindlichen Kronenblätter die Verkümmerung andrer Blüthen-Theile veranlasst habe, indem sie ihnen Nahrung entzogen: aber bei einigen Compositifloren zeigl sich ein Unterschied in der Grösse der Früchte der innern und der Strahlen-Blüthen, ohne vorgängige Verschiedenheit der Krone. Möglich. dass diese mancherlei Unterschiede mit irgend einein Unterschied e in dem Zufluss der Säfte zu den mittel- und den Rand-sländigen Blülhen zusammenhangt; wir wissen wenigstens, dass hei unregelmässig geformten Blülhen die der Achse zunächst stehenden am Öftesten der l'eloria-Bildung unterworfen sind und regelmässig werden. Ich will als Beispiel dieses und zugleich als treffenden Fall von Wechselbeziehung der Entwickelung anführen, wie ich kürzlich in einigen Garten-Pelargonien beobachtet, dass die mitteln Blülhen der Dolde oft die dunkleren Flecken an den zwei oberen Kronenblattern verlieren und dass, wenn Diess der Fall, das anhangende Nectarium gänzlich verkümmert: fehlt der Fleck nur an einem der zwei oberen Kronenblätter, so wird das Nectarium nur stark verkürzt.

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Hinsichtlich der Verschiedenheiten der Blumcnkronen der milteln und randlichen Blumen einer Dolde oder eines Blülhen-köpfchens, so halte ich C. C. Sprengeis Einfall, dass die Strah-len-BIumen zur Anziehung der Insekten bestimmt seyen, deren Bewegungen die Befruchtung der Pflanzen jener zwei Ordnungen befördere, nicht für so weit hergeholt, als er beim ersten Blick sekeinen mag; und wenn es wirklich von Nutzen, so kann Natürliche Züchtung mit in Betracht kommen. Dagegen scheint es kaum möglich, dass die Verschiedenheit zwischen dem Bau der äusseren und der inneren Früchte, welche in keiner Wechselbeziehung mit irgend einer verschiedenen Bildung der Blüthen steht, irgend wie den Pflanzen von Nutzen seyn kann. Jedoch erscheinen bei den Dolden-Pflanzen die Unterschiede von so auffallender Wichtigkeit (da in mehren Fallen nach Tausch die Früchte der äusseren Blüthen orthosperm und die der mittelstandigen cölosperm sind), dass der altere DeCandoue seine Hauptabteilungen in dieser Pflanzen-Ordnung auf analoge Verschiedenheiten gründete. Wir sehen daher, dass Abänderungen der Struktur von gänzlich unbekannten Gesetzen in den Wechselbeziehungen der Entwicklung bedingt seyn können, und zwar ohne selbst den geringsten erkennbaren Vortheil für die Spezies darzubieten.

Wir mögen irriger Weise den Wechselbeziehungen der El-wickelung oft solche Bildungen zuschreiben, welche ganzen Arten-Gruppen gemein sind, aber in Wahrheit ganz einfach von Erblichkeit abhängen. Denn ein aller Stamm-Vater z. B. mag durch Natürliche Züchlung irgend eine Eigenlhümlichkeit seiner Struktur und nach tausend Generationen irgend eine andre davon unabhängige Abänderung erlangt haben, und wenn dann beide Modifikationen mit einander auf eine ganze Gruppe von Nachkommen mit verschiedener Lebensweise übertragen worden sind, so wird man natürlich glauben, sie stünden in einer notwendigen Wechselbeziehung mit einander. So zweifle ich auch nicht daran, dass einige anscheinende Wechselbeziehungen, welche in ganzen Ordnungen des Syslemes vorkommen, lediglich nur von der möglichen Wirkungs-Weise der Züchtung bedingt sind. Wenn z. B.

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AiriiciNS DeCaNBOUB bemerkt, Hass geflügelte Saamen nie in Früchten vorkommen, die sieh nicht öffnen, so möchte ich diese Kegel dureh die Thatsache erkliiren, dass Saamen nicht dureh Natürliche Züchtung allmählich beflügelt werden können, ausser in Früchten, die sich Offnen; so dass individuelle Pflanzen mit Saamen, welche etwas beflügelt und daher mehr zur weiten Fortführung geeignet sind, vor andern schlecht-beflügelten hinsichtlich ihrer Aussicht traf Erhaltung im Vorthcil sind, und dieser Vorgang kann nicht wohl mit solchen Früchten vorkommen, welche nicht aufspringen.

Der iiltre Gf.offroy und Gönn; haben ihr Gesetz von der Compensation der Entwicklung fast gleichzeitig aufgestellt, wor-nach, wie Götiie sich ausdruckt, die Natur geniithigt ist auf der einen Seite zu ersparen, was sie auf der andern mehr gibt. Piess passt in gewisser Ausdehnung, wie mir scheint, ganz gut auf unsre Kultur-Erzeugnisse: denn wenn einem Titeile oder Organe Nahrung in ('bcrfl.uss zuströmt, so kann sie nicht, oder wenigstens nicht in t'berfluss, auch einem andern zu Theil werden . daher man eine Kuh z. B. nicht zwingen kann, viel Milch zu geben und zugleich fett zu werden. Ein und dieselbe Kohl-Varictat kann nicht eine reichliche Menge nahrhafter Blatter und zugleich einen guten Ertrag von Öl-Saanien liefern. Wenn in unsrem Obste die Saamen verkümmern, gewinnt die Frucht selbst an Grösse und Güte. Bei unseren Hühnern ist einer grossen Federhaube auf dem Kopie gewöhnlich ein kleinerer Kamm beigesellt, und ist ein grosser Feder-Bart mit kleinen Bartlappen verbunden. Dagegen ist kaum anzunehmen, dass dieses Gesetz auch auf Arten im Natur-Zustande allgemein anwendbar seye, obwohl viele gute Beobachter und namentlich Botaniker an seine Wahrheit glauben. Ich will jedoch hier keine Beispiele anführen: denn ich kann schwer ein Mittel finden zu unterscheiden einerseits zwischen der durch Natürliche Züchtung bewirkten ansehnlichen Vergrösserung eines Theiles und der durch gleiche Ursache oder durch Nichtgebrauch veranlassten Verminderung eines anderen nahe dabei befindliehen Organes, und anderseits der Verkümmerung eines Organes dureh Nahrungs-Einbusse in

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Folgi! excessiver Rntwickclung cini's anderen nalu* dabei befinde lioben Theiles.

Ich vermulhe auch, dass einige der Falle, die man als Beweise der Compensalion vorgebracht, sich mit einigen anderen Thatsachen unter ein allgemeineres Prinzip zusammenfassen lassen, das Prinzip nämlich, dass Natürliche Züchtung fortwahrend bestrebt ist, in jedem Theile der Organisation zu sparen. Wenn unter veränderten Lebens-Verhältnissen eine bisher nützliche Vorrichtung weniger nützlich wird, so dürlte wohl eine wenn gleich nur unbedeutende Verminderung ihrer Grösse durch die Natürliche Züchtung erstrebt werden, indem es für das Individuum ja vorlheilhalt ist, wenn es seine Säfte nicht zur Ausbildung nutzloser Organe verschwendet. Nur auf diese Weise kann ich eine Thatsache begreiflich linden, welche mich, als ich mit der Untersuchung über die Cirripeden beschäftigt war, überraschte, nämlich dass, wenn ein Cirripede in anderen Organismen als Schmarotzer lebt und daher geschützt ist. er mehr oder weniger seine eigene Kalk-Schaale verliert. Diess ist mit dem Männchen von Ibla und in ausserordentlich hohem Grade mit Proteolepas der Fall: denn während der Panzer aller anderen Cirripeden aus den drei hochwichtigen Vordersegmenten des ungeheuer entwickelten Kopfes besteht und mit starken Nerven und Muskeln versehen ist, efSthcill an dem parasitischen und geschützten Proteolepas der ganze Vordertheil des Kopfes als ein blosses an die Basen der Bankenlüsse befestigtes ßudiment. Nun dürlte die Ersparung eines grossen und zusammengesetzten Gebildes, wenn es, wie hier durch die parasitische Lebens-Weise des Proteolepas, überflüssig wird, obgleich nur stufenweise voranschreitend, ein entschiedener Vortheil für jedes spätere Individuum der Spezies seyn, weil im Kample ums Daseyn, welchen das Thier zu kämpfen hat, jeder einzelne Proteolepas um so mehr Aussicht sich zu behaupten erlangt, je weniger Nahrstolf zur Entwickelung eines nutzlos gewordenen Organes verloren gebt.

Darnach, glaube ich, wird es der Natürlichen Ziicblung in die Länge immer gelingen, jeden Theil der Organisation zu verringern und zu ersparen, sobald er überflüssig geworden ist,

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olme riesshalb gerade einen anderen Theil in entsprechendem Grade sUirker auszubilden. Und eben so dürfle sie, umgekehrt, vollkommen im Stande sein ein Organ starker auszubilden, ohne die Verminderung eines anderen benachbarten Theiles als noth-wendige Compensation zu verlangen.

Nach Isidobf. Geoferov Saint-Hilaihk's Wahrnehmung scheint es bei Varii'taten wie bei Arten Kegel zu seyn, dass, wenn ein Theil oder ein Organ oftmals im Baue eines Individuums vorkommt , wie der Wirbel in den Schlangen und die Staubgelasse in den polyandrischen Blüthen, dessen Zahl veränderlich wird, wahrend die Zahl desselben Organes oder Theiles beständig bleibt, falls er sich weniger oft wiederholen muss. Derselbe Zoologe sowie einige Botaniker haben ferner die Bemerkung gemacht, dass sehr vielzahlige Theile auch grosseren Veränderungen im inneren Bau ausgesetzt sind. Zumal nun diese vegetativen Wiederholungen, wie R. Owen sie nennt, ein Anzeigen niedriger Organisation sind, so scheint die vorangehende Bemerkung mit der sehr allgemeinen Ansicht der Naturforscher zusammenzuhängen, dass solche Wesen, welche tief auf der Stufenleiter der Natur stehen, veränderlicher als die höheren sind. Ich verstehe unter tiefer Organisation in diesem Falle eine geringe l)if-ferenzirung der Organe für verschiedene besondere Verrichtungen: denn solange ein und dasselbe Organ verschiedene Arbeilen zu verrichten hat, lässt sich ein Grund für seine Veränderlichkeit vielleicht darin finden, dass Natürliche Züchtung jede kleine Abweichung der Form weniger sorgfältig erhält oder unterdrückt, als wenn dasselbe Organ nur zu einem besondern Zweck allein bestimmt wäre. So mögen Messer, welche allerlei Dinge zu schneiden bestimmt sind, im Gänsen so ziemlich von einerlei Form seyn, wahrend ein nur zu einerlei Gebrauch bestimmtes Merkzeug für jeden andern Gebrauch auch eine andere Form haben muss.

Auch unvollkommen ausgebildete, rudimentäre Organe sind

nach der Bemerkung einiger Schriftsteller, die mir richtig zu

seyn scheint, sehr zur Veränderlichkeit geneigt. Ich verweise

in dieser Hinsicht auf die Erörterung der rudimentären und abor-

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tiven Organe im Allgemeinen und will hier nur beifügen. dass ihre Veränderlichkeit durch ihre Gebranchlosigkeit bedingt zu seyn seheint, indem in diesem Falle Natürliche Züchtung nichts vermag, um Abweichungen ihres Baues zu verhindern. Daher rudimentäre Theile dem freien Einfluss der verschiedenen Waehs-thums - Gesetze, den Wirkungen lange fortgesetzten Nichtgebrauchs und dem Streben zur Rückkehr preisgegeben sind.

Ein in ausserordentlicher Stärke oder Weise in irgend einer Spezies entwickelter Theil hat, in Vergleich mit demselben Theile in anderen Arten, eine grosse Neigung zur Veränderlichkeit.') — Vor einigen Jahren wurde ich durch eine ähnliche von Watehiiocse veröffentlichte Äusserung überrascht. Auch schliesse ich aus einer Bemerkung des Professors R. Owen über die Länge der Arme des Orang-Utang, dass er zur nämlichen Ansicht gelangt seye. Es ist keine Hoffnung vorhanden, jemanden von der Wahrheit dieser Behauptung zu überzeugen, ohne die Aufzählung der langen Reihe von Thatsachen, die ich gesammelt, aber hier nicht mittheilen kann. Ich vermag nur meine Überzeugung auszusprechen, dass es eine sehr allgemeine Regel ist. Ich kenne zwar mehre Ursachen, welche zu Irrthum in dieser Hinsicht Veranlassung geben können, hoffe aber sie genügend berücksichtigt zu haben. Vor Allem ist zu bemerken, dass diese Regel auf keinen wenn auch an sich noch so ungewöhnlich entwickelten Theil Anwendung finden soll, woferne er nicht auch demselben Theile bei nahe verwandten Arten gegenüber ungewöhnlich ausgebildet ist. So abnorm daher auch die Flügel-Bildung der Fledermäuse in der Klasse der Säugethiere ist, so bezieht sich doch jene Regel nicht darauf, weil diese Bildung einer ganzen Ordnung zukommt; sie würde nur anwendbar seyn, wenn die Flügel einer Fledermaus - Art in merkwürdigem Verhältnisse gegen die Flügel andrer Arten derselben Sippe vergrüsserl waren. Diese Regel entspricht sehr gut den ungewöhnlich verwickelten »sekundären Sexual-Charaktern«, mit welchem Ausdrucke Hvntkii dic-diejenigen Merkmale bezeichnete, welche nur dem Mannchen oder dem Weibchen allein zukommen', aber mit dem Fortpflan-

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zungs Akte nicht in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Die Regel findet sowohl aul' Männchen wie auf Weibchen Anwendung, doch mehr aur die ersten, weil auffallende Charaktere dieser Art bei Weibchen überhaupt selten sind. Die vollkommene Anwendbarkeit der Regel auf diese letzten Falle dürfte mit der grossen und nicht zu bezweifelnden Veränderlichkeit dieser Charaktere überhaupt, mögen sie viel oder wenig entwickelt seyn, zusammenhangen. Dass sich aber unsre Regel in der That nicht aul die sekundären Charaktere dieser Art allein beziehe, erhellt aus den hermaphroditischon Cirripeden: und ich will hier beifügen, dass ich bei der Untersuchung dieser Ordnung Herrn Watebhoise's Bemerkung besondre Beachtung zugewandt habe und vollkommen von der fast unveränderlichen Anwendbarkeil dieser Regel auf die Cirripeden überzeugt bin. In meinem spateren Werke werde ich eine vollständigere Liste der einzelnen Falle geben: hier aber will ich nur einen anführen, welcher die Regel in ihrer ausgedehntesten Anwendbarkeit erläutert. Die Deckelklappen der sitzenden Cirripeden (Balaniden) sind in jedem Sinne des Wortes sehr wichtige Gebilde und variiren selbst von einer Sippe zur andern nur wenig. Nur in den verschiedenen Arten von P_\rgoma allein bieten diese Klappen einen wundersamen Grad von Differenzirung dar. Die homologen Klappen sind in verschiedenen Arten zuweilen ganz unähnlich in Form, und der Betrag möglicher Abweichung zwischen den Individuen einiger Arten ist so gross, dass man ohne Übertreibung behaupten darf, ihre Varietäten weichen in den Merkmalen dieser wichtigen Klappen weiter auseinander, als sonst Arten verschiedener Sippen. Da Vögel innerhalb einer und derselben Gegend ausserordentlich wenig variiren, so habe ich auch sie in dieser Hinsicht naher geprüft und die Regel auch in dieser Klasse sehr gut bewahrt gefunden. Ich kann nicht nachweisen, dass sie sich auch bei den Pflanzen so verhalte, und mein Vertrauen auf ihre Allgemeinheit würde hiedurch sehr erschüttert worden seyn, wenn nicht eben die grosse Veränderlichkeit der Pflanzen überhaupt es sehr schwiertig machte, die bezüglichen Veränderlichkeils-Grade beider miteinander zu vergleichen.

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Wenn wir bei irgend einer Spezies einen Theil oder ein Organ in merkwürdiger Höhe oder Weise entwickelt sehen, so läge es am nächsten anzunehmen, dass dasselbe dieser Arl von grosser Wichtigkeit seyn müsse, und doch ist der Theil in diesem Falle ausserordentlich veränderlich. Wie kommt Diess ? Aus der Ansicht, dass jede Art mit allen ihren Theilen, wie wir sie jetzt sehen, unabhängig erschaffen worden seye. können wir keine Erklärung schöpfen. Dagegen scheint mir die Annahme, dass Arten - Gruppen eine gemeinsame Abstammung von andern Arten haben und nur durch Natürliche Züchtung mndifizirt worden sind, einiges Licht über die Frage zu verbreiten. Wenn bei unseren Hausthieren ein einzelner Theil oder das ganze Thier vernachlässigt und ohne Züchtung fortgepflanzt wird, so wird ein solcher Theil (wie z. B. der Kamm bei den Dorking-Hühnern) oder die ganze Kasse aufhören einen einförmigen Charakter zu bewahren. Man wird dann sagen, sie seye ausgeartet. In rudimentären und solchen Organen, welche nur wenig für einen besondern Zweck dilfercnzirt worden sind, sowie in polymorphen Gruppen, sehen wir einen fast gleichlaufenden Fall in der Natur; denn hier kann die Natürliche Züchtung nicht oder nur wenig zur Geltung kommen und die Organisation bleibt in einein schwankenden Zustande. Was uns aber hier näher angeht, das ist, dass eben bei unseren Hausthieren diejenigen Charaktere, welche durch fortgesetzte Züchtung so rascher Abänderung unterliegen, eben so rasch in hohem Grade zu variiren geneigt werden. Man vergleiche einmal die Tauben-Rassen: was für ein wunderbar grosses Maass von Veränderung zeigt sich nur in den Schnäbeln der Purzeltauben, in den Schnäbeln und rothen Lappen der verschiedenen Botenlauben (Cyprianer), in Haltung und Schwanz der Pfauentaube, weil die Englischen Liebhaber auf diese Punkte wenig achten. Schon die l'nterrassen wie die kurzslirnigen Purzler sind bekanntlich schwer vollkommen zu linden, und oft kommen dabei einzelne Tbiere zum Vorschein, welche weit von dem Mustcrhildc abweichen. Man kann daher mit Wahrheit sagen, es finde ein beständiger Kampf statt zwischen einerseits einem Streben zur Hürkkehr in eine minder differenzirto Beschaffenheit und einer

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angeborenen Neigung zu weiterer Veränderung »Her Art, und »ndorseits dem Vermögen foi twahrender Züchtung zur Kein-crhaltung der Rasse. Bei langer Dauer gewinnt Züchtung den Sieg, und wir furchten nicht mehr so weit vom Ziele abzuweichen, dass wir von einem guten kurzstirnigen Stamm nur einen gemeinen l'urzler erhielten. So lange aber die Züchtung noch in raschem Fortschritt begritlen ist, wird immer eine grosse Unbeständigkeit in dem der Veränderung unterliegenden Gebilde zu erwarten seyn. Es verdient ferner bemerkt zu werden, dass diese durch künstliche Züchtung erzeugten veränderlichen Charaktere aus uns ganz unbekannten Ursachen sich zuweilen mehr an das eine als an das andre Geschlecht knüpfen, und zwar gewöhnlich an das männliche, wie die Fleischwarzen der Kng-lischen liotentaube und der mächtige Kropf des Kroplcrs.

Doch kehren wir zur Natur zurück. Ist ein Theil in irgend einer Spezies den andern Arten derselben Sippe gegenüber auf ;i!i.NMTi!ewohnliche Weise vergrössert, so konneu wir annehmen, derselbe habe seit ihrer Abzweigung von dem gemeinsamen Stamme einen ungewöhnlichen Betrag von Abänderung erfahren. Diese Zeit der Abzweigung wird selten ausserordentlich weit zurückliegen, da Arten nur selten langer als eine geologische l'eriode dauern. Ein ungewöhnlicher Betrag von Verschiedenheit setzt ein ungewöhnlich langes und ausgedehntes Maass von Veränderlichkeit voraus, deren Produkt durch Züchtung zum Besten der Spezies fortwährend gehäuft worden ist. Da aber die Veränderlichkeit des ausserordentlich entwickelten Theilcs oder Organes in einer nicht sehr weil zurückreichenden Zeit so gross und andauernd gewesen ist, so mochten wir auch jetzt noch in der Regel mehr Veränderlichkeit in solchen als in andern Thcilen der Organisation, welche schon seit viel längrer Zeit bestandig geworden sind, anzutreten erwarten. Und diese findet nach meiner Überzeugung statt. Dass aber der Kampf zwischen Nalürlicher Züchtung einerseits und der Neigung zur Rückkehr und zur weiteren Abänderung anderseits mit der Zeit aufhören und auch die am abnormsten gebildeten Organe bestandig werden können, ist kein Grund vor-

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handen zu bezweifeln. Wenn daher ein Or<ran. wie regelwidrig; es auch seyn mag | in ungefähr gleicher Beschaffenheit auf viele bereits abändernde Nachkommen übertragen wird, wie Dies« mit dem Flügel der Fledermaus der Fall ist, so muss es meiner Theorie zufolge schon eine unermessliche Zeit hindurch in dem gleichen Zustande vorhanden gewesen und in dessen Folge jetzt nicht mehr veränderlicher als irgend ein andres Organ seyn. Nur in denjenigen Fallen, wo die Modifikation noch verhältnissmassig jung und ausserordentlich gross ist, werden wir daher die «generative Veränderlichkeit«, wie wir sie nennen wollen, noch in hohem Grade forldauernd finden. Denn in diesem Falle wird die Veränderlichkeit nur selten schon durch ununterbrochene Züchtung der in irgend einer beabsichtigten Weise und Stufe varii-renden und durch fortwahrende Verdrängung der zur Rückkehr geneigten Individuen zu einem festen Ziele gelangt seyn.

Das in diesen Bemerkungen enthaltene Prinzip ist noch einer Ausdehnung fähig. Es ist nämlich bekannt, dass die spezifischen mehr als die Sippen-Charaktere abzuändern geneigt sind. Ich will mit einem einlachen Beispiele erklaren, was ich meine. Wenn in einer grossen Pflanzen-Sippe einige Arten blaue Blülhen haben und andere haben rothe, so wird die Farbe nur ein Art-Charakler seyn und daher auch niemand überrascht werden, wenn eine blau blühende Art zu Roth übergeht oder umgekehrt. Wenn aber alle Arten blaue Blumen haben, so wird die Farbe zum Sippen-Charaktere, und ihre Veränderung wird schon eine ungewöhnliche Erscheinung seyn. Ich habe gerade dieses Beispiel gewählt, weil eine Erklärung, welche die meisten Naturforscher sonst beizubringen geneigt seyn würden, darauf nicht anwendbar ist, dass nämlich spezifische Charaktere desshalb weniger als generische veränderlich erscheinen, weil sie von Weilen entlehnt sind, die eine mindere physiologische Wichtigkeit besitzen, als diejenigen, welche gewöhnlich zur Klassifikation der Sippen dienen. Ich glaube zwar, dass diese Erklärung theilweise. wenn auch nur indirekt, richtig ist, kann jedoch erst in dem Abschnitte „her Klassifikation darauf zurückkommen. Es dürft« ganz überflüssig seyn, Beispiele zu Unterstützung der obigen

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Behauptung anzurühren, dass Arien - Charaktere veränderlicher als Sippen-Charaktere seyen; ieh habe aber aus nalurhistons, I„„ Werken wiederholt enlnonimen, dass, wenn ein Schriftsteller durch die Wahrnehmung überrascht war, dass irgend ein wichtigere! Organ, welches sonst in ganzen grossen Arten-Gruppen beständig zu seyn pllegl, in nahe verwandten Arten ansehnlich abändere, dasselbe dann auch in den Individuell einiger der Arien \ariirte. Diese Thiitsache zeigt, dass ein Charakter, der gewöhnlich von genetischem Werthc ist, wenn er zu spezifischem Werthe herabsinkt, oft veränderlich wird, wenn auch seine physiologische Wichtigkeit die nämliche bleibt. Etwas Ähnliches findet auch auf Monstrositäten Anwendung: wenigstens scheint Isidobk GeOkkroy Saint-Hiiauu: keinen Zweifel darüber zu hegen, dass ein Organ um BD mehr individuellen Anomalien unterliege , je mehr es in den verschiedenen Arten derselben Gruppe verschieden ist.

Wie wäre es nach der gewohnlichen Meinung, dass jede Art unabhängig erschallen worden seye. zu erklären, dass derjenige Theil der Organisation, welcher von demselben Theile in anderen unabhängig erschaffenen Arten derselben Sippe mehr abweicht, auch veränderlicher ist, als jene Theile, welche in den verschiedenen Arten einer Sippe nahezu übereinstimmen. Ich sehe keine Möglichkeit ein Hiess zu erklaren. Wenn wir aber von der Ansicht ausgehen, dass Arten nur wohl unterschiedene und standig gewordene Varietäten sind, so werden wir sicher auch erwarten dürfen zu sehen, dass dieselben noch jetzt oft fortfahren in denjenigen Theilcn Uuk» Organisation abzuändern, welche erst in verhaltnissmassig neuer Zeit in Folge ihres Variirens von der gewiiliiilichcr.'ii Bildung zurückgewichen sind. Oder, um den Kall in einer andern Weise darzustellen: die Merkmale, worin alle Arten einer Sippe einander gleichen, und worin dieselben von allen Arten einer andern Sippe abweichen, heissen generische, und diese Merkmale zusammengenommen leite ich mittelst Vererbung von einem gemeinschaftlichen Stammvater ab; denn nur selten kann es der Zufall gewollt haben, dass Natürliche Züchtung verschiedene mehr oder weniger abweichenden Lebensweisen angepasste Arien genau auf dieselbe Weise modifuirt ,

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hat: und da diese sogenannten generisihen Charaktere schon von sehr frühe her, seit der Zeit nämlich wo sie sich von ihrer gemeinsamen Stamm-Art abgezweigt haben, vererbt worden sind, und sie sich spater nicht mehr oder nur noch wenig verändert haben, so ist es nicht wahrscheinlich, dass sie noch heutiges Tages abändern. Anderseits nennt man die Punkte, wodurch sich Arien von andern Arten derselben Sippe unterscheiden, spezifische Charaktere, und da diese seit der Zeit der Abzweigung der Arien von der gemeinsamen Stamm-Art abgeändert haben, so ist es wahrscheinlich, dass dieselben noch jetzt oft cinigermassen veränderlich sind, veränderlicher wenigstens, als diejenigen Theile der Organisation, welche während einer sehr langen Zeit-Dauer sich als beständig erwiesen haben.

Im Zusammenhang mit diesem Gegenstände will ich noch zwei andre Bemerkungen inachen. — Ohne dass ich nüthig habe, darüber auf Einzelheiten einzugehen, wird man mir zugehen, dass sekundäre Sexual-Charaktere sehr veränderlich sind: man wird mir wohl auch ferner zugeben, dass die zu einerlei Gruppe gehörigen Arien hinsichtlich dieser Charaktere weiter als in andern Theilen ihrer Organisation auseinander gehen können. Vergleicht man Beispiels-weise die Grosse der Verschiedenheil zwischen den Männchen der Hühner-artigen Viigel, bei welchen diese Art von Charakteren vorzugsweise stark entwickelt sind, mit der Grosse der Verschiedenheit zwischen ihren Weibchen, so wird die Wahrheit jener Behauptung eingeräumt werden. Die Ursache der ursprünglichen Veränderlichkeil der sekundären Sexual-Cha-raklere ist nicht nachgewiesen: doch lässt sich begreifen wie es komme, dass dieselben nicht eben so einförmig und beständig geworden sind als andre Theile der Organisation: denn die sekundären Sexual-Charaktere sind durch geschlechtliche Züchtung gehäuft worden, welche weniger strenge in ihrer Thäligkeit als die gewohnliche ist, indem sie die minder begünstigten Mannchen nicht zerstört, sondern bloss mit weniger Nachkommenschaft versieht Welches aber immer die Ursache der Veränderlichkeit dieser sekundären Sexual-Charaktere seyn mag; da sie nun einmal sehr verä nderlich sind, so hat tlie Natürliche

The Comolete Work o*f Charles Darwin Online.

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Zuchtung darin einen weilen Spielraum f»r ihre Thatigkeit gefunden und soinil den Arien einer Gruppe leicht einen grosseren Beirag von Yerscliivdenlieit in ihren Sexual-Churakteren, als in andern Theilen ihrer Organisation verleihen können.

Ks ist eine merkwürdige Thatsache, dass die sekundären ScMial-Verschicdonheiteii zwischen beiden Geschlechtern einer \il sich gewöhnlich genau in denselben Theilen der Organisation entfalten, in denen auch die verschiedenen Arten einer Sippe von einander abweichen. Um Diess zu erläutern will ich nur zwei Beispiele anführen, welche zufällig die ersten auf meiner Liste stehen: und da die Verschiedenheiten in diesen Fallen von sehr ungewöhnlicher Art sind, so kann die Beziehung kaum zufällig seyn. Sehr grosso Gruppen von Karern haben eine gleiche Anzahl von Tarsal-Glicdern mit einander gemein; nur in der Familie der F.ngidae ändert nach Westwood's Beobachtung diese Zahl sehr ab, sogar in den zwei Geschlechtern einer Art. Ebenso ist bei den Grabenden Hymenopleren der Verlauf der Flilgel-Adorn ein Charakter von höchster Wichtigkeit, weil er sich in grossen Gruppen gleich bleibt: in einigen Sippen jedoch ändert er von Art zu Arl und dann gleicher Weise auch oft in den /.wei Geschlechtern der nämlichen Art ab. Diese Beziehung hat eine klare Bedeutung in meiner Anschauungs-Weise: ich be-Irachle nämlich mit Bestimmtheit alle Arten einer Sippe als Abkömmlinge von demselben Slamm-Vater, wie die zwei Geschlechter in jeder Art. Folglich: was immer für ein Theil der Organisation des gemeinsamen Stamm-Vaters oder seiner ersten Nachkommen veränderlich geworden, so werden höchst wahrscheinlich Abänderungen dieser Theile durch Natürliche und Geschlechtliche Züchtung begünstigt worden seyn, um die verschiedenen Arten verschiedenen Stellen im Haushalte der Natur anzupassen, und ebenso um die zwei Geschlechter einer nämlichen Spezies für einander geschickt zu machen, oder auch um Mannchen und Weibehen zu verschiedenen Lebensweisen zu eignen, oder endlich die Männchen in den Stand zu setzen mit anderen Männchen um die Weibehen zu kämpfen.

Endlich gelange ich also zu dem Schlüsse, dass die grossre

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Veränderlichkeit der spezilischen Charaktere, wodurch sich Art von Art unterscheidet, gegenüber den generischen Merkmalen, welche die Arten einer Sippe gemein haben, — dass die oft ausscrste Veränderlichkeit des in irgend einer einzelnen Art ganz ungewöhnlich entwickelten Theiles gegenüber der geringen Veränderlichkeit eines wenn auch ausserordentlich entwickelten, aber einer ganzen Gruppe von Arten gemeinsamen Theiles, — dass die grosse Unbeständigkeit sekundärer Sexual-Charaklere und das grosse Maass von Verschiedenheit in denselben Merkmalen zwischen einander nahe verwandten Arten, — dass die Entwickelung sekundärer Sexual- und gewöhnlicher Art-Charaktere gewöhnlich in einerlei Theilen der Organisation — Alle.« eng unter-einander verkettete Prinzipien sind. Alle entspringen hauptsachlich daher, dass die zu einer Gruppe gehörigen Arten von einem gemeinsamen Stamm-Vater herrühren, von welchem sie Vieles gemeinsam ererbt haben: — dass Theile, welche erst neuerlich noch starke Umänderungen erlitten, leichter zu variiren geneigt sind als solche, welche sich schon seit langer Zeit ohne alle Veränderung fortgeerbt haben; — dass die sexuelle Züchtung weniger streng als die gewöhnliche ist: — endlich, dass Abänderungen in einerlei Organen durch natürliche und durch sexuelle Züchtung gehäuft und für sekundäre Sexual- und gewöhnliche spezifische Zwecke angepasst worden sind.

Verschiedene Arten zeigen analoge Abänderungen: und die Varietät einer Spezies nimmt oft einige von den Charakteren einer verwandten Spezies an, oder sie kehrt zu einigen von den Merkmalen der Stamm-Arl zurück.) Diese Behauptungen versteht man am leichtesten durch Betrachtung der Hausthier-Rassen. Die verschiedensten Tauben-Rassen bieten in weit auseinander-gelegenen Gegenden Unter-Varietäten mit umgewendeten Kedeni am Kopfe und mit Federn an den Füssen dar. Merkmale, welche die ursprüngliche Felstaube nicht besitzt: Diess sind also analoge Abänderungen in zwei oder mehren verschiedenen Rassen. Die häutige Anwesenheit von vierzehn bis sechszehn Schwanzfedern im hröpfer kann man als eine die Normal-Bildung einer andern

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Aliiiil. dar Pfaiicntaube namliili, vertretende Abweichung betrachten. Ich unterstelle, dass Niemand daran zweifeln wird, dass alle solche analoge Abänderungen davon herrühren, dass die verschiedenen Tauben-Kassen die gleiche Konstitution nnd daher unter denselben unbekannten Einflüssen die gleiche Neigung zu variiren geerbt haben. Im Pflanzen-Reiche zeigt sich ein Kall von analoger Abänderung in dem verdickten Strünke (gewöhnlich wird er die Wurzel genannt! des Schwedischen Turnipses und der Hutabaga, Pflanzen, welche mehre Botaniker nur als durch die Kultur hervorgebrachte Varietäten einer Art ansehen. Ware Diess aber nicht richtig, so hatten wir einen Fall analoger Abänderung in zwei sogenannten Arten, und diesen kann noch der gemeine Turnips als dritte beigezahlt werden. Nach der gewöhnlichen Ansicht, dass jede All unabhängig geschaffen worden seye, wurden wir diese Ähnlichkeit der drei Pflanzen in ihrem verdickten Stengel nicht der wahren Ursache ihrer gemeinsamen Abstammung und einer daraus folgenden Neigung in ähnlicher Weise zu variiren zuzuschreiben haben, sondern drei verschiedenen aber enge unter sich verwandten Schöpfungs-Akten. Bei den Tauben haben wir noch einen andern Fall, nämlich das in allen Rassen gelegentliche /.iimvorscheinkommen von Schieferblauen Vögeln mit zwei schwarzen Flügelbinden, einem weissen Steiss, einer C/ueerbinde auf dem Ende des Schwanzes und einem weissen äusseren Rande am Grunde der äusseren Schwanz-Federn. Da alle diese Merkmale für die Stamm-Art bezeichnend sind, so glaube ich wird Niemand bezweifeln, dass es sich hier um eine Riickkehr zum Ur-Charakter und nicht um eine analoge Abänderung in verschiedenen Rassen handle. Wir werden dieser Folgerung um so mehr vertrauen können, als, wie wir bereits gesehen, diese Farben-Charaktere sehr gerne in den Blendlingen zweier ganz verschieden gefärbter Rassen zum Vorschein kommen; und in diesem Falle ist auch in den äusseren Lebens-Bedingungen nichts zu finden, was das Wiedererscheinen der Schiefer-blauen Farbe mit den übrigen Farben-Abzeichen erklaren könnte, als der F.influss des Kreutzungs-Akles auf die Erblichkeils-Gesclzc. Es ist in der Thal eine Erstaunen-erregende Thatsache, dass

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seit vielen und vielleicht Hunderten von Generationen verlorene Merkmale wieder zum Vorschein kommen. Wenn jedoch eine Kasse nur einmal mit einer andern Rasse gekreutzt worden ist. so zeigt der Blendling die Neigung gelegentlich zum Charakter der fremden Rasse zurückzukehren noch einige, man sagt IS—20, Generationen lang. Nun ist zwar nach 12 Generationen, nach der gewöhnlichen Ausdrucks-Weise, das Blut des einen fremden Vorfahren nur noch 1 in 2048, und doch' genügt nach der allgemeinen Annahme dieser äusserst geringe Bruchtheil fremden Blutes noch, um eine Neigung zur Rückkehr in jenen l'rslamm zu unterhalten. In einer Rasse, welche nicht gekreulzt worden, sondern worin beide Altern einige von den Charakteren ihrer gemeinsamen Stamm-Art eingebüsst, dürfte die stärkere oder schwächere Neigung den verlornen Charakter wieder herzustellen, wie schon früher bemerkt worden, trotz Allem was man Gegenteiliges sehen mag, sich noch eine Reihe von Generationen hindurch erhalten. Wenn ein Charakter, der in einer Rasse verloren gegangen, nach einer grossen Anzahl von Generationen wiederkehrt, so ist die wahrscheinlichste Hypothese nicht die, dass der Abkömmling jetzt erst plötzlich nach einem mehre hundert Generationen alteren Vorgänger zurückstrebt, sondern die. dass in jeder der aufeinanderfolgenden Generationen noch ein Streben zur Wiederherstellung des fraglichen Charakters vorhanden gewesen, welches nun endlich unter unbekannten günstigen Verhältnissen zum Durchbruch gelangt. So ist z. B. wahrscheinlich, dass in jeder Generation der Barb-Taubc (S. 27), welche nur sehr selten einen blauen Vogel mit schwarzen Binden hervorbringt, das Streben diese Färbung anzunehmen vorhanden seye. Diese Ansicht ist hypothetisch, kann jedoch durch einige Thatsachen unterstützt werden; und ich kann an und für sich keine grossere Unwahrschcinliclikeil in der Unterstellung einer Neigung sehen, einen durch eine endlose Zahl von Generationen fortgeerbt geweseneu Charakter wieder anzunehmen, als in der Vererbung eines lhatsachlich ganz unnützen oder rudimentären Organes. Und doch können wir zuweilen ein solches Streben ein ererbtes Rudiment hervorzubringen wahrnehmen, wie sich z, B. in dem gemeinen

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Löwenmaul (Anlirrhiiium 1 das Rudiment eines (unten Staubgefnsses so oft zoigl, dass dieser Pflanze eine Neigung es hervorzubringen angeerbt seyn muss.

Da nach meiner Theorie alle Arten einer Sippe gemeinsamer Abstammung sind, so ist zu erwarten, dass sie zuweilen in analoger Weise variiren, so dass eine Varietät der einen Art in einigen ihrer Charaktere einer andern Art gleicht, welche j» nach meiner Meinung selbst nur eine ausgebildete und bleibend gewordene Abart ist. Doch dürften die hiedurch erlangten Charaktere nur unwesentlicher Art seyn: denn die Anwesenheit aller wesentlichen Charaktere wird durch Natürliche Züchtung in Übereinstimmung mit den verschiedenen Lebensweisen der Art geleitet und bleibt nicht der wechselseiligen Thatigkeit der Lebens-Bedingungen und einer ähnlichen ererbten Konstilulion überlassen. Es wird ferner zu erwarten seyn, dass die Arien einer nämlichen Sippe zuweilen eine Neigung zur Rückkehr zu den Charakteren alter Vorfahren zeigen. Da wir jedoch niemals den genauen Charakter des gemeinsamen Stamm-Vaters einer (iruppe kennen, so vermögen wir diese zwei Falle nicht zu unterscheiden. Wenn wir z. B. nicht vvüsslen, dass die Felslaube nicht mit Federkissen oder mit umgewendeten Federn versehen ist. so halten wir nicht sagen können. ob diese Charaktere in unsren Haustauben-Rassen Erscheinungen der Rückkehr zur Slamm-Form oder bloss analoge Abänderungen seyen: wohl aber hatten wir unlerslellen dürfen, dass die blaue Färbung ein Beispiel von Rückkehr seye, wegen der Zahl der andern Zeichnungen , welche mit der blauen Färbung zugleich wieder zum Vorschein kommen und wahrscheinlich doch nicht bloss in Folge einfacher Abänderung damit zusammentreffen. Und noch mehr würden wir darauf geschlossen haben, weil die blaue Farbe und andren Zeichnungen so oft wiedererscheinen, wenn verschiedene Rassen von abweichender Färbung miteinander ge-kreutzt werden. Obwohl es daher in der freien Natur gewöhnlich zweifelhall bleibt, welche Fälle als Rückkehr zu allen Stamm-Charakteren und welche als neue analoge Abänderungen zu betrachten sind, so müssen wir doch nach meiner Theorie zuweilen

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linden, dass die abändernden Nachkommen einer Art (seye es nun durch Rückkehr oder durch analoge Variation) Charaktere annehmen, welche schon in einigen andern Gliedern derselbe» Gruppe vorhanden sind. Das ist zweifelsohne in der Natur der Fall.

Ein grosser Theil der Schwierigkeit eine veränderliche Art in unsren systematischen Werken wiederzuerkennen, rührt davon her, dass ihre Varietäten gleichsam einige der andern Arien der nämlichen Sippe nachahmen. Auch konnte man ein ansehnliches Verzeiclniiss von Formen geben, welche das Mittel zwischen zwei andern Formen halten, von welchen es zweifelhaft ist, ob sie als Arten oder als Varietäten anzusehen seyen; und daraus ergibt sich, wenn man nicht alle diese Formen als unabhängig erschaffene Arten ansehen will, dass die eine durch Abänderung die Charaktere der andern so weit angenommen hat, um hie-durch eine Mittelform zu bilden. Aber der besle Beweis bietet sich dar, indem Theile oder Organe von wesentlicher und einförmiger Beschaffenheit zuweilen so abändern, dass sie einigermaassen den Charakter desselben Organes oder Theiles in einer verwandten Art annehmen. Ich habe ein langes Verzeichniss von solchen Fällen zusammengebracht, kann solches aber leider hier nicht mittheilen, sondern bloss wiederholen, dass solche Falle vorkommen und mir sehr merkwürdig zu seyn scheinen.

Ich will jedoch einen eigenthümlichen und zusammengesetzten Fall anführen, der zwar keinen wichtigen Charakter betrifft, aber in verschiedenen Arien einer Sippe Iheils im Nalur-iiml Iheils im gezähmten Zustande vorkommt. Es ist offenbar ein Fall von Rückkehr. Der Esol hat manchmal sehr deutliche (jueerbinden auf seinen Beinen, wie das Zebra. Man hat versichert, dass diese beim Füllen am deutlichsten zu sehen sind, und meine Nachforschungen scheinen Solches zu bestätigen. Auch hat man versichert, der Streifen an der Schuller seye zuweilen doppelt. Der Schulter-Streifen ist jedenfalls sehr veränderlich in Länge und Umriss. Man hat auch einen weissen Esel, der kein Albino ist, ohne Rücken- und Schulter - Streifen beschrieben: und diese Streifen sind auch bei dunkel-farbigen Thie-ren zuweilen sehr undeutlich oder gar nicht zu sehen. Der Kulan

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von Pallas soll mit nimm Hoppelten Schulter-Streifen iresrhen worden seyn. Der Hemionus hat keinen Schulter-Streifen; doch kommen nach Blyto's u. A. Versicherung zuweilen Spuren davon vor, und Colonel 1'ooif. hat mich benachrichtigt, dass die Füllen .Ikmt Art zuweilen an den Beinen und schwach an der Schulter gestreift sind. Das Quagga, obwohl am Korper eben so deutlich gestreut als das Zebra, ist ohne Binden an den Beinen: doch hat Dr. Gray ein Individuum mit sehr deutlichen denen des Zebras ähnlichen Binden an den Beinen abgebildet.

Was das Pferd betrifft. so habe ich in England Fülle vom Vorkommen des Rücken-Streifens bei den verschiedensten Rassen und allen Farben gesammelt. Beispiele von Queerbinden auf den Beinen sind nicht selten bei Braunen, Mäusebraunen und einmal bei einem Kastanienbraunen vorgekommen. Auch ein schwacher Schulter-Streifen tritt zuweilen bei Braunen auf, und eine Spur davon habe ich an einem Beerbraunen gefunden. Mein Sohn hat mir eine sorgfaltige Untersuchung und Zeichnung von einem braunen Belgischen Karren-Pferde mitgetheilt mit einem doppelten Streifen auf der Schulter und mit Streifen an den Beinen: und ein Mann, aufweichen ich vollkommen vertrauen kann, hat für mich einen kleinen braunen Walliser Pony mit drei kurzen gleichlaufenden Streifen auf jeder Schulter untersucht.

Im nordwestlichen Theile Ostindiens ist die Kattywarer Pferde-Rasse so allgemein gestreut, dass, wie ich von Colonel Poole vernehme, welcher dieselbe im Auftrag der Regierung untersuchte, ein Pferd ohne Streifen nicht für Vollblut angesehen wird. Der Rückgrat ist immer gestreift: die Streifen aul den Beinen sind wie der Schulter-Streifen, welcher zuweilen doppelt und selbst dreifach ist, gewohnlieh vorhanden: überdiess sind die Seiten des Gesichts zuweilen gestreift. Die Streifen sind beim Füllen am deutlichsten und verschwinden zuweilen im Alter. Pooi.f. hat ganz junge sowohl graue als beer-braune Füllen gestreut gefunden. Auch habe ich nach Mit-theilungen, welche ich Herrn W. W. Edwards verdanke, Grund zu vermuthen, dass an Englischen Rennpferden der Rücken-Streifen häufiger an Füllen, als an alten Pferden vorkommt. Ohne hier in Einzelnheiten noch weiter einzugehen, will ich anführen, dass

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ich Fülle von Bein- und Schulter-Streifen hei Pferden von ganz verschiedenen Kassen in verschiedenen liegenden gesammelt habe von England bis Ost-China und von Norwegen im Norden bis zum Malayischen Archipel im Süden. In allen Theilen der Welt kommen diese Streifen weitaus am öftesten an Braunen und Müusebraunen vor. Unter Braun schlechthin (..Dan«) begreife ich hier Pferde mit einer langen Keihe von Karben-Abstufungen, von Schwarzbraun an bis fast zum Rahmfarbigen*.

Ich weiss, dass Colonel Hamilton Smith, der über diesen Gegenstand geschrieben, annimmt, unsre verschiedenen Pferde-Rassen rührten von verschiedenen Stamm-Arten her, wovon eine, die des Braunen, gestreift gewesen, und alle oben-beschriebenen Streuungen scyen Folge früherer Kreutzung mit dem Braunen-Stamme. Jedoch fühle ich mich durch diese Theorie in keiner Weise befriedigt und möchte sie nicht auf so verschiedene Rassen in Anwendung bringen, wie das Belgische Karren-Pferd, der Walliser Pony, der Renner, die schlanke Kaltywar-Rasse u. a., die in den verschiedensten Theilen der Welt zerstreut sind.

Wenden wir uns nun zu den Folgen der Kreutzung zwischen den verschiedenen Arten der Pferde-Sippe: Kolmn versichert, dass der gemeine Maulesel, von Esel und Pferd, sehr oft Oueerstreifen auf den Beinen hat, und nach Gosse kommt Diess in den Vereinten Staaten in zehn Fallen neunmal vor. Ich sah einst einen Maulesel mit so stark gestreiften Beinen, dass jedermann geneigt gewesen seyn würde ihn vom Zebra abzuleiten ; und Herr W. C. Mabtin hat in seinem vorzüglichen Werke über das Pferd die Abbildung von einem ahnlichen Maulesel mitgetheilt. In vier in Farben ausgeführten Bildern von Bastarden des Esels mit dem Zebra fand ich die Beine viel deutlicher gestreift als den übrigen Körper, und in einem derselben war ein doppelter Schulter-Streifen vorhanden. An Lord MORTOo's berühmtem Bastard von einem (.luagga-Hengst und einer kastanienbraunen Stute Mwie an einem nachher erzielten reinen

Wie »ie nämlich als Grund-Farben der verschiedenen Equna-Arteu in der Natur vorkommen. .Man könnte also etwa lagen natürliche l'fcrnY-Farben.                                                                                 D. Öhrs.

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Füllen von derselben Stute mit einein schwarzen Araber waren die Beine viel deutlicher queer-gestreift, als selbst beim reinen Ouagga. Kürzlich, und Diess ist ein andrer sehr merkwürdiger Fall, hat Dr. Gray (dem noch ein zweites Beispiel dieser An bekannt ist) einen Bastard von Esel und Hemionus abgebildet, an welchem Bastard, obwohl der F.sel selten und der Hemionus niemals Streifen auf den Beinen und letzter nicht einmal einen Schulter-Streifen hat, alle vier Beine queer gestreift und auch die Schulter mit drei Streifen wie ein brauner Walliser Pony versehen ist. und sogar einige Streifen wie beim Zebra an den Seiten des Gesichts vorhanden sind. Diese letzte Thatsaehe hat mich überzeugt, dass nicht einmal ein Farben-Streifen durch sogenannten Zufall entsteht, daher ich allein durch diese Erscheinung an einem Bastarde von Esel und Hemionus veranlasst wurde, Colonel Poole zu fragen, ob solche Gesichts-Slreifen jemals bei der stark gestreiften Kaltywarer Pferde-Basse vorkommen, was er, wie wir oben gesehen, bejahete.

Was bleibt uns nun zu diesen verschiedenen Thatsachen noch zu sagen? Wir sehen mehre wesentlich verschiedene Arten der Pferde-Sippe durch einfache Abänderung Streifen an den Beinen wie beim Zebra oder an der Schulter wie beim Esel erlangen. Beim Pferde sehen wir diese Neigung stark hervortreten, so oft eine der natürlichen Pferde-Farben zum Vorschein kommt. Das Aussehen der Streifen ist von keiner Veränderung der Form und von keinem neuen Charakter begleitet. Wir sehen diese Neigung streifig zu werden sich am meisten bei Bastarden zwischen mehren der von einander verschiedensten Arten entwickeln. Vergleichen wir damit den vorhergehenden Fall von den Tauben: sie rühren von einer Stamm-Art (mit 2 — 3 geographischen Varietäten oder Unterarten) her, welche blaulich von Farbe und mit einigen bestimmten Band - Zeichnungen versehen ist, und nehmen, wenn eine ihrer Bässen in Folge einfacher Abänderung wieder einmal eine blaue Brut liefert, unfehlbar auch jene Bänder der Stamm-Form wieder an, doch ohne irgend eine andre Veränderung des Rasse-Charakters. Wenn man die ältesten und Ichtesten Rassen von verschiedener Färbung mit einander

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kreulzl, so tritt in den Blendlingen eine starke Neigung hervor, die ursprüngliche schieferblaue Farbe mit den schwarzen und weissen Binden und Streifen wieder anzunehmen. Ich habe behauptet, die wahrscheinlichste Hypothese zur Erklärung des Wiedererscheinens sehr alter Charaktere seye die Annahme einer »Tendenz« in den Jungen einer jeden neuen Generation den längst verlorenen Charakter wieder hervorzuholen, welche Tendenz in Folge unbekannter Ursachen zuweilen zum Durchbruch komme. Dann haben wir gesehen, dass in verschiedenen Arten des Pferde-Geschlechts die Streifen bei den Jungen deutlicher oder gewöhnlicher als bei den Alten sind. Wollte man nun die Tauben-Rassen, deren einige schon Jahrhunderte lang durch reine Inzucht fortgepflanzt worden, als Spezies bezeichnen, so wäre die Erscheinung genau dieselbe, wie bei der I'ferde-Sippe. Über Tausende und Tausende von Generationen rückwärts schauend erkenne ich mit Zuversicht ein wie ein Zebra gestreiftes, aber sonst vielleicht sehr abweichend davon gebautes Thier als den gemeinsamen Stamm-Vater des (rühre es nun von einem oder von mehren wilden Stämmen her) Hauspferdes, des Esels, des Hemionus, des Quaggas und des Zebras.

Wer an die unabhängige Erschaffung der einzelnen Pferde-Spezies glaubt, wird vermuthlich sagen, dass einer jeden Art die Neigung im freien wie im gezähmten Zustande auf so eigentümliche Weise zu variiren anerschaflen worden seye, derzu-folge sie oft wie andre Arten derselben Sippe gestreift erscheine; und dass einer jeden derselben eine starke Neigung anerschaflen seye bei einer Kreutzung mit Arten aus den entferntesten Wellgegenden Bastarde zu liefern, welche in der Streifung nicht ihren eignen Altern, sondern andern Arten derselben Sippe gleichen*. Sich zu dieser Ansicht bekennen heisst nach meiner

° Nach der AgabsizVIicii Lehre von den cinbrwiniM lirii Charakteren würde man diese Streuung, wie die weissen Flecken in der Hirsch-Sippe, als einen embryonischen Charakter ansehen und sagen, dass Zebra, Ouaggn elc. dem l'ferde gegenüber auf tieferer Stufe zurückgeblieben seyen und embryonische Charaktere behalten haben, wie der Damhirsch gegenüber dem Edelhirsch.

D. Übrs. 12

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Meinung utoe thalsächliche dU BIM »Wtf Ibalsächliche orter wenigstens unbekannte Ursache aufgeben. Sie macht aus den Werken Gottes nur Täuschung; und Nachäfferei: — und ich wollte fast eben so gerne mit den alten und unwissenden Kosmognis-ten annehmen, dass die fossilen Schaalen nie einem lebenden Tliiere angehört, sondern im Gesteine erschaffen worden scyen, um die jetzt an der See-Küste lebenden Schaalthierc nachzuahmen.

Zusammenfassung.) Wir sind in tiefer Unwissenheit über die Gesetze, wornaih Abänderungen erfolgen. Nicht in einem von hundert Fallen dürfen wir behaupten den Grund zu kennen, warum dieser oder jener Theil eines Organismus von dem gleichen Theile bei seinen Altern mehr oder weniger abweiche. Doch, wo-immer wir die Mittel haben eine Vergleicliung anzustellen, da scheinen in Erzeugung geringerer Abweichungen zwischen Varietäten derselben Art wie in llervorbringung grössrer Unterschiede (Wischen Arten einer Sippe die nämlichen Gesetze gewirkt zu haben. Die äusseren Lebens-Bedingungen, wie Klima, Nahrung u. dgl. haben wohl nur einige geringe Abänderungen bedingt. Wesentlichere Folgen dürften Angewohnung auf die Körper-Konstitution, Gebrauch der Organe auf ihre Verstärkung, Nichtgebrauch auf ihre Schwächung und Verkleinerung gehabt haben. Homologe Theile sind geneigt auf gleiche Weise abzuändern und streben unter sich zusammenzuhängen. Abänderungen in den harten und in den äusseren Theilen berühren zuweilen weichere und innere Organe. Wenn sich ein Theil stark entwickelt, strebt er vielleicht andren benachbarten Theilen Nahrung zu entziehen: - und jeder Theil des organischen Baues, welcher ohne Nachtheil für das Individuum fortbestehen kann, wird erhalten. Eine Veränderung der Organisation in frühem Alter berührt auch die sieh später entwickelnden Theile: d?nn gibt es aber noch viele Wechselbeziehungen der Enlwickelung, deren Natur wir durchaus nicht im Stande sind zu begreifen. Vielzahlige Theile sind veränderlicher in Zahl und Struktur, vielleicht desshalb, weil dieselben durch Natürliche Züchtung für einzelne Verrichtungen noch nicht genug angepasst und differenzirt sind.

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Aus demselben Grunde werden wahrscheinlich auch die auf tiefer Organisations-Stufe siehenden Organismen veränderlicher seyn, als die hoher entwickeilen und in allen Beziehungen mehr diffe-renzirten. Rudimentäre Organe bleiben ihrer Nutzlosigkeit wegen von der Natürlichen Züchtung unbeachtet und sind wahrscheinlich desshalb veränderlich. Spezifische Charaktere, solche nämlich, welche erst seit der Abzweigung der verschiedenen Arten einer Sippe von einem gemeinsamen Stamm-Vater auseinandcr-gclaulcn. sind veränderlicher als genetische Merkmale, welche sich schon lange als solche vererbt haben, ohne in dieser Zeil eine Abänderung zu erleiden. Wir haben hier nur auf die einzelnen noch veränderlichen Theile und Organe Bezug genommen, weil sie erst neuerlich variirt haben und einander unähnlich geworden sind: wir haben jedoch schon im zweiten Kapitel gesehen, dass das nämliche Prinzip auch auf das ganze Thier anwendbar ist: denn in einem Bezirke, wo viele Arten einer Sippe gefunden werden, d. h. wo früher viele Abänderung und Diffe-renzii iing stattgefunden und die Fabrizirung neuer Arten-Formen lebhaft betrieben worden ist, da finden wir jetzt durchschnittlich auch die meisten Varietäten oder anlangenden Arten. — Sekundäre Geschlechls-Chaniktere sind sehr veränderlich, und solche Charaktere weichen am meisten in den Arten einer nämlichen Gruppe ab. Veränderlichkeit in denselben Theilen der Organisation hat gewöhnlich die sekundären Sexual-Veischiedenheiten für die zwei Geschlechter einer Species wie die Arien-Verschiedenheiten für die mancherlei Arten der nämlichen Sippe geliefert. Ein in ausserordentlicher Grösse oder Weise entwickeltes Glied oder Organ - nämlich vergleiehungsweise mit der Entwicklung desselben Gliedes oder Organes in den nächst-verwandlen Arien genommen — muss seit dem Auftreten der Sippe ein ausserordentliches Maass von Abänderung durchlaufen haben, woraus wir dann auch begreiflich finden, warum dasselbe noch jetzt in höherem Grade als andre Theile Veränderungen unterlieg!: denn Abänderung ist ein langsamer und lang-wahrender Prozess, und die Natürliche Züchtung wird in solchen Fällen noch nicht die Zeit gehabt haben, das Streben nach fernerer Veränderung und

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nach dar Rückkehr ID einem weniger modifizirlcn Zustande zu ulici winden. Wenn aber eine Arl mit irgend einem ausserordentlich entwickelten Organe Stamm vieler abgeänderter Nach-ki.....neu geworden — was nach meiner Ansicht ein sehr langsame und daher viele Zeit erheischender Vorgang ist —. dann mag auch die Natürliche Züchtung im Stande gewesen seyn dem Organe, wie ausserordentlich es auch entwickelt seyn mag, schon ein festes Gepräge aufzudrücken. Haben Arten nahezu die nämliche Konstitution von einem Stamm-Vater geerbt und sind sie ähnlichen Einflüssen ausgesetzt gewesen, so werden sie natürlich auch geneigt seyn, analoge Abänderungen zu bilden und werden zuweilen zu einigen der Charaktere ihrer Irühesten Ahnen zurückkehren. Obwohl neue und wichtige Modifikationen aus dieser l'mkehr und jenen analogen Abänderungen nicht hervorgehen werden, so tragen solche Modifikationen doch zur Schönheit und harmonischen Manchfaltigkeit der Natur bei.

Was aber auch die Ursache des ersten kleinen Unterschiedes zwischen Allem und Nachkommen seyn mag, und eine Ursache niuss dafür da seyn, so ist es doch nur die stete Häufung solcher für das Individuum nützlichen Unterschiede durch die Naturliche Züchtung, welche alle wichtigeren Abänderungen der Struktur hervorbringt, durch welche die zahllosen Wesen unsrer Erdoberfläche in den Stand gesetzt werden mit einander um das Daseyn zu ringen, und wodurch das hiezu am besten ausgestaltete die andern überlebt.

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Sechstes Kapitel. Schwierigkeiten der Theorie.

Schwierigkeilen der Theorie einer abändernden Nachkommenschaft. — (herginge. — Abwesenhcil oder Seltenheit der Zwischenabänderungen. — Ihergänge in der Lebensweise. — Differenzirte Gewohnheilen in einerlei Art. — Arien mit Sitten weil abweichend von denen ihrer Verwandten. — Organe von iitisscrster Vollkommenheit. — Mittel der rbergänge. — Schwierige Falle. -- Natura non faeil sallum. — Organe von geringer Wichtigkeit. — Organe nicht in allen Fallen absolut vollkommen. — Da.. Gesell 'von der Einheit des Typus und den Existenz-Bedingungen enthalten in der Theorie der Natürlichen Züchtung.

Schon lange bevor der Leser zu diesem Theile meines Buches gelang! ist, mag sich ihm eine Menge von Schwierigkeiten dargeboten haben. Einige derselben sind von solchem Gewichte, dass ich nicht an sie denken kann, ohne wankend zu werden: aber nach meinem besten Wissen sind die meisten von ihnen nur scheinbare, und diejenigen welche in Wahrheit beruhen, dürften meiner Theorie nicht verderblich werden.

Diese Schwierigkeiten und Einwendungen lassen sich in folgende Rubriken zusammenfassen: Erstens: wenn Arien aus andern Arten durch unmerkbar kleine Abstufungen entstanden sind, warum sehen wir nicht überall unzählige l/bergangs-Formen? Warum bietet nicht die ganze Natur ein Mischmasch von Purinen statt der wohl begrenzt scheinenden Arten dar?

Zweitens: Ist es möglich, dass ein Thier z. B. mit der Organisation und Lebensweise einer Fledermaus durch Umbildung irgend eines andren Thieres mit ganz verschiedener Lebensweise entstanden ist? Ist es glaublich, dass Natürliche Züchtung einerseits Organe von so unbedeutender Wesenheit, wie z. B. den Schwanz einer Giraffe, welcher als Fliegenwedel dient, und anderseits Organe von so wundervoller Struktur wie das Auge hervorbringe, dessen unnachahmliche Vollkommenheit wir noch kaum ganz begreifen.

Drillens: Können Instinkte durch Natürliche Züchtung erlangt und abgeändert werden. Was sollen wir z. B. zu einem so wunderbaren Instinkte sagen, wie der ist, welcher die Biene

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veranlasst Zellen mi bflden, durch welche die Entdeckungen tiefsinniger Mathematik«» praktisch vornweg genommen sind.

Viertens: Wie ist es zu begreifen, dass Spezies bei der Krentzung miteinander unfruchtbar sind oder unfruchtbare Nachkommen gehen, widmend die Fruchtbarkeit gekreutzler Varietäten ungeschwächt bleibt.

Die zwei ersten dieser Hauptfragen sollen hier und die letzten. Instinkt und Bastard-Bildung nämlich, in besondren Kapiteln erörtert werden.

Mangel oder Seltenheit vermittelnder Varietäten.' Da Natürliche Züchtung nur durch Erhaltung nützlicher Abänderungen wirkt, so wird jede neue Form in einer schon vollständig bevölkerten (iegend streben ihre eignen minder vervollkommneten Altern so wie alle andern minder vervollkommnete Formen, mit welchen sie in Bewerbung kommt, zu ersetzen und endlich zu vertilgen. Natürliche Züchtung gehl, wie wir gesehen, mit dieser Verrichtung Hand in Hand. Wenn wir daher jede Spezies als Abkömmling von irgend einer andern unbekannten Form betrachten, so werden Urstainin und Übergangs-Formen gewohnlich schon durch den Bildung»- und Vervollkoinm-nuugs-l'rozess der neuen Form vertilgt seyn.

Wenn nun aber didfeer Theorie zufolge zahllose Übergangs-Formen e.vislirl haben müssen, warum finden wir sie nicht in unendlicher Menge eingebettet in den Schichten der Erd-Rindeü Es wird angemessener seyn, diese Frage in dein Kapitel von der Unvollständigkeit der geologischen Urkunden zu erörtern. Hier will ich nur anrühren, dass ich die Antwort hauptsächlich darin zu finden glaube, dass jene Urkunden unvergleichlich minder, vollständig sind, als man gewohnlich annimmt, und dass jene Unvollständigkeit der geologischen Urkunden hauptsachlich davon herrührt, dass organische Wesen keine sehr grosse Tiefen des Meeres bewohnen, daher ihre Reste nur von solchen Sediment-Massen umschlossen und für künftige Zeilen erhalten werden konnten, welche hinreichend dick und ausgedehnt gewesen, um einem ungeheuren Maassc spätrer Zerstörung zu entgehen. Und solche Fossilien-führende Massen können sich nur da ansammeln,

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wo viele Niederschlage in seichten Meeren wahrend langsamer Senkung des Bodens abgelagert werden. Diese Zufälligkeiten werden nur selten und nur nach ausserordentlich hingen Zwischenzeiten zusammentreffen. Wahrend der Meeres-Boden in Buhe oder in Hebung begriffen ist oder nur schwache Niederschlage stattfinden, bleiben die Blatter unsrer geologischen Geschichtsbücher unbeschrieben. Die Erd-Rinde ist ein weites Museum, dessen naturgeschichtlichon Sammlungen aber nur in einzelnen Zeitabschnitten eingebracht worden sind, die unendlich weit auseinander liegen.

Man kann zwar einwenden, dass, wenn einige nahe-ver-wandte Arten jetzt in einerlei Gegend beisammen wohnen, man gewiss viele Zwischenlormen linden müsse. Nehmen wir einen einfachen Fall an. Wenn man einen Kontinent von Norden nach Süden durchreiset, so trifft man gewöhnlich von Zeit zu Zeit auf andre einander nahe verwandte oder stellvertretende Arten, welche offenbar ungefähr dieselbe Stelle in dem Natur-Haushalte des Landes einnehmen. Diese stellvertretenden Arten grenzen oft an einander oder greifen in ihr Gebiet gegenseitig ein, und wie die einen seltener und seltener, so werden die andern immer häufiger, bis sie einander ersetzen. Vergleichen wir diese Arten da, wo sie sich mengen, miteinander, so sind sie in allen Thei-len ihres Baues gewöhnlich noch eben so vollkommen von einander unterschieden, als wie die aus der Mitte des Verbrcitungs-Bczirks einer jeden entnommenen Muster. Nun sind aber nach meiner Theorie alle diese Arten von einem gemeinsamen Stamm-Vater ausgegangen und ist jede derselben erst durch den Modi-likations-Prozess den Lebeiis-Bedingungen ihrer Gegend angepasst worden, hat dort ihren l'rstamin sowohl als alle Mittelstufen zwischen ihrer ersten und jetzigen Form ersetzt und verdrangt, so dass wir jetzt nicht mehr erwarten dürfen, in jeder Gegend noch zahlreiche fbergangs-Formen zu linden, obwohl dieselben exislirt haben müssen und ihre Reste wohl auch in die F.rd-Schichten aufgenommen worden seyn mögen. Aber warum finden wir in den Zwischengegenden, wo doch die äusseren Lehens Bedingungen einen Übergang von denen des einen in die des

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andren Bestekel bilden, nicht auch nähr verwandle Übergingt. Varietäten? Diese Schwierigkeit hat mir lange Zeit viel Kopfzerbrechen verursacht; indessen glaube ich jetzt, sie lasse sich grosscnlhcils erklären.

Vor Allem sollten wir sehr vorsichtig mit der Annahme seyn, dass eine Gegend, weil sie jetzt zusammenhangend ist, auch schon seil langer Zeit zusammenhangend gewesen seyc. Die Geologie veranlasst uns zu glauben, dass fast jeder Kontinent noch in der letzten Tertiar-Zeit in viele Inseln getheilt gewesen seye; und auf solchen Inseln getrennt können sich verschiedene Arten gebildet haben, ohne die Möglichkeit Miltelformen in den Zwischengegenden zu liefern. In Folge der Veränderungen der Land-Form und des Klimas.mögen auch die jetzt zusammenhangenden Meeres-Gebiete noch in verliältnissmässig später Zeil weniger zusammenhangend und einförmig gewesen seyn. Doch will ich von diesem Mitlei der Schwierigkeil zu entkommen absehen: denn ich glaube, dass viele vollkommen unterschiedene Arten auf ganz zusammenhangenden Gebieten entstanden sind, wenn ich auch nicht daran zweifle, dass die früher unterbrochene Beschaffenheit jetzt zusammenhangender Gebiete einen wesentlichen Antheil an der Bildung neuer Arten zumal frei wandernder und sich kreutzender Thiere gehabt habe.

Hinsichtlich der jetzigen Verbreitung der Arten über weite Flachen finden wir, dass sie gewöhnlich ziemlich zahlreich auf einem grossen Theile derselben vorkommen, dann aber ziemlich rasch gegen die Grenzen hin immer seltener werden und endlich ganz verschwinden; daher das neutrale Gebiet zwischen zwei stellvertretenden Arten gewöhnlich nur schmal ist im Verhaltniss zu demjenigen, welches eine jede von ihnen eigenthümlich bewohnt. Wir machen dieselbe Bemerkung auch, wenn wir an Gebirgen emporsteigen, und zuweilen ist es sehr auffällig, wie plötzlich, nach Alphons DeCandolle's Beobachtung, eine gemeine Art in den Alpen verschwindet. Edw. Fohbes hat dieselbe Wahrnehmung gemacht, als er die Bewohner des See-Grundes mil dem Schleppnetze herauf fischte. Diese Thatsache muss alle diejenigen in Verlegenheit setzen, welche die äusseren Lebens-

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Bedingungen, wie Klima und Hohe, als die allmächtigen Ursachen der Verbreitung der Organismen-Formen betrachten, |indem der Wechsel von Klima und Hohe oder Tiefe überall ein allmählicher ist. Wenn wir uns aber erinnern, dass fast jede Art, mitten in ihrer Heimath sogar, zu unermesslicher Zahl anwachsen würde, wenn sie nicht in Mitbewerbung mit andern Arten stünde, — dass fast alle von andern Arten leben oder ihnen zur Nahrung dienen, — kurz dass jedes organische Wesen mittelbar oder unmittelbar in innigster Beziehung zu andern Organismen steht, so müssen wir erkennen, dass die Verbreitung der Bewohner einer Gegend keinesweges allein von der unmerklichen Veränderung physikalischer Bedingungen, sondern grossentheils von der Anwesenheit oder Abwesenheit andrer Arten abhängt, von welchen sie leben, durch welche sie zerstört werden, oder mit welchen sie in Mitbewerbung stehen; und da diese Arten bereits eine bestimmte Begrenzung haben und nicht mehr unmerklich in einander übergehen, so inuss die Verbreitung einer Spezies, welche von der einen oder andern abhängt, scharf umgrenzt werden. L'berdiess muss jede Art an den Grenzen ihres Verbreitungs-Bezirkes, wo ihre Anzahl ohnediess geringer wird, durch Schwankungen in der Menge ihrer Feinde oder ihrer Beute oder in den Jahreszeiten sehr olt einer gänzlichen Zerstörung ausgesetzt seyn, und es mag auch hieduich die schärfere Umschreibung ihrer geographischen Verbreitung mit bedingt werden.

Wenn meine Meinung richtig ist. dass verwandte oder stellvertretende Arten, welche ein zusammenhangendes Gebiet bewohnen . gewöhnlich so vertheill sind, dass jede von ihnen eine weile Strecke einnimmt, und dass diese Strecken durch verhall -nissmassig enge neutrale Zwischenräume getrennt werden, in welchen jede Art rasch an Menge abnimmt. - dann wird diese Begel, da Varietäten nicht wesentlich von Arten verschieden sind, wohl auf die einen wie auT die andern Anwendung linden: und wenn wir in Gedanken eine veränderliche Spezies einem sehr grossen Gebiete anpassen, so werden wir zwei Varietäten jenen zwei grossen Untergebieten und eine dritte Varietät dem schmalen Zwis( hengebiete anzupassen haben. Diese Zwisehen-Varietat wird,

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weil sie einen geringeren Raum bewohnt, auch in geringerer Anzahl vorhanden seyn; und in Wirklichkeit genommen passt diese Hegel, so viel ich ermilteln kann, ganz gut auf Varietäten im Natur-Zustnnde. Ich habe triftige Belege für diese Regel in Varietäten von Balanus-Arten gefunden, welche zwischen ausgeprägteren Varietäten derselben das Mittel halten. Und ebenso scheint es nach den Belehrungen, die ich den Herren VVatson, Asa Gray und Wollaston verdanke, dass gewöhnlich, wenn .Mittel-Varietäten lutschen zwei andren Formen vorkommen, sie der Zahl nach weit hinter jenen zurückstehen, die sie verbinden. Wenn wir nun diese Thatsachen und Belege als richtig annehmen und daraus folgern, dass Varietiilen, welche zwei andre Varietäten mit einander verbinden, gewöhnlich in geringerer Anzahl als diese letzten Vorhanden waren, so durfte man daraus auch begnfifen, warum Zwischenvarietäten keine lange Dauer haben und der allgemeinen Regel zufolge früher vertilgt werden und verschwinden- müssen, als diejenigen Formen, welche sie ursprünglich mit einander verketten.

Denn eine in geringerer Anzahl vorhandene Form wird, wie schon früher bemerkt worden, überhaupt mehr als die in reichlicher Menge verbreiteten in Gefahr seyn ausgetilgt zu werden: und in diesem besondren Falle dürfte die Zwischenform vorzugsweise den Angriffen der zwei nahe verwandten Formen zu ihren beiden Seilen ausgesetzt seyn. Aber eine weit wichtigere Betrachtung scheint mir die zu seyn, dass wahrend des Prozesses weilrer Umbildung, wodurch nach meiner Theorie zwei Varietäten zu zwei ganz verschiedenen Spezies erhoben werden, diese zwei Varietäten, sofernc sie grossere Flachen bewohnen, auch in grösserer Anzahl vorhanden sind und daher in grossem Vorteile gegen die mittle Varietät stehen, welche in kleinrer Anzahl nur einen schmalen Zwischenraum bewohnt. Denn Formen, welche in griissrer Zahl bestehen, haben immer eine bessre Aussicht, als die gering-zahligen, innerhalb einer gegebenen Periode noch andre nützliche Abänderungen zur Natürlichen Züchtung darzubieten. Daher in dem Kampfe um's Daseyn die gemeinere« Formen streben werden die selteneren zu verdrängen und zu

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ersetzen, welche sich nur langsam abzuändern und zu vervollkoinin-nen vermögen. Es scheint mir dasselbe Prinzip zu scyn, wor-nach, wie im zweiten Kapitel gezeigt worden, die gemeinen Arien einer Gegend durchschnittlich auch eine grossre Anzahl von Varietäten darbieten als die selteneren. Ich will nun, um meine Meinung besser zu erläutern, einmal annehmen, es handle sich um drei Schaaf-Varietäten, von welchen eine für eine ausgedehnte Gebirgs-Gegend, die zweite nur für einen verhällniss-mässig schmalen Hügel-Streifen und die dritte für weile Ebenen an deren Kusse geeignet seye; ich will ferner annehmen, die Bewohner seyen alle mit gleichem Schick und Eifer bestrebt, ihre Rassen durch Züchtung zu verbessern, so wird in diesem Falle die Wahrscheinlichkeit des Erfolges ganz auf Seiten der grossen Heerden-Besitzer im Gebirge und in der Ebene seyn, weil diese ihre Rassen schneller als die kleinen in der schmalen hügeligen Zwischenzone veredeln, so dass die verbesserte Rasse des Gebirges oder der Ebene bald die Stelle der minder verbesserten Hügelland-Rasse einnehmen wird; und so werden die zwei Rassen, welche anfänglich in grosser Anzahl existirl haben, in unmittelbare Berührung mit einander kommen ohne feinere Einschaltung der Zwischcn-Rassc.

In Summe: glaube ich, dass Arten leidlich gut umschrieben scyn können, ohne zu irgend einer Zeil ein unentwirrtes Chaos veränderlicher und vermittelnder Können darzubieten: 1 weil sich neue Varietäten nur sehr langsam bilden, indem Abänderung ein äusserst träger Vorgang ist und Natürliche Züchtung so lange nichts auszurichten vermag, als nicht günstige Abweichungen vorkommen und nicht ein Platz im N'atur-IIaushalte der Gegend durch Modifikation eines oder des andern ihrer Bewohner besser ausgefüllt werden kann. Und solche neue Stellen werden von langsamen Veränderungen des Klimas oder der zufälligen Ein-wandrrung netter Bewohner und, in wahrscheinlich viel höherem Grade, davon abhängen, dass einige von den allen Bewohnern langsam abgeändert weiden, wahrend jene neu hervorgebrachten und eingewanderten Können mit einigen alten in Wechselwirkung gerathen: daher wir in jeder Gegend und zu jeder Zeit

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nur wenige Arten zu sehen bekommen, welche geringe einiger-masMii bleibende Modifikationen der Organisation darbieten, lud Diess sehen wir auch sicherlich so.

Zweitens : viele jetzt zusammenhangende Bezirke der Erdoberfläche müssen noch in der jetzigen Erd-Periode in verschieden Theile getrennt gewesen seyn, worin viele formen zumal sich paarender und wandernderThiere ganz von einander geschieden sich weit genug zu dillerenziren vermochten , um als Spezies gelten zu können. Zwischen-Varietäten zwischen diesen Spezies und ihrer gemeinsamen Stamm-Form müssen wohl vordem in jedem dieser llruelitheile des Bezirkes gewesen seyn, sind aber spater durch Natürliche Züchtung ersetzt und ausgetilgt worden, so dass sie lebend nicht mehr vorhanden sind.

Drillens: Wenn zwrei oder mehre Varietäten in den verschiedenen Theilen eines zusammenhangenden Bezirkes gebildet worden sind, so werden wahrscheinlich auch Zwischen-Varietalen in den schmalen Zwischenzeiten entstanden seyn, aber nicht lange gewahrt haben. Denn diese Zwischen-Varielaten werden aus schon entwickelten'Gründen (und namentlich, was wir über die jetzige Verbreitung einander nahe-verwandter Arten und ausgebildeter Varietäten wissenI in den Zwischenzonen in geringrer Anzahl, als die Haupt-Varietäten, die sie verbinden, in deren eigenen Bezirken vorhanden seyn. Schon aus diesem Grunde allein werden die Zwisrhcn-Varielaten gelegentlicher Vertilgung ausgesetzt seyn, werden aber zuverlässig wahrend des Prozesses weilrer Modifikation von den Können, welche sie mit einander verkeilen, meistens desshalb verdrangt und ersetzt werden, weil diese ihrer grosseren Anzahl wegen mehr abändern und daher leichter durch Natürliche Züchtung noch weiter verbessert und dadurch gesichert werden können.

Letztens müssen, nicht bloss zu einer sondern zu allen Zeiten, wenn meine Theorie richtig ist, gewiss auch zahllose Zwischen-Varielaten zu Verbindung der Arten einer nämlichen Gruppe mit einander existirt haben, aber auch gerade der Prozess der Natürlichen Züchtung fortwährend thatig gewesen seyn, sowohl deren Stamm-Formen als die .Mittelglieder selbst zu vertil-

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gen. Daher ein Beweis ihrer früheren Existenz höchstens noch unter den Fossil-Resten der Erd-Rinde gefunden werden könnte, welche aber diese Urkunden früherer Zeiten, wie in einem späteren Abschnitte gezeigt werden soll, nur in sehr unvollkommener und unzusamnienhäiigender Weise aufzubewahren geeignet ist.

Entstehung und Übergänge von Organismen mit eigenthiimlicher Lebens-Weise und Organisation.)Gegner meiner Ansichten haben mir die Frage entgegengehalten, wie denn z. B. ein Land-Raubthier in ein Wasser-Raubthier habe verwandelt werden können, da ein Thier in einem Zwischenzu-stande nicht wohl zu bestehen vermocht hätte ? Es würde leicht seyn zu zeigen, dass innerhalb derselben Raubthier-Gruppe Thiere vorhanden sind, welche jede Mittelstufe zwischen einlachen I.and-und ächten Wasser-Thieren einnehmen und daher durch ihre verschiedene I.ebens-Weise wohl geeignet sind, in dem Kampfe mit umlern ums Daseyn ihre Stelle zu behaupten. So hat z. B. die nordamerikanischc Mustela vison eine Schwimmhaut zwischen den Zehen und gleicht dem Fischotter in Pelz, kurzen Beinen und Form des Schwanzes. Den Sommer hindurch taucht dieses Thier ins Wasser und nährt sich von Fischen; während des langen Winters aber verlassl es die gefrorenen Gewässer und lebt gleich andern Russen von Hausen und l.andthieren. Hatte man einen andern Fall gewählt und mir die Frage gestellt, aufweiche Weise ein Insekten-fressender Vierfüsser in eine fliegende Fledermaus verwandelt worden seye, so wäre der Fall weit schwieriger und würde ich eine Antwort nicht zu geben gewusst haben. Doch haben nach meiner Meinung solche einzelne Schwierigkeilen kein allzugrosses Gewicht.

Hier wie in anderen Fällen befinde ich mich in dem grossen Nachtheil, aus den vielen treffenden Belegen, die ich gesammelt habe, nur ein oder zwei Beispiele von einem Übergang der I.ebens-Weise und Organisation /.wischen nahe verwandten Arten einer Sippe und von vorübergehend oder bleibend veränderten Gewohnheiten einer nämlichen Spezies anführen zu können. Und es scheint mir selbst, dass nichts weniger als ein langes Ver-

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zcichniss solcher Beispiele genügend seye, die Schwierigkeiten der Erklärung eines so eigenlhiimliehen Falles zu beseitigen, wie der von der Fledermaus ist.

Sehen wir uns in der Familie der Eichhörnchen um, so finden wir da die erste schwache I hergangs-StuTe zu den sogen, fliegenden Fledermäusen angedeutet in dem zweizeilig abgeplatteten Schwänze der einen und. nach .1. Rhhahdson's Bemerkung, in dem verbreiterten Hintertheile und der volleren Haut an den Seiten des Körpers der andern Arten; denn bei Flughornchen sind die Hinlergliedmassen und selbst der Anfang des Schwanzes durch eine ansehnliche Ausbreitung der Haut mit einander verbunden, welche als Fallschirm dient und diese Thierc beflhigt, auf erstaunliche Entfernungen von einem Baume zum andern durch die Luft zu gleiten. Es ist kein Zweifel, dass jeder Art von Eichhornchen in deren Heimath jeder Theil dieser eigen-thümlichen Organisation nützlich ist, indem er sie in den Stand setzt den Verfolgungen der Raubvögel oder andrer Raublhiere zu entgehen, reichlichere Nahrung einzusammeln und zweifelsohne auch die Gefahr jeweiligen Italiens zu vermindern. Daraus folgt aber noch nicht, dass die Organisation eines jeden Eichhörnchens auch die bestmögliche für alle natürlichen Verhältnisse seye. Gesetzt, Klima und Vegetation verändern sieh, neue Nage-thiere treten als Mitwerber auf, und neue Raublhiere wandern ein oder alte erfahren eine Abänderung, so müssten wir aller Analogie nach auch vermuthon, dass wenigstens einige der Eichhörnchen sich an Zahl vermindern oder ganz aussterben werden, wenn ihre Organisation nicht ebenfalls in entsprechender Weise abgeändert und verbessert wird. Daher ich, zumal bei einem Wechsel der äussern Lebens-Bedingungen, keine Schwierigkeit für die Annahme finde, dass Individuen mit immer vollerer Seiten-Haut vorzugsweise durften erhalten werden, weil dieser Charakter erblich und jede Verstärkung desselben nützlich ist. bis durch Häufung aller einzelnen Effekte dieses Prozesses natürlicher Züchtung aus dem Eichhornchen endlieh ein Flughörnchen geworden ist.

Sehen wir nun den lliegenden l.emur oder den fialeopilhe-

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cns an. welcher vordem irriger Weise zu den Fledermäusen versetzt worden ist. Er hat eine sehr breite Seilenhaut, welche von den Hinlerenden der Kinnladen bis zum Schwänze erstreckt die Beine und verlängerten Finger einschliesst, auch mit einem Ausbreiter-Muskel versehen ist. Obwohl jetzt keine vermittelnden Zwischenstufen zwischen den gewöhnlichen Lemuriden und dem durch die Lull gleitenden Galeopithecus vorhanden sind, so sehe ich doch keine Schwierigkeiten für die Annahme, dass solche Zwischenglieder einmal existirt und sich auf ähnliche Art von Stufe zu Stufe entwickelt haben, wie oben die zwischen den Eich- und Flug-Hörnchen, indem jeder weitre Schritt zur Verbesserung der Organisation in dieser Richtung für den Besitzer von Nutzen war. Auch kann ich keine unüberwindliche Schwierigkeit erblicken weiter zu unterstellen, dass sowohl der Vorderarm als die durch die Flughaut verbundenen Finger des Galeopithecus sich in Folge Natürlicher Züchtung allmählich verlängert haben, und Diess würde genügen denselben, was die Flugwerkzeuge betrifft, in eine Fledermaus zu verwandeln. Bei jenen Fledermäusen, deren Flughaut nur von der Schulter bis, unter Einschluss der Hinterbeine, zum Schwänze geht, sehen wir vielleicht noch die Spuren einer Vorrichtung, welche ursprünglich mehr dazu gemacht war durch die Luft zu gleiten, als zu fliegen. Wenn etwa ein Dutzend eigenlliiimlich gebildeter Vogel-Sippen erloschen oder uns unbekannt geblieben wären, wie hätten wir nur die Vermuthung wagen dürfen, dass es jemals Vögel gegeben habe, welche gleich der Dickkopf-Ente (Micro-pterus Evtoss) ihre Flügel nur wie Klappen zum Flattern über dem Wasserspiegel hin, oder gleich den Fettgansrii wie Ruder im Meere und wie Vorderbeinchen auf dem Lande, oder gleich dem Slrausse wie Seegel zu Beförderung des Laufes gebrauchten, oder endlich gleich dem Aptcryx gar nicht benützten. Und doch ist die Organisalion eines jeden dieser Viigel, unter den Lebens-Bedingungen. worin er sich belindel und um sein Daseyn kämpft, für ihn vorteilhaft, wenn auch nicht nolliwendig die beste unter allen möglichen F.inrichungen. Aus diesen Bemerkungen soll übrigens nicht gefolgert werden, dass irgend eine

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der eben angeführten Abstufungen der Flügel-Bildungen, die vielleicht alle nur Folge des Nichtgebrauches sind, einer natürlichen Stufen-Reihe angehöre, auf welcher emporsteigend die Vogel das vollkommene Flug-Vermögen erlang! haben; aber sie können wenigstens zu zeigen dienen, was für mancherlei Wege des Übergangs möglich sind.

Wenn man sieht, dass eine kleine Anzahl Thiere aus den V» asser-alhmenden Klassen der Kruster und Mollusken zum Leben auf dem Lande geschickt sind; wenn man sieht, dass es Biegende Vögel, fliegende Sauglhiere, fliegende Insekten von den verschiedenartigsten Typen gibt und vordem auch fliegende Reptilien gegeben hat, so wird es auch begreiflich, dass fliegende Fische, welche jetzt mit Hilfe ihrer flatternden Brustflossen sich in schiefer Richtung über den See-Spiegel erheben und in weitem Bogen durch die Luft gleiten, allmählich zu vollkommen be-lUigellen Thieren umgewandelt werden können. Und wäre Dicss einmal bewirkt, wer würde sich dann je einbilden, dass sie in einer früheren Zeit Bewohner des offenen Meeres gewesen seyeit und ihre beginnenden Flug-Ürganc, wie uns jetzt bekannt, bloss dazu gebraucht haben, dem Bachen andrer Fische zu entgehen.

Wenn wir ein Organ zu irgend einem besondren Zwecke hoch ausgebildet sehen, wie eben die Flügel des Vogels zum Fluge, so müssen wir bedenken, dass solche Thiere auf der ersten Anfangs-Stufe dieser Bildung stehend selten die Aussicht hatten sich bis auf unsre Tage zu erhalten, eben weil sie durch den Vervoll-kommnungs-Prozess der Natürlichen Züchtung immer wieder von andren weiter fortgeschrittenen Formen ersetzt worden seyn müssen. Wir werden ferner bedenken, dass Lbergangs-Stufen zwischen zu ganz verschiedenen Lebens-Weisen dienenden Bildungen in früherer Zeit selten in grosser Anzahl und mit mancherlei untergeordneten Formen ausgebildet worden seyn mögen. Doch, um zu unsrein fliegenden Fische zurückzukehren, so scheint es nicht sehr glaublich, dass zu wirklichem Fluge befähigte Fische in vielerlei untergeordneten formen zur Erhaschung von mancherlei Beute auf mancherlei Wegen, zu Wasser und Land entwickelt worden seyen,

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bis dieselben ein entschiedenes Übergewicht über andre Thiere im Kampf ums Uaseyn erlangten. Daher die Wahrscheinlichkeit, Arten auf Übergangsstufen der Organisation noch im fossilen Zustande zu entdecken immer nur gering seyn wird, weil sie in geringerer Anzahl als die Arten mit völlig entwickelten Bildungen existirt haben. Ich will nun zwei oder drei Beispiele abgeänderter und aus-einander-gelaufener Lebensweisen bei Individuen einer nämlichen Art anfuhren. Vorkommenden Falles wird es der Natürlichen Züchtung leicht seyn, ein Thier durch irgend eine Abänderung seines Baues für seine veränderte Lebensweise oder ausschliesslich für nur eine seiner verschiedenen Gewohnheiten geschickt zu machen. Es ist aber schwer und für uns unwesentlich zu sagen, ob im Allgemeinen zuerst die Gewohnheiten und dann die Organisation sich andere, oder ob geringe Modifikationen des Baues zu einer Änderung der Gewohnheiten führen; wahrscheinlich andern beide gleichzeitig ab. Was Änderung der Gewohnheilen betrillt, so würde es genügen auf die Menge Britischer Insekten-Arten zu verweisen, welche jetzt von ausländischen Pflanzen oder ganz ausschliesslich von Kunst-Erzeugnissen leben. Vom Auseinandergehen der Gewohnheiten Hessen sich zahllose Beispiele anführen. Ich habe ort eine Südamerikanische Würger-Art (Saurophagus sulphuratus) beobachtet, als sie wie ein Thurmiälke über einem Fleck und dann wieder über einem andern schwebte und ein andermal steif am Hände des Wassers stund und dann plötzlich wie ein Eisvogel auf einen Fisch hinabstürzte. In unsrer eignen Gegend sieht man die Kohlmeise (Parus major) bald fast wie einen Baumläufer an den Zweigen herum klimmen, bald nach Art des Würgers kleine Vogel durch Hiebe auf den Kopf todten; oft habe ich sie die Saamen des Eibenbaumes auf einem Zwerge aufhämmern und dann wieder sie wie ein Nusshacker aufbrechen sehen. In Kord-Amerika schwimmt nach Hkmink's Beobachtung der schwarze Bar bis vier Stunden lang mit weit geöffnetem Munde im Wasser umher, um fast nach Art der Wale Wasser-Insekten zu fangen.

0 Diess Betspiel wnr in iler ersten InfUge nnsrdihrl um iu leigen, wie elwa ein Wut einstellen kimiie.                                                    II. Ülirs.

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Da wir zuweilen Individuen Gewohnheiten befolgen sehen, welche von denen andrer Individuen ihrer Arl und undrer Arien ihrer Sippe weit abweichen , so hallen wir nach meiner Theorie zu erwarten . dass solche Individuen milimlef zur Entstehung neuer Arten mit abweichenden Sitten und einer mehr oder weniger niodilizirten Organisation Veranlassung geben. Und solche Falle kommen in der Natur vor. Kann es ein treffenderes Beispiel von Anpassung geben, als den Specht, welcher an Bäumen umherkletterl, um Insekten in den Rissen der Rinde aufzusuchen? l'nd doch gibt es in Amerika Spechte, welche grossentheils von Fruchten leben, und andre mit verlängerten Flügeln, welche Insekten im Fluge haschen; und auf den Ebenen von La Plata, wo nicht ein Baum wachst, gibt es einen Specht, welcher in allen Tlieilcn seiner Organisation und selbst in seiner Färbung, seiner harten Stimme und seinem Wellen-förmigen Fluge die nahe Blutsverwandtschaft mit unseren gewohnlichen Arten verralh: aber es ist ein Specht, der in diesen Ebenen nie klettern kann.

Sturmvogel sind unter allen Vögeln diejenigen, die am besten fliegen und am meisten an das hohe Meer gebunden sind: und doch gibt es in den ruhigen stillen Meerengen des Feuerlandes tin. Art. luHinuna Berardi du nach ihrer Lebensweise im Allgemeinen, nach ihrer erstaunlichen Fähigkeit zu tauchen, nach ihrer Art zu schwimmen und zu fliegen, wenn sie gegen ihren Willen zu Biegen geniithigt wird, von Jedem für einen Alk oder I.appenlaiieher (Colymluis) gehalten werden würde: sie ist aber ihrem Wesen nach ein Sturmvogel nur mit einigen lief eindringenden Änderungen der Organisation. Auf der andern Seite würde man bei der genauesten Untersuchung des Korpers der Wasseranisel (Cinclus) nicht die mindeste Spur von ihrer ans Wasser gebundenen Lebensweise zu entdecken im Stande seyn. Und doch verschallt sich dieses so abweichende Glied der Drossel-F'amilie seinen ganzen Unterhall nur durch Tauchen, durch Aurscharren des Gerolles mit seinen Füssen und durch Anwendung seiner Flügel unter Wasser.

Wer glaubt, dass jedes Wesen so geschaffen worden seye, wie wir es jetzt erblicken, muss schon manchmal überrascht ge-

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wesen seyn, ein Thier zu finden, dessen Organisation und Lebens weise durchaus nicht miteinander in Einklang stunden. Was kann klarer seyn, als dass die Küsse der Enten und Gänse mit der grossen Haut zwischen den Zehen zum Schwimmen gemacht sind? und doch gibt es Gänse mit solchen Schwiminlüssen, welche selten oder nie ins Wasser gehen: — und ausser Axdi'bon hat noch Niemand den Fregattvogel, dessen vier Zehen durch eine Schwimmhaut verbunden sind, sich auf den Spiegel des Meeres niederlassen sehen. Andrerseits sind Lappentaucher und Wasserhühner ausgezeichnete Wasser-Vögel, und doch sind ihre Zehen nur mit einer Schwimmhaut gesäumt. Was scheint klarer zu seyn, als dass die langen Zehen der Sumpf-Vögel ihnen dazu gegeben sind, damit sie über Sumpf-Boden und schwimmende Wasser-Pflanzen hinwegschreiten können, und doch ist das Rohrhuhn (Ortygometrai fast eben so sehr Wasser-Vogel als das Wasserhuhn, und die Halle fast eben so sehr Land-Vogel als die Wachtel oder das Feldhuhn. Man kann sagen, der Schwimmfuss seye verkümmert in seiner Verrichtung, aber nicht in seiner Form. Beim Fregattvogel dagegen zeigt der liefe Ausschnitt der Schwimmhaut zwischen den Zehen, dass eine Veränderung der Fuss-Bil-dung begonnen hat.

Wer an zahllose getrennte Schöpfungs-Akte glaubt, wird sagen , dass es in diesen Fällen dem Schöpfer gefallen hat, ein Wesen von dem einen Typus für den Platz eines Wesens von dem andren Typus zu bestimmen. Diess scheint mir aber wieder dieselbe Sache. nur in einer Würde-volleren Fassung. Wer an den Kampf um's Daseyn und an das Prinzip der Natürlichen Züchtung glaubt, der wird anerkennen, dass jedes Organische Wesen beständig nach Vermehrung seiner Anzahl strebt und dass, wenn es in Organisation oder Gewohnheiten auch noch so wenig variirt, aber hiedurch einen Vortheil über irgend einen andern Bewohner der Gegend erlangt, es dessen Stelle einnehmen kann, wie verschieden dieselbe auch von seiner eignen bisherigen Stelle seyn mag. Er wird desshalb nicht darüber erstaunt seyn. Gänse und Fregattvögel mit Schwimml'ussen zu sehen, wovon die einen auf dem trocknen Lande leben und die

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Bildern sich nur sein selten aufs Wasser niederlassen, oder lanozehige Rohrhübuer (Crax) zu linden, welche aul' Wieeen statt in Sümpfen wohnen: oder dass es Spechte gibt, wo keine Blume sind, dass Drosseln unters Wasser tauchen und Slurin-vnirel wie Alke leben.

Organe von äusserster Vollkommenheit und Zusammengesetzt heil.) Die Annahme, dass sogar das Auge mit allen seinen der Nachahmung unerreichbaren Vorrichtungen, um den Focus den manchfalligslen Entfernungen anzupassen, verschiedene ficht-Mensen zuzulassen und die sphärische und chromatische Abweichung zu verbessern, nur durch Natürliche Züchtung zu dem geworden seye. was es ist, scheint, ich will es offen gestehen, im höchsten möglichen (irade absurd zu seyn. Und doch sagt mir die Vernunft, dass, wenn zahlreiche Abstufungen von einem vollkommenen und zusammengesetzten bis zu einem ganz einlachen und unvollkommenen Auge, alle nützlich für ihren Besitzer, vorhanden sind. — wenn das Auge etwas zu variiren geneigt ist und seine Abänderungen erblich sind, was sicher der Fall ist, — wenn eine mehr und weniger beträchtliche Abänderung eines Organe« immer nützlich ist für ein Thier, dessen äusseren Lebens-Bedingungen sich ändern: dann scheint der Annahme, dass ein vollkommenes und zusammengesetztes Auge durch Natürliche Züchtung gebildet werden könne, doch keine wesentliche Schwierigkeit mehr entgegenzustehen, wie schwierig auch die Vorstellung davon für unsre Einbildungskralt seyn mag. Die Frage, wie ein Nerv für Licht empfindlich werde, beunruhigt uns schwerlich mehr, als die, wie das Leben selbst ursprünglich entstehe, .ledoch will ich bemerken, dass verschiedene Thatsachen iiiicli zur Vermuthung bringen, dass jeder sensitive Nerv für Licht und ebenso für jene gröberen Schwingungen der Lull empfindlich gemacht werden könne, welche den Ton hervorbringen.

W«g die Abstufungen betrifft, mittelst welcher ein Organ in irgend einer Spezies vervollkommnet worden ist, so sollten wir dieselbe allerdings nur in gerader Linie bei ihren Vorgangein aufsuchen. Diess ist aber schwerlich jemals möglich, und wir sind jedenfalls genölhigt uns unter den Arten derselben

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Gruppe. d. h. hei den Seitenverwandten von gleicher Abstammung mit der ersten, umzusehen um 7.11 erkennen, was Mir Abstufungen möglich sind, und ob es wahrscheinlich, dass irgend welche Abstufungen von den ersten Stamm-Altern an ohne alle oder mit nur geringer Abänderung auf die jetzigen Nachkommen übertragen worden seyen. Unter den jetzt lebenden Wirbel-thieren finden wir nur eine geringe Abstufung in der Bildung des Auges (obwohl der Fisch Amphioxus ein sehr einfaches Auge ohne Linse besitzt), und an fossilen Wesen lasst sich keine Untersuchung mehr darüber anstellen. Wir hatten wahrscheinlich weit vor die untersten Fossilien-führenden Schichten zurückzugehen , um die ersten Stufen der Vervollkommnung des Auges in diesem Kreise des Thier-Rcichs zu entdecken.

Im l'nterreiche der Kerbthiere kann man von einem einfach mit Pigment überzogenen Sehnerven ausgehen. der oft eine Art Pupille bildet, aber ohne Kryslall-Linse und sonstige optische Vorrichtung ist. Von diesem Augen-Rudimente. nHclns etwa Licht von Dunkelheit, aber nichts weiter zu unterscheiden im Stande ist, schreitet die Vervollkommnung in zwei Richtungen fort, welche .1. Mi'u.rr von Grund aus verschieden glaubt: sie führt nämlich entweder 1) zu Stemmata oder sogen, »einfachen Augen« mit Krystall-Linse und Hornhaut versehen, oder 2) zu »zusammengesetzten Augen«, welche allein oder hauptsächlich nur dadurch wirken, dass sie alle Strahlen, welche von irgend einem Punkte des gesehenen Gegenstandes kommen. bis auf denjenigen Strahlen-Büschel ausschliessen, welcher senkrecht auf die konvexe Netzhaut Mit. Diesen zusammengesetzten Augen nun mit Verschiedenheiten ohne Ende in Form. Verhaltniss. Zahl und Stellung der durchsichtigen mit Pigment überzogenen Kegel, welche nur durch Ausschliessung wirken, gesellt sich bald noch eine mehr oder weniger vollkommne Konzentrirungs-Vorrichtung bei, indem in den Augen der Meloe z. B. die Facetten der Cornea aussen und innen etwas konvex, mithin Linsen-förmig werden. Viele Kruster haben eine doppelte Cornea, eine toaste glatte und eine innre in Facetten getheillc. in riefen Sulistan/. nach Mii.ne F.uwards »renflemens lenticulaires paraissenl s'etro

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d.vi-loppcs", niiil zuweilen lassen sich diese Linsen als eine he-miii.Ii.' S< liu-lit von der Cornea ahhiscn. Die durchsichtigen inil Pigment überzogenen Kegel. von welrhen Mu.lf.ii angenommen, dass sie mir dureh Ausschliessung divcrgenler Licht-Slrahlen-hiischel wirken, hangen gewöhnlich an der Cornea an, sind aber auch niehl seilen davon abgesondert und zeigen eine konvexe äussre Fische; sie müssen nach meiner Meinung in diesem Falle wie konvergirende Linsen wirken. Dabei ist die Struktur der zusammengesetzten Augen so manchfaltig. dass Miller drei Hauptklassen derselben mit nicht weniger als sieben Unlcrab-tlieilungen nach ihrer Struktur annimmt. Er bildet eine vierte Hauptklasse aus den ..zusammengekauften Augen« oder Gruppen von Stemmata, welche nach seiner Erklärung den l'bergang bilden von den Mosaik-artig »Zusammengesetzten Augen« ohne Konzentrations-Vorrichtung zu den Gesichts-Organen mit einer solchen.

Wenn ich diese hier nur allzukurz und unvollständig angedeuteten Thalsachen, welche zeigen, dass es schon unter den jetzt lebenden Kerbthieren viele stufenweise Verschiedenheit« der Augen-Bildung gibt, erwäge und ferner bedenke, wie klein die Anzahl lebender Arten im Vergleich zu den bereits erloschenen ist, so kann ich (wenn auch mehr als in andern Bildungen) doch keine allzugrosse Schwierigkeit für die Annahme finden, dass der einfache Apparat eines von Pigment umgebenen und von durchsichtiger Haut bedeckten Sehnerven durch Natürliche Züchtung in ein so vollkommenes optisches Werkzeug umgewandelt worden seye, wie es bei den vollkommensten Kerbthieren gefunden wird.

Wer nun weiter gehen will, wenn er beim Durchlesen dieses Buches findet, dass sich durch die Descendenz-Theorie eine grosse Menge von anderweitig unerklarbaren Thalsachen begreifen lasse, braucht kein Bedenken gegen die weitre Annahme zu haben, dass durch Natürliche Züchtung zuletzt auch ein so vollkommenes Gebilde, als das Adler-Auge ist, hergestellt werden könne, wenn ihm auch die Zwischenstufen in diesem Falle ganzlich unbekannt sind. Sein Verstand muss seine Einbildungs-Kraft überwinden. Doch habe ich selbst die Schwierigkeit viel zu gut gefühlt, als dass

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ich mich einigermaiissen darüber wunder» küniile, nenn Jemand es gewagt findet, die Theorie der Natürlichen Züchtung bis zu einer so erstaunlichen Weile auszudehnen.

Man kann kaum vermeiden, das Auge mit einem Teleskop zu vergleichen. Wir wissen, dass dieses Werkzeug durch lang-fortgesetzte Anstrengungen der höchsten menschlichen Intelligenz verbessert worden ist, und folgern natürlich daraus, dass das Auge seine Vollkommenheit durch einen etwas ähnlichen I'rozess erlangt habe. Sollte aber diese Vorstellung nicht blos in der Einbildung beruhen? Haben wir ein Recht anzunehmen, der Schöpfer wirke vermöge intellektueller Kralle ahnlich denen des Menschen? Wollten wir das Auge einem optischen Instrumente vergleichen, so müssten wir in (iedanken eine dicke Schicht eines durchsichtigen Gewebes annehmen, getränkt mit Flüssigkeit und mit einem für Licht empfänglichen .Nerven darunter, und dann unterstellen, dass jeder Thcil dieser Schicht langsam aber unausgesetzt seine Dichte verandere, so dass verschiedene Lagen von verschiedener Dichte übereinander und in ungleichen Entfernungen von einander entstehen, und dass auch die Oberflache einer jeden Lage langsam ihre Form andre. Wir müssten ferner unterstellen, dass eine Kraft (die Natürliche Züchtung) vorhanden seye, welche bestandig eine jede geringe zufallige Veränderung in den durchsichtigen Lagen genau beobachte und jede Abänderung sorgfaltig auswähle, die unter veränderten Umständen in irgend einer Weise oder in irgend einem Grade ein deutlicheres Bild hervorzubringen geschickt wäre. Wir müssten unterstellen, jeder neue Zustand des Instrumentes werde mit einer Million vervielfältigt, und jeder werde so lange erhalten, bis ein bess-rer hervorgebracht seye, dann aber zerstört. Bei lebenden Korpern bringt Variation jene geringen Verschiedenheiten hervor, Generation vervielfältigt sie ins Unendliche und Natürliche Züchtung findet mit nie irrendem Takte jede Verbesserung zum Zwecke weilerer Vervollkommnung heraus. Denkt man sich nun diesen Prozess Millionen und Millionen Jahre lang und jedes Jahr an Millionen Individuen der manthfalligslen Art fortgesetzt: sollte man da nicht erwarten, dass das lebende optische Instrument endlich

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in demselben Grad« vollkommener als dns gläserne werden müsse, wie des Schöpfers Werke überhaupt vollkommner sind, als die des Menschen?

Liesse sich irgend ein zusammengesetztes Organ nachweisen, dessen Vollendung nicht durch zahllose kleine aufeinander-folgende Modifikationen erfolgen könnte, so miisste meine Theorie unbedingt zusammenbrechen. Ich vermag jedoch keinen solchen Kall aufzufinden. Zweifelsohne bestehen viele Organe, deren Vervollkommnung*-Stufen wir nicht kennen, .insbesondre bei sehr vereinzelt stehenden Arten, deren verwandten Formen nach meiner Theorie in Weitem l'mkreise erloschen sind. So muss auch, wo es sich um ein allen Gliedern eines Unterrci.hs gemeinsames Organ handelt, dieses Organ schon in einer sehr frühen Vorzeit gebildet worden seyn, weil sich nachher MM alle Glieder dieses l'ntcrreichs entwickelt haben: und wenn wir die frühesten Übergangs-Stufen entdecken wollten, welche das Organ zu durchlaufen hatte, so müssten wir uns bei den frühesten Anlängs-Formen umsehen, welche jetzt schon längst wieder erloschen sind.

Wir müssen uns wohl bedenken zu behaupten, ein Organ habe nicht durch stufenweise Veränderungen irgend einer Art gebildet werden können. Man könnte zahlreiche Fälle anführen, wie bei den niederen Thieren ein und dasselbe Organ ganz verschiedene Verrichtungen besorgt: athmet doch und verdaut und exzernirt der Nahrungskanal in der Larve der Draehen-lliege wie in dem Fische Cobilis. Wendet man die Hydra wie einen Handschuh um, das Innere nach aussen, so verdaut die aussro Oberfläche und die innre athmet. In solchen Fallen hätte durch die Natürliche Züchtung ganz leicht ein Theil oder Organ, welches bisher zweierlei Verrichtungen gehabt hat, ausschliesslich nur für einen der beiden Zwecke ausgebildet und die ganze Natur des Thieres allmählich umgeändert werden können, wenn Diess für dasselbe von Anfang an nützlich gewesen wäre. Gewisse Pflanzen, wie namentlich einige Hülsen-Gewächse, Violaceen u. a. bringen zwei Arten von Blüthen, die einen mit der ihrer Ordnung zustehenden Bildung, die andern verkümmert, aber zuweilen

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fruchtbarer als die ersten. Unlerliesse nun eine solche Pflanze mehre Jahre lang Blüthen der ersten Art zu bringen, wie es ein in Frankreich eingeführtes Exemplar von Aspicarpa wirklich gethan, so würde in der That eine grosse und plötzliche Umwandlung in der Natur der Pflanze eintreten. Zwei verschiedene Organe verrichten zuweilen miteinander einerlei Dienste in demselben Individuum, wie es z. B. Fische gibt mit Kiemen, womit sie die im Wasser vertheilte Luft einathmen. wahrend sie zu gleicher Zeit atmosphärische Luft mit ihrer Schwimmblase zu Ahmen im Stande sind, welche zu dem Ende durch einen Liifl-gang jnit dem Schlünde verbunden und innerlich von sehr Gcfass-reichen Zwischenwanden durchzogen ist (Lepidosiren). In diesem Falle kann leicht eines von beiden Organen verändert und so vervollkommnet werden, dass es immer mehr die ganze Arbeit allein übernimmt, während das andre entweder zu einer neuen Bestimmung übergeht oder gänzlich verkümmert.

Diess Beispiel von der Schwimmblase der Fische ist sehr belehrend, weil es uns die hoch-wichtige Thatsache zeigt, wie ein ursprünglich zu einem besondren Zwecke, zum Schwimmen nämlich, gebildetes Organ für eine ganz andre Verrichtung umgeändert werden kann, und zwar für die Alhmung. Auch ist die Schwimmblase als ein Nebenbestandtheil für das Gehör-Organ mancher Fische mit verarbeitet worden, oder es ist (ich weiss nicht, welche Deutungs-Weise jetzt am allgemeinsten angenommen wird) ein Theil des Gehör-Organes zur Ergänzung der Schwimmblase verwendet worden. Alle Physiologen geben zu, dass die Schwimmblase in Lage und Struktur »homolog« oder »ideal gleich« Seye den 1,untren hökerer Wirbelthiere; daher die Annahme, Natürliche Züchtung habe eine Schwimmblase in eine Lunge oder ein ausschliessliches Athem-Organ verwandelt, keinem grossen Bedenken zu unterliegen scheint.

Ich kann in der That kaum bezweifeln, dass alle Wirbel-thiere mit ächten Lungen auf dem gewöhnlichen Forlpflan/ungs-Wegc von einem alten unbekannten l'rbilde mit einem Scbwimm-Apparat oder einer Schwimmblase herstammen. So mag man sich, wie ich aus Professor Owens interessanter Beschreibung

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dieser Theile enlnelime, die sonderbare Thalsache erklären, wie es komme, dass jedes Theilcben von Speise und Trank, die wir zu uns nehmen, über die Mundung der Luftröhre wegglcitcn muss mit einiger Gefahr in die Lungen zu fallen, der sinnreichen Einrichtung ungeachtet, wodurch der Kehldeckel geschlossen wird. Bei den höheren Wirhclthiercn sind die Kiemen gänzlich verschwunden, aber die Spalten an den Seiten des Halses und der Sehlingen-formige Verlauf der Arterien scheinen in dem Embryo des Menschen noch ihre frühere Stelle anzudeuten. Doch warr es begreiflieh gewesen, wenn die jetzt gänzlich verschwundenen Kiemen durch Natürliche Züchtung zu einem ganz anderen Zwecke umgearbeitet worden waren: wie nach der Ansieht einiger Naturforscher, dass die Kiemen und Rückenschuppen gewisser Ringelwürmer mit den Klügeln und Flügeldecken der sechsfUssigun Insekten homolog sind, es wahrscheinlich Wäre, dass Organe, die in sehr alter Zeit zur Athmung gedient, jetzt zu Flug-Organen umgewandelt seyen.

Was den l'bergang der Organe zu andern Funktionen betritt] ist es so wichtig sich mit der Möglichkeit desselben vertraut zu machen, dass ich noch ein weitres Beispiel anfuhren will. Die gestielten Rankenfüsser (Cirripedesi haben zwei kleine Haulfalten, von mir Eier-Zügel genannt, welche bestimmt sind, mittelst einer klebrigen Absonderung die Eier zurückzuhalten, so lange sie im Eiersack ausgebrütet werden. Diese Rankenfüsser haben keine Kiemen, indem die ganze Oberfläche des Körpers und Sackes mit Einschluss der kleinen Zügel zur Athmung dient. Die Bala-niden oder sitzenden Cirripeden dagegen haben keine solche Zügel, indem die Eier lose auf dem Grunde des Sackes in der wohl geschlossenen Sensale liegen: aber sie haben grosse faltige Kiemen. Nun denke ich, wird Niemand bestreiten, dass die Eier-Zügel der einen Familie homolog mit den Kiemen der andern sind, wie sie denn noch in der Thal stufenweise in einander übergehen. Daher bezweifle ich nicht, dass kleine Haulfalten, welche hier anfangs als Eier-Zügel gedient und in geringem Grade schon bei der Athmung mitgewirkt, durch Natürliche Züchtung stufenweise in Kiemen verwandelt worden sind bloss

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durch Vermehrung ihrer Grosse bei gleichzeitiger Verkümmerung der ihnen anhängenden Drusen. Waren alle gestielten Cirripeden erloschen (und sie haben bereits mehr Vertilgung erfahren als die sitzenden): wie hatten wir uns je denken können, dass die Athmiuigs-Organe der Balaniden ursprünglich den Zweck gehabt hätten, die zu frühzeitige Ausführung der Eier aus dem Eiersack zu verhindern?

Obwohl ich gemahnt habe vorsichtig bei der Annahme zu seyn, dass ein Organ nicht möglicher Weise durch ganz allmähliche Übergänge gebildet worden seyn könne, so gebe ich doch gerne zu, dass sehr schwierige Fälle vorkommen mögen, deren einige ich in meinem grösseren Werke zu erörtern gedenke.

Einen der schwierigsten bilden die Geschlecht-losen Kerb-thiere, die oft sehr abweichend sowohl von den Männchen als den fruchtbaren Weibchen ihrer Spezies gebildet sind, auf welchen Fall ich jedoch im nächsten Kapitel zurückkommen will. Die elektrischen Organe der Fische bieten einen andren Fall von eigenthiimlicher Schwierigkeit dar: es ist unbegreiflich, durch welche Abstufungen die Bildung dieser wundersamen Organe bewirkt worden seyn mag. Doch gleicht nach R. Owens u. A. Bemerkung ihre innerste Struktur ganz derjenigen gewöhnlicher .Muskeln, und da unlängst gezeigt worden, dass Rochen ein dem elektrischen Apparate ganz analoges Organ besitzen, aber nach Matteico 's Versicherung keine Elektricilät entladen, so müssen wir gestehen, dass wir viel zu unwissend sind um behaupten zu dürfen, dass kein Übergang irgend einer Art möglich seye.

Die elektrischen Organe bieten aber noch andre sehr ernstliche Schwierigkeiten dar. Wenn ein und dasselbe Organ in verschiedenen Gliedern einer Klasse und zumal mit sehr aus-einander-gehenden Gewohnheiten auftritt, so mag man seine Anwesenheit in diesen Gliedern durch Erbschaft von einem gemeinsamen Stamm-Vater und seine Abwesenheit in andern durch Verlust in Folge von Nichtgebrauch oder Natürlicher Züchtung erklaren. Hätte sich aber das elektrische Organ von einem alten damit versehen gewesenen Vorgänger auf jene Fische vererbt, so durften wir erwarten, dass alle noch elektrischen Fische auch

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sonst in näherer Weise mit einander verwandt seyen. Nun gibl aber die Paläontologie durchaus keine Veranlassung zu glauben, dass vordem die meisten Fische mit elektrischen Organen versehen gewesen seyen, welche fast alle ihre Nachkommen ein-gehilssl hallen. Die Anwesenheit leuchtender Organe in einigen wenigen Insekten ans den manchfaltigsten Familien und Ordnungen bielel einen damit gleichlaufenden schwierigen Fall dar. Man könnte deren noch mehr anführen, wie denn z. B. im l'flanzcn-lieicho die ganz eigenthümliche Entwickelang einer Masse von Polten-Körnern auf einem Fussgestelle mit einer klebrigen l»rüse an dessen Ende hei Orchis und bei Asclepias, zweien unter den Blülhen-I'flanzon möglich weit auseinanderstehenden Sippen, ganz die mimliehe ist. Doch kann man bemerken, dass in solchen Fallen, wo zwei sehr verschiedene Arten mit anscheinend demselben anomalen Organe versehen sind, doch gewöhnlich einige Grund-Verschiedenheiten sich daran entdecken lassen. Ich möchte glauben, dass fast in gleicher Weise, wie zwei Menschen zuweilen unabhängig von einander auf genau die nämliche Entdeckung verfallen sind, so habe auch die Natürliche Züchtung, zum Besten eines jeden Wesens wirkend und von allen analogen Abänderungen Vortheil ziehend, zuweilen zwei Theile auf fast ganz gleiche Weise in zwei organischen Wesen modifizirl, welche ihrer Abstammung von einem nämlichen Stamm-Vater nur wenig Gemeinsames in ihrer Organisation verdanken.

Obwohl es in vielen Fallen sehr schwer ist zu errathen. durch welche Übergänge die Organe zu ihrer jetzigen Beschaffenheit gelangt seyen, so bin ich doch, in Betracht der sehr geringen Anzahl noch lebender und bekannter gegenüber den untergegangenen und unbekannten Formen, sehr darüber erstaunt gewesen zu linden, wie selten ein Organ vorkommt, zu welchem nicht einige Übergangs-Stufen führten. Die Wahrheit dieser Bemerkung ist schon in der alten obwohl etwas übertriebenen naturgeschichtlichen Begel „Natura non ladt saltum« anerkannt. Wir linden Diess in den Schriften fast aller erfahrenen Naturforscher angenommen: Mh.ne Edwards bat es mit den Worten ausgedrückt: Die Natur ist verschwenderisch in Abänderungen,

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aber geitzig in N'cuerungen. Wie sollte es nach der Sehöpfungs-Theorie damit zugehen? woher sollte es kommen, dass alle Theile und Organe so vieler unabhängiger Wesen, wenn jedes derselben für seinen eignen Platz in der Natur erschaffen worden, doch durch ganz allmähliche Übergänge miteinander verkellet sind? Warum halle die Natur nicht einen Sprung von der einen Organisation zur andern gemacht? Nach der Theorie Natürlicher Züchtung dagegen können wir es klar begreifen, weil diese sich nur ganz kleine allmähliche Abänderungen zu Nutzen maehl; sie kann nie einen Sprung machen, sondern muss mit kürzesten und langsamsten Schlitten voranschreiten.

Organe von anscheinend geringer Wichtigkeit.) Da Natürliche Züchtung auf Leben und Tod arbeitet, indem sie nämlich Individuen mit vorteilhaften Abänderungen erhall und solche mit ungünstigen Abweichungen der Organisation unterdrückt, so schien mir manchmal die Entstehung einfacher Theile sehr schwer zu begreifen, deren Wichtigkeit nicht genügend erscheint, um die Erhaltung immer weiter abändernder Individuen zu begründen. Diese Schwierigkeit, obwohl von ganz andrer Art, schien mir manchmal eben so gross zu seyn als die hinsichtlich so vollkomiiiner und zusammengesetzter Organe, wie die Augen.

Erstens aber wissen wir viel zu wenig von dem ganzen Haushalte eines organischen Wesens, um sagen zu können, welche geringe Modilikiflionen für dasselbe wichtig seyn können, und ich habe in einem früheren Kapitel Beispiele von sehr geringen Charaktcrn, wie den Flaum der Früchte und die Farbe ihres Fleisches angeführt, welche in so ferne, als sie auf die Angriffe der Insekten von Einfluss sind oder mit der Empfind' licbkeit der Wesen für aussre Einflüsse in Zusammenhang stehen, bei der Natürlichen Züchtung gewiss mit in Betracht kommen. Der Schwanz der Giraffe sieht wie ein künstlich gemachter Fliegenwedel aus, und es scheint anfangs unglaublich, dass derselbe durch kleine aufeinanderfolgende Verbesserungen allmählich zur unbedeutenden Bestimmung eines solchen Instrumentes hergerichtet worden seyn solle. Doch hüten wir uns gerade in

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diesem Falle uns allzu bestimmt auszusprechen, indem wir ja wissen, dass Daseyn und Verbreitungs-Weise des Rindes u.a. Thiere in Süd-Amerika unbedingt von deren Vermögen abhängt den Angriffen der Insekten zu widerstehen; daher Individuen, welche einigermaassen mit Mitteln zur Verteidigung gegen diese kleinen Feinde versehen sind, geschickt waren sich mit grossem Vortheil über neue Weide-Platze zu verbreiten. Nicht als ob grosse Saugthiere (einige seltene Falle ausgenommen) jetzt durch Fliegen vertilgt würden: aber sie werden von ihnen so unausgesetzt ermüdet und geschwächt, dass sie Krankheiten, gelegentlichem Futter-Mangel und den Nachstellungen der Raublhiere in weit grüssrer Anzahl erliegen.

Organe von jetzt unwesentlicher Bedeutung können den ersten Stamm-Altern zuweilen von hohem Werthe gewesen und nach früherer langsamer Vervollkommnung in ungefähr demselben Zustande auf deren Nachkommen vererbt worden seyn, obwohl deren nunmehriger Nutzen nur noch unbedeutend ist, während schädliche Abweichungen von dem früheren Baue durch Natürliche Züchtung fortdauernd gehindert werden. Wenn man beobachtet, was für ein wichtiges Organ des Ortswechsels der Schwanz für die meisten Wasser-Thiere ist, so lässt sich seine allgemeine Anwesenheit und Verwendung zu mancherlei Zwecken bei so vielen Land-Thieren, welche durch modifizirte Schwimmblasen oder Lungen ihre Abstammung aus dem Wasser verrathen, ganz wohl begreifen. Nach'dem ein Wasser - Thier einmal mit einem wohl-entwickelten Steuer-Schwänze ausgestattet ist, kann derselbe später zu den manchfalligsten Zwecken umgearbeitet werden, zu einem Fliegenwedel, zu einem Greifwerk-zeug, oder zu einem Mittel schneller Wendung des Laufes, wie es beim Hunde der Fall ist. obwohl dieses Hillsmittel nur schwach seyn mag, indem ja der Hase, fast ganz ohne Schwanz, sich rasch genug zu wenden im Stande ist.

Zweitens: dürften wir mitunter Charakteren eine grosse Wichtigkeit zutrauen, die ihnen in Wahrheit nicht zukommt, und welche von ganz sekundären Ursachen unabhängig von Natürlicher Züchtung herrühren. Erinnern wir uns, dass Klima, Nah-

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rung u. s. w. wahrscheinlich einigen kleinen Einfluss auf die Organisation haben: dass allere Charaktere nach dem Gesetze der Rückkehr wieder zum Vorschein kommen; dass'Wechselbeziehungen in der Entwickelung einen oft bedeutenden Einfluss auf die Abänderung verschiedener Gebilde äussern, und endlich dass sexuelle Zuchtwahl oft wesentlich auf solche äussere Charaktere einer Thier-Art eingewirkt hat, welche dem mit andren kämpfenden Männchen eine bessre Waffe oder einen besondren Rcitz in den Augen des Weibchens verliehen, Überdiess mag eine aus den genannten Ursachen hervorgegangene Abänderung der Struktur anfangs oft ohne Werth für die Art gewesen seyn, späterhin aber bei deren unter neue Lebens-Bedingungen versetzten und mit neuen Gewohnheiten versehenen Nachkommen an Bedeutung gewonnen haben.

Ich will einige Beispiele zu Erläuterung dieser letzten Bemerkung anführen. Wenn es nur grüne Spechte gäbe und wir wüssten von schwarzen und bunten nichts, so würde ich mir zu sagen erlauben, dass die grüne Farbe eine schone Anpassung und dazu bestimmt seye, diese an den Bäumen herumklelternden Vogel vor den Augen ihrer Feinde zu verbergen, dass es mithin ein für die Spezies wichtiger und durch Natürliche Züchtung erlangter Charakter seye: so aber, wie sich die Sache verhält, rührt die Färbung zweifelsohne von einer ganz andern Ursache und wahrscheinlich von geschlechtlicher Zuchtwahl her. Eine kletternde Bambus-Art im Malayischen Archipel steigt bis zu den höchsten Baum-Gipfeln empor mit Hilfe ausgezeichneter Ranken, welche Büchel-weise an den Enden der Zweige befestigt sind, und diese Einrichtung ist zweifelsohne für die Pflanze von grösstem Nutzen. Da wir jedoch fast ähnliche Hanken an vielen Pflanzen sehen, welche nicht klettern, so mögen dieselben auch beim Bambus von unbekannten Wachsthums-Gesetzcn herrühren und von der Pflanze erst später, als sie noch sonslige Abänderung erfuhr und ein Kletterer wurde, zu ihrem Vorlheile benützt und weiter entwickelt worden seyn. Die nackte Haut am Kopfe des Geyers wird gewöhnlich als eine unmittelbare Anbequemung des oft in faulen Kadavern damit wühlenden Thieres betrachtet: in-

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zwischen müssen wir vorsichtig seyn mit dieser Deutung, da ja auch die Koplhaul des ganz säuberlich fressenden VValschhahns nackt ist. Die Nahte an den Schädeln junger Saugthiere sind als eine schöne Anpassung zur Erleichterung der Geburt dargestellt worden, und ohne Zweifel begünstigen sie dieselbe oder sind sogar unentbehrlich; da aber auch solche Nahte an den Schadein junger Vogel und Reptilien vorkommen, welche nur aus einem zerbrochenen Eie zu schlupfen nölhig haben, so dürfen wir schliessen, dass diese Bildungs-Weise von den Wacht-thums- Gesetzen herrühre und den höhereu Wirbelthieren dann nur gelegentlich auf jene Weise nütze.

Wir wissen ganz und gar nichts über die Ursachen, welche die kleinen Abänderungen veranlassen, und fühlen Diess am meisten, Wenn wir über die Verschiedenheiten unsrer Hausthier-Rassen in andern Gegenden und zumal bei minder zivilisir-ten Volkern nachdenken, welche sich nicht mit planmassigcr Züchtung befassen. Sorgfältige Beobachter sind der Überzeugung, dass ein feuchtes Klima den Haarwuchs befördre und dass Hörn mit Haar in gleicher Beziehung stehe. Gebirgs-Rassen sind überall von Niederungs-Rassen verschieden, und Gebirgs-Gegen-den werden wahrscheinlich auf die Hinterbeine und allenfalls auf das Becken wirken, sofern diese daselbst mehr in Anspruch genommen werden; nach dem Gesetze homologer Variation werden dann auch die vordren Gliedmaassen und wahrscheinlich der Kopf mit betroffen werden. Auch dürfte die Form des Beckens der Mutter durch Druck auf die Kopf-Form des Jungen in ihrem Leibe wirken. Wahrscheinlich vermehrt auch die schwierigere Athmung in hohen Gebirgen die Weite des Brustkastens, und Diess nicht ohne Einfluss auf noch andre Theile. In verschiedenen Gegenden haben auch die von Wilden gehaltenen Hauslhiere um ihr eignes Daseyn zu kämpfen und mögen daher bis zu gewissem Grade noch Natürlicher Züchtung unterliegen. Daher denn Individuen mit abweichender Konstitution in andern Klima len besser fortkommen werden: nun dürften aber Konstitution und Färbung in Wechselbeziehung mit einander stehen. Ein guter Beobachter versichert, dass der Grad, in welchem das Bind

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von Fliegen leidet, sowie der Gefahr seiner Vergiftung durch gewisse Pflanzen von dessen Fiirbung abhänge; daher denn Färbung den Einfluss Natürlicher Züchtung unterstützt. Wir haben aber viel zu wenig Erfahrung, um über die vergleichungsweise Wichtigkeit der verschiedenen bekannten und unbekannten Abänderungs-Gesetze Betrachtungen anzustellen, und ich habe hier deren nur erwähnt um zu zeigen, dass, wenn wir nicht im Stande sind, die charakteristischen Verschiedenheiten unsrer kul-tivirtern Rassen zu erklaren, welche doch allgemeiner Annahme zufolge durch gewohnliche Fortpflanzung entstanden sind, wir auch unsre Unwissenheit über die genaue Ursache geringer analoger Verschiedenheilen zwischen Arten nicht zu hoch anschlagen dürfen. Ich mochte in dieser Beziehung die so scharf ausgeprägten Unterschiede zwischen den Menschen-Kassen anführen, über deren Entstehung sich vielleicht einiges Licht verbreiten Hesse durch die Annahme einer sexuellen Züchtung eigener Art; doch würde es unnütz seyn dabei zu verweilen, indem ich mich hier nicht auf die zur Erläuterung notliigcn Einzelheiten einlassen kann.

Die voranstellenden Bemerkungen veranlassen mich auch einige Worte über die neuerlich von mehren Naturforschern eingelegte Verwahrung gegen die Nülzlichkeils-Lehre zu sagen, nach welcher nämlich alle Einzelnheilen der Bildung zum Vortlieil ihres Besitzers da seyn sollen. Dieselben sind der Meinung, dass sehr viele organische Gebilde nur der Manchfalligkcil wegen vorhanden seyen oder um die Augen des Menschen zu ergötzen. Wäre diese Lehre richtig, so müsste sie meiner Theorie unbedingt verderblich werden. Doch gebe ich Vollkommen zu, dass manche Bildungen von keinem unmittelbaren Nutzen für deren Besitzer sind. Die natürlichen Lebens-Bedingungen haben wahrscheinlich einigen geringen Einfluss auf die Organisation, iniige diese zu irgend etwas nutzen oder nicht. Wechselbeziehungen in der Entwickelung blhen zweifelsohne ebenfalls einen sehr grossen Antheil, und die nützliche Abänderung eines Organen hat oft nutzlose Veränderungen auch in andern Tlieilen veranlasst. So können auch Charaktere, welche vordem nützlich gewesen,

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(idci- welche durch Wechselbeziehung in der früheren Enlwicke-lung oder durch ganz unbekannte Ursache entstanden, nach den Gesetzen der Rückkehr wieder zum Vorschein kommen, wenngleich sie keinen unmittelbaren Nutzen haben. Die Wirkungen der geschlechtlichen Züchtung, soferne sie in das Weibchen fesselnden Reitzen beruhen, können nur in einem mehr gezwungenen Sinne nützlich genannt werden. Aber bei weitem die wichtigste Erwägung ist die, dass der Haupttheil der Organisation eines jeden Wesens einfach durch Erbschaft erworben ist. daher denn auch, ohschon zweifelsohne jedes Wesen für seinen l'latz im Haushalte der Natur ganz wohl gemacht seyn mag, viele Bildungen keine unmittelbaren Beziehungen mehr zur Lebensweise der gegenwartigen Spezies haben. So können wir kaum glauben, dass der Schwimmfuss des Fregattvogels oder der Landgans(Chloe-phaga Maghellanica) diesen Vögeln von speziellem Nutzen seye; und wir können nicht annehmen, dass die nämlichen Knochen im Arme des Affen, im Vorderfuss des Pferdes, im Flügel der Fledermaus und im Ruder des Seehundes allen diesen Thieren einen speziellen Nutzen bringe. Wir mögen diese Bildungen getrost als Erbschaft ansehen; denn zweifelsohne sind Schwimmlüsse dem Stammvater jener Gans und des Fregattvogels eben so nützlich gewesen, als sie den meisten jetzt lebenden Wasservögeln sind. So dürfen wir vermuthen, dass der Stammvater des Seehunds nicht einen Ruderfuss, -sondern einen fünfzehigen Geh- oder Greif-Fuss besessen: wir dürfen ferner vermuthen, dass die einzelnen von einem Stammvater ererbten Knochen in den Beinen des Affen, des Pferdes, der Fledermaus ihrem gemeinsamen Stammvater oder ihren Stammvätern vordem nützlicher gewesen sind, als sie jetzt diesen in ihrer Lebensweise so weit auseinandergehenden Thieren sind. Wir können daher annehmen, diese verschiedenen Knochen seyen durch Natürliche Züchtung entstanden, welche früher so wie jetzt den Gesetzen der Erblichkeit, der Rückkehr, der Wechselbeziehung in der Entwickelung u. s. W. unterlagen. Daher man von jeder Einzelnheit der Struktur in jedem lebenden Geschöpfe (ausser einigen geringen Zugeständnissen an den Einlluss der natürlichen äussren Bedingungen) an-

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nehmen darf, sie seye einmal einem Vorfahren der Spezies von besondrem Nutzen gewesen, oder sie seye jetzt, entweder direkt oder durch verwickelte Wachsthiunsgesetze indirekt, ein besondrer Vortheil für die Abkömmlinge dieser Vorfahren.

Natürliche Züchtung kann nicht wohl irgend eine Abänderung in einer Spezies bewirken, welche »nur einer anderen Art zum ausschliesslichen Vortheil gereichte, obwohl in der ganzen Natur eine Spezies ohne linterlass von der Organisation einer andern Nutzen zieht. Aber Natürliche Züchtung kann auch oft hervorbringen und bringt oll in Wirklichkeit solche (Schilde hervor, die einer andern Art zum unmittelbaren Nachtheil gereichen, wie wir im Giftzahne der Olter und in der Legerohre des Ichneumon sehen, welcher mit deren Hülfe seine Eier in den Körper andrer lebenden Insekten einführt. Liesse sich beweisen, dass irgend ein Theil der Organisation einer Spezies zum ausschliesslichen Besten einer andern Spezies gebildet worden seye, so wäre meine Theorie vernichtet, weil eine solche Bildung nicht durch Natürliche Züchtung bewirkt werden kann. Obwohl in naturhistorischen Schriften vielerlei Behauptungen in dieser Hinsicht aufgestellt werden, so kann ich doch keine darunter von einigem Gewichte finden. So gesteht man zu, dass die Klapperschlange einen Giltzahn zu ihrer eignen Verteidigung und zur Todtung ihrer Beute besitze; aber einige Autoren unterstellen auch, dass sie ihre Klapper zu ihrem eignen Nachtheile erhalten habe, nämlich um ihre Beule zu warnen und zur Flucht zu veranlassen. Man konnte jedoch eben so gut behauplen, die Katze mache die Wellenkiümmungen mit dem Kode ihres Schwanzes , wenn sie im Begriffe einzuspringen ist, in der Absicht um die bereits zum Tode verurtheille Maus zu warnen. Doch, ich habe hier nicht Raum auf diese und andre Falle noch weiter einzugehen.

Natürliche Züchtung kann in keiner Spezies irgend etwas für dieselbe Schädliches erzeugen, indem sie ausschliesslich nur durch und zu deren Vortheil wirkt. Kein Organ kann, wie Paley bemerkt, gebildet werden um seinem Besitzer (Jual und Schaden zu bringen. Eine genaue Abwägung zwischen dem Nutzen und

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Sehaden, welchen ein jeder Thell verursacht, wird immer zeigen, den er im Ganzen genommen vorteilhaft ist. Wird etwa in spätrer Zeit bei wechselnden Lebens - Bedingungen ein Theil schädlich, so wird er entweder verändert, oder die Art geht zu Grunde, wie ihrer Myriaden zu Grunde gegangen Bind,

Natürliche Züchlunjf strebt jedes organische Wesen eben so vollkommen oder ein wenig vollkommener als die übrigen Bewohner derselben Gegend zu machen, mit welchen dieselbe umsein Daseyn zu ringen hat. Und wir sehen dass Diese der Grad von Vollkommenheil ist. welche« die Natur erstrebt. Die Neuseeland eigenthiimlichen Natur-Erzeugnisse sind vollkommen, eines mit den andern verglichen: aber sie weichen jetzt rasch zurück vor den vordringenden Legionen aus Europa eingeführter l'llanzen und Thiere. Natürliche Züchtung wird keine absolute Vollkommenheit herstellen: auch begegnen wir, so viel sich beurthvilen lflsst, einer so hohen Sture nirgends in der Natur. Die Verbesserung Tür die Abweichung des Lichtes ist, wie ein ausgezeichneter Gewährsmann erklart, selbst in dem vollkommensten aller Organe, dem Auge, noch nicht vollständig. Wenn uns unsre Vernunft zu begeisterter Bewunderung einer Menge unnachahmlicher Einrichtungen in der Natur auffordert, so lehrt uns auch diese nämliche Vernunft, dass wir leicht nach beiden Seiten irren können, indem andre Einrichtungen weniger vollkommen sind. Wir können nie den Stachel der Wespe oder Biene als vollkommen betrachten, der, wenn er einmal gegen die Angriffe von mancherlei Thieren angewandt worden, den unvermeidlichen Tod seines Besitzers bewirken muss, weil er seiner Widerhaken wegen nicht mehr aus der Wunde, die er gemacht hat, zurückgezogen werden kann, ohne die Eingeweide des Insekts nach sich zu liehen.

Nehmen wir an. der Stachel der Biene seye bei einer sehr frühen Stammform bereits als Bohr- und Sage-Werkzeug bestanden, wie es häufig bei andern Gliedern der Hymenopteren-Ord-nung vorkommt, und seye für seine gegenwärtige Bestimmung mit dem ursprünglich zur Hervorbringung von Gallen-Auswüchsen bestimmten Gifte umgeändert aber nicht zugleich verbessert

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worden, so können wir vielleicht begreifen, warum der Gebrauch dieses Slachels so oft des Insektes eignen Tod veranlasst; denn wenn das Vermögen zu stechen der ganzen Bienen-Gemeinde nützlich ist, so mag er allen Anforderungen der Natürlichen Züchtung entsprechen, obwohl seine Beschaffenheit den Tod der einzelnen Individuen veranlasst, die ihn anwenden. Wenn wir über dass wirklich wunderbar scharfe Witterungs-Vermögen erstaunen, mit dessen Hilfe manche Männchen ihre Weibchen ausfindig zu machen im Stande sind, können wir dann auch die für diesen einen Zweck bestimmte Hervorbringung von Tausenden von Dro-nen bewundern, welche, der Gemeinde für jeden andern Zweck gänzlich nutzlos, bestimmt sind zuletzt von ihren arbeitenden aber unfruchtbaren Schwestern umgebracht zu werden ? Es mag schwer seyn, aber wir müssen den wilden Instinkt-massigen Hass der Bienenkönigin bewundern, welcher sie bestandig drangt, die jungen Königinnen, ihre Töchter, augenblichlich nach ihrer Geburt zu tödten oder selbst in dem Kampfe zu Grunde zu gehen; denn unzweifelhaft ist Dicss zum Besten der Gemeinde, und mütterliche Liebe oder mütterlicher Hass, obwohl dieser letzte glücklicher Weise viel seltener ist, gilt dem unerbittlichen Principe Natürlicher Züchtung völlig gleich. Wenn wir die verschiedenen sinnreichen Einrichtungen vergleichen, vermöge welcher die Blüthen der Orchideen und mancher andren Pflanzen vermittelst Insekten-Thatigkeit befruchtet werden, wie können wir dann die Anordnung bei unsren Nadelhölzern als gleich vollkommne ansehen , vermöge welcher grosse und dichte Staubwolken von Pollen hervorgebracht werden müssen, damit einige Körnchen davon durch einen günstigen Lufthauch dem Eichen zugeführt werden mögen ?

Zusammenfassung des Kapitels. Wir haben in diesem Kapitel gewisse Schwierigkeiten und Einwendungen erörtert, welche sich meiner Theorie entgegenstellen. Einige derselben sind sehr ernster Art; doch glaube ich, dass durch ihre Erörterung einiges Licht über mehre Thatsachen verbreitet worden, welche dagegen nach der Theorie der unabhängigen Schöpfungs - Akte ganz dunkel bleiben würden. Wir haben gesehen, dass Arten

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zu irgend welcher Zeit nicht ins Endlose abändern können und nicht durch zahllose 1 bcrgangs-Formen unter einander zusammenhangen , theils weil der Prozess Natürlicher Züchtung immer sehr langsam ist und jederzeit nur auf sehr wenige Formen wirkt, und theils weil gerade der Prozess Natürlicher Züchtung auch meistens die fortwahrende Ersetzung und Erloschung vorhergehender und initiier Abstufungen schon in sich schliesst. Nahe verwandte Arten, welche jetzt auf einer zusammenhangenden Flache wohnen, mögen oft gebildet worden seyn, als die Flache noch nicht zusammenhangend war und die Lebens-Bedingungen nicht unmerkbar von einer Stelle zur andern abänderten. Wenn zwei Varietäten an zwei Stellen eines zusammenhangenden Gebietes sich bildeten, so wird oll auch eine mittle Varietät für eine mittle Zone entstünden seyn: aber aus angegebenen Gründen wird die mittle Varietät gewöhnlich in geringerer Anzahl als die zwei durch sie verbundenen Abänderungen vorhanden gewesen seyn, welche mithin im Verlaufe weitrer Umbildung sich durch ihre grbssre Anzahl in entschiedenem Vortheil vor den andren befanden und mithin gewöhnlich auch im Stande waren sie zu ersetzen und zu vertilgen.

Wir haben in diesem Kapitel gesehen, wie vorsichtig man seyn muss zu schliessen, dass die verschiedenartigsten Gewohnheiten des Lebens nicht in einander übergehen können, dass eine Fledermaus z. B. nicht etwa auf dem Wege Natürlicher Züchlung entstanden seyn könne von einem Thiere, welches bloss durch die Luft zu gleiten im Stande war.

Wir haben gesehen, dass eine Art unter veränderten Lebens-Bedingungen ihre Gewohnheiten andern oder vermanchfaltigen und manche Sitten annehmen könne, die von denen ihrer nächsten Verwandten abweichen. Daraus können wir begreifen, wenn wir uns zugleich erinnern, dass jedes organische Wesen gedrängt wird zu leben wo es immer leben kann, wie es zugegangen, dass es Land-Gänse mit Schwimmfüssen, an Boden lebende Spechte, tauchende Drosseln und Sturmvogel mit den Sitten der Alke gebe.

Obwohl die Meinung, dass ein so vollkommenes Organ, als

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das Auge ist, durch Natürliche Züchtung hervorgebracht werden könne, mehr als genügt um jeden wankend zu machen, so ist doch keine logische Unmöglichkeit vorhanden, dass irgend ein Organ unter veränderlichen Lebens-Bedingungen durch eine lange Reihe von Abstufungen in seiner Zusammensetzung, deren jede dem Besitzer nutzlich ist, endlich jeden begreiflichen Grad von Vollkommenheit auf dem Wege Natürlicher Züchtung erlange. In Fällen, wo wir keine Zwischenzustiinde kennen, müssen wir uns wohl zu schliessen hüten, dass solche niemals bestanden hatten; denn die Homologien vieler Organe und ihre Zwischenstufen zeigen, dass wunderbare Veränderungen in ihren Verrichtungen wenigstens möglich sind. So ist z. B. eine Schwimmblase offenbar in eine Luft-alhmende Lunge verwandelt worden. Übergänge müssen namentlich oft in hohem Grade erleichtert worden seyn da, wo ein und dasselbe Organ mehre sehr verschiedene Verrichtungen zugleich zu besorgen halte und dann nur für eine von beiden Verrichtungen allein noch besser hergestellt zu werden brauchte, und da wo gleichzeitig zwei sehr verschiedene Organe an derselben Funktion theilnahmcn und das eine mit Unterstützung des andern sich weiter vervollkommnen konnte.

Wir sind in Bezug auf die meisten Falle viel zu unwissend, um behaupten zu dürfen, dass ein Theil oder Organ für das Gedeihen einer Art unwesentlich seyc, und dass Abänderungen seiner Bildung nicht durch Natürliche Züchtung mittelst langsamer Häufung haben bewirkt werden können. Doch dürfen wir zuversichtlich annehmen, dass viele Abänderungen ganzlich nur von den Wachsthums-Gesetzen veranlasst und, anfänglich ohne allen Nutzen für die Art, später zum Vortheil weiter umgeänderter Nachkommen dieser Art verwendet worden sind. Wir dürfen ferner glauben, dass ein für frühere Formen hochwichtiger Theil auch von späteren Formen (wie der Schwanz eines Wasser-Thieres von den davon abslammenden Land-Thieren) beibehalten worden ist, obwohl er für dieselben so unwichtig erscheint, dass er in seinem jetzigen Zustande nicht durch Natürliche Züchtung erworben seyn könnte, indem diese Kraft nur auf die Erhaltung

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Solcher Abänderungen gerichtet ist, welche im Kample ums Da-seyn nützlich sind.

Natürliche Züchtung erzeugt bei keiner Spezies etwas, das /um ausschliesslichen Nutzen oder Schaden einer andern wäre; obwohl sie Theile, Organe und Exkretionen herstellen kann, die, wenn auch für andre sehr nützlich und sogar unentbehrlich oder in hohem Grade »erderblich, doch in allen Fallen zugleich mit/. lieh für den Besitzer sind. Natürliche Züchtung muss in jeder wohl-bevolkertcn Gegend in Folge hauptsächlich der Mitbewerbung der Bewohner unter einander nothwendig auf Verbesserung oder Kräftigung für den Kampf ums Daseyn hinwirken, doch lediglich nach dem für diese Gegend giltigen Maassstab. Itaher die Bewohner einer, und zwar gewohnlich der kleineren, Gegend oft vor denen einer andern und gemeiniglich grosseren zurückweichen müssen. Denn in der grosseren Gegend werden mehr Individuen und mehr difl'ereuzirte Formen existirt hahen, wird die Mitbewerbung starker gewesen und mithin das Ziel der Vervollkommnung höher gesteckt gewesen seyn. Natürliche Züchtung wird nicht nothwendig absolute Vollkommenheit hervorbringen, und diese ist auch, so viel wir mit unsern beschrankten Fähigkeiten zu beurtheilen vermögen, nirgends zu finden.

Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung lasst sich die ganze Bedeutung des alten Glaubenssatzes in der Naturgeschichte iNalttra non fucit salliim« verstehen. Dieser Salz ist, wenn wir nur die jetzigen Bewohner der Erde berücksichtigen, nicht ganz richtig, muss aber nach meiner Theorie vollkommen wahr seyn, wenn wir alle Wesen vergangener Zeiten mit cinschliessen.

Es ist allgemein anerkannt, dass alle organischen Wesen nach zwei grossen Gesetzen gebildet worden sind: Einheit des Typus und Anpassung an die Existenz-Bedingungen. Unter Einheit des Typus begreift man die Übereinstimmung im Grundplane des Baues, wie wir ihn bei den Wesen eines Unterreiches finden, und welcher ganz unabhängig von ihrer Lebensweise ist. Nach meiner Theorie erklärt sich die Einheit des Typus aus der Einheit der Abstammung. Die Anpassung an die Lebens-Bedingungen, so oft von dem berühmten Cüvieb in Anwendung gebracht, ist in meinem Prin-

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zipe der Natürlichen Züchtung vollständig mit inbegriffen. Denn die Natürliche Züchtung wirkt nur in soferne, als sie die veränderlichen Theile eines jeden Wesens seinen organischen und unorganischen Lebcns-Bedingungen entweder jetzt anpasst oder in langst vergangenen Zeit-Perioden angepasst hat. Diese Anpassungen können in manchen Fallen durch Gebrauch und Nichtgebrauch unterstützt, durch direkte Einwirkung aussrer Lebens-ßedingungen modifizirl werden und sind in allen Fallen den verschiedenen Entwicklungs-Geselzen unterworfen. Daher ist denn auch das Gesetz der Anpassung an die I.ebens-Bedingungen in der Thal das höhere, indem es vermöge der Erblichkeit früherer Anpassungen das der Einheit des Typus mit in sich begreift.

Siebentes Kapitel, Instinkt-

Instinkte vergleichbar inil Gewiilinlirilui . ilm-li andern Ursprungs. — Abstufungen. — Blattläuse und Ameisen. — Instinkte veränderlich. - Instinkte gerühmter Thiere und deren Knistellung. Naturliehe Instinkte des Kuckucks. des Strausses und der parasitischen Bienen. — Sklavcn-machende Ameisen. — Honigbienen und ihr Zellenbau-Inslinkl. — Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher Züchtung in Bezug auf Instinkt. — Geschlechtlose oder unfruchtbare Insekten. - - Zusammenfassung.

Der Instinkt hätte wohl noch in den vorigen Kapileln mit abgehandelt werden sollen: doch habe ich es für angemessener erachtet den Gegenstand abgesondert zu behandeln, zumal ein sei wunderbarer Instinkt, wie der der Zcllen-bauenden Bienen ist, wohl manchem Leser eine genügende Schwierigkeit geschienen haben mag, um meine Theorie über den Haufen zu werfen. Ich inuss vorausschicken, dass ich nichts mit dem Ursprung der grätigen Grundkrälte noch mit dem des Lebens selbst zu schaffen habe. Wir haben es nur mit der Verschiedenheit des Instinktes und der übrigen geisligen Fähigkeiten der Thiere in einer und der nämlichen Klasse zu Ihun.

Ich will keine Definition des Wortes zu geben versuchen.

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Es würde leicht seyn zu zeigen, dass gewöhnlich ganz verschiedene geistige Fähigkeiten unter diesem Namen begriffen werden. Doch weiss jeder, was damit gemeint ist, wenn ich sage, der Instinkt veranlasse den Kuckuck zu wandern und seine Eier in fremde Nester zu legen. Wenn eine Handlung, zu deren Vollziehung selbst von unserer Seite Erfahrung vorausgesetzt wird, von Seiten eines Thieres und besonders eines sehr jungen Thie-res noch ohne alle Erfahrung ausgeübt wird, und wenn sie auf gleiche Weise von vielen Thieren erfolgt, ohne dass diese ihren Zweck kennen, so wird sie gewöhnlich eine instinktive Handlung genannt. Ich könnte jedoch zeigen, dass keiner von diesen Charakteren des Instinkts allgemein ist. Eine kleine Dosis von l'r-theil oder Verstand, wie Pierre Huber es ausdrückt, kommt oft mit ins Spiel, selbst bei Thieren, welche sehr tief auf der Stufenleiter der Natur stehen.

Friedrich Ccvieh und verschiedene altre Melaphysiker haben Inslinkt mit Gewohnheit verglichen. Diese Vergleiehung scheint mir eine sehr genaue Nachweisiing von den Schranken des Geistes zu geben, innerhalb welcher die Handlung vollzogen wird, aber nicht von ihrem Ursprünge. Wie unbewusst werden manche unsrer Handlungen vollzogen, ja nicht selten in geradein Gegensatz mit unsrem bewussten Willen! Doch können sie durch den Willen oder Verstand abgeändert werden. Gewohnheiten verbinden sich leicht mit andern Gewohnheiten oder mit gewissen Zeit-Abschnitten und Zustanden des Korpers. Einmal angenommen erhalten sie sich oft lebenslänglich. Es Hessen sich noch manche andre Ähnlichkeiten zwischen Instinkten und Gewohnheiten nachweisen. Wie bei Wiederholung eines wohlbekannten Gesanges, so folgt auch beim Instinkte eine Handlung auf die andre durch eine Art Rhythmus. Wenn Jemand beim Gesänge oder bei Hersagung auswendig gelernter Worte unterbrochen worden, so ist er gewohnlich geniithigt, wieder etwas zurückzugehen, um den Gedanken-Gang wieder zu finden. So sah es P. Hiber auch bei einer Raupen-Art, wenn sie beschäftigt war, ihr sehr zusammengesetztes Gewebe zu fertigen; nahm er sie heraus, nachdem dieselbe z. B. das letzte Sechstel vollendet

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hatte, und setzte er sie in ein andres nur bis zum dritten Sechstel vollendetes, so fertigte sie einfach den dritten, vierten und fünften Theil nochmals mit dem sechsten an. Nahm er sie aber aus einem z. B. bis zum dritten Theile vollendeten Gewebe und setzte sie in ein bis zum sechsten Theile fertiges, so dass sie ihre Arbeit schon grösstenteils gethan fand, so war sie sehr entfernt, diesen Vortheil zu liihlen und fing in grosser Befangenheit über diesen Stand der Sache die Arbeit nochmals vorn dritten Stadium an, da wo sie solche in ihrem eignen Gewebe verlassen hatte, und suchte von da aus das schon fertige Werk zu Ende zu führen.

Wenn sich nun, wie ich in einigen Fällen es zu können glaube, nachweisen Messe, dass eine durch Gewohnheit angenommene Handlungs-Weise auch auf die Nachkommen vererblich seye, so würde das, was ursprünglich Gewohnheit war, von Instinkt nicht mehr unterscheidbar seyn. Wenn Mozart statt in einem Alter von drei Jahren das 1'ianoforte mit wundervoller kleiner Fertigkeit zu spielen, ohne alle vorgängige tbung eine Melodie angestimmt hatte , so könnte man mit Wahrheil sagen, er habe Diess Instinkt-massig gethan. Es würde aber ein sehr ernster Irrthum seyn anzunehmen, dass die Muhrzahl der Instinkte durch Gewohnheit schon wahrend einer Generalion erworben und dann auf die nachfolgenden Generationen vererbt worden seye. Es lasst sich genau nachweisen, dass die wunderbarsten Instinkte, die wir kennen, wie die der Korb-Bienen und vieler Ameisen, unmöglich in solcher Frist erworben worden seyn können.

Man gibt allgemein zu, dass für das Gedeihen einer jeden Spezies in ihren jetzigen Existenz-Verhältnissen Instinkte eben so wichtig sind, als die Körper-Bildung. Ändern sich die Lebens-Bedingungen einer Spezies, so ist es wenigstens möglich. dass auch geringe Änderungen in ihrem Instinkte für sie nützlich seyn würden. Wenn sich nun nachweisen lasst, dass Instinkte wenn auch noch so wenig variiren, dann kann ich keine Schwierigkeit für die Annahme sehen, dass Natürliche Züchtung auch geringe Abänderungen des Instinktes erhalte und durch

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|iol;ii!iliL'c Häufung bis zu einem vorteilhaften Grade vermehre. So diirllen. wie ich glaube, alle und auch die zusammengesetz-testen und wunderbarsten Instinkle entstanden seyn. Wie Abänderungen im Körper-Bau durch Gebrauch und Gewohnheit veranlasst und verstärkt, dagegen durch Nichtgebrauch verringert und ganz eingebüsst werden können, so ist es zweifelsohne auch mit den Instinkten. Ich glaube aber, dass die Wirkungen der Geuohnheit von ganz untergeordneter Bedeutung sind gegenüber den Wirkungen Natürlicher Züchtung auf sogenannte zufällige Abänderungen des Instinktes , d. h. auf Abänderungen in Folge unbekannter Ursachen, welche geringe Abweichungen in der Körper-Bildung veranlassen.

Kein zusammengesetzter Instinkt kann durch Natürliche Züchtung anders als durch langsame und stufenweise Haulung vieler geringen und nutzbaren Abänderungen hervorgebracht werden. Hier müssten wir. wie bei der Kürprr-Bildung. in der Natur zwar nicht die wirklichen lbergangs-Slu:en, die der zusammengesetzte Instinkt bis zu seiner jetzigen Vollkommenheit durchlaufen hat und welche bei jeder Art nur in ihrem Vorganger gerader Linie zu entdecken seyn würden, wohl aber einige Spuren solcher Abstufungen in den Seitenlinien von gleicher Abstammung finden, oder wenigstens nachweisen können, dass irgend welche Abstufungen möglich sind: und dazu sind wir gewiss im Stande. Obwohl indessen die Instinkte fast nur in Europa und Nord-Amerika lebender Thiere naher beobachtet worden und die der untergegangenen Thiere uns ganz unbekannt sind, so war ich doch erstaunt zu linden. wie ganz allgemein sieh Abstufungen bis zu den Instinkten der zusammengesetztesten Art entdecken lassen. Instinkt-Änderungen mögen zuweilen dadurch erleichtert werden, dass eine und dieselbe Species verschiedene Instinkte in verschiedenen Lebens-I'erioden oder Jahreszeiten besitzt, oder dass sie unter andre aussre Lebens-Bedingungen versetzt wird, in welchen Fallen dann wohl entweder nur der eine oder nur der andre durch Natürlich«; Züchtung erhalten werden wird. Beispiele von solcher Verschiedenheit des Instinktes lassen sich in der Natur nachweisen. Nun ist, wie bei der Körper-Bildung auch meiner Theorie

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gemäss der Instinkt einer jeden Art nützlich für diese und, so viel wir wissen, niemals zum ausschliesslichen Nutzen andrer Arten vorhanden. Eines der triftigsten Beispiele, die ich kenne, von Thieren, welche anscheinend zum blossen Besten andrer elwas.thun, liefern die Blattlause, indem sie freiwillig den Ameisen ihre süssen Exkrctioncn überlassen. Dass sie Diess freiwillig thun, geht aus folgenden Thatsachen hervor. Ich entfernte alle Ameisen von einer Gruppe \on etwa zwölf Apliiden auf einer Ampfer-Pflanze und hinderte ihr Zusammenkommen einige Stunden lang. Nach dieser Zeit nahm ich wahr, dass die Blattläuse das Bedürfniss der Exkretion hatten. Ich beobachtete sie eine Zeit lang durch eine Lupe: aber nicht eine gab eine Excretion von sich. Darauf streichelte und kitzelte ich sie mit einem Haare auf dieselbe Weiset, wie es die Ameisen mit ihren Kühlem machen, aber keine Excretion erfolgte. Nun liess ich eine Ameise zu, und aus ihrem Widerstreben sich von den Blattläusen zurücktreiben zu lassen, schien hervorzugehen, dass sie augenblicklich erkannt hatte, welch' ein reicher Genuss ihrer harre. Sie begann dann mit ihren Kühlern den Hinterleib erst einer und dann einer andren Blattlaus zu betasten, deren jede, so wie sie die Berührung des Kühlers empfand, sofort den Hinlerleib in die Hohe richtete und einen klaren Tropren süsser Flüssigkeil ausschied, der alsbald von der Alneise eingesogen wurde. Selbst ganz junge Blattläuse, auf diese Weise behandelt, zeigten, dass ihr Verhalten ein instinktives und nicht die Folge der Erfahrung war. Da aber die Aussonderung ausserordentlich klebrig ist, so ist es wahrscheinlich für die Aphiden von Nutzen, dass sie entfernt werde: und so ist es denn auch mit dieser Excretion wohl nicht auf den ausschliesslichen Vortheil der Ameisen abgesehen. Obwohl ich nicht glaube, dass irgend ein Thier in der Welt etwas zum ausschliesslichen Nutzen einer andern Art thue, so sucht doch jede Art Vortheil von den Instinkten anderer zu ziehen und hat Vortheil von der schwächeren Körper-Beschaffenheit andrer. So können dann auch in einigen wenigen Fällen gewisse Instinkte nicht als ganz vollkommen betrachtet werden: was ich aber bis ins Einzelne auseinanderzusetzen hier unterlassen muss.

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Es sollten wohl möglich viele Beispiele angeführt werden, um zu zeigen, wie im Natur-Zustande ein gewisser Grad von Abänderung in den Instinkten und die Erblichkeit solcher Abänderungen zur Thatigkeit der Natürlichen Züchtung unerlässlich ist: aber Mangel an Raum hindert mich es zu thun. Ich kann, bloss versichern, dass Instinkte gewiss variiren, wie z. B. der Wander-Instinkt nach Ausdehnung und Richtung variiren oder auch ganz aufhören kann. So ist es mit den Nestern der Vögel, welche theils je nach der dafür gewählten Stelle, nach den Natur- und Wärme-Verhältnissen der bewohnten Gegend, aber auch oft aus ganz unbekannten Ursachen abändern. So hat Audubon einige sehr merkwürdige Falle von Verschiedenheiten in den Nestern derselben Vogel-Arten, je nachdem sie im Norden oder im Süden der Vereinten Staaten leben, mitgetheill. Furcht vor irgend einem besondren Feinde ist gewiss eine instinktive Eigenschaft, wie man bei den noch im Neste sitzenden Vögeln zu erkennen Gelegenheit hat, obwoh sie durch Erfahrung und durch die Wahrnehmung von Furcht vor demselben Feinde bei anderen Thieren noch verstärkt wird. Thiere auf abgelegenen kleinen Eilanden fürchten sich nicht vor den Menschen und lernen, wie ich anderwärts gezeigt habe, ihn nur langsam fürchten; und so nehmen wir auch in England selbst wahr, dass die grossen Vögel, weil sie von Menschen mehr verfolgt werden, sich viel mehr vor ihm fürchten, als die kleinen. Wir können die stärkere Scheuheit grosser Vögel getrost dieser Ursache zuschreiben, denn auf von Menschen unbewohnten Inseln sind die grossen nicht scheuer als die kleinen; und die Elster, so furchtsam in England, ist in Norwegen eben so zahm als die Krähe (Corvus cornix) in Ägypten.

Dass die Gemüthsart der Individuen einer Spezies im Allgemeinen, auch wenn sie in der freien Natur geboren sind, äusserst manchfaltig seye, kann mit vielen Thatsachen belegt werden. Auch Hessen sieh bei einigen Arten Beispiele von zufälligen und fremdartigen Gewohnheilen anführen, die, wenn sie der Art nützlich wären, durch Natürliche Züchtung zu ganz neuen Instinkten Veranlassung werden könnten. Ich weiss wohl, dasS diese allgemeinen Behauptungen, ohne einzelne Thatsachen zum

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Belege, nur einen schwachen Eindruck auf den Geist des Lesers machen werden, kann jedoch nur meine Versicherung wiederholen , dass ich nicht ohne gute Beweise so spreche.

Die Möglichkeit oder sogar Wahrscheinlichkeit Abänderungen des Instinktes im Natur-Zustande zu vererben wird durch Betrachtung einiger Fälle bei gezähmten Thieren noch starker hervortreten. Wir werden dadurch auch zu sehen in den Stand gesetzt, welchen vergleichungsweisen Einfluss Gewöhnung und die Züchtung sogenannter zufälliger Abweichungen auf die Abänderung der Geistes-Fähigkeiten unsrer Hausthiere ausgeübt haben. Es lässt sich eine Anzahl sonderbarer und verbürgter Beispiele anführen von der Vererblichkeit aller Abschaltungen der Gemüthsart, des Geschmacks oder der Neigung zu den sonderbarsten Streichen in Verbindung mit Zeichen von Geist oder mit gewissen periodischen Bedingungen. Bekannte Belege dafür liefern uns die verschiedenen Hunde-Rassen. So unterliegt es keinem Zweifel (und ich habe selbst einen schlagenden Fall der Art gesehen), dass junge Vorstehehunde zuweilen vor andern Hunden anziehen, wenn sie das erstemal mit hinausgenommen werden. So ist das Aufstöbern der Feldhühner gewiss oft erblich bei Hunden der vorzugsweise dazu gebrauchten Rasse, wie junge Schäferhunde geneigt sind die Heerde zu umkreisen statt nebenher zu laufen. Ich kann nicht sehen, dass diese Handlungen wesentlich von denen des Instinktes Verschieden sind: denn die jungen Hunde handeln ohne Erfahrung, einer fast wie der andre in derselben Rasse, und ohne den Zweck des Handelns zu kennen. Denn der junge Vor-stchehund weiss noch eben so wenig, dass er durch sein Stehen den Absichten seines Herrn dient, als der Kohlschmctterling weiss, warum er seine Eier auf ein Kohl-Blatt legt. Wenn wir eine Art Wolf sähen, welcher noch jung und ohne Ablichtung bei Witterung seiner Beute bewegungslos wie eine Bildsäule stehen bliebe und dann mit eigenthümlicher Haltung langsam auf sie hinschliche, oder eine andre Art Wolf, welche, statt auf einen Rudel Hirsche zuzuspringen, dasselbe umkreiste und so nach einem entfernten Funkte triebe, so würden wir dieses Verhalten gewiss dem Instinkte zuschreiben. Zahme Instinkte, wie man sie nennen konnte,

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sind gewiss viel weniger fest und unveränderlich als die natürlichen; denn sie sind durch viel minder strenge Züchtung ausgeprägt und eine bei weitem kürzere Zeit hindurch unter minder steten Lebens-Bedingungen vererbt worden.

Wie streng diese ..zahmen Instinkte", Gewohnheiten und Neigungen vererbt werden und wie wundersam sie sich zuweilen mischen, zeigt sich ganz wohl, wenn verschiedene Hunde-Kassen miteinander gekreutzt werden. So ist eine Kreulzung mit Bull-beissern auf viele Generalionen hinaus auf den lluth und die Beharrlichkeil des Windhundes von Einlluss gewesen; und eine kreulzung mit dem Windhunde hat auf eine ganze Familie von Schäferhunden die Neigung übertragen Hasen zu verfolgen. Diese zahmen Instinkte, auf solche Art durch kreutzung erprobt, gleichen natürlichen Instinkten, welche sich in ähnlicher Weise sonderbar mit einander verbinden, so dass sich auf lange Zeit hinaus Spuren des Instinktes beider Altern erhalten. So beschreibt Le Roy einen Hund, dessen Grossvater ein Wolf war; dieser Hund verrieth die Spuren seiner wilden Abstammung nur auf eine Weise, indem er nämlich, wenn er von seinem Herrn gerufen wurde, nie in gerader Richtung auf ihn zukam.

Zahme Instinkte werden zuweilen bezeichnet als Handlungen, welche bloss durch eine lang-fortgesetzte und erzwungene Gewohnheit erblich werden: ich glaube aber, dass Diess nicht richtig ist. Gewiss hat niemals jemand daran gedacht'oder versucht , der Purzeltaube das Purzeln zu lehren, was meines Wissens auch schon junge Tauben thun, welche nie andere purzeln gesehen haben. Man kann sich denken, dass einmal eine einzelne Taube Neigung zu dieser sonderbaren Bewegungs-Weise gezeigt habe und dass dann in Folge sorgfältiger und lang-fortgesetzter Züchtung aus ihr die Furzler allmählich das geworden, was sie jetzt sind; und wie ich von Herrn Brest vernehme, gibt es bei Glasyow Haus-Purzler, welche nicht 18 Zolle weil fliegen können, ohne sich einmal kopfüber zu bewegen. Eben so ist es sehr zu bezweiflen, ob jemals irgend jemand daran gedacht habe, einen Hund zum Vorstehen abzurichten, halte nicht etwa ein Individuum von selbst eine Neigung ver-

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rathen es zu thun, und man weiss, dass Diess zuweilen vorkommt, wie ich selbst einmal an einem Dachshund beobachtete; das »Stehen« ist wohl, wie Manche gedacht haben, nur eine verstärkte Pause eines Thieres, das sich in Bereitschaft setzt, auf seine Beute einzuspringen. Hatte sich ein erster Anfang des Stehens einmal gezeigt, so mögen methodische Züchtung und die erbliche Wirkung zwangsweiser Ablichtung in jeder nachfolgenden Generation das Werk bald vollendet haben: und unbe-wusste Züchtung ist immer in Thatigkeit, da jedermann, wenn auch ohne die Absicht eine verbesserte Rasse zu bilden, sich gerne die Hunde verschafft, welche am besten vorstehen und jagen. Anderseits hat auch Gewohnheit in einigen Fällen genügt. Kein Thier ist schwerer zu zahmen als das Junge des wilden Kaninchens, und kein Thier zahmer als das Junge des zahmen Kaninchens: und doch glaube ich nicht, dass die Haus-Kaninchen jemals auf Zahmheit gezüchtet worden sind, sondern vermuthe vielmehr, dass wir die gesammte erbliche Veränderung von äusserster Wildheit bis zur äussersten Zahmheit einzig der Gewohnheit und lange fortgesetzten engen Gefangenschaft zuzuschreiben haben.

Natürliche Instinkte gehen in der Gefangenschaft verloren: ein merkwürdiges Beispiel davon sieht man bei denjenigen Geflügel-Rassen, welche selten oder nie »brütig« werden*, d. h. nie auf ihren Eiern zu sitzen verlangen. Die tagliche Gewöhnung daran allein verhindert uns zu sehen, in wie hohem Grade und wie allgemein die geistigen Fähigkeiten unsrer Hausthiere durch Zähmung verändert worden sind. Man kann kaum daran zweifeln, dass die Liebe des Menschen als Instinkt auf den Hund übergegangen ist. Alle Wolfe, Füchse, Schakals und Katzen-Arten sind, wenn man sie gezähmt hält, sehr begierig Geflügel, Schaafe und Schweine anzugreifen, und dieselbe Neigung hat sich unheilbar auch bei solchen Hunden gezeigt, welche man jung aus Gegenden zu uns gebracht hat, wo wie im Feuerlande und in Australien die Wilden jene Hausthiere nicht halten, l'nd wie selten ist es auf der andern Seile iiolhig. unsrcn zmlisirlen Hunden, selbst wenn sie noch

" „Brulig" fur kroodij; das Wort isl im Denis, hin nicht üblich: doch gibt es in S'ord-Deutachland dafür einen Prov iuiinlismus „hci'kiseh". D. Üb«.

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jung sind, die Angriffe auf ]MM Thiere abzugewöhnen. Allerdings machen sie manchmal einen solches Angriff und werden dann geschlagen und, wenn Das nicht hilft, endlich weggeschafft, so dass Gewohnheit und wahrscheinlich einige Züchtung zusammengewirkt haben, unsreii Hunden ihre erbliche Zivilisation beizubringen. Andrerseils haben junge Hühnchen, ganz in Kolge von Gewohnung, die Furcht vor Hunden und Katzen verloren, welche sie zweifelsohne nach ihrem ursprünglichen Instinkte besessen, wahrend sich dieser Instinkt noch so offenbar bei jungen Fasanen zeigt, selbst wenn sie von gewöhnlichen Hennen ausgebrütet sind. I'nd doch haben die Hühnchen keinesweges alle Furcht verloren, sondern nur die Furcht vor Hunden und Katzen: denn sobald die Henne ihnen durch Glucken eine Gefahr anmeldet, laufen alle (zumal junge WelschhUhnen, um sich unter ihren Schutz zu begeben, oder um sich im Grase und Dickicht umher zu verbergen, Letztes offenbar in der instinktiven Absicht, wie wir bei wilden Boden-Vögeln sehen, um ihrer Mutter möglich zu machen davon zu fliegen. Freilich ist dieser bei unseren jungen Hühnchen zurückgebliebene Instinkt im gezähmten Zustande ganz nutzlos, weil die Mutler-Henne das Flug-Vermögen durch Nichtgebrauch gewöhnlich eingebüsst hat.

Daraus lasst sich schliessen, dass zahme Instinkte erworben worden und wilde Instinkte verloren gegangen sind, theils durch eigne Gewohnheit und Iheils durch die Einwirkung des Menschen, welcher viele aufeinanderfolgende Generationen hindurch eigen-thümliche geistige Neigungen und Fähigkeiten, die uns in unsrer Unwissenheit anfangs nur ein sogenannter Zufall geschienen, durch Züchtung gehäuft und gesteigert hat. In einigen Fallen hat erzwungene Gewöhnung genügt, um solche erbliche Veran-derung geistiger Eigenschaften zu bewirken: in andern ist durch Zwangs-Zucht nichts ausgerichtet und Alles nur durch unbcwussle oder methodische Züchtung bewirkt worden: in den meisten Fallen aber haben beide wahrscheinlich zusammengewirkt.

Nähere Betrachtung einiger wenigen Beispiele wird vielleicht am besten geeignet seyn es begreiflich zu machen, wie Instinkte im Natur-Zustande durch Züchtung modilizirt worden sind. Ich

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will aus der grossen Anzahl derjenigen, welche ich gesammelt und in meinem spiiteren Werke zu erörtern haben werde, nur drei Fälle hervorheben, niimlich den Instinkt, welcher den Kuckuck treibt seine Eier in fremde Nester zu legen, den Instinkt der Ameisen Sklaven zu machen, und den Zellenbau-Trieb der Honig-Bienen: die zwei zuletzt genannten sind \on den Naturforschern wohl mit Recht als die zwei wunderbarsten aller bekannten Instinkte bezeichnet worden.

Man nimmt jetzt gewöhnlich an, die unmittelbare und die Grund - Ursache für den Instinkt des Kuckucks seine Eier in fremde Nester zu legen beruhe darin, dass dieselben der Reihe nach nicht täglich, sondern erst jeden zweiten oder dritten Tag zur Reife kommen, so dass, wenn der Kuckuck sein eignes Nest zu bauen und auf seinen eignen Eiern zu sitzen hätte, die ersten Eier entweder eine Zeitlang unbebrütet bleiben oder Eier und junge Vögel von verschiedenem Alter im nämlichen Neste zusammen kommen müssten *. Wäre Diess so der Fall, so müssten allerdings die Prozesse des Legens und Ausschlüpfens unangemessen lang währen, und die zuerst ausgeschlüpften jungen Vogel wahrscheinlich vom Männchen allein aufgefüttert werden. Allein der Amerikanische Kuckuck findet sieh in derselben Lage, und doch macht er sein eignes Nest und legt seine Eier nach-einander hinein, und seine Jungen schlüpfen gleichzeitig aus. Man hat zwar versichert, auch der Amerikanische Kuckuck lege zuweilen seine Eier in fremde Nester, aber nach l)r. Bhewkh's verlassiger Gewährschaft in diesen Dingen ist es ein Irrthum. Demungeachtet konnte ich noch mehre andre Beispiele von Vögeln anführen, die ihre Eier zuweilen in fremde Nester legen. Nehmen wir nun an. der Stamm - Vater unsres Europaischen Kuckucks habe die Gewohnheiten des Amerikanischen gehabt, doch zuweilen ein Ei in das Nest eines andren Vogels gelegt. Wenn der alte Vogel von diesem gelegcullii hin

" Diess kann kein Grund seyn: denn du M»M der Ei« polygamischer Vögel, welche 10 — 20 und mehr Eier legen uuil eben so viele Tage dam bedürfen, ist noch viel ungleicher, und doch kommen die Jungen gleichzeitig Oft B* fallen eoait aueb dl» Folgerungen weg                         D Bai

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Brauche Vorthcil bitte, oder der junge durch den fehlgreifenden Instinkt einer fremden »lütter kralliger wurde, als er unter der Sorge seiner eignen Mutter geworden seyn würde, weil diese mit der gleichzeitigen Sorge für Eier und Junge von fem-liicde-ih in Aller überladen gewesen wäre: so gewann entweder der Alle oder das auf fremde hosten gepflegte Junge dabei. Der Analogie nach mochte ich dann glauben, dass als Folge der Erblichkeit das so aulgeatzle Junge mehr geneigt seye, die zufallige und abweichende Handlungsweise seiner Müller nachzuahmen, auch seine Eier in fremde Nester zu legen und so kralligere Nachkommen zu erlangen. Durch einen fortgesetzten I'rozess dieser Art konnte nach meiner Meinung der wunderliche Instinkt des Kuckucks entstanden seyn. Ich will jedoch noch beifügen, dass nach Dr. Gray u. e. a. Beobachtern der Europäische Kuckuck doch kcinrsweges alle mütterliche Liebe und Sorge für seine eignen Spriisslinge verloren hat.

Der Brauch seine Eier gelegentlich in fremde Nester von derselben oder einer andern Spezies zu legen, ist unter den Hühner-artigen Vögeln nicht ganz ungewöhnlich: und Diess erklart vr.ll'.iL'lil die Entstehung eines eigenthümlichen Instinktes in der benachbarten Gruppe der Strauss-artigen Vogel. Denn mehre Strauss-Hennen wenigstens von der Amerikanischen Art vereinigen sich, um zuerst einige Eier in ein Nest und dann in ein andres zu legen; und diese werden von den Mannchen ausgebrütet. Man wird zu Erklärung dieser Gewohnheit wahrscheinlich die Thatsache mit in Betracht ziehen, dass diese Hennen eine grosse Anzahl von Eiern und zwar in Zwischenräumen von zwei bis drei Tagen legen. Jedoch ist jene Gewohnheit beim Amerikanischen Slrausse noch nicht sehr entwickeil; denn es liegt dort auch noch eine so erstaunliche Menge von Eiern über die Ebene zerstreut, dass ich auf der Jagd an einem Tage nicht weniger als 20 verlassener und verdorbener Eier aufzunehmen im Stand war.

Manche Bienen schmarotzen und legen ihre Eier in Nester andrer Bienen-Arten. Diess ist noch merkwürdiger, als beim Kuckuck: denn diese Bienen haben nicht allein ihren Instinkt,

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sondern auch ihren Bau in rbereinslimmung mit ihrer parasitischen Lehens-Weise geändert, indem sie nämlich nicht die Vorrichtung zur Einsammlung des Pollens besitzen, deren sie bedürften . wenn sie Nahrung für ihre eigne Brut vorrillhig aufhäufen müssten. Einige Insekten-Arten schmarotzen nach der Weise der Sphegiden bei andern Arten, und Herr Fabbe hat neulich guten Grund nachgewiesen zu glauben, dass, obwohl Tachyles nigra gewohnlich ihre eigne Höhle macht und darin noch lebende aber gelähmte Beute zur Nahrung ihrer eignen Larve im Vorrath niederlegt, dieselbe doch, wenn sie eine schon fertige und mit Vorratheii versehene Höhle einer andern Sphex findet, davon Besitz ergreift und in Folge dieser Gelegenheit Parasit wird. In diesem Falle wie in dem angenommenen Beispiele von dem Kuckuck liegt kein Hindemiss für die Natürliche Züchtung vor. aus dem gelegentlichen Brauche einen bestündigen zu machen, wenn er für die Art nützlich ist, und wenn nicht in Folge dessen die andre Insekten-Art, deren Nest und Futler-Vorrathe sie sich verräterischer Weise aneignet, dadurch vertilgt wird.

Instinkt Sklaven zu machen). Dieser Naturtrieb wurde zuerst bei Formica (Poliergus) rufescens von Peter Hcbeb beobachtet, einem noch besseren Beobachter, als sein berühmter Vater gewesen. Diese Ameise ist unbedingt von ihren Sklaven abhängig, ohne deren Hülfe die Art schon in einem Jahre ganzlich zu Grund gehen müsste. Die Männchen und fruchtbaren Weibchen arbeiten nicht. Die arbeitenden oder unfruchtbaren Weibchen dagegen, obgleich sehr muthig und thalkraftig beim Sklaven-Fängen, thun nichts andres. Sie sind unfähig ihre eignen Nester zu inachen oder ihre eignen Jungen zu füttern. Wenn das alte Nest unpassend befunden und eine Auswanderung nolhig wird, entscheiden die Sklaven darüber und schleppen dann ihre Meister zwischen den Kinnladen fort. Diese letzten sind so aus serst hülfelos, dass, als Hubeb deren dreissig ohne Sklaven aber mit einer reichlichen Menge des besten Futters und zugleich mit ihren Larven und Puppen, um sie zur Thatigkeit anzuspornen, ziisaiiinicn-sperrle. sie nicht einmal sich selbst lullerten und grossenlheils Hungers starben. Hibeb brachte dann einen ein-

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zigt'ti Sklaven (Formita fusra) dazu, de» sich unverzüglich ans Werk begab und die noch überlebenden fütterte und retu-le. einige Zellen machle, die Larven pflegte und Alles in Ord-DODg brachte. Was kann es Ausserordcntliehcres geben, als diese wohl verbürgten Thalsachen? Halte man nicht noch von einigen andern Sklaven-machenden Ameisen Kenntniss, so würde es ein Hoflnungs-loser Versuch gewesen seyn sich eine Vorstellung davon zu machen, wie ein so wunderbarer Instinkt zu solcher Vollkommenheit gedeihen könne.

Eine andre Ameisen-Art, Kormica sanguinea. wurde gleichlall- zuerst von Hiber als Sklavenmacherin erkannt. Sie kommt im südlichen Theile von England vor, wo ihre Gewohnheiten von II. F. Smith vom Britischen Museum beobachtet worden sind, dem ich für seine Mittheilungen über diesen und andre Gegenstände sehr verbunden bin. Wenn auch volles Vertrauen in die Versicherungen der zwei genannten Naturforscher setzend, vermochte ich doch nicht ohne einigen Zweifel an die Sache zu gehen, und es mag wohl zu entschuldigen seyn, wenn jemand an einen so ausserordentlichen und hasslichen Instinkt, wie der ist Sklaven zu machen, nicht unmittelbar glauben kann. Ich will daher dasjenige, was ich selbst beobachtet habe, mit einigen Einzelnheiten erzählen. Ich öffnete vierzehn Nest - Haufen der Formica sanguinea und fand in allen einige Sklaven. Männchen und fruchtbare Weibchen der Sklaven-Art (F. I'usca) kommen nur in ihrer eignen Gemeinde vor und sind nie in den Haufen der F. sanguinea gerunden worden. Die Sklaven sind schwär« und von nicht mehr als der halben Grosse ihrer Herrn, so das« der Gegensatz in ihrer Erscheinung sogleich auffallt. Wird der Haufe nur leicht wenig gestört, so kommen die Sklaven zuweilen heraus und zeigen sich gleich ihren Meistern sehr beunruhigt und zur Verteidigung bereit. Wird aber der Haufe so zerrüttet, dass Larven und Puppen frei zu liegen kommen, so sind die Sklaven mit ihren Meistern zugleich lebhaft bemüht, dieselben nach einem sichern Platze zu schleppen. Daraus ist klar, dass sich die Sklaven ganz heimisch fühlen. Wahrend der Monate Juni und .luli habe ich in drei aufeinander-folgenden Jahren in

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den Grafschaften Surrey und Sussex mehre solcher Ameisen-Haufen Stunden-lang beobachtet und nie einen Sklaven aus- oder ein-gehen sehen. Da wahrend dieser Monate der SkJaven nur wenige sind, so dachte ich sie würden sich anders benehmen, wenn sie in grössrer Anzahl waren; aber auch Hr. Smith theilt mir mit, dass er die Nester zu verschiedenen Stunden wahrend der Monate Mai, Juni und August in Surrey wie in Hampshire beobachtet und. obwohl die Sklaven im August zahlreich sind, nie einen derselben aus- oder ein-gehen gesehen hat. Er betrachtet sie daher lediglich als Haus - Sklaven. Dagegen sieht man ihre Herrn beständig Nestbau-Stoffe und Futter aller Art herbeischleppen. Im jetzigen Jahre jedoch kam ich im Juli zu einer Gemeinde mit einem ungewöhnlich starken Sklaven-Stande und sah einige wenige Sklaven unter ihre Meister gemengt das Nest verlassen und mit ihnen den nämlichen Weg zu einer Schottischen Kiefer, 25 Ellen entfernt, einschlagen und am Stamme hinaufhülfen, wahrscheinlich um nach Blatt- oder Schild-Läusen zu suchen. Nach Hiiif.r. welcher reichliche Gelegenheit zur Beobachtung gehabt, arbeiten in der Svhweitz die Sklaven gewöhnlich mit ihren Herrn an der Aufführung des Nestes, und sie allein offnen und schliesscn die Thore in den Morgen- und Abend-Stunden; jedoch ist, wie Hibkb ausdrücklich versichert, ihr Hauptgeschäft nach Blattlausen zu suchen. Dieser Unterschied in den herrschenden Gewohnheiten von Herrn und Sklaven in zweierlei Gegenden mag lediglich davon abhangen, dass in der Schwätz die Sklaven zahlreicher einzulangen sind als in England. Eines Tages bemerkte ich glücklicher Weise eine Wanderung der F. sanguinea von einem Haufen zum andern, und es war ein sehr interessanter Anblick, wie die Herrn ihre Sklaven sorgfältig zwischen ihren Kinnladen davon schleppten, anstatt selbst von ihnen getragen zu werden, wie es bei F. rnfescens der Fall ist. Eines andern Tages wurde meine Aufmerksamkeit von etwa zwei Dutzend Ameisen der Sklavcn-machenden Arl in Anspruch genommen. welche dieselbe Stelle besuchten, doch offenbar nicht des Futters wegen. Bei ihrer Annäherung wurden sie von einer unabhängigen Kolonie der SkJaveii-gebenden Art,

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F. fuscH. zurückgetrieben, so dass zuweilen bis drei (Kam letzten an den Beinen einer F. sanguinea hingen. Diese letzte tddtcte ihre kleineren Gegner ohne Erbarmen und schleppte deren Leichen als Nahrung in ihr 29 Ellen entferntes Nest; aber sie wurde verhindert Puppen wegzunehmen, um sie zu Sklaven aulzuziehen. Ich entnahm dann aus einem andern Haufen der P. fusca eine geringe Anzahl l'iippcn und legte sie auf eine kühle Stelle nächst dem Kampfplätze nieder. Diese wurden begierig von den Tyrannen ergriffen und fortgetragen. die sich vielleicht einbildeten, doch endlich Sieger in dem letzten Kample gewesen zu seyn.

Gleichzeitig legte ich an derselben Stelle eine Parthie Puppen der Formiea flava mit einigen wenigen reifen Ameisen dieser gelben Art nieder, welche noch an Bruchstücken ihres Nestes hingen. Auch diese Art wird zuweilen, doch selten zu Sklaven gemacht, wie Hr. Smith beschrieben hat. Obwohl klein ist diese Art sehr inuthig, und ich habe sie mit wildem Ungestüm andre Ameisen angreifen sehen. Einmal fand ich zu meinem Erstaunen unter einem Steine eine unabhängige Kolonie der Formiea flava noch unterhalb einem Neste der Sklaven-machenden F. sanguinea: und da ich zufällig beide Nester gestört hatte, so griff die kleine Art ihre grosse Nachbarin mit erstaunlichem Muthe an. Ich war nun neugierig zu erfahren, ob F. sanguinea im Stande seye, die Puppen der F. fusca, welche sie gewohnlich zur Sklaven-Zucht verwendet, von denen der kleinen wüthenden F. flava zu unterscheiden, welche sie nur selten in Gefangenschaft fuhrt, und es ergab sich bald, dass sie dieses Unterscheidungs - Vermögen be-sass; denn ich sah sie begierig und augenblicklich über die Puppen der F. fusca herfallen, während sie sehr erschrocken schien, wenn sie auf die Puppen oder auch nur auf die Erde aus dem Neste der F. flava stiess, und rasch davonrannte. Aber nach einer Viertel-Stunde etwa, kurz nachdem alle kleinen gelben Ameisen die Stelle verlassen halten, bekamen sie Muth und griffen auch diese Puppen auf.

Eines Abends besuchte ich eine andre Gemeinde der F. sanguinea und fand eine Anzahl derselben auf dem Heimwege und

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beim Eingang in ihr Nest. Leichen und viele Puppen der F. fusca mit sich schleppend, also nicht auf blosser Wanderung begriffen. Ich verfolgte eine 40 Ellen lange Reihe mit Beute be-ladener Ameisen bis zu einem dichten Haide-Gebüseh, wo ich das letzte Individuum der F. sanguinea mit einer Puppe belastet herauskommen sah: aber das zerstörte Nest konnte ich in der dichten Haide nicht linden, obwohl es nicht mehr ferne gewesen seyn kann, indem zwei oder drei Individuen der F. fusca in der grosstcn Aufregung umherrannten und eines bewegungslos an der Spitze eines Haide-Zvveiges hing: alle mit ihren eignen Puppen im Maul, ein Bild der Verzweiflung über ihre zerstörte Heimath.

Diess sind die Thatsachcn. welche ich, obwohl sie meiner Bestätigung nicht erst bedurft hatten, über den wundersamen .Sklavenniachcr-Inslinkt berichten kann. Zuerst ist der grosse Gegensatz zwischen den instinktiven Gewohnheiten der F. sanguinea und der kontinentalen F. rufescens zu bemerken. Diese letzte baut nicht selbst ihr Nest, bestimmt nicht ihre eignen Wanderungen, sammelt nicht das Futter für sich und ihre Brut und kann nicht einmal allein fressen; sie ist absolut abhängig; von ihren zahlreichen Sklaven. Die F. sanguinea dagegen halt viel weniger und zumal im ersten Theile des Sommers sehr wenige Sklaven: die Herrn bestimmen, wann und wo ein neues Nest gebaut werden soll: und wann sie wandern, schleppen die Herrn die Sklaven. In der Schweitz- wie in England scheinen die Sklaven ausschliesslich mit der Sorge für die Brut beauftragt zu seyn. und die Herrn allein gehen auf den Sklaven-Fang aus. In der Schweitz- arbeiten Herrn und Sklaven miteinander um Nestbau-Materialien herbeizuschaffen: beide und doch vorzugsweise die Sklaven besuchen und melken. wie man es nennen konnte, ihre Aphiden, und beide sammeln Nahrung für die Gemeinschaft ein. In England verlassen die Herrn gewöhnlich allein das Nest, um Bau-Stoffe und Fütter für sich, ihre Larven und Sklaven einzusammeln, so dass dieselben hier von ihren Sklaven viel weniger Dienste empfangen, als in der Schwein.

Ich will mich nicht vermessen zu erralhen, auf welchem

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Wege in lustinkl der F. sanguinea M.li inl wi< Kill bat, I>H

jedoch Ami'isi'ii. «reiche keim- Sklnvcninacher sind, wie wir g» sehen haben, zufällig um ihr Nesl zerstreute Puppen andrer Arien liciiuschlcppcn, vielleicht um sie als Nahrung zu verwenden, so können sieh solche Puppen dort auch noch Hmeü« entwickeln, und die aul solche Weise absichtslos im Haus tnog» neu Fremdlinge mögen dann ihren eignen Instinklcn folgen und arbeiten, was sie können. Erweiset sich ihre Anwesenheit nutz-licli für die All. welche sie aufgenommen hat, und sagt es dieser letzten mehr zu Arbeiter zu fangen als zu erziehen, so kann der ursprünglich zufallige Brauch fremde Puppen zur Nahrung einzusammeln durch Nalürliche Züchtung verstärkt und end-lull zu dem ganz verschiedenen Zwecke Sklaven zu erziehen bleibend befestigt werden. Wenn dieser Naturtrieb zur Zeil seines Ursprungs in einem noch viel minderen Grade als bei unsrer F. sanguinea entwickelt war. welche noch jetzt von ihren Sklaven weniger Hülfe in England als in der Schweilz empfang!, so linde ich kein Bedenken anzunehmen, Natürliche Züchtung habe dann diesen Instinkt verstärkt und, immer vorausgesetzt, dass jede Abänderung der Spezies nützlich gewesen, allmählich so weit abgeändert, dass endlich eine Ameisen-Art entstund in so verächtlicher Abhängigkeit von ihren eignen Sklaven, wie es F. rufescens ist.

Zellen-hauender Instinkt der Korb-Bienen.) Ich beabsichtige nicht über diesen Gegenstand in kleine Einzelnhei-len einzugehen, sondern will mich beschränken, eine Skizze um den Ergebnissen zu liefern, zu welchen ich gelangt bin. Es inussle ein beschrankler .Mensch seyn, welcher bei Untersuchung des ausgezeichneten Baues einer Bienen-Wabe, die ihrem Zwecke

so wunders..... angepasst ist, nicht in begeisterte Verwunderung

geriethe. Wir hören von Mathematikern, dass die Bienen praktisch ein schwieriges Problem gelost und ihre Zellen in derjenigen Form, welche die grosst-uiögliche Menge von Honig aiifneh-inen kann, inil dem geringsl-mOglichen Aufwände des kostspieligen Bau-Materiales, des Wachses nämlich, hergestellt haben. Man hat bemerkt, dass es einem geschickten Arbeiter mit passen-

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den Hansen und Werkzeugen sehr schwer fallen wurde , regelmässig sechseckige Wachs-Zellen zu machen, obwohl Diess eine wimmelnde Menge von Bienen in dunklem Korbe mit grassier Genauigkeit vollführt. Was für einen Instinkt man auch annehmen mag, so schein! es doch anfangs ganz unbegreiflich, wie derselbe solle alle nülhigen Winkel und Flachen berechnen, oder auch nur beurthcileii können, ob sie richtig gemacht sind. Inzwischen ist doch die Schwierigkeil nicht so gross, wie sie Anfangs scheint; denn all diess schone Werk lasst sich von einigen wenigen sehr einfachen Naturtrieben herleiten.

Ich war diesen Gegenstand zu verfolgen durch Herrn Watbii-hoi'se veranlasst worden, welcher gezeigt hat, dass die Form der Zellen in enger Beziehung zur Anwesenheit von Nachbar-zellen sieht, und die folgende Ansicht ist vielleicht nur eine Modifikation seiner Theorie. Wenden wir uns zu dem grossen Abslulüngs-Prinzipe und sehen wir zu, ob uns die Natur nicht ihre .Methode zu wirken enthülle. Am einen Ende der kurzen Stufen-Reihe sehen wir die Hummel-Bienen, welche ihre allen Coeeons zur Aufnahme von Honig verwendet, indem sie ihnen zuweilen kurze Wachs-Rohren anlügt und ebenso auch einzeln abgesonderte und sehr unregelmässig abgerundete Zellen von Wachs anfertigt. Am andern Ende der Reihe haben wir die Zellen der Korbbiene, eine doppelte Schiebt bildend; jede Zelle ist bekanntlich ein sechsseitiges Prisma, deren Gründliche durch eine Stumpf-dreiseitige Pyramide aus drei Rautenllachen mit festen Winkeln ersetz! ist. Dieselben drei Rautenllachen, welche die pyramidale Basis einer Zelle in der einen Zellen-Schicht der Scheibe bilden, entsprechen je einer Rautenflache in drei anein-anderstossenden Zellen der entgegengesetzten Schicht. Als Zwischenstufe zwischen dcrausserslcn Vervollkommnung im Zellen-Bau der Korb-Biene und der ausserslen Einlachheit in dem der Hummel-Biene haben wir dann die Zellen der .Mexikanischen .Melipona domestica, welche P. HvBia gleichfalls sorgfältig beschrieben und abgebildet hat. Diese Biene selbst steht in ihrer Korper-Bildung zwischen unsrer Honig-Biene und der Hummel in der Mitte, doch der letzten naher, bildet einen fast regelmässigen wach

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lernen Zelten-Kochen mit walzigen Zellen, worin die Jungen gepflegt werden, und überdies.« mit einigen grossen Zellen zur Aufnahme von Honig. Diese letzten sind von ihrer freien Seite gesehen fast kreisförmig und von nahezu gleicher GrtaR, in eine unregelmassige Masse zusammengefügt: am wichtigsten aber ist daran zu bemerken, dass sie so nahe aneinander gerückt sind, dass alle kreisförmigen Wände, wenn sie auch da. wo die Zellen aneinander stossen, ihre Kreise fortsetzten. einander schneiden oder durchsetzen müssten: daher die Wände an den aneinander-liegenden Stellen eben abgeplattet sind. Jede dieser im Ganzen genommen kreisrunden Zellen hat mithin doch 2—3 oder mehr vollkommen ebene Seitenflächen, je nachdem sie an 2—3 oder mehr andre Zellen seitlich angrenzt. Kommt eine Zelle in Berührung mit drei andern Zellen, was. da alle von fast gleicher Grosse sind, nothwendig sehr oft geschieht, so vereinigen sich die drei ebenen Flächen zu einer dreiseitigen Pyramide, welche, nach Hibehs Bemerkung, offenbar der dreiseitigen Pyramide an der Basis der Zellen unsrer Korb-Biene zu vergleichen ist. Wie in den Zellen der Honigbiene, so nehmen auch hier die drei ebenen Flachen einer Zelle an der Zusammensetzung dreier andren anstossenden Zellen Theil. Es ist offenbar, dass die Melipona bei dieser Bildungs-Weise Wachs erspart: denn die Wände sind da, wo mehre solche Zellen aneinander-grenzen. nicht doppelt und nur von der Dicke wie die kreisförmigen Theile, und jedes flache Stuck Zwischenwand nimmt an der Zusammensetzung zweier aneinanderstossenden Zellen Anlhcil.

Indem ich über diesen Fall nachdachte, kam es mir vor, als ob, wenn die Melipona ihre walzigen Zellen von gleicher Grosse in einer gegebenen gleichen Entfernung von einander gefertigt und symmetrisch in eine doppelte Schicht geordnet hatte, der dadurch erzielte Bau so vollkommen als der der Korb-Biene geworden seyn würde. Demzufolge schrieb ich an Professor Milieu in Cambridge, und dieser Geometer bezeichnet die folgende seiner Belehrung entnommene Darstellung als richtig.

Wenn eine Anzahl unter sich gleicher Kreise so beschrieben wird, dass ihre Mittelpunkte in zwei parallelen Ebenen liegen,

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und das Centrum eines jeden Kreises um Radius XV 2 oder Radius x 1.41421 (oder weniger) von den Mittelpunkten der sechs umgebenden Kreise in derselben Schicht, und eben so weit von den Centren der angrenzenden Kreise in der andren parallelen Schicht entfernt ist*, und wenn alsdann Durchscheidungsllachen zwischen den verschiedenen Kreisen beider Schichten gebildet werden: — so muss sich eine doppelle Lage sechsseitiger Prismen ergeben, welche mit aus drei Rauten gebildeten dreiseitig-pyramidalen Basen aufeinanderstellen, und diese Rauten- sowie die Seiten-Flachen der sechsseiligen Prismen werden in allen Winkeln aufs Genaueste übereinstimmen, wie sie an den Wachs-scheihen der Bienen nach den sorgfältigsten Messungen vorkommen. Wir können daher mit Verlassigkeit schliessen, dass, wenn wir die jetzigen noch nicht sehr ausgezeichneten Instinkte der Melipona etwas zu verbessern im Stande waren, diese einen Bau eben so wunderbar vollkommen zu liefern vermochte, als die Korb-Biene. Stellen wir uns also vor, die Melipona mache ihre Zellen ganz kreisrund und gleich-gross, was nicht zum Verwundern seyn würde, da sie es schon in gewissem Grade thut und viele Insekten sich vollkommen walzenförmige Zellen in Holz aushohlen, indem sie anscheinend sich um einen festen Punkt drehen. Stellen wir uns ferner vor, die Melipona ordne ihre Zellen in ebnen Lagen, wie sie es bereits mit ihren Walzen-Zellen thut. Nehmen wir ferner an (und Diess ist die griisste Schwierigkeit), sie vermöge irgend-wie genau zu beurtheilen, in

* Ich glaube die Aufgabe der Bienen ist eine einfachre, als dieser mathematischen Forme] zu gelingen! Eine Finzelbienc niaebt eine zylindrische Zelle. Stossen wir ihre Zellen möglichst dicht aneinander, so dass keine Zwischenräume bleiben, so können die Zellen nur sechs-, vier- oder dreieckige Myn, indem sie sich an den Ancinanderlagerungs-Seilen abplatten.

Ifan weichen sechseckige am wenigsten, dreieckige Zellen am meisten von den

runden ab; jene bilden mithin die einfachste der möglichen'Modifikationen. Diese einfachste Modifikation erheischt im Verhältnis* zu ihrem Inhalte allerdings am wenigsten Wachs: — sie beengt aber auch, da ihre verschiedenen Queermesser am wenigsten ungleich sind, die darin nistende Made am wenigsten in ihrer Entwickelang und Bewegung: endlich gibt sie der Wabe am meisten Festigkeit, weil die Zwtcchenwlnde si.-li :;i drei und tai .irc;k: gen nur in zwei Richtungen kreulzen.                                                    D- tbrs.

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welchem Abstände von ihren gleichzeitig beschäftigten Mitarbeiterinnen sie ihre kreisrunden Zellen heginnen müsse: wir sahen sie in bereits Entfernungen hinreichend beinessen, um alle ihre Kreise so zu beschreiben, dass sie einander stark schneiden, und sahen sie dann die Schneidungs-l'unkte durch vollkommen ebene Wände mit einander verbinden. Unterstellen wir endlich. was keiner Schwierigkeit unterliegt, dass. wenn die sechsseitigen Prismen durch Schneidung in der nämlichen Schicht aneinanderliegender Kreise gebildet sind, sie deren Sechsecke bis zu genügender Ausdehnung verlangern könne, um den Honig-Vorralh aufzunehmen, wie die Hummel den runden Mündungen ihrer alten Coccons noch Wachs-Zylinder ansetzt. Diess sind die nicht sehr wunderbaren Modifikationen dieses Instinktes (wenigstens nicht wunderbarer als jene, die den Vogel bei seinem Nestbau leiten), durch welche, wie ich glaube, die Korb-Biene auf dem Wege Natürlicher Züchtung zu ihrer unnachilhmliche.il architektonischen Geschicklichkeit gelangt ist.

Doch diese Theorie lässt sich durch Versuche bewähren. Nach Herrn Tegetsieieh's Vorgange trennte ich zwei Bienen-Waben und fügte einen langen dicken viereckigen Streifen Wachs dazwischen. Die Bienen begannen sogleich kleine kreisrunde Grübchen darin auszuhöhlen, die sie immer mehr erweiterten je liefer sie wurden, bis flache Becken daraus entstunden, die genau kreisrund und vom Durchmesser der gewöhnlichen Zellen waren. Es war sehr ansprechend für mich zu beobachten, dass überall, wo mehre Bienen zugleich neben einander solche Aushohlungen zu machen begannen, sie genau die richtigen Entfernungen einhielten, dass jene Becken mit der Zeit vollkommen die erwähnte Weile einer gewöhnlichen Zelle erlangten, so dass, als sie den sechsten Theil des Durchmessers des Kreises, wovon sie einen Theil bildeten, erreicht hatten, sie einander schneiden mussten. Sobald diess der Fall war, hielten die Bienen mit der weiteren Austiefung ein und begannen auf den Schneidungs-Linien zwischen den Becken ebene Wände von Wachs senkrechl aufzuführen, so dass jede sechsseitige Zelle auf den unebenen Rand eines glatten Beckens statt auf die geraden Ränder einer

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dreiseitigen Pyramide zu stehen kam. wie hei den gewöhnlichen Bienen-Zellen.

Ich brachte dann statt eines dicken viereckigen Stuckes Wachs einen schmalen und nur .Messerrücken-dicken Wachs-Streifen, mit Cochenille gefärbt, in den Korb. Die Bienen begannen sogleich von zwei Seiten her kleine Becken nahe beieinander darin auszuhöhlen, wie zuvor: aber der Wachs-Streifen war so dünn, dass die Böden der Becken bei gleich-tiefer Aushöhlung wie vorhin von zwei entgegengesetzten Seiten her halten ineinander brechen .müssen. Dazu Hessen es aber die Bienen nicht kommen . sondern hörten bei Zeiten mit der Vertiefung auf, so dass die Becken, so bald sie etwas verlieft waren, ebene Böden bekamen; und diese ebenen Böden, aus dünnen Plattchen des rothgefarbten Wachses bestehend, die nicht weiter ausgenagt wurden, kamen, so weit das Auge unterscheiden konnte, genau längs den eingebildeten Schneidungs-Ebenen zwischen den Becken der zwei entgegengesetzten Seiten des Wachs-Streifens zu liegen. Stellenweise waren kleine Anfange, an anderen Stellen grössre Theile rhombischer Tafeln zwischen den einander entgegenstehenden Becken übrig geblieben: aber das Werk wurde in Folge der unnatürlichen Lage der Dinge nicht zierlich ausgeführt. Die Bienen müssen in ungefähr gleichem Verhaltniss auf beiden Seiten des rolhen Wachs-Streifens gearbeitet haben, als sie die kreisrunden Vertiefungen von beiden Seiten her ausnagten, um bei Einstellung der Arbeit die ebenen Boden-Plattchen auf der Zwischenwand übrig lassen zu können.

Berücksichtigt man, wie biegsam dieses Wachs ist, so sehe ich keine Schwierigkeit für die Bienen ein, es von beiden Seilen her wahrzunehmen, wenn sie das Wachs bis zur angemessenen Dünne weggenagl haben, um dann ihre Arbeit einzustellen. In gewöhnlichen Bienenwaben schien mir, dass es den Bienen nicht immer gelinge, genau gleichen Schrilles von beiden Seiten her zu arbeilen. Denn ich habe halb-vollendete Bauten am Grunde

einer eben begoni.....en Zelle bemerkt, die an einer Seile etwas

konkav waren, wo nach meiner Vcrmulhiing die Bienen ein wenig zu rasch vorgedrungen waren, und auf der anderen Seile kon-

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VOX erschienen, wo sie trager in der Arbeil gewesen. In einem sehr ausgezeichneten Falle der Arl brachte ich die Wabe in den Korb zurück. Hess die Bienen kurze Zeit daran arbeilen, und nahm sie darauf wieder heraus, um die Zellen aufs Neue zu untersuchen. Ich fand dann die Raulen-formigen Platten ergänzt und von beiden Seiten vollkommen eben. Es war aber bei der ausserordentlichen Dünne der rhombischen Plattchen unmöglich gewesen, Diess durch ein weitres Benagen von der konvexen Seite her zu bewirken, und ich vermuthe, dass die Bienen in solchen Fidlen von den entgegengesetzten Zellen aus das biegsame und warme Wachs (was nach einem Versuche leicht geschehen kann) in die zukominliche mittle Ebene gedrückt und gebogen haben, bis es flach wurde.

Aus dem Versuche mit dem roth-gefärbten Streifen ist klar zu ersehen, dass, wenn die Bienen eine dünne Wachs-Wand zur Bearbeitung vor sich haben, sie ihre Zellen von angemessener Form machen können. indem sie sich in richtigen Entfernungen von einander halten, gleichen Schritts mit der Ausliefung vorrücken, und gleiche runde Hohlen machen, ohne jedoch deren Zwischenwände zu durchbrechen. Nun machen die Bienen, wie man bei Untersuchung des Randes einer in umfänglicher Zunahme begriffenen Honigwabe deutlich erkennt, eine rauhe Einfassung oder Wand rund um die Wabe, und nagen darin von den entgegengesetzten Seiten her ihre Zellen aus, indem sie mit deren Vertiefung auch den kreisrunden Umfang erweitern. Sie machen nie die ganze dreiseitige Pyramide des Bodens einer Zelle auf einmal, sondern nur die eine der drei rhombischen Platten, welche dem äussersten in Zunahme begriffenen Rande entspricht, oder auch die zwei Platten, wie es die Lage mit sich bringt. Auch erganzen sie nie die oberen Ränder der rhombischen Platten, als bis die sechsseitige Zellenwand angefangen wird. Einige dieser Angaben weichen von denen des mit Recht berühmten älteren Hiiier ab, aber ich bin überzeugt, dass sie richtig sind ; und wenn es der Raum gestattete, so würde ich zeigen, dass sie so mit meiner Theorie in Einklang stehen.

Hibeks Behauptung, dass die allererste Zelle in einer nicht

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vollkommen parallel-seitigen Wachs-Wand ausgehöhlt worden, ist, so viel ich gesehen, nicht ganz richtig: der erste Anfang war immer eine kleine. Haube von Wachs: doch will ich in diese Einzelheiten hier nicht eingehen. Wir sehen, was für einen wichtigen Antheil die Aushöhlung an der Zellen-Bildung hat: doch wäre es ein grosser Fehler anzunehmen, die Bienen könnten auf eine rauhe Wachs-Wand nicht in geeigneter Lage, d. h. längs der Durchschnitts-Ebene zwischen zwei aneinander-grenzenden Kreisen, bauen. Ich habe verschiedene .Muslerstücke, welche beweisen, dass sie Diess können. Selbst in dem rohen umfänglichen Wachs-Kande rund um eine in Zunahme bcgrillene Wabe beobachtet man zuweilen Krümmungen, welche ihrer Lage nach den Ebenen der rautenförmigen tirund-Platten künlliger Zellen entsprechen. Aber in allen Fallen muss die rauhe Wadis-Wand durch Wegmigung ansehnlicher Theile derselben von beiden Seiten her ausgearbeilet werden. Die Art, wie die Bienen bauen, ist sonderbar. Sie machen immer die erste rohe Wand zehn bis zwanzig mal dicker, als die äusserst feine Scheidewand, die zuletzt zwischen den Zellen übrig bleiben soll. Wir werden besser verstehen, wie sie zu Werke gehen, wenn wir uns denken . Maurer häuften zuerst einen breiten Zement - Wall auf. begännen dann am Boden denselben von zwei Seiten her gleichen Schrittes, bis noch eine dünne \\ and in der Mitte, wegzuhauen und haultcn das Weggehauene mit neuem Zament immer wieder auf dem Kücken des Walles an. Wir haben dann eine dünne stetig in die Hohe wachsende Wand) die aber stets noch überragt isl von einem dicken rohen Wall. IIa alle Zellen, die erst angefangenen sowohl als die schon fertigen, auf diese Weise von einer starken Wachs-Masse gekrönt sind, so können sich die Bienen auf der Wabe zusainmenhaulen und herumtuinmelii, ohne die zarlen sechseckigen Zellen-Wände zu beschädigen, welche iiiii ' , „ Zoll dick sind; die Platten an der (iruml-l'yramidc sind doppelt so dick. Durch diese eigentümliche Weise zu bauen erhall die VI ahn fortwährend die erforderliche Starke mil der grns.-l-innglichcii Ersparung von Wachs.

Anfangs scheint die Schwierigkeit, die Anlerligungs-Weise

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der Zellen zu begreifen, noch dadurch vennelirl 7.11 werden, dass eine Menge von Bienen gemeinsam arbeiten, indem jede, wenn sie eine Zeil lang an einer Zelle gearbeitet Jial. an eine andre geht, so dass. wie Hiiieii bemerkt, ein oder zwei Dutzend Individuen sogar am Anfang der ersten Zelle sieh betheiligen. Es ist mir moglieh gewesen, diese Thalsaehe zu bestätigen, indem ieh die Rander der sechsseitigen Wand einer einzelnen Zelle oder den aussersten Hand der Omfassungs-Wand einer im Wachs-1I111111 begriffenen Wabe mit einer äusserst dünnen Schicht flüssigen rolh-gelarhtcn Wachses überzog und dann jedesmal lami. dass die Hieneii diese Farbe auf die zarteste Weise, wie es kein Maler zarter mit seinem Pinsel vermocht hatte, verlheillen. indem sie Atome des gefärbten Wachses von ihrer Stelle entnahmen und ringsum in die zunehmenden Zellen-Ränder verarbeiteten. Diese Art zu bauen kommt mir vor, wie ein Wetteifer zwischen vielen Bienen einander das Gleichgewicht zu halten, indem alle Instinkt-gemitss in gleichen Entfernungen von einander stehen, und alle gleiche Kreise um sich zu beschreiben suchen, dann aber die Durchschnitls-Ebenen zwischen diesen kreisen entweder aufzubauen oder unbenagl zu lassen. Es war in der Thal eigenthtiinlich anzusehen, wie manchmal in schwieligen Fallen, wenn z. B. zwei Stücke einer Wabe unter irgend einem Winkel aneinanderstiessen, die Bienen dieselbe Zelle wieder niederrissen und in andrer Art herstellten, mitunter auch zu einer Form zurückkehrten, die sie schon einmal verworfen hatten.

Wenn Bienen einen Platz haben, wo sie in zur Arbeit angemessener Haltung stehen können, — z. B. auf einem Holz-Stückchen gerade unter der Mitte einer abwärts wachsenden Wabe, so dass die Wabe über eine Seite des Holzes gebaut werden muss, — so können sie den Grund zu einer Wand eines neuen Sechsecks legen, so dass es genan am gehörigen Platze unter den andern fertigen Zellen vorragt. Es genügt, dass die Bienen im Stande sind in zukonimlicher Entfernung von einander und von den Wanden der zuletzt vollendeten Zellen zu stehen, und dann können sie, nach Maassgabe der eingebildeten Kreise.

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eine Zwischenwand zwischen zwei benachbarten Zellen aufführen: aber, so viel ich gesehen, arbeiten sie niemals die Ecken einer Zelle scharf aus, als bis ein grosser Theil sowohl dieser als der anstossenden Zellen fertig ist. Dieses Vermögen der Bienen unter gewissen Verhältnissen an angemessener Stelle zwischen zwei soeben angefangnen Zellen eine rauhe Wand zu bilden ist wichtig, weil es eine Tnatsache erklart, welche anlanglieh die vorangehende Theorie mit gänzlichem Umstürze bedrohete, nämlich dass die Zellen auf der ausserslen Kante einer Bienen-Wabe zuweilen genau sechseckig sind: inzwischen habe ich hier nicht Kaum auf diesen Gegenstand einzugehen. Dann scheint es mir auch keine grosse Schwierigkeit mehr darzubieten, dass ein einzelnes Insekt (wie es bei der Bienenkönigin z. B. der Fall ist) sechskantige Zellen baut, wenn es nämlich abwechselnd an der Aussen- und der Inucn-Scitc von zwei oder drei gleichzeitig 90-gclangencn Zellen arbeitet und dabei immer in der angemessenen Entfernung von den Theilen der eben begonnenen Zellen steht, Kreise um sich beschreibt und in den Schneidungs-Ebenen Zwischenwände aufführt. Auch ist es zu begreifen, dass ein Insekt, indem es seinen Platz am Anfangs - Punkte einer Zelle einnimmt und sich von da auswärts zuerst nach einem und dann nach fünf andern Punkten in angemessenen Entfernungen von einander und vom Mittelpunkte wendet, der Hich-lung der Sclineidungs-Kbenen folgt und so ein einzelnes Sechseck zuwegebringi: doch ist mir nicht bekannt, dass ein Fall dieser Art beobachtet worden wäre, wie denn auch aus der Erbauung einer einzeln-stehenden sechseckigen Zelle dem Insekt kein Vor-theil entspränge, indem dieselbe mehr Bau-Material als ein Zylinder erheischen würde.

Da Natürliche Züchtung nur durch Häufung geringer Abweichungen des Baues oder Instinktes wirkl. welche alle dem Individuum in seinen Lebens-Verhältnissen nützlich sind, so mag man vernünftiger Weise fragen, welchen Nutzen eine lange und siniiunrein Reihenfolge von Abänderungen iles Bau-Triebes in der zu reiner jetzigen Vollkommenheit Fahrenden Richtung der

Stamm-Form uusrer Honigbienen heb« bringen können? Ich

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glaube, die Antwort ist nicht schwer. Es ist bekannt, dass Bienen oft in grosser Noth sind , genugenden Nektar aufzutreiben: und ich habe von Herrn Tf.«etmeikh erfahren, dass er durch Versuche ermittelt habe, dass nicht weniger als 12 — 15 Pfund trocknen Zuckers zur Sekretion von jedem Pfund Wachs in einem Bienen-Korbe verbraucht werden, daher eine Qberechwing-liehe Menge flüssigen Honigs eingesammelt und von den Bienen eines Stockes verzehrt werden muss, um das zur Erbauung ihrer Waben nothige Wachs zu erhalten. I'berdiess muss eine grosse Anzahl Bienen wahrend des Sekretions-I'rozesses viele Tage lang unbeschäftigt bleiben Ein grosser Honig-Vorralh ist reiner niilhig lür den Unterhalt eines starken Stockes über Winter, und es ist bekannt, dass die Sicherheit desselben hauptsächlich gerade von seiner Starke abhängt. Daher Ersparniss von Wachs eine grosse Ersparniss von Honig veranlasst und eine wesentliche Be-dingniss des Gedeihens einer Bienen-Familie ist. Für gewöhnlich mag der Erlolg einer Bienen-Art von der Zahl ihrer Parasiten und andrer Feinde oder von ganz andern Ursachen bedingt und in soferne von der Menge des Honigs unabhängig seyn, welche die Bienen einsammeln können. Nehmen wir aber an. diess Letzte seye doch wirklich der Fall, wie in der Thal oll die Menge der Hummel-Bienen in einer Gegend davon bedingt ist, und nehmen wir ferner an (was in Wirklichkeil nicht so istl, ihre Gemeinde durchlebe den Winter und verlange mithin einen

Honig-Vorralh. so wäre es in diesem Falle für unsre Hu.....lel-

Bienen gewiss ein Vorlheil, wenn eine geringe Veränderung ihres Instinktes sie veranlasste, ihre Wachs-Zellen etwas naher an einander zu machen, so dass sich deren kreisrunden Wände etwas schnitten; denn eine jede zweien aneinander-stossenden Zellen gemeinsam dienende Zwischenwand müsste etwas Wachs ersparen. Es würde daher ein zunehmender Vorthcil für unsre Hummeln seyn, wenn sie ihre Zellen immer regelmässiger machten, immer näher zusammenrückten und immer mehr zu einer Masse vereinigten, wie Melipona, weil alsdann ein grosser Theil der eine jede Zelle begrenzenden Wand auch andern Zellen zur Begrenzung dienen und viel Wachs erspart werden würde. Aus

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Bleichem (irunde würde es für die Melipona vortheillian seyn, wenn sie ihre walzenförmigen Zellen noch naher zusammenrückte und noch regelmassiger als jetzt machte, weil dann, wie wir gesehen haben, die kreisförmigen Wände gänzlich verschwinden und durch ebene Zwisehen-Wände ersetzt werden mussten . wo dann die Melipona eine so vollkommene Wabe als die Honig-Biene liefern würde. Aber über diese Stufe hinaus kann Natürliche Züchtung den Bau-Trieb nicht mehr vervollkommnen, weil die Wabe der Honig-Biene, so viel wir einsehen können, hinsichtlich der Wachs-Ersparniss unbedingt vollkommen ist.

So kann nach meiner Meinung der wunderbarste aller bekannten Instinkte, der der Honigbiene, durch die Annahme erklärt werden . Natürliche Züchtung habe allmählich eine Menge kleiner Abänderungen einfachrer Naturtriebe benützt; sie habe auf langsamen Stufen die Bienen geleitet, in einer doppelten Schicht gleiche Kreise in gegebenen Entfernungen von einander zu ziehen und das Wachs längs ihrer Diirchschnitls-Ehenen aufzuschichten und auszuhöhlen, wenn auch die Bienen seihst \<m den bestimmten Abstanden ihrer Kreise von einander eben so wenig als von den Winkeln ihrer Sechsecke und den llaulenllacheii am Boden ein Bewusstseyn haben. Die treibende Ursache des Prozesses der Natürlichen Züchtung war Erspamiss an Wachs. Der einzelne Schwann, welcher am wenigsten Honig zur Sekretion von Wachs bedurfte.« gedieh am besten und vererbte seinen neu-erworbenen Ersparniss-Trieb auf spätre Schwärme, welche dann ihrerseits wieder die meiste Wahrscheinlichkeit des Erfolges in dein Kample ums Daseyn halten.

Ohne Zweifel Hessen sich noch viele schwer erklärbare Instinkte meiner Theorie Natürlicher Züchtung entgegenhalten: Falle, wo sich die Veranlassung zur Entstehung eines Instinktes nicht einsehen lasst: falle, wo keine Zwischenstufen bekannt sind: Falle von anscheinend so unwichtigen Instinkten, dass kaum alizusehen, wie sich die Natürliche Züchlung an ihnen lietheiligl haben Uta»; Bitte «OB fast gleichen Instinkten bei Thieren, welche auf der Stufenleiter der Natur so weit auseinander stehen, dass sich deren l bereinstiminung nicht durch Ererbung von einer ge-

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maiasamen SttumKioian erklären laset, sondern waaintifct unabhängigen /.iichtungs-Tliatigkeiteu zugeschrieben werden na, Ich will liier nicht auf diese mancherlei Falle eingehen, sondern nur bei einer hesondem Schwierigkeit stehen Weihen. welche mir anfangs linübersteiglich und meiner ganzen Theorie verderblich zu seyn schien, leb will von den geschlechllosen Individuen oder unlruchlharcn Weibchen der Insekten-Kolonien sprechen: denn diese Geschlechllosen weichen sowohl von den Männchen als den fruchtbaren Weibchen in Bau und Instinkt od sehr weil ab und können doch, weil sie steril sind, ihre eigen iliiiinliche Beschaffenheit nicht selbst durch Fortpflanzung weiin übertragen.

Dieser Gegenstand wurde sich zu einer weitlauligen Kr-oilerunu eignen: doch will ich hier nur einen einzelnen V licrniisliilii'ii. die Arbeils-Ameisen. Anzuheben wie diese Arbeiter steril geworden sind, ist eine grosse Schwierigkeit, doch nirhi griisser als bei andren uul'fnlligcii Abaude.rungeii in der Organisa-lion auch. Denn es lassl sich nachweisen, dass einige Sechsfüss u. a. Kerbthiere im Natur-Zuslande zuweilen Unfruchtbar werden: und falls Diess nun bei gesellig lebenden Arien vorgekommen und es der Gemeinde vorteilhaft gewesen ist. dass jährlich Anzahl zur Arbeit geschickter aber zur Fortpflanzung untauglicher Individuen unter ihnen geboren werde, so dürfte keine Schwierigkeit tili- die Natürliche Züchtung mehr stattgeliind haben . jenen Zufall zur weitere Kiilwickeluiig dieser Anlage. benutzen. Doch muss ich über dieses vorläufige Bedenken hinweggehen. Die Grosse der Schwierigkeit liegt darin, dass dieH Arbeiter sowohl von den männlichen wie von den weiblichen Ameisen auch in ihrem übrigen Bau, in der Form des Brusl-slückes. in dem Mangel der Flügel und zuweilen der Augen, wie in ihren Inslinkten weit abweichen. Was den Instinkl allt betrifft, so halle sich die wunderbare Verschiedenheit, welche dieser Hinsicht zwischen den Arbeiterinnen und den fruchtbar Weibchen ergibt, noch weit besser bei den Honig-Bienen * nac

\on Sihbold hat bekanntlich im vorigen Jahre nachgewiesen, dass bei der Honigbiene (u. a. Insekten> das Geschlecht der Eier von der Bctru.h-

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weisen lassen. Ware eine Arbeits-Ameise oder ein andres Geschlecht-loses Insckl ein Thier in seinem gewöhnlichen Zustande, so Würde ich unbedenklich angenommen haben, dass alle seine Charaktere durch Natürliche Züchtung entwickelt worden seyen, und dass namentlich, wenn ein Individuum mit irgend einer kleinen Nutz-bringcnden Abweichung des Baues geboren worden wäre, sich diese Abweichung auf dessen -Nachkommen vererbt habe, welche dann ebenfalls variirten und bei weitrer Züchtung voranstiinrlen. In der Arbcits-Aineise aber haben wir ein von seinen Altern weit abweichendes Insekt, unbedingt unfruchtbar, welches daher zufällige Abänderungen des Baues nie ererbt haben noch auf eine Nachkommenschaft weiter vererben kann. Man muss daher fragen, wie es möglich scyo, diesen Fall mit der Theorie Natürlicher Züchtung in Einklang zu bringen! Erstens können wir mit unzahligen Beispielen sowohl unter unsern kultivirlen als unter den natürlichen Erzeugnissen belegen, dass Struktur-Verschiedenheiten aller Arten mit gewissen Altern oder mit nur einem der zwei Geschlechter in eine feste Wechselbeziehung getreten sind. Wir haben Abänderungen, die in solcher Wechselbeziehung nicht allein mit nur dem einen (ieselileehte, sondern sogar mit bloss der kurzen Jahreszeit stehen, wo das Reurodukliv-Syslein thalig isl, wie das hochzeitliche Kleid vieler Vögel und der Hakcn-formige Unterkiefer des Sahnen. Wir haben auch geringe l ntersehiede in den Hörnern einiger liinds-Rassen. welche mit einem künstlich unvollkommenen Zustande des männlichen Geschlechtes stehen: denn die Ochsen haben in manchen Hassen langre Homer als in andern, in Vergleich zu denen ihrer Bullen oder hübe. Ich linde daher keine wesentliche Schwierigkeit darin, dass ein Charakter mit dem unfruchtbaren Zustande gewisser Mitglieder von Insekten-(iemeinden in ("orrclation steht: die Schwierigkeit liegt nur darin zu begreife!», wie golahe in Wechselbeziehung stehende Abänderungen des Baues durch Natürliche Züchtung langsam gehäuft werden konnten.

.....g abhängig lit, welch« im Willen der Braankanl|[ii stein and mir in

ewlMei Zilien erlulgl. in andern unierblulii.                         °. Üb».

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Diese anscheinend BBttberwindliofc« Schwierigkeit wird aber bedeutend geringer oder verschwindet, wie ich glaube, gänzlich, wenn wir bedenken, dass Züchtung ebensowohl bei der Familie ab bei den Individuen anwendbar ist und daher nun erwünschten Ziele führen kann So wird eine wohl-schmeckende Gemuse-Sortc gekocht, und dicss Individuum ist zerstört: aber der Gärtner säet Säumen vom nämlichen Stock und erwarte) um Zuversicht wieder nahezu dieselbe Varietät zu arndten. Rindvieh-Züchter wünschen das Fleisch vom Feit gut durchwachsen. Das Thier ist geschlachtet worden, aber der Züchter wendet sich mit Vertrauen wieder zur nämlichen Familie. Ich habe solchen Glauben an die Macht der Züchtung, dass ich nicht bezweifle, dass eine liindcr-Hiisse. welche slets Ochsen mit ausserordentlich langen Hörnern liefert. langsam gezüchtel werden könne durch sorgfältige Anwendung von solchen Bullen und Kühen, die, miteinander gepaart. Ochsen mit den längsten Hörnern geben, obwohl nie ein Ochse selbst diese Eigenschalt au! Nachkommen zu übertragen im Stande ist. So mag es wohl auch mit geselligen Insekten 'gewesen seyn: eine kleine Abänderung im Bau oder Instinkt. welche mit der unfruchtbaren Beschaffenheit gewisser Mitglieder der Gemeinde in Zusammenhang steht, hat sich für die Gemeinde nützlich erwiesen . in Folge dessen die fruchtbaren Mannchen und Weibchen derselben hesser gediehen und auf ihre fruchtbaren Nachkommen eine Neigung übertrugen unfruchtbare Glieder mit gleicher Abänderung hervorzubringen. I nd ich glaube, dass dieser Vorgang oft genug wiederholt worden ist, bis diese Verschiedenheit zwischen den fruchtbaren und unfruchtbaren Weibchen einer Spezies zu der wunderbaren Hohe gedieh, wie wir sie jetzt bei vielen gesellig lebenden Insekten wahrnehmen.

Aber die Schwierigkeit hat noch eine höhere Stufe, die wir noch nicht berührt haben, indem die Geschlechtlosen bei mehren Ameisen-Arten nicht allein von den fruchtbaren Mannchen und Weibchen, sondern auch noch untereinander selbst in oft unglaublichem Grade abweichen und danach in 2—3 Kasten ge-thcilt werden. Diese Kasten gehen in der Regel nicht in einan-

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der über, sondern sind vollkommen getrennt, so verschieden voneinander, wie es sonst zwei Arten einer Sippe oder zwei Sippen einer Familie zu seyn pflegen. So kommen bei F.citon arbeilende und kämpfende Individuen mit ausserordentlich verschiedenen Kinnladen und Instinkten vor; bei Cryplocerus tragen die Arbeiter der einen Kasten allein eine wunderbare Art von Schild an ihrem Kopfe, dessen Zweck ganz unbekannt ist. Bei den Mexikanischen MyriiH'cocystus verhissen die Arbeiter der einen Kaste niemals das Nest; sie werden durch die Arbeiter einer andern Kaste gefuttert und haben ein ungeheuer entwickeltes Abdomen, das eine Art Honig absondert, der die Stelle desjenigen vertritt, welchen unsre Ameisen durch das Melken der Blattläuse erlangen : die Mexikanischen gewinnen ihn von Individuen ihrer eignen Art, die sie als »Kühe« im Hause eingestellt hallen.

Man mag in der Tliat denken, dass ich ein übermässiges Vertrauen in das Prinzip der Natürlichen Züchtung setze, wenn ich nicht zugehe, dass so wunderbare? und wohl-begründete That-sachen meine Theorie auf einmal gänzlich vernichten. In dem einlächeren Falle, wo Geschlecht-lose Ameisen nur von einer Kaste vorkommen . die nach meiner Meinung durch Natürliche Ziirhlung ganz leicht von den fruchlbaren Männchen und Weibchen abgetrennt worden seyn können, in diesem Falle dürfen wir aus der Analogie mit gewöhnlichen Abänderungen zuversichtlich schliessen, dass jede geringe nützliche spätre Abweichung nicht alsbald an allen Geschlecht-losen Individuen eines Nestes zugleich, sondern nur an einigen wenigen zum Vorschein kam, und dass erst in Folge lang-fortgesetzter Züchtung fruchtbarer Allein, welche die meisten Gesclilcchlloscn mit der nutzbaren Abänderung erzeugen konnten, die (ieschlechtloseii endlich alle diesen gewünschten Charakter erlangten. Nach dieser Ansicht inüsste man auch im nämlichen Neste zuweilen noch Geschlecht-lose Individuen derselben Insekten-Art linden, welche /wischenstufen der Körper-Bildung darstellen: uiul diese findet man in der That und zwar, wenn man berücksichtigt, wie seilen in Kuropa diese Gesehlechllosen naher untersucht werden, oll genug. Herr F. Smith hat gezeigt, wie erstaunlich dieselben bei

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den verschiedenen Englischen Ameisen-Arten in der Grosse und mitunter in der Form variiren, und diiss selbst die au«ser-slcu Formen /.uweilen vollständig durch aus demselben Neste .nlnominene lndi\iduen unlereinander verkellet werden können. Ich selbst habe vollkommene Stulenreihen dieser Art mitcimmdi r vergleichen können. Oll geschieht es, dass die grosseren oder dir kleineren Arbeiter die zahlreicheren sind, oll auch sind beide gleich zahlreich mit einer milteln Abstufung. Kormica flava hat grossre und kleinere Arbeiter mit einigen von mittler Grösse: und bei dieser Art haben nach Herrn Smiths Beobachtung die grösseren Arbeiter einlache Augen (Ocelli), welche, wenn auch klein, doch deutlich zu beobachten sind, wahrend die Ocellen der kleineren nur rudimentär erscheinen. Nachdem ich verschiedene Individuen dieser Arbeiter sorgfältig zerlegt habe, kann ich versichern, dass die Ocellen der letzten weit rudimentärer sind, als nach ihrer Grösse allein zu erwarten gewesen wiire, und ich glaube lest, wenn ich es auch nicht für gewiss zu behaupten wage, dass die Arbeiter von mittler Grösse auch Ocellen von mittlem Vollkommenheits-Grade besitzen. Es gibt daher zwei Gruppen steriler Arbeiter in einem Neste, welche nicht allein in der Grösse, sondern auch in den Gesichts-Organen von einander abweichen und durch einige wenige Glieder von mittler Beschaffenheit miteinander verbunden werden. Ich könnte nun muh weiter gehen und sagen, dass wenn die kleineren die niitzlu-In -ren für den Haushalt der Gemeinde gewesen waren und demzufolge immer diejenigen Hannoben und Weibchen, welche die kleineren Arbeiter liefern, bei der Züchtung das I bergcwichl gewonnen hatten, bis alle Arbeiter einerlei Beschaffenheit erlangten, wir eine Ameisen-Art haben mlissten, deren Geschlechtlosen last wie bei Myrmica beschaffen waren. Denn die Arbeiter von Myrmica haben nicht einmal Augen-Rudimente, obwohl deren Mannehen und Weibchen wohl entwickelte Ocellen besitzen. Ich will noch ein andres Beispiel anführen. Ich erwartete so zuversichtlich. Abstufungen in wesentlichen Theilen des Körper-Baues zwischen den verschiedenen Kasten der Geschlecht-losen in einer nämlichen Art zu linden, dass ich mir gerne

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Hrn. K. Smiths Anerbieten zahlreicher Exemplare der Treiber-Ameise (Anomma) aus West-Afrika zu Nutz' machte. Der Leser wird vielleilit die Grosse des Unterschiedes zwischen deren Arbeitern am besten bemessen, wenn ich ihm nicht die wirklichen Ausmessungen, sondern eine streng genaue Vergleichung mittheile. Die Verschiedenheit ist eben so gross, als ob wir eine Keihe von Arbeilsleuten ein Haus bauen sahen, von welchen viele nur fünf Kuss vier Zoll hoch und viele andre bis sechszehn Fuss gross waren (1:3|: dann müsslen wir aber noch unterstellen, dass die grösseren vier- statt dici-inal so grosse Köpfe als die kleineren und last fünfmal so grosse Kinnladen halten. Überdiess andern die Kinnladen dieser Arbeiter wunderbar in Forin, in Grösse und in der Zahl der Zahne ab. Aber die für uns wichtigste Thatsache ist, dass, obwohl man diese Arbeiter in Kasten von verschiedener Grösse unterscheiden kann, sie doch unmerklich in einander übergehen, wie es auch mit der so weit auseinander weichenden Bildung ihrer Kinnladen der Fall ist. Ich kann mit Zuversicht über diesen letzten Punkt sprechen: da Hr. LoBBOGK Zeichnungen dieser Kinnladen mit der Camera lucida l'iir mich angefertigt hat, welche ich von den Arbeitern verschiedener Grösse abgelöst hatte.

Mit diesen Thatsachen vor mir glaube ich. dass Natürliche ZücMung auf die fruchtbaren Altern wirkend Arien zu bilden im Stande ist. welche regelmässig auch ungeschlechtliche Individuen hervorbringen, die entweder alle eine ansehnliche Grösse und gleich-bcschalT'ene Kinnladen haben, oder welche alle klein und mit Kinnladen von sehr veränderlicher Bildung versehen sind, oder welche endlich (und Diess ist die llauplsrhwierigkcil! zwei iMiippen von verschiedener Beschaffenheit darstellen, wovon die eine von gleicher Grosse und Bildung und die "andre in beiderlei Hinsicht veränderlich ist, beide aus einer anlang-lirlini Sliifeiircihe wie bei Anomma hervorgegangen, wovon aber die zwei ausserslen Formen, soferne sie für die Gemeinde die nützlichsten sind, durch Natürliche Züchtung der sie erzeugenden Altern innner zahlreicher überwiegend werden, bis die Zwischenstufen ganzlich verschwinden.

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So ist nnrli meiner Meinung die wunderbare Erscheinung von zwei streng begrenzten Karten unfruchtbarer Arbeiter in einerlei Nest zu erklären . welche beide weit voneinander und von ihren Altern verschieden sind. Es lasst sieh annehmen, OBN ihre Hervorbringung Tür eine soziale Insekten-Gemeinde nach gleichem Principe, wie die Thcilung der Arbeit für die zivili-sirlen Menschen, nutzlich gewesen seye. Da die Ameisen mit ererbten Instinkten und mit ererbten Organen und Werkzeugen und nicht mit erworbenen Kenntnissen und Inbrizirlcni Gerathe arbeiten, so Hess sich eine vollständige Theilung der Arbeit unter denselben nur mittelst steriler Arbeiter erzielen; denn waren sie fruchtbar gewesen, so würden sie durch Kreut-zung ihre Instinkte und Werkzeuge mit denen der andern gemischt und verdorben haben. Und die Natur hat, wie ich glaube, diese bewundernswürdige Arbeits-Theilung in den Ameisen-Gemeinden durch Züchtung bewirkt. Aber ich bin zu bekennen genothigl, dass ich bei allem Vertrauen in dieses Prinzip doch, ohne die vorliegenden Thatsachen zu kennen, nie geahnt haben würde, dass Natürliche Züchtung sich in so hohem Grade wirksam erweisen könne. Ich habe desshalb auch diesen Gegenstand mit etwas griissrer, obwohl noch ganz ungenügender Ausführlichkeit abgehandelt, um daran die Macht Natürlicher Züchtung zu zeigen und weil er in der That die ernsteste spezielle Schwierigkeit liir meine Theorie darbietet. Auch ist der lall darum sehr interessant, weil er zeigt, dass sowohl bei Thieren als bei Pflanzen jeder Betrag von Abänderung in der Struktur durch Häufung vieler kleinen und anscheinend zufälligen Ab-, weichungen von irgend welcher Nützlichkeit, ohne alle Unterstützung durch Übung und Gewohnheit, bewirkt werden kann. Denn'keinerlei Grad von Übung, Gewohnheit und Willen in den gänzlich unfruchtbaren Gliedern einer Gemeinde vermochte die Bildung oder Instinkte der fruchtbaren Glieder, welche allein die Nachkommenschaft liefern, zu beeinflussen. Ich bin erstaunt, dass noch Niemand den lehrreichen Fall der Geschlecht-losen Insekten der wohl-bekannten Theorie Lamarcks entgegengesetzt hat.

The Comolete Work of Charles Darwin Online

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Zusammenfassung.! Ich habe in diesem Kapitel versucht, kürzlich zu zeigen, dass die Geistes-Fahigkeiten unsrer Haustliiere abändern, und dass diese Abänderungen vererblich sind, l'nd in noch kürzrer Weise habe ich darzuthun gestrebt, dass Instinkte im Natur-Zustande etwas abiindern. Niemand wird bestreiten, dass Instinkte von der höchsten Wichtigkeit für jedes Thier sind. Ich sehe daher keine Schwierigkeit, warum unter veränderten Lebens-Bedingungen Natürliche Züchtung nicht auch im Stande gewesen seyn sollte, kleine Abänderungen des Instinktes in einer nützlichen Richtung bis zu jedem Betrag zu häufen. In einigen Fallen haben Gewohnheit, Gebrauch und Nichtgebrauch wahrscheinlich mitgewirkt. Ich glaube nicht durch die in diesem Abschnitte milgelheillen Thatsachen meine Theorie in irgend einer Weise zu stützen: doch ist nach meiner besten Überzeugung auch keine dieser Schwierigkeiten im Stande sie umzustossen. Auf der andern Seile aber eignen sich die Thalsachen, dass Instinkte nicht immer vollkommen und noch Jlissdciilungen unterworfen sind, — dass kein Instinkt zum ausschliesslichen Vortheil eines andern Thieres vorhanden ist, wenn auch jedes Thier von Instinkten andrer Nutzen zieht. — dass der naturhistorische Glaubenssatz »Natura non facit sal-tuni" ebensowohl auf Instinkte als auf körperliche Bildungen anwendbar und aus den vorgetragenen Ansichten eben so erklärlich als auf andre Weise unerklarbar ist: alle diese Thatsachen eignen sich die Theorie der Natürlichen Züchtung zu befestigen.

Diese Theorie wird noch durch einige andre Erscheinungen hinsichtlich der Instinkte bestärkt So durch die gemeine Beobachtung , dass einander nahe verwandte aber sicherlich verschiedene Spezies, wenn sie von einander entfernte Wellllicile bewohnen und unter beträchtlich verschiedenen Exislenz Bedingungen leben, doch oll fast dieselben Instinkte beibehalten. So z. B. lasst sich aus dem Erblichkeils -Prinzip erklären, wie es kommt, dass die Süd-Amerikanische Drossel ihr Nest mit Schlamm auskleidet ganz in derselben Weise, wie es iinsre Europäische Drossel Unit; — wie BS kommt. dass die Männchen des

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Oslindischen und des Afrikanisclu' Nashorn- Vogels, welche zu zwei verschiedenen I'nlersi|i|>cn von Buceros geboren, beide die-srlticit eigentümlichen Instinkte besitzen, ihre in liaumhohlen brütenden WCibchen mit Sand so einzumauern, dass nur noch ein kleines Loch ollen bleibt, durch welches sie das Weibchen und spater auch die Jungen mit Nahrung versehen; — wie es kommt, dass das Männchen des Amerikanischen Zaunkönigs (Troglodytes) ein besondres Nest lür tiefe baut, ganz wie das .Mannchen uns-ref einheimischen Art: Alles Sitten. die bei andern Vögeln gar nicht vorkommen. Endlich mag es wohl keine logisch richtige Folgerung seyn, es entspricht aber meiner Vorstellungs-Ali weil besser, solche Instinkte wie die des jungen Kuckucks, der seine Nahrbriidrr aus dem Neste stosst, — wie die der Ameisen. welche Sklaven machen, oder die der Ichneumoniden, welche ihre Hier in lebende Raupen legen: nicht als eigenthümlich anerscballiie Instinkte. sondern nur als geringe Ausflüsse eines allgemeinen Gesetzes zu betrachten, welches allen organische! \\ esen zum Vorthcil gereicht, nämlich: Vermehrung und Abänderung macht die stärksten siegen und die schwächsten erliegen.

Achtes Kapitel. Bastard-Bildung-.

Unterschied zwischen der Unfruchtbarkeit bei der ersten Kreutzung und der Unfruchtbarkeit der Baslarde. — Unfruchtbarkeit der Stufe nach veränderlich: nicht allgemein: durch Inzucht vermehrt und durch Zähmung vermindert. — Gesetze für die Unfruchtbarkeit der Bastarde. — Unfruchtbarkeit keine besondre Eigcnthünilichkeit, sondern mit andern Verschiedenheiten zusammenfallend. — Ursachen der Unfruchtbarkeit der ersten Kreulzung und der Bastarde. — Parallelismus zwischen den Wirkungen der veränderten I.ebens-Bcdiugungen und der Kreutzung, - - Fruchtbarkeit miteinander ge-kreutzter Varietäten und ihrer Blendlinge nicht allgemein. — Bastarde und Blendlinge unabhängig von ihrer Fruchtbarkeit verglichen. — Zusam-tnenfnssuni!.

Die allgemeine Meinung der Naturforscher geht dahin, dass Arten im Falle der Kreutzung von sich aus unfruchtbar sind, um die Verschmelzung aller organischen Formen mit einander zu

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verhindern. Diese Meinung hat anfangs gewiss grosse Wahrscheinlichkeit für sich: denn in derselben Gegend beisammenlebende Arten würden sich, wenn freie Kreut/.ung müglich wäre, kaum getrennt erhalten können. Die Wichtigkeit der Thatsache, dass Bastarde sehr allgemein steril sind, ist nach meiner Ansicht von einigen neueren Schriftstellern sehr unterschätzt worden. Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung ist der Kall um so mehr von spezieller Wichtigkeit, als die Unfruchtbarkeit der Bastarde nicht wohl vorteilhaft für sie seyn und auch desshalb nicht durch forlgesetzte Erhaltung auleiuamler-folgendcr nützlicher Abstufungen der Sterilität erworben seyn kann. Ich hoffe jedoch zeigen zu können, dass Unfruchtbarkeit nicht eine speziell erworbene oder für sich angeborene Eigenschaft ist, sondern mit anderen erworbenen Verschiedenheiten zusammenhängt.

Bei Behandlung dieses Gegenstandes hat man zwei Klassen von Thalsachen, welche von Grund aus weit verschieden sind, gewöhnlich mit einander verwechselt, nämlich . die Unfruchtbarkeit zweier Arten bei ihrer ersten Krcutzung und die Unfruchtbarkeit der von ihnen erhaltenen Bastarde.

Keine Arien haben regelmassig Forlpllanzungs-Organe von vollkommener Beschaffenheit, liefern aber, wenn sie mit einander gekreutzt werden, nur wenige oder gar keine Nachkommen. Bastarde dagegen haben Keproduklions-Organe, welche zur Dienstleistung unfähig sind, wie man aus dem Zustande des mannlichen Elementes bei l'llanzen und Thieren erkennt. w ah-rend die Organe selbst ihrer Bildung nach vollkommen sind, wie die mikroskopische Untersuchung ergibt. Im ersten Falle sind die zweierlei geschlechtlichen Elemente, welche den Embryo liefern sollen, vollkommen: im andern sind sie entweder gar nicht oder nur sehr unvollständig entwickelt. Diese Unterscheidung ist wesentlich, wenn die Ursache der in beiden Fallen slatl-liuili'udi'ii Sterilität in Betracht gezogen werden soll. Der Unterschied ist wahrscheinlich übersehen worden, weil man die Unfruchtbarkeil in beiden Fallen als eine besondre Eigenthüm-lichkeii betrachte! hat, deren Beurtheilung ausser dem Bereiche unsrer Kralle liege.

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Die Fruchtbarkeit der Varietäten oder derjenigen Formen, welehe von gemeinsamen Altern abstammen oder doch so angesehen werden, bei deren Kreutzung, und ebenso die ihrer Blendlinge ist naok meiner Theorie von gleicher Wichtigkeit mit der l nl'ruchllmrkeit der Spezies unter einander; denn es scheint sich daraus ein klarer und weiter Unterschied zwischen Arien und Varietäten zu ergeben.

Erstens: Die Unfruchtbarkeit miteinander gekreulzter Arien und ihrer Bastarde. Man kann unmöglich die verschiedenen Werke und Abhandlungen der zwei gewissenhaften und bewun-dernswerthen Beobachter Kolbecteb und Gärtner, welche last ihr ganzes Leben diesem Gegenstände gewidmet haben, durchlesen. ohne einen tiefen Eindruck von der Allgemeinheit eines höheren oder geringeren Grades der Unfruchtbarkeit gekreulzter Arten in sich aufzunehmen. Kolhf.itkr macht es zur allgemeinen Kegel: aber er durchhaut den Knoten, indem er in zehn Fallen, wo zwei last allgemein für verschiedene Arten geltende Formen ganz fruchtbar mit einander sind, dieselben unbedenklich für blosse Varietäten erklart. Auch Gärtner macht die Hegel zur allgemeinen und bestreuet die zehn Fälle gänzlicher Fruchtbarkeit bei Kolbecteb. Doch ist Gärtner in diesen wie in vielen andern Fällen genothigt, die erzielten Saamen sorgfaltig zu zahlen um zu beweisen, dass doch einige Verminderung der Fruchtbarkeit stattfindet. Er vergleicht immer die höchste Anzahl der von zwei gekreutzten Arten oder ihren Bastarden erzielten Saamen mit deren Durchschnittszahl bei den zwei reinen älterlichen Arten in ihrem Natur-Stande. Doch scheint mir dabei noch eine Ursache ernsten lrrlhums mit unterzulaufen. Eine Pflanze, deren Unfruchtbarkeit bewiesen werden soll, muss kastrirt und, was oft noch wichtiger ist, eingeschlossen werden, damit ihr kein Pollen von andren Pflanzen durch Insekten zugeführt werden kann. Fast alle Pflanzen, die zu Gärtners Versuchen ge-dient, waren in Topfe gepflanzt und, wie es scheint, in einem Zimmer seines Hauses untergebracht. Dass aber solches Verfahren die Fruchtbarkeit der Pflanzen oft beeinträchtigt haben müsse, lasst sich nicht in Abrede stellen. Denn Gärtner selbst lulnt

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in seiner Tabelle etwa zwanzig Falle an, wo er die Pflanzen kastrirte und dann mit ihrem eignen Pollen künstlich befruchtete; aber die Leguminosen und andre solche Falle, wo die Manipulation anerkannter Maassen schwierig ist, ganz bei Seite gesetzt zeigte die Hälfte jener zwanzig Pflanzen eine mehr und weniger verminderte Fruchtbarkeit. Da nun überdiess Gärtner einige Jahre hintereinander die Primula oflicinalis und Pr. elatior, welche wir mit gutem Grunde nur für Varietäten einer Art halten, mit einander kreutzte und doch nur ein oder zwei-mal fruchtbaren Saamen erhielt. — da er Anagallis arvensis und A. coerulea, welche die besten Botaniker nur als Varietäten betrachten , durchaus unfruchtbar mit einander fand und noch in mehren analogen Fällen zu gleichem Ergebniss gelangte: so scheint mir wohl zu zweifeln erlaubt, ob viele andre Spezies wirklich so steril bei der Kreutzung seyen, als Gärtner behauptet.

Einerseits ist es gewiss, dass die Unfruchtbarkeit mancher Arten bei gegenseitiger Kreutzung so ungleich an Starke ist und so manchfallige Abstufungen darbietet, — und dass anderseits die Fruchtbarkeit achter Spezies so leicht durch mancherlei Umstände berührt wird, dass es für die meisten praktischen Zwecke schwierig ist zu sagen, wo die vollkommene Fruchtbarkeit aufhöre und wo die Unfruchtbarkeit beginne ? Ich glaube, man kann keinen bessern Beweis dafür verlangen, als der ist, dass die erfahrensten zwei Beobachter, die es je gegeben, nämlich Koi.rf.iter und Gärtner , hinsichtlich einerlei Spezies zu schnurstracks entgegengesetzten Ergebnissen gelangt sind. Auch ist es sehr belehrend, die von unseren besten Botanikern vorgebrachten Argumente über die Frage, ob diese oder jene zweifelhafte Forin als Art oder als Varietät zu betrachten sey. zu vergleichen mil dem aus der Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit nach den Berichten verschiedener Bastard-Züchter oder den mehrjährigen Versuchen der Verfasser selbst entnommenen Beweise. Es lasst sich daraus darthun, dass weder Fruchtbarkeit noch Unfruchtbarkeit einen klaren Unterschied zwischen Arten und Varietäten liefert, indem der darauf gestutzte Beweis stufenweise vei schwindet und mitbin so. wie die übrigen von der organischen

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Bildung miil Thaligkeil hergenommenen Beweise, zweifelhaft bleibt.

Was die Unfruchtbarkeit der Bastarde auf dem Wege der Inzucht betrifft, so hat Gäiitner zwar einige Versuelie angestellt und die Inzucht wahrend ti—7 und in einem Falle sogar II) Generationen vor aller Kreutzung mit einer der zwei Slammarten geschützt, versichert aber ausdrtlcklich, dass ihre Fruchtbarkeit nie zugenommen, sondern vielmehr stark abgenommen habe. Mi zweifle nicht daran, dass Diess gewöhnlich der Fall ist und die Fruchtbarkeit in den ersten Generationen oft plötzlich abnimmt. Demungeachtet aber glaube ich. dass bei allen diesen Versuchen die Fruchtbarkeit durch eine unabhängige Ursache vermindert worden ist. minilich durch die allzu strenge Inzucht. Ich habe eine grosse Menge von Thatsachen gesammelt, welche zeigen, dass eine allzu strenge Inzucht die Fruchtbarkeit vermindert, wahrend dagegen die jeweilige hreulzung mit einem andern Individuum oder einer andern Varietät die Fruchtbarkeit V6> mehrt, daher ich an der liichtigkeit dieser unter den Züchten last allgemein verbreiteten Meinung nicht zweifeln kann. Bastarde werden selten in grössrer Anzahl zu Versuchen erzogen, und da die alterlichen Arten oder andre nahe verwandte Arten gewöhnlich im nämlichen Garten wachsen, so müssen die Besuche der Insekten wahrend der Blüthe-Zeit sorgfaltig verhütet werden, daher Bastarde für jede Generation gewöhnlich durch ihren eignen Tollen befruchtet werden müssen: und ich bin überzeugt, dass Diess ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigt, welche durch ihre Bastard-Natur schon ohnediess geschwächt ist. In dieser Überzeugung bestärkt mich noch eine von Gabtner mehrmals wiederholte Versicherung, dass nämlich die minder fruchtbaren Bastarde sogar, wenn sie mit gleichartigem Bastard-l'ollen künstlich befruchtet werden, ungeachtet des oft schlechten Erfolges der Behandlung, doch zuweilen entschieden an Fruchtbarkeit weiter und weiter zunehmen. Nun wird bei künstlicher Befruchtung der Pollen oll zufällig (wie ich aus meinen eignen Versuchen weiss) von Antheren einer andern als der zu befruchtenden Blume genommen, so dass hiedurch eine Kreutzung zwischen zwei Blu-

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men. doch gewöhnlich derselben Pflanze, bewirkt wird. Wenn nun ferner ein so sorgfältiger Beobachter, als Gärtner ist, im Verlaufe seiner zusammengesetzten Versuche seine Bastarde kastrirt hätte, so würde Diess bei jeder Generation eine Kreutzung mit dem Pollen einer andern Blume entweder von derselben oder von einer andern Pflanze von gleicher Bastard-Beschaffenheit nüthig gemacht haben. Und so kann die befremdende Erscheinung, dass die Fruchtbarkeit in aufeinander folgenden Generationen von künstlich befruchteten Bastarden zugenommen hat, wie ich glaube, dadurch erklärt werden, dass allzu enge Inzucht vermieden worden ist.

Wenden wir uns jetzt zu den Ergebnissen, welche sich durch die Versuche des dritten der erfahrensten Bastard-Züchter, des Ehrenwerlhen und Hochwürdigen W. Herbert, herausgestellt haben. Er versichert ebenso ausdrücklich. dass manche Bastarde vollkommen fruchtbar und nicht mimler züchtbar als jede der Stamm-Arten für sich seyen, wie KölBEi irn und Gärtner einen gewissen Grad von Sterilität bei Kreutzung verschiedener Spezies mit einander für ein allgemeines Natur-Gesetz erklären. Seine Versuche bezogen sich auf einige derselben Arten, welche auch zu den Experimenten Gärtners gedient hatten. Die Verschiedenheit der Ergebnisse, zu welchen beide gelangt sind, lässt sich, wie ich glaube, ableiten zum Theile aus Herberts grosser Erfahrung in der Blumen-Zucht und zum Theile davon, dass er Warmhauser zu seiner Verfügung halle. Von seinen vielen wichtigen Ergebnissen will ich hier nur eines beispielsweise hervorheben, dass nämlich „jedes mit Crinum revolutum befruchtete Eichen an einem Stocke von Crinum capense auch eine Pflanze lieferte, was ich (sagt er) bei natürlicher Befruchtung nie Wahrgenommen habe.« Wir haben mithin hier den Fall vollkommener und selbst mehr als vollkommener Fruchtbarkeil bei de» krculzmig zweier verschiedener Arien.

Dieser Fall mit Crinum führt mich zu einer ganz eigen-thümlichcn Thatsarhe. dass es nämlich bei einigen Arien von Leben« und mehren andern Sippen einzelne Pflanzen gilil. welche

viel leichter mii dem Pollen einer teraehiednee andern Art als

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ihrer eignen befruchtet werden können; und gleicherweise scheint es sich auch mit allen Individuen fast aller Hippeastruin-Arten zu verhallen. Denn man hat gefunden, dass diese Pflanzen, mit dem Pollen einer andern Spezies befruchtet. Saamen ansetzen, aber mit ihrem eignen Pollen ganz unfruchtbar sind, obwohl derselbe vollkommen gut und wieder andre Arien n befruchten im Stande ist. So können mithin gewisse einzelne Pflanzen und alle Individuen gewisser Spezies viel leichter zur Bastard-Zucht dienen, als durch sich selbst befruchtet werden. Eine Zwiebel von Hippeastruni aulicum z. B. brachte vier Blumen i drei davon wurden mit ihrem eignen Pollen befruchtet und die vierte hierauf mit dem Pollen eines aus drei andern ver-schiednen Arten gezüchteten Bastards versehen, und das Resultat war, dass «die Ovarien der drei ersten Blumen bald zu wachsen aufhörten und nach einigen Tagen gänzlich verdarben, wahrend das Uvarium der mit dem Bastard-Pollen versehenen Blume rasch zunahm und reifte und gute Saamen lieferte, welche kräftig gediehen«. Im Jahr 1839 schrieb mir Herbebt, dass er den Versuch fünf Jahre lang fortgesetzt habe und jedes Jahr mit gleichem Erfolge. Denselben "Erfolg hatten auch andre Beobachter bei Hippeastrum und dessen Untersippen so wie bei einigen andern Geschlechtern, nämlich Lobelia, Passiflora und Verbascum. Obwohl diese Pflanzen bei den Versuchen ganz gesund erschienen und sowohl Eichen als Saamenstaub einer und der nämlichen Blume sich bei der Befruchtung mit andern Arien vollkommen gut erwiesen, so waren sie doch zur gegenseitigen Selbstbefruchtung funktionell ungenügend, und wir müssen daher schliessen, dass sich die Pflanzen in einem unnatürlichen Zustande befanden. Jedenfalls zeigen diese Erscheinungen, von was für geringen und geheimnissvollen Ursachen die grössre oder geringere Fruchtbarkeit der Arien bei der Kreutzung, gegenüber der Selbstbefruchlung, zuweilen abhänge.

Die praktischen Versuche der Gartenfreunde, wenn auch

nicht mit wissenschaftlicher Genauigkeit ausgeführt, verdienen

gleichfalls einige Beachtung. Es ist bekannt, in welch' verwickel-

ler «eise die Arten von Pelargonium, Fuchsia, Calceoiaria, Pe-

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tunia, Rhododendron u. a. gekreutzl worden sind, und doch setzen viele dieser Baslarde Saamcn an. So versichert Hebbert, dass ein Bastard von Calceolaria integrifolia und C. plumbaginea. zweier in ihrer allgemeinen Beschaffenheit sehr unähnlicher Arten, ..sich selbst so vollkommen aus Saamen verjungte, als ob er einer natürlichen Spezies aus den Bergen Chiles angehört hätte«. Ich habe mir einige .Mühe gegeben, den Grund der Fruchtbarkeit bei einigen durch mehrseitige Kreutzung erzielten Rhododendren kennen zu lernen, und die Gewissheit erlangt, dass mehre derselben vollkommen fruchtbar sind. Herr C. Noble z. B. berichtet mir, dass er zur Gewinnung von Propfreisern Stocke eines Bastardes von Rhododendron Ponticum und Rh. Catawbiense erzieht, und dass dieser Bastard „so reichlichen Saamen ansetzt, als man sich nur denken kann". Nähme bei richtiger Behandlung die Fruchtbarkeit der Bastarde in aiifeinandcr-fol<.'cndcn Generationen in der Weise ab, wie Gärtner versichert, so miisste diese Thalsache unseren Plantage-Besitzern bekannt sevn. Garten-Freunde erziehen grosse Beete voll der nämlichen Bastarde: und diese allein erfreuen sich einer richtigen Behandlung: denn hier «Dein können die verschiedenen Individuen einer nämlichen Bastard-Form durch die Thäligkeit der Insekten sich untereinander kreutzen und den schädlichen Einflüssen zu enger Inzucht entgehen. Von der Wirkung der Insekten-Thätigkeit kann jeder sich selbst überzeugen, wenn er die Blumen der sterileren Rhododendron-Formen, welche keine Pollen bilden, untersucht: denn, er wird ihre Narben ganz mit Saamenslaub bedeckt linden, der von andern Blumen hergetragen worden ist.

Was die Thiere betriflt, so sind der genauen Versuche viel weniger mit ihnen veranstaltet worden. Wenn unsre systematischen Anordnungen Vertrauen verdienen, d. h. wenn die Sippen der Thiere eben so verschieden von einander als die der Pflanzen sind, dann kennen wir behaupten, dass viel weiter auf der Stufenleiter der Natur auseinander-stchende Thiere noch gckrculzl werden können, als es bei den Pflanzen der Fall ist: dagegen scheinen die Bastarde unfruchtbarer zu seyn. Ich bezweifle, ob auch nur eine Angabe von einem ganz fruchtbaren

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Ttlier-Btstard als vollkommen beglaubigt angesehen werden darf. Mini inuss jedoch nicht vergessen, dass neb nur wenige Thiurr in der Gefangenschaft reichlich fortpflanzen und daher nur wenige richtige Versuche mit ihnen angestellt werden können. So hat man z. B. den Kanarienvogel mit neun andern Finken-Arlcn gekreutzt, da sich aber keine dieser neun Arten in der Gefangenschaft gut fortpflanzt, so haben wir kein Recht zu erwarten, dass die ersten Bastarde von ihnen und dem Kanarienvogel vollkommen fruchtbar seyn sollen. Ebenso, was die Fruchtbarkeit der vergleichungsweise fruchtbaren Bastarde in spulen n Generationen belrilVt, so kenne ich wohl kaum ein Beispiel, dass zwei Familien gleicher Bastarde gleichzeitig von verschiedenen Allein erzogen worden waren, um die üblen Folgen allzustrengrr Inzucht vermeiden zu können. Im Gcgentbeil hat man in jeder nachfolgenden Generation, die bestandig wiederholten Mahnungen aller Zuchter nicht beachtend, gewöhnlich Brüder und Schwestern miteinander gepaart. Und so ist es durchaus nicht überraschend, dass die vererbliche Sterilität der Bastarde mit jeder Generation zunahm. Wenn wir in der Absicht darauf hinzuwirken ii.....er Brüder und Schwestern reiner Spezies miteinander

paarten, in welchen aus irgend einer Ursache bereits eine noch so geringe Neigung zur Unfruchtbarkeit vorhanden wäre, so wurde die Rasse gewiss nach wenigen Generalionen aus-sterben.

Obwohl ich keinen irgend wohl-beglaubigten Fall vollkommen fruchtbarer Thicr-Bastarde kenne, so habe ich doch einige Ursache anzunehmen, dass die Bastarde von Cervulus vaginalis und C. Reevesi, von Phasianus Colchicus und Ph. torquatus oder auch Ph. versicolor vollkommen fruchtbar sind. Es unterliegt insbesondere keinem Zweifel, dass diese drei Fasanen-Arten, namlirli der gemeine, der ringhalsige und der .lapanesische sich in den Wäldern einiger Theile von England kreulzen und Nachkommen liefern. Die Bastarde der gemeinen und der Schwanen-Gans (Auser cygnoides), zweier so verschiedener Arten, dass man sie in zwei verschiedene Sippen zu stellen pflegt, haben hierzulande ofl Nachkommen mit einer der reinen Stamm-Arten und in einem

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Falle sogar unter sieh geliefert. Diess ist durch Hrn. Evton bewirkt worden, der zwei Bastarde von gleichen Altern über ver-schiednen Brüten erzog und dann von beiden zusammen nicht weniger als acht Nachkommen aus einem Neste erhielt. In Indien dagegen müssen die durch Kruutzung gewonnenen Gänse weil fruchtbarer seyn, indem zwei ausgezeichnet befähigte Beurtheiler, nämlich Hr. Blvth und Capt. Button, mir versichert haben, dass dort in verschiedenen Landes-Gegenden ganze Heerden dieser Bastardgans gehallen werden: und da Diess des Nutzens wegen geschieht, wo die reinen .Stamm-Arten gar nicht existiren, so müssen sie nothvvendig sehr fruchtbar seyn.

Neuere Naturforscher haben grossentheils eine von Pallas ausgegangene Lehre angenommen, dass nämlich die meisten uns-rer Hausthiere von je zwei oder mehr wilden Alien abstammten, welche sich seilher durch Kreutzung vermischt hätten. Hiernach Öftesten also entweder die Stamm-Arten gleich anfangs ganz fruchtbare Bastarde geliefert haben oder die Bastarde erst in späteren Generationen in zahmem Zustande ganz fruchtbar geworden seyn. Diese letzte Alternative scheint mir die wahrscheinlichere; und ich bin geneigt an deren Kichligkeit zu glauben, obwohl sie auf keinem direkten Beweise beruhet. Ich nehme z. B. an, dass unsre Hunde von mehren wilden Arten herrühren, und doch sind vielleicht mit Ausnahme gewisser in Süd-Amerika gehaltenen Haushunde alle vollkommen fruchtbar miteinander; aber die Analogie erweckt grosse Zweifel in mir, dass die verschiedenen Stamm-Arten derselben sich anfangs freiwillig inil-ciii-ander gepaart und sogleich ganz fruchtbare Bastarde geliefert haben sollen. So liegt auch Grund zur Annahme vor, dass unser Europäischer uujl der Indische Büffel-Ochse fruchtbar miteinander seyeu. obwohl ich sie nach den von Bi.vni mir mitgeteilten Thalsachen für zwei verschiedene Arten halten muss. Bei dieser Ansicht von der Entstehung vieler unsrer Hausthiere müssen wir entweder den Glauben an die fast allgemeine Inl'ruclil-barkeil einer Paarung verschiedener Thier-Arten miteinander aufgeben "der aber die Sterilität nicht als eine unzerstörbare, son-

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dem als eine durch Zähmung zu beseitigende Folge einer solchen Kreutiang betrachten,

Überblicken wir endlich alle über die Kreutziing von Pflanzen- und Thier-Arien festgestellten Thatsachen, so gelangen wir zum Schlüsse, dass ein gewisser Grad von Unfruchtbarkeit bei der ersten Kreutzung und den daraus entspringenden Bastarden /.war eine äusserst gewöhnliche Erscheinung ist, aber nach dem gegenwärtigen Stand unsrer Kenntnisse nicht als unbedingt allgemein betrachtet werden darf.

Gesetze, welche die Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der Bastarde regeln.) Wir wollen nun die Umstände und die Hegeln etwas naher betrachten, welche die vergleichungsweise Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzung und der Bastarde bestimmen. Unsre Hauptaufgabe wird seyn zu erfahren, ob sich nach diesen Regeln Unfruchtbarkeit der Arten miteinander als eine denselben inhärente Eigenschaft ergibt, deren Bestimmung es wäre eine Kreutzung der Arten bis zur aus-serslen Verschmelzung der Formen zu verhüten, oder ob sich Diess nicht herausstellt. Die nachstehenden Regeln und Folgerungen sind hauptsächlich aus Gärtners bewundernswerthem Werke über die Bastard-Erzeugung bei den Pflanzen entnommen*. Ich habe mir viele Mühe gegeben zu erfahren, in wie ferne diese Regeln auch auf Thiere Anwendung finden, und obwohl unsre Erfahrungen über Bastard-Thiere sehr dürftig sind, so war ich doch erstaunt zu sehen, in wie ausgedehntem Grade die nämlichen Regeln für beide Reiche gelten.

Es ist bereits bemerkt worden, dass sich die Fruchtbarkeit sowohl der ersten Kreutzung als der daraus entspringenden Bastarde von Zero an bis zur Vollkommenheit abstuft. Es ist erstaunlich, auf wie mancherlei eigenlhümliche Wieise sich diese Ab-

* C. F. V. Gärtner: Versuche und Beobachtungen aber die Befruch-lungs-Organc der vollkommenen Gewächse und über die natürliche und künstliche Befruchtung durch den eigenen Pollen. Stuttgart 1844. -Versuche und Beobachtungen über die Bastarderzeugung im Pflanzenreich. Mit llinwcisung auf die ähnlichen Erscheinungen im Thierreiche. Stuttgart 1849.                                                                  D ibs.

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stufung darthun lässt; doch können hier nur die nacktesten Umrisse der Thatsachen geliefert werden. Wenn Pollen einer Pflanze von der einen Familie auf die Narbe einer Pflanze von andrer Familie gebracht wird, so hat er nicht mehr Wirkung, als eben so viel unorganischer Staub.

Wenn man aber Saamenstaub von Arten einer Sippe auf das Stigma einer Spezies derselben Sippe bringt, so wird der Erfolg ein günstigerer, aber bei verschiedenen Arten doch wieder so ungleich, dass sich mittelst der Anzahl der jedesmal erzeugten Saamen alle Abstufungen von jenem Zero an bis zur vollständigen Fruchtbarkeit und, wie wir gesehen haben, in einigen abnormen Fallen sogar über das gewöhnlich bei Selbstbefruchtung gewöhnliche Maass hinaus ergeben. So gibt es auch unter den Bastarden selber einige, welche sogar mit dem Pollen von einer der zwei reinen Stamm-Arten nie auch nur einen fruchtbaren Saamen hervorgebracht haben noch wahrscheinlich jemals hervorbringen werden. Doch hat sich in einigen dieser Fälle eine erste Spur von der Wirkung eines solchen Pollens insofeme gezeigt, als er ein frühzeitigeres Abwelken der Blume der Bastard-Pflanze veranlasste, worauf er gebracht worden war; und rasches Abwelken einer Blülhe ist bekanntlich ein Zeichen beginnender Befruchtung. An diesen äusserslen Grad der Unfruchtbarkeit reihen sich dann Bastarde an, die durch Selbstbefruchtung eine immer grossre Anzahl von Saamen bis zur vollständigen Fruchtbarkeit hervorbringen.

Bastarde von solchen zwei Arten erzielt, welche sehr schwer zu kreulzen sind und nur selten einen Nachkommen liefern, pflegen selber sehr unfruchtbar zu seyn. Aber der l'arallelisnms zwischen der Schwierigkeit eine erste krculzung zu Stande zu bringen, und der einen daraus entsprungenen Bastard zu befruchten, — zwei sehr gewohnlich miteinander verwechselt« UaMM VOO Thatsachen — ist keineswegs strenge. Denn es gibt viele Falle, wo zwei reine Arten mit ungewöhnlicher Leichtigkeit miteinander gepaart werden und zahlreiche Bastarde liefern können, welche aber äusserst unfruchtbar sind. Anderseits gibt es Arten, welche nur selten oder äusserst schwierig zu

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kreutzen ffeliBfrt, aber ihre Baslnnlo. wenn sir einmal vorhanden, sind sehr fruchtbar, l'nd diese zwei so entgegengesetzten Mit

können innerhalb der nämlichen Sippe vorkommen, wie z. B. bei Dianthu.

Die Fruchtbarkeil sowohl der ersten Krcutzungen als der Bastarde wird leichter als die der reinen Arten durch ungünstige Bedingungen gefährdet. Aber der Grad der Fruchtbarkeil ist gleicher Weise an sich veränderlich: denn der Erlbig ist nicht immer der nämliche, wenn man dieselben zwei Arten unter denselben äusseren Umstanden kreutzt, sondern hangt zum Theile von der Verfassung der zwei zufällig für den Versuch ausgewählten Individuen ab. So ist es auch mit den Bastarden, indem sich der Grad der Fruchtbarkeit in verscliic-denen aus Seaman einer Kapsel erzogenen und den nämlichen Bedingungen ausgesetzten Individuen oll ganz verschieden erweist.

Mit dem Ausdruck systematische A ffinität soll die Ähnlichkeit verschiedener Arten in organischer Bildung und Thälig-keil zumal solcher Theile bezeichnet werden, welche eine grosse physiologische Bedeutung haben und in verwandten Arten nur wenig von einander abweichen. Nun ist die Fruchtbarkeit der ersten Kretitzung zweier Spezies und der daraus hervorgehende« Bastarde in reichein Maasse abhängig von dieser »systematischen Verwandtschaft«. Diess geht deutlich schon daraus hervor, dass man noch niemals Bastarde von zwei Arten erzielt hat. welche die Systcmalikcr in verschiedene Familien stellen, während es dagegen gewohnlich leicht ist. nahe verwandte Arten miteinander zu paaren. Hoch ist die Beziehung zwischen systematischer Verwandtschaft und Leichtigkeit der Kreutzung keinesweges eine strenge. Denn es Hesse sich eine Menge Falle von sehr nahe verwandten Alten anfuhren. die gar nicht oder nur mit grösster Mühe zur Paarung gebracht werden können, wahrend milunter auch sehr verschiedene Arten sich mit gröSSter I.cicli-ligkeit kreutzen lassen. In einer nämlichen Familie können zwei Sippen beisammen stehen, wovon die eine wie Dianthus viele solche Arten enthalt, die sehr leicht zu kreutzen sind, während

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ilii' der andern, z. B. Silenc, den beharrlichsten Versuchen eine Kreutzung zu bewirken in dem Grade widerstehen. das.s man auch noch nicht einen Bastard zwischen den einander am nächsten verwandten Arten derselben zu erzielen vermochte. Ja selbst innerhalb der Grenzen einer und der nämlichen Sippe zeigt sich ein solcher Unterschied. So sind z. B. die zahlreichen Nicotiana-Arten mehr unter einander gekreutzt worden, als die der meisten übrigen Sippen, und Gärtner hat gefunden, dass N. acuminata, die keinesweges eine besonders abweichende Art ist, beharrlich allen Befruchtungs-Versuchen will(>rstand, so dass von acht andern N'ieotiana-Arten keine weder sie befruchten noch von ihr befruchtet werden konnte. Und analoge Thatsaclir-n Hessen sich noch viele anführen.

Noch niemand hat auszuinitleln vermocht, welche Art oder welcher Grad von Verschiedenheit in irgend einem erkennbaren Charakter genüge, um die Kreutzung zweier Spezies zu hindern. Es liisst sich nachweisen, dass Pflanzen, welche in Lebens-Weise und allgemeiner Tracht am weitesten auseinandergehen, welche in allen Theilen ihrer Blüthcn sogar bis zum Pollen oder in der Frucht oder in den Kotyledonen sehr scharfe Unterschiede zeigen, mit einander gekreutzl werden können. Einjährige und ausdauernde Gewachs-Arten, winterkahle und immergrüne Baume, Pflanzen für die abweichendsten Standorte und die entgegengesetztesten Klimate gemacht, können oll leicht mit einander ge-kreutzt werden.

Unter wechselseitiger Kreutzung zweier Arten verstehe ich den Fall, wo z. B. ein Pferde-Hengst mit einer Eselin und dann ein F.sel-llengsl mit einer Pferdo-Slule gepaart wird: man kann dann sagen, diese zwei Arten seyen wechselseitig gekreuzt worden. In der Leichtigkeit einer wechselseitigen Kreutzung findet oft der möglich grosste Unterschied statt. Solche Falle sind höchst wichtig. weil sie beweisen. dass die Einplanglichkeil für die hreulzung zwischen Irgend zwei Arten von ihrer systematischen Verwandlschal) oder von irgend welchem kennbaren Unterschied in ihrer ganzen Organisation oll ganz unabhängig ist. Dagegen zeigen diese Falle auch deutlich, dass

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jene Empfänglichkeit mit Unterschieden in der Verfassung des Körpers zusammenhangt, welche für uns nicht wahrnehmbar sind und sieh auf das Reproduktiv-System beschranken. Diese Verschiedenheit der Ergebnisse aus wechselseitigen Kreutzungen zwischen je zwei Arten war schon langst von Köi.reiter beobachtet worden. So kann, um ein Beispiel anzuführen, Mirabilis Jalapa leicht durch den Saamenstaub der M. longillora befruchtet werden. und die daraus entspringenden Bastarde sind genügend fruchtbar: aber mehr als zweihundert Male versuchte es Kouiei-ieii im Verlaufe von acht Jahren vergebens die M. longillora nun auch mit Pollen der M. Jalapa zu befruchten. Und so Hessen sich noch einige andre Beispiele geben. Tiuhet hat dieselbe Bemerkung an einigen Seepflanzen gemacht, und GbtTMB noch überdiess gefunden, dass diese Erscheinung in einem geringeren Grade ausserordentlich gemein ist. Er hat sie selbst zwischen Können wahrgenommen, welche viele Botaniker nur als Varietäten einer nämlichen Art betrachten, wie Matthiolia annu« und M. glabra. Eben so ist es eine bemerkenswerlhc Thatsache, dass die beiderlei aus wechselseiliger Kreutzung hervorgegangenen Bastarde, wenn auch von denselben zwei Stammarien herrührend, hinsichtlich ihrer Fruchtbarkeit gewöhnlich in einem geringen, zuweilen aber auch in hohem Grade von einander abweichen.

Es lassen sich noch manche andre eigenthümliche Regeln aus Gärtner entnehmen, wie z. B. dass manche Arten sich überhaupt sehr leicht zur Kreutzung mit andern verwenden lassen, wahrend andren Arten derselben Sippe das Vermögen innewohnt, den Bastarden eine grosse Ähnlichkeit mit ihnen aufzuprägen : doch stehen beiderlei Fähigkeiten nicht in nothwendiger Beziehung zu einander. Es gibt Bastarde, welche, statt wie gewöhnlich das Mittel zwischen ihren zwei alterlichen Arten zu hallen, stets nur einer derselben sehr ahnlich sind; und gerade diese äusserlich der einen Stammart so ähnlichen Bastarde sind mit seltener Ausnahme äusserst unfruchtbar. Dogegen kommen aber auch unter denjenigen Bastarden, welche zwischen ihren Altern das Mittel zu halten pflegen, zuweilen abnorme Individuen vor.

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die einer der reinen Stammarten ausserordentlich gleichen : und diese Bastarde sind dann gewohnlich auch äusserst steril, obwohl die mit ihnen aus gleicher Frucht-Kapsel entsprungenen Mittelformen sehr fruchtbar zu seyn pflegen. Aus diesen Erscheinungen geht hervor, wie ganz unabhängig die Fruchtbarkeit der Bastarde vom Grade ihrer Ähnlichkeit mit ihren beiden Stammüttern ist.

Aus den bis daher gegebenen Regeln über die Fruchtbarkeit der ersten Kreutzungen und der dadurch erzielten Bastarde, ergibt sich, dass, wenn man Formen, die als gute und verschiedene Arten angesehen werden müssen, mit einander paart, ihre Fruchtbarkeit in allen Abstufungen von Zero an bis selbst über das unter gewöhnlichen Bedingungen stattfindende Maass vollkommener Fruchtbarkeil hinaus wechseln kann. Ferner ist ihre Fruchtbarkeit nicht nur äusserst empfindlich für gunstige und ungünstige Bedingungen, sondern auch an und für sich veränderlich. DU Fruchtbarkeit verhalt sich nicht immer an Starke gleich bei der ersten Kreutzung und bei den daraus erzielten Bastarden. Die Fruchtbarkeit dieser letzten steht in keinem Verhältniss zu deren äusserer Ähnlichkeit mit ihren beiden Altern. Die Leichtigkeit einer ersten Kreutzung zwischen zwei Arten ist nicht von deren systematischer Affinität noch von ihrer Ähnlichkeit mit einander abhängig. Dieses letzte Ergebniss ist hauptsächlich aus den Wechselkreulzungen zweier nämlichen Arten erweisbar. wo die Paarung gewohnlich etwas, mitunter aber auch viel leichter oder schwerer erfolgt. je nachdem man den Vater von der einen oder von der andern der zwei gekreuzten Arien nimmt. Endlich sind die zweierlei durch YVeeh-sclkniil/iing erzielten Bastarde oft in ihrer Fruchtbarkeit verschieden.

Nun fragt es sich, oh aus diesen eigenthümlieh verwickelten Regeln hervorgehe, dass die vergleichungsweise Unfruchtbarkeit der Arten bei deren Kreutzung den Zweck habe, ihre Vermischung im Natur-Zustande zu verhüten? Ich glaube nicht. Dim warum wäre in diesem Falle der Gfld der l'nfruchlliaikril so ausserordentlich verschieden. da wir doch uraebmea nassen

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diese Verhütung seye gleich wichtig bei allen ? Warum wäre sogar schon eine angeborene Verschiedenheit zwischen Individuen einer nämlichen Arl vorhanden? Zu welchem Ende sollten manche Arten so leicht zu kroulzen seyn und doch sehr sterile Bastarde erzeugen, wahrend andre sich nur sehr schwierig paaren lassen und vollkommen fruchtbare Bastarde liefern? Wozu sollte es dienen, dass die zweierlei Produkte einer Wechsel-kreutzung »wische« den nämlichen Arten sich oft so sehr abweichend verbalten? Wozu, kann man sogar fragen, soll überhaupt die Möglichkeit Bastarde zu liefern dienen? Es scheint doch eine wunderliche Anordnung zu seyn, dass die Arten das Vermögen haben Bastarde zu bilden, deren weilre Fortpflanzung aber durch verschiedene (Irade von Sterilität gehemmt ist, welche in keiner Beziehung zur Leichtigkeit der ersten Kreutzung zweier Altern verschiedener Spezies miteinander stehen.

Die voranstehenden Kegeln und Thatsachen scheinen mir dagegen deutlich zu beweisen, dass die Unfruchtbarkeit sowohl der eisten Kreutzungen als der Bastarde von unbekannten Verhältnissen hauptsächlich im Fortpflanzungs-Systeme der gekreutz-len Arten abhänge. Die Verschiedenheiten sind von so eigen-thiunlicher und beschrankter Natur, dass bei wechselseiligen Kreutzungen zwischen zwei Arten oll das männliche Element der einen von üppiger Wirkung auf das weibliche der andern ist,-während bei der Kreutzung in der andern Richtung das Gegentheil eintritt. Es wird angemessen seyn durch ein Beispiel etwas vollständiger auseinander zu setzen, was ich unter der Bemerkung versiehe, dass Sterilität mit andern Ursachen zusammenhänge und nicht eine spezielle Eigentümlichkeit für sich bilde. Die Fähigkeit einer Pflanze sich auf eine andre zweigen oder nicht zweigen und okuliren zu lassen, ist für deren Gedeihen im Natnr-Zustande so gänzlich gleichgiltig, dass wohl niemand diese Fähigkeit für eine spezielle Anordnung der Natur halten, sondern jedermann anzunehmen geneigt seyn wird, sie falle mit Verschiedenheiten in den Wachsthums-Gesetzen der zwei Pflanzen zusammen. Den Grund davon, dass eine Art auf der andern etwa nicht anschlagen will, kann man zuweilen in

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abweichender Waclisllmins-Weise, Härte des Holzes, Natur, des Saftes. Zeit der Bliithe u. dgl. finden: in sehr vielen Fidlen aber lässt sich gar keine Ursache dafür ergeben. Denn selbst sehr bedeutende Verschiedenheiten in der Grosse der zwei Pflanzen, oder in holziger und knutartiger, immergrüner und sommergrüner Beschaffenheit und selbst ihre Anpassung an ganz verschiedene Kliinate bilden nicht immer ein Hindernis! ihrer Auf-einanderproplung. Wie bei der Bastard-Bildung so ist auch beim Propl'en die Fähigkeit durch systematische Affinität beschrankt; denn es ist noch nie gelungen, Holzarten aus ganz verschiedenen Familien auleinanderzusetzen, während dagegen nahe verwandle Arten einer Sippe und Varietäten einer Art gewöhnlich . iber nicht immer, leicht aufeinander gepropft werden können. Doch ist auch dieses Vermögen eben so wenig als das der Bastard-Bildung durch systematische Verwandtschaft in absoluter Weise bedingt. Denn, wenn auch viele verschiedene Sippen einer Familie aufeinander zu propl'en gelungen ist, so nehmen doch wieder in andern Fällen sogar Arten einer nam-licben Sippe einander nicht an. Der Birnbaum kann viel leichter auf den (.H'itteiibaum, den mau zu einem eignen Genus erhoben, als auf den Apfelbaum gezweigt werden, der mit ihm zur nämlichen Sippe gehört. Selbst verschiedene Varietäten der Birne schlagen nicht mit gleicher Leichtigkeit auf dem (.tuitten-baum an, und eben so verhalten sich verschiedene Aprikosen-und Pfirsich-Varietäten dein Pilaunicn-Baume gegenüber.

Wie nach Gäktkkh zuweilen eine angeborene Verschiedenheit im Verhalten der Individuen zweier zu kreutzenden Arten vorhanden ist, so glaubt Sagarer auch an eine angeborene Verschiedenheit im Verhalten der Individuen zweier aufeinander zu propfender Arten. Wie bei Wechsclkreutzungeii die Leichtigkeit der zweierlei Paarungen oft sehr ungleich ist, so verhall as sich oll auch bei dem wechselseitigen Vcrprnpfcn. So kann die gemeine Stachelbeere z. B. auf den .Inluinnisbecr-Slrain h gczweigt werden, dieser wird aber nur Schwer ml OUBI Stachelbeerstrauch anschlagen.

Wir haben gesehen, dass die I nlruchlhaikeit der Bastarde,

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deren Reproduktions-Organc von unvollkommener Beschaffenheit sind, eine ganz andere Sache ist, als die Schwierigkeit zwei reine Arten mit vollständigen Organen mit einander zu paaren: doch laufen beide Falle bis zu gewissem Grade mit einander parallel. Etwas Ahnliches kommt auch beim l'ropfen vor: denn Tiioiis hat gefunden, dass die drei Robinia-Arten, welche auf eigner Wurzel reichlichen Saamen gebildet halten und sich leicht auf einander zweigen Hessen, durch die Aufeinanderimpfung unfruchtbar gemacht wurden: wahrend dagegen gewisse Sorhus-Arten. eine auf die andre gesetzt. doppelt so viel Früchte als auf eigner Wurzel lieferten. Diess erinnert uns an die obenerwähnten ausserordentlichen Falle bei Hippeastruin, Lobelia u. dg!,, welche viel reichlicher fruklifiziren, wenn sie mit Pollen einer andern Art als wenn sie mit ihrem eignen Pollen versehen werden.

Wir sehen daher, dass, wenn auch ein klarer und gründlicher Unterschied zwischen der blossen Adhiision auf einander gepropfter Stocke und der Zusammenwirkung männlicher und weiblicher Urstoffe zum Zwecke der Fortpflanzung stattfindet, sich doch ein gewisser Parallelismus zwischen den Wirkungen der Impfung und der Befruchtung verschiedener Arten mit einander kundgibt. Wenn wir die sonderbaren und verwickelten Regeln, welche die Leichtigkeit der Propl'ung bedingen, als mit unbekannten Verschiedenheiten in den vegetativen Organen zusammenhangend betrachten, so müssen wir nach meiner Meinung auch die viel zusammengesetzteren für die Leichtigkeit der ersten Kreutzungen mit unbekannten Verschiedenheiten in ihrem Repro-duktiv-Systeme im Zusammenhang stehend ansehen. Diese Verschiedenheiten folgen, wie sich erwarten lasst, bis zu einem gewissen Grade der systematischen Affinität, durch welche Bezeichnung jede Art von Ähnlichkeit und Unahnlichkeit zwischen organischen Wesen ausgedrückt werden soll. Die Thatsachen scheinen mir in keiner Weise anzuzeigen, dass die grossre oder geringere Schwierigkeit verschiedene Arten auf und mit einander zu propfen und zu kreutzen eine besondre Eigenthiimlichkeit ist, obwohl dieselbe beim Kreutzen für die Dauer und Stetigkeil

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der Ali-Formen eben so wichtig als beim Propfen unwesentlich für deren Gedeihen ist.

Ursachen der Unfruchtbarkeit der ersten kreut-zungen und der Bastarde. Sehen wir uns nun etwas naher um nach den wahrscheinlichen Ursachen der Sterilität der ersten Kreutzungen und der Bastarde. Diese zwei Falle sind von Grund aus verschieden, da, wie oben bemerkt worden, die iiiiinnlichen und die weiblichen Geschlechtsteile bei l'aarung zweier reiner Arten vollkommen, bei Bastarden aber unvollkommen sind. Selbst bei ersten Kreutzungen hangt die grossre oder geringere Schwierigkeit, eine l'aarung zu bewirken, anscheinend von mehren verschiedenen Ursachen ab. Oft liegt sie in der physischen Unmöglichkeit liir das männliche Element bis zum Eichen zu gelangen, wie es bei solchen Pflanzen der Fall, deren Pistill so lang ist, dass die Pollen-Schlauche nicht bis ins Ovarium hinabreichen können. So ist auch beobachtet worden, dass wenn der Pollen einer Art auf das Stigma einer nur entfernt damit verwandten Art gebracht wird, die Pollen-Schlauche zwar hervortreten, aber nicht in die Oberflaehe des Stigmas eindringen. In andern Fallen kann das männliche Element zwar das weihliche erreichen, aber unfähig seyn die Entwicklung des Embryos zu bewirken, wie Das aus einigen Versuchen Tiiim.rs mit Seetangen hervorzugehen scheint. Wir können diese That-sacben eben so wenig erklären, all warum gewisse Holzarten nicht auf andre gepropl't werden können. Endlich kann es auch vorkommen, dass ein Embryo sich zwar zu entwickeln beginnt, aber schon in der nächsten Zeit zu Grunde gehl Diese letale Möglichkeit ist nichl genügend aufgeklart worden: doch glaube ich nach den von Hin. Hf.witt erhaltenen Mitlheiliingcn. welcher grosse Erfahrung in der Haslard-Zürhtüng der Hühner-artigen Vogel besessen, dass der frühzeitige Tod des Embryos eine «ehr haiilige Ursache des Fehlschlagen« der ersten Kreutzungen ist. ich war anfangs sehr wenig daran zu glauben geasigt, weil Bastarde, wenn sie einmal geboren sind, sehr krallig und lang-lebend /.u seyn pflegen, wie Maullhier und Maulesel (eigen I berdiess beiluden sich Bastarde vor und nach der Geburl unter

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ganz verschiedenen Verhältnissen. In einer Gegend geboren und lebend, wo auch ihre beiden Altern leben, mögen ihnen die Lehens-Bedingungen wohl zusagen. Aber ein Bastard hat nur halb an der organischen Bildung und Thäligkoit seiner Malier Anlhcil und mag mithin vor der Gebort, so lange als er m,I, noch im Mutterleibs oder in den von der Mutter hervorgebrachten Kicrn und Saamcn befindet. einigermassen Ungünstigere! Bedingungen ausgesetzt und demzufolge in der ersten Zeit leichter zu Grunde zu gehen geneigt seyn, zumal alle sehr jungen Wesen gegen schädliche und unnatürliche Lebens-Verhallnisse ausserordentlich empfindlich sind.

Hinsichtlich der Sterilität der Bastarde, deren Sevual-Organe unvollkommen entwickelt sind, verhall siel« die Sache ganz anders. Ich habe schon mehrmals angeführt, dass ich eine grosse Menge von Thatsaehen gesammeU habe, welche zeigen, ihn, wenn l'flanzen und Thiere aus ihren natürlichen Verhältnissen nrissea werden, es vorzugsweise die Fortpllanzungs - Organe sind, welche dabei angegriffen werden. Diess ist in der Thal die grosse Schranke für die '/.ahmung der 'filiere. Zwischen der dadurch veranlassten Lnfruchlbarkeit derselben und der der Bastarde sind manche Ähnlichkeiten. In beiden Fällen ist die Sterilität unabhängig von der Gesundheit im Allgemeinen und oft begleitet von vermehrter Grosse und Üppigkeit. In beiden Fallen kommt die lnfruchlbarkeit in vielerlei Abstufungen vor: in beiden leidet das mannliche Element am meisten, zuweilen aber das Weibchen doch noch mehr als das .Männchen. In beiden geht die Fruchtbarkeit bis zu gewisser Stufe gleichen Schritts mit der systematischen Verwandtsehall: denn ganze Gruppen von Pflanzen und Thieren werden durch dieselben unnatürlichen Bedingungen impolcnl, und gleiche Gruppen von Arten neigen zur Her vorbringung unfruchtbarer Bastarde. Dagegen widersteht zuweilen eine einzelne Art in einer Gruppe grossen Veränderungen in den äusseren Bedingungen mit ungesehwächler Fruchtbarkeit, und gewisse Arten einer Gruppe liefern ungewöhnlich fruchtbare Bastarde. Niemand kann, ehe er es versucht hat, voraussagen, ob dieses oder jenes Thier in der Gefangenschall und ol>

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diese oder jene ausländische Pflanze wahrend ihres Anbaues sich gut fortpflanzen wird, noch ob irgend welche zwei Arten einer Sippe mehr oder weniger sterile Bastarde mit einander hervorbringen werden. Endlich, wenn organische Wesen wahrend mehrer Generationen in für sie unnatürliche Verhältnisse versetzt werden, so sind sie ausserordentlich zu variiren geneigt, was. wie ich glaube, davon herrührt, dass ihre Keproduktiv-Systemc vorzugsweise angegriffen sind, obwohl in inindrcm Grade als wenn gänzliche Unfruchtbarkeit folgt. Eben so isl es mit Bastarden: denn Bastarde sind in auleinander-fnlgenden Generationen sehr zu variiren geneigt, wie es jeder Züchter erfahren hat.

So sehen wir denn, dass. wenn organische Wesen in neue und unnatürliche Verhaltnisse versetzt, und wenn Bastarde durch unnatürliche Kreutzung zweier Arien erzeugt werden, das Repro-duktiv-Systein ganz unabhängig von der allgemeinen Gesundheit, in ganz eigentümlicher Wreise von Unfruchtbarkeit betroffen wird. In dem einen Falle sind die Lebens-Bedingungen gestört worden, obwohl oft nur in einem für uns nicht wahrnehmbaren Grade: in dem andern, bei den Bastarden nämlich, sind jene Verhältnisse unverändert geblieben, aber die Organisation isl dadurch gestört worden. dass zweierlei Bau und Verfassung des Körpers mit einander vermischt worden ist. Denn es ist kaum möglich, dass zwei Organisationen in eine verbunden werden, ohne einige Störung in ihr Kntwickelung oder in der periodischen Thiitigkcit "der in den Wechselbeziehungen der verschiedenen Theile und Organe zu einander oder endlich in den Lebens-Bedingungen zu veranlassen. Wenn Bastarde fähig sind sieh unier sich fortzupflanzen, so übertragen sie von Generation

zu Generalion auf ihre Abkommen dieselbe Vereinigung zweier

Organisationen, und wir dürfen daher nicht erstaunen, ihre

Unfhichtbarkeil, wenn auch einigem Schwanken unterworfen, selten abnehmen ZU sehen.

Wir müssen jedoch bekennen, dass wir. von haltlosen llypo-lliesen abgesehen, nicht im Stande sind, gewisse Thalsachen in Bezug auf die Unfruchtbarkeil der Bastarde zu begreifen, wie z. B. die ungleiche Fruchtbarkeil der zweierlei Bastarde aus der

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W'cchselkrculzung. Oder die zunehmende Unfruchtbarkeit derjenigen Bnslarde, welche zufällig oder ausnahmsweise einem ihrer beiden Allem sehr ähnlich sind. Auch bilde ich mir nicht ein. durch die vorangehenden Bemerkungen der Sache auf den Brand tu kommen: denn wir haben keine Erklärung dafür. warum ein Organismus unter unnatürlichen I.ebens-Bedingungen unfruchtbar wird. Alles, was ich habe zeigen wollen, ist. dass in zwei in Mancher Beziehung einander ahnlichen Fallen Unfruchtbarkeit das gleiche Resultat ist, in dein einen Falle, weil die iiussren Lebens-Bedingungen. und in dem andern weil durch Verbindung zweier Bildungen in eine die Organisation selbst gestört worden sind.

Es mag wunderlich scheinen, aber ich vermuthe, dass ein gleicher i'arallelisinus noch in einer andern zwar verwandten. doch an sich sehr verschiedenen Keilte von Thatsachen besteht. Es ist ein aller und fast allgemeiner Glaube, welcher meines Wissens auf einer Masse von Erfahrungen beruhet, dass leichte Veränderungen in den äusseren Lebens-Bedingungen für alle Lebenwesen woltlthnliir sind. Wir sehen daher I.andwirthe und Gärtner beständig ihre Saamen, Knollen u. s. w. austauschen, sie aus einem Boden und Klima ins andre und endlieh wohl auch wieder zurück versetzen. Wahrend der Wiedergenesung von Thicren sehen wir sie oft grossen Vortheil aus diesem oder jenem Wechsel in ihrer Lebensweise ziehen. So sind auch bei Pflanzen und Thieren reichliche Beweise vorhanden, dass eine Kreutzung zwischen sehr verschiedenen Individuen einer Art. nämlich zwischen solchen von verschiedenen Stammen oder l'nter-rassen. der Nachzucht Krall und Fruchtbarkeit verleihe. Ich glaube in der That. nach den im vierten Kapilel angeführten Thatsachen, dass ein gewisses Maass von Krculzung selbst für Hermaphroditen unentbehrlich ist. und dass enge Inzucht zwischen den nächsten Verwandten einige Generationen lang fortgesetzt. zumal wenn dieselben unter gleichen Lebens-Bedingungen gehalten werden, endlich schwache und unfruchtbare Sprosslinge liefert.

So scheint es mir denn, dass einerseits geringe Wechsel

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der Lebens-Bedingungen allen organischen Wesen vorlheilhafl sind, und dass anderseits schwache Kreulzungen. nämlich zwischen verschiedenen Stammen und geringen Varietäten einer Art. der Nachkommenschaft Kraft und Starke verleihen. Dagegen haben wir aber auch gesehen, dass stärkere Wechsel der Verhältnisse und zumal solche von gewisser Art die Organismen oft in gewissem Grade unfruchtbar machen können, wie auch stärkere Kreulzungen, nämlich zwischen sehr verschiedenen oder in gewissen Beziehungen von einander abweichenden Männchen und Weibchen Bastarde hervorbringen, die gewöhnlich einigermaassen unfruchtbar sind. Ich vermag mich nicht zu überreden, dass dieser l'arallelismus auf einem blossen Zufalle oder einer Täuschung beruhen solle. Beide Reihen von Thatsachen scheinen durch ein gemeinsames aber unbekanntes Band mit einander verkettet . welches mit dem Lebens Prinzips wesentlich zusi......len-

bängt.

Fruchtbarkeit gekröntster Varietäten und ihrer Blendlinge.) Man mag uns als einen sehr kralligen Beweisgrund entgegenhallen, es müsse irgend ein wesentlicher l'nter-schied zwischen Arten und Varietäten seyn und sich irgend ein Irrlhum durch alle vorangehenden Bemerkungen hindurch ziehen, da ja Varietäten, wenn sie in ihrer äusseren Erscheinung auch noch so sehr auseinandergehen. sich doch leicht kreutzen und vollkommene fruchtbare Nachkommen liefern. Ich gebe vollkommen zu, dass Diess meistens unabänderlich so ist, dass dieser Fall eine grosse Schwierigkeit darbiete und hier vermutlich irgend etwas unerklärt bleibe. Wenn wir aber die in der Natur vorkommenden Varietäten betrachten, so werden wir unmittelbar in holfnungslose Schwierigkeiten eingehüllt; denn sobald zwei bisher als Varietäten angesehene Formen sich einigermaassen steril mit einander zeigen, so werden sie von den »leisten Naturforschern zu Arten erhoben. So sind /.. B. die rothe und die blaue Anagallis. die hell- und die dunkel-gelbe Schlosse!

Marne, welche die meisten unsrer besten Botaniker für blosse

Varietäten hallen, nach GXRTHEB bei der Kreiilzmig nicht voll-

koi.....an fruchtbar und werden desshalb von ihm als unzweifel-

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lmfir Arten bezeichnet. Wenn wir daraus im Zirkel srhlicssen, so muss die Fruchtbarkeit aller natürlich entstandenen Varietäten als erwiesen ungesehen werden.

Auch wenn wir uns zu den erwiesener oder vermulheter Maassen im Kultur-Zuslande erzeugten Varietäten wenden, sehen wir uns noch in Zweifel verwickeil. I>enn wenn es z. B. fest-steht, dass der Deutsche Spitz-Hund sieh leichler als andre Hunde-Rassen mit dem Fuchse paarl. oder dass gewisse in Südamerika einheimische Haushunde sieh niehl wirklich mit Europäischen

Hunden krcnlzcn. so isl die Erklärung, »eiche jedem einfallen wird und wahrscheinlich auch die richtig)! ist. die, dass diese Hunde von verschiedenen wilden Arien abstammen. Dem ungeachtet isl die vollkommene Fruchtbarkeil so vieler gepflegter Varietäten, die in ihrem äusseren Ansehen so weil von einander verschieden sind, wie die der Tauben und des Kohles, eine merkwürdige Thatsache, besonders wenn wir erwägen, wie zahlreiche Arien es gibt, die nusscrlich einander sehr ähnlich, doch bei der Kreutzung ganz unfruchtbar mit einander sind. Verschiedene Betrachtungen jedoch lassen die Fruchtbarkeit der gepflegten Varietäten weniger merkwürdig erscheinen, als es an-langlich der Fall isl. Denn erstens müssen wir uns erinnern, wie wenig wir über die wahre Ursache der Unfruchtbarkeit sowohl der miteinander gekreuzten als der ihren natürlichen Lehens-Bedingungen entfremdeten Arten wissen. Hinsichtlich dieses letzten Punktes hat mir der Kaum nicht gestattet, die vielen merkwürdigen Thatsachen aulzuzahlen, die ich gesammelt habe: was die Unfruchtbarkeit hetriiTI. so spiegelt sie sich in der Verschiedenheil der beiderlei Bastarde der Wechselkreulzung sowie in den eigentümlichen Fallen ab, wo eine Pflanze leichter durch fremden als durch ihren eignen Saamenstaub befruchtet werden kann. Wenn wir über diese und andre Falle, wie über den nachher zu berichtenden von den verschieden gefärbten Varietäten der Verbascum thapsns nachdenken, so müssen wir fühlen, wie gross unsre Unwissenheit und wie klein für uns die Wahrscheinlichkeit ist zu begreifen, woher es komme, dass hei der Kreutzung gewisse Formen fruchtbar und andre unfruchtbar

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sind. Es lässt sich zweitens klar nachweisen, dass die blossr aussre l'nahnliehkeit zwischen zwei Arien deren gnissrc oder geringere Unfruchtbarkeit im Falle einer Krcutzung nicht bedingt: und dieselbe Regel wird auch auf die gepflegten Varietäten anzuwenden seyn. Drittens glauben einige ausgezeichnete Naturforscher, dass ein lang-dauernder Zahmungs- oder Kultur-Zusland geeignet seye. die Unfruchtbarkeit der Bastarde, welche anfangs nur wenig steril gewesen sind, in aufeinander-lolgenden Generationen mehr und mehr zu verwischen : und wenn Diese der Fall, so werden wir gewiss nicht erwarten dürfen. Sterilität unter dem Einflüsse von nahezu den nämlichen Lebens-Bedingungen erscheinen und verschwinden zu sehen. Endlich, und Diess scheint mir bei weitem die wichtigste Betrachtung zu seyn, bringt der Mensch neue Pflanzen- und Thier-Kassen im kultur-Zustande durch die Kraft planmassiger oder unbewussler Züchtung zu eignem Nutzen und Vergnügen hervor: er will nicht und kann nicht die kleinen Verschiedenheiten im Reproduktiv-Systeine oder andre mit dem Reproduktiv-Systeme in Wechselbeziehung stehenden Unterschiede zum Gegenstände seiner Züchtung machen. Die Erzeugnisse der Kultur und Zähmung sind dem Klima und amiern physischen Lebens-Bedingungen viel minder vollkommen als die der Natur angepasst. Der Mensch versieht diese verschiedenen Abänderungen mit der nämlichen Nahrung, behandelt sie fast auf dieselbe Weise und will ihre allgemeine- Lebens-Weise nicht andern. Die Natur wirkt einförmig und langsam wahrend uiiermesslicher Zeit-Perioden auf die gc-saminte Organisation der Geschöpfe in einer Weise, die zu deren eignem Besten dient: und so mag sie unmittelbar oder wahrscheinlicher mittelbar, durch Correlstion, auch das Reproduktiv-System in den mancherlei Abkömmlingen einer nämlichen Art abändern. Wenn in.in diese Verschiedenheit im Ziichtungs-Verfahren von Seiten des Menschen und der Natur berücksichtigt, wird man sieh nicht mehr wundern können, dass sich einiger Unterschied auch in den Ergebnissen zeigt.

Ich habe bis jetzt so gesprochen, als seyen die Varietäten einer nämlichen Art bei der Krcutziing alle stets fruchtbar. Es

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scheint mir über unmöglich, sieh dem Beweise von dem Dusoyn eines gewissen Maasse.s Von Unfruchtbarkeit in einigen wenigen Pullen zu versrhliessen, von denen ich kürzlich berichten will. Der Beweis isl wenigstens eben so gut als derjenige, welcher uns iin die Unfruchtbarkeit einer Menge von Arten [bei der lueutzung?] glauben macht, und ist von gegnerischen Zeugen entlehnt, die in allen anderen Fallen Fruchtbarkeit und Unfruclil-barkeil als gute Art-Kriterien betrachten. Gähtkkh hielt einigt Jahre lang eine Sorte Zwerg-Mais mit gelbem und eine grosse Varietät mit rothem Saainen. welche nahe beisammen in seinem Galten wuchsen: und obwohl diese Pflanzen getrennten Geschlechtes sind, sei kreutzen sie sich doch nie von selbst mit einander. Kr befruchtete dann dreizehn lilüthen-Ahren des einen mit den Pollen des andern: aber nur ein einziger Stock gab einige Saainen und zwar nur tun!" Körner.

Die Behandlung.*-Vi eise kann in diesem Falle nicht schädlich

gewesen .*''\n. indem die Pflanzen getrennte Geschlechter haben',

Noch Niemand hat meines Wissens diese zwei Mais-Sorten für verschiedene Arten angesehen: und es ist wesentlich zu bemerken, das.* die aus ihnen erzogenen Blendlinge vollkommen fruchtbar waren, so dass auch Gaiitnk.r selbst nicht wagte, jene Sorten für zwei verschiedene Arten zu erklären.

Gibou »f. Bizahrinchf.s krentzte drei Varietäten von Gurken miteinander, welche wie der Mais getrennten Geschlechtes sind. und versicherte, ihre gegenseitige Befruchtung seye um so schwieriger, je grosser ihre Verschiedenheit.- In wie weit dieser Versuch Vertrauen verdient, weiss ich nicht: aber die drei zu denselben benützten Formen sind von Sagaret. welcher sich hei seiner Unterscheidung der Arten hauptsächlich auf ihre Unfruchtbarkeit stützt, als Varietäten aufgestellt worden.

Weit merkwürdiger und anfangs fast unglaublich erscheint der folgende Fall: jedoch isl er das Resultat einer Menge viele Jahre lang an neun Verbascum - Arten fortgesetzter Versuche. welche hier noch um so hoher in Anschlag zu bringen, als sie

.ftwi»" doch wohl Blulhen-Ähren'.'                           I). l'liers.

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von Gärtnern herrühren, der ein eben so vortrefflicher Beobachter als entschiedener Gegner der Meinung ist, dass die gelben und die weissen Varietäten der nämlichen Verbascum-Arten bei der Kreutzung miteinander weniger Saamen geben, als jede derselben liefert, wenn sie mit Pollen ans Blüthen von ihrer eignen Farbe befruchtet worden. Er erklart nun, dass wenn gelbe und weisse Varietäten einer Art mit gelben und weissen Varietäten einer andern Art gekreutzt werden, man mehr Saamen erhalt, indem man die gleichfarbigen als wenn man die ungleich-farbigen Varietäten miteinander paart, l'nd doch ist zwischen diesen Varietäten von Verbascum kein andrer Unterschied als in der Farbe ihrer Blüthen. und die eine Farbe entspringt zuweilen aus Saamen der andersfarbigen Varietät.

Nach Versuchen, die ich mit gewissen Varietäten der Rosen-Malve angestellt, mochte ich vermuthen, dass sie ähnliche Erscheinungen darbieten.

KüLREiTEK, dessen Genauigkeit durch jeden spateren Beobachter bestätigt worden ist, hat die merkwürdige Thatsache bewiesen, dass eine Varietät des Tabaks, wenn sie mit einer ganz andern ihr weit entfernl stehenden Art gekreutzt wird, fruchtbarer ist als mit Varietäten der nämlichen Art. Er machte mit fünf Formen Versuche, die allgemein für Varietäten gelten, was er auch durch die strengste Probe, nämlich durch VVechsel-kreutzungen bewies. welche lauter ganz fruchtbare Blandlinge lieferten. Doch gab eine dieser fünf Varietäten, mochte sie nun als \ aler oder Mutter mit ins Spiel kommen, bei der Kreutzung um Mcoliana glulinosa stets minder unfruchtbare Bastarde, als llÜ vier andern Varietäten. Es muss daher das Reproduktiv-System dieser einen Varietät in irgend einer Meise weniger uiodifi/.irt worden sevn.

Bei der grossen Schwierigkeil die Unfruchtbarkeit der \a-rietaten im Natur-Ziislande zu bestätigen, weil jede hei der Kreutzung etwas uiifruchlbare Varietät alsbald allgemein für eine Spezies erklärt werden wurde, 10 wie in Folge des linslandes. dass der Mensch bei seinen künstlichen Züchtungen nur aul die äusseren Churaklere sieht und nicht verborgene und funktionelle Verschie-

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deriheKen im RcproduMiv-SysiiMii hervorzubringen beabsichtigt,

glaube leb mich aus der Zusammenstellung aller Thatsachen zu folgern berechtigt, dass die Fruchtbarkeit der Varietäten unter einander keinesweges eine allgemeine Regel und mithin auch nicht geeignet seye, eine Grundlage zur Unterscheidung von \-,\ rietiiten und Arten abzugehen. Die gewohnlieh stattfindend« Kruchtbarkeil der Varietäten untereinander scheint mir nicht genügend, um meine Ansieht über die sehr allgemeine aber nirhl beständige Unfruchtbarkeit der ersten Kreutzungen und der Bastarde umzustossen, dass dieselbe nämlich keine besondre Eigensehalt l'iir sich darstelle, sondern mit andern langsam entwickelten Modifikationen zumal im Reproduktiv-Systeme der miteinander gekreulzlen Können zusammenhange.

Bastarde und Blendlinge unabhängig von ihrer Kruchtbarkeil verglichen.) Die Nachkommenschaft der untereinander gekreulzlen Arten und die der Varietäten lassen sich unabhängig von der Krage der Kruchtbarkeil noch in mehren Beziehungen miteinander vergleichen. Gärtner, dessen beharrlicher Wunsch es war, eine scharfe Unterscheidungs-Linie zwischen Arten und Varietäten zu ziehen, konnte nur sehr wenige und wie es scheint nur ganz unwesentliche Unterschiede zwischen den sogenannten Bastarden der Arten und den Blendlingen der Varietäten entdecken, wogegen sie sich in vielen andern wesentlichen Beziehungen vollkommen gleichen. Hier kann ich diesen Gegenstand nur ganz kurz erörtern. Als wichtigster Unterschied hat sich ergeben, dass in der ersten Generation Blendlinge veränderlicher als Bastarde sind: doch gibt Gärtner zu. dass Bastarde von bereits lange kultivirlen Arten olt schon in erster Generation sehr Veränderlich sind, und ich selbst habe sehr treffende Belege für diese Thatsache. Gärtner gibt ferner zu . dass Bastarde zwischen sehr nahe verwandten Arten veränderlicher sind, als die von weit auseinander-stehenden: und daraus ergibt sieh, dass der im Grade der Veränderlichkeit gesuchte Unterschied stufenweise abnimmt. Wenn Blendlinge oder fruchtbarere Bastarde einige Generalionen lang in sich fortgepflanzt werden, so nimmt anerkannter Maassen die Veränderlichkeit ihrer Mach-

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kommen bis 7.11 einem ausserordentlichen Maasse zu: dagegen lassen sich einige wenige Falle anführen, wo Bastarde sowohl als Blendlinge ihren einförmigen Charakter lange Zeit behauptet haben. Poch ist die Veränderlichkeit in den aufeinander-folgenden Generationen der Blendlinge vielleicht grosser als bei den Bastarden.

Diese grössre Veränderlichkeit der Blendlinge, den Bastarden gegenüber, scheint mir in keiner Weise überraschend. Denn die Altern der Blendlinge sind Varietäten und meistens zahme und kultivirle Varietäten (da nur sehr wenige Versuche mit wilden Varietäten angestellt worden sind), wesshalb als Regel anzunehmen, dass ihre Veränderlichkeit noch eine neue ist, daher denn auch zu erwarten steht, dass dieselbe oft noch fortdaure und die schon aus der Kreutzung entspringende Veränderlichkeit verstärke. Der geringere Grad \on Variabilität bei Bastarden aus erster kreutzung oder aus erster Generation im Gegensätze zu ihrer ausserordentlichen Veränderlichkeit in spateren Generationen isl eine eigentümliche und Beachtung verdienende Thalsache: denn sie führt zu der Ansicht, die ich mir über die Ursache der gewöhnlichen Variabilität gebildet, und unterstützt dieselbe, dass diese letzte nämlich aus dem Reproduktious-Syslenie herrühre, welches für jede Veränderung in den Lebens-Bedingungen so empfindlich ist, dass es hiedureh oll ganz unvermögend oder wenigstens für seine eigentliche Fnnklion, mit der elterlichen Form übereinstimmende Nachkommen zu erzeugen, unfähig gemacht wird. Nun rühren die in erster Generalion gebildeten Bastarde alle von Arten her. deren Reproduktiv-Systcme ausser bei schon lange kultivirten Arien in keiner Weise leidend gewesen, und sind nicht veränderlich: aber Bastarde selber haben ein ernstlich angegriffenes Reproduktiv-System, und ihre Nachkommen sind sehr veränderlich

Doch kehren wir zur Vergleiehung zwischen Blendlingen und Bastarden zurück. Gärtner behauptet, dass Blendlinge mehr als Bastarde geneigl seyen, wieder in eine der älterlichen Formen zurückzuschlagen; doch isl dieser Unterschied, wenn er richtig, gewiss nur ein stufenweiser. Gärtner legt ferner Nachdruck darauf, dass . wenn zwei obgleich nahe mit einander verwandle

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Arien mit einer dritten gi-krculzt werden, deren Bastarde doch weit auseinander weichen, wahrend wenn zwei sehr verschiedene Varietäten einer Art mit einer andern Art gekreutzl werden, deren Blendlinge unter sich nicht sehr verschieden sind. Dieses Er-gebniss ist jedoch, so viel ich zu ersehen im Stande bin, nur auf einen einzigen Versuch gegründet und scheint den Erfahrungen geradezu entgegengesetzt zu seyn, welche Köuuwma bei mehren Versuchen gemacht hat.

Diess sind allein die an sich unwesentlichen Verschiedenheiten, welche GXrtheb zwischen Bastarden und Blendlingen der Pflanzen auszmnitteln im Stande gewesen ist. Aber auch die Ähnlichkeit der Bastarde und Blendlinge. und insbesondere die von nahe verwandten Arten entsprungenen Bastarde mit ihren Altern folgt nach GXbtnf.b den nämlichen Gesetzen. Wenn zwei Arten gekreutzl werden, so zeigt zuweilen eine derselben ein überwiegendes Vermögen eine Ähnlichkeit mit ihr dem Bastarde aufzuprägen, und so ist es. wie ich glaube, auch mit Pflanzen-Varietäten. Bei Thicren besitzt gewiss oll eine Varietät dieses überwiegende Vermögen über eine andre. Die beiderlei Bastard-Pflanzen aus einer Wechsclkreutzung gleichen einander gewöhnlich sehr, und so ist es auch mit den zweierlei Blendlingen aus VYechscIkretlzungen. Bastarde sowohl als Blendlinge können wieder in jede der zwei älterlichen Formen zurückgeführt werden, wenn man sie in aufeinander-folgenden Generationen wiederholt mit der einen ihrer Stamm-Formen kreulzl.

Diese verschiedenen Bemerkungen lassen sich offenbar auch auf Thiere anwenden: doch wird hier der Gegenstand ausserordentlich verwickelt, theils in Folge vorhandener seeundarer Sexual-Charaktere und theils insbesondere in Folge des gewöhnlich bei einem von beiden Geschlechtern überwiegenden Vermögens sein Bild dem Nachkommen aufzuprägen, eben sowohl wo es sich um die Kreutzung von Arien, als dorl wo BJ sich um die von Varietäten unter einander handelt. So glaube ich z. B., dass diejenigen Schriftsteller Recht haben, welche behaupten, der Esel besitze ein solches Übergewicht über das Pferd, in dessen Folge sowohl Maulesel als Maullhier mehr dem

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Esel als dem Pferde glichen: dass jedoch dieses Übergewicht noch mehr bei dem männlichen als dem weiblichen Esel hervortrete, daher der Maulesel als der Bastard von Esel-Hengst und Pferde-Stute dem Esel mehr als das Maullhier gleiche, welches das l'lerd zum Vater und eine Eselin zur Mutter hat.

Einige Schrillsteiler haben viel Gewicht darauf gelegt, dass es unter den Thieren nur bei Blendlingen vorkomme, dass solche einem ihrer Altern ausserordentlich ahnlich seyen: doch lässt sich nachweisen, dass Solches auch bei Bastarden, wenn gleich seltener als bei Blendlingen der Fall ist. Was die von mir gesammelten Falle von einer Kreutzung entsprungenen Thieren betrifft, die einem der zwei Altern sehr ähnlich gewesen, so scheint sich diese Ähnlichkeit vorzugsweise auf in ihrer Art monströse und plötzlich aufgetretene Charaktere zu beschranken, wie Albinismus, Melanismus, Mangel der Hiirner, Fehlen des Schwanzes und Überzahl der Finger und Zehen, daher sie keinen Zusammenhang mit den durch Züchtung langsam entwickeilen Merkmalen haben. Demzufolge werden auch Falle plötzlicher Rückkehr zu einem der zwei altcrlichen Typen bei Blendlingen vorkommen, welche von oft plötzlich entstandenen und ihrem Charakter nach halb-monströsen Varietäten abstammen, als bei Bastarden. die von langsam und auf natürliche Weise gebildeten Arten herrühren, Im Ganzen aber hin ich der Meinung von Dr. Piiosrnn Licas, welcher nach der Musterung einer ungeheuren Menge von Thatsachen bei den Thieren zu dem Schlüsse gelangt, dass die Gesetze der Ähnlichkeit zwischen Kindern und Allein die nämlichen sind, oh beide Altern mehr oder ob sie weniger von einander abweichen. i% sie einer oder ob sie verschiedenen Varietäten oder ganz verschiedenen Arten angehören.

Von der Frage über Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit abgesehen, scheint sich in allen andern Beziehungen eine grosse Ähnlichkeil des Verhallens zwischen Bastarden und Blendlingen zu ergeben.. Bei der Annahme, dass die Arien einzeln erschaffen und die Varietäten erst durch Sekundäre Gesetze entwickelt worden seyen, iiiiissle ein solches oliiili. Ins Verhallen uls eine

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äusserst befremdende Thalsache erscheinen. Geht man aber von der Ansicht aus, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen Arten und Varietäten gar nicht vorhanden seye. so steht es vollkommen mit derselben in Einklang.

Z u s a m m e n l'a s s u n g des Kapitels.) Erste Kreulzungcn sowohl zwischen genügend unterschiedenen Formen, um rar Varietäten zu gelten, wie zwischen ihren Bastarden sind sehr oll, aber nicht immer unfruchtbar. Diese Unfruchtbarkeit findet in allen Abstufungen statt und ist oft so unbedeutend, dass die zwei erfahrensten Experimenlislen, welche jemals gelebt, zu mitunter schnurstracks entgegengesetzten Folgerungen gelangten, als sie die Formen darnach ordnen wollten. Die Unfruchtbarkeit ist von angeborener Veränderlichkeit bei Individuen einer nämlichen Art. und für günstige und ungünstige Einflüsse ausserordentlich empfänglich. Der Grad der Unfruchtbarkeit richtet sieb nicht genau nach systematischer Affinität, sondern ist von einigen eigeniliuiii liehen und verwickelten Gesetzen abhängig. F2r ist gcwnlmlirli ungleich und oft sehr ungleich bei Weehselkrcutzung der nämlichen zwei Arten. Er ist nicht immer von gleicher Stärke bei einer ersten Kreulzung und den daraus entspringenden Nachkommen.

In derselben Weise, wie beim Zweigen der Bäume die Fähigkeit einer Art oder Varietät bei andern anzuschlagen mit meistens ganz unbekannten Verschiedenheiten in ihren vegetativen Systemen zusammenhängt, so ist bei Kreutzungen die griissre oder geringre Leichtigkeit einer Art sich mit der andern zu be fruchten von unbekannten Verschiedenheiten in ihren Iieproduk tions-Syslemenveranlasst. Es isl daher nicht mehr Grund anzunehmen, dass von der Natur einer jeden Art ein verschieden Grad von Sterilität in der Absicht ihr gegenseitiges Durchkrcutzi und Ineinanderlaufen zu verhüten besonders eingebunden worden seye, — als Ursache vorhanden ist anzunehmen, dass jeder Holzart ein verschiedener und etwas analoger Grad von Schwierigkeit beim Verpropfen auf andern Arten anzuschlagen eingebunden worden seye um zu verhüten, dass sich" Dicht allein unsern Waldern auleinander-propl'en.

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Die Sterilität der ersten Kreutzungen zwischen reinen Arten iiii! vollkoinmnen Reproduktiv-Systemen scheint von verschiedenen l'rsachen abzuhängen: in einigen Fallen meistens von frühzeitigen) Verderben des Embryos. Die Unfruchtbarkeit der Bastarde mit unvollkommenem Reproduktions-Systeme und derjenigen wo dieses System so wie die ganze Organisation durch Verschmelzung zweier Arten in eine gestört worden ist. scheint nahe übereinzukommen mit derjenigen Sterilität. welche so oft auch reine Species befallt, wenn ihre natürlichen LebensBedingungcn gestört worden sind. Diese Betrachlungs-Wcisc wird noch durch einen Parallelismus andrer Art unterstützt, indem nämlich die kreutzung nur wenig von einander abweichender Formen die Kraft und Fruchtbarkeit der Nachkommenschaft befördert, wie geringe Veränderungen in den äusseren Lebens-Bedingungen für Gesundheil und Fruchtbarkeit aller organischen Wesen, vorteilhaft sind. Es ist nicht überraschend, dass der Grad der Schwierigkeit zwei Arien mit einander zu befruchten und der Grad der Unfruchtbarkeit ihrer Bastarde einander im Allgemeinen entsprechen, obwohl sie von verschiedenen Ursachen herrühren: denn beide hängen von dem Maasse irgend welcher Verschiedenheit zwischen den gekreutzten Arten ab. Ebenso ist es nicht überraschend, dass die Leichtigkeit eine erste Kreutzung zu bewirken, die Fruchtbarkeit der daraus entsprungenen Bastarde iiml die Fähigkeit wechselseitiger Aufeinanderpropfung, obwohl diese letzte offenbar von weit verschiedenen Ursachen abhängt, alle bis zu einem gewissen Grade parallel gehen mit der systematischen Verwandtschaft der Formen, welche bei den Versuchen in Anwendung gekommen: denn »Systematische Affinität" bezweckt alle Sorten von Ähnlichkeiten /.wischen den Species auszudrücken.

Erste kreutzungen zwischen Formen, die als Varietäten gelten oder doch genügend von einander verschieden sind iiin dafür II) gehen, und ihre Blendlinge sind zwar gewöhnlich, aber nicht ohne Ausnahme fruchtbar. Doch ist diese gewöhnliche und vollkommene Fruchtbarkeil nicht befremdend, wenn wir uns erinnern, wie Leicht «vif hinsichtlich der Varietäten im rlntnr-Zustondo in

einen '/.irkelsehluss geralhen. und wenn wir uns ins Gedächtnis*

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rufen, dass die grössre Anzahl der Varietäten durch Kultur mittelst Zflchtong bloss nach äusseren Verschiedenheiten und nicht nach solchen im Reproduktiv-Systeme hervorgebracht worden sind. In allen andren Beziehungen, ausser der Fruchtbarkeit, ist eine allgemein sehr grosse Ähnlichkeit zwischen Bastarden und Blendlingen. Endlich scheinen mir die in diesem Kapitel kürzlich aufgezahlten Thatsachcn nicht im Widerspruch, sondern vielmehr im Einklang zu stehen mit der Ansicht, dass es keinen gründlichen Unterschied zwischen Arten und Varietiiten gibt.

M'imtrs Kapitel Unvollkommen heil der Geologischen Überlieferungen.

Mangel mittler Varietäten /.wischen den heutigen Formen. — Natur der erloschenen Mittel-Varietäten timl ihren Zahl. - Lange der Zeil-Perioden nach Maasgabe der Ablagerungen um! Knlblossungen. — Artnuth unsrer paliiontolo-gischen Sammlungen. — Unterbrechung gcoIngiM'licr Formationen. — Abwesenheit der Mittel-Varietäten in allen Formationen. — Plötzliche Erscheinung von Arlen-Üruppcn. — Ihr plötzliches Auftreten in den ältesten Fossilien-führenden Schichten.

Im sechsten Kapitel habe ich die Haupteinreden aufgezahlt, welche man gegen die in diesem Bande aufgestellten Ansichten erheben konnte. Die meisten derselben sind jetzt bereits erörtert worden. Darunter ist eine allerdings von handgreiflicher Schwierigkeit : die der Verschiedenheit der Art-Formen ohne wesentliche Verkettung durch zahllose Ubergangs-Formen. Ich habe die Ursache« nachgewiesen, warum solche Glieder heutzutage unter den anscheinend für ihr Daseyn günstigsten Umstanden, namentlich auf ausgedehnten und zusammenhangenden Flachen mit allmählich abgestuften physikalischen Bedingungen nicht gewohnlich zu finden sind. Ich versuchte zu zeigen, dass das Leben einer jeden Art noch wesentlicher abhängt von der Anwesenheit gewisser andrer organischer Formen, als vom Klima, und dass daher die wesentlich leitenden Lehens-Bedingungen sich nicht so allmählich abstufen, wie Warme und Feuchtigkeit. Ich versuchte

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ferner zu zeigen, dass mittle Varietäten desswegen, weil sie in geringrer Anzahl als die von ihnen verketteten Formen vorkommen, im Verlaufe weitrer Veränderung und Vervollkommnung dieser letzten bald verdrängt werden. Die Hnuptursache jedoch, warum nicht in der ganzen Natur jetzt noch zahllose solche Zwischenglieder vorkommen, liegt im Prozesse der Natürlichen Züchtung, wodurch neue Varietäten fortwährend die Stelle der Stamm-Formen einnehmen und dieselben vertilgen. Aber gerade in dem Verhältnisse, wie dieser Prozess der Vertilgung in ungeheurem Maasse thätig gewesen ist, so muss auch die Anzahl der Zwischenvarietäten, welche vordem auf der Erde vorhanden waren. eine wahrhalt ungeheure gewesen seyn. Doch wober kömmt es dann, dass nicht jede Formation und jede Gesteins-Schicht voll von solchen Zwischenformen ist? Die Geologie enthüllt uns sicherlich nicht eine solche fein abgestufte Organismen-Reihe; und Diess ist vielleicht die handgreiflichste und gewichtigste Einrede, die man meiner Theorie entgegenhalten kann. Die Erklärung liegt aber, wie ich glaube, in der äussersten Unvollstandigkeit der geologischen Überlieferungen.

Zuerst muss man sich erinnern, was für Zwischenformen meiner Theorie zufolge vordem bestanden haben müssten. Ich habe es schwierig gefunden, wenn ich irgend welche zwei Arten betrachtete, unmittelbare Zwischenformen zwischen denselben mir in Gedanken auszumalen. Es ist Diess aber auch eine ganz falsche Ansicht: denn man hat sich vielmehr nach Formen umzusehen, welche zwischen jeder der zwei Spezies und einem gemeinsamen aber unbekannlen Stammvater das Mittel halten: und dieser Stammvater wird gewöhnlich von allen seinen Nachkommen einiger-maassen verschieden gewesen seyn. Ich will Diess mit einem einfachen Beispiele erläutern. Die Pfauen-Taube und der Krüpfer leiten beide ihren Ursprung von der Fclslaube (C. livia) her; aber eine unmittelbare Zwisehen-Varietat zwischen Pfauen-Taube und Kropf-Taube wird es nicht geben, keine i. B., die einen etwas ausgebreileteren Schwanz mit einem nur massig erweiterten Kröpfe verbände, worin doch eben die bezeichnenden Merkmale jener zwei Rassen liegen. Diese beiden Rassen sind Uberdiess

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so sehr modifizirt worden. dass, wenn wir keinen historischen

oder indirekten Beweis iiber ihren Ursprung hatten, wir im.....g

lieh im Stunde gewesen seyn würden durch blosse Vergfeicbong ihrer Struktur zu bestimmen, ob sie aus der Felstaube oder einer andern ihr verwandten Art. wie z. B. Columba oenas. entstanden seyen.

So verhalt es sieh auch mit den natürlichen Arten. Wenn wir uns naeb sehr verschiedenen Formen umsehen, wie z. B. Pferd und Tapir, so linden wir keinen Grund zu unterstellen. dass es jemals unmittelbare Zwischenglieder zwischen denselben gegeben habe, wohl aber zwischen jedem von beiden und irgend einem unbekannten Stamm-Vater. Dieser gemeinsame Stamm-Vater wird in seiner ganzen Organisation viele allgemeine Ähnlichkeit mit dem Tapir so wie mit dem Pferde besessen haben: doch in einer und der andern Hinsicht auch von beiden beträchtlich verschieden gewesen seyn. vielleicht in noch höherem (irade, als beide jetzt unter sich sind. Daher wir in allen solchen Fallen nicht im Stande seyn würden, die älterliche Form für irgend welche zwei oder drei sieb nabe-slehende Arten auszumitteln. seihst dann nicht, wenn wir den Bau des Stamm-Vaters genau mit dem seine r abgeänderten Nachkommen vergleichen. es seye denn, das-wir eine nahezu vollständige Kette von Zwischengliedern dabei hatten.

Es wiire nach meiner Theorie allerdings möglich. dass von zwei noch lebenden Formen die eine von der andern abstammte, wie z. B. das Pferd von Tapir, und in diesem Falle murale S unmittelbare Zwischenglieder zwischen denselben gegeben haben. Ein solcher Fall würde jedoch voraussetzen. dass die eine der zwei Arten (der Tapirl sich eine sehr lange Zeit hindurch unverändert erhalten habe, wahrend ein Theil ih rer Nachkommen sehr ansehnliche Veränderungen erfuhren. Aber das Prinzip der Mitbewerbung zwischen Organismus und Organismus, zwischen Vater und Sohn, wird diesen Fall nur sehr selten aufkommen lassen: denn in allen Fällen streben die neuen und verbesserten I.ebens-Formen die alten und unpassendem zu ersetzen.

Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung stehen alle lebenden Arten mit einer Stamm-Art ihrer Sippe in Verbindung durch

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Charaktere, deren Unterschiede nicht grosser sind, als wir sie heutzutage zwischen Varietäten einer Art sehen; diese jetzt gewohnlich erloschenen Stamm-Arten waren ihrerseits wieder in ähnlicher Weise mit alteren Arten verkettet: und so immer weiter rückwärts, bis endlich alle in einem gemeinsamen Vorganger einer ganzen Ordnung oder Klasse zusammentreffen. So muss daher die Anzahl der Zwischen- und l bergangs-Glieder zwischen allen lebenden und erloschenen Arten ganz unbegreiflich gross gewesen seyn. Aber, wenn diese Theorie richtig ist, haben sie gewiss auf dieser Erde gelebt.

Über die Zeitdauer.) Unabhängig von der aus dem Mangel jener endlosen Anzahl von Zwischengliedern hergenommenen Einrede, konnte man mir ferner entgegenhalten. dass die Zeit nicht hingereicht habe. ein so ungeheures llaass organischer Veränderungen durchzuführen, weil alle Abänderungen nur sehr langsam durch Natürliche Züchtung bewirkt worden seyen. Es wurde mir kaum möglich seyn. demjenigen I.eser. »elcher kein praktischer Geologe ist, alle Thatsachen vorzuführen, welche uns cinigermaassen die unermessliche Lange der verflossenen Zeiträume zu erlassen in den Stand setzen. Wer Sir Chabi.es Lyf.u's grosses Werk Jlie Prineiples ofUeology. welchem spätre Historiker die Anerkennung eine grosse Umwälzung in den Natur-Wissenschaften bewirkt zu haben nicht versagen werden, lesen kann und nicht sofort die unbegreifliche Lunge der verflossenen Erd-Perioden zugesteht. der mag dieses Buch nur schliessen. Nicht als ob es genüge die Hriittiples of Geology zu studireu oder die Special-Abhandlungen verschiedner Beobachter über einzelne Formationen zu lesen, deren jeder bestrebt ist einen ungenügenden Begriff von der Entstehungs-Dauer einer jeden Formation oder sogar jeder einzelnen Schicht zu geben. Jeder muss vielmehr erst Jahre lang für sich selbst diese ungeheuren SUMM übereinander gelagerter Schichten untersuchen und die See bei der Arbeil. wie sie alle I.Ysleins-Srhichten unterwühlt und zertrümmert und neue Ablagerungen daraus bildet, beobachtet haben, che er hoff« kann, nur einigermaassen die Lange der Zeil zu begreifen. deren llenkinaler wir um uns her erblicken.

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Es ist gut den See-Küsten entlang zu wandern, welche au» massig harten Fels-Schichten aufgebaut sind, und den Zerstörungs-Prozess zu beobachten. Die Gezeiten erreichen diese Fels-Wunde gewöhnlich nur auf kurze Zeit zweimal im Tage, und die Wogen nagen sie nur aus, wenn sie mit Sand und Geschieben beladen sind: denn es ist leicht zu beweisen, dass reines Wasser (iesteine jeder Art nicht oder nur wenig angreift. Zuletzt wird der lus-der Fels-Wände unterwaschen, mächtige Massen brechen zusammen, und die nun fest liegen bleiben, werden, Atom um Atom zerrieben, bis sie klein genug geworden, dass die Wellen sie zu rollen und vollends in Geschiebe und Sand und Schlamm zu verarbeiten vermögen. Aber wie oft sehen wir längs dem Fusse sich zurückziehender Klippen gerundete Blocke liegen, alle dick überzogen mit Meeres-Erzeugnissen, welche beweisen, wie wenig sie durch Abreibung leiden und wie selten sie umhergerollt werden! I ber-diess, wenn wir einige Meilen weil eine derartige Küsten-Wand verfolgen, welche der Zerstörung unterliegt, so linden wir, dass es nur hier und da, auf kurze Strecken oder etwa um ein Vorgebirge her der Fall ist, dass die Klippen jetzt leide«. Die Beschaffenheit ihrer Oberfläche und der auf ihnen erscheinende Pflanzen-Wuchs beweisen, dass allenthalben Jahre verflossen sind, seitdem die Wasser deren Fuss gewaschen haben.

Wer die Thatigkeit des Meeres an unsren Küsten naher studirt hat, der muss einen tiefen Eindruck in sich aufgenommen haben von der Langsamkeit ihrer Zerstörung. Die trefflichen Beobachtungen von Hugh Miller und von Smith von Jordanhill sind vorzugsweise geeignet diese Überzeugung zu gewahren. Von ihr durchdrungen möge Jeder die viele Tausend Fuss mächtige* Konglomerat-Schichten untersuchen, welche, obschon wahrscheinlich in rascherem Verhältnisse als so viele andre Ablagerungen gebildet, doch nun an jedem der zahllosen abgeriebenen und gerundeten Geschiebe, woraus sie bestehen, den Stempel einer langen Zeit Iragen und vortrefflich zu zeigen geeignet sind, wie langsam diese Massen zusammengehauü worden seyn müssen. In den Cordilleren habe ich einen Stoss solcher Konglomerat-Schichten zu zehntausend Fuss Mächtigkeit geschätzt. Nun mag

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sich der Beobachter der wohl begründeten Bemerkung Lyells erinnern. dass die Dicke und Ausdehnung der Sediment-Formationen Ergebniss und Maasstab der Abtragungen sind, welche die Erd-Rinde an andern Stellen erlitten hat. Und was für ungeheure Abtragungen werden durch die Sediment-Ablagerungen mancher Gegenden vorausgesetzt! Professor Bamsav hat mir. meistens nach wirklichen Messungen und geringenthcils nach Schätzungen, die Maasse der grüssten unsrer Formalionen aus verschiedenen Theilen Gross-Britanniens in folgender Weise angegeben: Tertiare Schichten . . 2.240' f Sekundär-Schichten . . 13.190''= 72,584' Pahiolithische Schichten 57,154'! d. i. beinahe \'.i3;t Englische Meilen. Einige dieser Formationen , welche in England nur durch dünne Lagen vertreten sind, haben auf dem Kontinente Tausende von Füssen Machtig keil, I'berdiess sollen nach der Meinung der meisten Geologen zwischen je zwei aufeinander-folgeudeo Formationen immer un-cnncssliche leere Perioden fallen. Wenn somit selbst jener ungeheure Stoss von Sediment-Schichten in Britannien nur eine un-vollkommne Vorstellung von der Zeit gewahrt, wie lang muss diese Zeit gewesen seyn! Gute Beobachter haben die Sediment-Ablagerungen des grossen Mississippi-Slromes nur auf tiOO' Mächtigkeit in 11)0,000 Jahren berechnet. Diese Berechnung macht keinen Anspruch auf grosse Genauigkeit. Wenn wir aber nun berücksichtigen, wie ausserordentlich weil ganz feine Sedimente von den See-Slnimungen fortgetragen werden, so muss der Prozess ihrer Anhäufung über irgend welche Erslreckung des See-Bodens äusserst langsam seyn.

Koch .scheint das Maass der Entblussung. welche die Schichten mancher Gegenden erlitten, unabhängig von dem Verhallnisse

der Anhaulunir der zerlriün.....rleu Massen, die besten Befreite

für die Lange der Zeiten zu liefern. Ich erinnre mich, von dem Beweise der Entblossungen in hohem Grade betroflen gewesen zu seyn. als ich vulkanische Inseln sah, welche rundum von den Wellen so abgewaschen waren, dass sie in 1000—2000' hohen Fels-Wanden senkrecht emporragten, wahrend sich ans dem

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schwachen Fall-Winkel, mit welchem sich die l.-.iva-Streune .-msi in ihrem flüssigen Zustand herabgesenkt, auf den ersten Blick ermessen Hess, wie weit einstens die harten Fels-Lagen in den offnen Ozean hinaufgereicht haben müssen. Dieselbe Geschichte cruibl sich oll noch deutlicher durch die mächtigen Rucken, jene grossen Gcbirgs-Spalten. liings deren die Schichten bis zu Tausenden von Füssen an einer Seite emporgestiegen oder an der andern Seite hinabgesunken sind: denn seit dieser senkrechten Verschiebung ist die Überflache des Bodens durch die Thaligivii des Meeres wieder so vollkommen ausgeebnet worden. dw keine Spur von dieser ungeheuren Verwerfung mehr äusserlicli zu erkennen ist.

So erstreckt sich der Ouren-Rückcn z. B. 30 Englische Meilen weit, und auf dieser ganzen Strecke sind die von beiden Seiten her zusammenslossenden Schichten um tiUO'—3000' senkrechter Hohe verworfen. Professor Ramsay hat eine Senkung von 2-100' in Anylesea beschrieben und benachrichtigt mich, dass er sich überzeugt halte-, dass in Merionelshire eine von 12,000' vorhanden seye. Und doch verrath in diesen Fallen die Oberflache des Bodens nichts von solchen wunderbaren Bewegungen, indem die ganze anfangs auf der einen Seite hoher emporragende Schichten-Reihe bis zur Abebnung der Oberllarlie weggespült worden ist. Die Betrachtung dieser Thatsachen macht auf mich denselben F.indruck, wie das vergebliche Ringen des Geistes um den Gedanken der Ewigkeit zu erfassen.

Ich habe diese wenigen Bemerkungen gemacht, weil es für uns von höchster Wichtigkeit ist. eine wenn auch unvollkommene Vorstellung von der Länge verflossener Erd-I'erioden zu haben. Und jedes Jahr wahrend der ganzen Dauer dieser Perioden war die Erd-Oberfläche, waren Land und Wasser von Schaaren lebender Formen bevölkert. Was für eine endlose, dem Geiste un-erfassliche Anzahl von Generationen muss, seitdem die Erde bewohnt ist, schon aufeinander gefolgt seyn! Und sieht man nun unsre reichsten geologischen Sammlungen an, — welche arm-seelige Schaustellung davon!

Armulh paläontologischer Sammlungen.) Jedermann

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gibt die ausserordentliche Unverständigkeit unsrer palaontologi-schen Sammlungen zu. l'berdiess sollte man die Bemerkung des vortrefflichen Paläontologen, des verstorbnen Edward Korbes. nicht vergessen, dass eine Menge unsrer fossilen Arten nur nach einem einzigen oft zerbrochenen Exemplare oder nur wenigen auf einem kleinen Fleck beisammen gefundenen Individuen bekannt und benannt sind. Nur ein kleiner Theil der Erdoberfläche ist geologisch untersucht und noch keiner mit erschöpfender Genauigkeit erforscht, wie die noch jährlich in Europa aufeinanderfolgenden wichtigen Entdeckungen beweisen. Kein ganz weicher Organismus ist Erhaltiings-fahig. Selbst Schaalen und Knochen zerfallen und verschwinden auf dem Boden des Meeres, wo sich keine Sedimente anhäufen. Ich glaube, dass wir bestündig in einem grossen Irrthum begriffen sind, wenn wir uns der stillen Ansicht überlassen, dass sich Niederschlüge fortwährend auf fast der ganzen Erstreckung des See-Grundes in genügendem Maasse bilden, um die zu Boden sinkenden organischen Stoffe zu umhüllen und zu erhalten. Auf eine ungeheure Ausdehnung des Ozeans spricht die klar blaue Farbe seines Wassers für dessen Reinheit. Die vielen Berichte von mehren in gleichförmiger Lagerung aufeinander-folgenden Formalionen, deren keine auch nur Spuren aufrichtender, serreis-sender oder abwaschender Thaligkeit an sich tragt, scheinen nur durch die Ansicht erklärbar zu seyn, dass der Boden des Meeres oll eine uilermessliche Zeit in völlig unveränderter Lage bleibt. Die Beste, welche in Sand und Kies eingebettet worden, werden gewöhnlich von Kohlensaurc-halligen Tage-Wassern wieder aufgelöst, welche den Boden nach seiner Emporhebung Ober den Meeres-Spiegel zu durchsinken beginnen.

Einige von den vielen Thier-Arlen. welche zwischen Ebbe-iinci I'luth-Stand des Meeres am Strande leben, scheinen sich nur selten fossil zu erhalten. So z. B. überziehen in aller Welt zahllose l'hthamaliueii (eine Familie der sitzenden l'irripedcn) die dort gelegenen Klippen. Alle sind im strengen Sinne liloral. mit Ausnahme einer einzigen miltclmccriseheu Art. welche dem liefen Wasser angehört und auch in Sinlicn lo.-sil gefunden wor-

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den ist. wahrend man fast noch keine tertiäre Art kennt und ans der Kreide-Zeil noch keine Spur davon vorliegt. Die Mollusken-Sippe Chiton bietet ein theilweise analoges Beispiel dar*.

Hinsichtlich der Land-Bewohner, welche in der palaolithischen und sekundären Zeit gelebt, ist es überflüssig darzuthun: dass unsre Kenntnisse höchst fragmentarisch sind. So ist z. B. nicht eine Landschnecke aus einer dieser langen Perioden bekannt, mit Ausnahme der von Sir Cn. Lyell und Dr. Dmvson in den Kohlen-Schichten \ord-Amerika's entdeckten Art, wovon jetzt mehre Exemplare gesammelt sind. Was die Säuglhier-Reste betrifft, so ergibt ein Blick auf die Tabelle im Supplement zu Lyf.u's Handbuch weit besser, wie zufallig und selten ihre Erhaltung seye, als Seiten-lange Einzelnheiten, und doch kann ihre Seltenheit keine Verwunderung erregen, wenn wir uns erinnern, was für ein grosser Theil der tertiären Reste derselben aus Knochen-HBhlen und Süsswasser-Ablagerungen herrühren, wahrend nicht eine Knochen-Hohle und achte Süsswasser-Schicht vorn Aller uns-rer palaolithischen und sekundären Formalionen bekannt ist.

Aber die l'nvollsländigkeit der geologischen Nachrichten rührt hauptsachlich von einer andren und weit wichtigeren Ursache her, als irgend eine der vorhin angegebenen ist, dass nämlich die verschiedenen Formationen durch lange Zeiträume von einander getrennt sind. Wenn wir die Formationen in wissenschaftlichen Werken in Tabellen geordnet finden, oder wenn wir sie in der Natur verfolgen, so können wir uns nicht wohl der Überzeugung verschliessen, dass sie nicht unmittelbar auf einander gefolgt sind. So wissen wir z. B. aus Sir R. Mibchi-sons grossem Werke über Russland, dass daselbst weite Lücken zwischen den aufeinanderliegenden Formationen beslehen: und so ist es auch in Nord-Amerika und vielen andern Weltgegenden. Und doch würde der beste Geologe, wenn er sich nur mit einem dieser weiten Länder-Gebiete allein beschäftigt hätte, nimmer vermulhet ha,ben, dass während dieser langen Perioden.

* Doch kennt man über Iwei Dutzend fossile Arten von der Kotilrn-Knrrnatiiin hq bis in die obersten Tertiiir-Schirhten.                      D. t'bs.

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aus welchen in seiner eignen Gegend kein Denkmal übrig ist. sieh grosse Schichlen-Slösse voll neuer und eigentümlicher Lei benformen anderweitig aufeinander gehäuft haben, l'nd wenn man sich in jeder einzelnen Gegend kaum eine Vorstellung von der Länge der Zwischenzeiten zu machen im Stande ist, so wird man glauben, dass Diess nirgends möglich seye. Die häufigen und grossen Veränderungen in der mineralogischen Zusammensetzung aufeinander-folgender Formalionen, welche gewöhnlich auch grosse Veränderungen in der geographischen Beschaffenheit des umgebenden Landes unterstellen lassen, aus welchem das Material zu diesen Niederschlagen entnommen ist, stimmt mit der Annahme langer zwischen den einzelnen Formationen verflossener Zeiträume überein.

Doch kann man. wie ich glaube, leicht einsehen, warum die geologischen Formationen jeder Gegend fast unabänderlich überall unterbrochen sind, d. h. sich nicht ohne Zwischenpausen abgelagert haben. Kaum hat eine Thatsache bei Untersuchung viele Hundert Meilen langer Strecken der Süd-Amerikanischen Küsten, die in der jetzigen Periode einige Hundert Fuss hoch emporgehoben worden sind, einen lebhafteren Eindruck auf mich gemacht, als die;Abwesenheit aller neueren Ablagerungen von hinreichender Entwickelung. um auch nur für eine kurze geologische Periode zu gelten. Längs der ganzen West-Küste, die von einer eigentümlichen Meeres-Fauna bewohnt wird. sind die Tertiär-Schichten so spärlich entwickelt, dass wahrscheinlich kein Denkmal von verschiedenen auleinaniler-lölgenden Meeres-Faunen für spätre Zeiten erhallen bleiben wird. Ein wenig Nachdenken erklart es uns, warum längs der fortwährend hoher steigenden Wesl-Küste Sud-Amerikas keine ausgedehnten Formalionen mit neuen oder mit tertiären Resten irgendwo zu finden sind, obwohl nach den Ungeheuern Abtragungen der Küslen-W ande und den Schlamm-reichen Flüssen zu urtheilen. die sich dort in das Meer ergiessen. die Zuführung von Sedimenten lange Perioden hindurch eine sehr grosse gewesen seyn muss. Die Erklärung liegt ohne Zweifel darin, dass die litoralen und sublitoralen Ablagerungen beständig wieder weggewaschen werden, sobald sie

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durch die langsame oder stufenweise Hebung des Landes in den gereich der zerstörenden Brandung gelangen.

Wir dürfen wohl mit Sicherheit schliessen, dass Sediment in ungeheuer dicken harten und ausgedehnten Massen angehaufl worden seyn müsse, um wahrend der ersten Emporhebung und der spateren Schwankungen des Niveaus der ununterbrochnen Thatigkeit der Wogen zu widerstehen. Solche dicke und ausgedehnte Sediment-Ablagerungen können auf zweierlei Weise gebildet werden: entweder in grossen Tiefen des Meeres, in welchem Falle wir nach den Untersuchungen von E. Korbes annehmen müssen, dass der See-Grund nur von sehr wenigen Thic-ren bewohnt gewesen seye und die Massen nach ihrer Emporhebung folglich nur eine sehr unvollkommene Vorstellung von den einstens dort vorhandenen Lebenlormen gewahren können: — oder die Sedimente werden über einen seichten Grund zu einiger Dicke und Ausdehnung angehäuft, wenn er in langsamer Senkung begrillen ist. In diesem letzten Falle bleibt das Meer so lange seicht und dem Thier-Lebcri günstig, als Senkung des Bodens und Zufuhr der Niederschlage einander nahezu du Gleichgewicht halten: so dass auf diese Weise eine hinreichend dicke Fossilien-reiche Formation entstehen kann, um bei ihrer spätren Emporhebung jedem Grade von Zerstörung zu widerstehen.

Ich bin demgeinäss überzeugt, dass alle unsre alten Formationen, welche reich an fossilen Resten sind, bei andauernder Senkung abgelagert worden sind. Seitdem ich im .lahr ISi'i meine Ansichten in dieser Beziehung bekannt gemacht, habe ich die Fortschritte der Geologie verfolgt und mit Überraschuog wahrgenommen, wie. ein Schriftsteller nach dem andern bei Beschreibung dieser oder jener grossen Formation zum Schlüsse gelangt ist, dass sie sich wahrend der Senkung des Bodens gebildet habe. Ich will hinzufügen, dass die einzige alte Tertiär-Formation an der West-Küste Sud-Amerikas, die mächtig genug war um der bisherigen Zerstörung noch zu widerstehen, aber wohl schwerlich bis zu lernen geologischen Zeilen aiiszu-dauern im Stande ist, sich gewiss wahrend der Senkung des Bodens gebildet und so eine ansehnliche Mächtigkeit erlangt hal.

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Alle geologischen Thalsaohen zeigen uns deutlich. dass jedes Gebiet der Erd-Oberlläche viele langsame Niveau-Schwankungen durchzumachen hatte, und alle diese Schwankungen sind zweifelsohne von weiter Erstreckung gewesen. Demzufolge müssen Fossilien-reiche und genügend entwickelte Bildungen, um spateren Abtragungen zu widerstehen, wahrend der Senkungs-Periodcii über weit-ausgedehnte Flachen entstanden seyn, doch nur so hinge, als die Zufuhr von Materialien stark genug war, um die See seicht zu erhalten und die fossilen Reste schnell genug einzuschichten und zu schützen, ehe sie Zeit hatten zu zerlallen. Dagegen konnten sich mächtige Schichten auf seichtem und dem Leben günstigem Grunde so lange nicht bilden, als derselbe stet blieb. Viel weniger konnte Diess wahrend wechselnder Perioden von Hebung und Senkung geschehen, oder, um mich genauer auszudrücken, die Schichten, welche wahrend solcher Sen-' klingen abgelagert wurden, müssen bei nachfolgender Hebung wieder in den Bereich der Brandung versetzt und so zerstört wurden seyn.

So muss denn nothwendig der (Geologische Schopfungs-Bericht überall unterbrochen erscheinen. Ich setze um so grossres Vertrauen in die Wahrheit dieser Ansichten, als sie mit den von Sir Ca. I.iKU. eindringlich gelehrten Prinzipien genau übereinstimmen, und auch F.i>w. Korbes davon unabhängig zu einem ähnlichen Ergebnisse gelangt ist.

Eine Bemerkung ist hier noch der Erwähnung werft. Wahrend der Erhebiings-Zeiten wird die Ausdehnung des Landes und der angrenzenden seichten Meeres-Slrecken vergrossert. und werden oll neue Arten von Wohnorten gebildet. Alles für die Bildung neuer Arten und Varietäten, wie früher bemerkt worden, günstige Imstande: aber gerade wahrend diesen Perioden bleiben Lücken im geologischen Berichte. Wahrend der Senkung dagegen nimmt die bewohnbare Klache und die Anzahl der Bewohner ab (die der KOtten-Bewobaer etw.i in dem Falle

ausgenommen, dass ein Kontinent in Insel-Gruppen zerfallt wird), daher wahrend der Senkung nicht mir mehr Arten crlnschcii. sondern auch wenige Varietäten und Arten entstehen: und ge-

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rade wahrend solcher Senkungs-Zeiten sind unsrc grossen Fossilien-reichen Schichten-Massen abgelagert worden. Man mochte sagen, die Natur habe die häufige Entdeckung der l'bergangs-und verkettenden Formen erschweren wollen.

Nach den vorangehenden Betrachtungen ist es nicht zu bezweifeln, dass der geologische Schopfungs-Berichl im Ganzen genommen ausserordentlich unvollständig ist: wenn wir aber dann unsre Aufmerksamkeit auf irgend eine einzelne Formation beschränken, so ist es noch schwerer zu begreifen, warum wir nicht enge aneinander-gereihete Abstufungen zwischen denjenigen Arten finden, welche am Anfang und am Ende ihrer Bildung gelebt haben. Es wird zwar von einigen Fällen berichtet, wo eine Art in andern Varietäten in den obern als in den untern Theilen derselben Formation auftritt: doch mögen sie hier übergangen werden, da ihrer nur wenige sind. Obwohl nun jede Formation ohne allen Zweifel eine lange Reihe von Jahren zu ihrer Ablagerung bedurft hat. so glaube ich doch verschiedene Gründe zu erkennen. warum sich solche Stufen-Reihen zwischen den zuerst und den zuletzt lebenden Arten nicht darin vorfinden: doch kann ich kaum hülfen den folgenden Betrachtungen die ihnen gebührende Berücksichtigung zuzuwenden.

Obwohl jede Formation einer sehr langen Reihe von Jahren entspricht, so ist doch jede kurz im Vergleiche mit der zur l'm-änderung einer Art in die andre erforderlichen Zeit, Nun weiss ich wohl, dass zwei Paläontologen, deren Meinungen wohl der Beachtung werth sind, nämlich Bronn* und Woodward, zum Schlüsse gelangt sind, dass die mittle Dauer einer jeden Formation zwei- bis drei-mal so lang, als die mittle Dauer einer Art-Form ist. Indessen hindern uns. wie mir scheint unübersteig-liche Schwierigkeiten in dieser Hinsicht zu einem richtigen Schlüsse zu gelangen. Wenn wir eine Art in der Mitte einer Formation zum ersten Male aultreten sehen, so würde es äusserst übereilt seyn zu schliessen, dass sie nicht irgendwo anders

Meine Meinung ist die. dasa nur wenige Arien eine unsrer aueenom-nienen Perioden überdauern, viele aber schon in 0,1—0,2—0,5 dieser Zeil '« Grunde gehen                                                                                                      R».

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schon länger existirl haben könne. Eben so, wenn wir eine Art schon vor den letzten Schichten einer Formation verschwinden sehen, würde es übereilt seyn anzunehmen, dass sie schon völlig erloschen seye. Wir vergessen, wie klein die Ausdehnung Europas im Vergleich zur übrigen Welt ist: auch sind die verschiedenen Stocke der einzelnen Formationen noch nicht durch ganz Europa mit vollkommener Genauigkeit parallelisirl worden. Bei allen Sorten von Seethieren können wir getrost annehmen, dass in Folge von klimatischen u. a. Veränderungen massenhafte und ausgedehnte Wanderungen stattgefunden haben: und wenn wir eine Art zum ersten Male in einer Formation auftreten sehen, so liegt die Wahrscheinlichkeil vor, dass sie eben da erst von einer andern Gegend her eingewandert seye. So ist es z. B. wohl bekannt, dass einige Thier-Arlen in den palaolithischen Bildungen .Xord-Amerika's etwas früher als in den Europäischen auftreten, indem sie zweifelsohne Zeit nothig hatten, um die Wanderung von Amerika nach Europa zu machen. Bei l ntersuchungen der neuesten Ablagerungen in verschiedenen Weltgegenden ist überall die Wahrnehmung gemacht worden, dass einige wenige noch lebende Arten in diesen Ablagerungen häufig, aber in den unmittelbar umgebenden .Meeren verschwunden sind, oder dass umgekehrt einige jetzt in den benachbarten Meeren haulige Arten und jener Ablagerungen noch selten oder gar nicht zu linden sind. Es isl sehr lehrreich über den erwie seilen Umfang der Wanderungen Europäischer Thierc wahrend der Eis-Zeil nachzudenken, welche doch nur einen kleinen Theil der ganzen geologischen Zeildauer ausmacht, so wie die grosser Niveau-Veränderungen, die aussergewohnlich grossen Klima-Wechsel, die unermessliche Länge der Zeiträume in Erwägung zu ziehen, welche alle mit dieser Eis-1'eriode zusammen lallen. Dann dürfte zn bezweifeln seyn, dass sich in irgend einem Theile der Well Sediment-Ablagerungen, welche fossile Reste enthalten, auf dem gleichen Gebiete wahrend der ganzen Dauer dieser l'eriode abgelagert haben. So ist es z. B. nicht wahrscheinlich, dass wahrend der ganzen Dauer der Eis-Periode Sediment-Schichten an der Mündung des Mississippi in-

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nerhalh derjenigen Tiefe, worin Thicre noch reichlich leben können, abgelagert worden scyen: denn wir wissen, was für ausgedehnte geographische Veränderungen wahrend dieser Zeil in Mildern Theilen von Amerika erfolgt sind. Würden solche Mb, rend der Eis-Periode in seichtem Wasser an der Mississippi-Mündung abgelagerte Schichten einmal über den See-Spiegel gehoben werden, so würden organische Reste wahrscheinlich in verschiedenen Nfveaus derselben zuerst erscheinen und wieder verschwinden, je nach den stattsrefundenen Wanderungen der Arten und den geographischen Veränderungen des Landes. Und wenn in ferner Zukunft ein (ieologe diese Schichten untersuchte, so mOchtC er zu schliesscn geneigt seyn, dass die mittle Lebens-Dauer der dort eingebetteten Organismen-Arten kürzer als die Eis-l'eriode gewesen seye, obwohl sie in der That viel langer war, indem sie vor dieser begonnen und bis in unsre Tage gewahrt hat. l'm nun eine vollständige Stufen-Reihe zwischen zwei Formen in den untern und obern Theilen einer Formalion darbieten zu kiinnen, müsste deren Ablagerung sehr lange Zeit fortgedauert haben, um dem langsamen l'rozcss der Variation Zeit zu lassen: die Schichten-Masse müsste daher von sehr ansehnlicher Mächtigkeit seyn: die in Abänderung begriffenen Spezies müss-ten während der ganzen Zeil da gelebt haben. Wir haben jedoch gesehen, dass die organische Reste enthaltenden Schichten sich nur wahrend einer Periode der Senkung ansammeln: damit nun die Tiefe sich nahezu gleich bleibe und dieselben Thiere fortdauernd an derselben Stelle wohnen können, wiire ferner notwendig, dass die Zufuhr von Sedimenten die Senkung fortwährend wieder ausgleiche. Aber eben diese senkende Bewegung wird oft auch die Nachbargegend mit berühren, aus welcher jene Zufuhr erfolgt, und eben dadurch die Zufuhr selbst vermindern. Eine solche nahezu genaue Ausgleichung zwischen der Stärke der stattfindenden Senkung und dein Betrag der zugeführten Sedimente mag in der Thal nur selten vorkommen: denn mehr als ein Paläontologe hat beobachtet, dass sehr dicke Ablagerungen nusser an ihren oberen und unteren Grenzen gewöhnlich leer an Versteinerungen sind.

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Wahrscheinlich isl die Bildung einer jeden einzelnen Formation gewohnlich eben so wie die der ganzen Formationen-Reihe einer Gegend mit Unterbrechungen vor sich gegangen. Wenn wir. wie es oft der Fall, eine Formalion aus Schichten von verschiedener Mineral-Beschatlenheit zusammengesetzt sehen, so müssen wir vernünfliger Weise vermuthen, dass der Ablagerungs-Prozess sehr unterbrochen gewesen seye, indem eine Veränderung in den See-Sirnmungen und eine Änderung in der Beschaffenheit der zugelührlen Sedimente gewöhnlich von geographischen Bewegungen, welche viele Zeit kosten, veranlasst worden seyn mag. Nun wird auch die genaueste Untersuchung einer Formation keinen Maassslab liefern, um die Lange der Zeit zu messen, welche über ihrer Ablagerung vergangen ist. Man könnte viele Beispiele anführen, wo eine einzelne nur wenige Fuss dicke Schicht eine ganze Formalion vertritt, die in andren Gegenden Tausende von Füssen machtig ist und mithin eine ungeheure Lange der Zeil zu ihrer Bildung bedurft hat: und doch würde Niemand, der Diess nicht weiss, auch nur geahnt haben, welch eine unermessliclie Zeil über der Enlslehung jener dünnen Schicht verflossen ist. So Hessen sich auch viele Falle anführen, wo die untern Schiebten einer Formation emporgehoben, enlblösst, wieder versenk! und dann von den obern Schichten der nämlichen Formation bedeckt worden sind, That-sachen, welche beweisen, dass weite leicht zu übersehende Zwischenräume wahrend der Ablagerung verbanden gewesen sind. In andern Fidlen liefert uns eine Anzahl grosser fossilisirler und noch auf ihrem natürlichen Boden aufrecht siebender Baume*den klaren Beweis von mehren langen Pansen und wiederholten Hiihen-Wechseln widirend des Ablagerungs - Prozesses. wie man sie ausserdem nie halle vermulhen können. So fanden Lyki.i. und Dawson in einem 1400' mächtigen Kohlen-Gebirge Keu-Sthnti hmls noch alle von Baum-Wurzeln durchzogenen Boden-Schichlen. eine über der andern in nicht weniger als 68 verschiedenen Hohen. Wenn daher die nämliche Art unten, mitten und oben in der Formation vorkommt, so isl Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass sie nicht wahrend der ganzen Ablagerungs-Zeil immer an

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dieser Stelle gelebt hat. sondern wahrend derselben, vielleicht mehrmals, dort verschwunden und wieder erschienen ist. Wenn daher eine solche Spezies im Verlaufe einer geologischen Pp-riode beträchtliche Umänderungen erfahren, so würde ein Durchschnitt durch jene Schichten-Reihe wahrscheinlich nicht alle die leinen Abstufungen zu Tage fordern, welche nach meiner Theorie die Anfangs- mit der End-Form jener Art verkettet haben müssen: man würde vielmehr sprungweise, wenn auch vielleicht nur kleine, Veränderungen zu sehen bekommen.

Es ist nun äusserst wichtig sich zu erinnern, dass die Naturforscher keine goldene Regel haben, um mit deren Hilfe Arten von Varietäten zu unterscheiden. Sie gestehen jeder Arl einige Veränderlichkeit zu; wenn sie aber etwas grössre Unterschiede zwischen zwei Formen wahrnehmen, so machen sie Arten daraus, wofern sie nicht etwa im Stande sind dieselben durch Zwischenstufen miteinander zu verketten. Und diese dürfen wir nach den zuletzt angegebenen Gründen selten hoffen, in einem geologischen Durchschnitte zu finden. Nehmen wir an, B und G seyen zwei Arten, und eine dritte A werde in einer tieferliegenden Schicht gefunden. Hielte nun A genau das Mittel zwischen B und C, so würde man sie wohl einfach als eine weitere dritte Art ansehen, wenn nicht ihre Verkettung mit einer von beiden oder mit beiden andern durch Zwischenglieder nachgewiesen werden kann. Nun inuss man nicht vergessen, dass. wie vorhin erläutert worden, wenn A auch der wirkliche Stamm-Vater von B und C ist, derselbe doch nicht in allen Punkten der Organisation nothwendig das Mittel zwischen beiden halten muss. So könnten wir denn sowohl die Stanimart als auch die von ihr durch Umwandlung abgeleiteten Formen aus den untern und obern Schichten einer Formation erhalten und doch vielleicht in Ermangelung zahlreicher Übergangs-Stufen ihre Beziehungen zu einander nicht erkennen, sondern alle für eigenthümliche Arten ansehen.

Es ist eine bekannte Sache, auf was für äusserst kleine Unterschiede manche Paläontologen ihre Arten gründen, und sie können Diess auch um so leichter thun, wenn ihre wenig ver-

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schiedencn Exemplare aus verschiedenen Stücken einer Formation herrühren. Einige erfahrene Paläontologen setzen jetzt viele von den schönen Arten n'ÜBBic.sv's u. A. zum Rang blosser Varietäten herunter, und darin finden wir eine Art von Beweis für die Abänderung.«-Weise, welche nach meiner Theorie stattfinden inuss. Wenn wir iiherdiess grossere Zeit-Unterschiede, wie die aufeinander folgenden Stocke einer nämlichen grossen Formation berücksichtigen , so linden wir, dass die ihnen Angehörigen Fossil-Reste, wenn auch gewohnlich allgemein als verschiedene Arten betrachtet, doch immerhin naher mit einander verwandt zu seyn pflegen, als die in weit getrennten Formationen enthaltenen Arten; doch werdt» ich auf diesen Gegenstand im folgenden Abschnitte zurückkommen.

So ist auch noch eine andre schon früher gemachte Bemerkung zu berücksichtigen, dass nämlich die Varietäten von Pflanzen wie von Thiercn. welche sich rasch vervielfältigen, aber ihre Stelle nicht viel ändern können. anfangs gewöhnlich lokal seyn werden, und dass solche ortliche Varietäten sich nicht weit verbreiten und ihre Stamm-Formen erst ersetzen, wenn sie sich in einem etwas grosseren Maasse verändert und vervollkommne! Indien. Nach dieser Annahme ist die Aussicht, die früheren Übergangs-Stufen zwischen irgend welchen zwei Arien einer Formation auf einer Stelle in übereinander folgenden Schichten zu finden nur klein, weil vorauszusetzen ist. dass die einzelnen I hor-gangs-Stul'en als Lokalformen je eine andre ortliche Verbreitung gehabt haben. Die meisten Seelhiere besitzen eine weile Verbreitung : und da wir gesehen, dass diejenigen Arten unter den Pflanzen, welche am Weitesten verbreilet sind, auch am öftesten Varietäten darbieten, so wird es sich mit Mollusken u. a. See-Thieren wohl ähnlich verhalten, und es werden diejenigen unter ihnen . welche sieh vordem am weitesten bis über die Frenzen Kuropii's hinaus erstreckten, auch am Öftesten die Bildung neuer anfangs lokaler Varietäten und später Arien veranlasst haben. Auch dadurch muss die Wahrscheinlichkeit in irgend welcher Formalion die Reihenfolge der Übergangs -Stufen aufzufinden

ausserordentlich vermindert werden.

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Man imiss nichl veriressen. dass man hantigen Tage«, selbst wenn man vollständige Exemplare vor sich bat, selten zwei Varietäten durch Zwischenstufen verbinden und so deren Znsaat mengehnrigkeit zu einer Art beweisen kann, bis man fiele Exemplare von mancherlei Orllichkeiten zusammengebracht hat: und bei fossilen Arten ist der Paläontologe selten im Stande Diess zu thun. Man wird vielleicht am besten begreifen, wir wenig wir in der Lage seyn können. Arten durch zahllose Feine fossil-gefiindene Zwischenglieder zu verketten, wenn wir uns selbst fragen, ob z. B. Paläontologen spätrer Zeiten im Stande seyn wurden zu beweisen, dass altere verschiednen Kinds-. Schaafe-. Pferde- und Hunde Hassen von einem oder von mehren Stammen herkommen. — oder ob gewisse See-Konchylien der Nord-Amerikunisclien Küsten, welche von einigen koncliylinlogni als von ihren Europäischen Vertretern abweichende Arien uiul von andern konchyliologen als blosse Varietäten angesehen werden, nur wirkliebe Varieteteil oder sogenannte eigne Arten sind. Diess konnte künftigen Geologen nur gelingen. wenn sie viele fossile Zwischenstufen entdeckten, was jedoch im höchsten Uralte unwahrscheinlich ist.

Wenn geologische Korsobungen auch eine .Menge von Arten aus lebenden und erloschenen Sippen zu unsrer Ivennlniss gebracht und manche Lücken /.wischen einigen Leoenfonnen kleiner

gemacht, so haben sie doch kaum etwas dazu beigetragen. I nler-schiede zwischen den Arien durch Binschiebung zahlreicher und fein abgestillter Zwischenglieder zu verringern: und dass sie

Diess nichl bewirkt haben, isl zweifelsohne einer der ersten

und gewichtigsten Einwende», die mau gegen meine Ansichten vorbringen nag. Daher wird es angemessen seyn, die loraii-gehenden Bemerkungen zur Erläuterung eines ersonneiien Halles VUK.....enzulassen. Der Mtilat/helic Archipel ist etwa von der

Crosse Ein-vpas vom NorirKap bis zum Mittelmeere und von lliilaiinieii bis Riisslainl. entspricht mithin der Ausdehnung desjenigen Theiles der Erd-Oberflache. auf welchem. \»nl-Amerika ausgenommen, alle geologischen Formalionen am sorgfältigste» und zusammenhängendsten untersucht worden sind. Ich stimme

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mit Hrn. Goowin-Aistkn in der Meinung vollkommen überein, dass der jetzige Zustand des Malayhchen Archipels mit seinen zahlreichen durch breite und seichte Meeres-Anne getrennten Inseln wahrscheinlich der früheren Beschaffenheit Europas, wahrend noch die meisten unsrer Formationen in Ablagerung begriffen waren, entspricht. Der Malayisrhr Arrhipel ist eine der an Organismen reichsten Gegenden der ganzen Erd-Oberflache: aber wenn man auch alle Arten sammelte. welche jemals da gelebt haben, wie unvollständig würden sie die Naturgeschichte der ganzen Erd-Oberflache vertreten!

Indessen haben wir alle Ursache zu glauben, dass die Überreste der Landbewohner dieses Archipels nur äusserst unvollständig in die Formationen übergehen dürften, die unsrer Annahme gemäss sich dort noch ablagern werden. Ich vermuthe selbst, dass nicht viele der eigentlichen Küsten-Bewohner und der auf kahlen untermeerisehen Felsen wohnenden Thiere in die neuen Schichten eingeschlossen werden würden : und die etwa in Kies und Sand eingeschlossenen dürften keiner spaten Nachwelt überliefert werden. Da wo sich aber keine Niederschlage auf dem Meeres-Boden bildeten oder sich nicht in genügender Masse anhäuften, um organische Einflüsse gegen Zerstörung zu schützen, da würden auch gar keine organischen Überreste erhalten werden können.

Ich glaube, dass Fossilien-führende Formationen, hinreichend mächtig um bis zu einer eben so weit in der Zukunft entfernten Zeit zu reichen, als die Sekundar-Formalioncn bereits hinter uns liegen, nur wahrend Perioden der Senkung in dem Archipel entstehen konnten. Diese Perioden würden dann durch unermess-liche Zwischenzeiten der Hebung oder Buhe von einander getrennt werden: denn wahrend der Hebung würden alle Fossilien-führenden Formationen in dem Maasse, als sie entstünden . durch die iimuilrrbrochene Thatigkeit der Brandung wieder zerstört werden, wie wir es jetzl an den Küsten Siid-Anirrikas gesehen haben. Wahrend der Senkungs - Zeiten würden viele Lebenformen zu Grunde gehen, wahrend der llebungs-I'erioden dagegen sich die Formen am meisten durch Abänderung entfallen. über die geo-

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logischen RWlkfnlfl« winden der Folgezeit Wenig Nachricht davon überliefern.

Es wiire zu liezweifeln, liass die Dinier irgend einer grossen l'eriode über den ganzen Archipel sich erstreckender SenkunL. und entsprechender gleichzeitiger Sediment-Ablagerung die mittle Duner der alsdann vnrhandncn spczilischen Formen Übertreffen winde: iiml doch würde diese Bedingung unerlasslich nolhwendig seyn BW die Erhallung aller I bergangs-Stufen zwischen irgend welchen zwei oder inebr von einander abstemmenden Arten. Wo diese Zwischenstufen aber nicht vollständig erhalten sind, da werden die durch sie verkellet gewesenen Varietäten als eben so viele versehiedene Spezies erscheinen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass wahrend so langer Senkungs-Perioden auch wieder Höhen -Schwankungen eintreten und kleine klimatische Veränderungen erfolgen werden. welche die Bewohner des Archipels zu Wanderungen veranlassen, so dass kein genau zusammenhangender Bericht iiber deren Abänderungs-Üang in einer der dortigen Formationen niedergelegt werden kann.

Sehr viele der jetzigen Meeres-Bewohner jenes Archipels wohnen gegenwärtig noch Tausende von Englischen Meilen weil Ober seine Grenzen hinaus, und die Analogie veranlass! mich in glauben. dass diese weit-vcrbrcitelen Arten hauptsächlich zur Erzeugung neuer Varietäten geeignet seyn würden. Diese Varietäten dürften anfangs gewöhnlich nur eine örtliche Verbreitung besitzen, jedoch, wenn sie als solche irgend einen Vorlhcil voraas haben, oder wenn sie erst noch weiter abgeändert und verbessert sind, sich allmählich ausbreiten und ihre Stamm-Allem ersetzen. Kehrte dann eine solche Varietät in ihre alte Heiinalh zurück, so würde sie. vielleicht zwar nur wenig, aber doch einförmig von ihrer früheren Beschaffenheit abweichend, nach den Grundsätzen der meisten Paläontologen als eine neue und verschiedene Art aufgeführt werden müssen.

Wenn daher diese Bemerkungen einiger Maassen begründet

sind, so sind wir nicht berechtigt zu erwarten, dass wir in

unseren geologischen Formationen eine endlose Anzahl solcher

feinen tbergangs - Formen linden werden, welche nach meiner

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Betrachtung!«-Weise sicher einmal alle früheren und jetzigen Arten einer Gruppe zu einer langen und verzweigten Kette von Leben-Ibmicn Verbunden haben. Wir werden nur erwarten dürfen einige wenige Zwischenglieder zu sehen, von welche« die einen fester und die andren loser mit einander vereinigt sind; und diese Glieder, grenzten sie auch noch so nahe an einander, werden von den meisten Paläontologen für verschiedene Arien erklart werden, sobald sie in verschiedene Stocke einer Formation vertheilt sind Jedoch gestehe ich ein. dass ich nie geglaubt haben würde, welch' dürftige Nachricht von der Veränderung der einstigen I.ebenfornicn uns auch das beste geologische Profil gewahre, hätte nicht die Schwierigkeil, die zahllosen Mittelglieder /.wischen den zu Anfang und am Fnde einer Formation vorhandenen Arten aufzufinden, ineine Theorie so sehr ins Gedränge gebracht.

Plötzliches Auftreten g.aitzej Gruppen verwandter Arten.) Das plötzliche Erscheinen ganzer Gruppen

neuer Arten in gewissen Formationen ist von mehren Paläontologen, wie Auassiz. Pictet und «im eindringlichsten von Si-nuwich zur Widerlegung des Glaubens au eine allmähliche I mgestaltung der Arten hervorgehoben worden. Wären wirklich viele Arien von einerlei Sippe oder Familie auf einmal plötzlich ins Leben getreten, so musste Diess freilich meiner Theorie einer langsamen Abänderung durch Natürliche Züchtung verderblich «erden. Denn die linlwickelung einer Gruppe von Formen, die alle von einem Slaniiu Yalcr herrühren, inuss niclil nur seitist ein se.hr langsamer Prozess gewesen seyn. sondern auch diu Stamm-Form inuss schon sehr lange vor ihren abgeänderten Nachkommen exislirt haben. Aber wir überschätzen fortwährend die Vollständigkeit der geologischen Berichte und unterstellen irrlhimilich dass, weil gewisse Sippen oder Familien noch nicht unterhalb einer gewissen geologischen Gesichlsebenc gefunden worden, sie auch liefer noch nicht oxislir! haben. Wir vergessen fortwährend, wie gross die Well der kleinen flache gegenüber ist,

über die sich unsiv genauere Untersuchung geologischer Formationen erstreckt: wir vergessen, dass Arten-Gruppen anderwärts

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schon hinge vertreten gewesen seyn und sich langsam vervielfältig! haben können, bevor sie in die alten Archipele Europas und der Vereinten Staaten eingedrungen. Wir bringen die Lange der Zeiträume nicht genug in Anschlag, welche wahrscheinlich zwischen der Ablagerung unsrer unmittelbar aufcinander-gclagerten Formationen verflossen und vcrmulhlich meistens langer als die-jenigen gewesen sind, die zur Ablagerung einer Formation erforderlich waren. Diese Zwischenräume, waren lange genug für die Vervielfältigung der Arten von einer oder von einigen wenigen Stamm - Korinen aus. so dass dann solche Arten in der jedesmal nachfolgenden Formation auftreten konnten, als ob sie erst plötzlich und gleichzeitig geschafl'en worden seyen.

Ich will hier an eine schon früher gemachte Bemerkung erinnern, dass nämlich wohl eine ganze Reibe von Welt-Perioden dazu geboren durfte, bis ein Organismus sich einer ganz neuen Lebens-Weise anpasse, wie /.. B. durch die Lull zu fliegen: dass aber, wenn DieSS einmal geschehen ist und nur einmal eine geringe Anzahl Wodurch einen grossen Vortheil vor andern Organismen erworben hat. nur noch eine' verhältnissmassig kurze Zeit dazu erforderlich ist. Um viele auseinander weichende Formen hervorzubringen, welche dann geeignet sind sich schnell nnrl weit über die F-rd-Oberflache zu verbreiten.

Ich will nun einige wenige Beispiele zur Erläuterung dieser Bemerkungen und insbesondre zum Nachweis darüber mitthetlen, wie leicht wir uns in der Meinung, dass ganze Arten-Gruppen auf einmal geschafl'en worden seyen. irren können- Ich will zuerst an die wohl-bekannte Thalsache erinnern, das.« nach den noch vor wenigen Jahren erschienenen Lehrbüchern der Geologie die grosse Klasse der Säugthiere ganz plötzlich am Anfange der Tertiär Periode aufgetreten seyn sollte, l'nd nun zeigt sich eine der, im Verhaltniss ihrer Dicke, reichsten Lagerstätten fossiler Saugthier-Beste mitten in der Sekundär-Beihe. und ein achtes Säugthier ist in den ältesten Schichten des New red Sandstone entdeckt worden. Ccvieh pflegte Nachdruck darauf zu legen, dass noch kein Affe in irgend einer Tertiär-Schicht gefunden worden »eye: jetzt aber kennt man fossile Arten von Vierhändern in

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Ostindien , in Süd-Amerika und selbst in Europa, sogar schon aus der eocanen Periode. Hatte uns nicht ein seltener Zufall die zahlreichen Fahrten im New red Sandstone der Vereinten Staaten aulbewahrt, wie wurden wir anzunehmen gewagt haben, dass ausser Reptilien auch schon nicht weniger als dreissig Vogel-Arten von riesiger Grosse in so früher /.eil existirt halten, zumal noch nicht ein .Stückchen Knochen in jenen Schichten gefunden worden ist. Obwohl nun die Anzahl der Küsse. Zehen iiml verschiedenen Zehen-Glieder in jenen fossilen Eindrücken vollkommen mit denen unsrer jetzigen Vögel übereinstimmen, so zweifeln doch noch einige Schriftsteller daran, ob jene Führten wirklich von Vögeln herrühren. So konnten also bis vor ganz kurzer Zeil dieselben Autoren behaupten und haben einige derselben wirklieh behauptet, dass die* ganze Klasse der Vögel plötzlich erst im Anfang der Tertiär-Periode aufgetreten seye: doch können wir uns jetzt auf die Versicherung Professor Owf.n's i in I.vei.i.s „Manual") berufen, dass ein Vogel gewiss schon /.in /.eil gelebt habe, als der obre Grünsaml sich ablagerte.

Ich will als ein andres Beispiel anfuhren, was mir in einer Abhandlung über fossile sitzende Cirripcden selber passirt ist. Nachdem ich nachgewiesen, dass es eine Menge von lobenden und von erloschenen tertiären Arten gebe, so scMoss ich ans dem ausserordentlichen licichllmme vieler lialaniden-Arten an Individuen, aus ihrer Verbreitung über die gange Erde von den arktischen Regionen an bis zum Äquator und von der obren Fhilh-Grcnzc an bis zu 51) Faden Tiefe hinab, aus der vollkommenen Krhalliings-Weise ihrer Keste in den ältesten Tertiär-Schichten, aus der Leichtigkeit selbst einzelne Klappen zu er kennen und zu beslim.....u: ans allen diesen l'nistanden schloss

ich dass. wenn es in der sekundären Periode sitzende thripeden gegeben hätte, solche gewiss erhallen und wieder entdeckt worden seyn winden: da jedoch noch keine Schaale einer Spezies in Schichten dieses Allers gefunden worden seye. so müsse sich diese grosse Gruppe erst im Beginne der Terliar-Zeit plötzlich

entwickeil hüben Es wer 'ine grosse Verlegenheit far mich, selbst

noch ein weitres lleispiel vom plötzlichen Auftreten einer grossen

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Arien - Gruppe bestätigen zu müssen. Kaum war jedooii mein Werk erschienen, »te ein bewährter Paläontologe,, Hr. Beeom, mir eine Zeichnung von einem vollständigen Exemplare eines unverkennbaren Balmiiden sandle, welchen er seihst ans dem Belgischen Kreide-Gebirge entnommen halle, l'nd um den Kall m> trollend als möglich zu machen, so ist der entdeckte BhIi-nide ein t'htliamalus, eine sehr gemeine und überall weil -verbreitete Sippe, wovon sogar in tertiären Schichten bis jetzt nmli keine Spur gefunden worden war. Wir wissen daher jetzt nni Sicherheit, dass es auch in der Sekundär -Zeil schon sitzende t'irripeden gegeben, welche möglicher Weise die Stamm-Alten iiusrcr vielen tertiären und noch lebenden Arien gewesen seyn können.

Der Kall von plötzlichem Auftreten einer ganzen Arlen-(irDppe, worauf sieh die Paläontologen am öftesten berufen, i>i die Erscheinung der ächten Knochenfische oder T< leostier ersi in den linieren Schichten der kreide-Periode. Diese (iruppe enthält bei weitem die grösste Anzahl der jetzigen Fische, Inzwischen hat Professor PlciM neuerlich ihre erste Erscheinung schon wieder um einen Sloek liefer nachgewiesen und glauben andre Paläontologen, dass viele ällre Fische, deren Verwandtschaften bis jetzt noch nicht genau bekannt, wirkliche Teleoslier seyen. Nähme man mit Agassis an, dass deren ganze Gruppe wirklich erst zu Anfang der Kreide-Zeil erschienen seyr. a) WaTfl diese Thalsaelie freilich höchst merkwürdig; aber auch in ihr vermochte ich noch keine uniibersleigliche Schwierigkeil tur meine Theorie zu erkennen, bis auch erwiesen wäre, dass in der Thal die Arien dieser Gruppe auf der ganzen Erde gleich-zeilig in jener Frist aufgetreten seyen. F;s ist last überflüssig zu bemerken, dass ja noch kaum ein fossiler Fisch von der Süd-Seite des Äquators bekannt isl und nach Pictet's Paläontologie selbst in einigen Gegenden Europas erst sehr wenige Arten gefunden worden sind. Einige wenige Fisch-Familien haben jetzl enge Verbreitungs-Grenzen, und so könnte es auch mit *» Teleoslicrn der Fall gewesen seyn, dass sie erst dann, noch-deia sie sieh in diesem oder jenem Meere sehr vervielfältig!,

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sich irtft verbreitet hatten. Auch sind wir nichl anzunehmen berechtigt, dass die Welt-Meere von Norden nach Süden allezeit so offen wie jetzt gewesen seyen. Selbst heutigen Tages kennte der tropische Theil des Indischen Ozeans durch eine Hebung des Malai/isrlien Archipels über den Meeres-Spiegel in ein grosses geschlossenes Becken verwandelt »erden, worin sich irgend welche grosse Seethier-Gruppen zu entwickeln und vervielfältigen vermochten; und da würde sie dann eingeschlossen bleiben, bis einige der Arten für ein kühleres Klima geeignet und in Stand gesetzt worden waren, die Süd-Cap's in Afrika und Australien zu umwandeln und so in andre ferne Meere zu gelangen.

Aus diesen und ahnliehen Betrachtungen, aber hauptsächlich in Berücksichtigung unsrer Unkunde über die geologischen Verhalt-rtisse andrer Welt-Gegenden ausserhalb Europa und Norlt-AmaHkO, endlich nach dem Umschwung, welchen unsre palaontologi-schen Vorstellungen durch die Entdeckungen wahrend des letzten Jahrzehenten erlitten, glaube ich folgern zu dürfen, dass wir eben so übereilt handeln würden, die bei uns bekannt gewordene Art der Aufeinanderfolge der Organismen auf die ganze Erd-(tbei Hache zu übertragen, als ein Naturforscher lhate, welcher nach einer Landung von fünf Minuten an irgend einer armen Küste Aushaltens auf die Zahl und Verbreitung seiner Organismen schliessen wollte.

P'lö tzliches Erscheinen ganzer Gruppen verwandter Arten in den untersten Fossilien-führenden Schichten.) Grösser ist eine andre Schwierigkeil: ich meine das plötzliche Auftreten vieler Arten einer Gruppe in den untersten Fossilien - führenden Gebirgen. Die meisten der Gründe, welche mich zur Überzeugung geführt, dass alle lebenden Arten einer Gruppe von einem gemeinsamen Urvater herrühren, sind mit fast gleicher Starke auch auf die ältesten fossilen Arten anwendbar. So kann ich z. B. nicht daran zweifeln, dass alle mImiis. hi-n Trilobiten von irgend einem hruster herkommen, welcher von allen jetzt lebenden Knistern sehr verschieden war. Einige der ältesten silurischen Thierc sind zwar nicht

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sehr von noch jotil hibtraden Arien verschieden, wie Linguli. Nautilus Di si.. und man kann nach meiner Theorie nicht annehmen, dass diese alten Arien die Erzeuger aller Arten der Ordnungen gewesen seyen. wozu sie gehören, indem sie '„niH'i Weise Miltelformen zwischen denselben darbieten, I nd waren sie deren Stamm-Altern gewesen, so würden sie jeljl gewiss langst durch ihre vervollkommneten Nachfolger ersetzt und ausgetilgt seyn.

Wenn meine Theorie richtig*, so müssten unbestreitbar selion vor Ablagerung der ältesten silurisehen Schichten eben so Inngi-oder noch längere Zeiträume, wie nachher, verflossen, und müsste die Erd-Überlläche während dieser ganz anbekannten Zeiträume von lebenden Geschöpfen bewohnt gewesen seyn.

Was nun die Krage betriflt. warum wir aus diesen w<ilen l'riinordial-l'erioden keine Denkmäler mehr linden . so kann ich darauf keine genügende Antwort geben. Mehre der ausgezeichnetesten Geologen mit Sir li. Mubcbisoh an der Spitze sind Bber-zeugl. in diesen untersten Silur-Schichten die Wiege des Lehens auf unsrem Planeten zu erblicken. Andre hoch - bewahrte Rem -theiler. wie Ch. Lyell und der verstorbene Edw. Fohiies bestreitet diese Behauptung, lud wir müssen nicht vergessen, dass nur ein geringer Theil unsrer Erd-Oberlläche mit einiger (ienauigkeil erforscht ist. Erst unlängst hat Hr. Babhahde dem sibirischen Systeme noch einen anderen älteren Stock angefügt, der reich ist an neuen und eigenlhümlichen Arten. Spuren einstigen Lebens sind auch noch in den Longmynd - Schichten enlilecki worden unterhalb Baiouniies sogenannter Primordial - Zone. Ute

Anwesenheit l'hnsphate-haltigor Nieren und bituminöser Materien in einigen der untersten azoischen Schichten deutet wahrschein lieh aul ein ehemaliges noch Irüheres Leben hin. Aber dann ist die Schwierigkeit noch grosser, das gänzliche Fehlen der mächtigen Stosse Fossilien-führender Schichten zu begreifen, die

.....!* Theorie zufolge sich gewiss irgendwo aufgehäuft hatten.

Wären diese Ältesten Schichten durch Enlblössungen ganz und gar weggewaschen oder durch Metamorpliismus ganz und gar unkenntlich gemacht worden, so würden wir wohl auch nur noch

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ganz kleine Überreste der nächst-jüngeren Formationen entdecken, und diese müssten sich meistens in einem metamorphischen Zustande befinden. Aber die Beschreibungen, welche wir jetzt von den silurischen Ablagerungen in den unermcsslichen Länder-(iebieten in Russland und \ord-Amerika besitzen, sind nicht zu Gunsten der Meinung dass, je alter eine Formation, desto mehr sie durch Entblossung und Metamorphismus gelitten haben müsse.

Diese Thatsache muss lürerst unerklärt bleiben und wird mil Recht als eine wesentliche Einrede gegen die hier entwickelten Ansichten hervorgehoben werden. Ich will jedoch folgende Hypothese aufstellen, um ZO zeigen, dass doch vielleicht einige Erklärung möglich ist. Ans der Natur der in den verschiedenen Formationen Europa*» und der Vereinten Staaten vertretenen organischen Wesen, welche keine grossen Tiefen bewohnt ZU haben scheinen, und aus der ungeheuren Masse der Meilen dicken Niederschlage, woraus diese Formationen bestehen, können wir zwar scbliessen, dass von Anfang bis zu Ende grosse Inseln oder Landstriche, aus welchen die .Sedimente herbeigeführt worden. in der Nahe der jetzigen Kontinente von Europa und Nord-Amerika existirt haben müssen. Aber vom Zustande der Dinge in den langen Perioden, welche zwischen der Bildung dieser Formationen verflossen sind, wissen wir nichts: wir vermögen nicht zu sagen, ob während derselben Europa und die Vereinten Staaten als trockne Lander-Strecken oder als untermeerische Küsten-Flachen, auf welchen inzwischen keine Ablagerungen erfolgten, oder endlich als unergründlicher Meeres - Boden eines offnen <ind unergründlichen Ozeans vorhanden waren.

Betrachten wir die jetzigen Weltmeere, welche dreimal so viel Flache als das trockne Land einnehmen, so linden wir sie mit zahlreichen Inseln besäet, von welchen aber auch nicht eine bis jetzt einen llierresl von paliiolifhischen und sekundären For-mationen geliefert hat. Man kann daraus \iellcichl scbliessen. dass wahrend der palaolithischen und Sekiindar-Zeil weder Kontinente noch kontinentale Inseln da existirl haben, wo sich jetzt der Ozean ausdehnt: denn waren solche vorhanden gewesen, so

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wurden sich nach allrr Wahrscheinlichkeit aus den von ihnen herboi-gcführlen Schulte auch palaolithische und sekundär..' Schichten gebildet haben , und es würden dann in Folge der Niveau-Schwankungen welche wahrend dieser ungeheuer langen Zeiträume jedenfalls Stattgefunden haben müssen, wenigstens thcil-weise Emporhobungen trocknen Landes haben erfolgen können. Wenn wir also aus diesen Thalsachen irgend einen ScbhlM ziehen wollen, so können wir sagen, dass da, wo sich jetzt unsre Weltmeere ausdehnen. solche schon seil den ältesten Zeiten, von denen wir Kunde besitzen, bestanden haben, iiml dass da wo jel/.t Kontinente sind, grosse Landstrecken existirl haben, welche von der frühesten Silur-Zeit an zweifelsohne grossem Niveau-Wechsel unterworfen gewesen sind. Die kolorirtu Karle, welche meinem Werke über die Korallen-Riffe beigegeben ist, führte mich zum Schluss, dass die grossen Weltmeere muh jel/.t hauptsächlich Senkungs-Felder, die grossen Archipele noch jetzt schwankende Gebiete und die Kontinente noch jetzt in Hebung begriffen seyen. Aber haben wir ein Rechl anzunehmen, dass diese Dinge sich seit dem Beginne dieser Welt gleich geblieben sind ? Unsre Festländer scheinen hauptsächlich durch vorherrschende Hebung wahrend vielfacher Hohen-Schwankungen entstanden zu seyn. Aber können nicht die Felder vorwaltender Hebungen und Senkungen ihre Rollen vor noch langrer Zeit umgetauscht haben? In einer unerinesslich früheren Zeit vor der silurischen Periode können Kontinente da existirl haben, wo sich jetzt die Weltmeere ausbreiten, und können offne Weltmeere gewesen seyn , wo jetzt die Festlander emporragen. Und doch würde man noch nicht anzunehmen berechtigt seyn, dass z. B. das Bette des Stillen Ozeans, wenn es jetzt in ein Festland verwandelt würde, uns altre als silurische Schichten darbieten müsse, vorausgesetzt selbst dass sich solche einstens dort gebildet haben: denn es wäre möglich, dass Schichten, welche dem Mittel-pnnkl der Erde um einige Meilen näher gerückt und von dem ungeheuren Gewichjc darüber stehender Wasser zusammengedrückt gewesen, stärkere metamorphischo Einwirkungen erfahren habe als jene, welche näher an der Oberfläche verweilten. Die

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in einigen Welt-Gegenden wie z. I). in Süd-Amerika vorhandenen unermesslichen Slrecken Mos inelamorphischen Gebirges, welche hohen Graden von Druck und Hilze ausgesetzt gewesen seyn müssen, haben mir einer besonderen Erklärung zu bedürfen geschienen : und vielleicht darf man annehmen, dass sie uns die zahlreichen schon lange vor der silurischen Zeit abgesetzten Formationen in einem »Ollig metamorphisrhen Zustande darbieten. Die mancherlei hier erörterten Schwierigkeiten, welche namentlich daraus entspringen, dass wir in der Reihe der aul'ein-andcr-folgendcn Formationen die unzähligen Zwischenglieder zwischen den vielen früheren und jetzigen Arten nicht finden, — dass ganze Gruppen verwandter Arten in unsren Europäischen Formationen oft plötzlich zum Vorschein kommen, - dass, so viel bis jetzt bekannt, altre Fossilien-führende Formationen noch unter den silurischen Schichten ganzlich fehlen, — alle diese Schwierigkeiten sind zweifelsohne von grosstom Gewichte. Wir ersehen Dicss am deutlichsten aus der Thatsaehe, dass die Ausgezeichnetesten Paläontologen, wie CuviER, Agassiz . Bariunue, Kalconeb, F.ow. Korkes und andere, sowie unsre grossten Geologen . Lyell, MtRCHisnx. SkbBWicK etc. die l'nveränderlichkeit der Arten einstimmig und oft mit grosser Helligkeit vertheidigt haben. Inzwischen habe ich Grund anzunehmen, dass eine grosse Autorität . Sir Cr. Lyell, in Folge fernerer Krwagungen sehr zweifelhaft in dieser Beziehung geworden ist. Ich fohle wohl, wie bedenklich es ist. von diesen Gewährsmännern, denen wir mit Andern alle unsre Kenntnisse verdanken, abzuweichen. Alle, die den geologischen Schopfungs-Iierirht für einigermaassen vollständig halten und nicht viel Gewicht auf andre in diesem Hände mitgelhcilten Thatsaelien und Schlussfolgerungen legen. werden /.weilelsohne meine gan/.e Theorie auf einmal verwerfen. Ich für meinen Theil betrachte (um Lm.ii. 's bildlichen Ausdruck durchzuführen! den Natürlichen Schoplüngs-Iierirht als eine Geschichte der Knie, unvollständig erhallen und in wechselnden Dialekten geschrieben, — wovon aber nur der letzte bloss auf einige Theile der Krd-Oberllache sich beziehende Band bis auf uns gekommen ist. Hoch auch von diesem Bande ist nun hier und

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da ein kurzes Kapitel erhalten, und von jeder Seile sind nur ds und dort einige Zeilen übrig. Jedes Wort der langsam wechselnden Sprache dieser Beschreibung, mehr und weniger verschieden in der unterbrochenen Reihenfolge der einzelnen Abschnitte, mag den anscheinend plötzlich wechselnden l.ehenfonnen entsprechen, welche in den unmittelbar aufeinander-liegenden Schichten unsrer weil von einander getrennten Formationen begraben liegen.

'/„Imtrs ly;ipili'I.

Geologische Aufeinanderfolge organischer Wesen.

Langsame und allmähliche Erscheinung neuer Arien. — Ungleiches Maas.-ihrer Veränderung. - Einmal untergegangene Arien kommen nicht wieder Um Vorschein. — Arten-Gruppen folgen denselben allgemeinen Kegeln des Auftrelens und Versehwindens. wie die einzelnen Arten. — Erlöschen der Arten. - Gleichzeitige Veränderungen der Lehcnrormen auf der ganzen Erd-Uberllitche. - Verwandtscbaß erloschener Arten mit andern fossilen und mit lebenden Arien. — Entwickelungs-Stufe aller Formen. — Aufeinanderfolge derselhen Typen im nämlichen Länder-Gebiete. — Zusammenfassung des jetzigen mit fridieren Abschnitten,

Sehen wir nun ED, oh die verschiedenen Thatsachen und Regeln hinsichtlich der geologischen Aufeinanderfolge der organischen Wesen hesser mit der gewöhnlichen Ansicht von der Unabänderlichkeit der Arten, oder mit der Theorie einer langsamen und stufenweisen Abänderung der Nachkommenschaft durch Natürliche Züchtung übereinstimmen.

Neue Arten sind im Wasser wie auf dem Lande nur sehr langsam, eine nach der andern zum Vorschein gekommen. Lveu hat gezeigt, dass es kaum möglich ist. sich den in den verschiedenen Tertiär-Schichten niedergelegten Beweisen in dieser Hinsieht zu verschliessen. und jedes Jahr strebt die noch vorhandenen Lücken mehr auszufüllen und das Prozent-Verhältniss der noch lebend vorhandenen zu den ganz ausgestorbenen Arien mehr und mehr abzustufen. In einigen der neuesten, wenn auch, in Jahren ausgedrückt, gewiss sehr alten Schichten kommen nur noch 1—2 ausgestorbene Arten vor. und nur je eine oder z»"'1

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überhaupt oder Cur die Orllichkeil neue Formen gesellen sich den früheren bei. Wenn wir den Beobachtungen huiin-is in Siz-ilirit vertrauen dürfen. so ist die stufenweise Ersetzung der früheren Mcores-Bcwolmer bei dieser Insel durch andre Arten ein ausseist langsamer gewesen. Die Sekundär-Formationen sind mehr unterbrochen; aber in jeder einzelnen Formation hat. wie Bronn bemerkt hat. weder das Auftreten noch das Verschwinden ihrer vielen jetzt erloschenen Arten gleichzeitig stattgefunden;

Arien verschiedener Sippen und Klassen haben weder gleichen Schrittes noch in gleichem Verhaltnisse abwechselt. In den ältesten Terliar-Schichten liegen die wenigen lebenden Arten mitten zwischen einer Menge erloschener Formen. Fai.coner hal ein schlagendes Beispiel der Art berichtet, nämlich von einem Krokodile noch lebender Art, welches mit einer Menge fremder und unterge-aanaener Saugthiere und lieplilien in Schichten des Subliimiilai/ii beisammen lagert. I>ie sibirischen I.ingula-Arten weichen nur sehr wenia von den labenden Spezies dieser Sippe ab. während die meisten der übrigen sibirischen .Mollusken und alle Kruster grossen Vcraiidcruiurcn Unterlegen sind. Die Land-Bewohner scheinen schnelleren Schrittes als die Meeres-Bewohner zu wechseln, wovon ein trollender Beleg kürzlich aus der Schweitz berichtet worden ist. Es Scheint einiger Grund zur Annahme vorhanden, dass solche Organismen, welche Mlf höherer Organisations-Stufe sieben, rascher als die unvollkommen entwickelten wechseln: doch gibt es Ausnahmen von dieser Kegel. Das Maass organischer Veränderung entspricht nach l'ic iivs Bemerkung nicht genau der Aufeinanderfolge unsrer geologischen Formationen, so dass zwischen je zwei aufeinander - folgenden Bildungen die I.ebens-Formen genas m gleichem Grade sich änderten. Wenn wir aber irgend welche. seyen es auch nur zwei einander zunächst verwandte Formationen miteinander vergleichen, so finden wir. dass alle Arien einige Veränderungen erfahren haben. Ist eine Art einmal von der Erd-Oberllache verschwunden, so haben wir einigen (irund zu vermuthen. dass dieselbe Art nie wieder zum Vorschein kommen werde. Hie anscheinend auffallendsten Ausnahmen von dieser Hegel bilden Barsahdb's sogenannte »Kolonien* von Arten, welche sich eine

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Zeit lang mitten in altere Formationen einschieben und dann spiiler wieder erscheinen: doch hallo ich Lyells Erklärung sie seyen durch Wanderungen ans einer geographischen Provinz in die andre bedingt. für vollkommen genügend.

Iliese verschiedenen Thatsachen vertragen sich wohl mit meiner Theorie. Ich glaube an kein festes Entwickelungs-Cesetz. welches alle Bewohner einer Gegend veranlasste, sich plötzlich oder gleichzeitig oder glcichmüssig zu iindern. Per Abandcrungs-l'rozess inuss ein sehr langsamer seyn. Die Veränderlichkeit jeder Art ist ganz unabhängig von der der andern Arten. Ob sich die Natürliche Züchtung solche Veränderlichkeit zu Nutzen marhl. und ob die in grosserem oder geringerem Maasse gehäuften Abänderungen stärkere oder schwächre Modifikationen in den sich ändernden Arien veranlassen, Diess bangt von vielen verwickelten Bedingungen ab: von der Nützlichkeit der Veränderung, von der Wirkung der Kreutzung. von dem Maass der Züchtung, vom all mählichen Wechsel in der natürlichen Beschaffenheit der Gegend, und zumal von der Beschaffenheit der übrigen Organismen, welche mit den sieh ändernden Arten in Mithewerbung kommen: daher es keineswegs überraschend ist. wenn eine Art ihre Form unverändert bewahrt, während andre sie wechseln, oder wenn sie solche in geringerem Grade wechselt als diese. Wir beobachten Dasselbe in der gengraphischen Verbreitung, z. B. auf Madeira. wo die l.andschnocken und Käfer in beträchtlichem Mansse von ihren nächslen Verwandten in Europa abgewichen, während Vögel und See-Mollusken die nämlichen gehlieben sind. Man Mm Vielleicht die anscheinend raschere Veränderung in den Land-Bewohnern und den hoher organisirlen Formen gegenüber derjenigen der meerischen und der tiefer-stehendon Arten aus den zusammengesetzteren Beziehungen der vollkommenem Wesen zu ihren organischen und unorganischen Lebens-Bedingungen, wie sie in einem früheren Abschnitte auseinander gesetzt worden sind, herleiten. Wenn viele von den Bewohnern einer Gegend abgeändert und vervollkommnet worden sind, so begreift man au* dem Prinzip der Mitbewerluing und aus den hochst-wirhtigen Beziehungen von Organismus zu Organismus, dass eine Form.

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welche gar keine Änderung und Vervollkommnung erfahrt, der Austilgung preisgegeben ist. Daraus «gibt sich dann, dass alle Arien einer Gegend zuletzt, wenn wir nämlich hinreichend lange Zeiträume dafür zugestehen, entweder abändern oder zu Grunde gehen müssen.

Bei Gliedern einer Klasse mag das Maass der Änderung während langer und gleicher Zeit-Perioden im Mittel vielleichl nahezu gleich seyn. Da jedoch die Anhäufung lange dauernder Fossilreste-führender Formationen davon bedingt ist, ob grosse Sediment-Massen während einer Senkungs-Periode abgesetzt »erden, so müssen sich unsre Formationen nothwendig meistens mit langen und unregelmässigen Zwischenpausen gebildet haben: daher denn auch der Grad organischer Veränderung, welchen die in den Erd-Schichten abgelagerten organischen Resle an sich tragen, in aufeinander-l'olgenden Formationen nicht gleich ist. Jede Formation bezeichnet nach dieser Anschauungs-Weise nicht einen neuen und vollständigen Akt der Schöpfung, sondern nur eine Meistens ganz nach Zufall herausgerissene Szene aus einem langsam vor sich gehenden Drama.

Man begreift leicht, dass eine einmal zu Grunde gegangene Art nicht wieder zum Vorschein kommen kann, selbst wenn die nämlichen unorganischen und organischen Lebens-Bedingungen nochmals eintreten. Denn obwohl die Nachkommenschaft einer Art so hergerichtet werden kann (und gewiss in unzähligen Fallen hergerichtet worden ist), dass sie den Platz einer andern Art im Haushalle der Natur genau ausfüllt und sie ersetzt, so können doch beide Formen, die alle und die neue, nicht identisch die nämlichen seyn, weil beide gewiss von ihren verschiedenen Stamm-Vätern auch verschiedene Charaktere mil-geerbt haben. So konnten z. B., wenn unsre Pfauentauben ausstürben, Tauben-Liebhaber durch lange Zeil Fortgesetzte und auf denselben Punkt gerichtete Bemühungen wohl eine neue von unsrer jetzigen Plauentaube kaum unterscheidbare Rasse zu Stande bringen. Ware aber auch deren Urform, unsre Felstaube im Naturzustände, wo die Stamm-Form gewohnlich durch ihre vervollkommnete Nachkommenschaft ersetzt und vertilgt wird, zerstört worden,

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so milsste es doch ganz unglaubhaft erscheinen. dass ein Pfauen» schwänz, mit unsrer jetzigen Rasse identisch, von irgend euer andern Tauben-Art oder einer andern guten Varietät unsrer Bing.. Taulien gezogen werden könne, weil die nen-gehildete Pfauen-taube von ihrem neuen Stamm-Vater last gewiss einige Heim auch nur Leichte Unterschoidungs-Merkmale beibehalten würde.

Arien-Gruppen. wie Sippen und Familien sind, folgen in ihren Auftreten und Versehwinden denselben allgemeinen Regeln, wie die einzelnen Arten selbst, indem sie mehr oder weniger schnell. in grossrein oder geringerem Grade wechseln. Eine Gruppe erscheint nicht wieder, wenn sie einmal untergegangen ist: ihr Daseyn ist abgeschnitten, ich weiss wohl, dasa et einige anscheinende Ausnahmen von dieser Regel gibt: allein es sind deren so erstaunlich wonig, dass E»w. Fohbks, I'ictet und \\ oodwasu (.obwohl dieselben alle diese von mir vertheiiliglen Ansichten sonst bestreiten) deren Richtigkeit zugestehen, und diese Kegel entspricht vollkommen meiner Theorie. Denn, wenn alle Arten einer Gruppe von nur einer Stamm-Art herkommen, dann ist es klar. dass. so lange als noch irgend eine Art der Gruppe in der langen Reihenfolge der geologischen Perioden zum Vorschein kommt, so lange auch noch Glieder derselben Gruppe in ununterbrochncr Reihenfolge exfstirt haben müssen, um allmählich veränderte und neue oder noch die alten und unveränderten Formen hervorbringen zu können. So müssen also Arten der Sippe Lingula seil deren Erscheinen in den untersten Schichten bis zum heutigen Tage ununterbrochen vorhanden gewesen seyn.

Wir haben im letzten Kapitel gesehen, dass es zuweilen aussieht. als seyen die Arten einer Gruppe ganz plötzlich aufgetreten , und ich habe versucht diese Thatsachc zu erklären, welche, wenn sie sich richtig verhielte, meiner Theorie verderblich seyn würde. Aber derartige Falle sind gewiss nur als Ausnahmen zu betrachten: nach der allgemeinen Regel wachst die Arten-Zahl jeder Gruppe allmählich bis zu ihrem Maximum an und nimmt dann früher oder später wieder langsam ab. Wenn man die Arten-Zahl einer Sippe oder die Sippen-Zahl einer Familie durch eine Vertikal-Linie ausdrückt. welche die übereinander-fol-

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genden Formationen mit einer nach Maassgahe der in jeder derselben enthaltenen Arten-Zahl veränderlichen Dicke durchsetzt, so kann es manchmal scheinen, als beginne dieselbe unten breit, statt mit scharfer Spitze: sie nimmt dann aufwärts noch weiter an Breite zu, halt darauf zuweilen eine Zeil taug gleiche Starke ein und lauft dann in den obren Schichten, der Abnahme und dem Erlöschen der Arten entsprechend, allmählich spitz aus. Diese allmähliche Zunahme einer Gruppe steht mit meiner Theorie vollkommen im Einklang, da die Arten einer Sippe und die Sippen einer Familie nur langsam und allmählich an Zahl wachsen können, weil der Vorgang der Umwandlung und der Entwickelung einer Anzahl verwandter Formen nur ein langsamer seyn kann, da eine Art anfanglich nur eine oder zwei Varietäten liefert, welche sich allmählich in Arten verwandeln, die ihrerseits mit gleicher Langsamkeit wieder andre Arten hervorbringen und so weiter (wie ein grosser liauin sich allmählich verzweigt), bis die Gruppe gross wird. Erlöschen.) Wir haben bis jetzt nur gelegentlich von dem Verschwinden der Arten und Arien-Gruppen gesprochen. Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung sind jedoch das Erlöschen alter und die Bildung neuer verbesserter Formen aufs Innigsie mit einander verbunden. Die alte Meinung, dass von Zeit zu Zeit sänimtliche Bewohner der Erde durch grosse Umwälzungen von der Oberfläche weggefegt worden seyen, ist jetzt ziemlich allgemein und selbst von solchen Geologen, wie Elie i>i l!i u «oM. MobchiSOn, Bahhande ii. ii. aufgegeben, deren allgemeinere Anschiiuungs-W eise sie auf dieselbe hinlenken miissle. Wir haben vielmehr nach den über die Tertiär-Formationen angestellten Studien allen Grund zur Annahme, dass Arten und Arten-Gruppen ganz allmählich eine nach der andern verschwinden, zuerst an einer Stelle, dann an einer andern und endlich überall. Einzelne Arten sowohl als Arten-Gi nppeii haben sehr ungleich lange feilen gedauert, einige Gruppen, wie wir gesehen, von der ersten Wiegen-Zeit des Lebens an bis zum heutigen Tage, während andre nicht einmal den Schluss der paläolithischen Zeit erreichl haben. Es scheint kein bestimmtes Gesetz zu geben, welches die Lange der Dauer einer Art oder Sippe bestimmte. Doch

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Scheint Grand nur Annahme vorhanden, dass das gänzliche Erlöschen der Arien einer Gruppe gewöhnlich ein langsamerer Vorgang als selbst ihre Entstehung ist. Wenn man das Erscheinen und Verschwinden der Arten einer Gruppe ebenso wie im vorigen Falle durch eine Vertikallinie von veränderlicher Dicke ausdruckt. so pflegt sich dieselbe weit allmählicher an ihrem obren den Erloschen entsprechenden, als am untern die Enlwickelung darstellenden Ende zuzuspitzen. Doch ist in einigen Fallen das Erlöschen ganzer Gruppen von Wesen. wie das der Ammonilen am Ende der Sekundar-Zeit, wunderbar rasch vor sich gegangen.

Die ganze Frage vom Erlöschen der Arten ist in das ge-heimnissvollste Dunkel gehüllt gewesen. Einige Schriftsteller haben sogar angenommen, dass Arten gerade so wie Individuen eine regelmässige Lebensdauer haben. Durch das Verschwinden der Arten ist wohl Niemand mehr in Verwunderung gesetzt worden, als es mit mir der Fall gewesen. Als ich im ta-P/o/a-Staale einen Pferde-Zahn in einerlei Schicht mit Resten von Maslodon. Megatherium. Toxodon u. a. Ungeheuern zusammenliegend fand, welche sammtlich noch in spater geologischer Zeit mit noch jetzt lebenden Konchylien-Arten zusammen gelebt haben, war ich mit Erstaunen erfüllt. Denn da die von den Spaniern in Süd-Amerika eingeführten Pferde sich wild über das ganze Land verbreitet und zu unermesslicher Anzahl vermehrt haben, so musste ich mich bei jener Entdeckung selber fragen, was in verhaltnissniassig noch so neuer Zeit das frühere Pferd unter Lebens Bedingungen zu vertilgen vermocht, welche sich der Vervielfältigung des Spanischen Pferdes so ausserordentlich günstig erwiesen haben? Aber wie ganz ungegründet war mein Erstaunen! Professor Owen erkannte bald. dass der Zahn. wenn auch denen der lebenden Arten sehr ähnlich. doch von einer ganz anderen nun erloschenen Art herrühre. Wäre diese Art noch jetzt, wenn auch schon etwas selten, vorhanden, so würde sich kein Natu«-lorscher im mindesten über deren Seltenheit wundern, da es viele seltene Arten aller Klassen in allen Gegenden gibt. Fragen wir uns selbst, warum diese oder jene Art selten ist. so ant Worten wir, es müsse irgend etwas in den vorhandenen Lebens-Bedingungen

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ungünstig seyn, obwohl wir dieses Etwas nicht leicht naher zu bezeichnen wissen. Exislirte das fossile Pferd noch jetzt als eine seltene Art. so würden wir in Berücksichtigung der Analogie mit allen andern Säugthier-Arlen und selbst mit dem sich nur langsam fortpflanzenden Elephanten und der Vermehrungs-Gesehichte des in Süd-Amerika verwilderten Hauspferdes fühlen, dass jene fossile Art unter günstigeren Verhaltnissen binnen wenigen Jahren im Stande seyn müsse den ganzen Kontinent zu bevölkern. Aber wir können nicht sagen, welche ungunstigen Bedingungen es seyen, die dessen Vermehrung hindern, ob deren nur eine oder ob ihrer mehre seyen, und in welcher Lebens-I'eriode und in welchem Grade jede derselben ungünstig wirke. Verschlimmerten sich aber jene Bedingungen allmählich, so würden wir die Thalsiiche sicher nicht bemerken, obschon jene (fossile) Pferde-Art gewiss immer seltener und seltener werden und zuletzt erlösche» würde: denn ihr Platz ist bereits von einen, andern siegreichen Mitbewerber eingenommen,

Man hat viele Schwierigkeit sich immer zu erinnern, dass die Zunahme eines jeden lebenden Wesens durch anbemerkbare schädliche Agentien fortwährend aulgehalten wird, und dass dieselben anbemerkbaren Agentien vollkommen geniigen können, um eine fortdauernde Verminderung und endliche Vertilgung zu bewirken. Wir sehen in den neueren Tcrtiar-Bildungen viele Beispiele, dass Seilenwerden dem ganzlichen Verschwinden vorangehl, und wir wissen, dass es derselbe Kall bei denjenigen Thier-Arten gewesen ist. welche durch den Einfluss des Menschen ortlich oder überall von der Erde verschwunden sind. Ich will hier wiederholen, was ich im Jahr Z84.5 drucken liess : Zugeben, dass Arten gewöhnlich selten werden, ehe sie erloschen, und sich über das Sellnerwerden einer Art nicht wundern, aber dann doch hoch erstaunen, wenn sie endlich zu Grunde geht, — heissl Dasselbe, wie: Zugeben, dass bei Individuen Krankheit dem Tode vorangeht, und sich über das Erkranken eines Individuums nie hl befremdet fühlen, aber sich wundern, wenn der kranke Mensch stirbt, und seinen Tod irgend einer unbekannten Gewall zuschreiben.

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[>io Theorie 4M RStnrtichffli Züchtung beruhet »nf der ,\n nehme, dass jede neue Varietät und isnletzt jede neue Art dadurch gebildet und erhalten worden seyc, dass sie irgend einen V« zug vor den mitbewerbenden Arten an sich habe, in Folge dessen die nicht bevortheilten Arten meistens unvermeidlich erloschen. Es verhalt sich eben so mit unsren Kultur-Erzeugnissen. Ist eine neue etwas vervollkommnete Varietät gebildet worden, so ersetzt sie anfangs die minder vollkommenen Varietäten in der Nachbarschaft; ist sie mehr verbessert, so breitet sie sich in Nahe und Ferne aus, wie unsre kurz-hornigen Rinder gethan, und nimmt die Stelle der andern Rassen in andern Gegenden ein. .So sind die Erscheinungen neuer und das Wr-Schwinden aller Formen, natürlicher wie künstlicher, enge miteinander verknüpft. In manchen wohl gedeihenden Gruppen ist die Anzahl der in einer gegebenen Zeit gebildeten neuen Art-Formen grosser als die alten erloschenen: da wir aber wissen, dass gleichwohl die Arten-Zahl wenigstens in den letzten geologischen Perioden nicht unbeschrankt zugenommen hat. so dürfen wir annehmen, dass eben die Hervorbringung neun Formen das Erloschen einer ungefähr gleichen Anzahl alter vir anlassl habe.

Die Mitbewerbung wird gewohnlich, wie schon früher er klart und durch Beispiele erläutert worden ist, zwischen deinem gen Formen am ernstesten seyn, welche sich in allen Bezielnin gen am ahnlichsten sind. Daher die abgeänderten und verbesser len Nachkommen gewöhnlich die Austilgung ihrer Stamm Ai veranlassen werden; und wenn viele neue Formen von irgem einer einzelnen Art entstanden sind, so werden die nächste Verwandten dieser Art, das heisst die mit ihr zu einer Sipp gehörenden, der Vertilgung am meisten ausgesetzt seyn. Und 9 muss, wie ich mir vorstelle, eine Anzahl neuer von einer Stamm Art entsprossener Spezies, d. h. eine neue Sippe, eine alte Sipp der nämlichen Familie ersetzen. Aber es muss sich auch oll SOtW gen, dass eine neue Art aus dieser oder jener Gruppe den l'lal einer Art aus einer andern Gruppe einnimmt und somit dere Erloschen veranlasst; wenn sich dann von dem siegreichen Eiit-

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dnnglinge viele verwandte Formen entwickeln, so werden aurh viele diesen ihre Platze überlassen müssen, und es werden gewöhnlich verwandte Arien seyn, die in Folge eines gemeinsebafl-lich ererbten Nachtheils den andern gegenüber unterliegen. Mögen jedoch die unterliegenden Arien zu einer oder zu irer-schiedenen Klassen geboren, so kann doch oller einer oder der andre von ihnen in Folge einer Befähigung zu einer etwas abweichenderen Lebensweise, oder seines abgelegenen Wohnortes wegen, eine minder streng« Mitbewerhung zu befahren haben und sich so noch langre Zeit erhallen. So überlebt z. B. nur noch eine einzige Trigonia in dem AusliaUxrheii Meere die in der Sekundär-Zeit zahlreich gewesenen Arten dieser Sippe, und eine geringe Zahl von Arten der einst reichen Gruppe der Ga-noiden-Fische kommt noch in unsren Süsswassern vor. Und so ist dann das ganzliehe F.rlosrhen einer Gruppe gewöhnlich ein langsamerer Vorgang als ihre Entwicklung.

Was das anscheinend plötzliche Aussterben ganzer Familien und Ordnungen betrifft, wie das der Trilobiten am Ende der pa-laolitbischen und der Amiiionilcn am F.udc der inesolitlii-ilien Zeit-Periode, so müssen wir uns zunächst dessen erinnern. »;is schon oben über die sehr laugen Zwischenräume zwischen uns-ren verschiedenen Formationen gesagt worden ist, wahrend welcher viele Formen langsam erloschen seyn können. Wenn Ferner durch plötzliche Einwanderang oder ungewöhnlich rasche Ent-

wickelung viele Arten einer neuen Gruppe von einem neuen Gebiete Besitz nehmen, so können sie auch in entsprechend rascher Weise vidi' der allen Bewohner verdrangen: und die Formen, welche ihnen ihre Stelle überlassen, werden gewohnlich mit einander verwandte Tlieilnelimer an irgend einem ihnen gemeinsamen .Nachlhcile der Organisation seyn.

So scheint mir die Weise, wie einzelne Arten und ganze Arten-Gruppen erloschen, gut mit der Theorie der Natürlichen Züchtung übereinzustimmen. Das Erlöschen kann uns nicht wundernehmen: was uns eher wundern miissle. ist vielmehr unsre einen Augenblick lang genährte Anmassiing. die vie len verwickeilen Bedingungen zu begreifen, von welchen das

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Daseyn jeder Spezies abhängig isl. Wenn wir einen Augenblick vergessen; dass jede Ari auf ungeregelte Weise zuzunehmen strebt und irgend eine wenn auch ganz selten wahrgenommene Gegenwirkung immer in Thaügkeil ist, so muss uns der ganze Haushalt der Natur allerdings sehr dunkel erseheinen. Nur wenn wir genau anzugeben wussten. warum diese Art reicher an Individuen als jene ist, warum diese und nicht eine andre in einet angedeuteten Gegend naturalisirl weiden kann, dann und nur dann hatten wir Ursache uns zu wundern, warum wir uns von dem Erlöschen dieser oder jener einzelnen Spezies oder Arten-Gruppe keine Rechenschan zu geben im Stande sind.

Über das fast gleichzeitige Wechseln der Leben-iormen auf der ganzen Erd -Oberfläche.) Kaum ist irgend eine andre palaontologischc Entdeckung so überraschend als die Tbatsache, dass die Lebenformen einem auf fast der ganzen Erd-Oberflache gleichzeitigen Wechsel unterliegen. So kann unsre Europäische Kreide-Formation in vielen entfernten Weltgegenden und in den verschiedensten Klimaten wieder erkannt werden. wo nicht ein Stückchen Kreide selbst zu entdecken ist. So namentlich in Nord- und im tropischen Süd-Amerika, im Feuerlande. am Kap der guten Hoffnung und auf der Ostindisrhen Halbinsel, weil an diesen entfernten Punkten der Erd-Oberflache die organischen riesle gewisser Schichten eine unverkennbare Ähnlichkeit mit denen unsrer Kreide besitzen. Nicht als ob es überall die nämlichen Arten waren: denn manche dieser Örtlichkeiten haben nicht eine Art mit einander gemein: - aber sie gehören zu einerlei Familie, Sippe, Untersippe und ähneln sich oft bis auf die gleichgültigen Skulpturen der Oberfläche. Ferner fehlen andre Formen, welche in Europa nicht in. sondern über oder unter der Kreide-Formation vorkommen, der genannten Formation auch in jenen fernen Gegenden. In den aufeinander-folgendcn paläozoischen Formationen Russlamls. West-Europas und Sord-Amerikas isl ein ahnlicher l'arallelis-mus im Auftreten der Lebenformen von mehren Autoren wahrgenommen worden, und eben so in dem Europäischen und Nord-Amerikanischen Tertiär-Gebirge nach Lyell. Selbst wenn

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wir die wenigen Arten ganz aus dem Auge lassen, welche die Alte und die AT«im Welt mit einander gemein haben, so steht der allgemeine Parallelismus der aufeinander folgenden Leben-lormen in den verschiedenen Stocken der so weit auseinander gelegenen paläolithischen und tertiären Gebilde so fest, dass sich diese Formationen leicht Glied um Glied miteinander vergleichen lassen.

Diese Beobachtungen jedoch beziehen sich nur auf die Mcncs-Bewohner der verschiedenen Weltgegenden, und wir haben nicht genügende Nachvveisungcn um zu bcurtheilen. ob die Erzeugnisse des Landes und der Süsswasser an so entfernte« Punkten einander gleichfalls in paralleler Weise ablösen. Man mochte daran zweifeln, ob es der Fall: denn wenn das Megathcriuin, der Mylodon und Toxodon und die Macrauchenia aus dem La-Plata-tiebielc nach Europa gebracht worden waren ohne alle Nachweisung über ihre geologische Lagerstätte, so wurde wohl niemand vermuthet haben, dass sie mit noch jetzt lebend vorkommenden See-Mollusken gleichzeitig existirten: da jedoch diese monströsen Wesen in11 Jlaslodon und Pferd zusam-mcngclagert sind, so lässt sich daraus wenigstens schliessen, dass sie in einem der letzten Stadien der Tertiär-Periode gelebt haben müssen.

Wenn vorhin von dem gleichzeitigen Wechsel der Meeres-Bewohner auf der ganzen Erd-Oberfläche gesprochen worden. H handelt es sich dabei nicht um die nämlichen tausend oder hunderllausend Jahre oder auch nur um eine strenge Gleichzeitigkeit im geologischen Sinne des Wortes. Denn, wenn alle Meeres-Thiere, welche jetzt in Europa leben, und alle, welche in der pleislocänen Periode (eine, in Jahren ausgedrückt, ungeheuer entfernt-liegende Periode. indem sie die Eis-Zeil mit in sieh begreift) da gelebt haben, mit den jetzt in Siiil-Amerika oder in Australien lebenden verglichen würden. so dürfte der erfahrenste .Naturforscher schwerlich zu sagen im Stande seyn, ob die jelzt lebenden oder die pleislocänen Bewohner Eino/ias mit denen der südlichen Halbkugel naher übereinstimmen. Eben so glauben mehre der sachkundigsten Beobachter, dass die

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jetzige I.chi'iiwi'li in den Vereinten Staaten mit derjenigen RV volkernng naher verwandt «eye. welche Während einiger der letzten Stadien der Tertiär-Zeit in Europa existirt hat, als nnl der noch jetzt da wohnenden: und wenn Diess so ist, SO wunlr man offenbar die Fossilien-ftthrenden Schichten, welche jetzt an den Nord-Amerikanischen Küsten abgelagert werden, in einer spateren Zeit eher mit. etwas alteren Europäischen Schicht«! zusammenstellen. Dcmungeachtet kann. wie ich glaube. kaum ein Zweifel seyn, dass man in einer sehr lernen Zukunft Hoch alle neueren incerisehen Bildungen, namentlich die obern plioeänen, die plcistoeanen und die jelzt-zeitigen Schichten Europas, Nord- und Süd-Amerikas und Australiens, weil sie Reste in ge> Wissem Grade mit einander verwandter Organismen und nicli! auch diejenigen Arten, welche allein den tiefer-liegenden alteren Ablagerungen angehören, in sich einschliessen. ganz richtig als gleich-all in geologischem Sinne bezeichnen würde.

Die Thalsache, dass die Uehcnlörmen gleichzeitig miteinander, in dem obigen weilen Sinne des Wortes, seihst in entfernten Theilen der Welt wechseln, hat die vortrefflichen Beobachtet de Verneiil und u Archiac sehr betroffen gemacht. Nachdem sie über den Parallelismus der palaolilhischen Lebenformen in verschiedenen Theilen von Europa berichtet, sagen sie weiter: »Wenden wir nnsre Aufmerksamkeil nun nach Nord-Amrrilin. so entHecken wir dort eine Reihe analoger Thatsachen, lind scheint es gewiss zu seyn, dass alle diese Abänderungen der Arten, ihr Erloschen und das Auftreten neuer nicht blossen Yer-anderungen in den Meeres-Slrinniingen oder andern mehr unil weniger ortlichen und vorübergehenden Ursachen zugeschrieben werden können, sondern von allgemeinen Gesetzen abhangen, welche das ganze Thier-Reich betreffen." Auch Babbande hat ähnliche Wahrnehmungen gemacht und nachdrücklich hervorgehoben. Es ist in der Thal ganz ohne Nutzen, die Ursache dieser grossen Veränderungen in den l.ebenformen der ganzen Erd-Ober-fläche und in den verschiedensten Klimaten im Wechsel der See-Strömungen, des Klimas oder andrer natürlicher Lebens-Be-dingungen aufsuchen zu wollen: wir müssen uns, wie schon

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Barrakdf. bemerkt, nach einem besondren Gesollt! dafür umsehen. Wir »erden Diess deullieher erkennen, wenn von der gegenwärtigen Verlheilung der organischen Wesen die Rede seyn wird j wir werden dann finden, wie gering die Beziehungen zwischen den natürlichen Lebens-Bedingungen verschiedener Lander und der Natur ihrer Bewohner ist.

Diese grosse Thatsache von der parallelen Aufeinanderfolge der Lcbenforuien auf der ganzen Erde ist aus der Theorie der Xalm liehen Züchtung erklärbar. Neue Arten entstehet] aus neuen Varietäten, welche einige Vorzüge von alleren Formen an sich tragen, und diejenigen Formen, welche bereits der Zahl nach vorherrschen oder irgend einen Vorlheil vor andern Formen voraus-haben, werden naturlich am öftesten die Entstehung neuer Varietäten oder beginnender Arten veranlassen: denn diese letz-len werden in noch höherem Grade siegreich gegen andre bestehen und sie überleben. Wir finden einen bestimmten Beweis dafür in den herrschenden, d. h. in ihrer Heimath gemeinsten und am weitesten verbreiteten Pflanzen-Arten, indem diese die griissle Anzahl neuer Varietäten gebildet haben. Ebenso ist es natürlich, dass die herrschenden veränderlichen und weit verbreiteten Arten, die bis zu einem gewissen Grade bereits in Sie Gebiete andrer Arten eingedrungen sind, auch bessere Aussicht als andre zu noch weitrer Ausbreitung und zur Biidnng fernerer Varietäten und Arten in den neuen Gegenden haben. Weser Vorgang der Verbreitung mag oll ein sehr langsamer seyn, in dem er von klimatischen und geographischen Veränderungen und zufälligen Ereignissen abhängt: doch mit der Zeit wird die Verbreitung der herrschenden Formen gewöhnlich durchgreifen. Sie wird bei Land-Bewohnern geschiedener Kontinente wahrscheinlich langsamer vor sich gehen, als bei den Organismen zusammenhangender Meere. Wir werden daher einen minder genauen Grad paralleler Aufeinanderfolge in den Land- als in den Meeres-Erzengnissen zu finden erwarten dürfen, wie es auch in der That der Fall ist.

Wenn herrschende Arten sieb von einer liegend aus verbreiten, so werden sie mitunter auf noch herrschendere Arten

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stossen. und dann wird ihr Siegeslauf und selbst ihre Existenz aufllören, Wir wissen durchaus nicht genau, welches alle die günstigsten Bedingungen für die Vermehrung neuer und herrschender Arien sind : doch Das können wir, glaube ich, klar erkennen , dass eine grosse Anzahl von Individuen, insofern« sie mehr Aussicht auf die Hervorbringung vorlheilhafler Abänderungen hat, und dass eine strenge Mitbewerbung mittelst vieler schon bestehender Können im höchsten Grade vortheilhafl seyn müsse, sowie das Vermögen sich in neue Gebiete zu verbreiten. Ein gewisser Grad von Isolirung, nach langen Zwischenzeiten zuweilen wiederkehrend, durfte, wie früher erläutert worden, wohl gleichfalls forderlich seyn. Ein Theil der Erd-Oberflachc mag für die Hcrvorbringiing neuer und herrschender Arten des Landes und ein andrer für solche des Meeres günstiger seyn. Wenn zwei grosse Gegenden sehr lange Zeiten hindurch zur Hervorbringung herrschender Arten in gleichem Grade geeignet gewesen, so wird der Kampf ihrer Einwohner miteinander, wann immer sie zusammentreffen mögen, ein langer und harter werden, und werden einige von der einen und einige von der andern Geburts-Stätte aus siegreich vordringen. Aber im Laufe der Zeit werden die im höchsten Grade herrschenden Formen, auf welcher von beiden Seiten sie auch entstanden seyn mögen, überall das l'bergewicht erlangen. In dem Maassc. als sie überwiegen, werden sie das Erlöschen andrer unvollkommenerer Formen bedingen: und da oft ganze unter sich verwandte Gruppen die gleiche ("nvollkommenlieit gemeinsam ererbt haben. so werden solche Gruppen sich allmählich ganz zum Erloschen neigen, wenn auch da und dort ein einzelnes Glied sich noch eine Zeit lang durchbringen mag.

So, scheint mir. stimmt die parallele und. in einem weiten Sinne genommen, gleichzeitige Aufeinanderfolge, der nämlichen Lebenlörmen auf der ganzen Erde wohl mit dem Prinzip überein. dass neue Arten durch sich weit verbreitende und sehr veränderliche herrschende Spezies gebildet worden: die so erzeugten neuen Arten werden in Folge von Vererbung und, weil sie bereits einige Vorllieile über ihre Altern und über andre Arien besitzen,

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seiher herrschend: auch diese breiten sich nun aus, variiren und bilden wieder neue Spezies. Diejenigen Formen, welche verdrängt werden und ihre Stellen den neuen siegreichen Formen überlassen, werden gewöhnlich gruppenweise verwandt seyn, weil sie irgend eine Unvollkommenheit gemeinsam ererbt haben: daher in dem Maasse als sich die neuen und vollkommneren Gruppen über die Erde verbreiten, alte Gruppen vor ihnen verschwinden müssen. Diese Aufeinanderfolge der Formen auf beiden Wegen wird sich überall zu entsprechen geneigt seyn.

Noch bleibt eine Bemerkung über diesen Gegenstand zn machen übrig. Ich habe die Gründe angeführt, weshalb ich glaube, dass jede unsrer grossen Fossilreste-führenden Formationen in Perioden fortdauernder Senkung abgesetzt worden sind, dass aber diese Ablagerungen durch lange Zwischenräume getrennt gewesen,'wo der Meeres-Boden stet oder in Hebung begrilfen war, oder wo die Anschüttungen nicht rasch genug erfolgten, um die organischen Reste einzuhüllen und gegen Zerstörung zu bewahren. Während dieser langen leeren Zwischenzeilen nun haben, nach meiner Annahme, die Bewohner jeder Gegend viele Abänderungen erfahren und viel durch Erloschen gelitten, und haben grosse Wanderungen von einem Theile der Erde zum andern stattgefunden. Da nun Grund zur Annahme vorhanden ist, dass weite Felder die gleichen Bewegungen durchgemacht haben, so haben gewiss auch oft genau gleichzeitige Formationen über sehr weiten Räumen einer Weltgegend abgesetzt werden können: doch sind wir hieraus nicht zu schliessen berechtigt, dass Diess unabänderlich der Fall gewesen, oder dass weite Felder unabänderlich von gleichen Bewegungen betroffen worden seyen. Sind zwei Formationen in zwei Gegenden zu beinahe, aber nicht genau, gleicher Zeit entstanden, so werden wir in beiden aus Schon oben auseinandergesetzten Gründen im Allgemeinen die nämliche Aufeinanderfolge der Lebenlormen erkennen: aber die Arten werden sich nicht genau entsprechen, weil sie in der einen Gegend etwas mehr und in der andern etwas weniger Zeit gehabt haben abzuändern, zu wandern und zu erloschen.

Ich vermuthe, dass Falle dieser Art in Kuropa selbst vor

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kommen. Pbestwich ist in seiner vortreßlichen Abhandlung über die Booio-Schiohten i" England und Frankreich im Stande einen

im Allgemeinen genauen Parallelismus zwischen den aufeinanderfolgenden Stocken beider Gegenden nachzuweisen. Obwohl sich nun bei Vergleichung gewisser Stocke in England mit denen in Frankreich eine merkwürdige Übereinstimmung beider in den zu einerlei Sippen gehörigen Arten ergibt, so weichen doch diese Arten selber in einer bei der geringen Entfernung beider Gebiete schwer zu erklärenden Weise von einander ab, wenn man nicht annehmen will, dass eine Landenge zwei benachbarte Meere getrennt habe, welche von gleichzeitig verschiedenen Faunen bewohnt gewesen seyen. Lyell hat ähnliche Beobachtungen über einige der späteren Tertiär-Formationen gemacht, und ebenso hat Babrande gezeigt, dass zwischen den aufeinanderfolgenden Silur-Schichten Böhmens und Skaiidinarieiis im Allgemeinen ein genauer Parallelismus herrsche, demungeachtet aber eine erstaunliche Verschiedenheit zwischen den Arten bestehe. Wären aber nun die verschiedenen Formationen dieser Gegenden nicht genau wahrend der gleichen Periode abgesetzt worden. indem etwa die Ablagerung in der einen Gegend mit einer Pause in der Mildern zusammenfiele, — und hätten in beiden Gegenden die Arien sowohl während der Anhäufung der Schichten als während der langen Pausen dazwischen langsame Veränderungen erfahren: so würden die verschiedenen Formationen beider Gegenden auf gleiche Weise und in Übereinstimmung mit der allgemeinen Aufeinanderfolge der Lebenformen geordnet erscheinen, und ihre Ordnung sogar genau parallel scheinen (ohne es zu seynj; demungeachtet würden in den einzelnen einander anscheinend entsprechenden Stocken beider Gegenden nicht alle Ai'U'ii übereinstimmen.

Verwandtschaft erloschener Arten unter sich und m il den lebenden Formen.) Werfen wir nun einen Blick auf die gegenseitigen Verwandtschaften erloschener und lebender Formen. Alle lallen in ein grosses rSatur-System. was sich aus dem Prinzip gemeinsamer Abstammung erklart. Je alter eine Form, desto mehr weicht sie der allgemeinen Kegel zufolge

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den lebenden Formen ab. Doch können, wie Bitkland schon langst bemerkt, alle fossilen Formen in noch lebende Gruppen eingetheilt oder zwischen sie eingeschoben werden. Es ist nicht zu bestreiten, dass die erloschenen Formen weite Lücken zwischen den jetzt noch bestehenden Sippen, Familien und Ordnungen ausfüllen helfen. Denn wenn wir unsre Aufmerksamkeit entweder auf die lebenden oder auf die erloschenen Formen allein richten, so ist die Reihe viel minder vollkommen, als wenn wir beide in ein gemeinsames System zusammenfassen. Hinsichtlich der Wirbclthiere Hessen sich viele Seiten mit den trefflichen Erläuterungen unsres grossen l'aliiontologen Owen über die Verbindung lebender Thier-Gruppen durch fossile Formen anfüllen. Nachdem Cuvier die Wiederkäuer und die Pachydermen als zwei der aller-verschiedensten Saiiglhier-Ordnungen betrachtet, hat Owen so viele fossile Zwischenglieder entdeckt, dass er die ganze Klassifikation dieser zwei Ordnungen zu ändern genOthigl war und gewisse Pachydermen in gleiche Unterordnung mit Rn-minanlen versetzte. So z. B. füllt er die weile Lücke zwischen Kauiccl und Schwein mit kleinen Zwischenstufen aus. Was die Wirbel-losen betrillt, so versichert Barkanuk, gewiss die erste Autorität in dieser Beziehung, wie er jeden Tag deutlicher erkenne, dass die paläolithischen Tutore. wenn auch in einerlei Ordnungen, Familien und Sippen mit den jetzt lebenden gehörig, doch noch nicht in so bestimmte Gruppen geschieden waren, wie diese letzten.

F.inige Schriftsteller haben sich gegen die Meinung erklart, dass eine erloschene Art oder Arten-Gruppe zwischen lebenden Arien oder Gruppen in der Mitte stehe. Wenn damit gesagt werden sollte, dass die erloschene Forin in allen ihren Charakteren genau das Mittel zwischen zwei lebenden Formen halte, so wäre die Einwendung vermulhlich begründet. Aber ich erkenne , dass in einer vollkommen natürlichen Klassifikation viele fossile Arten zwischen lebenden Arten, und manche erloschene Sippen zwischen lebenden Sippen oder sogar zwischen Sippen verschiedener Familien ihre Stellen einzunehmen haben. Der gewöhnlichste Fall zumal bei sehr niisgezeii hnelen Gruppen. Wie

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Fische und Reptilien sind, scheint mir der zu seyn, dass da, wo dieselben heutigen Tages z. B. durch ein. Dutzend Charaktere von einander abweichen, die allen Glieder der nämlichen zwei Gruppen in einer etwas geringeren Anzahl von Merkmalen unterschieden waren, so dass beide Gruppen vordem, wenn auch schon völlig verschieden, doch einander etwas näher stunden als jetzt.

Es ist eine gewohnliche Meinung, dass eine Form je alter um so mehr geeignet seye, mittelst einiger ihrer Charaktere jetzt weil getrennte Gruppen zu verknüpfen. Diese Bemerkung muss ohne Zweifel auf solche Gruppen beschrankt werden, die im Verlaufe geologischer Zeiten grosse Veränderungen erfahren haben, und es mochte schwer seyn, die Wahrheit zu beweisen: denn hier und da wird auch noch ein lebendes Thier wie der Lepidosiren entdeckt, das mit sehr verschiedenen Gruppen zugleich verwandt ist. Wenn wir jedoch die altern Reptilien und Batrachier. die alten Fische, die alten Cephalopoden und die eoeänen Säugthiere mit den neueren Gliedern derselben Klassen vergleichen, so müssen wir einige Wahrheit in der Bemerkung zugestehen.

Wir wollen nun zusehen, in wie ferne diese verschiedenen Thatsachen und Schlüsse mit der Theorie abändernder Nachkoni-menschalt übereinstimmen. Da der Gegenstand etwas verwickeil ist, so muss ich den Leser bitten, sich nochmals nach dem Bilde S. 121 umzusehen. Nehmen wir an, die numerirten Buchslaben stellen Sippen und die von ihnen ausstrahlenden Punkt-Reihen die dazu gehörigen Arten vor. Das Bild ist insoferne zu einfach, als zu wenige Sippen und Arten darauf angenommen sind: doch ist Das unwesentlich für uns. Die wagrechten Linien mögen die aufeinander-folgenden geologischen Formationen vorstellen und alle Formen unter der obersten dieser Linien als erloschene gelten. Die drei lebenden Sippen a14, q14, p14 mögen eine kleine Familie bilden: b'' und f'4 eine nahe verwandte oder eine Unter-Familie, und o", e", in14 eine dritte Familie vertreten. Diese drei Familien mit den vielen erloschenen Sippen auf den verschiedenen von der Stamm-Form A auslaufenden

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Verzweigungs-Linien bilden eine Ordnung; denn alle werden von ihrem alten und gemeinschaftlichen Stammvater auch etwas Gemeinsames ererbt haben. Nach dem Prinzip fortdauernder Divergenz des Charakters, zu dessen Erläuterung jenes Bild bestimmt war, muss jede Form je neuer um so starker von ihrem ersten Stammvater abweichen. Daraus erklart sich eben auch die Regel, dass die ältesten fossilen am meisten von den jetzt lebenden Formen verschieden sind. Doch dürfen wir nicht glauben, dass Divergenz des Charakters eine nothwendige Eigenschaft ist; sie hangt allein davon ab, ob die Nachkommen einer Art befähigt sind, viele und verschiedenartige Platze im Haushalt der Natur einzunehmen. Daher ist es auch ganz wohl möglich, wie wir bei einigen silurischen Fossilien gesehen, dass eine Art bei nur geringer, nur wenig veränderten Lebens-Bedingungen entsprechender Modifikation fortbestehen und wahrend langer Perioden stets dieselben allgemeinen Charaktere beibehalten kann. Diess wird in dein Bilde durch den Buchstaben F"14 ausgedrückt.

AH' die vielerlei von A abstammenden Formen, erloschene wie. noch lebende, bilden nach unsrer Annahme zusammen eine Ordnung, und diese Ordnung ist in Folge fortwährenden Erlöschens der Formen und Divergenz der Charaktere allmählich in Familien und L'nterfamilien getheilt worden, von welchen einige in früheren Perioden zu Grunde gegangen sind und andre bis auf den heuligen Tag währen.

Das Bild zeigt uns ferner, dass, wenn eine Anzahl der schon früher erloschenen und in die auleinander-l'olgenden F'or-matioiicn eingeschlossenen Formen an verschiedenen Stellen tief unten in der Reihe wieder entdeckt würden, die drei noch lebenden Familien auf der obersten Linie mehr unter sich verkettet scheinen müssten. Wären z. B. die Sippen a1, a\ a10, f"1, m3, in6, m9 wieder ausgegraben worden, so würden die drei Familien so eng mit einander verkettet erscheinen, dass man sie Marocheinlich in eine grosse Familie vereinigen würde, etwa so wie es mit den Wiederkäuern und Dickhäutern geschehen ist. Wer nun gegen die Bezeichnung jener die drei lebenden Familien verbindenden Sippen als »intermediäre dem Charakter nach« Verwah-

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rung einlegen wollte, würde in der That in so ferne Recht haben, als sie nicht direkt, sondern nur auf einem durch viele sehr abweichende Formen hergestellten Umwege sich zwischen jene andern einschieben. Wären viele erloschene Formen über einer der mittein Horizontal-Linien oder Formationen, wie z. B. Nr. VI —, aber keine unterhalb dieser Linie gefunden worden , so würde man nur die zwei auf der linken Seite stehenden Familien — nämlich a14 etc. und b14 etc. — in eine grosse Familie vereinigen, und die zwei andern a14—f14 mit fünf und o14—m14 mit drei Sippen würden dann davon getrennt bleiben. Doch wurden diese zwei Familien weniger voneinander verschieden erscheinen, als vor Entdeckung der fossilen Reste. Wenn wir z. B. annehmen, die noch bestehenden Sippen der zwei Familien wichen in einem Dutzend Merkmale von einander ab, so müssen dieselben in der früheren mit VI bezeichneten Periode weniger Unterschiede gezeigt haben, weil sie auf jener Forlbildungs-Stufe von dem gemeinsamen Stammvater der Ordnung im Charakter noch nicht so stark wie späterhin divergirten. So geschieht es dann, dass alte und erloschene Sippen oft einigermassen zwischen ihren abgeänderten Nachkommen oder zwischen ihren Seiten-Verwandten das Mittel halten.

In der Natur wird der Fall weit zusammengesetzter seyn, als ihn unser Bild darstellt: denn die Gruppen sind viel zahlreicher, ihre Dauer ist von ausserordentlich ungleicher Lange. und die Abänderungen haben manchlältige Abstufungen erreicht. Da wir nur den letzten Band des Geologischen Berichtes mit vielfaltig unterbrochnem Zusammenhange besitzen, so haben wir. einige sehr seltene Fälle ausgenommen, kein Recht, die Ausfüllung grosser Lücken im Natur - Systeme und die Verbindung getrennter Familien und Ordnungen zu erwarten. Alles, was wir hoffen dürfen, ist diejenigen Gruppen, welche erst in der bekannten geologischen Zeit grosse Veränderungen erfahren, in den frühesten Formationen etwas näher aneinander geruckt zu linden, so dass die älteren Glieder in einigen ihrer Charaktere etwas weniger weit auseinander gehen, als die jetzigen Glieder derselben Gruppen: und Diess scheint nach dem cin-

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stimmigen Zeugnisse unserer besten Paläontologen oll der Fall zu seyn.

So scheinen sich mir, nach der Theorie gemeinsamer Abstammung mit fortschreitender Modifikation die wichtigsten That-sachen hinsichtlich der wechselseitigen Verwandtschaft der erloschenen Lelfenformen zu einander und zu den noch bestehenden Formen in genügender Weise zu erklären. Nach jeder andern Betrachtungs-Weise sind sie völlig unerklärbar.

Aus der nämlichen Theorie erhellt, dass die Fauna einer grossen Periode in der Erd - Geschichte in ihrem allgemeinen Charakter das Mittel halten müsse zwischen der zunächst vorangehenden und nachfolgenden. So sind die Arten, welche im sechsten grossen Schichten-Stocke unsres Bildes vorkommen, die abgeänderten Nächkommen derjenigen, welche schon im fünften vorhanden gewesen, und sind die Altern der noch weiter abgeänderten im siebenten: sie können daher nicht wohl anders als nahezu das Mittel zwischen beiden halten. Wir müssen jedoch hiebei im Auge behalten das gänzliche Erloschen einiger früheren Formen, die Einwanderung neuer Formen aus andern liegenden und die beträchtliche l'manderung der Formen während der langen Lücke zwischen zwei aufeinander-folgenden Formationen. Diese Zugeständnisse berücksichtigt, muss die Fauna jeder grossen geologischen Periode zweifelsohne genau das Mittel einnehmen zwischen der vorhergehenden und der folgenden. Ich brauche nur als Beispiel anzuführen, wie die Fossil-Reste des Devon-Systems die Paläontologen zu dessen Aufstellung veranlasst haben, als sie deren mittein Charakter zwischen denen des darunter-liegeiiden Silur- und des darauf-folgenden Steinkohlen-Systems erkannten. Aber nicht jede Fauna muss dieses Mittel genau einhalten, weil die zwischen aufeinanderfolgenden Formalionen verflossenen Zeiträume ungleich lang seyn können.

Es ist kein wesentliche! Einwand gegen die Wahrheit der Behauptung, dass die Fauna jeder Periode im Ganzen genommen ungefähr das Mittel zwischen der vorigen und der folgenden Fauna halten müsse, darin zu linden, dass manche Sippen Ausnahmen von dieser Kegel bilden. So sli......en z. II.. wenn mau

The Comolete Work of Charles Darwin Snline.

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Mastodonten und Elcphanten nnili Dr. FalcOner zuerst nach ihrer Ui'iieiiseiliui'ii Verwandtschaft iinil diinn nach ihrer inologUCBOT Aufeinanderfolge in zwei lieihen ordnet, beide Reihen nicht mit einander überein. Die in ihren Charakteren am weitesten abweichenden Arten sind weder die ältesten noch die jüngsten. noch sind die von mittlem Charakter auch von mittlem Alter. Nehmen wir aber für einen Augenblick an. unsre Kenntnis» von den Zeitpunkten des Erscheinens und Verschwindens der Arten seye in diesem und ähnlichen Fällen vollkommen genau, so haben wir doch noch kein Recht 7-u glauben, dass die nacheinander auftretenden Formen nothwendig auch gleich-lang bestehen müssen: eine sehr alte Form kann zufällig eine längre Dauer als eine irgendwo später entwickelte Form haben, was insbesondre von solchen Landbewohnern gilt, welche in ganz getrennten Bezirken zu Hause sind. Kleines mit Grossem vergleichend wollen wir die Tauben als Beispiel wählen. Wenn man die lebenden und erloschenen Haupt-Rassen unsrer Haus-Tauben so gut als möglich nach ihren Verwandtschaften in Reihen ordnete, so würde diese Anordnungs-Weise nicht genau übereinstimmen weder mit der Zeitfolge ihrer Entstehung und noch weniger mit der ihres Untergangs: Denn die stammällerliche Felstaube lebt noch, und viele Zwischenvarietäten zwischen ihr und der Botentaube sind erloschen, und Botentauben, welche in der Länge des Schnabels das Äusserste bieten, sind früher entstanden, als die kurzschnä-beligen Purzier, welche das entgegengesetzte Ende der auf die Schnabel-Länge gegründeten Reihenfolge bilden.

Mit der Behauptung, dass die organischen Reste einer initteln Formation auch einen nahezu mittein Charakter besitzen, steht die Thatsache. worauf alle Paläontologen bestehen, in nahem Zusammenhang, dass nämlich die fossilen aus zwei aufeinanderfolgenden Formationen viel näher als die aus entfernten mit einander verwandt sind. I'ictet führt als ein wohl-bekanntes Beispiel die allgemeine Ähnlichkeit der organischen Reste aus den verschiedenen Stöcken der Kreide-Formation an, obwohl die Arten in allen Stöcken verschieden sind. Diese Thatsache allein scheint ihrer Allgemeinheit wegen Professor Pictet in seinem

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festen Glauben an .die Unveränderlichkeil der Arten wankend gemacht ZU haben. Wohl bekannt mit der Vertheilungs-Weise der jetzt lebenden Arten über die Erd-Oberflache, wagt er doch nicht eine Erklärung über die grosse Ähnlichkeit verschiedener Spezies in nahe aul'einander-l'olgonden Formationen aus der Annahme herzuleiten, dass die physikalischen Bedingungen der alten Lander-Gebiete sich fast gleich geblieben seyen. Erinnern wir uns, dass die Lebenformen wenigstens des Meeres auf der ganzen Erde und mithin unter den aller-verschiedensten Ivlimaten u. a. Bedingungen fast gleichzeitig gewechselt haben; — und bedenken wir. welchen unbedeutenden Einfluss die wunderbarsten klimatischen Veränderungen wahrend der die ganze Eis-Zeil umschlies-senden Pleistocän - Periode auf die spezifischen formen der Meercs-Bewohner ausgeübt haben!

Nach der Theorie der gemeinsamen Abstammung ist die volle Bedentang der Thalsache klar, dass fossile Beste aus unmittelbar anfeinander-folgenden Formationen, wenn auch als Arten verschieden, nahe mit einander verwandt sind. Da die Ablagerung jeder Formation oll unterbrochen worden ist und lange Pausen zwischen der Absetzung verschiedener Formationen stattgefunden haben, so dürfen wir, wie ich im letzten Kapitel zu zeigen versucht, nicht erwarten in irgend einer oder zwei Formationen alle Zwischenvarietaten zwischen den Arten zu finden, welche am Anfang und am Ende dieser Formationen gelebt haben: wohl aber mussten wir nach mehr oder weniger grossen Zwischenräumen (sehr lang, in Jahren ausgedrückt, aber massig lang in geologischem Sinne) nahe verwandte Formen oder, wie manche Schriftsteller sie genannt haben, »stellvertretende Arten" linden, und diese finden wir in der Thal. Kurz wir entdecken diejenigen Beweise einer langsamen und fast unmerkbaren Umänderung spezifischer Formen, wie wir sie zu erwarten berechtig! sind.

Ober die Entwickelungs-Stufe alter gegenüber den noch lebenden Formen.) Wir haben im vierten Kapitel gesehen, dass der Grad der Differenzirung und Speziali-sirung der Theile aller organischen Wesen in ihrem reifen Mlei den besten bis jetzt versuchten Maasstab zur Bemessung der

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Vollkommenheit«- oder Höhen-Stufe derselben abgibt. Wir haben auch gesehen, dass, insoferne Spezialisirung der Theile und Organe ein Vorlhcil Tür jedes Wesen ist, die Natürliche Züchtung beständig streben wird, die Organisation eines jeden Wenn immer mehr zu spczialisircn und somit, in diesem Sinne genommen, vollkommener zu machen; was jedoch nicht aus-schliesst, dass noch immer viele Geschöpfe, für einfach« Lebens-Bedingungen bestimmt, auch ihre Organisation einfach und unverbessert behalten. Auch in einem anderen and allgemeineren Pinne ergibt sich, dass nach der Theorie der Natürlichen Züchtung die neueren Formen höher als ihre Vorfahren streben; denn jede neue Art hat sich allmählich entwickelt, weil sie im Kampfe ums Daseyn stets einen Vorzug vor andern und älteren Formen besass. Wenn in einem nahezu ähnlichen Klima die eoeänen Bewohner einer Weltgegend zur Bewerbung mit den jetzigen Bewohnern derselben oder einer andern Wellgegend berufen würden, so müsstc die eoeäne Fauna oder Flora gewiss unterliegen und vertilgt werden, wie eine sekundäre Fauna von der eoeänen und eine paläolithische von der sekundären überwunden werden würde. — Der Theorie der Natürlichen Züchtung gemäss müssten demnach die neuen Formen ihre höhere Stellung den alten gegenüber nicht nur durch ihren Sieg im Kampfe ums Daseyn, sondern auch durch eine weiter gediehene Spezialisirung der Organe bewähren. Ist Diess aber wirklich der Fall? Eine grosse Mehrzahl der Geologen würde Diess zweifelsohne bejahen. Aber mein unvollkommenes Urtheil vermag ihnen, nachdem ich die Erörterungen von Lyell in dieser Beziehung gelesen und Hooker's Meinung in Bezug auf die Pflanzen kennen gelernt habe, nur bis zu einein beschränkten Grade beizupflichten. Demungeachtet dürfte der entscheidende Beweis erst noch durch spätre geologische Forschungen zu liefern seyn.

Die Aufgabe ist in vieler Hinsicht ausserordentlich verwickell. Der geologische Schöpfungs-Bericht, schon zu allen Zeilen unvollständig, reicht nach meiner Meinung nicht weit genug zurück, um mit unverkennbarer Klarheit zu zeigen, dass innerhalb

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der bekannten Geschichte der Erde die Organisation grosse Fortschritte gemacht hat. Sind doch selbst heutzutage noch die Naturforscher oft nicht einstimmig, welche Thiere einer Klasse die höheren sind. So sehen Einige die Haie wegen einiger wichtigen Beziehungen ihrer Organisation zu der der Reptilien als die höchsten Fische an, wahrend andre die Knochenfische als solche betrachten. Die Ganoiden stehen in der .Mille zwischen den Haien und Knochenfischen. Heutzutage sind diese letzten an Zahl weit vorwallend, wahrend es vordem nur Haie und Ganoiden gegeben hat: und in diesem Falle wird man sagen, die Fische seyen in ihrer Organisation vorwärts geschritten oder zurückgegangen, je nachdem man sie mit einem andern Maassstabe misst. Aber es ist ein hoffnungsloser Versuch die Höhe von Gliedern ganz verschiedner Typen gegen einander abzumessen. Wer vermöchte zu sagen, ob ein Tintenfisch (Sepia | hoher als die Biene stehe: als dieses Insekt, von dem der grosse Naturforscher v. Baer sagt, dass es in der That hiiher als ein F"isch orgunisirt seye, wenn auch nach einem andern Typus. In dem verwickelten Kampfe ums Daseyn ist es ganz glaublich, dass solche Knuter z. B., welche in ihrer eignen Klasse nicht sehr hoch stehen, die Gephalopoden oder vollkommensten Weichthiere überwinden würden: und diese Kruster, obwohl nicht hoch entwickelt, müssen doch sehr hoch auf der Stufenleiter der Wirbel-losen Thiere stehen, wenn man nach dem entscheidendsten aller Kriterien, dem Gesetze des Weltkampfes ums Daseyn urtheilt.

Abgesehen von der Schwierigkeit, die es an und für sieh hat zu entscheiden, welche Formen der Organisation nach die höchsten sind, haben wir nicht allein die höchsten Glieder einer Klasse in zwei verschiedenen Perioden (obwohl Diess gewiss eines der wichtigsten oder vielleicht das wichtigste Element bei der Abwägung ist), sondern wir haben alle Glieder, hoch und nieder, mit einander zu vergleichen. In alter Zeit wimmelte es von vollkommensten sowohl als unvollkommensten Weich-llüeren. von Cephalopoilen und Brachiopoden nämlich: wahrend heutzutage diese beiden Ordnungen sehr zurückgegangen und die wischen ihnen in der Mille stehenden Klassen machtig an-

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gewachsen sind. Denigemäss haben einige Naturforscher geschlossen, dass die Mollusken vordem hoher entwickelt gewesen sind als jetzt; wahrend andre sich auf die gegenwärtige beträchtliche Verminderung der unvollkommensten Mollusken um so mehr beriefen, als auch die noch vorhandenen Ceplialopoden, obgleich weniger an Zahl, doch hoher als ihre alten Stellvertreter organisirt seyen. Wir müssen daher die Proportional-Zahlen der obren und der unteren Klassen der Bevölkerung der Erde in zwei verschiedenen Perioden mit einander vergleichen. Wenn es z. B. jetzt ÖOÜÜÜ Arten Wirbelthicre gäbe und wir durften deren Anzahl in irgend einer Gröberen Periode nur auf 10000 schätzen, so müssten wir diese Zunahme der obersten Klassen, welche 'zugleich eine grosse Verdrängung tieferer Formen aus ihrer Stelle bedingte . als einen entschiedenen Fortschritt in der organischen Bildung betrachten, gleichviel ob es die höheres oder die tieferen Wirbelthiere waren, welche dabei sehr zugenommen halten*. Man ersieht hieraus, wie gering allein Anscheine nach die Hoffnung ist, unter so äusserst verwickelten Beziehungen jemals in vollkommen richtiger Weise die relative Organisations-Stufe unvollkommen bekannter Faunen nach-einan-der folgender Perioden in der, Erd-Gcschichte zu beurlheilcn.

Von einem andern wichtigen Gesichtspunkte aus werden wir diese Schwierigkeil um so richtiger würdigen, wenn wir gewisse jetzt vorhandene Faunen und Floren ins Auge fassen. Nach der ganz aussergewohnlichcn Art zu schliessen, wie sich in neuerer Zeit aus Europa eingeführte Erzeugnisse über Neuseeland verbreitet und Platze eingenommen haben, welche doch schon vorher besetzt gewesen, würde sich wohl, wenn man alle Pflanzen und Thicre Grossbritaniens dort frei aussetzte, eine Menge Britischer Formen mit der Zeit vollständig daselbst natura-lisiren und viele der eingebornen vertilgen. Dagegen dürfte Das, was wir jetzt in Neuseeland sich zutragen sehen, und die Thatsache, dass noch kaum ein Bewohner der südlichen

Doch kaum! Wenn es sonst 10000 Fische und Reptilien ohne Säug-Ihiere gegeben halle, und gäbe jelzl deren nur 5000 mit 1000 Säogttlier Arien: diess organische Leben wäre dennoch hoher gestiegen! D. Cbs.

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Hemisphäre in irgend einem Theile Europas verwildert ist. uns zu zweifeln veranlassen, ob, wenn alle Natur-Erzeugnisse JVeu-seclands in Grossbrilaimien frei ausgesetzt würden, eine etwas grossre Anzahl derselben vermögend wäre, sich jetzt von eingeborenen Pflanzen und Thieren schon besetzte Stellen zu erobern. Von diesem Gesichtspunkte aus kann man sagen, dass die Produkte Grottbritanniens höher als die Neuseeländischen stehen. Lud doch hatte der tüchtigste Naturforscher nach der sorgfältigsten Untersuchung der Arten beider Gegenden dieses Ht.sult-.it nicht voraussehen können.

Agassiz hebt hervor, dass die allen Thiere in gewissen Beziehungen den Embryonen neuer Thiere derselben Klasse gleichen, oder dass die geologische Aufeinanderfolge erloschener Formen gewissermaassen der embryonischen Entwickelung neuer Formen parallel läuft. Ich muss jedoch PlOTEl's und HoiuEf's Meinung beipflichten, dass diese Lehre von Ferne nicht erwiesen ist. Doch bin ich ganz der Erwartung, sie sich spater wenigstens hinsichtlich solcher untergeordneter Gruppen bestätigen zu sehen, die sich erst in neuerer Zeit von einander abgezweigt haben. Denn diese Lehre von Agassiz stimmt wohl mit der Theorie der Natürlichen Züchtung überein. In einem spätem Kapitel werde ich zu zeigen versuchen, dass die Alten von ihren Embryonen in Folge von Abänderungen abweichen, welche nicht in der frühesten Jugend erfolgen und auch erst auf ein entsprechendes spateres Alter vererbt werden. Während dieser Prozcss den Embryo fast unverändert lässt, häuft er im Laufe aufeinanderfolgender Generationen immer mehr Verschiedenheit im Alten zusammen.

So erscheint der Embryo gleichsam wie ein von der Natur aufbewahrtes Portrait des frühern und noch nicht sehr modilizirten Znslandes eines jeden Thieres. Diese Ansicht mag wahr seyn, ist jedoch nie eines vollkommenen Beweises fähig. Denn landen wir auch, dass z. B. die ältesten bekannten Formen der Säug-thiere, der Reptilien und der Fische zwar genau diesen Massen entsprächen, aber doch einander etwas naher stünden als die jetzigen typischen Vertreter dieser Klassen, so worden wir uns

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dooh sii lange vergebens nach Thiercn umsehen, welche noch des gemeinsamen Embryo - Charakter der Vcrtebraten an sich «rügen, als wir nicht Fossilien-führende Schichten noch lief unter den sibirischen entdeckten, wozu in der Thal sehr wenig Aussicht vorhanden ist.

Aufeinanderfolge derselben Ty pe n inne rhalb gleicher Gebiete wahrend der späteren Tertiär-Perioden.) Clin- hat vor vielen Jahren gezeigt, dass die fossilen Sauglhiere aus den Knochen -Höhlen iXeuhottands sehr nahe mit den noch jetzt dort lebenden Beutelthieren verwandt gewesen sind. In Süd-Amerika hat sich eine ähnliche Beziehung selbst für das ungeübte Auge ergeben in den Armadill-almlichen I'anzer-Stücken von riesiger Grosse, welche in verschiedenen Theilen von la Pinta gefunden worden sind; und Professor Owen hat aufs Triftigste bewiesen, dass die meisten der dort so zahlreich fossil gefundenen Thiere Südamerikanischen Typen angehören. Diese Beziehung ist noch deutlicher in den wundervollen Sammlungen fossiler Knochen zu erkennen, welche Lund und Claisen aus den Brasilischen Hohlen mitgebracht haben. Diese Thatsachen machten einen solchen Eindruck auf mich, dass ich in den Jahren 1839 und 1845 dieses »Gesetz der Suecession gleicher Typen", diese »wunderbare Beziehung zwischen dem Todten und Lebenden in einerlei Kontinent« sehr nachdrücklich hervorhob. Professor Owen hat später dieselbe Verallgemeinerung auch auf die Sauglhiere der allen Welt ausgedehnt. Wir finden dasselbe Gesetz wieder in den von ihm restaurirten Biesenvogeln Neuseelands. Wir sehen es auch in den Vögeln der Brasilischen Hohlen. Woodward hat ffezeigt, dass dasselbe Gesetz auch auf die See-Konchylien anwendbar ist, obwohl er es der weilen Verbreitung der meisten Mollusken-Sippen wegen nicht gut entwickelt hat. Es Hessen sich noch andre Beispiele anführen, wie die Beziehungen zwischen den erloschenen und lebenden Land-Schnecken auf Madeira und zwischen den alten und jetzigen Brackwasscr-Konchylien des Aral-h'aspischen Meeres.

Doch, was bedeutet dieses merkwürdige Gesetz der Aufeinanderfolge gleicher Typen in gleichen Länder - Gebieten?

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Vergleich! man das jetzige Klima Neuhollands und der unter gleicher Breite damit gelegenen Thcile Süd-Amerikas mit einander . so würde es als ein thorichtcs Unternehmen erscheinen, einerseits aus der Unahnlichkeit der natürlichen Bedingungen die Unahnlichkeit der Bewohner dieser zwei Kontinente und anderseits aus der Ähnlichkeit der Verhältnisse das Gleichbleiben der Typen in jedem derselben wahrend der späteren Terliär-Perioden erklären zu wollen. Auch lässt sieh nicht behaupten, dass einem unveränderlichen Gesetze zufolge Beulelthiere hauptsächlich oder allein nur in Neuholland, oder Edentaten u. a. der jetzigen Amerikanischen Typen nur in Amerika hervorgebracht werden können. Denn es ist bekannt, dass Europa in alten Zeiten von zahlreichen Beutelthieren bevölkert war, und ich habe in den oben angeführten Schriften gezeigt, dass in Amerika das Ver-breilungs-Gesetz für die Land-Säugthiere früher ein andres gewesen , als es jetzt ist. Nord-Amerika beiheiligte sich früher sehr an dem jetzigen Charakter der südlichen Hälfte des Kontinentes, und die südliche Hallte war früher mehr als jetzt mit der nördlichen verwandt. Durch Fai.coner und Cautlevs Entdeckungen wissen wir, dass Nord-Indien hinsichtlich seiner Saugthiere früher in näherer Beziehung als jetzt mit Afrika stund. Analoge Thatsachen Hessen sich auch von der Verbreitung der See-Thiere mittheilen.

Nach der Theorie gemeinsamer Abstammung mit fortschreitender Abänderung erklärt sich das grosse Gesetz langwahrender aber nicht unveränderlicher Aufeinanderfolge gleicher Typen auf einem und demselben Felde unmittelbar. Denn die Bewohner eines jeden Theiles der Welt werden offenbar streben in diesem Theilc während der nächsten Zeit-Periode nahe verwandte, doch etwas abgeänderte Nachkommen zu hinterlassen. Sind die Bewohner eines Kontinents früher von denen eines andern Festlandes sehr verschieden gewesen, so werden ihre abgeänderten Nachkommen auch jetzt noch in fast gleicher Art und Stufe von einander abweichen. Aber nach sehr langen Zeiträumen und sehr grosse Wechsclwanderungen gestattenden geographischen Veränderungen werden die schwächeren den herrschenden Formen Welchen, und

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so ist nichts unveränderlich in Verbreitung« - Gesetzen früherer und jetziger Zeit.

Vielleicht fragt man mich im Spott, ob ich glaube, dass das HegatheriQm und die andern ihm verwandten Ungethflme in Sml-Amerika das Faulthier, das Armadil und die Ameisenfresser als abgeänderte Nachkommen hinterlassen haben. Diess kann man keinen Augenblick zugeben. Jene grossen Thiere sind völlig erloschen, ohne eine Nachkommenschaft zu hinterlassen. Aber in den Hohlen Brasiliens sind viele ausgestorbene Arten, in Grosse u. a. Merkmalen nahe verwandt mit den noch jetzt in Süd-Amerika lebenden Spezies , und einige der fossilen mögen wirklich die Krzeuger noch jetzt dort lebender Arten seyn. Man darl nicht vergessen, dass nach meiner Theorie alle Arten einer Sippe von einer und der nämlichen Spezies abstammen, so dass. wenn von sechs Sippen jede acht Arten in einerlei geologischer Formation enthalt und in der nächstfolgenden Formation wieder sechs andre verwandte oder stellvertretende Sippen mit gleicher Arten-Zahl vorkommen, wir dann schliessen dürfen, dass nur eine Art von jeder der sechs alteren Sippen modifizirle Nachkommen hinterlassen habe, welche die sechs neueren Sippen bildeten. Die andren sieben Arten der alten Genera sind alle ausgestorben, ohne Erben zu hinterlassen. Doch mochte es wohl weit öfter vorkommet!, dass zwei oder drei Arten von nur zwei oder drei der alten Sippen die Altern der sechs neuen Genera gewesen und die andern alten Arten und sammtliche übrigen alten Sippen ganzlich erloschen sind. In untergehenden Ordnungen mit abnehmender Sippen- und Arten-Zahl, wie es offenbar die EdentalenSüd-Amerikas sind, wertien weniger Genera und Spezies abgeänderte Nachkommen in gerader Linie hinterlassen.

Zusammenstellung des vorigen und jetzigen Kapitels." Ich habe zu zeigen gesucht, dass die geologische Schopfungs-Frkunde äusserst unvollkommen ist: dass erst nur ein kleiner Theil der Frd-Überllache sorgfältig untersucht worden ist; dass nur gewisse Klassen organischer Wesen zahlreich in fossilem Zustande erhalten sind : dass die Anzahl der in unsren Museen aufbewahrten Individuen und Arten gar nichts bedeutet

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im Vergleiche mit der unberechenbaren Zahl von Generationen, die nur wahrend einer Formations-Zeit aufeinander-gefolgt seyn iniissi'ii: dass ungeheure Zeiträume zwischen je zwei aufeinanderfolgenden Generalionen verflossen seyn müssen, weil Fossilien-führende Formationen hinreichend mächtig, um künftiger Zerstörung zu widerstehen, sich nur wahrend Senkungs-Perioden ablagern können; dass mithin wahrscheinlich wahrend der Sen-kungs-Zeilen mehr Aussterben und wahrend der Hebungs-Zeiten mehr Abändern organischer Formen staltgefunden hat; dass der Schöpfungs-Bericht aus diesen letzten Perioden am unvollkommensten erhalten ist: dass jede einzelne Formation nicht in iinunterbrochnem Zusammenhang abgelagert worden; dass die Dauer jeder Formation vielleicht kurz ist im Vergleiche zur mit-teln Dauer der Arten-Formen: dass Einwanderungen einen grossen Anlheil am ersten Auftreten neuer Formen in der Formation einer Gegend gehabt haben; dass die am weitesten verbreiteten Arten auch am meisten variirt und am Öftesten Veranlassung zur Entstehung neuer Arten gegeben haben: und dass Varietäten anfangs oft nur örtlich gewesen sind. Alle diese Ursachen zusammengenommen müssen die geologische Urkunde äusserst unvollsländig machen und können es grossenlheils erklären, warum wir keine endlosen Varietaten-Reihen die erloschenen und lebenden Formen in den feinsten Abstufungen miteinander verketten sehen.

Wer diese Ansichten von der Beschaffenheit des geologischen Berichtes verwerfen will, muss auch meine ganze Theorie verwerfen. Denn vergebens wird er dann fragen, wo die zahllosen Übergangs-Glieder geblieben, welche die nächst verwandten oder stellvertretenden Arten einst mit einander verkettet haben müssen, die man in den verschiedenen Stucken einer grossen Formation übereinander findet Er wird nicht an die unermess-lichen Zwischenzeiten glauben, welche zwischen unseren aulein-ander-iolgeiiden Formationen verflossen sind: er wird übersehen, welchen wesentlichen Anlheil die Wanderungen seit dem ersten Erscheinen der Organismen in den Formationen einer grossen Weltgegend wie Europa für sich allein betrachtet gehabt haben: er wird sich auf das anscheinend, aber oft nur an-

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scheinend, plötzliche Auftreten ganzer Arten-Gruppen berufen. Wenn er fragen sollte, wo denn die Reste jener unendlich zahlreiche» Organismen geblieben, welche lange vor der Bildung der ältesten Silur-Schichlen abgelagert worden seyn müssen, so kann ich nur hypothelisch darauf antworten, dass, so viel noch zu sehen, unsre Ozeane sich schon seit unermesslichen Zeiträumen an ihren jetzigen Stellen befunden haben, und dass da, wo unsre Kontinente jetzt stehen, sie sicher seit der Silur-Zeit gestanden sind; dass aber die Erd-Oberfläche lange vor dieser Periode ein ganz andres Aussehen gehabt haben dürfte, und dass die alten Kontinente aus Formationen noch viel alter als die silurische bestehend sieh bereits alle in melaniorphischem Zustande belinden oder lief unter den Ozean versenkt liegen.

Doch sehen wir von diesen Schwierigkeiten ab, so scheinen mir alle andern grossen und leitenden Thatsachen in der Paläontologie einfach aus der Theorie der Abstammung von gemeinsamen Uraltem mit fortschreitender Abänderung durch Natürliche Züchtung zu folgen.. Es erklärt sich daraus, warum neue Arten nur langsam nach einander auftreten; warum Arien verschiedener Klassen nicht nothwendig in gleichem Verhältnisse oder gleichem Grade miteinander wechseln, sondern alle nur im Verlauf langer Perioden Veränderungen unterliegen. Das Erloschen aller Formen ist die. unvermeidlichste Folge vom Entstehen neuer. Es erklärt sich warum eine Spezies, wenn einmal verschwunden, nie wieder erscheint. Arten-Gruppen (Sippen u. s. w. wachsen nur langsam an Zahl und dauern ungleich lange Perioden aus: denn der Prozess der Abänderung ist nothwendig ein langsamer und von vielerlei verwickelten Zufällen abhängig. Die herrschenden Arten der grosseren herrschenden Gruppen streben viele abgeänderte Nachkommen zu hinterlassen, und so werden wieder neue Untergruppen und Gruppen gebildet. Im Verhältnisse als diese entstehen, neigen sich die Arten minder kräftiger Gruppen in Folge ihrer gemeinsam ererbten Unvollkommenheit dem gemeinsamen Erloschen zu, ohne irgendwo auf der Erdoberfläche eine abgeänderte Nachkommenschaft zu hinterlassen. Aber das ganzliche Erloschen einer ganzen Arten-Gruppe mag

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oft ein sehr langsamer Prozess seyn, wenn einzelne Arten in geschützten oder abgeschlossenen Standorten kümmernd noch eine Zeit lang fortleben können. Ist eine Gruppe einmal untergegangen, so kann sie nie wieder erscheinen, weil ein Glied aus der Generationen-Reibe zerbrochen ist.

So ist es begreiflich, dass die Ausbreitung herrschender Lebenformen, welche eben am öftesten variiren, mit der Lange der Zeit die Erde mit nahe verwandten jedoch modilizirten Formen bevölkern, denen es sodann gewohnlich gelingt die Platze jener Arten-Gruppen einzunehmen, welche ihnen im Kampfe ums Dascyn unterliegen. Daher wird es denn nach langen Zwischenzeilen aussehen, als hatten die Bewohner der Erd-Oberfiache überall gleich-zeitig gewechselt.

So ist es ferner begreiflich, woher es kommt, dass die alten und neuen Lebenformen ein grosses System mit einander bilden, da sie alle durch Zeugung mit einander verbunden sind. Es ist aus der fortgesetzten Neigung zur Divergenz des Charakters begreiflich, warum die fossilen Formen um so mehr von den jetzt lebenden abweichen, je alter sie sind; warum alte und erloschene Formen oft Lücken zwischen lebenden auszufüllen geeignet sind und zuweilen zwei Gruppen mit einander vereinigen, welche zuvor getrennt aufgestellt worden, obwohl sie solche in der Kegel nur etwas naher einander rücken. Je idter eine Form ist, um so öfter scheint sie Charaktere zu entwickeln, welche zwischen jetzt getrennten Gruppen mehr und weniger das Mittel halten; denn je aller eine Form ist, desto naher verwandt und mithin ähnlicher wird sie dem gemeinsamen Stamm-Vater solcher Gruppen seyn, welche seither weit auseinander gegangen sind. Erloschene Formen hallen selten genau das Mittel zwischen lebenden, sondern stehen in deren Mitte nur in Folge einer weitläufigen Verkettung durch viele erloschene und abweichend.' formen. Wir ersehen deutlich, warum die organischen Keste dicht aufeinander-folgender Formationen einander ähnlicher als die weil von einander .entfernter seyn müssen: denn jene Formen stehen in näherer Bluls-Verwandlschalt als diese mit einander. Wir vermögen endlich einzusehen, warum die organi-

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sehen Reste mittler Formationen auch das Mittel in ihren Charakteren halten.

Die F-rd-Bewohner einer jeden spateren Periode haben die höheren im Kample uin's Daseyn besiegt und müssen insofern« auf einer höheren Vollkommeiihcits-Slul'e als diese stehen, und es mag sich aus dem unbestimmten und missdeuteten Gefühl davon erklaren, dass viele Paläontologen an einen Fortschritt der Organisation im Ganzen glauben. Sollte sich spater ergeben, dass alte Thier-I'ormen in gewissem Grade den Embryonen neuer aus der nämlichen Klasse gleichen, so würde auch Diess zu begreifen seyn. Die Aufeinanderfolge gleicher Organisations-Typen auf gleichem Gebiete wahrend der letzten geologischen Perioden hurt auf geheimnissvoll zu seyn und ist eine einfache Folge der Vererbung.

Wenn daher die geologische Schopfungs-l'rkunde so unvollständig ist, als ich es glaube (und es lässt sich wenigstens behaupten, dass das Gegentheil nicht erweisbar), so werden sich die Haupteinwände gegen die Theorie der Natürlichen Züchtung in hohem Grade vermindern oder gänzlich verschwinden. Dagegen scheinen mir die Haupt-Gesetze der Paläontologie deutlicb zu beweisen, dass die Arten durch gewöhnliche Zeugung entstanden sind. Frühere Lebenformen sind durch die noch fort- während um uns her thätigen Variations - Gesetze entstandene und durch Natürliche Züchtung erhaltene vollkommenere Formen ersetzt worden.

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Kliffes Kapitel. Geographische Verbreitung.

Die gegenwärtige Verbreitung der Organismen lässi sich nicht aus den no-lürlichen Lebens-Bedingungen erklären. — Wichtigkeit d>r Verbrei-tungs - Schranken. — Verwandtschaft der ErzeugnisM- eines nämlichen Kontinentes. — Schr>|ihiii»s-\|itteljninkle. —Ursachen der Verhreitung sind Wechsel des Klimas. Sehwni kun»c» der Bodcn-Iinlic und mitunter zufällige.           Die Zerstreuung während der Eis-Periode »her die ganze Erdoberfläche erstreckt.

Bei Betrachtung der Vcrbreilungs-Weise der organischen , Wesen über die Erd-Oberfliiche bestellt die erste wichtige Thiit-sache; welche uns in die Augen fällt, darin, dass weder die Ähnlichkeit noch die Uniihnlichkeit der Bewohner verschiedener Gegenden aus klimatischen u. a. physikalischen Bedingungen erklärbar ist. Alle, welche diesen Gegenstand studirt haben, sind endlich zu dem nämlichen Ergebniss gelangt. Das Beispiel Amerikas würde schon allein genügen. Diess zu beweissen. Denn alle Autoren stimmen darin Überein, dass, mit Ausschluss des nordlichen um den Pol her ziemlich zusammenhängenden Thei-les, die Trennung der allen von der neuen Well eine der ersten Grundlagen der geographischen Vertheilung der Organismen bilde. Wenn wir aber den weiten Amerikanischen Kontinent von den mittein Theilen der Vereinten Staaten an bis zu seinem südlichsten Punkte durchwandern, so begegnen wir den Bller-verschiedenartigslen Lebens-Bedingungen, den feuchtesten Strichen und den trockensten Wüsten, hohen Gebirgen und grasigen Ebenen, Waldern und Marschen. Seen und Strömen inil fast jeder Temperatur. Es gibt kaum ein Klima oder eine Bedingung in der allen. Well, wozu sich nicht eine Parallele in der neuen Rinde, so ähnlich wenigstens, als Diess zum Fort-kc......t.....ler nämlichen Arien erforderlich, wäre; denn es isl ein

äusserst seltener Fall, irgend eine Organismen-Gruppe auf einen kleinen Fleck mit elwas eigentümlichen I.cbcns-Bcdingungen beschrankt zu finden. So z. B. gibt es in der allen Well Wohl einige kleine Stellen, heisser als irgend welche in der neuen; und doch haben diese keine eigenlhümliche Fauna oder

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Flora. Aber ungeachtet dieses l'arallelismus in den Lebens-Be-dfBgnngen der alten und der neuen Well, wie «reit sind ihr,. lebenden Bewohner verschieden'

Wenn wir in der slidlicben Halbkugel grosse Landstriche in Australien. Sud-Afrika und West-Südamerika zwischen 25°—35° 9. Br. mit einander vergleichen, so werden wir manche in allen ihren natürlichen Verhaltnissen einander äusserst ähnliche Theile finden, und doch wurde es nicht möglich seyn. drei einander unähnlichere Kannen und Kloren ausfindig zu machen. Oder wenn wir die Natur-Produkte Süd-Amerikas im Süden von 35" Br. und im Norden vom 25" Br. mit einander vergleichen, die mithin ein sehr verschiedenes Klima bewohnen, so zeigen' sieb dieselben einander weit naher verwandt, als die in Australien und Afrika in last einerlei Klima lebenden sind, lud analoge Thatsaehen lassen sich auch in Bezug auf die Meeres-Thicrc nachweisen.

Als zweite allgemeine Thalsache lallt uns auf, dass Schranken verschiedener Art oder Hindernisse freier Wanderung mit den Verschiedenheiten zwischen Bevölkerungen verschiedener Gegenden in engem und wesentlichem Zusammenhange stehen. So die grosse Verschiedenheil fast aller Land-Bewohner der alten und der neuen Meli mit Ausnahme der nördlichen Theile. WO sich beide nahezu berühren und vordem bei einein nur wenig abweichenden Klima die Wanderungen der Bewohner der nordlich-gemassigteii Zone in ähnlicher Weise möglich gewesen seyn durften. . wie sie noch jetzt von Seiten der arktischen Bevölkerung stattfinden. Wir erkennen dieselbe Thalsache in der grossen Verschiedenbeil zwischen den Bewohnern von Australien. Afrika und Sud-Amerika wieder; denn diese Gegenden sind last so vollständig von einander geschieden. als es nur immer möglich ist. Auch auf jedem Pestlande sehen wir die nämliche Erscheinung: denn auf <1en entgegengesetzten Seiten hoher und zusammenhängender Gebirgs-Ketten, grosser Wüsten und mitunter sogar nur grosser Strome linden wir verschiedene Erzeugnisse. Da jedoch Gebirgs-Ketten. Wüsten u. s. w. nicht ganz unüber-schreitbar sind oder noch nicht so lange als die zwischen den

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Festländern gelegenen Wellmeere Bestehen, so sind diese Verschiedenheiten dem Grade nach viel kleiner als die in verschiedenen Kontinenten.

Wenden wir uns nach dem Meere, so linden wir das nämliche Gesetz. Keine andern zwei Meeres-Faunen sind so verschieden von einander als die an den östlichen und den westlichen Küsten Säd-und Mittel-Amerikas. Da ist last kein Fisch, keine Schnecke, kein Knbbe gemeinsam. Und doch sind diese grossen Faunen nur dureh die schmale Landenge von Panama von einander gelrennt. Westwärts von den Amerikanischen Gestaden erstreckt sich ein weiter und offener Ozean mit nicht einer Insel zum Ruheplatz für Auswanderer: hier haben wir eine Schranke andrer Arl. und sobald diese überschritten ist. treuen wir auf den ostlichen Inseln des stillen Meeres au! eine neue und ganz verschiedene Fauna. Es erstrecken sich also drei Meeres-Faunen nicht weit von einander in parallelen Linien weit nach Norden und Süden in sich entsprechenden Klimatcn. Da sie aber durch unübersteigliche Schranken von Land oder offenem Meer von einander getrennt sind, so bleiben sie völlig von einander verschieden. Gehen wir aber von den östlichen Inseln im tropischen Thoile des stillen Meeres noch weiter nach Westen, so linden wir keine unüber-schreitbaren Schranken mehr: Unzählige Inseln oder zusammenhangende Küsten bieten sich als liuheplatze dar. bis wir nach l~niwanderung einer Hemisphäre zu den Küsten Afrikas gelangen: aber in diese weiten Flachen weilen sieh keine wohl-eharaklori-sirten verschiedenen Meeres-Faunen mehr. Obwohl kaum eine Schnecke, ein Krabbe oder ein Fisch jenen drei Faunen an der Ost- und der West-Küste Amerikas und im östlichen Tlieile des stillen Ozeans gemeinsam ist. so reichen deich viele Fisch-Arien vom stillen bis zum Indischen Ozean und sind viele Weichmiere den östlichen Inseln der Siidsee und den östlichen Küsten Afrikas unter sich last genau entgegenstehenden Meridianen gemein.

Eine drille grosse Thnlsaehe. schon zum Theil in den vorigen mitbegriffen', isl die Verwnndlschali /.wisch.....len Erzeng-

Btssen eines nämlichen Festlandes oder Woltn.....res. obwohl die

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Arien verschiedener Theile und Standorte, desselben verschieden sind. Es ist Diess ein Gesetz von der grossten Allgemeinheit, und jeder Kontinent bietet unzählige Belege dafür. Demunge-achtet fühlt sieh der Naturforscher auf seinem Wege von Norden nach Süden unfehlbar betroffen von der Art und Weise Mi« Quappen von Organismen der Reihe nach einander ersetzen, die in den Arten verschieden aber offenbar verwandt sind. Er hiirt von nahe verwandten aber doch verschiedenen Vögeln ahnliche Gesänge, sieht ihre idinlich gebauten Nester mit ähnlich gefärbten Eiern. Die Ebenen der Mayellans-Slrasse sind von einem Nandu (Rhea Ameiicana) bewohnt, und im Norden der üopMo-Ebene wohnt eine andre Art derselben Sippe, doch kein achter Slrauss (Struthio) oder Emu (Dromaius), welche in Afrika und beziehungsweise in .Xeuholland unter gleichen Breiten vorkommen. In denselben Laplala-Ebvnen linden wir das Aguti (Dasyprocla) und die Hasenmaus (Lagostomus), zwei Nage* thiere von der Lebensweise unsrer Hasen und Kaninchen und mit ihnen in gleiche Ordnung gehörig, aber einen rein Amerikanischen Organisations-Typus bildend. Steigen wir zu dem Hoch-Gebirge der Vordilleren hinan, so treffen wir die Berg-Hasenmaus (Lagidium): sehen wir uns am Wasser um. so finden wir zwei andre Südamerikanische Typen, den Coypu (Myopolamus) und Capybara (Hydrochocrus) statt des Bibers und der Bisamratte. So Hessen sich zahllose andre Beispiele anführen. Wie sehr auch die Inseln an den Amerikanischen Küsten in ihrem geologischen Bau abweichen mögen, ihre Bewohner sind wesentlich Amerikanisch, wenn auch von eigenthümlichen Arten. Schauen wir zurück nach nächst-früheren Zeit-Perioden, wie sie im letzten Kapitel erörtert worden, so linden wir auch da noch Amerikanische Typen vorherrschend auf dem Amerikanischen Fesllande wie in Amerikanischen Meeren. Wir erkennen in diesen That-sachen ein tief-liegendes organisches Band, in Zeit und Raum vorherrschend über gegebene Land- und Wasser-Flachen, unabhängig von ihrer natürlichen Beschaffenheit. Der Naturforscher müsste nicht sehr wissbegierig seyn, der sich nicht versucht fühlte, naher nach diesem Bande zu forschen.

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Diess Band besteht nach meiner Theorie lediglich in der Vererbung, derjenigen Ursache, welche allein, soweit wir Sicheres wissen, gleiche oder ähnliche Organismen, wie die Varietäten sind, hervorbringt. Die Uniihnlichkeit der Bewohner verschiedener Gegenden wird der Umgestaltung durch Natürliche Züchtung und, in einem ganz untergeordneten (irade, dem unmittelbaren Einflüsse äussrer Lehens-Bedingungen zuzuschreiben seyn. Der Grad der Unabnliclikcit hingt davon ah, ob die Wanderung der herrschenderen Lebenformen aus der einen Gegend in die andre rascher oder langsamer in spätrer oder froherer Zeit vor sich gegangen: er hängt von der Natur und Zahl der früheren Einwanderer, von deren Wirkung und Rückwirkung im gegenseitigen Kampfe ums Daseyn ab, indem, wie ich schon oft bemerkt habe, die Beziehung von Organismus zu Organismus die wichtigste aller Beziehungen ist. Bei den Wanderungen kommen die oben erwähnten Schranken wesentlich in Betracht, wie die Zeit bei dem langsamen Prozess der Natürlichen Züchtung. Weitverbreitete und an Individuen reiche Arten, welche schon über viele Milbewerber in ihrer eignen ausgedehnten lleimatli gesiegt, werden beim Vordringen in neuen Gegenden die beste Aussicht haben neue I'lälze zu gewinnen. Unter den neuen Lebens-Be-dingungen ihrer spateren Heimalh werden sie häufig neue Abänderungen und Verbesserungen erfahren: sie werden den andern noch überlegener werden und Gruppen abändernder Nachkommen erlangen. Aus diesem Prinzip fortschreitender Vererbung mit Abänderung ergibt sieh, wie es zugeht, dass Untersippen, Sippen und selbst ganze Familien, wie es so gewohnter und anerkannter Maassen der Fall, auf gewisse Flächen beschränkt erscheinen.

Wie schon im letzten Kapitel bemerkt worden, so glaube ich an kein Gesell notwendiger Vervollkommnung: so wie die Veränderlichkeit der Arien eine unabhängige Eigenschaft isl und von der Natürlichen Züchtung nur so weit aiisgebeutel wird, als es den Individuen in ihrem vielseitigen Kample ums Daseyn zum Yortheile gereicht, so besteht auch für die Modifikation der verschiedenen Spezies kein gleiches Maass. Wenn I. I!. eine Anzahl von Arten, die miteinander in unmillelbarer Mitbewerluina

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Stäben . in Müsse nach einer neuen und nachher isolirlen liegend auswandern, so werden sie Wenig Modifikation erfahren, indem weder die Wanderung noch die lsolirung an sich etwas dabei Ihun. Jene Prinzipien kommen hauptsächlich nur in Bc-Iracht. wenn man Organismen in neue Beziehungen unter einander, «veniger wenn man sie in Berührung mit neuen Lebens-Bedingungen bringt. Wie wir im letzten Kapitel gesehen, dass einige Formen ihren Charakter seil ungeheuer weil zurückgele-geucn geologischen Perioden last unverändert behauptet hahen. so sind auch manche Arten über Meile Räume gewandert, ohne grosse Veränderungen zu erleiden.

.Nach diesen Ansichten liegt es aul der Hand, dass verschiedene Arten einer Sippe, wenn sie auch die entferntesten Theile der Well bewohnen, doch ursprunglich aus gleicher Quelle entsprungen, vom nämlichen Stammvater entstanden seyn müssen. \\ ij dliCt Alien bt Irill't wüJie im Virlaufe ganzer sologisshd Perioden sich nur wenig verändert haben, so hat es keine Schwierigkeil anzunehmen, dass sie aus einerlei Gegend her-gewanderl sind: denn wahrend der grossen geographischen und klimatischen Veränderungen. welche seit alten Zeiten vor sich gegangen, sind Wanderungen auf jede Entfernung möglich gewesen. In vielen andern Fallen aber, wo wir Grund haben zu glauben, dass die Arten einer Sippe erst in vergleichungs-weise neuer Zeil entstanden sind, ist die Schwierigkeit weit grosser. Ebenso ist es einleuchtend, dass Individuen einer Art, wenn sie jetzt auch weil auseinander und abgesondert gelegene Gegenden bewohnen, von einer Stelle ausgegangen seyn müssen, wo ihre Allem zuerst erstanden sind: denn, so wie es im letzten Abschnitte erläutert worden, ist es unglaublich, dass spezifisch gleiche Individuen von verschiedenen Stamm-Arten abstammen können.

So waren wir denn bei der neuerlich oll von Naturforschern erörterten Frage angelangt. ob Arten je an einer oder an mehren Stellen der Erd-Oberllachc erzeugt worden seyen. Zweifelsohne mag es da sehr viele Falle geben, wo es äusserst schwer zu begreifen ist, wie die gleiche Art von einem Punkte aus nach den verschiedenen entfernten und abgesonderten Gegenden

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gewandert seyn solle, wo sie nun gefunden wird. Demungeach-tet drängt sich die Vorstellung, dass jede Art nur von einem ursprünglichen Geburtsorte ausgegangen seyn müsse, durch ihre Einlachheit dem Geiste auf. Und wer sie verwirft, verwirft die vera causa, die gewöhnliche Zeugung mit nachfolgender Wanderung, um zu einem Wunder seine Zuflucht zu nehmen. Es wird allgemein zugestanden, dass die von einer Art bewohnte'Gegend in der Regel zusammenhängend ist; und wenn eine Pflanzenoder Thier-Art zwei von einander so weit entfernte oder durch solche Schianken getrennte Punkte bewohnt, dass sie nicht leicht von einem zum andern gewandert seyn kann, so betrachtet mau Diess als etwas Merkwürdiges und Ausnahmsweises. Die Fähigkeil über Meer zu wandern, isl bei Land-äiugthieren vielleicht mehr als bei irgend einem andern organischen Wesen beschrankt: und wir linden damit übereinstimmend auch keinen uuerklarbaren Fall. wo dieselbe Saugthier-Arl sehr entfernte Punkte der Erde bewohnte. Kein Geologe findet eine Schwierigkeit darin anzunehmen. dass Urossliritunuirn ehedem mit dem Europäischen Kontinente zusammengehangen sey und mithin die nämlichen Saugelhiere besessen habe. Wenn aber dieselbe Art an zwei entfernten Punkten der Well erzeugt werden kann, warum linden wir nicht eine einzige Europa und Australien

oder Süd-Amerika gemeins..... ungehörige Saugelhicr-Art? Die

Lehens -Bedingungen sind nahezu die nämlichen, so dass eine Menge Europäischer Pflanzen und Thierc in Amerika und Australien naluralisirl worden sind, und sogar einige der uiciuheiini sehen Pflanzen Arten sind genau dieselben an diesen zwei s"

entfernten Punkten der nördlichen und der südlichen Heinisphäre! Die Antwort liegt, wie ich glaube, darin, dass Saugthiere nicht

fähig sind die Wanderung zu machen, wahrend einige Pflanze.....il

ihren llianehfaltigen Ycrhrcitungs-Milteln diesen weilen und unler-

broehnen Zwischenraum zu überschreiten vermochten. Der mächtige

Kinlluss. web ben geographische Schranken aller All auf dir Yer

brciiungs-\\ eise geiibi. wird nur unter der Voraussetzung begreiflich, dass Weilaus der grÖSSte Theil der Spezies nur auf einer Seile derselben erteugl worden ist und Mittel zur Wanderung

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nach der andern Seile nicht besessen hui. Einige wenige Familien, viele 1 'nierliimilien. sehr viele Sippen und eine noch grössre Anzahl von l'ntersippen sind nur auf je eine einzelne (legend beschrankt, und mehre Naturforscher Indien die Bemerkung gemacht, dass die .....isten naturlichen Sippen, diejenigen

nämlich, deren Arien alle am nächsten mü einander verwandt sind, örtlich oder auf eine (legend angewiesen zu seyn pflegen. Was Cur eine wunderliehe Anomalie würde es nun seyn. wenn eine Stufe tiefer unten in der Reihe die Individuen einer Art sieh geradezu entgegengesetzt verhielten und die Allen nicht örtlich, sondern in zwei oder mehr ganz verschiedenen Gegenden erzeugt worden waren!

Daher scheint mir, wie so vielen andern Naturforschern, die Ansicht die wahrscheinlichere zu seyn. dass jede Arl nur in einer einzigen Gegend entstanden, aber nachher von da aus so weil gewandert seye, als Mittel und Subsistenz unter früheren und gegenwartigen Bedingungen gestalteten. Es kommen unzweifelhaft auch jetzt noch viele Fidle vor. wo sieh nicht erklären laSst, auf welche Weise diese oder jene Arl von einer Stelle zur andern gelang! ist. Alier geographische und klimatische Veränderungen, welche sieh in den neuen geologischen Zeiten zuverlässig ereignet, müssen den früher bestandnen Zusammenhang der Verbreitungs-Flächen vieler Arien unterbrochen haben. So gelangen wir zur Erwägung, ob diese Ausnahmen von der l'nunlerbroclien-heit der Verbreitungs-Bezirke so zahlreich und so gewich: liger Natur sind, dass wir die durch die vorangehenden Betrachtungen wahrscheinlich gemachte Meinung, dass jede Art nur auf einem Kehle entstanden und von da so weit als möglieh gewundert seye, aufzugeben genöthigt werden ? Es wurde zum Verzweifeln langweilig seyn, alle Ausnahms-Falle aufzuzahlen und zu er-örlern. wo eine und dieselbe Art jetzt an verschiedenen weil von einander entfernten Orten lebt: auch will ich keinen Augenblick behaupten, für viele dieser Falle eine genügende Erklärung wirklich geben zu können. Doch möchte ich nach einigen vorlaufigen Bemerkungen die wichtigsten Klassen solcher Thatsacben erörtern, wie insbesondere das Vorkommen von einerlei Arl auf

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den Spitzen weit von einander gelegener Bergketten, oder im arktischen und antarktischen Kreise zugleich; dann, zweitens (im Folgenden Kapitel) die weite Verbreitung der Süsswasser-Bewolmer, und drittens, das Vorkommen von einerlei Umdlhier-Arlen auf Festland und Inseln, welche durch Hunderte von Meilen offnen Meeres von einander getrennt sind. Wenn das Vorkommen von einer und der nämlichen Art an einlernten und vereinzelten Fundstätten der ErdOberfläche sich in vielen Fallen durch die Voraussetzung erklaren lasst, dass diese Art von ihrer Geburts-Stätte aus dahin gewandert seye, dann scheint mir in Anbetracht unsrer gänzlichen Unbekannlschafl mit den Früheren geographischen und klimatischen Veränderungen so wie mit manchen zufälligen Transport-Mitteln die Annahme, dass Diess die allgemeine Regel gewesen seye, bei Weitem die richtigste zu seyn. Bei Erörterung dieses (iegenstandes «erden wir Gelegen-heil haben noch einen andern für uns gleich-wichtigen Punkt in Betracht zu ziehen, ob Heimlich die mancherlei verschiedenen Arten einer Sippe, welche meiner Theorie zufolge einen gemeinsamen Stammvater hatten, von der Wohnslalte ihres Stammvaters ausgegangen seyn (und unterwegs sich etwa noch weiler angemessen entwickelt haben) können. Kann gezeigt werden, dass eine liegend, deren meisten Bewohner enge verwandt oder aus gleichen Sippen mit den Arten einer /.weilen liegend sind, in früherer Zeit wahrscheinlich einmal Einwanderer aus dieser letzten erhallen hat, so wird Diess zur Bestätigung meiner Theorie beitragen; denn wir hegreifen dann aus dein Modilikalions-l'rin-zipe deutlich, warum die Bewohner der einen liegend denen der andern verwandt sind, da sie aus ihr stammen. Eine vulkanische Insel z. B.. welche einige Hundert Meilen von einem Kontinente eiillent emporstiege, winde wahrscheinlich im Laufe der Zeil

einige Kolonisten erhallen, deren Machko.....ien, wenn auch etwas

abändernd, doch ihre Vcrwandtschalt mit den Bewohnern des Kontinents auf ihre Nachkommen vererben würden. Falle dieser All Sind gewöhnlich und. wie wir nachher ersehen werden, nach der Theorie unabhängiger Schöpfung unerklärlich. Diese Ansicht ober die Verwandtschaft der Arien einer liegend zu

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denen einer andern ist (wenn wir nun das Wort Varietät statt Art anwenden) nicht sehr von der durch Hrn. Waixace aufgestellten verschieden, wonach »jede Art entstanden ist in Zeit und Raum zusammentreffend mit einer früher vorhandenen nahe »verwandten Art«. Ich weiss nun aus seiner Korrespondenz. dass er dieses »Zusammentreffen" der Generation mit Abänderung zuschreibt und dafür eine lange geologische Zeit-Periode zugesteht,

Die vorangehenden Bemerkungen Ober ein- oder mehr-filtigc Schöpfungs-Mittelpunkte führen nicht unmittelbar zu einer andern verwandten frage, oli nämlich alle Individuen einer Art von einem einzigen Paare oder einem Hermaphroditen abstammen, oder oli, wie einige Autoren annehmen: von vielen gleichzeitig entstandenen Individuen einer Art! Bei solchen Organismen, welche sich niemals kreulzen (wenn dergleichen überhaupt exi-slirein, inöss nach meiner Theorie die Art von einer Reihen-. folge vervollkommneter Varietäten herrühren, die sich nie mit andern Individuen oder Varietäten gekruutzt, sondern einlach einander ersetzt haben, so dass auf jeder der aufeinanderfolgenden Umänderungs- oder Verbesserung« - Stufen alle Individuen von einerlei Varietät auch von einerlei Stammvater herrühren müssen. In der Mehrzahl der Fälle jedoch und namentlich bei allen Organismen , welche sieh zu jeder einzelnen Fortpflanzung paaren oder sich oft mit andern kreutzen, glaube ich, dass während des langsamen Modifikations-l'rozesses die Individuen der Spezies bei der Kreutzung sich nahezu gleichförmig erhalten haben, so dass viele derselben sich gleichzeitig abänderten und der ganze Betrag der Abänderung auf jeder Stufe nicht von der Abstammung von einem gemeinsamen Stammvater herrührt, Im zu erläutern, was ich meine, will ich anführen, dass unsre Englischen Rasse-Pferde nur wenig von den Pferden jeder andern Züchtung abweichen, aber ihre Verschiedenheit und Vollkommenheit nicht davon haben, dass sie von einem einzigen Paare abstammen. sondern dieselbe der während vieler Generationen angewendeten Sorgfalt bei Auswahl und Erziehung vieler Individuen verdanken.

Ehe ich auf nähere Erörterung über diejenigen drei Klassen von Tbalsaclien eingehe, welche der Theorie von den »einzigen

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Schöpfungs-Mitlelpunkten« die meiste*Schwierigkeiten darbieten, inuss ich den Verbreilungs-Mitteln noch einige Worte widmen.

Verbreitungs-Mittel.) Sir Cn. Lyell u. a. Autoren hüben diesen Gegenstand sehr angemessen erörtert. Ich kann hier nur einen kurzen Auszug von den wichtigsten 'riialsacheii liefern. Klima-Wechsel mag auf Wanderung der Organismen vom grössten EinBasse gewesen seyn. Eine liegend mit Änderndem Klima kann eine Hochslrasse der Auswanderung gewesen und jetzt ungangbar seyn: ich inuss daher diesen Gegenstand zunächst mit einigem Detail behandeln. Höhen-Wechsel des Landes kommt dabei wesentlich in Betracht. Eine schmale Landenge trennt jetzt zwei Meeres-Kaunen s taucht sie unter oder ist sie frOher untergetaucht; so werden beide Kannen zusammen-llics.-vn oder vordem untergellossen seyn. Wo dagegen sich jetzt die See ausbreitet, da mag vormals Iroekncs Land Inseln oder selbst Kontinente mit einander verbunden und so Landbewohner in den Stand gesetzt haben von einer Seite zur andern zu wandern. Kein Geologe bestreitet. dass grosse Veränderungen der Boden-Höhen wahrend der Periode der jetzt lebenden Organismen-Arten Stattgefunden haben, und Edw. Fohbks behauptet, alle Inseln des Atlantischen Meeres niüsslen noch unlängst mit Afrika oder Europa, wie gleicherweise Eurajia mit Amerika zusammen gehangen haben. Andre Schriftsteller haben hypothetisch der Reihe nach jeden Ozean Überbrückt und last jede Insel mit dem nächsten festbinde verbunden, lud wenn sich die Argumente

von Korbes bestätigen Hessen, so müsste man gestehen, dass es kaum irgend eine Insel gebe, welche nicht noch neuerlich mit einem Kontinente zusammenhing. Diese Ansicht zerhaut den gordischen Knoten der Verbreitung einer Art bis zu den entlegensten Punkten und beseitigt .'ine Menge von Schwierigkeiten. Aber nach meiner besten l berzeugung sind wir nicht berechtigt-so ungeheure Veränderungen innerhalb der Periode der noch jetzt lebenden Arten anzunehmen. Es scheint mir. dass wir nennt; Beweise von grossen Schwankungen des Hodens in uns-rein Kontinente besitzen, doch nicht von Bewegungen so ausgedehnt und in solcher Kichlun«, dass sich mittelst derselben eine

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Verbindung Europa* mit Aatarika und den dazwischen gelegenen Atlantischen Inseln noch in der jetzigen lird-l'eriode ergäbe. Dagegen gestehe ich gerne die vormalige Existenz mancher jetzt im Meere begrabener Inseln zu. welche vielen Pflanzen- und

Tliiir-Arten bei ihren Wanderungen als liuhepiinkle dienen konnten. In den Korallen-Meeren erkennt man. nach meiner Meinung, solche versunkene Inseln noch jetzt mittelst der auf ihnen stehenden Korallen-Ringe oder Atolls. Wenn es einmal vollständig eingeräumt seyn wird, wie es eines Tages vermulhlich noch geschehen wird, dass jede All nur eine Geburts-Slatle gehabt, und wenn wir im Laufe der /.eil etwas Bestimmteres über die Verbreilungs-Mittel erkennen, so werden wir im Stande seyn die frühere Ausdehnung des Landes mit einiger Sicherheit zu berechnen. Dagegen glaube ich nicht, dass es je zu beweisen seyn wird. dass jetzt vollständig getrennte Kontinente noch in neuerer Zeit wirklich oder nahezu miteinander und mit den vielen noch vorhandenen ozeanischen Inseln zusammenhingen. Manche Thatsachen in der Verlheilung, wie die grosse Verschiedenheil der Meeres-Kaunen an den entgegengesetzten Seilen fast jedes grossen Kontinentes und ein gewisser Grad von Beziehungen (wovon nachher die Rede seyn wird) zwischen der Verbreitung der Sauglhiere und der Tiefe des Meeres: diese und noch manche andere scheinen mir sich der Annahme solcher ungeheuren geographischen Umwälzungen in der neuesten Periode zu widersetzen, wie sie durch die von E. Korbes aufgestellten und von vielen Nachfolgern angenommenen Ansichten nolhig werden. Die Natur und Zahlen-Verhältnisse der Bewohner ozeanischer Inseln scheinen mir gleicherweise die Annahme eines früheren Zusammenhangs mit den Festländern zu widerslreben. Eben so wenig ist ihre meist vulkanische Zusammensetzung der Annahme günstig, dass sie blosse Trümmer versunkener Kontinente seyen: denn wären es ursprüngliche Spitzen von Bergketten des Festlandes gewesen, so würden doch wenigstens einige derselben gleich andern Gebirgs-Hohen ans Graniten, melamorphischcn Schiefern, allen organische Beste führenden Schichten u. dgl. statt immer nur aus Kegeln vulkanischer Massen bestehen.

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Ich habe nun noch einig« Worte von den sogenannten »zufälligen« Verbreitungs-Mitteln zu sprechen, die man besser »gelegenheitliche« nennen würde. Doch will ich mich hier auf die Manzen beschränken.- In botanischen Werken findet man bemerkt, dass diese oder jene I'llanze für weite Aussaal nicht gut geeignet ist. Aber was den Transport derselben durch das Meer betrifft, -so lässt sich behaupten, dass es bei den meisten derselben noch ganz unbekannt ist. wie es mit der Möglichkeit desselben steht. Bis zur Zeit, wo ich mit Hrn. BeüKEIBv's Hilfe einige wenige Versuche darüber angestellt, war nicht einmal bekannt, in wie weit Saamen dem schädlichen Einllus.sc des Salz-Wassers zu wider. slihen vermögen. Zu meiner Verwunderung fand ich, dass von 87 Arten ti-l noch keimten, nachdem sie 28 Tage lang in See-Wasser gelegen: und einige wenige thaten es sogar nach 137 Tagen noch. Es ist beachtenswert!!, dass gewisse Ordnungen viel stärker als andre vom Salz-Wasser angegriffen werden. So gingen von neun Leguminosen acht zu Grunde, und sieben Arten der unter einander verwandten Ordnungen der Hydrophyllaceae und l'olemoniaceae waren nach einem Monate todt. Der Bequemlichkeit wegen wählte ich meistens nur kleine Saamen ohne Fruchthülle, und da alle schon nach wenigen Tagen untersanken, so können sie natürlich keine weiten Räume des Meeres durchschiffen, mögen sie nun ihre Keim-Kraft im Salzwasser bewahren oder nicht. Nachher wählte ich grossre Früchte mit Kapseln u. s. w., und von diesen blieben einige lange Zeit schwimmend. Es ist wohl bekannt, wie verschieden die Scliwimm-Fahigkeil einer Holzart im grünen und im trocknen Zustande ist. Ich dachte mir daher, dass Fluthon wohl l'llanzen oder deren Zweige forttragen and dann ans Ufer werfen konnten, wo der Strom, wenn sie erst ausgetrocknet wären, sie aufs Neue ergreifen und dem Heer« zufuhren konnte: daher nahm ich von M I'llanzen-Arten Irockne Stengel und Zweige mit reiten Früchten daran und legte sie ins Nasser. Die Mehrzahl versank sogleich: doch einige, welche grün nur sehr kurze Zeil an der Oberfläche geblieben, hielten sich nun langer. So sanken reife Haselnüsse unmittelbar unter. einrammen aber, wenn sie vorher ausgetrocknet worden, 9t)

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Tage lang und keimten dann noch, wenn sie gepflanzt wurden. Eine Spargel-Pflanze mit reifen Beeren schwamm '23 Tage, nach vorherigem Austrocknen aber 8ö Tage, und ihre Saamen keimten noch. Die reifen Früchte von Helosciadium sanken in zwei Tauen. SOb.WBlO.meB aber nach vorrangigem Trocknen 90 Tage und keimten hierauf. Im Ganzen schwammen von den 94 getrockneten Pflanzen 18 Arten '28 Tage lang und einige davon sogar noch viel langer. Es keimten also 6* ST = 0.74 der Saamen-Arten nach einer Eintauchung von '28 Tagen, und schwammen wyw ss ü, 19 der getrockneten I'llanzeii-Arlen mit reifen Saamen (doch /.. Th. andre Arten als die vorigen) noch über '28 Tage; und würden daher, so viel man aus diesen Thalsachen schliessen darf, die Saamen von 0,14 der Pflanzen-Arten einer Gegend ohne Nachtheil für ihre Keim-Kraft 28 Tage lang von See-Slromungen fortgetragen werden können. In Johnstons physikalischem Atlas ist die mittle Geschwindigkeit der Atlantischen Ströme auf 33 See-Meilen im Tag (manche laufen 60 M. weit) angegeben: und somit konnten jene Saamen bei diesem Mittel 924 See-Meilen weit fortgeführt werden und. wenn sie dann strandeten und vom Winde sofort auf eine passende Stelle weiter landeinwärts getrieben würden, noch keimen.

Nach mir stellte Martins* ähnliche Versuche, doch in hess-rer Weise an, indem er Kistchen mit Saamen in's wirkliche Meer versenkte, so dass sie abwechselnd feuchl und wieder der Luft ausgesetzt wurden, wie wirklich schwimmende Pflanzen. Er versuchte es mit 98 Saamen-Arten. meistens verschieden von den meinigen, und darunter manche grosse Früchte und auch Saamen von solchen Pflanzen, welche in der Nahe des Meeres wachsen, was wohl dazu beitrug die mittle Lange der Zeit, wnh-rend welcher sie sieh schwimmend zu halten und der schädlichen Wirkung des Salz-Wassers zu widerstehen vermochten, etwas zu vermehren. Anderseits aber trocknete er nicht vorher die Früchte mit den Zweigen oder Stengeln, was einige derselben befähigt haben würde, langer zu schwimmen. Das Ergebniss war. dass

* Diese neueren Versuche von Martins vgl. in BiUiothef. tinirrrt. t' Uem-re. Itiis, I, 89-92 > Neu. Jahrb. f. Mineral. /SÄ», 877-878. D.Übs

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%a = 0,185 Saamen-Aj-len 42 Tage lang schwammen und dann noch keimten. Ich bezweifle jedoch nicht, dass Pflanzen, die mit den Wogen treiben, sich langer schwimmend erhalten als jene, welche so wie in unseren Versuchen gegen jede Bewegung geschützt sind. Daher wate es vielleicht sicherer anzunehmen, dass die Saamen von etwa 0,10 Arten einer Flora nach dem Austrocknen noch eine 900 Meilen weite Strecke des Meeres durchschwimmen und dann keimen können. Die Thalsache, dass die grosseren Fruchte langer als die kleinen schwimmen, ist interessant, weil grosse Saamen oder Früchte nicht wohl anders als schwimmend aus einer Gegend in die andere versetzt werden können: daher, wie Ami. DeCandOUE gezeigt hat. solche Pflanzen beschrankte Verbreitnngs-Bezirke besitzen.

Doch können Saamen gelegenheitlich auch auf andre Weise fortgcliihrt weiden So gelang! Treibholz zu den meisten Inseln in der Mitte des weitesten Ozeans: und die Eingebornen der Koiallen-Inseln des Stillen Meeres verschaffen sich härtere Steine für ihr Geräthe fast nur von den Wurzeln der Treibholz-Stiininie: die Taxen für diese Steine bilden ein erhebliches Einkommen ihrer Könige. Wenn nun unrcgelmassig geformte Steine zwischen die Wurzeln der Baume fest eingewachsen sind, so sind auch zuweilen noch kleine l'arlhien Erde dahinter eingeschlossen, mitunter so genau , dass nicht das Geringste davon wahrend des längsten Transportes weggewaschen werden konnte. Und nun kenne ich einen Fall genau, wo aus einer solchen vollständig eingeschlossenen l'arthie Erde zwischen den Wurzeln einer SOjah-rigen Eiche drei Dikotyledonen-Saanien gekeimt haben. So kann ich lerner nachweisen. dass zuweilen todle \ ogel lange auf dem Meile treiben ohne verschlungen zu werden, und dass in ihrem Kröpfe enthaltene Saamen lange ihre Keim-Krafl behalten: Erbsen und Wicken z. B.. welche sonst schon zu Grunde gehen, wenn sie nur wenige Tage im Wasser liegen, zeigten sich zu meinem grossen Erstaunen noch keimfähig, als ich sie aus dem Kröpfe einer Taube nahm, welche schon 30 Tage lang auf künstlieh bereitetem Salzwasser geschwommen,

Lebende Vogel haben unfehlbar einen grossen Antheil am

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Transport lebender Saamen. Irh könnte viele Fülle anführen um zu beweisen, wie oft Vogel von mancherlei Art durch Sturme weit «her den Ozean verschlagen werden. Wir dürfen wohl als gewiss annehmen, dass unier solchen Umstanden ihre Schnelligkeit "II 35 Engl. Meilen in der Stunde betragen mag. und manche Schriftsteller haben sie viel höher angeschlagen. Ich habe nie eine nahrhafte Saamen-Art durch die Eingeweide eines Vogels passfren sehen, wogegen harte Saamen und Fruchte un-angegrilTcii selbst durch die Gedärme des Walschhuhns gehen. Im Laufe von zwei Monaten sammelte ich in meinem Garten aus den Exkrementen kleiner Vogel 12 Arten Saamen, welche alle noch gut zu seyn schienen, und einige von ihnen, die ich pro-hirle, haben wirklich gekeimt. Wichtiger ist jedoch folgende Thalsache. Der Kropf der Vogel sondert keinen Magensaft aus atld benachtheiligt nach meinen Versuchen die Keimkraft der Saamen nicht im mindesten. Nun sagt man. dass, wenn ein Vogel eine grosse Menge Saamen gefunden und gefressen hat, die Körner nicht vor 12—18 Stunden in den Magen gelangen. In dieser Zeit aber kann ein Vogel leicht 500 Meilen weit forlge-Irieben werden: und wenn Falken, wie sie gerne thun, auf den ermüdeten Vogel Jagd inachen, so kann dann der Inhalt seines Kropfes bald umhergeslreul seyn. Hr. Bbent benachrichtigt mich, dass ein Freund von ihm es aulgegeben hat, Botenlauben von Frankreich nach Engtand Biegen zu lassen, weil die Falken deren zu viele bei ihrer Ankunft an der Englischen Küste vertilgten. Nun verschlingen einige Falken und Eulen ihre Beute ganz und brechen nach 12—20 Stunden Ballen unverdauter Federn wieder aus, die, wie ich aus Versuchen in den Zoological Gardens weiss , oft noch keimfähige Saamen enthalten. Einige Säumen von Hafer, VTeitzen, Hirse. Kanariengras, Hanf, Klee und Mangold keimten noch, nachdem sie 12—20 Stunden in den Magen verschiedener Raubvögel verweilt hatten, und zwei Man-

goW-S«......n wuchsen sogar, nachdem sie zwei Tage und vierzehn

Stunden dort gewesen waren. Siisswasser-Fische verschlingen Saamen verschiedener Land- und Wasser-Pflanzen : Fische werden olt von Vögeln verzehrt, und so können jerie Saamen von

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Ort zu Ort ausgestreut werden. Ich brachte mancherlei Saamen-Arten in den Magen lodter Fische und gab diese sodann Pelikane», Storchen und Fischadlern zu Tressen: diese Vogel gaben einige Stunden spater die Saamen in ihren Exkrementen wieder von sich oder brachen sie in Gewoll-Ballen aus. Mehre dieser Saamen besassen alsdann noch ihre Keim-kraft: andre dagegen verloren sie jederzeit durch diesen l'rozess.

Obwohl Sohnabel und Fiisse der Vogel gewohnlich ganz rein sind, so hangen doch oft auch Erd-Theile daran. In einem Falle trennte ich 22 Gran thoniger Erde von dem Fusse eines Feldhuhns, und in dieser Erde befand sich ein Steinchen so gross wie ein Wicken-Suaincn. Daher mögen auf dieselbe Arl Blieb Saamen zuweilen auf grosse Entfernungen fortgeführt werden, indem sich nachweisen lassl. dass der Ackerboden überall voll von Sämereien steckt. Erwägt man, wie viele Millionen Waoh-teln jährlich das Mittelmeer überfliegen, so wird man die Möglichkeit nicht bezweifeln, dass wohl auch einmal ein paar kleine Saamen an ihren Füssen mit herüber oder hinüber gelangen. Doch werde ich auf diesen Gegenstand noch zurückkommen.

Bekanntlich sind Eisberge oft mit Steinen und Erde beladen : auch Buschholz, Knochen und selbst einmal ein Vogel-Nest hat man darauf gefunden: daher wohl nicht zu zweifeln ist, dass sie mitunter auch, wie Lyell bereits angenommen, Saamen von einem zum andern Theile der arktischen oder antarktischen Zone, und in der Glaeial-Zeil sogar von einem Theile der jetzigen gc-massigten Zonen zum andern geführt haben. Da auf den Azoren eine im Verhaltniss zu den übrigen zum Theile dem Festlande naher gelegenen Inseln des Atlantischen Meeres grosse Anzahl Euro-MOuaker Pflanzen und (wie Hr. H. C. Watson bemerkt) insbesondere solcher Arten vorkommt, die einen etwas nördlicheren Charakter haben, als der Lage entspricht, so vermulhele ich, dass ein Theil derselben mit Eisbergen in der Glucial-Zeil dahin gelangt seye. Auf meine Bitte fragte Sir Cn. Lyell Hrn. Hab-tung, ob er erratische Blocke auf diesen Inseln gefunden haho. und erhielt zur Antwort, dass grosse Blocke von Granit U. a. nicht auf den Inseln anstehenden «esteinen ilorl \orkominen.

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Wir dürfen dnher nelrost folgern, dass Eisberge vordem ihre Hiirdcn M dir huste dieser inittrl-ozeanischcn Inseln abgesetzt haben, und so ist es wenigstens möglich, dass auch einige Saamen nordischer l'lliin/.cn mit dahin gelangt sind.

In Berücksichtigung, dass manche der oben erwähnten und andre wohl spater zu entdeckende Transport - Mittel ganz« Jahrhunderte und Jahrtausende alljährlich in Thatigkeil gewesen, würde es nach meiner Ansicht eine wunderbare Thatsache seyn, wenn uicht auf diesen Wegen viele Pflanzen mitunter in »eile Kernen versetzt worden waren. Diese Transport-Mittel werden zuweilen zufallige genannt, was nicht ganz richtig ist, indem weder die See-Strömungen noch die vorwallende Richtung der Stürme zufällig sind. Indessen ist von diesen Mitteln wohl keines im Stande, keimfähige Saamen in sehr grosse Fernen zu versetzen, indem die Saamen weder ihre Keimfähigkeit im Seewasser lange behalten, noch in Kropf und Eingeweiden der Vogel weit transporlirt werden können. Wohl aber genügen sie, um dieselben gelegenheillich über einige Hundert Meilen breite See-Striche hinwegzuführen und so von Kontinent zu Insel, oder von Insel zu Insel, aber nicht von einem Kontinente zum andern zu fordern. Die Floren entfernter Kontinente werden auf diese Weise milhin nicht in hohem Grade gemengt werden, sondern so weit getrennt bleiben, als wir sie jetzt finden. Die Strome wurden ihrer Richtung nach niemals Saamen von Xord-Amerika nach Britannien bringen können, wie sie deren von Westindien aus an unsre Küsten spülen, wo sie aber, selbst wenn sie auf diesem langen Wege noch ihre Lebenskraft bewahrt haben, nicht das Klima zu ertragen vermögen. F'ast jedes Jahr werden 1—2 Land-Vogel durch Stürme von .Xortl- Amerika über den ganzen Atlantischen Ozean bis an die Irischen und Englischen Kosten getrieben: Saamen aber konnten diese Wanderer nur auf eine Weise mit sich bringen , nämlich in dem zufallig an ihren Füssen hangenden Schmutz, was doch immer an sich schon ein seltener Zufall ist. Und wie gering wäre selbst in diesem Falle die Wahrscheinlichkeit, dass ein solcher Saanie in einen günstigen Boden gelange, keime und zur Reife komme. Doch wäre

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es ein grosser Irrlhum zu folgern, dass, weil eine schon wohl-bevöl-kerle Insel, wie Grossbritannien ist, in den paar letzten Jahrhunderten (was übrigens doch schwer zu beweisen steht) durch diese gelegenheitlichen Transport-Mittel keine Einwanderer aus Europa oder einem andern Kontinente aufgenommen, auch sparsam bevölkerte Inseln selbst in noch grössren Entfernungen vom Eest-lande keine Kolonisten auf solchen Wegen erhalten konnlcn. Ich zweifle nicht, dass aus 20 zu einer Insel verschlagenen Saainen-oder Thier-Arten, auch wenn sie viel weniger bevölkert wäre als Britannien, kaum mehr als eine so für diese neue Heiniath geeignet seyn würde, um nun dort naturalisirt zu werden. Doch ist Diess, wie mir scheint, kein bedeutender Einwand hinsichtlich dessen, was durch solche gelegenheitliche Transport-Mittel im langen Verlaute der geologischen Zeiten geschehen konnte, wah-rend der Hebung und Bildung einer Insel und bevor sie mit Ansiedlern vollständig besetzt war. Aul einem fast noch öden Lande, wo noch keine oder nur wenige Insekten und Vögel jedem neu ankonmiden Saamen-Korne nachstellen, wird dasselbe leicht 7.11m Keimen und Fortlehen gelangen, wenn es anders für dieses Klima passt.

Zerstreuung wahrend der Eis-Zeit.) Die t'berein-stiinmung so vieler Pflanzen- und Thier-Arten auf Berges-Höhen, welche Hunderte von Meilen weit durch Tiefländer von einander getrennt sind, wo die Alpen-Bewohner nicht forlkonuuen können, ist eines der schlagendsten Beispiele des Vorkommens gleicher Arten auf von einander entlegenen Punkten, ohne anscheinende Möglichkeit einer Wanderung von einem derselben zum andern. Es ist in der That merkwürdig, so viele Pflanzen-Arten in den Schnee-Gegenden der Alpen oder Pyrenäen und wieder in den nördlichsten Italien Europas zu sehen: aber noch merkwürdiger isl es, dass die Pflanzen-Arten der Weissen Berge in den

l'ir.-inten Staaten Amerikas alle die nämlichen wie in Labrador und ferner nach Asa Gbav's Versioherang die nämlichen WM auf den höchsten Bergen Europas sind. Schon vor langer Zeil, im Jahre 1747, veranlassten ähnliche Thalsac-heu Umhin zu schlics-sen, dass einerlei Spezies au verschiedenen Orten unabhängig

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von einander geschaffen worden seyn müssen, und wir würden dieser Meinung vielleicht noch zngethan geblieben seyn, hatten nicht Akassiz h. A. unsre Aufmerksamkeit auf die Eis-Zeit gelenkt, die. wie wir sofort sehen werden, diese Thatsachen sehr einlach erklärt. Wir haben Beweise fast jeder möglichen An, organische und unorganische. dass in einer sehr jungen geologischen Periode Zentral-Europa und Nord- Amerika unter einem arktischen Klima litten. Die Ruinen eines abgebrannten Hauses erzählen ihre Geschichte nicht so verständlich, wie die Schottischen und Wales'schen Gebirge mit ihren geschrammten Seiten, polirten Flachen, schwebenden Blocken von den Eis-Strömen berichten, womit ihre Thaler noch in spater Zeit ausgefüllt gewesen. So sehr war das Klima in Europa verschieden, dass in Nord-Italien riesige Moränen von einstigen Gletschern herrührend jetzt mit Mays und Wein bepflanzt sind. Durch einen grossen Theil der Vereinten Staaten bezeugen erratische Blöcke und von treibenden Eisbergen und Küsten-Eis geschrammte Felsen mit Bestimmtheit eine frühere Periode grosser Kalte.

Der frühere Einfluss des Eis-Klima's auf die Verkeilung der Bewohner Europas, wie ihn Edw. Forbes so klar dargestellt, ist im Wesentlichen folgender. Doch wir werden die Veränderungen rascher verfolgen können, wenn wir annehmen, eine neue Eis-Zeit rücke langsam an und verlaufe dann und verschwinde so, wie es früher geschehen ist. In dem Grade wie bei zunehmender Kälte jede weiter südlich gelegene Zone der Reihe nach für arktische Wesen geeigneter wird und ihren bisherigen Bewohnern nicht mehr zusagen kann, werden arktische Ansiedler die Stelle der bisherigen einnehmen. Zur gleichen Zeit werden auch ihrerseits diese Bewohner der gemässigten Gegenden südwärts wandern, wenn ihnen der Weg nicht versperrt ist, in welchem Falle sie zu Grunde gehen müssten. Die Berge weiden sich mit Schnee und Eis bedecken, und die früheren Alpen-Bewohner werden in die Ebene herabsteigen. Erreicht mit der Zeil die Kälte ihr Maximum, so bedeckt eine einförmige arktische Flora und Fauna den mittein Theil Europas bis im Süden der Alpen und Pyrenäen und bis nach Spanien hinein. Auch die

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gegenwartig gemässigten Gegenden der Vereinigten SUlOtm bevölkern sich mit arktischen Pflanzen und Thieren und zwar nahezu mit den nämlichen Arten wie Europa; denn die jetzigen Bewohner der Polar-Länder, von welchen so eben angenommen worden, dass sie, überall nach Süden gewandert, sind rund um den Pol merkwürdig einförmig. Nimmt man an, dass die Eis-Zeit in Kord-Amerika etwas früher oder spater als in Europa an<;e-Tangen, so wird auch die Auswanderung nach Süden etwas früher oder spater beginnen, was jedoch im End-Ergebnisse keinen Unterschied macht.

Wenn nun die Wanne zurückkehrt, so ziehen sich die arktischen Formen wieder nach Norden zurück und die Bewohner der gemassigteren Gegenden rücken ihnen unmittelbar nach. Wenn der Schnee am Fusse der Gebirge schmilzt. werden die arktischen Formen von dem entblüssten und aulge-thauten Boden Besitz nehmen: sie werden immer hoher und höher hinansleigen, wie die Warme zunimmt und ihre Bruder in der Ebene den Bückzug nach Norden hin fortsetzen. Ist daher die Warme vollständig wieder hergestellt, so weiden die Mulichen arktischen Arten. welche bisher in Masse beisammen in den Tiefländern der alten und der neuen Welt gelebt, nur noch auf abgesonderten Berg-Höhen und in der arktischen Zone heider Hemisphären übrig seyn.

Auf diese Weise begreift sich die I bereinstimmung so vieler I'llanzen-Arten an so unermesslich weil von einander entlegenen Stellen, als die Gebirge der Vereinten Staaten und Europas sind. So begreift sich ferner die Thatsache, dass die Alpen-Pflanzen jeder Gebirgs-Kette mit den gerade oder fast gerade nördlich von ihnen lebenden Arten in nächster Beziehung Stehen: die Wanderung bei Eintritt der Kalte und die Kückwanderung bei Wiederkehr der Warme wird im Allgemeinen eine gerade südliche und nördliche gewesen seyn. Denn die Alpen-Pflanzen Schottlands z. B. sind nach H. C. Watson's Bemerkung und die der l'i/reniien nach Bamonb spezieller mit denen Skandinartem verwandt, wie die der Vereinten Staaten und die Sibirisrhen mehr mit den im Norden dieser Lander lebenden Arten über-

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cinsliminni. Kiese Ansicht. gegründet Hilf den zuverlässig bestätigten Verlauf einer früheren Eis-Zeit, scheint mir in so genügender Weise die gegenwärtige Verlheilnng der alpinen und arktischen Arten in Europa und Nord-Amerika zu erklaren, dnss, wenn wir in noch andern Regionen gleiche Spezies auf entfernten Gebirgs-Hiihen zerstreut finden, wir auch ohne einen weiteren Beweis sehliessen dürfen, dass ein kälteres Klima ihnen vordem durch zwisehen-gelegene Tiefländer zu wandern gestattet hahe, welche seitdem zu warm für dieselben geworden sind.

Wenn das Klima seit der Eis-Zeit je einigermaassen warmer als jetzt gewesen wäre (wie einige Geologen aus der Verbreitung der fossilen Gnathodon-.Musclioln in den Vereinten Staaten geschlossen), dann würden die Bewohner der gemässigten und der kalten Zone noch in sehr spater Zeit etwas nach Norden vorgerückt seyn, um sich noch spater wieder in ihre jetzige Hci-niath zurückzuziehen: doch habe ich keinen genügenden Beweis für eine solche wärmere Periode, die nach der Eis Zeit eingeschaltet gewesen wäre.

Die arktischen Formen werden wahrend ihrer südlichen Wanderung und Rückkehr nach Norden nahezu dein nämlichen hlima ausgesetzt gewesen und, was gleichfalls zu bemerken, in Masse beisammen geblieben seyn: daher sie denn auch in ihren gegenseitigen Beziehungen nicht sonderlich gestört und mithin, nach den in diesem Bande vertheidiglen Prinzipien, nicht allzugros-ser Umänderung ausgesetzt worden waren. Etwas anders würde es sich jedoch mit nnsern Alpen-Bewohnern verhalten, welche bei rückkehrender Wanne sieh vom Kusse der Gebirge immer höher an deren Seiten bis zu den Gipfeln hinan gefluchtet haben. Denn es ist nicht wahrscheinlich, dass alle dieselben arktischen Arten auf weit getrennten Gebirgs-Ketten zurückgeblieben sind und dort seither fortgelebt haben. Auch werden die zurückgebliebenen aller Wahrscheinlichkeit nach sich mit alten Alpen-Pflanzen gemengt haben, welche schon vor der Eis-Zeit die Gebirge bewohnten und für die Dauer der kältesten Periode in die Ebene herabgetrieben wurden: sie werden ferner einem etwas abweichenden klimatischen Einflüsse ausgesetzt gewesen seyn.

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Ihre gegenseitigen Beziehungen können hiedurch etwas gestört und sie selbst mithin zur Abänderung geneigt geworden seyn; und so ist es wirklich der Fall. Denn, wenn wir die gegenwärtigen Alpen-Pflanzen und -Thiere der verschiedenen grossen Europäischen Gebirgs-Ketten verglichen, so finden wir zwar im Ganzen viele identische Arten, von welchen aber manche als Varietäten auftreten, andre als zweifelhafte Formen schwanken, und einige wenige als verschiedene doch nahe verwandte oder stellvertretende Arten erscheinen.

Bei Erläuterung dessen, was nach meiner Meinung wahrend der Eis-Periode sich wirklich zugetragen, unterstellte ich, dass bei deren Beginn die arktischen Organismen rund um den Pol so einförmig wie heutigen Tages gewesen seyen. Aber die vorangehenden Bemerkungen beziehen sich nicht allein auf die strenge arktischen Formen, sondern auch auf viele subarktische und auf einige Formen der nördlich-gemüssigten Zone; denn manche von diesen Arten sind ebenfalls übereinstimmend auf den niedrigeren Bergen und in den Ebenen Sord-Amerika s und Euro pa's, und man kann mit Grund fragen, wie ich denn die Übereinstimmung der Formen, welche in der subarktischen und der nördlich-gemüssigten Zone rund um die Erde am Anhange der Eis-Periode stattgefunden haben niuss, erklare? Heutzutage sind die Formen der subarktischen und nördlich-gemassigten Gegenden der allen und der neuen Welt von einander gelrennt durch den atlantischen und den nördlichsten Thcil des stillen Ozeans. Als wahrend der Eis-Zeit die Bewohner der alten und der neuen Welt weiter südwärts als jetzt lebten, müssen sie auch durch weitere Baume des Ozeans vollständiger von einander geschieden gewesen seyn. Ich glaube, dass die oben erwähnte Schwierigkeit zu umgehen ist, wenn man sich nach noch früheren Klima-Wechseln in einem entgegengesetzten Sinne umsieht. Wir haben nämlich guten Grund zu glauben, dass wahrend der neuem Pliocan-Pe-riode vor der Eis-Zeil, wo schon die Mehrzahl der Erd-Bewohner mit den jetzigen von gleichen Arten gewesen, das Klima warmer war als jetzt. Wir dürfen daher annehmen, dass Organismen, welche jetzt unter dem 60. Breite-Grad leben, in der Pliocan-

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Periode weiter nördlich am Polar-Kreise unter dem B6° - t>7" Br. wohnten, und dass die eigentlich arktischen Wesen auf die unterbrochenen Land-Striche naher bei den Polen beschrankt waren. Wenn wir nun einen Globus ansehen, so werden wir linden, dass unter dem Polar Kreise meist zusammen-hängendes Land von West-Europa an durch Sibirien bis Ost-Amerika vorhanden ist. Und diesem Zusammenhange des Circumuolar-Landes und der ihm entsprechenden freien Wanderung in einem schon günstigeren Klima schreibe ich den notwendigen (irad von Einförmigkeit in den Bewohnern der subarktischen und nördlich-gemässigten Zone der alten und neuen Welt vor der Eis-Zeil zu. Von dem Glauben ausgehend, dass. wie schon oben gesagt, unsri' Kontinente langozeit in fast nahezu der nämlichen Lage gegen einander geblieben, wenn sie auch Iheilweise beträchtlichen Höhen-Schwankungen unterworfen gewesen, habe ich grosse Neigung die erwähnte Ansieht noch weiler auszudehnen und zu unterstellen, dass in einer noch früheren und wärmeren Zeit, in der altern I'lioeaii-Zeit nämlich, eine grosse Anzahl der nämlichen l'IIan-zen- und Thier-Arten das fast zusammenhangende Circumpolar-Land bewohnt habe, und dass diese Pflanzen und Tliierc sowohl in der alten als in der neuen Welt langsam südwärts zu wandern anlangen, wie das Klima kühler wurde, lange vor Anläng der Eis-Periode. Wir sehen nun ihre Nachkommen, wie ich glaube, meistens in einem abgeänderten Zustande die Zenlral-Thcile von Europa und den Vereinten Staaten bewohnen. Von dieser Annahme ausgehend begreift man dann die Verwandtschaft, bei sehr geringer Gleichheit, der Arten von Nord-Amerika und Kurupa. eine Verwandtschaft, welche bei der grossen Entfernung beider Gegenden und ihrer Trennung durch das Atlantische Mm äusserst merkwürdig ist. Man begreift ferner die von einigen Beobachtern wahrgenommene sonderbare Thatsache, dass die Natur-Erzeugnisse Europas und Nord-Amerikas wahrend der letzten Abschnitte der Tertiär-Zeit naher mit einander verwandt sind, als sie es in der vorangehenden Zeil waren: denn in dieser wärmeren Zeit sind die nordlichen Theile der n/Jen und der neuen Welt durch Zwischenländer in zusammen-hängen-

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derer Weise mit einander verbunden gewesen, die aber seither durch kalte zur Auswanderung Unbrauchbar gemacht worden sind.

Sobald wahrend der langsamen Temperatur-Abnahme in der I'liorän-Periode die gemeinsam ausgewanderten Bewohner der allen und neuen Well südwärts vom Polar-Kreise angelangt waren, wurden sie vollständig von einander abgesehnitten. Diese Trennung trug sieh, was die Bewohner der gemässigteren Gegenden betritt, vor langen langen Zeiten zu. Und als damals die Pflanzen- und Thier-Arlen südwärts wanderten, werden sie sich mit den Kingebornen der niedrigeren Breiten gemengt und in der einen Gegend Amerikanische und in der andern Europäische Arten zu neuen Mitbewerbern bekommen haben. Hier ist demnach Alles zu reichlicher Abänderung der Arten ange-Ihan. weit mehr als es hinsichtlich der auf südlichen Alpen-Hohen abgeschnitten zurückgelassenen Polar - Bewohner beider Welttbeile der Fall gewesen ist. Davon rührt es her, dass. wenn wir die jetzt lebenden Erzeugnisse gemässiglerer Gegenden der allen und der neuen Well mit einander vergleichen, wir nur sehr wenige identische Arten linden obwohl Asa Gray kürzlich gezeigt, dass deren Anzahl grösser ist, als man bisher angenommen hatte); aber wir linden in jeder grossen Klasse viele Formen, welche ein Theil der Naturforscher als ireojjraphische Kassen

und ein andrer als unterschiedene Arten betrachten, zus;........in

Mit einem Heere nahe verwandter oder stellvertretender Formen. die bei allen Naturforschern für eigene Arten gelten.

Wie auf dem Lande, so kann auch in der See eine langsame südliche Wandelung der Fauna, welche wahrend oder etwas vor der Plincän-Periode längs der zusammen-hangenden Küsten des Polar-Kreises sehr einförmig gewesen, nach der Ahiinde-rungs-Theorie zur Erklärung der vielen nahe verwandten Formen dienen, welche jetzt in ganz gesonderten Gebieten leben. Mit ihrer Hilfe lässt sich, wie ich glaube, das Daseyn einer Menge noch lebender und tertiärer stellvertretender Arten an den ostlichen und westliehen Küsten des gemässigteren Theiles von Nord-Amerika erklären, so wie die bei weitem auffallendere Erscheinung vieler nahe verwandter Ernster (in Danas ausgc-

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zeichneten! Werke beschrieben;, einiger Fische und andrer See-Ihiere im Japanischen und im MUlelmefre zugleich, in Gegenden mithin, welche jetzt durch einen grossen Kontinent und fast eine ganze Hemisphäre von Äquatorial-Meeren von einander getrennt sind.

Diese Fälle von Verwandtschaft, ohne Identität, zwischen den Bewohnern jetzt getrennter Meere wie zwischen den früheren und jetzigen Bewohnern der gemässigten Länder Nord-Amerikas und Europa's sind aus der Schopfungs-Theorie unerklarbar. Wir können nicht sagen, sie seyen ähnlich geschaffen zur Anpassung an die ähnlichen Natur-Bedingungen der beiderlei Gegenden; denn wenn wir z. B. gewisse Theile Süd-Amerikas mit den südlichen Kontinenten der allen Well vergleichen, so finden wir Striche in beiden, die sich hinsichtlich ihrer Natur-Beschaffenheit einander genau entsprechen, aber in ihren Bewohnern sich ganz unähnlich sind.

Wir müssen jedoch zu unsrer unmittelbaren Aufgabe zurückkehren, nämlich zur Eis-Zeit. Ich bin überzeugt, dass Edw. Forces' Theorie einer grossen Erweiterung fähig ist. In Europa haben wir die deutlichsten Beweise einer Kälte-Periode von den West-Küsten Britanniens ostwärts bis zur Ural-Kelle und südwärts bis zu den Pyrenäen. Aus den im Eise eingefrorenen Säuglhieren und der Beschaffenheit der Gebirgs-Vegelation zu schliessen, war Sibirien auf ähnliche Weise betroffen gewesen. Längs dem Himalaya habe Gletscher an 900 Engl. Meilen von einander entlegenen Punkten Spuren ihrer ehemaligen weiten Erslreckung nach der Tiefe hinterlassen: und in Sikkim sah Dr. Hooker Mays wachsen auf alten Riesen-Moränen. Im Süden des Äquators haben wir einige unmittelbare Beweise früherer Eis-Thätigkeit in Neuseeland, und das Wiedererscheinen derselben Pllanzen-Arten auf weit von einander getrennten Bergen dieser Insel spricht für die gleiche Geschichte. Wenn sich ein bereits veröffentlichter Bericht bestätigt, so liegen direkte Beweise solcher Thätigkeit auch in der süd-ostlichen Spitze Neu-Hol-lands vor.

Sehen wir uns in Amerika um. In der nordlichen Hallte

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sind von Eis transportirte Fels-Trümmer beobachtet worden an der Ost-Seite abwärts bis zum 36" und an der Küste des stillen Meeres, wo das Klima jetzt so verschieden ist, bis zum 46° nördlicher Breite; auch in den Rocky Mountains sind erratische Blocke gesehen worden. In den Cordilleren des äquatorialen Siid-Ainerika's haben sich Gletscher ehedem weit über ihre jetzige Grenze herabbewegt. In Zentral-Chili war ich betroffen von der Struktur eines Detritus-Haul'werks, welches 800' hoch ein A'ides-Thal queer durchsetzt, und Dicss war, wie ich jetzt überzeugt bin, eine riesige Moräne lief unter jedem noch jetzt dort vorkommenden Gletscher. Weiter südwärts an beiden Seiten des Kontinents, von 41° Br. bis zur südlichsten Spitze, finden wir die klarsten Beweise früherer Gletsclier-Thätigkeit in mächtigen von ihrer Geburlsstätte weil entführten Blocken.

Wir wissen nicht, ob die Eis-Zeil an allen diesen Punkten auf ganz entgegengesetzten Seiten der Erde genau gleichzeitig gewesen seye; doch fiel sie, in fast allen Fallen wohl erweislich, in die letzte geologische Periode. Eben so haben wir vortreffliche Beweise, dass sie überall, in Jahren ausgedrückt, von ungeheurer Dauer gewesen. Sie kann an einer Stelle der Erde früher begonnen oder früher aufgehört haben, als an der andern : da sie aber überall lange gewährt hat und wenigstens in geologischem Sinne überall gleichzeitig war, so ist es mir wahrscheinlich, dass jedenfalls ein Theil der Glacial-Ereignisse an allen diesen Orten über die ganze Erde hin der Zeil nach genau zusammenfiel. So lange wir nicht irgend einen bestimmten Beweis für das Gegentheil haben, dürfen wir daher unterstellen, dass die Gl.icial-Tlialigkeil eine gleichzeitige gewesen ist an der Ost- und West-Seite Nord-Atnerika's, in den Cordilleren des Äquators und der wärmer-gemässigten Zone wie tu beiden Seiten der südlichen Spitze dieses Weltlheiles. Isl Diess anzunehmen Erlaubt, so wird man auch annehmen müssen, dass die Temperatur der ganzen Erde in dieser Periode gleichzeitig kühler gewesen ist: doch wird es für ineinen Zweck genügen, wenn die Temperatur nur auf gewissen breiten von Norden nach Buden ziehenden Strecken der Erde glcichzeilig niedriger war.

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Von dieser Voraussetzung ausgehend, dass die Bede "der wenigstens breite Meridianal-Slreifcn derselben von einem l'ol zum andern gleichzeitig kiiller geworden sind, lassl sieb viel Licht über die jetzige Verkeilung identischer and verwandter Arten verbreiten. Dr. Hookkr bat gezeigt, dass in Amerika 40—50 Blilthen-Pflanzcn des Feucrlandes, welche keinen unbeträchtlichen Theil der dortigen kleinen Flora bilden, trotz der ungeheuren Entfernung beider Punkte, mit Europäischen Arten übereinstimmen; ausserdem gibt es viele nahe verwandle Arten. Auf den hoch-ragenden Gebirgen des tropischen Amerika?» kommt eine Menge besondrer Arten aus Europäischen Sippen vor. Auf den höchsten Bergen Brasiliens sind einige wenige Europäische Sippen von Gardrneb gefunden worden, welche in den weit-gedehnten warmen Zwischenländern nicht fortkommen. An der Silla von Caraccas fand Al. von Humboldt schon vor langer Zeil Sippen, welche' für die Cor-düleren bezeichnend sind. Auf den Abyssinischen Gebirgen kommen verschiedene Europäische Formen und einige wenige stellvertretende Arten der eigenthümlichen Flora des Caps der guten Hoffnung vor. Am Cap sind einige wenige Europäische Arten, die man nicht für eingeführt hält, und auf den Bergen einige wenige stellvertretende Formen Europäischer Arten gefunden worden, dergleichen man in den tropischen Ländern Afrikas noch nicht entdeckt hat. Am Himalaya und auf den vereinzelten Berg-Kelten der Indischen Halbinsel, auf den Hohen von Ceylon und den vulkanischen Kegeln Jacas treten viele Pflanzen auf, welche entweder der Art nach mit einander übereinstimmen, oder sich wechselseitig vertreten und zugleich für Europäische Formen vikariiren, aber in den dazwischen gelegenen warmen Tiefländern nicht gefunden werden. Ein Verzeich-niss der auf den luftigen Berg-Spitzen Jacas gesammelten Sippen liefert ein Bild wie von einer auf Europäischen Gebirgen gemachten Sammlung. Noch viel schlagender ist die Thafsache, dass die Süd-Australischen Formen offenbar durch Pflanzen re-präsentirt werden, welche auf den Berg-Hohen von Borneo wachsen. Einige dieser Australischen (Neilholländischen) Formen erstrecken sich nach Dr. Hookkr längs der Hohen der Halbinsel

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Malakka und sind dünne zerstreut einerseits über Indien'um\ andrerseits nordwärts bis Japan.

Auf den südlichen Gebirgen Neuhollanils hat Dr. F. Miller mehre Europäische Arten entdeckt; andre nicht von Menschen eingerührte Spezies kommen in den Miederungen vor, und, wie mir Dr. Hooker sagt, konnte noch eine lange Liste von Europäischen Sippen aufgestellt werden, die sich in Neuholland, aber nicht in den heissen Zwischenlandern linden. In der vortrefflichen Einleitung zur Flora Neuseelands liefert Dr. Hooker noch andre analoge und schlagende Beispiele hinsichtlich der Pflanzen dieser grossen Insel. Wir sehen daher, dass über der ganzen Erd-überflache einestheils die auf den höheren Bergen wachsenden Pflanzen, wie andemtheils die in den gemässigten Tieflandern der nordlichen und der südlichen Hemisphäre verbreiteten zuweilen von gleicher Art sind: noch öfter aber erscheinen sie spezifisch verschieden, obwohl in merkwürdiger Weise mit einander verwandt.

Dieser kurze Uuiriss bezieht sich nur auf Pflanzen allein; aber genau analoge Thalsachen lassen sich auch über die Ycr-Iheilung der Landthiere anführen. Auch bei den Seethieren kommen ahnliche Falle vor. Ich will als Beleg die Bemerkung eines der besten Gewährsmänner, nämlich des Professors Dana anführen, »dass es gewiss eins wunderbare Thatsache ist, dass Neuseeland hinsichtlich seiner hrusler eine grossre Verwandtschaft mir seinem Antipoden Grossbrilannien als mit irgend einem andern Theile der Welt zeigt". Eben so spricht Sir J. Rjchardson von dem Wie-dererscheinen nordischer Fisch-Formen an den Küsten von Neuseeland, Tasmania u. s. W. Dr. Hookeh sagt mir, dass Neuseeland 25 Algen-Arten mit Europa geinein hat, die in den tropischen Zwischenmeeren noch nicht gefunden worden sind.

Es ist zu bemerken, dass die in den südlichen Theilen der südlichen Halbkugel und auf den tropischen Hochgebirgen gefun-iIithii nördlichen Arten und Formen keine arktischen sind, sondern dem nördlichen Theile der gemässigten Zone entsprechen. Hr. H. C. Watson hat neulich bemerkt. ..je weiter man von den polaren gegen die tropischen Breiten voransihreilet, desto weni-

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ger 'arktisch werden die alpinen oder gebirglichen Formen der Organismen.« Viele der auf den Gebirgen wärmerer Gegenden der Erde und in der südlichen Hemisphäre lebenden Arten sind von so zweifelhaftem Wertlie, dass sie von einigen Naturforschern als wesentlich verschieden und von andern als blosse VerteUten bezeichnet werden.

Wir wollen nun zusehen, welche Aufschlüsse die vorangehenden Thalsechen Ober die durch eine Menge geologischer Beweise unterstützte Annahme gewahren können, dass die ganze Erdoberfläche oder wenigstens ein grosser Theil derselben wahrend der Eis-Periode gleichzeitig viel kälter als jetzt gewesen seyc. Die Eis-Periode muss, in Jahren ausgedrückt, sehr lang gewesen seyn: und wenn wir berücksichtigen, über welch' weite Flachen einige naturalisirte Pflanzen und Thiere in wenigen Jahrhunderten sich ausgebreitet haben, so hat diese Periode für jede noch so weite Wanderung ausreichen können. Da die Kalte nur langsam zunahm. so werden alle tropischen Pflanzen und Thiere sich von beiden Seiten her gegen den Äquator zurückgezogen haben, gefolgt von den Bewohnern gemässigter Gegenden, welchen die der Polar-Zonen nachrückten: doch haben wir es mit den letzten in diesem Augenblicke nicht zu thun. Viele der Tropen-Pflanzen erloschen dabei ohne Zweifel; wie viele, kann niemand sagen. Vielleicht waren vordem die Tropen-Gegenden eben so reich an Arten, wie jetzt das Kap der guten Hoffnung und einige gemässigte Theile Neuhollands. Da wir wissen, dass viele tropische Pflanzen und Thiere einen ziemlichen Grad von Kälte aushalten können, so mögen manche derselben der Zerstörung durch eine massige Temperatur-Abnahme entgangen seyn, zumal wenn sie in die tiefsten geschütztesten und wärmsten Bezirke zu entkommen vermochten. Aber was man hauptsächlich nicht vergessen darf, das ist, dass doch alle Tropen-Erzeugnisse mehr oder weniger gelitten haben müssen. Die Bewohner gemässigter Gegenden, welche näher an den Äquator heranrücken konnten, wurden in einigermaassen neue Verhaltnisse versetzt, litten aber weniger. Auch ist es gewiss, dass viele Pflanzen gemässigter Gegenden, wenn sie gegen Mitbewcr-

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bung geschützt sind, ein viel wärmeres als ihr eigentliches Klima ertragen können. Daher scheint es ,mir möglich dass, da die Tropen-Erzeugnisse in leidendem Zustande waren und den Eindringlingen keinen ernsten Widerstund zu leisten vermochten, eine gewisse Anzahl der kraftigsten und herrschendsten Formen der gemässigten Zone in die Reihen der Eingebornen eingedrungen sind und den Äquator erreicht und selbst noch überschritlen haben. Der Einfall wurde in der Regel durch Hochlander und vielleicht ein trocknes Klima noch begünstigt: denn Dr. Falconer sagt mir. dass es die mit der Hitze der Tropenländcr verbundene Feuchtigkeit ist, welche den perennirenden Gewächsen aus gemässigteren Gegenden so verderblich wird. Dagegen werden die feuchtesten und wärmsten Bezirke den Eingebornen der Tropen als Zufluchtsstätte gedient haben. Die Gebirgs-Kct-len im Nordwesten des Himalaya und die lange Cordilleren-Reihe scheinen zwei grosse Invasions-Linien gebildet zu haben; und es ist eine schlagende Thatsache, dass nach Dr. Hookeb's letzter Mittheilung die 46 Blüthen-l'flanzen, welche Feuer/and mit Europa gemein hat, alle auch in Nord-Amerika vorkommen, das auf ihrer Marsch-Route gelegen haben uiuss. Doch zweifle ich nicht daran, dass auch einige Bewohner der gemässigten Zonen sogar in die Tiefländer der Tropen eingedrungen sind und diese überschritten haben, als zur Zeit der grossten Kälte arktische Formen von ihrer Heimalh aus 25 Breilen-Grade südwärts vordrangen und das Land am Fusse der Pyrenäen bedeckten. In dieser Zeit der grossten Kälte dürfte dann das Klima unter dem Äquator im Niveau des Meeres-Spiegels ungefähr das nämliche gewesen seyn, wie es jetzt dort in tiUOO' — 7UU0' Seehohe herrscht. In dieser Zeit der grossten Kalte waren meiner Meinung nach weite Räume in den tropischen Tiefländern mit einer Vegetation bedeckt aus Formen tropischer und gemässigter Gegenden zusammengesetzt und derjenigen vergleichbar, welche sich nach Hookkb's lebendiger Beschreibung in wunderbarer Üppigkeit am Fusse des Himalaya entfaltet.

So sind, glaube ich, während der Eis-Feriode beträchtlich viele Pflanzen, einige Landlhiere und verschiedene Meeres-

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Bewohner von beiden gemässigten Zonen aus in die Tropen-Gegenden eingedrungen und haben manche sogar den Äquator überschritten. Als die Warme zurückkehrte, stiegen die den gemässigten Klimaten entstammten Formen natürlich an den Bergen hinan und verschwanden aus den Tiefebenen: diejenigen welche den Äquator nicht erreicht hatten, kehrten nord- und süd-wärls in ihre fridiere Heimath zurück; jene hauptsächlich nordischen Korinen aber, welche den Äquator schon überschritten, wanderten weiter in die gemässigten Breiten der entgegengesetzten Hemisphäre. Obwohl sich aus geologischen Forschungen ergibt, dass die ganze Masse der arktischen Konchylien auf ihrer langen Wanderung nach Süden und ihrer Rückwanderung nach Norden kaum irgend eine wesentliche Modifikation erfahren habe, so ist das Verhältniss doch ein ganz andres hinsichtlich der eingedrungenen Formen, welche sich auf den tropischen Gebirgen und in der südlichen Hemisphäre festsetzten. Von Fremdlingen umgeben geriethen sie mit vielen neuen Lebenformen in Mitbewerbung; und es ist wahrscheinlich, dass Abänderungen in .Struktur organischer Thätigkeil und Lebensweise davon die F'olge waren und durch Natürliche Züchtung forlgebildet wurden. So leben nun viele von diesen Wanderern, wenn auch offenbar noch verwandt mit ihren Brüdern in der andern Hemisphäre, in ihrer neuen Heimath als ausgezeichnete Varietäten oder eigene Spezies fort.

Es ist eine merkwürdige Thatsarhe, worauf Hooker hinsichtlich Amerikas und Alfiions DeCanbolle hinsichtlich Australiens bestehen, dass offenbar viel mehr identische und verwandle Pflanzen von Norden nach Süden als in umgekehrter Richtung gewandert sind. Wir sehen daher nur wenige südlichen Pflanzen Formen auf den Bergen von Borneo und Abyssinien. Ich vermuthe, dass diese überwiegende Wanderung von Norden nach Süden der grosseren Ausdehnung des Landes im Norden und der zahlreicheren Existenz der nordischen Formen in ihrer Heimath zuzuschreiben ist, in deren Folge sie durch Natürliche Züchtung und nmnchl'altigere Mitbewerbung bereits zu höherer Vollkommenheit und Herrschafts-Fahigkeit als die südlicheren Formen gelangt

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waren. Und als nun beide wahrend der Eis-Periode sich durcheinander mengten, waren die nördlichen Formen besser geeignet die südlichen zu überwinden, — so wie wir heutzutage noch Europäische Einwandrer den Boden von La-Plala und seit 30—40 Jahren auch von Neuholland bedecken sehen. Etwas ähnliches muss sich aucli in den tropischen Gebirgen zugetragen haben, welche zweifelsohne schon vor der Eiszeit mit ihren eigenthüm-lichen Alpen-Bewohnern bevölkert gewesen sind. Auf vielen Inseln sind die eingebornen Erzeugnisse durch die naturalisirten bereits an Menge erreicht oder überboten: und wenn jene ersten jetzt auch noch nicht verdrangt sind, so hat ihre Anzahl doch schon sehr abgenommen, und Diess ist der erste Schritt zum Untergang. Ein Gebirge ist eine Insel auf dem Lande, und die tropischen Gebirge vor der Eis-Zeit müssen vollständig isolirt gewesen seyn. Ich glaube, dass die Erzeugnisse dieser Inseln auf dem Lande vor denen der grösseren nordischen Länder-Strecken ganz in derselben Weise zurückgewichen sind, wie die Erzeugnisse der Inseln im Meer zuletzt überall von den durch den Menschen daselbst naturalisirten verdrängt wurden.

Ich bin ferne davon zu glauben, dass durch die hier aufgestellte Ansicht über die Ausbreitung und die Beziehungen der verwandten Arten, welche in der nordlichen und der südlichen gemässigten Zone und auf den Gebirgen der Tropen-Gegenden wohnen, bereits alle Schwierigkeiten ausgeglichen sind. Sehr viele bleiben noch zu überwinden. Ich behaupte nicht, die Richtungen und Mittel der Wanderungen oder die Ursachen genau nachweisen zu können, warum die einen und nicht die andern Arten gewandert sind, oder warum gewisse Spezies Abänderung erfahren haben und zur Bildung neuer Formen-Gruppen verwendet worden, während andre unverändert geblieben sind. Wir köMen nicht honen solche Verhältnisse zu erklären, so lange wir nicht zu sagen vermögen, warum eine Art und nicht die andre durch menschliche Thatigkeit in fremden Landen naluruli-sirt werden kann, oder warum die eine zwei oder drei mal so weit verbreitet, zwei oder drei mal so gemein als die andre Art

in der gemeinsamen lleimath ist.

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Ich habe gesagt, dass viele Schwierigkeiten noch zu überwinden bleiben. Einige der merkwürdigsten hat Dr. Hooker in seinen botanischen Werken über die antarktischen Regionen mit bewundernswerther Klarheit auseinandergesetzt. Diese können hier nicht erörtert werden. Nur Das will ich bemerken, dass, wenn es sich um das Vorkommen einer Spezies an so ungeheuer von einander entfernten Punkten handelt, wie Keryuelen-Land, Neuseeland und Feuerland sind, nach meiner Meinung (wie auch Lyell annimmt) Eisberge gegen das Ende der Eis-Zeit hin sich reichlich an deren Verbreitung betheiligt haben dürften. Aber das Vorkommen einiger völlig verschiedenen Arten aus ganz sudlichen Sippen an diesem oder jenem entlegenen Punkte der südlichen Halbkugel ist nach meiner Theorie der Fortpflanzung mit Abänderung ein weit merkwürdigeres schwieriges Beispiel. Denn einige dieser Arien sind so abweichend, dass sich nicht annehmen lasst, die Zeit von Anbeginn der Eis-Periode bis jetzt könne zu ihrer Wanderung und nachherigen Abänderung bis zur erforderlichen Stufe hingereicht haben. Diese Thatsachen seheinen mir anzuzeigen, dass sehr verschiedene eigentümliche Arten in strahlenförmiger Richtung von irgend einem gemeinsamen Zentrum ausgegangen; und ich bin geneigt mich auch in der südlichen so wie in der nördlichen Halbkugel um eine wärmere Periode vor der Eis-Zeit umzusehen, wo die jetzt mit Eis bedeckten antarktischen Lander eine ganz eigenthümliche und abgesonderte Flora besessen haben. Ich vermuthe, dass schon vor der Vertilgung dieser Flora durch die Eis-Periode sich einige wenige Formen derselben durch gelegentliche Transport-Mittel bis zu verschiedenen weit entlegenen Punkten der südlichen Halbkugel verbreitet hatten. Dabei mögen ihnen einige entweder noch vorhandene oder bereits versunkene Inseln als Ruheplatze gedient haben. Und so, glaube ich, haben die südlichen Küsten von Amerika, Neuholland und Neuseeland eine ähnliche Färbung durch gleiche eigenthümliche Formen des Pflanzen-Lebens erhallen.

Sir Ca. Lyell hat sich in einer der meinen fast ähnlichen Weise in Vermuthungen ergangen über die Einflüsse grosser

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Schwankungen des Klimas auf die geographische Verbreitung der Lebenformen. Ich glaube also, dass die Erd-Oberfläche noch unlängst einen von diesen grossen Kreisläufen erfahren hat, und dass durch diese Unterstellung in Verbindung mit der Annahme der Abänderung durch Natürliche Züchtung eine Menge von That-sachen in der gegenwärtigen Verlheilung von identischen sowohl als verwandten Lebenrormen sich erklären lässt. Man konnte sagen, die Ströme des Lebens seyen eine kurze Zeit von Norden und von Süden her geflossen und hätten den Äquator gekreutzt: aber die von Norden her seyen so viel stärker gewesen, dass sie den Süden überschwemmt hätten. Wie die Gezeiten ihren Beitrieb in wagrechten Linien abgesetzt am Strande zurücklassen, jedoch an verschiedenen Küsten zu verschiedenen Höhen ansteigen, so haben auch jene Lebens-Ströme ihr lebendiges Drift auf unsern Berg-Höhen hinterlassen in einer von den arktischen Tiefländern bis zu grossen Äquatorial-Hohen langsam ansteigenden Linie. Die verschiedenen auf dem Strande zurückgelassenen Lebenwesen kann man mit wilden Menschen-Rassen vergleichen, die fast aller» uris zurückgedrängt sich noch in Bergfesten erhalten als interessante Überreste der ehemaligen Bevölkerung umgebender Flachländer.

tWSfftes Kafftal. Geographische Verhrtiluiitr.

(Fortsetzung, i

Verbreitung clor Süsswasser-Bewohner. — Die Bewohner der ozeanischen Inseln. — Abwesenheit von Batniohicrn und LamJ-Sfagthi«HHi. — Beziehungen /.wischen den Bewohnern der Inseln und der nächsten Kcsllan-der. — (her Ansiedelung aus den nächsten Quellen und nachhange Ah ünderung. — Zusammenfassung dei Folgerungen aus dem letzten und dem gegenwärtigen Kapitel.

Da Seen und Fluss-Systeme durch Schranken von Trockenland von einander getrennt werden, so möchte man glauben, dass Süsswasser-Bewohner nicht im Stande seyen sich aus Sinei Gegend in weite Kerne zu verbreiten, l'nd doch verhalt sich

25°

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die Sache gerade entgegengesetzt. Nicht allein haben viele Siisswasser-Bewohner aus ganz verschiedenen Klassen selbst eine ungeheure Verbreitung, sondern einander nahe verwandte Formen herrschen auch in auffallender Weise über die ganze Erdoberfläche vor. Ich besinne mich noch wohl der i'bcrraschung, die ich fühlte, als ich zun) ersten Male in Brasilien Süsswasser-Erzeugnisse sammelte und die Süsswasser-Schaaler und -Kerb-thiere mitten in einer ganz verschiedenen Bevölkerung des Trockenlandes den Britischen so ähnlich fand.

Doch kann dieses Vermögen weiter Verbreitung bei den Süsswasser-Bewohnern, wie unerwartet es auch seyn mag. in den meisten Fallen, wie ich glaube, daraus erklart werden, dass sie in einer für sie sehr nützlichen Weise von Sumpf zu Sumpf und von Strom zu Strom zu wandern fähig sind; woraus sich denn die Neigung.zu weiter Verbreitung als eine notwendige Folge ergeben dürfte. Doch können wir hier nur wenige Fälle in Betracht ziehen. Was die Fische betrifft, so glaube ich, dass eine und dieselbe Spezies niemals in den Süsswassern weit von einander entfernter Kontinente vorkommt: wohl aber verbreitet sie sich in einem nämlichen Festlande oft weit und in anscheinend launischer Weise, so dass zwei Fluss-Systcine einen Theil ihrer Fische miteinander gemein haben, wahrend andr< Arten jedem derselben eigenthiiinlich sind. Einige wenige Thalsachen scheinen ihre gelegenheitliche Versetzung aus einem Fluss in den andern zu erläutern, wie deren in Ostindien schon öfters von Wirbelwinden bewirkte Entführung durch die Luft, wonach sie als Fisch-Regen wieder zur Erde gelangten, und wie die Zählebigkeil ihrer aus dem Wasser entnommenen Eier. Doch bin ich geneigt, die Verbreitung der Süsswasser-Fische vorzugsweise geringen Höhenwechseln des Landes während der gegenwärtigen Periode zuzuschreiben, wodurch manche Flüsse veranlasst worden sind, sich in andrer Weise miteinander zu verbinden. Auch lassen sich Beispiele anführen, dass Diess ohne Veränderungen in den wechselseitigen Höhen durch Fluthen bewirkt worden ist. Der Löss des Rheines bietet uns Belege für ansehnliche Veränderungen der Boden-Höhe in einer ganz neue»

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geologischen Zeit dar. wo die Oberfläche schon mit ihren jetzigen Arten von Binnenmollusken bevölkert war. Die grosse Verschiedenheit zwischen den Fischen auf den entgegengesetzten Seiten von Gebirgs-Ketten, die schon seit froher Zeit die Wasserscheide der Gegend gebildet und die Ineinandermiindung der beiderseitigen Fluss-Systeme gehindert haben müssen, scheinl mir zum nämlichen Schlüsse zu führen. Was das Vorkommen verwandter Arten von Süsswasser-Fischen an sehr entfernten Punkten der Erd-Oberfläche betrifft, so gibt es zweifelsohne viele Falle, welche zur Zeit nicht erklärt werden können. Inzwischen stammen einige Süsswasser-Fische von sehr alten Formen ab, welche mithin während grosser geographischer Veränderungen Zeil und Mittel gefunden haben sich durch weite Wanderungen zu verbreiten. Zweitens können Salzwasser-Fische bei sorgfältigem Verfahren langsam ans Leben im Süsswasser gewohnt werden, und nach Valf.nciennes gibt es kaum eine gänzlich auls Süsswasser beschrankte Fisch-Gruppe, so dass wir uns vorstellen können, ein Meeres-Bewohncr aus einer übrigens dem Süsswasser ungehörigen Gruppe wandre der See-Küste entlang und werde demzufolge abgeändert und endlich in Süsswassern eines entlegenen Landes zu leben befähigt.

Einige Arten von Süsswasser-Komhylicn haben eine sehr weile Verbreitung, und verwandte Arten, die nach meiner Theorie von gemeinsamen Altern abstammen und mithin aus einer einzigen (.luelle hervorgegangen sind, walten über die ganze Erd-Oberfläche vor. Ihre Verbreitung setzte mich anfangs in Verlegenheit, da ihre Eier nicht zur Fortführung durch Vogel geeignet sind und wie die Thiere selbst durch Seewasser ge-todtet werden. Ich konnte daher nicht begreifen, wie es komme, dass einige naturalisirle Arten sich rasch durch eine ganze Gegend verbreitet haben. Doch haben zwei von mir beobachtete Thatsachen — und viele andre bleiben zweifelsohne noch fernerer Beobachtung anheim gegeben — einiges Licht über diesen Gegenstand verbreitet. Wenn eine Ente sich plötzlich aus einem mit Wasserlinsen bedeckten Teiche erhebt, so bleiben oft, wie ich zweimal gesehen habe, welche von diesen kleinen i'llan-

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zrn an ihrem Röcken hängen, und es ist mir geschehen, dass. wenn ich einige Wasserlinsen aus einem Aquarium ins andre versetzte, ich ganz absiehllos das letzte mit Süsswasser-Mollus-ken des ersten bevölkerte, Doch ist ein andrer Umstand vielleicht noch wirksamer. In Betracht, dass Wasser-Vögel mitunter in Sümpfen schlafen, hsingte ich einen Enten-Kuss in einem Aquarium auf, wo viele Eier von Süsswasser-Schnecken auszukriechen im Begriffe waren, und fand, dass bald eine grosse Menge der äusserst kleinen eben ausgeschlüpften Schnecken an dem Fuss uinhcrkrochen und sich so fest anklebten, dass sie von dem heraus-genommenen Kusse nicht abgeschabt werden konnten, obwohl sie in einem etwas mehr vorgeschrittenen Alter freiwillig davon abliessen. Diese frisch ausgeschlüpften Weichthicre, unschön zum Wohnen im Wasser bestimmt, lebten an dem K.n-ten-Fusse in feuchter Luft wohl 12—20 Stunden lang, und wahrend dieser Zeil kann eine Ente oder ein Reiher wenigstens 600—700 Englische (140 Deutsche) Meilen weit fliegen und sich dann Nieder in einem Sumpfe oder Bache niederlassen, vielleicht auf einer ozeanischen Insel, wenn ein Sturm denselben eri'asst und übers Meer hin verschlagen hatte. Auch hat mich Sir Ch. Lyell benachrichtigt, dass man einen Wasserkäfer (I)yti-cus) mit einer ihm fest ansitzenden Süsswasser - Napfschnecke (Ancylus) gefangen hat: und ein andrer Wasserkäfer aus der Sippe Colymbetes kam einst an Bord des Beagle geflogen, als dieser 45 Englische Meilen vom nächsten Lande entfernt war; wie viel weiter er aber mit einem günstigen Winde noch gekommen seyn würde, Das vermag niemand zu sagen.

Was die Pflanzen betrifft, so ist es längst bekannt, was für eine ungeheure Ausbreitung manche Süsswasser- und selbst Sumpf-Gewächse auf den Festländern und bis zu den entferntesten Inseln des Weltmeeres besitzen. Diess ist nach Alp». DrCandolle's Wahrnehmung am deutlichsten in solchen grossen Gruppen von Ländpflanzen zu ersehen, aus welchen nur einige Glieder an Süsswassern leben ; denn diese letzten pflegen sofort eine viel grössre Verbreitung als die übrigen zu erlangen. Ich glaube, dass die günstigeren Verbreitungs-Miltel diese Erschei-

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nung erklären können. Ich habe vorhin der Erd - Theilchen envahnl, welche, wenn auch nur selten und zufällig einmal, an Schnäbeln und Füssen der Vögel hängen bleiben. Sumpfvogel, welche die schlammigen Ränder der Sumpfe aufsuchen, werden meistens schmutzige Füsse haben, wenn sie plötzlich aufgescheucht werden. Nun lässt sich nachweisen, dass gerade Vogel dieser Ordnung die grössten Wanderer sind und zuweilen auf den entferntesten und ödesten Inseln des offenen Weltmeeres angetroffen werden. Sie können sich nicht auf der Oberfläche des Meeres niederlassen, wo der noch an ihren Füssen hangende Schlamm abgewaschen werden könnte: und wenn sie ans Land kommen, werden sie gewiss alsbald ihre gewöhnlichen Aufent-halls-Orte an den Süsswassern aufsuchen. Ich glaube kaum dass die Botaniker wissen, wie beladen der Schlamm der Sümpfe mit Pflanzen-Saauien ist; ich habe jedoch einige kleine Beobachtungen darüber gemacht, deren zutreffendsten Ergebnisse ich hier mitthcilen will. Ich nahm im Februar drei Esslöffel voll Schlamm von drei verschiedenen Stellen unter Wasser, am Rande eines kleinen Sumpfes. Dieser Schlamm getrocknet wog b3/, Unzen. Ich bewahrte ihn sodann in meinem Arbeitszimmer bedeckt ö Monate lang auf und zählte und riss jedes aufkeimende l'llanz-chen aus. Diese l'ilaiizchen waren von mancherlei Art und 537

im Ganzen; und doch war all' dieser zähe Schla...... in einer

einzigen Untertasse enthalten. Diesen Thalsachen gegenüber würde es nun geradezu unerklarbar seyn, wenn es nicht mitunter vorkäme, dass Wasser-Vögel die Saamen von Süsswasser-Fflanzen in weite Fernen verschleppten und so zur immer weitern Ausbreitung derselben beitrügen. Und derselbe Zufall mag hinsichtlich der Eier einiger kleiner Süsswasser-Thicre in Betracht kommen.

Auch noch andre und mitunter unbekannte Kralle mögen dabei ihren Theil haben. Ich habe oben gesagt, dass Siisswas-ser-Fische manche Arten Sämereien fressen, obwohl sie andre Arten, nachdem sie solche verschlungen haben, wieder auswerfen; selbst kleine Fische verschlingen Saamen von massiger Grösse, wie die der gelben Wasserlilie und des l'olamogelon.

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Hunderte und abermals Hunderlo von Reihern u. a. Vögeln «eben täglich auf den Fischfang ans: wenn sie sich erheben. Buchen sie oft andre Wasser auf oder werden auch zufallig übers Meer getrieben; und wir haben gesehen, dass Saamen oft ihre Keimkraft noch besitzen, wenn sie in C.cwlille, in Exkrementen u. dgl. einige Stunden spater wieder ausgeworfen werden. Als ich die grossen Saamen der herrlichen Wasserlilie, Nelumbium, sah und mich dessen erinnerte, was Alpiions DeCandoixe über diese Pflanze gesagt, so meinte ich ihre Verbreitung müsse ganz uner-klärbar seyn. Doch Aidubon versichert, Saamen der grossen südlichen Wasserlilie (nach Dr. Hooker wahrscheinlich das Nelumbium speoiosiim) im Magen eines Reihers gefunden zu haben, und, obwohl es mir als Thatsaehe nicht bekannt ist, so srhliesse ich doch aus der Analogie, dass, wenn ein Reiher in solchem Falle nach einem andern Sumpfe flöge und dort eine herzhafte Fisch-Mahlzeit zu sich nähme, er wahrscheinlich aus seinem Magen wieder einen Ballen mit noch unverdautem Nelumbium-Saamen auswerfen würde; oder der Vogel kann diese Saamen verlieren, wenn er seine Jungen füttert, wie er bekanntlich zuweilen einen Fisch fallen lasst*.

Bei Betrachtung dieser verschiedenen Verbreitungs-Mittel muss man sich noch erinnern, dass, wenn ein Sumpf oder. Fluss z. B. auf einer neuen Insel eben erst entsteht, er noch nicht bevölkert ist und ein einzelnes Sämchen oder Ei'chen gute Aussicht auf Fortkommen hat. Auch wenn ein Kampf ums Daseyn zwischen den Individuen der wenigen Arten, die in einem Sumpfe beisammen leben, bereits begonnen hat, so wird in Betracht, dass die Zahl der Arten gegen die auf dem Lande doch geringer ist, der \\ ottkampf auch wohl minder heftig als der zwischen den Landbewohnern seye: ein neuer Eindringling, aus der Fremde angelangt, würde mithin auch mehr Aussicht haben eine Stelle ______

In diesem Falle wäre viellcichl wahrscheinlicher anzunehmen, der Reiher hahe einen Fisch verschlungen gehabl, welcher jene Saamen gefressen halte: und die Saamen würden keimfähig wieder zu Boden gelang! seyn, wenn nun ein Raubvogel den Reiher zerrissen halle.                    D. Übs.

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zu erobern, als ein neuer Kolonist auf dem trocknen Lande. Auch dürfen wir nicht vergessen, dass einige und vielleicht viele Süsswasser-Bewohner tief auf der Stufenleiter der Natur stehen unil wir mit Grund annehmen können, dass solche lief organisirte Wesen langsamer als die hoher ausgebildeten abändern, demzufolge dann ein und die nämliche Art Wasscr-bewolmender Organismen langre Zeit wandern kann, als die Arten des trocknen Landes. Endlich müssen wir der Möglichkeit gedenken, dass viele Süsswasser-bewohnonde Spezies, nachdem sie sich über ungeheure Flachen verbreitet, in den mittein Gegenden derselben wieder erloschen seyn können. Aber die weite Verbreitung der Pflanzen und niederen Thiere des Süsswassers, mögen sie nun ihre ursprüngliche Form unverändert bewahren oder in gewissem Grade verandern, hangt nach meiner Meinung hauptsächlich von der Leichtigkeit ab, womit ihre Saamen und Eier durch andere Thiere und zumal höchst Ausfertige Süsswasser-Vögel von einem Gewässer zum andern oft sehr entfernt gelegenen verschleppt werden können. Die Natur hat wie ein sorgfältiger Gärtner ihre Saamen von einem Beete von besondrer Beschaffenheit genommen und sie in ein andres gleichfalls angemessen zubereitetes verpflanzt.

Bewohner der ozeanischen Inseln.) Wir kommen nun zur letzten der drei Klassen von Thatsachen, welche ich als diejenigen bezeichnet habe, welche die grössten Schwierigkeiten für die Ansicht darbieten, dass, weil alle Individuen sowohl der nämlichen Art als auch nahe-verwandter Arten von einem gemeinsamen Stammvater herkommen, auch alle von gemeinsamer Geburtsstätte aus sich über die entferntesten Theile der Erd-Oberflache, deren Bewohner sie jetzt sind, verbreitet haben müssen. Ich habe bereits erklart, dass ich nicht wohl mit der Forhf.s sehen Ansicht übereinstimmen kann, wonach alle Inseln des Atlantischen Ozeans noch in der gegenwärtigen neuesten Periode mit einem der zwei Kontinente ganz oder fast ganz zusammengehangen haben sollen. Diese Ansicht würde zwar allerdings einige Schwierigkeiten beseitigen, dürfte aber keineswegs alle Erscheinungen hinsichtlich der Insel-Bevölkerung er-

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klaren. In den nachfolgenden Bemerkungen werde ich mich nicht auf die blosse Krage von der Verkeilung der Arten beschranken, sondern auch einige andre Thatsachcn erläutern, welche sich auf die zwei Theorien, die der selbststiindigen Schöpfung der Arten und die ihrer Abstammung von einander mit fortwährender Abänderung beziehen.

Nur wenige Arten aller Klassen bewohnen ozeanisehc Inseln, im Vergleich zu gleich grossen Flachen festen Landes, wie Amiotis DeCandoixe in Bezug auf die Pflanzen und Wollaston hinsichtlich der Insekten behaupten. Betrachten wir die erhebliche Grösse und die manchfaltigen Standorte Neuseelands, das über 780 Englische Meilen Breite hat, und vergleichen die Arten seiner Blüthen-I'llanzen, nur 750 an der Zahl, mit denen einer gleich grossen Flache am Kap der guten Hoffnung oder in Neuholland, so müssen wir, glaube ich, zugestehen, dass etwas von den physikalischen Bedingungen ganz Unabhängiges die grosse Verschiedenheit der Arten-Zahlen veranlasst hat. Selbst die einförmige Umgegend von Cambridge zahlt 847 und das kleine Eiland Anglesea 764 Pflanzen-Arten: doch sind auch einige Farne und einige eingeführte Arten in diesen Zahlen mitbegriffen und ist die Vergleichung auch in einigen andern Beziehungen nicht ganz richtig. Wir haben Beweise, dass das kahle Eiland Ascen-sion bei seiner Entdeckung nicht ein halbes Dutzend Blüthen-Pflanzen besass; jetzt sind viele dort naturalisirt, wie es eben auch auf Neuseeland und auf allen andern ozeanischen Inseln der Fall ist. Auf St. Helena nimmt man mit Grund an, dass die naturalisirlen Pflanzen und Thiere schon viele einheimische Natur-Erzeugnisse ganzlich oder fast ganzlieh vertilgt haben. Wer also der Lehre von der selbststiindigen Erschalfung aller einzelnen Arten beipflichtet, der wird zugestehen müssen, dass auf den ozeanischen Inseln keine hinreichende Anzahl bestens angepasster Pflanzen und Thiere geschaffen worden seye, indem der Mensch diese Inseln ganz absichtlos aus verschiedenen Quellen viel besser und vollständiger als die Natur bevölkert hat.

Obwohl auf ozeanischen Inseln die Arten-Zahl der Bewohner im Ganzen dürftig, so ist doch das Verhaltniss der endemischen,

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(1. h. sonst nirgends vorkommenden Arten oft ausserordentlich gross, Diess ergibt sich, wenn man z. B. die Anzahl der endemischen Landschnecken auf Madeira, oder der endemischen Vogel im Galapagos-Archipcl mit der auf irgend einem Kontinente gefundenen Zahl vergleicht und dann auch die beiderseitige Fluchen-Ausdehnung gegeneinander hält. Dieses war nach meiner Theorie zu erwarten: denn, wie bereits erklärt worden, sind Arten, welche nach langen Zwischenzeiten gelegenheitlich in einen neuen und abgeschlossenen Bezirk kommen und dort mit neuen Genossen zu kämpfen haben, in ausgezeichnetem Grade abzuändern geneigt und bringen oft Gruppen modiüzirter Nachkommen hervor. Daraus folgt aber keineswegs, dass, weil auf einer Insel fast alle Arten einer Klasse eigenthiimlich sind,' auch die der übrigen Klassen oder auch nur einer besondren Sektion derselben Klasse eigenthiimlich seyn müsse; und dieser Unterschied scheint Iheils davon herzurühren, dass diejenigen Arten, welche nicht abänderten, leicht und gemeinsam eingewandert sind, so dass ihre gegenseitigen Beziehungen nicht viel gestört wurden, theils kann er aber auch von der häufigen Ankunft unveränderter Einwandrer aus dem Matterlande und der nachherigen Kreutzung mit vorigen bedingt seyn. Hinsichtlich der Wirkung einer solchen Kreutzung ist zu bemerken, dass die aus derselben entspringenden Nachkommen gewiss sehr kraftig werden müssen, indem selbst eine zufallige Kreutzung wirksamer zu seyn pflegt, als man voraus erwarten möchte. Ich will einige Beispiele anführen. Auf den Go/apai/os-Eilanden gibt es üb' Landvogel, wovon 21 (oder vielleicht 23) endemisch sind, während von den 11 See-vogeln ihnen nur zwei eigenthünilich angehören, und es liegt auf der Hand, dass Seevogel leichler als Landvogel nach diesen Eilanden gelangen können. Bermuda dagegen, welches ungefähr eben so weit von Nord-Amerika, wie die Galapagos von Süd-Amerika, entfernt liegt und einen eigenthiimlichen Boden besitzt. hat nicht eine endemische Art von Landvogeln, und wir wissen aus Herrn J. M. Jones' trefflichem Berichte über Bermuda, dass sehr viele Nord-Amerikanische Vogel auf ihren grossen jahrlichen Zügen diese Insel theils regelmässig und Iheils auch

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einmal zufällig berühren. Madeira besitzt nioht oinn cigcnlhüm-licbe Vogel-Spezies, und viele Kuroptiisrlie und Afrikanische Vogel «erden, wie mir Hr. E. V. Harcocrt gesagt, alljährlich dahin verschlagen. So sind diese beiden Inseln Bermuda und Madeira mit Vögel-Arten besetzt worden, welche schon seit langen Zeiten in ihrer früheren Heimath mit einander gekämpft haben und einander angepasst worden sind. Nachdem sie sich nun in ihrer neuen Heimath angesiedelt, hat jede Art den andern gegenüber ihre alte Stelle und Lebensweise behauptet und mithin keine neuen Modifikationen erfahren. Auch ist jede Neigung zur Abänderung durch die Krcutzung mit den fortwährend aus dem Multerlande unverändert nachkommenden neuen Einwanderern gehemmt worden. Madeira ist ferner von einer wundersamen Anzahl eigenthümlicher Landschnecken-Arten bewohnt, wahrend nicht eine einzige Art von Weichthieren auf seine Küsten beschränkt ist. Obwohl wir nun nicht wissen, auf welche Weise die mecrischen Schaalthiere sich verbreiten, so liisst sich doch einsehen , dass ihre Eier oder Larven vielleicht an Seetang und Treibholz ansitzend oder an den Füssen der Wadvögcl hängend weit leichter als Lnnd-Molluskun 300—400 Meilen weit über die offne See fortgeführt werden können. Die verschiedenen Insekten-Klassen auf Madeira scheinen analoge Thatsachen darzubieten.

Ozeanische Inseln sind zuweilen unvollständig in gewissen Klassen, deren Stellen anscheinend durch andere Einwohner derselben eingenommen werden. So vertreten auf den Galapagos Reptilien und auf Neuseeland Flügel-lose Riesen-Vogel die Stelle der Säugthiere. Was die Pflanzen der Galapagos betrifft* so hat Dr. Hookkr gezeigt, dass das Zahlen-Verhaltniss zwischen den verschiedenen Ordnungen ein ganz anderes als sonst aller-wärts ist. Solche Erscheinungen setzt man gewöhnlich auf Rechnung der physikalischen Bedingungen der Inseln: aber diese Erklärung dünkt mir etwas zweifelhaft zu seyn. Leichtigkeit der Einwanderung ist, wie mir scheint, wenigstens eben so wichtig als die Natur der Lebens-Bedingungen gewesen.

Rücksichtlich der Bewohner abgelegener Inseln lassen sich viele merkwürdige kleine Erscheinungen anführen. So haben

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z. B. auf gewissen nicht mit Säugthieren besetzten Eilanden einige endemische Pflanzen prachtig mit Häkchen versehene Saamen; und doch gibt es nicht viele Beziehungen, die augenfälliger wären, als die Eignung mit Haken besetzter Saamen für den Transport durch die Haare und Wolle der Säugthiere. Dieser Fall bietet nach meiner Meinung keine Schwierigkeit dar, indem Haken-reiche Saamen leicht noch durch andere Mittel von Insel zu Insel geführt werden können, wo dann die Pflanze etwas verändert, aber ihre widerhakenigen Saamen behaltend eine endemische Form bildet, für welche diese Haken nun einen eben so unnützen Anhang bilden, wie es rudimentäre Organe, z. B. die runzeligen Flügel unter den zusammen-gewachsenen Flügeldecken mancher insularen Käfer sind. Auch besitzen Inseln olt Bäume oder Büsche aus Ordnungen, welche anderwärts nur Kräuter darbieten; nun aber haben Bäume, wie Ai.ph. ueCandollf. gezeigt hat, gewöhnlich nur beschränkte Verbreilungs-Gebiete, was immer die Ursache dieser Erscheinung seyn mag. Daher ergibt sich dann ferner, dass Baum-Arten wenig geeignet sind, entlegene organische Inseln zu erreichen; und eine Kraut-arlige Pflanze, wenn sie auch keine Aussicht aul Erfolg im Weltkampfe mit einem schon vollständig entwickelten Baume hat, kann, wenn sie bei ihrer ersten Ansiedelung auf einer Insel nur mit andern Krautarligen Pflanzen allein in Mitbewerbung tritt, leicht durch immer hidier strebenden Wuchs ein Übergewicht über dieselben erlangen. Ist Diess der Fall, so mag Natürliche Züchtung der Wuchs Kraut-arliger Pflanzen, die auf einer ozeanischen Insel wachsen, aus welcher Ordnung sie immer seyn mögen, oft etwas zu verstärken und dieselben erst in Büsche und endlich in Bäume zu verwandeln geneigt seyn.

Was die Abwesenheit ganzer Organismen-Ordnungen auf ozeanischen Inseln betrifft, so hat Borv de St.-Vincent schon langst bemerkt, dass Batrachier Frosche, Kröten und Molge) nie auf einer der vielen Inseln gefunden worden sind, womit der grosse Ozean besäet ist. Ich habe mich bemühet diese Behauptung zu prüfen und habe sie genau richtig befunden. Wohl hat man mich versichert, dass ein Frosch auf den Bergen der grossen Insel

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Neuseeland lebe; aber ich vermuthe (wenn die Ansähe richtig ist), dass sich diese Ausnahme durch Glacial-Thäligkeit erklaren lasse. Dieser allgemeine Mangel an Fröschen, Kröten und Molgen auf so vielen ozeanischen Inseln lässt sich nicht aus ihrer natürlichen Beschaffenheit erklären, indem es vielmehr scheint, dass dieselben recht gut für diese Thiere geeignet waren: denn Frösche sind auf Madeira, den Azoren und auf Mauritius eingeführt worden, um sie als Nahrungsmittel zu vervielfältigen. Da aber bekanntlich diese Thiere so wie ihr Laich durch Seewasser unmittelbar getödtet werden, so ist leicht zu ersehen, dass deren Transport über Meer sehr schwierig seye und sie aus diesem Grunde auf keiner ozeanischen Insel existiren. Dagegen würde es nach der Schöpfungs-Theorio sehr schwer seyn zu erklären, wesshalb sie auf diesen Inseln nicht erschaffen worden seyen.

Siiugthiere bieten einen andern Fall ahnlicher Art dar. Ich habe die iiltesten Reisewerke sorgfältig durchgangen und zwar meine Arbeit noch nicht beendigt, aber bis jetzt noch kein unzweifelhaftes Beispiel gefunden, dass ein Land-Säugethier (von den gezähmten Hausthieren der Eingebornen abgesehen) irgend eine über 300 Engl. Meilen weit von einem Festlande oder einer Kontinental-Insel entlegene Insel bewohnt habe: und viele Inseln in viel geringeren Abstanden entbehren derselben ebenfalls gänzlich. Die Falklands-Inseln. welche von einem Wolf-artigen Fuchse bewohnt sind, seheinen zunächst eine Ausnahme zu machen, können aber nicht als ozeanisch gelten, da sie auf einer mit dem Festlande zusammen-hängenden Bank liegen: und da schwimmende Eisberge. Fels-Blöcke an ihren westlichen Küsten abgesetzt, so könnten dieselben auch wohl einmal Füchse mitgebracht haben, wie Das jetzt in den arktischen Gegenden oft vorkommt. Doch kann man nicht behaupten, dass kleine Inseln nicht auch kleine Säugthiere ernähren können: denn es ist Diess in der That mit sehr kleinen Inseln der Fall, wenn sie dicht an einem Kontinente liegen: und schwerlich lässt sich eine Insel bezeichnen, auf der unsre kleinen Säugthiere sich nicht naturalisirt und vermehrt hätten. Nach der gewöhnlichen Ansicht von der Schöpfung könnte man sagen, dass nicht Zeit zur

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Schöpfung von Säugthicren gewesen scyc; viele vulkanische Inseln sind zwar alt genug, wie sich theils aus der ungeheuren Zerstörung, die sie bereits erfahren, und theils aus dem Vorkommen tertiärer Schichten auf ihnen ergibt; auch ist Zeit gewesen zur llervorbringung endemischer Arten aus andern Klassen: und auf Kontinenten, nimmt man an, erscheinen und verschwinden Säugthiere in rascherem Wechsel als die andern tieferstehenden Thiere. Aber wenn auch Land-Süugethiere auf ozeanischen Inseln nicht vorhanden, so finden sich doch fliegende Säugthiere fast auf jeder Insel ein. Neuseeland besitzt zwei Fledermäuse, die sonst nirgends in der \Velt vorkommende AVir/b/A"-/»/, der Viti-Archipel, die Bonins-Inseln, die Marionen- und Carolinen-Gruppen und Mauritius: alle besitzen ihre eigentümlichen Fledermaus-Arten. Warum, kann man nun fragen, hat die angebliche Sehüplüngs-Krafl auf diesen entlegenen Inseln nur Fledermäuse und keine andern Säugthiere hervorgebracht? Nach meiner Anschauungs-Weisc lässt sich diese F'rage leicht beantworten, da kein Land-Säugthier über so weite Meeres-Strecken hinwegkommen kann, welche Fledermäuse noch zu überfliegen im Stande sind. Man hat Fledermäuse bei Tage weit über den Atlantischen Ozean ziehen sehen und zwei Nord-Amerikanische Arten derselben besuchen die Bermuda-Insel, 600 Engl. Meilen vom Festlande, regelmässig oder zufällig. Ich höre von Mr. Tomes, welcher diese Familie näher studirt hat, dass viele Arten derselben einzeln genommen eine ungeheure Verbreitung besitzen und sowohl auf Kontinenten als weit entlegenen Inseln zugleich vorkommen. Wir brauchen daher nur zu unterstellen, dass solche wandernde Arten durch iNalürliche Züchtung der Bedingungen ihrer neuen Heimath angemessen modifizirt worden seyen, und wir werden das Vorkommen von Fledermäusen auf solchen-Inseln begreifen, wo sonst keine Land-Säugthiere vorhanden sind.

Neben der Abwesenheit der Land-Saugthiere auf Inseln, welche von Kontinenten entlegen sind, ist noch eine andre Beziehung in einer bis zu gewissem Grade davon unabhängigen Weise zu berücksichtigen, die Beziehung nämlich zwischen der

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Tiefe des eine Insel vom Festlande trennenden Meeres und dem Vorkommen gleicher oder verwandter Säugthier-Arten auf beiden. Hr. Windsor F.ahi. hat einige treffende Beobachtungen in dieser Hinsicht über den grossen Mulayischen Archipel gemacht, welcher in der Nahe von Celebes von einem Streifen sehr liefen Meeres durchschnitten wird, der zwei ganz verschiedene Säugthier-Fau-nen trennt. Auf der einen Seite desselben liegen die Inseln auf massig tiefen untermeerischen Banken und sind von einander nahe verwandten oder ganz identischen Säugthier-Arten bewohnt. Allerdings kommen auch in dieser Insel-Gruppe einige wenige Anomalien vor und ist es in einigen Fallen ziemlich schwer zu beurthcilen, in wie ferne die Verbreitung gewisser Süugthicre durch Naturalisirung von Sejten des Menschen bedingt ist: inzwischen werden die eifrigen Forschungen des Hrn. Waixace bald mehr Licht auf die Naturgeschichte dieser Inseln werfen. Ich habe bisher nicht Zeit gefunden, diesem Gegenstand auch in andern Welt-Gegenden nachzuforschen: soweit ich aber damit gekommen bin, bleiben die Beziehungen sich gleich. Wir sehen Britannien durch einen sehmalen Kanal vom Europäischen Fcstlande getrennt, und die Säugthier-Arten sind auf beiden Seiten die nämlichen. Ähnlich verhält es sich mit vielen nur durch schmale Meerengen von Neuholland geschiedenen Eilanden. Die Westindischen Inseln stehen auf einer fast tüOü Faden tief untergetauchten Bank: und hier finden wir zwar Amerikanische Formen, aber von denen des Festlandes verschiedene Arten und Sippen. Da das Maass der Abänderung überall in gewissem Grade von der Zeit-Dauer abhängt und es eher anzunehmen ist, dass durch seichte Meerengen abgesonderte Inseln länger als die durch tiefe Kanäle geschiedenen mit dem Festlande in Zusammenhang geblieben sind, so vermag man den Grund einer oftmaligen Beziehung zwischen der Tiefe des Meeres und dem Verwandtschafts-Grad einzusehen, der zwischen der Säugthier-Bevolkerung einer Insel und derjenigen des benachbarten Festlandes besteht, eine Beziehung, welche bei Annahme einer selbstständigen Schöpfung jeder Spezies ganz unerklarbar bleibt. Alle vorangehenden Wahrnehmungen über die Bewohner

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ozeanischer Eilande, insbesondere die Spärlichkeit der Arten, die Menge endemischer Formen in einzelnen Klassen oder deren Unterabtheilungen, das Fehlen ganzer Gruppen wie der Batrachier und der am Boden lebenden Säugthiere trotz der Anwesenheit fliegender Fledermäuse, die eigenthümlichen Zahlen-Verhältnisse in manchen Pflanzen-Ordnungen, die Verwandlung Kraut-artiger Pflanzen - Formen in Bäume, alle scheinen sich mit der Ansicht, dass im Verlaufe langer Zeiträume gelegenheitliche Transport-Mittel viel zur Verbreitung der Organismen mitgewirkt haben, besser als mit der Meinung zu vertragen, dass alle unsre ozeanischen Inseln vordem in unmittelbarem Zusammenhang mit dem nächsten Festlande gestanden seyen: denn in diesem letzten Falle würde die Einwanderung wohl vollständig gewesen seyn und müssten, wenn man Abänderung zulassen will, alle Leben-forinen in gleicherer Weise, der äussersten Wichtigkeit der Beziehung von Organismus zu Organismus entsprechend, modili-zirt worden seyn.

Ich will nicht läugnen, dass da noch viele und grosse Schwierigkeiten vorliegen zu erklären, auf welche Weise manche Bewohner vereinzelter Inseln, mögen sie nun ihre anfängliche Form beibehalten oder seit ihrer Ankunft abgeändert haben, bis zu ihrer gegenwärtigen Heimath gelangt seyen. Ich will nur ein Beispiel dieser Art anführen. Fast alle und selbst die abgelegensten und kleinsten ozeanischen Inseln sind von Land-Schnecken bewohnt, und zwar meistens von endemischen, doch zuweilen auch von anderwärts vorkommenden Arten. Dr. Are. A. Govld hat einige interessante Fälle von Land-Schnecken auf den Inseln des stillen Meeres mitgetheilt. Nun ist es eine anerkannte Thatsache, dass Land-Schnecken durch Salz sehr leicht zu tödten sind, und ihre Eier (oder wenigstens diejenigen, womit ich Versuche angestellt) sinken im See-Wasser unter und verderben. Und doch muss es meiner Meinung nach irgend ein unbekanntes aber höchst wirksames Verbreitungs-Mittel für dieselben geben. Sollten vielleicht die jungen eben dem Eie entschlüpften Schneckchen an den Füssen irgend eines am Boden ausruhenden Vogels empor-kriechen und dann von ihm weiter getragen werden? Es kam

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mir vor. als ob Land-Schnecken, im Zustande des Winterschlafs begriffen und mil einem Winterdeckel auf ihrer Scbaalen-MUn-

dung versehen, in Spalten vun Treibholz über ziemlich breite See-Arme müsslen geführt werden können, ohne zu leiden. Ich fand sodann, dass verschiedene Arten in diesem Zustande ohne Nachtheil sieben Tage lang im See-Wasser liegen bleiben können. Eine dieser Arten war llelix pomatia, die ich nach längerer Winterrube muh zwanzig Tage lang in See-Wasser legte, worauf sie sich wieder vollständig erholte. Da diese Art einen dicken kalkigen Deckel besitzt, so nahm ich ihn ab. und als sich hierauf wieder ein neuer häutiger Deckel gebildet hatte, tauchte ich sie noch vierzehn Tage in See-Wasser, worauf sie wieder vollkommen zu sich kam und davon kroch: indessen weitere Versuche in dieser Beziehung fehlen noch.

Die triftigste und für uns wichtigste Thatsache hinsichtlich der Insel-Bewohner ist ihre Verwandtschalt mit den Bewohnern des nächsten Pestlandes, ohne mit denselben von gleichen Arten zu seyn. Davon Hessen sich zahllose Beispiele anfuhren. Ich will mich jedoch auf ein einziges beschranken, auf das der Galnpa-0O.\-lnseln, welche ÖOü—6ÜÜ Engl. Meilen von der Küste Süd-Amerilcus liegen, liier trügt last jedes Land- wie Wasser-Produkt ein unverkennbares kontinental-amerikanisches Gepräge. Dabei befinden sich 2b' Arten Land-Vogel, \on welchen 21 oder vielleicht 23 als eigentümliche und hier geschaffene Arten angesehen werden: und doch ist die nahe Verwandtschaft der meisten dieser Vogel mit Amerikanischen Arten in jedem ihrer Charaktere, in Lebens-Weise, Betragen und Ton der Stimme offenbar. So ist es auch mit andern Thieren und, wie Dr. Hooker in seinem ausgezeichneten Werke über die Flora dieser Insel-Gruppe gezeigt, mit fast allen Pflanzen. Der Naturforscher, welcher die Bewohner dieser vulkanischen Inseln des stillen Meeres betrachtet, fühlt, dass er auf Amerikanischem Boden steht, obwohl er noch einige hundert Meilen von dem Festlande entfernt ist. Wie mag Diess kommen? Woher sollten die, angeblich nur im Galapagus-Archipel und sonst nirgends erschaffenen Arten diesen so deutlichen Stempel der Verwandtschaft mit den in Ame-

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rika geschaffenen haben? Es ist nicht« in den Lebens-Bedingungen, nichts in der geologischen Beschaffenheit, nichts in der Höhe oder dem Klima dieser Inseln noch in dem Zahlen-Verhältnisse der verschiedenen hier zusammen-gesellten Klassen, was den Lebens-Bedingungen auf den Süd-Amerikanischen Küsten sehr ahnlich wäre; ja es ist sogar ein grosser Unterschied in allen Beziehungen vorhanden. Anderseits aber ist eine grosse Ähnlichkeit zwischen der vulkanischen Natur des Bodens, dem Klima und der Grosse und Höhe der Inseln der Galapagos einer- und der Capeerdischen Gruppe ander-seits. Aber welche unbedingte und ganzliche Verschiedenheit in ihren Bewohnern! Die der Inseln des grünen Vorgebirges stehen zu Afrika im nämlichen Verhaltnisse, wie die der Galapagos zu Amerika. Ich glaube, diese bedeutende Thatsache hat von der gewöhnlichen Annahme einer unabhängigen Schöpfung der Arten keine Erklärung zu erwarten, während nach der hier aufgestellten Ansicht es offenbar ist, dass die Galapagos entweder durch gelegenheit-liche Transport Mittel oder in Folge eines früheren unmittelbaren Zusammenhangs mit Ajnerika von diesem Welttheile, wie die Capeerdischen Inseln von Afrika aus . bevölkert worden sind, und dass, obwohl diese Kolonisten Abänderungen erfahren haben, sie doch ihre erste Geburts-Stätte durch das Vererblichkeits-Prin-zip verrathen.

Und so Hessen sich noch viele analoge Fälle anfuhren; denn es ist in der That eine fast allgemeine Regel, dass die endemischen Erzeugnisse der Inseln mit denen der nächsten Festländer oder andrer benachbarter Inseln in Beziehung stehen. Ausnahmen sind selten und gewöhnlich leicht erklärbar. So sind die Pflanzen von Kerguelen - Land. obwohl dieses näher bei Afrika als bei Amerika liegt, nach Dr. Hookers Bericht sehr enge mit denen der Amerikanischen Flora verwandt; doch erklart sich diese Abweichung durch die Annahme, dass die genannte Insel hauptsächlich durch strandende Eisberge bevölkert worden seyo, welche den vorherrschenden See-Slrömungen folgend Steine und Erde voll Saamen mit sich geführt haben. NouttUmd ist hinsichtlich seiner endemischen Pflanzen mit Neuholland als dem

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nächsten Kontinente naher als mit irgend einer andern (legend verwandt, wie es zu erwarten ist; es hat alier auch offenbare Verwandtschaft mit Süd-Amerika, das, wenn auch das zweitnächste Festland, so ungeheuer entfernt ist, dass die Thalsache als eine Anomalie erscheint. Doch auch diese Schwierigkeit verschwindet grösstenteils unter iler Voraussetzung, dass JY>k-seeland. Süd-Amerika u. a. südliche Lander vor langen Zeiten theilweise von einem entfernt gelegenen Mittelpunkte, nämlich von den antarktischen Inseln aus bevölkert worden seyen, vor dem Anfange der Eis-Periode. Die, wenn auch nur schwache, aber nach Dr. Hookrr doch thalsachliche Verwandtschaft zwischen den Kloren der südwestlichen Spitzen Australiens und des Caps der guten Ho/fiiuiig ist ein viel merkwürdigerer Fall und für jetzt unerklärlich: doch ist dieselbe auf die Pflanzen beschränkt und wird auch ihrerseits sich gewiss eines Tages noch aufklaren lassen.

Das Gesetz, vermöge dessen die Bewohner eines Archipels, wenn auch in den Arten verschieden, zumeist mit denen des nächsten Festlandes abereinstimmen, wiederholt sich zuweilen in kleinerem Maassstabe aber in sehr interessanter Weise innerhalb einer und der nämlichen Insel-Gruppe. Namentlich haben ganz wunderbarer Weise die verschiedenen Inseln des nur kleinen Galapa-gos-Archipels, wie schon anderwärts gezeigt worden, ihre eigen-thümlichen Bewohner, so dass fast auf jeder derselben andre Arten vorkommen , welche aber in unvergleichbar näherer Verwandtschalt zu einander stehen, als die irgend eines andern Theiles der Welt. Und Diess ist nach meiner Anschauungsweise zu erwarten gewesen, da die Inseln so nahe beisammen liegen, dass alle zuverlässig ihre Einwanderer entweder aus gleicher Urquelle oder eine von der andern erhalten haben müssen. Aber man konnte gerade die Verschiedenheit zwischen den endemischen Bewohnern der einzelnen Inseln als Argument gegen meine Ansicht gebrauchen; denn man konnte fragen, wie es komme, dass auf diesen verschiedenen Inseln, welche einander in Sicht liegen und die nämliche geologische Beschaffenheit, dieselbe Hohe und das gleiche Klima besitzen, so viele Einwanderer auf

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jeder in einer andren und doch nur wenig verschiedenen Weise mo-dilizirt worden seyen? Diess ist auch mir lange Zeit als eine grosse Schwierigkeit erschienen, was aber hauptsächlich von dem lief eingewurzelten Irrthum herrührt, die physischen Bedingungen einer Gegend als das Wichtigste für deren Bewohner zu betrachten, wahrend doch nicht in Abrede gestellt werden kann, dass die Natur der übrigen Organismen, mit welchen sie selbst zu kämpfen haben. wenigstens ebenso hoch anzuschlagen und gewohnlich eine noch wichtigere Bedingung ihres Gedeihens seye. Wenn wir nun diejenigen Bewohner der Galapagos, welche als nämliche Spezies auch in andern Gegenden der Erde noch vorkommen (wobei für einen Augenblick die endemischen Arten ausser Betracht bleiben müssen, weil wir die seit der Ankunft dieser Organismen auf den genannten Inseln erfolgten Umänderungen uniersuchen wollen), so finden wir einen grossen Unterschied zwischen den einzelnen Inseln selbst. Diese Verschiedenheit wäre aus der Annahme erklärlich, dass die Inseln durch ge-legenheitliche Transport-Mittel bestockt worden seyen, so dass z. B. der Saame einer Pflanzen-Art zu einer und der einer andern zu einer andern Insel gelangt wäre. Wenn daher in früherer Zeit «in Einwandrer sich auf einer oder mehren der Inseln angesiedelt oder sich später von einer zu der andern Insel verbreitet halte, so würde er zweifelsohne auf den verschiedenen Inseln verschiedenen Lebens - Bedingungen ausgcselzt gewesen seyn : denn er halte auf jeder Insel mit andern Organismen zu werben gehabt. Eine Pflanze z. B. hätte den für sie am meisten geeigneten Grund auf der einen Insel schon vollständiger von andern Pflanzen eingenommen gefunden, als auf der andern, und wäre den Angriffen elwas verschiedener Feinde ausgeselzt gewesen. Wenn sie nun abänderte, so wird die Natürliche Züchtung wahrscheinlich auf verschiedenen Inseln verschiedene Varietäten begünstigt haben. Einzelne Arten jedoch werden sich über die ganze Gruppe verbreitet und überall den nämlichen Charakter beibehalten haben, wie wir auch auf Festländern manche weit verbreitete Spezies überall unverändert bleiben sehen.

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Doch die wahrhaft überraschende Thatsache auf den Gn-

lapayos wie in minderem Grade in einigen anderen Fallen besteht darin, dass sich die neu-gebildeten Arten nicht über die ganze Insel-Gruppe ausgebreitet haben. Aber die einzelnen Inseln, wenn auch in Sicht von einander gelegen, sind durch tiefe Meeres-Arme, meistens breiter als der britische Kanal von einander geschieden, und es liegt kein Grund zur Annahme vor, dass sie [ruber unmittelbar mit einander vereinigt gewesen seyen. Die Seeströmungen sind heilig und gehen queer durch den Archipel hindurch, und heilige Windstösse sind ausserordentlich Selten, so dass die Inseln thatsachlich starker von einander geschieden sind . als Diess beim Ansehen einer Karte scheinen mag. Deiu-ungeachlet sind doch ziemlich viele Arien, sowohl anderwärts vorkommende wie dein Archipel eigeulhiimlich angehörende, mehren Inseln gemeinsam, und einige Verhaltnisse Fuhren zur Vermuthung. dass diese sich wahrscheinlich von einem der Eilande aus zu den andern verbreitet haben. Aber wir bilden uns, wie ich glaube, oft eine irrige .Meinung über die Wahrscheinlichkeit, dass nahe verwandle Arien bei freiem Verkehre die eine ins Gebiet der andern vordringen werden. Es unterliegt zwar keinem Zweifel , dass . wenn eine Art irgend einen Vorlheil über eine andere hat, sie dieselbe in kurzer Zeil mehr oder weniger ersetzen wird: wenn aber beide gleich gut flu ihre Stellen in der NatUr gemacht sind, so werden sie wahrscheinlich ihre eigenen l'lalze behaupten und für alle Zeit behalten. Wenn wir wissen, dass viele von Menschen einmal naturalisirte Arten sich mit erstaunlicher Schnelligkeit über neue Gegenden verbreitet haben, so sind wir wohl zu glauben geneigt, dass die meisten Arien es ebenso machen würden; aber wir müssen bedenken, dass die in neuen Gegenden naturalisirten Formen gewöhnlich keine nahen Verwandten der Ureinwohner, sondern eigentümliche Arten sind, welche nach Alph. DF.CAtiDoi.LE verhallnissmässig sehr oft auch besondern Sippen angehören. Auf den (lalapagos sind sogar viele Vögel, welche ganz wohl im Stande waren von Insel zu Insel zu fliegen, von einander verschieden, wie z. B. drei einander nahe stehende Arten von Spottdrosseln jede auf ein

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besonderes Eiland beschrankt sind. Nehmen wir nun an. die Spottdrossel von Chalam-hland werde durch einen Storni nach Charles-Island verschlagen, das schon seine eigene Spottdrossel hat. wie sollte sie dazu gelangen sich hier festzusetzen V Wir dürfen mit Gewissheit annehmen, dass Charles-Island mit ihrer eigenen Art wohl besetzt ist, indem jährlich mehr Eier dort gelegt werden als auskommen kennen, und wir dürfen lerner annehmen, dass die Art von Charles-Island für diese ihre ileimath wenigstens eben so gut geeignet ist als der neue Ankömmling. Sir Ca. LvEi.i. und Hr. Wollaston haben mir eine merkwürdige zur Erläuterung dieser Verballnisse dienende Thalsacbe mitgeteilt, dass nämlich .Madeha und das dicht dabei gelegene Porto Santo viele einander vertretende l.amlsi lineiken besitzen, von welchen einige in Fels-Spalten leben: und obwohl grosse Stein-Massen jährlich von Porto Santo nach Madeira gebracht« werden, so ist doch diese letzte Insel noch nicht mit den Arten von Porto Santo bevölkert worden: aber auf beiden Inseln haben sich Europäische Arten angesiedelt, weil sie zweifelsohne irgend einen Vorlheil vor den eingeborenen voraus hatten. Hiernach werden wir uns nicht mehr sehr darüber wundem dürfen, dass; die endemischen uni) die stellvertretenden Arten. weiche die verschiedenen Galapagos-lnseh bewohnen. sieh noch nicht von Insel zu Insel verbreitet haben. In vielen andern Fällen, wie in den verschiedenen Bezirken eines Kontinentes, mag die frühere Besitzergreifung durch eine Arl wesentlioh dazu beigetragen halten, die Vermischung von Arten unter gleichen Lehens-Bedingungen zu bindern. So haben die Südöstliche und südwestliche Ecke \euhollands eine nahezu gleiche physikalische Beschaffenheit und sind durch zusammenhangendes Land miteinander verkettet, aber gleichwohl durch eine grosse Anzahl verschiedener Sauge-thier-. Vögel- and I'llanzen-Arten bewohnt.

Dil Prinzip, welches den allgemeinen Charakter der Fauna und Flora der ozeanischen Inseln bestimmt. dass nämlich deren Bewohner, wenn nicht genau die nämlichen Arten, doch ollen bar mit den Bewohnern derjenigen (legenden am Mdfeten verwandt sind, von welchen aus die Kolonisirung am leichtesten

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stattfinden konnte, und dass die Kolonisten nachher abgeändert und für ihre neue Heimath geschickter gemacht worden sind: dieses Prinzip ist von der weitesten Anwendbarkeit in der ganzen Natur. Wir sehen Diess an jedem Berg, in jedem See, in jedem Marschlande. Denn die alpinen Arten, mit Ausnahme der durch die Glazial-Ereignisse weithin verbreiteten Formen hauptsachlich von Pflanzen, sind mit denen der umgebenden Tiefländer verwandt: und so haben wir in Süd-Amerika alpine Kolibris, alpine .Nager, alpine Pflanzen, aber alle von streng Amerikanischen Formen; und es liegt nahe, dass ein Gebirge wahrend seiner allmählichen Emporhebung aus den benachbarten Tiefländern auf natürliche Weise kolonisirl worden seye. So ist es auch mit den Bewohnern der Seen und Marschen, so weit nicht durch grosse Leichtigkeit der Überführung aus einer Gegend in die andre die ganze Erd-Oberllache mit den nämlichen allgemeinen Formen versehen worden ist. Wir sehen dasselbe Prinzip bei den blinden Hohlen-Thieren Europas und Amerikas, sowie in manchen andern Fallen. Es wird sich nach meiner Meinung überall bestätigen, dass, wo immer in zwei sehr von einander entfernten Gegenden viele nahe-verwandte oder stellvertretende Arten vorkommen, auch einige identische Arten vorhanden sind, welche in Übereinstimmung mit der vorangehenden Ansicht zeigen, dass in irgend einer früheren Periode ein Verkehr oder eine Wanderung zwischen beiden Gegenden stattgefunden hat. lud wo immer nahe verwandle Arten vorkommen, da werden auch viele Formen seyn, welche einige Naturforscher als besondre Arten und andre nur als Varietäten betrachten. Diese zweifelhaften Formen drücken uns die Stufen in der fortschreitenden Abänderung aus.

Diese Beziehung zwischen Wanderungs-Vermogen und Ausdehnung einer Art, (seye es in jetziger Zeit oder in einer früheren Periode unter verschiedenen natürlichen Bedingungen! und dem Vorkommen andrer verwandter Arten in entfernten Theilen der Erde ergibt sich in einer noch allgemeinern Weise. Hr. Gould sagte mir vor langer Zeil, dass in denjenigen Vogel-Sippen, welche sich über die ganze Erde erstrecken, auch

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viele Arten eine weile Verbreitung besitzen. Ich vermag kaum zu bezweifeln, dass diese Regel allgemein richtig ist, obwohl Diess schwer zu beweisen seyn dürfte. Unter den Säuglhieren finden wir sie scharl bei den Fiedermausen und in schwächcrem Grade bei den Hunde- und Katzen-artigen Thieren ausgesprochen. Wir sehen sie in der Verbreitung der Schmetterlinge und Käfer. Und so ist es auch bei den meisten Süsswasser-Thieren, unter welchen so viele Sippen über die ganze Erde reichen und viele einzelne Arten eine ungeheure Verbreitung besitzen. Es soll nicht behauptet werden, dass in den weit-verbreiteten Sippen alle Arien in weiter Ausdehnung vorkommen oder auch nur eine durchschnittlieh grosse Ausbreitung besitzen, sondern nur dass es mit einzelnen Arten der Fall ist: denn die Leichtigkeit, womit weit verbreitete Spezies variiren und zur Bildung neuer Formen Veranlassung geben, bestimmt ihre durchschnittliche Verbreitung in genügender Weise. So können zwei Varietäten einer Art die eine Europa und die andere Amerika bewohnen, und die Art hat dann eine unermessliche Verbreitung: ist aber die Abänderung etwas weiter gediehen, so werden die zwei Varietäten als zwei verschiedene Arten gelten und die Verbreitung einer jeden wird sehr beschränkt erscheinen. Noch weniger soll gesagt werden, dass eine Art, welche offenbar das Verlangen besitzt, Schranken zu überschreiten und sich weil auszubreiten, wie mancher langschwingige Vogel, sich auch weil ausbreiten muss: denn wir dürfen nicht vergessen, dass zur weiten Verbreitung nicht allein das Vermögen Schranken zu Überschreiten, sondern auch noch das bei weitem wichtigere Vermögen gehurt, in lernen Landen den Kampf ums Daseyn mil den neuen Genossin siegreich zu bestehen. Aber nach der Annahme, dass alle Arten einer Sippe, wenn gleich jetzl über die entferntesten Theile der Erde zerstreut, von einem gemeinsamen Stamm-Vater abstammen, müssten (und Diess ist, glaube ich, der Fall) wenigstens einige Arten eine weile Verbreitung besitzen: denn es ist nolhwendig, dass der noch unveränderte Ahne sich unter lort-wahrender Abänderung weit verbreite und unter verschiedenartigen Lebens-Bedingungen eine günstige Stellung für die Umgestaltung

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seiner Nachkommen zuerst in neue Varietiiten und endlieh in neue Arten gewinne.

Bei Betrachtung der weiten Verbreitung mancher Sippen dürfen wir nicht vergessen , dass viele derselben ausserordentlich alt sind und von einem gemeinsamen Stamm-Vater in einer sehr frühen Periode abstammen müssen: daher in solchen Fallen genügende Zeit war sowohl für grosse klimatische und geographische Veränderungen als für die Verpllanzung-vermillelndo Zufälle , folglich auch für die Wanderung der Arten nach allen Theilen der Welt, wo sie dann in einer den neuen Verhaltnissen angemessenen Weise abgeändert worden sind. Ebenso scheinl sich aus geologischen Machweisungen zu ergeben, dass in jeder Haupiklasso die tief-stehenden Organismen gewöhnlich langsamer als die höheren Formen abändern: daher die lieferen Formen mehr in der Lage gewesen sind, ihre spezifischen Merkmale lange ZU behaupten und sich damit weil zu verbreiten. Diese Thalsachc in Verbindung mit dem Umstände. dass die Saunten und Eier vieler tief-stehenden Formen sich durch ihre ausserordentliche hl;udi.it zur Wüten Fortführung vorzugsweise eignen, -iklarl wahrscheinlich zur Genüge ein Gesetz, welches schon langst bekannt und erst unlängst von Ami. DeCakdoluc in Bezug auf die Pflanzen vortrefflich erläutert worden isl: dass nämlich jede Gruppe von Organismen sieh zu einer um so weilren \'erbreiluiig eigne, je tiefer sie sieht.

Die soeben erörterten Beziehungen, dass nämlich unvollkommene und sich langsam abändernde Organismen sich weiter als die vollkommenen verbreiten, — dass einige Arten weil ausgebreiteter Sippen selbst eine grosse Verbreitung besitzen, — dass Alpen-, Sumpf- und Marsch-Bewohner (mit den angedeutete« Ausnahmen) ungeachtet der Verschiedenhell der Standorte mit denen der Umgebenden Tief- und Trocken Lander verwandt sind, — dann die sehr enge Beziehung zwischen den verschiedenen Arten, welche die einzelnen Eilande einer Insel - Gruppe bewohnen. — und insbesondere die auffallende Verwandtschaft der Bewohner einer ganzen Insel-Gruppe mit denen des nächsten Festlandes: alle diese Verhältnisse sind nach meiner Meinung The ComDlete Work of Charles Darwin Online.

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nach der gewöhnlichen Annahme einer unabhängigen Schöpfung der einzelnen Arien völlig unverständlich, dagegen leicht zu erklaren durch die Unterstellung stattgefundener Besiedelung aus der nächsten oder gelegensten Quelle mit nachfolgender Abänderung und besserer Anpassung der Ansiedeier an ihre neue Heiinath.

Zusammenfassung des letzten und des jetzigen Kapitels.) In diesen zwei Kapiteln habe ich nachzuweisen gestrebt, dass, wenn wir unsre Unwissenheit über alle Folgen der klimatischen und Niveau - Veränderungen der Länder, welche in der laufenden Periode gewiss vorgekommen sind. und noch andrer Veränderungen, die in derselben Zeit stattgefunden haben mögen, gebührend eingestehen und unsre tiefe l'nkcnnl-niss der manchfaltigen gelegenheitlichen Transport-Mittel (worüber kaum jemals angemessene Versuche veranstaltet worden sind) anerkennen, und wenn wir erwägen, wie oll eine oder die andere Art sich über ein zusammenhängendes weites Gebiet ausgebreitet haben mag, um sofort in den mittein Theilen desselben zu erlöschen, so scheinen mir die Schwierigkeiten der Annahme, dass alle Individuen einer Spezies wo immer deren Wiege gestanden, von gemeinsamen Altern abstammen , nicht unübersleiglicb zu seyn: und so leiten uns schliesslich Betrachtungen allgemeiner Art insbesondere über die Wichligkeil der natürlichen Schranken und die analoge Verlhei-lung von Untersippen, Sippen und Familien zur Annahme dessen. was viele Naturforscher als einzelne Schopfungs-Mittclpunktc bezeichnet haben.

Was die verschiedenen Arten einer nämlichen Sippe betrifft, die nach meiner Theorie von einer Geburls-Stätte ausgegangen seyn sollen, so halte ich. wenn wir unsre UnWisscnheil SO wie vorhin eingestehen und bedenken, dass manche l.ebenlormen nur sehr langsam abändern und mithin ungeheuer langer Zeiträume für ihre Wanderungen bedurften, die Schwierigkeiten nicht für unüberwindlich, obgleich sie in diesem Falle so wie hinsichtlich der Individuen einer nämlichen Art oll ausserordentlich gross sind.

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Um die Wirkungen des Klima-Wechsels auf die Vertheilong der Organismen durch Beispiele zu erläutern, habe ich die Wichtigkeit des Einflusses der Eis - Zeit nachzuweisen gesucht, welche nach meiner vollen Überzeugung sich gleichzeitig über die ganze Erd - Oberfläche oder wenigstens über grosse meri-dianale Striche derselben erstreckt hat. l'nd um zu zeigen, wie manchfaltig die gelegentlichen Transport-Mittel sind, habe ich die Ausbreitungs-Weise der Süsswasser-Bewohner etwas ausführlicher auseinandergesetzt.

Wenn sich die Schwierigkeiten der Annahme, dass im Verlaufe langer Zeiten die Einzelwesen einer Art ebenso wie die verwandten Arten von einer gemeinsamen Quelle ausgegangen, sich nicht unübersteiglich erweisen, dann glaube ich. dass alle leitenden Erscheinungen der geographischen Verbreitung mittelst der Theorie der Wanderung (hauptsächlich der herrschendem Lebenformen) und darauf-folgender Abänderung und Vermehrung der neuen Formen erklärbar sind. Man vermag alsdann die grosse Bedeutung der natürlichen Schranken — Wasser oder Land — zwischen den verschiedenen botanischen wie zoologischen Provinzen zu erkennen. Man vermag dann die örtliche Beschränkung von Untersippen, Sippen und Familien zu begreifen , und woher es komme, dass in verschiedenen geographischen Breiten, wie z. B. in Süd-Amerika, die Bewohner der Ebenen und Berge, der Walder, Marschen und Wüsten, in so geheimnissvoller Weise durch Verwandtschaft miteinander wie mit den erloschenen Wesen verkettet sind, welche ehedem denselben Welttheil bewohnt haben. Indem wir erwägen, dass die gegenseitigen Beziehungen von Organismus zu Organismus von höchster Wichtigkeit sind, vermögen wir einzusehen, warum zwei Gebiete mit beinahe den gleichen physikalischen Bedingungen'von verschiedenen Lebenl'ormen bewohnt sind. Denn je nach der Länge der seit der Ankunft der neuen Bewohner in einer Gegend verflossenen Zeit, — je nach der Natur des Verkehrs, welcher gewissen Formen gestattete und andern wehrte sich in grösserer oder geringerer Anzahl einzudrängen, — je nachdem diese Eindringlinge in mehr oder weniger unmittelbare Bewerbung mit-

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einander und mit den Urbewohnern geriethen oder nicht, — und je nachdem dieselben mehr oder weniger rasch zu variiren fähig waren: müssen in verschiedenen Gegenden, ganz unabhängig von ihren physikalischen Verhidtnissen, unendlich vermanchfachte Lebens-Bedingungen entstanden seyn, — muss ein fast endloser Betrag von organischer Wirkung und Gegenwirkung sich entwickelt haben, — und müssen, wie es wirklich der Fall ist, einige Gruppen von Wesen in hohem und andere nur in gerigem Grade abgeändert, müssen einige zu grossem Übergewicht entwickelt und andre nur in geringer Anzahl in den verschiedenen grossen geographischen Provinzen der Erde vorhanden seyn.

Nach diesen nämlichen Prinzipien ist es, wie ich nachzuweisen versucht, auch zu begreifen, warum ozeanische Inseln nur wenige, aber der Mehrzahl nach endemische oder eigentümliche Bewohner haben, und warum daselbst in Übereinstimmung mit den Wanderung*-:Mitteln eine Gruppe von Wesen lauter endemische und die andere Gruppe, sogar in der nämlichen Klasse, lauter weltbürgerliche Arten darbietet. Es lässt sich einsehen, warum ganze Gruppen von Organismen, wie Batrachier und Boden-Säuge-thiere, auf den ozeanischen Inseln fehlen, wahrend die meisten vereinzelt liegenden Inseln ihre eigenthümlichen Arten von Luft-Säugethieren oder Fledermäusen besitzen. Es lässt sich die Ursache einer gewissen Beziehung erkennen zwischen der Anwesenheit von Siiugthieren von mehr oder weniger abgeänderter Beschaffenheit und der Tiefe der die Inseln vom Festlande trennenden Kanäle. Es ergibt sich deutlich, warum alle Bewohner einer Insel-Gruppe, wenn auch auf jedem der Eilande von andrer Art, doch innig miteinander und, in minderm Grade, mit denen des nächsten Festlandes oder des sonst wahrscheinlichen Stammlandes verwandt sind. Wir sehen endlieh ein, warum in zwei, wenn auch weil von einander entfernten, Länder-Gebieten eine gewisse Wechselbeziehung in der Anwesenheit von identischen Arten, von Varietäten, von zweifelhaften Arten und von verschiedenen aber stellvertretenden Spezies zu erkennen ist.

Wie der verstorbene Euward Fohbes oft behauptet: es besieht ein strenger l'arallelismus in den Gesetzen des Lebens durch

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Zeil und Raum. Die Gesetze, welche die Aufeinanderfolge der Können in vergangenen Zeilen geleitet, sind last die nämlichen, wovon in der laufenden Periode deren Unterschiede in verschiedenen Lander-Gebieten abhängen. Wir erkennen Diess aus vielen Thatsachen. Die Erscheinung jeder Art und Arten - Gruppe ist

/.iis........enhiingend in der Zeit: denn der Ausnahmen von dieser

Regel sind so wenige, dass sie wohl am richtigsten daraus erklart werden, dass wir deren in den mittlen Schichten vorkommenden Reste nur noch nicht entdeckt haben: — sie ist zusammenhangend im Räume , indem die allerdings nicht seltenen Ausnahmen sich dadurch erklaren, dass jene Arten in einer früheren Zeit unter abweichenden Verhältnissen in regelmassiger Weise oder mittelst gelegenheitlichen Transportes über weite Flachen gewandert, aber dann in den mittlen Gegenden derselben erloschen sind. Arten und Arten-Gruppen haben ein Maximum der Entwickelung in der Zeit wie im Raum. Arten - Gruppen. welche in einen gewissen Zeit-Abschnitt oder in einen gewissen Raum - Bezirk zusammengehören, sind oll durch besondre auffallende Merkmale in Skulptur oder Farbe u. s. w. charakterisirt. Wenn wir die lange Reihe verflossener Zeit-Abschnitte mit den mehr und weniger weit über die Erd-Obcrfliiche verteilten zoologischen und botanischen Provinzen vergleichen . so finden wir hier wie dort, dass einige Organismen nur wenig difleriren, wahrend andre aus andern Klassen, Ordnungen oder auch nur Familien weit abweichen. In Zeit und Raum andern die tieferen Glieder jeder Klasse gewöhnlich minder als die hohem ab; doch kommen in beiden auffallende Ausnahmen von dieser Regel vor. Nach meiner Theorie sind diese verschiedenen Beziehungen durch Zeit und Raum ganz begreiflich: denn sowohl die Lebenformen, welche in aufeinander-lolgenden Zeitaltern innerhalb derselben Theile der Erd-Oberfläche gewechselt, als jene, welche erst im Verhaltnisse ihrer Wanderungen nach andern Weltgegenden sich abgeändert, beiderlei Formen sind in jeder Klasse durch das nämliche Band der Generation miteinander verkettet: und je naher zwei Formen in Blutverwandtschalt zu einander stehen, desto näher werden sie sich gewohnlich auch in Zeit und Raum stehen.

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In beiden Fallen sind die Gesetze der Abänderung die niimlichen gewesen and sind Modifikationen durch die nämliche Kraft der Natürlichen Züchtung gehäuft worden.

llr.MY.rlinti's Kftpitrl

Wechselseitige Verwandtschaft organischer Körper Morphologie: Embryologie; Rudimentäre Organe.

Klassirikjttion: Unterordnung der Gruppen.— Natürliches System. — Regeln und Schwierigkeiten der Klassifikation erklärt aus der Theorie der Fortpflanzung mit Abänderung. — Klassifikation «ler Varietäten. — Abstammung hei der Klassifikation gebraucht — Analoge oder Anpassungs-Charak-tere. — Verwandtschaften: allgemeine, verwickeile und strahlenförmige. — Erlöschung trennt und begrenzt die Gruppen. — Morphologie: «wischen Gliedern einer Klasse und zwischen Theileu eines Einzelwesens. - Embryologie: deren Gesetze darans erklärt, dass Abänderung nicht in allen Lehens-Altern eintritt, aber in korrespondirendem Alter vererbt wird. — Rudimentäre Organe: ihre Kntstcliung erklärt. - Zusammenfassung.

Von der ersten Stufe des Lebens an gleichen alle organischen Wesen einander in immer weiter abnehmendem Grade, so dass man sie in Gruppen und Untergruppen klassifiziren kann. Diese Gruppirung ist offenbar nicht willkürlich . wie die der Sterne zu Gestirnen Das Daseyn von Gruppen würde eine vielfache Bedeutung haben, wenn eine Gruppe ausschliesslich für die Land- und eine andre für die Wasser-Bewohner, eine für die Fleisch-, eine andre für die l'llanzen - Fresser D. s. w. bestimmt wäre: in der Natur aber verhalt sich die Sache sehr abweichend, indem es bekannt ist. wie oft sogar Glieder einer nämlichen Untergruppe verschiedene Lebens-Weisen besitzen. Im zweiten und vierten Kapitel, von Abänderung und Natürlicher Züchtung handelnd, habe ich zu zeigen versucht, dass es die weit verbreiteten. die überall gemeinen und die herrschenden Arten grosser Sippen sind, die am meisten variiren. Die so gebildeten Varietäten oder beginnenden Arten gehen, wie ich glaube, allmählich in neue und verschiedene Arten über, welche nach dem Vererbungs-Prinzip geneigt sind andre neue und herrschende

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Arien zu erzeugen. Demzufolge streben die Gruppen, welche jetzt gross sind und gewöhnlich viele herrschende Arten in sich einschliessen, ohne Ende an Umfang zuzunehmen. Ich habe weiter nachzuweisen gesucht, dass aus dem Streben der abändernden Nachkommen einer Art so viele und verschiedene Stellen als möglich im Haushalte der Natur einzunehmen, eine beständige Neigung zur Divergenz der Charaktere entspringt. Diese Folgerung war unterstützt worden durch die Betrachtung der grossen. Manchfaltigkeit von Lebenformen, die auf den kleinsten Feldern in Mitbewerbung zu einander gerathen, und durch die Wahrnehmung gewisser Thatsachen bei der Nalurali-sirung.

Ich habe weiter darzuthun versucht, dass bei den in Zahl und in Divergenz des Charakters zunehmenden Formen ein fort währendes Streben vorhanden ist, die früheren minder divergenten und minder verbesserten Formen zu unterdrücken und zu ersetzen. Ich ersuche den Leser, nochmals das Bild (S. 115) anzusehen, welches bestimmt gewesen ist, diese verschiedenen Prinzipien zu erläutern, und er wird finden, dass die einem gemeinsamen Stamm-Vater entsprossenen abgeänderten Nachkommen unvermeidlich immer weiter in unterbrochenen Gruppen und Untergruppen auseinanderlaufen müssen. In dem genannten Bilde mag jeder Buchstabe der obersten Linie eine Sippe bezeichnen, welche mehre Arten enthält, und alle Sippen dieser Linie bilden miteinander eine Klasse, indem alle von einem gemeinsamen alten aber unsichtbaren Stammvater entspringen und mithin irgend etwas Gemeinsames ererbt haben. Aber die drei Sippen auf der linken Seite haben diesem nämlichen Prinzip zufolge mehr miteinander gemein und bilden eine L'nterfamilie verschieden von derjenigen, welche die zwei rechts zunächst-folgendcn einschliesst, die auf der lünften Abstammungs-Stufe einem ihnen und jenem gemeinsamen Stammvater entsprungen sind. Diese fünf Genera haben auch noch Manches, doch weniger als vorhin miteinander gemein und bilden miteinander eine Familie, verschieden von der die nächsten drei Sippen weiter rechts umfassenden, welche sich in einer noch früheren Periode von den vorigen abgezweigt hat.

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Und alle diese von A entsprungenen Sippen bilden eine von der aus I entsprossenen verschiedene Ordnung. So haben wir hier viele Arten von gemeinsamer Abstammung in mehre Genera vertheill. und diese Genera bilden, indem sie zu immer grosseren Gruppen zusammentreten, erst Unterfamilien und Familien und dann Ordnungen miteinander, welche zu einer Klasse gehören. So erklärt sich nach meiner Ansicht in der Naturgeschichte die grosse Erscheinung der Unterabtheilung der Gruppen, die uns freilich in Folge unsrer Gewöhnung daran nicht mehr sehr aufzufallen pflegt.

Die Naturforscher bemühen sich die Arten, Familien und Sippen jeder Klasse in ein sogen, natürliches System zu ordnen. Aber was ist Dies« für ein System? Einige Schrillsteller betrachten es nur als ein Fachwerk, worin die einander ähnlichsten Lebenwesen zusammen-geordnet und die unähnlichsten ausein-ander-gehalten werden, — oder als ein künstliches Mittel um allgemeine Beschreibungen so kurz wie möglich auszudrücken, so dass, wenn man z. B. in einem Satz (Diagnose) die allen Säug-thieren, in einem andern die allen Baub-Süugthiercn und in einem dritten die allen Hunde-artigen Kaub-Säuglhieren genieinsamen Merkmale zusamniengefasst hat. man endlich im Stande ist, schon durch Beifügung noch eines fernem Satzes eine vollständige Beschreibung jeder beliebigen Hunde-Art zu liefern. Das Sinnreiche und Nützliche dieses Systems ist unbestreitbar: doch glauben einige Naturforscher, dass das natürliche System noch eine weitre He Stimmung habe , nämlich die den Plan deschopfers zu enthüllen; so lange als es aber keine Ordnung weder im Baume noch in der Zeit nachweiset, und als nicht näher bezeichnet wird, was mit dem "Plane des Schöpfers« gemeint seye, scheint mir damit für unsre Kenntnisse nichts gewonnen zu seyn. Solche Ausdrücke, wie die berühmten I.iNSF.'schen, die wir oll in mancherlei F.in-kleidungen versteckt wieder linden. dass numlh-h die Charaktere nicht die Sippe machen, sondern die Sippe die Charaktere geben müsse, scheinen mir zugleich andeuten 10 sollen, dass unsrr Klassifikation noch etwas mehr als blosse Miiilichkeit zu heruck sichtigen habe, lud ich glaube in der Thal, dass es so der Fall

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ist. und dass die auf gemeinschaftlicher Abstammung beruhende Blutsverwandtschaft die einzige bekannte Ursache der Ähnlichkeil organischer Wesen, das durch mancherlei Modifikalions-Stufen verborgene Band ist. welches durch natürliche Klassifikation theilweise enthüllt werden kann.

Betrachten wir nun die bei der Klassifikation befolgten Regeln und die dabei vorkommenden Schwierigkeiten von der Annahme ausgehend, als ob die Klassifikation entweder einen unbekannten Schopfungs-I'lan darstellen oder auch nur ein Mittel bieten solle, um das Verwandte zusammenzustellen und dadurch die allgemeinen Beschreibungen abzukürzen. Man könnte annehmen und es ist in alteren Zeiten angenommen worden, dass diejenigen Hielte der Organisation, welche die Lebens-Weise und im Allgemeinen den Platz bestimmen, welchen jedes Wesen im Haushalle der Natur einnimmt, von erster Wichtigkeit seyen. Und doch kann nichts unrichtiger seyn. Niemand legt mehr der äussern Ahnlichkeil der Maus mil der Spitzmaus. des Dugongs mil dem Wate, und des Wales mit dem Fisch einige Wichtigkeit bei. Diese Ähnlichkeiten , wenn auch in innigslem Zusammenhange mit dem ganzen Leben des Thieres stehend. werden als blosse »analoge oder Anpassungs-Charaktere" bezeichnet: doch werden wir auf die Betrachtung dieser Ähnlichkeiten spater zurückkommen. Man kann es sogar als eine allgemeine Regel ansehen, dass, je weniger ein Theil der Organisation für Special-Zwecke bestimmt ist, desto wichtiger er für die Klassifikation seye. So z. B. sagt R. Owen, indem erjom Dugong spricht: »Ich habe die Genera-tions-Organe, insoferne als sie mit Lebens- und Ernährungsweise der Thiere in wenigst naher,Beziehung stehen, immer als solche betrachtet. welche die klarsten Andeutungen über die wahren [tieferen] Verwandtschaften derselben zu liefern vermögen. Wir sind am wenigsten der Gefahr ausgesetzt, in ihren Modifikationen einen bloss adaptiven für einen wesentlichen Charakter zu nehmen.« So ist es auch mit den Pflanzen. Wie merkwürdig ist es nicht, dass die Vegetations-Organe, von welchen ihr Leben überhaupt abhangig ist, ausser für die ersten Hauptabtheilungen, su wenig zu bedeuten haben, wahrend die Reproduktions- Werk -

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zeuge und deren Erzeugniss, der Saame, von oberster Bedeutung sind.

Wir dürfen uns daher bei der Klassifikation nicht auf Ähnlichkeiten zwischen Theilen der Organisation verlassen, wie bedeutend sie auch für das Gedeihen des Wesens in seinen Beziehungen zur äusseren Welt seyn mögen. Daher rührt es vielleicht auch zum Theile, dass fast alle Naturforscher die grösste Wichtigkeit auf die Ähnlichkeit solcher Organe legen, welche in physiologischer Hinsicht von hoher Bedeutung sind. Das ist auch wohl im Allgemeinen. aber nicht in allen Fällen richtig. Jedoch hängt die Wichtigkeit der Organe für die Klassifikation nach meiner Meinung hauptsächlich von der Beständigkeit ihrer Charaktere in grossen Arten - Gruppen ab, und diese Beständigkeit findet sich gerade bei solchen Organismen, welche zur Anpassung an äussere Lebens-Bedingungen weniger abgeändert werden. Dass aber auch die physiologische Wichtigkeit eines Organes seine Bedeutung für die Klassifikation nicht allein bestimme, ergibt sich deutlich schon aus der Thalsache allein, dass der klassifikalorische Werlh eines Organes in verwandten Gruppen, wo doch eine gleiche physiologische Bedeutung desselben unterstellt weiden darf, oft weit verschieden ist. Kein Naturforscher kann sich mit einer Gruppe näher beschäftigt haben, ohne dass ihm Diess aufgefallen wäre, was auch in den Schriften fast aller Autoren vollkommen anerkannt wird. Es wird genügen, wenn ich Robert Brown als den höchsten Gewährsmann zilire, indem er bei Erwähnung gewisser Organe bei den Froleaceen sagt: ihre generische Wichtigkeit »isl so wie die aller ihrer Theile nicht allein in dieser, sondern nach meiner Erfahrung in allen natürlichen Familien sehr ungleich und scheint mir in einigen Fällen ganz verloren zu gehen.« Ebenso sagt er in einem andern Werke: die Genera der Connaraceae »unterscheiden sich durch die Ein- oder Mehrzahl ihrer Ovarien, durch Anwesenheit oder Mangel des Eiweisses und durch die schuppige oder klappenartig« Agitation. Ein jedes einzelne dieser Merkmale ist oft von mehr als generischer Wichtigkeit : hier aber erscheinen alle zusammen genommen unzureichend, um nur die Sippe Cnestis von Connarus zu unler-

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scheiden.« Ich will BOch ein Beispiel von den Insekten entlehnen, wo in der Klasse der Hymonopteren naeh Westwoods Beobachtung die Fühler in einer Hauplabtheilung von sehr beständiger Bildung sind, wahrend sie in andern Abteilungen sehr abändern und die Abweichungen oft von ganz untergeordnetem Werlhc für die Klassifikation sind: und doch wird niemand behaupten wollen, dass die Kühler in diesen zwei Gruppen von ungleichem physiologischem Werthe seyen. So Messen sich noch viele Beispiele von der veränderlichen Wichligkeil eines wesentlichen Organes fUr die Klassifikation innerhalb derselben Gruppe von Organisini n anfuhr, n.

Es wird niemand behaupten, rudimentäre oder verkümmerte Organe seyen von hoher physiologischer Wichtigkeit, und doch gibt es ohne Zweifel Organe welche in diesem Zustande lür die Klassifikation einen grossen Werth haben. So bestreitet niemand, dass die Zahn-Rudimente im Oberkiefer junger Wiederkäuer sowie gewisse Knochen-Rudimente in den Küssen sehr nützlich sind, um die nahe Verwandtschaft der Wiederkäuer mit den Dickhäutern zu beweisen. Und so bestund auch Robkut Bbown strenge auf der hohen Bedeutung, welche verkümmerte Blumen der Gräser für ihre Klassifikation hatten.

Dagegen lässt sich eine Menge von Fallen nachweisen, wo Charaktere an Organen von ganz zweifelhafter physiologischer Wichtigkeit allgemein für Sehr nützlich zur Bestimmung ganzer Gruppen gelten. So ist z. B. der offne Durchgang von den .Nasenlöchern in die Mundhöhle nach R. Owen der einzige unbedingte Unterschied zwischen Reptilien und Kischen ; und eben so wichtig ist die Einbiegung des hintern Unterrandcs des Unterkiefers bei den Beutelthieren, die verschiedene Zusainmenlältungs-Weise der Flügel bei den Insekten, die blasse Farbe bei gewissen Algen, die Behaarung gewisser Blülhcn-Theile bei den Gräsern, das Haar- und Feder-Kleid bei den zwei obren Wirbel-Ihier-Klassen. Hatte der Ornilhorhynchus ein Feder- statt ein Haar-Gewand, so würde dieser äussre unwesentlich scheinende Charakter vielleicht von manchen Naturforschern als ein wichtiges Hilfsmittel zur Bestimmung des Verwandlschafts-Grades dieses sonderbaren Geschöpfes den Vögeln und den Reptilien gegen-

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über, welchen es sich in einigen wesentlicheren inneren Struktur-Verhältnissen nähert, angesehen werden.

Die Wichtigkeit an sich gleichgiltiger Charaktere für die Klassifikation hängt hauptsächlich von ihrer Wechselbeziehung zu manchen anderen mehr und weniger wichtigen Merkmalen ab. In der Thal ist der Werlh untereinander zusammenhängender Chararaktere in der Naturgeschichte sehr augenscheinlich. Daher kann sidi, wie oll bemerkt worden ist. eine Art in mehren einzelnen Charakteren von hoher physiologischer Wichtigkeit wie von allgemeiner Verbreitung weit von ihren Verwandten entfernen und uns doch nicht in Zweifel darüber lassen, wohin sie gehört. Daher hat sich auch oft genug eine bloss auf ein einziges Merkmal, wenn gleich von höchster Bedeutung, gegründete Klassifikation als mangelhalt erwiesen: denn kein Theil der Organisation ist allgemein beständig. Die Wichtigkeit einer Verkettung von Charakteren, wenn auch keiner davon wesentlich ist, erklärt nach meiner Meinung allein den Ausspruch Lisnes, dass die Charaktere nicht das Genus machen, sondern dieses die Charaktere gibt; denn dieser Ausspruch scheint gegründet auf eine Würdigung vieler untergeordneter Ahnlichkeits-Beziehungen, welche für die Definition zu gering sind, Gewiss:, zu d;.n Malpihia-eat gehörige Pflanzen bringen vollkommene und verkümmerte Blü-then zugleich hervor: die letzten verlieren nach A. de Jissiei s Bemerkung »die Mehrzahl der Art-, Sippen-, Familien- und selbst Klassen - Charaktere und spotten mithin unsrer Klassifikation.« Als aber die in Frankreich eingeführte Aspiearpa mehre Jahre lang nur verkümmerte Blüthen lieferte, welche in einer Anzahl der wichtigsten Punkte der Organisation so wunderbar von dem eigentlichen Typus der Ordnung abwichen, da erkannte Biciuiiu scharfsichtig genug, wie .lissui bemerkt, dass diese Sippe unter den Malpighiaeeen zurückbehalten werden müsse. Dieser Kall «beul mir den Geist wohl zu bezeichnen, in welchem unsre Klassifikationen zuweilen nothwendig gegründet sind.

In ,1er Praxis bekümmern sich die Naturforscher nicht viel US den physiologischen Werlh des Charakter.-, dessen sie sich zur Definition einer Gruppe oder bei Einordnung einer Spezies

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bedienen. Wenn sie einen nahezu einförmigen und einer grossen Anzahl von Formen gemeinsamen Charakter finden, der bei andern nicht vorkommt, so betrachten sie ihn als sehr werthvoll; kommt er bei einer geringern Anzahl vor, so ist er von geringerem Werthe. Zu diesem Grundsatze haben sich einige Naturforscher offen als zu dem einzig richtigen bekannt, und keiner entschiedener als der vortreffliche Botaniker Aigust St.-Hilaire. Wenn gewisse Charaktere immer in Wechselbeziehung mit einandef erscheinen, mag auch ein bedingendes Band zwischen ihnen nicht zu entdecken seyn, so wird ihnen besondrer Werth beigelegt. Da in den meisten Siiugthier-Gruppen wesentliche Organe, wie die zur Bewegung des Blutes, zur Athmung, zur Fortpflanzung bestimmten, nahezu von gleicher Beschaffenheit sind, so werden sie bei deren Klassifikation hoch gewerthet: wogegen wieder in andern Gruppen alle diese wichtigsten Lebens-Werkzeuge nur Charaktere von ganz untergeordnetem Werthe darbieten.

Vom Embryo entnommene Charaktere, erweisen sich von gleicher Wichtigkeit, wie die der ausgewachsenen Thiere, indem unsre Klassifikationen die Arten in allen ihren Lebens-Altern umfassen. Doch scheint es sich aus der gewöhnlichen Ansehau-ungs-VVeise keinesweges zu rechtfertigen, dass man die Struktur des Embryos für diesen Zweck hoher in Anschlag bringe als die des erwachsenen Thieres. welches doch nur allein vollen Antheil am Haushalte der Natur nimmt. Nun haben die grossen Naturforscher .Mii.ne-Edwards und L. Aoassiz scharf hervorgehoben, dass embryonische Charaktere von allen die wichtigsten für die Klassifikation sind, und diese Behauptung ist fast allgemein als richtig aufgenommen worden. Sie entspricht auch den Blüthen-Pflanzen ganz gut, deren zwei Hauptabteilungen nur auf embryonische Charaktere gegründet sind, nämlich auf die Zahl und Stellung der Blatter des Embryos oder der Kotyledonen und auf die Entwicklungs-Weise der Plumula und Radicula. In unsren embryologischen Erörterungen werden wir den Grund einsehen, wesshalb diese Charaktere so werthvoll sind, indem nämlich die auf dieselben gegründete Klassifikations-Weise stillschweigend die Vorstellung von der gemeinsamen Abstammung der Arten anerkennt.

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l'nsre Klassifikationen stehen oft offenbar unter dem Einflüsse verwandtschaftlicher Verkettungen. Es ist nichts leichter, als eine Anzahl allen Vögeln gemeinsamer Charaktere zu bezeichnen, während Diess hinsichtlich der Kruster noch nichl möglich gewesen ist. Es gibt Kruster an den beiden Enden der Reihe, welche kaum einen Charakter mit einander gemein haben: aber da die an den zwei Enden stehenden Arten offenbar mit andern und diese wieder mit andern Krustern u. s. w. verwandt sind, so ergibt sich ganz unzweideutig, dass sie alle zu dieser und zu keiner andern Klasse der Kerblhiere gehören.

Auch die geographische Verbreitung ist oft, wenn gleich vielleicht nicht logischer Weise, zur Klassifikation mit benutzt worden, zumal in sehr grossen Gruppen einander nahe verwandter Formen. Temminck besieht au! der Nützlichkeit und selbst Nothwendigkeit dieser Übung bei gewissen Vögel-Gruppen: wie sie denn auch von einigen Entomologen und Botanikern in Anwendung gekommen ist.

Was endlich die verglichenen Werlhe der verschiedenen Arten-Gruppen, wie Ordnungen und Unterordnungen, Familien und Unterfamilien, Sippen u. s. vv. betrifft. so scheinen sie wenigstens bis jetzt ganz willkürlich zu seyn. Einige der besten Botaniker, wie Bentham u. A., sind beharrlich auf ihrer Meinung von deren willkürlichem Werlhe geblieben. Man konnte bei den Pflanzen wie bei den Insekten Beispiele anführen von Arien-Gruppen . die von geübten Naturforschern erst nur als Sippen aufgestellt und dann allmählich zum Rang von Unlerfamilien und Familien erhoben worden sind, und zwar nichl desshalb, weil durch spätre Forschungen neue wesentliche Unterschiede in ihrer Organisation ausgemiltelt worden waren, sondern nur in Folge spätrer Entdeckung vieler verwandter Arten mit nur schwach abgestuften Unterschieden.

Alle voranstellenden Regeln, Behelfe und Schwierigkeiten der Klassifikation erklären sich, wenn ich mich nicht sehr lausche, durch die Annahme, dass das natürliche System auf Forlpflan zung unter fortwährender Abänderung beruhe, dass diejenigen Charaktere, welche nach der Ansicht der Naturforscher eine

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achte Verwandtschaft zwischen zwei oder mehr Arten darlliun. von einem gemeinsamen Ahnen ererbt sind und in so lern alle achte Klassifikation eine genealogische ist: — dass gemeinsame Abstammung das unsichtbare Band ist. wornacb alle Naturforscher unbewusster Weise gesucht baben, nicht aber ein unbekannter Sehöpfungs-l'Ian, oder eine bequeme Form für allgemeine Beschreibung, oder eine angemessene Methode die Natur-Gegenslande nach den Graden ihrer Ähnlichkeit oder l'nahnlichkeil zu sorliren. Doch ich muss meine Ansicht vollständiger auseinandersetzen. Ich glaube, dass die Anordnung der Kruppen in jeder Klasse, ihre gegenseitige Nebenordnung und l nterordnung streng genealogisch seyn muss, wenn sie natürlich seyn soll: dass aber das Maass der Verschiedenheit zwischen den verschiedenen Gruppen oder Verzweigungen, obschon sie alle in gleicher Blutsverwandtschaft mit ihrem gemeinsamen Stammvater stehen, sehr ungleich seyn kann, indem dieselbe von den verschiedenen Graden erlittener Abänderung abhangig ist: und Diess findet seinen Ausdruck darin, dass die Formen in verschiedene Sippen, Familien , Sektionen und Ordnungen grnppirl werden. Der Leser wird meine Meinung am besten verstehen, wenn er sich nochmals nach dem Bilde S. 115 umsehen will. Nehmen wir an. die Buchstaben A bis L stellen verwandte Sippen vor, welche in der silurischen Zeit gelebt und selber von einer Art abstammen, die in einer unbekannten früheren Periode existirt hat, Arten von dreien dieser Genera (A, F und I) haben sich in abgeänderten Nachkommen bis auf den heutigen Tag fortgepflanzt, welche durch die fünfzehn Sippen a14 bis zu der obersten Beihe ausgedrückt sind. Nun sind aber alle diese abgeänderten Nachkommen einer einzelnen Art in gleichem Grade blutsverwandt zu einander: man konnte sie bildlich als Vettern im gleichen millon-sten Grade bezeichnen: und doch sind sie weit und in ungleichem Grade von einander verschieden. Die von A herstammenden Formen, welche nun in 2—3 Familien geschieden sind, bilden eine andre Ordnung als die zwei von 1 entsprossenen. Auch köHmen die von A abgeleiteten jetzt lebenden Formen eben so wenig in eine Sippe mit ihrem Ahnen A, als die von I herkom-The Comolete Work of Charles Darwin Online,

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mcnden in eine mit ihrem Stammvater 1 zusammengestellt werden. Die noch jetzt lebende Sippe f14 dagegen mag man als nur wenig modifizirt betrachten und demnach mit deren Stamm-Sippe F vereinigen, wie es ja in der Thal noch jetzt einige Genera gibt, welche mit silurischen übereinstimmen. So kommt es, dass das Maass oder der Werlh der Verschiedenheiten zwischen organischen Wesen, die alle in gleichem Grade mit einander blutsverwandt sind, doch so ausserordentlich ungleich erscheint. Demungeachtet aber bleibt ihre genealogische Anordnungs-Weise vollkommen richtig nicht allein in der jetzigen sondern auch in allen künftigen Perioden der Fnrtstammung. Alle abgeänderten Nachkommen von A haben etwas Gemeinsames von ihrem gemeinsamen Ahnen geerbt, wie die des I von dem ihrigen, und so wird es sich auch mit jedem untergeordneten Zweige der Nachkommenschaft in jeder späteren Periode verhalten. Unterstellen wir dagegen, einer der Nachkommen von A oder I seye so sehr modifizirt worden, dass er die Spuren seiner Abkunft von demselben mehr oder weniger eingebüssl habe, so wird er im natürlichen Systeme nur eine mehr und weniger abgesonderte Stelle einnehmen können, wie Diess bei einigen noch lebenden Formen wirklich der Fall zu seyn scheint. Von allen Nachkommen der Sippe F ist der ganzen Reihe nach angenommen, dass sie nur wenig modifizirt worden seyen und dalier gegenwartig nur ein einzelnes Genus bilden. Aber dieses Genus vu/d. sehr vereinzelt, eine eigene Zwischenstelle einnehmen; denn F hielt ursprünglich seinem Charakler nach das Mittel zwischen A und I, und die verschiedenen von diesen zwei Genera herstammenden Sippen werden jedes von seiner Stamm-Sippe etwas Gemeinsames geerbt haben. Diese natürliche Anordnung isl, so viel es auf dem Papiere möglich, nur in viel zu einlacher Weise, bildlich dargestellt. Hatte ich, statt der verzweigten Darstellung, nur die Namen der Gruppen in eine lineare Reihe schreiben wollen, so würde es noch viel Weniger möglich geworden seyn, ein Bild von der natürlichen Anordnung zu geben, da es anerkannter Maassen unmöglich isl, in einer Linie oder auf einer Flache die Verwandtschaften /wischen den »er*-hiede-

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ncn Wesen einer Gruppe darzustellen. So ist nach meiner Ansieht das Natur-System genealogisch in seiner Anordnung, wie ein Stammbaum, aber die Abstufungen der Modifikationen, welche die verschiedenen Gruppen durchlaufen haben, müssen durch Einteilung derselben in verschiedene sogenannte Sippen, Unterfamilien. Familien, Sektionen, Ordnungen und Klassen ausgedrückt werden.

Zur Erläuterung dieser meiner Ansieht von der Klassifikation mag ein Vergleich mit den Sprachen angemessen seyn. Wenn wir einen vollständigen Stammbaum des Menschen besässen, so würde eine genealogische Anordnung der Menschen-Rassen die beste Klassifikation aller jetzt auf der ganzen Erde gesprochenen Sprachen abgeben: und könnte man alle erloschenen und mitteilt Sprachen und alle langsam abändernden Dialekte mit aufnehmen, so würde diese Anordnung, glaube ich, die einzig mögliche seyn. Da konnte nun der Fall eintreten, dass irgend eine sehr alle Sprache nur wenig abgeändert und zur Bildung nur weniger neuen Sprachen gedient hatte, wahrend andre (in Folge der Ausbreitung und spateren Isolirung und Zivilisations-Stulen einiger von gemeinsamem Stamm entsprossener Rassen) sich sehr veränderten und die Entstehung vieler neuer Sprachen und Dialekte veranlassten. Die Ungleichheit der Abstufungen in der Verschiedenheit der Sprachen eines Sprach-Stainmes müsste durch Unterordnung der Gruppen unter einander ausgedrückt werden: aber die eigentliche oder eben allein mögliche Anordnung konnte nur genealogisch seyn: und Diess wäre streng naturgemass , indem auf diese Weise alle lebenden wie erloschenen Sprachen je nach ihren Verwandtschafts-Stufen mit einander verkettet und der Ursprung und der Entwickelungs-Gang einer jeden einzelnen nachgewiesen werden würde.

Wir wollen nun, zur Bestätigung dieser Ansicht, einen Blick auf die Klassifikation der Varietäten werfen, von welchen man annimmt oder weiss, dass sie von einer Art abslammen. Diese werden unter die Arien eingereihet und selbst in Unter-Varieta-ten weiter geschieden: und bei untren Kultur-Erzeugnissen werden noch manche andre Unterscheidung*-Stufen angenommen, wie wir bei den Tauben gesehen haben. Das Verhaltniss der

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Gruppen zu den Untergruppen ist dasselbe, wie das der Arten zu den Vsriet.'iten: es ist verwandte Abstammung mit verschiedenen Abänderung - Stufen. Bei Klassifikation der Varietäten werden fast die nämlichen Kegeln, wie bei den Arten befolgt. Manche Schriftsteller sind auf der Notwendigkeit bestanden, die Varietäten nach einein natürlichen statt künstlichen Systeme zu klassifiziren; wir sind z. B. so vorsichtig, nicht zwei Kiefer-Varietäten zusaminenzuordnen, weil bloss ihre Frucht, obgleich der wesentlichste Theil, zufällig nahezu übereinstimmt. Niemand stellt den Schwedischen mit -dem gemeinen Turnips oder Rübsen zusammen, obwohl deren verdickter essharer Stiel so ähnlich ist. Der beständigste Theil. welcher es immer seyn mag, wird zur Klassifikation der Varietäten benutzt: aber der grosse Landwirth Marshall sagt, die Hurner des Rindviehs seyen für diesen Zweck sehr nützlich, weil sie weniger als die Form oder Farbe des Körpers veränderlich seyen. wahrend sie bei eleu Schaafcn ihrer Veränderlichkeit wegen viel weniger brauchbar seyen. Ich stelle mir vor. dass. wenn man einen wirklichen Stammbaum hatte, eine genealogische Klassifikation der Varietäten allgemein vorgezogen werden würde, und einige Autoren haben in der Thal eine solche versucht. Denn, mag ihre Abänderung gross oder klein seyn, so werden wir uns doch überzeugt hallen, dass das Vererbungs-I'rinzip diejenigen Formen zusammenhalte, welche in den meisten Beziehungen mit einander verwandt sind. So werden alle 1'nrzcl-Tauben, obschon einige Unlervarietäten in der Länge des Schnabels weit von einander abweichen, doch durch die gemeinsame Sitte zu purzeln unter sich zusammengehalten, aber der kurzschnabelige Stock hat diese Gewohnheit beinahe abgelegt. Demungeachlel halt man diese l'urzler. ohne über die Sache nachzudenken oder zu urlheilen, in einer Gruppe beisammen, weil sie einander durch Abstammung verwandt und in manchen andern Beziehungen ahnlich sind. Liesse sich nachweisen, dass der lloltentotl vom Nag« abstammte, so würde man ihn, wie ich glaube, unter den Neger einreihen, wie weil er auch in Farbe und andern wichtigen Beziehungen davon verschieden seyn mag.

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Wa« dann die Arien in ihrem Natnr-Znstande betrifft, so bat jeder Naturforscher die Abstammung bei der Klassifikation niil in Betracht gezogen, indem er in seine unterste Gruppe die Spezies Dämlich, beide Geschlechter aufnahm* und wie ungeheuer diese zuweilen sogar in den wesentlichsten Charakteren von einander abweichen, ist jedem Naturforscher bekannt: so haben Männchen und Hermaphroditen gewisser Cirripedcn im reifen Aller kaum ein Merkmal mit einander gemein, und doch träumt niemand davon sie zu trennen. Der Naturforscher schliesst in eine Spezies die verschiedenen Larven-Zustande des nämlichen Individuums ein. wie weit dieselben auch unter sich und von dem erwachsenen Thiere verschieden seyn mögen . wie er auch die von Steenstbit sogenannten Wechsel-Generationen mit ein-hegreifl, die man nur in einem technischen Sinne noch als zum nämlichen Individuum gehörig betrachten kann. Er schliesst Missgeburten, er schliesst Varietäten mit ein, nicht allein weil sie der allerlichen Form nahezu gleichen, sondern weil sie von derselben abstammen. Wer glaubt, dass die grosse hellgelbe Schlüsselblume (Primula elatior) von der gewöhnlicheren kleinen und dunkelgelben (Pr. veris) abstamme, oder umgekehrt, stellt sie in eine Art zusammen und gibt eine gemeinsame Definition derselben. Sobald man wahrnahm, dass drei ehedem als eben so viele Sippen aufgeführte Orchideen-Formen (Monochanthus, Myanthtis und Calaselum) zuweilen an der nämlichen Blüthen - Ähre bei-sammensilzen, verband man sie unmittelbar zu einer einzigen Spezies.

Da die Abstammung bei Klassifikation der Individuen einer Art trotz der oft ausserordentlichen Verschiedenheit zwischen Männchen, Weibchen und Larven, allgemein maassgebend ist, und da dieselbe bei Klassifikation von Varietäten, welche ein gewisses und mitunter ansehnliches Maass von Abänderung erfahren haben, in Betracht gezogen wird: mag es dann nicht auch vorgekommen seyn, dass man das nämliche Element ganz unbe-wusst bei Zusammenstellung der Arien in Sippen und der Sippen in höhere Gruppen angewendet hat. obwohl hier die Unterschiede beträchtlicher sind und eine längere Zeit zu ihrer Ent-

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Wickelung bedurft haben ? Ich glaube, dass es allerdings so geschehen ist: und nur so vermag ich die verschiedenen Regeln und Vorschriften zu verstehen, welche von unsern besten Syste-matikern befolgt worden sind. Wir haben keine geschriebenen Stammbaume, sondern ermitteln die gemeinschaftliche Abstammung nur vermittelst der Ähnlichkeiten irgend weicher Art. Daher wählen wir Charaktere aus, die, so viel wir beurtlicilen können, durch die Beziehungen zu den äusseren Lebens-Bedingiingen, welchen jede Art in der laufenden Periode ausgesetzt gewesen ist, am wenigsten verändert worden sind. Rudimentäre Gebilde sind in dieser Hinsicht eben so gut und zuweilen noch besser. als andre. Mag ein Charakter noch so unwesentlich erscheinen, seye es ein eingehogner Unterkiefer-Rand, oder die Faltungs-Weise eines Insekten-Flügels, sey es das Haar- oder Fedcr-Ge-wand des Körpers: wenn sich derselbe durch viele und verschiedenartige Spezies erhall, durch solche zumal, welche sehr ungleiche Lebens-Weisen haben, so nimmt er einen hohen Werth an: denn wir können seine Anwesenheit in so vielerlei Formen und mit so rnanclifaltigen Lebcns-W'ciscn nur durch seine Br-erbung von einem gemeinsamen Stamm-Vater erklären. Wir können uns dabei hinsichtlich einzelner Punkte der Organisation irren: wenn aber verschiedene noch so unwesentliche Charaktere durch eine ganze grosse Gruppe von Wesen mit verschiedener Lebens-Weise gemeinschaftlich andauern, so werden wir nach der Theorie der Abstammung fest überzeugt seyn können, dass diese Gemeinschaft von Charakteren von einem gemeinsamen Vorfahren ererbt ist. Und wir wissen, dass solche in Wechselbeziehung zu einender vorkoi.....ende Charaktere bei der Klassifikation von grossem W'erthe sind. Es wird begreiflich, warum eine Art oder eine ganze Gruppe von Arten in einigen ihrer wesentlichsten Charaktere von ihren Verwandten abweichen und doch ganz wohl mit ihnen zusammen klassilizirl werden kann. .Man kann Diess getrost thun und hat es oll gelhan. so lange »1s noch eine genügende Anzahl von wenn auch unbedeutenden Charakteren das verborgene Band gemeinsamer Abstammung vernäh. Denn sogar, wenn zwei Formen nicht einen einzigen

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Charakter gemeinsam besitzen, aber diese extremen Formen noch durch eine Reihe vermittelnder Gruppen miteinander verkettet sind, dürfen wir noch auf eine gemeinsame Abstammung schlies-sen und sie alle zusammen in eine Klasse stellen. Da Charaktere von hoher physiologischer Wichtigkeit, solche die zur Erhaltung des Lebens unter den verschiedensten Existenz-Bedingungen dienen, gewöhnlich am bestandigsten sind, so legen wir ihnen grossen Werth bei; wenn aber diese Organe in einer andern Cruppe oder Gruppen - Abtheilung sehr abweichen. so schätzen wir sie hier auch bei der Klassifikation geringer. Wir werden hiernach, wie ich glaube, klar einsehen, warum embryonische Merkmale eine so hohe klassifikatorische Wichtigkeit besitzen. Die geographische Verbreitung mag bei der Klassifikation grosser und weit-verbreileter Sippen zuweilen mit Nutzen angewendet werden, weil alle Arten einer solchen Sippe, welche eine eigenlhümliche und abgesonderte Gegend bewohnen, höchst wahrscheinlich von gleichen Altern abstammen.

Aus diesem Gesichtspunkte wird es begreiflich, wie wesentlich es ist, zwischen wirklicher Verwandtschaft und analoger oder Anpassungs-Ähnlichkeit zu unterscheiden. Lamarck hat zuerst die Aufmerksamkeit auf diesen Unterschied gelenkt, und Macleay u. A. sind ihm darin glücklich gefolgt. Die Ähnlichkeit, welche zwischen dem Dugong, einem den Pachydcrmen verwandten Thiere. und den Walen in der Form des Korpers und der Bildung der vordem ruderlVirmigen Gliedmaassen, und jene, welche zwischen diesen beiderlei Thieren und den Fischen besteht, ist Analogie. Bei den Insekten finden sich unzahlige Beispiele dieser Art: daher Loire, durch äussern Anschein verleitet, wirklich ein homo-pteres Insekt unter die Motten gestellt hat. Wir sehen etwas Ähnliches auch bei unseren kultivirlen Pflanzen in den verdickten Stämmen des gemeinen und des Schwedischen Rulabaga-Turnips. Die Ähnlichkeil zwischen dem Windhund und dem Englischen Wettrenner ist schwerlich eine mehr eingebildete, als andre von einigen Autoren zwischen einander sehr entfernt stehenden Thieren aufgesuchte Analogien. Nach meiner Ansicht, dass Charaktere nur in so ferne von wesentlicher Wichtigkeit für die

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Klassifikation sind, als sie die gemeinsame Abstammung ausdrücken, lernen wir deutlicher einsehen, warum analoge oder Anpassungs-Charaktere, wenn auch vom höchsten Werthe für das Gedeihen der Wesen, doch für den Systematiker fast werthlos sind. Denn zwei Thiere von ganz verschiedener Abstammung können wohl ganz ahnlichen Lebens-Bedingungen angepasst und sich daher ausserlich sehr ahnlich seyn; aber solche Ähnlichkeiten verrathen keine Bluts-Verwandtschaft, sondern sind vielmehr geeignet, die wahren verwandtschaftlichen Beziehungen in Folge gemeinsamer Abstammung zu verbergen. Wir begreifen ferner das anscheinende Paradoxon, dass die nämlichen Charaktere analoge seyn können, wenn eine Klasse oder Ordnung mit der andern verglichen wird, aber für achte Verwandtschaft zeugen, woferne es sich um die Vergleichung von Gliedern der nämlichen Klasse oder Ordnung unter einander handelt. So beweisen Körper-Form und Huderfüsse der Wale nur eine Analogie mit den Fischen, indem solche in beiden Klassen nur eine Anpassung des Thieres zum Schwimmen im Wasser bezwecken; aber beiderlei Charaktere beweisen auch die nahe Verwandtschaft zwischen den Gliedern der Wal-Familie selbst: denn diese Wale sliaunen in so vielen grossen und kleinen Charakteren miteinander überein, dass wir nicht an der Ererbung ihrer allgemeinen Körper-Form und ihrer Ruderlüsse von einem gemeinsamen Vorfahren zweifeln können. Und eben so ist es mit den Fischen.

Da Glieder verschiedener Klassen oft durch zahlreich auf einander-folgende geringe Abänderungen einer i,ebens-Weise unter nahezu ahnlichen Verhaltnissen angepasst werden, um z. B. auf dem Boden, in der Luft oder im Wasser zu leben, so werden wir vielleicht verstellen, woher es kommt, dass man zuweilen einen Zahlen- l'arallelisinus zwischen Untergruppen verschiedener Klassen bemerkt hat. Ein Naturforscher kann unter dem F.indrucke, den dieser l'arallelisinus in einer Klasse auf ihn macht, demselben dadurch, dass er den Werth der Gruppen in andern Klassen etwas höher oder tiefer setzt (und alle unsre Er fahrung zeigt, dass Schätzungen dieser Art noch immer sehr willkürlich sind), leicht eine grosse Ausdehnung geben: und so

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sind wohl unsre sieben-, fünf-, vier- und dreigliedrigen Systeme entstanden.

Da die abgeänderten Nachkommen herrschender Arten grosser Sippen diejenigen Vorlage, welche die Gruppen, wozu sie gehören, gross und ihre Altern herrschend gemacht haben, zu vererben streben, so sind sie meistens sicher sich weit auszubreiten und mehr oder weniger Stellen im Haushalte der Natur einzunehmen. So streben die grossen und herrschenden Gruppen nach immer weilerer Vcrgrosserung und ersetzen demnach viele kleinere und schwächere Gruppen. So erklärt sich auch die Thatsache, dass alle erloschenen wie noch lebenden Organismen einige wenige grosse Ordnungen in noch wenigeren Klassen bilden, die alle in einem grossen Natur-Systeme enthalten sind. Um zu zeigen, wie wenige an Zahl die oberen Gruppen und wie weit- sie in der Welt verbreitet sind, ist die Thatsache zutreffend, dass die Entdeckung Neu-Hollaiiih nicht ein Insekt aus einer neuen Klasse geliefert hat, und dass im Pflanzen-Reiche, wie ich von Dr. Hooker vernehme, nur eine oder zwei kleine Ordnungen hinzugekommen sind.

Im Kapitel über die geologische Aufeinanderfolge habe ich nach dem Prinzip, dass im Allgemeinen jede Gruppe während des lang-dauernden Modifikations-'Prozesses in ihrem Charakter sehr auseinander gelaufen ist, zu zeigen mich bemühet, woher es kommt, dass die altem Lebenformen oft einigermaassen mittle Charaktere zwischen denen der jetzigen Gruppen darbieten. Einige wenige solcher alten und mittein Stamm-Formen, welche sich zuweilen in nur wenig abgeänderten Nachkommen bis zum heuligen Tage erhalten haben, geben zur Bildung unsrer sogenannten schwankenden oder aberranten Gruppen Veranlassung. Je abirrender eine Form ist, desto grösser muss die Zahl verkeilender Glieder seyn, welche gänzlich vertilgt worden und verloren gegangen sind. Auch dafür, dass die aberranten Formen sehr durch Erloschen gelitten, haben wir einige Belege; denn sie sind gewöhnlich nur durch einige wenige Arten vertreten, und auch diese Arten sind gewöhnlich sehr verschieden von einander, was gleichfalls auf Erlöschung hinweist. Die

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Sippen Omithorhynchus und Lcpidosiren l. B. würden nicht weniger aberranl seyn, wenn sie jede durch ein Dutzend statt nur eine oder zwei Arten vertreten waren; aber solcher Arten-Reichthum ist, wie ich nach mancherlei Nachforschungen finde, den aberranten Sippen gewöhnlich nicht zu Theil geworden. Wir können, glaube ich, diese Erscheinung nur erklären, indem wir die aberranten Formen als Gruppen betrachten, welche, im Kampfe mit siegreichen Mitbewerbern unterliegend, nur noch wenige Glieder in Folge eines ungewöhnlichen Zusammentreffens günstiger Umstände bis heute erhalten haben.

Hr. Wateriiodse hat bemerkt, dass, wenn ein Glied aus einer Thier-Gruppe Verwandtschaft mit einer sehr verschiedenen andern Gruppe zeigt, diese Verwandtschaft in den meisten Fallen eine Sippen- und nicht eine Art-Verwandtschaft ist. So ist nach Watkbhouse von allen Nagern die Viscasche* am nächsten mit den Beutelthieren verwandt; aber die Charaktere, worin sie sich den Marsupialcn am meisten nähert, haben eine allgemeine Beziehung zu den Beutelthieren und nicht zu dieser oder jener Art im Besondern. Da diese Verwandlschafts-Beziehungen der Viscasche zu den Beutelthieren für wesentliche gelten und nicht Folge blosser Anpassung sind, so rühren sie nach meiner Theorie von gemeinschaftlicher Ererbung her. Daher wir dann auch unterstellen müssen, entweder dass alle Nager einschliesslich der Viscasche von einem sehr alten Marsupialcn abgezweigt sind, der einen einigermaassen mittein Charakter zwischen denen aller jetzigen Beutelthiere besessen, oder dass sowohl Nager wie Beu-telthiere von einem gemeinsamen Stammvater herrühren und beide Gruppen durch starke Abänderung seitdem in verschiedenen Richtungen auseinander gegangen sind. Nach beiderlei Ansicht müssen wir annehmen, dass die Viscasche mehr von den erblichen Charakteren des alten Stammvaters an sich behalten habe, als sammtliche anderen Nager; und desshalb zeigt sie keine besonderen Beziehungen zu diesem oder jenem noch vorhandenen Beutler, sondern nur indirekte zu allen oder last allen Marsu-

~*ObLagostoinus oder UgMhnO oder beide pOttaU -&*> isl'"'* " sehen, doch kann »ich das oben Gesagte auf beide beliehen.               " l b».

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pialen überhaupt, indem sie sich einen Theil des Charakters des gemeinsamen Urvaters oder eines früheren Gliedes dieser Gruppe erhalten hat. Anderseits besitzt nach Waterhoisf. s Bemerkung unter allen Beutelthieren der Phascolomys am meisten Ähnlichkeit, nicht zu einer einzelnen Art, sondern zur ganzen Ordnung der Nager überhaupt. In diesem Falle jedoch ist sehr zu erwarten, dass die Ähnlichkeil nur eine Analogie scye, indem der Phasco-lomys sich einer Lebens-Weise anpasste, wie sie Nager besitzen. Der ältere DeCandollk hat ziemlieh ähnliche Bemerkungen hinsichtlich der allgemeinen Natur der Verwandtschaft zwischen den verschiedenen Pflanzen-Ordnungen gemacht.

Nach dein Prinzip der Vermehrung und der stillenweisen Divergenz des Charakters der von einem gemeinsamen Ahnen abstammenden Arten in Verbindung mit der erblichen Erhaltung eines Theiles des gemeinsamen Charakters erklären sich die ausserordentlich verwickelten und Strahlenförmig anseinander-geheii-den Verwandtschaften, wodurch alle Glieder einer Familie oder höheren Gruppe miteinander verkettet werden. Denn der gemeinsame Stammvater einer ganzen Familie von Arten, welche jetzt durch Erlöschung in verschiedene Gruppen und Untergruppen gespalten ist, wird einige seiner Charaktere in verschiedener Art und Abstufung modilizirt allen gemeinsam mitgetheilt haben. und die verschiedenen Arten werden demnach nur durch Ver-wandtschafts-Linien von verschiedener Länge miteinander verbunden seyn, welche in weit älteren Vorgängern ihren Ver-einigungs - Punkt linden, wie es das frühere Bild S. 115 darstellt. Wie es schwer ist, die Blutsverwandtschaft zwischen den zahlreichen Angehörigen einer alten adeligen Familie sogar mit Hilfe eines Stamnihaums zu zeigen, und fast unmöglich es ohne dieses Hilfsmittel zu thun, so begreift man auch die manchlaltigen Schwierigkeiten, auf welche Naturforscher, ohne die Hilfe einer bildlichen Skizze, Blossen, wenn sie die verschiedenen Verwandtschafts-Beziehungen zwischen den vielen lebenden und erloschenen Gliedern einer grossen natürlichen Klasse nachweisen wollen. Erlöschen hat, wie wir im vierten Kapitel gesehen, einen grossen Anlheil an der Bildung und Erweiterung der Lücken

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zwischen den verschiedenen Gruppen in jeder Klasse. Wir können Diess eben so wie die Trennung ganzer Klassen von einander, wie z. B. die der Vogel von allen andern Wirhelthieren, durch die Annahme erklaren, dass viele alte Lebenformen ganz ausgegangen sind, durch welche die ersten Stammüttern der Vogel vordem mit den ersten Stammültern der übrigen Wirbel-thier-Klassen verkettet gewesen. Dagegen sind nur wenige solche Lebenformen erloschen, welche einst die Fische mit den Batra-cliiern verbanden. In noch geringerem Grade ist Diess in einigen andern Klassen, wie z. B. bei den Krustern der Fall gewesen, wo die wundersamst verschiedenen Formen noch durch eine lange aber unterbrochene Verwandlschalls-Ketle zusammengehalten werden. Erlöschung hat die Gruppen nur gelrennt, nicht gemacht. Denn wenn alle Formen, welche jemals auf dieser Erde gelebt haben, plötzlich wieder erscheinen könnten, so wurde es ganz unmöglich seyn, die Gruppen durch Definitionen von einander zu unterscheiden, weil alle durch eben so feine Abstufungen, wie die zwischen den geringsten lebenden Varietäten sind, in einander übergehen würden; demungeachtet würde eine natürliche Klassifikation oder wenigstens eine natürliche Anordnung möglich seyn. Wir können Diess ersehen, indem wir unser Bild (S. 115) umwenden. Nehmen wir an, die Buchstaben A bis L stellen 11 sibirische Sippen dar, wovon einige grosse Gruppen abgeänderter Nachkommen hinterlassen. Jedes Mittelglied zwischen diesen 11 Sippen und deren Urvater so wie jedes Mittelglied in allen Asten und Zweigen ihrer Nachkommenschaft seyc noch am Leben, und diese Glieder seyen so fein, wie die zwischen den feinsten Varietäten abgestuft. In diesem Falle würde es ganz unmöglich seyn, die vielfachen Glieder der verschiedenen Gruppen von ihren mehr unmittelbaren Altern oder diese Allern von ihren alten unbekannten Stammvätern durch Definitionen zu unterscheiden, lud doch würde die in dein Bilde gegebene natürliche Anordnung ganz gut passen und würden nach dem Vererbungs-Prinzip alle von A so wie alle von I herkommenden Formen unter sich etwas gemein haben. An einem Baume kann man diesen und jenen Zweig unterscheiden, obwohl sich beide

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in einer Gabel vereinigen und in einander Blessen. Wir könnten, wie gesagt, die verschiedenen Gruppen nicht deliniren: aber wir könnten Typen oder solche Formen hervorheben, welche die meisten Charaktere jeder Gruppe, gross oder klein, in sich vereinigten, und so eine allgemeine Vorstellung vom Werthe der Verschiedenheiten /.wischen denselben geben. Diess wäre, was wir lliun müssten, wenn wir je dahin gelangten, alle Formen einer Klasse, die in Zeil und Kaum vorhanden gewesen sind, zusammen zu bringen. Wir werden zwar gewiss nie im Stande seyn, eine solche Sammlung zu machen, dcmungeachtet aber bei gewissen Klassen in die Lage kommen, jene .Methode zu versuchen: und Milde Edwards ist noch unlängst in einer vortrefflichen Abhandlung auf der grossen Wichtigkeit bestanden, sich' an Typen zu ballen, gleichviel ob wir im Stande sind oder nicht, die Gruppen zu trennen und zu umschreiben, zu welchen diese Typen gehören.

Endlieh haben wir gesehen, dass Natürliche Züchtung, welche aus dem Kample ums Daseyn hervorgeht und mit Erlöschung und mit Divergenz des Charakters in den vielen Nachkommen einer herrschenden Stamm-Art last untrennbar verbunden ist, jene grossen und allgemeinen Züge in der Verwandtschaft aller Organischen Wesen und namentlich ihre Sonderung in Gruppen und Untergruppen erklärt. Wir benützen das Element der Abstammung bei Klassifikation der Individuen beider Geschlechter und aller Alters-Abstufungen in einer Art, wenn sie auch nur wenige Charaktere miteinander gemein haben: wir benutzen die Abstammung bei der Einordnung anerkannter Varietäten, wie sehr sie auch von ihrer Stamm-Art abweichen mögen: und ich glaube, dass dieses Element der Abstammung das geheime Band ist, welches alle Naturforscher unter dem Namen des natürlichen Syslemes gesucht haben. Da nach dieser Vorstellung das natürliche System, so weit es ausgeführt werden kann, genealogisch geordnet ist und es die Versclüedenheits-Stufen zwischen den Nachkommen gemeinsamer Altern durch die Ausdrücke Sippen, Familien, Ordnungen u. s. w. bezeichnnt, so begreifen wir die Regeln, welche wir bei unsrer Klassifikation zu befolgen veran-

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lassl sind. Wir begreifen, warum wir manche Ähnlichkeil weil hoher als andre zu werlhen haben; warum wir mitunter rudimentäre oder nulzlose oder andre physiologisch unbedeutende Organe anwenden dürfen; warum wir bei Vergleichung der einen mit der andern Gruppe analoge oder Anpassungs-Charaktere verwerfen . obwohl wir dieselben innerhalb der nämlichen Gruppe gebrauchen. Es wird uns klar, warum wir alle lebenden und erloschenen Formen in ein grosses System zusammen ordnen können, und warum die verschiedenen Glieder jeder Klasse in der verwickelleslen und nach allen Richtungen verzweigten Weise miteinander verkette! sind. Wir werden wahrscheinlich niemals das verwickelte Verwandtschafts-Gewebe zwischen den Gliedern einer Klasse entwirren; wenn wir jedoch einen einzelnen Gegenstand ins Auge fassen und nicht nach irgend einem unbekannten Schopfungs-Plane ausschauen, so dürfen wir hoffen, sichere aber langsame Fortschritte zu machen.

Morphologie.) Wir haben gesehen, dass die Glieder einer Klasse, unabhängig von ihrer Lebens-Weise, einander im allgemeinen Plane ihrer Organisation gleichen. Diese Uberoin-slimmung wird oft mit dem Ausdrucke «Einheit des Typus« bezeichnet; oder man sagl, die verschiedenen Theile und Organe der verschiedenen Spezies einer Klasse seyen einander homolog. Der ganze Gegenstand wird unter dem Namen Morphologie zusammen begriffen. Diess ist der interessanteste Theil der Naturgeschichte und kann deren wahre Seele genannt werden. \\ as kann es sonderbareres geben, als dass die Greifhand des Menschen, der Grablüss des Maulwurfs, das Uennhein des Pferdes, die liuderflosse der Seeschildkröte und der Flügel der Fledermaus nach demselben Model gearbeitet sind und gleiche Knochen in der nämlichen gegenseitigen Lage enthalten. Geoffkoy Saini-Hii.aihe hat beharrlich an der grossen Wichtigkeit der wechselseiligen Verbindung der Theile in homologen Organen festgehalten; die Theile mögen in fast allen Abstufungen der Form und Grösse "handern, aber sie bleiben fest in derselben Weise miteinander verbunden. So finden wir /.. B. die Knochen des Ober- und des Vorder-Arms oder des Ober- und Unter-Schenkels nie aus ihrer

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Verbindung gerissen. Daher kann man dem homologen Knochen in weit verschiedenen Thieren denselben Manien geben. Dasselbe grosse Gesetz tritt in der Mund-Bildung der Insekten hervor. Was kann verschiedener seyn, als die unermesslich lange spirale Sangrohre eines Abend-Schmetterlings, der sonderbar zurückgebrochene Bussel einer Wanze und die grossen Hurner eines Hirschkäfers? Und doch werden alle diese zu so ungleichen Zwecken dienenden Organe durch unendlich zahlreiche Modifikationen der Überlippe, der Kinnbacken und zweier Paare Kinnladen gebildet. Analoge Gesetze herrschen in der Zusammensetzung des Mundes und der Glieder der Kruster. Und eben so ist es mit den Bliithen der Pflanzen.

Nichts hat weniger Aussicht auf Erfolg, als ein Versuch diese Ähnlichkeit des Bau-Planes in den Gliedern einer Klasse mit Hilfe der Nützlichkeits-Theorie oder der Lehre von den endlichen Ursachen zu erklaren. Die Hoffnungslosigkeit eines solchen Versuches ist von Owen in seinem äusserst interessanten Werke »Nature of limbs« ausdrücklich anerkannt worden. Nach der gewöhnlichen Ansicht von der selbststiindigen Schöpfung einer jeden Spezies lasst sich nur sagen, dass es so ist, und dass es dem Schöpfer gefallen hat jedes Thier und jede Pflanze so zu machen.

Dagegen ist die Erklärung handgreiflich nach der Theorie der Natürlichen Züchtung durch Häufung aufeinanderfolgender geringer Abänderungen, deren jede der abgeänderten Form eini-germaassen nützlich ist. welche aber in Folge der Wechselbeziehungen des Wachsthums oll auch andre Theile der Organisation mit berühren. Bei Abänderungen dieser Art wird sich nur wenig oder gar keine Neigung zu Änderung des ursprünglichen Bau-Plans oder zu Versetzung der Theile zeigen. Die Knochen eines Beines kennen in jeder Grosse verlängert oder verkürzt, sie können stufenweise in dicke Haute eingehüllt werden, um ein Ruder zu bilden; oder ein mit einer Binde-Haut zwischen den Zehen versehener Fuss (Schwimmfuss) kann alle seine Knochen oder gewisse Knochen bis zu irgend einem Maasse verlängern und die Binde-Haut in gleichem Verhaltniss vergrossern,

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so dass er als Flügel zu dienen im Stande ist: und doch ist ungeachtet aller so bedeutender Abänderungen keine Neigung zu einer Änderung der Knochen-Bestandtheile an sich oder zu einer andern Zusaniiuenlügung derselben vorhanden. Wenn wir unterstellen, dass der alte Stammvater oder l'rtypus, wie man ihn nennen kann, aller Saugthiere seine Heine, zu welchem Zwecke sie auch bestimmt gewesen seyn mögen, nach dem vorhandenen allgemeinen Plane gebildet hatte, so werden wir sofort die klare Bedeutung der homologen Bildung der Beine in der ganzen hlasse begreifen. Wenn wir ferner hinsichtlich des Mundes der Insekten einlach unterstellen, dass ihr gemeinsamer Stammvater eine Überlippe, Kinnbacken und zwei Paar Unterkiefer vielleicht von sehr einlacher Form besessen, so wird Natürliche Züchtung aul" irgend eine ursprünglich erschaffene Form wirkend vollkommen zur Erklärung der unendlichen Verschiedenheit in den Bildungen und Verrichtungen des Mundes der Insekten genügen Demun-geaehtel ist es begreiflich, dass das ursprünglich gemeinsame Muster eines Organes allmählich ganz verloren gehen kann, seye es durch Atrophie und endliche vollständige Resorption gewisser Bestandteile, oder durch Verwachsung einiger Theile, oder durch Verdoppelung oder Vervielfältigung andrer: Abänderungen, die nach unsrer Erfahrung alle in den Grenzen der Möglichkeit liegen. Nur in den Ruderfiissen gewisser ausgestorbner Kidechsen (Ichthyosaurus) und in den Theilen des Saugmundes gewisser Kruster scheint der gemeinsame Grandplan bis zu einem gewissen Grade verwischt zu seyn.

Ein andrer Zweig der Morphologie beschäftigt sich mit der Vergleichung, nicht des nämlichen Theilcs in verschiedenen Gliedern einer Klasse, sondern der verschiedenen Theile oder Organe eines nämlichen Individuums. Die meisten Physiologen glauben, dass die Knochen des Schädels homolog* — d. h. in Zahl und beziehungsweiser Lage übereinstimmend — seyen mit

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Indiv.....ums miteinander »»h.-n wir den \us,lru,k „homonym" ngewendel,

indem wir Homologien nur bei Vergleichang T«W<-niedem-r Tliirr Arten annehmen (.Morphologische Studien S. 410).                              ° Ubs,

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den Knochen - Elementen einer gewissen Anzahl Wirbel. Die vorderen und die hinteren Gliedmaassen eines jeden Thieres in den Kreisen der Wirbel- und der Kerb-Thiore sind offenbar homolog zu einander. Dasselbe Gesetz bewahrt sich auch bei Vergleichuno; der wunderbar zusaminengesclzlen Kinnladen mit den Beinen der Kruster. Fast Jedermann weiss, dass in einer Blume die gegenseitige Stellung der Kelch- und der Kronen-Blatter und der Staubfaden und Staubwege zu einander eben so wie deren innere Struktur aus der Annahme erklärbar werden, dass es melamorphosirte spiralständige Blätter seyen. Bei monströsen Pflanzen sehen wir nicht selten den direkten Beweis von der Möglichkeit der Umbildung eines dieser Organe ins andere. Auch bei embryonischen Krustazeen u. a. Thieren erkennen wir so wie bei den Blüthen. dass Organe, die im reifen Zustande äusserst verschieden von einander sind, auf ihren ersten Entwicke-lungs-Stufcn einander ausserordentlich gleichen.

Wie unerklärhar sind diese Erscheinungen nach der gewöhnlichen Ansicht von der Schöpfung! Warum ist doch das Gehirn in einen aus so vielen und so aussergewöhnlich geordneten Knochen-Stücken zusammengesetzten Kasten eingeschlossen! Wie Owen bemerkt, kann der Vortheil, welcher aus einer der Trennung der Theile entsprechenden Nachgiebigkeit des Schädels für den Geburls-Akt bei den Säugthieren entspringt, keinenfalls die nämliche Bildungs-Weise desselben bei den Vögeln erklären. Oder warum sind den Fledermäusen dieselben Knochen wie den übrigen Säugthieren zu Bildung ihrer Flügel anerschaffen worden, da sie dieselben doch zu gänzlich verschiedenen Zwecken gebrauchen ? Und warum haben Knuter mit einem aus zahlreicheren Organen-Paaren zusammengesetzten Munde in gleichem Verhältnisse weniger Beine, oder umgekehrt die mit mehr Beinen versehenen weniger Mund-Theile ? Endlich, warum sind die Kelch-und Kronen-Blätter, die Staubgefässe und Staubwege einer Bluthe, trotz ihrer Bestimmung zu so gänzlich verschiedenen Zwecken, alle nach demselben Muster gebildet?

Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung können wir alle diese Fragen genügend beantworten. Bei den Wirbelthieren

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sehen wir eine Reihe innerer Wirbel gewisse Fortsätze und Anhange entwickeln; bei den Kerbthieren ist der Körper in eine Reihe Segmente mit äusseren Anhangen geschieden: und bei den Pflanzen sehen wir die Blatter auf eine Anzahl über einander folgender Umgänge einer Spirale regelmässig verlheilt. Eine unbegrenzte Wiederholung desselben Theiles oder Organes ist, wie Owen bemerkt hat, das gemeinsame Attribut aller niedrig oder wenig modifizirten Formen*; daher wir leicht annehmen können, der unbekannte Stammvater aller Wirbelthiere habe viele Wirbel besessen, der aller Kerbthiere viele Korper-Seg-, mimte und der der Blüthen-Pflanzcn viele Blatt-Spiralen. Wir haben ferner gesehen, dass Theile, die sich oft wiederholen, sehr geneigt sind, in Zahl und Struktur zu variiren: daher es ganz wahrscheinlich ist, dass Natürliche Züchtung mittelst lange fortgesetzter Abänderung eine gewisse Anzahl der sich oft wiederholenden ähnlichen Bcslandtheile des Skelettes ganz verschiedenen Bestimmungen angepasst habe. Und da das ganze Maass der Abänderung nur in unmerklichen Abstufungen bewirkt worden, so dürfen wir uns nicht wundern, in solchen Theilen oder Organen noch einen gewissen Grad fundamentaler Ähnlichkeit nach dem strengen Erblichkcits-I'rinzip zurückbehalten zu finden.

In der grossen Klasse der Mollusken lassen'sich zwar Homologien zwischen Theilen verschiedener Spezies, aber nur wenige Reihen - Homologie'n nachweisen, d. h. wir sind selten im Stande zu sagen, dass ein Theil oder Organ mit einem andern im nämlichen Individuum homolog seye. Diess lässt sich wohl erklären, weil wir nicht einmal bei den untersten Gliedern des Weichthier-Kreises solche unbegrenzte Wiederholung einzelner Theile wie in den übrigen grossen Klassen des Thier- und Pflanzen-Reiches finden.

Die Naturforscher stellen die Schädel oft als eine "Reihe me-tamorphosirter Wirbel, die Kinnladen der Krabben als metamor-phosirle Beine, die Slaubgelässe und Staubwege der Blumen als inctamorphosirte Blätter dar; doch würde es, wie Prof. Hixley

* Diese und verwandle Fragen sind in unsern Morphologischen Sludicn viel erschöpfender entwickelt worden, als von Ow»».                  " l'1»-

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bemerkt bat, wahrscheinlich richtiger seyn zu sagen, Schädel wie Wirbel, Kinnladen wie Beine u. s. w. seyen nicht eines HU

dl.....indem, sondern beide aus einem gemeinsamen Elemente

entstanden. Inzwischen gebrauchen die Naturforscher jenen Ausdruck nur in bildlicher Weise, indem sie weit von der Meinung entfernt sind, dass I'rimordial-Ürgane irgend welcher Art — Wirbel im einen und Beine im andern Falle — wahrend einer langen Keihe von Generationen wirklich in Schädel und Kinnladen umgebildet worden seyen. Und doch ist der Anschein, dass eine derartige Modifikation stattgefunden habe, so vollkommen, dass dieselben Naturforscher schwer vermeiden können, eine diesem letzten Sinne entsprechende Ausdrucks-Weise zu gebrauchen. Nach meiner eignen Anschauungs-Weise aber sind jene Ausdrücke in der Thal nur wörtlich zu nehmen, um die wunderbare Erscheinung zu erklaren, dass die Kinnladen z. B. eines Krabben zahlreiche Merkmale an sich tragen, welche dieselben wahrscheinlich geerbt haben inüssteii, soferne sie wirklich wahrend einer langen Generationen-Keihe durch allmähliche Metamorphose aus Beinen oder sonstigen einlachen Anhangen entstanden waren. Embryologie). Es ist schon gelegentlich bemerkt worden, dass gewisse Organe, welche im reifen Alter der Thiere sehr verschieden gebildet und zu ganz abweichenden Diensten bestimmt sind, sieh im Embryo ganz ahnlich sehen. Eben so sind die Embryonen verschiedener Thiere derselben Klasse einander oft sehr ähnlich, wofür sich ein besserer Beweis nicht anführen lasst, als die Versicherung von Baer's, die Embryonen von Säugthieren, Vögeln, Eidechsen. Schlangen und wahrscheinlich auch Schildkröten seien sich in der ersten Zeit im Ganzen sowohl als in der Bildung ihrer einzelnen Theile so ahnlich, dass man sie nur an ihrer Grosse unterscheiden könne. Ich besitze zwei Embfyonen in Weingeist aufbewahrt, deren Namen ich beizuschreiben vergessen habe, und nun bin ich ganz ausser Stand zu sagen, zu welcher Klasse sie gehören. Es können Eidechsen oder kleine Vogel oder sehr junge Säugthiere seyn. so vollständig ist die Ähnlichkeit in der Bildungs- Weise von Kopf und Rumpf dieser Thiere, und die Extremitäten fehlen noch. Aber

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auch wenn sie vorhanden wären, so würden sie auf ihrer ersten Entwickeliings-Stufe nichts beweisen; denn die Beine der Eidechsen und Säuglhiere, die Flüge! und Beine der Vogel nicht weniger als die Hände und Füsse des Menschen: alle entspringen aus der nämlichen Grundform. — Die Wurm - förmigen Larven der Motten, Fliegen, Kflfer D. s. w. gleichen einander viel mehr, als die reifen Insekten. In den Larven verräth sich noch die Einförmigkeit des Embryo's; das reife Insekt ist den speziellen Lebens-Bedingungen angepasst. Zuweilen gehl eine Spur der embryonischen Ähnlichkeit noch in ein spätres Alter über; so gleichen Vogel derselben Sippe oder nahe verwandter Genera einander oft in ihrem ersten und zweiten Jugend - Kleide: alle Drosseln z. B. in ihrem gefleckten Gefieder. In der Katzen-Familie sind die meisten Arten gestreift oder streifenweise gefleckt: und solche Streifen sind auch noch am neu-gebornen Jungen des Löwen vorbanden. Wir sehen zuweilen, aber selten, auch etwas der Art bei Pflanzen. So sind die Embryonal-Blätter des Ulex und die ersten Blätter der neuholländischen Aracien. welche spater nur noch I'hyllodien hervorbringen, zusammengesetzt oder gefiedert, wie die gewöhnlichen Leguminosen-Blätter. Diejenigen Punkte der Organisation, worin die Embryonen ganz verschiedener Thiere einer und derselben Klasse sich gegenseitig gleichen, haben oll keine unmittelbare Beziehung zu ihren Existenz-Bedingungen. Wir können z. B. nicht annehmen, dass in den Embryonen der Wirbelthiere der eigenthündiche Schleifen-artige Verlauf der Arlerien nächst den Kiemen-Schlitzen des Halses mit der Ähnlichkeit der Lehens-Bedingungen in Zusammenhang siehe im jungen Säugthiere, das im Mutterleibe ernährt wird, wie im Vogel, welcher dem Eic entschlüpft, und im Frosche, der sich im Laiche unter Wasser entwickelt. Mir haben nicht mehr Grund, an einen solchen Zusammenhang zu glauben, als anzunehmen , dass die Übereinstimmung der Knochen in der Hand des Menschen, im Fitigel einer Fledermaus und im lludcilusse einer Schildkröte mit einer I''bereinstinimung der äussern Lebens-Bedingungen in Verbindung stehe. Niemand denkt, dass die Streifen an dem jungen Löwen oder die Flecken an der

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jungen Schwarzdrossel (Amsel) diesen Thieren nützen oder mit den Lebens-Bedingungen im Zusammenhang Stehen, welchen sie ausgesetzt sind.

Anders verhalt sich jedoch die Sache, wenn ein Thier wahrend eines Theiles seiner Embryo-Laufbahn Ihätig ist und für sich selbst zu sorgen hat. Hie Periode dieser Thatigkeit kann früher oder kann später im Leben kommen; doch, wann immer sie kommen mag, die Anpassung der Larve an ihre Lebens - Itedin-dnngen ist ehen so vollkommen und schon, wie die des reifen Thieres an die seinige. Durch derartige eigentümliche Anpassungen wird dann auch zuweilen die Ähnlichkeit der thatigen Larven oder Embryonen einander verwandter Thiere schon sehr verdunkelt; und es Hessen sich Beispiele anführen, wo die Larven zweier Arten und sogar Arten-Gruppen eben so sehr oder noch mehr von einander verschieden sind, als ihre reifen Altern. In den meisten Fallen jedoch gehorchen auch die thäligen Larven noch mehr und weniger dem Gesetze der embryonalen Ähnlichkeit. Die Cirripeden liefern einen guten Beleg dafür: selbst der berühmte Cuvier erkannte nicht, dass dieselben Kruster seyen; aber schon ein Blick auf ihre Larven verräth Diess in unverkennbarer Weise. Und ebenso haben die zwei Haiipl-Abtheilungen der Cirripeden, die gestielten und die sitzenden, welche in ihrem äusseren Ansehen so sehr von einander abweichen, Larven, die in allen, ihren Entwickelungs-Stufcn kaum unterscheidbar sind.

Wahrend des Verlaufes seiner Entwicklung steigt der Embryo gewöhnlich in der Organisation: ich gebrauche diesen Ausdruck, obwohl ich weiss, dass es kaum möglich ist, genau anzugeben, was unter höherer oder tieferer Organisation zu verstehen seye. Niemand wird wohl bestreiten, dass der Schmetterling höher organisirt seye als die Baupe. In einigen Fallen jedoch, wie bei parasitischen Krustern, sieht man allgemein das reife Thier für tiefer-stehend als die Larve an. Ich beziehe mich wieder auf die Cirripeden. Auf ihrer ersten Stufe hat die Larve drei Paar Füsse, ein sehr einfaches Auge und einen Rüssel-formigen Mund, womit sie reichliche Nahrung aufnimmt; denn sie wächst schnell an Grösse zu. Auf der zweiten Stufe, dem

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Raupen - Stande des Schmetterlings entsprechend, hat sie sechs Paar schon gebauter Schwimmfüsse, ein Paar herrlich zusammengesetzter Augen und äusserst zusammengesetzte Fühler, aber einen geschlossenen Mund, der keine Nahrung aufnehmen kann: ihre Verrichtung auf dieser Stufe ist, einen zur Befestigung und zur letzten Metamorphose geeigneten Platz mittelst ihres wohl-entwickel-ten Sinnes-Organes zu suchen und mit ihren mächtigen Schwiinm-Werkzeiigen zu erreichen. Wenn diese Aufgabe erfüllt ist, so bleibt das TW« lebenslänglich an seiner Stelle befestigt; seine Beine verwandeln sich in Greif-Organe; es bildet sich ein wohl zusammengesetzter Mund aus: aber es hat keine Fühler, und seine beiden Augen haben sich jetzt wieder in einen kleinen und ganz einlachen Augenfleck verwandelt. In diesem letzten und vollständigen Zustande kann man die Cirripeden als hoher oder als tiefer organisirt betrachten, als sie im Larven-Stande gewesen sind. In einigen ihrer Sippen jedoch entwickeln sich die Larven entweder zu Hermaphroditen von der gewöhnlichen Bildung, oder zu (von mir so genannten) komplementären Männchen : und in diesen letzten ist die Kntwickelung gewiss zurück-geschrilten. denn sie bestehen in einem blossen Sack mit kurzer Lebens-Frist, ohne Mund, Magen oder andres wichtiges Organ, das der Reproduktion ausgenommen.

Wir sind so sehr gewöhnt, Struktur-Verschiedenheiten zwischen Embryonen und erwachsenen Organismen zu sehen und ebenso eine grosse Ähnlichkeit zwischen den Embryonen weit verschiedener Thiere derselben Klasse zu linden, dass man sich versucht fühlt, diese Erscheinungen als nothwendig in gewisser Weise zusammentreffend mit der Entwickelung zu betrachten. Inzwischen ist doch kein Grund einzusehen, warum der Plan i. B. zum Flügel der Fledermaus oder zum Ruder der Sceschild-krote nach allen ihren Theilen in angemessener Proportion nicht schon im Embryo entworfen wurden seyn soll, sobald nur irgend eine Struktur in demselben sichtbar wurde. Lud in einigen ganzen Thicr- Gruppen sowohl als in gewissen Gliedern andrer Gruppen weicht der Embryo zu keiner Zeit seines Lebens weit vom Erwachsenen ab; - daher Oma in Bezug auf die Sepien be-

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merkt hal: «da ist keine Metamorphose: der Cephalopoden - Charakter ist deutlich schon weit früher als die Theile des Embryo's vollständig sind«, und in Bezug auf die Spinnen: »da ist nichts, was die Benennung Metamorphose verdiente«. Die Insekten-Larven, mögen sie nun thiitig und den verschiedenartigsten Diensten angepasst oder unthiitig von ihren Altem gefüttert oder mitten in die ihnen angemessene Nahrung hineingesetzt werden, so haben doch alle eine ähnliche wurmlorinige Entwiche* lungs-Stufe zu durchlaufen: nur in einigen wenigen Fallen ist, wie bei Aphis nach den herrlichen Zeichnungen Hixley's zu ur-theilen, keine Spur eines wurniformigen Zustandes zu finden*.

Wie sind aber dann diese verschiedenen Erscheinungen der Embryologie zu erklaren ? — namentlich die sehr gewöhnliche wenn auch nicht allgemeine Verschiedenheit der Organisation des Embryo's und des Erwachsenen? — die ausserordentlich weit auseinanderlaufende Bildung und Verrichtung von anfangs ganz ähnlichen Theilen eines und desselben Embryos ? — die fast allgemeine obschon nicht ausnahmslose Ähnlichkeit zwischen Embryonen verschiedener Spezies einer Klasse? - die besondre Anpassung der Struktur des Embryos an seine Existenz - Bedingungen bloss in dem Falle, dass er zu irgend einer Zeit thiitig ist und für sich selbst zu sorgen hat ? — die zuweilen anseheinend höhere Organisation des Embryo's, als des reifen Thieres, in welches er übergeht? Ich glaube, dass sich alle diese Erscheinungen auf folgende Weise aus der Annahme einer Abstammung mit Abänderung erklaren lassen.

Gewohnlich unterstellt man, vielleicht weil Monstrositäten sich olt schon sehr früh am Embryo zu zeigen beginnen, dass geringe Abänderungen nothwendig in einer gleichmassig frühen Periode des Embryos zum Vorschein kommen. Doch haben wir dafür wenig Beweise, und der Anschein spricht sogar für das Gegen-theil: denn es ist bekannt, dass die Züchter von Rindern, Pferden und verschiedenen Thieren der Liebhaberei erst eine ge-

" Ich denke, dass Diess bei allen Insecla amelabola ohne unlhäligen Zusland der Kali ist V                                                         D. ()bs.

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wisse Zeit nach der Geburl des jungen Thieres zu sagen im Bünde sind, welche Form oder Vorzüge es schliesslich zeigen wird. Wir sehen Diess deutlich bei unsern Kindern: wir können nicht immer sagen, ob die Kinder von schlanker oder gedrungener Figur seyn oder wie sonst genau aussehen werden. Die Frage ist nicht: in welcher Lebens-I'eriode eine Abänderung verursacht, sondern in welcher sie vollkommen entwickelt seyn wird. Die Ursache kann schon gewirkt haben und hat nach meiner Meinung gewöhnlich gewirkt, ehe sich der Embryo gebildet hat: und die Abänderung kann davon herkommen, dass das mannliche oder das weibliche Element durch die Lebens - Bedingungen berülirl worden ist, welchen die Altern oder deren Vorganger ausgesetzt gewesen sind. Demungeachlot kann die so in sehr früher Zeil und selbst vor der Bildung des Embryos veranlasste Wirkung erst spat im Leben hervortreten , wie z. B. auch eine erbliche Krankheit, die dem Alter angehört, von dem reproduktiven Elemente eines der Allern auf die Nachkommen übertragen, oder die Hörner-Forin eines Blendlings aus einer lang- und einer kurzhornigen Hasse von den Hörnern der beiden Altern beding! wird. Für das Wohl eines sehr jungen Thieres, so lange es noch im Mutterleibe oder im Ei eingeschlossen ist oder von seinen Altem genährt und geschützt wird, muss es hinsichtlich der meisten Charaktere ganz unwesentlich seyn, ob es dieselben etwas früher oder spater im Leben erlangt. Es würde z. B. für einen Vogel, der sieh sein Futter am besten mit einem langen Schnabel verschaffte, gleichgültig seyn, ob er die entsprechende Schnabel-Lange schon bekommt, so lange er noch von seinen Altern gefuttert wird, oder nicht. Daher, schliesse ich, ist es ganz möglich, dass jede der vielen nacheinander-folgenden Modifikationen) wodurch eine Art ihre gegenwartige Bildung erlangt hat. in einer nicht sehr frohen Lebens-Zeit eingetreten seye; und einige direkte Belege von unseren Haussieren unterstützen diese Ansicht. In anderen Fallen aber ist es ebenso möglich, dass alle oder die meisten dieser Umbildungen in einer sehr frühen Zeit hervorgetreten sind.

Ich habe im ersten Kapitel behauptet, dass einige Wahr-

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scheinlichkeit vorhanden ist, dass eine Abänderung, die in irgend welcher Lebens-Zeil der Altern zum Vorschein gekommen, sich auch in gleichem Aller wieder beim Jungen zeige. Gewisse Abänderungen können nur in sich entsprechenden Altern wieder erscheinen, wie z. B. die Eigenlhümlichkeilen der Raupe oder der Puppe des Seidenschmetterlings, oder der Hörner des fast ausgewachsenen Rindes. Aber auch ausserdem möchten, soviel zu ersehen, Abänderungen, welche einmal früher oder spater im Leben eingetreten sind, zum Wiedererscheinen im entsprechenden Aller des Nachkommen geneigt seyn. Ich bin weit entfernt zu glauben, dass Diess unabänderlich der Fall ist, und kiinnte selbst eine gute Anzahl von Beispielen anführen, wo Abänderungen (im weitesten Sinne des Wortes genommen) im Kinde früher als in den Altern eingetreten sind.

Diese zwei Prinzipien, ihre Richtigkeit zugestanden, werden alle oben aufgezahlten Haupt-Erscheinungen in der Embryologie erklären. Doch, sehen wir uns zuerst nach einigen analogen Fällen bei unseren Hausthier-Varietäten um. Einige Autoren, die über den Hund geschrieben, behaupten der Windhund und der Bullenbeisser seyen, wenn auch noch so verschieden von Aussehen, in der Thal sehr nahe verwandte Varietäten, wahrscheinlich vom nämlichen wilden Stamme entsprossen. Ich war daher begierig zu erfahren, wie weit ihre neu-geworfenen Jungen von einander abweichen. Züchter sagten mir, dass sie beinahe eben so verschieden seyen, wie ihre Altern; und nach dem Augenschein war Diess auch ziemlich der Fall. Aber bei wirklicher Ausmessung der alten Hunde und der 6 Tage alten Jungen, fand ich, dass diese letzten noch nicht ganz die abweichenden Maass - Verhältnisse angenommen hatten. Eben so vernahm ich. dass die Füllen des Karren- und des Renn Pferdes eben so sehr wie die ausgewachsenen Thiere von einander abweichen, was mich hochlich wunderte, da es mir wahrscheinlich gewesen, dass die Verschiedenheit zwischen diesen zweiRassen lediglich eine Folge der Züchtung im Zähmungs-Zutande seye. Als ich demnach sorgfältige Ausmessungen an der Mutter und dem drei Tage alten Füllen eines Renners und eines Karren-Gauls vornahm, so fand

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ich. dass die Füllen noch keinesweges die ganze Verschiedenheit in ihren Maass-Verhältnissen besassen.

Da es mir erwiesen scheint, dass die verschiedenen Haustauben-Rassen von nur einer wilden Art herstammen, so verglich ich junge Tauben verschiedener Rassen 12 Stunden nach dem Ausschlüpfen miteinander; ich mass die Verhaltnisse (wovon ich die Einzelnheiten hier nicht mittheilen will) zwischen dem Schnabel, der Weite des Mundes, der Lange der Nasenlocher und des Augenlides, der Laufe und Zehen sowohl beim wilden Stamme, als bei Kropfern, Pfauen-Tauben, Runt- und Barb-Tauben (S. 27), Drachen- und Boten-Tauben und Furzlern. Einige von diesen Vögeln weichen im reifen Zustande so ausserordentlich in der Lange und Form des Schnabels von einander ab, dass man sie, wären sie natürliche Erzeugnisse, zweifelsohne in ganz verschiedene Genera bringen wurde. Wenn man aber die Nest-linge dieser verschiedenen Rassen in eine Reihe ordnet, so erscheinen die Verschiedenheiten ihrer Proportionen in den genannten Beziehungen, obwohl man die meisten derselben noch von einander