RECORD: Hahn, Otto. 1889. [Autobiographical dictionary entry] Hahn, Dr. Otto. Jahresberichte des Württembergischen Vereins für Handelsgeographie und Förderung deutscher Interessen im Ausland: 7. und 8. Jahresbericht Stuttgart. 7/8: 106-109.

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Hahn, Dr. Otto, geb. 13. Juli 1828 zu Ellwangen, Württemberg. Besuchte das Lyceum Reutlingen und bezog 1844 die Universität

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Tübingen, wo er Rechtswissenschaft und Naturwissenschaften studierte. Nach Erstehung der Staatsdienstpriifung trat er in den Staatsdienst ein, diente im Justizdepartement und dann zwei Jahre im Departement des Innern, letzteres auf Grund von volkswirtschaftlichen Arbeiten, welche ihm nun sein ganzes Leben hindurch folgten. Diese, wie seine religiösen Anschauungen und der frühere Aufenthalt in Reutlingen, brachten ihn in nähere Verbindung mit dem durch seine Armenanstalten berühmten Reiseprediger Gustav Werner in Reutlingen, welche sich später zu einer engeren Freundschaft mit demselben gestaltete.

In den Verhandlungen mit G. Werner stellte Hahn zwei Bedingungen für seine Mitarbeit: die Ausführung erstens einer Verfassung (Verbindung von religiöser Gemeinde mit der Produktiv-association) und zweitens einer Kolonie; als Zielpunkt war damals Costarica in Zentral-Amerika in Aussicht genommen. Die Ausdehnung, welche G. Werner der Richtung der Industriearbeit gegeben hatte, sollte dadurch ein Gegengewicht bekommen; als eine Voraussetzung des Gelingens einer Kolonie erschien das religiöse Band, welches vorhanden war.

Hahn trat unter der Zusicherung G. Werners ein, dass Beides ausgeführt werde; aber die Verhältnisse lagen anders, als er vermutete. Nach einem Kampfe von vier Jahren trat Zahlungsstockung ein. Zwar schien es, als sollten durch die Gründung der '»Neuen Brüdergemeinde« und den Beschluss, in Costarica eine Kolonie zu gründen, die ersten Gedanken doch noch verwirklicht werden; aber G. Werner und ein grosser Teil der Hausgenossen zogen doch das Fortbestehen des patriarchalischen Regiments vor; ein Regiment, wie es für eine Armenanstalt sich von selbst versteht. Nach der Zahlungsstockung bildete sich aus den Gläubigern eine Aktiengesellschaft, aber an eine Ausführung des ursprünglichen Planes war nicht mehr zu denken, auch stand das Vermögen unter Sequesterverwaltung bis zur Bildung der Aktiengesellschaft. Hahn trat deshalb aus dem Verbände aus (1864). Er machte nun die Reise, allerdings auf Anraten von Freunden in London, statt nach Costarica nach Venezuela.

Er erstattete hierüber ein Gutachten an diejenigen, welche ihn, zum Teil wenigstens, in der Ausführung unterstützt hatten. Dieses Gutachten ist nicht gedruckt worden. Es geht dahin:

I. Tropen-Klima ist kein absolutes Hindernis für eine deutsche Kolonie, obgleich eine Ackerbau-Kolonie stets in einer gewissen Höhe über dem Meer, zuerst wenigstens, angelegt werden muss; von hier aus kann sie die niedriger gelegenen Landstriche in Angriff nehmen.

Es giebt nämlich in der That nicht Ein Tropen-Klima, sondern bloss Tropen-Klimata. Dieselben richten

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sich neben der geographischen Lage — Nähe des Meeres, geognostische Beschaffenheit — hauptsächlich nach der Erhebung über dem Meer. Das grösste Hindernis in den Tropen ist die Fruchtbarkeit selbst, d. h. der Wald.

2.  Eigentliche Kolonien können und dürfen bloss in solchen Ländern angelegt werden, wo die Rasse niederersteht, als die der Einwandernden.

3.   Jede Kolonie erfordert grosse Vorarbeiten; einfache Leute nach einem wilden Lande werfen, heisst sie dem Verderben preisgeben; denn die grosse Masse der Auswanderer sind arme Leute. Landreise, Arbeitswerkzeuge, Lebensmittel für das erste halbe Jahr mindestens, erfordern ein Kapital, in dessen Ermangelung der Einwanderer einfach dem Hungertode oder einem Zustand preisgegeben ist, von welchem aus er nie selbständig wird — der Wucherarbeit.

Diese Sätze mögen heute noch gelten!

Es war aber weder das nötige Kapital, noch waren die Leute zu gewinnen und so blieb die Sache liegen.

Nachher war Hahn durch seinen Beruf als Rechtsanwalt und auch politisch vielfach in Anspruch genommen, ferner litterarisch thätig (Handelsrecht). Im Jahre 1878 erhielt er eine Einladung der Dominion of Canada, das Land zu besuchen. Diese Reise führte er im Sommer und Herbst desselben Jahres aus. Er schrieb eine kleine Broschüre darüber, machte einen Bericht an die Regierung und redigierte dann zwei Jahre später den Bericht von vier deutschen Delegierten, welchem er seine eigenen Erfahrungen und allgemeine Erörterungen der Wanderungs- und Auswanderungsfrage beigab. Dieser Bericht ist in sehr grosser Anzahl verbreitet worden. Der Titel ist: »Die Berichte der vier deutschen Delegierten über ihre Reise nach Canada.«

Im Jahre 1885 erschien »Das Recht auf Arbeit« (Stuttgart 1885, W. Kohlhammer), wo Hahn ebenso die Wanderungs-Kolonialfrage erörterte. Dasselbe geschah in vielen Vorträgen und Zeitschriften (»Canada«, im I. und IL, »Wanderung, Auswanderung, Kolonien« in dem V. und VI. Jahresbericht des Würt-temb. Vereins für Handelsgeographie. »Die Not unserer Bauern«). Die Folge seiner Thätigkeit war, dass sich eine ziemlich grosse Anzahl Deutscher nach Canada wandte und dort sich nieder-liess.

Die naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen ernannte Hahn zum Doktor der Naturwissenschaften, honoris causa, für seine Abhandlung über das Eozoon canadense, eine mikroskopische Arbeit. Im Jahre 1880 schrieb er ein Werk über die Meteoriten und deren organische Einschlüsse.

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Seit dem Jahre 1888 lebt Hahn in Toronto (Canada), wo er sich mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt.

(Eigenhändige Mitteilung.)

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VII. u. VIII. JAHRESBERICHT

(1888-89)

DES

WÜRTTEMBERGISCHEN VEREINS

FÜR

HANDELSGEOGRAPHIE

UND

FÖRDERUNG DEUTSCHER INTERESSEN IM AUSLANDE

Unter Redaktion von E. Metzger

STUTTGART

KOMMISSIONS-VERLAG VON W. KOHLHAMMER I89O

Man bittet bei dem Gebrauch die Berichtigungen S. 182 und 196 zu berücksichtigen.


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Citation: John van Wyhe, editor. 2002-. The Complete Work of Charles Darwin Online. (http://darwin-online.org.uk/)

File last updated 2 July, 2012