RECORD: Darwin, C. R. 1887. Über den Instinkt. In G. J. Romanes, Die geistige Entwicklung im Tierreich. Leipzig: E. Günther.

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DIE

GEISTIGE ENTWICKLUNG

/^viM x IM 11 LR REICH

JOHN ROMANES.

NEBST EINER NACHSELASSENNN ARBEIT:

ÛBER DEN ÏNSTINKT.

VON

CHARLES DARWIN.

AUTOft»»RTE DEUTSCCH AUSGABEE

LEIPZIG

ERNTT GÜNTHERS VERLAG.

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Vorwort.

Es mag auffallen, dass sich der Inha)t dieses Ruches auf "die geistige Entwicklung im Tierreich" bcschrankt. DieGründe dafür habe ich in der Einleitung dargelegt.

Vielleicht wird man auch finden, dass in den nachfotgenden Kapiteln dem Instinkt e!n allzu grosser Raum zugewicsen se!. Gegenüber der Verwirrung, die in den Schriften unserer leitenden Autoritäten auf dem Gebiete dieses wichtigen Zweiges der Psychologie zum Ausdruck gelangt, halte ich jedoch eine erschupiende Behandlung dieses Gegenstandes für in hohem Grade wünschenswert.

Zudem scheint es mir nOtig, noch in Karxe zu erklären, wie ich dazu kam, eine solche Fülle von unediertem Material na&m hinterlassnen Schriften Ch. Darwins zu verôffentlichen, und in welchem Umfang ich mich dieses in meine Hande gelangten Materials bediente. Wie ich schon in einem fraheren Buche („Ammal <clligme,?) bemerkte, übergab mir Darwnn seine samtlichen auf psychologische Fragen bezaglichen Manuskripte mit derErlaubnis, dieselben nach Belieben in meinen Wcrken aber geistige Entwicklung zu vcröffenttichen. Nach seinem Tode hatte ich indessen das Gefüh), dass sich die Umstande in betreff dièses gûtigen Anerbietens geändert hatten und dass es kaum zulässig erschiene, ein so umfassendes, seitdem im Werte gestiegenes Material, ohne weiteres zu verwerten. Ich veröffentlichte dahcr in der

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IV

Umm Ar, und zwar unter Zustimmung der Darwinschen Familie, von jenem Material soviet, ais steh in einer zusammen-hângenden Reihenfolge davon wiedergeben Uess: es war dies das Kapitel, welches für die „Entstehung der Arten" bestimmt war und welches ich, der Verweisung wegen, ais Anhang dem vorliegenden Werke beigegeben habe. Was den Rest betrifft, so verwob ich die zahlreichen unxusammenhängenden Paragraphen und Notizen, die ich in den Manuskripten fand, in don Text dieses Buches, da ich aie einerseits ,u einer Kette von ««zusammenhangenden Pars-graphen nicht wohl geeignet und anderseits eine Veröffentlichung derselben in irgend welcher Form far durchaus geboten erachtete.

Ich bin die Manuskripte sorgfältig durchgegangen und habe es so eingerichtet, class jede noch nicht veröffentiichte Stelle von einiger Wichtigkeit beigezogen werden konnte. Ich batte durchaus keinen Anlass, irgend eine Stelle xu unte[drtcken, so da» die von mir gegcbnen Anführungen zusammen als eine vollstandige Samm. lung von allem, was Darwiu auf dem Gebiete der Psychologie geschrieben, gelten kann.

Zur Erleichterung der Nachweise gebe ich schliesslich ein Register unter Darwins Namen, mit samtiichen Seitenzahlen, wo die betreffenden Anfûhrungen vorkommen.

R.

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f:A

Inhaltsverzeichnis.

Einleitung.....................       t

l Das Kriterium des Geistes............       S

II. Bau und Funktion des Nervengewebes........      r8

m. DiephysischeGrundlage des Geistes.........     29

IV. DieGrundpninzipien des Geistes...........     44

V. Erklärungdes Diagramms.............     6~

VI. Bewutstsein..................     70

Vn. Empfindung.................     79

Vin. Freade, Schmer*, Gedächtnis und Idwnverbinduny ....    toy

IX. Wahrnehmung................    13t

X. Etnbildungskraft................    150

XI. Mnkt...................    t68

A.    Definitioa................    t68

B.    Dervollkommene Instinkte..........    17:

C.    Der tnvollkommene Instinkt«.-..........    <7S

XII. UtspTung und Entwicklung des Instinkts........    190

A.    Ptimäre Instinkte.............    194

B.    Sekundîre Instinkte.............   208

Xm. Gemischter Ursprung und Biegsamkeit des Instinkts. ...   2.7

XIV. Die dmrch die Intelligenz bestimmten Abänderungen des Instinkts   ~38

XV. Domesttketion.................    25«

XVI. Lokale und spezifische Abänderungen des Instincts . ) . .200 XVII. Verglclchung der verschiedenen Theorieen Sber die Entwieklung des Instinkt: nebtt einer allgemeinen Zasammenfassung unsrer

eignenLehre............. ..- -;-■,...    281

XVIII. Einzetne Gierigkeiten, die sich unserer Theo™.*Ä«pVuug>

undderEntvrfckkngdesInsünkUentgegenste/e/. . . -fc,

A.   Ähnliche Instickte bei ungleichaftisen Tfe^/ I >.,.,.  >l

B.   Ungleiche Instinkte bei gletchartigen Ti«W J / & . fi .   .39}

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VI

C Gleichgültig und ntelid» instinku

D.   Instinkte, dir ■ - ■ - -

E.   Wandertrieb

------s-,.,Bv uj.u ouaucse «stiakte . .                        ,01

D. Instinkte, die der betr. Spezies anscheinend nächleillg s'i„,i 3oj

f'^tgeschlechtteer Insekten.' .' .' .' .' .' .* .* .' J,'}

33° 335

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lnia,. oi„ I»«,,,,, von ch, D,„lu .:;;;;;;;; »j

......................4J»

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..Die geistige Entwicklung Im Tierreich.

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Einleitung.

|t der Familie der Wissenschaften steht die vergleichende 11 Psychologie mit der vergleichenden Anatomie in sehr naher Verwandtschaft; denn sowe die letztere den anatomischen Bau der verschiedenen Tierarten miteinander in eine wissenschaftliche Verbindung zu bringen bestrebt ist, so trachtet die erstere nach einer eben solchen Verbindung der geistigen Erschei-nungen. Zudem ist es für die eine, wie für die andere dieser Wissen-schaften die erste Aufgabe, die verwickellen Organisationen, mit welchen es eine jede von ihnen a thun hat, in ihrem Baue zu erforschen und zu analysieren. Sobald diese Analyse in einer möglichst grossen Anzahl von Fällen durchgeführt ist, gilt es, als xweite Aufgabe, alle auf diesem Wcge gewonnenen Thatsachen mitein-ander zu vergleichen, um schliesslich in den erhaltenen Resultaten eine Grundlage fur die letzte Aufgabe jener Wissenschaffen, für die Klassifikation der gefundenen Strukturen, zu gewinnen.

In der vorliegenden Untersuchung werden diese drei Aufgaben nun ebenfalls verfolgt, und zwar nicht getrennt nacheinander, son-dem gleichzeitig nebeneinander, was den Vorteil gewahrt, die Schlussaufgabe der Klassifikation nicht bis zuletzt aufsparen zu müssen; wir kônnen vielmehr die Untersuchung mit der Ver-gleichung der zunäht liegenden Erscheinungen beginnen, um

ÄSJärund nach auf aue smx aufgefundenen

Die Verfolgung einer jeden der drei genannten Aufgaben rührt uns nun zu einer Reihe an sich interessanter Betrachtungen, die sich indessen von dem Interesse, welches uns das schliessliche

Borna.,,., Bahrioktuag dm (feiltet.                                              ,

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- 2 -                                                               I'

Ërgebnis der Klassifikation abgebt, wesentlich unterscheiden.    !'

So hat * B. das Studium der menschlichen Hand, als eines Mecha.    l

ni■«.-.«- «m» selbst ein ganx spezielles Presse, auch   f.

ohne dass wir Aren Bau mit dem der ensprechenden Extremitäten   ;,

verschiedenee Tiere vergleichen. In analoger Weise bietet auch   ;'

das Studium der psychologiichen Eigenschaften eines bestimmten   ;.:

Tieres eb ganz spezielles Interesse an und für sich, abgesehen von    Z

der Anwendung der vergleichendee Methode,- und in demselben    !'■

mne, wie auch die Vergleichung einher Glieder des Tierkërpers   ?

geeignet ist, unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, auch ohne    i'

dl:Sedcer ftT" zunrzu beri,hren'so bietet auch   ?j

das vegleihende Studium einzelner psychischer Eigenschaften der    ,:

Urwelt (einschliesslich des Menschen) ein gam anderes Interesse,     ^

als die Frage nach der Klassifikation derselben, in welcher alle     ' unsere Untersuchungee enden. Schliessllch liegt, ausserhalb und

rund um die Aufgaben dieser Wissenschaften herum, das grosse    I ■

Gebiet des allgemeinen Denkens, in welches jene in allen ihren     '" Stadien ihre Schlussfolgerungen verzweigen.

Es ist uberflüssig zu sagen, dass das Interesse an den bei-    ;

spiellos wachsenden vergleichenden Wissenschaften neuerdings so    »

aUgemein und intensiv wurde, dass die Beschäftigung mit spezielleren    j,

Forschungenn wie ich sie oben erwahnte, bedeutend dagegex in    !~

den Hintergrund getreten ist.                                                             }[

Ich werde nun mit einigen Worten Anlage und Ziel des vor-    i

hegenden Buches darzulegen suchen.                                                 r

Jede Diskussion nmss irgend eine Annahme zur Basis haben,    P

wie jede These irgend eine Hypothèse erfordert. Die Hypothese,    j

welche ich m Anspruch nehme, ist die Annahme des allgemeinen    '

Entwicklungsgesetzes Ich halte es dabei für ausgemacht, dass    i"

meme Leser der Lehre von der organischen Entwicklung bei.    \<

pflichten und zugeben, dass jede Art von Pflanze oder Tier einen    L auf demWege der natürlichen Abdämmung hergeleiteten Ursprung besitzt, und ferner, dass das grosse Gesetz der natürlichen Zuch. tung oder das Überleben des Passendsten diesen Vorgang bereitet

hat. In diesem Falle wird dann auch die Thatsach Tr 5£    I '

Entwicklung, als welche ich sie von der sogenannten Methode    !'

■3

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oder Geschichte derselben unterscheide, für das gesamte Tierre!ch - vielleicht mit Ausnahme des Menschen - zugegeben werden mOssen. Ich nehme dies an, weit ich dafür halte, dass, wenn die Lehre von der organischen Entwicktung für den KOrper angenommen wird, dieselbe auch die Lehre von der geistig*. Entwicklung, soweit sie das Tierreich betiifft, aIs ein notwendiges Korrelat nach sich zieht. Denn durch das ganze Tierleben, von den stumpfsinnigsten bis zu den intelligentesten GeschSpfen hinauf, kônnen wir eine fortlaufende Stufenreihe verfoigen, so dass, wenn wir schon so weit sind, zuzugeben, dass alle spezifischen Tierformen einen abgeleiteten Ursprung haben, ein solcher auch für die mannigfachen Formen der geistigen Eigenschaften angenommen werden muss. In der That wird wohl auch kaum jemand, der die organische Entwicklung ais evident angenommen, so unkonsequent sein, zu behaupten, der Beweis der geistigen Entwicklung innerhalb der oben gezogenen Grenzen kônne noch von der Hand gewiesen

Der eine Beweis dient somit zur Befestigung des andern und jeder hat den andern zu seinem Bestande nOthig; denn niemand vermochte von einer geistigen Entwicklung zu sprechen, ohne den vorhergegangenen Nachweis der organischen Entwicklung oder der Abanderung der Arten; mit diesem Nachweise aber ergibt sich das Korrelat einer analogen psychischen Entwicklung ganz von selbst.

Ich habe die Psychologie des Menschen absichtlich nicht in den Rahmen der folgenden vergleichenden Untersuchungen aufgenommen. Meine GrUnde dafUr brauche ich wohl nicht anzuführen. Es ist ja bekannt, dass von der Stunde an, da Darwnn und Watlace zugleich die Entwicklungstheorie aufstellten, welche einen so ungeheuren Einfluss auf die Gedanken des gegenwartigen Jahrhunderts ausUben sollte, der Unterschicd zwischen den Anschauungen dieser beiden Autoren auf dem Gebiete des mensch-lichen Seelenlebens von der fbrtwahrend anwachsenden Schar ihrer Schüler stets aufrecht erhalten und geteilt wurde. Wir alle wissen, dass Darwin die allgemeinen Gesetze der Entwicklung im Gegensatze zu Walaace auch auf die Tatsachen der menschlichen Psychologie ausdehnte. Wahrend demnach die Nachfolger Darwins

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dafilr halten, dass alle Organismen voll und ganz Produkte einer

bZff 1           t , r me Y°a jCner allgeraeiD«» Lehre in

betreff des menschlichen Organismus, oder doch wenigstens des men chhchen Geistes, gemacht werden masse. So sehen wir denn die Anhänger derEntwicklungslehre in zwei Lager geteilt, in deren einem man anmmmt, dass der menschiiche Geist aus niederen psychischen Formen sich «ich entwickeh hat, w<hrend rach

enÜ "S andr LT ^ meDSChlkhe Geist sich nicht allen andern Shntichen Erschemungen.

«rosse Lr^ ^Tt *?" "^ S^unte «*» grosse Rolle m memem Buche spielen wird, so ergibt sich daraus

die Notwendigkeit einer vorherigen Darlegung des Standpunktes, welchen ich bei er Behandlung dieser Frage einzunehmen gedenke! Ob die Intelhgenz des Menschen sich aus der tierischen ent-

so bedeutend, dass die Annahme ihrer naben Verwandtschaft, w!

£rs^ *.r* m * ""*-

kommen könnte. Erst wenn wir uns ube~zeutt haben, dass die

En^cklungslehre allein die Thatsachen der menschlichen Ana

tome zu erklären vermag, fiihlenwir uns vorbereitet, von ihr eine

menschlichen Ana. .... . _„                -■                     - —^reitet, von ihr eine

ähnliche Erklärung bezüglich der Thatsachen der menschlichen Psychologie zu verlangen. Als ernsthafte Erforscher der Wahrheit

Annahme, dass die ungeheuere Kluft, welche heute diese beide Arten von Geist voneinander trennt, durch zahlreiche Zwischen-

stufen im Laufe ungezahiter Jahrtausende der Vergangenheit <ber-

2ÄL*wirklich dieGrenzen ~*^G*^

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Wahrend ich die ersten Kapitel des vorliegenden Buches niederschrieb, beabsichtigte ich, den tetzten Teil desselben einer Beleuchtung dieser Frage zu widmen. Mit dem Fortschreiten des Werkes wurde es aber bald augenscheintich, dass eine einiger-massen erschöpfende Behandlung derselben zu viel Raum beanspruchen w<rde. Infolge dessen entschied ich mich dafilr, die gegenwgrtige Arbeit auf eine Betrachtung der geistigen Entwick-lung bei Tieren zu beschrNnken und alles gesammelte Material über dieselbe Entwicklung beim Menschen einer spateren Ver-öffenttichung vorzubehalten. Ich kann noch nicht sagen, wann ich imstande sein werde, meine diesbezüglichen Untersuchungen zu veröffentlichen; zu welcher Zeit ich aber auch jenes abschliessende Werk der Öffenttichkeit übergeben mag, es wird immer auf dem vorliegenden Werke basieren.

Wenn vorliegender Versuch demnach auf eine Betrachtung der geistigen Entwicklung bei Tieren beschrânkt bleiben soll, so möchte ich noch betonen, dass er sich nur auf die eigentliche Psychologie, nicht aber auf die Philosophie dieses Gegenstandes erstrecken wird. Ich werde mich nicht mit dem „Übergange des erkannten Objekts in das erkennende Subjekt" beschäftigen und bleibe deshalb allen philosophischen Theorieen, die sich uber jene Frage ergehen, fern. Mit andern Worten, ich werde überall den Geist nur als ein Objekt und geistige Veranderungen nur als Erscheinungen betrachten, somit durchweg den Vorgang der geistigen Entwicklung nach der jetzt allgemein gültigen sogenannten historischen Methode untersuchen.

Bei der Eroffnung des Untersuchungsfeldes innerhalb der an-~edeuteten Grenzen erscheint es mm im Interesse eines lückentosen Fortschreitens unbedingt erforderlich, Beobachtungen, wo n6tig, durch Hypothesen zu stützen und zu ersetzen. Es durfte deshalb am Platze sein, zum Schlusse dieser Einleitung noch einige Worte zur Erklgrung und Rechtfertigung der ausgewählten Methode hinzuzufügen.

Es wurde schon bemerkt, dass der Hauptgegenstand dieses Buches der sein wird, in einer möglichst wissenschaftlichen Weise die wahrscheinliche Geschichte der geistigen Entwicklung darzu-

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stellen, «raunen mit den Ursachen, welche sie herbeigefUhrt haben. Solange uns Beobachtungen bei dieser Untersuchung zur Seite stehen, werde ich natürlich nach keiner andern Hilfe ausschauen. Wo diese jedoch der Natur der Sache gemass fehten, werde ich allerdings zu hypothetischen Erklärungea greifen massen. Obwoht ich nun so sparsam aïs moglich damit umzugehen gedenke, wird es der Kritik doch in vie)en Fällen nicht an Gründen zu dem Einwurfe fehten, dass es sehr bequem sei, die vermutliche Em-stehung der verschiedenen geistigen Eigenschaften in dieser Webe zu behaupten; dass man aber dabei irgend einen experimentellen oder historischen Beweis der Wahrhett meiner hypothetischen Behauptungen mit Recht erwatten kSnne.

In Beantwortung dieser Entgegnung habe ich nur zu sagen, dass niemand den Wert des experimentellen und historischen Nachweises in all den Fällen, wo die Môgtichkeit eines solchen vor-handen ist, höher sch~tzen kann, als ich. Aber was soll denn da, wo ein solcher Nachweis einstweilen nicht zu liefern ist, gethan werden? Offenbar bieten sich hier nur zwei Auswege; entweder wir geben die Erfbrschung des Gegenstandes ganz!ich auf, oder wir bemuhea uns ihn auf die Art zu untersuchen, welche uns ausschliesslich zur Verfügung steht. Es kann nun keinem Zweifel unterliegen, welchen dieser beiden Auswege ein wissenschaftlicher Geist einschiagen wird.

Der echt wissenschaftliche Geist wunscht jedes Ding zu prufen, und wo in irgend einem Falle die besten Prufungsmittel versagen, wird er zu dem nachstbesten greifen. Die Wissenschaft hat sicher keinen Vorteil davon, wenn man in solcheu Fallen auf die letzteren Mittel ganziich verzichtet, wogegen ihr Interesse wesentlich gefördert wird, wenn man dieselben mit Vorsicht anwendet. Die Richtig-keit dieser Ansicht «fad noch durch die Thatsache gestützt, dass auf dem Gebiete der Psychologie fast alle bedeutenden Fortschritte, die wir gemacht haben, nicht dem Experimente zu verdanken sind, sondern der deduktiven Methode. In den angegebenen Fällen verbietet uns also der echt wissenschaftliche Geist durchaus nicht, deduktive Schlussfolgerungen anzuwenden, besonders wo sie das einzige disponible Forschungsmittel bieten; wir sind vietmehr

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.; geradezu verpflichtet, einen vernünftigen Gebrauch von ihnen zu 1 machen. Das ist es aber gerade, was ich m thun beabstchtigee : Niemand kann lebhafter als ich bedauern, dass das interessanteste l Gebiet aller menschlichen Forschung gerade dasjenige ist, auf dem i der induktive -Naehweis am schwierigsten beizubringen ist; da dies : aber einmal so ist, so mUssen wir den Fall so nehmen, wie er liegt, ■; und deduktive Schlussfolgerungen da gebrauchen, wo uns weiter K mchts übrig bleibt, - stets aber, wie gesagt, nur in einer m8g- lichst begrenzten Ausdehnung.

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Erstes Kapite.. Da» Kriteriom dee Qeiat«, |a die ge.stige Entwicklung den Gegenstand der vorliegen. deLünt"8UChUDg m«> » haben ■* ""« vor allem

darüber klar zu werden, was wir unter Geist m Vfir. knaSlTh h %          feSt2USte,,en' erweichen wir ihnen

unabanderlhch begegnen.

Unter Geist werden bekanntlich zwei verschiedene Dinge ver-   j

festanon«, bei andern Wesen kennen lernen. Wenn ich meinen    !■'

enes bestimmten Stromes von Gedanken und Gefühlen/welche    !

:!r!'h._unter GeiS! a*Tlar ehm Subjek«ves oder etwas Ob-

jektives verstehen. In vorliegendem Werke haben wir es nur mit

£2?z objekfn Sinne 2U thun und daher nicht«d-

JS^*"'d"ff"Jr ein*«es ^»«chungsmaterial durch vom~ .            Hand,Ungen geliefcrt wird' V0B den'« *

andern Worten, wenn ich von dem ausgehe, was ich in subjektiver

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l^VVeise als die Thatigkeiten meines eignen persontichen Geistes ernenne, zusammengehalten mit den aus ihnen hervorgehenden Beleguagen «.meinem eignen Korper, so schlösse ich bei bestimmten Bewegungen andrer Organismen auf die Thatsache, dass auch j Jhnen gewissè geistige Thâtigkeiten in analoger Weise zu Grunde j ■ liegen oder sic begleiten.

! '' Hiernach ist es einleuchtend, dass unsre Kenntnis von geistigen ^Tätigkeiten oder Handlungen irgend eines Wesens ausser uns : ^weder subjektiver noch objektiver Natur sein kann. Dass sie nicht ^■subjektiv ist, brauche ich nicht zu /.eigen; dass sie aber auch nicht ■■ objektiv sein kann, ergibt sich ebenfalls leicht aus der Erwägung, ; Cdass offeobar eine geistige Thatigkeit bei anderen Organismen nie-r,;>als Gegenstand direkter Erkenntnis Ar uns werden kann, weil - Vir, wie oben schon bemerkt, nur aus den bestimmten, objektiv /beobachteten Bewegungen solcher Organismen auf ihr geistiges ,<v funktioNieren schlesssen. Somit besteht unsere ganze Kenntnis i ^geistiger Thgtigkeit, ausser unsrer eignen, aus einer Deutung karperlicher Bewegungen, welche auf der Kenntnis unsrer eignen geistigen „»Thätigkeit basiert. Nach dem Vorgang von Prof. Clifford nenne ; >h diese flir uns allein môgliche Kenntnis von dem Geiste andrer .Wesen eine ejektive, um ihre Unterscheidung von der subjektiven -und objektiven sicher zu stellen. .;, Welche Art von Thatigkeiten sind wir nun, in diesem Sinne, „berechtigt, ats von einem Geiste ausgehend zu bezeichnen? Ge-r- wiss kann ich nicht das Rauschen eines Stromes oder das Brausen 1 des Windes hierher zah!en. Und warum nicht? Erstens, weil ¥ diese Dinge der Art nach viel zu verschieden von meinem eignen * Organismus sind, ais dass ich irgend eine vernünftige Analogie ;;> zwischen ihnen und mir xu ziehen vermochte; und zweitem, weil 3 die von ihnen ausgehenden Thatigkeiten unter denselben UmstKn-% den unabanderlich von derselben Art sind, mir somit keinerlei rj Nachweis von dem liefern, was ich für ein deutliches Merkmal j!: meineseigenenGeisteshalte,namtichvonBewusstsen.. Mit andern i Worten, zwei .Bedingungee müssen erfüllt sein, ehe wir nur die I Vermutung hegen können, dass bestimmte ThNtigkeiten auf einen | Geist zurückzuführen sein mOchten. Diese Thatigkeiten müssen zu-

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nachst von einem lebenden Organismus ausgehen, und ausserdem Eigenschaften «igen, welche die Gegenwart von Bewußtsein ver. muten lassen. Was ist nun als das Kriterium des Bewußtseins zu betrachten? Fur das Selbstbewusstsein ist ein solches Kriterium weder notwendig, noch moglich; denn was mich personlich betrifït, so kann nichts gewisser sein, als mein eignes Bewusstsein, und des-halb kann es auch für dasselbe kein Kriterium geben, welches ja im entgegengesetzten Falle eine noch hohere Gewissheit haben mUsste, ats das subjektiv empfundene Bewusstsein, was einfach unmSgtich ist. Für die ejektive Form dagegen ist ein solches Kriterium erforderlich, und da mein Bewusstsein in das Gebiet eines fremden nicht Übergreifen kann, so ist das Jetztere nur durch die Thärigkeit von gewissen Vermittlem xu erkennen, und diese Zwischenglieder sind, wie ge-sagt, die der Beobachtung zugänglichen Handlungen eines Wesens. Die nachste Frage ist nun die: Welche organische Handlungen sind auf eW Bewusstsein zuruckïuführen? Die sofort bereite Antwort lautet: Alle Handlungen, welche auf einer Wahl beruhen. Wo wir einen lebendigen Organismus anscheinend absichtlich eine Wahl treffen sehen, können wir nicht allein auf die Bewusstheit dieser Wahl schliessen, sondern auch darauf, dass das betreffende Individuum einen Geist besitzt Die Physiologie lehrt uns indessen, auf diesem Gebiete mit unseren Schlüssen recht vorsichtig tu sein, indem sie, wie wir im nSchsten Kapitel noch naher erfahren werden, ganz entschieden in Abrede stellt, dass jede anscheinende Wahl notwendig eine bewusste sei. Sie stutzt sich dabei auf die Menge von Reflexbewegungen, welche eine bewusste Wahl von Bewegungen nur vortauschen; wir sehen uns deshalb in die Notwendigkeit versetzt, uns nach einem Reagens für das wirkliche oder nur ein-gebildete Vorhandensein einer Wahl umzusehen. Das einzige Prüfungsmittel nun, welches wir besitzen, ist die Frage, ob jene entfalteten Anpassungen auf dieselben Reize unabanderlich in gleicher Weise erfolgen oder nicht? Der einzige Unterschied zwischen passenden Bewegungen, die auf eine Reflexwirkung zurûckzufuhren sind, und solchen, die von geistiger Einsicht zeugen, besteht darin, dass die ersteren von anererbten Mechanismen innerhalb des Nervensystems abhangen, die so eingerichtet sind, dass auf bestimmte

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Rehe bestimmte angepaßte Reaktionen crfolgen; wahrend die letzteren unabhängig von irgend welcher vererbter Anpassung spe-zieller Mechanismen an die Bedürfnisse besonderer Umstande ge-knüpit sind. Reflexwirkungen, die unter dem Einflusse der sie hervorrufenden Reize stehen, konnen mit der Thatigkeit einer unter der Leitung eines Arbeiters stehenden Maschine verglichen werden: wenn eine bestimmte Tniebfeder durch einen bestimmten Druck herOhrt wird, so werden dafür gewisse Bewegungen auagelöst, wetche, ohne Wahl oder Unsicherheit entstehend, stets dieselben sind. So sicher nun ein jeder dieser Mechanismen mit angeerbten Eigenschaften durch einen bestimmten Reiz in Thatigkeit gesetzt wird, so sicher wird er stets im gegebenen Falle auf dieselbe Weise reagieren. Ein andrer Fall ist es aber mit den bewusst. geistigen Anpassungen. Ohne auf die Frage über das Wechset-verhältnis von Kôrper und Ceist des Naheren einzugehen, genügt es, auf den veranderlichen und unberechenbaren Charakter geistiger Vorgange, zum Unterschied von dem bestandigen und stets vorauszusehenden Charakter der reflektorischen, hinzuweisen. Das, was wir im objektiven Sinne unter einer vom Geiste eingegebenen anpassenden Thätigkeit verstehen, ist keineswegs die einzig mögliche für den angegebenen Fall, weil hier bestimmt fixierte Vererbung noch nicht vorhanden ist; gabe es hier keine Anpassungsalternative, so würde, wenigstens bei einem Tiere, eine Reftexaktion von einer bewusst vor sich gehenden Handlung nicht unterschieden werden kOnnen.

Es ist also die aktive Anpassung eines lebendigen Organismus, die überall da eintritt, wo der ererbte Mechanismus des Nervensystems nicht ausreicht, an welcher wir ausschliessiich das geistige Elément erkennen. Mit andern Worten, und ejektiv betrachtet: Das Unterscheidungselement des Geistes ist Bewußtsein, das Zeugnis des Bewusstseins ist das Vorhandensein einer Wahl und der Beweis fur die Existenz der Wah) liegt in dem voraufgebenden Schwanken zwischen zwei oder mehreren Alternativen. Wir müssen jedoch hinzufügen, dass, obwohl unser einziges Kriterium für den Geist die Unsicherheit des Eintretens eines passenden Bewegungskomplexes ist, daraus doch nicht folgt, dass jede geeignete Be-

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wegung, bei welcher der Geist beteiligt ist, einen unsichern Charakter tragen müsse; oder, was dasselbe ist, dass, wenn eine solche Wirkung mit einer gewissen Sicherheit eintritt, wir sie nun desbalb ihres geistigen Charakters entWeiden mQssten. Manche passenden Reaktionen, die wir als geistig erkennen, sehen wir vielmehr unter gegebenen Umstanden stets unvermeidlich eintreten; die nahere Untersuchung wird indessen darthun, dass dies nur da der Fall ist, wo wir es mit Kritften zu thun haben, die bereits an und ft, sich als von unzweife!ha<t geistiger Natur erkannt sind.

Bei dieser Aufstellung der Wahl, als meines objektiven oder vielmehr ejektiven Kriteriums des Geistes, halte ich es hier filr unnCtig, in einé nahere Untersuchung darüber einzugehen, auf was sich dieselbe speziell stützt, weil ich in einem folgenden Kapitel ausfuhr)ich darlegen werde, was ich unter der ejektiven Betrachtung der Wahl verstehe; alsdann wird es sich zeigen, dass bei der stufenweisen Entwicklung des geistigen Elementes der Wahl es nicht gut möglich ist, eine bestimmte Scheidungslinie zwischen wâhlenden und mitwählenden Kraften zu ziehen. Ich bleibe also vorlâufig bei der gewôhnlichen Bedeutung des Ausdrucks stehen, als einer Unterscheidung, die der gesunde Menschenverstand bereits gemacht hat und stets machen wird, sobald es sich um .geistige oder nichtgeistige Krafte handelt. Man kann nicht sagen: Der Strom wählt den Lauf seiner Fluten oder die Erde wählt die Ellipse, in der sie um die Sonne läuft; so kompliziert die Wirkung einer Kraft, die wir als nicht geistig erkennen, wie z. B. die einer Rechen. maschine, auch sein muge und so unmSgtich es auch ist, das Resultat ihrer Bewegungen voraus zu sagen: wir werden niemals behaupten konnen, dass ihre Wirkung auf einer Wahl beruhe. Wir reservieren diesen Ausdruck fur Handlungen, die, so einfach sie auch sind oder so leicht ihre Resultate auch vorausgesehen werden kônnen, dennoch durch Krafte veranlasst werden, die sich wegen der nichtmechanischen Natur jener Handlungen als geistige zu erkennen geben oder bereits als solche bekannt sind, d. h. durch Krafte, welche sich bereits als geistig bew&htt haben, indem sie andere Thatigkeiten nicht-mechanischer oder nicht.vorauszusehender Natur hervorriefen, die wir unbedingt nur einer Wahl zuschreiben konnten.

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Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass hier die Unterscheidung des gesunden Menschenverstandes avischen wählenden und nicht-wählenden KrSfien vollständige Gettung besitzt. Obwohl es schwierig oder gar unmôgiich sein mag, in gewissen Fällen zu entscheiden, welcher Kategorie dièse oder jene Erscheinung zuschreiben ist, so vermag diese Schwierigkeit den Wert jener Klassifikation doch nicht zu beeintrâchtigen, ebensowenig wie z. B. die Unsicherheit der Entscheidung, ob der Unvlm unter die Krebse oder die Skorpione i zu zahlen sei, die Geltung der Klassifikation, welche die Krustaceen - von den Arachniden scheidet, in Frage zu stellen vermag. Die Hauptsache ist, dass trotz spezieller Schwierigkeiten in der Bezeicbnung dieses oder jenes Wesens hinsichtlich der Klasse, zu welcher es gehCrt, die psychologische Klassifikation, die ich befUrworte, mit der angedeuteten zootogischen Klassifikation gleichwertig ist; auch sic muss als vollgültiganerkanntwerden, wenn sie unzweifelhatte Unterschiede aufstellt. Denn selbst wenn wir bei der denkbar mechanischsten Auffassung geistiger Prozesse zugestehen, dass die Annahme bewusster Intelligenz in keiner Weise das ganze Problem löse, so bleibt doch noch die Thatsache bestehen, dass eine solche bewusste Intelligenz existiert und dass sie sich vor gewissen Handlungen stets in irgend ciner Weise bethâtigt hat. Ja, selbst wenn wir annehmen wollten, dass der Lauf der Dinge sozusagen rein vom Zufall abhinge und dass die bewussten und unbewußten Handlungen sich stets in derselben Weise abwickelten, so wOrde es doch noch für wissenschaftliche Zwecke hôchst wunschenswert bleiben, einen fassbaren Unterschied zwischen gewissen Handlungen, die mit, und solchen, die ohne Begleitung von Bewusstsein vor sich gehen, festzuhalten. Und wie die subjektiven Erscheinungen auf alle Fälle dieselbe Realitit beanspruchen konnen, wie die objektiven, sobald es sich herausstellt, dass einige der letzteren sich unterschiedslos und getreulich in den ersteren widerspiegeln, so verdienen solche Erscheinungen, schon allein aus diesem Grunde, in eine bestimmte wissenschaftliche Kategorie gestellt zu werden, - selbst wenn bewiesen werden kônnte, dass sich der Spiegel der Subjektivitât beseitigen Hesse, ohne dadurch irgend eine Erscheinung der Objektivitat zu andern.

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Ohne deshalb die Frage auf die Verbindung von Kdrper und .. Geist weiter auszudehnen, soll nur noch bemerkt werden, dass wir ß stets berechtigt sind, einen Unterschied zwischen Wirkungen anzu. N nehmen, welche von Empfindungen begleitet sind, und solchen, che allem Anschein nach in keiner Verbindung mit tehren stehen. Wird dies angegeben, so scheint keine Bezeichnung diesen Unter. schied besser auszudrücken, als das Wort Wah;; Krafte, die im-stande sind, ihre Wirkungen z« wählen, vermSgen auch die die Wahl bestimmenden Rebe zu empfinden.

Dieses so dargestellte Kriterium des Geistes lässt sieh noch mit andern Worten wiedergeben, die ich im folgenden aus meinem früheren Buche*) enttehne: „Lernt der Organismus neue passende Tätigkeiten hervorzubringen oder alte in Cbereinstimmung mit den w Resuhaten seiner eignen individuellen Erfahrung xu modifizieren? ß Ist dies der Fall, dann kann diese Thatsache nicht lediglich einer " Reflexwirkung in dem früher beschriebenen Sinne zugeschrieben werden, denn es ist unmôgtich, dass Vererbung im voraus bei einem bestimmten Individuum zu dessen Lebzeiten für Neuerungen oder Ânderungen seines Mechanismus vorgesorgt haben kann." Zwei Punkte sind mit Rücksicht auf dieses Kriterium, welche Definition wir demselben auch geben mëgen, wohl zu beachten. Der erste ist, dass es nicht streng exklusiv ist, weder in dem Sinne, dass es jeden mëglicherweise geistigen Charakter in an-scheinend nicht.geistigen Anpassungen ausschlôsse, noch im Gegen-satz dazu emen mogticherweise nicht-geistigen Charakter in anscheinend geistigen Reaktionen; denn es steht fest, dass der Mange) eines "Lernens durch eigne Erfahrung" nicht immer ein vollgdltiger Beweis gegen die Existenz des Geistes ist; ein solcher Mangel kann ja lediglich aus einer Unvollkommenheit des Gedachtnisses herrUhren, oder auch daher, dass das geistige Element nicht genugend vertreten ist, um passende Vorkehrungen dem Bedürfnis der neuen Umstande gemäss zu treffen. Dagegen ist es nicht weniger gewiss, dass gewisse Teile unsres eignen Nervensystems, die bei den Erscheinungen des Bewusstseins nicht beteiligt sind,

*) Animal Intelligence.

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nichtsdestoweniger sich bis zu einem gewissen Grade befähigt «igen, durch individuelle Erfahrung tu lernen. Der Nervenapparat des Magens z. B. tat in einem so bedeutenden Masse imstande, die Bewegungen dieses Organs den Bedurfnissen seiner individuellen & Erfahrung anzupassen, dass, ware das Organ ein Organismus, wir ' in Gefahr kommen kCnnten, ihm irgend eine schwache Intelligenz xuzuschreiben. Noch gibt es keinen Beweis dafür, dass nicht. geistige Kräfte jemals imstande wSren, in irgend betrachttichem & Masse die passenden Reaktionen geistiger Krafte nachzuahmen; deshalb hat unser Kriterium in seiner praktischen Anwendung eher i die entgegengesetzte Gefahr zu fürchten, namiich die geistige Natur ■J gewissen KrSften abzuleugnen, welche in Wirklichkeit geistig sind. | Denn es ist klar, dass lange bevor der Geist eine genügend hohe i Entwicktungsstufe erreichte, um das angeführte Kriterium tu ver-| dienen, er wahrscheinlich schon als keimende Subjektivitât aufzu-

4    wachen begann. Mit andern Worten, weil ein niedrig organisiertes

5     Tier nicht durch eigne Erfahrung zu lernen scheint, dOrfen wir 2 noch nicht schliessen, dass das Bewußtsein oder das geistige | Element, wenn vorhanden, nichts nach dieser Richtung hin ieiste. ,! Wenn aber auf der andern Seite ein niedrig organisiertes Tier ^ durch seine eigne Erfahrung lernt, so besitzen wir damit den « bündigsten Beweis eines bewussten Gedachtnisses, welches zu ab-^ sichtlicher Anpassung führt. Deswegen lasst sich unser Kriterium | auf die obere Grenze nicht-geistiger, nicht aber auf die untere | Grenze geistiger Thatigkeit anwenden.

I           Wenn ich hier wieder die früher als brauchbar erkannte Ter-

1 minologie Cliffords anwenden darf, so mussen wir uns stets er-■;. innen,, dass die geistigen Zustande andrer geistigen Wesen, ausser uns selbst, niemals als Objekte eïkannt werden künnen; wir erkennen sie nur als „Ejekte" oder als ideale Projektionen unsrer eignen geistigen Zustande. Aus dieser groben psychologischen Thatsache entstehen nicht geringe Schwierigkeiten bei der Anwendung unsres Kriteriums auf gewisse Fälle, wie sie sich uns z. B. besonders bei den niederen Tieren darbieten; denn wenn das Zeugnis des Geistes oder des Wahlvermogens auf diese Weise immer ejek-tiv, im Unterschied von objektiv, sein muss, so ist es klar, dass

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die zwingende Kraft dieses Kriteriums sich um so mehr abschwache«!; muss, je weiter wir uns von einem dem unsrigcn ahniichen Geiste}? zu solchen Arten desselben entfernen, welche nicht so entwickelt, sind wie der unsrige, bis hinab zu der Grenze, wo sie sich fi, > unsere Erkenntnis ganz verflüchtigen. Ander, ausgedrückt, obwohl!X das von Ejekten ausgehende Zeugnis für geistige Organisationen.* ahnuch der umrigen zureicht, so verliert es doch in dem Masse!■* an Vertässlichkeit, ais die Âhntichkeit geringer wird oder gar* weg-jl fallt; so dass wir bei den niedersten Tieren vollständig im i£| j gewesen sind, ob wir denselben eine ejektiveExistenz zuschreiben,] sollen oder nicht. Ich muss hier jedoch aufs neue darauf auf-N merksam machen, dass diese Thatsache, welche unmittelbar «L J der vollkommnen Isolierung unsres pers0nlichen Geistes hervorgeht, ^ kein Argument gegen mein Kriterium vom Geiste abgibt; sie zeigt 1 uns vielmehr, dass es kein besseres Kriterium gibt, indem sie um! 1 die^Hofihungslosigkeit jederBemühung, ein solches zu finden, k.ar||

mC Der andere Punkt, der mit ROcksicht auf diese Frage woh>| xu beachten ist, ist fotgender:                                                      |

Dem Skeptiker wird mein Kriterium wahrscheinlich ungenügend T erscheinen, weil esnicht auf Erkenntnis, sondern auf Schlussfolge.;", rungen beruht; dem gegenüber genügt jedoch der Hinwcis darauf, "*, dass es das bestmögliche ist, und ferner, dass man vom Stand- ^ punkte des konsequenten Skeptizismus aus gezwungee wird, das * t Zeugms des Geistes uberhaupt zu leugnen, nicht nur hinsichtlich h der niederén Tiere, sondern auch hinsichtlich der höheren, ja aueh I hinsichtich der Menschen, mit einziger Ausnahme des Zweiflers W selbst. Denn alle Einwurfe, welche gegen dieses Kriterium des; Gastes beim Tierreich ins Feld geführt werden kônnen, gelten in ' gleicher Stärke auch für jeden andern Geist, ausser dem des i, jC dividuellen Gegners. Das ist unwiderlegl!ch, weil, wie ich bereits ■£ bemerkte, das einzige Zeugnis, welches wir von einem objektiven x!' Geiste erlangen kônnen, durch objektive Handlungen geliefert wird,, ! Da nun der subjektive Geist niemals so innig mit dem objektiven^ vereinigt werden kann, dass er durch direkte Empfindung *M geistigenVorgange zu erfahren vermëchte, welche hier die objektivenn

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?;   Handlungen begleiten, so ist es offenbar unmoglich, irgend jeman.

.■!   den, der die Gültigkeit der obigen Schlussfolgerung zu bezweifeln

l   beliebte, davon zu Nberzeugen, dass in irgend einem Falle, ausser

A   bei ihm selbst, geistige Vorgange jemals objektive Thatigkeiten

\   begleiten.

*           Hterin liegt auch der Grund, warum die Philosophie keine Über-

l   zeugende Widerlegung des Idealismus beizubringen vermag. Der

?   gesunde Menschenverstand jedoch empfindet allgemein, dass Ana-

,;    logie hier ein sichererer Führer zur Wahrheit ist, als skeptische

j    Forderungen nach unmôglichen Beweisen, wenn nun die objektive

\    Existenz andrer Organismen und ihrer Handlungen zugegeben wird

A    - ohne welches Postulat die vergleichende Psychologie, gleich

i    allen andern Wissenschaften, ein leerer Traum ware - so wird

]    der gesunde Menschenverstand stets und ohne Frage daraus

:i    folgern, dass die Handlungen andrer Organismen, wenn analog den

%    unsrigen, die wir bestimmt als von geistigen Zustanden begleitet

\    erkennen, auch bei jenen von ahnlichen geistigen ZustXnden be-

n    gleitet sind.

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8obi»«i, Batwtoklua^ .1«. Oeirt»

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Zweites Kapite.. Bau und Funktion dea Nervengewebes.

|achdem wir so das bestmögliche Kriterium des ejektiv be. trachteten Geistes gewonnen haben, gehen wir nun ïu umrer andern Aufgabe über, nflmlich zu der Untersuchung der objektiven Bedingungen, unter denen wir dem als solchen erkannten Geist unabanderlich zu begegnen gewohnt sind.

So weit menschliche Erfahrung reicht, lernen wir den Geist nur an lebenden Organismen kennen, und zwar stets zusammen

mit einem eigentümtichen Gewebe, welches nicht bei ■ allen Organismen vorkommt, und selbst dort, wo es sich findet, nur einen ungemein winzigen Bruchteil des ganzen K8rpers ausmacht. Dieses besondre, im Tierreich so sparsam verteilte Gewebe, dessen wesentliches Charakteristikum eben in seiner Ver-bindung mit dem Geiste be-steht, ist das Nervengewebe. Esliegtunsdemnach vorallem ob, den organischen Bau und die Funktionen dieses Ge. webessoweitzuberackstch. tigen, ais es zur VerdeutlichungunsrerfolgendenDarstellungnotwendtgesscheint.

Wg. 1. Motoriioho, ixuoh intonaUuIu« Fortsätze (<■) ml«. Intad« verlrandM NmenwUon iicbit daran atu-

mtt Tt«hn AuaUtttun vmMhena) Z«Ue ml* um.

baaften Plgmont tun im mtttm herum (diwnun-

a»««©!!.»««* Vogt).

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Innerhalb der Gremen des Tierreichs wird das Nervengewebe bei allen Arten gefunden, deren zoologische Stellung nicht tiefer ais die der Hydrozoen liegt Die niedrigsten Tiere, bei denen es

1

fig. 8.

Multipolar« etoagUeiiwllo aa« dam Votderlwm d»a Httoknusark*

ein«* Ooluen, a. Aolueuoy ilud9rfort»Ut»g; t> veifiitolto Proto-

Stansa&iWttia (lMfinh veigi,, nash DoHot»),

bisher entdeckt wurde, sind die Medusen oder Quallen, von denen an autwärts es ausnahmslos angetroffen wird. Wo wir es aber auch finden môgen, seine Erscheinung ist im wesentlichen stets dieselbe;

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bei der Qualle, der Auster, dem Insekt, dem Vogel oder dem Monscher,, nirgends bietet sich irgend eine Schwierigkeit, seine einfache, überall mehr oder weniger Obereinstimmende Struktur » etkennen. Es besteht aus mikroskopischen Zellen und Fasern (Fig. t u. „. die letzteren laufen von einer Zelle zur andern und stellen so die

Verbindung unter denselben, sowie «vischen ihnen und entfernten Teilen destierischenKorpersher.DieFunktion

wegungen hervorgerufene Rebe oder EindrOcke von und nach den Nerven-zellenzu leiten, wogegen in den Zellen diejenigen EindrOcke ihren Ursprung nehmen, welche von den Fasern nach anderen Teilen geleitet werden. Die nach den Zellen geleiteten Eindr<cke werden nun durch Reize hervor-gebracht, die auf die Nervenfaser in ihrem Verlaufe einwirkeen solche Reize sind z. B. Berührung oder Druck von andern Kërpern (mecha-msche Reue), plötzltche Erhöhungen

sammensetzung der Nervensubstanz durch Mtantien (chemische Reize), Wirkungen elektrischer Erregunsen (elektrische Reize), oder auch eine molekulare Erregung durch eine andere Nervenfaser, mit welcher die erste in Verbindung steht Die Nervenzellen findet man gewôhnlich haufenweise zu sogenannten Ganglien vereinigt, an denen Bündel von Nervenfasern aus- und ein-münden. Diese BUnde! bilden die weissen Faden oder Nervenfasern, welche wir bei der Sektion eines Tieres entdecken. (Fig. 3.)

Das Verhaltnis dieser Faserbandel zu den Zellenhaufen büdet die anatomische Vorbedingung zu dem physiologischen Prozess der

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Mg. 8. A. Netvouknot«n dn Sympathioui rom Sauget!«j «. o.e. drei «bgolumd«Hw-vwij .i.mttWpolute, *.uiüpol«w,/.»po. lBMQangUem«lW>(,lOOt»ohv<»gr., naoh

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Reflexwirkung. Nehmen wir nun an, dm das eine Nervenfaser-Windet in der vorstehenden Abbildung in seiner Verlängerung auf der Oberfläche eines Sinnesorgans endige, wahrend die andern beiden BOnde!, auf gleiche Weise verlangert, in einer Gruppe von Muskeln ihr Ende erreichten, so wird ein auf die Sinnesoberfläche treffender Reiz eine molekulare Erregung hervorrufen, die der Lange des erstgenannten Nerven nach bis zum Ganglienkörper verlaufen, von diesem aufgenommen und zu den beiden andern Nervenbündetn weiter geleitet wird bis zu der Muskelgruppe, deren Zusammenziehung dann den Abschluss des ganzen Prozesses bilde.. Man nennt diesen Vorgang eine Reftexbewegung, weil der ursprang-liche, auf die Sinnesoberfläche auffallende Reiz nicht in direkter Linie auf die Muskeln übertragen wird, sondern zunachst zum Ganghon geht und erst von dort nach den Muskeln abgelenkt oder reflektitrt wird.*) Dieser auf den ersten Blick recht um-ständlich und beschwerlich scheinende Prozess ist in Wirklichkeit der kürzeste und knappste. Denn wir brauchen nur an die ungeheure Anzahl und Vielfaltigkeit der Reize zu denken, denen alle hôheren Tiere bestandig ausgesetzt sind, um das daraus folgende Erfordernis irgend eines Systems von geordnetenZusammenwirkungen, behufs einer passenden Beantwortung jener zahllosen Reize, leicht eintuschen. Eine solche Zusammenwirkung wird aber durch das Prinzip der Reflexwirkung erm8glicht und verwirklicht; denn der tierische Korper ist so eingerichtet, dass alle die zahllosen Nerven-centren oder Ganglien mehr oder minder miteinander in Verbindung stehen und von allen Seiten des Kôrpers her Botschaften empfangen, die sie wiederum zu beantworten vermogen, indem sie die entsprechende Nachricht durch abgehende Nervenstränge an die betreffenden Muskeln gelangen lassen, deren Zusammenziehung unter den gegebenen Umstanden wunschenswert ist. Mit andern Worten: Wenn ein Reiz auf die Aussenfläche eines Tieres* fällt, so wird derselbe durchaus nicht Hber oder durch den ganzen Kërper

Von*** mehr aU eine Reftexion des abglichen Rebes od« dermoteku' iZZetm bedeutett du Ganglion bringt eint nene Erregung hinzu.

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^JS21 welchhera Falle er gm allgemeine und zwecklose

Muskelkontraktionen hervorrufen würde, sondern er geht sofbrt zu emem Nervencentrum, wird dort centralis und dann in solcher We.eweiter verteilt, dass die äsende motorische Reaktion mit Scherbe* emtrcten muss, weil die den Reiz empfangenden Centren ihn nur zu jenen besondern Muskelgruppen reflektieren, deren Aktion

unter den gegebenen Umstanden fdr den Organismus wtinschens.

'^ispieh Wenn e ""

die Luftrëhre ge*.......UC1 _, den

er dort verursacht sofort » einem Nervencentrum im Rückenmark

etwa eine Brorkru™ m B. t..«v..«w gerät> SQ wird F _ . .

ervencentrum im

von komplmerten Muskelbewegungen hervorruft, die wir „Husten"

nennen und welche offenbar die Austreibung des fremden Korper« Wcse bewirkt. Nun ist es aber einleuchtend, dass eine solche Reihe

komplizierter Muskelbewegungen nicht ohne einen centralisierenden Mechanismus vor sich gehen kann und es braucht wohl kaum besonders dabei hervorgehoben zu werden, dass derartige Reflex-bewegen massenhaft in jedem tierischen Organismus vorkommen.

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Freilich erscheint es sehr wunderbar, wie es möglich ist, dass ^edieunbewusstenRefle "

ff "!!!! ,Tl „**.?." jedem.auf sie einwirkenden Reue

mdge der anatomischen Anordnung der Nerven und Ganglien, den letzteren » dem besonderen Falle m keine Wahl bleibt, wenn der Apparat überbaupt einmal in Wirksamkeit geseut wird. Um

ein Beispiel aus den niedrigsten, mitNerven versehenen Tieren zu wahlen, so finden sich bei den Medusen die einfachen Ganglien nngs um ihren Rand herum verteilt und antworten durch Refle! bewegung auf alle Re1Ze, die auf irgend einen Teil ihrer Ober. fläche fallen. Es hat dies, je nach der Lebhaftigkeit und Starke

tL ToT^T* *l*T ^-^wegungen zur Folge, wodurch es dem T,ere ermöglicht wird, sich der drohenden Gefahr ,u ente,ehen. Obwohl dies nur eine echte Reflexwirkung dameUt und einem offenbaren Zwecke dient, so scheinen hier doch kemerl« Zusammenwirkungen von Muskelbewegungen stattzufinden,

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weil der anatomische Bau einer Qualle so primitiv ist, dass das ganze Muskelgewebe sieb in der Form eines einfachen zusammenhangenden Blattes darstellt, also die einzige Funktion der Rand-ganglien darin besteht, eine einzige dunne Lage Muskelgewebe zur Kontraktion zu bringen.

Daraus konnen wir «Mienen, dass die Reflexwirkung auf ihrer frühesten Stufe nichts weiter ist, als eine unterschiedilose „Entladung" nerv8ser Energie durch Nervenzellen, die von ihnen zugehorigen Nervenfasern dazu veranlasst werden. Da jedoch die Tiere mit ihrer hoheren Organisierung in immer gr6sserem Masse besondere Muskeln zu besondren Wirkungen entwickeln, so konnen wir leicht verstehen, wie auch immer mehr besondre Nervencenrren entstehen müssen, welche in der angegebenen Weise jenc besondern Wirkungen beherrschen. So finden sich z. B. bei den Seesternen _ Tieren, die in der zoologischen Rangliste eine etwas hohere Stufe einnehmen, als die Quallen, und ein hüher entwickeltes Nervensystem besitxen - die Ganglien rings um die Basis der fünf Strahlen geordnet, nach und von welchen ihre Nervenfasern hin und her laufen; auch sind diese Ganglien gleicherweise unter einander durch einen fünfeckigen Ring von Fasern verbunden. Ein Versuch damit zeigt uns nun, dass bei dieser einfachen und rein geometrischeu Anlage ihres Nervensystems einzelne abgetrennte Teile imstande sind, die Bewegungen ihrer zugehorigen Muskeln zu beherrschen. Wird ein einzelner Strahl an seiner Basis abgeschnitten, so verhält er sich in jeder Beziehung ganz wie der See-stem selbst, indem er sich Angriffen entzieht, nach dem Lichte zukriecht, auf einer senkrechten Ebene sich aufrichte,, wenn man ihn auf den Rucken legt. Das will sagen: das einzelne Nerven-centrum an der Basis des abgetrennten Strahles vermag für diesen das zu leisten, was der ganze pentagonale Ring oder das Central-nervensystem für das vollstandige Tier leistet. Jedes der iünf Nervencentren steht also zu den Muskeln seines eigenen Strahles in einem solchen Verhaltnis, dass wenn jeder durch bestimmte Reize getroffen wird, die entsprechende Reflexwirkung ohne Wahl und mit Notwendigkeit eintritt. Die Feinheit dieses Mechanismus kommt besonders zum Vorschein, wenn bei dem ««verstümmelten

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Tiere alle einzelnen Nervencentren sich zu einem einzigen ver

""           .....              'on nur einem Strang

Beunruhigung entfernen. W^^^^^SS^Z

Beunrnhi<nin» <M.>£a___ nr....i

gleichteitig gereizt, so kriecht der Seestern in einer Richtung hin.

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r kommt ... iemach s emen Seestern darstellt, dessen fünf Strahlen, in die" Fom

gereizten pllT 1 T ! *! Vwbindun^We zwischen beiden

ET Sf ,?          " SChönW kommt dies bei d<™ kugel-

rnugen mmua (Seeigel) zur Geltung, der nach seinem anatomischen

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so erfolgt die Drehung des Tieres um sZvertiSLTZ'

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plifikationen des mechanischen Prinzips vomb Snio^nE der

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^on unmer zahlreicherer und komplizierterer Muskelgruppen. Ich

Käfte darstellen.

wir dUTJi^rSS' naCl> ^ fort8Chreiten' so sehen

centren £j^

wicklung eingehen, da dieser Gegenstand ein ganzes Kapitel der ......          erholen müsste. Es genu* zu saJen

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^ geboten wird, als die Koordinierung der Muskelgruppe, deren ; kombinierte Kontraktionen von ihm abhangen. '4 Die demnKchst entstehende Frage ist nun folgende: Wie J haben wir uns die Thatsache zu erklären, dass die anatomische i Anlage eines Ganglion mit den dazu gehôrigen Nerven geeignet ist, ■4 die Nervenerregung in die besonders daîu geeigneten Kanäle zu J leiten? Wir wollen im folgenden die Beantwortung dieser Frage 1 nach Herbert Spencrr geben; um aber jedem Missverstandnis zu ;J begegnen, beginnen wir mit einer Darstellung der Reizwirkung bei I undifferenziertem Protoplasma. Ein Reiz, der auf homogènes, aber-$ all kontraktives und nirgends nervenfUhrendes Protoplasma fallt, I bewirkt eine sichtbare Kontraktionswelle, die sich vom Mittelpunkte | des Reizes aus nach allen Richtungen hin weiterpftat; wogegen ein 4 Nerv einen Reiz weiter leitet, ohne selbst eine Kontraktion oder sonstige | Fotmverandetung dadurch zu erleiden. Nerven unterscheiden sich ■4 also, ihrer Funktion nach, von undifferenziertem Protoplasma durch 4 die Eigentümlichkeit, unsichtbare oder molekulare Kontraktionswellen # von einer Stelle eines Organismus zur andern zu leiten, wodurch ein t\ physiologischer Zusammenhang zwischen Teilen hergestellt wird, ohne dass ein Obergang von KontraktionswelJen dabei bemerkbar wurde. Indem Spencer nun mit dem Verhalten undifferenzièrten Protoplasmas beginnt, geht er von der Thatsache aus, dass jeder Teil dieser kolloiden Masse gleichmassig reizbar und gleichmassig zusammenziehbar ist. Hôher hinauf beginnt aber das Protoplasma eine bestimmte Form anzunehmen, die wir leicht als spezifische Lebensform erkennen; einige seiner Teile sind dabei der Wirkung von Kraften ausgesetzt, die verschieden von denen sind, welche auf andre seiner Teile wirken. Sobald nun das Protoplasma fort-fahrt, immer mannigfaltigere Formen anzunehmen, werden die den ausseren Einwirkungen mehr exponierten Teile hSufiger zu Kon-traktionen gereizt werden, als andere Teile der Masse. In solchen Fällen wird nun die relative Haufigkeit, mit der Reizwellen von den exponierten Stellen ausstrahlen, wahrscheinlich die Wirkung haben, dass für diejenigen plasmatischen Moleküle, welche in der Richtung der durchgehenden Wellen liegen, eine Art polarer Anordnung entsteht, und aus andern GrMnden wird die hâufige Wieder-

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holung des Vorganges nach und nach jenen Richtungen den Wert vonWegen geben, welche derStrömung solcher molekularer Reiz. wellen einen immer geringeren Widerstand entgegensetxen. Schliesslich werden diese so gebahnten Wege, welche dem Durchtug der rnolelcularcn Anstassenur noch einen verhältnismassig sehr geringen Widerstand leisten, durch den bestNndigen Gebrauch immer be. stimmter werden, bis sic endlich die gewohnten Verbindungskanäle eschen den durch sie verbundenen Teilen der kontraktilen Masse bilden. Wenn eine solche Linie z. B. zwischen den Punkten A und B einer kontraktiten Protoplasmaraasse hergestellt ist, so wird, wenn ein Reiz auf A Olli, eine molekulare Reizwelle über diese Linie bis zu B dringen und das Gewebe in B zur Kontraktion bringen, trotzdem eine Kontrakiionswelle durch das Gewebe von A nach B nicht zu bemerken war. Es ist dies nur ein magrer Ausxug aus H Spencess Theorie, deren lebendigste Wiedergabe vielleicht in den wenigen Worten liegt, durch welche er jenen Vorgang selbst, wic folgt, illustriert: "Ebenso wie das Wasser den Kanal, den es durchfliegt, fortwâhrend ausweitet und vertieft, so mussen auch die molekutaren Wellen, von denen wir gesprochen haben, dadurch, dass sie stets ein und dieselbe Richtung durch das Gewebe verfolgen; eine immer breitere Linie funktionell differenzierten Protoplasmas aushohien."

Sobald ein sotcherDurchgang vollständig hergestellt ist, bildet er eine fürden Histotogenunterscheidbare Nervenfaser; ehe er aber diese vollkommne Stufe erreicht, d. h. ehe er als eine deuttiche Struktur bemerkbar ist, nennt ihn Spencer eine ,Enlladungslinie«.

Dies ist der von Spencer für die Nervenfasern aufgestellte Entwicklungsgang. Dabei vermutet er, dass Nervenzellen an Orten entstehen, -wo eine Kreuzung oder ein Zusammenstrômen von Fasern einen Zusammenstoss molekularer Storungen verursacht; jedoch ist es fur unsre gegenwartigen Zwecke nicht notwendig, naher auf die Einzelheiten dieses weniger befriedigenden Telles seiner Theorie einzugehen. Vorläufig mochte ich nur auf die prioristische Wahrscheinlichkeit aufmerksam machen, dass Nervenkanäle dort ent. wickelt werden, wo das BedHrfnis ihres Vorhandenseins am starkstec , ausgesprochen ist, d. h. durch Gebrauch.                                      |

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I                                    - 27 -

1              Diese prioristische Wahrscheinlichkeit gewinnt aus den be. 4   stehenden Tatsachen so viele Bestatigungen, dass es kaum mog!ich *j   ist, sie nicht als eine Antwort auf die oben aufgestelltc Frage ^   anzunehmen, die dahin lautete: Wie haben wir uns die Thatsache

3    zu erklärcn, dass die anatomische Anlage eines Ganglions mit seinen y   nervôsen Anhangen die Eigenschaft hat, die nervûsen Erregungen

2    in die passenden Kanale zu leiten? Es ist eioe Thatsache von i   tagiicher Erfahrung, dass „Übung den Meister macht« Dies be-1   deutet lediglich, dass die Zusammenwirkung von Muskelbewegungen, i    welche von diesem oder jenem Nervencentrum beherrscht werdcn, 3j    um so leichter vor sich gehen, je häufiger sie bereits Gelegenheit |   hatten zu funktionieren; was wiederum nur sagen will, dass die in *    dem Nervencentrum vor sich gehenden Entladungen immer sichrer

f ihren Weg durch diejenigen Kanale oder Nervenfasern nehmen, welche durch Gebrauch immer durchgangiger geworden sind. Dies geht so weit, dass wenn eine kombinierte Muskelbewegung

4    mit hinreichender Haufigkeit stattgefunden hat, sie durch keine t Anstrengung des Willens mehr auseinander gerissen werden kau», f wie wir dies z. B. bei den gemeinschaftlichen Bewegungen des I Augapfels sehen, welche erst einige Tage nach der Geburt be-| ginnen, bald aber so sichere und untrennbare Bewegungskombi-8 nationen darstellen, wie sie nur irgendwo an den ExtremitStsmusketn | heobachtet werden kënnen.*)

I             Wenn dies nun schon wahrend des Lebens eines fndividuums

j vorkommt, so kann es uns nicht wunder nehmen, dass im Leben der Art die Vererbung, in Gemeinschaft mit der naturtichen Zucht-; wahl, die zur Ausführung der nütztichsten, d. h. gewohntesten j Thatigkeiten vorhandene anatomische Anlage der Ganglien mit

') Darwin lenkte hier meine Aufmerksamkeit auf die folgendd Stelle bei Lanmck (Zooll Philosophie, deut~che Ausg. HI. Teil, S. ~18): "Bei jeder Tätigkeit erleidet das Fluid«,» der Nerven, welchM sie hervorruft, eine | Ortsbenegung. WW diese Tätigkeit nun ôfter wiederholt, so unterliegt \ es keinem Zweifel, dais das Fhridum, welches sie ausführte, sich einen » Weg gebahnt hat, den es dann um so leichter durchlaufen kann, je hâufiger i es ihn <choa durchmessen hat, und daM es ihm naher liegt, dies«« gebahnten ! Wege zu folgen, ais andren, die es weniger <ind.«

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ihren Nervigen immer vollster ausbiiden. So kommen wir leicht«, der Einsicht, dass ein derartiger Nemnmechanismus sich schliesslich zu spezielle», anatomischen Bildungen differenzieren muss, welche vermëge ihrer spezielle« Fahigkeit nur zurAuslösunggewissee Kombinationen bestimmter Muskelbewegungen hetangezogen wurden Betrachten wir nun den ganzen Proxess von dieser Seite, so wird uns das VerstKndnii der Entstehung und Entwicklung der Reflexwirkungen kaum mehr Schwierigkeiten bieten.

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Drittes KaLitel.

Die physische Orundlage des Geiates.

Bus dem bisherigen haben wir erkannt, da® der Geist eine physische Grundlage in den Funktionen des Nervensystems besitzt, d. h. dass jeder geistige Vorgang auf ein ent-sprechendes Âquivalent in irgend einem Nervenprobe zuruckgeführt werden kann. Wie Renau dieses Âquivatent ist, werde ich nun zunachst zu xeigen versuchen.

Wir haben gesehen, dass diese Tätigkeit der Ganglien in den wellenartigen Fortbewegungen nervëser Erregungen besteht, welche in den Zellen entstchen, von da längs der dazu gehCrigen Neïvenfäden zu andern Zellen verlaufen und dort neue AnstSsse ahnlicher Art auslösen. Wir haben ferner erfahren, dass dieser Lauf nervôser Impulse durch die Nervenbogen nicht etwa verwirrt durcheinander geht, sondern dass er, der anatomischen Anlage des Ganglions gemass, in bestimmten Richtungen stattfindet, so dass das Resultat, wenn es in Muskelbewegungen zum Vorschein kommt, uns die Funktion eines Gangtions als eine centralisierende Nervenaktion erkennen lasst, welche die nervosen Erregungen in bestimmte Kanäle leitet. Schliesslich überzeugten wir uns, dass jene dirigierende oder centraUsierende Funktion der Ganglien in allen Fällen dem Gesetze der Obung und der natürtichen Züchtung ihr Dasein verdankt. Nun ist es sowohl durch Experimente an niederen Tieren, aïs auch aus den Folgen von Gelurnkrankheiten beim Menschen bekannt, dass derjenige Teil des Nervensystems, welcher bei der grossen Klasse der Wirbeltiere bei alleu Geistes-thätigkeiten ausschliesslich beteiligt erscheint, von den Hemispharen

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des sogenannten grossen Gehirns gebildet wird. Es ist dies der f mit Wulsten (^n) versehene Teil des Gehirns, welcher unmittelbar t" unter der Schgdeldecke und über den Ganglien der Nervencentren, wetche mit dem obem Ende des Ruckenmarks zusammenhängen, liegt. Da nun unzweifethaft ein Teil der ungeheuren Menge von Zellen und Nervenfasern, welche die Hirnhemispharen bilden, in Verbindung mit diesen Ganglien stehen, so kônnte man sagen, dass die Hemispharen auf letzteren, wie auf ebenso vielen Mechanismen, deren Funktion es ist, diese oder jene Gruppe von U Muskeln in Tätigkeit zu setzen, zu „spielen« wissen. Gerade in l" neuesterZeitwurde durch dieUntersuchungen von Hitzi,, Fritsch, Ferrier, Goltz u. a. viel Licht über diesen Gegenstand verbreitet; wir mQssen aber daruber hinweg und zur Betrachtung der Funktion jener grossen Nervencentren übergehen, mit denen wir es von jetzt ab ausschliessuch zu thun haben werden, der Funktion namiich, welche in den Erscheinungen des Geistes ihren Ausdruck findet.

Ua die Gehirnhemisphären ihrem mikroskopischen Bau nach im allgemeinen ziemlich genau den Ganglien gleichen, so liegt kein Grund vor, daran zu zwcifeln, dass auch die Art und Weise ihrer Wirksamkeit im wesentlichen mit der der letzteren identisch ist; da nun diese Wirksamkeit bei den ersteren von den Erscheinungen der Subjektivität begleitet ist, so liegt die Annahme sehr nahe, dass Spiegelbilder dieser Erscheinungen sich auch in der Ganglien. thatigkeit wiederfinden werden. Sehen wir nun zu, ob wir nicht bei diesen Widerspiegelungen einige Grundprinzipien geistiger Thatigkeit entdecken kônnen, we!che eine unverkennbare Ober-einstimmung in dem Thatigkeitsmodus der Ganglien und Grosshirn-hemisphSren verraten.

Ein sehr wesentticher Bestandtell der Geistesthatigkeit ist das Gedächtnis, welches man als die mditb am qm mm allen geistigenLebensbezeichnen könnte. Nun bedeutet Gedachtnis, physio-logisch genommen, doch nur, dass eine nervose Entladung, welche einmal in einer gewissen Richtung stattgefunden, eine gewisse, mehr oder weniger bleibende molekulare Veranderung zuruckgelassen hat, so dass, wenn spater eine andere Entladung in derselben Richtung erfolgt, sie sozusagen die Fussspuren der fruheren bereits vorfindet.

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Wie wir gesehen haben, stimmt dies ganz mit dem überein, was wir im grossen Ganzen aïs das Wesen der Ganglienthatigkeit erkannten. Lange bevor zusammenwirkende Muskelbewegungen mit hinreichender Hâufigkeit wiederholt wurden, um zu einer orga-nisierten und unauflôslich befestigten Thätigkeit zu werden, mussten sic kraft des Gesetzes, welches ich das der Obung nenne, nach und nach die Fahigkeit zu Wiederholungen ausbitden. Ohne das Vorhandensein irgend eines besondern geistigen Bestandteils er-innert sich das betreffende Nervencentrum des frUheren Vorgangs seiner eignen Entladungen. Diese Entladungen hinterliessen aber einen Eindruck auf die Struktur des Ganglions, und -.war von ganz derselben Art, wie wenn er in der Hirnhemisphare stattgefunden hatte, wo wir ihn in seiner Widerspiegelung als einen Gedachtniseindruck wahrgenommen haben wUrden. Diese Obereinstimmung ist viel zu stark, als dass es ertaubt ware, sie für einen blossen Zufall zu halten, zumal sie sich auf alle Einzelheiten er. streckt. So z. 13. kann ein Ganglion seine frühere Thätigkeit vergesse,, wenn ein längererZeitraum zwischendenWiederholungen derselben verstrichen ist, wie jedermann wissen wird, der ein Instrument zu spielen oder sonst eine Übung oder Geschicklichkeit erfordernde Beschäftigung auszufuhren pflegt. Man kann auch beobachten, dass in solchen Fällen die vom Ganglion vergessene Geschicklichkeit leichter wieder von neuem erlangt wird,v ats sie ursprüngtich erworben wurde, ganz wie bei geistigen Etrungenschaften. Zur Illustration dieser Thatsachen will ich einige Fälle anführen, die zugleich darthun werden, von wie geringem Wert, objektiv betrachtet, das Bewußtsein fUr das Gedachtnis eines Ganglions ist.

Robett Houdnn hatte sich in seiner Jugend eine gewisse Geschicklichkeit im Ballspiel erworben, so dass er nach einem Monat imstande war, vier Bälle zugleich aufzufangen. Sein Nerven-und Muskelmechanismus war für dieses Spiet so gut abgerichtet und erinnerte sich so sicher der Art und Weise desselben, dass er seine Aufmerksamkeit soweit davon ablenken konnte, um wahrend des Auffangens der vier Balle noch ein Uuch tu lesen. Dreißig jahre spater, wihrend welcher Zeit er kaum einmal die Balle

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berührt hatte, versuchte er sich in derselben Obung und fand, dass er noch immer lesen konnte, wahrend er drei Bälle auffing; die betreffenden Ganglien hatten ihre Aufgabe also zum Teil war ver. gessen, erinnerten sich aber derselben im grossen und ganzen doch noch sehr wohl. Ferner teilt Lewes einen Fall mit, wonach der Kellner in einem Kaffeehause beim lautesten Geräusch um sich herum zu schlafen vermochte, bei dem leisesten Ruf "Kellner" aber sofort erwachte. Dr. Abercrombie berichtet von einem Manne, welcher eine lange Zeit hindurch die Gewohnheit hatte, eine Repetieruhr vom Kopfende seines Bettes zu nehmen, um sie die letzte Stunde schlagen zu lassen, und der diese Übung fort. setzte, nachdem er infolge eines Schlaganfalls anscheinend das Bewusstsein ganztich ver!oren hatte. Die merkwurdigxten aller Falle bilden aber die einem jeden bekannten Obungen des Gehens und Sprechens. Wenn wir die unermessliche Summe von Koordinationen der Nerven- und Muskelthätigkeiien, welche zur Aurführung einer jeden dieser Thâtigkelten erforderlich sind, bedenken, sowie die muhsamen, stufenweisen Versuche, mittelst deren wir sie in frühester Kindheit erlangten, so ist es wirklich erstaunlich, dass sie in spateren Jahren ohne geistiges Nachdenken so gut vollbracht werden kënnen; die Ganglien haben ihre Aufgabe in der That auch in diesem Falle ganz ausgezeichnet erlernt

Das Gedachtnis ware nun aber eine ziemlich nutzlose Fahig. keit, wenn es nicht die Grundlage zu einem andern und zwar dem wichtigsten Prinzip der Subjektivitât legte; ich meine zur Ideen-verbindu.g. Dieselbe bildet sozusagen die Wurzel und den Stamm der gesamten psychologischen Struktur und wir mussen darum, wenn der Geist eine physische Grundlage besitzt, einen allgemeinen Grundzug der Ganglienthatigkeit zu finden erwarten, der diesem so wichtigen Prinzipe geistiger Thatigkeit im wesentlichen entspricht. Ich zweifle auch nicht, dass wir ihn finden werden.

Die Ideenverbindung ist nam!ich nichts andres, ais eine Weiter-entwicklung des geistigen Gedachtnisses. Ein geistiger Eindruck, sei es ein Bild, eine Erinnerung, eine Idee oder dgl., welch« einmal an der Seite eines andern erschienen ist, stellt mit dem

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letzteren nicht mir schlechthin mei Erinnerung«, für das Ge-dachtnis, sondern auch die Thatncfae ihres Nebeneinanders dar, so dass, wenn die eine Idee von neuem heraufsteigt, auch die andre wieder erscheint. Es liegt uns nun ob, eine Erklärung fur dieses wichtige psychologische Prinzip zu finden und zwar an der Hand seines physiologischen Korrelats, Es unterliegt keinem Zweifel, dass bei dem verwickelten organischen Bau der Hirnhemispharen die cinzelnen Bestandteile derselben, die Nervenzellen und Fasern, untereinander auf das mannigfaltigste zusammenhangen. Ferner konnen wir uns der Annahme nicht verschliessen, dass Gedanken-prozesse von nervSsen Entladungen begleitet sind, die bald in dicsem, bald in jenem Nervenbogen erfolgen, jenachdem die Nerven. zcllen in ihnen den Anreiz dazu durch entsprechende Vorgange von anderen, mit ihnen in VerbindungstehendenBogen aus empfangen. Auch ist, wie wir bereits gesehen haben, mit Sicherheit anzunehmen, dass, je häufiger eine nervöse Entladung durch eine gegebene Gruppe von Nervenabschnitten stattfindet, die folgenden um so leichter in derselben Richtung erfolgen kônnen, da die betreffenden Wege auf die oben geschilderte Weise immer gangbarer ftlr sie wurden. Ein kurzes Nachdenken wird uns nun erkennen lassen, dass wir in diesem physiologischen Prinzip die objektive Seite des psychologischen Prinzips der Ideenverbindung vor uns haben. Denn offenbar wird eine Reihe von Entladungen, die durch eine und dieselbe Gruppe von Nervenahschnitten stattfindet, stets von der. selben Ideenreihe begleitet sein; desgleichen wird eine Reihe von vorgangigen Entladungen, welche den von ihr eingeschtagenen Weg gangbar macht, zur Fotge haben, dass spNtere, von demselben Punkt ausgehende auch denselben Weg einschlagen. Hieraus folgt, dass die Leichtigkeit, mit der sich Ideen in derselben Reihenfolge xu wiederholen pflegen, in welcher sie anfängiich auftraten, nur ein psychologischer Ausdruck fur die physiologische Thatsache ist, dass Entladungslinien durch Ubung immer leichter zug&nglich

So finden wir denn, dass eines der wesentlichsten physiologischen Prinzipien, die Meenverbindung, nur die Widerspiegelung des so wichtigen neurologischen Prinzips der Reflexwirkung ist. Der untrug-

Bomanoi, Entwicklung de« Golrto».                                                   3

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liche Beweis für dièse Thatsache Hegt schon in den angeführten Beispielen von Dr. Abercrombies bewusstlosem Patienten, vom schlafenden Kellner u. s. w, denn solche Fälle beweisen, da» Tätigketten, die anfänglich eiûer bewussten Ideenverbindung angehoren, durch eine hinlängtich lange Erziehung der Ganglien aufhören, bewusste Thatigkeiten tu sein und von da ab in keiner Weise von Reflexwirkungen zu unterscheiden sind.')

Der Beweis für die tiefgehende Verwandtschaft zwischen gangliöser und geistiger Tätigkeit ~ndet noch nicht einmal hier. Es gibt noch eine andere Reihe von Zeugnissen dafür, die, obwohl sie vielleicht nicht ganz so bestimmt lauten, nichts desto. weniger zwingend und dabei vielleicht noch interessanter sein dürften, wie die bereits angeführten. Wenn wir Ideenbildung in demselben Sinne für das Anzeichen eines hOheren oder zusammengesetzteren Nervenprozesses nehmen, wie eine Muskelbewegung mehr oder weniger zusammengesetzt crscheint, so sind wir auch vo!lst&ndig zu der Annahme berechtigt, dass die Ideation oder die Entfaltung des Geistes mit dem entsprechenden Nervenprozesse parallel laufen muss, was im Grunde derselbe Vorgang ist, der von den niederen Stufen der Muskelbewegung aus allmählich xur Entwicklung hochkombinierter Koordinationen geführt . hat. Mit andern Worten, wenn wir statt Muskeln Ideen setzen dür(en, so werden wir finden, dass die Art und Weise der Nervenentwicklung in beiden Fallen durchaus Ubereinstimmend war,- wir werden uns überzeugen, dass die stufenweise Ausbildung der NervOsen Strukturen, die von der einen Seite ihren Ausdruck in der wachsenden Kompliziertheit des Muskelsystems iand, von der andern in den fortschreitenden Phasen der geistigen Entwicklung widergespiegett wird.

*) Eto passendee Beispiet dafür liegt auch in der. Thatsache, dass «in Mann stets die Kniee tusammenschlagt, um einee Menden kleinen Gegen. stand, wie z. B. eine MBnze auffangen, wthrend «int Frau in diesem Falle ihre Kaiee auseinanderspreizt. Der Grund ist natarlieh der, dass die Verschieden-heit in der Kleidung au einer Vetschiedenheit der Gewohnheit geführt hat, dit ihren Urtprung einer geistigen Vorkehrung vefdankt, nun aber kaum noch von einem Reflexe sn cnterscheiden ist.

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Es klingt ohne Zweifel absurd und ist es auch, von rein philosophiichem Standpunkt betrachtet, in der That, wenn wir von Ideen als psychologischen Âquivalenten von Muskeln sprechen, denn soweit uns die subjektive Untersuchung belehrt, scheint eine Idee keine nahere Verwandtschaft mit einem Muskel zu zeigen, aIs mit einem Steine oder mit dem Monde. Wenn wir aber die Sache rein von der objektiven Seite betrachten, so erkennen wir die Verwandtschaff sogar als eine sehr »die; halten wir nun daran fest, dass ein und dieselbe Idee ausschliesslich und immer durch dieTh9tigkeit einer und derselben Struktur oder einer Gruppe von Zellen und Fasern hervorgerufen wird, so folgt daraus, dass eine bestimmte geistige Veranderung einer Muskelkontraktion insofern gleicht, als beide das Endrcsultat der Thatigkeit einer bestimmten nervôsen Struktur sind. Die Ungereimtheit, welche im Vergleiche einer geistigen Veranderung mit einer Muskelkontraktion liegt, ent. springt in sehr natürlicher Weise aus dem auffallenden Unterschiede, den wir stets zwischen geistigen und dpamischen Vorgangen wahrnehmen. Die Physiologie, welche es nur mit den dynamischen Vorgangen zu thun hat, kann keine Notiz von den Vorgangen auf geistigem Gebiete nehmen, sie kann den Nerventätigkeiten folgen, die zu kombinierten Muskelbewegungen von immer grosserer Verwicklung führen, je hôher wir xu immer ausgebildeteren Mechanismen aufsteigen; aber wenn wir bis zum Gehirn des Menschen gelangen, so hërt die Physiologie auf, sich mit der geistigen Seite der Nervenprozesse zu^ beschäftigen. Ailes was die Physiologie hier sehen kann, ist das bedeutend verbesserte Unterseheidungsvermôgen zwischen Reizen, sowie die Entstehung von Impulsen zu einer entsprechend grSsseren Zabl und Verschiedenheit von ange-passten Bewegungen, während die geistigen Veranderungen, welche diese Nervenprozesse begleiten, so ganziich ausser dem Bereich der Physiologie stehen, wie jene Nervenprozesse ausserhalb der Subjektivitäta Deshalb fühlen wir in der Aufstellung einer Idee als Analogon eines Muskels eine Ungereimtheit, weil hier zwei Dinge zusammengeworfen werden, welche durch die ganze breite Kluft zwischen Subjekt und Objekt von einander getrennt sind. Obwohl wir nun, wie gesagt, das Unpassende dieses behaupteten

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Analogons f!ih!en, brauchen wir doch nicht zu fUrchten, du» wir uns damit eines widersinnigen Gedankens schuldig gemacht hatten, denn jenes Analogon fasse ich nur in dem Sinne auf, dass beide, die Idee wie die Muskelkontraktion, unabSnderlich den Schlussefîekt einer Nerventhgtigkeit bilden. Wenn wir uns mit dieser Analogie begnügen, so halten wir uns sicher von dem Vorwurf frei, nicht Zusammengehöriges untereinander zu werfen.

Nach dieser einleitcnden Erklärung Übst «sich nun vollgültig beweisen, dass wir durch das game Tierreich hindurch, so lange wir das Musketsystem als eine Art Register der strukturellen Fort-schritte im Nervensystem festhalten, diesen Index in der wachsen-den Kompliziertheit des Muskelsystems und der daraus folgenden Anzahl und Mannigfaltigkeit der koordinierten Bevegungen, welche dieses System auszufuhren imstande ist, wiederfinden.

Der von mir angestrebte Beweis ware demnach geliefert, wenn ich klar zu machen verstünde, dass der geistige Entwicklung«. prozess eine solche Ûbereinstimmung mit dem muskularen in sich tragt) wie wir es erwarten mussen, wenn beide auf einem uber-einstimmenden nervosen Entwicktungsprozess beruhen. Ich habe, mit andern Worten, zu zeigen, dass der geistige Entwicklung prozess im wesentlichen atf einer fortschreitenden Koordination von immer hoher entwickelten geistigen Fahigkeiten beruht, analog dem, was wir bei Muskelbewegungen beobachten.

Wenn wir mit der einfachen Empfindung beginnen, so wissen wir, dass wenn ein musikalischer Ton angeschtagen wird, er eine einzelne Schwingung zu reprSsentieren scheint; indessen zeigt uns eine physikalische Untersuchung, dass der Ton nicht aus einer einzelnen Schwingung, sondern aus einem hoch komplizierten Ge-füge solcher besteht, welche das Ohr mittelst eben so vieler besondrer Nervenelemente aufnimmt; sie werden jedoch samtlich zu einer einzigen Empfindung zusammengefaßt, so dass deren Zeugnis allein uns niemals zu der Vermutung einer zusammengesetzten Empfindung geführt hätte.

Dasselbe gilt fUr die Empfindungen von Farbe, Geschmack und Geruch, so dass Lewes sich zu dem Ausspruche berechtigt hilt: „Jede Empfindung besteht aus einer Gruppe empfindender

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Bestandteile.)*) Indem er aber den Gegenstand, wie ich es thue, von der physiologischen Seite betrachtet, sagt ef weiter und ganz allgemein: "Die Hauptthatsache, auf welcher unsre Darlegung beruht, ist unbestreitba,, namiich dass Emptindungen, Wahrnehmungen, GemUtsbewegungen und Vorstellungen nicht einfache, unzerlegbare, sondern im Gegenteil sehr verschiedenartig zusammengesetzte Zu-I stande s:nd."

Ich will diese Untersuchung nicht durch alle Stufen psychotogischer MSglichkeiten verfolgen, sondern mich nur darauf beschrânken, zu zeigen, dass die geistige Entwicklung in ihrem weitesten Sinne, von der einfachen Erinnerung an eine Empfindung bis zum zusammengesetztesten, abstrakten Gedankenprozesse, stets und überall eine Gruppierung und Kombination subjektiver Elementc darstellt, die in ihrer objektiven Widerspiegelung dieselbe Art nervôser Entwicklung zeigen, wie sie in den niederen Ganglien herrscht und in der Muskelkoordination zum Ausdrucke kommt.

Bain bemerkt: „Hâufig verbundene Bewegungen werden zu gemeinschaftlichen oder gruppierten, so dass sie auf einen Wink gemeinsam auftreten. Setzen wir die Fahigkeit des Gehens und der Rotation der Glieder voraus, so konnen wir uns den Schritt mit dem Auswartssetxen der Fussspitze kombiniert denken. Zwei Willensakte sind zu diesem Vorgange ursprünglich erforderiich; nach einiger Zeit aber verbindet sich die Drehung des Fusses mit der Bewegung des Gehens und beide wirken ganz setbstverständlich und naturlich zusammen, wenn wir sie nicht durch einen neuen Wülensakt zu trennen belieben . . . Artikuliertes Sprechen cr-läutert uns am deutlichsten die Vereinigung von Muskelbewegungen und Muskelstellungen. Ein Zusammenwirken von Brust, Kehlkopf, Zunge und Mund in einer bestimmten Gruppierung ihrer Aktionen ist für jeden Buchstaben des Alphabets erforderiich. Dièse Gruppierung, anf3nglich unmôglich, wird mit der Zeit mit aller Genauigkeit des starksten Instinkts befestigt."

Ganz analog dieser Verbindung einzelner Muskelbewegungen zu einer einzigen gemeinsamen und zusammengesetzten Bewegung,

>) Lew«,, problems etc. S. 260.

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ist die Verschmelzung mehrerer einzelner Ideen zu einer zusammen-gesetzten. Genau wie Muskelkoordination abhangig ist von der gleichzeitigen Thatigkeit einer bestimmten Gruppe von Nerven-centren, so mUssen wir auch voraussetzen, dass eine allgemeine oder zusammengesetzte Idee auf der gleichzeitigen Thatigkeii einer Reihe von Nervencentren beruht. Die psychologischh Seite dieses Vorganges hat James Mill so vollkommen zum Ausdruck gebracht, dass ich am besten seine eigenen Worte folgen lasse: „Ideen, die oit verbunden auftreten, so dass, wenn die eine im Geiste auftaucht, auch die andere an ihrer Seite erscheintt scheinen ineinander überzugehen, zusammenzuwachsen und eine einzige au bilden, welche, wenn auch in Wirklichkeii zusammengesetzt, uns ebenso einfach vorkommtt als irgend eine der sie zusammensetzenden Ideen..... Das Wort „Go!d" z. B. oder das Wort „Eisen"

scheint eine ebenso einfache Idee auszudrûcken, wie das Wort „Farbe" oder das Wort „Ton". Und doch ist offenbar die Idee eines jeden dieser Metalle aus den einzelnen Ideen verschiedener Empfindungee entstanden, wie: Farbe, Harte, Ausdehnung, Gewicht. Diese Ideen zeigen sich jedoch in ciner so innigen Verbindung, dass sie bestandig für eine einzelne geltent nicht fUr mehrere. Wir sprechen von unsrer Idee vom Eisen, unsrcr Idee vom Gold, und dem Nachdenkenden gelingt es nur mit einer gewissen An-strengung die Zerlegung ausxuführen.. Das Gleiche ist natürlich der Fall mit den hôchst komplizierten Ideen, jedoch mit dem Unterschiede, dass mit der Kompliziertheit derselben auch die Schwierigkeit wächst, ihre nötige Zusammenstellung zu sichern, wogegen sie um so leichter dem Zerfalle unterliegen. So kommt es, dass nach Herbert Spencer bei der Entwicklung des Geistes eine fortschreitende Konsolidierung von Bewusstheitszuständen eintritt. Zustande, die einst getrennt waren, werden nun unauflöslich mitein-ander verbunden; andere, die ursprünglich nut schwer untereinander in Verbindung traten, zeigen jetzt einen solchen Zusammenhang, dass sie ohne Schwierigkeii aufeinander folgen. Auf diese Weise entstehen grosse Aggregate von Zustanden, welche zusammengesetzten Aussendingen entsprechen, wie Tieren, Menschen, Htusern, und die so zusammengesshweisst sind, dass sie in Wirklichkeii nur noch

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einen einzigen Zustand bilde, Diese Integratton aber obwohl sie eine grosse Anzahl von aufeinander bezogenen Empfindungen zu einem Zustande vereinigtt hebt dieselben doch nicht ganz auf; obwohl aïs Teile einem Ganzen untergeordnet, bleiben sie doch noch als solche bestehen.')

Wie nun das Prinzip der Meenassoziaton nicht nur mit Bezug auf die gleichzeitige Verbindung einzeiner Ideen n eine zusammengesetzte, -dem auch mit Besag auf die Aufeinànder folge und die Verkettung derselben gilt, so erwerben wir auch mifder muskularen Koordinatton nicht nur die Fahigkeit eines Meichzeitigen Zusammenwirkens von Muskelgruppen, sondern auch diejenige eines successiven Zusammenwirkens derselben. Hierzu emerkt Prof. Bai«; ,Bei allen Handferttgkeiten treten so fest verbundenc Aufeinanderfolgen von Bewegungen auf, dass wenn wir die erste ausgefuhrt haben, die übrigen mechaniich und unbewußt nachfolgen. Beim Essen erfolgt die Öffnung des Mundes

Kanz mechanisch auf die Erhebung des Bissens..... Ob.

wohl das Erlernen einer bestimmten Aufeinanderfolge von Bewegungee im Anfange das Medium der Empfindung erfordert, massen wir doch annehmen, dass in dem Système die Fahigkcit liegt, die Bewegungen als solche miteinander zu verbinden." In Ah* icönntf L sogar hinzufügenn dass hier eine Fahigkeit vorhanden sei, welche schon lange vor dem Auftauchen irgend einer Fahigkeit des „Wollen*« zum Ausdruck kommt, es gilt so wt fur den Polypen, wie fiir den Menschen, dass "beim Essen t Öffnung des Mundes mechanisch auf die Erhebung des

^Lffe'irifft gleicherweise die hochsten und abstraktesten Fähigkeiten, denn AbLkuon besagt nichts anderes, als die geistfge Abtrennung der Quatitaten von Objekten, und auf höherer Stufe die Verschmelzung dieser Qualitgten oder ihrer Auffassungee zu neuen idealen Kombinationen.

Schliesslich werden ebenso unzählige wie spezielle Mechanismen von Muskel-Koordinationene sowie auch unzählige spezielle

d«r Psychologie. I. S. 498.

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tdeenverbindungen unxweifelhaft vererbt, und im einen wie im andern Falle steht die Kraft der organisch bcfestigten Verbindung in direktem Verhältnis zur Haufigkeit, mit der sie in der Geschichte der Art standfand. So kOnnen also wohl die einfachsten, ältesten und bestandigsten Ideen nach Zeit, Raum, Zaht, Aufeinanderfolge u. s. w. in Bezug auf ihre organische Vollgültigkeit mit den ältesten und unauflöslichst verbundenen Muskelbewegungen, beim Atmen, Schlucken u. s. w„ verglichen werden. Andrerseits besitzen ererbte Instinkte ihre SeitenstUcke in soichen Muskelkoordinationen, die noch nicht ganz unauflöstich miteinander verbunden sind. Auf dieselbe Weise erfordern Ideenverbindungen, die erst wâhrend der Lebenszeit des Individuums erworben wurden, zu ihrem Bestande mehr oder weniger hauiiger Wiederholungen, gerade wie auch auf àhnliche Weise erworbene Muskelkoordinationen nur durch Obung behauptet werden kônnen.

Im grossen und ganzen kann also kaum ein genauerer Parallelismus zwischen den beiden Manifestationen des Nervenmcchanismus gedacht werden, und dabei ist es ein solcher, der zu seiner Erkennung im allgemeineu einer wissenschaftlichen Untersuchung gar nicht bedarf; er wird vom gesunden Menschenverstande untrüglich wahrgenommen, wie.z. B. der Ausdruck „Gymnastik" be-weist, der sowohl auf geistige, wie auf muskulare Koordinationen Anwendung findet. Im Interesse der systematischen Vollstandigkeii i wil ich diese Auseinandersetzung mit der kurzen Hinweisung darauf * «Mienen, dass auch alle pathologischen StOrungen, welche in den die MusketthStigkeiten beherrschenden Nervencentren stattfindcn, ihre Parallele in denjenigen Centren finden, welche bei Geistesthatig-keiten beteiligt sind. So zieht z. B. die Nervosität, d. i. die StOrung des normalen Gteichgewichts in den Nervencentren, einen auffallend analogen Zustand in der Verwirrung der Ideen, wie in der Verwirrung der Muskelkoordinationen nach sich. Idiotismus besitzt seine Parallele in der Unfahigkeit zur Hervorbringung kom-plizierter Muskelbewegungen, mit welcher er sich fast unabanderlich verbunden findet. Geistesgestörtheit hat ihr Seitenstück in einer unvollkommnen und ungeregelten Fahigkeit zu Muskelkoordinationen, welche in einem noch hOheren Grad dem Arzte als

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"Ataxie" bekannt ist, wahrcnd Manie cine geistige Konvulsion dar. stellt und Bewußtlosigkeit eine geistige Paralyse.

Ich mochte diesen Gegenstand nicht verlassen, ohne noch einer Schwierigkeit Erwahnung zu thun, wetche gewiss manchem aufstoßen wird. Sie entsteht aus dem Mangel einer ausnahmslosen Wechsetbeziehung zwischen dem Umfang oder der Masse des Hirns und dem Grade der von ihm entfatteten Intelligenz, wie wir sie nach der vorstehenden Darlegung doch wohl erwarten durften. Nun will ich nicht leugnen, dass die Beziehung zwischen Intelligenz und Umfhng, Masse oder Cewieht des Gchirns uns allerdings cixigermassen in Verlegenheit setzen kann, wenn wir das Tierreich im grossen und ganxen betrachten; denn obwohl unstreitig eine allgemeine Beziehung in quantitativer Richtung besteht, so besteht sie doch nicht ausnahmslos. Selbst innerhalb der Grenxen der Menschenspecies ist diese Benehung nieht in dem Grade xutreffend, wie sic gewohntich vorausgesetxt wird; denn abgesehen von einzelnen Fällen, finden wit bei Mannern von hervorragender Gcniatitat nicht immer ein besonders grosses oder schweres Gehirni der entgegengesetzte Fall trifft in dieser Beziehung sogar vielleicht ôfter zu, dass namiich geistessehwache Personen ein grosses und anscheinend gut geformtes Gehirn besitecn. Ich schutde Herrn Dr. Fr. Batemann einen Hinweis auf die Beobachtungen Dr. Mierzejewskis, die bei Gelegenheit des internationaten Psychologen-Kongresses zu Paris im Jahre 1878 veröffentlicht wurden. Diese, wie es scheint, sehr sorgfältigen Beobachtungen weisen an ausgestellten Hirnabgussen nach, dass Idiotismus sehr wohl vereinbar mit einem scheinbar gut entwickelten Gehirn ist, da in einem Falle sogar die graue Substanz "enorm" entwickelt war.

Wenn wir das Tierreich ins Auge fassen, so tritt es noch scharfer hervor, dass der blosse Betrag an Gehirnsubstanz nur cin sehr ungewisses Anzeichen fUr den Umfang der Intelligenz abgibt, die das Tier besitzt. Dies ist selbst der Fall, wenn wir von der weiteren Schwierigkeit absehen, welche durch den Unterschied im Verhältnis zwischen Gehirnmasse und Kërpermasse bei viclen Tieren, bedingt wird. Kleine Tiere erfordern eine verhältnismassig grdssere

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Himmasse, als grosse, da ihr Nervenmechanismus, welcher die Bewegungen und das Zusammenwirken der Muskeln beherrschtt hier wie dort den letzteren angepaßt werden musste. Diese Schwierigkeii erscheint Ubrigens teilweise beseitigt, wenn wir die merkwürdige Intelligen, mancher kleinen Tiere, wie , B. der Ameisen, in Betracht ziehen. Wie Darwin bemerkt, verdient das Gehirn eines solchen Insekts für das grosste Schôpfungswunder der Welt angesehen zu werden.

Weil nun diese ganzc Frage bezüglich des Verhältnisses zwischen der Masse des Gehirns und dem Grade der Intelligen, als eine Schwierigkeit im Wege der Entwicklungstheorie betrachtet werden muss, so mëchte ich noch einige bezügliche Bemerkungen hinzufügen.

Vor allem ist es unzweifelhaftf dass im grossen und ganzen ein Verhaltnis zwischen der Grosse des Gehirns und dem Grade der Intelligenz, sowohl beim Menschen wie bei Tieren, allerdings besteht. Wir haben es daher nur mit speziellen Ausnahmen von dieser Regel zu thun, wobei wir nicht unberücksichtigt lassen dürfen, dass ausser der Grosse oder der Masse des Gehirns auch noch ein andrer, nicht minder wichtiger Faktor in die Berechnung gezogen werden muss: namtich der feinere organische Bau, bezw. die Kompliziertheii desselben. Nun wissen wir aber in der That noch so wenig von den Beziehungen der Intelligenz zur Nervenstruktur, dass ich es nicht fur berechtigt halte, von vornherein eine bindende

wissen, dass im allgemeinen die Masse j>ks Struktur des Gehirns massgebend fUr den Grad der Intelligenz ist, so wissen wir doch nicht, inwieweii der zweite Faktor etwa auf Kosten des ersteren vergrossert werden kann. Mit Rücksicht auf die blosse Kompliziertheit oder das mutom m parva mëchte ich indessen annehmen, dass in dieser Beziehung das Hirn einer Ameise bewundernswerter ist als das Ei eines menschlichen Wesens. Fs liegt sonach aller Grund zur Annahme vor, dass die Gehimstruktur ein ebenso wichtiger Faktor zur Bestimmung des geistigen Entwicklungsgrades ist, wie die Gehimmasse. Durch die ganze Reihe der Wirbeltiere

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bieten die Windungen des Gehirns, die als ein ungefährer Ausdruck für die mehr oder weniger feine Kompliziertheit der Ge-himstruktur gelten kônnen, einen sehr guten Anhaltepunkt für den erreichten Grad der Intelligenz wghrend bezügtich der Ameiseu Dujardnn bemerkt, dass derselbe bei ihnen im umgekehrten Ver-hältnis zu dem Betrag der Rindensubstanz und im direkten Ver. hältnis zu den gestielten Kôrpern und Knoten stehe. Nach diesen Erwägungen glaube ich nicht, dass die vorausgesetxte Schwierigkeit, deren Erwahnung ich für wUnschenswert hielt, von wesent-Hoher Bedeutung ist

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Viertes Kapitel.

Die Gruadprinaipien des Geiates.

|bwoh! die Erscheinungen des Geistes, ebenso wie die der Wahl, sehr kompliziert und ihre Entstehungsursachen noch unklar sind, so haben wir uns doch davon überzeuet, dass wir berechtigt sind, ihnen eine physische Bask zu geben.

Welche Meinung wir daher auch hinsichttich der innersten Natur dieser Erscheinungen hegen mogen: angesichts der bekannten Thatsachen der Psychologie müssen wir mindestens zugeben, dass die geistigenVorgSnge, welche wir als subjektivannehmen, die physischen Âquiva)entc von Nervenprozessen sind, deren Objektivität nicht bezweifeit werden kann. Dabei kommt es nicht darauf an, ob wir mit den Materiatisten diese Thatsache ats Endursache ansehen, oder ob wir mit Anhangern andrer Anschauungen für sie noch eine weiter zurücktiegende Erklärung suchen. Es genOgt, wenn wir darin übereinstimmen, dass jede zu unsrer Erfahrung gelangende psychische Veranderung unabandertich mit einer bestimmten physischen Ver-anderung verbunden ist, was wir auch von der Natur und Bedeutung dieser Verbindung halten môgen.

Wenn wir hiernach bei den geistigen Erscheinungen stets nach einer physischen oder, indifferenter ausgedrOckt, physiologischen Seite suchen dürfen, so habe ich noch darzulegen, was ich unter dem letzten physiologischen Prinzipe, welches dem allen zu Grunde licgt, verstehe. Auf der geistigen Seite bietet es, wie gesagt, keine Schwierigkeit, dieses letzte gemeinsame Prinzip in dem zu erkennen, was ich als „Wahl« nachgewiesen habe. Wenn wir nun das Wahl-vermogen als die unterscheidende Eigentamiichkeit eines geistigen

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Wesens ansehen, und wenn, wie wir gefunden haben, eine jede geistige Veranderung mit einer kôrperiichen verbunden ist, so folgt daraus, dass wir für jene unterscheidende EigentUmtichkeit auch nach irgend eincm physiologischen Âquivaient suchen durfen. Die Begegnung mit demselben mHssen wir aber auf einer weit niedrigeren Stufe physiotogischer Entwicklung erwarten, als sie das menschtiche Gehirn einnimmt. Nicht allein, dass die niederen Tiere in einer langen ahstcigenden Reihe ein WahlvcrmOgen besitxen, das xu einer immer grüsseren Einfachheit verbleich,, wir müssen auch voraussetzen, dass, wenn es ein physiologisches Prinzip gibt, welches die objektive Grundlage des psychologischen bildet, das erstere sich im Laufe der Entwicklung früher bemerkhar machen wird, ats das letztere. Wetcher Ansicht wir auch bezüglich des Verhältnisses von Kôrper und Geist sein mogen, es kann vom Standpunkt der Kntwicktungstehre aus keine Frage sein, dass in der historischen Aufeinanderfolge die Grundelemente der Physiologie frUherdawaren, als die der Psychologie, und wenn wir deshalb, in Ûbereinstimmung mit unsrer früheren Beweisführung, der letzteren eine physische Basis in der ersteren anweisen, so folgt daraus, dass die Prinzipien der Physiologie, welche nun die objektive Unterlage der Wahl bilden, auf alle Fälle zur Wirkung kamen, lange bevor sie genugend entwickelt waren, um als Grundlage der Psychologie zu dienen.

Nun meine ich, dass unsre ursprungtiche Erwartung sich voli-standig in einem physiologischen Prinzip realisiert findet, welches bereits sehr tief unten in der Welt der Lebewesen zu tage tritt, wenn es auch, in seiner Beziehung zur Psychologie, noch nicht die verdiente Aufmerksamkeit gewonnen hat. Ein Beispiel wird dies am raschesten klar machen. Wenn man auf eine See-Anemone, die sich an der Innenwand eines Aquariums, nahe der Wasser-Oberfläche festgesetzt hat, von oben einen Strahl Seewasser anhaltend und kräftig hinleitet, so wird sich das Tier infolge dessen in einem stark lufthaltigen Wasserstrudel befinden, an xvelchen es sich jedoch bald so gewohnt, dass es seine Tentakeln ausstreckt, gerade wie es das im ruhigen Wasser zu thun gewohnt ist. Wird nun eines dieser ausgestreckten Tentakeln mit einem harten Korper leise berührt, so «Messen sich atle andern rund um letztem

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zusammen, ganz in derselben Weise, wie {m ruhigen Wasser. Die Tentakeln sind also imstande, wischen einem Reiz, der durch den Wasserstrudel, und dem, der durch die Beruhrung mit einem festen KOrper verursacht wird, zu unterscheiden, und sie beantworten diesen letztem Reiz, obwohl er von unvergleichlich geringerer StSrke ist, als der erstere. Diese Unterscheidungsfähigkett zwischen Reizen, ohne Rücksicht auf ihre bezUgliche mechanische StSrke ist es nun, was ich für das gesuchte objektive Prinzip halte; es stellt (lie physiologische Seite der Wahl dar.

Ein ahntiches UnterscheidungsvermOgen ist bei Pflanzen schon seit langem bekannt, obwohl wir die hierher gehörigen, am sorg. fattigsten beobachteten Thatsachen erst den neueren Untersuchungen Darwins und seines Sohnes verdanken. Die ausserordentliche Feinheit der Unterscheidung zwischen den schwachsten Abstufungen von Hell und Dunkel, welche, jenen Untersuchungen zufolge, die Blätter von Pflanzen besitzen, ist nicht weniger wunderbar, als die feine Wahl, welche die Wurzeln von Pflanzen treffen, wenn sie im Boden nach Feuchtigkeit, sowie nach der Richtung des geringsten Widerstandes „umherfühlen.. Für unsre gegenwartige Frage jedoch sind die am meisten zu denken gebenden Thatsachen diejenigen, welche durch Darwins Untersuchungen uberkletternde und insektenfressende Pflanzen zu tage gefordett wurden. Danach scheint die Unterscheidungsfâhigkeit zwischen Reizen, ohne Rück-sicht auf die relative mechanische Starke oder den Umfang der mechanischen StOrung, hier so weit ausgebildet zu sein, dass sie mit der Funktion des Nervengewebes in Parallele gestellt werden kann, trotzdem jene Gewebe ihrer Struktur nach noch nicht die Stufe der einfachen Zelle uberschritten haben. So beantworten z. B. die Tentakeln der Diosera, welche sich gleich denen der See-Anemone rings um ihre Beute scßiessen, nicht die starke Reizung von Regentropfen, die auf ihre empfindliche Oberfläche oder ihre DrNsen fallen, w~hrend sie auf den leichtesten, kaum merkbaren Reiz von seiten des kleinsten Teilchens eines festen Stoffes reagieren, das durch seine Schwere einen fortdauernden Druck auf dieselbe Oberfläche ausUbt. Darwin sagt darOber: „Der durch den Teü eines Haares von 0,0008« Milligramm

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Gewicht ausgeübte Druck, aufgehaiten durch eine dichte Flüssig-keit, musste unfassbar schwach sein. Wir kOnnen annehmen, dass er kaum dem Millionstel eines Grans gteichkame und wir werden nachher sogar sehen, dass noch weit weniger als das Millionstel eines Grans Ammoniumphosphatlösung, durch eine Drüse aufgesaugt, eine Reaktion in Form von Bewegung hervorbringt......

Es ist Susserst zweifelhnft, ob ein Nerv des menschlichen Körpers, selbst im eutzündeten Zustande, auf ein solches Partikelchen, getragen durch eine dichte Flüssigkeit und leise mit den Nerven in Beruhrung gebracht, in irgend einer Weise davon affiziert wurde. Die Drüsenzellen der Drosew dagegen werden davon so gereizt, dass sie einen motorischen Impuls nach einem entfernten Punkte gelangen lassen und dadurch Bewegung hervorrufen. Es scheint mir, dass kaum irgend eine merkwürdigere Thatsache im Pflanzenreich beobachtet werden kann, als dièse." Ein andres lehrreiches Beispiel dieser Art finden wir bei einer andren insektenfressenden Pflanze, der Dionaea oder Venus-Fiiegenfalle, bei welcher sich das Prinzip der Unterscheidung zwischen verschiedenen Arten von Reizen in einer ganz entgegengesetzten Richtung wie bei der Drosera entwickelt. Denn wahrend die Drosera zur Ergreifung ihrer Beute auf die Verwicklung der letzteren in einem klebrigen Sekret ihrer Drusen angewiesen ist, schliesst sich die Dionaea über ihrer Beute mit der Plötzlichkeit einer federnden Falle; und mit Rücksicht auf diesen Unterschied im Fang ihrer Beute findet sich auch das Prinzip der Unterscheidung zwischen Reizen hier entsprechend modifiziert. Bei der Drosera ist es, wie wir gesehen haben, der durch einen anhaltenden Druck hervorgebrachte Reiz, der so empfindlich wahrgenommen wird, wâhrend der durch Stoss bewirkte unbeachtet bleibt, bei der Dionaea wird dagegen der leiseste Stoss auf die reizbare Oberflâche oder die Filamente sofort beantwortet, wahrend ein durch vergleichsweise starken Druck verursachter Reiz auf die nâmliche Oberfläche ginzlich unbeachtet bleibt. Oder in Darwins eignen Worten: ,Obgleich diese Filamente für eine momentané und zarte BerUhrung so empfindlich sind, sind sie doch für langer anhaltenden Druck bei weitem weniger empfindlich, als die Drusen der D~osera. Mehrerer^ gelang es mir mit Hilfe

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einer mit aussetster Langsamkeit bewegten Nadet Stückchea von ziemlich dickem menschlichem Haar auf die Spitze eines Filamentes zu legen, und diese regten keine Bewegung an, obschon sie mehr als zehnmal so lang waren, wie diejenigen, welche die Tentakeln der Drosera sich zu biegen veranlassten, und trotteten sie in diesem letzten Falle /.um grossen Teil von der dicken Absonderung getragen wurden. Auf der andern Seite k~nnen die Drüsen der Droscm mit einer Nadei oder irgend einem harten Gegenstandc einmal, zweimat oder selbst dreimal mit betrachtiicher Kraft ge. stossen werden und es folgt doch keine Bewegung. Dieser eigen-tUmtiche Unterschied in der Natur der Empfindlichkeit der Filamente der lUomm und der Drüsen der Drosera steht offenbar in Dexiehung zu den Lebensgewohnheiten der bciden Pflanzen. Wenn ein ausserst kleines Insekt sich mit seinen zarten Fussen auf dex Drüsen der Drosera niederlässt, so wird es von dem klebrigen Sekret gefangen und der nnbedeutende, jedoch verlangerte Druck Kibt die Anzeige von der Anwesenheit der Beute weiter, welche nun durch das langsame Biegen der Tentakeln gesichert wird. Auf der anderen Seite sind die empfindlichen Filamente der Diomea nicht klebrig und das Fangen der Insekten kann nur durch ihre Empfindtichkeit für eine augehblickliche Berührung gesichert werden, welcher das schnelleSchtiessen der Lappen fotgt.)") Wir ersehen daraus, dass bei diesen beiden Pflanzen das Unterscheidungsvermôgen zwischen den beiden Arten von Reizen zu einer gleicher-massen uberraschenden Breite, wenn auch in verschiedener Richtung, entwickelt wurde.

Wir finden aber auf einer noch tieferen Stufe der Lebewesen, wie bei den Zellenpflanzen, einen bestimmten Beweis fdr das Vorhandensein des Unterscheidungsvermogens, nämlich bei den nur aus Protoplasma bestehenden Organismen. Hierzu fHhren wir ein interessantes Beispiel nach Dr. Carpenter an: "Bei meinen neuerlichen TIefsee.Untersuchungen hat kaum ein andrer Gegenstand so ausschliesslich mein Interesse in Anspruch genommen, als folgender: Gewisse winzige Teilchen lebender Gallerte, die keinerlei

*) Darwin, In*ktenfres«mde Pflanzet. S. :6z.

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sichtbare Organ-Ëntwicktung zeigen,.... bauen sich Behausungen von ganz regetmassig symmetrischer Form und der künstlichsten

Konstruktion-------- Aus demselben sandigen Boden liest die

eine Art die grôberen Quarzkömer auf, bindet dieselben mit Eisenphosphat, das sie ihrer eignen Substanz entnehmen muss, und bildet daraus eine Art Flasche mit kurzem Halse und einer einzigen Kranen Offnung. Eine andre Art nimmt nur die kieineren KOrnchen auf und verarbeitet sie mittelst desselben Bindemittels zu kugetförmigen, in rege!massigen Zwischenraumen von zahlreichen kleincn ROhren durchbohrten Schalen. Wieder eine andeie Art wühlt sich die allerkleinsten Sandkörnchen und die ausserten Spitzen der Stachelkorallen und bildet, anscheinend ohne jedwedes Bindemitte), durch blosse Schichtung der Spitzchen, regetmassige ICügelche», deren jedes nur eine Spattenöffnung aufweist.«»)

Wir finden also dieses auswShIende Unterscheidungsvermugen auf alles Erregbare d. i. auf alles Lebende ausgedehnt und es ist, wie ich gesagt habe, nichts andres, als dieses VermOgen, welches ich als das Urprinzip des Geistes betrachte. Der gemeinsame Urundug nämlich, den alle geistigen Prozesse, objektiv betrachtet, zeigen, besteht eben in diesem Vermögen, zwischen Reizen zu unterscheiden und nur diejenigen zu beantworten, die, ohne Rück-sicht auf ihre relative mechanische Stârke, jene bestimmte Reaktion erfordern. Um dies nachzuweisen, wollen wii die hauptsachlichen (leistesfahigkeiien in aufsteigender Linie nach ihrer physiologischen Seite hin untersuchen. Zuerst haben wir hier die speziellen Sinnesorgane, deren physiologische Funktionen offenbar die Grundlage des gesamten psychologischen Baues bilden; zugleich stellen dièse Funktionen aber auch, als letztes analytisches Resultat, ebenso viele speziell entwickelte Fahigkeiten zur Beantwortung verschiedener Arten von Reizen dar. So z. B. ist der Bau des Auges speziell nur fur den eigentumtichen Reiz, der vom Lichte ausgeht, ange-passt, wie das Ohr for den Reiz des Schalles u. s. f. Mit andern Worten, die speziellen Sinnesorgane bilden ebensoviele Gebilde, die in ganz verschiedenen Richtungen zu dem ausdrucktichen

Contemporary Review, April

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Zwecke differenziert wurden, um eine verschiedenartig ausgebildete Empfindlichkeit fur spezielle Arten von Reizungen, welche nichts mit andern gemein haben, zu erlangen. Dies will nichts anderes besagen, als dass die Funktion eines speziellen Sinnesorgans darin

besteht, diejenige Reizart selbst herauszufindeM und zu unterscheiden,    B auf welche ihrerseits die passende Reaktion zu erfolgen haf.

Viele der nervôsen Mechanismen, die den verschiedenen Reflex-wirkungen vorstehen, werden nur durch ganz spezielle Reizungen in Thatigkeit versetzt. Dies ist besonders deutlich der Fall bei dem überaus komplizierten neuromuskularen Mechanismus, welcher nur

durch die Art von Reizung, die wir „Kitzeln" nennen, in Bewegung ge-    ,

setztwird. SoIcheBeispiele sind deswegen von besonderem Interesse,    l(

weil die unterscheidende Wirkung dieser Art von Reizen in der ge-    h

ringen Stärke der letzteren besteht. Die vergleichsweise starke Reizung,     ,

die der Durchgang der Nahrung durch den Schlund, die BerOhrung    r

der Fusssohlen mit dem Fussboden verursacht, wird von seiten des    j

Mechanismus, welcher auf eine mogtichst leichte Reizung derselben    ,

Oberfläche so stark reagiert, dagegen ganz)ich unbeachtet gelassen.    ,,

Ahntich steht es mit den Instinkten: Physiologisch betrachte,,    (i

sind sie die Wirkungen hoch differenzierter Nervenmechanismen, die    ,

viele Generationen hindurch nach und nach ausgebildet wurden, zu    „

dem ausdrücktichen Zwecke, einem eigentumlichen Reiz von hoch    );

ausgearbeitetem Charakter zu entsprechen, welcher Reiz auf seiner    ,,

psychologischen Seite sich als eine Wiedererkennung derjenigen Um-    ,

stande darstellt, welche die instinktive Anpassung erfordern. Ebenso    r

die Gemütsbewegen.en. Physiologisch genommen sind sic die    ,

Th&tigkeiten hoch entwickelter Ncrvenmechanismen, welche nurdurch    (

ganz spezielle Reize erregt werden, die wir subjektiv als eine be-    ,

sondere Art von Ideeen wiedererkennen, dazu geeignet, besondere    d Erregungen, Gemntsbewegungen genannt, hervorzurufen. Wir lachen

nicht bei einem schmerztichen Anblick, noch bringt uns ein-    j

lacherticher Anblick zum Weinen, dies will, physiologisch auf-    ,

gefasst, sagen, dass der Nervenmechanismus, dessen ThStigkeit mit    t

einer Gemütsbewegung verbunden ist, nur einer ganz speziellen    .,

und komplizierten Reizart entspricht; er wird keiner anderen, in    , vieler Hinsicht vielleicht ganz ahnlichen Reizart antworten, die

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statt dessen jedoch befähigt ist, die ~Thatigkeit eines weiteren, mogticheweise sehr Shntichen Nervenabschnitts auszulôsen. Ganz so verhält es sich mit dem vernunftigen Denknn und Urteelen. Denken bildet, physiologisch betrachtet, eine Reihe hochentwicketter nervôser Veranderungen, von denen wir wissen, dass keine ohne eine ad&quate physische Begleiterscheinung vor sich gehen kanu; woraus folgt, dass eine Reihe von Schlußfolgerungen, physiologisch genommen, eine Folge von NervenverXnderungen darstellt, deren jede durch physiche Vorgange hervorgebracht wird. Daher be. steht jeder Punkt einer solchen Reihe in einer auswählenden Unter-scheidung tischen all den überaus feinen Reizen, die wir, sub-jektiv betrachtet, als Argumente ansehen. Dcmentsprechend bedeutet Urteilen nichts anderes, als das Schlussresultat einer grossen Anzahl äusserst feiner Reizwirkungen, und ist mit allen dazwischenliegenden Stufen von Schlussfolgerungen nur die AusObung einer Fahigkeit, zwischen dem Reiz, den wir subjektiv als Recht, und dem jenigen, den wir subjektiv als Unrecht erkennen, zu unterscheiden. Endlich ist Woleen, subjektiv betrachtet, gleichbedeutend mit der Fahigkeit, in bewusster Webe Motive auszuwählen, welche wiederum, objektiv genommen, nichts anderes als unermeßlich komplizierte und unfassbar verfeinerte Anreizungen zu Nerventhätigkeiten sind. Wenden wir uns nun von der aufsteigenden Leiter geistiger Fahigkeiten beim Menschen m der allmählich zunehmenden geistigen Befähigung im Tierreiche, so wird es noch augenschcinlicher, dass die unterscheidende Eigenschaft des Geistes, physiologisch aufgefasst, in derselben Fahigkeit besteht, zwischen verschiedenen Arten von Reizen zu unterscheiden, abgesehen von dem Grade ihrer mechanischen Starke. Ehe wir aber zu einer naheren Berucksichtigung dieses Punktes schreiten, will ich hier noch eine bereits vorhandene Schwierigkeit beruhren. Dieselbe begann, als ich es fUr notig hielt, den Geist als die Fahigkeit zu bezeichnen, eine Wahl zu treffen, und dann dazu Uberging, diesèlbe nur Kraftenzuzusprechen, die Empfindung besitzen. BeiErörterung dieser Frage von der objektiven Seite, wies ich dagegen nach, dass das physiologische oder objektive Âquivalent der Wahl in seinen einfachsten Manifestationen schon so tief, wie bei den in-

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sektenfressenden Pflanzen angetroffen wird, welche doch gewiss keine Kraftesind, die in der eigentlichen Bedeutung des Wortes Empfindung besitzen. Meine Wahltheorie scheint demnach im Widerspruçh zu meiner Ansicht zu stehen, dass der wesentliche Grundbestandteil der Wahl bei Organismen zu finden sei, denen man doch eigent-lich noch keine Empfindung xusprechen kann. Dieser Widcrspruch ist zwar ein realer, ich halte ihn indessen für unvermeidlich, weil er aus der Thatsache entsteht, dass weder Empfindung, noch Wahl plötzlich auf der BOhne des Lebens erscheinen. Wir vermôgen nicht xu sagen, innerhalb welcher bestimmten Grenzen die eine oder die andere beginnt; beidc tauchen nach und nach auf, wesha)b wir diese Ausdrücke auch nur dort anwenden dûrfen, wo ihre Anwendbarkett sicher zulassig ist. Wenn wir aber von diesem Standpunkte aus dabei beharren, jene Bezeichnungen bei einer streng psychologischen Untersuchung anzuwenden, so stossen wir natürtich bald auf die schwierige Aufgabe, eine Grenze zu bestimmen, uber welche hinaus dieselben nicht mehr anwendbar sind. Es bieten sich nun zwei Auswege, um diese Schwierigkeit zu überwinden. Der eine besteht darin, eine willkürliche Grenze zu ziehen, der andere darin, überhaupt auf die Bestimmung einer Grenze zu verzichten und die Ausdrücke durch die pnze Stufenreihe der Dinge beizubehalten, bis wir bei den letzten oder den Grundprinzipien anlangen. Wenn wir an diesem Ende angelangt .sind, werden wir allerdings finden, dass unsre Bezeichnungen ihre ursprünglichc Bedeutung ganztich verloren haben, so dass wir ebenso gut eine Eichel eine Eiche oder ein Ei ein Huhn nennen, als davon sprechen kônnen, dass eine Dkmaea eine Fliege „empfinde" oder eine Droser< sich über ihrer Beute zu schliessen „wähee". Und doch dient dieser Gebrauch oder auch Missbrauch von Ausdrtcken einem wichtigen Zwecke, da sie uns, wahrend wir ihre Bedeutung mit dem allmahtichen Herabsteigen sich andern sehen, zur Auffindung der Thatsache vcrhelfen, dass sie Dinge bezeichnen, die das Ergebnis einer stufenweisen Entwicklung sind - Dinge, die von andern Dingen abstammen, die ihnen so unShnlich sind, wie die Eichen den Eicheln oder die HUhner den Eiern. Dies bildet meine Rechtfertigung dafur, dass

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ich die Grundprinzipien der Empfindung und der Wahl bis ins Pflanzenreich hinab verfolge. Wenn es wahr ist, dass Pflanzen schwache Zeichen der Empfindung erkennen lassen, so dass diese Bezeichnung, wenn auch nur im metaphorischen Sinne, auf sie angewendet werden kann, so ist es auch richtig, dass das Wahlvermögcn, welches sie zeigen, einen entsprechend unentwicke!ten Charakter tragt; es wird durch einen einzelnen Unterscheidung-akt gekennzeichnet und deshalb denkt niemand daran, einem solchen Akt jene Bedeutung beizulegen, bis die Untersuchung nachgewiesen bat, dass in einem solchen einzelnen Unterscheidung*-akte in der That der Keim flir alles Wollen verborgen liegt.

Die Schwierigkeit cntsteht also nur aus dem allmahtichen Entstehen der erw&hnten Fahigkeiteo. Die rudimentare Kraft unterscheidender Reizbarkeit bei der Pflanze entspricht einer rudimentaren Kraft wahtender Anordnung, welche sie in ihren Bewegungen zeigt; und gerade wie die eine bestimmt ist, durch einen sich allmâhlich entwickelnden Ausbau zur setbstbewussten Subjektivität auszureifen, so ist es der andern beschieden, durch einen ahnlichen Prozess eine abwagende Willenskraft zu werden.

Ich werde nun die aufsteigende Stufenleiter der Organismen kurz beleuchten, um xu zeigen, dass dieses entsprechende Verhältnis xwischen empfangender und ausübender Fahigkeit durch die ganze Reihe hindurch offenbar wird. Ich wOnsche dabei klar zu machen, dass das Unterscheiducgsvermögen, welches wir in seinen hoheren Manifestationen als Empfindung erkennen, und das Vermôgen zur Bildung auswahlender Anpassung, welches wir hôher hinauf als Wah1 bezeichnen, zusammen entwickelt werden und auf ihrem ganzen Ent-wicklungagange in einen, angemessenen Verhältnis zu einander stehen.

Eine AmObe vermag zwischen nahrenden und nicht nahren-den Teilchen zu unterscheiden und einen dem entsprechenden Anpassungsakt auszufUhren; sie ist im stande, die nahrenden Teil-chen zu umschliessen und zu verdauen, wahrend sie die nicht nahreaden ausstOsst. Einige protoplasmatische, einzellige Organismen kûnnen auch zwischen Hell und Dunkel unterscheiden und ihre Bewegungen darnach einrichten, sodass sie das eine aufsuchen und das andre vermeiden. Die insektenfressenden Pflanzen vermôgen,

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wie wir bereits gesehen, nicht nur zwischen nahrenden und nicht nahtenden Substanzen, sondern auch „fachen verschiedenen Beruhrungsarten zu unterscheiden. Im Einklange mit dieser Zunahme rezeptiven Vermogens bemerken wir hier noch einen entsprechenden Fortschritt im Mechanismus der angepassten Bewegungen. Noch     -xahllose andre Beispiele von ahntichen einfachen Fahigkeiten der     B Pflanzen kSnnten beigebracht werden; keines derselben verrat in. dessen mehr, ats ein Unterscheidungsvermögen zwischen einem oder zwei verschiedenen Reizen und die Kenntnis der entsprechenden einfachen Bewegungen. Wo Nerven zum erstenmal zum Vorschein kommen, finden wir, dass die betreffenden Tiere (Medusen)     ., bestimmte Sinnesorgane besitzen, mittelst deren sie verhältnismässig fein und rasch zwischen Hell und Dunkel und wahrscheinlich auch     =1 zwischen Schall und Stille zu unterscheiden wissen. Auch sind sic     e mit einem ausgebildeten Füh!apparat vcrsehen, welcher sie rasch     fa und sicher eine Unterscheidung zwischen unbeweglichen- und be-   ". weglichen, von irgend welcher Seite her auf sie zukommenden     b Gegenstindeen sowie auch zwischen nahrenden und nicht nahrenden Dingen treffen lässt. Entsprechend diesem weiteren Fort-     n schritte in der rezeptiven Fahigkeit finden wir hier auch ein starkes     « Fortschreiten des exekutiven Vermögens: Die Tiere sind in hohem     e Grade bewegungsfähig, entziehen sich der als gefährlich erkannten Berührung durch rasches Fortschwimmen und zeigen noch ver-     n schiedene andere Reflexthatigkeiten von ahnlicher Anpassungsart.     II So erfreuen sich z. B. die etwas hëher organisierten Seesterne,     « Würmer u. a., die sich ihres neuromuskularea Mechanismus mit     c einer noch grosseren Kenntnis bezüglich der Aussenwelt bedienen, damit zugleich auch einer grôsseren Mannigfaltigkeit angepaßter     < Bewegungen. Bei den Mollusken bemerken wir einen weiteren     * Fôrtschritt nach jenen beiden Richtungen; die Tiere tasten sich     « ihren Weg mittelst empfindlicher Fühler, wählen verschiedene     ti Futterarten, suchen ihre Partner zur Paarung auf und wissen sich      . sogar eines bestimmten Ortes als ihrer Heimat za erinnern. Bei     * den Artikulaten zeigen die niederen Formen koordinierte Be-     » wegungen, die jedoch noch sparsam und einfach genannt werden     . mussen im Vergleich zu den zahlreichen und mannigfachen Be-     h

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wegungen der hôher organisierten Mitglieder derselben Klasse. Auch ihr Unterscheidungsvermdgen für Rehe ist entsprechend gering. In der komplizierten anatomischen Organisation der Krebse und Hummern ist dagegen für" koordinierte Bewegungen schon umfassende Vorsorge getroffen und ihre auswählenden Handlungen sind entsprechend zahlreich und mannigfaltig. Bei den Insekten und Spinnen Cbertrifft die Entwicklungsstufe der Muskel-Koordination sogar die der niederen Wirbeltiere, und das intelligente Anpassungsvermögen, unterstützt durch die zarten Antennen und die hoch vervollkommneten speziellen Sinnesorgane ist ebenfalb bei ihnen grOsser als bei letzteren. Denselben Prinzipien begegnen wir durch die ganze Reihe der Wirbeltiere hindurch. Schon von Herbert Spencer ist das harmonische Verhältnis, welches zwischen dem Besitze, for mannigfache Thatigkeiten fähiger, Organe und dem Grade von Intelligenz des betreffenden Tieres besteht, hervorgehoben worden. Unter den Vogetn sind z. B. die Papageien die intelligentesten, sic vermôgen auch dementsprechend in hoherem Grade als alle ubrigen Glieder jener Klasse Flisse, Schnabel und Zunge bei der Prüfung der mannigfachsten Gegenstande zu verwenden. In demselben Sinne mochte ich auch auf die bewunderns-werte Intelbgenz des Elefanten verweisen, in Verbindung mit dcm nicht weniger bewundernswerten Mechanismus koordinierter Bewegungen, den er im RUssel besitzt; wâhrend die uberiegene Intelligenz der Affen und die hochststehende des Menschen an dem fast zu idealer Vollkommenheit ausgebildeten Mechanismus koordinierter Bewegungen der Hand ein entsprechendes Korrelat besitzen. Mehr im allgemeinen durfen wir noch behaupten, dass durch das ganze Tierreich das Seh- und Horvermögen in direktem Vcrhâltnis zum Grade der Beweglichkeit stehen, wie auch die letztere ihrerseits ein Wachstum der Intelligenz im Gefolge hat.*)

T~H«md ond Katte scheinen beim ersten Blick eine Ausnahme von'der obigen Regel M bilden: jedoch »üssen wir »ne erinnern, dass diese beiden Tiere sehr wirksame Tast- ond Bewegnngtinstrumente in ihrer Zunge, ihten Lippen und Backen, sowie auch, bis M einem gewissen Grade, in ihren JL bemtzen. So meine ich auch, daas die h8here M*. *-<»*« unter den Mollnsken, dem aussefgewönnlichen Votzog * danken ist, der dem Tiere durch sdne langen, bieg~m*n, empfindlichen und kraftvollen Arme geboten wird.

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Dieses Wechselverhätaus zwischen muskularer und geistiger Ent.

wicklung, oder, allgemeiner ausgedrückt, zwischen Unterscheidung*.

vermogen und Mannigfaltigkeit angepasster Bewegungen, ist aber

gerade das, was wir eigentlich von vornherein zu erwarten hatten.

Denn es ist klar, dass die Entwicklung der einen Funktion ohne

die andere von keinem Nutzen sein konnte. Einerseits würde die

Unterscheidung zwischen angenehmen und unangenehmen Reizen

für einen Organismus nutzlos sein, wenn ihm zu gleicher Zeit die

FahigkeitkoordinierterBewegungen mangelte, um sich dem Resultate

seiner Unterscheidung anzupassen; andererseits ware es auch nutzlos,

wenn ein Organismus die Fahigkeit zu koordinierten Bewegungen

besasse, ihm dagegen das Unterschcidungsvermogen mangelte, infolge

dessen allein jene Fähigkeit für ihn von Vorteil sein kann. Nun

wissen wir, dass alle Mechanismen muskularer Koordinaiion in

Wechselwirkung stehen und dass die letzteren ohne die ersteren

gânzlich nutzlos sein würden. Wir wissen dagegen beinahe nichts

von den hôchsten, auf den Muskelmechanismen spielenden Nerven-

mechanismen; wir bemerken bloss einen wirren Haufen von Zellen und

Fasern, deren wahre Funktion so wenig wie ihr innerster Mechanismus

zu entratse!n ware, hatten wir nicht den gröberen Mechanismus des

Muskelsystems, welcher uns Anatogieschlüsse für die Ërklärung

der feineren Verhältnisse im Nervensystem an die Hand gibt.                1

Muskelkoordinationen konnen hiernach im grossen und ganzen als eine Art Register fUr die entsprechenden Koordinationen im Nervensysteme dienen. Nun haben wir aber gesehen, dass geistige Vorgange, in ganz derselben Weise, als ein Register für die Aktionen der mit ihnen in Verbindung stehenden Nervenraechanismen zu betrachten sind. Ferner haben wir gefunden, dass wenn jene neue Gruppe eine gewisse Entwicklungsstufe erreicht hat, die naturtich auch eine entsprechende Entwicklungsstufe des Nervensystems be-zeichnet, die Funktionen rezeptiver Unterscheidung und angepasster Bewegung noch einen andern Ausgangspunkt in der aufsteigenden LinieihrerEntwicklungaufzeigen: DasNervensystem beginnt zwischen " neuen und hoch komplizierten Reizen zu unterscheiden, indem es l* nicht nur auf unmittelbare Resultate, sondern auch auf entfernter » Hegende Moglichkeiten Bezug nimmt; kurz wir sehen, dass der «

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tu 1

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Nervenmechanismus jene hôheren Funktionen unterscheidender und anpassender Fähigkeiten zu entwickeln beginnt, welche wir subjektiv als Vernunft erkennen. , Es werden daher jene beiden Fahigkeiten notwendig mit einander gleichen Schritt halten müssen. Jeder Fortschritt des Unterscheidungsvermögens, im Leben des Individuums wie der Art, zieht eine Anstrengung zu Gunsten notwendiger Anpassungen nach sich, und überall, wo solche Anpassungen einen Fortschritt in dem vorgSngigen Vermëgen der Koordination erfordern, wird derselbe durch natürliche Züchtuag begUnstigt werden. So bedingt jeder Fortschritt in der Unterscheidung auch einen solchen im Koordinaiionsvermögen, von welchem wir andrerseits wiederum wissen, dass seine hôhere Entwicklung einen Fortschritt im Unterseheidungsvermögen begünsttgt. Da nun ein grOsseres Mass koordinierter Bewegung die Nervencentren in neue und mannigfaltige Beziehungen mit der Aussenwelt bringt, so bietet sich denselben damit eine proporiional wachsende Môg!ichkeit der Unter-scheidung - eine MOglichkeit, welche frQher oder spSter sicherlich von der natOriichen Auslese nutzbar gemacht wird.

So finden sich denn die beiden Fahigkeiten notwendigerweise mit einander verbunden. Damit beginnt aber eine neue Erwagung. Dieselben hangen nämlich auiwarts nur bis zu dem Punkte mit einander zusammen, wo die angëpassten Bewegungen noch auf dem Mechanismus beruhen, welchen die Natur dem Organismus geliefert hat. Sobald das Unterscheidungsvermögen aber weit genug entwickelt ist, um nicht nur in bewusster Weise wahrzunehmen, sondern auch vernünftig nachzudenken, beginnt ein ganz neuer Zustand. Denn nunmehr ist der Orpnismus bezüglich seiner Anpassungen nicht länger von den unmittelbaren Resultaten seiner koordinierten Bewegungen abhangig. Von dem Augenblicke an, wo zum ersten-mal ein Stein aufgehoben wurde, um von einem Affen zum Aufschlagen einer Nuss, von einem Vogel zum Aufbrechen einer Hulse oder auch von einer Spinne zur Balancierung ihres Gewebes benutzt zu werden, war die Notwendigkeit der Verbindung zwischen dem Fortschritt geistiger Unterscheidung und muskularer Koordination aufgehoben. Mit der Benutzung von Werkzeugen war dem Geiste das Mittel gegeben, sich unabhingig von dem Fortschritt

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muskularer Koordination weiter zu entwickeln, und das hCchst-stehende Tier hat sich dieses Mittels so trefflich zu bedienen ge-wusst, dass heute, bei den zivilisierten Menschenrassen, der weitaus grosste Teil ihrer angepassten Hewegungen durch selbstgeschaffene Mechanismen hergestellt werden. So bewundernswert auch die Muskelkoordinationen eines Seiltänzers sein mOgen, sie halten, mit Rücksicht auf ihren Nutzen, keinen Vergleich aus mit den koor-dinierten Bewegungen einer Spinnmaschine. Obwohl wir nun nach alledem der langen Reihe unserer rohen Vorfahren fllr die Ver-erbung eines so Uberaus vortrefflichen Mechanismus, wie es der menschliche KCrper ist, hohen Dank schulden, so darf der Mensch sich doch sagen, dass seine bevorzugte Stellung gegenOber den niederen Tieren vor allem dadurch gesichert erscheint, dass er seine passenden Bewegungen von der notwendigen Verbindung mit Muskelkoordinationen zu emanzipieren wusste. Ich sage von Muskel-koordinationen, da offenbar unsere passenden Bewegungen, sowie auch unsre Anpassung im allgemeinen, niemals, weder in Vergangenheit, noch in Zukunft, !osgelöst werden kdnnen von einer notwendigen Verbindung mit unsrer Nervenkoordinaiion.

Fassen wir nun die Resultate unsrer bisherigen Untersuchung xusammen. Zuerst fanden wir das Kriterium des Geistes, ejektiv betrachtet, ats in der AusfUhrung einer Wahl bestehend, und der Nachweis einer Wahl bot sich uns in der Verrichtung angepasster Thatigkeiten, die geeignet sind, Umstinden die Stirn tu bieten, welche in der Lebensgeschichte der Rasse nicht so haufig oder unabandertich vorkommen, als dass für sie durch ererbte Nervenstruktur im Individuum speciell und vorher hâtte gesorgt werden konnen. Das VermCgen, durch individuelle Erfabrung hinzuzuierne~, ist deshalb das Kriterium des Geistes. Es ist aber kein absolûtes oder unfehlbares Kriterium; allés was zu seinen Gunsten angefUhrt werden kann, ist, dass es das bestmogliche ist, sowie dass es besser dazu geeignet erscheint, die obere Grenze nicht-geistiger, als die untere Grenze geistiger Thatigkeit zu bestimmen; denn es ist hochst wahrscheinlich, dass das Empfindungsvermogen (rüher vorhanden ist, als bewusstes Lernen.

■ Nachdem wir auf diese Weise zum nutzbarsten Kriterium des

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ejektiv betrachteten Geistes gelangt waren, gingen wir zur Be-trachtung der objektivnn Bedingungen uber, unter denen der Geist unabanderlich zum Vorschein kommt Dies leitete uns zu einer kurzen Obersicht des Baues und der Funktionen des Nerven-systems, und bei der Physiologie der Reflexwirkung angelangtt fanden wir, dass der Nervenmechanismus überall eine derartige Einrichtung besitzt, dass den «neben Nervencentren nur die Môglichkeii der Koordination einer Muskelgruppe geboten ist, deren kombinierte Kontrakttonen sie in mannigfachee Weise beherrschen Daraus entstand die Frage: Wie haben wir uns die Thatsache zu erklären, da« der anatomische Bau eines Nervencentrums mit seinen zugehörigen Nerven gerade ein solcher ist, dass er die Nervenreize mit Notwendigkeii in die betreffenden Kanäle zu leiten vermag? Die Antwort auf diese Frage fanden wir in der Eigentümlichkeii des Nervengewebess durch Gebrauch nach denjenigen Richtungen hin zu wachsen, welche zu weiterer Benutzung erfordert werden. Dieser Gegenstand ist indessen noch dunkel, besonders insoweit er die frühesten Stufen jenes angepassten Wachstums betrifft-, im grossen und ganzen konnen wir indessen begreifen, dass ererbte Obung, in Gemeinschaff mit naturlicher Zuchtung, allein genugend gewesen sein mag, die zahllosen reflektorischen Mechanismen, die uns iœ Tierreich begegnen, auszubilden.

Indem wir von der Reflexwirkung zur Gehimthâtigkeii übergingen, bemerkten wir vor allem, dass, da die Hirnhemispharenn ihrer feinsten Struktur nach, mit den Ganglien im allgemeinen genau tibereinstimmenn vernünftiger Weise kein Zweifel daruber herrschen kann, dass auch die Art ihrer Wirksamkeii im wesentlichen dieselbe ist Wir fanden femer, dass, da jene Wirksamkeit hier offenbar mit geistiger Tätigkeii verbunden ist, eine starke WahrscheinUchkeit dafür entsteht, dass jede eine Art »»gekehrten Reflexes der andern darstellt. Indem wir uns nun diesem Spiegelbilde zuwandten, erkannten wir, dass in mancher Beziehung die Grundprinzipien geistiger ThStigkeit unverkennbar denen der Ganglienfunktionen entsprechen. Wir sahen auch, dass dasselbe der Fall ist beim Gedachtnis und den Ideenverbindungen, deren beiderseitige objektiven Gegenstucke wir in der Fahigkeii œ nicht-geistigen Erwerbungen seitens der

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niederen Ganglien erblicken; denn wir fanden, dass diese Ganglien unbewusst solche Thatigkeiten erlernen, welche sic häufiger zu verrichten haben; dass sie dieselben vergessen, wenn allzultnge Zeitraume zwischen ihre Übungen fallen; dass sie aber, wenn sie auch schon längst vergesscn scheinen, weit leichter und rascher wieder | erworben werden, als man sie sich ursprtnglich angeeignet hatte. Insbesondere fanden wir, dass die Ideeenverbindungen in ihrem Nebeneinander eine bis ins einzelne gehende Âhnlichkeii mit den Assotiationen der Muskelbewegungen darbieten. A!s wir dann Ideeen ais objektive Analogieen von Muskelbewegungen auffassen durften und auf diese Weise die Kundgebung nervôser Thatigkeit = von Muskeln auf Ideeen Obertrugen, wurde es uns klar, dass damit J der bündigste Beweis fur die überall gleichmässige Nervenentwick!ung geliefert war. Sonach durften wir annehmen, dass alle Em- -pfindungen, Wahrnehmungen, Ideeen und Gemütsbewegungen mehr « oder weniger Muskelkoordinationen ähnlich sind, insofern sie in der « Regel miteinander verschmolzene Bewusstseinssustände darstellen, ' von denen jeder konstituierende Teil der Thatigkeit irgend eines be-sonderen Nervenelements entspricht - was eine Verschiedenheit von ' Etementen bedingt, wie wir sie sowohl in dem zusammengesetzten Zu- ■ stande des Bewußtseins, als auch in der kombinierten Muskelbewegung > wiederfinden. Ferner: Ganz so wie die Ideeenverbindung nicht auf > eine Verschmelzung gleichzeitiger Ideeen in eine einzige zusammen- > gesetzte beschrankt ist, sondern sich auch zu einer Verkettung der ' einzelnen Ideen in eine ganze Reihe verlängert, so sahen wir auch, ' dass Muskelbewegungen die ganz analoge Neigung besitzen, sich in -derselben Aufeinanderfolge zu wiederholenn wie sie zum erstenmal « abgelaufen waren. Schtiesslich erfuhren wir, daas jede pathologische ' Storung in, Muskelthätigkeiten beherrschenden, Nervencentren ihre ■ Parallele in ahnlichen Stôrungen findet, die in, geistigen Thitig- « keiten vorstehenden, Nervencentren ihren Sitz haben.

Von der physischen Grundlage des Geistes wendeten wir uns so. 3 .dannzurBetrachtungderGrundprinzipiendesselben. Hier war es unsre < Aufgabe, den letzten physiologischen Prinzipien nachzuspüren, welche ' die objektive Seite jener Erscheinungen bilden mochten, die wir subjektiv und ejektiv als geistig ansahen. Diese Prinzipien fanden

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wir in dem Unterscheidungsvermögen wischen verschiedenen Reiz. arten, ohne Rucksicht auf den relativen Grad ihrer mechanischen Intensitat, und in der Fahigkeit, den Resuttaten jenes Unterscheidung*. vermëgens angepasste Bewegungen hervorzubringen. Diese beiden Eigenschaften fanden wir schon bei den protoplasmatischen und ein. zelligen Organismen im Keime vorgebildet und von ihnen aufwarts aile Organismen im Besitze der nûtigen Strukturen zu einer stets nebencinander fortschrettendcn Entwicklung jener beiden notwendig zusammengehSrigen Fahigkeiten. Wenn ihre Ausbildung bis zu einem gewissen Grade gediehen ist, treten sie nach und nach in Ver-bindungmit der Empfindung, nach deren vollständigemZustande-kommen die Bezeichnungen Wahl und Zweck bezw. für sie geeignet erscheinen. Im weiteren Verlaufe ihrer Entwicklung werden siedann bewusst nachdenkend und schliesslich vernünftig. Obwohl sie uns nun, subjektiv und ejektiv betrachtet, wahrend des aufsteigenden Verlaufes ihrer Entwicklung aus einer Entitat in die anderc verwandelt zu werden scheinen, so ist dies doch durchaus nicht der Fall, wenn wir sie von ihrer objektiven Seite betrachten. Von diesem Standpunkt aus ist der ausgearbeitete Vemunftprozess oder das umfassendste Urtell nur als ein ausserordentlich feiner Uuterschei-dungsakt hochentwickelter nervôser Gebilde zwischen Reizen stark komplizierten Charakters zu betrachten, wâhrend die umsichtigste und vorsichtigste Handlung, die geeignet ist, den entferntest liegenden zufälligen Reizungen entgegenzutreten, sich nur ais eine den umgebenden Umstanden angepasste neuromuskulare Anpassung darstellt. Wenn wir somit wiederum geistige Handlungen als ein Register der Nervencentren ansehen kSnnen, wie wir Muskelbewegungen ats ein Register der weniger feinen Wirkungen solcher Centren nehmen durfen, so können wir uns der Überzeugung nicht ver-schliessen, dass der Gang der Nervenentwicklung Oberall der gleiçhe ist: uberall bestehend aus einer fortschreitenden Entwicklung eines Unterscheidungsvermögens zwischen Reizen, in Verbindung mit der erganzenden Fahigkeit angepasster Beantwortung.

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FUnfess Kapitel. Brklärung dee Diagramms.

fechdem wir bisher bei den verschiedenartigen Grundprinzipien und vorläufigen Fragen, an der Schwelle unsrer eigentlichen Aufgabe, verweilten, scheint mir der Weg genügend geebnet, um auf den Verlauf der geistigen Entwicklung naher einzugehen. Um die ziemlich mühevolle Untersuchung, die uns damit erwartet, im voraus zu kennzeichnen, hielt ich es flr passend, ein Diagramm oder eine kartographische Obersicht der wahrscheinlichen Entwicklung des Geistes, von seinem ersten Auf-keimen im Protoplasma bis zu seiner höchsten Vollenduug im menschtichen Gehirn, aufzuzeichnen. Dieses Diagramm verkarpert sozusagen die Resultate meiner gesamten Forschung und es wird daher im Laufe dieser Untersuchung noch afters darauf Bezug genommen werden. Beginnen wir daher mit einer Erklärung desselben. In seiner Eigenschaft, einen gedrgngten Auszug der Resultaté meiner Untersuchung zu bieten, stellt es eine auf meinen Beweisen fussende, sorgfältig abgestufte Leiter dar. Es ist daher nicht sowohl das Produkt meiner eigenen Einbildungskraft, als vielmehr eine Zusammenstellung aller Thatsachen, welche die Wissenschaft be-züglich dieses Gegenstandes bisher beizubringen im stande war, und obwohl der wissenschaftliche Fortschritt ohne Zweifel mein Diagramm in manchen Einzelheiten in Frage stellen wird, so hege ich doch das Vertrauen, dass die allgemeine Grundlage unsrer Kenntnis von geistiger Entwicktung heute schon hinreichend zusammenhangend ist, um es hôchst unwahrscheinlich zu machen, dass unsere diagram-

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mansche Darstellung in ihren Hauptumrissen durch jene Fortschritte kunftig geandert werden kOnnte.

Von demGrundprinzip der Reizbarkeit, derunterscheidenden Eigentümlichkeit lebender Materie aus, fasse ich die geistige Struktur als einer zweifachen Wurzet entspringend auf: der Leitung und der Unterscheidung. Dem, was hieruber bereits gesagt wurde, ist nichts mehr hinzuzufügen. Wir haben gesehen, dass die unterscheidende ËigentNm!ichke!t der Nervenfaser darin besteht, Reize durch eine Weiterleitung molekularer Erschütterungen, ohne nachweisbare Kontmktionswelle fortzupflanzen; und diese EtgentHmtichkeit, welche die Grundlage nicht allein aUer nachfolgenden Koordinierungen protoplasmatischer (muskularer) Bewegungen, sondern auch aller geistigen Wirksamkeit nach der physischen Seite hin bilde,, stellt sich auch in unsrem Plan als ein deutliches und wichtiges Prinzip der Entwicklung dar, als das Prinzip, welches die exekutive Fahigkeit, Reize passend zu beantworten, ermSgticht. Eine nicht geringere Rolle spielt die Unterscheidung, welche, wie wir gesehen haben, dazu bestimmt ist, sich allmahlich zu der wichtigsten Funktion der Nervenzellen und Ganglien herauszubilden. Wir haben femer gesehen, dass Fortleitung und Unterscheidung der Reize zuerst im Zellgewebe von Pflanzen, wenn nicht gar schon in einigen Formen von anscheinend undifferenziertem Protoplasma zur Be-obachtung kommen. Aber nur wenn jene beiden Grundbestand-teile sich bei demselben Strukturelement vereinigt finden, erlangen wir ein sichtbares Zeugnis jener Differentiation des Gewebes, welches der Histologe als nervos anerkennt; deshalb stellte ich die Funktion des Nervengewebes im weitesten Sinne, unter der Bszeichnung Neurilit,t, als durch den Zusammenfluss jener beiden Grundbestandteile gebildet, dar. NeuriiitSt geht atsdann in Refeexthätigkeit und Wille über, welche ich als Achse oder Stamm des psychologischen Baumes dargestellt habe. An den Seiten dieses Baumes Hess ich Zweige hervorwachsen, von denen ich im Interesse der Deutlichkeit die der einen Seite fur die intellektuellen Fähigkeiten, die der andern fur die Gemütsbewegungen vorbehielt.

Die Hôhe der einzelnen Zweige entspricht dem Grade der

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Ausbildung, welche die betreffende Fàhigkeit erlangt hat, sodass, wenn z. B. der Zweig der Empfindung, der aus der Neurium entspringt, eine gewine Ëntwick!ungsstufe erreicht hat, er die Wahrnehmung aus sich entstehen lässt und dann seine cigene Entwicklung in der früheren Richtung noch um einige weitere Grade fortsetzt. In ähnlicher Weise geht eus der Wahrnehmung die Einbildungskraft hcrvor und so weiter, durch alle andere Zweige. Auf diese Weise stellen die fünfzig Stufen des Diagramme die verschiedenen Ausbildungsgrade dar, ohne indessen die dabei in Betracht kommenden Zeitintervalle zu berUcksichtigen. Auf diese Weise finden iich alle verschiedenartigen Produkte der geistigen Entwicklung in nebeneinander herlaufenden Kolumnen auf jenen Stufen verzeichnet, wahrend sie zugleich den vergleichsweisen Grad der Ausbildung oder Entwicklung, den sie, eine jede für sich, er-reichen, dabei zum Ausdruck bringen. Eine der Kolumnen ist der psychologischen Stufenreihe der intellektuellen FShigkeiten gewidmet, eine andere enthâlt die psychologische Reihe der Gemütsbewegungen. Wenn die Gefahr der Verwirrung des Diagramms nicht gewesen ware, so hatten diese Fahigkeiten auch als sekundare Zweige des psychologischen Baumes dargestellt werden kënnen; in einem plastischen Modell ware dies aùch m0g)ich gewesen, für ein Dia- ■ gramra hielt ich diesen Modus jedoch nicht fUr praktisch und beschrankte deshalb die zweigartige Darstellung nur auf die allgemeinsten und fundamentalsten psychologischen Eigenschaften, indem ich diejenigen von spezifischerem oder sekundarem. Werte nuf die paralle!en Kolumnen der einen oder andern Seite des Baumes verwies. In die eine setzte ich die Namen der Geistesfähigkeiten in ihrem frühetten Stadium, d. h. wo sich die erste Andeutung ihres Vorhandenseins ergibt; in einer andren parallellaufenden gab ich diejenigen Grade geistiger Entwicklung an, die ich als charakteristisch für die verschiedenen Gruppen des Tierreichs ansehe, wahrend ich eine weitere Kolumne den bezeichnendsten geistigen Entwicklungsstufen des menschlichen Kindes vorbehielt.

In einem folgenden Werke gedenke ich die wegen Beschrânkung der vorliegenden Arbeit auf die geistige Entwicklung bei den Tieren vorläufig weiss gelassenen Stufen in den senkrechten Kolumnen

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iveiter auszufüllen. Ich beabsichtigte sogar anfangs, im vorliegenden Bûche das ganze Diagramm mit der Stufe, auf der die geistige Entwicklung bei Tieren endet, also etwa bei der 28., abzubrechen. Doch hielt ich es in der Folge für besser, Stamm und Zweige des Baumes zu vervollstNndigen, um das Verhältnis xwischen der Ausbildung der hëheren Fahigkeiten bei Tieren und den entspre-chenden beim Menschen zu /.eigen.

Sonach werden wir findcn, dass eine jede der 28 Stufen uns einen Oberblick über den Grad geistiger Entwicklung verschafft, den die auf der betr. Stufe bezeichneten Tiere erreichen.

Um MissverstNndnissen zu begegnen, will ich hinxufügen, dass dièse diagrammatische Darstellung des wahrscheinlichen Verlaufs der geistigen Entwicklung nebst der in den Kolumnen vergleichsweise herbeigexogenen Darstellung psychologischer Entwicklung nur einen groben, allgemeinen Umriss der wirklichen Thatsachen bildet, auf welche leuere ich jedoch nur in soweit Bezug genommen habe, als es im Interesse meiner nachstehenden ErOrterungen notwendig erschien. So allgemein aber dieser Umriss der historischen Psychologie auch sein mag, so wird er doch dazu beitragen, meine Beweisfuhrung zu erleichtern, und nachma!s als Anhaltspunkt fur die wichtigeren Thutsachen dienen, die, wie ich hoffe, diese Beweisfuhrung stutzen sollen.

Soviel über den Gebrauch, den ich mit dem Uiagramm xu machen gedenke; und nun noch eine allgemeine Bemerkung: Bezüglich des Stammes, der Zweige und der beiden Kolumnen auf jeder Seite, also aller der Teile des Diagramms, die zur Bezeichnung der psychologischen Fahigkeiten dienen, dUrfen wir nicht vergessen, dass sie eben nur diagrnmmatisch zu nehmen sind. In der Natur ist es thatsSchtich unmôgiich, irgend bestimmte oder feste Grenzen zwischen der vollendeten Entwicklung der einen und dem Entstehen der nächstfolgenden Fahigkeit zu ziehen; der Weg von der einen zur andern ist durchweg von derselben allmahlichen Art, die für die Entwicklung im allgemeinen so charakteristisch ist, und wahrend wir niemnls darin ein Hindernis fur eine eventuelle Unterscheidung der Arten finden, wird es uns doch stets unmöglich gemacht, eine Linie zu ziehen und zu sagen: Hier endet die Spe-

Komouos, Kntwiokluufc de» (Miivu.                                                    5

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zies A und beginnt die Spezies B. Ich kann ferner nicht nachdrücklich genug betonen, dm nach meiner Untersuchung eine psychologische KJassifizierung der Fghigkeiten, so nutzlich sie auch xum Zwecke der Untersuchung und ErSrterung sein mag, notwendig immer kUnsttich sein rauss. Es wurde, meiner Meinung nach, eine hôchst irrtUmIiche Ansicht vom Wesen des Geistes sein, wenn wir ihn als das wirkliche Ergebnis einer gewissen Anzahl bestimmter Fahigkeiten betrachten wollten; ebenso irrtümlich) als es z.B. sei.. würde, den Kôrper fiir ein Ergebnis der Nahr-, Erregbarkeits-, FoTtpflanzungsfMhigkeit u. s. w. zu halten. Alle diese Unterscheidungen dienen trefflich den Zwecken der Forschung; sie sind von uns und fur uns selbst geschaffne Abstraktionen, aber keine von der Natur gegebenen Teile des organischen Baues, den wir unsrer Forschung unterwerfen wollen.

Obwohl wir nun diese Vorsicht nie ausser acht lassen durfen. meine ich doch nicht, dass die kunstliche Natur der psychologischen Klassifizierung oder die Thatsache, dass wir es nur mit einem allmahlichen Entwicklungsvorgang zu thun haben, eine ernste Schädigung der von mir adoptierten Darstellung in sich schliesst. Denn einerseits bedürfen wir für unsere Forschungsxwecke durchaus irgend einer Klassifikation der Fahigkeiten, und andrerseits habe ich, in BerOcksichtigung der aus der allmählichen Art der Entwicklung un-vermeidlich entstehenden Fehler in der Darstellung, die Zweige unsres Baumes an ihrer Basis erweitert und jeden, nach der Abzweigung des nachstfolgenden Zweiges, in seiner eignen Entwicklung noch eine Strecke weiter geführt, so dass die Fahigkeit der Vorfahren, wie die der Nachkommen, die einmal eingeschlagene Richtung noch eine Zeitlang weiter verfolgt und zwar bis zu dem Punkte, der, nach meiner Abschatzung, die hôchst erreichte Stufe der besondren Fahigkeit bezeichnet. Ausserdem wurden die in den beiden Kolumnen namhaft gemachten Fahigkeiten, wie bereirs erwahnt, auf jene Stufen gesetzt, auf welchen sie - wie ich ent-weder aus aprioristischen GrUnden oder infolge wirklicher Beweise schliesse - in dem wachsenden Aufbaue des Geistes zum ersten Male erscheinen. Auf diese Weise ist die schwierige Frage nach der Feststellung der untera Entwicklungsgrenze, an der irgend eine

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besondre Fahigkett aufzutauchen beginnt, nach Mogiichkeit der Losung entgegengeftihrt worden. Es ist fast uberflüssig hinzuzufügen, dass ich, um das Diagramm in einigen Teilen zu vervollstandigen, genOtigt war, in ziemlich ausgedehntem Masse meine Zuflucht zur Spekulation zu nehmen. Jedoch wird es mit der fortschreitenden Darstellung offenbar werden, dass wenn die Fundamentathypothese der geistigen Entwicklung zugegeben wird, meine ErOrterungen be-zUgtich der wahrscheinlichen Geschichte dieses Vorgangs nirgends eine Spekulation von irgend extravaganter oder gefahrticher Art verraten. In Einzelheiten, wie z. B. in der angegebenen Hôhe der verschiedenen Zweige des psychologischen Baumes, môgen meine Abschatzungen vielleicht hier und da irrtümtich sein; die Haupt. Tatsachen aber, hinsichtlich der Aufeinanderfolge der Fähigkeiten nach dem Grade ibrer Ausbildung, sind nur Folgesatze aus unsrer Fundamentalhypothese, und wie wir gesehen haben, werden diese Thatsachen gestOtzt und bestitigt durch viele andre, die aus Beobachtungen der Psychologie von Tieren und Kindern gezogen sind. Dagegen uberwiegen in den den GemUtsbewegungen und intellektuellen Fähigkeiten gewidmeten Kolumnen die Ergebnisse aus wirkiichen Beobachtungen die aus der reinen Spekulation her. vorgegangenen, wahrend in den Ubrigen Kolumnen die eingeschriebenen Resultate zum grëssten Tei)e direkter Beobachtung zu verdanken sind.

Wenn die Hypothèse bezüglich der geistigen Entwicklung zu. gegeben ist und alle der Beobachtung zugSng)ichen Thatsachen aus dem Diagramm ausgeschaltet sind, so wird verhältnismassig wenig deduktives Raisonnement ubrig bleiben und von diesem Wenigen ergibt sich das meiste als notwendige Konsequenz der ursprünglich aufgestellten Entwicklungshypothese von selbst. Selbstverstandiich wird jemand, der die Entwicklungstehre noch nicht in ihrem ganzen Umfang als wahr angenommen hat, einwenden kQnnen, dass ich mich dem Vorwurf der Spekulation nur entziehe, um das als gegeben vorauszusetzen, was mir alles notige Beweisraaterial gewahrt. Darauf antworte ich, dass insoweit die Augenscheinlich-keit der geistigen Entwicklung, als Thatsache betrachtet, dem Vorwurf der Spekulation ausgesetzt wird, ich es meinem Gegner an-

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heimstellen muss, seinen Einwand Darwins "Entstehung der Arten" und „Abstammung des Menschen" gegenüber geltend zu machen. Ich werde mit meinem Werke schon ganz zufrieden sein, wenn es mir, unter Voraussetzung des geistigen Entwicklungsprozesses, ge. lingt, klar zu machen, dass der Umriss seiner Geschichte im wesentlichen ohne allzu viele Spekulation bestimmt werden kann, abgesehen von der aus unsrer ursprüngtichen Entwicklungshypothese mit Not-wendigkeit sich ergebenden Ueduktion.

Nachdem ich im Vorhergehenden den Plan und die Prinzen des Diagramms auseinandergesetzt, werde ich nun zu einer naheren Betrachtung der einzelnen Entwickïungsstufen übergehen, und zwar von der niedrigsten bis zum Ausgangspunkt des ersten Seitenzweiges, oder von Nr. 1-14. Nach dem, was in den früheren Kapiteln über die physische Grundlage und die Grundprinzipien des Geistes schon gesagt worden ist, wird uns diese Betrachtung indessen nicht lange aufhalten.

Die Stufe t-4 wird eingenommen von der Reizbarkeit, den protoplasmaiischen Bewegungen, den protoplasmaiischen Organismen und den generativen Elementen, welche sich noch nicht zur Hervorbringung des menschlichen Embryos vereinigten. Von 4-9 sind die Stufen mit der Ëntstehung und Ausbildung der Funktionen der Leitung und Unterscheidung besetzt, welche mit ihrer nach-folgenden Vereinigung bei ç <«e Grundlage zur Neurilitat legen, d. h. den Stamm des Geistes bilden. Auf diesen Stufen begegnen wir den nicht-nervosen Anpassungen, einzelligen Organismen und einem Teil der Lebensgeschichte des Embryos. Die Stufen o-r4 stellen die Entwicklung der Neurilitat bis zu ihrem Cbergange in Reflex.hntigkeit dar; die paralle!en Kolumnen innerhalb dieses Raumes sind mit teitweis-nervosen und dem Beginn der wirktich nervOsen Anpassungen, unbekannten, vielleicht ausgestorbenen Tieren, wahrscheinlich Cölenteraten, und einem weiteren Teil der Lebewgeschichte des Embryos ausgefüllt. Ich spreche hier von „unbekannten Tieren«, da die Tiere, bei denen Nervengewebe zum erstenmal differenziert wurde, bisher noch nicht aufgefunden sind. Bei den niedrigsten Tieren, wo dieses Gewebe gefunden wird, den Medusen, erscheint es beretts gut differenziert; die Ganglienzellen zeigen

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jedoch eioe unverkennbare Verwandtschaft mit Epithel, insofern ihr organischer Bau in der That oft mehr einem modifizierten Epithel, als wirklichen Nervenzellen g!eicht.') In diesen Strukturen, wie in den analogen histologischen Etementen, die wir beim embryona!en Nervengewebe der hoheren Tiere antreften, besitzen wir ein Bindeglied avischen wirklichem Nervengewebe und seinen cellularen Vorstufen, und somit erscheint es ziemlich unwesentlich, ob Tiere, welche die früheren Stufen jenes histo)ogischen Ubergangs dar. stellen, noch leben oder nicht.

*) Vg). Hertwig, dasKervenden, und dieStnnesorga„c dcrMeduse».

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Sechetes Kapitel.

Bewusstsein.

|ir haben bisher so ausschliesslich, als die Natur des Gegen-standes es erlaubte, die physische oder objektive Seite der geistigen Vorgange und ihrer Antecedentien in den nicht geistige.. Thatigkeiten lebender Organismen betrachtet. Es liegt uns nun ob, uns der objektiven oder, genauer ausgedrückt, derejektiven Seite unseres Gegenstandes zuzuwenden, d. h. zu versuchen, den wahrscheinlichen Verlauf der geistigen Entwicklung zu zeichnen, und zwar an der Hand echt geistiger Erscheinungen, soweit dieselben Uberhaupt einer Erforschung durch die objektive bezw. ejektive Methode zugangtich sind. Ich mëchtehier noch besonders darauf aufmerksam' machen, dass meine Abhandlung von nun an einen ganz neuen Aus-gangspunkt gewinnt, denn ohne dies zn beachten, kônnte meine Darstellung eher aus zwei lose verbundenen Versuchen, als aus einem einheitlichen Ganzen zu bestehen scheinen. Bei meinen Bemühungen, eine scharfe Grenztinie zwischen der Physiologie und der Psychologie meines Gegenstandes zu ziehen, war es mir doch nicht môglich, die eine ohne zahlreiche Anspielungen auf die andre abzuhandeln; infolge dessen war ich, bei thunlichster Besehrankung meiner Darstellung auf die Physiologie der Lebensprozesse, hâufig genôtigt, auf die Psychologie geistiger Vorgange Bezug zu nehmen, deren Kenntnis ich im allgemeinen auf seiten meiner Leser voraussetzen musste. In meinem Kapitel uber die physische Grundlage des Geistes war es ferner unmôglich, die Hauptprinzipien der Psychologie, wie Empfindung, Wahrnehmung, Vorstellung u. s. w., unberücksichtigt zu lassen. Wem, ich nun eine Erforschung dieser

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verschiedenen Grundlagen mit Rucksicht auf ihre wahrscheinliche Entwicklung unternehme, so kOnnte es oct scheinen, a!s ob ich auf bereits Gesagtes xuruckgriffe oder dasselbe wiederholte. Dieser anscheinende Mangel in meiner Darstellung wird, meiner Ansicht nach, bei nâherer Aufmerksamkeit aber mehr als aufgehoben durch den Vorteil, auf diese Weise eine Verwirrung zwischen Physiologie und Psychologie zu vermeiden. Es würde z. B. leicht gewesen sein, das bereits angedeutete Kapitel Ober die physische Grundlage des Geistes zu zerspalten und die einzelnen Teile auf die fol. gender, Abschnitte zu verteilen, welche die psychologische Seite der in jenen Teilen besprochnen physiologischen Grundlagen be-handetn, das Resultat wUrde aber entschieden eine Verdunkelung meiner Théorie gewesen sein, welche ich mëglichst klar hingestellt wunschtc: dass namtich alle geistigen Vorgänge Gegenstücke physischer Vorg~nge darstellen.')

Nach dieser zum Verständnis meiner Methode erforderlichen Erklärung beginne ich die Psychologie der geistigen Entwicklung mit der Betrachtung der Bestandteile des geistigen Elementes, d. h. des Bewusstseins. Wenn wir das Diagramm zu Rate ziehen, so werden .wir das Wort "Bewusstsein« in einer perpendikularen Richtung geschricben finden, welche mit der Stufe 14 beginnt und sich bis zur 19. Stufe ausdchnt, weil die Entstehung des Bewusstseins wahrschein)ich so allmahtich und unmerklich vor sich geht, dass es unmoglich sein durf~e, den betreffenden Punkt genau zu bezeichnen, selbst in dem allgemeinen Sinne, womit ich die Linien zu ziehen versuchte, welche als Ausgangspunkte der verschiedenen geistigen, Fahigkeiten angesehen werden konnen. Ich habe deshalb die Entstehung des Bewusstseins, statt in Gestalt einer Linie, als eine ver-hältnismassig bedeutende Fläche dargestellt und dieses Gebiet mit dem ersten Auftauchen angepasster „nervoser Tätigkeit" beginnen

*1 Es ist knum nötfg hinzuzufügen. dass die Unmöglichkeit einer gUnz-Heben Tönung von Psychologii und Physiche uns mM .M auch durch die g.„,e folgende Darstellung begleiten wird! ich werde jedoch in sotchen min stets klar su machen <uchen, ob irh von gelstigen oder phy iischen Vorgängen frechee

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lassen, von wo es sich bis zur ersten Erscheinung des Vermôgens der Ideeen-Verbmdung hin erstreckt.

Ehe ich nun dazu übergehe, diese Grenzbestimmung wischen dem frühesten Auftauchen des Bewusstseins und der Stelle, wo dasselbe eigentlich zuerst ais sotches sicher bezeichnet werden kann, zu rechttertigen, môchte ich die Bemerkung vorausschicken, dass ich keine Definition dessen versuchen werde, was man unter Bewusstscin versteht. Denn ebenso wie das Wort „Geist", ist auch „Bewusstsein" ein Ausdruck, der zu einer allgemein verstandtichen Meinung fûhrt, welche aber der besonderen Natur des Falles wegen in irgend eine Definition nicht zusammengefaßt werden kann. Wen.» wir sagen, dass ein Mensch oder ein Tier Hewußtsein habe, so verstehen wir darunter, dass der Mensch oder das Tier Empftndungsvermögen besitze, und wenn wir gefragt werden, was wir unter Empfindung verstehen, so vermôgen wir nur xu antworten: das, was nicht-ausgedehntes Sein von ausgedehntem unterscheidet. Tiefer vermögen wir nicht zu gehen, weil das Be-wusstsein, welches selbst die Grundlage alles Denkens und deshalb jeder Definition ist, nicht selbst definiert werden kann, es sei denn durch die Antithese seines logischen Korrelats, durch das Nicht-Bewusstsein!

Betrachten wir zunachst die Erscheinungen des Bewusstseins, soweit sie sich in unsrer eigenen subjektiven Erfahrung offenbaren; spater werden wir sehen, dass die elementaren, nicht weiter zer. legbaren Einheiten des Bewusstseins das sind, was wir Empfindung nennen. Die Erfahrung zeigt uns, dass ein etementarer Zustand von Bewusstsein oder Empfindung in jeder Abstufung bestehen kann, von einem kaum erkennbaren Gefuhie bis zum unerträglichsten Schmerz, welcher das ganze Gebiet des Bewusstseins für sich allein in Anspruch nimmt. Ja, noch mehr, von der untersten Grenze wahrnehmbarer Empfindung nach abwarts beginnt ein langes, un-bestimmtes Absteigen durch nicht wahrnehmbare oder hatbbewusste Empfindungen hindurch bis zur NerventXtigkeit, die wir für eine unbewusste zu halten berechtigt sind. Es wird dies durch jene Stufen fast unbewußter, spater in gânzliche Unbewusstheit uber. gehender Thatigkeiten bewiesen, deren haufiges Vorkommen wir

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alle in dem Herabsteigen (infolge von Wiederholung oder Gewôhnung) von bewusst.intelligenten, unpassenden ThStigkeiten zu automatischen oder unbewusst-ausgefiihrten, zu beobachten Gelegen-heit haben. Es ist somit einteuchtend, dass das Bewußtsein nicht nur zahllose Starkegrade autweist, sondern dass auch auf seinen ticferen Stu(en sein Aufsteigen vom Unbewußten so allmahtich erfolgt, dass wir nicht einmal innerhalb des Gebietes unsrer eignen subjektiven Erfahrung, selbst in weitabgesteckten Grenzen, zu bestimmen vermdgen, wo das Hewusstsein xum erstenmal auftaucht.4) Mit diesem allmählichen, der subjektiven Forschung zugang-lichen Auftauchen des Bemisaeins konnten wir nun woh) einige entsprechende physiologische oder sonstwie der objektiven Forschung erreichbare Thatsachen zu finden erwart«; und in der That finden wir auch solche, denn wir wissen, dass Reflexthatigkeiten in unserm eignen Organismus nicht mit Bewusstsein verbunden sind, obwohl die Kompliziertheit des bei jenen Thatigkeiten beteiligten Neuro. muskularsystem.s sehr bedeutend sein kann. Ks ist also offenbar nicht lediglich die Kompliziertheit der Gangtienthatigkcit, welche das Bewusstsein bedingt. Worin besteht denn aber jener Unterschied in der Thatigkeit der Hirnhemispharen und der der niederen Ganglien, welcher der grossen subjektiven Unterscheidung zwischen Bewusstsein, einer Begleiterscheinung der ersteren, und der Unbe-wusstheit, einem konstanten Charakteristikum der letzteren, entsprechen mochte~ Ich glaube, dass der einzige hier auffindbare Unterschied ein auf den Grad oder die Zeit zu bexiehender ist. Wir wissen durch genaue Messungen, die wir im folgenden noch naher kennen lernen werden, dass die Hirnhemispharen, wahrend sie jene mit Bewusstsein verbundenen Veranderungen erleiden, langsamer funktiunieren, als es bei den Thatigkeiten der niederen Centren der Fall ist. Mit anderen Worten, der Zeitraum zwischen dem Einfall eines Reizes und dem Auftreten der entsprechenden Bewegung ist merklich langer, wenn der Reiz zuerst

"TW* je einmal allmählich das Bewnsstsci» verlor od« nech und nach dem Einfluss eines «.ästhetischen Mittels ausgebt wurde, wird «ich der eigen. «rt*. Empfindungen erinnern, die mit dem gradweise« Schwinden des Be.

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wahrgenommen werden muss, als in jenen Fällen, wo eine vor-gangige Wahrnehmung nicht erfordert wird. Dies wird nicht nur durch Vergteichung der "latenten Periode" (d. i. der Zeit, welche zwischen der Reizung und deren Beantwortung liegt) bei einer Thatigkeit der niederen Centren mit einer solchen, welche die wahrnehmenden HirnhemisphNren in Anspruch nimmt, bewiesen, sondera auch durch Vergleichung der latenten Periode bei einer und derselben Hirnthätigkeit, die ursprüngtich mit einer Wahrnehmung verknüpft, durch Wiederholung automatisch wird. Ein alter JSger wird infolge eines nahezu unbewussten Aktes sein Ge-wehr an der Schulter haben, in demselben Augenblick, da ein Voget unerwartet aufftiegt; wShrend ein Neuling in diesem Falle cine wertvolle Sekunde damit hinbringen wird, „sich in die Situation hineinzufinden". Diese und ahnliche Thatsachen werden uns somit uberzeugen, dass wenn wenige Dinge „schneller als ein Gedanke" sind, wenigstens die Reflexthatigkeit zu diesen Dingen gehSrt. Im allgemeinen kann man behaupten, dass je vollkommner bewusst ein Zustand ist, um so längere Zeit zu seiner weitern Ausarbeitung gehôrt, wie wir bei der Abhandlung des Kapitels der Wahrnehmung noch naher sehen werden.

Was will aber dieses grôssere Zeiterfordernis besagen? Oifen- ■ bar doch nur, dass der betreffende Nervenmechanismus noch nicht völlig an die verlangte Beantwortung gewohnt war und dass der Reiz, anstatt nur den Drucker eines bereitstehenden Beantwortung*-apparats (so kompliziert derselbe auch sein moge) beruhren zu brauchen, im Nervencentrum erst noch eine Reihe andrer Reize auslösen muss, ehe die erforderliche Antwort gewâhrt wird. In den hoheren Regionen des bewussten Lebens ist dieses Spiel von Reizen "unter schwierigen Umstanden" als Unentschlossenheit be. kannt; aber selbst bei einem einfachen Bewusstseinsakt, wie z. B. bei dem der Signalisierung einer Wahrnehmung, wird von den Hirnhemispharen mehr Zeit zur passenden Beantwortung einer nicht zur Gewohnheit gewordenen Erfahrung beanspruch,, als seitens der niedern Nervencentren zur AusfHhrung der kompliziertesten Reflexwirkungen, als Antwort auf eine habituell gewordene Er-fahrung. In letzterem Fatle finden sich die Wege der nervosen

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Entladung durch Gebrauch gut ausgefahren, wahrend sie im ersteren erst durch ein kompliziertes Spiel von Kraften innerhalb der Zellen und Fasern der Hirnhemisphären bestimmt werden müssen. Und dicses komplizierte Spiel von Kräften, das seinen physischen Aus. druck in der Verlängerung der ,Latenzperiode" findet, kommtauch physiologisch zum Ausdruck bei der Entstehung des Bewusstseins.

Die Funktion der Hirnhemispharen hat es demnach mit Reizen zu thun, die, obwohl möglicher- und vergleichsweise einfach, doch so verschiedenartig charakteristisch sind, dass spezielle Rellexmecha-nisraen mit der Aufgabe, sie in einem besonderen Wege zu erledigen, noch nicht ausgebildet wurden; und gerade die daraus sich ergebende Erschütterung der unter dem Einfluss jener Reixe stehenden hOchsten Nervencentren ist es, die von der Erscheinung des Bewusstseins begleitet ist. Nun kann aber, mit Spencer gesprochen, „unmcg!ich eine Koordinierung zahlreicher Reize statt-finden, ohne ein Ganglion, durch welches sie alle in Begehung ai einandcr gesetzt werden. Wahrend cines solchen Vorgangs muss aber dieses Ganglion dem Einfluss eines jeden einzelnen Reizes ausgesetzt sein; es muss also selbst zahlreiche Veranderungen erleiden, und die rasche Fo!ge solcher Veranderungen in einem Cangtion bedingt xunachst die fortwährende Er<ahrung von Unterschieden und Âhn)ichkeiten und liefert damit das Rohmateria) des Bewusstseins." -)

So sehen wir denn, soweit wir überhaupt jemals zu sehen hoffen dürfen, wie bewusste ThStigkeit nach und nach aus Reflexen entsteht. Sobald nun die Reize, mit welchen gerechnet werden muss, immer komplizierter und mannigfacher werden, infolge der fortschreitenden Entwicklung der Organismen, welche dadurch in immer

*) Prüfen der Psychologic I. S. 4S3 °»d 454- Mi meine jedoch, dass Spencer sich hier wie auch «.der*** «cht deutlich genug ausdrûckt, wenn er das Rogatery des Bewusstsein,. ».cht notwendig schon in <,er blosse» Kompliziertheii der GanglientMtigkeit finde«t Alkrdfa». scheintt wie ich schon frühet gesagtt die Kompliziertheit an sich nichts mit dem Entstehen des Bewusstseins zo thun ,« haben, ausser dass sie «o dem beitragt, was ich die Ganglieuroibung nenne, welche ibren Ausdruck in einer Verzögerung der

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kompliziertere und mannigfachere Bexiehungen mit ihrer Umgebung treten, wird die ursprüngliche Bestimmung eines besondern Nervenmechanismus, den Anforderungen dieser oder jener Gruppe von Reizen zu begegnen, nicht länger ausreichend sein; die hoheren Nervencentren haben deshalb die Funktion zu übernehmen, viele und verschiedennrtige Reize in einem Horde zu sammeln, um jene hôhere Unterscheidungsfahigkeit zu erreichen, welche wir bereits als das eigentliche Attribut des Geistes kennen gelernt haben. „Sodann ist," wie Spencer bemerkt, "die Koordinierung zahlreicher Reize zu einem einzigen Reiz, soweit sie sich erstreckt, eine Re-duktion von zerstreuten gleichzeitigen Veranderungen zu konzen-trierten, reihenweise angeordneten Veranderungen. Mag man nun die kombinierten Nerventätigkeiten, welche stattfinden, wenn das HOhnchpn ein Insekt angreift, als eine Reihe auffassen, welche in rascher Folge durch sein Koordinierungscentrum hindurchgeht, oder a)s eine Erscheinung, die sich zu zwei successiven Zustanden seines Koordinierungseentrums zusammengefügt hat; jedenfalls ist soviel klar, dass die hier ablaufenden Veränderungen eine viel ausgepragtere lineare Anordnung besitzen, als die Veranderungen, wetche zum Beispiel in der ganzen Kette von Ganglien eines Tausendfllssers statt-finden kënnen.)') Und dieser lineare Charakter der VerNnderung bildet natürlich einen der'unterscheidendsten Züge unsres subjektiven Bewusstseins. E< wird bereits bemerkt worden sein, dass diese Austegung der Entstehung des Bewusstseins lediglich empirischer Natur ist. Wir wissen durch unmittelbare oder subjektive analytische Untersuchung, dass Bewusstsein nur auftritt, wenn ein Nervencentrum mit. einer Sammlung verschiedenartiger und ver-hältnismassig ungewôhnlicher Reize beschaftigt ist, und wenn, als Einleitung zu diesem Akte unterscheidender Anpassung, in dem Nervencentrum ein Durcheinander von nach mehr oder weniger ungewohnten Richtungen hin laufenden Reizen entsteht, welches eine verhaltnismassige Verzogerung in dem Eintreten der eventuellen Beantwortung mit sich bringt. Wir schweben jedoch noch völlig im Dunkel bezUglich des kausalen Zusammenhanges (wenn ein

') Prinxipien der Psychologit I. S. 45J.

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solcher <berhaupt existiert) zwischen einer unruhigen Bewegung in einem Ganglion und «lern Auftreten des Bewußtseins. Allerdings haben wir eine empirifche Verbindung zwischen den beiden, die fllr die Zwecke cincr rein historischen Psychologie ebenso wertvoll ist, ats es ein völliges Verstandnis des kausalen Zusammenhanges sein würde - wenn ein solcher Zusammenhang überhaupt verstau-den werden konnte.

So viel in betreff der physischen Bedingnngen, unter denen Bewusstsein stets und ausschliesslich auftritt. Ks erübrigt mir nun noch, zum Schluss dieses Kapitels in aller Kürze zu zeigen, dass diese Bedingungen jedenfalls zuerst innerhalb derselben Grenzen entstehen, wie die ersten Anfange des Bewußtseins.

Mit Rücksicht darauf, dass ich bereits das unbestimmte oder allmähliche Auftauchen des Bewusstseins hervorgehobe) und deshalb seiner Entstehung eine weite Flache unsres Uiagramms, statt einer bestimmten Linie, angewiesen habe, halte ich es für vollständig unbedenklich, die früheste Aufdämmerung des Bewusstseins in ner-vase Anpassungen oder Reflexthatigkeiten zu verlegen und das Ende seiner Entwicklung in den Ideeenverbindungen zu suchen. Einer-seits ist es nach dem Vorhergehenden doch offenbar unmöglich, irgend eine hestimmte Grenze zwischen Rellexthatigkeit und be-wusster Handlung zu ziehen, insofern, objektiv oder als Thätigkeit betrachtet, die letztere von der ersteren sich nicht der Art nach, sondern nur durch den gradweisen Fortschritt in centraler Koordinierung der Reize unterscheidet. Wo deshalb eine solche centrale Koordinierung zum erstenmal gut hergestellt ist, wie z. B. im Mechanismus der einfachsten Reflexwirkung, dorthin, meine ich, kënnen wir mit der grësstcn Wahrscheintichkeit das Auftreten des Bewusstseins verlegen. Wo anderseits eine unbestimmte Erinnerung an früherc Erfahrungen zum erstenmal in das Vermogen, einfache Ideeen miteinander zu verbinden oder sich des Zusammenhanges zwischen Erinnertem bewusst zu wcrden, Ubergeht, da halte ich die Ausbildung des Bewusstseins genUgend weit vorgeschritten, um es an demselben Punkte mit Sicherheit beginnen zu lassen.

In diesem Schema, welches ich natürlich als eine ziemlich willkürliche Schatzung hinstelle, wo eine bessere nicht maglich ist, finden

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wir die Cölenteraten im Besitze dessen, was Spencer "das Roh-materiat des Bewußtseins" nennt, und die Echinodermen mit einem solchen Grade von Bewusstsein ausgestattet, wie er ihnen mit Rücksicht auf ihre mannigfachen komplizierten Retlexthatigkeiten zugeschrieben werden muss, zumal bei ihren spontanen Bewegungen die neuromuskularen Anpassungen fast den Anschein einer geringen In-telligenz erwecken. Die Anneliden bringe ich auf eine noch hôhere Bewusstseinsstufe, weil nach den von mir*) und Darwin") mitgeteilten Thatsachen ihre Handlungen wirklich so einsichtig xu sein scheinen, dass es schwer zu entscheiden ist, ob wir sie intelligent nennen sollen oder nicht. Auf dieselbe Stufe stelle ich auch den Abschluss der embryonalen Periode des Menschen; denn obwohl das neuge-borne Kind wegen der Unzulangtichkeit seiner Erfahrungen keinerlei passendeHandlungen ausführt, die auf Intelligenz hinweisen, so sind doch seine Nervencentren schon so ausgebildet (indem sie die Resultate einer grossen Menge ererbter Erfahrungen verkorpern, die, obwohl latenter im neugebornen Kinde, ais in dem Neugebornen vieler übrigen Saugetiere und aller Vogel, dennoch in Berechnung gezogen werden müssen), dass wir ihnen wenigstens soviel Bewussf sein zuschreiben konnen, wie den Anneliden. Ûberdies scheint das neugeborne Kind Schmerz zu empfinden, weil es schreit, wenn ihm Unangenehmes widerfährt, und obwohl dieser Bewegungskomplex hauptsachtich auf Reflexwirkung zurOckgefUhrt werden kann, so dürfen wir ihn doch, mittelst Analogieschlusses, wenigstens zum Teil als durch Empfindung veranlasst ansehen. Die Ubrigen mit den Anfängen des Bewusstseins besetzten Stufen werden den niederen Mollusken zugewiesen, was wohl vollstandig gerechtfertigt ist, insofern die von diesen Tieren verrichteten Thätigkeiten, wie ich in meinem früherenJVerke gezeigt habe, unfraglich von Intelligenz zeugen.

") Darwin. Bildung der Ackererde.

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Siebentes Kapitel. Empfindung.

Snter Empfindung verstehe ich einfach ein durch einen Reü 1 hervorgerufenes Gefüht; der Ausdruck hält sich deshalb fern von allen metaphorischen Bedeutungen und schliesst nicht allein einerseits die Reflexthatigkeiten und die nicht nervôsen Anpassungen, sondern auch anderseits die Wahrnehmung au, Auch hat er nichts mit der sorgfältig definierten Bedeutung zu thun, welche ihm in den Schriften von Lewes beigelegt ist. Dieser Autor definierte die Empfindung als die Reaktion eines Sinnesorgans, môge sie nun mit GefUht verbunden sein oder nicht; er pflegt deshalb hiufig von ungefühlten Empfindungen zu reden. Das Wort Empfindung bedeutet bei ihm einen rein physischen Prozess, mit dem Bewusstsein verbunden sein kann oder auch nicht. Wenn ich dagegen getegenttich von der physischen Reaktion eines Sinnesorgans spreche, so denke ich mir darunter auch wirklich einc solche und keine Empfindung. Die Unterscheidung, welche ich, in Ûbereinstimmung mit andern Psychologen, zwischen einer Em-pfindung und einer Wahrnehmuug mache, werde ich in dem Kapitel über die letztere noch naher auseinandersetzen. Einstweilen genügt die Bemerkung, dass ihr grosser Unterschied darin besteht, dass Wahrnehmung sowohl ein Element der Erkenntnis, als auch ein Element des Gefühls in sich schliesst

Schwieriger ist es, eine Unterscheidung zwischen Empfindung und nicht-nervosen Anpassungen zu treffen und noch schwieriger zwischen Empfindung und nervëser Anpassung ohne Gefühl (Reflex-thfttigkeit). Hier haben wir es jedoch wieder mit einer schon

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früher berücksichtigten Schwierigkeit zu thun, namtich die Grenze zu bezeichnen, wo das Bewusstsein beginnt; wie wir früher gesehen haben, hat dies aber nichts mit der Gültigkeit der Klassitikation der psychischen Fahigkeiten zu thun, sondern nur mit der Frage, ob diese oder jene Fahigkeit bei diesem oder jenem Organismus anzutreffen ist. So lange also die Frage die der Ktassifizierung psychischer Fahigkeiten ist, konnen wir nur sagen, dass dort, wo Gefüht vorhanden ist, auch Empfindung sein muss. Wo aber die Frage die Ktassifizierung der Organismen mit Bezug auf ihre psychischen Fahigkeiten berOhrt, fällt die Schwierigkeit der Bestimmung, ob diese oder jene niedere Lebensform mit den Anfängen der Empfindung verbunden sei oder nicht, mit der Frage nach der Gegenwart des Bewusstseins bei ihnen zusammen. Nun haben wir diese Frage bereits ins Auge gefasst und gefunden, dass ihre Beantwortung unmoglich ist. Wir wissen, auch innerhalb weiter Grenzen, nicht zu sagen, wo im Ticrreich Bewusstsein zuerst als vorhanden bezeichnet werden kann. Um aber die Grenze, mit Rücksicht auf Empfindung, irgendwie zu bezeichnen, ziehe ich sie dort, wo wir zuerst speziellen Sinnesorganen begegnen, d. h. bei den Colenteraten. Es ist unnotig hinzuzufügen, dass ich hierbei ganz willkürlich ver-fahre. Denn einerseits mogen Pflanzen, die einen mechanischen Reiz beantworten, oder auch protoplasmatische Organismen, die einem Lichtreiz durch Aufsuchen oder Vermeiden der Helligkeit entsprechen, damit eine schwache Empfindung kundgeben, wahrend andrerseits die blosse Gegenwart eines speziellen Sinnesorgans noch kein sicheres Zeugnis dafUr abgibt, dass seine Thatigkeiten von Empfindung begleitet seien. Was wir ein spezielles Sinnesorgan nennen, ist ein Urgan, das einer speziellen Reizforrn angepasst ist; ob aber die Beantwortung dieses Reizes von Empfindung begleitet sei oder nicht, ist eine ganz andre Frage. Wir schliessen durch Analogie, dass dem so sei, wenn es sich um uns ahnliche Orga-nismen handelt, d. h. um Menschen oder hëhere Tiere; der Wert dieser Schlussfolgerung verringert sich aber in dem Masse, ais die Analogie weniger zwingend erscheint, d. h. je tiefer wir auf der zoologischcn und psychologischen Stufenleiter, von uns gleichen Organismen zu immer weniger ahntichen, herabsteigen.

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Indem ich also nochmals betone, dass ich nur der Bequem-lichkeit halber das Auftauchen der Empfindung mit dem Entstehen der speziellen Sinnesorgane zusammenfallen Hess, werde ich nun zu einem kurzen Oberblick des gesamten Tierreichs mit Rücksicht auf das Vermôgen spezieller Sinnesthatigkeiten schreiten; denn in-sofern die letzteren die Grundlagen aller Obrigen Geistesvermögen bilden, ist es von Wichtigkeit, eine hllgemeine Idee von ihrer stufonweisen Entwicklung in der Reihe der Tiere zu besitzen.

Bei einigen seiner neueren Versuche fand Engelmann'), dass viele protoplasmatische und einzellige Organismen für Licht empfindlich sind; d. h. ihre Bewegungen werden durch das Licht beeinfluß welches in einzelnen Fällen eine Beschleunigung, in andren eine Verlangsamung ihrer Bewegungen verursacht; bald suchen jene Organismen das Licht, bald vermeiden sie dasselbe u. s. w. Er fand weiter, dass diese Wirkungen auf eine der drei folgenden Ursachen zurUckzuführen sind:

t. Durch Licht hervorgebrachte Ândcrung im Gasaustausche;

ï. daraus hervorgehende Ver~nderung der Atmungsbedingungen;

3. eigentümliche Vorgange von Lichtreizung. Hier wollen wir uns nur mit der letzteren befassen, und zwar unter Herbeiziehung der Eugkna viridis, als des Organismus, welcher sie nach Engelmann in typischerWeise zu erkennen gibt. Nachdem Vorsorge getroffen war, die beiden ersten der obigen drei Ursachen auszuschliessen, bemerkte man, dass das Tier trotzdem noch das Licht aufsuchte; es zeigte sich uberdies, dass dies nur der Fall war, wenn man das Licht auf den vordem Teil seines Kôrpers fallen Hess. Hier befindet sich zwar ein Pigmentfleck, jedoch ergab sich nach sorgfältigen Untersuchungen, dass nicht sowoht dieser der fur Licht empfangtichste Punkt ist, sondern vielmehr eine vor ihm liegende farblose und durchsichtige Stelle im Protoplasma. Es ist daher zweifelhaft, ob jener Pigmentfleck als ein überaus primitives Sinnes-organ zu betrachten ist oder nicht. Von den Strahlen des Spektrums zieht Euglma viridis die blauen vor.

Die merkwUrdige Beobachtung H. J. Carters macht uns zudem

) PflügerB Archiv f. Physio!l XXIX. ,88x Bom&oes, KMwlcklui.fi> des Grirt...                                                   6

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um ihren Behälter herumbewegt wird. Die rings um den Rand

htbi. 7d Hn f ?e befindlichen Pigmentkorper wurden

hierbei als die betreffenden speziellen Sinnesorgane erkannt, und

die sie affizierenden Strahlen des Spektrums gehörten dem leuch-1H^                  " "" bmerkte ferner, *» eini&

*) Popalare Vorträge. ï. Hefc Bonn.

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mit einem fast unglaublich scheinenden speziellen Sinnesvermôgen bei den Rhizopoden bekannt, und Prof. Haeckel berichtet in seinem Versuch über den Ursprung und die Entwicklung der Sinncsorgane"), dass es schon "unter den mikroskopischen Urtierchen sowohl Lichtfreunde, als Obskuranten gibt". Manche scheinen auch Geruch und Geschmack zu besitzen da sie ihre Nahrung mit grosser Sorgfalt auswahten. Wir stehen hier also vor der wichtigen Thatsache, dass Sinnesthatigkeit ohne besondere Sinneswerkzeuge und ohne Nerven moglich ist. An Stelle dieser letzteren tritt als empfindender Korper jene wunderbare, formlose, eiweissartige Substanz, die unter dem

!rn P™p!aTvoderrganischer Büdu^stoff,als d« ■m*«*»

und unentbehrliche Grundlage aller Lebenserscheinungen bekannt ist.

Engelmann beschreibt sogar die Jagd eines Infusoriums durch

das andre. Das erstere kreuzte auf seiner Bahn zufällig den Weg

einer freischwarmenden ****. Eine Berührung fand nicht statt,

jedoch wurde die Jagd sofort aufgenommen und fùnf Sekunden

lang schossen beide mit ausserer Schnelligkeit umher, wahrend das

jagende Infusorium sich in einer Entfernung von ungef~hr «As mm

hinter dem gejagten hielt. Dann wurde, infolge einer plötziiehen r,

Seitenbewegung der Varücella, dem Verfolger der Gegenstand seiner ! t

Jagd entzogen. Das UnterscheidungsvermQgen, welches manche ir

protoplasmafschen Tiefsee-Organismen verraten, indem sie Sand-

körnchen von emem bestimmten Umfang zum Aufbau ihrer GehNuse

auszuwahten verstehen, ist bereits erwähnt worden.

Indem wir uns nun zu den ursprang!ichsten, mit Nerven versehenen fteren, den Medusen, wenden, begegnen wir hier auch zum erstenmal speziellen Sinnesorganen. Ich selbst habe be-obachtet, dass verschiedene Arten Medusen das Licht suchen, indem sie einer Laterne folgen, wenn diese in einer sonst dunklen Stube

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Arten der Medusen einen hOher entwickelten Gesichtssinn hatten, als andre. Der mindest empfindliche findet sieh bei der Ttoxp* phßiademaia, wie aus dem längeren Zwischcnrnum zwischen dem Einfall eines Lichtreizes und dem Auftreten der motorischen Reaktion hervorgeht. Da dieser Fall sehr interessant ist, will ich in einige Einzelheiten daruber eingehen. Jene Meduse heantwortet starke Lichtreize stets dadurch, dass sie sich krampfhaft zusammenzieht; die Antwort bleibt aber aus, wenn man das Licht nicht länger als eine Sckunde auf ihre Sinnesorgane fallen lässt; wird ein Schiebefenster auf kürzere Zeit geöffnet und wieder geschlossen, so erfolgt keine Reaktion. Wir haben es demzufolge hier sicher nicht mit dem zu thun, was die Physiologen die Zeit latenter Reizung nennen, sondern mit der Zeit,. wahrend welcher das Licht einfallen muss, um zu einem adKquaten Reize zu werden, ganz so wie eine photographische Flatte eine gewisse Zeit den Yibrationen des Lichtes ausgesetzt werden muss, um diesen die Zersetzung der Salze xu ermöglichen. Wie verschieden muss demnach die Wirksamkeit oder die Entwicklung eines solchen Sehapparats von demjenigen einer völlig ausgebildeten Netzhaut oder Retina sein, die imstande ist, die notigen Nervenveranderungen als Beantwortung eines Reizes blitzartig rasch zu bewirken! Es ist übrigens bemerkenswert, bis zu welchem Grade bei den verschiedenen Medusen jene primitiven Sinnes-organe in ihrem innern Bau nach den verschiedenen Arten variieren. Mehr oder weniger komplizierte Formen von Nervenzellen und Fasern sind bei allen seither untersuchten Arten deutlich unterschieden; wenn man aber die besonderen spezifischen Formen miteinander vergleicht, so scheint es beinahe, als ob die speziellen Sinnesorgane dort, wo sic zuerst im Tierreich auftreten, sozusagen in der Mannigfaltigkeit ihrer moglichen Formen schwetgten.

Nach dem anatomischen Baue der Lithocysten ist es wahrscheinlich, dass die Medusen auch von Tonschwingungen affiziert werden, und sicher ist es, dass sie mit den verschiedensten, dem Tastsinn dienenden Organen ausgestattet sind. Denn nicht nur sind sie mit langen, hoch empfindlichen und kontraktilen Tentakeln versehen, sondern bei einigen Arten sind auch die Randganglien mit winzigen, haarahniichen Anhangseln besetzt, welche ihre zuge-

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horigen Nervenzellen gegen jede Berührung ausserordentlich cm. pfindlich machen mUssen. Im Zusammenhang mit dem Tastsinne der Medusen kann ich nach meinen Beobachtungen noch auf die Genauigkeit aufmerksam machen, mit der sic den Berührungspunkt eines fremden Kôrpers zu lokalisieren wissen. Die Meduse, ein schirmformiges Tier, dessen ganze Oberfläche fUr jede Art von Reizung empfindlich ist, bewegt bei der leisesten Berührung irgend einer K8rperstelle sofort ihren Stiel (Arm) nach jenem Punkt, um den fremden KOrper zu prtifen bezw. abzustreifen. Dies ist be-sonders bei einer Art der Fall, die ich deswegen Tkropm wdimm genannt habe. Hier ist es noch von besondrem Interesse, dass wenn das Nervengeflecht, welches über die ganze konkave Oberfläche des Schirmes ausgebreitet ist, vermittelst eines kurzen, grad. linigen Einschnitts, parallel dem Schirmrand, getrennt, und nun ein Punkt unterhalb der Schnittlinie berührt wird, der Arm nicht mehr imstande ist, den Beruhrungspunkt zu lokalisieren. Nichtsdesto. weniger scheint er zu fühlen, dass irgendwo eine BerOhrung stattgefunden hat und beginnt deshalb lebhaft von einer Seite des Schirmes zur andern herumzutasten, um den bestatigenden KSrper zu suchen. Dies beweist, dass wenn der Reiz die Trennungsstelle der Nervenfasern erreicht'' er sich über das allgemeine Nervengeflecht ausbreitet und indem er so auf vielen verschiednen Wegen zum Arme gelangt, eine entsprechende Anzahl von sich wider-streitenden Botschaften liefert bezuglich der Stelle des Schirmes, aufwelche der Reiz einwirkte. Dieses Ausstrahlen eines auf seinem gewdhnlichen Wege aufgehaltenen Reizes auf andre Nervenfasern, erscheint hier um so interessanter, da in dem ausseren Nervenge-

ITJZ™^™keine Spur einer solchen ErscheiDUng

Bei den den Medusen venvandten Aktinien haben W. Poloock und ich uberzeugende Nachweise eines Geruchsinns beigebracht. Wenn namhch etwas Futter in einen Sumpf oder einen Teich geworfen wird, in welchem sich Seeanemonen in geschlossenem Zustande befinden, so strecken die Tiere sofort ihre Tentakeln aus. Es ist von andrer Seite behauptet worden, dass dies ebensogut als ein Beweis für den Geschmack-, wie für den Geruchsinn ge.

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: nommen werden konne; meiner Meinung nach kann jedoch hier ; ebensowenig ein Unterschied tischen jenen beiden Sinnen gemacht r werden, wie im analogen Falle bei den Fischen. Die Cölenteraten, , als Ganzes betrachtet, sind es also, bei denen wir zum erstenmal ," unverkennbaren Sinnesorganen begegnen, ebenso wie wir bei ihnen ■ zu einem unverkennbaren Beweise fur das Auftreten aller fünf Sinne i gelangen, oder, genauer ausgedrOckt, für das Vermôgen zu passen-;; der Beantwortung auf alle fünf Kiassen von Reizen, welche auch die fünf menschlichen Sinne affizieren.

Indem wir nun zu den Echinodermen Obergehen, habe ich

vor allem nach den Beobachtungen von Prof. Ewett und mir

selbst anzufUhren, dass Seestern und Seeigel nach dem Lichte zu

> kriechen und daselbst verweiten, selbst wenn das letztere von einer

für das menschliche Auge kaum wahrnehmbaren IntensitSt ist.

Noch mehr, wir überxeugten uns, dass dieses ausserordentiich feinfühlige UnteKcheidungsvetmogen twischen Hell und Dunkel in ; den pigmentierten „«*/«« an den Strahlenspitzen des Seesterns und an den homologen Stellen des Seeigels lokalisiert ist. Der Tastsinn zeigt sich gleichfalls bei ihnen hochentwickelt und eine Menge \ von speziell modifizierten Organen sind dafür vorgesehen. Endlich konstatierte ich auch das Vorkommen des Geruchsinns bei den r Seesternen, freilich nicht in einem bestimmten Geruchsorgane lo-; kalisiert, sondern vielmehr gteichmäßig über die ganze Bauchseite

des Tieres verbreitet. :              Bei den Artikulaten begegnen wir zahllosen Arten von Seh-

apparaten, von einem einfachen „ooflia» an, der kaum Licht von , Dunkelheit zu unterscheiden vermag, bis hinauf zu den hoch aus-gebildeten zusammengesetzten Augen der Insekten und hoheren ; Krustazeen. Diese zusammengesetzten Augen sind dadurch merkwürdig, dass eine jede ihrer vielen tausend Facetten ein Bitd des . entsprechenden Tells des Gesichtsfeldes abspiegett und die Menge der getrennten Sinneseindrücke sodann durch eine Sinnesoperation, ' die in den Kopfganglien vor sich geht, in ein mosaikartiges Ganze ; zusammengefaßt wird. Bei diesen zusammengesetzten Augen werden die Bilder ohne Umkehrung auf die rezeptive Nervenoberfläche I geworfen. Bei dem nicht zusammengesetzten, einfachen Typus wird

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dagegen das Bi)d umgekehrt, und da bei den Ameisen beidc Arten von Augen bei einem und demselben Individuum vorkommen, so entsteht ein gewisses psychologisches R&tset, wie man die vorlie. gende Thatsache einer Interprétation ohne Konfusion der Bilder erklären soll. Einiges Nachdenken zeigt uns jedoch, dass die anscheinende Schwierigkeit keine reale ist. GewOhnlich sagt man, dass wir selbst die Gegenstande eigentlich umgekehrt sehen, und dass nur die lange Obung uns befähige, die irrtumtichen Eindrücke zu rektifizieren. Diese Anschauung ist jedoch nicht richtig. Wir sehen die Dinge nicht umgekehrt, denn der Geist ist kein perpen. dikularer Gegenstand im Raume, der aufrecht hinter der Retina steht, wie ein Photograph hinter seiner Camera. Fur den Geist gibt es kein Oben und Unten in der Retina, ausgenommen insofern die Retina in Beziehung zur Susseren Welt steht; diese Beziehung kann aber nicht durch das Gesicht, sondern nur durch den Tastsinn bestimmt werden. Wenn nur diese Beziehung konstant ist, so kann es für den Geist keinen Unterschied machen, ob die Bilder aufrecht, umgekehrt oder in irgend einem Winkel zum Horizont auf die Retina geworfen werden; in jedem Falle wurde die wechsel. seitige Beziehung zwischen Gesicht und Gefühl ebenso leicht hergestellt werden und wir wurden stets die Dinge sehen, nicht in der Stellung, wie sie auf die Retina geworfen werden, sondern in derjenigen, welche sie mit Bezug auf die Retina einnehmen. So erfordert es in der That nicht mehr Obung, umgekehrte Bilder, als aufrechtstehende richtig auszutegen. Deshalb kann die Thatsache, dass einige Augen einer Ameise vermutlich die Bilder aufrecht auf die Retina werfen, wahrend andere die sin umgekehrter Stellung thun, keinerlei Bedenken gegen meine Theorie enthalten.

Es gibt nicht eine einzige Gruppe des Tierreichs, die so viele verschiedene Entwicklungsstufen eines speziellen Sinnesorgans aufzeigt, als die Wurmer. "Bei den niedrigsten Wurmern," sagt Prof. Haeckel,*) "wird das Auge bloss durch einzelne Farb-stoffeellen oder Pigmentzellen vertreten; bei andern gesellen sich dazu lichtbrechende Zellen, die eine einfachste Linse bilden.

*) Heeckel, Vortrüge 2. H«ft. Bonn.

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Hinter diesen Linsenzellen entwickeln sich Sehzellen, welche in einer einfachen Lage eine Netzhaut einfachster Art bilden und mit den feinsten Endföserchen des Sehnerven in Verbindung stehen. Endlich bei den Akiopiden, hochorganisierten Ringetwurmern, die an der Oberfläcbe des Meeres schwimmen, hat die Anpassung an diese Leben»*, eine solche Vervollkommnung des Auges be* dingt, dass es den Augen niederer Wirbeltiere nichts nachgibt. Da finden wir einen grossen kugeligen Augapfel, der aussen eine geschichtete kugelige Linse, innen einen umfangreichen GlaskOrper umschliesst. Unmittelbar um diesen herum liegen die lichtempfindenden Stabchen der Sehzellen, welche durch eine Schicht von Farb-stoffzellen von der ausseren Ausbreitung des Sehnerven, der Netzhaut getrennt werden. Die aussere Hautdecke umhüllt den ganzen, frei hervorragenden Augapfel und bildet Ober demselben eine durchsichtige Hornhaut oder Cornea." - Nach den neueren Beobachtungen Darwins') steht es weiter fest, dassRegenwurmer, obwohl sie keine Augen besitzen, dennoch imstande sind, ungemein rasch und sicher zwischen Hell und Dunkel zu unterscheiden; da er aber fand, dass nur der vordere Teil des Tieres dieses VermOgen auf-zeigt, so schliesst er daraus, dass das Licht unmittelbar die vorderen Ganglien, ohne Da~wischenkunft eines Sinnesorgans, affiziert. Schliesslich berichtet Schneid,r, dass die Serpula ihre ausgestreckten Taster vor einem Schatten plötzlich zuruckzieht, wenn dieser von einem sich mit einer gewissen Geschwindigkeit bewegenden Gegenstande herrUhrt.")

In Betreff des Hürsinns der Artikulaten finden wir den einfachsten Typus eines Ohrs bei den Würmern, wo es sich als ein kugeliges Blgschen darstellt, dass eine Flüssigkeit mit einem darin schwebenden „Hôrstein" enthält.)) Bei einigen Krustazeen, wie beim Flusskrebs und beim Hummer, ist das HOrorgan viel komplizierter.

) Darwin. Bild„„g der Ackere. «) Schneider, Der tierbche Wille.

~) Regenwürmer besitz keinen Gehörsinn und sind gtalich taub. ob-weh! sie für Sthien, die ibnea durch Berührung «it festen Karpern «■geleitet werde», sehr empfänglich «„d. (Vgll Darwin, Bildung der

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„Gibt man hier auf einer Violine Tone von verschiedener HOhe an und beobachtet gleichzeitig die HOrtasche unter dem Mikroskop, so sieht man, da* bei jedem Tone nur ein bestimmtes Hôrhaar in Schwingung gérât.)*)

Bei den Insekten kommen Hororgane ohne Zweite! vor, wenigstens bei einigen Spezies, obwoh! die Versuche Sir John Lubbocks zu zeigen scheinen, dass die Ameisen taub sind. Der Beweis, class einige Insekten zu hôren imstande sind, ist nicht nur ein morphologischer, sondern auch ein physiologischer, weil er auf der An-nahme beruht, dass das Schwirren und Zirpen und andere sexuelle Gerausche mancher Insekten auf keine andre Weise erklärt werden konnen. Brunelli fand überdies, dass, wenn er eine weibliche Heuschrecke auf eine Entfernung von mehreren Metern von dem Männchen trennte, letzteres zu zirpen begann, um das Weibchen von seinern Aufenthaltsorte zu unterrichten, worauf das Weibchon sich ihm auch atsbatd wieder naherte. Über das Vorhandensein eines Horsinns bei den Lepidopteren habe ich selbst Beobachtungen veröffentticht. In morphologischer Begehung ist es auffallend, dass bei verschiedenen Gliedern der Artikulaten die Hororgane in sehr verschiedenen Teilen des Kôrpers vorkommen. So liegen sie z. B. beim Hummer und Flusskrebs am Kopf, an der Basis der kleinen inneren Fühler, wahrend sie bei einigen Krabben (Mym) am Schwanze vorkommen. Bei den Orthopteren hingegen finden sic sich an den Unterschenkeln der Vorderbeine, bei andern Arten an den Brustseiten; wieder bei andern spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Hororgane sich an den Fühlern befinden. Diese Thatsachen beweisen, dass bei den Artikulaten die verschiedenen Arten des Hororgans unabhangig voneinander entstanden und nicht etwa von einem gemeinsamen Vorfahren der Gruppe vererbt worden sind; dabei ist es bemerkenswert, dass dies sogar innerhalb der so verhaltnismSssig engen Grenzen einer Unterabteilung gilt, wie die, welche eine Krabbe von einem Flusskrebs oder Hummer trennt)) ^ Der Geruchsinn ist bei vielen Artikulaten ohne Zweifet hoch

^H^kel, a. a. O.

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entwickelt, obwohl wir, abgesehen von wenigen Fällen, noch nicht imstande waren, die Geruchsorgane nachzuweisen. So zeigt der Bericht von Sir E. Tennent über die Gewohnheiten der Land-blutegel von Ceylon, dass diesen Tieren eine geradezu erstauntiche Feinheit des Geruchsinnes zugeschrieben werden muss, weil sic das Herannahen eines Pferdes oder eines Menschen schon auf weite Entfernung hin riechen. Bei Regenwurmern ist der Geruch-sinn schwach und scheint sich nur auf gewisse Gerüche zu beschrNnken/) Sir John Lubbock hat durch direkte Versuche nachgewiesen, dass Ameisen Gerüche wahrnehmen und dass dies allem Anschein nach mittelst ihrer Antennen geschieht. Dasselbe gilt auch für die Bienen, und die allgemeine Thatsache, dass viele Insekten Geruchsvermogen besitzen, wird noch dadurch gestützt, dass so viele Arten von Blutenpflanzen, welche hinsichtlich ihrer Befruchtung auf die Besuche der Insekten angewiesen sind, zur Anlockung der letzteren Düfte aussenden. Dass die Krustazeen Ge. ruchsvermogen besitzen, zeigt schon die Schnelligkeit, mit der sie ihr Futter zu finden wissen. Es ist mir neuerdings gelungen, den Sitz der Geruchsorgane bei Krebsen und Hummern durch eine Reihe von Experimenten nachzuweisen, deren nahere Anführung hier zu viel Raum beanspruchen wurde. Ich will deshalb nur bemerken, dass jene Organe sich an dem kleineren Paar Fühler befinden, deren Enden zur Ausubung der Geruchsfunktion in wunderbarer Weise modifiziert sind. Das vordere Glied bewegt sich in einer vertikalen Ebene und stutzt den Sinnesapparat, der sich fortwahrend ruckweise auf. und niederbewegt, um eine plôtziiche Beruhrung mit irgend im Wasser schwebenden und riechenden Stoffteilchen herbeizufuhren: ganz in derselben Weise, wie wir selbst riechen, indem wir einige kurze und rasche Luftstosse durch die Nase einatmen. Jeder Besucher eines Aquariums wird diese Bewegungen bei allen gesunden Krebsen oder Hummern leicht be-obachten kënnen.

Der Geschmackssinn ist mindestens bei einigen Arten der Artikulaten (wie z. B. bei den honigfressenden Insekten) vorhanden, und der Tastsinn ist mehr oder weniger bei allen ausgebildet.

*) Darwin, a. a. O.

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Bei den Mollusken finden wir eine vollstNndige Stufenleiter vom einfachen Augenflecke gewisser Lamellibranchiaten, durch die Pteropoden hindurch zu den vollkommener organisierten Augen der Gasteropoden und Heteropoden. Wenn wir aber zu den Cepha-lopoden gelangen, stehen wir so zu sagen vor einem weiten Ent-wtcklungssprunge, denn das Ange eines (ktopt<* steht seinem ganzen Bau nach dem eines Fisches, welchem es so stark ahne)t, gleich. Bei dieser übrigens nur oberflächlichen Âhntichkeit dürfen wir nicht tibersehen, dass die énorme Entwicklung in der Organisa- ; tion jenes Molluskenauges offenbar mit der nicht weniger hohen j Entwicklung des Neuromuskularsystems des Tieres in wechselseitiger i Beziehung steht - worin es also ebenfalls mehr einem Fische, ! als andern Mollusken gleicht. Im grossen und ganzen finden i wir bei den Mollusken dieselbe Verschiedenheit in der Lage des : Auges, die wir schon beim Ohre der Artikulaten bewundert haben. ! Wahrend bei den Cephalopoden und Gasteropoden die Augen sich ! am Kopfe befinden, tragen einige aus der letzteren Klasse Uber- i dies noch Augen auf dem Rucken, die in ihrem Baue von den Augen am Kopfe sehr verschieden sind. Bei den Lamellibranchiaten finden sich die Augen in.grosser Anzahl am Rande des Mantels. : Der Gehorsinn ist allen Mollusken gemeinsam und die' be- : tref!enden Organe zeigen bei einem Aufsteigen von den niederen j' zu den hsheren Gruppen, analog dem Gesichtssinne, eine fort- j schreitende Ausbildung. So bestehen z. B. bei den niederen l Mollusken die Hororgane ans einem Paar kleiner, dem Hörnerven | aufsitzender Bläschen, die mit einer Flüssigkeit angefüllt sind, in i. der ein Hôrstein schwebt. Bei den Cephalopoden finden wir in. i dessen, bei gleichem allgemeinen Bauplane, eine Annaherung an den Horappatat der Fische; denn das Bläschen ist hier im Knorpet j des Kopfes eingebettet, von grosserem Um<ang und im allgemeinen i analog dem Hororgane der Vertebraten. Dass die Mehrzahl der Mollusken GeruchsvermOgen besitzt, beweist die Schnelligkeit, mit > der sie ihre Nahrung zu finden wissen, und vom Octopus sagt man [. (Marshall) Oberdies, dass er einen starken Widerwillen gegen be- |. stimmte Gerüche habe. Bei den Cephalopoden werden die Ge- [ ruchsorgane wahrscheinlich von zwei kleinen Höhlungen in der |

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Nahe der hintern Seite des Auges gebildet, bei den andern Mollusken vermutet man sie in den kleinen Tentakeln neben der Mundeffnung. Der Tastsinn wird sowoht durch diese kleinen, als auch durch die grësseren Tentakeln (sowie auch durch die ganze weiche Aussenflache) vermittelt, bei den Cephalopoda» dagegen durch die langen, schkngenf~rmigen Arme, welche diesen Tieren ein grösseres Vermôgen zur Aufnahme von Tasteindrticken sichern mussen, als irgend einem andern Seetiere.

Bei den Fischen ist der Gesichtssinn wohl entwickelt. Eine Forelle wird einen im trüben Wasser schwebenden Wurm ohne ZOgern unterscheiden; oin Sa)m weiss Hindernisse im raschesten Weiterschwimmen zu vermeiden und ein Qulmm rottratus vermag mit seinem kleinen Wasser-Projektil mit unfehibarer Sicherheit eine Fliege zu treffen. Die im Dunkel lebenden blinden Fische haben ihre Augen lediglich aus Mange! an Übung verloren; hierzu muss ich ubrigens auf eine merkwurdige bioiogisehe Erscheinung bei einigen vom ,Chaleenger« an den Tag gefOrdcrten Tiefseefischen aufmerksam machen. Obwohl in Tiefen lebend, wohin das Licht nicht zu dringen vermag, besitzen viele dieser Fische dennoch grosse Augen. Man darf vermuten, dass der Gebrauch dieser Augen in dem Anschauen der vielen selbstleuchtenden Lebensformen besteht, wetche, wie die Baggerungen des ,Challenge"" zeigen, die Tiefsee bewohnen. Dies zugegeben, entsteht aber sofort die Frage, wie denn diese Formen leuchtend werden konnten; denn je sichtharer sie für die Fische wurden, um so mehr musste ihre Leuchtkraft von Nachteil fur sie werden. In betreff der leuchtenden Tiere, welche selbst Augen haben, kônnen wir uns den damit verbundenen Nachteil mehr als .'aufgewogen denken durch den Vorteil, dass dadurch das Auffinden der Geschlechter untereinander erleichtert wird; diese Erklärung lässt sich aber nicht auf die blinden Formen anwenden.

Wie wir bereits gesehen haben, sind Fische sowohl mit HOr-, als auch mit Gernchsorganen gut versehen, wahrend der AmpMomu das einzige Glied der Klasse ist, welches keine Ohren besitzt; zudem sind die Riechlappen bei einigen Spezies, wie z. B. den Glattrochen, von enormer Grosse im Verhältnis zu den andern

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Himteilen. Der Tastsinn ist bei vielen Arten durch Tentakeln in der Nahe des Mautes vertreten. Die weichen Lippen und Brust. flossen mancher Arten dienen ebenfalls a)s Tastorgane, wahrend bei gewissen Knurrhahnarten fingerartige Fortsatze an den letzteren . auftreten, die unzweifelhaft dazu beitragen, die Wirksamkeit der * Tastorgane zu erhChen. Zweifelhaft ist es, ob der Geschmackssinn, als vom Geruch unterschieden, bei Fischen vorkommt, zumal bei Seetieren Uberhaupt eine scharfe Grenze zwischen beiden Sinnes. arten nicht gezogen werden kann. Da nämlich hier das Medium eines Gases, Shniich der Luft, fehlt, so kann die Unterscheidung nur dahin gehen, ob die Nervenendungen, welche durch die im » Wasser schwebenden Teilchen gereizt werden, zufällig über einen Teil des Maules, wo die Nahrung passiert, oder über irgend einen andern Teil des Tieres verteilt sind. Ich sage über irgend einen « andern Teil des Tieres (nicht nur in den Nasengruben), denn bei 1 einigen Fischen finden wir den Seiten ihres Kërpers entlang eine Anzahl merkwürdig ~eformter Papillen in die Haut eingebettet, die * wir aus morphologischen Grunden wahrscheinlich als im Dienste « des Geruchs- oder, indinferenter ausgedrückt, des Geschmackssinns « stehend, betrachten durfen, Prof.Haeckel hat uber diese Organe l« ebenfalls Betrachtungen angestellt, ist aber geneigt, sie einem ' noch unbekannten Sinne zuzuschreiben.

Der Gesichtsinn bei Amphibien und Reptitien bietet nichts l Bemerkenswertes, ausgenommen, dass die Krystaülinse bei ihnen i eiu geringeres LichtbrechungsvermQgen hat, wie bei Fischen. Der Übergang von einem zum Sehen unter Wasser angepassten Auge zu einem der Luft angepassten zeigt sich in wunderbarer Weise an "< einem und demselben Auge, bei der Sprotte von Surinam. Dieses « Tier hat seine Augen oben am Kopfe, so dass, wenn es an die 1 Oberfläche des Wassers steigt, ein Teil der Augen mit der Luft t in BerUhrung kommt; die Pupille ist zum Teil getrennt und die » Linse ebenfalls aus zwei Teilen zusammengesetzt, so dass vermut- « lich der eine Teil dieses merkwurdigen Auges der Luft, der andre t dem Wasser angepasst ist.*)                                                              :«

*) Marshall, MMm o~ PhyMm, vol i, p. 603.

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Der GehOr-, Geruch,, Geschmack- und Tastsinn, obgleich alle bei den Amphibien und Reptilien vorhanden, sind dennoch, wenn Uberhaupt, denen der Fischen nicht viel überlegen.

Bei den VOgeln ist der Gesichtssinn von sprichwortlicher Schgrfe und in der That hat das Tierreich nichts, was sich dem Sehorgan einiger hierher gehSrigen Arten an die Seite stellen kann; sei es das Auge eines Falken, welches aus gewaltiger Hohe ein sehleich gefärbtes Tier von der Bodenobcrfläche, der es so Uberaus ahnett, zu unterscheiden vermag, oder das Auge einer Bassans-gans, welche imstande ist, too Fuss hoch in der Luft noch einen mehrere Faden tief im Wasser schwimmenden Fisch zu erblicken; wir müssen zugeben, dass das Sehorgan bei Vogeln seine hëchste Vollendung erlangt hat. Damit zusammenhangend ist es von Interesse zu bemerken, dass auch die Schutxfarbung ihre hochste Stufe bei denjenigen Tieren erreicht, die fUr gewOhnlich den VOgeln zur Beute dienen. Diese Vollkommenheit ist in manchen Fällen so überraschend, dass sic schon als ein Bedenken gegen die Entwicklungslehre angeführt wurde; denn es scheint fast unglaublich, dass eine solche Vervollkommnung nach und nach durch natürliche Zùchtung hat erreicht werden konnen, ehe die betreffende Art durch die Voget ganztich ausgerottet wurde. Die Antwort auf dieses Bedenken ist, dass die Sehorgane der Voge) nicht immer so vollkommen waren, als sie jetzt sind, und ein Grad von Schutz-färbung, der auf einer fruheren Entwicklungsstuie genugen mochte, heute daher keine entsprechende Sicherheit mehr bieten würde. Mit andern Worten, die Entwicklung der Augen von Vögeln einerseits und der Schutzfärbung ihrer Beute andrerseits müssen gleichen Schritt miteinander gehalten haben, insofern jeder Fortschritt in der einen Richtung die Ursache für einen Fortschritt der andern Richtung wurde. Die Krystalllinse der Vëget ist bald flach, wie zum Beispiel bei den wegen ihrer Weitsichtigkeit bekannten Falken, bald konvexer, wie bei den Eulen, die sehr kurzsichtig sind, wahrend sie bei WasservOgetn, ihrer Lebensweise entsprechend, fast kugelig erscheint.

Alle Vogel hôren, und wir begegnen bei denselben tum erstenmal mit Sicherheit einem Ohre, das die verschiedenen Tonhohen

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schart abxuschätzen vermag. Bei vielen Vogelarten ist die Feinheit dieser Schatzung so hervorragend, dass sich wohl die Frage erheben lässt, ob selbst menschtiche Ohren in diesér Richtung mehr leisten. ich brauche woh) kaum auf die anatomische Schwierigkeit, die sich der Feststellung dieser Thatsache entgegenstellt, auf-merksam zu machen. Ich selbst bin zu der Meinung geneigt, dass der Gehërsinn bei Vögeln (wenigstens bei einigen Arten derselben) auch in Bezugauf die Intensität de~Tonss entsprechend fein aus. gebildet ist.

Die Gründe dafür entnehme ich aus meiner Beobachtung, dass z. B. gewisse Brachvôgel ihre langen Schnabel bis zur Basis in feinen, von der Ffut zurUckgetassenen Seesand vergraben, um die darin verborgenen Würmer herauszuziehen. Hierbei kann die Gegenwart des Wurms dem Voget durch keinen andern Sinn mitgeteilt werden, als durch das Ceh6r. Ebenso vermute ich, dass die gemeine Drosse! zu dem unter dem Rasen versteckten Wurm lediglich durch den Harsinn geleitet wird, und meine Vermutung wird dabei noch durch die anderwarts beschriebenen eigentüm!ichen Gewohnheiten des Vogels wahrend des FOtterns gestUtxt/)

Der Geruchsinn der Voge! übertrifft den der RepÜlien; er kann jedoch nicht mit dem der Saugetiere verglichen werden; denn die alte Sage, dass Geier ihre Brut mit Hilfe dieses Sinnes auffinden, ist mehr als hinreichend widerlegt. Desgteichen steht der Geschmackssinn bei Vôgein dem der Saugetiere sehr nach und auch ihr Tastsinn ist im Vergleich zu den letzteren sehr mangelhaft. Die Papageien bilden die einzige Familie, bei welcher dieser letztgenannte Sinn einigermassen entwickelt ist, abgesehen von den Enten, Schnepfen und andern Sumpfvdgetn, bei denen der Schnabel speziell zu diesem Zwecke modifiziert wurde.

lm allgemeinen sind bei den Saugetieren alle .Sinne, mit Aus-nahme des Gesichts, das bei den Vogeln seine hochste Ausbildung erreicht hat, hôher entwickelt, als bei allen andern Tierklassen.

Der Geruchsinn erreicht seine hëchste Vervollkommnung bei den Raubtieren und Wiederkauern, fehlt aber andrerseits einigen Cetaceen ganzlich. Wer je Rotwild beschlichen hat, wird die sorg-' '*} Vergl. Animal Intelligence.

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samen Vorsichtsmassregeln kennen, die man anzuwenden hat, um zu verhindern, dass das Wild den Jager unter den Wind bekomme; ein Neuling wird jene Massregeln teicht für abergläubische Obertreibung der Bedeutung des Geruchsinnes halten, bis er selbst er. fahren hat, auf welche unglaubliche Entfernung hin das Wild ihn zu wittern vermag. Bei den Raubticren ist indessen der Geruch-sinn womögtich noch starker entwickelt, weil er ihnen zur Aufspürung der Beute dienen muss. Mit meinem Terrier machte ich eines Tages einen Versuch, welcher besser wie alles andere das fast ObernatUrliche Geruchsvermogen der Hunde darlegen im. stande sein d0rfte. An einem Feiertage, als die breiten Spazier-wege von Regents Park von Menschen wimmelten, nahm ich meinen Hund, dessen feine Nase mir bekannt war, mit spazieren, und als ich seine ganze Aufmerksamkeit durch einen fremden Hund gefesseit sah, machte ich rasch eine Anzahl Zickzaek-Gange durch die breiten Alleen und stellte mich dann auf eine Bank, um meinen Hund zu beobachten. Nachdem derselbe herausgefunden, dass ich nicht die fruhere Richtung innegehalten, ging er bis zu der Stelle zuruck, wo er mich zuletzt gesehen hatte, nahm daselbst meine Spur auf und folgte derselben über alle von mir gemachten Biegungen und Windungen, bis er mich gefunden hatte. Hierbei musste er aber meine Witterung von mindestens hundert ebenso frischen und vielen tausend weniger frischen, nach allen Seiten sich kreuzenden andern unterscheiden.

Bei dieser erstaunllchen Vollkommenheit des Geruchs bei Hunden wird die aussere Welt sich diesen Tieren ganz anders darstellen als uns, da ihr ganzer Ideenaufbau durch diesen seiner hohen Ent-wicklung nach uns ganz neuen Sinn stark beeinnusst sein muss.

Jede weitere Spekulation über diesen Gegenstand scheint je. doch gänzlich nutzlos, gegenOber der Thatsache, dass der Geruchssinn bei Hunden nicht etwa nur als eine bedeutende Steigerung unsres eigenen Ceruchsvermogens aufzufassen ist; denn wenn dies der Fall ware, so bliebe es z. B. unerklärlich, dass fein erzogene Jagdhunde, im Besitz der feinsten Nase, das hëchste Vergnugen darin finden, sich im Kot zu wälzen, der für unsere Nasen doch bis zu einem geradezu peinlichen Grade stinkt.

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Der Horsinn ist bei Sâugetieren im allgemeinen sehr scharf, und es ist bemerkenswert, dass diese Klasse allein bewegliche Ohren besitzt. Wie Paley berichtet, sind die Ohrmuscheln bei Raub-tieren in der Regel nach vorn gerichtet, wahrend sie bei den Tieren, die ihnen zur Beute dienen, leicht nach rückwärts gestellt werden kSnnen. Mit Ausnahme des singenden Affen (Hylabate& agilU) gibt es wohl, abgesehen vom Menschen kein Saugetier, welches eine feine Wahrnehmung der Tonhôhe hätte; indessen hërte ich einst einen Hund, der jeden Gesang mit seinem Geheule zu begleiten pflegte, den gezogenen TCnen der menschlichen Stimme annahernd gleichstimmig folgen, und Dr. Huggins, der ein gutes Ohr hat, erzählte mir, dass seine grosse Dogge ,Kepler«, es gegenUber den tanggexogenen Tônen einer Orgel gerade so mache.

Der Geschmackssinn ist bei den Saugetieren weit mehr entwickelt, als bei irgend einer andern Klasse, und dasselbe gut auch htnsichttich des Tastsinns. Im allgemeinen bestehen die Organe des letzteren aus Schnauze, Lippen und Zunge, auch die modifi-zierten Bart- oder Schnurrhaare sind allgemein verbreitet. Bei den Nagetieren, einigen Musteliden und samtlichen Primaten bildet die Hand das hauptsach!iche Tastorgan, und es scheint, als ob die starke Modifikation, welche dieses Organ bei den Cheiropteren erlitten, mit einer entsprechend starken Erhôhung ihres Tastvermögens Hand in Hand gegangen sei, denn durch den bekannten Versuch von Spallanzani (seitdem von verschiedenen andern Beobachtern wiederholt und bestätigt) wurde festgestellt, dass, wenn man eine Fledermaus ihrer Augen beraubt und ihre Ohren mit Baumwolle verstopft, sie immer noch ohne Schwierigkeit umher xu fliegen ver. mag, unter Vermeidung aller Hindemisse, selbst wenn dieselben aus ganz dunnen, durch das Zimmer gezogenen Fâden bestehen.

Die einzige Erklärung flir diese uberraschendeThatsache besteht darb, dass die mit Nerven überaus reichlich versehene Flughaut des Tieres eine so starke Empfindtichkeit fUr Beruhrung, Temperatur, oder für beides, entwickelt hat, dass sie das Tier noch vor der Berührung von der Nahe eines festen Korpers unterrichtet -sei es nun durch Vermehrung des Luftdrucks, wenn der Flüget in

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I      rascher Annaherung an den festen Korper begriffen ist, odcr durch

'      dcn Unterschied im Warmcaustausche eincrseits mischen dem Flüget

.;      und dem frcmden Korper, anderseits xwischen Flüget und Luft.

■■      Wenn wir uns unsern Wcg «lurch ein dunkles Ximmer sucheo, so

;■      vermugcn selbst wir eincn grossen, festen Korper wie ,.. B. die

,      Wand, xu fühlcn, che wir ihn herithrcn, namcnttich mittelst der

.,      (iesichtshaut. Wahrscheinlich ist es nur cine hohe Ausbildung dieses

,      VermOgens, welches jenc Nachtticre zur Vermeidung eines so unbe-

...      deutenden Korpcrs, wie des ausgespannten Fadens, bef~higt. Wenn

       wir aber die Rasrhheit und Genauigkeit bedenken, mit der diesc ■      Empfindung hier eintreten muss, so durfcn wir wohl diese Ent-

:.'      wicklungsstufe des Tastsinns als gleich-, wenn nicht hôhergestellt

..      crachten, als diejenige andrcr Sinncsorgane, wie wir sie z. B. in

<      der Sehkraft des Gciers oder dem Geruchc des Hundcs antrafen.

"       Allerdings haben Haeckll und andere das Bedenken crhoben, ob

       diese Thatsache nicht die Vermutung irgend eines zusatzlichen, uns unbekannten Sinnes rechtferiige. Ich halte es aber für sicherer,

'■'      cine solche fremdartigc Hypothèse nur anzunehmen, wenn wir

■■       durchaus dazu gezwungen sind. Aus diesem Grunde kann ich auch

■:      Haeckels Ansicht nicht teilen, dass der Heimatesinn gewisset Tiere

:      irgend einem neuen unerklärlichen Sinne xuxus<hreibcn sei. Meine

nahcren Erläuterungen uber diesen Punkt werde ich aber auf cin

;       spateres-Kapitel verschieben.

Nach diesem kurzen Überblick uber das spexielle Sinnesvcr-

-'       mögen bei den verschiedenen Tierklassen will ich den gegenwartigen

I      Abschnitt mit ciner kurxen Beleuchtung einiger allgemeinen, mit der

:       Empfindung zusammenhangenden Prinzipien «Messen.

■,              Beim Muskelsinn, dem Sinn für Hunger und Uurst und andren

■        Sinnen ahnticher allgemeiner Art werden wir uns nicht aufhaiten,

l       denn obwohl ihre Verursachung noch ziemlich dunkel ist, so wissen

wir doch zum mindesten, dass sic auf nervosen Anpassungen be-

        ruhen; da sie femer fur die Tiere von so grosser Wichtigkeit sind, so schliessen wir dami», dwJhrc Ausbildung nach den altge-

?..       meinen Prinxipien ncuromuskulärer; Wicklung erfolgte, die wir

)       bereits in fruheren KuuWh erôrtert h>W. Dagegen mochte ich

Bora an o», KBtwioWaBgWHlre«l«U». .■ , 'r.                                   7

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die Mechanismen cinigcr speziellercr Sinnc vom Standpunktc jener allgemeinen Prinzipien aus ciner nahcren Hetrachtung unterxichcn. Was crstens den Temperatursinn bctrifft, so sindgute Gründe dafür vorhanden, dass bei uns selbst, wie auch bei allen höheren Ticren, Wârmeemprmdungen nur durch die Nervenendungen in der Haut und dcn angrenzenden Teilen der Schteimhaute er!angt werden; denn wenn die Nervenfascrn oberha!b ihrer Kndigungen, wie x. ti. an der Oberfläche einer oflenen Wundc, durch Hitxe oder Kälte gereizt werden, so ist die dadurch hervorgerufene Empfindung ledig-lich die des Schmerzes. Es liegen aber auch Anzeichen vor, dass xicht nur die Nervenendigungen, sondern die ganxen dazu gchorigen Nervenstrange zur Aufnahme von thermalen Kindrücken spczialisicrt sind. Dièse empfangenen Eiudrucke sind nicht von absotuter Art, sondern werden nur im Verhältnis xur Temperatur der sic em-pfangenden Teite empfunden: Je grosser der Tempcraturunterschied xwischen dem Teile und dem ihn berührenden Gegenstande ist, desto starker sind die Kindrücke; je grösset überdiesdie empfangende Oberfläche, desto grosser ist der Ëindruck, sodass wenn man x. 13. die ganxe Hand in Wasser von 30" C eintaucht, die Temperatur des Wassers tmgcrweu» hchcr geschaut wird, als das Wasser von 40~, in welches zu gleiçhcr Xeit ein Finger der andern Rand ge. taucht wird; dem analog wcrden kieine Temperaturdifferenxen besser durch die ganze Hand abgeschätzt, als durch einen cinzelnen Finger. NachWeher ist die linke Hand bedeutend empfindlicher f[irTem-peratur a)s die rechte; überhaupt dilferiereu vcrschiedene Teile des Kôrpers in dieser Bezichung stark untercinander. Je plötzlicher zu-dem der Temperatunvechsel eintritt, desto starker wird der Hinneseindruck. Es fehlt uns übrigens jcder .Anhalt, die Ueitung dieser That-sachcn auf die Wirbellos<n oder auch auf die kattblütigen Wirbeltierc ausxudchnen; jedoch ist kaum zu bezweifetn, dass sie sich im allgcmeinen bei allen Warmblütern finden lassen. Die Thatsachen xeigen uns unxweifelhaft eine ausgebitdete Yorsorge fiir die Schatzung lokaler Temperatunvechsel auf diesem oder jenem Teile der ausseren Oberfläche; wir haben deshalb die wahrscheinliehen Ursachen ihrcr Kntstehung und Entwicktung xu untersuchen, wobei wir jednch die allgemeioe Behagtichkeit oder Unbehagtichkett eines

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Kurpers unter normaler oder nicht normater Temperatur unberucksiehtigt iassen wollen.

Beim ersten Blicke schcincn wir hier vor ciner Schwicrigkeit zu stchen, die zu meiner Verwundcrung bisher noch von keinem Gcgner der Entwicklungslehre aufgeworfen wurde. [n der Natur bewegen sich die Temperaturunterschiede wischen den Tieren und den Cegenständcn, mit denen sic gewuhntich in Herührung zu kommcn pftegen, lediglich xwischcn Fis und von der tropischen Sonne er-hitztcn Dingen; ja, kein wildes Tier hat wohl jemals Cetegenheit, Tcmperatunvechscl auch nur in dieser Ausdehnung xu erfahren, denn in arktischcn Gegcnden gibt es keinc tropische Sonne, in den Tropen findet man kein Eis und in der gemâssigtcn Zone ist die Hitze mNssig. Seit der Feuerfindung namentlich ist der Temperatursinn einzelnen Tierarten hinsichtlich der Prüfung ihrer Nahrung u. s. w., von grossem Nutzen geworden und für den Menschen selbst ist er von unschätzbarem Wertc. Dagegen kdnnte es mit Rücksicht auf die Vorgänger jener Tiere, sowie des Menschen, wohl auffällig erscheinen, dass eine so ausgebildete Vorsorgc ont. wickett worden sei, und ich bin, wie gesagt, erstaunt, dass diese Thatsacho noch von keinem Gegner der Entwicklungsiehre hervorgehoben wurde; denn sie erweckt den Anschein, als hatten wir hier einen verwickelten organischen Mechanismus vor uns, der ausdrocklich zum Zwecke der Kochkunst und der warmen Bâder spaterer Zeiten vorgeschen worden sei. Ich glaubc aber, dass dieser Umstand aus dem Kntwicktungsprinxip heraus erklärt werden kann, wenn wir festhalten, dass es nicht der einzige Nutzen des Tempern-tursinns ist, die Nahrung zu prufen. Wir wissen, dass Temperatur-different auf der Oberfläche des Kôrpers die Blutzirkulation in den affizierten Teilen stark modifizieren; deshalb musste es für Tiere stets von Vorteil sein, mit cinem Empfindungsapparat auf der Oberfläche ihres Korpers ausgerüstet zu sein, der sie stets sofort von jenen Differenzen in Kenntnis setzte. Seine Entwicklung längs besonderpr Linien (so dass einigc Teile des Korpers cmpfindlicher fUr Temperaturwechse! wurden, als andre) ist durch die Wirkungen der Gewohnheit oder der Übung leicht zu erklären. So muss z. H. aus der Thatsache, dass die Lippen des Menschen mit ihrer so

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überaus fcincn, fllr jedcn Druck empfindtichcn Hant nichtsdesto. weniger fähig sind, einen plötztichen Temperatunvechsel zu ertragen, der fUr die Gcsichtshaut schon sehr schmerzhaft wäre, geschlossen werden, dass die Lippennerven sich durch Übung dazu angepasst haben, einem plötzlichen Tcmperatunvechsel zu widerstehen, und zwar jedenfalls seit dem Auftreten der Kochkunst.

Gratt Allen gibt einen allgcmcineren Uberbiick übcr diesen Gegenstand und 6agt:*) „FHr das animale Leben bedeutct Kälte, Tod, Warme Leben. Dahcr ist es nicht erstaunlich, dass schon Tiere einen Sinn stark cntwickett haben, der sie von einem in ihrer Umgebung eintretenden Temperatunvechse! unterrichtet; dazu gehQrt, dass dieser Sinn sich gleichmäßig über don ganxen Organismus

verbreitet......Sobatd lebende Wesen überhaupt zu fühlen

begannen, begannen sic auch Warme und Kälte zu fflh)en." Die Wahrheit einer so allgemeinen Aufstellung ist unverkennbar und der Schritt von einem gleichmâssig über den ganzen Organismus verteÜten Temperatursinne xu einer Spezialisation der Nervcn. endigungen im ausschtiessiichen Dienste dieses Sinnes ist kein grosser. Nicht grosser ist aber auch der weitere Schritt zur Entwicklung eines rudimentaren Sehorgans, denn die Abtagcrung eines dunketgefarbten Pigments, in besonders ausgesetzten Teiten der Haut musste den Tieren von Vorteil sein, indem sie infolge der dadurch ermöglichten Absorption von Hitze die Nervenendigungen in jenen Teilen empfindtichcr gegen Temperaturwechset werden Hess. Mit der Pigmentablagerung in jenen Teiien entsteht aber eine gdnstige Vorbedingung zur Bildung eines Auges oder doch cines Organs, dessen Temperatutsinn hinreichend entwickelt ist, um es zwischen Hell und Dunkel unterscheiden zu lassen, oder, wie Herr Prof. Haeckel sehr schSn sagt: "Die gewohnlichen Haut. nerven, welche an jene dunklen Farbstoffzellen oder Pigmentzellen der Haut herantreten, haben bereits die ersten Stufen der glänzenden Laufbahn betreten, auf der sic sich zum hochsten Sinnesnerven, zum Sehnerven entwickeln."

) Grant Alle,, der Farbensinn. Sein Ursprung und seine Entwick. Hu* Leipzig «880. Ernst Ganthera Verlag.

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Wn nun den Farbensinn anlangt, so scheint derselbe, nach den bereits erwahnten Versuchen Engelmanns, schon bei den niedersten protoptasmatischcn und einzelligen Organismen vorxukommen, insofern verschiedene Arten derselben eine besondre Vorliebe für gewisse Strahten des Spektrums zeigen. Da diesen Or-ganismen jedoch spezielle Sinnesorgane und wohl auch die Anfänge von Bewusstsein fehlen, so glaube ich nicht, dass eine wirkliche Analogie mischen diesen Erscheinungen und denen eines eigent-lichen Farbensinnes besteht; es fehlen uns vielmehr Zeugnisse für das Vorhandensein eines wirklichen Farbensinns, bis wir zu den Krustazeen gelangen. Hier liefern uns die direkten Versuche Sir John Lubbocks den Beweis dafUr, dass Daphnia piUex gewisse Strahlen des Spektrums andern vorzieht'); die Chamäleon-Garneele &a* clmmetfo) verandert bekanntlich ihre Farbe je nach der Ober-fläche, auf der sie ruht, vorausgesetzt, dass sie weder blind, noch sonst-wie verhindert ist, jene Oberfläche zu sehen. Âhntiche Thatsachen liefern die Cephalopoden (Octopus), Batrachier (gemeiner Frosch), die Reptilien (Chamaleon) und Fische (Schollen); in allen diesen Fällen treten indessen die gedachten Wirkungen nicht ein, wenn die Tiere erblindet sind. Pouhhet fand ausserdem, dass bei den Pleuronek-toiden der den nachahmenden Farbenweehsel vorbedingende Mecha-nismus bilateral angelegt ist, so dass, wenn nur ein Auge des Tieres durch farbiges Licht gereizt wird, auch nur eine Seite des Tieres die Farbe andert. Fredericq fand spater, dass dieselbe Er. scheinung beim Octopus vorkommt, was spater durch mich und andre bestatigt wurde. Rebung des einen Auges durch Licht bringt ein pl8tz!iche! Errëten über die ganze entsprechende Seite des Tierkorpers hervor, ohne dass jedoch der Farbenwechset über die Mittellinie hinausginge.

Aïs ferneren Beweis fUr einen wohlentwickelten Farbensinn bei einigen Artikulaten kSnnen wir die schon wiederholt veröffentlichten Versuche Sir John Lubbocks an Hymenopteren heranziehen.

*) Vergl. Mru. Idnn. toc. 1881 und die Widertegung etaer Kritik dieser Versuche durch Merejko wsky (Compte* Hindus XOII, ,60, i» Journal Linn. Soe. 1883,

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Es geht u. a. daraus hervor, class wir nur diesem Sinne der In. sekten die Farbenpracht der Blumen und Insekten zu verdanken haben. In betreff der Fische mache ich darauf aufmerksam, mit welcher Sorgfalt die Angler ihre Fliegen anstecken und batd diese, bald jene Farbenzusammenstellung, je nach Art oder Tagesxeit, auswählen; woraus xu ersehen ist, dass diejenigen, welche mit den Cewohnheiten der Forellen, Salmen und andern Süßwasserfischet vertraut sind, keinen Angenblick an dem Vorhandensein des Farben. sinns bei jenen Tieren zweifeln. BezUglich der Seefische im all-gemeinen besitzen wir das wertvolle Zeugnis von Prof. H. N. Mo. seley, wona<h der Farbenreichuum der Seetiere »im weitaus grussten Teile pntweder sum Schutte oder behufs Antockung der Bente erworben wurde, und xwar hauptsächlich mit RHcksicht auf die Augen der Fische und Krtstaceen.

Dass die Vügel Farbensinn besitzen, untertiegt gar keinem Zweifel und diese Thatsa<he geht Hand in Hand mit der auffallen. den Farbung der zu ihrer Nahrung dienenden Früchte; denn wie in dem ana!ogen Falle die Befruchtung der (arbigen Blumen von den sie besuchenden Insekten abhang,, so hangt die Aussaat der auffällig gefärbten FrOchte davon ab, dass letztere von Yogeln und Saugetieren gefrcssen werden. Feh habe hereits erwahnt,, dass nirgends im Tierreich die schutzende und nachahmende Farbung eine solche Genauigkeit erreicht, nls dort, wo sie durch die Augen der Voge) bedingt wird. Schliesslich liefert die ausgeprägte Fär-bung der Vogel selbst, sowie das Vergnugen, welches einige Arten darin finden, ihre rester zu schmHcken, einen Beweis fllr die hohe Entwicklung, die der Farbensinn in dieser Klasse erreicht hat.

Wenn auch vielleicht nicht in so hohem Grade, gilt das eben Cesagte im allgemeinen auch dir die Saugetiere. Hier dürfen wir aber nicht an den Spekulationen von Gladstone und Dr. Magnus vorNbergehen, denen zufolge der Farbensinn des Menschen innerhalb der letzten zweitausend Jahre eine grosse Erweiterung erfahren hatte, insofern vor jener Zeit der Mensch nur die unteren Farben des Spektrums, Rot, Orange und Gelb, wahrgenommen habe, far die oberen, Grün, BIau und Violett, aber (arbenblind gewesen sei.

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..;      Auch Prof. Haeckel nei~t sich «lieser Annahme xu, wahrend ich

i      setbst sie aus nachfotgenden GrOnden fllr unwahrscheinlich halte.') Vor allen, scheint mir jene Theorie ledigtich auf etymotogischer

...       Crundlage «i stehen, die mir jedoch hei einem derartige.. Gegen.

5       stnnde ziemlich unsicher zu sein scheint. Denn der Mangel an

,       hestimmten Farbewortem in einer Sprache liefert hüchstens ein

-       négatives Heugnis dafur, class die Menscheo, welche diese Sprache ..       redeten, btiud für jene Karben waren; die Abwesenheit solcher ...       Worte kann also ebensowoh) der Unvollkoramenheit der Sprachen, '       wie der Unvollkommenheit des Cesichtssinnps xugeschrieben werdeu.

:-      So /.. B. erwHhnt Prof. Btackie, dass die Hochländer sowoht den

■;       Himmet, als auch das Gras „,,«»,« nennen und nichts destoweniger

,       imstande sind, wischen »lau undGrün xu-unterscheiden. Sodann

.;       ist es mit RHcksicht auf die hcrrschenden Entwicklungsprinxipien

von vornhcrein unwahrschcintich, dass eine erhebliche Anderung in

?1       dem mcnsch)ichen Sehapparate innerhalb eines so kurzen Zeitraums

V       Ptatz gegriffen haben sollte - namentlich ge~enüber der Thatsache,

lass die andern SSugetiere, VSgel und sogar einige Wirbellose un-

.;       xweifelhaft sowoht die oberen, wie die unteren Strahlen des Spektrums

;       zu unterscheiden wissen. Kndlich hat sich Grant Allen die

;;       Muhe gegeben, mittetst ciner an gebildete Europaer in allen Teilen

-        der Welt adressierten Fragetabelle xu erforschen, ob einige der noch lebenden wilden Stamme des Vermôgens berauht seien, die

■       Spektrumfarben zu unterscheiden, und die Antwnrr !autete über.

;       einstimmend verneinend.») Deshatb glaube ich denn auch, dass

,:       wir die Ansichten von Gladstone und Dr. Magnus als allen

l       vertrauenswürdigen Zeugnissen widersprechend, fallen lassen konnen.

........VÖ»« Prof. H&ckct jener Annahmee wenigstens in dem angedeuteten

, Umfang, „„neige, ist vollständig uneïwiesen. Im Gegenteil summt die Ansehe i ung des Verfassen in gerade*« auffallendee Weise mit der von Haeckel ge-

geben« Auffassung übctein. (Vergll Haeckel, Vorträge II. S. t63.) - Eine > gründliche Widerlegunn der Theorie von Gtadstone lieferte abrigens vor allen

■mnt Dr. Ernst Krauee (Kosmos I. S. 264 und 493), der leider auch , schun Urant Allen gegenüber Veransassung hatte, seine PrioritNt in ener-

i               **) Grant Allen, a. a. 0. Kap. ,0.

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KM -

Damit will ich aber nicht die anGewi-ssheit grenzende Wahrscheinlichkelt in Abrede stellen, dass mit dem Fortschrttte der Zivilisation und der schônen Kunste auch der Farbensinn eine fortwahrende Vervollkommnung erfährt, insofern er eine immer voll-kommnere Fahigkcit erlangt, xwischen feineren Schattierungen ru unterscheiden, womit die Vorbedingung zu einer immcr hëhcrn Ausbildung des asthetischen Denkens und FUhlens ~egeben ist. Dies Lst auch die wahrc Hrkläruog fur die von Prof. Haeckel beigebrachte Thatsache, dass wir „noch heute bci den xurückge-bliebencn Witdcn eine Roheit des Farbensinns sehcn, die den gebildeten Schönheitssinn crschreck.. Aber auch «lie Kinder heben die schreiende Zusammenstellung greller Farben, ebenso wie die Wilden, nnd die Kmpfängtichkeit Air die Harmonie zarter Farbentöne ist erst das Produkt asthetischer Erxiehung!"

Prof. Prey rr verufîenttichte in den letzten Jahren eine sehr intéressante Théorie bezügtich des Ursprungs und der Entwicktung des Farbensinnes, deren Hauptpunkte ich hier mitteiten will. Die Theorie geht nämiich dahin, dass der Farbensinn einen speziellen und hochentwickelten Grad des Temperatursinnes darstelle. Um dièse Théorie xu stUtxen, vergteicht Prof. Prey rr zunachst die Em-pfindlichkeit der Haut gegcn Temperatur mit der der Retina gegen Licht und weist darauf hin, dass diese Analogie schon von Kunsttern erkannt worden sei, die auch von „ka!ten" und „warmen" Farben sprechen. Die warmen Farben rufen Kmpfindungen entgegengesetzter Art hervor, wie die kalten Farben, ganz ebenso wie heisse und kalte Empfindungen der Hauttemperatur sich einander gegenUberstehen, und je mehr wir dieser Analogie nachspüren, desto uber. einstimmender wird sie gefunden werden. Daher dr&ngt sich uns die Vermutung auf, "dass der Farbensinn aus dem Temperatursinn entstanden sei", indem er eine hochverfeinerte Funktion darstellt, die ihr strukturelles Korrelativ in der überaus differenzierten und fein organisierten Ausdehnung der Nervenendigungen in der Netzhaut findet.

Eine weitere Analogie liefern die Kontraste. Ein erwarmter oder durchkälteter Finger behält das betre<fende Temperaturgerohi noch einige Zeit, nachdem die Erwarmung oder Durchkältung auf-

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gehërt hat, was in Parallele mit den positiven Nachbildern bei Farbenempfmdungen gestellt «-erden kann. Ferner, wahrend die Nachwirkung der Erwärmung oder Durchkaltung in dem betroffen. den Hautteil noch xurückbteibt, ist der Temperatursinn dieses letzteren in der Weise alteriert, dass er z. B. nach einer vor-gNngigen Durchkaltung die Temperatur jeden Gegenstandes bei der Berührung Oberschäm und umgekehrt. Es ist dies analog der Krscheinung bei wannen Farben, auf welche man die Augen ufïnct, nachdem diese kurx vorher auf kalten geruht hatten. Der-selbe Fall wiederholt sich auch bei plötzlichen Kontrasten. Es ist hekannt, dass eine kleine farblose Fläche, die sich zwischen zwei Flächen von kalten oder warmen Farben befindet, umgekehrt, warm oder kalt, koloriert crscheint, und Prof. Preyrr hat dun* Verfluche gefunden, dass, wenn ein kleines Stück der Haut Uberall von einer kalten oder warmen Fläche eingefasst ist, dasselbe Kälte empfindet, wenn die benachbarten Teite erhitzt werden, und umgekehrt. Nachdem Preyrr auf diese Weise gezeigt, dass Beleuchtung Air den Farbensinn das bedeutet, was BerUhrung fUr den Temperatursinn, und noch mehrerer dahin gehoriger Analogieen erwahnt hat, geht er xu einer wichtigen Thatsache bezüglich seiner Theorie Ober, dass nämlich verschiedene Teite der Haut in ihrer Temperaturschatzung grosse Unterschiede bezüglich der Feststellung des Punktes aufweisen, den er den „neutralen Punkt" nennt, d. i. der Punkt, bei welchem man nicht bestimmen kann, ob ein Kôrper wann oder ka!t empfunden wird. Die Netzhaut stellt nun vermutlich nur eine Nervenausbreitung mit einem hoheren „neutraten Punkt" in ihrer Temperaturschätzung (Âtherschwingungen) dar, als ihn die Nervenausstrahlungen in der. Haut besitzen, und die Farbenbtindheit erklärt sich sonach dadurch, dass die Netzhaut des betreffenden Individuums ihren neutralen Punkt entweder obei- oder unterhalb der Norm hat. „tin tiberwarmes Auge wird für Gelb oder Btau, ein überkaltes fUr Rot und Grun blind sein." Ganz!iche Farbenblindheit, die ein physiologisches Merkmal für gewisse Nachttiere ist, hat ihre Parallele in dem beim Menschen ïuweiten vorkommenden pathologischen Mangel an Temperatursinn, ohne gleichzeitige Beeintrachtigung des Tastsinns.

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Schliesslich gilt doch vor allem, dass cinc richtige physiologische Hypothese m^^

0.es ist aber „.cht der Fall mit der Young-Helmholtaschen Theorie, welche den Farbensinn den Funktioneo dreier Netxhaut-K.emente anschreibt; denn es ist nachgewiesen, dass die Anzahl der i'asern im Sehnerv, unmittelbar vor seinem Eintritte in die Netzhaut weit kleiner ist, aïs die Anzaht der in letzteren bef.ndtichen Zapfen und Stäbchen. Dagegen halte ich die Preyersche Theorie in ihren Uau„,,üKen für wahrscheinlich und auf jeden Full flu schr piau-«bei. ]ch begreife allerdings noch nie!" -„neutra)e Punk.« des Farbenbtind

Mim\^^l^T ™*eet sein kann! nnch ist mir die

nanntc

der

soge-

, neutra)e Punk.« des Farbenbtindcn nicht einfach nach eincm

~ssseren Schicht des Tieres bildeten.

So besteht z. B. der Ur.

4

der Analogie widerstrebende Erklärung der Thatsache, dass warme Farben d,e !angsamsten und nicht die raschesten SchwingunKen

^";ie^,::hearr ^ ]m\ *Theorie weni^ *-

dass der J££« ISlIcT^^Vt^ emhgun~en in verschiedenen Teiten der Haut entstand, wetche vor I,

str^ten1"" AUSbil(lUng vemU,liCh dem TaSl" UMd Temperat,,r-Diesc Ilemerkung leitet n~ico aber xu der )etxte.» Aufgabe des ge~enwartigen Kapitel, Wir haben jeUt morphologische Meweise genug,welche uns zeigen dass alle spe.ellen SinnLrgane ihren UrsprunK m spe^eller Ausbitdnng der Hautnerven haben. Denn nach dem Obereinstimmenden Resultat der histo!ogischen und embryo-

wlene!T" , W? Ausbiidu»^rad sie :n dem erwachsenen 1 .ere auch erreichen mHgen, darin «herein, dass ihre ,, re*ept,ve Oberfläche aus mehr oder weniger modifizierten Epithel-«ellen 2U«ngesetzt ist, we)che ursprunglict einen Teit der

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«Fung der Oeruchsmembran bei dem WirbeItier.Embryo in einer

emen Hautvertiefung am vorderen Mnde des Kopfes, die sodann * Jwcb die allgemeine Schicht von Kpidermis.ellen bedeckt wird.

Gesicht. hildet sich diese Zellentage «, den Nasenhöhlen aus. In

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VI

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ahnlicher Weise beginnen die Hororgane als ein Paar Griibchen an beiden Seiten des Kopfes, die ebenfalls durch Zellen der all-gemeinen Decke belegt werden, Diese Crübchen vertiefen siel. rasch, so class ihr Betag schtiesstich von der allgemeinen Hautdecke, von welcher er nrsprüngiich einen Teit bildete, abgeschnürt nnd getrennt wird; die tiefc Grube wird m einem geschlossenen Sack und indem die benachbarten Cewehe »mach* verknorpeln n»d schtiesstich vcrknöchprn, wird der Sack innerhalb des Schädeis von Knochenwämlen woh) cingeschlossen. Wahrend seine Struktur noch weitere anatomische und histologische Ànderungen erfuhrt, bildet sich das Trommelfell, die Kette der Cehorknochetchen und das ausserp Ohr aus, bis das HororKan schtiesstich vollendet ist. Beim Auge hesteht die erste Andentnng ebenfalls in einer Vertiefung der oberen Hautdecke, der Zellenbelag derselben ist aber nicht dazu hestimmt, wie in den vorigen Fällen, die Sinneseindrückc aufxunehmen; denn nachdem er siel, no<h betracht)ich weitcr vertieft, erfährt er nnterschiedliche Verändernngen, we)che xur Hitdun~ der Hnrnhant, der Wasserhaut und der Krystalllinse fiihrcn, wahrend die Netzhaut als eine sackartiRe Abzweigung des Hirns entsteht, die sozusagen auf einem dünnen Stiele der Krystalllinse entgegen wachst. Anfäng)ich erscheint die Yur.lerseitc dièses Sucres konvex, in der Fo)ge wird aber die hintere Seite in die Höhlung des Sackes hineingedrSngt, wodurch die vordere Seite dann stark konkav wird. Der Sack gleicht nun, nach Prof. Huxley, einer doppelten Nachtmütze; die Stelle für den Kopf wird aber von dem Glaskôrper eingenommen, während die nSchste Kappenschicht zur Retina wird. Hiernach werden die Zaufen und Stäbchen der Retina nicht unmittelbar aus den Epidermiszellen der Oberhaut gebildet; aber insofern das Him selbst aus einer Einfattung der Epidermisschicht entsteht, so stammen die Xapfen und Stabehen der Retina dennoch schliess)ich von jenen Epidermiszellen der Oberhaut ab. Oder, um wiederum Prof. Huxlev anzuführen, "die Zapien nnd Stabehen des Wirbeltier-Auges sind ebenso modifizierte Eptdermiszellen, wie die Krystallzapfchen des Insekten- odcr Krusta-zeen.Auges.« Demnachhat sich, um mit denWorten Prof.Haeckels zu schliessen, „ats allgemeines Endergebnis schtiesslich herausgestellt,

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*" beim Menschen "* bei «*» '"«» die Sinneswerkxeuge ' überall wesentlich in derselben Weise entstehen, namtieh als Tei)e <ler ~ussern KSrperbedeckung, der Oberhaut, Die aussere Hautdecke ist d<s ursprüngliche und universate Sinnesorgan und erst allmählich schnflren sich die höheren Sinoesorgane von dieser ihrer UrsprungsstStte ab, indem sie sich mehr oder weoiger in das geschUtxte Innere des Korpers zurückziehen. Aber bei vielen niederen Tieren bieiben sie setbst zeittebens in der ~usseren Hautdecke liegen; so z. ft bei den Wurmern.)')

Ich bin auf diese Thatsachen nSher eingegungen, weil es nkht allein im Sinne der Entwicklungslehre, sondern auch fitr die Philosophie der Empffndung von Wichtigkeit ist, ans all diesen direkt historischen Quellen zur Erkenntnis xu kommen, dass alle speziellen Sinnesorgane Differentiationen des allgemeinen Tastsinns darstellen.

*> Haeckel a. a. 0.

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Ach.« Kapitel. Fraud,, Sohmora, Oedäohtnis und Ideenverbindung.

jn mcinem Diagramm stelltc ich «lic Cefühle von !reude

und Schmerx, ihrem Ursprung nach, auf eine Stufe, «lie ) nicht weit von derjenigcn entfernt ist, auf der die Empftndung entsteht; auch xwischcn Empfindung und dcm Anfang von Wahrnchmung Hess ich nur einen kunen Zwischenraum, welchcr in «1er Spaltc dnneben vom Ged3chtnis un< den primNren Instinkten ausgefüllt wird. Ehe ich nun daxu Ubcrgehe, die Entstehung der Wahrnehmung aus der Empfindung zu untcrsuchen, will ich noch der Betrachtung der Freude, des Schmerzes, des GedSchtnisses und der Ideenverbindung ein Kapitel widmen.

A. Freude und Schmer

.z.

Uber diesen Gegenstand habe ich eigentlich wenig dcm hin-xuxufügen, was wir Herbert Spencer") und seinemSchüler Grant Allen zu verdanken haben. Schmerz kann, wie Spencrr nachweist, ebensowoht einem Mangel, als einem Uberfluss an Thätig-keit entspringen. Es ist bemerkenswert, dass Spencer an einem Extrem die positiven Schmerzen der ubermassigen Thatigkeit, am andern die negative., der Untatigkeit findet, woraus folgt, dass Freude alle die Thatigkeiten begleitet, welche zwischen diesen heiden Kxtrcmen die Mitte halten. Crant Allen behauptet"). «lass die "akuten Schmerzen" im allgemeinen «1er Thmigkeit um'

*) Prinzip der Psychologie. Kap. IX. **) ApMvM J*»"**.

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gebender deliver KrSue zuschreibcn scien, wogegen die „chromschenbch.ncrzen"aus übcrmassiger Funktionierung oder u„-genügendcr Ernährung entstunden und, wenn ins Extrem gesteigert in die akuten übergingcn, so dass beidc Arten ihren Grenzen nach unbestimmt und nicht sowoh) in Wirklichkeit verschieden seien, als vielmehr cine wünschenswcrte L'nterscheidung bezeichnctcn. Es folgt ferner daraus, dass beidc Schmcrzarten als subjektivc lieglcit-erscheimingcn ciner wirklichen Trennung oder doch einer dahin zielcnden Tendenx in diesem oder jenem Korpergewebe auftreten, vorausgesctzt, dass das Gewebe durch Cerebrospinal«^ in J. unterbrochener Vcrbindung mit dem Hirn stcht. Die Ansicht desselben Verfassers bezüglich der Freude stimmt ganz mit derjenigen Spencers Ubercin. Freude hesteht hiernach aus der Begleiterscheinung einer normaten, d. h. nicht Übcrmassigen Thatigkcit im Cesamtorganismus oder irgend eincm Teite desselben, nebst dem wichtigen Zusaue, dass die grOssten Freuden aus der Erregung der bedcutendsten nervësen Organe entstehen, wo die Thatigkeiten am ntennittierendsten sind, so dass der Betrag an Freude im geraden Vcrhaltn, zu der Zahl der beteiligten Nervenfasern und im umgekchrten zu der HSufigkeit der Reizung steht. Die „höchste Freude" errecht inernach selten oder nie die Starke "des hochstcn Schmcrzes," weit der Organismus wohl bis zur Aufhebung der Er. njhrung und bis zur Erschöpfung heruntergebracht, seine normale ll.at.gkat dagegen nicht allzuhoch uber den Durchschnitt gehobcn

itrtT r °kanncini,esonderesü^-derNervengenecht e c» Grad gewaUsamer Unterbrechung oder Auszehrung erleiden, was ausserordentlich akute Schmerzen mit sich fuhren kann, wo. gegen Organe sehr selten so stark ernahrt oder so lange ihres eigentumlichenReizes beraubt werden konnen, um eine entsprechend

Diese Verallgemeinerungen -" gultigen Schluss-

starke akute Freude zu verursachen

leiten uns aber zu der wahrscheintich ausnahmslos gült,

folgerung, dassSchmerzen a!s subjektive Begl

subjektweBegletferscheinungen solcher

orgamschen Veranderungen auftreten, die dem Organismus oder der Art schadiich sind, während die Freuden von vorteilhaften orga-mschen Veranderungen begleitet werden. Je weiter wir diesen Satz verfolgen, um so unfragticher erscheint uns seine Zuverlässigkeit.

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Se bcstcht atso nirht xur cin allgemein .matitatives, sundcrn auch cin gewisses quantitatives Verhältnis /.wischcn dcm BetraH an Freudc und dcm Crud von Zuträglichkeit, sowie /.wischen dcm Quantum Schmcr/, und dem Schädtichkcitsgrade. Wie Allen bemerkt, vcrmag nichts der Wirksamkeit des Mechanismus cine» grësseren Abbruch /.u thun, als dcrVerlust einer seiner konstituicrendcnTeile; daher findcn wir, dass die Heraubung eines Körpcr- um cinen semer Teile bis zu einem ~ewissen Crade dem Wert cntspricht, den das Glied für dcn gan/.en Korper hat. Den~en wir nur , lt. an den Srhmerx, den die Trennun~ cincs neines, bexw. cincs Armes, eines Auges, eines Fingernagels, eines Haares oder cines StUckchuns Haut verursacht. Ebenso verhalt es sich mit den Frcuden; die ~eringsten derselben verschafren uns sotche Thälig-keiten unseres Organismus, welche für sein Woh! oder das seiner Art am wenigsten wichtig sind, wahrend die stârkstc Lust mit der Befriedigung von Hunger, Durst und der geschlechtlichen Triebe verbunden ist, besonders wenn, mit Aliens Wortcn, „die Bedürfnisse, denen diese starken Uegehrungen dienen, lange unbefriedigt blieben, so dass der Orgunismus entwedcr in der Gefahr der Eni-kraftung schwebt, oder sich in der geeignctsten Lage befinde,, seine Art fort7.upfla.wn." Freuden geistiger Art, obwohl denselben Gesetzen der Krnahrung undKrschöpfung unterworfcn, werden noch von komptixierten Nervenxustanden mit geistiger Voraussicht kUnftiger Mugtichketteu etc. bedingt, und bleihen im Intéresse der Klarheit unserer Forschung hier besser unberücksichtigt.

Der oberflächliche und nur scheinbare Einwurf gegen dicsc Doktrin, der von der Thatsache ausgeht, dass die Cefühle von Freude und Schmerz keineswegs unfchlbare Anzeichen von dcm seien, was dem Organismus »Üblich oder schSdIich ist, wird leicht durch die Hetrachtung beseitigt, dass in allen angefUhrten Aus-, nahmeftllen der Fehler nicht an der Theorie, sondern an ihrcr Wendung Hegt. So sagt Grant Allen: „Jede Handiung ist, su )ange sie uns zur Freude gereicht, insofern auch gesund und nützlich; dagegen krankhaft oder zerstörcnd, soweit sie Schmerz verursacht." Die Täuschung beruht nur in der voruiiigen Anwendung der Worte „schädhch" und „nutzlich". Das Nervemystem ist, kun

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gesagt, kein Prophet. Ks unterrichtet uns v«,n -lern ~ustande, in «lern es sich augenblicklich beiludct, nicht aber von den Nachwirkungen dieses Zustand«. Wenn wir Hteixucker xu uns nehmcn, so empfinden wir anfäng)ich ein Gefühl der Susse, weil die un-mittetbare Wirkung auf die Ueschmacksncrven eincn gcsundcn Reix ausübt. Sp~tcrhin, wenn das Cift xu wirken beginnt, wcrden wir der Kolikschmer7en hewusst, weil andre Teile des Ncrvensystcmt atsdann durch die direkte oder indirekte Wirkung des irriticrenden Mittels Wirklich in Verfall geraten.

Wenn hicrnach die Theorie ganz allgcmein auf alle Fälle von Freude und Schmer, anwcndbar gefunden wird, so ist die daraus hcrvorgchendc Folgerung xiemtich augcnschcintich. Freude und Schmcrx mussen a)s suhjcktivc Begleiterscheinungcn von Vorgängcn entwickelt worden sein, welche dem Organismus nUtztich bexw. schadtieh sind und zwar xu dem Zwccke, damit der Organismus das einc suchc und das anderc vermeide. Oder, mit Spencers Worten: „Wenn wir fUr das Wort Freude den gleichwertigen Satx substituieren: cin Gefühl, welches wir ins Bewusstsein zu bringen und darin festzuhalten suchen, und wenn wir fur das Wort Schmerz dcn andern aquivalenten Satz untertegen: ein Gefuh), das wir aus dem Bewusstsein zu entfernen oder von ihm fernzuhalten suchen _ so sehen wir ohne weiteres ein, dass, wcnn irgend ein Geschopf diejenigen Bewusstseinszustande festzuhalten strcben würde, welche die Korre!ativc von schSdtichen Einwirkungen sind, dagegen diejenigen Bewusstseinszustände fernzuhalten suchtc, welche die Korrelative von ihm xutraglichen Hinwirkungen warcn, dasselbe infolge dieses Festhakens am Nachteiligen und Vermeidens des Zutrâglichen sehr bald zu Grunde gehen musste. Mit andern Worten, nur diejenigen Arten der empfindenden Wesen konnten Uberteben, bei denen im Durchschnitt angenehme oder erwUnschte Gefühle Hand in Hand mit Tätigketten gingen, welche zur Aufrechterhaltung des Lebens beitrugen, wâhrend unangenehme und in der Regel vermiedene Gefühle mit solchen Thatigkeiten verliefen, die unmittelbar oder mittetbar das Lehen zu xerstoren geeignet waren; stets aber mussten, unter sonst gleichen Verhältnissen, bei denjenigen Arten «He meisten Uberlebenden und am längsten lebenden In-

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dividuen zu finden sein, bei welchen die Anpassung der Gefuhte an die Susseren Einwirkungen am vollstandigsten durchgeführt und noch weiter entwicklungsfähig war. Sehen wir vom Menschengeschlecht und seinen nachsten Verwandten im Tierreich ab, bei denen die Voraussicht fem liegender Fotgeersche!nungen ein die Sache kom. fixierendes Element hineinbrachte, so ist es doch unteugbar, da» jedes Tier sein« Gewohnheit gem~ss solche Thatig~eiten fortsetxt, welche ihm während der Ausübung Freude bereiten, und andrerseits solche Thatigketten aufgibt, die ihm Schmerz verursachen. Auch ist es einleuchtend, dass ftlr die Geschëpfe von niedrigster lntelligenz, welche keinerlei verwickelte Fotgewirkungen zu übetschauen ver-mögen, Uberhaupt kein anderes teitendes Prinzip existieren kann.

Wir ersehen hieraus deuttich, dass die Beigabe von angenehmen oder schmerzhnften BewusstseinszustSnden bei gOnstigen bezw. nachteitigen VerNnderungen im Organismus eine notwendige Funktion bildete, um das Oberleben des Passendsten xu Wege zu bringen. Wir kunnen ferner daraus entnehmen, dass das zoologische Prinzip des Übertebens des Passendsten, als es diese Anpassung bewirkte, dabei sehr wesentlich durch das physiologische Prinzip unterstützt gewesen sein muss, nach welchem Freude ebenso dazu neigt, den normatenVerlauforganischer Thätigkeit zu begleiten, wieSchmerz mit dem nbnormen Verlauf derselben verbunden zu sein pflegt. Dennwie die Or. gane selbst dem Organist duychweg zum Vorteil gereichen, so muss ihm au<h deren normale Thätigkeit stets xuträglich sein, wahrend umgekehrt ihre abnorme Thätigkeit, indem sie dazu hinneigt, Ursache, wenh nicht Folge seines Zerfalls zu werden, dem Organismus stets schädlich sein muss, Für das Ober!eben des Passendsten ist somit durch ein ausgebitdetes Prinzip der Psychophysiologie gesorgt, dessen Aus. hiklung es in fruheren Zeiten selbst gefördert haben mag, welches aber, wenn einma) vorhanden, wesentlich zum Überleben des Pas-sendsten beigetragen haben muss, indem es jedem besonderen organischen Vorgange den geeigneten Bewusstseinszustand xuteitte.

Noch ein anderes Prinzip der Psychophysiologie wird die Wirksamkeit der natürlichen ZOchtung in dieser Riehtung mächtig unterstützt haben. Dassetbe besteht in dem, was wir WohU geschmack und Eke) nennen. Hierzu bemerkt Spencer: „Es ist

Bem.u.. Eetw«*Hu>gd,.0«l.t„.                                              S

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.14 ~

Tha»Sache, du» Freude und Schmerz erworben und gewissermaßen bestimmten Gefühlen nufgepfropft werden kOnnen, welche sic ursprungtich nicht mit sich brachten. Raucher, Schnupfer oder Tabakkauer bieten uns bekannte Beispiete dafür, inwiefern längeres Beharren bei einer Empfindung, die ursprungtich keineswegs angenehm war, diese xu einer angenehmen macht, wNhrend doch die Mmpfindung se)bst dabei unverandert btieb. Das Gleiche zeigt sich bei mancherlei Speisen und Getränken, die anfänglich widerlich, spater, nach haufigem Genuss, oft ausserordentiich wohlschmcckend werden. Alltagtiche AussprUche Uber die Fotgen der Gewôhnung zeigen uns schon die allgemeine Anerkennung dieser Wahrheit auch in betreff der Gefühte anderer Art. Dass in ahn. licher Weise auch heftige Schmerzen auf Gefühle gepfropft werden kannen, die ursprungtich angenehm oder wenigstens indifferent waren, vermëgen wir xwar nicht zu heweisen, wir haben aber Beweise dafür, dass der Bewusstseinszustand, den man Eket nennt, in engster Verbindung mit einem Gefüht stehen kann, das einst angenehm war." Wenn nun, selbst zu Lebzeiten des Individuums, die freudigen und schmerxhaften Hewusstseinsxustande ihren Charakter bezüghYh derselben organischen Ver~nderungen oder Empfindungen umw kehren vermOgen, so geht daraus hervor, dass der natüriichen Züchtung ein ausserordentlich plastisches Material zur allmah!ichen Ausbildung einer Bewusstseinsfonn zu Gebote gestanden hat, welche

mit Rücksicht auf die Wohtfahrt des Organismus am besten zu.den verschiedenen ausseren Lebensbedingungen passte.                   *

Indem nun das überteben des Passendsten, in Verbindung mit

jenen Prinzm.en der Psychophysiologic seine Wirkung entfaltete, musste dies eine stete Vervollkommnung der hezeichneten Anpassungen an sein eignes anpassendes Wirken, d. h. zwischen angenehmen oder unangenehmen Bewusstseinszustanden und wohltätigen oder schadtichen ausseren Reizen, zur Folge haben. Und so kommt es, dass die Organismen in ihrem Entwicklungsprozesse eme gewisse Obereinstimmung zwischen ihren verschiedenen Or. ganen herstellten, sodass schliesslich das, was sich im grossen und ganxen für ein Organ verderbiich erweist, auch auf die mit ihm in BerUhrung kommenden Nerven schadtich und deshalb auch un.

ss

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angenehm auf das Bcwußtsein wirkt, obgfeich dies in Wirk)ichkeit nur der Fall ist, wenn das Schädiiche hinrcichend oft ix der Umgebung auftritt, um einer Art, mit genügender Anpassung dassetbe xu unterscheiden und xurückzuweisen, dadurch einen weiteren Vorteil zu verschaffen.*) Jm Vorhergehenden haben wir eine so vollständige Etklarung von Freude und Schme», aïs wir nur wünschen kûnnen. Die cinzige Schwierigkeit liegt in dem richtigen Verstandnis der Beziehungen „fachen der objektiven Tha--sache des Vorteils oder Nachteils und den entsprechenden» subjektiven BewusstseinsxustNnden, bezw. in der Frage: Wie kommt es, dass Schädlichkett oder ihr Gegenteil in die Kmpfindungen von Schmerz oder Freude Ubersctzt wirdr Es ist dies aber im Grunde nichts anderes, aïs die alte Schwierigkeit hinsichtlich der Verbindung xwischen Kôrper und Geist. Wie aber auch diese unbegreifliche Verbindung in Wirklichkeit beschaffen sein moge, die Vermutung ist wenigstens xulässig, dass die primare Ursache dieser Verbindung, d. i. des Auftauchens der Subjektivitat, gerade in dem Bedurfhis bestanden haben mag, die Organismen dazu zu bringen, Schadtiches zu vermeiden und Nütztiches aufzusuchen. Der Seins-gnmd des Bewußtseins besteht also vielleicht in dem Hinzutreten dieser Vorbedingung zn den Gefühlen der Freude oder des Schmerzes. Sei dem, wie ihm wolle, soviel scheint gewiss, dass die Verbindung von Freude und Schmerz mit organischen Zustanden und Vorgangen, welche dem Organismus nutxlich bezw. schadtich sind, die wichtigste Funktion des Bewusstseins im Schema der Entwicklung bildet. Aus diesem Grunde habe ich den Ursprung von Freude und Schmerz auf eine sehr frühe Stufe der Skala des bewussten Lebens gesetxt. Denn mit Rücksicht auf das Subjekt werden wir es schwierig oder gar unmogtich finden, eine Bewusstseinsform auszudenken, die,

*) Gr~nt Allen, n. a. O. - Diese Betrachtunn entwaffnet jedeKritik, wokhe gegcn unsere Theotie mit RBcksicht auf den an~enehmen Geschmack gewisser Gifte vofgebracht werden konnte. Es ist aber trstaunlich, wie rasch selbst in diesem Falle der dienliche Widerwille nach der Erfahrung der Mnheil-bringendee Wirkung entsteht; ein Beispiel tau liefert der Widcrwille gegen Wein, der selbst bei leidenschalUichen Weimrinkcm hervotgerefen werdeu kann, wenn man !n dieses UeWnk heimlich nux wnk« mtscht.

S*

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r«n!.aUCi"0C,h so unentwickelt, nicht wenigstens mit dem Ver.

andern vornuieh Unbehaglichkeit *u

möge.. verbunden ware, einige ihrer Zustünde andern vorziehen

1» Ruhe und Unbeh .....

ein™ , w. ft v                 * WClterer Geistesel™

einem lebhaften Kontraste von Freude und Schmer/, entwickett

d. h. eine Unterscheidung mischen Ruhe und UnbehagHchkeü" l™P!nden,...? b.dm Hin2Utreten ™terer Geisteselememe sich .u

Nkhr glaube ich zur Rechtfertigung meines Diagramms in dieser HenehoDg »cht huuuiufflgn xu braucher,

B. Gedächtsis und

d Id

Ideenverbon;un«.

Ohne Zweifel ist das Cedachtnis eine Fähigkeit, die schon sehr früh » der Rntwickhmg des Geistes auftritt. A prion ist dies er-

forderlich, weil Bewusstsein ohne

Gedachtnis nutztos wäre, und

t^^z^zdies auch w?ich der Fait ^ ^n

JL7L h StUfenrf,he)der P**« Entwicktung im Tierreich

denude » u Cndr "^ '""S ^ ^ Ich ^'bte demnach den Ursprung des Gedachtnisses unmittelbar nach der

^' set;r^„tohUU8 V°" Frem,e mA Sdimm ei"genom,Wn

vor dld?r ^ f6 ICh " "igen verS,1Cht, *" KOch "1,!           Men ! BwB"tad". ha,""'ß «««*» «ervüse An-

passungen ein zwmgendes Zeugnis dafür abgeben, dass der Mit ihnen m Verbindung stehende ncrvöse Mechanismus mehr oder

au3h3„d h1r;-bert'gl w?tUe «*-^™«*^

auszuführen und auf d.ese Weise die objektive Seite des Gedächtnisses darzustellen, wetche ich als GangHengedachtnis bezeichnet Wehen veröffentl)chte Ribot sein vortretTlfches Bud, Ztl

boten des GedUchtmsses, in welchem er der starken Analogie xwischen dem objektiven Gangtiengedachtnis - oder „organischem ~edachtn,,. wie er es nennt - und den physischen Yerander-

ung~n in den Hirnhemisphare., die bei demh

wahren oder be-

wussten Cedächtnis beteitigt sind, volle Rechnung trägt/)

leihen "IÜ tT "ISL!^* mket BefriedJß«n6 <l«W*r Ausdruck *» ver. erstreckt, denn es sjmcht .romer ru Gunsten u.serer Resultate, wenn sie w». abh^lg von einem .»der» Forsch« auf Selben Gebiete erCw-den

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Ich darf hier noch hinxufügen, dass ich mit Ribot auch tn der Auffassung übereinstimme, dm die Erscheinungen des Ge' dachtnieses, ob „organischer oder psychologischer" Art, keinerlei Analogie mit solchen rein physikalischen Thatsachen bieten, wie es i. B. die permanenten Wirkungen des Lichtes auf cine photo* graphische Platte oder ähnliche Erscheinungen ohne Beteiligung lebcnder Organismen, sind. Ich stimme ferner mit ihm darin Uber. ein, dass die früheste Analogie, die wir für das GedSchtnis finden können, in lebendigem, nicht-nervasem Gewebe zu suchcn sind, ja dass wir ihr sogar schon im Protoplasma begegncn. Ribot be. rieht sich dabei auf Hering, nach wetchem Muskelfasern durch Obung verhältnismassig stirker werden. Ich muss indessen auf don Mangel an Belegen dafllr hinweisen, dass individuelle Muskelfasern durch Obung an Starke gewinnen. Ich glaube vielmehr, dass eine bessere und allgemein gültigere Parallele durch die That. sache getiefett wird, dass, wenn man einen konstanten galvanischen Strom auf kurze Zeit der Lange nach durch ein Bundet Muskelfasern leitet, eine VerSnderung in der Erregbarkeit der Fasern ein. tritt, insofern dieselben nun für einen wiederum in derselhen Richtung durchgchenden Strom weniger reizbar sind als früher, dagegen rci!-barer für einen in der entgegengesetzten Richtung durchgehenden. Dieses Gedachtnis eines Muskels bezüglich der Richtung, die der galvanische Strom cingeschlagen hat, dauert etwa eine oder xwei Minuten nach der Unterbrechung des letzteren (Frosch). Ich fand, dass diese merkwürdige Thatsachc fur das Muskelgewebc der ver. schiedensten Tiere, von der Meduse an au!warts, gitt.*)

Ferner teile ich Ribots Ansicht darUber, dass die physischc Grundlage des Gedachtnisses zum Tei! in ciner mehr oder weniger permanent mo!eku)aren Verânderung oder einem „Eindruck" auf

*) m. Tram. ,88o. - Journal of Anotomy «rf I>hysMm, X. -Fin anderes gutes Beisp!e! von eosenanntem protoplasraatisehem Gedtchtnis liefert die Thatsache von der sogen. „Summiensg der Rei*e,«< die mchr ..der weniger ia jeden, «mguxgsfichigen Gewebc, ,1. h. überall da stattfindet, wo tebende* Protoplasm» vorkommt. Dièse Tbn.sache besteht darin, dass «enn ciné Folge von Reisen auf erregbares Gewebe fällt, die Antworten des leiteten nicht nur stets rasoher, sondern auch immef energischer erfolgen! jeder ReM hinterlüsst einc organische Erinnerung an sein Auftreten.

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das durch don crinnerten Rcix affiziertc Ncrvcnclemen), xum Teil auch auf der Herstellung beständiger Verbindungen zwischen den vcrschiedcnen Gruppen der Nervenelementt besteh, Dagegen kann jene Ansicht nicht entschieden genug xurUckgewiesen werden, die kurzwcg behauptet, dass die erste jener physischen Bedingen für sich allein zur Erklärung aller ThutsKchen des GedXchtt nisses genOge und eine gegebene Erinnerung sozusagen in cincr besondercn Zelle, als ein cigentümlicher „E)ndruck" auf die Substanz derselben, aufbewahrt werden kënne. Im Gegenteil, wic Ribot «Igt, ist eine jede der vorausgesetzten Einheiten (Hrinncr-ungen) aus zahllosen, hetcrogenen Elementen xusammcngesetztz sic

^^t?t' Ci"C GrUPPe, eine FüSi0I,, dnen KomI)1CX, Das GedSchtnii'* sctzt aber nicht nur cine Modifikatton vun Ncrvenelementen, sondern auch die Herstellung bestimmter Ve, bindungen zwischen ihnen ftir jeden besondcrn Akt voraus. Aller. dings dürfen wir nicht vergessen, dm dies alles reine Hypothèse £ ist, die, wcnn auch im höchsten Grade zweckdienllch, doch keines- * wegs cinc irgendwii definitive Erkenntnis des physischen Gedacht-nissubstrats in sich schliesst.

So tief nun unsere Unkenntnis in Hetreff des physischen Substrats des Gcdachtniises ohne Zweifel auch ist, so meine ich doch, dass wir dieses Substrat immer fur das gleiche halten dürfen, mögcn wir es nun als Ganglien. oder organisches, oder auch als" bcwusstes oder psychologisches GedXchtnis betrachten, zumal die Ana)ogien zwischee beiden so zahlreich und genau sind. Bewusstt sem ist nur etwas Zusatzliches, welches entsteht, wenn die physischen Prozesse, infolge der Seltenheii von Wiedcrhotungen odcr der Kompliziertheii ihres Wirkens oder aus andern Ursachen, das mit sich bringen, was ich obcn „Gangl)cnreibung" genannt habc. Diese Anschauung findet ihrc Bcstätigung in der allgemeinen, schon im dritten Kapitel erwahnten Thatsache, dass bewusstes Gedâchtnis durch Wiederholung zu unbewußtem degradiert werden kann, indem ursprUnglich geistige Assoziationen in automatische ubergchen. Nachdem wir im bisherigen die physische Grundlage des Gedachtnisses behandell haben, wolleh wir nun zur Betrachtung

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,1er Entwicktung des Gedächtnisses auf der psyohologiscl.cn .Scüe übergchen.

Die früheite Stufe de» wahrcn oder bewussten Uedachtnisscs kann in der Nachwirkung cincs Rcizcs auf einen scnsorischcn Nerven gcfunden werden, welche, so lange sic daucrt, kontinuierlich nach dcm Sensorium geleitet wird. Dics ist /.. B. der Fall hei Nachhitdcrn auf der Netzhaut, bci der Narhwirkuns cincs Schlages u. s. w.')

Die nächstc untcrschcidharc Stufe des Gedachtnisses bietet sich uns in dcm Gefühle, dass cine gegenwärtige Kmpfindung g)eich einer vergangenen ist. Um dieses Gefüh) cntstehcn m lassen, hedarf es keines Gedachtnisscs für die Kmpfindung cincr Aufcinandcr. fotgc xweicr Fälle, noch ciner bcsooderen Idecnvcrbindung; die Kmpftndung wird vielmehr bei ihrcm xweiten, dritten oder vierten Auftretcn nur als einc bekannte oder gcwobntc crkannt. So scheint, nach Sigltmund, «1er der Psychogene* bei Kindern grosse Aufmcrksamkeit schenktc, die Erinnerung an den süssen Geschmack der Milch bci Neugeborcnen im allgemeinen cine Vortiebe für Siissig-keiten xu vcrursachen. Uicsc Vurlicbc übcrdaucrt in der Reget noch die Zeit der Kntwöhnung und crhält sich durch die ganze Kindheit; das Intcressante dabei ist abcr, dass sic sich im frühen Kinderleben xu cincr Zeit bemerkiich macht, wo wir noch keinc Ideenverbindun~en voraussctzen durfen. Sigismund meint, dass das Gedächtnis für Mi)chgeschma«* mit der Wahrnehmung im. mittelbar verbunden wcrde, und l'ccyer behauptet nach cigenen Beobachtungen, «lass die Vur)iebe fur süssen Geschmack sich schon am erstcn Tage »Igc.

Die darauf fotgcnde Gedächtnisstufe wird crreicht, wcnn, immer noch obnc Hiozutretcn einer Ideenverbindung, cine gegenwartigc Empfindung aïs unahntich mit ciner fruhcrcn wahrgenommen wird. Wenn wir uns dabei wieder auf Sigismund und l'reyer bcrufen dürfcn, so scheint es, dass nachdem der gewohntc MitchgeschMack durch cine Reihe v"n Saugakten im Gedachte» recht befestigt worden ist, das eiuige Tage alto Kind

*) Vcn.1. Wund,, ünmü^c der phitosophise Psychotogic. S.7<M.

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e<ne Veranderung ,1er Milch «i erkcnnen imstandc ist. r.-h tindc hieriu unter Darwnss Manuskripten folgende Bemerkungen:

„Es wird versichert (durch Sir B. Brodee), das, ein Katb «derem Kind, das niemals von seiner Mutter gesaugt wordeh, sehr viel teichter aufgefüttert werden kann, ats wenn^s nur ein einzigt mal gesaugt hat. So konstatieren auch Kirby und Spencrr (in Reaumurs Entomologie, Bd. I, S. 3~i), dass Larven, die eine Zeit lang an «ner Marne gezehrt haben, cher sterben, als dass sic zu eincr andcrn übergehen, die vollkommen annehmbar für sie gc-wesenware, wenn sic von Anfang an. an sic gewohnt worden **&

wo noch von keiner Ideenverbndung die Rede sein kann, be-rUcksichtigen, so drangt sich uns die Frage auf, ob das Gedachtnis wirklich eine Folge dcr individuellen Krfahrung ist, oder eine er-erbte Mitgift d h ein Instinkt. Hier scheint «^i 1 au das alte, hochinteressante Experiment Galens zu beziehen, welches diese Frage mit Bexug auf die Tiere ein. fdr allemal beantwortet hat. Gaenn nahm nam!ich ein Bücklein, bald nach der Geburt, bevor es noch gesaugt hatte; und stellte eine Reihe einander ganz ähn!ichcr Schalen vor es hin, gefüllt mit Milch, Wein, Öl, Honig und Mehl. Nachdem das Bücklein alle Schalen be-rochen, wandte es sich schliesslich derjenigen „, die Mi)ch onthielt. Mit diesem Falle steht ohne Zweife) die Thatsache des ererbten Uedachtnisses oder des Instinktes des BOckIeins fest; es m deshalb wahrschein!ich, da. dasselbe, wenigstens teilweise, auch fr das Kindgi!t, um so mehr, als dafür auch die Versuche des Professors Kussmaul sprechen, welcher fand, dass selbst schon vor der aus dem Milchsaugen gewonnenen individuellen Erfahrung ncugeborene Kinder grosse Vorliebe für Süßigkeiien «igen. Denn je nachdem ihre Zunge mit Zucker oder mit Salzlösungen bT Chinin, benetzt wurde, vollführten neugeborene Kinder verschieden

2L r^ "5sie sich von der Zuckeriösung ■*«

zeigten den andern Substanzen gegenüber aber eine saure bezw. bittere Micne u. dergt. machten.

Obwohl wir nun zugeben müssen, dass die Erinnerung an die Milch wenigstens zum grossen Teil erblich ist, stellt sie sich doch

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in jeden, Fall nls ein Gedächtnis besonderer Art dar und tritt ohnc Ideenverbindung auf. Mit antlern Wortcn, crerbtcs Gcdachtnis oder Instinkt gehort xu dcn Erscheinungen der weiten und dritten Stufe bewussten GedSchtnisscs, und war im weitesten Sinne des Wortes: wo also, ohne Hinzutreten einer Ideenverbindung, cine gegenwartige Empfindung ais ähnlich oder unahntich einer frühercn cmpfundcn wird. Es macht keinen wesentlichen Unterschied, ob die frühere Empfindung durch das Individuum selbst oder durch seine Vorfahren in Erfahrung gebracht wurde, denn es ist im Grunde gc-nommen gleichgUltig, ob die nervosen Veranderungen, als Kchrseite der wahrnehmenden Fahigkeit, zu Lebzeiten des Individuums oder dcr Art verantasst und nachmats durch Yererbung auf dus tndividuum übertragen wurden. In jedem Falle ist der ph~siotogische wie dcr psycho)ogische Erfolg derse)be; eine gegenwartige Empfindung wird von seitcn des Individuums stets als gteich oder unglcich ciner frOheren wahrgenommen werde.,. Es fällt nicht schwer, die Wahrheit dieser Behauptung von vornherein zu begreifen, wenn man die« Quelle der Schwierigkeit, a)s in der mangelhaften Untcr-scheidung xwischen Gedachtnis und Ideenverbindung liegend, erkannt hat. Das Gcdachtnis auf seinen nicdem Stufen hat nichts mit Ideenverhindungen xu thun, sondern nur mit der Wuhrnehmung einer Empfindung, und zwar als gteich oder ungleich einer vergangenen, die in der Xwischenxeit niemats den Gegenstand einer Idee go-bildet haben kann und nicht einma! cine ideelle Erinnerung entstchen lässt, wenn die Empfindung noch einmat auftritt. Mit andern Worten, ein bewussterVergleichungiakt xwisehen den beiden Empfindungen ist nicht vorhanden, ja es findet nicht einmal eine Idcenbildung statt; die frohere Empfindung hat sich indessen dem Nervengewebe des Tieres in solcher Weise e!ngepragt, dass wenn sie wiederkehrt, sic im Bewusstsein als ein Geflihl auftaucht, das ihm wohl bekannt ist. Ob nun derartige bekannte oder unbckanntc Cefühle in der Erfahrung des Individuums oder der Art auftauchen, macht, wie gesagt, keinen wesentlichen Unterschied, môgen wir den Fall von der physiologischen oder von der psychotogischen Seite bctrachten. Um die genaue Verbindung zwischen ererbtem Cedachtnis oder Instinkt und dem individuell erworbenen Gedachtnis zu zeigen,

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nchmn i<h Bexug

122 -auf cinigc sehr intéressante Vcrsuche Professer

Preyers an neu ausgebrüteten HOhnchen, wetchen gekochtcs *,, getb, gekochtes Kiweiss und ein wcnig Hirse vorgelegt wurdc. Das Huhnchcn pickte nach allen dreien, nach den beiden tetaleren jedoch

nicht häufigcr als nach Stuckchen Mierschale, Sandkornern und d« s, Fteckcn und Spatten des Holzbodens, auf dem essass. Nach dem , v Eidottcr dagegen pickte es oh und nachdrücklich. Prcyrr entfcrntc darauf jenc drei Substanxcn und legte sie erst nach Vcr!auf einer- ; Stunde dem HUhnchen wieder vor. Dasselbe crkannte sic sofort;, wieder, was es dadurch bewics, dass es sich sofort darubef hermachte, j:; wahrend es aile andern, nicht essbaren Gegenstânde ganztich unbeachtet^, Hess. Und doch hatte dus HUhnchen bei scinem ersten Versuche.; (] nur einmal das Eiweiss gekostct und bloss cin klein wenig H«c~: a genommen. Das Experiment zeigt uns a!sc, wic ein junges IM... j. ^ chen durch cigenc individuelle Erfahrung zu lernen vermag, wäl,-;; ,1| Professor Prcyer die ursprOnglichcBevorxugung desihi-', s

rend nachProfessor Prey

gcll.es

noch fUr einc vcrcrbtc Ceschmacksunterscheidung sprich).

Dicsc Versuchc teiten uns xu der Gedachtnissc, bei'welchr^ jj zum crstenmal cine Ideenverbindung beteiligt ist - cin Prinzip, j j , wckhes fiir alle nachfolgenden Stufcn des CedHchtnisscs hmdurchU als vital bezeichnct wcrdcn kann; denn das Huhnchen, welches zu-!.; fc crst nach nicht essbaren Uingen, in Gegenwart von cssbaren, pickte,. t und cinc Stundc spater zwischen diescn beiden Arten von Gegen., t standcn xu untcrscheldcn wusstc, musstc sich doch one besümmtcp r Ideenverbindung xwischcn den einzelnen Objekten seiner früheren, | r. Erfahrung, mit Rücksicht auf ihrcn cssbarcn odcr nicht essbareni, Charakter, gebildet habe, Ua die Herstellung bestimmter Asso. ^ ziationcn aber so schnell crfotgte, und xwar als das Résultat einer ; < cinzigcn individuellen Erfahrung, so können wir die Schlussfolgerung.:. < kaum nbweisen, dass die Vererbung einen schr grossen, wenn mcht|, : den grosstcn Antci! an diesem Prozcss hat, wic denn der oben imt. ' ■ gcteilte Fall bezuglich der sofortigcn Unterscheidung des gekochten .; Ei~elbs jcdenfalls ausschliesstich der Vererbung zuzuschreiben ist.',j;; ^

)B. «*dnt mir jedoch swcifelhaft, ob <ich die Vcrerbung hier, wioH ! P«yir « J> hinsichtlich der Gcschn.acksuaUrschoidung geltend; /

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HF,

:                                   _ 123 ~~

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; Oies zeigt, in wic nahcr Bauchung «lie Kr.scl.ciiu.ngen des crcrbten ji mit denen des individuellen Cedächtnisscs stehcn, und es ist denn "i auch in dcr That unm0g)ich, auf dieser Stufe der mnernonische~ .1 Kntwicklung, wo die einfache Ideenvcrbindung n crstenmal bei '* schr jungen Ticrcn auftritt, die Wirkung des crcrbtcn Cedachtnisses ■t; von demjenigen des individuellen auseinanderzuhatten.

l                              C. hlccnvcrbindungen.

■]         Kiiicm «lulleren Kapitel über „Einbitdungskraft" bchalte id.

«var cinc vollständigere Abhandtung der tdccnbitdungpn vor; bei der Untersuchung des Gedächtnisses konnen wir aber nicht umhin, auch der Idcenvcrbindun~enxu gedenken, obwoht es einige Schwierigkeiten bietet, die Idecn mit Uexug auf ihre Assoxiationcn xu behande)n, che fcstgcstellt ist, was Ideen an sich selbst sin<) Die Wahrheit ist, da» m~n sich hier wie anderwärts in der schwicrigcn Lage befindct, bei derErforschung der geistigen Kigenschaften, in «lj ihrer wahrschein)ichcn Hntwicktungsreihe, dicselben getrennt bc-l'u! hundcln zu müssen, obwohl sic doch in Wirklichkeit nicht getrennt CH1 oder nacheinander cntstandcn sind. Man pflegt dieser Schwierig-*-,( Iccit dadurch zu begegnen, dass man d!e allgemeinen und wohl-^h bekannten Prinzipicn vorweg nimmt und dcren cingehcndcrc Hc -"-i; trachtung spätercn Knpitetn vorbehält. Kine ähntiche Verlegcnheit <*h notigt uns jetzt, cine ctwas vorzeitige Behandtung dessen vom, ™P nchmen, was ich die Kiementc der Ideeubildung nennc. reni.;         !m vorlicgenden Huche bediene ich mich des Wortes „Idee"

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*>< in scincm wcitestcn Sinne. Da wcn!gc AnsdrUckc cinc vcrschiedcnere "«!! Auslegung gefundcn haben, so will ich vorausschickenn was ich

mg;;  für seine allgemeinste Bedeutung halte und in welcher ich es

chtfl  auch stets anwenden werde.

nit-j1         Wenn vor unser gcistigcs yVugc dus Bi)d eincs kurz vorher

tcn|!  schauten Baumes tritt, so sagen wir, dass wir uns des Baumes

1   macht, namentlich wen wir bedenken, dass in der Natur cin junges Hühnchen

j I  niemals Gelegenhcit gehabt bat, gekochtc Gctbei an kosten. Wahrscheinlich

"iJ :   trügt die hellgelbe Farbe etwas«« dieser Au.w«M bei, «m,aU«ch vide Sam«

tend!

mehr oder weniger gelb gefitrbt sind.

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erinncrn, di» wir ihn uns einbi)den, da» wir cine Idee von ihm haben », Idee j. in diesem,alle cinfach oder konkret, ^ bl^.

d ctrurHvorTrgenensinnlichen ^^ ***»

diesem und dem höchsten Produkte der Ideenbildung liegt nun das ganze Feld der h6chsten und niedersten G*JLfcw£ Das Hedeutungsgebiet, über welches sich demnach der Ausdruck

L* deshalb verschiedentlich e,nzugren!en gesucht; da abcr aile

dcrgle.chen Versuche rein willkürliche

und künstliche sind, so werde

ich dem Amdrucke selbst keinc Greme setzen, sondern wo sich

nde und ern

die Gelegenhcit bietet, die verschicdenen Ideenklassen durch passende ve, als konkret, aw~w ..... .„.._., . ..

deinem £* ^ fr a,lgemein, bezeta' ""d , .ÜT.8""*» »« «h dies später noch naher erläutern

sehe 12; it b^on Ter %der ,,ehandtung der *"■■«*-

Sc.te der IdeeubUdung darauf hingewiesen, wie leicht einzelne Ideen feruppenwe.« zu einer zusammengesetzten sich vereinigen und wic leicht ne steh u ahnticher Weise auch zu ganzen Heenfotacn ver ketten so dass das Auftreten des ersten GlL Ä £ nachfolgenden bedingt. Physio!ogisch betrachtet ist dics einerseits ganz anaog der Koordinierung von Muskelbewegungen im Raume

1 *.,!v °TrngTOn BWm0«W« « Herstellung eines gle.chze.Ugen Aktes, wie ,. B. des Schiagens, und andererscits .u dcr Koordimerung von Muskelbcwegungen in der Zeit, d. h. der

TS; McgungcnzueinerReihevonAkten,~ic

. B. be.m Erbrechen. Nun zeigt die Beobachtung, dass dieser Ideenzusammenhang entweder durch Aneinandergrenzen oder durch Ähnlichkeit bedingt wird, cinc Thatsache, welche 2u gut und zu

allgTsso rn: isth r*r.eine blosse b-*- - ^

Assoz.au „ durch Kontiguität, oder Aneinandergrenzen ist ur.

Prilnghcher * diejenige durch Ähntichkeit, denn zu letzterer ge-

ö«, dass die Ahntichkeit wahrgenommen wenle; dies erfordert

ab« ene hdi.cre Stufc geistiger Entwicktung, als eine Assoziation

durch Kontiguitat, die, wie wir gesehen haben, selbst in nicht-ner.

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vOsen Vorgangen stattfindet, wo von einer Assoziation durch Âhntichkeit noch gar nicht die Rede sein kann/)

Ks ist aber zu heobachten, dass sogar die Ideenverbindung durch Kontiguitat von möglichst einfacher Art eine hohere Kot-wicklung des Erinnerungsvermëgens in sich schliesst, ais irgend eine der drei bis jetzt erwähnten Gedachtnisstufen. Denn wir haben es hier nicht mit der blossen Erinnerung an eine frUhere Kmpfindung xu thun, die sich etwa schlafend verhielte, bis sic durch eine andere ahnliche oder nicht ahntiche geweekt wurde, sondern vielmehr mit einer Krinnerung an mindestens xwei Dinge, sowie mit einem Gedachtnis für ein früheres Fotgeverhältnis «vischen den-selben, was uns zur Aufstellung einer weiteren deutlichen Stufe in der Hedachtnisentwicktung berechtigt.

Ist diese Stufe xu einer gewissen Vollkommenbeit gelangt, sa dass xahlreiche konkrete und xusammengesetzte Ideen zu einer ans zahlreichen Gtiedern bestebenden Kette verbunden sind, sn ist eine hinreichende Anzahl psyehologischer naten zur Hrreichung der nachsten Gedachtnisstufe, der der Assoziation durch Ahn)ichkpit, gegeben. Professor Bain bemerkt hierxu: „Die Kraft der Komi. gukät verknOpft im Geiste xusammen ausgesprochene Worte, die der Ähntichkeiten dagegen erweckt Erinnerungcn aus verschiedenen Xeiten, an verschiedene umstände und Verknüpfungen, und bildet so eine neue Reihe aus vielen atten.«**} Und wie aufdiesen höheren Hebieten des menschlichen, so ist es auch auf den niederen des

») Die stärkste AnnSherung an eine solche Analog hl vicUeicht in der merkwürdig Thatsache su finden, da*,, wenn man in jede Hand eine« Blei-m nimmt und «ine gewöhnliche Untorschrift mit der rechten Hand von links „ach rechts niedenchreibt, indem man dièse Bewegung in der entgegen-^len Richtung mit der Linken nachahmt, die von der linken Hand 1k. war«, niederschriee Signatur, vor einen Spiegei gehalten, im Charakter dev Handschrift übereinstimmend gefunden wird. Da die linke Hand diese Fertigkeit vielletcht vorher xicmalk ausübte und sic auch nur auszuübea ver. m.g, wenn die rechte Hand «, gleicher Zeit in Wirksamkeit tritt, so erinnert der Kall allerdingi an eine Aviation durch Kontinuität. Derselben Quelle ist auch die grosse Schwierigkeit «uuschreiben, beide Hände mit einander in entgegengesetzter Richtung n liegen, wie z. B. l*im WollekrnUen.

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tierischen Gedächtnisscs; Assoziation durch Ahntichkeit bringt eine bösere Entwicklung der Ideenbildung mit sich, ats diejenige durch Kontiguit~t.

Die folgende und ietzte Stufe des Cedachtnisses wird erreicbt, wenn das Nachdenken den Geist befähigt, die Zeit eines erinner. ten Vorkommnisses in der Vergangenheit zu tokatisieren. Dies ist die GedSchtnisstufe, die wir „Ruckerinnerung" nennen; dieselbe kommt in allen Fällen vor, wo der Geist weiss, dass irgend eine besondere Ideenverbindung vorher stattgefunden bat, und deshalb im stande ist, das GedSchtnis zu durchsuchen, bis jene verlangte besondere Verbindung ins Licht des Bewusstseins getreten ist.

Ich brauche wohl kaum zu bemerken, dass ich den Grcnxen, die ich bei dieser Obersicht der Gedächtnisentwicklung zwischen den aufeinanderfolgenden Stufen zog, nur einen rein willkürlichen Charakter beimesse, indem ich ihnen hôchstens das Verdienst anschreibe, eine allgemeine Idee von Wachstum einer sich fortdauernd entwickelnden Fähigkeit xu geben. Ehe ich das Kapitel schliesse, will ich nun noch einen kurzen Rückblick auf die Entwicklung des Cedachtnisses beiTieren und beimheranwachsenden Kinde werfen.

Mit Bezug auf das Kind bezeichnete ich die siebente Woche ats dasjenige Alter, in welchem das erste Zeugnis für das Gedaeht-nis in der Ideenverbindung auftritt. Ich beobachtete namiich, dass um diese Zeit das mit der Flasche aufgezogene Kind diese zum erstenmal erkennt. Dabei handelt es sich um einen künstlichen Gegenstand ohne Geruch oder sonstige Eigenschaften, die irgend welche Instinkte vachzurufen vermöchten, einen Gegenstand ubri. gens, den kleine Kinder in der Regel stets frOher m erkennen scheinen, als jeden andern. Schon Locke erwahnte, dass dieE--kennung der FIasche gleichzeitig mit der Erkennung der Rute auftrete. Da jedoch unsere Ansichten über Erziehung seitdem einige Verbesserungen erfuhren, so hält es uns schwer, diese Behauptung zu bestâtigen. Bei meinem eigenen Kinde beobachtete ich, dass die FShigkeit xu Ideenverbindungen sich in der neunten Woche von der Flasche auf das LStzchen ausdehnte, das ihm vorher stets und zwar aussch)iess!ich vor der Fütterung vorgebunden wurde: subald es dasselbe anhatte, hërte es auf, nach der Flasche zu

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schreien. Um dieselbe Zeit beobachtetc ich auch, da« wenn ihm sein wollener Schuh auf die Hand gelegt wurde, es aufmerksam nach demselben hinschaute, als ob es bemerke, dass irgend cine merkwurdige Veränderung mit dem gewShnIichen Aussehen der Rand vor sich gegangen sei. Mit zehn Wochen kannte es seine Ftasche so gut, dass es den Pfropfen selbst in den Mund stecktc und auch die Ftasche während des Saugens mit eignen Händen au halten vermochte. Übrigens sch!ugen seine Versuche, den Pfropfen in den Mund zu stecken, haufig fehl, offenbar wegen mangelhaften Koordinierung$verm0gens seiner Musketn; der Pfropfen streifte infolge dessen über verschiedene Teite seines Gesichts und das Kind schrie dann nach der Amme um Hilfe. Preyrr sagt, dass sein Kind mit acht Monaten im stande war, samttiche Glas. naschen vermëge ihrer Âhnlichkeit, oder insofern sie »i derselben Klasse von Gegenstanden wie seine Saugnasche gehorten, m klassi-fitieren. Ich kann hinzufügen, dass mein Kind mit sieben Wochen zo schreien begann, wenn man es im Zimmer fUr einige Minuten allein liess, eine Thatsache, die ebenfalls fUr ein gewisses Vermögen, Ideen miteinander xu verbinden, und fur die daraus resultierende Wahrnehmung eines Wechscls in der gewohnten Umgehung spricht.

Wenn wir uns nun zum Tierreich wenden, so finden wir das erste Zeugnis des Vorhandenseins eines Gedächtnisses bei den Gasteropoden, und /.war besteht dasselbe bei der Schüsselmuschel darin, dass sie von ihren Ëxkursionen zur Aufsuchung ihrer Nah* ruug immer wieder in ihre Felsenspalte zurOckgeht. Diese Thatsache beweist offenbar ein Erinnerungsverm~gen bezügtich des Ortes und da ein solcher Cedachtaisgrad kaum als der frHheste ge)ten kann, dürfen wir vermuten, dass diese Fahigkeit noch auf einer niedrigeren Stufe des T!erreiches vorkommt, obwohl uns keine lie, obachtungen darüber zu Gebote stehen. Da Austern durch individuelle, in „Austernschuten" erworbene Erfahrung ihre Schalen für eine weit längere Zeit geschlossen xu halten erlernen, wie es bei unerzogenen Individuen der Fall ist, so müssen wir daraus schliessen, dass uuch bei der Abteilung der Mollusken ein schwaches Erinnerungsvermugen besteht. Eine noch hôhere Stufe der

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Gedachtnisentwicklung ~ird von der Schnecke erreicht, wenn die Beobachtung Lonsdales richtig ist, dass eine Helix pomotia, welche unter Zurücktassung ihres kranken Geführten über eine Gartenmauer kletterte, am nSchsten Tage an die Stelle zurückkehrte, wo sic jenen verlassen hatte. Die hochste Gedachtnisentwicktung unter den Mollusken findet man indessen bei den Cephatopoden; denn nach Ho.lmann erinnerte sich ein Octopus in nuffallender Weise seiner frUheren Begegnung mit einem Hnmmer, und dasselbe Tier soll, nach Schnei,er, sogar seinen Wârter kennen !ernen.

Während somit das Vnrhandensein des Gedtchtnisses bei Mol-haken ausser Frage steht, btieben neue Versuchc zur Feststellung dessetben bei den Echinodermen ohne allen Krfotg. Man berich-tele jedoch von andrer Seite, dass ein Seestern, den man von seinen Eiern entfernte, wieder xu der Stelle zurHckkroch, wo sich dièse befanden. Diese Behauptung würde, wenn sie sich bestätigte, fiir das Gedachtois bei Echinodermen beweisend sein; meine eige. «enLehrversuchebbeimSeestern sind indessen, wie gesagt, bis jetzt resultatlos geblieben. Noch mehr überraschte mich aber mein Misserfolg in dieser Richtung bei den heheren Krustazeen, denen ich bisher nicht die einfachsten Dinge beixubringen vermochte. So setzte ich z. B. einen Eremitenkrebs in einen Wasserbehälter und nachdem er seinen Kopf aus dem Schneckenhause, in dem er seine Wohnung aufgeschlagen, herausgestreckt hatte, hewegte ich eine oflhe Schere langsam auf ihn zu und Hess ihm vorläufig Zeit, den glänxenden Gegenstand xu beobachten. Nachdem ich darauf behntsam einen seiner Fühter xwischen die Schneiden gehracht, schnitt ich plôtzlich die Spitze desselben ab. Natürlich zog sich dus Tier sofort in seine Schale zurOck und hlieb filr eine geraume Xeit darin. Ats es wieder zum Vorschein kam, wiederholte ieh die Opération in derselben Weise und so fort, noch verschiedene Male bis seine Fühier nach und nach samtlich abgeschnitten waren. Irotxdem lernte das Tier die Erscheinung der Schere nicht mit der darauffolgenden Wirkung verbinden und zog sich nie eher zurück, als bis der Schnitt vollzogen war. Dass nichtsdestoweniger Gedachtnis bei den höherenKrustazeen vorkommt, wird durclv eine Ueobachtung bezeugt, derzufolge ein Hummer auf einen) Haufen

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j~j Schindeln, unter wetchen er vorher etwas Futter verborgen hatte, ! Wachehielt.

Bei einer andern Klasse der Artikulaten findet sich das Gedachtnis zu einem ausserordentiich hohen Grade ausgebildet und überragt in dieser Richtung dasjenige aller andern Wirbellosen, und zwar meine ich hier die Insekten und unter diesen wieder ganz besonders die Hymenopteren. So sind z. B. Ameisen und Bienen unzweifel-haft im stande, sich der Stellen xu erinnern, wo sie viele Monate 1 vorher Honig, Zucker u. dgl. erhielten; ebenso werden sie, m wenn es die Gelegenheit erforder,, zu Nestern bezw. StScken zu. .1 rückkehren, die sie im Jahre vorher verlassen hatten. Eine grosse 4 Anzaht lehrreicher Beobachtungen liegt auch uber die Erwerbung $ besondrer Erinnerungen, sowie Uber die Lange oder Dauer derselben :.:1 bei jenen Ticren vor.*) Zu den interessantesten dieser Beobach. 4 tungen gehëren wohl diejenigen von Sir John Lubbock bei Bienen, >! «-elche letztere den Unterschied zwischen einem offenen und einem vi geschlossenen Fenster allmählich kennen lernten, sowie die von | Bates und Belt bei den Sandwespen, die sich (indem sie sich i gewisse Punkte in der Landschatt merken) sorgfältig uber die Lokali-| taten unterrichten, wohin sie zurückzukehren gedenken, um sich die Jt Ueute zu sichern, welche sie zeitweilig dort verbergen. Aber auch d andern Klassen angehërige Insekten, wie Käfer, OhrwOrmer und H die gemeine Stubenfliege, besitzen nachweisbar Cedachtnis.**) g          Indem wir uns nun den Wirbeltieren zuwenden, finden wir

J zwar das GedSchtnis auch bei Fischen, es erreicht hier aber nie | einen hôhern Entwicklungsgrad, als notig ist, um sich auf eine *] Reihe von Jahren der örtlichkeiten zum Laichen zu erinnern, Lock. « speisen zu vermeiden, die Jungen von einem Neste zu entfernen, J wo sie gestërt wurden und den Ton einer Glocke mit der Ankunft von Futter zu verbinden.

Batrachier und Reptile vermogen sich sowohi der Orttichke.ten i zu erinnern, als auch Personen zu identifizieren. Die jahrtiche i Wanderung der Schitdkrëten beweist die Dauer eines Gedachtnisses :j auf mindestens ein Jahr.

i           ;jVergl. Animal bMliyrucc. Chap. Ill u. TV.

1           **) Kbenda*.

Bomanet, üntirtoUuog des Gaittin.                                               q

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Bei den Vögetn hat das Gedachtnis betrachttiche Fortschritte gem&cht, und zwar beschrankt es sich bei ihnen keineswegs, wie z. B. bei der Schwalbe, auf eine Erinnerung von Jahr zu Jahr an die genaue Lage ihrer Nester oder an gewisse Personen; vielmehr lassen die schon oben mitgeteilten Thatsachen bezüglich der Erinnerung von Tönen, Worten undSätzen nicht nur auf eine ausserordentlich entwickette Fahigkeit zu speziellen Ideenverbindungen, sondern auch auf em wirkliches Erinnerungsvermagen von grosser Ausdehnung schliessen, insofern die Tiere das fehlende Glied in der Kette der frUher bestandnen Assoziationen kennen und es aus. drücklich wieder zu erlangen suchen. Sorgfaltige Beobachtungen haben m dieser Richtung festgestellt, dass der Bildungsprozess jencr speziellen Ideenverbindungen ganz identisch mit dem beim

Unter den S~ugetieren finden wir die hCchste Entwicklung des GedSchtmsses beim Pferde, beim Hunde und beim Elefanten. Es liegen unzweifethafte Zeugnisse dafür vor, dass ein Pferd sich noch nach acht Jahren einer Strasse oder eines Stalles erinnerte, dass ein Hund die Stimme seines Herrn nach funfjaheen und den den Ton einer Halsbandschelle nach drei Jahren wiedererkannte, ja, dass ein Elefant, nachdem er fûnizehn Jahre lang in d« Witdnis zugebracht, seinen fruheren Warter noch nicht vergessen hatte. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde sich auch bei Affen ein nachhaltiges Gcdachtnis beobachten lassen, wie man denn auch schon gefunden hat, dass es hier ausserordentlich genau ist und sogar durch absichtliche Anstrengungen der Tiere selbst unter.

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Neuntes Kapitel.

Wahrnehmung.

Ich verzeichnete bei der 18.Stufe desDiagramms das Ent-I stehen der Wahrnehmung aus der Empfindung. In i Uberetnstimmung mit der allgcme!nen Auffassung verstehe | ich unter jenem Ausdrucke das Wiedercrkennungsvennögen. „Der *j ganze Unterschied zwischen Empfindung und Wahrnehmung ist kein ; anderer, als der avischen den empfindenden und den wiedererken. 1 nenden, intellektuellen, oder Erkenntnis liefernden Funktionen" ; j (Bain). „Wahrnehmung besteht in der Herstellung spezifischer Be-

*    ziehungen zwischen BewusstseinszustUnden, was woht zu unterscheiden ,j ist von der Herstellung der Bemmtseinszuitib.de selbst«, welche 4 vielmehr durch die Empfindung bedingt werden (Spencer). "Bei $ der Wahrnehmung wird das Empfindungsmaterial durch den Gebt

     bearbeitet, welcher in seiner gegenwärtigen Stellung alle Resultate seines vergangenen Wachstums verkörpert" (Sully).

j           Empfindung sqhliesst daher keine intellektuelle, vom Bewusst.

3 sein verschiedene Fahigkeit in sich, wogegen die Wahrnehmung das i notwendige Vorkommen eines intellektuellen oder crkennenden Pro-i zesses, wenn auch von der einfachsten Art bedingt. Der Ausdruck | „Wahrnehmung" lasst sich deshalb auf alle die Fal!e anwenden, I welche mit einem Erkenntnisprozess verbunden sind, mag dieser nun direkt oder indirekt ans der Empfindung entspringen. Daher 8 dUrfen wir gleicherweise von der Wahrnehmung des Rosendufte~, | wie von der Wahrnehmung der Richtigkeit oder Wahrscheinlichkeit '* einer Behauptung sprechen. Wir kSnnen den Unterschied zwischen Empfindung und Wahrnehmung auch folgendermassen ausdrücken: Eine Empfindung ist ein elementarer oder unxerlegbarer Bewusst-

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seinszustand; eine Wahrnehmung aber schliesst einen Prozess ein, der dieEmpfnndung in Ausdrücken früherer Erfahrung geistig interpretiert.

Es liegt z. B. ein geschlossnes Buch vor mir auf dem Tische; meine Augen ruhten lange Zeit auf dem Umschlag, wâhrend ich über die Anordnung des Materials fltr das gegenwartige Kapite nachdachte. Diese ganze Zeit über empfing ich eine Gesichtsempfindung von besonderer Art; da ich aber keine Aufmerksamkeit darauf verwandte, enthielt die Empfindung kein Element der Er. kenntnis und diente somit zu keinem Wahrnehmungsakt. Auf einmal wurde ich mir bewusst, da» der besondere Gegenstand meiner Empfindung ein Buch sei, und damit war ein Wahrnehmungsakt vollzogen. Mit andern Worten: Ich interpretierte in Gedanken die Empfindung in Ausdrücken einer fraheren Erfahrung; ich vollzog eine geistige Zusammenfassung der Eigenschaften jenes Gegenstan. des und rechnete es zu der Klasse von Dingen, die früher eine gleiche Empfindung in mir hervorgebracht hatten.

Die Wahrnehmung besteht also in der Klassifizierung von Em. pfindungcn in Ausdrücken fruherer Erfahrung, sei sie nun ange-stammt oder individue!l; sie ist Empfindung plus dem geistigen Ingredienz der Interpretation. Aïs Vorbedingung der MOglichkeit dieser Zuthat ist die Existenz eines Gedachtnisvermëgens durchaus erforderlich, denn nur mittelst eines Gedachtnisses für vergangne Erfahrungen kann der Prozess in der Weise vor sich gehen, dass gegenwartige Empfindungen oder Erfahrungen als ahntich mit früheren identifiziert werden. Deshatb setzte ich im Diagramm das Auf. tauchen des Gedachtnisses gerade unter die Stufe, auf welcher das WahrnehmuBgsvermögen entsteht. Sowohl Empfindung, als Wahrnehmung zeigen sich also in jener Darstellung von einer bedeutenden senkrechten Ausdehnung von der Basis bis zur Spitze, d. h. von ihrem ersten Ursprung bis 2U ihrer vollkommnen Entwicklung. Die Richtigkeit dieser Darstellung wird zugegeben wer-den mussen, wenn wir bedenken, ein wie grosser Unterschied zwischen den empfindenden Fahigkeiten einer Meduse und eines Adlers, oder zwischen den wahrnehmenden Fahigkeiten einer Schnecke und eines Menschen besteht, ja man kônnte sogar einwerfen, ich hatte diese Unterschiede in meinem Diagramm nicht genOgend

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I                                   - *33 -

«    hervorgehoben und die vertikale Ausdehnung dieser Zweige noch

i    zu niedrig gehalten. Jedoch durfen wir auch nicht vergessen, dass

S    der Fortschritt in der Empfindung von den frühesten bis zu den

;    spatesten Stufen in morphologischer Hinsicht aus einer immer

S    grSsseren Spezialisation derNervenendorgane besteht, und ich glaube,

l    dass der Grad dieses Fortschritts hinreichend in der von mir

;    dargestellten HOhe zum Ausdruck kommt, namenttich wenn man

*    bedenkt, um wie viel schwieriger und kompilierter die Entwick--    turg der Nervengewebe sein muss, welche bei der Ausbildung der ;    nächsten und aller folgenden Fahigketten beteiligt sind. In betreff

*     der Wahrnehmung aber müssen wir berücksichtigen, dass diese Fihig-;!    keit auf ihren entwickelteren Stufen allmah!ich in die haheren i    Zweige, wie die der Einbildungskraft u. s. w., Ubergeht, so dass der ]    mit ,Wahrnehmung« bezeichnete Zweig nicht alles das umschliessen %    sotl, was dieser Ausdruck môgticherweise enthalten kSnnte, wenn \    wir die hoheren Fahigkeiten, welche ich angefUhrt habe, nicht für ;    sich benennen wollten.

)           Bezüglich der Entwicklung der Wahrnehmung mCchte ich nun

\    eine allgemeine Bemerkung machen, welche in erster Linie auf die

\    eben besprochene Stufe geistiger Entwicklung Anwendung finden kann, ausserdem aber auch ftir alle andern Fahigkeiten zutrifft, die

j    wirim folgenden noch zu betrachten haben: es betrifft dies dieTha--

|    sache, dass uns alle morphologischen Daten - wie sie uns hin-

\    sichtlich der Empfindung und der vorgeistigen Anpassungen zur

j    Seite standen - zur Abschatzung des Ausbildungsgrades jenes

\    geistigen Vermôgens fehlen. Dass die morphologische Entwicklung

j    hier, wie fruher bei der Empfindung, stets mit der psychischen

!    Hand in Hand gegangen ist, wird Im allgemeinen durch die fort-

!    schreitende Kompiizierthett der Centralnervenorgane hinreichend

j    bewiesen, aber gerade wegen dieser sogrossen Kompliziertheit und.

;    der damit zusammenhângenden Verfeinerung in der morphologischen

!    Entwicklung befinden wir uns, der letztern gegenüber, in der grOssten Unsicherheit; ja, wir sind sogar unfâhig, den Mechanismus, den wovor Augen haben, auch nur dunkel zu verstehen. Um deshalb die aufsteigenden Grade der Vollkommenheit dieser Mechanismen zu beurteilen, mussen wir die Resultate ihrer Wirksamkeit in Betracht

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ziehen, wir müssen die geistigen Âquivatente als Anhaltspunkte bei der Beurteilung der morphologischen Thatsachen benutzen.

Wir haben bisher gesehen, dass dieWahrnehmung!*, wesentlichen i darin besteht, Empfindungen in AusdrUcken einer vergangenen, ange. stammten oder individuellen, Erfahrung geistig zu interpretieren. Wir j■ wollen nun ihre aufeinander folgendcn Entwicktungsstufen betrachten. '"'

Die erste Stufe der Wahrnehmung beschrtnkt sich darauf, einen ~usseren Gegenstand a)s einen solchen wahrzunehmen, sei es mit Hilfe des Tast-, Geschmack-, Geruch-, GehOr. oder Gesichtsinnes. Beschr~nken wir uns der KOrze wegen, auf den'Gesichtssinn, so erhebt sich die Wahrnehmung in diesem Stadium einfach auf eine Erkenntnis des Gegenstandes im Raume, der hier in einer gewissen Beziehung xu andern Gegenstanden der Wahrnehmung und besonders zu dem wahrnehmenden Organismus steht.

Die nachste Stufe der Wahrnehmung ist erreicht, wenn die einfachsten Eigenschaften eines Gegenstandes als Uhnllch oder unahn)ich den Eigenschaften eines solchen aus vergangener Erfahrung erkannt werden. Die atlgemeinsten dieser Eigenschaften beziehen sich aufForm, Farbe, Licht, Schatten, Ruhe und Bewegung; weniger allgemeine Eigenschaften sind Temperatur, Hdrte, Weichheit, Glâtte und ahntiche zum Tastsinn gehSrende Qualitaten, sewie auch die Eigenschaften, welche den Geruch-, Geschmack- und Gehërsinn betreffen. Diesen allgemeinen Eigenschaften gegenüber ist der Anteil, den der Geist an dem Vorgang nimmt, insofern er sie als zu den Aussendingen gehQrig erkennt, unmittelbar oder automatisch, und "entspricht«, wie Sully bemerkt, "den bestandigsten und best orgamsierten Erfahrungsverknupfungen''.

Die dritte Stufe in der Ausbildung der Wahrnehmung besteht m der gedanklichen Gruppierung der Gegenstände mit Bezug auf ihre Eigenschaften, wie wir z. B. Kälte, Geschmack etc. einer be. sondern Frucht mit ihrem Umfang, ihrer Form und Farbe in Verbindung bringen. Je haufiger wir eine gewisse Klasse von Eigenschaften mit einer andern aus der Vergangenheit in Beziehung bringen, desto sicherer und automatischer wird die wahrnehmende Verbindung hergestellt; wo aber die Eigenschaften nicht so haufig und konstant mit vergangenen Erfahrungen in Beziehung gestanden

s*

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haben, vermSgen wir durch Nachdenken die wahrnehmende Asso-ziation "als eine intellektuelle Verarbeitung des durch die Vergangenheit gelieferten Materiats zu erkennen«.

Einer weiteren Entwicktungsstufe des Wahrnehmungsvermögens begegnen wir in den Fällen, wo die Eigenschaften der Dinge zu /.ahlreich und komptiziert wurden, umsämtlich zu gleicher Zeit wahrgenommen zu werden. Bei solchen Fällen erganzt dieses VermCgen, während es einen Teil der Eigenschaften mittetstEmpûindung wahrnimmt, die so ■j gewonnene unmittelbare Auskunft durch die aus früherer Erkenntnis 'i abgeleitete, und die nicht unmittelbar durch die Empfindung erkannten | Eigenschaften werden erschlossen. Bei meiner Wahrnehmung des ge-J schlossenen Bûches xweifle ich z. B. nicht, dass sein Umschlag eine l Anzahl gedruckter Seiten umschliesst, obwohl keine dieser Seiten | wirklich Objekte meiner gegenwartigen Empfindung sind; oder wenn :j ich ein wildes Knurren hOre, so schliesse ich unmittelbar auf das | Vorhandensein eines Gegenstandes, der eine so komplizierte Gruppe * ungesehener Eigenschaften besitzt, wie sie sich in einem gefahrlichen Hunde zusammen vorfinden. In einem spateren Kapitel werde ich | noch naher auf diesen Punkt eingehen, den ich das Stadium der I Wahrnehmung durch Schlussfolgerung nennen mochte; fur jetzt will ' ich es indessen bei dem oben Gesagten bewenden lassen.

Natürlich gehen diese verschiedenen Grade der Wahrnehmung ineinander uber, so dass sic nicht etwa als wirklich getrennte Stufen erkennbar sind, sondern vielmehr eine einzige allgemeine und zu. sammenhängende Entwicklungsreihe darstellen, bei der ich, wie x. B. beim Gedachtnis, nach Willkür jene verschiedenen Grade angemerkt habe. Erklärlicherweise ist der Ausdruck "Wahrnehmung" in Wirklichkeit ein weitumfassender, ja, man kônnte sagen, dass er das ganze Cebiet der Psychologie, von der untersten Grenze einer fast ungefühlten Empfindung bis zur Erkenntnis einer verborgnen wissenschaftlichen bezw. philosophischen Wahrheit, in sich schliesse. Es ist deshalb auch diese Bezeichnung von einigen Psychologen verworfen wordcn, da sie zu ausgedehnt und zu allgemein in ihrer Bedeutung sei, um dabei noch irgend eine besondere Fahigkeit unterscheiden zu lassen; nichtsdestoweniger kônnen wir ohne jenen Ausdruck durchaus nicht auskommen und wenn wir in seiner Anwen-

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dung recht sorgfältig verfahren _ sei es bezüglich der niederen oder der hoheren Geistesfahigkeiten, - so kann er keinen Schaden stiften. Ich habe oben behauptet, dass die Wahrnehmung auf ihren hochstenEntwicktungsstufen Schlussfolgerungen insiehschlies.se, wah. rend ich schon früher erwahnte, dass die niedrigste Stufe wenigstens

Gedachtnis erfordre. Ich muss noch besonders

hervorheben, dass

Z^re?e nrvhrem r*eigen auch ein **s*■"*

des Gedächtnis m.t sich bnngt. So bedingt z. B. bei cinem neu.

Unterschied von sauren und andern Geschmacken, jene unterste Gedachtnisstufe, die darin besteht, dass man eine Empfindung in der Gegenwart als ahntich mit einer in der Vergangenheit erkenn, Femer schhesst die Erkennung eines Wechsels in der Milch auch die Erkennung einer gegenwarti~nn Empfindung als unahntich mit einer vergangenen in sich. Wenn dann das Gedachtnis soweit fort-schreitet, um neben einander Hegende Ideen zu assoziieren, so erreicht auch die Wahrnehmung das Stadium, in welchem Objekte mit ihren Eigenschaften und Beziehungen hinsichtlich des Nebenoder Nacheinander wieder erkannt werden, was wieder zu der Fähigkeit führt, Objekte, Qualitaten und Relationen durch ihre Âhn. üchkeit zu erkennen, ein Vermôgen, von dem, wie wir gesehen

ST difMT fUfe, ****** abh^ V-'dli« Punkt aufwärts beruht aber die Wahrnehmung überhaupt lediglich

noch auf Ideenverbindungen, wie verfeinert und ausgebildet dieselben auch werden mogen. Die wichtige Thatsache, dass die Wahrnehmung immer und überall mit Gedachtnis verbunden ist, muss man sich recht klar machen; denn wenn Gedachtnis so zur Gewohnheit wird dass es automatisch und unbewusst auftritt, so konnen wir leicht die Verbindung zwischen ihm und der Wahr-nehmung aus dem Gesichte verlieren. Wie Spencer bemerkt, sagen wir darum , B. nicht, dass wir uns erinnern, dass die Sonn«! scheme, sondern wir sprechen von einer Wahrnehmung des Sonnen.

a6:! nrter,Thaterrern wir uns,dass die Sonne scheint,

be allen habituellen Erscheinungen der Erfahrung werden aber die Erinnerungen derart mit unsren Wahrnehmungen verschmolzen, dass sie sozusagen einen mtepretierenden Teil der letzteren bilden.

r*

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Setzen wir z. B. den Fall, wir sahen einen Mann, dessen Gesicht wir kennen, wahrend wir uns doch nicht erinnern kônnen, wer der Mann ist. Hier ist die Wahrnehmung, dass das gesehene Objekt ein Mann und nichts andres aus den zahllosen Naturdingen ist, so innig mit einer gut organisierten Ideenassoziation verbunden, dass wir nicht an die Wahrnehmung, als in Wirklichkeit vom Gedachtnis abhangig, denken. Nur wenn wir uns zu der unvollkommen organi-sierten Ideenverbindung zwischen dem besondern Gesicht und dem besondern Individuum wenden, erkennen wir, dass die Unvollstan-digkeit dieses Teils der Wahrnehmung von der Unvollstandigkeit des Gedgchtnisses abhangt.

So setbstverstândiich diese Betrachtungen nun auch erscheinen mogen, so bilden sie doch die erste Stufe zu einer Meinungsver. schiedenheit in einer wichtigen Prinzipienfrage, welche noch auffälliger werden wird, wenn ich die hoheren geistigen Fahigkeiten abxuhandeln haben werde, und welche sich leider auf die Schriften von Spencrr bezieht. In seinem Kapitel Uber Gedachtnis aussert Spencrr die Ansicht, dass „so lange psychische Veranderungen durchaus automatisch sind, das Gedachtnis, wie wir es verstehen, noch nicht existieren kam,, da jene irregularen psychischen Yeranderungen noch nicht moglich sind, die man in der Ideenverbindung erkennt". Ich habe bereits meinen Grund dafur angegeben, warum ich den Ausdruck „Gedachtnis" nicht auf die Ideenverbindungen beschranke; wenn wir aber auch über diesen Punkt hinweggehen, so kann ich ebcnsowenig zugeben, dass wenn psychische (zum Unterschiede von physiologischen) Veranderungen durchaus automatisch sind, sie deshalb nicht aïs mnemonisch zu betrachten sein sollten. Wenn ich die Sonne so oft scheinen gesehen habe, dass mein Gedachtnis für dieses Scheinen automatisch geworden ist, so ist das noch kein Grund dafUr, dass meine Erinnerung an diese Thatsache, nur wegen ihrer Vervollkommnung, nicht Gedachtnis genannt werden sollte. Der gleiche Fall gilt aber für alle wohl organisierten Erinnerungen, die einen integrierenden Teil der Wahrnehmungen ausmachen. Insofern sie wirkliche „psycho-logische Veranderungen" mit sich bringen und deshalb die Gegenwart einer bewussten Erkenntnis, zum Unterschied von ReBex-

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tMtigkett, in sich schliessen, insofern meine ich, dürfte keine Grenz.

C IZf"             "1 irgend wekhem weniger TOllk0-^en

Gedächtnis gezogen werden. Ich werde hierauf noch naher zukommen, wenn ich zur Betrachtung von Spencers Ansichten «ber Instinkt und Vernunft ge!ange.

Em anderer Punkt, den wir dagegen hier noch zu berücksich-

gen habcn, ist der Ante«, den die Vererbung an der Ausgestai-

tung der w~hrnehmenden Fähigkeit des Individuums vor seiner

e.gener.Erfahrung genommen hat. Wirhaben bereits gesehen, dass

d c,lrfr!„eine :zcRolle bei der Ausbiidung von Ge-

dächtm für angestammte Erfahrungen spielt, woher es kommt, dass viele Tiere bereits mit .stark entwickettem Wahrnehmungsvermôgen auf die Welt kommen. Dies zeigt sich nicht nur bei GaLs Bôc" lein und Pre vers Hühnchen, sondern bei der ganzen Schar von Instinkten die bei neugebomen oder neu ausgebruteten Tieren zu

T r, K?f iCSes Thema " flem Kapitel ÜberInstinkt noch ausführlich behandetn, alsdann werden wir finden. dass der

Reicium an fertig gebildeten Informationen und infolge dessen zur

Anwendungbereuen. WahrnehmungsvcrmOgen bei neugebomen oder

neuausRebröteten Tieren so umfassend und genau ist, dass er kaum

noch der Unterstützung durch die nachfolgende individuelle Erfahrung

bpdarf. Bei den verschiedenen Tierklassen variieren diese vererbten

Eigenschaften indessen stark und zwar der Art, wie dem Grade nach.

bei Saugetieren m den fruhesten Kntwicklungsstadien auf Geruch und auf Geschmack; denn wahrend viele Säugetiere bhCd, lige

wahrscheinlich taub, sicher aber alle hinsichtlich ihres Bewegungs-vermogens sehr mange)haft geboren werden, zeigen sie doch stets mehr oder weniger Geschmacksvermogen und sehr haufig einen gut ausgebildeten Geruchsinn. Dies gilt sowohl fur Galens Böcklein als auch in einem noch hoheren Grade ftir den Hu desl„ vö ! fahren in umfassender Weise von eioer Vervollkomm ung des G -ruches abhangen, sodass z. B. ein spezieller GeruchseinU, wl der Duft einer Katze, neugeborne Hunde schon zum Schnaufen und

anTem Til^' ^ T T"" ^^^—^, als alle andern Tiere kommen aber die Vogel auf die Welt. Denn sie befinden

!

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sich fast gleich nach der AusbrUtung im Vollbesitz aller Sinne und sind, wie wir noch spater sehen werden, alsdann sofort im stande sich ihrer so vollständig wie in spaterer Zeit zu bedienen. Auch Reptile wer-den mitnahm vollkommen entwickeltem Wahrnehmungsvermëgen au.-gebrUtet, und dasselbe gilt zum grüssten Teile auch fur die Wirbellosen.

Ich habe nun noch einige Bemerkungen über die Physiologie der Wahrnehmung oder, richtiger gesagt, aber die die Wahrnehmung beg!eitenden physiologischen Vorgange nachzuholen.

In früheren Kapiteln habe ich bereits konstatiert, dass der einzige bekannte physiologische Unterschied zwischen einer be-wussten und einer unbewussten Nerventätigkeit in einer Zeitdiffe. renz besteht. Ich werde nun die experimentellen Thatsachen anfuhren, welche diese Behauptung zu begrUnden geeignct sind.

Prof. Exner hat die Zeit, welche ein Nervencentrum beim Menschen zur Ausübung seines Anteils am Zustandekommen einer Reflexthatigkeit nôtig hat, bestimmt.*) Das hebst, wenn die Fort-ptlanzungszeit eines Reizes längs eines Nerven bekannt ist und ebenso die Lange der bei einem besondern Reflexakte in Betracht kommenden ab- und zuleitenden Ncrven, nebst der „latenten Periode" im Muske), so wird die vom Nervencentrum fUr seinen Thatigkeits-anteit bcnotigtc Zeit bestimmt, indem man die Durchgangszeit des Reizes lângs der ab- und zuleitenden Nerven plus der Latenxzeit des Muskels von der Gesamtzeit zwischen Einfall des Reizes bis zum Kmtritte der Muskelkontraktion abzieht. Bei der reflektorischen Schliessung des Augenlides schwankt dièse Zeit zwischen 0,0~7 t und 0,0555 Sekunden, je] nach der Starke des Reizes. In flu» licher Weise berechnet Exner die zu einer centralen Nerventhätig-keit notige Zeit bei einer einfachen Empfindung, iudem er die Empfindung und den zur Kundgcbung der Wahrnehmung derselben nötigen Willensakt ins Auge fasst. Wird jemandem ein elektrischer Schlag auf die eine Hand appliziert und dies so rasch als môglich mittelst der andern signalisiert, so kann man die Zeit, die das Nervencentrum zu seiner Beteiligung an diesem Vorgang braucht, nach der vorerwahnten Art messe.., und zwar wurden in einem bestimmten

') Archiv f. die ges. Physiol. .874 » '877.

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Fall 0,0828 Sekunden gefunden, also nahezu doppelt soviel, als ein Nervencenmim zum Vollzuge einer Reflexthatigkeit erfordert. Wahrnehmungsakte, bei denen verschiedene Sinne beteiligt sind, beanspruchen auch eine verschiedene Zeitdauer. Nach Donders beträgt die gesamte Reaktionszeit (vom Einfall des Reizes bis zur Beantwortung desselben) im grossen und ganzen, für den Tastsinn VT. to den Hôrsinn V«, für den Gesichtsinn «/, Sekunde. Die BeobachtungenWittichs, v Vintschgaus und Höning-Schnieds lehren, dass die Reaktionszeit des Geschmacksinncs zwischen o>I598 und o 2as x Sekunde je nach der Art des Geschmaekes, schwankt. Am kürzesten ist sie fUr SaJz, langer für Zucker und am längsten für Chinin. Ein auf die Zunge wirkender konstanter elektrischer Strom ergibt eine Reakiionszeit von 0,167 Sekunde «, den Ge-schmacksemdruck. Hiehergehörige Versuche mit Bezug auf den Geruch smd mir unbekannt. Exnrr hat an sich selbst die Reaktionszeit für Gefùhl, Gehôr und Gesicht genauer festgestellt und nach. folgende Zahlen gefunden. In allen Fällen gab die rechte Hand das Zeichen durch einen Druck auf einen elektrischen SchlUssel:

Ekktri^siaga,; die Stin, .' ." .' .* .* JlS * Etektrischer Schlag auf die rechte Hand . . 0,390 * Gesichtsei.dn.ck vom elektrischee Funken . o , 0 1 Elektrischer Schlag auf die linke Fusszehe . 0^49 'w Es ist bemerkenswert, dass, obwohl die durch einen elektrischen Funken verursachte Lichtempfindung weit stSrker ist, als die durch cine elektrische Reizung des Sehnerven hervorgebrachte, der Zeitraum zwischen der Reizung und der Wahrnehmung im ersteren Falle trotzdem weit langer ist. Da wir, bei der Kürze des Sehnerven, die Ursachen dieser Differenz nicht auf einen durch die Forderung langs der Nerven verursachten Xeitverlust schieben kSnnen, so müssen wir sie in der Zeit suchen, die die Nervenendigungen in der Netzhaut gebrauchen, um alle jene Veranderungen^-machen, worin ihre Beantwortung des Lichtreizes besteht. So wird z. B. beim Horen, wie oben angegeben, weniger Zeit für den ganzen Wahrnehmungsakt verbrauch,, als beim Sehen durch die in der

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Netzhaut vorsichgehenden peripherischen Veranderungen beansprucht wird. Je komplizierter das Objekt einer Gesichtswahmehmung ist, desto grôsser muss, nach Heimholt* undBaxt, die,Dauer seines Bildes auf der Netzhaut sein, um jene Wahrnehmung hervorzubringen; dagegen steht diese Wahrnehmungszeit innerhalb gewisser Grenzen in keiner Beziehung ïur Ineensität des Bitdes«)- Dcr letztgenannte Verfasser fand, dass die Wahrnehmung einer Reihe von 6 oder 7 Buchstaben eine Dauer von % Sekunde beanspruch.. Andere Ver-suche haben das Verhältnis der Komplizierthett eines Wahrnehmungsaktes zu der zu seinem Vollzug erforderlichen Zeit dargethan. Wird, nach Donde,s, ein Versuch in dem Sinne angestellt, dass nicht eine, sondern mehrere Wahrnehmungen signalisiert werden sollen, so verlangert dies die Reaktionszeit und zwar infolge der zur Ausführung der komplizierteren psychischen Prozesse benCtigten Zeitdauer, da hier zu unterscheiden ist, welcher von den erwarteten Reizen wahrgenommen wurde, um bestimmen zu kônnen, ob die Antwort zu geben oder noch zurückzuhalten sei. Diese dem Geiste gebotene Aufgabe nannte Donders ein „Ditemma" und veröffentlichte darOber folgende Resultate'):

Dilemma zwischee zwei Stellen der Haut: techter oder

linker Fuss durch einen elektrischen Schlag geteut;

Signal nur in einem dieser F811e zu geben . . . 0,066 Sek. Dilemma von Getichtswahrr-ehmungen tischen zwei plots-

lich gleißten Farben; Signal nur beim Erscheinen

der einen Farbe, nicht bei dem der andern . . . o,t84 , Dilemma zwischee zwei Buchstaben; Sigrud nur bcim

Erscheinen des cinen...........o,166 ,

Dilemma tischen funfBuchstabe«, Signal wie vorstehend o,t70 Sek. Dilemma von Gehcrswahmehraungen; zwei Vokale werden

plötzlich genannt; Signal nur beim Anhëren des einen 0,056 „ Dilemma tischea fünf Vokalea; Signal wie vorstehend 0,088 „

Diese Tabelle gibt nicht den ganzen Zeitvertauf ~wischen dem Auftreten des Reizes und dessen Beantwortung an, sondern vielmehr den Zeitunterschied, den die Beantwortung eines bestimmten Reizes und diejenige eines von zwei oder mehreren môgtichen Reizen in Anpsruch nimmt. Hiernach ist die durch das Dilemma

*) Archlv f.Anat. und Physiol. t868, S. 657-81.

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bedingte Zeit um «/„-«/. Sekunde länger, als die, welche zur Signalisierung einer einfachen Wahrnehmung erfordert ist.

Diese „Dtlemma.Zeit" wurde auch, soweit andere Sinne dabei beted* waren, von Kries und Auerbach berechnet und dabei folgendes festgestellt:

Wenn eine grQssere Anzahl von Alternati'ven durch vorherige

Seldf festgestdlt Wlrd, S° erfordert die BeanhVOrtung noch Die für die Wahrnehmung notige Zeit ist bei allen Sinnen je nach den Personen verschieden und wird unter dem Namen „pers8nl:che Gleichung" von den Astronomen sorgfältig in Rechnung gezogen. Sie wachst mit dem Alter, bei besondem Krank-heiten und nach besondem Arzneien, dagegen ist sie nicht notwendig geringer bei jungen, kraftvollen Leuten, als bei solchen von weniger kräftigem oder lebhaftem Tempérament. Nach Exner bringen Personen, die gewohnt sind, ihren Gedanken sehr freien Lauf zu lassen, ihre Wahrnehmungen verhältnismassig langsam fertig oder zeigen wenigstens eine längere Reaktionszeit zwischen der Aufnahme und der Beantwortung eines Reizes. Um diesen Unterschied m der Reaktionszeit klar zu machen, gibt er folgende, von sieben Individuen gewonnene Tabelle'):

41.95 LWund von sehr prfciser Bewe^ 35          o,,38, AnHaadarbeitgcwOhntt

*) Archiv f. d. g«. Psych. 1877S.6tS.

■j*

-,n

4

AHer Reak«o„«eU                   Beugen                                       ft

~6          ollW Starker, flinker Arbeiten,

23          o,33U Rasch m Bewegungen, aber von etwas langsamem

w

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4

'-ft

I

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Bezaglich der arzneitichen Wirkung gcnügt die Bemerkung, dass zwei Flaschen Rheinwein bei Exner die Reaktionszeit von o,1904 auf 0,2260 steigerten; ich selbst beobachtete auf der Jagd, dass eine Quantitat Alkohol, die lange nicht hinreicht, irgend welche zum Bewusstsein kommende psychische Wirkung hervorzubringen, dennoch leicht zu SchUssen hinter das Wild Veranlassung geben kann. Mit Bezug auf die persönliche Gleichung kann ich noch einige Beobachtungen beibringen, die einen geradezu überraschen-den Unterschied zwischen verschiedenen Individuen, hinsichtlich der zum Lesen gebrauchten Zeit, dokumentieren. Offenbar schliert das Lesen ausserordentlich verwickelte Wahmehmungsprozesse sensorischer und intellektueller Art in sich; wenn wir aber, für diese Beobachtungen Personen wahten, die an vieles Lesen gewohnt sind, so konnen wir sie, was ihre Praxis darin anbelangt, fast gteichstellen, so dass die Unterschiede in ihrer Lesezeit unbedenklich aufDifferenxen in derjenigen Zeit zu beziehen sind, die sie zu komplizierten Wahrnehmungen in rascher Aufeinanderfolge crfordern. Meine Versuche bestanden darin, dass ich einen kurzen Abschnitt aus einem Buche auswahite, welches die betr. Personen niemals gelesen haben konnten. Dieser nur gewOhnliche Thatsachen enthaltende Abschnitt war am Rande mit Bleistift angestrichen. Das Huch wurde dann offen vor den Leser hingelegt, die Seite jedoch mit einem Blatt Papier überdeckt. Nachdem ich nun auf diesem Blatte Pa-pier den darunter befindlichen Abschnitt der betrenfenden Buchseite kenntlich gemacht, zog ich plötztich das Blatt mit einer Hand zurück, wahrend ich mit der andern den Xeitmesser in Bewegung setzte. Da ich 20 Sekunden zum Durchlesen des Abschnitts (to Zeilen Oktavformat) zugegeben, legte ich das Papierblatt nach Ablauf dieser Frist ebenso plôtziich wieder auf die Druckseite, über. gab das Buch dem nächsten Leser und wiederholte das Experiment wie zuvor. Inzwischen schrieb der erste Leser alles, dessen er sich aus seiner LektUre erinnern konnte, nieder, und so fort der

Das Resultat dieser Versuche war, dass ein erstaunlicher Unter-schied in der Maximatleistung der verschiedenen Leser bestand, die alle an vieles Lesen gewohnt waren. Der Unterschied schwankte

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mischen i und 4; d. h. in der gegebenen Zeit vermochte ein Individuum viermat mehr zu lesen, als ein andres. Alh gingen Langsamkeit im Lesen und Kraft der Assimilation keineswegs zusammen; im Gegenteil, wenn die ganze Anstrengung daraufgerichtet war, m der gegebenen Zeit so viel als mogtich vom Inhalt der LektUre sich anzueignen, wussten die schnellercn Leser durch. schnittlich einen besseren Bericht von dem Inhalt der LektUre zu geben als die langsameren. Auch bestand keine Beziehung zwischen der auf diese Werne geprüften Schnelligkeit des Verstandnisses und der sonst bewiesenen geistigen Regsamkeit; denn ich versuchte dasselbe Experiment bei einigen höchst ausgezeichneten Mannern der Wissenschaft und Litteratur und fand, dass die Mehrzahl von ihnen langsame Leser waren. Schliesslich muss ich noch bemerken, dass jeder, der das Experiment versuchen will, die Erfahrung machen wird, dass es selbst bei Nusserst« Anstrengung des Gedachtnisses unmoglich ist, sich unmittelbar nach Durchiesung eines Abschnittes samtticher Gedanken desselben sofort zu entsinnen. Wenn der Ab. schnitt aber ein zweites Mal gelesen wird, so wird man die ver. gessenen Gedanken sofort als solche erkennen, die dem Geiste schon beim erstmaligen Lesen gegenwartig waren. Dies beweist, dass die Erinnerung an eine vollstandige Wahrnehmung sofort durch rasch aufeinander folgende Wahrnehmungen soweit verdrângt werden kann, dass sie latent wird, obschon sie durch die Wiederholung derselben Wahrnehmung sofort wieder zurückgerufen werden kann. So variiert demnach die persönliche Gleichung bei verschiedenen Individuen um so mehr, je grësser die Anzahl und je verwickelter die Wahrnehmungen innerhalb einer gegebenen Zeit sind. Allerdings kann die persônliche Gleichung bei demselben Indivi. duum durch Übung bestimmter Wahrnehmungen stark reduziert werden. Es ist dies besonders den Astronomen hinsichtlich gewisser einfacher Wahrnehmungsakee wohlbekannt; auch zeigt es sich bei allen den obenerwahnten Untersuchungen Uber Zeitmessungen, dass Obung stets die Herabsetzung der Reaktionszeit zur Folge hat. Der hierdurch herbeigeführte Reduktionsgrad selbst wurde nun wieder von Exnrr zum Gegenstand einer neuen Untersuchung gemacht. Derselbe bediente sich des in einer der obigen TabeUen

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4                                  — t46 —

.1

J erwahnten alten Mannes, der gewOhntich eine Reaktionszeit von \ 0,9952 Sekunden hatte. Nach etwas mehr ats 6 Monate langer ^ Obung in rascher Signalisierung eines elektrischen Schlages setzte i sich die Reaktionszeit auf 0>I866 Sekunden herab.

3         Diese allgemein gültige Thatsache, dass Wiederholung in um-^ fassender Weise dazu beitragt, die zur Herstellung der einfachsten

jj physischen Vorgange erforderiiche physiologische Zeit herabzusetzen, ^ ist von grosser Bedeutung. Dass sie aber auch fUr die mannigfal-Vj tigsten und verwickeltesten Wahrnehmungen gilt, beweist die all-;| tagtiche Erfahrung, wie ?.. B. bei Bankbeamten, mit ROcksicht auf

4  ihreFertigkeit imZusammenzähten grosser~ahlenreihen, beiMusikern,

| hezügl. ihres raschen Überlesens verwicketter Partituren u. s. w.

U Einer der ausgezeichnetsten Fälle dieser Art ist der bekannte Er-

| folg, den der bekannte TaschenspieJer Houdnn bei seinem Sohne

3 erzielte'). nie Dressur bestand darin, dass er den Knaben sehr

;! schnell vor einem Schaufenster vorbeigehen und soviel Cegenstande

$ als nur immer möglich darin wahrnehmen liess. Nach mehreren

f$ Monaten war der Knabe imstande, so viele Gegenstande auf einen

M Blick zu erfassen, dass sein Vater von ihm verkundigte, „er sei mit

'Q einem wunderbaren zweiten Gesicht begabt und kônne bei verbun-

& denen Augen jeden ihm von den Anwesenden vorgezeigten Gegen.

1$ stand bezeichnen«. Der Knabe vermochte in der Tha,, ehe seine

$ Augen verbunden wurden, alle Gegenstande in dem betr. Raume,

'$ die ihm mSgticherweise vorgezeigt werden konnten, wahrzunehmen.

'j Interessant ist die Bemerkung Houdins, welcher der Ausbildung

;.| <es Wahrnehmungsvermagens eine so besondre Aufmerksamkeit

;j schenkte, dass Frauen in der Regel eine grôssere Raschhett in

^ dieser Beziehung entwickelten, als Manner, ja, dass er Damen kennen 4 gelernt habe, die „wahrend sie eine andere ihres Geschlechts in ■i einem schnell fahrenden Wagen vorbeipassieren sahen, genügende ] Zeit fanden, deren Toilette vom Hut bis zu den Schuhen zu ana-j lysieren, und nicht nur Façon und Qualitat der Stoffe zu beschrei-."3 ben, sondern auch zu sagen wussten, ob die Spitzen echt oder un-^ echt waren". Ich führe diese Behauptung Houdins deshalb an,

jj         ', Memories of Ro&ert Houäin ILu.

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146

J

weil auch bei meinen Leseversuchen die Damen fast stets den Sieg[ j

Dr. G. Buccola wies in einer kürz!ich veröffenttichten Ab. J handlung nach, dass die Reaktionszeit bei gebildeten Personen in ?! der Regel kürzer ist, als bei ungebildeten, am grossten aber bei ?(i Idioten.')                                                                                  4

Ich habe mich bei diesen Wahrnehmungen langer aufge-^ halten, «-eil sie Mir die Lehre vom Entstehen des Bewusstsein^ und die physiologische Seite der geistigen Entwicklung im allge-; | memen von der hüchsten Bedeutung sind. Sie beweisen, dass : j die einfachsten psychischen Akte langsam sind im Vergleich „,ic den Reflexthatigkeiten; dass sie zwar durch Übung bcschleu. j nigt, aber doch niemals so schnell werden, wie letztere. » ?.<: weiteres Beispiel für die Erfolge der Obung bietet die Be.> } schleunigung des Wahrnehmungsaktes auf den hdheren Stufen die.;|,

Z Pr!r(-KDT/e "J*™! TOrhergehendw ^"^ung* ^ akte besteht überall darin, den Geist sozusagen in Bereitschaft zu .M

sctzen, um Thatigkeiten derselben Art auszufHhren. Die Geistestage?' in Bezug auf diese besondern Akte der Wahrnehmung Dennt Lewer^ passend „Vorwahrnehmung«»). Wenn diese Stufe derVonvahrneh mung wohlbegründet ist,' entsteht das Gedachtnis oder, je nachdem das Gedachtnis nebst Schlussfolgerung, in oder zugleich mit dem Akt der Wahrnehmung, und zwar als ein wesentlicher Teil derselben. Dem Mangel an spezieller Erfahrung ist es zuzuschreiben, dass kleine Kinder so langsam in Wahrnehmungen sind, die über den niedrig. sten Crad der Kompliziertheit hinausgehen; wie Spencrr bemerkt, bedürfen sie einer langen Zeit, um ein fremdes Gesicht oder sonst einen ungewëhntichen Gegenstand zu „integrieren", und das bedeutet nichts anderes, als da* bei ihnen die Geisteslage mit Bezug auf die Vorwahrnehmung dieser oder jener Klasse von Dingen noch nicht vollstandig erreicht ist; die Prozesse des GedSchtnisses der Klassifikation und Schlussfolgerung erfolgen nicht sofort im Akte der Wahrnehmung, und deshalb wird die vollstandige geistige Inter.

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'Hi ■

VIiMttidiMhs.Scienlif.zp.2.                                         %

*»; Probte,,* of IAfe and MM. UL 107.

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J

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■|   pretierung des wahrgenommenen Gegenstandes nur nach und nach

§   erreicht. In derselben Weise kann bei Erwachsenen das Wahrneh-

4   mungsvermOgen durch Übung in gewissen Richtungen bis zu einem

%    bedeutenden Grade gesteigert werden, wie wir dies schon bei

:j    Houdins Sohn gesehen und wie dies auch aus der Thatsache

2    hervorgeht, dass ein Künstler Details sieht, wo fur audre Augen -!    nur eine unbestimmte oder venvorrene Masse existiert. Eine anhal-«*    tende Aufmerksamkeit hat den machtigsten Einfluss auf die Ent-';(   wicklung der Raschheit und Genauigkeit des Wahmehmungsver-;■!    mëgens, worin gerade sein hOchster Vorzug besteht.

i            Wir haben nun noch die wichtige Frage vor uns, ob Wahr-

4    nehmung aus Reflexthatigkeit entspringt, oder Reflexthatigkeit aus

■ l    Wahrnehmung, oder ob überhaupt irgend ein genetischer Zutun-

.)    menhang zwischen beiden besteht? Es ist dies eine sehr schwierige

^    Frage, die wir, meiner Meinung nach, mit ciniger wissenschaftlichen

1    Zuversichtlichkeit noch nicht zu beantworten vermögen. NachSpen-

]    c er entsteht das Wahrnehmungsvermögen aus Reflcxthätigkeiten, wenn

J     diese eine gewisse Stufe der Vetwicklung in ihrem organischen Bau

'.J     erreicht haben oder wenn ihr Vorkommen bis zu einem gewissen

j     Grade selten geworden ist. „Soba)d," sagt Spencer, "infolge der

3     fortschreitenden Komplizicrtheit und der abnehmenden Haufigkeit 3     der zu beantwortenden ausseren Beziehungen, Gruppen von inneren J     Beziehungen auftreten, die unvollkommen organisiert sind und immer i     mehr hinter der automatischen Regetmassigkeit zurückbleiben, taucht 3     dasjenige vor uns auf, was wir Gedachtnis nennen.)*) Jedoch scheint :j     mir die Thatsache noch sehr fraglich, ob diese KompJiziertheit, zu-J     sammen mit der Seltenheit des Vorganges, die einzigen Faktoren \     sind, welche zur Differenzierung psychischer Nervenprozesse aus 1     Reflexprozessen heraus führen; denn offenbar gibt es bei uns selbst I     wirkliche Reflcxthatigkeiten von grosser Kompliziertheit und unge-, \      mein seltenem Vorkommen, wie z. B. das Erbrechen oder Gebaren. J      Das einzige, was wir mit einiger Sicherheit sagen konnen, ist, dass |      der einzige bestindige physiologische Unterschied zwischen einem \      bewussten und einem unbewussten Nervenprozesse in der Zeit be-

*) Spencer, Prinzipien der Psychologie I. 466.

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steht. In sehr vieien Fallen ist dieser Unterschied ohne Zweifel durch die Kompliziertheit oder die Neuheit des vom Bewusstsei) begleiteten Nervenprozesses bedingt, wir sind aber nach dem Ge. sagten kaum berechtigt, dieselben ftir die einzigen Faktoren zu hatten, obgleich sie gewiss ausserordentlich wichtig sind; denn aufder andern ene wird die natürtiche Auslese oder auch irgendwelche andrc Ursachen die zur Entstehung des Bewußtseins (und demzufolge auch der Wahrnehmung von Freude und Schmerz) erforderlichen physiologischen Bedingungen geschaffen haben, ohne dass dabei

die Verwicktung oder Seltenheit

der Vorgange in Frage zu kora-

men brauchten; in diesem Falle hatten sich die zeitlichen Beziehung

etuvTJr "f T begegnen niUSStCD' ^ dieSCn ZUSammen entwickeln müssen. Zu Gunsten dieser Ansicht spricht, wie ich

glaube, die Thatsache, dass der Bau der Himhemispbären in einiKen Punkten sehr aufläl.ig vom Bau der Reflexcentren abweicht

Mogen die Faktoren übrigens sein, welche sie wollen, es ist immerhin wichtig, den sichren experimentellen Grund zu besitzen, auf dem die Thatsache beruht, dass im allgemeinen psychische Prozesse eine verhältnismassige Verzogerung der Gangtienthatigkeit bedmgen; denn es ergibt sich daraus die schon in einem früheren

^^\Tti: F:lgrg'dass psychische Prozesse

den subjektiven Ausdruck für objektive Zusammenstosse molekularer ~'n'''........... raschen Bewegung einer

Kräfte bitden; Reflexthntigkeit kann mit der

wohtgeolten Maschme verglichen werden, Bewußtsein dagegen gleicht der durch mnere Reibung einer ahnlichen Maschine entwickelten Hitze, und psychische Prozesse dem Lichte, welches eine solche

^Z T gesteigerte Hfee aUSStraWt VermUÜich entstehen

p Sol LrT*e T eine,r denBerrag der Ga"Slie-«-e proportionalen Lebhafhgkeit und Zusammengesetztheit, wie auch aus

den obenerwahntenExperimenten Donders' hervorzugehen scheint.

Nun is es sicher, dass durch Häufigkeit der Wiederholung - d. h.

durch Übung im Vollzuge eines besondern psychischen Aktes -

der ^trag dieser Ganghenreibung herabgesetzt werden kann (wie

. chefzeff          frbfZU"g ^ m G^lien-^ Vorder-

liehen Zeit hervorgeht) und dass, gemeinschaftlich mit dieser Ver-

anderung auf der objektiven Seite, auch eine

Veränderung auf der

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1                                    - 149 -

1 subjektiven Seite auftritt, insofern die vorher bewusst gewesene ?[ Tätigkeit dazu hinneigt, automatisch xu werden. ;* Aus diesen Betrachtungen wird aber gefolgert werden dQrfen, ;:{dass Reflexth~tigkeit und Wahrnehmung wahrscheinlich zusammen 1 fortschreiten, indem eine jede Entwicklungsstufe der einen als Grund. ^lage zur nächsten Entwicklungsstufe der andern dient. Eine Be-£ stâtigung dieser Anschauung bietet schliesslich die allgemeine That-] sache, dass durch das ganze Tierreich hindurch beständig ein gegenseitiges Verhältnis zwischen der Kompliziertheit der Reflexthatig-..keiten eines Organismus und der Stufe seiner psychischen Kntwick-1 lung besteht.

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4

Zchntes Kapi.el.

Binbildungskraft.

b ist schon im zweiten und dritten Kapitel darauf hinge-1 wiesen, was ich unter einer „Idee" verstehe, und dabei zugleich das Prinzip dcr Ideenverbindnng im physiologi. schen wie psychologischen Sinne festgestellt worden.

Die einfachste Form einer Idee ist die Erinnerung an eine Empfindung, Dass eine Empfindung erinnert werden kann, auch ohne stattgefundene Wahrnehmung, wird nicht nur durch die schon früher erwähnte Thatsache bewiesen, dass ein ein bis zwei Tage altes Kind eine VerNnderung der Milch zu unterscheiden vermag, sondern auch durch die allgemein bekannte Erscheinung, dass Jr einige Minuten nach einer nicht wahrgenommenen Empfindung mit. telst Nachdenkens uns an jene Empfindung zu erinnern vermagen. Man kann z. B. bei der Lekture eines Buches eine Uhr von eins bis fünf und vielleicht noch mehr schlagen hôren, ohne den Ton wahrzunehmen; trotzdem ist man in der Regel nach einer oder zwei Minuten imstande, sich' der vergangenen Empfindung zu erinnern und gar die Xahl der Stundenschläge noch namhaft zu machen; . in einfacheren Fällen. lässt sich das Gedachtnis an eine Empfindung aber auf eine noch weit langere Zeit ausdehnen.

Da die einfachste Idee in Form einer Erinnerung an eine ver. gangne Empfindung (zum Unterschied von einer Erinnerung an eine vergangne Wahrnehmung) auftritt, so folgt daraus, dass die frühesten Stufen der Ideenbildung den frühesten Stufen des schon beschriebenen Gedachtnisses entsprechen, wobei noch keine Ideen.

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I               - 151 - '

£  verbindung, sondern nur die Wahrnehmung einer gegenwartigen

$  Empfindung, als Nhn)ich oder unahntich einer vergangenen, statt-

J  findet. Man kann daher wohl sagen, dass eine Idee in ihrer ele-

:.}  mentarsten Form in dem schwachen Wiederaufleben einer Empfin.

£  dung bestehe. Diese Ansicht ist schon mehrfach, durch Spencer,

*«   Prof. Bain und andren, klar ausgesprochen worden und ebenso die Behauptung, dass aller Wahrscheinlichkeit nach die cerebrale

*   Verinderung, welche die Idee einer ver~angnen Empfindung be-

'B   gleitet, nach Art und Ort, wenn auch nicht der Intensitat nach,

■'4   mit derjenigen übereinstimmt, welche die Begleiterin der ursprUng-

■%   lichen Empfindung ist.

;|         Auf der nachsten Entwicklungsstufe kann die Ideenbildung als

;i   die Erinnerung an eine einfache Wahrnehmung angesehen werden

"1    und unmittelbar darnach tritt das Prinzip der Assoziation durch

V-5    Kontiguitat oder Aneinandergrenzen auf. Spater entsteht die Asso.

|    ziation durch Ahnlichkeit und von da ab steigt die Ideenbildung

A    durch Abstraktion, Generalisation und symbolische Konstruktion auf

;4    Wegen und in Graden, die ich in meinem künftigen Werke des

D    nähern darlegen will.

f>             Aus dieser kurzen Skizze ist xu ersehen, dass wir mit unserer

>;?    Untersuchung über Gedachtnis- und Ideenverbindung auch bereits

'%    die untersten Stufen der Ideenentwicklung erledigt haben. Indem

1     wir also die Untersuchung auf dem Punkte wieder aufnehmen, wo

-4     wir sie dort verlassen haben, werde ich dieses Kapitel einer Be-

:;t     trachtung der hëheren Phasen der ideenbildenden Fahigkeit widmen,

i'{    die wir am besten unter dem Ausdruck der Einbildungakraft

q     zusammenfassen. Unter dieser allgemeinen Bezeichnung verstehen

*»      wir eine Mannigfaltigkeit von geistigen Xustanden, die, obwohl sie

4      alle untereinander verwandt sind, doch dem Grade der geistigen

*}      Entwicklung nach so sehr differieren, dass wir mit einer Analyse

'4      derselben beginnen mussen.

2]               Im gewOhnlichen Leben versteht man unter „Einbitdungskraft"

■}       die hochste Ausbildung der Fahigkeit, vergangne Eindrucke absicht-

j       lich zu verbÜdiichen. In diesem Sinne sprechen wir von der Ein-

$       bildungskraft der Dichter oder des Herzens, von dem wissenschaftlichen Nutzen der Einbildungskraft u. s. w, wobei wir durchweg

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sowohi ein hohes Abstraktionsvermö]

AbstrakbonsvermSgen, a)s auch absichtliche ideale

Kombinationen früherer wirklicher Eindecke voraussetzen. Ich

M^ch^t JIT         U%? daSS diese migkeit, auch beim

Menschenmenge bevor sie jene EntwicklungshOhe erreicht, in niedri.

geren Graden zum Vorschein kommt. In der That verhält sich

^^TkklwTTzn i" niederen,wie eine volta™

KUCKennnerung zum einfacherenGedächtnis; sie schliesst die inner. !. 1 "rch UDg deS Geistes mit dem bewussten Zwecke, eine

M

■WS

ideale Struktur herzustellen, in sich. Ebenso aber, wie der voll-können Rückermnerung das einfache Gedachtnis, oder der 1 aaüon die empfindende Assoziation vorhergeht, s.

--------Änbildungskraft von der absichtlichen Art diejenige

der empfindenden Art voraus.                                         J *

VntIultlT^TTSJM6n wirW0W ZUmZwecke UDSrer Untersuchung d,e Grade der Einbildungskraft in vier K!assen teilen:

Uran, vT „ ^"^ *" G<*«nstandes' ™ ' * einer Orange, werden w sofort auch an den Geschmack derselben er.

gm*. wird. Dies ist die niedrigste St* der geistigen Verbild-

2. Sodann haben wir die Stufe, auf der wir uns ein des Weines eingibt. ------------........^™c, die Idee

Bild von einem abwesend.7<ZZZ II^nHuS em anderes Objekt nahe gelegt wird, wie uns etwa Wasser

3. Auf einer noch h6hern

Stufe vermögen wir eine Idee un.

z?b den gt ener.offenb-» Veranlassung von aussen her

Ideeld, , f6t äUSSeren AblCDkung. Der ™™< ^r Ideenbildung 1St m d.esem Falle seibstandig und ist für seine seilen Bilder adeen) nicht mehr abhangigvon den Ein^4m

4. Auf der letzten Stufe sind wir im stande, nach WÜMr gei-

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1

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stige Bilder herzustellen, zu den» ausdrucklichen Zwecke, neue ideale Kombinationen zu erhalten.

Mit Rucksicht auf diese weitgreifenden Differenzen in den Graden, welche die Einbildungskratt erreichen kann, habe ich den hetreffenden Zweig im Diagramm stark verlängert und ihm die Stufen von Nr. .o bis 38 zugewiesen. Die Spitze des Zweiges reicht deshalb bis zur Abstraktion hinauf, in ungefahr >/a Hahe L Generalisation und über den Ausgangspunkt der Reflexion hinaus. NatUrlich zeigen diese vergleichsweisen Abschatzungen hier wie anderwarts, in oberflächlicher Annäherung an die relative Wahrheit, nur den ungefähren Crad der Ausbildung jener geistlgen Arten, die wir Fahigkeiten nennen. Ich betrachte, wie gesagt, diese Arten selbst als etwas Künstliches und der Ubereinkunft Unterworfenes; die von uns so genannten Fahigkeiten sind viel mehr Abstraktionen unsrer selbst, als objektive und für sich bestehende Wirklichkeiten; deshalb ist auch die Ktassifizierung derselben durch die Psycho-logen nur in einem sehr beschrankten Sinne als eine naturtiche anzusehen. Immerhin ist es die brauchbarste Klassifizierung, um eine geistige Entwicklungsstufe mit der andern zu vergleichen, und es kann deshalb nichts schaden, wenn wir sie mit dem Vorbehalt adoptieren, dass mein diagrammatischer Baum, wie schon oft gesagt, nur ganz im allgemeinen die Beziehungen der verschiedenen, durch die Psychologie festgestellten Geistesfahigkeiten unter einander darstellen soll. Bei alle dem erwachst mir die Verpflichtung, zu erklären, warum ich den Gipfel der Einbildungskraft dieselbe Stufe erreichen lasse, wie den Gipfel der Abstraktion, denn die Psycho. logen konnten natürlich daraus schliessen, dass ich unachtsamerweise damit die Doktrin des Realismus adoptierte. Dies ist jedoch nicht der Fall. Ich gebe zwar zu, dass wenn wir jëde Abstraktion uns einbilden konnten, dieser Realismus die einzige rationelle Théorie ware, indessen liegt es mir fern, durch mein Diagramm eine so absurde Idee zu unterstützen. Vielmehr hoffe ich in einem kunftigen Werke noch Gelegenheit zu finden, zu beweisen, dass ich mich streng in den Grenzen des Nominalismus zu halten weiss.

Wenden wir uns nun zu den seitlichen Kolumnen, so wird man sehen, dass ich die Ktassen der Mollusken, Insekten, Arach-

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niden, Krustazeen, Cephalopoden und die kattblütigen Wirbeltiere auf eine Stute mit dem Ursprunge der Einbildungskraft stelle. Meine Rechtfertigung dafür habe ich schon an andrer Stelle gegeben'). So musste doch jener Octopus, der in der Verfolgung eines Hummers, mit dem er in einem angrenzenden Wasserbehälter gekampft hatte, mühsam die senkrechte Scheidewand zwischen beiden Behgltern emporkietterte, durch ein dauerndes geistiges Bild oder eine Erinnerung an seinen Gegner dazu angetrieben worden sein. Die Spin-nen, welche Steine an ihrem Gewebe befestigen, um dasselbe wahrend der Stürme festzuhulten, müssen in ahniicher Weise, ver-mOge einer Art Einbildungskraft, dazu veranlasst werden; ganz das-selbe ist mit der Krabbe der Fall, die, wenn cin Stein in ihre Höhle gerollt ist, andre Steine aus der Nahe des Randes entfernt, damit sie nicht ebenfalls hineinrollen; ebenso muss die Schüssel-muschel, welche von ihrer Nahrungssuche nach Hause zurückkehrt, notwendigerweise eine schwache Erinnerung oder ein geistiges Bild von der betreffenden Urtlichkeit besitzen.

Die nun folgende zweite Stufe der Einbildungskraft, auf der ein Gegenstand oder eine Reihe von Umstanden einen andern ahniichen Gegenstand oder eine andre Reihe von Umstanden anregt, kommt nach meiner Erfahrung zuerst bei den Hymenopteren vor. Für-die hierher geharigen, ûberaus zahlreichen Falle von Ideenverbindung, die zu einer von der unmittelbaren Wahrnehmung mehr oder weniger entfernten geistigen Verbildlichung führen, namentlich bei den Ameisen Bienen und Wespen, verweise ich ebenfalls auf mein früheres Buch.»-) Bei den hôheren Tieren ist diese Art Einbildungskraft sehr hauHg und stark ausgepragt. So berichtet, um nur ein Beispiel anzufuhren, Thompson"') von einem Hunde, „der trocknes Brot zurückwies und gewohntich nur kleine, in Sauce getauchte StOck. chen vom Teller seines Herrn-erhielt; er schnappte aber begierig nach trocknem Brot, mit dem man nur in ahnticher Weise Ober den Teller fuhr, und that dies, bei einem ausdrucktich deshalb

) Animal Intelligencee

") Ibid. y. ,22-140 U. t81-1,1.

^Pasovmcf Mimals (S9).

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angestellten Versuche, so oft, bis sein Hunger gestillt war. Offen. bar trug in diesem Fall die Einbildungskraft des Tieres uber seinen Geruch und Geschmack den Sieg davon". Hierher gehort auch die Vorsicht und Scheu der witden Tiere. Leroy, der als Jager eine grosse Erfahrung in dieser Beziehung besitzt, sagt: „In den ersten Stunden der Nacht, wenn die Dunkelheit an sich schon den Fuchs in seinen Absichten begUnstigt, wird ihn das entfernte Gebell cines Hundes mitten in seinem Lauf aufhalten. Alle Gefahren, die er bei verschiedenen Gelegenheiten durchgemacht, steigen vor ihm auf; naht aber die Morgendämmerung, so gerinnt der Hunger Qbef jene Furchtsamkeit die Oberhand; das Tier wird dann kühn durch Not. Es rennt der Gefahr entgegen, da es durch seine voraussehende Einbildungskraft weiss, dass es beim Anbruch des Tages doppelt gefShrdet ist." Dem durch die Menschen so furchtsam gemachten Wolfe schreibt derselbe Autor als Frucht der Einbildungskraft Tauschuugen und falsche Urteile zu. Erstrecken sich diese letzteren nun auf eine grossere Anzahl von Gegenstanden, so werden sic das Tier xu endlosen Irrtümern verleiten, obwohl diese mit den Prinzipien, welche in seinem Geiste Wurzel gefasst haben, vollstandig Ubereinstimmen. Ër sieht Fallen, wo keine sind, und seine durch Furcht verzerrte Einbildungskraft vetwirrt den Xusammenhang seiner verschiedenen Empfindungen und tauscht ihm Gestalten vor, denen er den abstrakten Begriff von Cefahr beitegt.-;.

*) Indem ich hierzu auf derbcn Verfassers Intelligence des animam verweise. füge ich hier noch einea mir von Dr. C. M. Fenn in San Diego mit-geteilten Fall hiozu: An der Südküste von San-Francisco wurde ein Farmcr durch den Vcrlust seiner HEhner tn grossen Ârger versetzt. Seine Hunde hatten schon mehrere herumschweitende Coyotes (eine Art Weiner Wölfe) gefangen; einer derselben hatte sich aber bcständig seinen Verfolgern zu enuichon ge-wusst, indem er nach dem Strande n entkam, wo sich jedc Spur von ihm verlor. Infolge dessen teilte eines T~ges der Farmer seine Hunde und nahm mit zweien oder dteien derse)b<n Stellung in der Nthe des Uters. Batd nahette sich der Wolf dem Meere, verfolgt von den ûbrigen Hunden. Der Farmer bemerkte nun, dass das Tier den zurückweichenden Wellen so nahe als mSglich folgte und keine Fussspur in dem Sande hinterließ die nicht sofort durch die Flutwlederverlöachtwume. Als er nun <einerVermutangnachweitgenugge)aufen war, um jede Spur zu vernichten, wandte er sich schleunigst laodeinwtrts.

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Ich lasse hier noch einen Beweis zu dieser zweiten Klasse von Einbildungskraft folgen, der um so uberzeugender ist, als er ein Tier betrifft, das sich im allgemeinen nicht durch grosse Intelligeoz auszeichnet, ich meine das wilde Kaninchen. Wer diese Tiere schon einmal mit Frettchen gejagt hat, wird wissen, dass die Kaninchen «« schon fruher auf dieselbe Weise heimgesuchten Geheges sehr schwer aus ihrem Baue zu jagen sind, indem sie sich lieber durch die Frettchen ernstlich angreifen lassen, als dass sie sich den draussen drohenden Gefahren aussetzen. Es geht daraus hervor, dass die Kaninchen (dank früherer Erfahrung) das Eindringen eines Frettchens m ihren Bau mit dem Vorhandensein eines draussen wartenden Jagers verbinden, und das Bild des außenstehenden Feindes ist dabei lebhaft genug, um das Tier lange Zeit den un-mittelbaren Schmerz und Schreck unter den Zahnen und Klauen des Frettchens erdulden zu lassen, ehe es dazu gebracht werden kann, sich dem entfernteren, aber noch tëdticheren Schmerz auszusetzen, welchen es aus der Rand des Menschen zu erfahren fürchtet.

Wir kommen nun zu der dritten Stufe der Einbildungskraft, mit welcher dieFämgkert der Ideenbildung, unabhlngig von deutlichen Anregungen von aussen her, verbunden ist, und wollen zuerst untersuchen, auf welche Weise dieselbe, auch bei einem Tiere, zum Ausdruck kommen kann. Abgesehen von artikulierten Ausdrücken oder intelligenten Geberden sind die objektiven Anzeichen dieser Art von Einbildungskraft offenbar so wenig zahlreich, dass man sie fast ganzlich vermisst. Selbst wenn wir sie bei irgend einem Tiere voraussetzen, wird es uns schwer werden, die Art der Aktion zu erraten, welche sie veranlasst und als unverkennbarer Beweis für jene Fâhigkeit angesehen werden kënnte. Was wir hier nëtig haben, ist irgend eine Klasse von Thâtigkeiten, welche einzig und allem auf Einbildungskraft bezogen werden kônnte. Ich kenne nur drei solcher Klassen, welche das Vorhandensein dieser Fahigkeit beueren endgültig konstatieren Hessen. Es ist fast unnotig hin-

nedern Stufen wohl vorhanden sein mag, wenn sie sich hierauch mcht » der Weise dokumentieren kann, wie es bei hoheren Tieren der Fall ist. A!s erste jener Thätigkeiten nenne ich den Traum.

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Wo derselbe vorkommt, liefert er einen sicheren Beweis rar die Existenz der Einbildungskraft der von mir sogenannten dritten Stufe. Dass die Hunde traumen, ist eine Thatsache, die schon vor langen Zeiten von Seneaa und Lucre* beobachtet wurde. Nach Dr. Laudrr Lindsay träumt auch das Pferd, wie es durch sein Zittern, Schauern, Zucken oder Beben beweist. Dieselben Erscheinungen begleiten oder folgen im wachen Zustande auf starke Ërregung, Furch,, Eifer, Ungestüm oder Ungeduld; daher ist die Schlussfolgerung Montaigne« und anderer votlstandig berechtigt, dass dieselben Gefühle oder geistigen Zutsande auch wahrend des Schlafens und Traumens entstehen und wahrscheinlich beim Rennpferde mit vorgestelltem Rennen, wie beim Jagdhund mit vorgestelltem Hetzen in Verbindung zu bringen sind.

Nach Autoritaten wie Cuveer, Jerdon, Houxeau, Bech-stein, Bennet, Thompson, Lindsay und Darwnn träumen auch VOgelt Nach Thompson tr&umen sogar Krokodite; da er aber keine sicheren Beweise dafür gibt, so habe ich das Trâumen in meinem Diagramm ersl bei den Vögeln, als der niedrigsten Stufe seines unzweifelhaften Vorkommens, beginnen lassen. Nach dem )etztgenannten, im allgemeinen xuverlässigen Verfasser zeigen sich von den Vögeln der Storch, der Kanarienvogel, der Adter und der Papagei, von den Saugetieren der Elefant, das Pferd und der . Hund in ihren Trâumen zu Bewegungen angetrieben. Bennet berichtet, dass Wasservôget im Schlafe ihre Beine wie beim Schwimmen bewegen, und Hennabe hôrte den Byrax im Traume einen schwachen Schrei ausstossen. Bechstein beschrieb das alpahntiche Trâumen eines Dompiaffen, "wobei das wahrend des Schlafes auf. tretende Entsetzet derart war, dass die Besitzerin des Vogels einschreiten musste, um ubten Folgen vorzubeugen. Das Tier fiel dabei auch wiederholt von seiner Stange, beruhigte sich aber bei der Stimme seiner Herrinsofortwieder.« Schliess)ich versichertHouzeau, cla^Papageien im Schlafe bisweilen sprechen.»}

*) Kach Gue,, Lindsay u. a. fûhrt dieLebhaRigkcit de»Traumes bei Tieren manchmatzum Soranabutismus. So behauptetGue,, das, ein somnambuler Hofhnnd eingebildete Fremde oder Feinde verfolge und eine ganze Reihens tominmcherHandluneo» dabe: zur Schau ttage, einschliesslich der Bellens.

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Eine weitere Thatsache, die ich zum Beweise der Existenz dieser dritten Stufe der Einbildungskraft anfuhren môchte, besteht in den vorkommenden Illusionen oder Halluzinationen. Dr. Lauder Lindsay schreibt in Bezug hierauf sehr richtig, "Bei den Leren nehmen die Gesichtstauschungen, ganz wie beim Menschen, f,, die Gestalt von Phantomen oder Hirngespinsten an,... . von ein- \&

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gebildeten Fersönlichketten, Tieren oder Sachen. Ja, es scheint dieselhe Art von gespcnstischen Bildern zu sein, die bei Tieren wie beim Menschen vorkommt, bei der Tollwut der Hunde, wie bei der menschlichen Wasserscheu." Über denselben Gegenstand schreibt Flemming: "Ein toller Hund schien wie von schrecklichen Phantomen heimgesucht.... zuweiten war es, als ob er die Bewegungen von irgend jemand auf dem Fussboden verfolgte, er sprang dann plötzlich vorwarts und biss in die teere Luft, als ob er etwas Feindliches vor sich hätte" In de- That sind dièse auf Gesichts-hatluzinationen zurückzuführenden Erscheinungen so gewohnlich und fer die Tollwut der Hunde so charakteristisch, dass sie in der Regel das erste und sicherste Symptom dieser Krankheit bilden. Mein Freund Walter Pollock sendet mir nachstehenden Bericht Uber eine in seinem Besitz befindliche schottische HUndin: "Sie |*J' batte einen merkwurdigen Hass oder Furcht vor jedem ungewëhn. lichen Gegenstande; so z. B. dauerte es lange Zeit, ehe sie das Anschlagen einer Glocke vertragen konnte, die anfänglich eine neue Erfahrung für sie bildete. Sie druckte durch Knurren und Bellen ihr Missiallen oder ihre Furcht darüber aus, wobei sich ihre Haare emporstraubten. Zuweilen benahm sie sich ebenso, nachdem sie scheinbar starr nach irgend etwas im leeren Raume gesehen hatte. Dies erweckte meine Aufmerksamkeit und ich beschloss sie zu be-obachten, ohne jedoch in irgend einer Weise meinerseits zu einer Wiederholung dieses eigentumiichen Gebahrens beizutragen. Da das Tier nun nach wie vor cinen für mich unsichtbaren Feind oder sonstiges Unheilverheissende zu erblicken schien und seine Gefühle in der beschriebenen Weise an den Tag legte, so schloss ich daraus, dass es bei dieser Gelegenheit das Opfer irgend einer op. tischen Tausehung sein müsse. Wie bereits bemerkt, brachte ich dieselbe Wirkung bei ihm hervor, wenn ich irgend etwas Unerwar-

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tetes oder Unvernünftiges vornahm, bis es sich schliesslich an diese Art von Experimenten gewôhnte, obgleich auch spater noch das Sehen irgend einer Art von Phantom fortzubestehen schien. Ich hatte keine Gelegenheit, zu unterscheiden, ob diese Erscheinungen in regetmassigen Zwisehenraumen oder etwa vorzugsweise nach dem Schlafe oder zu andern Zeiten vorkamen." - Pierquin beschreibt einen weiblichen Affen, der von einem Sonnenstich befallen, spâter von Schreckanfällen infolge von irgend welchen Halluzinatianen heimgesucht wurde. Auch pflegte er nach eingebitdeten Dingen m schnappen und that so, als ob er etwa nach Insekten im Fluge haschen wollte.*)

Ich verzichte auf die Anführung weiterer Beispiele dieser Art und wende mich zu einer dritten Klasse von Thatsachen, die fUr jene in Rede stehende dritte Stufe der Einbildungskraft bei Tieren sprechen. Zu dieser Klasse gehoren Tiere, welche durch ihre Handlungen zeigen, dass sie in ihrem geistigen Auge ein Bild oder eine Vorstellung von abwesenden Dingen haben. Es wird z. B. schon manchem der um so viel grossere Eifer aufgefallen sein, mit dem Arbeitspferde abends nach Hanse streben, im Vergleich zu der Schwerfälligkeit und dem Mangel an Energie, mit dem sie morgens an ihre Tagesarbett gehen. Es lasst sich dies nur durch die Annahme erklären, dass die Tiere ein Bild von ihrem Stall, in Verbindung mit Futter und Ruhe, geistig vor Augen haben. Die Sehnsucht nach ihren alten Wohnplätzen, welche viele Tiere zur Schau tragen, lässt sich ebenso nur dadurch erklgren, dass sie ein geistiges Bild oder eine Vorstellung von ihrer früheren glücktichen Erfahrung besitzen. Die Anregungen dieser Einbildungskraft sind manchmal so stark, dass sie die Tiere dazu anspornen, den Gefahren und Mühseligkeiten einer Reise von hunderten von Meilen zu trotzen, und zwar nur zu dem Zweck, um den Schauplatz wieder zu er-reichen, der ihre Einbildungskraft so sehr beschäftigt: ,Tauben, Hunde, Katzen und Pferde, welche man von ihren Aufenthaltsorten entfernt, geben alltägliche Beispiele für jene Eigenschaft. Derselbe erdruckt und überwaltigt die geistigen Fahigkeiten und lahmt m-

*) Tratte de la folie des animauz l 08.

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weil«* jede korpertiche Energie. Viele gefangne VOget z. B. werden

sich abharmen und sterben.... Em ;n erwachsnem Zustande ge.

fangener Brüllaffe wird melancholisch, verschmaht jede Nahrung und «u*tin wenigen Wochen; dasselbe ist mit dem Puma der Fall, und Burdach behauptet, dass der Tod unter diesen UmstSnden

zuweilen so plötzlich eintrete, dass cr nur einem plötziichen und heftigen geistigen Eindrucke zugeschrieben werden kann-)

Ubwoht man nun einwerfen kënnte, dass dièses A.härmen in der Gefangenschaft lediglich aus der Beraubung der Freiheit oder durch veranderte Lebensbedingungen, ohne jede geistige und

z:sd h !rtelh:?einer früheren Erfohru,,g «"*» -

dürfe doch m den nachfotgenden anatogen Fällen dieses Bedenken gänzhch ausgesehJossen erscheinen. Es sind dies alle jene bei Haustieren so haufig beobachtcten Fälle, wo ein ahn)iches Abharmen

pfände, als die plotzhcheEntfernung eines Herrn oder eines Ce. föhnen, an den das Tier sehr attachiert war. Mir selbst ist ein Fall

Ä2ät rfnera :rHause bei einerpiötz-

liehen Abre.sc semer Herrin für eine Re.he von Tagen alles Futter xuruckwies, so dass wir dachten, er müsste sterben. Wir konnten sein Leben nur durch künsttiche FQtterung mit rohen Eiern erhalte, Bei alledem blieb seme sonstige Umgebung unverandert und jeder begegnete ibm so wohlwollend wie xuvor. Dass die Ursache seines Kummers nur in der Abwesenheit seiner geliebten Herrin be d zeigte sich auch darin, dass *. Tier stets vor der Thür ihrei Schtafzimmers blieb, obwohl es von ihrer Abwesenheit Uberzeugt war. Man konnte e. nur zur Ruhe bringen, wenn man ihmeZ ihrer Kleider zur Unterlage gab. Niemand konnte unter diesen UmstSnden daran zweifeln, dass das Tier bestàndig das Bild der Herrin vor seinem geistigen Auge hatte und infolgeLer Abwesel heit die heftigsten Seelenschmerzen erlitt. Die zahlreich vorkommenden Anekdoten von Hunden, welche unter ahnlichen Umstanden mrkhch starben, beruhen zum grössten Teil jedenfallsauf Wahrheit.

*J Thompion, /W,„fi of Änimill p. S4_^

*?

§

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3             Alle diese Thatsachen - Traume, Sinnestauschungen, Sehnsucht S    nach der Heimat und nach Freunden - beweisen das Vorhanden-ä   sein der sog. dritten Stufe der Einbildungskraft bei hoheren Tieren. *}    Man kënnte nun fragen, ob ich in meinem Diagramme den Ursprung

4    der Einbildungskraft auf Stufe 19 nicht etwa zu niedrig angesetzt habe, 3   insofern dieselbe den Mollusken oder einem Kinde in der siebenten

2    Woche entspricht. So schwer eine solche Grenzbestimmung aller-*    dings auch ist, so will ich doch in folgendem die Gründe angeben, h    welche mich zu der Wahl dieser niederen Stufe verantassten:

5             Die soeben untersuchte Art der Hinbildungskraft entspricht |    meiner Meinung nach schon einer hOheren Entwicklungsstufe; ich I   weise daher dem Traumvermëgen eine Stelle an, die etwa dem i   dritten Teil des Gesamtabstandes zwischen dem ersten Auftauchen I    der Einbildungskraft und ihrer hOchsten Ausbildung, bei einem g    Shakeppeare oder Goehhe, entspricht. Ich bin namtich der An-

sicht, dass mit der Xurucklegung der drei ersten Entwicklungsstufen bis zu der Fähigkeit, geistige Bitder unabhangig von aussersinnlichen Anregungen zu bilden, die Einbildungskraft bereits solche enormen Fortschritte gemacht hat, dass der Rest des noch zu durchtaufenden Weges in der That nur noch ats eine Funktion der Abstrak-üonsfähigkeit betrachtet werden kann. Fûgen wir dem Geistesleben des um seine abwesende Herrin trauernden Hundes noch ein ausgebildetes Organ fUr abstrakte Ideenbildung hinzu, und seine Ein-bildungskraft wird anfangen mit der des Menschen zu rivalisieren. Freilich wird man erwiedern, dass Abstraktion die Einbildungskraft zur Voraussetzung hat; jedoch sind beide nicht identisch, da zu einem hëheren Ausbau der Abstraktion die Sprache oder eine geistige Symbolisierung irgend welcher Art unerläßlich ist; geistige Sym-

2 T*aber die Kunstgriffe fur dieErhaltUDg derEinbildu^-

Wenn es uns nun auf den ersten Blick absurd erscheint, einer Molluske Einbildungskraft zuzuschreiben, so mussen wir uns genau erinnern, was wir unter dieser Fahigkeit auf der denkbar niedrigsten Stufe ihrer Entwicklung verstehen. Wir finden sie hier nur in dem Vermogen, ein bestimmtes geistiges Bild zu gestalten, oder

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vorausgesetzt, dass letztere eine, wenn auch dunkle Idee von einem abwesenden Gegenstande oder einer früheren Erfahrung in sich schlieft und nicht, wie im Falle eines Kindes, dem fremde Milch nicht schmeckt, nur eine unmittelbare Wahrnehmung des Kontrastes zwischen einer gewohnten und einer gcgenw~rtigea Empfindung. Dass wir aber eine solche Stufe der geistigen Entwicklung schon auf der niedrigen zoologischen Stufe der Gasteropoden finden kOnnen, schcint die bereits erwahnte Thatsache zu beweisen, dass die Schosselmuschel, nachdem sie Nahrung zu sich genommen, wieder in ihre Felswohnung zurückkriecht. Allerdings kann das geistige Bild, welches sich dieses Tier von der letzteren macht, in Bezug auf Lebhaftigkeit oder Kompliziertheit in keiner Weise mit dem Bilde verglichen werden, welches ein Pferd von seinem Stalle oder ein Hund von seiner HCtte zurückbehält; immerhin ist es aber doch ein geistiges Bild und zeigt demnach das Vorhandensein einer Art Einbildungskraft an. Kräftiger und bestimmter ist jedenfalls das geistige Bild, welches sich eine Spinne (20. Stufe) von ihrem Auf. enthaltsorte macht, zu dem sie zuruckzukehren weiss, wenn man sie auf eine kurze Strecke davon entfernt. Eine noch lebendigere Verbildlichung (2r.Stufe) finden wir beiden kaltblütigen Wirbeltieren, wie z. B. bei den wandernden Fischen (namentlich dem Lachs), die zur Laichzeit bestimmte Ûrttichkeiten aufsnchen. Auf der fol. genden („. Stufe) finden wir die hôheren Krustazeen, die, wie wir bereits gesehen, einer hochgradigen Einbildungskraft fällig sind. Was die Reptilien anbetrifft, so wollen wir folgende Anekdote nach Lord Monbodoo mitteilen: „In Madras wurde von demverstorbnen Dr. Vigot eine gezahmte Schlange gehalten, welche im letzten Kriege von den Franzosen, nach der Eroberung der Stadt, in einem geschlossen Wagen nach Pondicherry Obergeführt wurde, trotzdem aber von dort den Weg in ihre alte Heimat wiederfand, obwohl Madras über too engl. Meilen von Pondicherrv entfernt liegt. Wenn wir anstatt Meilen Meter setzen, so stehen uns zah!reiche ahnliche Fälle bei Frôschen und Kroten zur Seite, die unmogtich alle unzuverlässig sein konneN. Dass einige Reptile mit ihrer Ein-bitdungskraft sogar die dritte Stufe erreichen können, zeigt die Pv

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thonschlange, welche nach ihrer Uberführung in einen zoologischen Garten ihren früheren Herrn sichtlich betrauerte.

Die Cephalopoden und Hyroenopteren sind wir schon durchgegangen. Auf der nachsten (25. Stufe) begegnen wir den Vdgetn, deren Zugehôrigkeit zur dritten Stufe durch die Ërscheinuog des Traumens unwiderleglich bewiesen wird. Uber diese Stufe hinaus hat der Nachweis der gedachten Fahigkeit kein so grosses wissenschaftliches Interesse mehr, da die weitere Ausbildung bis zum Menschen wahrscheinlich nur in einer fortschreitenden Vervollkommnung innerhalb dieser dritten Stufe besteht und jeder Anhalt dafdr fehlt, auch alle Wahrscheinlichkett dagegen spricht, dass die tierische Einbildungskraft jene Stufe erreich,, welche ich als die vierte bezeichne und fur ausschliesslich menschlich halte.

Ehe ich die Einbildungskratt verlasse, mOchte ich noch zwei Abzweigungen dieses Gegenstandss kurz beleuchten. Die eine besteht in der Ansicht Comtes, dass bei den hdheren Tieren Anklänge an Fetischismus zu finden seien, ein Kapitel, das auch von Herbert Spencrr berührt wird. Er schreibt in seinen Prinzipien der Soziotogie*): "Ich glaube, Comee sprach die Meinung aus, dass von den hôheren Tieren fetischistische Vorstellungen gebildet wurden. Nachdem ich gezeigt, dass der Fetischismus nichts Ursprüngiiches, sondern etwas Abgeleitetes ist, kann ich dieser Ansicht nicht beistimmen; indessen glaube ich, dass das Verhalten intelligenter Tiere auf die Entstehung desselben ein Licht werfen kann. Ich selbst bin Zeuge von zwei hierhergehörigen Fällen gewesen. Der eine betrifft einen grossen Hund, der einst mit einem Stock spielte und sich dabei das eine Ende gegen den Gaumen stiess; er bellte, Hess den Stock fallen, lief eine Strecke weit fort und verriet eine Bestürzung, welche bei einem so grossen und gefähr-lich aussehenden Tiere geradezu lacherlich war. Erst nach wieder. holter vorsichtiger AnnSherung und längerem Zëgern konnte er dazu vermocht werden, sich des Stockes wieder zu bemachtigen. Dieses Verhalten beweist offenbar, dass das Tier den Stock nicht als

*) Deutle Ausgabee S. 536.

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sclbsttätiges Agens ansah, so lange dieser keine andere, als die ihm bekannten Eigenschaften zeigte; als er ihm aber auf einmal einen Schmerz verursachte, den es nie zuvor von seiten eines leblosen Gegenstandes erfahren, wurde es fur eine Zeitlang dazu verleitet, ihn unter die belebten Gegenstande zu reihen, die es ftir fähig hielt, ihm Schaden zuzufügen. Im Geiste des primitiven Menschen, der von den natürlichen Ursachen kaum mehr weiss, ais der Hund, lasst das ungew8hnliche Verhalten eines früher fUr leblos gehaltnen Gegenstandes in ahnticher Weiseaufstattgefundne Beseelung schliessen, Die Vorstellung einer willkürlichen Thatigkeit wird erweckt und man beginnt den Gegenstand zu fürchten, der sich auf irgend eine un. erwartete und vielleicht unheilbringende Weise wiederum bemerklich machen konnte. Der so entstandne unbestimmte Begriff einer Be. seelung wird leicht einen bestimmteren Charakter annehmen, je mehr sich die Geistertheorie befestigt und damit eine spezielle Kraft geschaïfen wird, der man das ungewôhnîiehe Verhalten des Gegenstandes zuschreiben kann."

Den andern hierher gehörigen Fall beobachtete Spencrr bei einem intelligenten Huhnerhunde. Da dieser durch seine Pflichten als Jagdhund soweit gebracht worden war, das Holen des Wildes mit dem Vergnügen des Jagers in Verbindung zu bringen, so er-kannte er dies bald als geeignetes Mittel, sich das Wohlwollen seines Herrn zu erwerben; demgemass pflegte er nun, nachdem er erst mit dem Schwanz gewedelt und gegrinst hatte, diesen Akt auch ohne toten Vogel so gut auszuführen, als es unter bewandten Um. stânden nur moglich war. Eifrig umhersuchend, nahm er ein durres Blatt oder irgend einen andern kleinen Gegenstand auf und überbrachte ihn mit erneuten Bexeugungen seiner freundlichen Gesinnung. Ein ähniicher Geisteszustand ist es, wie ich glaube, welcher den Wilden zu gewissen fetischistischen CebrXuchen von aussergewôhn. licher Art antreibt.                                                         8

Diese Beobachtungen erinnern mich an einige Versuche, die ich vor einigen Jahren über denselben Gegenstand anstellte. Ich wurde dazu gefùhrt durch den von Darwnn in seiner „Abstammung des Menschen" erwahnten Fall des grossen Hundes, welcher einen vom Winde über eine Wiese gewehten und dadurch belebt scheinen.

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16& -

;    den Sonnenschirm anbellte. Der Hund, mit dem ich experimen.

1     tier», war ein ausnahmsweise gescheites Tier, dessen psychologische i    Fahigkeiten schon wiederholt den Anlass zu Veröffentlichungen in

2    Zeitschriften gegeben hatten. Da alle meine Versuche auf dasselbe i    Resultat hinausliefen, so will ich nur einen derselben hier anfuhren. I    Mein Hund pflegte, wie viele andre seiner Art, mit Knochen zu l    spielen, indem er sie in die Hôhe schleuderte, sie etne Strecke weit ;    von sich warf und ihnen dadurch den Anschein einer Belebung l    verlieh, wobei er sich das eingebildete VergnUgen verschaffte, sie l    zu wargen. Eines Tages nun reichte ich ihm zu diesem Zwecke ;    einen Knochen, an dem ich einen langen, dOnnen Faden befestigt |    hatte. Nachdem er ihn eine kurze Weile in die HChe geschleudert, ,;    benutzte ich die Gelegenheit, als er eine Strecke weit von ihm weg ;    gefallen war, ihn mittelst des langen, unsichtbaren Fadens langsam I    fortzuziehen. Sofort wechselte der Hund sein ganzes Benehmcn

3    Der Knochen, mit dem er früher nur so gethan batte, als ob er '■   ihn fUr belebt hielte, wurde es nun wirklich in seinen Augen und *   sein Erstaunen darUber kannte keine Grenzen. Er naherte sich ihm j   zuvorderst mit grosser Vorsicht, wie Spencer auch im vorher-j[    gehenden Falle beschreibt; als aber die langsame ROckwartsbe-{   wegung nicht nachliess und es ganz sicher fur ihn wurde, dass die |   Bewegung nicht mehr auf Rechnung der Kraft gesetzt werden konnte, \   die er selbst mitgeteilt hatte, verwandelte sich sein Erstaunen in Ent-;   setzen und er rannte fort, um sich unter dieses oder jenes Mobet |   zu verbergen und dem so unbegreiflichen Schauspie) eines lebendig '   gewordenen Knochens aus der Ferne zuzusehen.

\           Gegenüber diesem wie allen ubrigen Versuchen habe ich nun nicht den geringsten Zweifel, dass das Betragen des Hundes aus einem

|    Sinne fOr das Geheimnisvolle entsprang, zumal er von einer

\    hervorragend streitsüchtigen Natur und stets bereit war, mit einem

|    Tiere von jeder beliebigen Grosse und Wildheit den Kampf auf-

;.    zunehmen, allein die Anzeichen von Willkur in einem ihm so wohl-

{    bekannten unbelebten Gegenstande erfüllten ihn mit Gefüh!en des

!    Entsetzens, die ihn seiner Kraft ganziich beraubten. Dass aber nichts Fetischistisches dabei beteiligt war, geht schon daraus hervor,

!    dass der Hund ûber die unmittelbare Verursachung nicht mehr oder

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minder unterrichtet war, als der primitive Mensch, der eine Sache,

hate" ll8emerHT? "brdnstimmendenErfahrUn8 '* ^ haUen musste sich plötzlich bewegen sieht, er muss dasselbe bedrückende und beunruhigende Gefüht von etwas Geheimnisvollem

ss^^iwie evrder unkultivierte Mensch —

HutduTa^d;.\emlfndet- Wir *M Ubrigens bei diesem Hunde nicht lediglich auf pnoristische Folgerungen anaewiesen denn ein andrer Versuch wird uns ^,'^3^

Geheimnisvollen bei diesem Tiere schon

an und fûr sich hinreichend

TZ^Tsein Benehraen 2U erklfiren. Eines Tages liess ich

>hn nämheh ,n ein mit emem Teppich belegtes Zimmer, wo ich

eine Seifenblase aufblies und diese dann mittelst eines geeigneten ^ über den Boden gleiten lies, Er .igte sich L!Z

JTT.' ™ , 1 jed°Ch nkht dar(iber ei"sc^n zu

kannen, ob das Ding lebend sei oder nicht. Anfânglich war er

e.nKekniffenem Schweife, anscheinend mit

grossem Misstrauen, und

Girierte sofort, wenn es sich wieder zu bewegen begann. Nach emiger Zeit, wahrenddem ich stets wenigstens eine Blase auf dem Teppiche gehalten, fasste er mehr Mut, und wahrend der wissen schliche Geist bei ihm über das Gefflht fur das Gehe^Zl die Oberhand erhielt, wurde er schliesslich so kühn sLh TrS I

"rr zrrund sie mit seine" =-

Die Blase barst natürlich sofort, und niemals sah ich eine starker DSM?)! ÜberraSAChIng. Nach EWeteüDg dCT «**» Seifen-

^s.^dLTe **rT7zur ADDähening längereZeit um.

rr'u ot^irr ?°ch,7der,rd streckte vorsich% seinePfote

TeLZcrSTT ». T Erfolge.Nach diesem -*«■

Versuche konnte ihn aber mchts mehr bewegen, einen solchen zu

wiederholen und auf mein erneutes Andringt rannte er zum Zim. das ihn kein Schmeiche' .......

Sum fdr dasGeheimnisvoUe bei diesem Tiere ausbildet war Ats

^ 'Tweh t" ^ ke!n,SchfCheln z^"-bringen vermochte. bn wei,eres2e^;,^d fnügenzu ^gen, wie stark der

2 tthe w-fb inrm Ziramer "*ihm befand,«<

ich, welche Wirkung wohl eine Reihe hässlicherGrimassen auf ihn

*

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- 167 _

machen w<rde. Anfangiich dachte er, ich mâche bloss Spass; als ich aber fbrtdauernd sein Schmeicheln und Winseln ausser acht Hess und fortfuhr, das Gesicht auf die unnaturtichste Weise zu ver-ïerren, wurde er angstlich, schlich sich unter ein Mobel und zitterte wie ein erschrecktes Kind. Er blieb in dieser Lage, bis ein andres Glied der Familie ins Zimmer trat, worauf er aus seinem Versteck hervorkam und eine grosse Freude bezeigte, als er mich wieder bei richtigem Verstande erblickte. Bei diesem Versuche vermied ich natürlich jeden Laut und andere Gestikulationen, die ihn zu dem Gedanken hatten verleiten kOnnen, dass ich argerlich w~re. Seine Handlungen lassen sich darnach nur durch seine schreckhafte Uberraschung über ein anscheinend unvernünftiges Benehmen erklären, d. h. durch die Vertetzung seiner Ideen von der Gleich-förmigkeit in psychologischen Dingen. Ich muss indessen hinzufugen, dass dasselbe Experiment bei weniger intelligenten oder empfind-lichen Hunden kein anderes Resultat gab, als dass sie mich anbellten. Ich halte dafür, dass das Gefühl fUr das Geheimnisvolle auch die Ursache des Schreckens ist, den viele Tiere beim Don-ner zeigen. Ich sehe mich hierzu veranlasst, weü ich einst einen Hühnerhund besass, der vor seinem Alter von 18 Monaten niemals donnern gehort hatte; als er ihn dann zum ersten Male vernahm, glaubte ich, er stUrbe vor Furch,, wie ich es bei andern Tieren unter verschiedenariigen Umstanden thatsachlich beobachtete. Ubrigens war der von dem ausserordentlichen Schreck hinterlassene Eindruck so gewaltig, dass wenn das Tier in der Folge aus einer gewissen Entfernung Artilleriefeuer vernahm, er es für Donner hielt; er bot dabei einen jammeriichen Anblick und verkroch sich entweder, oder sturzte nach Hause. Nachdem er aber zu wieder. holten Malen wirklichen Donner gehort hatte, wurde seine Furcht vor Kanonenschlägen grôsser denn je, so dass, obwohl er Freude. an derjagd hatte, nichts ihn dazu bewegen konnte, seine Hütte zu verlassen, aus Furcht, dass die Ûbung beginnen kënnte, wenn er eine Strecke vom Hause entfernt ware. Der in der Aufzucht von Hunden sehr erfahrene Wârter versicherte mich indessen, dass wenn ich ihn einmal dicht an die Batterie heranführen wollte, um ihn mit der wahren Ursache des donnerShnIichen Gerausches be-

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168 -

kantt zu machen, er wieder jagdfähig werden würde. Das Tier

jedoch, ehe ich den Ve—« —■--- -

Hiernach kSnnen wir al

lieh einen Sinn für das manchen Pferden, die a

lassen, fremdartige Laute

e begegnen. Derselbe :

,, unter shnlichen Urnst

d eines unerwarteten Leu

rckens erweckt, welches i Geheimnisvolle bezeichnnn dürfen.

starb jedoch, ehe ich den Versuch machen konnte.*)

»—' '"           ■ Mso einem intel'

5 Geheimnisvoll

auf einer dunk

e hdren oder e

Fall trifft auch

ständen, die u

*, .                ,                 ldS j"etleS G^h............v..,u,.,„gcn

Schreckens erweckt welches wir hier wie dort als Sinn für das

denen, unter shnlichen Umständen,

Derselbe Fall trifft auch bei Kindenn

irgend eines

Umständen, die unbestimmte Einblldung

hernach kSnnen wir also einem inteliigenten Hunde unbe.

Aisvolle zuschreiben; ebenso dunklen Strasse, sich selbst 'der einem ungewohnten An-t auch bei Kindenn «,, bei die unbestimmte Einblldung GefUhts eines unvernünftigen me dort als Sinn für das

ablie.en ware, bezweifle ich nicht gedieh.» Boden der Vorratskam-

Donner; dcrHund fOhUe ^i^^SX^^ ~~* \m v«m*n______«... . .....»eunrumgt; als Ich ihn aber

denkiich einen Sinn für das Geheimnfcvolle .schreiben, ebenso den, die a--'-■— --■■ -tige Laute Derselbe F chen Ums« meten Leid , welches w bezeichnnn

ihntc Folgen i einst Äpfel mer geschûttet wurden, verarxachte dies ein

auch manchen Pferden, die auf einer dunklen issen, fremd - -( begegnen, i, unter sh 1 eines une~ ckens erwec imnisvoll

) Das» die e im ~eringsten; denn „1s einst Äpfel auf den gediehen Boden der Vorräten,-

Uberlassen, fremdartige ^ — "1 ~ *"* ** *°» :e begegnen. Des ,, unter shnlichen d eines unerwartet, eckens erweckt, we eimnisvolle beze

*) Das* die erwähnte Folge nicht ausgeblie.en wire, bezweifle ich nicht

fremdarhge Laute hdren oder einem ungewohnten An-

-------m

unerwarteten Leids jenes GefUhts eines unvernünftigen

rIenntLVOmrUlnahm und « die "*'"- ü^ ^Geräusches kennen lernte, verhess ihn seine Furcht sofort und auf seinem Wege nach Hause that dasselbe Geräusch seiner Munterkeit weiter keinen Eintrag

I

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Elftes Kapitel.

Instinkt.

A. Definiton.

Ich will diesen wichtigen und ausgedehnten Teil meines Werkes mit der Wiederholung einer Definition beginnen, die ich schon in einer früheren Arbeit*) niedergelegt habe:

Instinkt ist Reflexthatigkeit, in die ein Bewusstseinselement hineingetragen ist. Der Ausdruck ist deshalb ein die Gattung betreffender, insofern er alle geistigen Fahigkeiten umfasst, welche bei einer der individuellen Erfahrung vorausgehenden bewussten und anpassenden Handlung beteiligt waren, ohne notwendige Kenntnis der Beziehungen zwischen den angewandten Mitteln und dem er-reichten Zwecke, aber ahntich ausgefuhrt unter ahnlichen und haufig wiederkehrenden Umstanden bei allen Individuen ein und derselben Art.

Aus dieser Definition des Instinkts folgt, dass ein Reiz, welcher eine Reflexthätigkeit hervorruft, über eine Empfindung nicht hinaus-geht**); dagegen verursacht ein Reiz, der eine instinktive Thatig. keit zur Folge hat, eine Wahrnehmung. Nach dem, was ich schon im neunten Kapitel ûber die Unterscheidung zwischen einer Empfindung und einer Wahrnehmung gesagt habe, wird meine Ansicht hier nicht mehr missverstanden werden. Wenn eine Wahrnehmung

*) Animal MeUigmcc p. io-«7.

«) Ith behauptt dies, weil ein totcher Re« auch weniger d. eine Empfindung sein kann, und er auch niemals das Feld des Bewußtseins M

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sich von einer Empfindung dadurch unterscheidet, dass sie ein geistiges dement enthält, und wenn eine Instinkthandlung in ganz derselben Weise von einer Reflexhandlung zu unterscheiden ist, so ist es einteuchtend, dsss ein durch Empfindung hervorgebrachter Reu sich zu emer Reflexthâtigkeit genau ebenso verhält, wie ein durch Wahrnehmung hervorgebrachter Reiz zu einer instinktiven Thatigkeit; denn wenn eine blosse Empfindung einer anscheinenden Instinkthandlung als Reiz zu Grunde läge, so konnte ex hypotlmi (meiner Definition gem~ss) die Handlung nicht wirklich instinktiv sein und umgekehrt, wenn eine Wahrnehmung als Reiz zu einer anscheinenden Reflexhandlung zu wirken vermochte, so kënnte (nach obiger Definition) diese Handlung keine wirklich reflektorische sein. Wenn wir demnach das Wort "Instinkt" auf Nervenprozesse bc schrSnken, welche ein geistiges Elnment enthalten, so folgt darau, dass dieses Element eben Wahrnehmung ist, und dass sich dieselbe stets in jedem Reize findet, der zu einer Instinkthandlung führt.

Mit Bezug auf die allgemeinen GrundsNtze der Ktassifizierung will ich noch folgendes anführen: Der an erster Stelle zu beach. tende Punkt ist, dass Instinkt geistige Operationen einschtiess, denn nur so ist es môghch mstinktive Tatigkeit von Reflexthätig-tot xu unterscheiden. Wie schon auseinandergesetzt, ist Reflex. thät.gkeit eine nicht-geistige, neuromuskuläre Anpassung an geeignete Reize; instinktive Tätigkeit aber ist dies und noch etwas mehr, * denn in ihr steckt das geistige Element. Allerdings ist es oit ' schwer oder gar unmoglich zu unterscheiden, ob eine gegebene Handlung die Gegenwart eines geistigen Elementes, d. h. eine be- fe wusste Anpassung, zum Unterschiede von einer unbewussten, in sich ' schliesst oder nicht,- dies ist jedoch eine Sache fur sich und hat nichts mit der Aufgabe zu thun, dem Instinkte eine Definition zu

^^t^J"i^^andrerseits vemUnftiges

Denken ausschliesst. Wie V.rchow richtig bemerkt, ist es sehr sshwierig, wenn nicht unmoglich, eine Grenze zwischen Instinkt-und Reflexhandlung zu ziehen; diese Schwierigkeit kann aber wenigstens auf gewisse Fälle eingeengt werden, in denen man zu unterscheiden hat, ob eine Handlung unter diese oder jene Kategorie der Den-

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4                                  ~ 171 -

nition zu setzen sei; denn es )iegt hierkein Grund zu der Annahme vor, dass irgend eine Zweideutigkeit in der Definition selbst vorhanden sei, welche zu Schwierigkeiten fuhren konnte. Deshalb ist es mein Bestreben, die theoretische Grenze zwischen instinktiver und Reflexthatigkeit so scharf als mog!ich ru ziehen, und diese Grenze liegt, wie schon gesagt, zwischen nicht.geistiger oder unbewusster anpassender Thatigkeit und einer solchen, bei welcher Bewußtsein oder Geist beteiligt ist.

Ich werde nun an einigen ausgewahtten Beispielen zeigen, was man unter der Vollkommenheit oder Unvollkommenheit des Instinktes zu verstehen hat, um zuletzt die wichtige Frage nach dem Ursprung und der Entwicklung des Instinkts zu behandeln.

B. Uer vollkommne Instnnkt.

Ein Instinkt kann als vollkommen bezeichnet werden, wenn er gegenüber denjenigen Lebensverhaltnissen eines Tieres vollstïndig angepasst ist, fur welche er existiert, und wenn es überhaupt ein Instinkt ist, so muss sich diese Vollkommenheit unabhängig von der individuellen Erfahrung des Tieres zeigen. Wir werden dies am besten erkennen, wenn wir die wunderbare Genauigkeit so vieler und komplizierter anpassender Tätigkeiten bei den neugebornen Jungen der hôheren Tiere betrachten.

Der verstorbne Douglas Spalding hat in seinen wertvollen Untersuchungen*) uber diesen Gegenstand nicht allein die Irrtum-lichkeit jener Anschauung, dass alle bekannten Beispiele von In-stinkt nichts andres als Fälle von schnellem Lernen, Nachahmung oder Unterweisung seien, ausser allen Zweifel gesetzt, sondern auch nachgewiesen, dass das Junge eines Vogels oder Saugetteres mit einer erstaunliehen Anzahl genauer, von dep Vorfahren erworbener Kenntnisse zur Welt kommt. Indem er z. B. Huhner aus den Eiern befreite und mit einer Kappe versah, ehe ihre Augen im stande waren, einen Sehakt zu verrichten, fand er, dass wenn er die Kappe nach ein bis drei Tagen entfernte, die Tiere fast ausnahmslos vom

*) MaomiUam Marine. HW. 187~.

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^r^cv?;ehrew Minuten bewegungslos **«**

der KZI          lit WCniger lebendig waren, 8,S V°rher in

nuT-n'/p k, i B Gesichtswahmehmungen der Entfernung und Achtung das Resultat der Erfahrung oder der in der

dolf STi 'fviduellenLebensgewonnenenAssozia.

honen sei. Oft schon n~ch zwei Minuten verfolgten die Tiere mit den Augen die Bewegungen kriechender Insekten, indem sie den Kopf m* der ganzen Genauigkeit eines alten Vogels hin und her wandten. Nach xwei bis fünfzehn Minuten pickten sie ereits nach irgend einem Fieck oder Insekt, indem sie dabei

irbi:tr Wahrhmung der Entfernung im au-

snr« jtt eme ursprUn*iiche Schicktich. kethnsichtllch der en Abmessung derDistanz offenbar-

Te^::™ kr\mTzu.erlangen'die jenseits **

Berachs lagen, wie etwa Kinder, die nach dem Monde greifen-dagegen trafen sie fast unfehlbar genau die Dinge, nach denen sie picktcn; sie verfehlten sie nie unfmehr als eLtLJSi und zwar nur dann, wenn die Flecke, nach denen sie zielten, nicht gresser oder sichtbarer waren, als der kleine Punkt eines i Die getroffnen Dinge in demse!ben Moment mit der Spitze des Schnabels festzuhatten, schien ihnen indessen weit schwerer zu fallen. IcZ allerdings ein Hühnchen einmal beim ersten Versuch ein Insekt ergreifen und verschlingen, weit haufiger jedoch kam es vor, dass sie fünf. oder sechsmal darnach stiessen und es ein- oder zweimal

aufhoben, ehe es ihnen gelang, ihr erstes Futter zu verschlingen "" -"-- \te Vermôgen, mit den Augen zu fite HUhnchen deutlich, welches, befreit hatte, etwa sechs Minuten _ .„._ dem Ausdrucke bewegungslos sitzen blieb. Als ich aber meine

^esond f b!          uTl mitden Augen 2Ü f°,gen, WUfde "*

besonders bei einem Hühnchen deutlich, welches, nachdem ich es

von der Kappe befreit hatte, etwa sechs Minuten lang mit leiden.

nmfWAlAn «i^.___l if i                 .. .

Sm£ r tdHerer ?ekunde!,auf *"gelegen »****-

wSrtsund rings um den ganzen Tisch herum. EinHuhnchen, mit dem ich einige Versuche mit Bezug auf den Gehorsinn angestellt hatte entkappte ich, als es nahezu drei Tage alt war. Etwasechs

Minuten sass es piepend und um sich

blickend

da, dann verfolgte

i

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- 173 -

es mit Kopf und Augen eine etwa zwölfZoll entfernte Fliege; nach zehn Minuten pickte es nach seinen eignen Zehen; im nSchsten Augenblick stiess es krâftig nach einer Fliege, die in den Bereich seines Halses gekommen war, und ergriff und verschlang sie auf den ersten Streich. Sieben Minuten spater sass es wieder rufend und umherschauend da; als eine Biene heranflog, wurde dieselbe auf den ersten Stoss ergriffen und stark beschadigt eine Strecke weit hinweggeschleudert. Zwanzig Minuten lang blieb es auf dem Flecke sitzen, wo seine Augen entschteiert worden waren, ohne dass es den Versuch gemacht hatte. sich von der Stelle zu hewegen. Man setzte es darauf auf einen unebnen Boden, innerhalb des Gesichts- und Rufkreises einer Henne, die eine Brut von seinem Alter anfUhrte; Nachdem es etwa eine Minute piepend dort gestanden hatte, lief es auf die Henné zu, indem es dabei eine ebenso sichere Wahrnehmung der Aussen** bekundete, wie nur je in seinem späteren Leben. Es hatte niemals nôtig, seinen Kopf gegen einen Stein zu stossen, um die Entdeckung zu machen, dass ,der Weg da nicht hinausgehe;; über kleine Hindernisse in seinem Pfade lief es hinweg, umging die grösseren und erreichte die Mutter in einer so geraden Linie, als die Natur des Bodens es nur erlaubte. Und zwar war dies, wie gesagt, das erste Mal, dass es sehend einen

„Als eins von meinen kleinen Zôglingen zwölf Tage alt war, Hess es, wahrend es in meiner Nahe herumlief, den eigentumtichen Ruf horen, womit die Vogel das Herannahen einer Gefahr ankun-digen; ich schaute auf und erblickte einen Habicht,, der in gewaltiger Hôhe uber uns seine Kreise zog. Ebenso auffallend war die Wirkung der zum erstenmal gehërten Stimme des Habichts: Ein junger Truthahn, den ich an mich genommen hatte, ats er in dem noch unerbrochnen Ei zu piepen begann, war am Morgen seines zehnten Lebenstages gerade damit beschaftigt, sein FruhstUck aus meiner Hand entgegenzunehmen, als ein junger Habicht in einem Kasten dicht neben uns ein helles Schip, Schip ertônen liess; wie ein Pfeil schoss der arme Truthahn nach der andern Seite des Raumes und stand dort bewegungslos und betaubt vor Schreck, bis der Habicht einen zweiten Schrei von sich gab, worauf jener^

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- 174 -aus aer offnen Thüre nach dem âusserten Ende des Ganges lief

ich if1 t fer ETcke/rchen zehn Minuten lang -blieb,

STlS^i^ ,ra ^ :* T:rhorte er jene beunruhigen-

Lapue «nd jedesmal mit. denselben Âusserungen der Furcht.

„Häufig sah ich HOhner ihre Flügel erheben, wenn sie nur wemge Stunden alt waren, d.h. sobald sie nur ihren Kopf aufrecht halten konnten, selbst wenn sie noch am Gebrauch ihrer Augen verhindert waren. Die Kunst nacb Futter zu scharren, die, wie i man denken tonte, eher als alles andere durch Nachahmu g e '

££■£ zT: r rHenne rait Küchieb *** >l j

Hälfte mrer Ze« dam« zu, ,hnen vorzuscharren), bildct nichtsdesto. weniger e» zweifelloses Beispiel von Instinkt. Ohne irgend eine Gelegenheit zur Nachahmung, beginnen Hühner, die ganslich isoliert gehalten wurden, an Alter von zwei bis sechs Tagen zu scharren. In der Regel war die Geaalt des Bodens einladend dazu; ichhabe öfters erste Versuche davon gesehen, welche wie eine Art nervosen Tanzes auf einem glatten Tische aussahen.«

die £ vraonCDr h aT SS**"*- ***** ^^

tLZ^u r msoamitgeteiitwurde.Derselbe

hess enuge Hühnchen auf einem Teppich ausbrüten, auf dem er sie dann mehrere Tage lang weiter hielt. Sie zeigten keine Neigung zu scharren, wahrscheiniich weil der Reiz, den der Teppichauf

hchen Instinkt m Wirksamkeit treten zu lassen. Aïs aber Dr. Thomson etwas Kies aufstreute und den geeigneten oder gewohnte^S, dadurch herstellte, begannen die Hühner sofort ihre scharrenden Bewegungen. Indem wir nun wieder zu Spaldings Versuchen zu. rackkehren, erfahren wir folgendes:

„A!s ein Beispiel von nicht erworbener Geschicklichkeit kann ich erwahnen, dass, als ich vier, einen Tag alte Entchen zuerst an die freie Luft setzte, eine derselben sofort nach einer Fhege schnappte, die sie auch am Flügel ergriff. Noch inte.

TZ 1 r mirJed0Ch * WOhlÜberl^e Kunstfertigkeit, mit der der schon erwähnte, noch nicht anderthalb Tage alte Truthahn die Fliegenjagd, betrieb. Er zielte bedachiig mit seinem Schna-bel nach Fhegen und andern kleinen Insekten, ohne wirklich nach

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I                                   - 175 -

■3   ihnen zu picken, und während er dies that, xitterte sein Kopf, ahn-

i   lich einer Hand, die man mit Anstrengung unbewegtich zu halten

1   sucht. Ich bemerkte und verzeichnete dies, ats ich die Bedeutung

i   davon noch nicht verstand; denn erst spater fand ich, dass es eine

j   unabandertiche Gewohnheit des Truthahns ist, wenn er eine Fliege

,1    auf irgend einem Gegenstand sitxen sieht, sich langsam und be.

1    dachtigen Schritts an das ahnungs)ose Insekt heranzuschleichen und :.!   seinen Kopf ganz behutsam und sicher bis auf etwa einen Zoll Ent-

2    fernung nach seiner Beute vorxustrecken, die er dann mit einem ;   plötzlichen Stosse ergreift."

4           Spalding stellte in der Folge noch mehrere Versuche mit

j    ahnlichem Erfolge bei neugebornen Saugetieren an. So fand er

■]    z. B., dass neugebome Ferkel beinahe unmittelbar nach der Geburt

■*   xu saugen suchen; wenn man sie etwa zwanzig Fuss von der Mutter

4    entfernt, so winden sie sich sofort zu ihr zurUck, wie es scheint,

5    geleitet durch deren Grunzen. Spadding steckte ein Ferkel un-$   mittelbar nach der Geburt in einen Sack, hielt es sieben Stunden 1   lang im Dunkeln und legte es dann ausserhalb des Stalles, zehn %   Fuss von seiner Mutter entfernt nieder. Es ging sofort !u dieser 5   hin, obwohl es an funf Minuten zu thun batte, um sich noch unter H   einer Stange durchxudrangen. Ein Ferkel, dem man bei seiner J    Geburt die Augen verbunden hatte, lief frei umher, obwohl es I   uberall anstiess; am nachsten Tage wurde ihm die Binde abgenom-5   men, worauf es im Kreise herumlief, als ob es das Sehvermogen |   gehabt, aber plötztich verloren hatte. Nach zehn Minuten war es t    von den andern, die stets zu sehen vermochten, kaum mehr zu d    unterscheiden; auf einen Stuhl gesetzt, wusste es die Höhe desselben g    abzuschatzen, liess sich auf seine Kniee nieder und sprang hin-!? unter.....

|           „Eines Tages, als ich meinen Hund gestreichett hatte, senkte

;>:    ich meine Hand in einen Korb, der vier bUnde, drei Tage a!te

?■    Katzchen enthielt; der Geruch meiner Hand brachte sie zu einem

1    Pusten und Pfauchen, das hochst komisch war."

|           Dem, was Spadding über das schon so fruhe Auftreten der

i    instinktiven Antipathie zwischen Hund und Katze anfdhrt, kann ich

j    noch hinzufügen, dass ich vor einigen Monaten einen Versuch mit

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Kaninchen und Frettchen machte, ganz ahntich mit dem von ihm

5SEST a und Kaue; in einem Anbau,dw eb weib.

uches Kaninchen mit einer ganz jungen Familie enthiett, Hess ich

em Frettchen los; die Mutter verliess ihre Jungen "

letzteren das Frettchen witterten, begannen sie ine..... «, „uimm

%z^:z^-^mM die Ursache dieserBe^

blosse Unbehage Mutter entstand.

idie ^stinktiven~Ani1

unterjf wmsManuskrip.

Jungen und sobald die witterten, begannen sie in einer so lebhaften

---------en, dass man die Ursache dieser Bewegung

offenbar auf Furcht zurQckfUhren musste und nicht etwa auf Z

di s a len

m

dua ordentlich merkwUrdig. Môge jeder, der an ihrem Vorhandensein

^■^T' WClches 8US dCT zeitwei,f^ AhWeSenheit der

tiven~Antagen bei Kätzchen dan

was ich unter Darwins Manusk

on angeborner Furcht oder Wild

Verl,,« H- „ -A -,-         beS°ndren Dbgea' 8°Wie aUCh

Verlust dieser >nd,v.duahsierten Leidenschaften, erscheint mir ausser.

Mit Bezug auf die mstinktivenjAntagen bei Kätzchen darf ich

i noch folgendes anfnw „. ^ ---------------------

finde: "Die vielen : bei jungen Tieren gegenuber besondren Dingen, sowle "auch der

auch noch folgendes anführen, was ich unter Darwins Manuskripten finde: "Die vielen Fälle von angeborner Furcht oder Wildheit

zweifelt, nur einmal eine Maus einem schon früh von seiner Mutter genommnen Kätzchen geben, das niemals eine gesehen hat, und beobachten, wie bald es mit gestraubtem Haar und in einer We* knum, die ganz verschieden ist von derjenigen, wenn es spielt oder wenn man ihm sein gewôhnliches Futter reicht. Wir konnen un mëglich annehmen, dass. das Katzchen das Bild' einer Maus ein. graviert in seinem Geiste mit auf die Welt bringe. Wie aber^

££*&? r: Tone des Jagdhoms ^^

und uns deshalb die Annahme nahe legt, dass die alten Assozia.

pen in fast ebenso schnell erregen, wie wenn ein plëtzliches Geräusch ihn stutzen macht: so, denke ich mir, zittert das Kat, besümmten vorgefassten Begriff vor Aufregung bei dem

chen ohne

Geruche der Maus, nur mit dem Unterschied, dass ihr die Einbil-

dungAraft vererbt wurde, statt nur durch Gewohnheit befestigt

Von den andern Beobachtungen Spaldings sind nur noch

diejenigen anzuführen, welche experimentell beweisen dass iun*e„

Äjir rhnHch ™ wird,:; ^

lehrt wird, sondern dass sie instinktiv fliegen. Diese Thatsache er.

itJt'^ S.?!l<!in8.,UBge Schwalben gefangen Welt, bis sie

denken,

%ge waren, und sie sodann entwischen Hess. Wenn wir bedenken,

i

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welche komplizierte Musketkoordinationen zum Fliegen erforderlich sind, so bietet uns die Thatsache, dass flügge gewordene Vôgel beim ersten Versuche zu fliegen verstehen, gewiss ein weiteres bemerkenswertes Beispiel von vollkommnem Instinkte. Allerdings werden unter gewohniichen Umstanden die Alten ihre Nachkommenschaft zum Fliegen ermuntern; die erwähnten Beispiele zeigen unsaber, dass eine solche Ermutigung oder Bevormundung nicht erforderlich ist, um die jungen Vôgel zur AusUbung jener Kunst zu befähigen. Die merkwOrdigsten hiehergehôrigen Fälle finden wir indessen bei den Insekten; wir brauchen somit auch nur einige wenige davon anzuführen. Rdaumur und Swamerdara behaupten, dass eine junge Biene, sobald ihre Flüge! trocken sind, Honig sammle und eine Zelle baue, so gut wie die ältesten Bewohner ihres Korbes. Zahllose Insekten bekommen niemals ihre Eltern xu sehen und «ihren dennoch instinktive Handlungen in vollkommncr Weise aus, obwohl dieselben vielleicht nur einma) in ihrem Leben vorkommen; so legt z. B. die Schluptwespe ihre Eier in den Körper einer zwischen den Schuppen eines Tannenzapfens verborgnen Larve, die sie niemals gesehen haben kann und doch aufzufinden weiss. Eine andre Art, die Wirbelwespe, Bembex, welche ihre in eine Zelle eingeschlossnen Jungen mit Futter versieht, hat neuerdings den Gegenstand einiger interessanter Versuche Fabr.. gebildet, über die wir folgenden Auszug bringen: ,Wenn dieses Insekt von Zeit zu Zeit frische Nahrung zu seinen Jungen bringt, so ist es bemerkenswert, wie gut es sich des Eingangs der Zelle zu erinnern weiss, obwohl derselbe fur unsre Augen mit demselben Sande genau so bedeckt ist, wie die ganze Umgebung; dennoch wird es sich niemals darin irren oder sich im Wege tauschen." Dagegen fand Fabre, dass wenn er den Zugang vom Sande befreite, sodass Zelle und Larve frei dalagen, das Tier ganztich in Yerwirrung geriet und seine eigne Nachkommenschaft nicht erkannte. Scheinbar kannte es die Thüren, die Kinderstube und den Zugang, nicht aber sein Kind. Einen andern scharfsinnigen Versuch machte Fabee mit der Mörtelbiene, Clvlicodoma. Diese Art befindet sich in einer Zelle aus Erde eingeschlossen, durch die sich das junge Tier nach eriangter Reife hindurch frisst. Fabee fand, dass wenn er ein Stuck

Romano», Kntwloklung do» üetites.                                                   12

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dSfrl (,ieeZeUe kle,bte, ?Slmekt Skh oh- Schwierigkeit hi». durchfror wenn er aber die Zelle mit einer Papierlage in de, We,Se umgab, dass ein Zwischenraum von aur wenigen uZ zwischen ihr und der Zelle bestehen blieb, so bildete das P^i, ein wirkliches Gefängnis, denn der Instinkt des Insekts lehrte« wohl eine Umhüllung durchbeißen, es besass aber nicht Witz g, nug, um es ein zwcites Mal xu thun."                                 8

Ein Beispiet von vollkommnem Instinkt aus der Insektenweh

e, scheint mir, g ' -n worden xu sei du, ungeheure Masse der Instinkte, die samttich mit den verschi*

welches ich fiir hûchst merkwardig halte, scheint mir, gerade"^ seiner HW** scither ganz übersehen worden xu sem; ich met

irrtig,rt«L!,bens»rohnh<!iteu jener Insekten verknupft ^ "*<**

eine vollständ.ge Metamorphose durchmachen und sofort fertig i. AWon treten, sobald das vollkommene Tier aus seinem Puppe stadium heraustntt. Der Unterschied ..wischen dem früheren Lebe. als Larve und seinem neuen Leben aïs Insekt ist sicher ehenso gross, als der Unterschied zwischen zwei Tieren, die ganz verJ

Lt1rherAbdie1UHZX^' f ^ T ^ A"PMW»

C Der unvollkommene Instin.

stin.t.

stinktICkeirtL7erst ™ ^ ****** "^ *" der h-stinkt kern unfehlbarer Führer ist, und wahte zu diesem Zwecke

ttiirirr; jeneri,mt:Dkte,die wir im ****** * *»*

festesten halten, weil sie für die Wohlfahrt der Tiere bezw ihrer Nachkomme^ von der hëchsten Wichtigkeit sind: ich '£

die Instmkte der Fortpflanzung und des Herbeischaffens von Futter. Die Schmetssfcege [Musca camaria) legt ihre Eier in die Blüten der Aaspflanze (%* Hm*), deren Geruch faulem Fleische

der

àhnelt und hierdurch die Fliege täuscht«) Auch hat man schon beobachte,dass die Stubenfliege ihre Eier in Schnupftabak legte. *) Er. Darwin, übonomm I, § l6f „.

i

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^                                      - 179 _

$ Der Rev. Mr. Bevan und Miss C. Shuteleworth schreiben :-i mir, unabhangig von einander, da«s sie Wespen und Bienen auf ! gemalte Tapetenblumen fliegen sahen, und Trevellian beobachtete *) denselben Irrtum bei einer Motte. Swainson berichtet in seinen $ »Zoological Illustrations« über einen Shnlichen Fall bei einem Wir-4 beltiere. Ein. australischer Papagei, welcher seine Nahrung aus den j Blüten des Eucalyptus nimmt, versuchte seine Celüste an den Ab-t bildungen jener Blüte auf einem Kattunkleide zu befriedigen. -■! Ebenso teilt mir Prof. Mooeley mit, da» honigsuchende Insekten ■| auf die hellgef~rbten Lockfliegen zuflogen, die cr wahrend des -1 Fischens an seinen Hut gesteckt hutte, und Buronn schreibt in der ^ „Mure"% dass ein SchwSrmer, das Karpfenschwanxchen {Macro-4 ghssa stelhlarun), die künsttichen Blumen auf einem Damenhute 1 für wirkliche hielt; Couch beobachtete sogar, dass eine Biene ij eine Seeanemone (Jialia crassicornk), die nur an ihrem Rande mit j< Wasser umgeben war, für eine Biume hielt, in den Mittelpunkt der 1 Scheibe drang, "und obwohl sie die grossten Anstrengungen machte, I wieder frei zu kommen, doch zuruckgehatten, ertrankt und dann

4  verzehrt wurde".

$ Die von Darwnn im Anhange dieses Buches erwahnte That-£ sache, dass die Arbeiter der Hummeln die Eier ihrer eignen Konigin 1 zu verzehren suchen, verdient ebenfalls als ein bemerkenswertes I Beispiel von unvollkommnem Instinkte hervorgehoben zu werden.

5   Huber sah einst eine Biene ihre Zelle !n falscher Richtung bauen, j und andere Bienen sie deshalb wieder zerstëren. Auch hat man | schon beobachtet, dass Bienen, statt Pollen, feines Roggenmehl f sammelten, wenn es feucht war. Das Pollensammeln ist nach

1   Gebien überhaupt die schwache Seite bei Bienen; sie sollen

3   namiich „nutzlose Haufen davon zurUcklegen, welche sie von Jahr

\\   zu Jahr vermehren, und zeigen dadurch in der That einen Mangel

:]   an Klugheit«.

j         Darwins Notizen enthalten einen kurzen Bericht ûber eine

jj   Reihe von Beobachtungen bei Ameisen (Formka rufa), die Puppen-

*   haute unter einem grossen und anscheinend nutzlosen Aufwande

I ') xvn. p. 262.

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.80 .

nahm eimgen Träger» die Häute Nghe des Nestes; die

tragen. Er

weg und legte sie wieder in die

Nestes; die nächsten daran vorbeikommenden

von Mühe weit weg vom Neste, selbst auf Baume

«gern die "--*-

s; die n»

essen wiec

Fall von i

iient nach Ameisen, welche Galläpfel einer kleinen Art Oynips in ihremn~^

schafften sie indessen wieder fort. Dies

Ameise«

r

hinzusetzen, ein Fall von

scheint, wie jene Notiz« ,

Bezeichnung verdient nach Mogg

fehlerbaftem Instinkte zu sein.

Dieselbe

Ameisen, welche Ga= 2^Z ZTl^T^

SJTTk "***"**' ^ offenbar m Nflsse hütend. ,„ ; r! an,nu^en Innung befangen, sammelten sie auch kleine

2£ tÄE" p*"8 ibm *""-to ih™E*

■-

Unter den Vögeln finden wir einen irreführenden Instinkt beb A

Nestl, ' -              r"

Junge >rt das ner de; »gel h

Kuckuck, wenn er zwei Eier in dasselbe Nest legt, mit dem unaus. >

*.......'" '                                en .pater das andere '

iB Verlegen der Sier er Irrtum, dass kleine häufig für einen Ha.

von irrtümlicher Instink* ^„T ^ ^ Zahllo->

^1? ^ .*"*» eine der J""«- W *» andere e Kategorie gehd.........

:hen Srrausses; feit

- - ., ungewohnten Vo

brcht halten, wie ihre Angriffe auf ihn

s^rlt In fe\e Kategorie gehdrt das Veri^' <* S seitens des araenkanrschen Srrausses; femer der Irrtum, dass kleine

Vdgelemen grösseren, ungewohnten Vogel haufig fi/r einen m

!» Ancrnflfn *i»f IL- i___                 — . ..

r ,«

werde7 ^IT" T" "' * ***«*« Instinkt erachte, werden, wenn der norwegische Lemminp ^— —i--^ ■ , . .

in die See ~inauszus >nen zu Grunde geh r unvollkommne Insl «ca. wie Darwin im egeben, obwohl sie g aussetzen. Die e pitzmaus, welche "s 'ihr nahert., lieferte »L Die Instinkte der mir gleichfalls unvol gebildet zu sein, de btiere sie auf freiem einfach so zu, dass das Kaninchen langsam

V.erfüssler m Südafrika, wie Darwin im Anhange b

diese Tiere zu Millionen zu Grunde gehe, Unter gewinn u*

lkoI----------... . .

eD

,o;

tzen

«. v ,ert. Ins

len, wenn der

norwegische

m Wanderungen in die See

i Tiere zu Millionen zu Gr

len zeigt sich der unvollkom

ussier m Südafrika, wie D

die Wanderung begeben, ob

I» der Verfolgung aussetzen

«ff> erwähnte Spitzmaus, w

t, wenn man sich ihr nahert.

besseres Beispiel. Die Insl Peseln scheinen mir gleichf

vollstandig ausgebildet zu >, wie diese Raubtiere sie a zwar geht dies einfach so ~inhertroddelt, das Wiesel bequem hinterdrein, bis jenes sich "end-

werden, wen», der norwegische Lemming dazu verleitet wird, bei

hinauszuschwimmen, infolge d~ssen *nde gehe, Unter gewissen U» mmne Instinkt auch darin, dass die arwin im Anhange bemerkt, sich bwohl sie sehen, dass sie sich da-' Die ebenfalls von Darwin b welche "sich stets durch Schreien '.liefert ein anderes und vielleicht tinkte der Kaninchen bei Angriffen falls unvollkommen oderwenigstens

™, w» u,ese votiere sie auTfreiem Ikt.TT "" ?* und zwar geht dies einfach sol^s ^AA

bi

?ir

`1

Verfolgung aussetzen. Die ebenfalls von Darwin im

ttnge.en7 shpiraus,welche "sich *«* *«* ££

verrät, wenn man sich ihr näh«*« U.&- „.v ..J_.. UJjd vielleicht

Angriffen

verrät, wenn man sich ihr nähert., liefert ein a de es noch besseres Beispiel, ~ * - ■

Beispiel. Die Instinkte der Kaninchen bei

■ ~ ,-i[0

■iil

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- 181 -

lich geduldig überholen Hast Es scheint hier bezügtich der Instinkte dieser sehnellfüssigen Tiere ein auffallender Mangel an na-türlicher Zuchtung zu bestehen; ein Mangel, dem mit der Zeit ohne Zweifel abgeholfen werden wurde, wenn sich die Wiesel gegenüber der zahlreichen Nachkommenschaft des Kaninchens hinreichend vermehrten, um der natürlichen Züchtung Gelegenheit zu geben, den Fluchtinstinkt vor diesem eigentümtichen Feinde zu vervollkommnen.

Viele andre Beispiele von unvollkommnem Instinkte kûnnten noch angefiihrt werden; ich halte aber die gegebenen fUr genUgend, um den Hauptpunkt ausser Zweifel zu stellen, dass, obwohl gut ausgebildete Instinkte in der Regel mit erstaunlicher Genauigkeit bestimmten und haufig wiederkehrenden UmstNnden angepant sind, die Anpassung lediglich für diese letzteren gilt, so dass eine ganz kteine Abweichung davon hinreicht, den Instinkt auf Abwege zu führcn. Audi ist die weitere, hierher gehörige Thatsaehe von Interesse, dass kleine Abanderungen im Organismus selbst, welche sich bilden, wenn derselbe sich eine Zeit lang nicht im normalen Verkehr mit der Umgebung befindet, schon genügcn, den feinen Mechanismus des Instinkts ausser Gang zu setzcn, wenn in der Fotgc die früheren normalen Verhaltnisse wieder eintreten. Diese Thatsaehe trifft z. B. haufig bei gezâhmten Tieren zu, die sich, wenn sie wieder in ihre ursprüngliche Behausungen zurUckkehren, hier anfängtich keineswegs zu Hause fuhten; sie zeigt sich aber noch viel schlagender in einigen Versuchen Spaldings. Derselbe schreibt:

„Ehe ich auf die Theorie des Instinkts eingehe, glaube ich auf einige unerwartete und noch nicht genugend beobachtete, jedoch sehr anregende Erscheinungen im Laufe meiner Versuche aufmerk-sam machen zu dürfen, welche mich in der Meinung bestarkt haben, dass die Tiere nicht bloss lernen, sondern dass sie auch vergessen konnen und zwar sehr schnell das, was sie niemals praktisch ausfdhrten. Femer scheint mir, dass irgend eine frühe Unterbrechung ihres normalen Lebenslaufes ihre geistige Konstitution ganz und gar zu derogieren vermag und eine Reihe von Manifestationen hervorruft, die oft vollstandig und seltsam verschieden von denjenigen sind, welche sich unter den gewôhntichen Bedingungen gezeigt haben

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- 182

Psychologen darauf bedacht sein sollten, die Fähigk

hnlich*> Fensums, r an der nicht hinlä

nige Versuche gege en. Ohne den Be ' ich nur ein paar rftung dazu vermag d '~tigkeit; (Herbert *e Reflexth%keit). lass wenn das Kind legt wird, es bald Ebenso hört ein H wenn es denselben s Lebens vernahm.

wie iches~ ^^"T:™^:^^

eses] ts zu tenz erwä ugen >kt ft, bekan: nicht :u ne

ersten acht bis zehn Tagnn seines Lebens vernahm.

«, dass e                            S

=hen schie len, mäch Ohnc An me Reflexi »mmengese hatsache, e Brust g -, vcrliert. mehr auf den Ruf drr Mutter, wenn es denselben nicht' in den

achtung dieses Punktes J „            hinlänglichen Beob.

a~ r , ,          Unkte,' dass eim&e Versuche gegen die »-if«.

"ienen. Ohne den ~

Ate ich nur ein p*

Leitung dazu verma

«th~tigkeit; (Herbe

-tote Reflexthätig,«

, dass wenn das K gelegt wird, es ba

"tTl™*^ Ebm0 hört ein H^nchen nicht

Säta> ,„,«♦              ,,                en. Ohne den Beweis für diese

Sätze antreten zu wollen, mächte ich nur ein n,',, uuJ"

en. Ohnc Anleitung dazu ve - eme Reflexth~tigkeit; (Her

~. ^ ^nSzr^TReflexthäi

/TlA Du..L     ___1                . .

I^;.^- * * - d« Annahme geneigt, dass die Tier.

Ver 1 Fri

ieob aliti

dies, 3rigf »orne

hat

t e ge

gkeii

nicht den

iure,

die Notiz von Pin,m r„ "'ü """ """" kÖmten; ic,J finde jedoch «u einem «mincnen, welches nicht ** ■■

des Instinkts zu sprechen ^nX ^IfT^f* -"- ""hte ich nur ein p nleitungdazuverra «h~tigkeit; (Herb seme Reflexth%l . dass wenn das 1

dass b dieser Richtung meinV^h^ir^r:,1011 ^

sie sein künnten;

folgte ih. und versuchte es

Tage alt war; die Henne

gebracht werden konnte, ^V^T^T ^ »«»? *

-------- ......ile es in jeder

tndig und lief z or die Augen k, 'eige wiederholi war, und wen ieselbewiederu, all mit drei Hi

befreite, zeigtet" alle dal giSe^LSSn J"' ^ * V°" jener

es mi rm „ :^;eAur^am; dabei bliebes, «^

ha« ^ande"^                                        «"*»

untersetzte, verliess es diesel e wtderm1*1 M?** ""cto merkwürdiger war der P^tlSZ^?^ ^

Kappe hielt, bis sie vier

Hühnchen, die ich unter der

Fw - i^^rn: ?-".*-

Eins schoss hi         * * r>

drückt lon/fA *7«:*. _ j_.. ,                             *

das, wie ein wilder Vogel,

Vogel.

,worden waren, «e las Glas, wie ein w

>d blieb dort, in ei

to. Es könnte;

men und ausnahm»

einstweilen die merkwürdige ThaUa'che""186"1 gegenWäl

auf dem sie von A.r v 7 / ™ versuchte. Der Tiscb, m aem s,e von der Kappe befreit worden «««. -.«,.....

jedes stürzte gegen das Glas,

hinter einige Bücher und blieb ■

> Zeit niedergekauert sitzen, E

«deutung dieser seltsamen und i

«vi.,

1

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i

- 183 -

ihr Sinn gewesen sein mag, so viel steht fest, dass wenn ich die K PPe am Tage vorher entfernt hätte, sie zu mir, statt von mir w« wnuwt sein wUrden. Ihr abweichendes Benehmen konnte aber keine Wirkung der Erfahrung sein, sondern ist unbedingt ah durch Veranderungen in ihrem Organismus bedingt aufzufassen «

tn der Folge hielt Spalding versuchsweise junge Enten einige Tage, nachdem sie ausgebrütet waren, vom Wasser fern; aïs er sie dann zu einem Teiche brachte, bezeigten sie einen ebenso grossen Widerwillen gegen das Wasser, wie junge HUhner.

Die Veranderungen, welche sich in den Instinkten mannticher Tiere nach der Kastraiion zeigten, gehôren ebenfalls hierher, namentlich die Neigung von Hahnen zum BrHten und andere Gewohnheiten der Hennen. Nachstchendes cntnehme ich einer neuer. dings veröffenttichten Arbeit von D, J. W. Strodd von Port El, zabeth, welcher die Folgen des Kapaunisierens sehr sorgflutig beobachtetet                                                                       j n „Schon Aristoteles erzählt uns von einem Hahn, der alle Pflichten einer Henné erfüllte [Jlist. An. Üb. IX. 42). Auch PH-nius spricht von der mOttertichen Sorgfalt, die ein Hahn jungen Hühnchen zuwandte. Er that alles fUr sie, sagt er, gleich der wirklichen Henné, welche sie ausgebrUtet hatte, und hOrte auf zu krahen. (7hm.. L 299-) Albertus Magnus bezeugt dasselbe, und Aehan (IlU IV. 29) herichtet von einem Hahn, der beim Tode einer brütenden Henné sich der Eier annahm, auf denselben sass und die Hahnchen ausbrUtete. Willoughyy erzahtt (Nat. IM), wie er mehr denn einmal, nicht ohne VergnUgen und Verwunderung, Zeuge davon war, wie ein Kapaun eine Brut Hühnchen aufzog, sie *L einer Henne lockte, sie futterte und sie unter seine Fluge nahm, mit einer ebenso grossen Sorgfalt und ZärtHchketf, wie es nur Hennen thun kOnnen. Einmat an diese Pflicht gewohnt,^

i Baptista Rosa (Magia Nat. IV. 26), wird ein Kapaun sie niemals * vernachlässigen, und wenn eine Brut aufgewachsen ist, so kann ihm ! eine neue Brut frisch ausgebruteter Huhnchcn anvertraut werden; er wird sich ihrer annehmen und dieselbe Sorgfalt auf » verwen-i den, wie auf die erste. Reaumur weiss von âhniichen Thatsachen 1 zu berichten, auch von der Neigung der Kapaunen zum Brüten.«

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- 184 -«J!,D'nr"1 MaDUSkriptC" finde » «* Mn- Beispiel

„April 1862. Wir batten ein r Mutter \

Mo»." " »„ .            „ * ""'Sada K*tehM' '"■ es

Kate «ale«. ' v~ T"."T' ""*«»»»«» »d «„ ^ ,

ein«

g** V.„ d„ ^„ =-"-_- - «*.

,es Alters Sai'gvers bei einer andern

oder Erfahrung y^^^Z^^T^ ^.^

**.....               "           che

unge rung

üählt Dr. Rengger noch ein merkwfln^^"*«™*

Paraguay« cr.

sn Katze ges

t_ „ . ._                  »...uug abgeändert werden."

In semer "Naturgescbichte

1« ..._"!           ' ErfahrüI>g abgeändert

natürliche u^a, TZ^l?] f ^ V°° *" lndividuun, hervorgebracht war. «Sc ^ ^^^ *

*er angegebnen

latuung gebrach

ein trächtiges <

Junge zur Welt,

rem eignen Hei,

er Instinkt, wie

arm, wenn sich

Lebensverhältnis

>ei Mäusen und

noch viele.                                 abgesetzt sind, giebr es natürlich

geschah in irem eignen Heimatland,

Iw WT ?er Instinkt,wie der ml

enert werden kann, wenn sich das Indi n verUnderten Lebensverhältnis be*

zur Fortpflanzung gebracht werden, und als »Weibchen fing und *. ft- sie aber als. eimatlande und «igt,

... _.........WUBI1 Kann wp . j fr mü««liche, in

-ige Monate in verUnd^ T££^™»T-

gelegentlich ein Herr Nozed. ÄlS emschlos, brachte es wohl vier Junge zur Wd

hohem Sde al eri f Tf" "^ * dM «^ " JZl ;. altenert werden kani>. vvenn sich das Individuum - °

Ȁr.tsHS????

.*i

Ich halte es fUr überflüssig, allgemeinen Satz beizubringe

noch

weitere Beweise ftlr den

(Wc ♦            beizubringen, dass eine Störung der instinktive

Organisation entsteien iann, wenn ein TW „JJr,"™**n

^-zu .„er ccv:esc;::rs

^wertes Beispiel von StönLg der in« emem Tiere anfuhren, welches anscheinend

!"J0l.j8täncHg norffialen Beziehungen zu seine:

" -u eie Störung so bedeute

w VVahnsinn bezeichnet w

alogisches Beispiel, ist es 1

Unvollkommenheit des Instinktes m ^^

befand, und^ zwar wai di<»StörungJ "0^^^^ ** ;n Fall von VVahnsinn beTeichnetwerde" ein pathologisches Beispiel, ist es nichfc,ucsro uns die Unvollkomr, "                       ««««weniger

passend als ein Fall

wohl demnach ein patholo ach« B                     . en darf. °'

brauchbar, um uns die UnfolnLüS'f ? ^^^nig,

sie ganz darf. Ob-

m

n

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- 185 -

]   der einige Unterschied wischen ihm und den oben erwahnten

°|   Fällen besteht nur darin, dass die abandernden Ursachen inner.

t   liche statt ausserliche waren. Der Fall wurde mir von einer Dame

J   mitgeteilt, die der Natur der Sache nach ungenannt zu bleiben

1   wûnscht; ich bediene mich jedoch ihrer eignen Worte:

*            „Eine weisse Pfauentaube lebte mit ihrem Stamme in einem 3   Taubenschiage auf unserm Hofe. Männchen und Weibchen waren j   ursprüng)ich aus Sussex gebracht worden und lebten, angesehen und ;   bewundert, lange genug, um ihre Kinder in der dritten Generation Ä   zu sehen, als der Tauber plötziich das Opfer einer Bethôrung

    wurde, die ich jetzt erzählen will. Keinerlei Excentrizitat war in

\   seinem Betragen bemerkt worden, bis ich eines Tages irgendwo

%   im Garten zufällig eine Bierflasche von gewohntichem braunen Stein-

|   gute fand. Ich warf sie in den Hof, wo sie unmittelbar unter dem

i   Taubenschlage niederfiel. In demselben Augenblicke flog der Pater-

;i.   familias herab und begann zu meinem nicht geringen Erstaunen

i   eine Reihe von Kniebeugungen, augenscheinlich zu dem Zwecke,

|    der Flasche seine Verehrung zu bezeigen. Kr stolzierte um sie

\    herum, indem er sich verbeugte, scharrte, girrte und die spasshaf-

\    testen Possen vollführte, die ich jemals von seiten eines verliebten

\    Taubrichs gesehen habe; auch hôrte er damit nicht auf, bis wir

I    die Flasche entfernten, und dass diese eigentumiiche Instinktver-

I    irrung zu einer vollkommnen SinnestSuschung geworden war, erweist

\    sich durch sein weiteres Benehmen; denn so oft die Flasche in

\    den Hof gebracht wurde, einerlei ob sic horixontat zu liegen oder

\    aufrecht zu stehen kam, begann die lächerliche Szene von neuem;

i    der Tauber kam sofort und zwar mit derselben Schnelligkeit, als

i    wenn ihm seine Ërbsen vorgestreut würden, heruntergeflogen, um

i    seine lacherlichea Bewerbungen fortzusetzen, so lange die Flasche

t    überhaupt dortblieb. Manchmal dauerte dies stundenlang, wahrend

l    die andern Mitglieder seiner ramilie seine Bewegungen mit der

l    verachtlichsten Gleichgültigkeit behandetten und keinerlei Notiz von

l    der Flasche nahmen. Wir hatten demnach gute Gelegenheit, unsre

\    Gäste mit den Liebesbezeugungen des vcrrückten Taubers einen

i     ganzen Sommertag zu unterhalten. Ehe der nachste Sommer heran-

|     kam, war er nicht mehr."

i ;

!

F

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- 186 -

Es ist einleuchtend, dass derTäuber von einer ausgebildeten

?entti - - -ahnsi einzig

slrl! II T1 !*!!.., vemilnftigen.-7 wenn wir nicht die

und ^hattenden Mouomanie hinsichtlich jenes eigentlichen Gegen.

ntlich Wahnsinn bei ~ och der einzige mir 1 augenfälliger Storung der instinktiven Fahigkciten zun,

standes befallen war. Obwoh! bekanntlich Wahnsinn bei Tieren

hfeT L ,» wah"Slr,nS' dCT Kind~« u. s .. hierher zahlen dürfen, die bei den Tieren vielleicht noch öfter vor kommen, ais bei Menschen.

Mit Bezug auf den unvollkommnen Instinkt haben wir üM gens noch wchtigere Punkte berücksichtigen, als eine Auf*.!,.

lung vonFällen, in denen

der Instinkt sich, wie wir gesehen

A**f nlli«.....' _ TT»         * ■                   _

haben.

kommPnLr^ wT derfgemeinenBezeich"«ngderünvoll. kommenhe.t des Instinkts umfassen wir zwei ganz verschiedene Arten von Hrscheinungen. Instinkte sind nâmlich unvollkommen entweder, weil sie noch nicht vollstindig entwickelt wurde^X'

* erscheinen so, weil sie nicht durchaus einem Wechsel jener

■' ' welche sie zur Uberhaupt ont.

Lebensverhältnisse entsprechen, mit Rücksicht auf welche sie zur vollen.Entwicklung gelangten. Wenn nun Instinkte Uberhaupt ont. wickelt worden sind, so müssen sie offenbar verschiedne Stufen der

gelangten, deshalb darfen «or erwarten, einigen noch nicht voll-

kommenen Instinktformen zu begegnen, Formen, die von den b*

n abw-'-'........

faring

ickelt noch nicht vollstandigenAusbildung des lnsiinkts. Dies dürfte be.

^öT^ZTZ^^' dS ihre Fehlerhafti^ nicht

der S J ^?gCn entSteH mit RÜcbicht auf welch« der^ Instinkt nicht entwickelt wurde, sondern aus der thatsachiieh

fc«*

ltLte Wntkr- tr T «*' deren ™**^ nicht von v,telerJ'jht.gke.t_fllr die Art ist, und die deshalb durch die

Eine gute Illustration dazu bietet der Ltinkt der BtaTV Drohnen zu tôten, offenbar besteht der ^ ScJ

^^JT °:r rden.Eine schwierigere **■ *

aber die, warum jene nutzlose Mäuler überhaupt je in die Exist™ der bestehenden Anzahl der Mannchen und dem einzigen <rucht.

3

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— 187 -

l baren Weibchen auf eine Zeit zurackweist, in welcher die sozialen I Instinkte noch nicht so kompliziert und befestigt waren, und die ;! Bienen deshalb b kleineren Gemeinschaften lebten. Diese Erklä-' rung klingt sehr wahrscheinlich, obwohl man vielleicht hätte er-; warten dUrfen, dass die Bienen einen ausgleichenden Instinkt aus-: bilden konnten, ehe diese Entwicklungsperiode erreicht war, sei : es um die Konigin nicht so viele Drohneneier legen zu lassen, oder \ um die Drohnen noch während>re! Larvenzustandes zu vernichten. :; Wir dOrfen auch nicht übersehen, dass bei den Wespen die Männ-l chen arbeiten, wenn auch hauptsachlich fUr hausliche Zwecke, wo-i gcgen sie von ihren fungierenden Schwestern gefüttert werden; ! sonach ist es mSgtich, dass auch bei der Honigbiene die Drohnen : ursprüngtich nützliche Glieder der Gemeinschaft waren uod erst j spater ihre anfangtich nützlichen Instinkte verloren. Welche Ër-■: kUrung nun auch die richtige sein möge, immerhin bleibt es merk-I würdig, dass wir in diesem Falle bei Tieren, welche mit Recht ; ais im Besitze der hôchsten Vollkommenheit des Instinktes ange-: sehen werden, das flagranteste Beispiel von unvollkotnmnem Instinkt { antrefîen. Es ist um so auffallender, dass jener Drohnen-tötende ; Instinkt sich nicht wenigstens in der Richtung entwickelte, die Drohnen J zu einer vorteilhafteren Zeit zu toten, namiich in ihrem Larven-! oder Eierzustande, als derselbe Instinkt in vielen Beziehungen zu l einem hohen Grade unterscheidender Feinheit ausgebildet wurde. :           Aïs letztes hierher gehëriges Beispiel wahten wir das folgende

! von Spaldin:: "Noch ciné andere anregende Klasse vonEsschei-'■ nungen, die zu meiner Kenntnis kam, kann als unvollkommner ! Instinkt aufgefasst werden. Mein eine Woche alter Truthahn traf > auf eine sich gerade in seinem Pfade befindende Biene, wahrschein-; lich die erste, die er je gesehen; er stiess dabei den eigentümlichen, Gefahr andeutenden Ruf aus, stand einige Sekunden mit vorge-i strecktem Halse, legte einen starken Ausdruck von Furcht an den Tag und wandte sich dann nach einer andern Richtung. Auf diese Andeutung hin machte ich eine grosse Anzahl von Versuchen mit HOhnern und Bienen. In der Mehrzahl der Falle gaben die HUhner eine instinktive Furcht vor jenen stacheltragenden Insekten zu erkeanen, die Resuttate waren jedoch nicht gleichmSssig, und die

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- 188 -^egenaue Auskunft,.die ich im

die, dass sie sich un*ewiss. ^ ^„SÜS.^ ^ * genügte es, i» Argwohe ft

besondhT' ^ ,ü ------------w" "CiW Ameisen ^weichen,

besonders wenn dieselben in grosser Anzahl henimschwärmen.«

".Ti88' .SCheU Und misstrauis<* zeigten. Natur-n einziges Mal j

rechtfertigen. Z ÜL^LÜ!.1"/6^6» Weise A« reichen,

lieh genügte es dass sie ein einziges Mal gestochen wurden, um es auch vor, dass sie in derselben Weise Arne,™ „,

In ähnlicher Weise und zu Lebzeiten des Individuums fand

*k«~ a;—' senden Truthahn d ganz analoge ■kte des Kindes. rechter Stellung

wird erst nach fortgesetzt Ans*....... ""'" u-V«^g«> dazu

Worh«» bMU«^„» ...j , " enguigen, etwa in der zehnten

Spadding bei dem bereits angeführten fliegenfangenden Truthahn

»egnffenen Instinkt, und ganz analoge

rEntwicklung der Instinkte des Kinde,

beim Men,,.,™ ► t                ** Kopfes in aufrechter S^H

beim Menschen instinktiv genannt werden, denn das Vermôgen --

keinem oder

Woche, envorben und in der Folgern" der i stufen " ' n führt immt. teil jen » anne >et er j Erlernu »'Bei' nstinkte id, als liehen spreche vie Da: heorie g benu näher , schränk en, und

gackln sie ein Li j£ hat, des Fasanenhahne8( ^ vor

Preyer beschreibt den stu«enre~icT rn ""i^"' """""■fc commensten Stadium m^J^^ZZfiT" *** Anspruch nimmt. Derselbe Autor sagt, d «g den Vorteil jener Haltung finde und < er beständiger annehme, bis sie durch Cht ch verkennet er ganz damit übereinstimr üghch der Erlernung von Sitzen, Laufei

-u.SW/) Bei Tieren im Naturzustande htens alle Instinkte, welche offenbar von 1 n Nutzen sind, als unvollkommen betracht

er 1 lere entsprechen. Solche Instinkte sin«

, wie Darwin im Anhange beim

;en seine Theorie von der Entwicklung d

Gierigkeit LTl^V^la *ache zu beschränken, dass Instinkte von , « vorkommen, und dass sie, als zwecklo-

«-. f* ^^ *.«-*-*-*-

Wochen in Anspruch nimmt. tw.,,.. " Ur° ^ Ctwa sechs

uf"' .....

»i / b< G 5r

>g :n n

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to

l'l: zweckloser Art vorkommen, und dass

zuerst zufiüli* den v«*.i '■ ^Z^ AWOr ***' dm dasKind Jlfl f V V.°rteÜ Jener Haltung fintle und die

^h Übung übereinstimme; tzen, Laufen, Naturzustande d ETenbar von kei Men betrachten ier jeweifigen ] Instinkte sind : nhange bemerk ntwicklung des Ich werde sp aufer TS -J— "— «««» "« ^be ich mich nur Z2LL ^ "J" beschränken> *™ taAte von anscheinend

wegen immer beständiger J^JT8, ^ ."* diesdbe des.

Itht btzütlicTdl?

Stehen, Gehen u. s. w.

meines Erachtens alle

nur geringem Nutzen s

sie keinem augenschen

Angungen der Tiere e

sahireich und können,

Einwurf gegen seine T

iurch natürliche Ziichtu

auf diese Schwierigkeit näher eingehen hier habe ich

™«l * u beSttad,ger annehrae, bis sie durch Übung instinktiv werae. Auch verzeichnet er ganz damit über.' '

ich der Erlernung von Sitzen, u. s w /) Bei Tieren im Natun

?ns alle Instinkte, welche offenba

Nutzen sind, als unvollkommen 1

igenscheinlichen Bedürfnis der je

Tiere entsprechen. Solche Instin

können, wie Darwin im Anhang

durch n.«d,«tLTtaf ~ te ""*

.... .,.. . . . iW"™« btI",M «■*» to werfe spa»r »ch

nur geringem Nutzen ' ri

sie keinem augenscheinlichen' fcLbTte jiS^^Sl

*> P«yer, Seele d« Klades, S. 66 u.f.

0

4

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_ 189 -

dem Schlafengehen zu krahen; der des Rindes und des Elefanten, ihre kranken oder verwundeten Gefährten aufzumessen. Ferner gewisse Instinkte, die auf die Exkremente Bezug haben, wie z. B. das Verscharren oder das regelmassige Absetzen derselben an bestimmten Stellen, und andre von Darwin im Anhange erwahnte Fälle. Das bisher Gesagte führt uns aber m einer Klasse der wichtigsten Betrachtungen: Wenn Instinkte durch Entwicklung aus. gebildet werden, so ddrfen wir wohi auch erwarten, Fällen zu be-gegnen, in denen sie sich noch im Zustande der Entwicklung oder der Unvollkommenheit befinden. Wir haben gesehen, dass diese Erwartung votlstandig gerechtfertigt ist. Erfordert der Instinkt noch eine gewisse Intelligenz, um in Wirksamkeit zu treten, so ist er als unvollkommen und in der Ausbildung begriffen, jedenfalls als ein noch nicht an alle möglichen Lebensumstande vollkommen ange-passter Instinkt aufzufassen. Deshalb gehëren auch alle Fälle der Instinktausbildung durch Intelligenz - gleichviel ob sie das Individuum oder die Art betreffen - in diese Kategorie. Die Betrachtung dieses Gegenstandes leitet uns aber direkt zu einer noch grosseren und hôheren Aufgabe, namiich der Erforschung des Ursprungs und der Entwicklung des Instinkts im allgemeinen. Zu dieser Aufgabe wollen wir uns denn nun zunachst wenden.

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ZwOlftes Kapitel. UrapruNg und Entwicklung der Instinkte.

hLCL?rUr.g, U"d ihre Entwicklung verdanken die wahrschemhch einem oder dem andern der beiden^, den Prinzipien:                                               *** f0lgl

Instinkte

i Passend.

I. Der natüriichen Zuchtwah) oder dem Oberleben des

a Handlungen beibehalten * dennoch zum Vorteil d

gehört z. B. der JkUmg^^S^-'^^"^ **"

sten: Insofern nämlich forh äh d w Ä -----               Passend.

welche, obwohl niemals intelligent, dennoch zum Vorteilder erstenmal verrichteten, ausschlugen; h

..... —«'"''gsinstmkt. Es ist ganz unmö>ltVh a

mals ein Tier seine Kfcr.—r------a-u- , _, . 8 ' aass J*

wussten Absichtllf/nT ^ ^ ton, »" ** * ssten Absicht, deren Inhalt auszubrüten,- sonach künnen wir denn

■utn nur vermuten, dass der Brütungsinstinkt damit be«™« ^

warmblütige Tiere ihren Eiern Jenen La _ 3™ r*?'. daSS

e un'd Spin Us die Tier, us diesem , ..wird die« ier hinzugel fltungsprozes im beständi Warner gewesen sei wickelthabe, genz bei dieser Sache beteiligt hätte.

mit sich herum. Aïs die und einige Arten aus die wohnheit annahmen, wird herschleppen der Eier hi,

brüteten, ceteris pQrfbus , Nacbkommenschatt gewese **«P»*kt entwickelten, ohne dass sich jemals die Intelli-

Tltr°hlmd 5*BÄ °ft ihre Eiw » Schutzzwecken

rarmblüti s eine äh: arme zu üb~rdies > mässer Eiern sa er Aufzu

!;ZT^m' Auf diese Weise wird *M der

n* sich herum. Aïs die Tiere nach und nach

der jenem Grun bertragugg der ommen sein; da : beschleunigte, Sten über ihres

NacbkommenschaV^r«!!blgrei!!,^inder *« ^

peinige Arten aus diesem o^^^^^JT^

""^           .....ertra

nmei

besc brüteten,' cet^'pa^^^™-^" ^ ^ ""' °der

I

1:.-

!';■

«U* ^ ^ V ~.'— G™<«<*"«*<*■ hanchleppen to Ei

annahmen wird die Übertragugg derWärme zu dem Um-

™PPen der Eier hinzugekommen sein; da ab~r diese Wärme-

Übertragung denBrOtungsprozess beschieunigte, so müssen jene I,

r*

.*83

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_ 191 -

IL Mit der andren Entstehungsweise verhalt es sich folgender-raasscn: Durch die Wirkung der Gewohnheit werden bei aufcinander folgenden Generationen Handlungen, die ursprünglich intelligent waren, in bleibende Instinkte verwandelt. Ebenso wie zu Lebzeiten des Individuums ursprünglich intelligent angepasste Handlungen infolge haufiger Wiederholung automatisch werden, so kônnen wahrend des Bestehens der Art ursprUnglich intelligente Handlungen durch haufige Wiederholung und Vererbung ihre Wirkung derart dem Nervensystem einpragen, dass das letztere, auch vor aller mdm-dueller Erfahrung, in den Stand gesetzt ist, angepasste Handlungen, die von früheren Generationen in bewusster Wcise vollzogen wurden, mechanisch zu verrichten. Diese Entstehungsweise der Instinkte hat man passend ,das Ausfallen oder Zurücktreten der Intelligenz'")

gmt'der Folge werde ich die Instinkte, welche ohne Hinzutreten einer Intelligenz, auf dem Wege der natürtichen Züchtung erworben werden, als primäre Instinkte bezeichnen, wahrend ich diejenigen, welche durch den Ausfall der Intelligenz entstehen, sekundäre Instinkte nenne.

Wenden wir uns nun zu den GrUnden, die uns a prion dazu führen, den wahrscheinlichen Ursprung der Instinkte auf diese Prinzipien zuruckzuführen. In Betreff der primaren Instinkte kSnnen die Gründe in Kurxe zusammengehst werden, wie folgt:

a)  Viele Instinkthandiungen werden von Tieren verrichtet, die zu tief stehen, als dass wir vermuten kônnten, die nun instinktiven Handlungen kOnnten jemals intelligent gewesen sein.

b)  Bei hôheren Tieren werden instinktive Handlungen in einem Alter verrichtet, ehe von Intelligenz oder der Fähigkeit, durch individuelle Erfahrungen zu lernen, die Rede sein kann.

c)  Mit RUcksicht auf die grosse Wichtigkeit der Instinkte für die Art, sind wir zu der Erwartung berechtigt, dass dieselben grossenteils dem Einfluss der natUrlichen Züchtung unterliegen werden. Wie Darwin bemerkt, „wird es allgemein zugegeben werden, dass Instinkte fUr die Wohlfahrt einer jeden Spezies unter

*) S. Lew«, Problems of Idfe and MM: Jawing of intelligence«.

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-J rteilhaft war,«

to durch Ausfall d leinlich gemacht durc

e"' Um nur e"»ge wenige Besnene ».. a;~^ i.__..., , '."

nützlich und vorteil -~ M»«» *°^ ™* «

Dass Instinkte durch Ausfall der Intclligenz

rch aile die Th

und intelligent

tubrin», v"~ ''" ge wemge Bdspiele 2U diesem Zwecke bei-«uonngen, kann ich nichts besseres thun. ak »in. oton- __r,

^wahrscheinlich gema^durlZTü TT*' ** die Ähnlichkeit zwischen Instinkten und

Instinkt ist:

- !9? -                                £

ihren gegenwärtigen Lebensbedinmmtren eh*        u               l:~

ihr k6rperlicher Organismus. Unter vwlnd^Tr ! ,gJand' "4 * es wenigstens möglich, dass Seh!fh^nl^                 8*-

A« nutznch sein künnen'; wenn JJT£tZ*&£ variieren, dann sr

«LA

riSaSl »unkten und inte wenige Beispiele: besseres thun, ah en, aus welcher he

zwischen Gewoh ^g hersagen ode is unterbricht, da

schwer, den Fa *en Stelle, sofort »er Raupe, welch, npliziertes Geweb >n, dass wenn er «toten Stufe sei, welches nur bis z -aus nicht in Verl

sechste Stufe de aus einem Gewe

brachte, das bi

also eines grosse schien es, weit d »teil in grosse V« setzt, die bereits es von der drittel

um das Geweb«

unab4ndcrliche Reihenfolge in ihren Arbeiten festzuhalten. Fabee

'gehend die Ähnlichkeit zwischen Gewohnheit und so fähUr Wr etW8S aUSWCndig hemgen oder eine Melod«e «kg»

-*MÄrL^"i^ Fair sii r

-er, nach der fallenden Stelle, J^^Z^Z

wenn auch noch so wenig, variieren diTLl\ dass Ihrtnk^

und fortwährend , ftaft war,« durch Ausfall der ich gemacht durch chen Instinkten und einige wenige Beis nichts besseres thi zuführen, aus welc uchkeit zwischen G s auswendig hersage man uns unterbric: r sehr schwer, d engelassnen Stelle, von einer Raupe, hr. kompliziertes G fand mm, dass we zur sechsten Stuf setzte, welches nur i durchaus nicht i. te und sechste Stu Raupe aus einem solches brachte, d s Tier also eines , Ire, so schien es, , i Gegenteil in gm «it versetzt, die b indem es von der

-w,». w          ' USßing, um das G

S".!:e:Se_SCheint auch d* Honigbiene beim Wabenbau eine

^«ÄTCSltt

von Prozessen ein

Raupe, welche mittelst einer Reihe

sehr, kompliziertes Gewebe zu

phose herstellt. Er fand nun, das« we„7er\ p               '* **

ihr Gewebe etwa bis zur ^J^JTA' ^ '"

«,,„„ Cr ' , .                  besseres thun, als eine Stelle aus Dar

»"» Manusknp^ anzuführen, aus welcher hervorgeht, ■

ehend die Ähnlichkeit zwischen <

"Wenn wir etwas auswendig hersag,

Wen wir, wenn man uns unterbric

^greifen, f" «* -hwer, d r, nach der fallengelassnen Stelle, uber berichtet von einer Raupe

W insh, kompliziert^ he stellt. Er fand mitJ| dass w

ewebe etwa bis zur sechsten Stu

» ein solches setzte, welches nu,

war, die Raupe durchaus nicht i die vierte, fünfte und sechste St

er aber eine Raupe aus einem g**tufe m ein solches brachte,

war, so dass das Tier also eines ben gewesen wäre, so schien es, einzusehen, im Gegenteil in gro die Notwendigkeit versetzt, die b

.----- vorzunehmen, indem es von der dritten Stufe die es vor

her verlassen hatte, ausriß. um rfDc r *. I**'*.™*" Vor.

Wenn er aber eine Raupe aus einem Geweb, ,w ZZ*? '

e

Raupe aus einem Gewebe der

dritten Em-

neunten Stufe

»ftVi

:$

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.*

il                                        - m -

^gibt noch ein andres merkwürdiges Beispiel davon, wie eine in--ft stinktive Thatigkeit unabanderlich der andern folgt-. Eine Sand-üwespe macht eine Höhle, fliegt nach Beute aus, die, durch einen «I Stich wehrlos gemacht, an den Eingang der Höhle gebracht wird. % Die Sandwespe dringt nun, bevor sic die Beute hineinschleppt, »3 stets zuerst in die Hahte, um zu sehen, ob hier alles in Ordnung

;! ist Wahrend die Sandwespe in ihrer HShIe war, brachte Fahre 5! die Beute auf eine kurze Entfernung abseits. Aïs die Sandwespe \: wieder herauskam, iand sie bald die Beute und brachte sie wieder-

^ um an den Eingang der Höhle, worauf jedoch der instinctive « Xwang eintrat, die eben untersuchte Hôhle abermals zu untessuchen;

I: und so oft Fahre die Beute entfernte, so ott folgte auch das ü Weitere aufeinander, so dass die unglückliche Sandwespe im gc-1 gebenen Fall ihre Höhle vierzigmal untersuchte. A!s Fahre die £ Beute darauf ganzlich wegnahm, füh)te sich die Sandwespe, statt 3 nach neuer Beute auszugehen und dann ihre vollendete Hohle zu £ benutzen, in die Notwendigkeit versetzt, dem Rhythmus ihrer In-I sünkthandtungen zu folgen. Ehe sic eine neue Hëhie machte, I schloss sie die alte ganzlich zu, als ob alles dort in Ordnung wâre, I obwohl in Wirklichkeit völlig zwecklos, da sie ja keine Beute fur 1 ihre Larve enthielt.')

g          Auf einem andern Wege erkennen wir vielleicht die Bezie-

3 hungen zwischen Gewohnheit und Instinkt, insofern namlich der % letztere eine grosse Macht erlangt, wenn er auch nur ein- oder % zweimal auf kurze. Zeit ausgeübt wird. So z. B. wird versichert, % dass ein Kalb oder ein Kind, das niemals an seiner Mutter ge-t sogen hat, viel leichter mit der Flasche aufzuziehen ist, als wenn "J es auch nur einmal angetegt war.)) Auch Kirby behauptet, dass "' eine Larve, die eine Zeit lang von einer bestimmten Ptlanze Ihre Kahrung bezog, cher.zu Grunde geht, als dass sie von einer andern. fräst, die vollkommen annehmbar fUr sie gewesen ware, wenn ae sich von vorn herein an sie gewahnt hätte.

'^An'al. <te A. M. 4. *«„ tom VI, P. 14«. Bezügtich derBienem siehe Kirby und Spence, wegen der HSagematten.R.upe siehe Mm. Soe. l>hVs. de Oenitc VII, p. lM

**) Xoouonria, p. 14°.

Kon,«»»., Kntwiokluug dm O.lrto.                                                   t 3

3

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- 194 -

Dies sind einige der Gründe a priem, die dafür spreche;d dass die Instinkte aus einer oder der andern dieser beiden Quelle*, ~ der naturlichen Zuchtung oder dem Ausfall der Intelligenz ~^fc entstanden sein müssen. Es erUbrigt uns nun noch der Bewai, J a poste~iori, dass sie wirklich so entstanden sind. Ich werde vot.J« erst einen kurzen Abriss davon geben, wie ich bei diesem Bewei* h zu verfahren gedenke.                                                                1si

Der Beweis für eine primäre Entstehungsweise der lnstinkte jL hat darzuthun:                                                                          fdi

x. Dass nicht-mtelligente Gewohnheiten von nicht-angepassten; Charakter bei Individuen vorkommen,

2.  dass solche Gewohnheiten sich vererben kannen;

3.  dass solche Gewohnheiten abandern konnen, und

4.  dass wenn sie abandern, auch die Abanderungen vererbt E werden kônnen;                                                                         i

5.  dass wenn solche Ab~nderungen vererbt werden, dieselben ) auch, nach allem was wir von analogen Fällen bezUgl. des orga- t nischen Korperbaues wissen, befestigt und durch natürlichc ZUch- \ tung in vorteilhafter Richtung gekräftigt werden kdnnen.                J

Der Beweis für einen sekundären Ursprung der Instinkte hat dagegen zu zeigen;

6.  Dass haufig geübte absichtliche bezw. intelligente Anpas. sungen automatisch werden, indem sie entweder überhaupt kein be. wusstes Nachdenken mehr erfordern, oder, als bewusst angepaßte Gewohnheiten, nicht denselben Grad von Bewußtheit notigten wie im Anfange;

7.  dass automatische Tätigkeiten und bewusste Gewohnheiten vererbt werden konoen.

A. Primäre Instinkte.

Indem wir nun zu den einzelnen Punkten übergehen, ftJk£ uns nicht schwer, die Richtigkeii des ersten derselben fëstzusteift da er eine Thatsache der täglichen Beobachtung bildet. "Sonder. bare Angewohnheiten« kommen so oft in Ammenstubee und Schul-zimmern vor, dass es gewöhnlich keiner geringen Mühe vonseiten

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- !?5 -

der Eltern bedarf, sieausxumerzet) wennihreVertitgungaber nicht in der Kindheit gelingt, so können sie sich durch das ganze Leben fortan, vorausgesetzt, dass sie nicht spâter durch die Anstrengung des Individuums selbst unterdrückt werden. Wenn aber eine ^sotche Angewohnheii nicht schädlich oder nicht ungewühnllch | genug ist, um zu ihrer Unterdrtckunn aufzufordern, so kann sie .! sich auch leicht festsetzen; woher es kommt, dass fast jeder von uns ^gewisse leichte Eigentumtichkeiten in den Bewegungen darbictet, Idie wir geradezu als für ihn charakteristisch anerkennen') *'■ Solche Eigentumtichkeiten der Bewegung, denen wir im gewohnlichen Üben begegnen, sind zwar wenig ausgesprochen, aber ihre Bedeutung in Bezug auf den Instinkt dr~ngten sich mir be-| sonders stark auf, als ich sie in einer weit auffallenderen Form j bei Idioten beobachtete. Es ist dies eine Klasse von Personen, Idie von besonderem Interesse fUr die geistige Entwicklung sind, | weil wir in ihnen einen menschlichen Geist vor uns haben, der I sowohl in seiner Entwicklung zurückgehalten, als auch in seinem | Wachstum auf andere Bahnen geteitet wurde und deshalb in vieler m Beziehung dem vergleichenden Psychotogen ein anregendes Material « seinem Studium darbietet. Eine der auffallendsten Thatsachen für den Besucher einer Idiotenanstatt ist der merkwürdige Charakter und die Mannigfaltigkeit der sinnlosen Angewohnheiten, die ein jeder dort um ihn herum an den Tag legt. Diese Angewohnheiten, oft lächerlich, bisweiien peinlich, aber in der Regel sinnlos, sind stets individuell und zum Verwundern bestandig. Auf einer je niedtigem Stufe der Idiot steht, um so ausgeprâgter ist diese Eigentümlichkeit, so dass, wenn man einen Patienten fortwahrend auf- und abwandeln oder anderweitige rhythmische Bewegungen »ollbringen sieht, man sicher sein kann, einen schlimmen Fall vor

» z.B. waren in früheren Zeiten herabhängende Uhrketten mit zahlreichee Petschaaen u. dgl. ein beliehte, Spiel,«* etc.« Mit Besug auf den Einflu« derartiger Angewohnheiten auf die Ausbildung der prima™ Instinkte itt diese Be-aerieng nicht ohne We«, denn wir ersehen dar.«*, da« selbst zwecklose Be-«gungen durch unsare Umgebung bedingt nnd gawohnheiUmäsIg werden.

'3*

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sich zu haben. Aber auch bei den geUtig etwas hôher .stehenden Idioten, ebenso wie bei den Schwachsinnigen, sind seltsame gewohn.

^ZoS'^srder Hande,Glieder oder GesichtM%

Bei Tieren kann man ahntiche Thatsachen beobachten. Es dûrfte kaum vorkommen, dass zwei Jagdhunde in ganz derselben Weise das Wüd anzeigen, obwohl ein jeder von ihnen seine be. sondere Haltung das ganze Leben hindurch bewahrt. Fast alle Haustiere zeigen kleine, aber individuelle und beständige Unter.

Inn I'" r     ^ T" * ^^ ** **** ^^

wenn «e spielen u. s. w. Noch auffälliger wird dies bei Bettachtung der neuromuskulären Erscheinungen, die zu den eigentümlichen Bewegungen fuhren, welche wir unter der Bezeichnung „Disposition" bezw. „Idiosynkrasie« zusammenfassen. So zeigen viele Hunde die mit der ganzen Kraft eines beginnenden Instinkts auftretende, be. deutungslose Gewohnheit, bellend um einen Wagen herum zu springen. Einige Katzen liegen mit Begierde dem Mausefang ob, w~hrend andere niemals zu diesem Sport gebracht werden kënnen. Wer junges Ceflügel hält, wie uberhaupt Haustiere jeder Art, wird *e Ve.chiedenheit ihrer Anlagen bei ihren Spielen, bei Bergung ihres Mutes, ihrer Liebenswardigkeit u. s. w. bemerkt haben. W. Ktdd, der eine sehr lange Erfahrung fUr sich hat, sagt, dass die Verschiedenhett bei Lerchen und Kanarienvogeln auch bei Jungen zu Tage treten, die.zur Aufzucht aus dem Neste genommen wurden.

„es I 71^lLD0ChKBeifle VOn individuellen Abanderungen des Instinkts beim Nesterbau bekannt*)

*)Der Nusshacker z. B. haut in den hohlen Ast ein« Baumes, wobei

SSeSKSääSS

und mit Hilfe einer Lehmmasse von nicht weniger als elf Hund Q^riSZ haut war, wahread das Nest dreizehn Zoll in deXhe mas, (Zoolo^T&r P. 2850). DasGoldhShnehen «igt ehenfalls häufigeVerscLenC,bJE des Baues nnd der Lage eeines Nestes. Der Goldadler baut in derRegeUui

r^ÄT' 's- b«rra*Do3t * ** ä-^

Couch sagt, dass o!t mehr als ein Paar Vôgel sich zusammen thun uad ein

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_ 197 -

Selbst auf der niedrigen Stufe der Insekten bteiben wir nicht ohne Nachweis von Instinktveranderungen;' so z.B. bemerkte Forel grosse bauliche Verschiedenheiten bei F. Tnmkch, insofern die Nester bald mit einer Kuppet versehen, bald unter Steinen, bald in den Hahlungen alter Baumstâmme zu finden waren. Auch BUchner bemerkt, dass die eine Ameise sich eher toten, denn ihre Puppe nehmen lasst, wahrend eine andere die letztere im Stiche lassen und feige davon laufen wird; ahnlich« wird auch von Moggridge bestatigt.

Um jedoch die verschiednen individuellen Unterschiede in den Anlagen, sowie auch die Thatsache deutlich zu machen, dass diese Unterschiede zu nutzlosen oder wunderlichen Handlungen fUhren, welche die ganze Starke angehender Instinkte besitzen, glaube ich in erster Linie auf jene Fälle hinweisen zu mûssen, in denen ein Tier eine starke, wenn auch sinnlose Anhanglichkeit fUr ein Tier von einer andern Art fasst. So fand ich z. B. eines Tages eine verwundete Pfeifente am Ufer und nahm sie nach Hause in meinen Ceflügelhof. Nach einiger Zeit heilten ihre Wunden, worauf ich ihr die Fltgel beschnitt und sie als Hausvogel bei mir behielt. Das Tier wurde bald voltstandig zahm und fasste mit der Zeit eine starke, dauernde und nicht nachlassende Anhangtichkeit an einen Pfauhahn; wo der Pfau ging, folgte ihm die Ente gleich einem

Nest betetz, indem aie entweder ihre Brut in Gemeinschaft aufstehen oder eiiies dem andern die Sorge für deren Zckauft ûberlüsst (IUualr. o/ Instinkt, p.*Sj). S. Stone schreibt aber dieMisteldrossel: Nach allem, was bisherbekanet ist, scheint es zweifellos, dass einige Individuen Lehm oder Mortel sum Aufbau ihres Nestes benutzen, w«hrend andere es ohne dergleichen ausfuhren; es sdmmt dies mit meinen eignen Beobachtungen, denn obgleich ich Nester getunden htbe, die keinerlei Mörtel enthielten, wies der gross« Teil deter, welche ich antraf - und es waren nicht wenige - etne Art Vennauerung auf, die zwitchen den Zweigen und Ftechten der Aussenseite und den feinen. Gräsern, welche stets die innere AnsfBtterung bilden, angebracht war; es ist dies besonders der Fall, wenn det Vogel die horisontalen Zweige eines Baumes zu seinem Sitze auserwBhlt hat." (Field, Jan. 8. !86.. Es bildet dies eine Notfe, welche ich unter Darwins Manuskripten fand.) W!e oben bemerkt, kSnnten dieseBeispiele bis ins Unendliche vermehrt werden. Da jedoch eine grosse und <orgßutige Auswahl von Fallen im Anhang dieses Buches von Darwnn beigebïacht wird, so kann ich mich auf das Gesagte betchîanken.

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- 1Ü8 -

Schatten, so dass wahrend des Tages der eine Vogel nie ohne den andern zu sehen war. Wenn man sie trennte, fühlte sich die Ente sehr unglücklich und pfiff unaufhörlich, bis sie wieder hinter den, Pfau herwatscheln konnte. Diese hingebende Anhanglichkeit wat „ "m so merkwürdiger, als sie von seiten desPfau<* durchaus nicht n erwidert wurde. Derselbe schenkte seiner besagen Ge«„ a mcht die geringste Beachtung, noch schien er aberbaupt zu be. merken, dass sie stets hinter ihm war. Nachts pflegte er auf dem Gl** eines Haschens zu sitzen; die arme Ent'e *£££ dorthin zu folgen und selbst wenn sie es gekonnt hätte, ware sie wahrscheinlich nicht im sfcnde gewesen auf dem Giebelzu sitzen; «e hielt sich jedoch stets so nahe, als es die Umaände erlaubten; sobaki jener zu seinem Giebel hinaufflog, kauerte sie sich gerade unte ihm auf du, Erde - eine Ergebenheit, die ihr in der Folge das Leben kostete, da sie dabei einer herumstreifenden Katze zur Beute fiel Hier haben wir also einen Vogel, der anfangs wild ge-wesea und sp*er eine heftige Neigung zu einem für ihn vollstän-d* nutzlosen Gefahrten aus einer andern, ganz verschiednen Vogelklasse fasste; wobei ich noch bemerken muss, dass die Ente den Pfau aus emer grossen Anzahl anderer HausvOget desselben Hofes auswahtte. In ahnlicher Weise tiieren sich Katzen oft mitPfeX manchmal auch mit Hunden, Ratten, Vôgein und ander» ihnen' ganz unahniichen Tieren. Cuvier erzahit einen Fall, wo ein Dachshund so grossen Gefallen an der Gesellschaft ein« LôwL fand, dass als der Lôwe starb, der Hund sich abhârmte und eben. felis starb Thompson erzählt, dass Pferde "eine starke Anhang. lichkeit fiir Hunde und Katzen hatten und Gefallen daran fanden, sie !m Stalle auf ihrem ROcken zu haben«.*) Renggrr berichtet von einem Affen, der so verliebt in einen Hund war, dass er wahrend der Abwesenheit seines Freundes vor Kummer schrie, ihn bei seiner RQckkehr liebkoste und ihn in seinen Handein mit andern Hunden unterstützte. „Ein Pekari aus dem Pariser Tiergarten schloss ein inniges Freundschaftsbundnis mit einem Hunde des Autsehers, und eine Robbe an demselben Ort nahm einen kleinen

«9 Thcmpson, Pasaon, of Animals, h 360-6l.

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*

- 199 ~

Wasserhund zum Spielgefkhrten und Hess sich sogar Fiscbe von | to aus dem Maule nehmen, was sie sehr Übet aufnahm, wenn es I etwa andere Robben aus demselben Teiche versuchten; Hunde 5 lebten auf freundschaftlichem Fusse mit Mëven und Raben . . . j und eine Ratte machte Aufsehen, die ihren Herrn auf seinen Spa.

i *^Eru£'2-* in einem Anhang seines orni-thologischen Wörterbuchs folgendes merkwürdige Beispiel von der 1 Freundschaft zwischen einer chinesischen Gans und einem Vorsteh. 1 hunde. „Der Hund hatte den männlichen Vogel getötet; wegen j dieses Vergehens war er sehr hart bestraft und ihm schliesslich I der tote Körper seines Opfers auf den Nacken gebunden worden. I Die vereinsamte Gans verfiel wegen des Verlustes ihres einzigen ? Gefährten in grosse Trauer und wahrscheinlich durch den Anblick t ihres toten Gefahrten zum Hundestalle gelockt, verfolgte sie den j Hund unter fortdauerndem Geschrei. Nach kurzer Zeit aber trat ! eine enge Freundschaft zwischen den ungleichartigen Tieren ein; t sie frassen aus demselben Troge, lebten unter demselben Dache und dasselbe Strohbündel hielt beide warm; und wenn der Hund mit auf die Jagd genommen wurde, nahmen die Klagen der Gans kein Ende." Derselbe Autor berichtet Fglle von Anhänglichkeit zwischen einer Taube und einem Huhn, einem Dachshund und einem Igel, einem Pferd und einem Schwein, einem Pferd und einer Henne, einer Katze und einer Maus, einem Fuchs und Wind-hunden, einem Alligator und einer Katze etc., die alle von dun selbst beobachtet wurden.

Es ist nicht unmoglich, dass die sogenannten HausUere vieler Ameisenarten in Wirklichkeit eine nutzlose Beigabe des Nestes bilden, und vielleicht ein wunderlicher Geselligkeitstrieb bei diesen Ameisen durch ererbte Gewohnheit instinktiv wurde. Dieselbe Erklärung gilt jedenfalls fUr die Thatsache, dass verschiedene Vogelarten sich ge* legentikh zusammen*™, wie z. B. Perlhühner und Rebhühne,, und nach Yarell auch Rebhühner und Rallen. Solche ungewôhn-liche Fälle bei wüden Vogetn sind von besonderm Interesse, weil

*) Thompson, a. a. 0.

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- 202 -

sie als die eigentlichen Anfänge einer so festen und wahrhait inaktiven Verbindung angesehen werden mCssen, wie sie zwischen Krähen und Staaren besteht.*)

Das Gesagte durfte wohl zur Unterstützung des ersten Punktes genügen;nämhch: dass mcht-intelligente GGwohnheienn von nicht-angepasstem Charakter bei Individnen vorkommen Wir wollen nun zu dem zweiten Punkte Obergehen: dass sokee Gewohnheiten auch vererbt werdnn können

kan^nT ff f" ^f i?nienschlich^ Angewohnheiten der Fall ist, kann man ast » jeder feudie beobachten, und wurde auch schon längst von John Hunter hervorgehoben. Darwin teilt in seinen Manusknpten einen von ihm selbst beobachteten Fall mit, „für

Sü 2üüü?*?. " bHrgen -kam,": »Kin Kind ha«e «*««»

seinem fUnften Jahre, wenn seine

Einbitdungskraft in angenehmer

Weise erregt war, die ganz eigentümIichR Gewohnheit, die Finger semer an die Wangen gelegten Hande rasch seitwärts hin und her zu bewegen, und sein Vater besass, unter denselben UmstSnden,

genau die Gliche Angewohnheit, die er sogar in vorgerücktem Alter noch nicht ganz hatte besiegen konnen, dabii konnt von einer Nachahmung durchaus nicht die Rede sein««»)

Alter noch nicht ganz hatte besiegen konnen, dabii konnte jedoch einer Nachahmung durchaus nicht die Rede sein«») Dass die hâufigeren und starker ausgedrûckten Gewohnheiten

bei Idioten ebenfalls vererbt weedenkunnen, ist höchst wahrscbein-

iL^^F^****darUber,da Idioten *

Kulturländern nicht leicht zur Heirat zugelassen werden. Bei Tieren I and dagegen Nachweise in Menge vorhanden. So finde ich in Darwms Manuskripten folgenden Fall: „Der Rev. W. Darwnn

Li«; t: r trer-einen weiblicben Tmiet ** w**-

bmm Bitten seine Pfoten in ganz gew0hn!icher Weise rasch hin

tele. Ebenso and»** G„n,«„fl:______j „ . .

Eben

Kohlmeisen

sachten BlutMuflfege und Zeisig .** gern

beobacb,

Seh I lüt \ »l?"***»* ™ Spähen und Dohlen kommt

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und her bewegte. Ihr Junges, welches jedoch niemals seine Mutter bitten gesehen, vollfUhrte, als es ausgewachsen war, dieselbe eigent8mliche Bewegung in ganz derselben Weise.)")

Was die Erblichkeit der Anlage betrifft, so brauchen wir nur die mannigfachen Hunderassen mit ihren charakteristischen, scharf hervorstechenden Unterschieden ins Auge zu fassen. Wir durfen übrigens nicht vergessen, dass wir es gegenwartig nur mit der Vererbung nutzloser, nicht-intelligenter oder nicht-angepaßter Bewegungen zu thun haben, nicht aber mit den nùtztichen, intelligenten Gewohnheiten, die mittelst kOnstlicher Züchtung und Dressur unsern verschiedenen Hunderassen anerzogen werden. Aber auch bei ganz bedeutungslosen Charakterzugen, die weder dem Tiere, noch dem Menschen zum Vorteil gereichen, ist der Einfluss der Erblichkeit unverkennbar; so ist z. B. die nutzlose und selbst lästige Gewohn-heit des Anbellens von Wagen, der wir bei verschiedenen Hunde-rassen begegnen, ganz besonders stark beim Spitz ausgepragt und ihm geradezu angeboren. Dies wird besonders durch die That-sache bezeugt, dass ein Spitz, der von klein auf niemals andere Hunde Pferde anbelle., gesehen, nichtsdestoweniger aus freiem Antrieb es thun wird. Noch viele andere nutzlose Charaktenüge oder eigentümliche Anlagen kënnte ich hier anfuhren; ich will jedoch lieber zu einem der merkwürdigsten Beispiele Obergehen, das ich bezUglich der Vererbung einer durchaus sinnlosen psychologischen Eigentümlichkeit bei Hunden gefunden habe. Ich beziehe mich dabei auf eine vor einigen Jahren seitens Dr. Huggins an Darwin gerichtete Mitteilung, die ich mit den eignen Worten des Beobachters wiedergebe:

„Ich mochte Ihnen einen merkwurdigen Fall von vererbter geistiger Eigentüm!ichkeit mitteilen: Ich besitze eine englische Dogge (Mastiff) Namens Keppler, welche von dem berûhmten Turk und der Venus abstammt. Im Alter von sechs Wochen kam der Hund

*) Hiersu »«ss Ich bemerken, dass ich mehre« Hande derselben Rasse beim Bitten dieselben Bewegungen machen sah, so dass die betreuende Handlung eine Art psychologischer lUssemmterschied und nicht nur eine indivi-dueile Eigentümlichkeit «o sein scheintt deshalb vetweibe ich auf die gleich nacbher im Text at besprechenden hieher gehörigen Falle.

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aus dem Stalle, in dem er geboren war. Ais ich ihn zum ersten. mal mitnahm, machte er beim ersten Fleischerladen, den er jemals gesehen, erschrocken kehrt und lief nach Hause. Ich fand bald heraus, dass er eine heftige Antipathie gegen Fleischer und Fleischer. laden hatte. Ats er sechs Monate att war, nahm ihn ein Dienstmidchen mit sich auf einen Ausgang. Kurz, ehe sie an ihr Zie! kam, hatte sie einen Fleischerladen zu passieren, der Hund (der an der Leine war) legte sieh sofort nieder und weder Xureden, noch Drohungen vermochten ihn dazu zu bringen, an dem Laden vorbeizugehenn Da das Tier zu schwer war, um getragen zu werden, und bald eine Masse Menschen sich zusammen fand, so blieb dem Madchen nichts übtig, als wieder zurückzukehren und spater den Gang ohne ihn zu machen. Dies geschah vor ungefähr zwei Jahren und die Antipathie dauert noch heute fort, wenn auch der Hund jetzt nSher an den Laden heran zu bringen ist als früher. Vor ungefähr xwei Monaten entdeckte ich in einem kleinen Buch von Dean, welches über Hunde handelt, dass dieselbe merkwürdige Antipathie auch bei Kepplers Vater, TOrk, bestand. Ich schrieb darauf an Herrn Nichol,s, den früheren Besitzer von Türk, um naheres über diesen Punkt zu erfahren. Er antwortete mir: ,Ich kann sagen, dass dieselbe Antipathie auch bei dem Vater von Türk, bei Türk selbst, bei Punsch, Türks Sohn von der Meag, und bei Paris, Türks Sohn von der Juno, besteht. Paris besitzt von allen die grësste Antipathie, da er wohl kaum in eine Strasse zu bringen sein dNrfte, in der ein Fleischerladen besteht. Wenn ein Fleischer-karren in die Nahe des Hauses kommt, so geraten alle, auch wenn sie ihn nicht zu sehen bekommen, in die grosste Aufregung und suchen ihre Kette zu xerreissen. Ein mit einem gewohnlichen bdrgerlichen Anzug gekleideter Fleischermeister kam eines Abends zu Paris' Herrn, um den Hund zu sehen. Er hatte kaum das Haus betreten, als der Hund so aufgeregt wurde, dass man genotigt war, ihn in eine Scheuer xu sperren, und der Fleischermeister musste das Haus verlassen, ohne den Hund gesehen zu haben. Dasselbe Tier sprang einst in Hastings auf einen im Gasthof einkehrenden Fremden los; sein Herr riss ihn zurück und entschuldigte sich, mit dem Hinzufügen, dass der Hund nie ein ahniiches Verhalten gezeigt

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hâtte, ausser wenn ein Fleischer ins Haus käme, worauf der Fremde sofort erwiderte, dass dies sein Geschäft sei!"

Wir ersehen daraus, dass nicht-intelligente Gewohnheiten von nicht-angepasster, nutzloser Art bei Haustieren in sehr deutlicher Weise vererbt wurden. Zum Beweis, dass dasselbe auch bei wilden Tieren vorkommt, berufe ich mich auf Humboldt, welcher be-hauptet, dass die Indianer, welche Affen feilhalten, sehr wohl wissen, dass diejenigen, welche gewisse Inseln bewohnen, sieh leicht zNhmen lassen, wahrend andere derselben Art, von dem benachbarten Festlande, vor Schreck oder Wut sterben, wenn sie sich in der Gewalt des Menschen befinden. In Darwins Manuskripten finde ich ferner die Notiz, dass "verschiedenartige Anlagen in Krokodilfamilien zu herrschen scheinen«. Eines der merkwUrdigsten Beispiele, von nutzloser Ahweichung eines stark vererbten Instinktes, welches mir vorgekommen ist, finde ich in einem an Darwin gerichteten Hriefe aus dem Jahre 1860, von Mr. Thwasts in Ceyion. Mr. Thwaits sagt darin, dass seine Hausenten ihre natûriichen Instinkte fur das Wasser verloren hâtten und nur mit Gewalt hinein zu treiben seien. Die Jucgen, die man in eben Zuber mit Wasser setzte, waren ganz erschreckt und mussten rasch wieder herausgenommen werden, da sie Gefahr liefen zu ertrinken. Mr. Thwaits fûgt hinzu, dass diese Eigentümlichkeit sich nicht auf alle Enten der Insel erstrecke, sondern nur auf eine bestimmte Brut.

In Darwins Manuskripten finde ich noch die folgende Bemer-kung: „So viele von einander unabhangige Autoren versichern, dass Pferde in verschiedenen Teilen der Welt eine kunstliche Gangart erben, dass ich die Thatsache kaum bezweifetn darf. Dureuu de ta Malee behauptet, dass dièse verschiedenen Gangarten seit der klassischen Romerzeit erworben seien, und dass sie, seiner eignen Beobachtung gemXss, vererbt wurden*) .... Tümmler (Pur.

Zeiten auffie!, das. kehfPferd auf den Graben des La Plata den natür-«chen hohen W einher eatffcchen Pferde tatt- ▼«. anderer Beispiele aber Vererbung von Eigenschaften be:m Pferd siehe „Bas Variieren des Tiere and Pflanzen etc." I. Band.

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«Hauben) bilden ein ausgezeichnetes Beispiel fur :ine wahrend der Domestikation erworbene instinktive Handlung, die nicht erlernt sein kann, sondern auf natürtichem Wege erschienen sein muss, obwohl man sie spater wahrscheinlich durch fortgesetzte Zuchtung de^enigen Vôget, welche die starkste Neigung dazu zeigten, sehr vervollkomm. net hat, und zwar besonders im Orient, wo der Taubenalug s. Z. hochgeschätzt wurde. Tümmler haben die Gewohnheit, in dicht-geschlossner Schar bis zu einer grossen Hôhe auftufliegen und dann kopfüber zu purzeln. Ich habe Junge von ihnen aulgezogen und fliegen lassen, die nie vorher einen Tümmler gesehen haben kônnen; nach wenigen Versuchen purzelten sie ebenfalls in der Luft. Nachahmung unterstützt jedoch den Instinkt, denn alle Liebhaber stimmen darin überein, dass es hôchst vorteilhaft ist, junge Vôgel mit erprobten Alten fliegen zu lassen. Noch merkwürdiger sind die Gewohnheiten der indischen Unterrasse der Bodenpurzier, Ober die ich schon bei einer früheren Gelegenheit in eingehender Weise be-richtete. Dieselben zeigen uns, dass jene Vogel seit wenigstens 250 Jahren auf der Erde purzeln, wenn man sie ieise schüttelt, und so lange fortpurzetn, bis man sie aufnimmt und anblast. Da diese Rasse sich schon so lange fortpftanzt, kann die Gewohnheit kaum eine Krankheit genannt .werden. Ich habe kaum natig zu bemerken, dass es ebenso unmOgtich sein würde, einer Taubenart das Purzeln zu lehren, wie einer andern etwa das Aufblasen des Kropfes zu einem so enormen Umfange, wie es die Kropftaube zu thun pftegt/)

Tümmler und Kropftauben geben somit ein sehr interessantes und wohlgeeignetes Beispiel fur unsere Beweisfuhrung, denn jene Bewegungen sind fUr die Tiere selbst völlig nutzlos und dabei doch in so hohem Grade mit ihnen verwachsen, dass sie geradezu typisch d. i. kennzeichnend fur die verschiedenen Rassen geworden und von wirklichen Instinkten in keiner Weise zu unterscheiden sind.")

Im Anhang werden verschiedene interessante Fälle ahn!icher

*) Wtgen weitem Einzelheiten übe» den Purzelinttinkt siehe Variieren

der Tiere nnd Pflanzen«. Bd. I, ,«. u. *                   " ^ ******

H) Vor cinigen Jahren „ahmen „Rattler", die in einen, Küfig des

zoologischee Gartens gehalten wardea, die anscheinend natztoM GewoLheit

an, kopfaber zu puneln. Wenn nua ihre N«chkommenschaft eine Anwdü ûene-

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Art angefuhrt, wie z. B. die abyssinische Taube, welche, wenn man nach ihr schiesst, so tief herabsturzt, dass sie den Jlger fast berUhrt, um darauf zu einer ungeheuren Hôhe emporzusteigen;*) die Viscacha, die allerhand Abfalle, Knochen, Steine, trocknen Düngcr u. s. w. in der Nahe ihrer HShte au<hauft; das Guanako, welches die Gewohnheit hat, stets an denselben Ort zurückzukehren, um seine Exkremente niederzulegen; Pferde, Hunde und Klipp. dachs, die eine ahnliche, gleichfalls nutzlose Neigung zeigen; Hennen, die uber ihre Eier gackern u. s. w. Hiernach halte ich die Behauptung, dass sinn. und nutzlose Gewohnheiten vererbt und für Rassen geradezu charakteristisch und zu zwecklosen Instinkten werden, fUr reichlich erwiesen.

Wenn wir nun zu dem dritten und vierten Punkte übergehen, die besagen, dasssoeche Gewohnheiten auch abändern und in diesem Falle die Abanderungen veeerbt werden, so finden wir den Nachweis davon bereits im Obigen geliefert. Die mannigfachen Gangarten des Pferdes in verschiedenen Teilen der Welt stellen ebenso viele Rasseverschiedenheiten dieses Tieres dar; die Bodentümmler zeigen eine ererbte Abanderung im Vergleich zu den Luft-tümmlern, und wenn Tümmler an der Ausübung ihrer Kunst verhindert werden, so erleiden sie die Abanderung, dass der betreffende Instinkt erlischt, wie wir das bald auch bei vielen anderen wirklichen Instinkten sehen werden. Die verschiedenen Anlagen einer und derselben Art von Affen auf verschiedenen Inseln beweisen, dass die Anlage der Voreltern in der Nachkommenschaft abgeandert und sodann in dem abgeanderten Zustande kontinuierlich auf die ein-zelnen Linien der Abkömmlinge weiter vererbt worden sem muss.

Der Natur der Sache nach hält es schwer, eine grossere An. zahl Beispiele von ererbten Abanderungen nutzloser Gewohnheiten aufzufinden; auch halte ich dies für unwesentlich. Dass nicht-intelligente und zwecklose Gewohnheiten vererbt werden, ist vollauf bewiesen, und das ist die Hauptsache; denn dass solche ererbte Ge-

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wohnheiten variieren, unterliegt keinem Zweifel, da wir tSglich sehen, dass solches sogar m» intelligenter, und nützlichen Gewohnhciten der Fall ist. Wenn die letzteren aber im Laufe der Vererbung Abanderungen unterworfen sind, so rauss das umsomehr mit den ersteren der Fall sein, insofern dieselben einer zufälligen Laune der organischen Entwicklung ihr Dasein verdanken, deshalb stets ausser. ordenthch abanderungsfahig sind, und diese Eigenschaft weder von NO»der Intelligenz, noch der natürlichen ZUchtung gehindert wird. Auch der fünfte Punkt erfordert nur noch wenige Erläuterungen. Wenn unter emer Anzahl bedeutungsloser, mehr oder weniger erblicher oder abanderungsfahiger Gewohnheiten die eine oder andere von vornherein oder im Laufe der Zeit zufälligerweise sich so an-«tat, d- sie dem Tiere vorteilhaft wird, so ist anzunehmen, dass die natürliche Züchtung die Gewohnhtit oder ihre vor-teilhaften Abanderungen befestigt.

Der Beweis, dass ein solcher Vorgang Platz greift, wird durch die Thatsache bewiesen, dass es viele Instinkte gibt - wie z. B. der obenerwahnte Instinkt desBrütens - die allem Anschein nach in keiner andern Weise entwickelt worden sein kônnen. Mag dieser Instinkt mit einer zum Schutz der Eier geeigneten Gewohnheit angefangen haben oder nicht - sicher ist, dass er nicht mit dem bewussten Zweck der AusbrOtung unternommen worden sein kann, und nicht weniger gewiss ist es, dass, ehe der Instinkt seinen gegenwSrtigen Grad von Vollkommenheit erreichte, er eine lange Stufenreihe von Abanderungen erfahren haben muss, bei denen, wenn uberhaupt, nur zum geringen Teil eine intelligente Absicht von seiten der Vaget zu Grunde liegen konnte. Ein fernerer Beweis ist, wie schon bemerkt, mit der Thatsache gegeben, dass viele Instinkte von Tieren ausgeübt werden, die zu tief in der zoologischen Stufen-reihe stehen, ais dass von einer Intelligenz dabei die Rede sein konnte. Um nur ein Beispiel zu geben, so lebt die Larve der Kocherfliege (Pkryga)ea) im Wasser und baut sich einen rôhrenfërmigen, aus mannigfachen zusammengeklebten Partikelchen bestehenden Behälter. Wenn nun wahrend des Baues dieses Gehause zu schwer befunden wird, d. h. wenn sein spezifisches Gewicht grosser als dasjenige des Wassers ist, so wahit sie ein Stückchen

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Blatt oder Stroh vom Grunde des Stromes ans und heftet es an den Bau; ist dagegen der letztere zu leicht, so dass er fortschwimmen kônnte, so wird ein kleines Steinchen als Ballast zu Hilfe genommen/) In diesem Falle scheint es doch ganz unmôgtich, dass ein zoologisch so tief stehendes Tier jemals bewusster Weise erwogen haben könnte, dass einige Partikelchen ein haheres spezifisches Gewicht haben als andere, und dass durch Hinzunahme eines Partikelchens von diesem oder jenem Stoff da< spezifische Gewicht des ganzen Baues dem des Wassers angepasst werden könne. Und doch sind jene Handlungen offenbar etwas mehr als ein blosser Reflex; sie sind instinktiv und künnen nur durch natur-liche Züchtung entwickelt worden sein. Prof. Duncan stellte in einer Vorlesung vor der britischen Akademie im Jahre 1872 die Behauptung auf, dass der Instinkt der Mauer-Lehmwespe ~O^ - die einen rôhrenfSrmigen Vorraum mit Vorratskammer baut und denselben mit angestocbnen Larven zu Gunsten ihrer kunftigen Nachkommenschaft anfüllt, die sie niemals zu Gesicht bekommt -wahrscheinlich in derselben Weise entsteht. Fabee beobachtete dass die indische Wirbetwespe (Bmbec indm) ein Ei in eine Kam-mer legt, dessen Brutzeit nur sehr kurze Zeit dauert. Das Insekt besucht dann taglich seine lebendige Nachkommenschaft und bringt ihr kleine Larven mit, welche sie vorher ansticht, um sie bewegungslos zu machen. Nun kann dieser Instinkt bei der Mauer.Lehm-wespe infolge der eingetretnen Verlängerung der Brutzeit sehr leicht eine Ânderung insofern erfahren haben, als anfänglich eine Reihe von Opfern, dem ursprUngtichen Instmkte gemâss, in die Vorratskammer getragen wurde, wodurch dann eine Abanderung des In-stinktes entstand.

Zahireiche andere Instinkte, deren Ursprung lediglich dem Eui-fluss der natürlichen Züchtung zugeschrieben werden kann, werden wir noch im Anhange erwahnt finden. Ich darf mich daher hier weiterer Erlauterungen über die primaren Instinkte enthalten und gehe zu der folgenden Klasse über.

*) A Mmwqraphio Revision and Synopsis of the Trielioptera of the

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B. Sekundere Instinkte.

Die Beweise zu der weiten Reihe unsrer Aufstellungen werden auch noch manches Licht auf die erste Reihe derselben zurück-werfen. Zunachst haben wir zu zeigen, dasshäufig geübte intel.i-genee Anpassunnen automatisch werden, und zwar ent-weder bis zu einem Grad,, dass sie gar kein bewusstes Nachdenken mehr bedürfen, ode,, als bewustt ange-passte Gewohnheiten, doch nicht densebben Grad von be-wusster Anstrenggng erfordern, wie ursprünglich.

Der letzte Teil dieses Satzes hat seine Beweise schon in einem irUhern Kapitel dieses Buches gefunden. Dass „Übung den Meister macht" ist, wie schon gesagt, eine Thatsache der täglichen Beobachtung. Ob wir einen Taschenspieler, einen Piano- oder Billardspieler, ein seine Aufgabe lernendes Kind, oder einen seine Rolle wiederholcnden Schauspieter, oder eins von tausend ahntichcn Beispielen nehmen, wir werden stets finden, dass eine gewisse Wahrheit in dem cynischen Ausspruch steckt, dass der Mensch ein „Bündel von Gewohnheiten" sei. Dasselbe trifft natürlich auch fUr die Tiere zu. Die Dressur eines Tieres ist im wesentliehen das. selbe, wie die Erziehung cines Kindes, und wie wir sehen werden, bilden auch Tiere im Naturzustand ganz spezielle, in Beziehung zu lokalen Bedürfnissen stehende Gewohnheiten aus.

Die Ausdehnung, bis zu welcher Gewohnheit oder Wiederhotung auf diese Weise über bewusste Anstrengungen den Sieg davon tragen, ist ein beliebtés Thema bei Psychologen; einige Beispiele darOber habe ich bereits in dem Kapitel über "die physische Grundlage des Geistes" mitgeteitt und brauche deshalb hier nicht wieder darauf xurückzukommen.

Es bleibt aber noch eine andere Klasse erworbener geistiger Gewohnheiten zu erwahnen, die für die Instinktfrage eine um so grossere Bedeutung haben, als sie rein geistiger Natur und nicht mit mechanisch unterscheidbaren Bewegungen verbunden sind. So macht Prof. Alison*) die Bemerkung, dass das Schamgefùhl beim

*) Toddss Cyclo, of Amt. Art. „Mmct", vol. Ill, 1839.

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Menschen kein wahrer Instinkt sei, weil es weder angeboren, noch bei allen Mitgliedern unsrer Species zu finden sei, vielmehr im allgemeinen nur als eine Eigenschaft der zivilisierten Rassen be-3 trachtet werden könne. Obwohl es also lediglich eine angelernte *} geistige Gewohnheit bei moralisch kultivierten Personnn darstellt, :V tritt es nichts desto weniger mit der ganzen Stgrke und Präzison ■j eines richtigen Instinktes auf. In ahniichrr Weise macht sich der 5 Einfluss der Verfeinerung und des guten Geschmacks, welche von $ Kindhett an auf das Individuum wirken, so mächtig und unabweis-Hj bar bemerklich, dass die daraus hervorgehende ausserordentlich ;■ j genaue, unwillkürliche und rasche Anpassung an hoch komplizierte

1    Bedingungen selbtt in der gewOhnlichnn Unterhaltung sofort als $ inaktive Nötigung empfunden wird; denn wir pflegen tu sagen, < dass jemand die Instinkte eines „wohlerzogen"n" Menschen habe oder H aber dass er von schlechter Erziehugg se.. Der letztere Ausdruck | führt uns jedohh zu einer Seite unsres Gegenstandes, die wir einem p eigenen Abschnitte vorbehalten, xu dem wir jetzt ubergehen wollen. i           Indem wir sonach den sechsten Punkt a!s zweifellos hinnehmen, *i liegt es uns ob, noch den siebenten Satz zu begrOnden: dass auto-^ matische Handlengen und bewusste Gewohnheiten ve.-PI erbt werden können/)

U              *) Dtrwins Manaskripte tnthatten Nachwebe darüber, daM Personon

$      von tchwtchem Intellekt sehr teicht gewohnheitsmäßigen oder automatischen

?d       Bewegungen terfallen, die, dem Wilten nicht unterworfen, eher Reflexhand-

$       lungen gleichen, a)s willkürlichen oder bedachten Beweguugen. Diesen Zu.

h       sammenhang beobachtet man auch bei Tiereo. Darwnn kannte einen geistes.

M       tchwachen Hund, dessen Instinkt, vor dem Niederlegen sich im Kteise hemm.

2       subewegen (wahrscheinlich ein ReM des Instinkts, sich ein Lager im hohen I       Grase surechl za machen), so stark ausgebildet oder von der Intelligenz so f\       wenig im Zanme gehalten war, ,d*s er sich oft wohlgezähUe zwanzig Malo U       herumdrehte, ehe er sich niederlegte«. - Dieses Sichherumbtwegtn ist ohne

Zweifel als das Überbleibsel eines sekuKdaren Insttnhts su betrachten. Se-kundare Instinkte bestehen aber au! einem Herabsteigen von intetligenter Thä-tigkeit durch gewohnheitsmassigeTMtigkeitzurReflextbätigkeiti es ist deshalb iateressant, da«, wenn dieselben, wie in diesem Falle, vollstSndig ausgebildete Instinkte geworden sind, sie automatischen Gcwchnheiten gleichea, die in un. gezügeltet Weise «(treten, wo die tntelligenz geschwächt oder sonstwie ge-<törtist

Bomsnoi, Entvrtoklun» de* <M«W».                                             14

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Wir haben bereits gefunden, dass dies z. B. der Fall ist bci automatischen Handlungen, die zufällig oder ohne bewussten Zweck entstanden sind; es ware aber seltsam, wenn es sich mit automa. tischen Handlungen, die absichtlich erworben werden, anders ver. hielte; auch ist der Beweis dafür, dass die Thatsache sich hier nicht anders verhält, unwiderieglich.

Betrachtcn wir zuerst den Menschen. „Auf welchem merk. wUrdigen Zusammenwirken von KOrperbau, geistigem Charakter und Ërziehung,« sagt Darwin, „beruht die Handschrif!! Und doch wird schon jedermann gelegentlich die grosse Âhnlichkeit der Handschrift bei Vater und Sohn bemerkt haben, obschon der Vater im allge. meinen in dieser Richtung nicht einwirken pflegt. .. Hofacker & berichtet über die Erblichkeit der Handschrift in Deutschland, und man behauptet sogar, dass englische Knaben, die in Frankreich erzogen werden, ungezwungen an ihrer englischen Handschrift festhatten." Dr. Carpenter schreibt, dass ihn Miss Cobbe versichert habe, in ihrer Familie sei ein ganz charakteristischer Zug in der Handschrift durch fünf Generationen zu verfolgen, und in seiner eignen Familie komme der merkwürdtge Fall vor, dass „e!n Mitglied, dessen Handschrift einen ausgesprochenen Charakter besass durch einen Zufall seinen- rechten Arm verlor, im Laufe weniger Monate lernte er mit der Linken schreiben 'und in kurzer Zeit wurden die so geschriebenen Briefe ganz ununterscheidbar von seinen früheren Briefën." Dieser Fall erinnerte mich an eine haufig von mir und gewiss auch anderwarts beobachtete Thatsache: nam-lich dass, wenn ich in einer ungewohntichen Richtung schreibe, wie z. B. senkrecht an einer Cylinderform herunter, der Charakter der Handschrift ganz unverSndert bleibt, obwoh! Hand und Auge in einer hochst ungewohnten Weise arbeiten. Nimmt man, wie schon in einem früheren Kapitel bemerkt, in jede Hand einen Bleistift und schreibt dasselbe Wort mit beiden Hgnden zugleich (mit der Linken von rechts nach links), so wird, wenn man das rOckwarts Geschriebene vor einen Spiegel hält, die Obereinstimmung der Handschrift sofort erkannt werden.

Die Beispiele bezuglich der Stârke der Vererbung von geistigen Errungenschaften beim Menschen sind ausserordentlich zahl-

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reich') und konnten mit Hinsicht auf die Tiere ooch beliebig ver-mehrt werden. So z. B. werden in Norwegen die Ponies ohne Züget geritten und angelern,, der Stimme zu gehorchen; infolge dessen hat sich bereits eine Rasseeigentümtichkeit herausgebildet; denn Andrew Kngght berichtet, dass „dieBereiter, und gewiss aus gutem Grunde, darUber klagen, dass es unmOgtich sei, diese Pferde durch das Maul zu regieren; nichtsdestoweniger sind sie sehr gelehrig und ungewohntich folgsam, sobald sie die Befehle ihresHerrn verstehen.'"«) Lawson Tait erzahit mir, dass er eine Katze besitze, welche angelernt wurde, gleich einem HHndchen zu bitten, sodass sich die Gewohnheit bei ihr ausbildete, diese fur eine Katze so ungewohniiche Haltung anzunehmen, so oft sie Futter verlangte. Aber auch ihre samtlichen Jungen nahmen dieselbe Gewohnheit an, und zwar unter Umstanden, die jede Môgtichkeit einer Nachahmung ausschlossen, da sie schon sehr jung an Freunde verschenkt wurdeo. Ihre neuen Eigentümer waren denn auch nicht wenig Uberrascht, als ihre Katzchen, wenige Wochen spater, aus freien Stücken zu „bitten" begannen.*")

Um zu zeigen, dass dieselben Grundsatze auch für das Tier im Naturzustand gelten, genügt es, auf die Erblichkeit der Wildheit und Zahmheit als auf eins der Uberzeugendsten Beispiele hinzudeuten. Wildheit oder Zahmheit sind namtich nichts anderes, als

*) Vg!. Carpeneer, Menial physiology, p. 393. *ro auch aber erb-liehe Anlagen fur Musik und Malerei abgehandell wird; ferner O.It...** diiary Genius, bcrflgl. der in manchen Familien vorkommenden hohen geisti-gen Kgenschaften, sei es in ein und derselbet oder in verwandten Ricbtungen. Auch Spencer (Rpfe*, ~) berichtet aber psychologische Rasseeigea-

M scheint das oben «nlhlte Beispiel von erblichee Übertragung auffallender, als thniiche Falle beim Hand. Vgl. Lewe,, Proton» of life and kind I, and ein Bericht von Hurt in der .Nairn' (!8* » Aug.), wonach cin Pinscherr dcm er mit grosser Mohe das .Bin*' beigebracht halte, dièse Ge-

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wurde und er es auch nie bei audern sah!°

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eine gewisse Gruppe von Ideen oder Anlagen mit dem Charakter eines Instinkts, so dass wir mit Recht sagen kënnen, ein wildes Tier „schrecke instinktiv" vor dem Menschen oder einem andern Feinde zurück, wahrend bei einem zahmen Tier das Gegenteil der Fall sei. Eines der tvpischsten und bemerkenswertesten Beispiele von Instink: ist in der That die angeborne Furcht vor Feinden, wie sie z. B. von Hühnern beim Anblick eines Habichts, von Pferden beim Ge. ruch eines Wolfes, von Affen beim Erscheinen einer Schiange an den Tag gelegt wird. fn dieser Richtung ist eine ungeheure Masse von Matcrial vorhanden, welches beweist, dass dièse Instinkte so-wohl durch Nichtgebrauch verloren, wie auch durch erbliche Ubertragung der elterlichen Erfahrungen a!s Instinkte erworben werden konnen.

Einen schlagenden Beweis, dass natürliche instinktive Wildheit durch Nichtgebrauch für eine Art verloren gehen kann, liefern die Kaninchen. Wie Darwin bemerkt, "ist kaum irgend ein Tier so schwierig zu zahmea, als das Junge eines wilden Kaninchens, wahrend es kaum ein zahmeres Tier gibt als das Junge des zahmen Ka-ninchens; und doch kann ich kaum glauben, dass die Hauskaninchen lediglich wegen ihrer Zahmheit gezuchtet worden seien; wir müssen daher wenigstens zum grösseren Teil die ererbte Veranderung von âusserster Wildheit bis zur ausserstcn Zahmheit der Gewohnheit und der lange fortgesetzten engen Gefangenschatt zuschreiben«.') ïn den Manuskripten findet sich noch der Zusatz:

„Kapitan Sulivan brachte einige junge Kaninchen von den Falklandsinseln mit, wo diese Tiere seit Generationen wild lebten, und ist überzeugt, dass sie leichter zu zahmen sind, als die echten wilden Kaninchen in England. Die verhältnismassige Leichtigkeit, mit der sich die wilden Pferde in La Plata zureiten lassen, lässt sich wohl auf dasselbe Prinzip zuruckführen, wonach einige Wirkungen der Domestikation jener Rasse noch lange inharent geblieben sind." Dazu bemerkt Darwin in seinen Manuskripten, dass ein grosser Gegensatx zwischen der natürlichen Zahmheit der zahmen Ente und der naturlichen Wildheit der wilden besteht.))

*);ÄehUngderArten*S.:9~. *) Mit Rücksicht darauf «ehe ich folgendes aus Darwins Manuskrip- £

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Die noch bemerkenswertere« Gegensatze xwischen unseren Haushunden, Katzen und Rindvieh werde ich noch spâter beleuchten, denn es ist sehr wahrscheinlich, dan bei ihnen das Prinzip der Auslese eine wichtige Rolle gespielt hat. Hier haben wir es jedoch vorläufig nur mit den Beweisen fur die Bildung sekundarer Instinkte zu thun, d, h. mit' dem Herabsteigen der intelligenten zur instinktiven Thatigkeit, ohne Hilfe der natürlichen ZUchtuug.

Wir haben gesehen, dass der Instinkt der Wildheit durch blossen Nichtgebrauch, ohne den Heistand des Prinzips der Auslese, ausgemerzt werden kann, und dass diese Wirkung entweder anhält oder auch allmShtich wieder verschwindet, wenn die Tiere mehrere aufeinanderfolgende Generationen hindurch ihren ursprUnglichen Lebensbedingungen zurückge~ebcn werden. lm Gegensatz dazu habe ich nun zu zeigen, dass die Instinkte der Wildheit durch erbliche Ubertrugung neuer Erfahrungen, ebenfalls ohne Hilfe der Auslese, erworben werdeu konnen. Den bUndigsten Beweis liefert die ursprüng)iche Zahmheit der Tiere auf unbesuchten lnseln; die-selbe geht stufenweise in cinen erblichen Instinkt von Wildheit Uber, je nachdem die speziellen Erfahrungen über die menschlichen Neigungen sich haufen. Wenn die Auslese auch hier und da eine Rolle hierbei spielen mag, so kann es doch nur eine sehr untergeordnete sein. Ich konnte ganze Seiten mit den hierher gehôrigen Bcrichten von Reisenden füllen; der Kürze wegen verweise ich indessen nur auf die Bemerkungen Darwins am Ende dieses Bandes,

ten: ,Das wilde Kaninchen, sagt Sir J. Sebright, bt weitaus das „«zähm-barste Tier, welches ich kenne; ich nahm die Jungen vom Nest und versuchtt sie ,« «ahmen, es gelang mir aber nie. Dagegen ist das Hauskaninchen wohl leichter su zShmen, denn irgend ein anderes Tier, mit Ausnahme des Hundess Ein ganz ähnllchee Fall steht um in den Jungen der wilden and »hmen Ente zuf Seite.' Eine interessantt Bestätigung dieser Behauptung findet sich in einem Briefe von Dt. Rae (,Nttwc* 19. JuU 1883): "Wenn die Eier einer wilden Ente, xusammen mit denen einer zahmen, eintr Henne unter. gelegt werden, so werden die Jungen der ersteren, an demselben Tage, an dem sie das Ei verlassen, <ich sofort zu verbergen oder beim Herannahee einer Ferson nach dem nachsten Gewässer zu entkommen trachten, wShrend die Jaagen aus den Eiern der zahmen Ente sieh durchaus nicht erschreckt zeigen - ein Uare< Beispiel von Instinkt oder .ererbtem Gedächtnis«.-

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denen ich noch die Andeutung beifügen mdchte, dass die Ent. wicklung der Feuerwa<fen in Verbindung mit der Ausbildung der Jagd, wie jedem Jager bekannt, allem Wild eine instinktive Kenntnis dessen beigebracht hat, was man unter einer „sicheren Entfernung" verstcht, dass aber ciné solche instinktive Anpassung an neu ent-wickelte Bedingungen im grossen und gamen ohne die Hufe det Auslese stattfindet, Keht aus der Kürze der Zeit oder der geringen Anzahl der Generationen hervor, die zu dieser Abanderung geniigen. Als Reweis dessen diene das folgende Beispiel, welches ich den sorgfältigenBeobachtungen Andrew Knighss verdanke. Derselbe schreibt in einer Abhandlung über erblichen Instinkt: "Ich bin Zeugc davon gewesen, dass innerhalb eines Zeitraumes von 60 Jahren eine sehr grosse Anderung in den Gewohnheiten der Waldschnepfe Platz gegriflen hat. Anfangtich war sie kurx nach ihrer Ankunft im Herbst sehr «.trautich: wenn sic gestört wurde, stiess sie nur cin teises Gtucksen aus und flog auf eine ganz kurze Kntfernung davon. Heute ist sie, und zwar schon seit einer ganzen Reihe von Jahren, ein verhältnismässig sehr scheuer Voge), der sich gewOhn. lich schweigend erhebt und cinen weiten Flug macht, aufgeregt, wie ich glaube, durch die infolge von Vererbung starker gewor-dene Furcht vor dem Menschen.'")

Die Macht oder der Einfluss der Erblichkeit auf dem Gebiet des (primaren oder sekundaren) Instinkts zeigt sich indessen vielteicht am starksten bei den Wirkungen der Kreuzung. Freilich ist es nicht leicht, derartige Beweise bei wilden Arten zu bekommen, da hybride Formen im Naturzustande selten sind. Wenn aber eine wilde Art mit einer zahmen gekreuzt wird, so ist die gewShntiche Folge, dass die hybride Nachkommenschaft gemischte Geistes-Eigenschaften darbietet. Noch zwingender wird der Beweis einer solchen Mischung, wenn zwei verschiedene Rassen von Haustieren gekreuzt werden, welche verschiedene erbliche Gewohnheiten oder, wie es Darwin nennt, „domestizierte Instinkte" besitzen. So wird eine Kreuzung zwischen einem Hühnerhund (Setter) und einem Vorstehhund (Pointer) die eigentümlichen Bewegungen und Ge-

♦) Phil. Trans, 1837, p. 369.

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wohnheiten beider Rassen vermischen; Lord Alforss beruhmte Windhunde erlangten einen grossen Mut infolge einer einigen Kreuzung mit einem Bulldog. und "eine vor Generationen stattgefundene Kreuzung zwischen einem Stober und einem Schafer und wird dem letzteren die Neigung verleihen, Hasen zu jagen.'-)

Knight sagt weiter: „In einem Falle sah ich einen sehr jungen Hund, den Mischling eines Springhunds mit einem Hühner. hund, der sich, wenn er die Spur eines Rebhuhns kreuzte, niederlegte, wie sein Vater gethan haben würde, und dann ohne: xu bellen

den Vogel ansprang.

Ats derselbe Hund aber einige Stunden

spater eine Schncpfe fand, schlug er frischweg an und verhielt sich ganz so, wie es seine Mutter in diesem Falle gethan haben wurde. Tiere aus solchen Kreuzungen sind jedoch gewûhntich wertlos, und die Versuche undBeobachtungen, die ich mit ihnen anstellte, sind weder sehr zahireich, noch intéressant."

Darwnn schreibt daruber":: "Diese domestizierten Instinkte, auf solche Art durch Kreuzung erprobt, gleichen natürlichen Instinkten, welche sich in ahnticher Weise sonderbar mit einander vermischen, so dass sich auf lange hinaus Spuren des Instinkts beider Eltern erhalten. So beschreibt Le Roy emen Hund, dessen Urgrossvater ein Wolf war; dieser Hund verriet die Spuren seiner wilden Abstammung nur auf eine Weise, indem er nSmlich, wenn er von seinem Herrn gerufen wurde, nie in gerader Richtung auf ihn zukam." Weiteren Nachweisen wird man im Anhang begegnen. Ich schüesse das Kapitel mit einem Abschnitt, den ich in einem andern Teil von Darwiss Manuskripten finde:

„Im siebenten Kapitel habe ich einige Thatsachen beigebrach,, die dafUr sprechen, dass wenn Rassen oder Artcn gekreuzt werden, in der Nachkommenschaft die Neigung entsteht, aus ganz unbe-kannten Ursachen auf Charaktere der Vorfahren zuruckzugreifen. Ich mochte vermuten, dass sich dadurch eine leichte Hinneigung zur ursprunglichen Wildheit bei gekreuzten Tieren bemerklich mache. Garnett erwahnt in einem Briefe an mich, dass seine Blend.

) BIaine, Rural Sports, p. 863, Mgerührt bei Darwin (II, „3). *) Entstthwng der Arten, S. 294.

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Hnge von der Moschus. und der gemeinen Ente eine cigentüm!icht Wrtdheit verrieten. Waterton') sagt, class seine Enten, eine Kreu. E amg avischen der wilden und der zahmen, .eine merkwürdige M Vorsi^t bes~se,. M, Hewitt, der mehr Bringe - FasanS und Hühnern zog, als irgend ein andrer, spricht sich in seinen Bnefen an mich in den bestimmtesten AusdrUcken über deren wilde, bûsartige und streitsOchtigc Anlagen aus; dasselbe trifft auch für a-U» xu, die ich selbst gesehen habe. Capitain Hutton teilt uns ahn!iehes bezüglich der Nachkommen aus der Kreuzung einer zahmen Ziege mit einer wilden Art aus dem Westen des Himalaya mit. Lord Powis« Agent berichtet mir, ohne dass ich ZJ eine Frage darüber vorgelegt hatte, dass Kreuzungen von indischen Haustieren und der gemeinen Kuh wilder seien, als reine Abkômmlinge. Ich glaube nicht, dass diese vermehrte Witdheit unveranderiich eL tritt, es scheint dies, nach Mr. Eyton, z. B. weder der Fall zu sein mit den Nachkommen aus einer Kreuzung der gemeinen mit der chmesischen Gans, noch, nach Mr. Bren,, mit Btendtingen vom Kanarienvogel"

» &m~, on Katural khiory, p. ,97.

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Drezzehntes Kapitel.

Gemischter Ureprung und Biegsamkett des Instinkts.

mm*s dem Vorherigen dUrfen wir meines Erachten* als fest-Wm\ stehend annehmen:

HO i. Dass gewisse Neigungen oder gewohnheitsmäßige J laud-lungen entstehen und vererbt werden können, ohnc Unterweisung von seiten der Eltern etc.; hierher gehOren z. B. die „üb!en Gewohnheiten", besondre Anlagen, wie das Purzeln der Purzettauben u. s. w. In solchen Fällen bedarf es keiner Intelligenz; wenn aber derartige Neigungen und Handlungen in der Natur vorkommen (und wie wir gesehen, ist dies zweifelsohne der Fall), so werden diejenigen, welche den Tieren «. Vorteil gereichen, befestigt und durch natürliche Züchtung vervollkommnet und dann bilden sie das, was ich die primären Instinkte genannt habe.

2. Dass ursprungtich intelligente Anpassungcn durch häufige Wiederholungen, sowohl beim Individuum, als bei der Rasse, automatisch werden. Aïs Beispiele fur solche „zurückgetretene Intelligenz" beim Individuum berief ich mich auf die hochkoordinierten und muhsam erworbenen Thitigkeiten des Gehens, Sprechens u. s. w., und mit Bezug auf die Rasse wies ich auf den erblichen Charakter der Handschrift, besondrer Talente etc. hin, sowie, fUr die Tiere, auf gewisse eigentümliche Gewohnheiten (z. B. das Grinsen bei Hunden, das Bitten bei Katzen), die auf die Nachkommenschatt vererbt werden; schliesslich auf die noch lehrreicheren Thatsachen hinsichtlich des Verlustes der Wildheit bei domestizierten Tieren und der stufenweisen Erwerbung dieses Instinktes bei Tieren, die

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früher von Menschen nicht besuchee Inseln bewohnten. Diese und andere Fälle wgh!te ich zur Illustration meiner Darstellung, weil bei keinem derselben das Prinzip der Auslese in irgend einem be-tracht!ichen Grade wirksam gewesen sein kann. Obwoht ich im Interesse der Klarheit jene beiden Faktoren bei der Ausbildung des Instinktes von einander getrennt hielt, muss nun gezeigt werden, dass Instinkte nicht notwendig auf die eine oder die andere dieser beiden Entstehungsweisen beschrankt sind, sondern dass im Gegen-tei) die Instinkte eine doppelte Wurzel haben, indem das Prinzip der Auslese mit dem des Zurücktretens der Intelligenz zur Bildung eines gemeinschaftlichen Resultats zusammcn wirkt. So kdnnen erb. liche Neigungen oder gewohnheitsmässige Thatigkeiten, die niemals . intelligent waren, aber als vorteilhaft von Anfang an durch natur-liche Züchtung befestigt wurden, das Material zu fernerer Vervoll. kommnung liefern oder durch Intelligenz xu vervollkommnetem Ge. brauche fMhren; umgekehrt konnen Anpassungen, die ursprûngtich einem ZurOcktreten der Intelligenz zu verdanken sind, durch natür' liche Auslese in hohem Grade vervollkommnet oder zu vetvollkomnv netem Gebrauche geleitet werden.

Ein Beispiel der enteren Art, d. h. des primaren Instinkts, modifiziert und vervollkommnet dure!, Intelligenz, liefert uns die Raupe, die, ehe sie sich in eine Puppc verwandett, einen kleinen Raum mit einem Seidengesptnst (an dem die Puppe sicher aufge' hangt werden kann) durchkreuzt, in eine mit Musselin bedeckte Schachtel gesetzt aber sofort begreift, dass das vorbereitende Gewebe unnotig geworden ist, und deshalb ihre Puppe an dem Mus. selin befestigt/) Hierher gehôrt auch der von Knight beschriebene Vogel, welcher herausfand, dass er sein auf ein Treibhaus gesetztes Nest tagsüber nicht tu besuchen brauche, da die Hitze des Hauses genügte, um die Eier zu bebrüten, stets aber des Nachts auf den Eiern sass, wenn die Temperatur des Hauses fiel. Bei diesen beiden

*) Siehe Kirby und Spence, JSMmdon II., p. 476. Olfenbar ist

ZI T£ZZ »rSÄTÄTS:

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Fällen von primârem Instinkt, modifiziert durch intelligente Anpassungen an besondere Umstande - denen noch hunderte von andern hinzugefugt werden konnten - ist es einleuchtend, dass wenn die besondern Umstande allgemein wurden, die Anpassung an dieselben ebenfalls allgemein und mit der Zeit durch Zurücktreten der In-telligenz instinktiv werden würden. Wenn Musselin und Treibhäuser rcgetmassige Zugaben in der Umgebung der Raupe oder des Vogels wären, so würde auch die erstere aufhoren ein Gcspinst zu weben und der letztere tagsUber seine Eier zu bebrOten. In jedem Falle wUrde ein sekund~rer Instinkt mit einem früher existierenden primaren gemischt und auf diese Weise ein neuer Instinkt doppetten Ursprungs, d. h. aus einer zweifachen Wurzel, entstehen.

A!s ein Beispiel von primarem Instinkt, der in ahnticher Weise mit einem früheren sekundaren gemischt erscheint, ist dagegen das folgende xu betrachten: Das Haselhuhn von Nordamerika zeigt den merkwürdigen Instinkt, dicht unterhalb der Schneeoberfläche einen Gang auszuhöhlen. Am Ende dieses Ganges schläft es sicher, denn wenn irgend ein vierfüssiger Feind in die Nahe des Einganges seines Tunnels kommt, so braucht der Vogel nur durch die dünne Schneedecke aufzufliegen, um zu entweichen. Nun be-gann in diesem Falle das Haselhuhn die Aushohiungsarbeit wahrscheinlich um seines Schutzes willen oder um sich zu verbergen, oder aus beiden RUcksichten, und insoweit war das Aushöhlen wahrscheinlich ein Akt der Intelligenz. Je langer nun der unterirdische Gang war, um so besser musste er dem Zwecke des Entweichen entsprechen, und deshalb wird die naturliche Züchtung es gewiss dahin gebracht haben, die Voge!, welche die längsten Tunnels bauten, zu erhatten, bis der größtmogliche Nutzen, den die Tunne-lange bieten konnte, erreicht war.

Wir ersehen daraus, dass bei der Ausbildung der Instinkte zwei grosse Prinzipien in Thatigkeit sind, welche entweder einzeln oder verbunden wirken; diese beiden Prinzipien sind das Zuruck-treten der Intelligenz und der Einfluss der naturliehen Zuchtung. Indem vorigen Kapitel behandelten wir solche Instinkte, die demeinen oder dem andern dieser Prinzipien zuzuschreiben sind. In dem gegenwartigen Kapitel wollen wir diejenigen Instinkte betrachten, die

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der vereinten Wirksamkeit beider Prinzipien zu verdanken sind. Wenn wir aber selbst bei vollkommen ausgebildeten Instinkten, wie s. B. in den obigen Fällen, noch einer kleinen Dosis von Urteil begegnen, so ist es offenbar schwierig, die Wichtigkeit richtig abzuschatzen, welche ihr zuzuschreiben ist, je nachdem sie durch Wiederholung gewohnheitsmSssig wird und so den früheren Instinkt vcrbessert, oder sich mit dem Einfluss der natUrlichen Züchtung verbindet. Denn wenn wir, unter Annahme des letzteren Falles, sehen, dass intelligente Handlungen schon durch Wiederholung automatisch werden (sekundare Instinkte), sodann abândern und ihre Abânderungen in vorteilhafter Richtung durch natürliche Züchtung befestigt werden: welche Rolle wird erst der naturlichen ZOchtung bei der weiteren Entwicklung eines Instinkts zufallen, wenn die Abanderungen desselben nicht ganz, zufällig sind, sondern als intelligente Anpassungen ererbter Erfahrung an wahrgenommne Bedürfnisse individueller Erfahrung entstehen!

Somit ist es also klar genug, dass die beiden Prinzipien entweder einxeln oder gemeinsam bei der Ausbildung der Instinkte thatig sein kOnnen, abgesehen von der historischen Prioritat, die in jedem besondren Falle zur Geltung kommen mag. Ich werde deshalb auch kunftig diese Prioritatsfrage ganz beiseitelassen, und ohne Wert darauf zu legen, ob in diesem oder jenem Falle die Auslese vor dem Ausfall der Intelligenz, oder dieser vor jener war, wird mein Nachweis sich darauf beschranken, dass die beiden Prin. zipien gemeinsam auftreten.

Zum Beweis dessen haben wir noch umfassender, als es in den wenigen bisher beigebrachten Fällen möglich war, zu zeigen, nicht nur, was schon aus dem vorigen Kapitel hervorgeh,, dass voll-kommen ausgebildete Instinkte abandern, sondern auch, dass ihre Abanderung durch Intelligent bestimmt werden kann.

Biegsamkeit des Instinkts.

Schon bei einer früheren Gelegenheit pflegte ich diesen Aus-druck naher zu bezeichnen als die Abïnderungsföhigkett des In. strökts unter dem Einfluss der Intelligenz. Ich werde nun

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an einigen ausgewählten Beispielen die AbNnderungsfahigkeit nach-weisen und dann zu den Ursachen ubergehen, welche vorzugsweise zu der auf den Instinkt wirkenden Intelligenz fUhren. Ich halte es nicht fur Uberflüssig, vor allem die ThaUachen der Biegsamkeit des lnstinkts Uber allen Zweifel zu stellen, nicht nur wegen der aller. wärts noch vorherrschenden Meinung, dass Instinkte unveranderiich festständen oder doch einer intelligenten AbSnderung unter verSnderten Lebensumständnn den starrsten Widerstand entgegensetzten, sondern besonders deshalb, weil gerade dieses Prinzip der Bieg-samkeit es ist, welches der natüriichen ZUchtung jene vorteilhaften InstinktSnderungen ermôglicht, die zur Ausbildung neuer Inst!nkt' von primâr-sekundärer Nater erforderlich sind. Hube*' bemerkt: „Wie dehnbar ist der Instinkt der Bienen und wie willig fügt er sich in die Ortiichkeit, UmstSnde und die Bedürfnisse des Votkes!" Wenn dies aber von Tieren gesagt wird, bei denen der Instinkt seine hëchste Vollendung und Kompliziertheit erreicht hat, so künnen wir wohl ohne weiteres vorausbetzen, dass der Instinkt in jedem Falle biegsam ist. Ubrigens bilden die Bienen auch noch in andrer Beziehung ein passendes Beispiel fUr unsern Zweck, weil ihr wunderbarer Instinkt zur Herstellung sechsseitiger Zellen nur als ein Instinkt von primarer Art aufgefasst werden kann. Wie wir sehen werden, unterliegt aber auch ein so stark befestigter primarer Instinkt durch intelligente Anpassung an neue Umstande noch in hohem Grade der Abanderung.

Kirby und Spenee schreiben in weiterer AusfUhrung der Huberschen Beobachtungen: "Eine Wabe, die ursprungtich nicht fest oben an der Glasdecke des Bienenkorbes befestigt war, fiel im Laufe des Winters zwischen die ubrigen Waben, wobei sie jedoch die parallele Lage mit den letzteren beibehielt. Die Bienen konnten nun den Zwischenraum zwischen dem oberen Rande der Scheibe und der Decke des Korbes nicht ausfüllen, weil sie niemals mit altem Wachs bauen, neues Wachs sich aber nicht verschaffec konnten; zu einer günstigeren Jahreszeit wurden sie nicht verfehlt haben, eine néue Wabe auf die alte zu bauen, da es sich

*) ,Neae Beobachtungee «n Bienen«* 18;9.

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»her damats verbot, ihren Honigvomt auf die Herstellung von Wachs zu verwenden, so sorgten sie auf andre Weise für die Befestigung der gefallnen Wabe. Sie versahen sich Dämtich mit Wachs aus den andern Waben, indem sie die Rander der langeren Zellen abnagten und sich dann haufenweise zum Teil auf den Rand der gefallnen Wabe, zum Teil an ihre Seiten begaben und sie durch eine Anzahl Bänder von verschiedener Form einerseits an die benachbarte Wabe, anderseits an die Glaswand des Stockes befestigten; einige dieser Verbindungen bildeten Pfeiler, andere Stützen, wahrend die übrigen künsttich verteilte und dem Charakter der verbundnnn Oberflächen angepasste Querbalken bildeten. Auch begnügten sie , sich nicht mit der blossen Wiederherstellung der erlittenen Beschä- L digungen, sondern schOtzten sich auch noch gegen diejenigen, welche , nachkommen konnten; sie schienen Nutzen aus der Warnung zu ziehen, die ihnen durch den Herabfall der Wabe zugekommen war und trafen auch Massregetn, sich gegen weitere derartige Unfâlle zu , schutzen. Die andern Waben waren nicht von der Stelle gerückt und schienen an ihrer Basis noch gut befestigt zu sein; Hub rr , war deshalb nicht wenig erstaunt, als er sah, dass die Bienen die , wichtigsten Verbindungen zwischen denselben verstarkten, indem sie I sie mit altem Wachs verdickten und zahlreiche Bander und Faden anbrachten, um sie noch genauer unter einander und mit den ! Wanden des Stockes zu vereinigen. Was noch merkwürdiger war: | alles dies begab sich Mitte Januar, zu einer Zeit, da die Bienen j sich gewohntich in der Spitze des Korbes zusammen ballen und sich mit Arbciten dieser Art nicht abgeben ... Aïs Hubrr gegen- . uber einer Wabe, an welcher die Bienen bauten, eine Glasscheibe J angebracht batte, schienen die Tiere sofort zu wissen, dass es sehr j schwierig sein wurde, an eine so glatte Oberfläche anzuheften und statt die Wabe in gerader Richtung weiter gehen zu lassen, bogen sie sie in einem rechten Winkel ab und befestigten sie dann, mit , Umgehung des Glasstucks, an einen benachbarten Teil des Holz- -werks. Diese Abweichung wurde, wenn die Wabe nur eine einfache, , uniforme Wachsmasse gewesen ware, schon nicht wenig Scharfsinn , erfordert haben, wenn man aber bedenkt, dass eine Wabe auf jeder . Seite aus Zellen besteht, die einen gemeinschaftlichen Boden haben, ,

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und einmal versuchsweise bei einer Wabe das Wachs durch Hitze erweicht, um sie dann nach irgend einer Seite hin im rechten Winkel abzubiegen, so wird man die Schwierigkeiten wurdigen lernen, die unsre kleinen Baumeister xu uberwinden hatten. Die Hilfsquellen ihres Instinkts hielten sich jedoch auf der Hôhe der Aufgabe: Sie machten die Zellen auf der konvexen Seite des gebognen Teils der Scheibe um ein Beträchttiches grOsser und die auf der kon-kaven Seite um so viel kleiner als gewôhniich, so dass die ersteren drei- bis viermal den Durchmesser der letzteren erreichten. Dies war aber noch nicht alles. Da der Boden der kleinen und grossen Zellen wie gewôhntich beiden gemeinsam war, wurden die Zellen nicht etwa reguläre Prismen, sondern die kleineren unten betrachtlich weiter als oben, und umgekehrt war es mit den grôsseren Zellen. Wie ist eine so wunderbare Biegsamkeit des Instinkts zu begreifen? Kônnen wir, um mit Hubrr zu fragen, es verstehen, dass ein grosser Haufe von Arbeitern, die zu gleicher Zeit an einem Rande der Wabe beschäftigt sind, sich darUber verstandigt, die-se!be KrUmmung von einem Ende bis zum andern festzuhatten; oder wie bringen sie es fertig, alle zusammen an einer Seite so kleine Zellen zu bauen, wahrend sie denselben au der andern Seite so grosse Dimensionen geben? Wie sollen wir unsrer Bewunderung über die Kunst ihres Zellenbaues, die so weit geht, dass sie so verschiedenartige Zellen mit einander in Obereinstimmung zu bringen wissen, genügcnden Ausdruck verleihen?"

Andere Mitteilungen Hubers zeigen, dass selbst unter ge-wôhntichen Umstanden Bienen haufig die Gewohnheit haben, die Konstruktion ihrer Zellen zu Nndern. So z. B. erfordern die Zellen für Drohnen einen wesentlich grosseren Umfang, als die der Geschlechtslosen; da die Zellenreihen aber alle zusammenhangen, auch dort wo der Obergang von einer Art Zellen zu einer andern Platz greift, so entsteht die komplizierte geometrische Aufgabe, zu verbinden, ohne leere ZwischenrSume oder eine Storung in der Regelmässigkeit des Stocks zu veranlassen. Ohne tiefer in die Lôsung dieser Aufgabe einzugehen, mag die Bemerkung genügen, dass beim Obergang von einer Zellenform in die andre eine grosse Anzahl Zwischenreihea hergestellt werden, die in der Form nicht

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nur von der gewohntichen Zelle, sondern auch unter einander ab-weichen. Wenn nun die Bienen bei einer gewissen Stufe in diesem Ubergangsprozess angelangt sind, so kônnten sie ja einhatten und den Stock nach diesem Muster weiterbauen. Sie gehen aber unauf. hattsam von einer Stufe zur andern über, bis der Ubergang von den kleinen zu den grôsseren Sechsecken oder umgekehrt vollendet ist. Kirby und Spenee schreiben darUber: „Reaum,r, Bonntt und andre Naturforscher betrachten diese Unregelmässigkeit als ebensoviel Beispiele von Unvollkommenheit. Wie gross wOrde ihre Uberraschung gewesen sein, wenn sie erfahren hatten, dass diese Anomalie xum Teit berechnet (rangepasst) ware, dass eine sozusagen bewegliche Harmonie in dem Mechanismus des Zellen. baues besteht! . . Es ist aber noch weit erstaunlicher, dass sie von ihrer gewôhntichen Routine abzugehen wissen, wenn die Umstande den Bau männlicher Zellen erfordern; dass sie die Grasse und Form eines jeden Teiis nach Bedarf abzuandern lernen, um die Rückkehr zur regelmassigen Ordnung wieder zu ermoglichen, so dass, nach dem sie dreissig oder vierzig Reihen männlicher Zellen gebaut haben, sic die regelrechte Anordnung derselben wieder verlassen und durch allmahtiche Verkleinerung zu dem Punkt zuruckkehren, von wo sie ausgegangen sind ... Das Wunder wurde hierbei weniger gross sein, wenn jede Wabe eine bestimmte Anzahl Ûbergangs- und männlicher Zellen an einer und derselben Stelle aufwiese; dies ist jedoch durchaus nicht der Fall. Das, was allein, zu welcher Zeit es auch eintreffen m6ge, die Bienen zur Erbauung mânnlicher Zellen zu bestimmen scheint, ist die Eierablage der Konigin. So lange sie Arbeitereier zu legen fbrtfahrt, ist nicht eine einzige männliche Zelle vorgesehen; sowie sie aber im Begrift steht, männliche Eier zu legen, scheinen die Arbeiter dies alsbald zu bemerken und wir sehen sie alsdann ihre Zellen unregelmassig bilden. Wir haben hier also eine ganz bestimmte und überlegte Abanderung in der Bauart der normalen Zellen vor uns und finden, dass diese Abanderung durch ein Ereignis (die Ablage männlicher Eier) bestimmt wird, welches vermutlich alle Bienen zu gleicher Zeit bemerken. Was in dieser Beziehung aber besondcrs wichtig erscheint, ist, dass wahrend der gewohnlichen Arbeit der Bienen

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häufig die Veranlassung Air sie entsteht, die Konstruktton ihrer Zellen zu modifizieren, so dass die Instinkte der Tiere also nicht ein für allemal an eine unwandelbare Form der Zeiten gebunden sein konnen. Es besteht im Gegenteil eine bewegllche Harmonie in der Wirksamkeii des Instinktts die ihnen eine gewisse Freiheit im Bau der Scheibe sichert und bei sich darbietender Gelegenheii ihre Formel andert; und zwar geschieht das infolge einer intelligenten Wahrnehmung der jeweiligen Bedurfoisse.

Dieselbe Erscheinung zeigte sich in einem noch hôheren Crade bei einigen andern Experimenten Hubers, die darin bestanden, dass er die Bienen veranlasste, von der normalen Weise ihres Wabenbaues von oben nach unten abzugehen und sowohl von unten nach oben als auch in horizontaler Richtung weiter zu bauen. Ohne diese Versuche im einzelnen beschreiben zu wollen, will ich nur sagen, dass sein Kunstgriff es den Bienen nur übrig liess, in einer ungewShnlichen Richtung oder gar nicht zu bauen; die Thatsache aber, dass sie unter solchen Umstanden in Richtungeo bauten, in der ihre Voreltern niemals gebaut hatten, bietet eines der besten Bei-spiele von einem durch Intelligenz in hohem Grade abge~nderten primaron Instinkte, ,denn Bienen im Naturzustand müssen woht haufig die Form ihrer Zellen andern, sind jedoch niemals ganotigt, die Richtung ihres Baues umxukehrenn

Hiete gehdren nun die nachstehenden Beobachtungen, die wir ebenfalls Hubrr verdanken. Ein sehr unregelmässiges Stück Wabe schwankte, auf einen glatten Tisch gebracht, fortwahrend so heftig, dass die Hummeln auf einer so unbestfndigen Grundlage nicht zu arbeiten vermochten. Um das Schwanken zu vermeiden, hielten zwei oder drei der kleinen Tierchen die Wabe fest, indem sie ihre Vorderfüsse auf den Tisch und die Hinternisse auf die Wabe stemmten. ~ie fetten dies, indem sie sich einander ablösten, drei Tage hindurch fort, bis die StUtzpfeiler von Wachs fertigwaren. "Nun kanndoch," bemerkt Darwin in seinen Manuskripten, "ein solcher Zufall kaum jemals in der Natur vorgekommen sein!"

André Hummeln, die man eingeschlossen und dadurch verhindert hatte, Moos zur Bedeckung ihrer Nester zu sammeln, zogen

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FNden aus einem Stuck Tuch und machten daraus vermittelst ihrer Risse eine lockeee Masse, die sie statt des Mooses benutzten. In ahnlicher Weise beobachtete Andrew Knight, dass seine Bienen sich einer Art Cement aus Wachs und Terpentin bedienten, womit er abgerindete Baume bestrichen hatte, indem sie jenes Material statt ihres eignen Vorwachses benutzten, dessen Herstellung tie unterliessen. Neuerdings hat man sogar bemerkt, dass Bienen, "statt Pollen zu sammeln, sich gern einer ganz andersartigen Substanz bedienen, namlich des Hafermehls."*)

Auch Omia auruknta und.O. fneolor sind Bienenarten, die Gange in harte Erd- oder Thonhügel bauen, in die sie spater ihre Eier legen, und zwar jedes einzelne in eine besondere Zelle. Wenn sie aber fertige Gange finden (wie z. B. in einem Strohdach,, so ersparnn sie sich die Anwendung ihres bezügl. Instinkts, indem sie sich darauf beschränken, das Rohr der Quere nach in eine Reihe von Einzelzellen abzuteüen. Besonders merkwürdig ist, dass wenn sie zu dem gedachten Zwecke das Gewinde eines Schneckenhauses benutzen, die Zahl der abgeteilten Zellen durch die GrSsse des Schneckenhauses bezw. die Lange des Gewindss bedingt wird. Noch meh,, wenn das Gewinde sich an der Öffnung zu weit zeigt, um die Abgrenzungen einer einzelnen Zelle zu bilden, so baut die Biene eine Abtellung rechtwinklig zu den andern und steltt auf diese Weise eine Doppelzelle oder zwei neben einander liegende Zellen her.

*) Vefgl. .Entstehung der Atten,, S. 391. Hiereu ist eiae kritischeBe-merkuag von Kirby uad Spence, die gerade In Bang auf den ,beregten Punkt den durch Intentgcnz „Herten Instinkt bezweifelt hatten. vTL teressc. Diese Autoreu fragen nätnlich (a. a. 0. It, p. 497), wan»», im gegebnen Falle, Bienen nicht manchmal Lehm oder Mortel benuttten, statt des koetbaren Wachses oder der Propolis. .Zeigt uns,. rief<n sie aus, ,nur eineo einsigen Fall, wo sie das Wachs durch Lehm erselsen .... Wonach kein Zweifel mehr darBber besteben kann, dass sie durchVernunft geleitet werden!« Es «t bemerkenswert dass dieser Aufforderung so bald GenOge geschehen konnte. Ohne Zweifel ist Lehm ein nicht so gutes Material zu dem er. forderlichen Zwecke, als Vorwachs! sobald die Bienen aber im Besit~ eines

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Aus allen diesen Fällen geht klar hervor, dass wenn infolge von Veranderungen in der Umgebung dergleichen Zufälligkeiten im Naturzustand zur Regel würden, die Bienen bald im stande sein wurden, sich denselben in intelligenter Weise anlassen; wenn dieser Zustand aber hinreichend lange andauerte und durch die Naturaustese untersttot würde, so müsste dies zu dem Instinkt führen, Waben in einer neuen Richtung zu bauen, Waben während ihrer Herstelling zu stützen, Tuchfäden in der angegebenen Weise zu brauchen, Cement statt Wachs und Hafermehl statt Pollen zu benutzen.

Nôtigenfalls kQnnten noch andre Beispiele für die Abanderungsfahigkeit des Instinkts bei Bienen, wie auch bei Ameisen«) beigebracht werden; wir wollen uns indessen jetzt lieber von den Hymenopteren zu anderen Tieren wenden.

Dr. Leehh fUhrt, auf die Autoritatvnn Sir J, Banks gestützt, das Beispiel einer Weberspinne an, welche fünf Beine verloren hatte und deshalb nur unvollkommen zu spinnen vermochte. Man be-obachtete nun, dass sie die Gewohnheiten der Jagdspinnen annahm die kein Gespinst anfertigen, sondern ihre Beute durch Heranschleichen fangen. Dieser Wechsel in ihren Gewohnheiten dauerte jedoch nur eine Zeitlang, da die Spinne ihre Beine spater wieder erhielt. Es ist aber einleuchtend, dass mit Rücksicht auf die Biegsamkeit des Instinkts die Weberspinne zu jeder Zeit in der Lage ware, die Gewohnheit des Nachstellens anzunehmen, wenn sie aus irgend einem Grunde verhindert wäre, ein Gespinst zu weben -und zwar mittelst plötzlichen Übergangs, wahrend der Lebenszeit eines Individuum..

») Bezügl. der Ameisen «Ol ich hier nur folgenden Nachweis für die Existent einer .beweglichen Harmonie* bei ihren Bauten anführe». „Eineharak. terisüscher Grundzug bei den Bauten der Ameise," sagt Forel, «ist die fast g5nzliche Abwesenheii eines unverändertichen, jeder Spezies ,eigentümlichen

anzupassen «d Vorteil aus jeder Lage zu ziehcn. überdic, arbeitet eine jedc fitr sich, nach einem gegebenen Plan, und wird nur gelegentlich von den andern unterstützt, wenn diese ihren Plan erkannt haben.'

.s*

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Bei den Wirbettieren fâllt es uns nicht schwer, dieselben Prin- * zipien festzustellen. Dabei beziehe ich mich der Kurze wegen auf den ältesten, bestandigsten und deshalb wahrscheinlich befestigte-sten Instinkt der Wirbe!tiere, nâmlich den muttertichen.

Bezügtich der Vôgel wies ich schon im vorigen Kapitel nach, dass individuelle Verschiedenheiten beim Nesterbau nichts Unge-w~hnliches sind. Wir wollen nun auch zeigen, dass solche Vet-schiedenheiten oder Abweichungen von den Gewohnheiten der Voreltern nicht immer das Ergebnis einer blossen Laune, sondern haufig auch einer intelligenten Absicht zu danken sind.

Zur BegrUndung dessen werden die folgenden Beispiele ge. nügen. Bindfaden und Wollfäden werden jetzt gewohnheitsmäßig von mehreren Vogelarten beim Bau ihrer Nester statt Naturwolle und Rosshaar benutzt, welche ihrerseits urspr0nglich ohne Zweifel einen Ersatz fur Pflanzenfasern und Graser bildeten;*) dies ist besonders beim Schneidervogel und beim Battimore-Kirschvoget der Fall, und Wisson glaub,, dass der letztere sich durch Übung im Nestbau vervollkommne, da die älteren Vaget auch die besten Nester verfertigen. Der gemeine Haussperling liefert bei seinem Nestbau ein andres Beispiel von intelligenter Anpassung an die Um-st&nde; denn auf Baumen baut er ein Nest mit Dach (vermuükh nach dem Typus der Vorfahren), wahrend er in Stadten geschützte Höhlungen in Gebâuden bevorzugt, wo er unter Ersparung von Zeit und Muhe ein nachlässig geformtes Nest herstellt. Âhntich ver. hält es sich mit dem Gotdhaubchen, das sich in dichtem Laub ein offnes, becherförmiges Nest baut, wahrend es sich ein sorgfaltiger gearbeitetes, bedecktes Nest mit Seiteneingang anfertigt, wo die gewählte Lage ausgesetzter erscheint. Die Rauch- und Hausschwalben unternehmen den Nesterbau an Kaminen und unter Dachern, infolge eines intelligenten oder plastischen Instinktwechsels, der in Amerika seit hôchstens drei Jahrhunderten Platz gegriffen hat. In der That modifizierten, nach KapitSn Elloott Coue,, stmtliche Schwalbenarten auf dem amerikanischen Festlande (viel.

*) Vergl. hierzu Reccheaau, W.v., "DieNester «mdEier der Vögel«, S.48. LdP»g,I88l,EmStGfi»tl,mV«l!,g.

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teicht mit einer einzigen Ausnahme) den Bau ihr« Nester in Uber-einstimmung mit den durch den Anbau des Landes gebotnen neuen Ërteichterten. Der genannte Verfasser schreibt cfarüben

„Verschiedene Arten nehmen heute regelmassig die kunstlichen Nistplätze an, die ihnen der Mensch mit oder ohne Absicht verschafft Dies ist besonders der Fall bei mehreren Zaunkömgarten, bei mindestens einer Eulenart, bei einem Blauvogel, einem Fliegen-schnSpper und ganz besonders dem Haussperling. Verschiedene andere Vogel, die im grossen und ganzen bei ihren ursprUnglichen Gepflogenheiten verharren, wissen sich doch gelegentlich dieselben Bevorzugungen zu verschaffen. Nirgends geht jedoch die Ânderung in den Gewohnheiten soweit, wie bei den Schwalben, und zwar fast ohne Ausnahme bei der ganzen Familie .... Alle unsre Schwalben mit einziger Ausnahme der Uferschwalbe, sind durch

menschlichen Einfluss modifiziert worden-------Einige von ihnen

befinden sich bei dem neuen Regime, welches mit der Kultivierung des Landes Uber sie gekommen ist, sozusagen noch in der Lehrzeit _____Diejenigen, deren erworbne Gewohnheiten ganz und gar

befestigt sind, haften aber jetzt ziemlich bestandig an einem einzigen Bauplau; indessen nistet z. B. die viotett.grttne Schwalbe heute, den Umstânden gemass, in ziemlich lockrer Weise.)')

Die Beobachtung des ausgezeichneten Naturforschers Pouchtt (1870), dass im Laufe der letzten 50 Jahre die Hausschwalbe ihre Bauart zu Rouen merklich verlndert habe, wurde nachtraglich von 11 Nouett als irrtumlich nachgewiesen; jene Behauptung von Kapitin Elliot Couss genügt jedoch, um zu zeigen, dass That-sachen, wie die von Pouchet behauptete, bei vielen Schwalbenarten in der That vorgekommen sind.

Ich habe schon an andrer Stelle") auf die bemerkenswerte Intelligenz hingewiesen, die von manchen V0ge)n an den Tag gelegt wird, wenn sie ihre Eier oder ihre Jungen von Stellen entfernen, wo sic gestortwurden; ich machte damals darauf aufmerksam, dass wenn ein Vogel so intelligent ist, um seine Jungen fortzu-

*)BMs of Colorado Valley, ?.W-<H. *) Animal Intelligent p. 288-89.

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schaffen - sei es zu Futterplatzen, wie bei den Huhnervogeln, oder von gefahrdrohenden Orten hinweg, wie bei Rebhühnern, Am-seln und Zigenmelkern - so wird Vererbung und natnriiche ZNch-tung die ursprungtiche intelligente Anpassung leicht in einen der ganzen Art zukommenden Instinkt umwandeln. Dies trifft in der That bei mindestens zwei Arten von VOgein zu, der Schnepfe und der wdden Ente, die wiederholt beobachtet wurden, wie sie mit ihren Jungen zu und von den Futterpltzen flogen.

Seit ich obiges geschrieben, fand ich unter Darwiss Manu. skripten einen Brief von N. N. Haust, datiert von Neu-Seeland, 9. Dezbr. 1862 worin derselbe berichte«|, dass die Paradies-Ente, welche gewôhnlich den Fluss entlang am Boden nistet, wenn sie gestôrt wird, ein neues Nest auf dem Gipfel hoher Baume baut und dann spater ihre Jungen auf dem Rucken herab zum Wasser bringt. Derselbe Fall wurde auch bei der wilden Ente von Guiana be-obachtet. Wenn nun die intelligente Anpassung an besondere Umstandc soweit geht, einen Vogel nicht allein seine Jungen auf dem'Rücken oder, wie bei der Schnepfe, zwischen den Beinen transportieren, sondern sogar einen Wasservogel mit Schwimrafussen sein Nest auf einen hohen Baume bauen zu lassen, dann werden wir wohl nicht daran zweifeln durfen, dass wenri das BedUrfnis xu einer solchen Anpassung nur von genugend langer Dauer ist, dieselbe Intelligenz

iu^lZe^wMeTOWerten Abanderung des ererbten NestbaU" Ein merkwurdiges Beispiel von Gewohnheitswechsel hat man neuerdings in Jamalka beobaehtet.') Vor 1854 nistete die Palmen-schwalbe (3hdimmphoenMm) ausschliesslich auf den Palmen einiger weniger Distrikte der Insel. Eine Kolonie derselben etablicrte sich dann auf zwei Kokuspalmen bei Spanish Town und blieb daselbst bis zum Jahre !857a als ein Baum durch denSturm entwurzelt und der andere seines Laubes beraubt wurde. Statt nun andre Paimbäume aaufzusuchen, trieben die Vogel die Schwalben, welche sich am Ver- fc sammtungshause angebaut hatten, weg und nahmen das letztere in Besite> indem * ih« Nester an den Mauervorsprungen und Bal-

*) Wall.«, AV™/MW/o«, Cap. VI.

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kenenden desselben anbrachten, welche Stellen sie noch heute

in beträchtlichrr Anzahl inne haben. Auch wurde beobachtet, dass sie ihre Nestor hier mit weit weniger Sorgfalt bauen, als auf den Palmen, wahrscheinlich weil sie weniger exponiert sind.

Wenn wir von dem Instinkt des Nesterbaues zum Bebrlitung.-imtinkt abergehen, so (bieten sich die Resultate einer Reihe von Beobachtungen dar, 'die ich vor einigen Jahren gemacht und bereits in der „Naturef' veröffent)icht hab.. Die Biegsamkeit des mütterlichen Instinkts zeigt sich dabei schon in der Thatsache, dass dersetbe in seiner ganzen Stärke sich mitunter (auch auf die Jungen andrer Tiere erstreckt, obwohl deutliche Beweise darUber vorliegen, dass die Pflegemütter den unnatürlichen Charakter ihrer Brut bemerkten. Gerade deswegen ziehe ich aber diese Fälle hier an, die im Ubrigen eher zu den nicht -intelligenten Abänderungen des Instinkts gezählt werden können, mit denen wir uns im vorigen Kapitel beschäftigt haben. Insofern die Intelligenz der Tiere sich in der Art und Weise ofTenbarte), mit der sie ihre überkommnen In-stinkte den Bedürfnissen der angenommnen Nachkommenschalt an-passten, dienen diese Fälle aber auch als Beweise fUr die intelligente Abanderung des Instinktes:*)

Spanische Hühner sitzen bekanntlich sehr selten fest, ich zog

} Das heftige Vertangen nach Nachkommenschaft, welches aus dem un. -Tten elterlichen Instinkt entspding,, l su adoptieren, und die sprlchwB Hunde und andere Hauatiere entsp rührten Adoption der Juagen andrer Arten seltens weiblicher Tiere. Ichkann

„friedigten elterlichen Instinkt^entspding,.leitet selbst den Menschen d- an Kind« su adoptieren, und die sprichwSrtliche Vorliebe ater Jongtern ntr Kauen. Hunde und andere Hauatiere entspricht augenscheinhch der oben be. ~ .... . ,„.,„ ..... r.____„.w A,.«, «.it««, weiblicher Tl

hte*« noch'elnen Befieht ««ihren, der * von etnem genau und gevrfcse. halt beobachtenden Freunde zaging. Es geht daraus hervor, da* auch Vögel im Naturaustand in dem Verlangen nach Nachkommenschaft gelegentlich dasu

gebracht werden, gleich denHansvSgeln, die Jungen andrer Arten «.adoptieren:

rden. J i, dass d vertas«

den als _.. ..        _

aufhSrlichV und suflog, wahrend der Sperling «heu war und das Nest vlel

Im Juli 1878 fand ich ein Zauukorng<nett mit Jungea, die ven einem Zaun-- J «1 Ilnem Sperling gegittert wurden. J~h versicherte raich. dass d»

Zaunkönige waren und bemerkte, dass der Sperling noc «««». su rattern, nachdem sie ihr Nest vertassea hatten. Du! ZZ Vôgel war aber insofern verschieden als der Zaunkönig drei* «ud un-

TZZZZ»~Z u^d bemerkte, dass der Sperling noch forffuhr, *. " m rattern, nH-«-« «'* "» ~~* ™u**** *»"*»■ Da8 Verhaltwi *"

Vôgel war a

ich ab- und weniger häufig besucht6.

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indessen einst eine solche Henné auf, die drei Tage lang auf künst-lichen Eiern sass, womeh ihre Gedutd aber vollkommen erschëpft war. Sie schien jedoch aniunehmen, dass die von ihr bewiesene Aufopferung irgend eine Betohnung verdiene; deshalb machte sie sich nach dem Verlassen des Nestes zur Pflegemutter aller spanischen Hühnchen auf dem Hofe. Es waren sechzehn an der Zahl, von jedem Alter, von solchen, die von ihrer Mutter eben verlassen worden, bis zu völlig ausgewachsen. Auffallend war es jedoch, dass, obwohl auch Brahma- und Hamburger HUhner auf dem Hof gehalten wurden, das spanische Huhn nur Brut von seinesgteichen adoptierte. Es sind nun schon Wochen her, dass diese Adoption vor sich ging, doch «igt sich die Mutter noch immer nicht geneigt, ihre Rolle au<zugeben, obwohl die adoptierten HUhnchen inzwischen fast sn gross geworden sind, wie sie selbst.

Ein noch besseres Beispiel fUr die Nachgiebigkeit des Instinkts ist folgendes: Vor drei Jahren gab ich ein Pfauen-Ei einem Brahma-Huhn zum Ausbrüten. Das Huhn war schon att und hatte vordem schon viele Bruten gewohnlicher Hühner mit grossem Erfotg aufgezogen. Um nun das Pfauen-Ei auszubrüten, hatte es eine Woche langer ats gewohniich zu bruten, doch ist dies nichts Ausserge- ä wohntiches, da dasselbe ja bei jeder Henne der Fall ist, die junge . Enten ausbrutet.4) Meine Absicht bei diesemVessuch ging jedoch darauf hinaus, zu erforschen, ob die der BebrOtung folgende Periode , der müttertichen Sorgfalt unter besondern Umstanden der Ausdeh- c nung Sthig sei; denn ein Pfeuhühnchen erfordert eine weit langere , Oberwachung, als ein gewöhnliches HHhnchen. Da die Trennung , einer Henné von ihren Kachlein in der Regel damit beginnt, dass die erstere die letzteren wegtreibt, sobald diese alt genug sind, um , fur sich selbst zu sorgen, so durfte ich kaum erwarten, dass die , Henne in dem vorliegenden Fall die Periode der matterlichen Pflege vetlangem wurde, und versuchte in det That das Experiment nur, weil ich dachte, dàss wenn sie es thate, diesër Fall am besten zu ,

Lebens reu«,.

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«igen vermochte, bis zu welchem Grad der erbliche Instinkt durch besondre individuelle Erfahrung modifiziert werden konnte. Das Resultat war fUr mich in hohem Grade überraschend. Denn das atte Brahmahuhn btieb einen Zeitraum von !8 Monaten hindurch bei ihtem stets grosser werdenden Pfauenkind und schenkte ihm die ganze Zeit hindurch die ungeteilteste Aufmerksamkeit. Wâhrend dieser verlängerten Zeit ihrer mUtterticher, Oberwachung legte sie keine Eier und wenn man sie gelegentlich ihrer Pflicht enthob, war die Trauer bei Mutter und Hühnchen gleich gross. In der Folge schien indessen eine Entfremdung von seiten des Pfaues ausxugehen, doch vergassen sie auch nach der schliesslich erfolgten Trennung einander nicht, wie es anscheinend doch ..wischen Hennen und KOchIein der Fall zu sein pflegt. So lange sie zusammenblieben, war der ungewôniiche Grad von Stolz, den die Mutter hinsichtlich ihres schônen Kindes an den Tag legte, hôchst spasshaft anzusehen. Zudem pflegte die Mutter, und zwar sowohl vor, wie nach der Trennung, den Büschel auf dem Kopf ihres Sohnes auszukammen: sie auf einem Stuhl oder einem andern entsprechend hohen Cegen-stande stehend, und er mit augenscheinlicher Genugtuung seinen Kopf vorwarts beugend. Diese Thatsache ist besonders auffallend, weil die Gewohnheit des Auskammens der Federbüschll auf dem Kopfe der Jungen von Pfauhennen regetmassig ausgeübt wird. Zum Schmss will ich noch bemerken, dass der von dem Brahmahuhn ausgebrutete Pfau in jeder Richtung schoner ausfiel, als seine von der eignen Mutter ausgebildeten Brader. Eine Wiederholung des Versuchs im folgenden Jahre mit einer andern Brahmahenne und mehreren P<auhUhnchen fiel jedoch ganz anders aus, denn die Henne vcrliess ihre Familie zu der fUr Hennen gewôhniichen Zeit und alle jungen Pfauen kamen infolge dessen elendiglich um.

Den folgenden Fall verdanke ich einer Korrespondentin, Mrs. L. Mac Faraane von Glasgow, jedoch finde ich denselben auch bei Jesse erwahnt:*) „Eihe Henne, die in drei aufeinander folgenden Jahren drei Entenbruten aufgebracht hatte, gewôhnte sich daran, die letzteren ans Wasser su fuhren, und flog in der Regel dabe

*)Gto/W«*I,p.98.

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auf einen grossen Stein in der Mitte des Teichs, von wo aus sie ruhig und zufrieden die um sie herschwimmende Brut bewachte. Im vierten Jahre brUtete sie ihre eignen Eier aus; da sie aber sah, dass ihre Küchlein nicht gleich den jungen Enten ins Wasser gingen, flog sie auf den Stein inmitten des Teichs und suchte jene eifrigst heranzulocken. Diese Erinnerung an die Gewohnheiten ihrer früheren Pflicht scheint mir hôchst beachtenswert.

Meine Korrespondentin teilte mir auch noch einen ganz ahnlichen, von ihrer Schwester beobachteten Fall mit. Dort waren ebenfalls hintereinander drei Entenbruten von einer Henne ausgebracht worden, die darauf eine Schar von neun HOhnchen ausgebrütet hatte. "Den ersten Tag, an dem sie die letzteren ausführte," erzählt meine Korrespondentin, „verschwaad sie und erst nach langem Suchen fand sie meine Schwester am Ufer des Bâches, den ihre kleinen Enten früher zu besuchen pflegten. Vier ihrer Hühnchen batte sie bereits in den Bach gebrach,, der glücklicherweise damals sehr wasserarm war. Die ubrigen fünf standen am Ufer, wahrend sic selbst durch alle moglichen Tône, wie durch abwechselnde Schnabetstosse versuchte, diese ebenfalls ins Wasser zu bringen."

Nach alledem ddrfte sich die Annahme rechtfertigen lassen, dass im Individualleben eines Huhnes, mit Hilfe einer intelligenten Beobachtung und des Gedachtnisse,, ein dem starken und plôtz-lichen Wechsel in den Gewohnheiten der Nachkommenschaft entsprechendrr neuer Instinkt entstehen kann! dass aber in allen vorbezeichneten Fallen die Pflegemutter nicht blind für den unnaturlichen Charakter ihrer Brut war, wird durch die Thatsache bewiesen, dass sie ihre Handlungen eigentUmtichen Bedarfnissen der letzteren an-zupassen wusste. Um nun zu erfahren, bis zu welchem Grad eine solche Anpassung gehen kaon, nahm ich die sich denkbar entferntest stehenden Tiere und uberwies das Junge des einen dem andern zur Pflege. Die beiden Tiere, die ich zu diesem Zwecke auswghlte, war ein Frettchen und eine Henne. Das Ergebnis war folgendes:

Ein weibliches Frettchen hatte sich bei dem Versuch, sich durch eine albuenge Öffnung durchzudrängen, erwürgt und eine noch sehr junge Familie von drei Waisen hinterlassen. Diese uber-

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gab ich einer Brahmahenne, die schon seit etwa einem Monat auf künstlichen Eiern sass. Sie nahm sich auch der Jungen sofort an und blieb über 14 Tage lang bei denselben, nach welcher Zeit ich sie trennen musste, da die Henne eins der kleinen Frettchen, auf dessen Hals sie gestanden, erstickt hatte. Während der ganznn Zeit des Beisammenseins hatee die Henee auf dem Nesee gesessen, denn die jungen Frettchen waren begreiflicher-.veise nicht im stande gewesen, ihr gleich jungen HOhnchen zu folgen, die, wie Spalding nachgewiesen hat, einen starken Instinkt fùr dieses Nachfolgen besitzen. Die Henne war übrigens Uber die Bewegungslosigkeit ihrer Pöegebefohlnen sehr bestürzt. Zwei.oder dreimal des Tags pflegte sie das Nest zu verlassen und ihre Brut zu locken; wenn diese aber vor Kalte Klagerufe ausstiess, so kehrte sie alsbald wieder zurück und sass geduldig noch weitere sechs oder sieben Stunden. Es bedurfte nur eines einzigen Tages, fUr die Henne, um den Grund jener Klagerufe kennen zu lernen, denn schon den zweiten Tag lief sie in erregtcr Weise Uberall hin, wo ich auch die Frettchen verbergen mochte, so weit sie wenigstens ihre Stimmen hôren konnte. Und doch durfte es wohl kaum einen grösseren Kon-trast geben, als den zwischen dem schrillen Piepen von Küchtein und dem heiseren Knurren eines jungen Frettchens. Andrerseits kann ich indessen nicht behaupten, dass die jungen Frettchnn jemals die Bedeutung des „Gtuckens" zu lernen schienen. Wahrend der ganzen Zeit, dass die Henne auf den Frettchen sass, pflegte sie ihnen das Haar mittelst ihres Schnabels zu kammen, ganz ebenso wie Hühner die Federn ihrer Küchlein zu kammeo gewohnt sind. Wahrend dieser Beschäftigung hielt sie haufig inne und schaute mit staunendem Blick auf die herumkrabbllnde Besatzung des Nestes. Auch gab ihr zu Zeiten ihre Familie guten Grund, uberrascht zu sein; oft flog sie plötzlich mit einem lauten Schrei vom Nest, wenn sie es erleben musste, von den jungen, nach Zitzen suchenden Frettchen angesaugt zu werden. Auch muss ich bemerken, dass es ihr sehr unangenehm zu sein schien, wenn man ihr die Jungen zum Füttern nahm, so dass ich eines Tages dachte, sie wurde dieselben gänzlich im Stiche lassen. Daher futterte ich von da ab die Frettchen im Nest, womit die Henne augenscheinlich ganz zufrieden

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war, wahrscheinlich weil sie glaubte, auf diese Weise einigen Anteil an dem FOtterangsprozess zu haben. Wenigstens pftegte sie stets zu glucken, wenn sie die Milch kommen sah, und überwachte das Füttern mit sichtlicher Befriedigung.

Ich betrachte dies aber zugleich als einen bemerkenswerten Beweis für die Biegsamkeit des Instinkts. Die Henne, wie ich hin. xufügen muss, war noch jung und hatte vordem niemals gebrütet. Einige Monate, ehe sie die jungen Frettchen aufzog, war sie von einem aus seinem Kasten entwischten alten Frettchen angegriffen und beinahe getôtet worden. Die jungen Frettchen wurden ihr wenige Tage bevor sie offne Augen hatten, genommen.

Zum Schluss will ich noch bemerken, dass ich einige Wochen vorher einen ahnlichen Versuch mit einem Kaninchen anstellte, welches acht Tage zuvor geworfen hatte. Ungleich der Henne bemerkte aber das Weibchen die Tauschung sofort und gtiff das junge Frettchen so wütend an, dass es ihm zwei Beine brach, ehe ich es entfernen konnte.

Um zu den Saugetieren zurückzukehren, so verweise ich auf die Mitteilung des Rev. Mr. White von Selborne') über die Auf. zucht eines jungen Hasen durch eine Katze. Prichard berichtet von einer Katxe, die einen jungen Hund aufzog u. s. w. Indem ich von vielen andern Fällen absehe, will ich nur noch die freiwillige Adoptierung junger Tiere seitens einer Katze anführen, die gewohnt ist, unter gewôhniichen Umstanden jene als ihre Beute zu betrachten.

Vor einigen Jahren führte mich der verstorbene Hon. Mar-maduke Maxwell von Terregles in seinen Stall, um mir eine Katze zu ««gen, die geradc eine Familie von fUnf Ratten aufzog. Die Katze hatte einige Wochen vorher funf Junge geworfen; drei davon waren bald nach der Geburt beseitigt worden; am Tag& darauf fand man, dass die Atte ihre verlornen Katzchen durch drei junge Ratten ersetzt hatte, die sie mit den übrig geblieben zwei eignen Kindern ernährte. Wenige Tage spatet wurden ihr auch die beiden tetzten Kätzchen genommen, worauf sie alsbald

') Bingley, Ainmal Biography I, a6<>.

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dieselben durch zwei weitere Ratten ersetxte; zu der Zeit, ah ich sic sah, rannten die jungen Ratten, die in einem kleinen Stall gehalten wurden, munter herum und hatten etwa ein Drittel ihrer Grosse erreicht. Die KaMe war gerade abwesend, kam aber zurück, noch ehe wir den Stall verliefen, sie sprang rasch über den Zaun in den Stall und legte sich nieder; ihre seltsamen Schutzbefohlnen rannten sofort unter sie und begannen zu saugen. Was diesen Fall noch merkwurdiger erscheinen lisst, ist, dass die Katze stets als eine aussergewëhnlich gute Rattenfängerin galt.

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Vierzehntes Kapitel.

Die duroh die intelligen« bestimmten Ab&nderun~en des Instinkts.

Kr haben bisher gesehen, dass Instinkte einen gemischten 3 Ursprung besitzen können, oder mit andern Worten, dass die mit dem Prinzip der natUrlichen ZUchtung Hand in Hand gehende intelligente Anpassung bei der Bildung von Instinkten dem ersteren in hohem Masse zu Hilfe kommen muss, insofern sie dem genannten Prinzip Abanderungen darbietet, die nicht ledig- ^ lich zufälllger Art, sondern von Anfang an angepasst sind.

Ich werde nun die hauptsächlichsten Wege zeigen, auf denen „ die Intelligenz bei der Bildung von Insiinkten allein oder mit der natürtichen ZOchtung zusammen thätig ist.

Offenbar besteht die Art und Weise der Mitwirkung der In- * telligenz darin, das Tier wahrnehmen zu lassen, dass es sich bei ,r einem Wechsel in seiner Umgebung am besten an die existierenden Lebensbedingungen anpassen kann, wenn es von den ererbten „ Instinkten etwas abweicht (wie es z. B. der Schneidervogel thut, wenn er zur Anfertigung seines Nestes Baumwollfäden statt der Grashalme benutzt); oder indem es durch inteliigente Beobachtung angepasste Handlungen hervorruft, die durch hâufige Wiederholung zu einem neuen Instinkt führen (wie es z. B. bei dem Honigkuckuck der Fall ist, der den merkwQrdigen Instinkt erworben hat, die Aufmerksamkeit des Menschen auf sich zu ziehen und diese zu den Nestern der Waldbienen zu führen.. Es ist aber bei Tieren wie bei Menschen: originelle Ideen zeigen sich nicht immer sofort

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wenn sie gebraucht werden, deshalb ist auch Nachahmen immer leichter als Erfinden. So will ich denn auch die Nachahmung als ein Hauptmitte,, wodurch die Intelligenz einen Instinkt abzugndern vermag, in erster Linie einer naheren Betrachtung unter-werfen, ohne bei den ,Originalideen» linger zu verweiten. Wo diese plötztich und <bereinst!mmend bei einer grossen Anzahl von Individuen auftreten, wie z.B. dort, wo eine neue Anpassung leicht und einfach von statten geht, bedarf es zu der erforderlichen Abanderung natûrtich keiner Nachahmung; dagegen glaube ich, dass in andern Fällen die letztere eine grosse Rolle spielt. Ich muss jedoch gestehen, dass mich bei der Aufsuchung von Nachweisen dafür, dass eine ganze Tierart die vorteithaften Gewohnheiten einer andern Art nachahmt, die Seltenheit der dahin gehorigen Fälle Oberraschte, obwohl, wie ich sogleich zeigen werde, die Nachahmung unter Indvvidnen von gleicher oder verschiedener Att häufig vorkommt, mag nun die nachgeahmte Handlung vorteilhaft oder nutz-los sein. Der Unterschied ist wohl dadurch zu erklären, dass in allen Fällen, wo eine solche Nachahmung von Art xu Art in der Vergangenheit stattfand, wir heute nur einen beiden Arten gemein-samen Instinkt wirken sehen, wahrend uns der Nachweis darüber fehlt, dass er nicht stets gemeinsam gewesen ist. Somit ist diese Art der Nachahmung nur in solchen Fällen festzustellen, wo sie sich noch in ihren ersten Phasen befindet. Nachstehend teile ich die einzigen mir bekannt gewordnen Beispiele dieser Art mit, lasse denselben aber noch eine Anzahl Fälle von individueller Nachahmung folgen, weil dieselben offenbar die Grundlage der Nachahmung unter Arten bilden.

"-- Gelegenheit einiger Versuche, die ich gerade anstellte,"

}              ..Bei

„Bei Gelegenher schreibt Darwin in seinen Manuskripten,)) ,hatte ich mehrere Reihen der grossen Schminkbohne zu beobachten und sah nun taglich unzahtige Honigbienen sich wie gewohnlich auf das linke Flügelkronenblatt niederlassen und an den Mundungen der BlUten saugen. Eines Morgens sah ich zum ersten Male auch einige Hummeln (die den ganzen Sommer Uber sehr selten gewesen waren) die Blüten be-

*) Vergl. du. .Wirkungen der Kre«*- und Selbstbefruchtung S.41*.

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8Uchen und bemerkte, wie sie mit ihren Marbeln Lâcher in die untere Seite des Kelches bohrten und so den Nektar saugten; im Laufe des Tages war jede Blüte auf diese Weise durchstochen und den Hummeln dadurch bei ihren wiederholten Besuchen viel MUhe erspart. Am darauffolgenden Tage sah ich alle Honigbienen ohne Ausnahme an den von Hummeln gemachten LOchern saugen. Wie fanden nun die Honigbienen heraus, dass alle BlUten angebohrt waren, und auf welche Weise erlangten sie so rasch die Ubung im Gebrauch der Locher? Obwohl ich mich viel mit diesem Gegenstand beschäftigte, so sah oder horte ich doch niemals davon, dass Honigbienen Locher bohrten. Die kleinen, von den Hummeln gemachten Locher waren von der Mündung der Blüte aus, wo sich die Honigbienen bis dahin ausnahmslos niedergelassen hatten, nicht sichtbar; auch glaube ich, einigen angestellten Versuchen zufolge, nicht, dass sie durch den Geruch des aus jenen Öffnungen entweicbenden Nektars starker angelockt wurden, als durch die MundSffnung der Blüten. Die Schminkbohne ist zudem eine exotische Pflanze. Ich muss annehmen, dass die Honigbienen entweder die Hummeln jene Locher bohren sahen, die Bedeutung dessen begriffen und sofort aus ihrer Arbeit Nutzen xogen, oder dass sie bloss den Hummeln nachahmten, nachdem diese die Lochef gebohrt hatten und dann an diesen saugten. Indessen bin ich Uberzeugt, dass jeder, der den geschichtlichen Hergang nicht kannte und alle Bienen ohne das geringste Bedenken mit grôsster Schnelligkeit und Sicherheit eine Blüte nach der andern von der untern Seite her anfliegen und rasch den Nektar saugen sah, dies fUr einen sehr schënen Fall von Instinkt erklärt haben würde.«

Auch die nachstehende Beobachtung Darwins, die ich ebenfalls in seinen Manuskripten finde, gehôrt noch hierher: „Es ist schwierig zu bestimmen, wie viel Hunde durch Erfahrung und Nachahmung zu lernen vermôgen. Es kaan kaum zweifelhaft sein, dass die Angriffsweise des englischen Bulldogs in-stinktiv ist (Rollin, Mm. etc. IV, 339). Ich glaube, gewisse Hunde in Sudamerika stürzen, ohne dazu erzogen zu sein, nach dem Bauch des Hirsches, den sie jagen, wahrend andre Hunde, wenn sie zum erstenmal mit hinausgenommen werden, um die Këpfe

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der Peccari herumlaufen. Wir werden zu dem Glauben geführt, diese Handlungen auf Nachahmung zufzufuhren, wenn wir horen, dass die Hunde von Sir J. Mitchlll („Australia", vol. I. 292) erst am Ende seiner zweiten Expedition lernten, das Emu sicher am Nacken zu fassen. Auf der andern Seite erzahit Couch („Illustrations oflnslmd« p. 191) von einem Hunde, der nach einem einzigen Kampfe mit einem Dachs die Stelle kennen lernte, wo diesem ein tôdiicher Biss beizubringen war, und diese Lektion auch niemals vergass. Auf den Falklands-Inseln scheinen die Hunde die beste Art des Angriffs auf wildes Vieh von einauder zu lernen (Sir J. Ross,

die Bedeutung der Gefahr anzeigenden Schreie und Zeichen andrer Arten verstehen und zu benutzen wissen, was zweifellos eine Art von Nachahmung darstellt/) Auch fuhrt er Beispiele dafur an, dass Voget ver~chiedener Arten, sei es im Naturzustand oder in Dôme. stikation, haufig den Gesang anderer nachahmen; der Gesang ist aber doch jedenfalls instinktiv, denn Couhh erzahit von einem Distelfink, der niemals den Gesang von seinesgleichen gehôrt hatte und denselben dennoch, wenn auch versuchsweise und unvollkommen,

anstimmte.")

Yarrell weiss von einem Kirschfink zu erzählen, der den Schlag einer Amsel lernte; er vergass ihn aber spater wieder ganziich, was mit seinem natürlichen Schlage schwerlich der Fall gewesen ware; diese Thatsache beweist uns, dass die Nachahmung den Instinkt wohl stark zu modifizieren vermag, die Wirkungen davon sich aber doch nicht so stark befestigen, wie diejenigen, welche der Vererbung zu verdanken sind. Selbst der Sperling, dem man kaum nachsagen kann, dass er singe, lernt den Schlag eines Hänflings, und Dureau de la Malee schreibt, dass wilde Amseln in seinem

V^™%h«Ltiom of Instinct p. !!3. - S. auch Bechstein, Stubmögel, 4.ti»<. ■**««, dMG,i.te.<                                    16

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Garten die Mélodie eines im Bauer gehattenen Vogels lernten; derselbe lehrte unter anderem cinem Star die Marseillaise und von diesem Vogel lernten das Lied alle Stare des Kantons, wohin er ihn gebracht hatte. Auf dieselbe Weise lernen viele Vogel den Gesang ihrer Pflegeeltern von andren Arten. Schliesslich sind neuerdings durch E. E. Fish auch eine Reihe von Beobachtungen über wilde Vôgel Amerikas veröffentlicht worden,') die ihren Gesang gegenseitig nachahmen.

Allerdings haben manche Vögel vor andern eine grossere Fertigkeit voraus, den Gesang verschiedener Arten zu lernen und zu behalten. So z. B. ist es von einer Amset (Star?) bekannt, dass sie das Krahen eines Hahnes selbst bis xur Tauschung der Hahne nachzuahmen versteht, wahrend Yarrel dasselbe vom Star in betreff des Gegackers der HUhner behaupte. Notorisch ist dasselbe beim Spottvogel (Tardus polygMi«) der Fall, sowie auch, wenigstens in der Gefangenschaft, bei den Papageien, Elstern, Dohlen und Staren; diese Thatsachen werden noch merkwürdiger dadurch, dass keiner von diesen Vëgetn einen eigenen Gesang hat und deshalb nicht angenommen werden kann, dass sic ein für Vogelmusik entwickeltes Ohr besitzen. Ja, noch mehr, dieselben Vëgel sind nicht allein im stande, einen Gesang von ganz ausgesprochen musikalischem Charakter getreu nachzuahmen, sondern lernen und behalten einen solchen auch leichter, als jene Singvogel, welche so sehr befahigt sind, Melodieen zu lernen. Bechstein sagt, dass selbst der Dompfaff eines neun Monate lang regelmassig fortgesetzten Unterrichts bedürfe, um in seinen Leistungen fest zu werden, und dass alle Errungenschatten sehr haufig wahrend der Mauserung wieder verloren gehen. Couch schreibt zwar, dass es sich mit all diesen Vëgein genau so verhalte, wie bei den Menschen: diejenigen, welche sich rasch etwas anzueignen wissen, vergassen es auch ebenso rasch wieder und umgekehrt. In der That gilt dies aber ebenso wenig fur die Vôgel, wie fUr den Menschen; denn fUr jeden der obengenannten sanglosen Vöget wurdc es cin Zeichen von ungewohniicher Beschranktheit sein, wenn

■) Bull, nfihe Buffalo So, of Nat~ So. .881, p. ~3-26.

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er neun Monate Unterricht brauchte, um eine Metodie zu ternen; auf der andern Seite vergessen sie aber auch nicht so leicht, was sie gelernt haben. Den hochsten Grad der Fahigkeit der Stimmennachahmung haben aber jene Vogel erreicht, die artikulierte Worte nachsprechen. In meinem künftigen Werke werde ich die-sen Punkt noch naher beleuchten. Vorläufig muss ich mich auf diese Hrwahnung beschranken, unter Hinweis auf die merkwürdige Begabung, dcn Instinkt fUr das Ausgössen cinés Krachzens odcr eines Geschreis bis zum Singen einer bestimmten Mélodie oder Sprechen artikulicrter Worte abxuandern.

Die Gewohnheiten alter und junger Katzen, ihr Gesicht zu waschen, ist allem Anschcin nach instinktiv, dass sic aber auch durch Nachahmung crworben werden kann, ergiebt sich durch die Thatsache, dass junge Hunde, die von Katzen aufgezogen werden, dieselben Bewegungcn vollziehen. Dies wurde zuerst von Au-douin beobachtet 'und ist seitdem von mehreren Forschern bestätigt worden. Ich fUhre dazu folgendes an:

Dureau de ta Malle eatte einen Pinscher, der gleich nach f\ seiner Geburt mit einem 6 Monate alteren Katzchen auferzogen wurde. Wohi zwei Jahre lang hatte er keiner!eij Gemeinschait mit anderen Hunden. Batd begann der Pinscher gleich einer Katze zu springen und eine Maus oder einen Bail mit den Vorderpfoten herumzurollen; auch leckte er an seinen '.Pfoten und strich sich damit über die Ohren; wenn aber eine fremde Katze in den Garten kam, jagte er sie weg.') Prichard erzählt ebenfalls von einem Hunde, der, von einer Katze aufgezogen, an den Pfoten zu lecken und das Gesicht zu wasche,, lernte, und der namtiche Fall wird mir von Mrs. A. Bain es mitgeteilt. In, Ubereinstimmung damit steht auch eine Zuschrift von Prof. Hoffmann aus Giessen, die ich unter Darwnns Manuskripten fand. Der verstorbene Dr. Routh aus Oxford schreibt, dass sein King-Charles, der vom dritten Tage an von einer Katze ernahrt und aufgezogen wurde, gleich seiner Pflegemutter den Regen fürchtete, so dass cr, wenn es irgend zu vermeiden war, seinen Fuss niemats auf einen nassen FIeck setzte;

) Am. ,ta ». AW. XII, 388.

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zwei. bis dreimal des Tags beleckte er seine Pfoten, in echter Katzenstetlung auf dem Schwanze sitzend, um das Gesicht zu waschen. Stundenlang konnte er ein Mauseloch beobachten und hatte Uberhaupt alle Manieren und Gewohnheiten seiner Amme. Schliesslich wird in der ,Afctere« (VIII, 79) von einem Hund des Mr. C. H. Jeens berichtet, der, im Alter von einem Monat einer Katze zur Aufzucht überwiesen, Mäuse fangen lernte und wenn er eine erwischt hatte, dieselbe nach der wohlbekannten Art der Katzen behandelte, indem er sie eine Strecke weit laufen Hess, dann wie. der Uber sie herfiel, und sofort viele Minuten lang. Anderseits finde ich unter Darwins Manuskripten einen Fall erwihn,, wobei eine Katze von einem Hunde den medizinischen Gebrauch des Krautes Agrostis canvna lernte.

Ich halte es fUr wahrscheinlich, dass die folgenden Thatsachen aus Darwins Manuskripten, zum Teil wenigstens, ebenfalls auf Nachahmung zurUckzuführen sind, obwohl sie sich innerhalb der Grenzen einer und derselben Art abspielen. Es heisst dort:

„Man hat festgestellt, dass Lammer, die ohne ihre Mutter ausgeführt werden, leicht in den Fall kommen, giftige Krauter zu fressen, und es scheint gewiss.. dass frisch eingeführtes Rindvieh oft durch giftige Krauter m Grunde geht, die schon naturalisiertes Vieh zu vermeiden gelernt hat.)*)

Ich halte es für uberflüssig, weitere Beispiele von Nachahmung unter Tieren beizubringen und darf nach dem Gesagten wohl ganz allgemein behaupten, dass, da die Fähigkeit zur Nachahmung auf Beobachtung beruht, dieselbe natUrtich vorzugsweise bei hôheren oder intelligenteren Tieren zu finden ist und den hûchsten Grad bei den Affen erreicht, wo sie bekanntlich in ein lächertiches Ex-trem ausartet. Es ist deshalb auch von Interesse zu beobachten, wie ein Kind schon in sehr frUhem Alter nachzuahmen beginnt und dieses VermOgen wahrend der ersten zwôlf oder achtzebn Monate weiter entwickelt, wonach eine Zeitlang Stillstand eintritt,

) Vergl. Mn. and A%. of Nat. Eist. IL .5«-. vol. II, p. 264, und b«ügl. der Um»«r. Youatt. ox Sheep., p. 404.

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wahrend dessen die gewonnene Fähigkeit bei der Ausblldugg der Sprache sehr nutztich verwertet wird.*)

Mit der wachsendnn Intelligenz nimmt diese Fähigkeit wieder ab und steht im spSteren Leben im umgekehrten Verhältnis zu der Originalität und den hSheren Geistesfähigkeiten des betr. Individuums. Deshalb ist die Nachahmung bei niederen (wenn auch nicht allzu tief stehenden) Idioten in der Regel sehr stark ausgeprägt und behalt das ganze Leben hindurch das Ubergewicht, wahrend selbst bei höheren Idioten oder sogenannten Schwachsinnigen eine merkliche Neigung zur Nachahmung eine konstante Eigentümlichkeit derselben bilde.. Dasselbe ist bei vielen Wilden zu beobachten, sodass wir angesichss dieser Thatsachen schliessen müssen, dass die FShigkett zur Nachahmung ganz charakteristisch fUr eine gewisse Epoche der geistigen Entwicklung ist und innerhalb der Grenzen die. ser Epoche in nicht geringemGrade zur Bildung von Instinkten fuhren muss.")

^Tyer, a. a. 0., S. t76-.8z, wo » eine grosse Anzahl dto-echtagend« Beachtungen findtn wird. Der Verfasser behauptet, dass die erste nachahmende Bewegung in der 15. Woche beginne, indem da, Kind als-dann die Lippen vorstreckt, wenn ihm jemand dasselbe vormacht. (Diese Handlung scheint jungen Kindern ganz natürlich <u sein und wahrscheinlich in erblicher Verbindung mit der nKmlichen, beim Oraog.Utang so stark pro. noncierten Bewegung zu stehen, Eine Illustration hierzu siehe in Darwins ,Ausdruck der Gematsbewegungen», S. ,4,) O^n das Ende des ersten Jahres werden die nacbahmenden Bewegungen zahlreicher und auch rascher er!entt, und das Kind empfindet bei ihrer Darstellung ein wirkliches Vergnü-gen. Mit tz Monaten bemerkte Preyer, dass sein Kind im Tfaume die nachahmenden Bewegongen wiederholte, die ihm imWaehen einen tiefen Ein. drack gemacht hatten, wie z. B. das Blason mit dem Munde. Noch splter werden kompliziertere nachahmende Bewegungen aus reinem Vetgnugen ver. tithtet, was allem Anschein nach auch beim Affen der Fall ist.

«*) Mit Besug auf die Nachahmung inVerbindung mit Instinkt halteich es für wanschenswert, hier wiederholt meineMehnung über die von Wallace in seiner „Natural Selektion« auseinandergesetzte Theorie auszudrücken, wo-nach die jungen VSget den Bau des Nestes bewusst nachahmien, in dem sie selbst aufgesogen wurden, und somit das für jede Spezies ehatakteristischc Nest bestehen bliebe. Ich veröffentlichte schon m„Mimal Intelligent ver. schiedene allgemeine Betrachtungen, die ich für hinreichend halte, um diese

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Der Einfluss dieser Fähigkett auf die Bildung des Instinkss geht aber noch weite.. Die intelligenteren Tierc bedienen sich der. selben zu e:nem eigentümlichen Zweck: Die Ettern jeder neuen Generation unterweisen nKmlich absichtlich ihre Jungen in der Verrichtung quasi-instinktiver Handlungen. So z. B. suchen alte Falken ihre Jungen geradezu in der Ausubung ihrer instinkiiven Fahigkciten zu vervollkommnen. Die Art und Weise, mit der diese Raubvügel auf ihre Beute stossen, muss zwar entschieden als instinktiv hetrachtet werden. La MaHee behauptet indcssen, was später auch Bremm bestätigte, dass die alten Vôgel die natUrtichen Instinkte der Jungen auszubilden suchten, indem sic ihnen Geschicklichkeit und richtiges Abschätzen der Entfernung dadurch beibringen, dass sie anfangs tote Mäuse oder Sperlinge in der Luft fallen lassen (welche von den Jungen anfänglich in der Regel verfehtt werden) und spater erst zu tehendnn VOgetn ubergehen, welche sie los lassen.

Theorie a priori ~bzuweis.n. Seitdcmfind ich jedoch untcrDarwin* Manu. Skripten einen Brief, der die Restate des von Wallace vorgcsehlaKcnen JSLTLtei.. Di.c* Experiment beslnnd darin, dass man junge V*t in cinpm, de. Wichen „u unähnlichen, künsuichen Nest au^ «ess und dann bcobachtetc, ob diese Vögel, wenn erwaehsen, insUnkuv da, für ihre Art charaktcristische X«*t bauen würden. Ktm finde ich unter Dar-wins Manuskripten eincn BriefYon Mr. Weir, der alle diese Fragen ausser Zweifel fli setzen scheint. Im Mai 1868, schreiht Mr.We.r, nach jahrelanger Erfahr mit „fanden Vögeln: Je mehr ich über Wallaces Théorie, wonach Vögel ihr Nest xu bauen verstehcn, weit sie selbst in einem solchen aufwogen wurden, nachdenke, desto geringer wird meine Neigung, ihr bei. zustimmen.1 Er giebt folgende Th~t.achc an, die gegen *e Theorie spnehf. ,Bei vielcnKanartcnvogclzüchtcrn ist e, gebrauchlich, das von den Eltern ge. baute Nest austuheben und cins von Filz an seine Stelle tu bringen; wenn nun die Jungen ausgebrütet und alt genug sind, wird ein andere*, reines Nest, ebenfalls von" Filz. der Milben wegen, an die Stelle des ahen gebrach, Ich habe aber nie erlebt, dass so aafgezogene KanaricnvSge! nicht ihr Nest selbst verfertigt hätten, wenn die Brutzeit gekommen war. Auf der andern Seite wonderte es mch immer zu schen, wie ähniich ihr Nest dem der wilden Vogel wurde. GewShnlich unterstutzt man sic mit einigem Matcrial, wie Moos o^er Wolle: sie bedienen sich desMooses zur Unterlage und füttern mit dem feineren Materiat, ganz wie es der Distelfink in *r Freiheit macht obwohl die dargebotneu Haare im Käfig genagen würden. Deshalb bin ich Bberzeugt, dass der Nesterbau ein echter Instinkt ist.'

1

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Âhntiches kann man beim Unterricht im Fliegen beobachten. Spadding wies zwar, wie wir gesehen haben, die Uberflüssigkeit eines solchen Unterrichts nach, insofern derselbe xur Ausbildung des Flugvermügens nicht unbedingt erforderlich sei, da dasselbe instinktiv ist und der junge Vogel, ob unterrichtet oder nicht, jeden-falls fliegen wurde. Indessen muss die Lehre doch von eimgem Xutzen sein, da sic bei manchen Arten emsig betrieben wird/) Der emsige Vorteil, der damit verbunden sein kann ist aber wohl der, class die Ausbildung des Ftugvermogens auf diese Weise rascher geschieht, als ohne Nachhitfe.

Auch der Gesang der Vëgel ist sicher instinktiv; indessen «ml er durch Nachahmung und Übung vervollkommne,, wobei die Jungen auf die Alten hëren und von ihrem Unterricht profitieren; « geht dies schon aus den oben erw&hnten Beispieien hervor, bei denen Vogel, die niemals ihresgleichen singen gehdrt, dieses nur „versuchsweise und unvollkommen" thun.

Obwohl junge Terrier instinktiv Kaninchen zu jagen beginnen, pflegen doch ihre Eltern, wie ich selbst beobachtete, sie zu lehren oder sie durch Nahahmung auf ihre natürlichen Instinkte zu führen, wobei die erbliche F&higkeit sich rascher entwickelt, aIs wenn sie sich selbst ubedlassen bliebe.

Der Herzog von Argyll*) erzahlt einen angeblich authentischen Fall von einem Goldadler, der im Frühjahr t877 dnEiar legte. Man nahm ihm dieselben weg und legte dafür zwei Gänse-cier unter. Der Adler brUtetc dieselben aus. Eines der Ganschen starb und wurde vom Adler zerrissen, um das ubertebende dam« zu fUttern, welches aber, zur grossen Oberraschung der Pflegemutter den Leckerbissen unberuhrt Hess. .. Im Laufe der Zeit lehrte aber der Adler die Gans Fleisch fressen und rief sie, die stets freien Aus- und Eingang zu seinem Käfig hatte, durch einen scharfen Schrei zu sich,V oft ihm Fleisch gegeben wurde, worauf die Gans auch herbeieitte und mit Begierde alles verschlang, was ihr der Adler reichte. Es liegt ferner ein hinreichendrr Anhalt dafUr vor,

------^äTä Davy führt einen solchen selbst bcobachteten Fali einesmahe.

vollen Unterrichts beim Goldadler an.

*j M,t«re XIX, SS4-.

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- 248 -*> die I_*. wel* * Tfc. **. U-H*

^Züchtung und teüs derOberlieferung zu verdaten ist; denn, 1 Darwin im Anhang schreibt: „Länder, die ohne ihre Mutter ausgeführt werden, kommen leicht in den Fall, giftige'Kräuter zu Jen, und es steint ausgemachtes frisch eingeführtes Rmd vieh oft giftigen KrXutern, die heimisches Vieh tu vermeiden gelernt hat, zum Opfer fällt.« Allerdings fehlt hierbei jeder Nachweis dafür, dass die Jungen absichtlich von f Alten dann unte^ richtet warden; sie lernen vielmehr von selbst, d. h. durch ihre eigne individuelle,Erfahrung, und dies ist gerade die Hauptsache, welche durch die absichtliche Erziehung seitens der Ettern nur uoterstûtzt wird. Ich will hierzu noch einige Beispiele anführen, die zeigen sollen, dass viele Instinkte (gewShnlich sekundären Ursprungs)

i

seitens junger Tiere anfängtich in einer unvollkommnen, nicht völlig au Sdeten Weise zu Tage treten, dann aber, in der Schule in. Z£££afc-» vervo— werden. Solche Falle stehen in ausgesprochnem Gegensatz zu den früher erwâhnten angebornen vollkommnen Instinkten, deren Kenntnis wir hauptsachlich der sorg-

^rtzs'rt: *.-n*—*.

«MM, Mb. top» »*«*«» h *» '«**« ""* **"*

dnEnehme», um die tödtiche Wunde beibringen zu kônnen sich dagegen«» einen Kampf mit Ratten emhessen;"dabeizeigten siejedoc richtigen Instinkt, wenn auch nicht ganz in der von der Natur gegebenen Ordnung, indem sie den getöteten Ratten die mduSa ob-Cl durchbisl Âhntiches beobachtete ich selbst bei Frettchen, ST ich von einer Henne aufzieben Hess. Als sic, noch halb. erwachsen, zum erstenmal mit einem Kaninchen zusammengebracht Trden, schieneB sic sofort xu begreifen, dass sich ihr Angriff gegen rEndedes Kaninchens richten müsse, doch waren sie nicht ganz

^ and Mag. MM. vol. XVIII, p. 37*.

L

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sicher, gegen welches. Denn nach einigem Zôgern griffen sie an. filngtich den Rumpf an und wandten sich erst, als sie die Nutz-losigkeii dieses Versuchs einsahen, der bestimmten Stelle zu. Noch interessanter war das Benehmen dieser halberwachsenen Frettchen einem Huhn gegenüber. Sie waren einige Wochen vorher von ihrer Pflegemutter, der Henne, entfernt worden, bthielten aber ohne Zweifel noch eine Erinnerung an sie. Als sie sich nun eines Tages einer andern Henné gegenuber sahen, trieb sic ihr ererbter Instinkt zum Angriff, wghrend ihre individuellen Ideenverbindungen sie vom Angriff abhielten. Es entstand bei ihnen ein sichtlicher Widerstreit von Gefühlen, der seinen Ausdruck in einem längeren unentschloss-nen Zogern fand, und obwohl sodann die ererbten Instinkte schliess. lich über die Ideenverbindungen die Oberhand behielten, liefert das verlänge!te Bedenken doch den Beweis, dass die letzteren einen stark modifizierenden Einfluss auszuUben im stande waren.

Darwin sagt in seinen Manuskripten, dass er im Jahre ,840 einige Hühnchen ohne Henne batte ausbrdten lassen. ,Als sie genau vier Stunden ait waren, liefen und hüpften sie herum, piepten und scharrten und duckten sich zusammen wie unter einer Henne; alles Handlungen von ausgepragtestem Instinkt.« Nachdem er dies als ein Beispiel von reinem Instinkt vorausgeschickt, fährt Darwin vergleichend fort: "Man konnte nun denken, dass die Art und Weise, wie Huhner trinken, indem sic ihren Schnabel vollfüllen, den Kopf in die Hohe heben und das Wasser dann vermôge seiner Schwere hinunter gleiten lassen, ganz besonders durch den Instinkt beigebracht worden sei. Dies ist jedoch nicht der Fall, denn ich überzeugte mich positiv davon, dass man bei Hühnchen emer von selbst ausgekommnen Brut gew&hnlich den Schnabel in eine Mulde drucken muss, wahrend in Gegenwart von alteren Huhnern, die trinken gelernt haben, die jungeren deren Bewegungen nachahmen und so die Kunst sich aneignen."

Im grossen und ganzen konnen wir also, mit Bezug auf die Art und Weise, in der die Intelligenz auf die Modifizierung des Instinkts wirkt, sagen, dass in allen hierher gehorigen Fällen an-finglich eine intelligente Wahrnehmung bezüglich der Wünschens-wurdigkeii der betteffenden Modifikatton von seiten bestimmter In-

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__ 2&0 -

dividuen vorhanden sein muss, die ihre Handlungen d«£<*. abändern. In einigen Fällen .hiift das Prin.ip der Nachahmung wahrscheinlich .urVeränderung des .Insiinkts mit»de» «end*« Individuen derselben Art und aus demselben Bezirke dazu iuhrt, "spiel ihrer !nt.

der Nachahm-

s Gewohnhei

nder.ng eine telligenz durch absichtliche Erziehung der Jungen

dem Beispiel ihrer !ntelligenteren Geehrten zu folgen; auch kann das

Prinzip der Nachahmung schon a

wenn die Gewohnheiten einer Sr.

zur Ab~nder.ng eines Instinkts anregen

PHnzip derNachahmung schon auf einer früheren Stufe hü.utre^ wenn die Gewohnheiten ^Lltl'^lth Z dtt

wirke"'          ....... "--:- für eine .usserordentliche Ab-

..... en oder

in der sr angenimlich

alles das, was mit der Domestikation der Tiere in Verbindung

liegt aber in fuhrten Heispiele in nartirlicher Weise führen;

veranderter Lebensbedingungen erleiden kann, hegt ab« i. -- ««»iriMm Reihe von Thatsachen, auf die uns einige der ange-EÄS „natürlicher Weise führen; ich meine nimlich

steht. Denn die Wirkungen der Domestikation beider Modifizierung Dr. Er. Darwin hingewiesen^' Eine so wichtige ™<* umfasser>6e

der Instinkte sind ebenso offenkundig, wie.™^S difizierung des organischen Baues, worauf ja schon vor tager tot

Reihe von Thatsachen erfordert aber eine getonte B«ung Ich werde deshalb hierzu übergehen ohne m,h ferner spe~nl u die Wirkungen der Nachahmung oder der Erziehung auf den In

Ich werde deshalb hierzu übergehen ohne m,h ferner speziell auf die Wirkungen der Nachahmung oder der Erziehung auf de stinkt wahrend der Lebenszeit des Individuums zu beziehen.

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Fünfzehntes Kapitel.

Domestikation.

Her Natur der Sache nach kdnnen wir nicht voraussetzen, I bei wilden Tieren eine reiche Mannigfa)tigkeit von Be. I weisen neuer, unter den Augen des Menschcn erworbener Instinkte zu finden, da ihre Lcbensbedingungen im allgemeinen in der der menschlichen Beobachtung untenvorfnen Zeit ziemlich gleichformig verlaufen. Glücklicherweise hat sich aber der Mensch schon vor dem Beginne der Geschichte damit beschaftigt, in der Zähmung der Tiere ein Experiment vom grOssten Massstabe zu machen. Wenn wir bedenken, dass die zu jenem Zwecke auserlesenen Tiere unter menschiicher Pflege unzählige Reihen von Ceneneraiion hindurch gezeugt und auferzogen und in einigen Fällen die Mitglieder gewisser „Rassen" bestandig ausgewählt und dazu angeleitet wurden, bestimmte Arten von Arbeit zu verrichten, so dürfen wir, wenn Instinkte wirklich durch sekundare Mittel in Verbindung mit primSren entstehen, auch Nachweise zu finden erwarten, nicht nur dafür, dass ursprüngliche Instinkte ver-sehwinden, sondern dass sich auch neue und spezielle Instinkte bilden. Offenbar sind kUnstliche Erziehung und ktinstbche Zûchtung durch den Menschen Einflüsse, die der Art, wenn auch nicht dem Grade nach mit denjenigen der natürlichen Erziehung und Zuchtung übereinstimmen, deren gemeinsamer Wirksamkeit unsre Theorie die Bildung der Instinkte zuschreibt. Wir dürfen deshalb, wie gesagt, bei unsren Hausiieren wohi Beweise fUr die künstlichen oder, nach Darwnss Ausdruck, domestizierten Instinkte zu finden erwarten. Und dies ist auch in der That der Fall.

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- 252 -

Betrachten wir zunächst die Abnahme

oder den Verlust der

schon erwähnten erbliche

Zahmheit der domestizierten 1 .ere.

natürlichen Instinkte, so «w». « »"» >n «ster Um

schon erwäl

wollen hier

bisher nur auf „« —~

-« «hn«. Hinzutritt der natürlichen schliesslich veränderten Erfahrungen, ohne Hinz

men «m.»v..*.-------                            Aufmerksamkeit

— -- ich die Beispiele vom Kanincnen uuu

anziehen, bei denen die künst-blossen Nichtgebrauch zu Hilfe

diesem Sinne führte .-..... her;nzjehen bei dene„ die kto*

^"S^SJ^^e"'......t"J- "nBfc

kam um die natürliche Wildheit aufzuheben.                        .

"","* _...... „^, kw„, liefert wohl die Katze, mso-

J1 Übrigens est erkenswert, wenn r6 Grundztige in „!„ be». «Uta R— bUd«, W*»*«i.Hch««r.

'ieren ist. Übrigens est der

g wm .«-gff bemerkenswert, wenn wir

belnken,^ Wut und Misstrauen beständige Grundzüge in der

HtnTbdieser Beziehung nicht weniger bemerkenswert, wen» wtr

SJ^JZJI ^ wildes Pferd existierte, das-

selbe in'seinen Anlagen mit de                 "                      " *~

wilden Esel übereinstimmend &

auch nicht so unbändig wie;

unserem sprüchwörtlich gedulde

denes Tie' ist. Ebenso, beme;

wildem Zustande eine grosse £

sowie ungemeine Wildheit bei d

Eigenschaften verschwinden, w<

:sr£ÄÄ. «*.** -«. d

.... ... .._j.« Diese Betrachtung führte HandcocK zu aer

irfe"des TTI,nnnnnni, H.n«, die beide, »erst «rttaKn B««-

„etem .prtietaöitlich geduldig» und zahmen E*l * »«« sow.e ungemeine WüdMK d                              Domestika,ion in

^.f'^.^^^ri^Ä*" es als Prinzip auf-

scharfsinnigen Bemerkung: „Im ganzea eefasst werden zu können, dass, wo < L Menschen oder auf andre Weise Übung eines reinen Instinkt. entfällt, de, natürlichen Sinnesthätigkeiten matt wird.)*)

scnai»uu«8»- ~---------o «                              Dasiwischentreten

■**,££ oderaufn'an<u-e'WeL die «^ «J* Übung eines reinen Instinkt. entfällt, der letztere gleich allen andern

*)&**#»«* 3».

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- 2&3 -

Dies durfte wohl zu dem Bewehe genugen, dass inatinktive Wildheit bei allen denjenigen Arten ausgerottet wurde, die genugend lange den Einflüssen der Domestikaiion ausgesetzt waren. Ich werde nun an einigen Beispielen zeigen, dass die Macht der Do. mestikation, hinsichtlich der Milderung oder Zerstorung der ange-boroen Neigungen wilder Tiere, sich noch auf speziellere Linien psychologischer Bildungen erstreckt.

Darwin sagt: „Alle FUchse, Wölfe, Schakale und wildeKatzen-arten sind, wenn man sie gefangen hält, sehr begierig, Geflügel, Schafe und Schweine anzugreifen, und dieselbe Neigung hat sich auch bei Hunden als unheilbar gezeigt, die man jung aus Gegen. den zu uns brachte, wo, wie in Feuerland oder in Australien, die Wilden sie nicht als Haustiere hatten.') Wie selten ist es auf der andern Seite notig, unsern zivilisierten Hunden, selbst wenn sie noch jung sind, die Angriffe auf jene Tiere abgewûhnen' Ohne Zweifel machen sie manchmal einen solchen Angriff und werden dann gezüchtigt und, wenn das nicht hilft, getotet, - so dass Gewohnheit und auch einige Zuchtwahl wahrscheinlich zusammengewirkt haben, unsere Hunde durch Vererbung zu zivilisieren. Anderseits haben junge Hahnchen, lediglich infolge von Gewohnung, die Furcht vor Hunden und Katzen verloren, welche sie zweifelsohne nach ihrem ursprunglichen Instinkte besassen; denn ich erfahre von Kapt Hutton, dass die jungen KUchlein der Stammform Gaüus

*) ,E»twiCklungderArten"S.29l. - toj).rwins Manuskripten findet sich diese. Punkt noch weiter ausgeführt, wie folgtt ,Dies war auch der Fall mit einem aus Australien stammendee Hunde, der an Bord eines Schiffes « Welt gekommen, von Sir J. Sebrighe ein Jehr hindurch *u .ahmen versucht wde, trofcdem aber angesich«, von Schafen oderGeflügel in die grossteWut geriet. Auch Kapt. Fitz Roy sagt, dass nicht einer der aus Feuerland und Patagonien nach England gebrachten Hunde davon abbracht werden konnte. . in derueterschiedsloLen Weise Geflügel, junge Schweine u. s. w. antugrei-

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teufe*», wenn sic auch von einer gewôhniichen Herme ausge

in Indien

ausgebrütet wurden, anfangs ausserordentiich wild Ad. Dasselbe ist auch mit den jungen Fasanen aus von Hausbuhnern ausgebrü-

teten Eiern der Fall. Und doch haben die Hühndum keineswegs

dieVe^hnerdurch

........ .                  (zumal junge Truthüh,

um sich im n.hen Dickicht .u verbergen.« Darwins Manuskript

alle Furcht verloren, sondern nur die Fun** vor ^Hunden ^ Kauen; denn sobald die Henne ihnen durch Glucken meGdahr anmelde,, laufen alle (zumal junge Truthühner) unter ihr hervor,

fügt hinzu: „Tauben werden nicht so viel gehalten, wie Hühner. 2 jeder ihaber weiss, wie *"^%£^ ~ ihrem unverbesserlichen Feinde, der Katze, «u sichern.

Um noch weiter zu zeigen, dass Instinkte auch verloren gehen

könne7oderunter dem Einfluss der Domestikation verkümmern, . ... .....„.„_ ,„.. kt Brütungsinsti

nen ist, wie auc ,vissen Gegenden von Generation« ittelbar nach de Autorität beha Gewohnheit bei Lammer bei sich ;ht der Fall ist and lediglich in en Inseln und in rhite fiigt hinzi ■ eingebUssthab wohl sie eigentlich fleischfressende Tiere sind, haben sie doch,

genügt es, darauf hinzuweisen, dass der Brütungsinstinkt beim spa-

a Rindvieli achdem hu , die Kalb

MB.*) D

langer Ze tterschafe f ndern Sch , dass, wo den poly

s Tier gilt, __..               _

Hunde einige ihrer starksten Instinkte eingebUssthaben, denn ^b.

nischen Huhn ganz abhanden gekommen ist, wie auch die mutter-

fevonG nmittelba be Auto ie Gewo leLämm

nicht di

Hund 1«

-                                        ,ChenIns        v «1 1„«

ein Uberaus dummes Tier gil^und White fiigt hinzu/ ) dass

^Instinkte" beim Rindvich in gewissen Gegenden Deutschlands

.....mhunderte von Generation«

Kälber unmittelbar nach de

> Dieselbe Autorität beha

■r Zeit die Gewohnheit bes

befremde Lammer bei sich

Schafen nicht der Fall ist

bemencr , M.w, , -_, wo dcrHund lediglich -

halten wird, wie auf den polynesischen Inseln und in China, er a

geschwunden sind, nachdem hundert von Generationen hindurch der

Gebrauch

der Mut

Gegende

,u tausch

wâhrend u„ -.--- ^ ^ ^ ^.^          ^

SE^ÄT*^ unmittelbar nach der Geburt von « -—'be Autoriti e Gewohn

^bei andern Schafen ÜlTr Fall i, SchUesslich

«che; ^Mutterschafe fremde Lammerbei sich saugen lassen,

nachdem iie viele Generationen hindurch m, Vegetab hen g füttert worden ihren instinktiven Geschmack für Fleisch verloren."

slfüber den negativen Einfluss der Domestikation oder

nun zu der noch auffal!enderen und bedeutungsvolleren Seite des «) Natural history of Säbornc, Mn 57.

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Gegenstandes, dem positiven Einfluss der Domestikation hinsichtlich der Entwicklung neuer Instinkte, die der betr. Art nicht angeboren, sondera auf künstiiche Weise, mehrere Generaiionen hindurch, durch fortgesetzten Unterricht in Verbindung mit naturticher Auslese hervorgerufen worden sind. Ich beschrankc mich dabei auf dasjenige Haustie,, bei dem diese Wirkungen am klarsten zu Tage treten, den Hund. Ohne Zweifel ist der Grund, warum jene Wirkungen bei dem genannten Tiere am sichtbarsten sind, der, dass sein Nut~en fUr den Menschen hauptsNchtich auf seiner ver. hältnismSssig hohen Intelligenz beruht, so dass der Mensch den Einfluss der Domestikation auf eine künsttiche Ausbildung jener Intelligenz verwandte. Es ist in dieser Beziehung von Interesse, dass die einzigen GrundzUge in der primitiven Psychologie des Hundes, die trotz der Berührung mit dem Menschen sicher unbeeinflusst blieben, solche sind, die weder nutzlich noch schKdlich für den Menschen, auch niemals kultiviert oder zurückgedrangt wurden. Dies ist z. B. der Fall mit dem Instinkt flir die Verscharrung der Exkremente, das Wälzen auf Aas, das Herumdrehen bei Bereitung des Lagers, das Verbergen von Nahrung u. s. w.')

Zum Beweis fUr den positiven Einfluss der Domestikaiion auf die Psychologie des Hundes mochte ich die Aufmerksamkeit vorerst auf einen sehr bedeutungsvollen Fall hinlenken. Eine der bemerkend wertesten Eigentümlichkeiten des Hundes ist die in einem hohen Grade entwickelte Idee flir Besitz und Eigentum, eine Idee, die ohne Zweifel erst durch den Menschen dem Hunde angedichtet wurde. Die meisten fleischfressenden Tiere haben im wilden Zustande eine Idee vom~ Eigentumsrecht des Beutemachers, und in der Art und Weise, wie gewisse Raubtiere von mehr oder weniger bestimmt abgegrenzten Jagdgebieten Besitz ergreifen, liegt wohl der Ursprung dieser Idee. Auf diesen von der Natur gelieferten Keim

~ü«.«. sagt, *- Hunde nicht vor dem to. bis r, Monat abe, flüssige Nahrung *u vergraben beginnen. Wenn dies wahr ist, sowürde es m dem Schluss berechttgen, dass dieser mstinkt erst spater in der Geschichte der wilden Arten erworben wurde und deshalb wahrseheinlich nicht so befetigtist wie die Instinkte der Wildheit, der Wut, des Angriffs auf Geflügel u. s. f., die durch den menschlichen Einfluss so vollständig ausgerottet wurden.

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- 25C -hat nun die Kunst des Menschen s. weit eingewirktt tadblto

lt. Ohne jede Dressur, ;a bisweilen

. . .» i- _jr„™J« Ine«!.

*r die Verteidigung des Eigentum* seines Herrn _ beim Hunde

adezu instinkttv geworden ist. Ohn,

Gegensatz zur Dressur, pflegen viel

.„und zuzustürzen, die an dem

löftes ihres Herrn vorubergehen. 1 sorgfältige Wachsamkeit des Hun traute Eigentum; die Thatsache Ist so «,» -— -- --nicht n~her dabei zu verweilen brauch. Jedoch wül «* hier

SSsSäääS

*~i=r;, /Tdem Gitter oder dem Thor des

t soallgemeb bekannt, dass ich brauche. Jedoch will ich hier e kh an einem Pinscher machte in diesem Falle zu de~ überzeu-r Beschützung meines Eigentum* , verdanken, sondern angeboret sah ich, wie der erwähnte Hunc fel gefüllte KOrbe trug. Obwoh d;;'Hund nicht wusste, dass er beobachtet wurde, begleitete er

Ä!SSS,T^*«.^~^ - d-üb«

den ich selbst auf.og;

gung berechtigt,

nicht individuellem Unterricht

dass die Idee der Beschützung meines Eigentums

oder

instinktiv war. Eines Tages sah ich wie

einen Esel begleitete, der mit Âpfel gefüllte KOrbe trug

und zwar zu dem glichen Zwecke, die Äpfel zu bewachen;

l wenn der Esel ' ~~'—J~ ----------Anfrl

ben zu nehmen, h seiner Nase; ut s sein GefShrte, tichte zu kosten,

denn jedesmal wenn der Esel seinen Kopf wandte, um eben Apfel GefShrte

aus den Korben zu nehmen, sprang der Hund auf ihn zu und schnappte nach seiner Nase; und die Wachsamkei des Tieres wa T?l. dass sein GefShrte, der ungemein begieng dar.ufwr,

war,

.e Ä *. e^« Apfel »«to~- -mochte. Auch sali ich diesen Hund Fleisch vor^andern

Zn auf bestem Fusse äand. Ja, noch mehr, ich war Zeuge, als er einst, durch seinen trefflichen Geruchsinn geleitet, meine Man hei erfasste, die ein Freund, dem ich sie geliehen trug. Verwandt mit dieserBeschützung des Eigentums semes Herrn,

ist die Idee, welche der Hund von sich  selbst, als einem zugeil dieses E " "     ' '......

bst ausgee oren ist, h

h8rigen Teil dieses Eigentums hat, d. h. also die Idee von einem

auf ihn selbst ausgedehnten Besitzrecht. Dass diese: Idee^gleich-fans angeboren ist, habe ich bei ™™*™^^Z

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- m ~

cinige ziemlich belebte Strassen folgte. Dieses junge Tier konnte mich kaum vor den andern begegnendnn Personen kennen und folgte mir deshalb wohl nur aus der instinktiven Idee seiner Zugehorigkeit und der daraus entspringenden Furcht, verloren zu geheu. Diese abstrakte Idee der Zugeh~rigkeit ist bei vielen, wenn nicht bei allen Hunden gut entwickelt, so dass es durchaus nichts Ungewohnliches ist, dass wenn der Herr seinen Hund einem Freunde anvertraut, das Tier sich bei demselben ganz sicher fühlt, weil er ihn als seines Herrn Freund kennen lernte. Ich halte es auch nicht fdr unwahrscheinlich, dass das, was der erworbne Instinkt des Bellens zu sein scheint, nur eine Abzweigung jenes Instinktes für Eigentum ist, wetcher die Aufmerksamkett des Herrn auf herannahende Fremde oder Feinde richtet.

Darwin legt ein grosses Gewicht auf andre, spezieller „domestizierte Instinkte" des Hundes, die vielleicht noch interessanter sind, aJs die eben erwahnten, insofern sie absichtlich durch fortgesetzte Dressur, in Verbindung mit Zuchtwahl, den Ticren beigebracht wurden. Ich verweise hierbei in aller Kürze auf den Schaferhund, den Wasser- und den Vorstehhund, denen Darwin in seiner „Entstehung der Arten" (S. 293) eine kurze Besprechung widmet, wahrend er in seinen Manuskripten noch länger dabei verweilt. Aus letzteren führe ich folgendes hier an: "Die Betrachtung der verschiedenen Hunderassen zeigt uns bei ihnen mannigfache angeborne Neigungen, von denen viele, wegen ihrer ganztichen Nutzlosigkeit fur das Tier, von keinem seiner ungezahmten Vor-ganger vererbt sein konnen. Ich habe mit mehreren intelligenten schottischen Schafern gesprochen, die einstimmig darin waren, dass ein junger Schaferhund zuweilen ohne jeden Unterricht die' Herde umkreist und dass jeder eehte Hund mit Leichtigkeit dazu angelernt werden kann; obwohl dieselben sich an der Ausubung ihrer angebornen Kampfbegier erfreuen, zerreissen sie doch nie die Schafe, wie es wilde Hundearten von ihrer Grosse und Gestalt thun würden. Nehmen wir sodann den Wasserhund, der naturge-mass jeden Gegenstand seinem Herrn zuruckbringt. Der Rev. M. D. Fox schreibt, dass er seinem sechs Monate alten Wasserhunde an einem einzigen Morgen das Apportieren beibrachte, an einem zweiten

Romnn.»a Katwlcklm.« d« Gel*...                                                    f?

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- 258 -

Morgen das ZurUckgehen auf die Spur, um einen vorsieh aber vorn Hunde ungesehen, fallen gelassenen Gegensa»rf »^e ; Ich weiss aber aus Erfahrung, wie schwer es ist, diese Gewohnhe« einem Pinscher beizubringen. Betrachten wir den schon, so oan-geführten Vorstehhund. Ich selbst bin mit einem solchen jungen Sie zum ersten Male ausgegangen, wobei seine angeborne Ne, gung in einer höchst komischen Weise zum Ausdruck kam, denn « Ind nicht nur bei jeder Wildspur, sondern auch bei Schafen dien weissen Steinen, und wenn er ein Lerchennest fand waren^wir geradezu gezwungen ihn wegzujagen; er brachte auch andre Hunde zum Stellen .... Das schwebende Ve hahen,te Vorstehhunde ist um so bemerkenswerter, als alle, welche diese

Hunde studiert haben, sic

Ubereinstimmend als eine Unterrasse des

^ichtanschlagendenJagdhunde^e, ***£^

angeborne Neigung unger Vorstehhunde ist vielleicht die, anare

Hunde zu stellen oder, ohne dass sie die Spur eines W Ides wahr-

n zu stehen, wenn sie andere Hunde so thun sehe~.

"Wenn wir nun eine Art Wolf im Naturzustande sähen, die rund

nehmen, zu stehen, wenn sie andere Hunde so thun sehe~ "Wenn wir nun eine Art Wolf im Naturzustande sähen, d um einRudel von Hirschen Hefe und dieselben geschickt nach einem

beliebigen Punkte triebe, oder eine andere Wolfsart, welche statt "ber eine halbe te stünde, wahr, bildsäu'lenahniiche Stellung annähmen und siclv dann vorsieht*

ihre Beute zu jagen, Uber eine halbe Stunde lang still und be-wegungslos auf derFährte stünde, wahrend ihre Gefährten dieselbe

naherten, so wurden wir diese Handlungen sicher instinktiv nennen. Die hauptsachlichsten charakteristischen Merkmale des Instinkts schein naber in dem Vorstehhunde verkorpert zusein. Man kann

„^annehmen, dass ein junger Hund weiss, warum er steht, so

- srling weiss, warum er seme Eier an die

Kohlpflanze legt ... . Mir scheint kein wesentlicher Unterschied

wenig wie ein Schmetteriing weiss, warum er seine Eier an die KolLInze legt . . Mir scheint kein wesentlicher Unterschied Sb zH e et da* das Stehen nur für den Menschen von Nutzen

ist und nicht fur den Hund, denn die Gewohnheit wurde m^ künstlicher ZUchtung und Dressierung zu ^J"1^^" erlangt, wogegen gewëhntiche Instinkte ^J»f^?f^ ,,«rf Obime ausschliesslich zum Vorteil des Tieres erworben wer-

ahmung oder Eiührut«, otarohl er ol»e Zweifel, wie * to aurf.

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zuweiten bei den ursprOnglichea Instinkten sehen, durch diese Hilfsmittel haufig profitiert. Übrigens findet jede neue Generation ein Vergnügen darin, ihren angebornen Neigungen zu folgen.

„Der wesentlichste Unterschied zwischen dem Stellen und dergl. und einem wahren Instinkte liegt darin, dass die erstem weniger streng vererbt werden und dem Grade ihrer angebornen Vollkom-menheit nach sehr variieren; es ist dies aber auch von vornherein zu erwarten, denn sowohl geistige, a!s körperliche Charaktere sind bei domestizierten Tieren weniger echt, als bei Tieren {m Natur-zustande, insofern ihre Lebensbedingungen weniger bcstandig und Züchtung und Unterricht seitens des Menschen weit weniger ein-formig sind, auch eine unvergleichlich kürzere Zeit angedauert haben, als es bei den Leistungen der Natur der Fall ist."

Obgleich die bekannte Thatsache, dass junge Vorstehhunde instinktiv stellen, keiner weiteren Bestatigung bedar,, so will ich doch noch eine kurze Stelle aus einem Aufsatz And.. Knighss Uber erbliche Instinkte*) anführen, weil sie, wie z. B. beim „Stellen", zeigt, bis zu welcher ausserordentlichen Genauigkeit die erb-liche Kenntnis manchmal gehen kann. „Es ist bekannt, dass junge Vorstehhunde von langsamer und träger Rassc vor Rebhühnern ohne vorhergegangenen Unterricht oder Übung stehen. Ich nahm einen solchen mit zu einem Platz, wo ich gerade - es war im August -ein Volk junger Rebhuhner hatte niederfallen sehen; unter diese warf ich ein Stuck Brot, um den Hund dadurch zu verleiten, von meinen Fersen zu gehen, wozu er jeder Zeit nur geringe Neigung zeigte, ausgenommen wenn er etwas zu fressen suchte. Als der Hund unter die Rebhuhner geriet und dieselben witterte, wurden seine Augen plotztich starr, seine Muskeln gespannt und er stand, zitternd vor Bangigkeit, einige Minuten lang still. Als ich die VSget sodann auffliegen liess, zeigte er starke Symptôme von Furcht, aber keine von Freude. Ein junger Wachtelhund wUrde unter den namlichen Umstanden voiler Lust gewesen sein und ich zweifle nicht, dass der junge Vorstehhund sich ebenso verhalten hatte, wenn von seinen Vorfahren nie einer wegen Anspringens auf Rebhuhner ge-

*) Phrlcs. Tram. .837, p. 3*7-

17*

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züchtigt worden ware."

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Aus demselben Aufsatz führe ich noch folgend mehr oder weniger analogen Falle an:

„Ein junger Terrier, dessen Ettern bei der^^ Verfolgung von Iltissen haufig verwandt wurden, und ein junger Wachtelhund, dessen Vorfahren viele Generationen hindurch zur Schnepfenjagd verendet worden waren, wurden zusammen aufgezogen, ohne dass dem men jemals Gelegenheit geboten wurde emen Iltzs, und dem letzteren eine Schnepfe oder sonst em WUd » sehen. Der Terrier erwies sich jedoch, sobald er auf die Fahr c emes Iltis kam, ausserordentlich aufgeregt, und sobald er das Jier sah, griff er es mit ebensolcher Wut an, wie es seine Eltern gethan haben wurden. Der junge WaehteJhund im Gegentheil sah dabei mit Gleichgültigkeit zu, verfolgte aber die erste Schnepfe, die er sah, mit dem grCssten Entzücken, an welchem h.mv.ederum der Terrier in keiner Weise Anteil nahm .... In manchen F Allen erwiesen sich junge und ganztich unerfahrene Hunde nahezu ebenso kundig in der Aufspürung von Schnepfen, wie mre erfahrenen Eltern Schnepfen werden bekanntlich bei Frostwetter dazu getrieben, ihre Nahrung in offnen Quellen und Rinnsalen *. suchen, und meine alten Hunde kannten so gut als ich den Kaltegrad, der die Schnepfen an solche Stellen nôtigte! eine Kenntnis, welche mir oft sehr s.ö-rend wurde, weil ich sie dann kaum zu zugetn vermochte. Als ich deshalb einmal die unerfuhrenen Hunde zu Hause Hess und nur die ganztich unerfahrenen jungen mitnahm, war ich nicht wenig erstaunt, als einige derselben sich hier und da ebenfalls môglichst nahe an ungefrornen Stelle hielten, ganz wie ihre Eltern. Als ich dies zuerst bemerkte, vermutete ich, dass sich wahrend der vergangenen Nacht liier Schnepfen aufgehalten hatten, jedoch konnte ich wie es sonst doch wohl hätte der Fall sein mussen, keine Spuren ihrer Anwesenheit entdecken; ich glaube daraus schliessen zu dürfen, dass die jungen Hunde durch ahnliche Gefühle und Neigungen geleitet wurden, wie ihre Ettern.«

Derselbe Autor fügt an einer andern Stelle noch hinzu: „Man darf wohl vernünftigerweise daran zweifeln, dass jemals ein Hund n* den Gewohnheiten und Ncigungen eines Hühnerhundes bekannt

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geworden ware, ohne die Kunst des Mcnschen, Vôgel im Fluge zu schiessen«

Mit Bezug auf die hochspeziatisiert künstlichen Instinkte des Hundes - die sich bis zu einem erblichen Gedächtnis von der grossten Genauigkeit versteigen - fahre ich schliesslich noch eine Bemerkung des Prof. Hermann an, wonach Jagdhunde, die zum ersten Male mit auf die Jagd genommen werden, also vor jeder individuellen Erfahrung, die Wirkungen eines den Vogel herabbringenden Schusses vorauszusehen scheinen") So bedeutungsvoll indessen die Ausbildung solcher spezieller Hundeinstinke durch den Menschen auch ist, so liefern sie uns doch nur geringe Beispiele für die Modifikationen, welche menschticher Einfluss auf die Psychologie des Hundes hervorgebracht hat Es ist in der That nicht minder wahr, dass der Mensch in gewissem Sinne den merkwürdigen organischen Bau des Windhundes oder des Bulldogs ge-schaffen, als dass ihm die nicht minder bewundernswerten Instinkte des Vorsteh. oder des Wasserhundes zu verdanken sind. Wir wurden aber eine nur unvollkommne Idee von dem tiefen EinBuss gewinnen, den er auf die Geistesbildung dieses Tieres ausUbt, wenn wir uns nur auf solche spezielle Fälle, wie die oben angefuhrten, zu beschranken hatten.

Wenn wir die Psychologie des „Freundes des Menschen" derjenigen irgend einer wilden Rasse gegenubersteulen, so sehen wir sofort, dass nicht nur viele natürlichen Instinkte jenes Tieres unterdrUckt und viele kunstliche ihm dagegen eingepflanzt sind, sondern dass es auch, wie Sir J. Sebrgght richtig bemerkt, "eine instinktive Liebe zum Menschen erworben hat." Die sprichwortliche Liebe, Treue und Gelehrigkeit des Hundes sind indessen zu bc kannt, als dass ich dabei langer zu verweilen brauchte. Ich will nur hinzufugen, dass diese Eigenschaften, so unahntich sie allem sind, was wir von Wol<en, Füchsen, Schakalen und wilden Hunden im allgemeinen wissen, nur einer längeren Berührung mit dem menschlichen Herrn und der ZUchtung seitens desselben zuzuschre--

*) Itadbach der Phyrfologie, tt Band. 3. Theil, S. s8z.

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ben sind. Wie der Hund gegenwartig geartet ist, teitec diese künstlich eingeimpften Eigenschaften das Tier in der Regel sogar dazu, dem Menschen eine grôssere Liebe und Treue zu erwe»en, als seinesgleichen. Wir wollen dabei wiederholt darauf aufmerksam machen, dass wir bei wilden Tieren nicht selten eine Neigung vortinden, sich mit Gliedern andrer Arten zu verbinden, selbst wenn kein wirklicher Nutzen aus dieser Verbindung für sie entspringt; in diesem zufälligen oder nutzlosen Hang entdecken wir den Keim, der sich beim Hunde zu dem entwickelt hat, was wir heute vor uns sehen und die Bemerkung eines alten, bei Darwnn angeführten Schriftstellers Techtfertigt: „Ein Hund ist das einzige Ding auf Erden, was dich mehr liebt als sich selbst."

Aber nicht nur Liebe, Treue und Gelehrigkeit, sondern auch alle übrigen Gemutseigenschaften, die dem Menschen natztich sind, hat der letztere bis zu dem bestehenden ausserordentlich hohen Grade beim Hunde zu entwickeln verstanden. Es würde ûberflüssig sein, sich noch auf Fälle zu beziehen, welche die hohe Stufe der erlangten Sympathie illustrierer. Diese letztere, zusammen mit der intel^enten.Zuneigung, aus welcher sie entspringt, lasst die Freude am Lob und die Furcht vor Strafe entstehen, welche in keiner Weise von denselben Gefûhlen beim Menschen unterschieden werden

""Wie Gratt Allen nachgewiesen hat, ist der Sinn fur Abhangigkeit beim Hunde nicht minder lehrreich: „Der ursprungtiche Hund, der ein Wolf oder ein dem ahniiches Tier war, konnte solche kanstlichen Gefühle unmSglich besitzen. Er war ein unabhangiges, selbstvertrauendes Tier... Aber schon zu den T der danischen Muschelhügel und vielleicht schon tausende voa Jahren früher, begana der Mensch den Hund zu zahmen." Obgleich deshalb der Instinkt durch Nichtgebrauch bei einigen Hunden, wie bei denen von Konstantinopel, ausgestorben sein kann, so iindet er sich doch als Resultat einer fortdauernden Erziehung, Auslese und Züchtung vollstandig und ausgiebig entwickelt, wenn ein Hund von klein auf unter einem Herrn erzogen wird, und die herrenlose Lage ist von da an fur ihn eine seine natirlichen Gefühle und Neigungen durchkreueendu und seinen Erwartungen entgegengesetzte.

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In der That sind die gemeinsamen Wirkungen einer lange fortgeben Züchtung und individuellen Erziehung so stark, dass sie die stSrksten natürtichen Instinkte und Triebe » überwinden vermëgen. Ein Zeugnis dafur bildet der Hund, der eher umkommen, als stehlen wird, und die notorische Thatsache, dass bei Gelegenheit selbst der mUtterliche Instinkt durch das Verlangen, dem Herrn xu dienen, unterdrückt wird. Hierzu berichtet der Dichter Hogg fdlgendes* Beisptet'): „Ein Mann, namens Steele, besass eine Hün. din, welcher, ohne weitere Aufsicht, die Hut von Schafen anvertraut war. Ob nun eines Tages Steele zuruckgeblieben war oder einen andern Weg genommen hatte, weiss ich nicht, kurz, als der-selbe abends spât zu Hause anlangte, war er erstaunt zu horen, dass sein treues Tier mit der Herde nicht angekommen sei. Er und sein Sohn machten sich sofort auf verschiedenen Wegen auf, sie zu suchen, als sie aber auf die Strasse kamen, kam die Hundin ihnen mit der ganzen Herde, ohne Verlust eines einzigen Stückes, entgegen und trug merkwOrdigerweise einen jungen Hund im Maule. Sie hatte wâhrend der Arbeit in den Bergen geworfen; wie es aber das arme Tier fertig gebracht hatte, in ihrem leidenden Zustande die Herde zusammen zu halten, entzieht sich aller menschlichen Berechnung, denn sie musste den ganzen Weg entlang andre Schafherden passieren. Ihr Herr war tief geruhrt, als er ihre Leiden und Leistungen sah; sie schien indessen in keiner Weise entmutigt, eilte vielmehr, nachdem sie ihr Junges in Sicherheit gebracht, in die Berge zurück und trug den ganzen Wurf, eines nach dem an-dern, herbei; das letzte war jedoch inzwischen gestorben.«

In noch einer andern Hinsicht, die ihrer Bedeutung nach noch über das Schwinden durch Nichtgebrauch oder den Erwerb durch Erziehung und Züchtung hinausgeht, gleichen die künsdichen In-stinkte den natürlichen. Zum Beweise dessen genügt es, folgende Stelle aus Darwins Manuskripten anzuführen, die ûbrigens schon in seinen bereits veroffentlichten Werken") zum Teil Erwahnung

) Sheplmd Calendar.

**) „Da, Variieren der Tiere und Pflanzen im Zu.Unde der Domestikation«o Seite 43.

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gefunden hat: „Es ist bekannt, dass wenn zwei verschiedene Arten gekreuzt werden, die Instinkte merkwurdig gemischt ausfallen und in den folgenden Generationen, ganz wie die korpertichen Organe, variieren. Jenner*) hatte einen Hund, der zum Grossvater einen Schakal, also Viertelsblut von einem solchen in sich hatte. Er war sehr schreckhaft, horte nicht auf den Pfiff und pflegte in die Felder zu schleichen, wo cr in eigentUmticher Weise Mause fing. Ich kënnte Uberhaupt zahireiche Beispiele von Kreuzungen zwischen Hunderassen mit beiderseitigen künstlichen Instinkten beibringen, bei denen dieselben in sehr merkwürdigerWeise gemischt wurden, wie z. B. zwischen dem schottischen und dem englischen Schafer-hund, dem Vorsteh- und dem Hühnerhund; die Wirkung solcher Kreuzung ist Ubrigens manchmal sehr viele Generationen hindurch zu verfolgen, wie z. B. der Mut der beruhmten Windhunde Lord Orfodss nach einer einzigen Kreuzung mit einem Bulldog"). Anderseits wird die Dazwischenkunft eines Windhundes einer Schaferhundfamilie die Neigung verleihen, Hasen zu jagen, wie mich ein intelligenter Schafer selbst versicherte."

Hiermit ist unsre BeweisfuhrungoposteWonfür den siebenten Punkt beendet und es haben zugleich auch unsre Betrachtungen Uber den Ursprung und die Entwicklung der Instinkte einen Abschluss gefunden. Denn wir haben gesehen, dass Instinkte entstehen kënnen, entweder unter dem alleinigen Einfluss der natUrlichen ZUchtung oder unter dem ZurUcktreten der Intelligenz oder unter dem Zusammenwirken beider Einflüsse. Mit dem Nachweis, dass die auf dem Wege der Intelligenz erworbnen Gewohnheiten, gleich den ohne Intelligenz erlangten, vererbt werden kônnen, haben wir auch bewiesen, wie im analogen Falle der primaren Instinkte, dass diese Gewohnheiten im Laufe der Generationen abandern konnen, dass ihre Abande-rungen vererbt und die gunstigen unter ihnen befestigt und durch natarliche und künstliche ZUchtung verstarkt werden. Denn nar durch Annahme dieser Satze vermögen wir uns viele der angeführten Thatsachen zu erkliren. Offenbar hatte der Mensch nie-

*) Kniet, „A»4»ml Economy,*. W. ") Towtt, „on Me Dog«, p. 31.

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mats die kUnstlichen Instinkte des Hundes hervorbringen kSnnen, wenn er nicht praktisch die Tatsachen der Abanderung und Vererbung erkannt hätte, eine Erkenntnis, die sich in der ungeheuren Differenz zwischen dem Marktpreis eines Vorsteh- oder Hühnerhundes von berühmter Abstammung und dem eines solchen von unbekannter Herkunft auf das deutlichste ausspricht. Thompson sagt deshalb sehr richtig: "Das Geschaft der Erziehung würde mit jeder neuen Generation wieder von vorne beginnen mOssen, wenn die korpertichen oder geistigen Abanderungen, welche die Tiere in dem fortgesetzten Prozess der Domestikation erfuhren, nicht mit der Fortpflanzung in sie eingegraben würden. Diese erworbenen Charaktere gewinnen in jeder neuen Generation neue Kraft, bis sie zuletzt dem Tiere einen bleibenden Stempel aufdrOcken." Wenn aber die künstiiche Züchtung bei der Ausbildung der domestizierten Instinkte von so hoher Wichtigkeit ist, um wie viel muss die natUrliche Züchtung von Wert für die Bildung der natürlichen Instinkte sein!

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Sechzehntes Kapitel.

Lokale und apezifische Abänderungen des Inetinkts.

Ich habe im Bisherigen nachgewiesen, dass Instinkte durch 1 den Einfluss der; natürlichen ZOchtung oder der zurück. tretenden Intelligen, oder durch die vereinten Einflüsse beider Prinzen entstehen kSnnen, und cfcss ri^ bildete Instinkte leicht abandern, wenn veranderte LebemumstSnde dies verlangen. Das auffallendste Beispiel fUr ^J£*T* fâhigkeit völlig ausgebildeter ^^Vt^JlZ Schluss des vorigen Kapitels ermähnte Fall, der den Emfluskr Domestikation auf die Verkümmerung des starksten aller natu heben Instinkte sichtbar werden lässt, an Stelle dessen der seltsamste unter den künstlichen Instinkten zur Geltung gelangt Insofern wir aber früher gesehen haben, dass jeder beträchtliche Wechsel in den LebensumstXnden, denen ein Instinkt entspricht, im stande ist den Mechanismus dieses Instinktes ausser Gang zu bnngen, so lässt rer Nachweis der Abanderungsfähigkeit desselben der ach auf die Wirkungen der Domestikation sttit* den ^«** >££ standenen Abanderungen unnatürlich, bezw. die Folge einer Beein trächtigung der normalen Instinktapparate seien. Ich halte diesen Einwurf jedoch nicht fUr stichhaltig, da wir wissen, dass die Do-Lokation nicht nur die negative Wirkung der Beeintr&chttgung X Beseitigung natürlicher Instinkte hat, sondern auch posi-rJTJ-tt. Instinkte hervorruft. Immerhb erscheint es wünschenswert, den aus der Domestikation gezogenen Nachweis

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durch weitere Belege aus' dem Gebiete der Natur zu unterstOtzen, da in diesem Falle jeder derartige Einwurf entfallen wurde.

Ich beabsichtige daher in diesem Kapitel alle Thatsachen zu sammeln, die daraufhinausgehen, dass bei Tieren im Naturaistande die Instinkte Abänderungen erleiden, ganz ahniich denjenigen, die bei Tieren im Zustande der Domestikation vorkommen. Meine Beweisführung ist aber eine doppelte und erstreckt sich a) auf das Vorkommen lokaler Abweichungen und b) auf das Vorkommen spezifischer Instinktvarietaten bei wilden Tieren.

A. Lokale Abänderungen des Instinkts.

In dieser ersten der beiden Abteilungen werde ich zu zeigen suchen, dass die Abanderungsfähigkeit des Instinkts einen scharfen und bedeutungsvollen Ausdruck in. solchen Fällen findet, wo wilde Tiere derselben Art, welche in verschiedenen Gegenden der Erde leben (und deshalb verschiedenen Umgebungen ausgesetzt sind) scharf begrenzte und konstante Unterschiede in ihren instinktiven Anlagen darbieten. Eine Klasse solcher Falle habe ich schon bezeichnet und zwar durch Hindeutung auf die instinktive Furcht vor dem Menschen bei solchen Tieren im Naturzustande, welche vom Menschen besuchte Orte bewohnen; da ich aber den Gegenstand fUr sehr wichtig halte, insofern eine bestimmte lokale Abweichung dahin zielt, zu einem neuen Instinkte zu werden, so will ich noch die schlagendsten der mir in dieser Richtung bekannt gewordnen Fälle anführen. Um mit den Insekten zu beginnen, so behaupten Kirby und Spence, auf die Autoritat von Sturm hin, dass der Mistkafer, welcher kleine Kugetchen von Dunger zusammenzurollen pflegt, sich der Mühe dieser Arbeit Uberhebt, wenn er zufällig auf Schafweiden tebt; „er benutzt dann den ihm fertig gelieferten kugel-fôrmigen Schafkot". Wir haben hier eine intelligente Anpassung an eigentumtiche Bedingungen, und somit konnte dieser Fall als ein Beispiel von Biegsamkeit des Instinkts aufgefasst werden; da aber Schafweiden bestimmte lokale Gebiete sind, so habe ich ihn aïs einen Fall von lokaler Instinktabänderung angefuhrt, deren be-stimmende Ursache zweifellos sehr hlufig in einer intelligenten An-

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passung an besondere lokale Bedingungen besteht Ich habe toes Beispiel gerade deshalb an die Spitze gestellt «cd es ebenso gut fur dieses, wie Or das vorhergehende Kapitel zu verwerten ist.

Ferner schreibt Lonbiere in seiner Geschichte von Siam, "dass in einem Tei)e dieses KOnigreichs, welcher grosser.Überschwemmungen ausgesetzt ist, sämtliche Ameisen ihre Anssedlungen uflmen haben und nirgerd anderswo dergleichen Nester zu Sen 71« Einen ganz «eben Fall berichtet Forel bezüglich einer europaischen Ameisenart, feto acerbmm die » Ebenen niemals unter Steinen baut, wShrend sie es in den Alpen ebenso

g" «l^-Bienen scheinen die nach Australien und Kalifornien eingeführten Korbbienen ihre „eissigen *"**£; nur die ersten zwei oder drei Jahre hindurch beizubehalten, dann hôren sie allmählich auf, Honig zu sammeln, bis sie ganz trSge werden. Ferner veröffentlicht Packard*) einige Beobachtungen des

als guter Beobachter bekannten Rev. L. Thompson, wonach Bienen (apis meUi(ica) Motten frassen, die_ sich in gewissen Blumen

gefangen hatten. Als diese Thatsache Darwnn mitgeteilt wurde,. UL er, dass er "niemals von irgendwie fleischfressenden Bienen gehört habe und die Thatsaehe ungtaubtich finde. Ist es mOglich. dass die Bienen den Kôrper einer Plmia öffnen, um den dann SLuenen Nektar zu saugen? Ein solcher Grad von Verstand wurde der Bestätigung bedürfen und wKre sehr wunderbar." W* aber auch das Objekt der Bienen gewesen sein mag, ihre Bewe-

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sL, erscheinen somit vielleicht nicht so unglaublich, als es Darwin vorkam, namentlich wenn wir uns erinnern, dass auch Wespen zweifellos manchmal fleischfressende Neigungen entwiekeln.))

Mit Bezug auf die lokalen Instinktanderungen bei Vogeha ver-

) American Naturalist, Jan. tMo. V Vergl Nature XXI, p. 4«7, 494. S38 a. 563.

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weise ich in erster Linie auf die folgenden Beispiele aus dem Anhang, welche, wenn auch vonDarwin nicht in dieser Verbindung angeführt, dennoch hierher gehëren durften:

Es ist bekannt, dass Vogel derselben Art in verschiedenen Gegenden geringe Untcrschiede in ihrer Lautausserung zeigen; so bemerkt ein vorzuglicher Beobachter: "Eine Kette Rebhühner in Irland fliegt auf, ohne cinen Laut von sich zu geben, wahrend auf der gegenNberliegenden KUste von Schottland die Kette mit aller Macht schreit, wenn sie aufgejagt wird.«*) Bechstnin sagt, er halte sich nach jahrelanger Erfahrung überzeugt, dass bei der Nachtigall die Neigung, mitten in der Nacht oder am Tage zu singen, nach Familien verschieden und streng erblich sei.)")

Prof. Newonn teilt mir mit, dass der Strandpfeifer auf den ausgedehneen SanddUnen von Norfolk und Suffolk einen sehr merk-würdigen und lehrreichen Fall darbiete. Diese Vôgel nisten an der Seekuste, indem sie ihre Eier in eine Hëhlung legen, die sie sich im Meerkies ausscharren. Die See trat aber mit der Zeit mehrere Meilen von den erwahnten Sanddunen zuruck, welche letztere sich nun mit Gras uberzogen. Wahrscheinlich brüteten nun zahllose Generationen in einer Lage, die einst Seekuste bildete, deren Entfernung von der See aber mehr und mehr xunahm.)') Die Vôgel leben nun auf weiten Grasflächen, statt auf Kies, ihr Instinkt, die Eier zwischen Steine zu legen, ist aber geblieben, so dass sie, nach Ausscharrung einer Hohiung, von allen Seiten kleine Steinchen zusammensuchen und in der Hohlung niederlegen. Hierdurch wcrden ihre Nester sehr sichtbar und die Thatsache zeigt in auffallender Weise, wie ein vercrbter Instinkt, der unter veranderten Bedingungen in der Hauptsache bestehen bleibt, nichts destoweniger mit Bezug auf jene veranderten Bedingungcn so ab-weichen kann, dass cr den Beginn eines neuen Instinkts darstellt. .

*) Thompson, ml. hiä. of Ireland, II, 65-

«) V«ßl. Bechstein, Stnbenvögel, .840, S. 3~3.

«) Die Richtigkeit dieser Erklärung ist nicht nur a priori wahrscheinlich, sondern erhält noch eine Betätigung durch die Thatsachee dass die nimlichen Sanddunen auch der Wohnsitz einer Insektenarr aus der Klasse der Lepidop-teren sind, die sonst nur an der Küste gefunden wird.

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Wegen weiterer Beispiele lokaler Verschiedenheiten im Nest-bau vereise ich auf die oben engten F., der Biegsamket des Instinkts unter dem formenden Einflüsse der Intelligenz. Ferner mache ich auf die Thatsache aufmerksam, dass auf dem amenka-nischen Kontinent verschiedene Vogelarten namentlich eine^Eulenart, ein Blauvogel, ein Ftiegenschnapper, mehrere Zaunkömgarten und fast alle Schwalben, den Bau ihrer Nester den künstlichen Nistplätzen Ipas ten, die ihnen der Mensch ver.chaffte. Mit Bezug auf die En Abä erungen des Instinkts berufe ich mich aber vor allem wSer Z das schon früher erwähnte Werk von Kapitan Coue,, aus welchem hervorgeht, dass auch in verschiedenen Gegend» des amerikanischen Festlandes dieselben Vogel eme verschone Art des Nesterbaus befolgen. Der genannte Verfasser schrei:: „Es unterliegt gar keinem Zweifel, dass dieselben Schwalben, welche m Osten sich unabanderlich der vom Menschen gebotnen Erleichterungen bedienen, im Westen noch in den Höhlungen von Baumen, Felsen oder auch des Bodens nisten"; hierzu liefert er mehrere spezielle Beispiele.·) Die Thatsache, dass der gemeine Sperling Ln ahntichen lokalen Instinktwechsel xeigt, wo er mit den Woh-

nungen der Menschen in Berûhrung kommt, ist bereits erwahnt e Auch bei den Saugetieren begegnen wir einer Anzahl interes-

worden/')

Auch bei den ouuBC„^.. ^8vB. santer Fälle von lokaler Abweichung des Instinkts. So z. B. hat

man am Rindvieh gewisser Gegenden die Beobachtung gemacht, dass es an Knochen saugt. Erzbischof Whaeely berate über diesen Gegenstand schon vor Jahren an die Dubhner Geseift für Naturwissenschaften. Neuerdings beobachtete Donovan d.eselbe

Thatsache beim Rindvieh in

Natal; ebenso LeConee in den Ver.

■) A. a. 0. p. 394. Diese Thatsache iet ^ *J^g«,^ wa.*' I** p. «rt - bestätig.n ^s an * » ~^" Haasschwalbe einen lokalen Insünkt dafür zeigtt in Kellern und an äbernsngen.

Haasschwalbe einen lo]-.--.m-w ..«

dC° ltWel'SSnge a«. *a«»en ■— - w« - ,-,--------------- --

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einigten Staaten/) Wahrscheinlich wurde diese Gewohnheit dadurch. herbeigeführt, dass dem Grase irgend ein erforderticher Nahrungsbestandteil fehtte, welcher durch die Knochen geliefert wurde. Wenn sich nun diese Gewohnheit zufällig dem Vieh vorteilhaft (statt schadlich, wie Whately behauptet) erwiese, so ware es wohl denkbar, dass Vieh im Naturzustand sich von der ausschliesslichen. Pflanzennahrung abwenden und omnivor, endtich sogar ausschliess-lich karnivor werden könnte. Sehr wahrscheinlich sind die Vor-fahren des Schweins durch die ersten dieser Stufen hindurchgegangen; dagegen scheint der Bar denselben Prozess von der andern Seite her durchzumachen, da seine nächsten Anverwandten zu den FIeischtressern gehoren, er selbst aber haufig die Gewohnheit an-nimmt, Krauter und Gräser zu fressen.

Ein andrer interessanter Fall vom Übergang pflanzenfressender zu fleischfressender Lebensweise wurde von W. K. G. Gentry an der naturwissenschaftlichen Akademie von Philadephia am 18. Februar 1873 veröffentticht. Einunter dem Namen Chickaree (Sciwus hudsonius) bekanntes Eichhôrnchen, das gleich den meisten seiner Art von Natur zu den Pflanzenfressern gehërt, nahm in der Gegend von Mount Airy eine den Musteliden eigne Lebensweise an, indem es auf Baume kletterte und den Vëgein nachstellte, um deren Blut zu saugen. Gentry vermute,, dass dieser Übergang von herbivoren zu carnivoren Gewohnheiten auf die Neigung mancher Eichhörnchen zuruckzuführen sei, Vogeleier zu verzehren; von da bis zum Trinken von Vogelblut ist nur noch ein kleiner Schritt. Schliesslich kann ich noch einen analogen Fall von lokaler Instinktanderung bei einer Vogelart anfuhren.

J. H. Potss schreibt aus Ohinitahi an die Nature (1. Februar 1872), dass der Bergpapagei {Nestor notabük) eine "fortschreitende Veranderung in seinen Gewohnheiten von den arglosen Neigungen eines Honigessers zur Wildheit eines FIeischfressers" bemerken lasse. „Diese Vogel kommen scharenweise herbei, suchen sich aufs Geratewohl ein Schaf aus, und indem sie sich abwechselnd auf seinen. Rucken niederlassen, reissen sic die Wolle aus, bis das Tier blutet

*) JM» XX, p. 457.

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und davonläuft. Die Vogel verfolgen es sodann und zwingen es herum zu laufen bis es ganz betaubt und erschôpft niedersinkt. Es sucht nun womSglich auf den Rücken tu liegen, um die verwundeten Stellen vor den Vôgetn zu schUtten; diese picken dann aber eine frische Wunde in die Seite, sodass das so zugerichtetc Schaf nicht selten zu Grunde geht. Hier haben wir also eine einheimische Art vor uns, die sich ein neu eingefuhrtes Subsistenx-mittel unter starker Veranderung ihrer ursprünglichen Lebensweise zu Nutze gemacht hat." Seit der Verôffentlichung dieses Berichts hat sieh dieser Wechsel in den Gewohnheiten der Tiere noch weiter ausgebildet und ist zu einer ernsten Plage fUr die dortigen Schafzüchter geworden. Die Vôgel scheinen jetzt die fetten Teile ihrer Opfer vorzuziehen und lernten durch die Bauchhöhle gerade auf das Nierenfett loszugehen, wobei sic natUrlich die Schafe tôten.

Noch einen Fall von lokaler Instinktanderung weist Adam son nach, dass namlich auf der Insel Sor die Kaninchen keine Hohten Kraben. Obwohl diese Behauptung s. Z. von Dr. E. Darwin aufge-fommen wurde, hat sic doch seither weder eine BestKtigung, noch eine Widerlegung erfahren. Mit Hinsicht auf die Abweichungen beim Instinkte des Höhlenbaues führe ich mit mehr Vertrauen einen von Darwin, auf die Autorität von Dr. And.. Smith hin, im Anhange mitgeteitten Fall an, "dass in unbewohnten Gegenden SUdafnkas die Hvanen nicht in Hohten leben, wahrend sie dies doch in be-wohnten und unruhigen Landern thun. Einige Saugetiere und VOgel beziehen hSufig von andern Arten hergerichtete Höhlen, wenn solche aber nicht vorhanden sind, höhlen sie sich selbst ihre Woh-

nunglnchaoUn'"an andrer Stelle erwahnte ich eines Berichts von Dr. Newbuyv uber die Fauna von Oregon und Kalifornien, wonach die Biber in diesen Staaten die EigentOmlichkeit zeigen, keine Dâmme zu bauen. In Anbetracht jedoch, dass die Herstellung solcher Bauten einen der starksten Instinkte dieser Tiere bildet, erachte ich die Enthaltung davon für eine der bemerkenswertesten Erscheinungen von lokaler Instinktabânderung. Prof. Moseley, der

*) Animal Mclli;,«,«,

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Oregon bereiste, schreibt mir jedoch, dass die Abwesenheit von Biberdämmen in jener Gegend seiner Meinung nach nur der dort üblichen harten Verfolgung jener Tiere zuzuschreiben sei: "Die wenigen noch vorhandenen Biber sind einer bestandigen Stôrung ausgesetzt, sodass sie nicht im stande sind oder es nicht der Mühe wert halten, Dâmme zu bauen. Sie führen vielmehr ein mehr oder weniger herumstreifendes Leben an den Ufern der Flüsse." Prof. Mosel ey spricht also hier von den ,wenigen Bibern, die noch vorhanden" seien, wogegen Dr. Newbury Uber dieselbe Gegend schreibt: "Wir fanden die Biber in einer Anzahl, von der ich mir früher keine Vorstellung gemacht hatte." Ich schliefe daraus, dass seit der Veröffenttichung von Dr. Newburys Bericht die Zahl der Biber durch Wegfangen eine starke Abnahme erfahren hat. Wenn dies aber der Fall ist, so kann Prof. Moseleys Erklärung zur Zeit der Verëffentlichung des Berichtes nicht zutreffend gewesen sein. Ich bin daher immer noch der Meinung, dass wir es hier mit einem Falle von lokalem Instinktwechsel zu thun haben, da die Ânderung in den Gewohnheiten bemerkt wurde, noch ehe die von Prof. Moseley erwahnten stdrenden Elemente zur Geltung kamen. Sei dem jedoch, wie ihm wolle, gewiss ist, dass die einzelnen Biber Europas eine auffallende lokale Instinktveranderung zeigen, und zwar nicht nur in dem Verluste ihrer sozialen Gewohnheiten, sondern auch darin, dass sie aufhörten, Wohnungen oder Dâmme zu bauen.

Das letzte Beispiel lokaler Instbktanderung, auf das ich Bezug nehme, ist schon mehrmals erwahnt worden; ich meine das Bellen der Hunde.*) Diese Gewohnheit, vielleicht ein Resultat der Domestikation, ist den meisten Rassen angeboren und so allgemein, dass es als ein richtiger Instinkt bezeichnet werden kann. Bei Ul loa findet sich jedoch die Notiz, dass in Juan Fernandez die Hunde niemals zu bellen versuchten, bis es ihnen durch einige aus Europa eingeführte Hunde gelehrt wurde, wobei ihre

*) Âhnlich scheint es sich mit dem Miauen der Katten tu verhalte»;

»..x.*., »MOta, *.*!**                                    ;g

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ersten Versuche jedoch sehr seltsam und unnatürlich gelautet haben solle, Linne" erzählt, dass die Hunde von SUdamerika Fremde nicht anbellten, und Hancock schreibt, dass nach Guinea einge-führte europäische Hunde „nach drei oder vier Generationen auf. ÜL zu bellen und dann nur noch ein Geheul gleich dem des eingebornen Hundes jener Küste huren lassen". Endlich ist es be-Zt, dass auch die Hunde von Labrador nicht belie* Aus alleden, geht hervor, dass die Gewohnheit des Bellen, welche bei domestizierten Hunden so allgemein ist, und deshalb msunktiv zu sein scheint, trotzdem mit der geographischen Lage sich andert.

B. Spezifische Abänderungen des Instinkts.

Den bisher erwähnten Beispielen von lokalen Instinktabande- ' rungen werde ich nun einige Fälle spezifischer Instinktvarietaten folgen lassen, worunter ich solche verstehe die bei eincr b* stimmten Art ganz andersariig auftreten, wie bei dem übrigen Teil der xugehörigen Gattung. Nach dem, was wir bisher Uber die tokalen Abanderungen des Instinkts gesagt haben, wird die Beweiskraft der nachstehendnn Thatsachen einleuchten. Denn wir dürfen erwarten, dass, wenn die Bedingungen, welche zu einer lokalen Instinktabanderung führen, einc genugende Zeit hindurch kouuu* bleiben, die Abanderung durch Vererbung befestigt und auf dicse Weise Veranlassung xu cinem Instinktwechsel in der betreffenden Art wird; der Wcchset tritt dann in dem Gegensau »röchen dcn Instinkten jener Art und denjenigen der übrigen Gattungsverwandten zu Tage. Diese Betrachtung gewinnt noch ganz besonders an Wert, wenn wir uns erinnern, dass wir nur auf diesem Wege eine Ahnung von dem gcwinnen künnen, was man die Paläontologie der Instinkte ncnnen kônnte. Instinkte sind nicht, gleich den korperlichen Tetlen des Organismus, in fossilem Zustande aufxufmL; deshalb hinterlassen sie auch im Laufe ihrer Modifikation kein bleibendes Zeichen, keinen greifbaren Nach««. der geschehenen Umanderung. Indessen hietet sich e» nahezu ebenso sichrer Beweis für die letztere in don Fällen, in die ich jetzt eingehen werde; denn wenn cine lebende Art, die ein ge-

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wisses begrenztes Gebiet bewohnt, eine scharf markierte Abweichung von denjenigen Instinkten an den Tag legt, die anderswo zu den Charakteren ihrer Gattung gehoren, so ist es kaum noch fraglich, dass ihre Instinkte ursprünglich die namtichen waren, wie bei den Ubri-gen Mitgtiedern der Gattung;. dass aber, dank der cigcntUmIichen örtlichen Bedingen, lokale Instinktabanderungen auftraten und be-stehen blieben, bis sie erblich wurden und so zu einer Abweichung der Instinkte dieser Art von denen ihrer Gattungsverwandten fuhrten.*)

Der Kürze wegen werde ich meine Beweise auf die Beispiele von Voge)n beschrinken. Die folgenden Thatsachen bezüg)ich eines stark ausgeprKgten Instinkts für Schmarotzertum bei den einzigen zwei Gattungen von Vdgeln, wo er bekannt geworden ist, verdanke ich einer Notiz in „Land and Water" (y. September 1867). Wir erfahren daraus sehr bemerkenswerte und interessante gegenseitige Bcziehungen in betreff der An- oder ALwesenheit dieses Instinkts bei den zu jenen beiden Gattungen gehôrendcn Arten:

„Die einzige Gattung nicht kuckuckartiger Vôgel, die ihre Eier fremder Pflege anvertraut, ist, soweit bis jetzt bekannt, der Kub-vogel (Molotlmw), und die schmarotzende Gewohnheit des M. pecoris von Nordamerika ist von den Ornithosen schon sattsam beschrieben worden. Es giebt indessen noch mehrere andre Arten dieser Gattung. die, wie Darwin beobachtete, dieselbe Gewohnheit besitzen. Uie Mohthn gehoren zu den grosser, amerikanischen Familien der Cas-

*) Nach oben Gesagtem konnte man \ielleicht vermuten, dass ich nicht mit Darwin, Ansichten (im Anhang) Qbetetnstimmte, in dem Sinne, dass FMte von spexinschcrlnstinhtabimdenmg ebcnso viele Schwierifkeiien fur seine Theorie von der 8radwei;cn Entwicklung der inslinklc bildctcn. Aber im Gegenteil, ich betrachte dergleichen Fülle vielmehr ah Stützpunkte fur seine Theorie. Die Quelle dieser Meinungsverschiedenheit ist die, daSS wahrend Darwnn vor allem bcsorgt ist, Nachweise von verbindenden Gliedern in der Ausbildung eines Instinkts zu finden, ich dagegen glaube, dass die Erwartung. in jedem Insüukt dergl. Nachweise tu finden, sehr unbillig, wenn nicht unvef-einbar mit der Theorie sein würde, dass unzählige Instinkte ihre gegenwartige Existen! der Zerstörung (durch die natürliche Auslese) von Tieren verdanken, welche diese Instinkte in einem RcrinKercn Grade der Vollkommcnheit hcsassen. Ich werde ubrigens ia einem künftigcn Kapitel darauf zurückkommen.

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siciden, die den Stumiden (Starartigen) der alten Weh entsprecben. Es ist auffallend, dass keine der verschiedenen nM» Kuk-kucksarten parasitische Lebensweise zeigt, wâhrend du* doch bei verschiedenen Arten dieser Familie auf den andern grossen Kontinenten nebst den Inseln, sowie auch in Australien der Fall ist. to gehOren in erster Linie zahireiche Arten des echten Otf*. mit ihren unmittelbaren Unterarten, die hauptsächlich das südliche

Asien, Afrika und Australlen bewohnen. Sodann die geschopften - - -~ ■ >          --j—i-'—j—'-s, der in Spanien ziemlich

and sich verirrt Dieser ern und Krahen. Eine

verwandte Art in Indien (C mäanoleum) sucht sich zu diesem

^Z^^Z^^^^^ „er Vogel legt seine Eier in dieNester von Elstern undKrahen.^ Eine

Zwecke die Nester einer besonders geräuschvollen und zutraulichen Vogelgruppe heraus, namtich die des sogenannten Dreckvogels (Malawi); da dieser letztere ein rein blaues Ei, ahntich dem europäischen Graukehlchen [Accentvr nodularis) legt, so ist auch rEie Kuckucks der ihre Nester ansucht, von einer ahnlichen fleckenlosen, grünlich-blauen Farbe. Ein andrer, in Indien sehr gemeiner Vogel derselben Familie ist der Koël.Ko*! (»%~* -** talis), von dem das Mannchen kohlschwarz, mit rubinrotem Auge, Is Weibchen schön gefleckt erscheint. Derselbe legt sein Ei nur rXnier; au/ist dasselbe nicht unlhnlich dem Krahe,Ei

ist als parasitisch bekannt, da man schon wiederholt beobteh-^STj*« von'Voge!n andrer Arten gefutteri wurde, l kann deshalb nur als ein to**«* cahmi betrachtet werden, wenn Gould in seinem Werk Uber die australischen Vogel ein „brütendes Weibchen" dieser Familie beschreibt. Der verwandte Ori^ ein sehr verbreiteter und ansehnlicher Vogel in Sudasien, Afrika und Australien, ist nicht parasitisch; ebensowenig die ausgedehnte Reihe der Honigkuckucke (Plumioophaus) und verwandte^ Arten mto-selben geographischen Gebieten. Von den amenkanischen Cucuhden ,

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ist der O***«. dem geschopften Kuckuck des grossen Kontinents (Coccystcs) verwandt; derselbe legt, wie die parasitischen Cuculiden, die Eier in grossen Zwischenraumen, so dass Eier und Junge vom verschiedensten Alter in einem Neste zusammen gefunden werden, wahrend die herangewachseneeen Jungen, die das Nest bereits verlassen haben, aber noch in der Nahe desselben verbleiben, ebenfalls noch das Futter von den Alten erhalten. Âhnliches kann man auch bei Eulen (S~rix) beobachten. Die Madenfresser (Orotophaga <mi), die vieles mit dem asiatischen üntropto gemein haben, wahrend ihre Lebensweise in andrer Beziehung auch wieder sehr eigen-tümlich fUr Vogel dieser Familie ist, bauen in der Regel gemein-sam ein ungeheures Nest von Flechwerk auf einem hohen Baume, wo eine grosse Anzahl von Alten eine gemeinschaftliche Familie aufbningen und erziehen. Richard Hill,, dessen ornithologische Arbeiten über die Vogel von Jamaika unbegrenztes Vertrauen verdienen, schreibt darübe: „Etwa ein halbes Dutzend von ihnen bauen zusammen ein Nest, welches hinreichend gross und umfangreich ist, um sie aufzunehmen und ihnen zu gestatten, ihre Jungen gemeinschaftlich auszubrüten." Alle diese verschiedenen Thatsachen mussen notwendig ins Auge gefasst werden, wenn man eine Theorie Uber die parasitischen Gewohnheiten des Kuckucks, wie des Kuh-vogels aufstellen wollte, welche mit den parasitischen Gattungen der Cuculiden keinen andern Zug gemein haben.

Die Hochlands-Gans von SUdamerika liefert ein bewundernswertes Beispiel von einer befestigten spezifischen Instinktabanderung. Diese Voget sind richtige Ganse mit ausgebildeten Schwimmfiissen; dennoch gehen sie niemals ins Wasser, ausgenommen vielleicht für eine kurze Zeit nach der Ausbrutung ihrer Eier, zum Schutze ihrer Jungen. Ubereinstimmend damit sagen D arwins Manuskripte von den HochIand-GSnsen Australiens, die ebenfalls gut entwickelte Schwimm-fusse besitzen, aus, dass "sie langbeinig, gleich Huhnervögeln laufen und selten oder niemals ins Wasser gehen; M. Goudd sagt mir, dass er sie fUr vollkommene Landvogel halte, und ich hëre, dass diese Vogel, ahniich der Gans der Sandwichs-Inseln, in den Teichen der zoologischen Garten sich hôchst ungeschickt benehmen.« Die Manuskripte weisen ferner darauf hin, dass "auch der langbeinige

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Flamingo Schwimmfusse besitzt, sich jedoch in Sümpfen aufhält und nur selten watet, ausgenommen in seichtem Gewasser. Der Fregattenvogel mit seinen aussergewohniich kurzen Beinen UM sich niemals auf das Wasser nieder, weiss aber seine Beute mit wunder. barer Geschicklichkeit von der Oberfläche desselben aufgreifen; j jedoch sind seine vier Zehen alle durch Schwimmh&ute miteinander verbunden, wenn dieselben auch zwischen den Zehen betr~chttich ausgebaucht sind und daher zur Verkümmerung neigen. Ander. seits kann es wohl keinen ausgeprägteren Wasservogel geben, als t den sogenannten Silbertaucher, trotzdem sind seine Zehen nur mit einer breiten Membran eingefasst. Das Wasserhuhn kann man stets , mit vollkommner Leichiigkeit schwimmen und tauchen sehen, ob. i wohl nur ein schmaler hautiger Saum an seinen langen Zehen sitzt. j Andre nahe verwandten Arten der Gattungen Crex, Pam u. s. w. < schwimmen ausgezeichnet und weisen doch kaum Spuren einer Schwimmhaut auf; zudem scheinen ihre ausserordentlich langen 1 Zehen Uberaus geeignet, über den weichsten Morast und schwim- i mende Pflanzen hinweg zu schreiten; zu einer dieser Gattungen i gehOrt indessen auch die gemeine Ralle, sie besitzt denselben Bau j der Fusse, hält sich aber auf Wiesen auf und ist kaum mit grôsse- i rem Recht ein Wasservogel zu nennen, als die Wachtel oder das i Rebhuhn."

Die Manuskripte gehen noch in ein grësseres Détail der hierher gehôrigen Fälle ein, wie z.B. in betreff der Grünspechte, Erdsittiche c und Baumfrasche, die ihr früheres Baumleben aufgegeben haben; in allen diesen Fällen bleibt aber der spezifische organische Bau e der vormaligen Lebensweise angepasst. Auch der schwaibenschwan- c zige Milan wird erwâhnt, der gleich einer Schwalbe in der Luft > nach Fliegen jagt, ferner ein Sturmvogel, ,jene ausgesprachnen i LuftvOgel", mit den Gewohnheiten der Alken; die zu den Drossel» i< gehôrende Wasseramsel, die bis auf den Grund der Flüsse geht, , indem sie ihre Flüget zum Tauchen benutzt und sich unter Wasser mit den FUssen an Steinen festhakt und doch „vermochte der scharfsinnigste Forsche,, selbst nach der sorgfältigsten Prüfung ihres organischen Baues, nicht auf diese Lebensweise zu schtiessen."

Alle diese Fälle werden von Darwnn nicht etwa mit Bezug

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auf den Instinkt angeführt, sondern als Stützen seiner Behauptung, dass die Anpassungen des organischen Baues durch natOrtiche Züchtung sich entwickeln, nicht aber von vornherein speziell zu einem bestimmten Zwecke geschaffen werden. Dagegen nahm ich hier deshalb darauf Bezug, weil, wenn wir von der natürtichen Entwicklung des organischen Baues bereits Uberzeugt sind, solche Fälle uns den bestm8g)ichen Nachweis von der Abanderung des Instinkts liefern. Als Anhanger der Entwicklungslehre kSnnen wir kein bOndigeres Zeugnis früherer, nun obsolet gewordner Instinkte bei einer Art verlangen, als die Anwesenheit eigent0m)icher, obwohl nutzloser Organe, die bei verwandten Arten neben besonderen Instinkten vorhanden sind. Denn wir mùssen, wie gesagt, stets berücksichiigen, dass Instinkte niemals gleich Korperteilen fossil zu finden sind, und dass wir deshalb niemals einen direkten ■ historischen Nachweis der vollzogen Umwandlungen erlangen kônnen. Der beste Ersatz für diesen Nachweis ist nun, wie ich glaube, das Zeugnis eines dauernden organischen Baues, welcher auf obsolete Instinkte hinweist. Ein der Art nach âhnlicher Beweis, wenn er auch dem Grade nach nicht so stark ist, wird durch diejenigen Fälle geliefert, bei denen aus einer Gattung nur eine bestimmte Art, oder aus einer Familie nur eine Gattung einen eigentumtichen Instinkt besitzt, der bei den andern verwandten Arten oder Gattungen nicht anzutreffen ist. Wenn wir die Lehre von der Umwandlung der Arten annehmen, so zeigen, uns jene Fälle, dass der betreffende eigentumliche Instinkt der fraglichen Art oder Gattung entstanden sein muss, nachdem diese Art bezw. Gattung sich von dem früheren allgemeinen Typus abgezweigt hatte. Solche Fälle von spezifischem Instinkt sind aber durchaus nicht selten; es gehort hierher z. B. der katifornische Specht {Mebneyes formiciwnu,), welcher den auffallenden Instinkt besitzt, sich einen Vorrat von Eicheln in den Rindenspalten der gelben. Kiefer (/*«s ponderom) als Futter für kommende Zeiten anzutegent wahrend keine andre Art diese Neigung zeigt.*) Derartige Instinkte

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einer besondern Art oder Gattugg sind in der That bo häufig, dass es nutzlos wâre, sie aufzuzählen, da die bereits angeführten Fälle um so beweisender sind, als die ausser Gebrauch gesetzten Instinkte zufällig von einer Art waren, welche fUr ihre Thätigkeit spezielle korperliche Organe verlangten, die nun ihre alten Anwendungen uberleben.*)

Schliesslich dürfen wir nicht die wichtige Thatsache vergessen, dass wir durchaus nicht ohne Beweise fUr eine unter unsema Augen stattfindende Umwandlung des Insiinktes sind, wie denn z. B. die Enten in Ceyion ihren natQrlichnn Instinkt für das Wasser (âhnlich den Hochlands-Gänsen) ganzlich verloren haben; Sperlinge und Schwalben nisten heute an Häusenn statt auf Baumen; Insekten, Vëgel und Sâugetiere, die ursprünglich von Pnlanzen lebten, wurden nachmals fleischfressend etc. etc. Alle diese Fälle von lokalen Abweichungen des Instinkts bildnn ebensoviele Beispiele von Rassen-verschiedenheiten, und der Schritt von diesen zu Artunterschienen ist offenbrr kein grosser.

so gut passeo, dass die reifen Madoa nicht daraus entweichen kCnnen, sondern in ihrem Speiseschnmk eingeschlossen bleiben, bis sie zum Futter für die jungen Voget gebraucht werden. Vergl. auch J. K. Lord, XaturaM in, Pancouver* Island I, pp. 289 fgd. u. Ibis !868.

*) Die Sberzeugendsten Fälle dieser Klasse sind diejenigen, bei denen die betreffende Art seit dem Auttanchen des ihr eigentamlichen Instinkts sich über weite geographische Strecken zerstreute, deshalb in den verschiedensten Teilen der Welt unter verschiedenen Lebensbedingungen vorkommt und den-Boch denselben eigentümlicben Instinkt bewahrt. So s. B. begegnet man in alten Wettgegenden den FaUthur-(Maurer)-Spmnen in mehr oder weniger be-grenzten Gebietea, und die Efnte machendea Ameisea von Europa und Arne-tika gehSren zu derselben Gattung. Die südimerrkanische Drosse! haut ihr Nest mit Schlamm, ganz wie unsre einheimische, und die Hornvöget von Afrika und Indien zeigen bel ihrem Nesterbau den überetnstimmenden Instinkt, ihre brütenden Weibchen in Banmhöhkngen elnzumauern u. s. w.

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Siebenzehntes Kapitel.

Vergleiohung der verladenen Theorien über die Entwiok-

luog des InBtimkts neb»t einer allgemeinen Zuimmraen&ssung

unarer eignen Lehre.

ilil,, der die ofîenbarstenThatsachen der Erblichkeit auf dem Gebiete der Psychologie vollständig ignohierte, verdient

inn Sachen des Instinktes meist keine Beachtung, und nicht viel anders verhält es sich auch mit Bain. Herbtrt Spencer und sein Kommentator Fiske heben mit grossem Nachdruck hervor, dass die natùrtiche Auslese eine sehr untergeordnete Rolle bei der Entwicklung des Instinkts gespielt habe. Lewes Ubersieht ebenfalls die Bedeutung der natürlichen ZUchtung, befindet sich jedoch mit Spencer nicht in Ubereinstimmung, insofern letzterer den Instinkt fur eine "zusammengesetzte Refiexthatigkeit" und einen Vorläufer der Intelligenz hält, wahrend Lewes ihn, wie wir gesehen, als „Zurücktreten der Intelligenz" und demzufolge als den Nachfolger der letzteren betrachtet. Wahrend Lewss also behauptet, dass alle Insttnkteursprüngtich intelligent gewesen seien,sucht Spencer nachzuweisen, dass kein einziger Instinkt notwendig intelligent gewesen zu sein braucht.') Die Anschauung Darwnss werde ich beiläufig einfliessen lassen.

Die Stellung Spencers ist wenigstens streng logisch und dies erleichtert mir die Aufzählung der Punkte, in welchen ich hier

*) Mit andern Worten: Da keine «in instinktiven Handlungen bei »Amtlichen Individuen einer Art vorkommeen so erkennt er das Prinzip des Zu-rOcktretens der Intelligenz bel Individuen an.

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nicht mit ihm Ubereinstimme.

Seine Beweisfihrung geht darauf

hiDauss dass instinktive Thäligkeiten aus Reflexhandtungen hervorgehen und ihrerseits in intelligente Thatigkeiten übergehe nach seiner Auffassung eine InstinktiveThätigkeit niemals inteliigent

gewesen zu sein und eine intelligente Handlung niemals instinktiv zu werden braucht Er sagt ausdrUcklich, dass obwohl „in seinen höheren Formen der Instinkt wahrscheinlich in Begleitung emes rudimentaren Bewusstseins auftritt«, nichtsdestoweniger dieses Bewußtsein zur Ausbildung des Instinkts nicht wesenthch sei; m» Gegenteil bestehe eine Wirkung der wachsenden Kompbziertheit des Instinkts. „Indem die schnelle Aufeinanderfolge von Veranderungen in einem Ganglion fortwahrende Erfahrungen von Unterschieden und Âhnlichkeiten in sich schliesst, liefert sie das Rohmaterial desBewusstseins, woraus sich folgern lasst, dass sobald sich Tlnstinkt entwickelt, auch eine Art von Bewusstsein zur Entstehung kommen muss." Obwohl wir nun in einem früheren Kapitel - haben, dass diese Ansicht, besonders in Bezug auf die Entwicklung des Bewusstseins, vieHVahres enthält, so scheint sie

gesehen

mir doch xu einer vollstandigen Erklärung der Instinkterscheinunger, nicht zu genugen. Eine Menge der oben mitgeteilten Thatsachen kann zum Beweis dafür dienen, dass viete der höheren Instinkte nur durch Zurucktreten der Intelligenz entstanden sein konnen. Wenn daher nur die Wahl gelassen wHre zwischen dem einen Extrem von Spencer, welches nicht nur die Intelligenz, sondern auch das Bewusstsein als Faktoren bei der Ausbildung der Instinkte ausser Rechnung lasst, und dem andern Extrem von Lewe,, welches Reflexthatigkeit nebst der natürlichen Zuchtung als weitere Faktoren desselben Prozesses ignoriert, so wurde ich mich immer noch leichter zu dem letzteren verstehen, als zu dem ersteren. Nicht nur bietet der Charakter vieler hôheren Instinkte einen innem Beweis dafür, dass sie zu irgend einer Periode ihrer geschichtlicher, Entwicklung durch Intelligenz bestimmt wurden; nicht nur zeigen viele der hoheren Instinkte eine gewisse Abanderungsfäbigkeit, unter der Beimischung einer "kleinen Dosis von Urteil«, sondern die von Spencer angefuhrtea Beispiele sind, streng genommen, Uberhaupt keine Beispiele von Instinkt. Seine Wahl ist auf siege-

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fallen, weil sie die einfaehsten Erscheinungen von dem bieten, was man gewShntich „Instinkt" nennt; sic befinden sich somit in der nachsten Nachbarschaft der Reflexthatigkeit; wenn wir uns jedoch die Mühe geben, irgend eines von ihnen naher tu prüfen, so finden wir, dass es keine wahren Instinkte sind, sondern nur Fälle von mehr oder weniger ausgearbeiteten neuro-muskularen Anpassungen, oder, mit Spencers eignen Worten, von "zusammengesetzter Reflex-thatigkeit«.

Die Thatsache, dass er den Instinkt als eine "zusammengesetzte Reflexthatigkeit" definiert oder „beschreibt«, enthält indessen gar keinen Beweis für die Richtigkeit seiner Doktrin. Einen Spaten eine Keule zu nennen und dann zu schliefen, dass weil er eine Keule ist, er kein Spaten sein kann, ist ein nichtiges Beginnen; die Hauptsache liegt in dem Werte der Definition. Aber gerade weil wir keine Grenxe zwischen „Ref!exthStigkeit" und zusammengesetzter Reflexthätigkeit" ziehen und sagen kônnen, die eine sei mechanisch, die andre instinktiv, habe ich die Grenzlinie bei dem Bewußtsein gezogen undalle Handlungen, die unterhalb derselben verlaufen (mogen sie noch so zusammengesetzt sein), Reflexthatigkeitgenann,, wahrend ich die Bezeichnung "Instinkt« auf gewohn-heitsmassige (wenn auch noch so einfache) Handlungen beschranke, die jenes Element von Bewusstsein in sich aufgenommen haben. Dabci halte ich mich Uberzeugt, dass ich nicht nur Klarheit in unsre Kiassifizierung bringe, sondern auch der durch den täglichen Gebrauch in das Wort "Instinkt" hineingelegten Bedeutung gerecht werde. Niemand wird das Niesen oder die durch Kitzel hervorgerufen Konvulsionen fur Beispiele von instinktiven Handlungen halten; dennoch sind dies hochst "zusammengesetzte Reflexthatig-keiten", viel hëhere, als irgend eine der nicht-psychischen An-passungen, die Spencer als Beispiele von Instinkt anfuhrt.

Seine Beispiele beziehen sich auf Polypen und Organismen mit verkummerten Augen, bei denen die beschrieben Reaktionen auf Reixe mir, wie gesagt, durchaus nicht die Bezeichnung „instinktiv" zu verdienen scheinen. Er will z. B. die Möglichkeit zeigen, dass ohne das Uberleben des Passendsten und ohne intelligente Anpassung „gewohnheitsmassig miteinander verbundne psychische

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Zustande durch Wiederholung bei zahllosen Generationen in so innigen Zusammenhang miteinander treten, dass der spezielle Ge. sichtseindruck sofort die Muskelthatigkeiten hervorruf,, mittelst deren die Beute erfasst wird. Schliesslich wird der Anblick eines kleinen vorliegenden Gegenstandes ohne weiteres die verschiedenen Bewe-gungen verursachen, die zur Ergreifung der Beute notwendig sind." Aber selbst wenn in diesem vorausgesetxten ausseren Falle auch niemals irgend eine Spur von Bewusstsein beteiligt gewesen ware, so lässt sich die zusammengesetzte Anpassung doch in keiner Weise von einer Reflexthätigkett unterscheiden. Wenn ich eine Qualle sich in den Pfad eines Sonnenstrahls drangen sehe, der durch einen verdunkelten Wasserbehälter scheint, und finde, dass sie dies thut, um den das Licht suchenden Krustazeen zu folgen, von denen sie sich nahrt, so betrachte ich den Fall a)s eine Reflexthâtigkeit, deren Entwicklung ohneZweifel durch natürlicheZuchtung in ausgedehntem Masse unterstützt wurde; ich wUrde es aber fiir einen Missgriff halten, diesen Fall einen instinktiven zu nennen. Denn einerseits sind solche Erscheinungen nicht annahernd so kompliziert wie die meisten Re-flexhandlungen der hoheren Tiere, und anderseits: wenn wir sie einmal als Instinkte bezeichnen wollten, so wurden wir alle andern Reflexthatigkeiten ebenso nennen mUssen. Es ist, wie schon fruher gesagt, in der That unmöglich, in jedem besondem Falle stets die genaue Grenze zwischen Instinkt und Renlexthätigkeit zu ziehen; dies ist aber, wie ich an derselben Stelle auseinandersetzte, eine Sache für sich und hat nichts mit der Definition des Instinktes zu thun. Ohne Zweifel ist aber der Instinkt, wie ich gewigt habe, etwas mehr als Reflexthätigkeit; es ist unbedingt noch ein „geistiges Element" dabei beteiligt. Zudem würde, wenn wir diese und andre Erscheinungen von noch hoher zusammengesetzter Reflexthâtigkeit unter der Bezeichnung „Instinkt" zusammenfassten, keine Kategorie vorhanden sein, in der wir die Erscheinungnn des wirklichen In-stinkts unterbringen kônnten, d. h. also Fälle, bei denen Bewusst-sein zur Ausführung einer Handlung notwendig ist, die, weon kein Bewusstsein dabei auftrâte, vielmehr als Renlexthätigkeit zu klassifizieren ware. Allerdings konnten wir den Unterschied ganz ignorieren, welchen das Vorkommen des Bewustseins in einer Handlung

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uns autzwingt, und alle Reflexthgtigkeit, sowie samtliche instinktive Handlungen unter einer einigen Bezeichnung zusammenfassen, dies ist jedoch nicht, was Spencrr will. Er macht einen Unterschied zwischen ReflexthStigkeit und Instinkt; aber er zieht die Grenziinie nicht bei dem Bewußtsein. Da infolge dessen eine thatsachiiche Verschiedenheit zwischen den beiden Erscheinungen fUr ihn nicht vorhanden ist (denn zusammengesetzte Reflexthâtigkeit ist nichts weiter ats die mechanische Steigerung einer einfachen), so wird der grosse, in Wirklichkeit bestehende Unterschied von ihm ganz Ubersehen. Nehmen wir ein Beispiel:'Das Saugeniassen bei Saugetieren ist eine echt instinktive Handlung. Warum? Aus dem einfachen Grunde, weil das Tier, welches diese Handlung vollzieht, sich dessen bewusst ist. Wenn aber anderseits das saugende Junge noch zu jung ist (wie z. B. im Falle des Känguruhs), um ein Bewußtsein bei diesem Vorgange voraussetzen :u lassen, so môchte ich be-haupten, dass die Thatigkeit des jungen Tieres eine Reflexthätigkeit sei. Spencer wurde aber beide Handlungen unter der gemeinsamen Bezeichnung des Instinkts zusammenfassen. Dies einmal zugegeben, wie wurden wir dann in folgendem Falle folgern? Mc. Creadv beschreibt eine Medusenart, welche ihre Larven auf der innen» Seite ihres glockenf~rmigen Kôrpers tragt. Mund und Bauch der Meduse hangen herab, gleich dem Klöpfel einer Glocke, und enthalten die Nahrflüssigkeiten. Mc. Cready beobachtete nun, wie dieses herabhangende Organ sich zuerst nach einer Seite und dann nach der andren Seite bewegte, um die Larven an beiden Seiten der Glocke saugen zu lassen, und die Larven tau~hten ihre langen Nasen in die nahrende FlUssigkeit. Wenn dieser Fall nun bei hOheren Tieren vorkame, wo wir ein intelligentes Bewusstsein vor-aussetzen kônnen, so wOrde man ihn ganz passend fUr einen richtigen Instinkt halten. Da er aber bei einem Tiere vorkommt, das so tief auf der zoologischen Stufe steht, wie eine Meduse, so sind wir nicht befugt, die Gegenwart einer intelligenten Wahrnehmung bei diesem Vorgang anzunehmen und haben deshalb, meiner Meinung nach, den Fall nicht als eine Instinkthandlung, sondern als eine komplizierte Reflexthätigkeit zu registrieren, welche, wie alle andern derartigen Fâlle, wahrscheinlich durch naturliche Züchtung entwickelt

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wurde. Nach Spencers Ansicht ware der Vorgang dagegen als Instinkt aufzufassen und in psychologischer Hinsicht also von dem des Saugenlassens bei Säugetieren in keiner Weise verschieden. Ohne Zweifel ist es aber philosophischer, eine psychologische Ktassi-fizierung aufzustellen, welche dem grossen Unterschied gerecht wird, den die Gegenwart eines psychischen Elements bedingt. Wenn dem so ist, bietet sich aber der einfachste Ausdruck dafür in meiner schon frUher aufgestellten Behauptu„g: Wahrend der Reiz zu einer Reflexthätigkeit in, hochsten Fall eine Empfindung ist, kann der Reiz zu einer Instinkthandlung nur eine Wahrnehmung sein.

Nach meiner Meinung ist also Spencsrs Theorie von der Instinktbildung durchaus fehlerhaft insofern, als erden wesentlichsten Grundzug des Instinkts zu unterscheiden verfehlt; zudem erkennt sie das wichtige Prinzip des ZurUcktretens der Intelligenz nicht an und giebt uns also keinen Aufschtuss Uber die ganze von mir aufgestellte sekundare Klasse der Instinkte. Ferner werde ich noch zeigen, dass diese Theorie auch darin mangelhaft ist, dass sie das andre, nicht weniger wichtige Prinzip der natürlichen ZUchtung ehensowenig zu würdigen und deshalb keine Rechenschaft von der Existenz der sogenannten primaren Klasse der Instinkte zu geben vermag. Spencer sagt ausdrUcklich in Bezug auf den Instinkt: „Wenn ich auch das Oberleben des Passendsten stets als eine mitwirkende Ursache anerkenne, so halte ich es in Fällen, wie der vorliegende, doch nicht für die Hauptursache.«') Zufällig sind aber die „Fälle", von denen er hier spricht, die künstlichen Instinkte der Jagdhunde und andrer domestizierten Tiere, und unter dem „ÜberIeben des Passendsten" haben wir demnach die künstliche Züchtung zu verstehen (die hier das Analogon fUr die natürliche Züchtung bei wilden Tieren ist). Der Ausdruck ist hier also besonders unglücklich, wenn wir bedenken, dass unsre Stober und Vorstehbunde lediglich der sorgfâltigen und fortgesetzten ZUchtung seitens des Menschen ihr Dasein verdanken. Aber auch mit Bezug auf die Instinkte der wilden Tiere scheint mir die angeführte Behauptung

*J P^ip- d. Psychose r, S. 4~l.

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sehr fraglich. Wie sollen wir z. B. den Brutinstinkt, den Zellenbau-instinkt, den Instinkt des Kokonspinnens durch irgend einen Prozess „direkter Equilibration" erklären, nicht zu gedenken ail der andern primaren Instinkte, die wir bereits in Betracht gezogen, sowie all jener Beweise fUr die Abanderungsfähigkeit und Erblichkeit der erworbenen Gewohnheiten?

Nachdem wir also gesehen, dass Spencrr dem Einfluss der beiden Faktorcn der natürlichen Züchtung und des Zurücktretens der Intelligenz bei der Bildung der Instinkte lange nicht genügend Rechnung getragen, werde ich noch zeigen, dass seine Beweisführung uns vor eine neue Betrachtung stellt, die ich, um Verwirrung zu vermeiden, bisher beiseite gelassen hatte. Seine BeweisfUhrung besteht namiich in Kûrze darin, dass Instinkte unabhangig von der natürlichen Züchtung, wie vom Zurücktreten der Intelligenz, allein durch die „direkte Ausgleichung" entstehen kônnen; und zwar lasst er dieselben unmittelbar aus Reflexthätägkeiten hervorgehen. Obwohl wir nun festgestellt haben, dass diese nur dann den Namen Instinkt verdienen, wenn sie einen geistigen Bestandteil aufweisen, müssen sie doch, nach Spencer, Instinkte genannt werden, wenn die zunehmende Kompliziertheit des rellektorischen Vorgangs schliesslich zur Entwicklung eines solchen Elements fuhrt. In dem Kapitel uber das Auftauchen des Bewusstseins fanden wir bereits, dass dies hôchst wahrscheinlich der Weg ist, auf dem das geistige Element entstand. MitRucksicht darauf eröffnet Spencers Beweisfùhrung eine dritte Art des Ursprungs für eine grosse Anzahl der einfacheren Instinkte - oder der Instinkte der niedrig~ten Tiere.

Dièse dritte Art bildet das Umgekehrte oder das Gegenteil von dem, was wir das „Zurucktreten der Intelligenz" genannt haben, denn sie fuhrt aufwarts bis zum Hewusstsein oder gipfelt in ihm (wenn die Handlung zum ersten Mate aufh8rt reflektorisch zu sein und instinktiv wird, statt herabzusteigen und atlmahlich unbewusst zu werden. Uass nun solche Vorgange stattfinden, ist a priori sehr wahrscheinlich, obwohl es, der Natur der Sache nach, schwerfallen durfte, einen Beweis dafür zu finden; denn wenn sie vorkommen, kam» es nur bei den niedersten Tieren der Fall sein, bei denen

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wit nicht einmal Beweise fUr das Vorhandensiin beginnenden Bewußtseins beibringen vermogen. Da der Vorgang sich also nur auf die Genesis von Handlungen beziehen kann, die in den zweifelhaften Grenzbezirken zwischen Reflex und Instinkt vor sich gehen, so hat diese môgliche dritte Ursprungsweise rudimentarer Instinkte keinen Anspruch, bei der Behandlung der Entstehungsweise der Instinkte besonders berücksichtigt zu werden, obwohl der Gegenstand von grosser Wichtigkeit hinsichtlich des Ursprungs des Be-wusstseins ist.

Es bleibt jetzt nur noch übrig hervorzuheben, dass wenn Instinkte jemals auf diese dritte Weise entstehen, "das Oberleben des Passendsten stets eine mitwirkende Ursache" sein muss. Ich môchte jedoch auchhiemochetwasweiter gehen und behaupten, dass dasÛber-leben des Passendsten bei dieser Mitwirkung nicht die unwichtige Rolle spielt, die ihm Spencer zuschreibt. Wenden wir uns wieder zu den das Licht aufsuchenden Medusen und nehmen wir an, dass diese Handlung derselben dunkel bewusst und so der Anfang eines Instinkts geworden sei. Aïs die Neigung, das Licht aufzusuchen, sich zum ersten Male zu zeigen begann und die Individuen, welche das Licht suchten, dabei im stande waren, sich mehr Nahrung zu verschaffen, ais die andern, musste die natUrliche Zachtung sofort beginnen, die reflektorische Assoziation zwischen Lichtreiz und Bewegung zum Licht zu entwickeln. Der Hinzutritt einer andern Ursache von ausgleichender Art scheint hierin der That ausgeschlossen, insofern als, abgesehen von einer entwickelten Intelligenz, welche ex hypoihm nicht vorhanden ist, kein Verbindungsband zwischen dem Lichtreiz und der Erlangung von Nahrung im Lichte vorhanden sein konnte. Nur die natürliche Züchtung konnte eine solche Verbindung herstellen, und was fur diesen Fall gilt, gilt auch für die meisten andern quasi.instinktiven Handlungen der niederen Tiere.

So viel in betreff der Anschauung, welche alle Instinkte als Ausfluss von Reflexthatigkeit betrachtet. Kaum geringeren Bedenken begegnet aber die andre extreme Auffassung, welche sâmtliche Instinkte aus der Intelligenz hervorgehen lasst. Dieser Ansicht be-gegnen wir, wie schon erwlhnt, bei Lewes und, wie ich sogleich hinzusetzen muss, beimHerzog vonArgyll, der niemals Darwins

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Lehre Uber die Entwicklung der Instinkte durch natürliche Zuchtung gelesen zu haben scheint.")

Die individuellen Meinungen mdgen Ubrigens noch so sehr auseinander gehen, in jedem Fall ist es, nach allem, was wir bisher erfahren, ziemlich einteuchtend, dass das Znruckfuhren samtlicher Instinkte auf einen intelligenten Ursprung ein hoffnungsfoser Versuch ist, die gültige Erklärung eines Dinges zur befriedigenden Ërklärung eines andern zu machen.

Nachdem wir nun im Lichte der vorher mitgeteilten That-sachen die beiden bei der Entwicklung der Instinkte beteiligten Prinzipien anerkannt haben, gehe ich zur Darstellung der Meinung Darwins über diesen Gegenstand über. Derselbe schreibt:*') "Wenn wir annehmen - und es lässt sich nachweisen, dass dies zuweiien eintritt -, dass eine zur Gewohnheit gewordene Handtungsweise auch auf die Nachkommen vererbt wird, dann würdc die Âhntichkeit zwischen dem, was ursprdnglich Gewohnheit, und dem, was Instinkt war, so gross sein, dass beide nicht mehr unterscheidbar wären. Wenn Mozart, statt in einem Alter von drei Jahren das Klavier nach auffallend wenig Übung zu spielen, ohne alle vorgangige Ûbung eine Melodie gespielt 'hätte, so kônnte man in Wahrheit sagen, er habe dies instinktiv gethan.)) Es wurde aber ein bedenklicher Irrtum sein anzunehmen, dass die Mehrzahl der Instinkte durch Gewohnheit schon wNhrend einer Generation erworben und dann auf die nachfolgcnden Generationen vererbt worden sei. Es lässt jichgenau nachweisen, dass die wunderbarsten Instinkte, die

) Vergl) Contemporary llcvic« Nov. t8* wo derHerzog auseinander, setït, dass der Ursprung vieler Instinkte hoffnungslos dunkel sci, weil sie sich nicht durch das ZurûckUetcn der Intelligen* allein erklären Hessen; dabei hat er keinen Blick Abriß fOr das nnermeßliche Feld der Moglichkeitenn welches durch die Knrahru», *, Prinzips der natür.ichee Züchtung eröflhet ist.

.vererbte Gewohnheit«, .durch Gewohnheit angenommene Handlungsweise, die vererbt wird', auf da! Prinzip des-Zurücktretens der Intelligenzanspielt. Dies ist bei Durchlesunn der oben angemhrten Satze wohl zu beachten, da .Gewohnheit« hier stets im Sinne von intelligenter Anpassung gebfaucht wird, die beim Individuun nm Theil automatisch geworden ist.

Bomanci. Kutwfcklnn« A*, (!.!««..                                                ~n)

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wir kennen, wie die der Korbbienen und vieler Ameisen, unmoglich durch die Gewohnheit erworben sein kSnnen. Man wird allgemein zugeben, dass fur das Gedeihen einer jeden Spezies in ihren jetzigen Existenzverhältnissen Instinkte ebenso wichtig sind, wie die Kôrperbildung. Ândern sich die Lebensbedingungen einer Spezies, so ist es wenigstens möglich, dass auch geringe Ânderungen in ihrem Instinkte von Nutzen sein werden. Wenn sich nun nachweisen lâsst, dass Instinkte, wenn auch noch so wenig, variieren, dann kann ich keine Schwierigkeit für die Annahme sehen, dass die natUrlicheZuchtwahl aMch geringe Abanderungen des Instinktes erhalten und durch bestandige Hâufung bis zu jedem sich vorteilhaft erweisenden Grade vermehren wird. In dieser Weise dürften, wie ich glaube, alle, auch die zusammengesetztesten und wunderbarsten, In-stinkte entstanden sein. Wie Abanderungen im Kërperbau durch Gebrauch und Gewohnheit veranlasst und verstarkt, dagegen durch Nichtgebrauch verringert und ganz eingebHsst werden kennen, so wird es zweifelsohne auch mit den Instinkten der Fall gewesen sein. Ich glaube aber, dass die Wirkungen der Gewohnheit in vielen Fällen von ganz untergeordneter Bedeutung sind gegenüber den Wirkungen der naturlichen Zuchtwahl auf sog. spontane Abanderungen des Instinktes, d. h. auf Abanderungen infolge derselben unbekannten Ursachen, welche geringe Abweichungen in der Korperbildung verantassen." An einer andern Stelle wiederholl Darwin in der Hauptsache das namiiche Urteil.*) In seinen Manuskripten finde ich ferner den folgenden Passus,. den ich hier anführe, weil er geeignet ist seine Meinung noch klarer und nachdrücklicher hervortreten zu lassen: „Obwohl, wie ich zu zeigen versuchte, ein auffallender und naher Parallelismus zwischen Gewohnheiten und Instinkten besteht, und obwohl gewohnheitsmassige Handlungen und Geisteszustande vererbt und alsdann, so weit ich sehen kann, recht eigentlich instinktiv genannt werden, so wurde es doch, meiner Meinung nach, ein grosser Irrtum sein, die grosse Mehrzahl der Instinkte als durch Gewohnheit erworben und vererbt anzusehen. Ich glaube, dass die meisten Instinkte das durch natUrliche ZUchtung angehauite

~^«-«*. Menschen., S. 67-!*.                                      \

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Resultat leichter und vorteilhafter AbSnderungen andrer Instinkte sind, welche Abanderungen ich denselben Ursachen zuschreiben mochte, die auch leichte Abweichungen in der Kërperblldung her-vorbringen. Ich halte es in der That fur kaum zweifelhaft, dass wenn eine instinktive Handlung durch Vererbung in einer leicht modilizierten Weise ubertiefert wird, dies durch irgend eine leichte Verânderung in der Organisation des Gebirns verursacht werden muss. (SirB. Brodie, Paydui Enquiries, t854 p. 199.) Bei den vielen Instinkten dagegen, die, wie ich glaube, gar nicht aus ererbter Gewohnheit stammen, zweifle ich andrerseits nicht, dass sie durch Gewohnheit gekraftigt und vervollkommnet wurden und zwar ganz in derselben Weise, wie wir eine Kôrperbildung auslesen kônnen, die der Schnelligkeit des Schrittes f3rderlich ist, welche Eigenschaft wir dann gleichfalls durch Erziehung in jeder Génération vervollkommnen."

Aus diesen Satzen geht hervor, dass Darwnn sowohl das Zurucktreten der Intelligenz, wie auch die naturliche ZUchtung als wirkende Ursachen bei der Instinktbildung klar anerkennt, dass er aber die natürliche Züchtung als die wichtigere von beiden betrachtet. Wennschon er dies nicht ausdrucklich sagt, so kann ich es doch nicht bezweifeln - ich weiss es in der That genau, -dass er die Wichtigkeit der Intelligenz vollstandig anerkannte, welche der natürlichen Zuchtung angepasste und nicht allein zufällige Abweichungen zu weiterer Verwertung liefert. Sonach darf die natürliche Züchtung als eine fôrdernde Ursache des Uberganges der zurücktretenden lntelligenz in Instinkt aufgefasst werden, und die beiden zusammenwirkenden Prinzipien müssen, denke ich, machtiger sein, als jedes fur sich allein. Wenn ich jedoch gefragt wurde, welchem der beiden ich einen grosseren Wert zuschriebe, so müsste ich sagen, dass der naturlichen Züchtung der Vorrang gebühre, insofern das Prinzip des Zurücktretens der Intelligenz nachweislich gar keinen Anteil an der Bildung der „so hoch komplizierten und wunderbaren sozialen Instinkte der Hymenopteren hat«.»)

""" *) Nachweislich kann die surftcktretendeIntelligenz keinen Ante« ander Bildnng dieser Instinkte gebabt haben, weil die „Arbeiter", bei Bienen wie bei Amelsen, unfruchtbar sind. Lewes kann dieser Fall nicht gegenwärtig

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Dies ist auch, wie wir gesehen haben, die Ansicht Darwins und sie scheint mir, in Anbetracht aller angefUhrten Grande, auch die richtigste zu sein - ohne Ansehung der unerreichten Autorit&t, die seinem Urteil über diesen Gegenstand unsres Dafürhaltens beiwohnt.

Kurie Xusammenfassung untrer Instinktle.re.

Um die Beziehungen zwischen den verschiedenen, bei der Instinktbildung beteiligten Prinzipien klar zu stellen, lüge ich ein Diagramm bei, welches dieselben in graphischer Form, d^teUt Nach dem Vorhergehenden bedarf es zur Erklärung desselben nur noch der Beachtung folgender Punkte: Die kleinen Zweige, welche aus den starkeren Âsten (Prinzipien) hervorwachsen, sollen die In-stinkte darstellen; dieselben sind so angesetzt, um die einzigen Prinzipien, denen die Instinkte (meiner Darstellung gemitss) ausschliesslich ihren Ursprung verdanken, deutlich hervortreten xu lassen. Hier und da Hess ich den astigen Bau ineinander ubergehen, wodurch ich ein weiteres wichtiges Prinzip andeuten wollte, nämlich, dass völlig ausgebildete Instinkte $ich gelegentlich mit einander vermischen und dadurch neue Instinkte aus dieser Verbindung entstehen lassen, Es ist dies entweder die Folge neuer, zu einer absichtlich anpassenden Mischung instinktiver Gewohnheit führender

~>n sein, denn er beweist, dass seine ausschliessliche Lehre von der ... Senden' Intelligenz ungen«gend is, Sie ist »her auch vereinbar *K

ZtfsstZes auch Lewcs vcrgass, dass" das Insekt, welches diese auto.a-t tischen Handlunge» verrichtett die „aussen Bähungen« nicht so ,>n. *nt erfahren« hat; denn es beginnt mit der Verrichtung dcrselben, noch bevor es sclbst eine individuelle Erfahrung vom Zcllenbau batte und ohne dass seine Ehen, jemals «He Erfahrungen gehabt hätten. Aus der ganzen Reihe der Instinkte konnte kein unglücklicherer Beispiel von Spencer gewâhlt werden. Wie Darwin dieser Schwierigkeit begegnet, werde ich .» Eingang des nSchsten Kapilels darlegen.

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UmstSnde, oder die einer ursprungtich bebten Nachahmung instinktiver Gewohnheiten einer Spezies durch eine andere. Schliesstich liess ich die Gipfel der beiden baumahntichen Gestalten oben zusammenwachsen, um die Thatsache anzudeuten, dass intelligente und nicht-intelligente Anpassung, oder primâre und sekundare Instinkte, zusammen verschmelzen konnen und dann einen gemeinsamen Saft oder ein Prinzip zu fernerem Wachstum besitxen. Eine eben solche Verbindung stellte ich auch noch an einem anderen runkte zwischen den beiden prim~ren und sekundaren Seiten des Diagramms her, und zwar zwischen dem Zweige „primârer Instinkt" und dem Zweige „intelligente Abanderung des (sekundâren) Instinktes", um die Thatsache scharfer hervortreten zu lassen, dass wenn einmal ein nicht-inteliigenter oder primarer Instinkt sich gebildet hat, er sehr bereit ist, sich mit dem befruchtenden Pnn-xipe der Inteltigenz zu'verbinden und zwar Uberall, wo dieses Prin. zig noch nicht fixiert und zu einem sekundaren Instinkte erstarrt ist. Es ist aber stets festzuhatten, dass die Instinkte, mogen sie nun intelligenten oder mcht-intelligenten Ursprungs sein, nach ihrer völ-ligen Ausbildung xu jeder Zeit und an jedem Ort mit Intelligenz in BerUhrung kommen können, so dass die beiden Seiteo unsres Diagramms (das die Verkorperung aller bisher gelieferten Nachweise uber diesen Gegenstand bildet) geeignet sind, zugleich die Wahrheit und den Irrtum der gewôhnlichen Meinung zu erklären, die Pope so trefflich wiedergegeben hat, wenn er vom Instinkt und der Vernunft sagt, dass sie "stets getrennte und doch sich stets so nahe" Dinge seien.

Ich lasse nun eine allgemeine Übersicht aller bisherigen Kapitel über den Instinkt folgen.

Nachdem ich den Sinn, in dem ich das Wort Instinkt aus-schtiesstich angewendet wissen will, festgestellt, brachte ich einige Erläuterungen Uber den volikommnen Instinkt, wie er sich béi ganz jungen oder bei solchen Tieren zeigt, die keine individuelle Erfahrung von den Umstanden besitzen, fur welche ihre instinktiven Handlungen angepasst sind. Sodann liess ich einige weitere Erklärungen uberden unvollkommnen Instinkt folgen und hob hervor, dass eine solche Unvollkommenheit entweder entstehen kann

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durch einen Wechsel in den Bedingungen der Umgebung, an die der vererbte Instinkt angepasst war oder auch durch eine noch «. vollendete Ausbildung des letzteren. Ich zeigte ferner, dass ein unvollkommner Instinkt aus inneren oder psychologischen Ver. Gerungen entspringen kann, die den zarten Mechanismus, auf dem die vollkommene Wirksamkeit des Instinkts beruht, aus den Fugen bringen. In diescr Begehung erbrachte ich an der Hand einher Beispiele den Beweis, dass eine derartige Verwirrung des Instinkts besonders dann entstehen kann, wenn der [egelmässige Verkehr eines Tieres mit seiner Umgebung fUr eine Zeitlang unterbrochen und dann wieder erneuert wird. Ich führte jedoch auch einen Fall an, bei dem eine Storung ohne eine solche Unterbrechung stattfand, und der deshalb recht eigentlich als ein Fall von Wahnsinn aufzufassen ist.

Wenn Instinkte nach und nach entwickelt werden, dürfen wir Fallen zu begegnen hoffen, in denen er sich noch nicht vollstandig entwickelt M uud deshalb unvollkommen erscheint. Solche Bei. spiele bot der junge, nach Fliegen zielende Truthahn, junge vor Bienen halb erschreckende KCchlein, Kaninchen, die vor Wieseln nur langsam davonlaufen etc. Wir kônnen Instinkte in ihrer Entwicklung auch bei jungen Kindern beobachten, wenn sie den Kopf im Gleichgewicht hatten, gehen, sprechen lernen etc. Überdies bilden alle Fälle von.Erziehung oder Vervollkommnung des Instinkts, sei es beim Individuum oder bei der Rasse, ebenso-' viele Beispiele von einer ursprunglichen Unvollkommenheit desselben. Dies führte uns direkt vor die Frage über den Ursprung der Instinkte. Ich versuchte nachzuweisen, dass der Ursprung der Instinkte entweder primarer oder sekundarer Art ist. Ich batte es nSmIich fur voll bewiesen, dass Instinkte entweder entstehen durch naturliche Züchtigung zweckloser Gewohnheiten, die zufâllig vorteilhaft sind, wodurch dièse Gewohnheiten in Instinkte umgewandelt werden, ohne dass die Intelligenz bei diesem Vorgang jemals beteiligt war; oder durch ursprung!ich intelligente Gewohnheiten, die durch Wiederholung automatisch wurden. Aïs em Beispiel von primarem Instinkt fuhrte ich das Brüten an und als solches von sekundären Instinkten wies ich auf mehrere Falle hin,

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bei denen „Übung den Meister macht« Aus Cründen a priori ersahen wir, dass Instinkte auf den beschriebenen Wegen entstehen müssen, und fanden dann a posteriori Beweise dafür, dass dies in der That der Fall war. Dieser Beweis suchte zu zeigen, dass zwecklose Gewohnheiten bei Individuen vorkommen, vererbt werden, abândern, ihre Abanderungen vererben und dann in vorteilhafter Richtung durch natürliche Züchtung entwickelt werden; ebenso, dass ursprünglich intelligente Gewohnheiten durch" Wiederholung automatisch und, nach dem ZurUcktreten der Intelligenz, als Instinkte vererbt werden, die sodann abandern, mit ihren Ab&nderungen vererbt und in vorteilhafter Richtung durch die natarliche Züchtung, wie im vorhergehenden analogen Falle, vervollkommnet werden kënnen. Diese verschiedenen S&tze wurden in erster Linie auf den Nachweis gestutzt, dass sonderbare Gewohnheiten mehr oder weniger bei jedem vorkommen, namentlich bei Idioten; aber auch bei Tieren, wie z.B. bei Hunden, die einen Wagen anbellen, bei Verschiedenhetten in der individuellen Anlage, Idiosynkrasieen, Schliessung sonderbarer Freundschatten u. s. w. Sodann machte ich darauf aufmerksam, dass automatische und nutzlose oder zufällige Gewohnheiten vererbt werden, wie z. B. im Fall der oben erwahnten sonderbaren Gewohnheiten bei Menschen und Tieren, in betreff der Anlagen der von Humboldt erwahnten Insel-Affen, in betreff der Gangart des Pferdes in verschiedenen Teilen der Welt, in betreff der merkwurdigen und ganz nutzlosen Gewohnheiten der Tümmler und Kropftauben u. s. w. Ferner zeigte ich, dass solche vererbten, nicht-inteliigenten, zwecklosen Gewohn-heiten zweifellos abandern kCnnen, wie ja auch nachgewiesener-massei. nutzliche Gewohnheiten und sogar völlig ausgebildete Instinkte schmiegsam sind-um wievielleichterwerden aber dann diese zufälligen Spiele der Gewohnheit abandern? Schliesslich behauptete ich, dass wenn zufällige Gewohnheiten in vorteilhafter Richtung abandern, die Abanderungen durch naturtiche Zuchtung befestigt werden, was niemand, der in der natürlichen Züchtung ein bei der Entwicklung des organischen KOrperbaues beteiligtes Prinzip erkennt, in Abrede stellen wird. Nur so kSnnen wir uns die In-

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stinkte vieler niederen Tiere (z. B. bei der KdcherQiege), wie auch der hôheren (z. B. den Brutungsinstinkt) erklären.

Bezügtich der sekundaren Instinkte wies ich zuvôrderst nach, da» haufig geübte intelligente Anpassungen beim Individuum automatisch werden, sich alsdann vererben, bis sie sich zu automatischen Gewohnheiten der Rasse ausbilden. Erstere Thatsache ist jeder-mann bekannt; die letztere wird durch Erscheinungen, wie z. B. erbliche Handschrift, besondere Befähigungen bei verschiedenen. Familien, psychologische Rassecharaktere beim Menschen, gute Erziehung und Sinn fiir Anstand u. s. w. bewiesen. Bei Tieren zeigt sich, dasselbe Prinzip in einer erblichen Neigung zum „Bitten" bei Hunden und selbst bei Katzen, bei norwegischen Ponies, die sich nicht durchs Maul regieren lassen; bei Dr. Huggnss Hund, der eine erbliche Antipathie gegen Metzgerladen besass; bei wilden Tieren, die eine instinktive Furcht vor ihren besondren Feinden verraten, eine Furcht, die hinsichtlich des Menschen bei dornest!-zierten Tieren verloren geht, namentlich beim Kaninchen und der t Ente, wo die Zuchtwahl wahrscheinlich keinen Anteil an der Aus. l merzung der natartichen Wildheit hatte; bei Tieren von ozeanischen r. Inseln, die nach dem ersten Zusammentrefîen mit dem Menschen ;. noch mehrere Generationen hindurch keine Furcht vor demselben i zeigen, dann aber ihn instinktiv furchten und kennen lernen, ja so- s gar einen Begriff von einer sichern Entfernung vom Bereiche der ; Fcuerwaffen erlangen; schliesslich gehôren noch hierher die ver. anderten Instinkte der Schnepfe und die Wirkungen der Instinktmischung durch Kreuzung. Nachdem wir aus diesen auserlesenen Falten erkannt hatten, dass Instinkte lediglich durch natürliche ZOchtung oder auch allein durch Zurucktreten der Intelligenz entstehen kônnen, gingen wir dazu über, zu beweisen, dass Instinkte im allgemeinen nicht notwendig auf die eine oder andre dieser Entstehungsweisen beschrânkt sind, sondern dass im Gegenteil die gemeinschaftliche Wirkung dieser Prinzipien einen noch grûsseren Einfluss bei der Entwicklung der Instinkte ausubt, als wenn jedes von ihnen einzeln beteiligt ist. Denn einerseits kônnen erbliche Neigungen oder gewohnheitsmassige Handlungen, die nutziich, je. doch niemals intelligent waren und ursprungiich durch naturliche

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Züchtung befestigt wurden, das Material zu fernerer Vervollkomm-nung liefern oder durch Intelligenz brauchbarer gemacht werden; andrerseits künnen umgekehtt auch Anpassungen, die ursprungtich auf zurücktretende Intelligenz zurückzuführen sind, durch naturliche Züchtung in hohem Grade vervollkommnet oder vorteilhafter ver-wendet werden. Betrachten wir den letzteren Fall allein: Wenn intelligente Handlungen durch Wiederholung als sekundare Instinkte automatisch werden, dann abändern und ihre Abanderungen durch natürliche ZUchtung in vortellhafter Richtung befestigt werden, um wie viel mehr Spielraum ist der natürlichen ZUchtung bei der ferneren Entwicklung eines Instinktes zugemessen, wenn die Abanderungen dessetben nicht ganz zufällig sind, sondern als intelligente Anpassungen ererbter Erfahrung an wahrgenommne Bedurfnisse der individuellen Erfahrung entstehen. Offenbar wird die naturliche Züchtung in einem solchen Falle mit grôsserem Vorteil wirken, als wenn sie ausschiiesslich bei der Bitdung primarer Instinkte thatig ist, wo sic es nur mit zufälligen Abanderungen zu thun hat, statt mit sotchen, die durch Inteliigenz bestimmt, von vornherein angepasst sind. Ebenso wird das Prinzip der zurucktretenden Intelligenz mit weit grôsserem Vorteil in Verbindung mit der natUrtichen Züchtung wirken, als wenn es bei der Ausbildung der sekundären Instinkte allein beteiligt ist, denn die naturtiehe Züchtung wird in diesem Falle stets zu Gunsten der vorteilhaftesten unter den intelligenten Anpassungen eingreifen und durch die konzentrierte Macht der Vererbung sie um so rascher automatisch oder instinktiv machen.

Es ist mit Rucksicht auf die Instinkte gemischten Ursprungs von untergeordneter Bedeutung, welches der beiden Prinzipien -naturticheZuchtung oder zurucktretende Intelligenz-den historischen Vorrang behauptet, selbst wenn die beiden Prinzipien nicht von vornherein verbunden auftraten; wichtig ist nur, dass sogar ein vüllig ausgebildeter Instinkt sich unter dem Einfluss der Intelligenz abânderungsfähig oder biegsam erweist. Ich wies denn auch die Biegsamkeit vieler Instinkte nach, indem ich besonders bei dem Zellbauinstinkt der Bienen und dem Brut- und mutterlichen Instinkt

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warmblütiger Tiere verweitte, zumal gerade diese Instinkte so uberaus alten Ursprungs und entsprechend fest vererbt sind

Die Intelligenz kann bei der Abanderung der Instinkte wirksam sein, entweder durch Erkennung der Notwendigkeit eines Wechsels in den Regeln der Vererbung und nachfolgende intelligente Nachahmung der Gewohnheiten anderer Tiere, oder durch absichtliche Erziehung der Jungen durch die Alten. Zahlreiche derartige Beispiele wurden dazu angeführt, jedoch den besten Bewe,S von der ausserordentlichen Abanderungsfähigkeit der Instinkte infolge der vereinten Wirkungen der Intelligenz und der Auslese liefern die Erscheinungen der Domestikation. Diese Thatsachen erfuhren deshalb eine eingehende Behandlung und es zeigte sich, dass die Domestikation nicht nur einen negativen Einfiuss ausübt, durch Ausmerzung natürlicher Instinkte (Verlust der Wildheit bei Hunden, Katzen, Pferden und Rindvieh; Hunde greifen keine Schafe, Schweine oder Geflügel an; letzteres hat im auffallenden Unterschiede z. B. von Fasanen die instinktive Furcht vor Hunden verloren; Verlust des Brütungsinstinktes bei der spanischen Henne und des mütterlichen Instinkts bei Kuhen und Schafen, wo die Jungen schon seit Generationen bei der Geburt von ihrer Mutter getrennt werden; Verlust der Intelligenx zugleich mit der naturgemassen Vorliebe fùr Fleisch bei den polynesischen Hunden); sondern auch emen positiven Einfluss erkennen lasst in der Entwicklung neuer Instinkte. Beim Hunde zeigen sich diese neuen, aber kunstlichen Instinkte namentlich auffallend in den Gewohnheiten des Schaferhundes, des Vorsteh- und des Hühnerhundes, amwunderbarsten aber in der Instinktiven Liebe zum Menschen bei fast allen Rassen, in der Treue und demVerstandnss derAbhängigkeit vom Menschen, in der angeborenen Idee der Bewachung von seines Herrn Eigentum und von sich selbst, als einem Teile dieses Eigentums, endlich in dem erworbenen Instinkt des Bellens, der wahrscheinlich aus der vorstehenden Idee der Eigentums-Bewachung entsprungen ist. So wesentlich und umfassend ist diese psychologische Umwandlung beim Hunde gewesen, dass die kunstlichen Instinkte haufig starker wurden, als selbst die starksten naturlichen, z. B. der mutterliche, wie es an einem besondern Falle datgelegt wurde. Schliesslich widmete ich r

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den lokalen und spezifischen Instinktabânderungen ein eignes Kapitel, in dem ich nachwies, dass dieselben eine Art paläontologischen Nachweises der Umwandlung des Instinkts bilden. Hierin besteht a posteriori der Beweis der beiden Wege, auf denen, sei es einzeln oder in Gemeinschaft, die sogenannten Instinkte entwickelt wurden. Das beigefugte Diagramm zeigt graphisch, in welcher Beziehung die betreffenden Prinzipien untereinander stehen. Es geht daraus hervor, dass, wenn ein Instinkt, sei er direkten oder gemischten Ursprungs, vervollkommnet war, er abândern oder sich in verschiednen Formen verastetn, sich mit andern vermischen oder sozusagen aufpfropfen kann, um neue Schösslinge zu treiben. Mit Rücksicht darauf ist es sehr schwer, wenn nicht unmSgtich, die Geschichte der bestehenden Instinkte zu schreiben, da dieselben, wie gesagt, nicht versteinern und deshalb keine Berichte über ihre Zwischenzustande hinterlassen. Nach alledem kann kein Zweifel darUber bestehen, dass Instinkte mëglicherweise nicht nur eine doppelte Wurzel haben - eine in dem Prinzip der ZOchtung, die andre im ZurOcktreten der Intelligenz, - sondern einen mehr oder weniger verzweigten Stamm, der selbst unmittelbar oder mittelbar in seinen Zweigen mit dem Stamme oder den Zweigen andrer Instinkte sich vereinigt

Bei der Beurteilung der vergleichsweisen Wichtigkeit der beiden bei der Instinktbildung beteiligten Faktoren hatten wir Gelegenheit, einerseits eine Abweichung von Spencer zu konstatieren, der den Ursprung samtlicher Instinkte der Reflexthätigkeit, hSchstens mit geringer UnterstHtzung der natürlichen ZUchtung, zuweist, anderseits von Lewe,, der dem andern Extrem huldigt, insofern er samtliche Instinkte als Erscheinungen zurOcktretender Intelligenz ansieht. Es wurde jedoch nachgewiesen, dass Spencers Ansicht hochstens zur Erklärung der Entstehung instinktiver Handlungen von zweitelhafter Natur bei ganz niedern Tieren dienen kann, dass sie aber von grossem Wert fUr die Erklärung des Ursprungs des Bcwußtseins ist. Die von mir vertretne Ansicht hinsichtlich des Ursprungs der Instinkte ist im wesentlichen dieselbe wie die von Darwin; sie erkennt beide wiederholt erwahnten Faktoren — natürliche Züchtung und Zurücktreten der Intelligenz - einzetn oder in Ge-

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meinschaft, oflen an, sclneibt aber der ersteren eine grëssere Wichtigkeit zu, namentlich mit Racksicht darauf, dass bei der Ausbildung der Instinkte die intelligente Anpassung stets unter der Führung und Kontrolle der natüriichen Züchtung steht, sodass die hauptsachliche Funktion der enteren bei dem formativen Prozess wahrscheinlich darin besteh,, der natürtichen ZUchtung Abanderungen von ererbten Instinkten zu Iiefern, die nicht lediglich zufällig, sondern absichtlich an die Bedingungen der Umgebung angepasst sind.

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Achtzehntes Kapitel.

Binzelne Schwierigbeiten, die aioh unarer Theoree vom Ursprung und der Entwicklung der Instinkte entgegenstellen.

(gSMir dürfen unsern Gegenstand nicht verlassen, ohne der Ein-MM wUrfe zu gedenken, die sich aus einzelnen Erscheinungen iäfiSS mit einigem Anschein von Recht gegen unsre Darlegung vom Ursprung und der Entwicklung der Instinkte im allgemeinen erheben lassen. Ich werde dieselben, so weit sie mir durch Schriften andrer bekannt geworden sind oder mir selbst im Laufe meiner Forschungen in dem gedachten Sinne sich als solche aufgedrungen haben, nach der Reihe einer eingehenderen Betrachtung unterwerfen.

A. Âhnliche Instinkte bei ungceichartigen Tieren.

Darwin bemerkt im Anhang: „Nicht seltcn begegnen wir demselben eigentümlichen Instinkte bei Tieren, die auf der Stufen)eiter der organischen Wesen weit voneinander entfernt stehen und. daher diese KigentUmlichkeit unmSgtieh von gemeinsamen Vorfahren geerbt haben konnen." Die Schwierigkeit besteht hier natUrtich in der Erklärung des Paraltelismus, und die von Darwin angefUhrten Beispiele betreffen den Kuhvogll (Mobihrus), der denselben Instinkt des Parasitismus hat, wie der Kuckuck, die Termiten (die in ihren Instinkten mit den echten Ameisen überein-

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summen), sowie die Larven eines Neuropters und eines Dipters, die beide eine Fallgrube für ihre Beute graben. Darwnn weist überdies nach, dass einzig der letzte Fall eine wirkliche Schwierigkeit bietet; aber selbst hier scheint mir die Schwierigkeit keine allzugrosse zu sein; der fragliche Instinkt ist namtich nicht von einer so hohen Kompliziertheit oder von einer so unauffindbaren (entfernten) Wahrscheinlichkeit hinsichtlich seiner Ausbildung, dass wir nicht zu der Annahme gelangen kënnten, die Übereinstimmung in der Umgebung der beiden stets im Sande lebenden Larven habe, in zwei unabhangig von einander liegenden Richtungen, zu jener gleichartigen Entwicklung gefQhrt, und zwar etwa in derselben Weise, wie z. B. die Entwicklung der Flüget sich auf eine mindestens vierfache Abstammung zurückführen lasst.

B. Ungleiche Instnkkte bei glecchartigen Tieren.

Darwin thut im Anhang auch dieser KlasseErwähnung und seine wenigen Bemerkungen daruber scheinen mir eine damit zu-sammenhängende Schwierigkeit völlig zu beseitigen, der er in semer bekannten aufrichtigen Weise überhaupt einen unverdient hohen Wert zuerkannte. Wie ich in dem Abschnitt Uber lokale spezifische Abanderungen des Instinkts bemerkte, leitet uns die Theorie von der Bildung der letzteren durch natürliche Zuchtung zur Annahme der in der That nicht allzu selten vorkommenden sogenannten isolierten Instlnk:e; denn nur unter Voraussetzung der Permanenz jeder betrachtlichen lokalen oder anderweitigen Ânderung der Instinkte könnten wir sie uns in ihrer Gesamtheit, mangels einer Palaonto. logie derselben, als eine ununterbrochnc Reihenfolge, ohne An. nahme isolierter Fâlle denken. Diese Annahme würde jedoch gegen das Prinzip unsrer Theorie verstossen. Wenn spezifische Instinkte haufig vorkamen, so kônnte man allerdings einwerfen, dass diese Theorie eine allzugrosse Abschlachtung von Zwischenformen er. fordere, um annehmbar zu sein. Wie die Sache aber gegenwartig steht, scheint mir das gelegentliche Auftreten isolierter Instinkte, in einem mit unsrer Theorie übereinstimmenden Verhaltnis, viel. mehr eine Bekraftigung, als einen Einwurf derselben zu bilden.

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C. Gleichgügtige und nutzlose Instinkte.

Darwnn schreibt im Anhang auch über diese Art von In-stinken und sagt: „Nicht selten drangte sich mir das Gefuhl auf, als ob wenig auffällige oder nebensachtiche Instinkte nach unsrer Theorie eigentlich viel schwerer zu erklären seien, als jene, die mit Recht das Erstaunen der Menschen erwecken, denn insofern cin Instinkt wirklich keine eigne erhebliche Bedeutung im Kampfe ums Dasein besitzt, kann er auch nicht durch natürliche ZUchtung abgeandert oder ausgebildet worden sein."

Es ist dies ohne Zweifel ein wichtiger Punkt, der eine ein-gehende Betrachtung erfordert. Vor allem sollten wir aber bedenken, dass wenn der Lehre von der Instinktbildung durch natürliche Ursachen eine derartige Schwierigkeit entgegentritt, diese mit noch viel grôsserem Gewicht gegeu die alte Lehre von der Einpflanzung der Instinkte durch eine übernaturtiche Ursache ins Feld geführt werden kann. Zunachst müssen wir uns vollstandig daruber vergewissem, ob in jedem gegebnen Fal,, wo der Instinkt gteichgültig oder nutzlos zu sein scheint, er dies auch in Wirklichkeit ist. Dieser Punkt findet sich auch bei Darwin erwahnt, der zugleich einige treffende Fälle dazu anfUhrt, um zu zeigen, wie leicht der hohe Nutzen, ja sogar die absolute Notwendigkeit eines Instinkts der Beobachtung entgehen kann. Wenn wir diesem B* denken aber auch volle Rechnung tragen, so bleiben doch noch immer einige Instinkte übrig, denen wir auch nicht den geringsten Vorteil zuschreiben konnen. Wie sind diese denn nun zu erklären?

Ich glaube durch eine zweifache Erw~gung. Die erste derselben besteht darin, dass unsre Theorie die natürliche ZUchtung nicht fur den emsigen Faktor bei der Instinktbildung hält. Wir haben bisher noch immer betont~ dass das ZurQcktreten der Intelligenz ein kaum weniger wichtiger Faktor ist; auch wiesen wir darauf hin, dass nicht-angepasste Gewohnheiten bei Individuen vorkommen und auch in der Rasse vererbt werden kOnnen. Wenn deshalb durch Spielerei, Vorliebe, Neugier oder eine sonstige Laune das Tier vermôge seiner Intelligenz gewohnheitsmäßig zur Verrichtung irgend einer nutzlosen Art Handlung verleitet wird (wie z.B.

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jene Taube, die kopfüber zu purzeln begann), und diese Gewohnheit bei der ahnlich veranlagten Nachkommenschaft erblich wird, so haben wir einen gleichgültigen oder nutzlosen Instinkt vor uns. Die einzige erforderiiche Bedingung dabei ist, soweit ich sehen kann, die, dass der gteichgültige oder nutzlose Instinkt der aus. Abenden Art nicht schädlich ist, so dass seine Ausbildung durch die natürliche ZUchtung nicht verhindert wird.

Die andre Erwagung, die zur Auflösung der beregten Schwierigkeit dienen konnte, ist folgende. Im analogen Falle des organischen Kërperbaues begegnen wir zahlreichen nutzlosen Organen; dieselben bilden aber zugleich eine der wichtigsten Stützen für die Theorie der natUrlichen Züchtung, und xwar aus dem Grunde, weil wir den Nachweis dafUr besitzen, dass alle diese nutzlosen und zum Teil verkümmerten Organe bei andern, verwandten Tieren diesen zum Vorteil gereichen. Nun liegt aber kein Grund gegen die Annahme vor, dass dasselbe auch bei den Instinkten der Fall sei und dass deshalb das, was wir heute als anscheinend gleichgültige und sicherlich nutzlose ererbte Gewohnhetten erkennen, zu einer fruheren Periode der Art oder ihren Verwandten von wirklichem Nutzen war. So konnen wir uns z. B. leicht vorstellen, dass der Instinkt vieler Pflanzenfresser, kranke oder verwundete Gefahrten zu durchstossen, von wirklichem Vorteil sein mag in Gegenden, wo die Anwesen-heit kranker Mitglieder in einer Herde fUr die letztere eine Quelle der Gefahr gegenuber der Ubermacht wilder Tiere sein kann; Darwin führt im Nachtrag einen hierher gehôrigen Fall an. Nehmen wir beispietsweise an, die im Anhang erwähnten Gross-fusshuhner (Mcgapodidae), die ihre Eier in einem zusaromenge-schleppten grossen Haufen gahrender Pflanzenstoffe ausbrüten lassen, würden infolge eines Wechsels in ihrer Umgebung, bezw. des australischen Klimas, verhinder,, eine genugende Menge vegetabi. lisch«. Materials zu sammein, oder es beganne an der hinreichenden Warme zum Zwecke der Brutung zu mangeln: die Vôgel wurden alsdann zu der gewohnlichen Brutungsweise atlmahtich zu-ruckkehren, jedoch immer noch eine starke Neigung zur Anhau-fung pflanzIicher Stoffe beibehatten. In diesem Falle wäre die behufs einer sotchen AnhSufung aufgewandte Muhe offenbar nutzlos

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und da uns die brUtenden Instinkte andrer Vôgel keinen SchlUssel zum Ursprung eines solchen Instinktes zu geben vermëchten, so würden wir dieser Erscheinung ganz ratios gegenüber stehen.

D. Instinkte, die der betreffenden Spezies anscheindnd nachteilig sind.

Der Hinweis auf nachweislich schâdliche Instinkte bildet weder eine Schwierigkeit, noch ein Bedenken für. unsre Lehre von der Instinktbildung; denn es gehort wesentlich mit zur Theorie der natürlichen Züchtung, dass die Interessen des Individuums denen der Art nachstehen mUssen. Offenbar ist es für die einzelne Fliege ein Nachteil, Nachkommenschaft zu erzeugen, insofern dieser Akt alsbald ihren eigenen Tod nach sich zieht; wenn wir aber sehen, dass dieser Akt fUr die Fortdauer der Art wesentlich ist, so begreifen wir, wie hier die natürliche Züchtung einen Instinkt entwickeln musste, der eigentlich einem Selbstmorde gleichkommt; und dasselbe gilt für alle ähnlichen Falle, wie z. B. bei Ameisentruppen und Termiten, die sich zum Nutzen der Gemeinschaft, d. h, der Art, aufopfern.

Die Sache liegt jedoch ganz anders, wenn wir einem Instinkte begegnen, dessen Wirksamkeit dem Individuum schadiich zu sein scheint, ohne der Art dabei zum Vorteil zu gereichen; in einem solchen Falle würde aiso der Schaden fUr das Individuum auch einen Nachteil fur die Art einschliessen. Solche Erscheinungen sind in der That ganz analog denen, bei welchen gewisse KOrperbildungen ihren Besitzern anscheinend nachteilig sind, ohne dass man einen ausgleichenden Nutzen für die Art dabei erkennt*) Wie Darwnn bemerkt, wurdeein solcher Fall, der sich in Wirklichkeit als schadiich enviese, mit unsrer Lehre von der naturlicheo Züchtung sich nicht vereinbaren lassen, insofern dieselbe "nur durch und Air das Gute aller wirkt". Ferner fügtj Darwnn hinzu: "Wenn es bewiesen werden konnte, dass irgend ein Teil der Organisation

«„„,»..,.,, Kntwlcklun« d« 0..1,t«..                                                20

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einer Spezies nur zum ausschliesslichen Besten einer andern Spezies gebildet worden sei; so würde das meine Theorie vernichten.«

Offenbar gilt diese Bemerkung gleicherweise auch für die Instinkte. Es ist deshalb von der hochsten Wichtigkeit, alle bekannten Instinkte zu durchmustern, um zu erforschen, ob es einen Fall gibt, welcher der betreffenden Spezies nachteilig ist oder ausschliesslich zum besten andret Arten wirkt. Denn wenn ein solcher Fall zu finden ist, würden wir einerseits unsre ganze Theorie mit Bezug darauf zu modifizieren haben, wahrend andrerseits, wenn ein solcher Fall nicht vorliegt, die Thatsache der ungeheuren Menge der feischen Instinkte, die sich der betreffenden Art und niemals ausschliesslich einer andern Spezies, nützlich erweist, fUr den denkbar bündigstea Beweis unsrer Theorie angesehen werden muss, welche ja sämtliche Instinkte auf die bezeichneten Ursachen zurückführt. Ich kann jedoch nicht verschweigen, dass es einen einzigen Fall gibt, wo der Instinkt einer Spezies anscheinend ausschliessllch einer andern zu gute kommt, wahrend es verhältnismässig haufig vorkommt, dass der eigentemliche und vorteilhafte Instinkt einer Art auch andern Arten Nutzen bringt. Mit den letzteren haben wir es hier naturlich nicht zu thun. Dagegen finden wir den ersterwahnten Fall schon bei Darwin erwShntt Er betrifft die Blattläuse, die ihre Sekretion den Ameisen ubertassen. Darwins Erklärung dafür besteht darin, dass „da die Aussonderung ausserordentllch klebrig ist, es ohne Zweifel fUr die Aphiden angenehm sein wird, wenn sie entfernt wird, und so ist es denn wahrscheinllch auch in diesem Falle nicht ausschliesslich auf den Vorteil der Ameisen abgesehen"/)

Kommen wir nun zu einer andern Seite unsres Themas, so kann ich nach reiflicher Verlegung nur zwei oder drei Instinkte finden, die dem Anschein nach für die besitzende Art von Nach-teil sind.

x. Selbstmord des Skorpions. Es gibt zwei oder drei von einander unabhängige Zeugnisse - das eine, nach Dr. Allen Thomson, aus einem zuverlassigen Berichte eines seiner Freunde bestehend - Or die allgemeine Behauptung, dass wenn sich ein

*) Entartung der Arten, S. :90.

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Skorpion von Feuer umgeben sieht oder sonstwie einer ungewShnlichen Hitze ausgesetzt wird, er einen Selbstmord begeht, indem er sich totsticht. Es wird dies jedoch, wie ich gleich hinzufOgen rauss, von andern Forschern bestritten. Der erwâhnte Bericht an Dr. A. Thomson wurde zwei namhaften Naturforschern xur weitern Feststellung der betreffenden Thatsache mitgeteilt Dieselben kamen darin Nbere!n*)) dass der Skorpion niemals einen Selbstmord begeht, und da Prof. Morgnn zudem noch die Tiere sogar einer Reihe der peinvollsten Qualen aussetzte, jedoch mit dem gleichen negativen Erfolg, so halte ich diesen Gegenstand damit fUr erledigt. Ûbrigens stellte Mr. G. Biddie, der bei seinen Versuchen u. a. durch Kondensierung der Sonnenstrahlen mittelst einerLinse eine starke Hitze auf den ROcken des Tieres wirken Hess, neuerdings die Vermutung auf,*») dass das Tier bei seinen Versuchen zur Abwehr eines imaginaren Feindes wohl sich selbst gestochen haben könnte.

*. In die Flammen fliegende Insekten. Die Neigung vieler Insekten, nach einer Flamme hin und durch sic hindurch zu fliegen, ist jedenfalls einem Instinkt zuzuschreiben und kdnnte daher als ein dem Individuum, wie der Art gleich schadiicher Instinkt aufgefasst werden. Ehe wir jedoch zu dieser Schtussfolgerung gelangen, sind mehrere Moglichkeiten zu berücksichtigen. Erstens bildet eine Flamme in der Natur ein Uberaus seltenes Ereignis, so dass nicht anzunehmen ist, es hNtte sich ein Instinkt ausdrücklich zu deren Vermeidung ausbilden konnen. Wenn sonach die zur Nacht fliegenden Insekten derart organisiert sind, dass ihnen die Annaherung und PrUfung leuchtender Gegenstande von Vorteil ist, so ware es durchaus nichts Unnatürliches, wenn sie sich in der Unterscheidung zwischen Flammen und andern leuchtenden Dingen - weissen Blummen und dgl. - irrten. Der Instinkt, in die Flamme zu fliegen, ist bei Insekten aller Arten aber so hâufig, dass wir nicht wohl samttiche hierher gehërigen Fälle auf einen sotchen Irrtum schieben kônnen. Wir bedürfen deshalb einer umfassenderen

*) Prof. Lank ester im Journa< of the Linn Hoc.« (tSSz), Prof. Lloyd Morgan fa „2W««,« XXVII, 313. ") Nature .883, 11. Juli.

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Erklärung und finden dieselbe vielleicht bei andern, Nhnlichen Er-scheinungen. Viele Vogel legen genau dieselbe Vorliebe an den Tag, wie die Erfahrungen bei Leuchttürmen zeigen, und nach Professor A. Newonn werden einige Arten leichter als andre vom Lichte angezogen. Hierbei kann aber ein solcher Irrtum, wie der beschriebene, kaum obwatten, und deshalb wird jene Gewohnheit wahrscheinlich aus blosser Neugicrde oder dem Verlangen zur Prüfung des neuen und auffallenden Gegenstandes entsprungen sein; dass dieselbe Erklärung auch für die Insekten gilt, wird noch wahrscheinlicher dadurch, dass auch Fische durch den Schein von La-ternen und dergl. angezogen werden; die Psychologie einesFsschss wird aber, wenn ûberhaupt, keinen merklichen Vorzug vor den Insekten beanspruchen. Somit werden wir ohne Zweifel die er-wahnte Vorbebe nicht als einen speziell mit Rücksicht auf eine Flamme ausgebildeten Instinkt zu betrachten haben. Bei dem allgemeinen Interesse des Gegenstandes will ich aber noch einige Bemerkungen darüber folgen lassen, die ich unter Darwins Manuskripten, wenn auch nicht von dessen Handschrift, finde:

„Frage. Warum fliegen Motten und viele Mucken in die Lichtflamme, nicht aber nach dem Monde zu, wenn derselbe am Horizonte steht? Allerdings bemerkte ich langst, dass sie bei Mondschein weniger haufig in die Lichtflamme fliegen. Sobald aber eine Wolke daraber hinzieht, werden sie alsbald wieder vom Lichte angezogen". - Ich weiss nicht, von wem diese Beobachtung herrührt. Die Antwort auf die interessante Frage ist aber die, dass der Mond ein vertrauter Gegenstand ist, den die Insekten als setbstverstandtich hinnehmen und sonach zur Prüfung desselben kein Verlangen empfinden. Dagegen zweifle ich nicht, dass wenn der Mondschein auf einen Punkt eines dunklen Zimmers konzentriert wûrde, Motten und Mucken darauf zufliegen wurden.

In der „Ä<") schreibt J. S. Gardener: „Wahrend ich die grossen Hufeisenfälle von Skjalfandafljot bei Sjosavan in Island beobachtete, sah ich Motte auf Motte freiwillig in den Katarakt sich stürzen und verschwinden. Manche, die

*) Vo<. XXV. p. 436.

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ich «us einiger Entfernung herankommcn sah,' flatterten zuérst eine Weile unschlüssig hin und her, bis sie dem Wasser naher kamen und geradewegs hineinflogen. Die glitzernden Fülle schieneh zu-tetzt ebenso anziehend, wie künstliches Licht fur sie zu sein.« Ohne Zweifel ist diese Erklärung richtig, insofern auch ein glänzen. der Wasserfall kein hinreichend hNuiiges Vorkommnis in der Natur ist, um nicht die Neugier der Motten anzureizen oder auf der andern Seite einen speziellen Instinkt zu entwickeln, der die Insekten vor der AnnSherung warnte.

3. Darwnn erwahnt im Anhang zweier oder dreier Fälle von Instinkt, die beim ersten Btick der betr. Art zum Nachtcil zu gereichen scheinen. So z. B. offenbart das KrShen des Fasanen beim Niedertassen dem Wilddieb seine Anwesenheit, wie das Gegacker des Huhns, nach Ablegen des Eies, den Eingebornen von Indien den Ort anzeigt, wo das Nest versteckt ist; manche Vogel bauen ihre Nester an den augenfälligsten Stellen, und eine Art Spitzmaus verrat sich seibst, indem sie bei jeder Annäherung schreit.

In allen diesen und ahnlichen Fällen scheint mir die Schwierigkeit nur eine eingebildete zu sein, denn sie kann sich nur ergeben, wenn wir uns den wichtigsten Prinzipien, die im Vorhergehenden ihre Darlegung gefunden haben, verschtiessen. Diese Prinzipien besagen nicht, dass ein Instinkt jemals mit Hezug auf einen künf-tigen Wechsel der Umgebung gebildet oder modifizicrt worden sei, sondern nur, dass wenn ein solcher Wechsel stattgefunden, selbst b den dringcndsten Fällen eine gewisse Zeit erforderlich ist, um durch Modifizierung des Instinkts einen Ausgleich herbeizufUhren. Nun ist es, mit Bezug auf die erwahnten Fälle, kaum wahrscheinlich, dass der Instinkt des Krahens seitens des Fasanen in der kurzen Zeit hätte modifiziert wcrden konnen, da seine Voreltern in unsrer Gegend heimisch wurden und infolge davon einer aus Hunderten Wilddieben zum Opfer fiel. Das Gegacker des wilden Huhns scheint schon ein bedenklicherer Fall zu sein; hier dreht sich aber die ganze Frage um den wirklichen Prozentsatz der dadurch den Einwohnern zur Beute fallenden Eier; ich halte denselben aber für verhaltnismassig sehr gering. Voge!, die an ausgesetzten Orten nisten, liefern nur dann ein Argument gegen die Abanderungsfähigkeit des In,

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stinkts durch natürliche ZUchtung, wenn bewiesen werden kcnnte, dasa die ausgesetzte Lage schon viele Generationen hindurch zur Zerstörung der Nester durch Menschen oder Tiere gefiihrt habe; ein solcher Beweis fehlt aber bisher. Selbst in betreff des auffälligsten Beispiels hierzu - des Ofenvogell (*Wiw*») vom Laplata -sagt Darwin nur, „dass dieser Vogel sich in einem dicht bevôlkerten Lande mit vielen auf seine Nester erpichten Jungen aufhalte und bald ausgerottet sein werde". Ebenso bedarf es noch des Beweises, ob die Gewohnheii der Spitxmaus auf Mauritius schon seit Generationen zur Vernichtung vieler Individuen durch Menschen gefBhrt hat.

Bei allen diesen Fällen müssen wir bedenken, wie unbedeutend <ler Einfluss des Menschen - und besonders des Wilden - ge. wohnlich ist, im Vergleich mit der ganzen Summe der übrigen organischen und unorganischen Einflüsse; femer haben wir die Zeit » berucksichtigen, die in jedem Falle zur Modifikation eines Instinktt erforderlich ist, und schliessllch den Nachweis daruber zu fordern, dass der Instinkt, der jetzt einigermassen schadtich wirkt, schon seit lange in hohem Grade nachteilig gewesen sei. Mir ist Icein Fall bekannt, der nach Erfüllung aller dieser Vorbedingungen Tücht zur Vertilgung der Art durch den Menschen oder aber zur Entwicklung der erforderlichen Instinktänderung geführt hätte.

4. Darwin weist im Anhang auch auf die schâdlichen Wirkungen hin, die der Wandettrieb gewisser Tiere haufig mit sich bringt. So sagt er z. B., dass die Versammlung der vierfüssigen Tiere Afrikas und der Wandertauben von Amerika diesen Tieren nachteilig sei, weü sie sich dabei den Verfolgungen der Raubtiere oder des Menschen leichter aussetzen. Wenn wir aber die ungeTeure Anzahl der sich auf diese Weise versammelnden Tiere ins Auge iassen, so schwindet jede Schwierigkeit; denn nicht nur ist der Jrozentsatz der vernichteten Tiere an sich geringfügig, sondern ich xweifle auch, dass er merklich grosser sei, als wenn diese Uazaht ~on Tieren über sehr weite Flächen zerstreut wgre. Einen be-Sichere» Fall liefert der norwegische Lemming; ich werde den* aelben daher etwas eingehender behandeln. Seit Darwin seine darauf bezüglichen Bemerkungen (im Anhang) niederschrieb, sind

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noch weitere Veröffentlichungen darUber erfolgt, auf die ich im folgenden Bezug nehme. Mr. Crotch, der Gelegenheii hatte, dièseEncheinungen mehrere Jahre hindurch zu beobachten, schreibt: "Die Lemmingee kleine Nagetiere, besuchen unsern Teil von Norwegen nicht rogelmässig; sic können aber mit ziemticher Sicherheii alle drei bis vier Jahre erwartet werden. Daher ist es wahrschein-lich, dass die eine oder andre Wanderung der Aufmerksamkeit ~ntgeht,.so dass die Ansicht entstehen konnte, sie fände nur alle zehn Jahre statt. Die Wanderung ist übrigens stets westwärts gerictet und^die Theorie, dass sie durch Futtermangel entstUndee scheint mir deshalb fehlzugreifen, da eine Wanderung nach Süden in diesem Sinne grössere Vorteile versprgche. Mr. Guyne meint, dass die Richtung lediglich der Wassersche.de folge. Lettre läuft jedoch ebenso wohl nach Ost wie nach West und folgt auch den Thälern, die sich hâufig auf hunderte von Meilen nach Norden oder Sûden erstrecken, wahrend die Richtung der Lemminge stets nach Westen geht. Jedenfalls ist dies in Norwegen der Fall, wo sie die breitesten Seen mit Wasser von ausserordentlich niedriger Temperatur, die wissendsten StrOmungee wie die tiefsten Schluchten durchkreuzen. Ohne Fanale finden sie bei Nacht ibren Weg durch eine Wildnis, sie ziehen ihre Familie wahrend der Wanderung gross und die drei oder vier Generationen eines kurzen subarktischen Sommers helfen den Zug anschwellen. Sie ûberwintern die sieben oder acht schwersten Monate unter einer mehr als sechs Fuss hohen Schneedecke und nehmen mit den ersten Sommertagen (denn in jenen Gegenden kennt man keinen FrUhling) ihre Wanderung wieder auf. Endlich stürzt der abgehetzte Haufe, geschwacht durch die fort. wahrenden Angriffe von Wolf, Fuchs und selbst vom Rentier, ver-folgt von Adler, Falken und Eule, selbst seitens des Menschen nicht verschont und trott alledem noch in ungeheurer Menge, am ersten ruhigen Tag in den atlantischen Ozean und kommt, das Gesicht immer nach Westen gerichtet, um, ohne dass ein Schwachherziges zurückbliebe oder ein Ûberlebendes in die Berge zuruckkehrte. R. Collet,, ein norwegischer Naturforscherr schreibt, dass im Novembee t868 ein Schiff funfzehn Stunden lang durch einen

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Schwärm Lemminge segelte, welcher sich, so weit das Auge reichte, über den Trondhjemsfjord erstreckte.)»)

So verhält sich, Mr. Crotch zufolge, die Thatsache; im Nachstehenden fuhre ich nun die Hypothesen an, die seither zur Erklärung derselben aufgestellt wurden. Walaace vermutet,)) dass

die natUrtiche Zuchtung bei der Entwicklung des Wandertriebes      l eine grosse Rolle gespielt habe, indem sie den Tieren, die ihr Gebiet dadurch erweiterten, einen grossen Vorteil gewahre. Dieser Ansicht hält Mr. Crotch mit Rücksicht auf die Lemminge entgegen, dass "das Tier allerdings stets wahrend der'Wanderung

Junge aufzieht: da aber keines zurückkehrt oder Uberlebt, so fällt       5

es schwer zu sagen, was aus dem.Geeignetsten wird." Dagegen       „

ist seine eigne Theorie sehr originell. „Es gibt," meint er, "eine       ,

Auflösung dieser Schwierigkeit, die einen Gegenstand von hochstem       „ Interesse bildet und mich dazu verleitete, zwei Jahre hindurch auf

den Kanarischen und ihnen benachbarten Inseln zu leben. Ich denke      l(

an. die Insel oder den Kontinent der sog. Atlantis. Unzweifelhaft       t(

bestand dieses Land im Norden des atlantischen Ozeans und zwar       3

vor noch nicht allzulanger Zeit. Ist es nun nicht denkbar und       ;i

sogar wahrscheinlich, dass, als ein grosser Teil von Europa nocb       ,,

unter Wasser lag und eine trockne.Verbindung zwischen Norweger,       B

und Grënland bestand, die Lemminge den Wandertrieb nach Westen       ]

erwarben, und zwar aus denselben Grunden, die auch fiir bekanntere       ,

Wanderungen ge~ten~ Auch seteint mir die Thatsache, dass der An-       ,

trieb zur Wanderung nach jenem Kontinent zurückblieb, nicht un-       i

wahrscheinlicher, als dass der Hund sich noch heute herumdreht,       t ehe er sich auf seine Decke legt, lediglich weil seine Vorfahren

es notwendig fanden, sich ein Lager in dem langen Gras zu hôhlen.«       ,

In einer spiteren Abhandiung»") bekampft er mit Hilfe der       t Karte die tandläufige Theorie, "dass jene Wanderungen den natUr-       r lichen Abdachungen des Landes folgten," und fahrt dann weiter       a fort: "Die mitttere Tiefe zwischen Norwegen und Island Obersteigt       { --------------------------------                                                                                                                                                                                             ti

*) Lim. See. Jottm. XDJ, p. 30.                                                     a

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nicht 250 Faden, mit Ausnahme eines tiefen und engen Kanals von 682 Faden unter t4" w. L. Derselbe bildet wahrscheinlich das Bett des alten Golfstroms; in diesem Falle strebten die Lemminge mit Fug und Recht westwarts nach seiner belebenden Wârme. Wenn auch der Ozean nun nach und nach sich des Landes bemachtigte, machten sich doch nach wie vor die alten Vorzuge geltend und zwar bis auf den heutigen Tag.«

Eine Widerlegung dieser geistreichen Theorie versuchte ein andrer Forscher, dem ebenfalls eine lange Erfahrung in dieser Be. ziehung zur Seite steht, Rob. Coleett in Christiania/) Seine Ansicht besteht darin, dass in Jahren, wo die Fruchtbarkeit der Tiere außergewOhntich stark ist, eine grosse Anzahl von Individuen sowohl durch Hunger, als auch "durch den dieser Spezies eigentümlichen Wandertrieb" dazu verleitet werden, die Grenzen ihrer heimischen Hochebenen zu Uberschreiten und sich über ein Gebiet auszudehnen, das betrachtlich grosser ist, als von irgend ciner andern Art unter ahnlichen Umstanden beansprucht wird." Da die Aufzucht von Jungen wahrend der Wanderung fortdauer,, so wird in Fällen, wo die Wanderung zwei bis drei Jahre anhält, die Production über die Manen stark; die Massen werden fortwährend nach der Abdachung des Landes hin weitergeschoben und die Wanderung gestaltet sich zu einer Cberschwemmung der tiefer gelegenen Landesteile, je weiter die Tiere auf der Suche nach geeigneten Platzen (die ihnen dauernde Subsistenzmittel zu bieten scheinen) vordringen, bis der Ozean ihnen schliesslich Hait gebietet oder sie durch irgend welche andre Einflüsse vernichtet werden.

Wenn wir Colletts reiche Erfahrungen über diesen Gegenstand berUcksichtigen und sie mit der grossen Wahrscheinlichkeit seiner Darlegung zusammenhalten, so werden wir am liebsten seiner Ansicht beistimmen. Ein sehr wesentlicher Unterschied zwischen Crotch und Collett besteht ubrigens in betreff einer bestimmten Thassache. Wahrend namlich Crotch behauptet, dass die Wanderungen, ohne Rücksicht auf die Abflachung des Landes, westwarts gingen, betont Collett ausdrucklich, "dass die Wanderungen die

*) Ibid. p. 327.

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Richtung der TU* verfolgten und deshalb von der Hochebene aus nach allen Seiten hin Zeigten.1 Wenn letzteres der Fall ist, so ware Crotchs Theorie damit abgethan und die einzige Schwierigkeii lage noch in der Erklärung, warum, wenn die Lern-mioge die See erreichen, sie noch immer ihren Lauf fortsetzen, um in Massen zu ertrinken? Die Antwort darauf ist aber wohl nicht schwierig zu finden. Wenn sie auf ihrer Wanderung an einen Strom oder einen See kommen, schwimmen sie nach ihrer Gewohnheii hindurch, bis sic schliesslich das Uffr erreichen; so-mit kann es uns nicht Uberraschen, wenn sie sich, am Meere angelangt, in ahnticher Weise verhalten und dasselbe fur einen Jossen See haltend, hartnâckig vom Lande abhalten, um schliess-lich in der immerwahrenden Hoffnuog, das jenseitige Ufer zu erreichen, erschopft den Wellen erliegen. Nach alledem kann ich nicht einsehen, dass die Wanderungen der Lemminge derEntmck-lungstheorre eine grossere Schwierigkeii zu bereiten im stande wSren, als die so wichtige Frage des Wandertriebs uberhaupt, zu deren Betrachtung wir jetzt Obergehen wollen.

E. Wandertrieb.

Wenn wir das Tierreich von der untersten Stufe nach auf. warts verfolgen, so begegnen wir den ersten Spuren des Wandertriebes bei den Artikulaten. Ich berufe mich dabei auf die schon anderem*) beschriebenen Wanderungen der Krabben und Raupen, wozu ich in betreff der letzteren noch folgenden Bericht (aus „Cb-knies and India"} nachbringen mochte:

„Wenn manhërt, dass ein Eisenbahnzug durch Raupen auigehalten worden sei, so lautet das wie eine Obertreibung, und dennoch hat dies vor einigen Tagen stattgefunden. In der Nxhe von Turakina, Neuseeland, zog eine grosse Armee von Hunderttausenden von Raupen quer über den Bahndamm einem frischen Haferfeld zu, als der Zug heranbrauste. Tausende des kriechenden Gewürms wurden von den Radern der Maschine zermalmt, aber plotzlich blieb der Zug stehen.

*) Animal J«fe%«»oa p. *3i-*.«.

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Bei naherer Prufung ergab es sich, dass die Rader der Maschine so fettig geworden waren, dass sic sich umdrehten, ohne vorwlrts zu kommen ~ sie vermochten die Schienen nicht mehr anzugreifen. ZugfUhrer und Maschinisten verschafften sich Sand, den sie auf die Schienen streuten und der Zug nahm einen neuen An-lauf; inzwischen hatte es sich jedoch herausgestellt, dass wShrend des Aufenthalts die Raupen zu vielen Tausenden uber die ganze Maschine gekrochen waren und samtliehe Wagen von in- und auswendig bedeckten."

Auch in betreff der Schmetteriinge liegen zahlreiche Berichte von Wanderungen vor. Madame de Meuron-Wolff beschreibt einen ungeheuren Schwärm Distelfalter, die dicht zusammengeballt in sudnSrdticher Richtung über Grandson (in Wallis) zogen. Die Heeressäule war 10 — 15 Fuss breit, flog ziemlich niedrig und gleichmäßig vorbei. Der Flug dauerte zwei Stunden'' Die Raupe dieser Art wird übrigens nie haufenweise gefunden. Prof. Bonelli <rwShnt einer ganz ahntichen Wanderung aus derselben Gegend, nur dass der Zug langer dauerte, die Insekten bedeckten nachts alle Blumen und Blüten und nahmen mit Anbruch des Tages ihre Reise wieder auf."

Ungeheure Schwärme von Libellen wurden wiederholt be-obachtet; der bemerkenswerteste Fall ereignete sich aber im Mai t839 und scheint sich über einen grossen Teil von Europa erstreckt xu haben. Die Insekten flogen in einerHöhe von 100-150 Fuss und schienen der Richtung der FlUsse zu folgen. Viele Fische wandern regeimâssig zum Zwecke des Laichens, wie z. B. der Hering, die Salme u. s. w., oder auch um Wasser ~u suchen. Von den Reptilien sind vor allem die Schitdkroten zu <rwahnen, welche die Insel Ascension zu besuchen pflegen, um ihre Eier dort abzulegen. Wie die Tiere diesen verhältnismassig win-*igen Fleck in dem grossen, weiten Ozean zu finden wissen, ist ganz unbegreiflich. Prof. Moseley schrieb mir daruber: „KeinMensch würde ohne die modernen Hilfsmittel zur Auffindung der Breiten-und Langecgrade die Inseln Tristan und Ascension auffinden; besondess schwierig wird dies aber noch fUr Tiere, deren Sehfeld sich nicht Ober die Meeresfläche erhebt und denen die Inseln daher

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nur in einer kurzen Entfernung,sichtbar werden. Wiederholt kam es vor, dass Kauffahrteifahrer Bermuda nicht zu finden vermochtea und infolge dessen die falsche Nachricht xuruckbrachten, die Insel sei untergegangen. .. , Ubrigens," fügtProf. Moseley hinzu, "ist es auch moglich, dass die Tiere sich gar nicht auf weite Strecken vom Lande zurQckziehen, sondern der Beobachtung entrück,, irgendwo in der N&he sich aufhalten.» Ich darf mich nach alledem wohl für befugt balten, von einer weitläufigeren Diskussion über einen s& unsicheren Gegenstand abzusehen,

Unter den Saugetieren, und zwar vom Walfisch bis zut Maus, finden wir vieie wandernde Arten, bei den Vôgetn aber wird diese Neigung zu einem der hervorragendsten Instinkte. Eine sehr gewichtige AutoritSt in der Vogelkunde schreibt in der neuen „£W-eycttvacdia BHannü-a«: .JedeVogelklasse der nOrdtichen Hemis-sphare ist zu einem mehr oder minder grossen Teile wanderlustig. Dies berechtigt uns xu der weiteren Schlussfolgerung, dass der Wandertrieb, statt, wie man haufig meint, einen Ausnahmefall zu bilden, fasst allgemein vorherrscht." Ich kann hier nicht auf die Frage über den Wandertrieb im allgemeinen eingehen, nachdem ich die Tiere namhaft gemacht habe, bei denen dieser Instinkt am deutlichsten ausgepragt ist, will ich'lieber zur Theorie seiner Entstehung Ubergehen. Ich verweise dabei in erster Linie wieder auf den Anhang, wo Darwin, gleich im Eingang desselben, zu folgenden Resultaten kommt:

„i. Bei verschiedenen Gruppen derVögel libit sich eine vollstandige Reihe von Obergangen beobachten, und zwar von solchent die innerhalb eines gewissen Gebiets entweder nur gelegentlich odër regelmassig ihren Wohnort wechsein, bis zu solchen, die periodisch nach weit entlegenen Landern ziehen.

„2. Ein und dieselbe Art wandert in dem einen Lande, wahrend sie in einem andern stationar ist; oder es sind verschiedene-Individuen derselben Art in demselben Gebiete Zugvoget, die andern Standvogel.

„3. Der Instinkt des Wandens besteht eigentlich aus ~wet deutlich verschiedenen Faktoren, namtich dem Antrieb, periodisch

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zu wandern, und dem Vermëgen, eine bestimmte Richtung wahrend <ter Wanderung einzuhatten.

„4. Der wilde Mensch zeigt eine instinktive Kenntnis der Rich-lung, die ganz analog derjenigen der wandernden Tiere ist.

„5. Auch bei unsern Haustieren sind Fälle von eigentlichem Wanderinsiinkt bekannt.«

Dies sind bekannte Thatsachen; unsre Aufgabe ist es nun, uns von dem Ursprung dieses Instinkts Rechenschaft zu geben. Darwins Lehre besteht darin, dass die Vorfahren der wandernden Tiere alijahriich durch Kälte oder Futtermangel dazu getrieben wurden, langsam südwärts zu ziehen; somit kënnen wir uns wohl vorstellen, dass dieses notgedrungene Wandern zuletzt zu einem instinktiven Trieb werden konnte, wie z. B. beim spanischen Schafe. Bei den Vôgeln werden die Flügel zu demselben Zweck benutzt worden sein und wenn im Laufe vieler aufeinanderfolgenden Generationen das Land, über welches sie hinflogen, bei ihren jahr!ichen Reisen allmahtich unterWasser sank, so wird die Flugrichtung doch unverandett geblieben sein und somit derjenige Zustand sich entwickelt haben, den wir heute kennen - uber weite Strecken des Ozeans hinfliegende Wandervëge).

Ehe wir naher in diese Theorie eingehen, will ich noch hervorheben, dass auch Wallaee auf unabhangigem Wege zu dem-selben Rcsultate kam. Wenn aber Darwins serwandte Ansichten erst jetzt veröffentiicht werden, so sind sie doch schon vor 20 bis 30 Jahren niedergeschiieben worden. Ich nehme indessen zunachst auf den bekannten Walaaceschen BrieP) Bezug, den Ich nachstehend in extenso wiedergebe, aicht allein, um die genaue Obereinstimmung zu zeigen, sondern auch, weil das von Wallace zusatziich erwâhnte Element - die Trennung der Brut- und Futterplatze - von der höchsten Wichtigkeit ist:

„Nehmen wir an, dass bei einer Art Zugvogel das Brüten nur

*) „Nature" 8. Okt. 1874. - Auch seitens des Kap. Huttoa wurden diese Anschauungee bereits im Jahre 187* angedeutet (Ihm.. New Zealmd Inst, p. 33;).

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innerhalb eines bestimmten Gebiets sicher vor sich gehen kann, dass aber dasselbe Land wahrend eines grossen Teils des ftbriger, Jahres hinreichende Nahrung nicht zu bieten vermag: so folgt daraus, dass diejenigen VCget, welche die Brutplgtze mcht zu der

bestimmten Jabreszeit _ verlassen, ^ notleiden

und aussterben. Das

gleiche Schicksal wird aber auch diejenigen treffen, welche die Lterpläfce nicht tu der geeigneten Zeit im Stiche lassen. Wenn wir nun weiter annehmen, dass die beiden Gegenden (fUr irgend einen weit zurUckliegenden Vorfahren der betreffenden Art) iden-tisch waren, durch geologische und klimatische Ânderungen aber allmählich von einander abwicheo, so ist leicht emzusehen, dass die Gewohnheit der beginnenden oder teilweisen Wanderung zur geeigneten Jahreszeit zuletzt erblich und mittelst eines eignen In-stinkts befestigt wurden. Man wird wahrscheinlich finden, dass jede Entwicklungsstufe noch heute in verschiednen Teilen der Welt existiert, von einer völligen Identitat bis zu einer vollstândigen Trennung der Brut- und der Nahrungsgebiete. Wenn die Naturgeschichte eine hinreichende Anzahl von Arten in allen Teilen der Welt ausgeforscht haben wird, so wird sich jedes Glied zwischen solchen Arten, die niemals ein fest begrenztes Gebiet, in dem sie brUten und das ganze Jahr hindurch leben, verlassen, bis zu solchen, die zwei absolut getrennte Gebiete beanspruchen, auffinden lassen. Die wirklichen Ursachen, welche, Jahr für Jahr, für gewisse Arten die genaue Zeit der Wanderung bestimmen, sindnatürlich schwieng festzustellen. Ich mëchte jedoch vermuten, dass sie von kiimatischen Veranderungen abhangen, welche die betreffenden Arten am empfindlichsten berNhren: Der Farbenwechsel oder der Fall des Laubes, die Umwandlung gewisser Insekten in den Puppenzustand, vorherrschende Winde oder Regenfälle, oder auch die abnehmende Temperatur des Bodens und des Wassers, mOgen samtlich von

EinfllLlvM bemerken, dass diese Theoiie neben ihrer offenbaren Wahrscheinlichkeit eine wesentliche StOtze in den Darw.n-schen Untersuchungen findet, die eine allgemeine Beziehung herstellt zwischen ozeanischen Inseln, von denen man gutenGrund hat, zu

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vermuten, dass sie niemass mit dem Festlande verbunden «raren, und der Abwesenheit von Zugvögeln.")

Fernrr macht diese Theorie zwei wichtige Voraussetzungen: Erstens, dass die Vôgel einen sehr genauen Orientierungssinn haben, und zweitens, dass eine zuverlässige Kenntnis der zu verfolgenden Richtung vererbt würde; denn es unteriiegt keinem Zweifel, dass der junge Kuckukk (der unsre Gegend nach seinen Eltern verlässt) auf seiner Reise durch keinerlei fremde Mittel geleitet wird, und dasselbe wird auch noch von den Jungen vieler andrer Arten versichert") Betrachten wir diese beiden Voraussetzungen einzeln nacheinander, so ist die erstere einfach eine Thatsache, so unerklärlich auch dieselbe an und fUr sich sein mëge. ZugvOgel besitzen ohne Zweifel einen sehr genaunn Orientierungssinn; derselbe stimmt der Art nach wahrscheinlich mit dem Instinkt für die Auffindung der Heimat bei vielen Haustieren, sowie auch, nach Darwin, beim wilden Menschnn wesentlich überein. Ich könnte Seiten füllen mit Korrespondenzen, die ich von allen Seiten der Welt mit Berichten Ober diese Fähigkeit bei Hunden, Katzen, Pferden, Eseln, Schafen,

*) Ich kann nicht verhehlen, dass mir eine einzige Thatsache bekannt wurde, welche gegen die auseinandergesetzte Theorie zu sprechen schetnt. Hurdss in seinem Werk „fhe Naluralüt in Anuria« betichtet, dass der wand<rBde Gold-Regenpfeifer (<7«rte marmoraius) in zahlreichen Scha-ren aber die Inzetn (ohne sieh jedoch jemals niederzulassen) nachSNden zieht, während sie auf ihrer Rückkehr nach Norden aoch niemals über die Inseln tiehend gesehen wurden. Wenn es sich nun bestätigte, dass dte Vôgel zu threr Hia- ued Herreise verochiedone Routen verfolgenB so würde der obigea Theorie hierdnrch einigeSchwierigkeit erwaehsen; da aber Hurds, behauptet, die Vogel flöget auf ihrer Reise cach Süden in etner enormen H3he aber die Inseln, so ist es aicht ganz unwahrscheinlich, dass sic denselben Weg, aber in einer aoch rechtlicheten HChe, auch bet ihrer R&ckreise nach Norden einschlagen und dadurch der Beachtung eat~ehen.

**) Verg!. Temminck3 Mm.d'OrM.III.,htrod. u.Seebohm, Siberia in Europe. Andersetts behauptet Leroy, dass bel den Schwalbon diejenigea, welche keinen Unterricht genossen, auch nicht wazderten; er fflgt hinzu, dass wenn eine Brut zn spät ausgebracht sei, um die alten Vögel auf ihrer

Reise begleiten zu kOnnen, sie umsonst die Reife erlangten......ie kommen

um, als Opfer ihfer Unwissenheit und der verspttettn Geburt, die <ie unfihig macht, den Eltera n folgen".

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Kühen, Ziegen und Schweinen erhielt'); da viele âhnliche Fälle aber weit und brett beknntt sind, so halte ich es fur überflüssig, hier davon Noiiz zu nehmem. Die Hauptsache besteht darin, dass die Tiere ihren Rückweg auf weite Entfernungen hin zu finden wissen, selbst wenn die Abreise bei Nacht oder im verschlossenen Wagen geschieht. Ja, es ist nachgewiesen, dass manchmal, wenn auch nicht imme,, die Tiere auf ihrer Rückreise einen andern Weg einschlagen, als sie gekommnn sind und dabei die direkee Luf-linie vorziehen.") Hiezzu mochte ich noch ein Beispiel anführen, das mir von einem Korrespondenten aus Australien mitgeteilt wurd:: „Ein paar Pferde wurdnn viele hundert Meilen zu Schiff um die australische Küste herum versand;; da sie sich mit ihrem neuen Heim nicht befreunden konnten, so flüchteten sie über Land wieder zurUck; nachdem sie ~30 engl. Meilen zurückgelegt hatten, fanden sie sich plötzlich auf einer Halbinsel abgeschnitten, wo man sie, da sie nicht wieder umzukehren wagten, bald darauf einfing« Nun ist es klar, dass diese Thatsacee allein - dass Tiere

*) Mir ist ein Beispiel von einer KaUe bekannt, die in vier Tagen von London nach Huddersfield (eine Entfernung von 200 engt. Meilen) anrückkehrle. Ein noch merkwürdigerer Fall eurde vor einigen Jahren von Mr. J. B. An-drew* in der „Nature" (VIII, p. 6) verüffentlicht. Die Erzherzogin Marie Rainer verbraehte den Winter 1871-72 im Hotel Viktoria zu Mentone und fasste eine gros« Vorliebe für einen dem Besitzer Milaadri gehOrigen Seideohund. Im Frühjahr !872 nahm sie den Hund mit nach Wien. Nicht lange darnach kam derselbe wieder im Hôtel zu Mentone an, er hatte also einen Weg von fast 1000 engl. Meiten gemacht. Bald each seiner Ankunft starb er an den erlittenen StrapatMn und wurde im Hotelgarten beerdigt, wo man ihm ein Denkmal crrichtete. A. W. Howttt teilte der „Natur*" um dieselbe Zeit (vol. VIII, p. 322) eine Anzahl Fälle mit, denen .«folge Pferde und Rindvieh ihren Weg Bber mehr oder weniger weite Strecken nach Hau<e finden; ich berufe mich .,«f ihn hauptsâchlich aus dem Grande, weil er sagte, dass die Rückkehr «weilen erst nach längerer Zeit und zwar nach Monaten und Jahren stattfindc.

**) Die Amerikaner nennen diese direkte Linie die ,Bienentinie(te-Mt#)*, da in manchcn Gegenden dort die Gewohnhcit herrseht, eine Anzahl herumschweifender bonigtragender Bienen zu fangen und sie dann von verschiedenen Punkten aus fliegen zu lassen. Die Insekten fliegen dann in gcrader Linie auf ihren Stock «o. den sic dadnrch den Honigsuchern verraten.

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bei ihrer Ruckkehr nicht denselben Weg einschlagen - genugt, die Wallacesche Hypothese wenigstens bezüglich der Behauptung xu widerlegen, dass der Rückweg von einer Erinnerung an die wahrend des Hinwegs erfahrenen Ceruchs-Eindrücke abhânge, indem ihnen die letzteren als Wegweiser dienten. Sonach scheinen mir nur zwei Erklärungen möglich. Erstlich, konnte man namiich voraussetzen, dass die Tiere mit einem speziellen Sinn zur Wahrnehmung der magnetischen ErdstrSmungen begabt seien und mittels desselben sich xurechtfanden; es steht der innem Wahrschein!ichkeit dieser Annahme zwar nichts entgegen, da wir jedoch keine greifbaren Beweise dafür haben, so wollen wir lieber davon absehen. Die andre Hypothese besteht darin, dass Tiere eine unbe-wusste Erinnerung an die Drehungen und Wendungen des Hinwegs und damit einen allgemeinenEindruck ihrer Lage behielten; diese Annahme findet eine Unterstützung in der Thatsache, dass, wie Darwnn bemerkt, auch der wilde Mensch ohne Zweifel mit diesem Vermëgen begabt ist. Einer meiner Freunde, der noch spater erwahnte Mr. Henry Fodde, der viele Jahre in den Waldern und Prarieen Amerikas lebte, behauptet, dass selbst der Kulturmensch, der längere Zeit an eine primitive Lebensweîse gewohnt worden sei, jene Fähig-keit erlange, und zwar in einem kaum geringeren Grade, wie die Wüden. Er versicherte mir aber auch, dass zu Zeiten, ohne nachweisbare Ursache, jener Orientierungssinn unklar wUrde und dann

*) let will hierzu eine Shniiche Beobachtung Derwins infahrenn „Ich brnchte ein« ein Reitpferd per Eisenbahn über Yarmouth nach Freshwater-Bay auf der Insel Wight. Am ersten Tage, als ich ostwärts ausrittt kehrte «ein M sehr ungern nach dem Stalle ~uruck und wandte sich mehrmals um. Dies verteitete mich tu wiederholten Versuchen und jedesmall wenn ich dieZuget losliess, machte das Pferd sofort kehrt und trabte ostwärts mitemer Neigung nach Nord, was mit der Richtung nach Kent ubereinstimmt,. Ich hatte dieses Pferd mehrere Jahre hindurch täglich geritten, hatte aber nie ein solches Verhalten bei ihm bemerkt. Mein Eindruck war der, dass es irgendwii die Richtung kannte, woher man es gebracht batte. Ich mOchte noch darauf aufmerksam machen, dass die letzte Strecke von Yarmouth „ach Freshwater fast direkt nach Suden geht, und gerade auf dieser Strecke war es

"»»«» Entwicklung d.« (M«tn.                                             2t

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» ab« peinvoll verworfen Empiindung fuhre. Er kannte eine* auf diese Weise bis zu einem hohen Gn.de von Nervosität heruntergekommen Jager, der, ab er sich schliesslich der Fuhrung seiner Gefährten anvertraute (die sich lediglich auf ihren Orientierungssinn verliessen), sich fortdauernd ûberzeugt hielt, dass diese irre gingen. Ats er nun in die Nahe seines Wohnsitzes gelangte, erkannte er war einen der Baume wieder, meinte aber, dass ein besondrer Einschnttt auf die andre Seite des Stammes geraten sei. Schliesslich schien sich ihm die ganze Welt um ihn, als um ihren Mittelpunkt, herum~udrehen. Ich nehme hierbei noch Bezug auf einen Brief Darwins, der seiner Zeit in der „Nature" (vol VII) veröffentlicht wurde:

„Die Art und Weise, in der der Orientierungssinn bei alter» und schwachen Personen zuweilén plötztich gestërt wird, und das Gefühl eines starken Veiwirrtseins, das, wie ich weiss, von Personen empfunden wird, die auf einmal herausfinden, dass sie in einer ganziich unbeabsichtigten und falschen Richtung vorgegangen seien, lassen die Vermutung entstehen, dass irgend ein Teil des Gehirns speziell zur Orientierung diene. Ob nun die Tiere jene Fahigkeit in einem noch vollkommneren Grade besitzen, als der Mensch, und ob dieselbe beim Antritt einer Reise, selbst wenn das Tier in einen Korb gesteckt wird, etwa mitspielt, môchte ich hier ««besprochen lassen, da mir genngende Daten darûber fehien." Dabei führt Darwnn Audubons Wildgans an, die zur bestimmten Jahreszeit stets eine starke Neigung zu wandern verriet, sich jedoch in der Richtung tauschte und sich nach Norden statt nach Saden wandte. Schliesslich berufe ich mich noch auf Bastian, der in seinem Werke uber das Gehirn folgendes schreibt:

„G. C. Mcrrill schreibt mir aus Kansas: Von den Jagern und Führern, die ihr Leben in den westlich von uns gelegnen Ebnen und Bergen zubringen, erfuhr ich» dass dieselben, gleichviel wie weit oder in welcher Richtung sie bei der Verfotgung eines Bisons oder eines andren Wilds gefuhrt werden, auf ihrer Rückkehr zum Lager stets die gerade Richtung einschlagen. Zur Erklärung dessen behaupten sie unbedenklich, dass sie alle gemachten Umwege im Sinne behielten. Ferner

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schreibt H. Forde uher seine Reisen in Westvirginien*): „Mar. sagt, dass selbst die crfahrensten Jager jener wilden Gegenden leicht einen Anfall von Schwiche bekommen d. h. auf einmal ihren Kopf verlieren und vermeinen, sie seien in eine ganz verkehrte Richtung geraten; weder Vernunftgründe, noch der Hinweis auf bekannte Zeichen in der Landschaft, noch auch der Stand der Sonne vermögen ihre grosse Nervositat und allgemeines Gefühl von Unbe-haglichkeit und Schwindel zu besiegen. Die NervositKt tritt nach dem ersterwahnten Anfalle auf und ist nicht ctwa die Ursache desselben. Die Eingebomen nennen dies „Verdrehtwerden«. Das Gefühl oberkommt einen manchmal ganz plötzlich, kann aber audi nach und nach entstehen. Auch Colonel Lodge") weiss von solchen Anwandlungen zu erzahlen, die manchmal alte und erfahrne Prariejager uberfieten. Die Indtanerhauptiinge versicherten G. Catlin'") übereinstimmend, dass wenn ein Mensch sich in ihren Steppen verirre, er stets im Kreise herumgehe und zudem sich ausnahmslos links herumdrehe, "von welcher elgentumlichen Erscheinung," wie dieser Autor hinzufügt, „ich mich in zwei Fällen selbst uberzeugen konnte."

Nun werden wir offenbar noch einige entscheidende Versuche über jenes Orientierungsvermôgen, sowohl beim Menschen wie bei Tieren, abwarten mUssen, ehe wir in der Lage sind, weiteres dar-über zu aussern. Die einzigen Versuche über diese Fragen bilden meines Wissens diejenigen Sir J. Lubbocks über den Orientierungssinn derHymnnopteren (die wir sogleich naher kennen lernen werden), sowie die noch etwas neueren von Fahre,f) der mit denselben Tieren experimentierte. Da der letztgenannte Verfasser ein abschliessendes Urteil gewonnen xu haben gtaubt, so halte ich einige Bemerkungen daruber far notig.

Auf einen Vorschlag Darwins hin setzte Fahre einige vorher kenntlich gemachte Mauerbienen in eine Papierschachtel, trug diesetben verschlossen auf eine gewisse Entfernung fort, wirbelte

") „Hunting Grounds of the Far West» (t876). ") „Life amongst the buliam» (p. 96). +) „AM**** So«™ Entomologies», t8*i, pp. w-izj.

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die Papierschachtel herum und trug sie dann auf eine noch weit grdssere Entfernung nach der entgegengesetzten Richtung hin, worauf er die Tiere freiliess. Er fand nun, dass wenn die Entfernung, bis zu welcher die Bienen gebracht wurden, drei Kilo. meter betrug, selbst wenn die Umdrehungen betrNchtiich waren (die Schachtel war an einer Schlinge befestigt und wurde an ver. schiedenen Punkten des Wegs in mannigfacher Weise herumgeschteudert), ein gewisser Prozentsatz der Tiere nach Hausc zurück-kam. Dabei machte es keinen Unterschied, ob die Bienen in einem ganz offnen Raume frcigetassen wurden oder in einem dichten Gehölz; auch war es einerlei, ob der Hinweg in gerader Linie oder auf Umwegen vor sich ging. Hieraus schliesst Fahre, dass der Orientierungssinn nicht von irgend einem ungefähren Ab-schatzungsprozess abhangen könne. Auf die Aufforderung Darwins wiederholte er den Versuch mit einer Magnetnade,, die er an die Brust einer Biene befestigte; als es aber der letztern gelang, sich von dem Hindernis loszumachen, Hess er es dabei bewenden.

Obwohl nun die Bemerkungen bezügiich der rotierenden Schachtel ohne Zweifel interessant sind, scheinen sie mir doch nicht das absprechende Urteil zu verdienen, dass der Orientierungssinn keineswegs von einem ungefährën Abschatzungsproxess abhangen kônne. Es ist allerdings wohl undenkbar, dass die Bienen eine Erinnerung an alle die Umdrehungen, die sie in der Schachtel gemacht, behalten haben sollten; wenn sie nun mittels ihres Orientierungssinnes ihren Heimweg gefunden hatten, so mttsste man mit der Schlussfolgerung FFbres ubereinstimmen. Es fehlt aber jeder Nachweis dafür, dass die Bienen ihren Weg lediglich auf diese Weise fanden. Es ist ja sehr wohl moglich, dass sie sich an besonderen Kennzeichen in der Landschaft zurechtfanden. Denn die Entfernung, bis zu welcher sie fortgetragen wurden, war nur drei Kilometer, und es ist bekannt, dass die Honigbienen bei ihren gewôhntichen Ausflügen dreimal weiter kommen. Oberdies lasst die Thatsache, dass nur eine verhältnismassig kleine Anzahl von Bienen (etwa 22 Prozent) zurückkamen, uns annehmen, dass diese die einzigen aus der ganzen Anzahl warcn, die bei ihrem Fluge aufs Geratewohi und in verschiednen Riehtungen zufällig auf ihnen

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bekannte Merkzeichen in der Gegend «tosen. Ich hin deshalb geneigt anzunehmen, dass wenn etwa der Orientierungssinn der In-sekten, wie leicht m0g!ich, durch die geschilderten Experimente wirkungslos gemacht worden wâre, die Resultate dennoch genau dieselben gewesen sein würden, wie Fahre sie beschrieben.

Kehren wir nun zu den Wanderungen zurùck, so halte ich es nicht fur ganz unwahrscheintich, dass der Orientierungssinn wesentlich unterstützt werden kann durch Beobachtung des Sonnenstandes. Allerdings fliegen ZugvSget bei Nacht, aber auch in diesem Falle und selbst wenn der Mond nicht am Himmel steht, um die Aufgabe der Sonne zu ersetzen, lasst sich einen grossen Teil der Nacht hindurch die Richtung des Sonnen-Auf- oder -Untergangs mittelst des Himmelslichtes festhalten und es scheint sogar, dass in ausser-gewChnlich dunklen und wolkigen Nachten Zugvügel leicht verwirrt werden.") Dies tindet durch den nachstehenden Fall eine genugende Best8tigung. Schon an andrer Stelle") führte ich eine Reihe vor» Beobachtungen an, die von Sir J. Lubbock in Betreff des Orientierungssinnes bei Ameisen ausgehen. Die angestellten Versuche lieferten ziemlich entscheidende Resultate und Hessen Lubbock schliessen, dass die Ameisen einen eigentümiichen Orientierungssinn besitzen. Ferner stellte es sich (anfangs zufällig) heraus, dass die Ameisen stets ihren Weg fanden, indem sie die Richtung beobachteten, nach welcher die Strahlen des Lichts fielen: Solange die Lichtquelle an derselben Stelle blieb, wussten die Tiere, sooft sie auch auf einer rotierenden Platt< herumgedreht werden mochten, sobald die Rotation aufhorte, ihren Weg von und nach ihrem Neste sicher zu finden; sobald aber das Licht versetzt wurde, wurden sie in ihrem Verhalten unsicher, selbst ohne alle Rotation. Wenn nun Ameisen daran gewohnt sind, sich nach den fallendet»

*) Prof. Newton treibt in det KOm (Vol. XI, p. 6): „Dunkle, wolkige NUchte scheinen die Wandrer in Verwirrunn m bringen. In solchea NSchten ist schon manchee auf da< Geschrei einer grossen Menge von Vögel» aufmtrksam gemacht wordenn die Bber unsrer (Cambridge) und andern Städtea schwebten, anscheinend im Ungewiisen, wohtn sie sich wenden sollten und angesogen durch den Schein unsrer Strasscnlaleme».«'

») Animal InMigence.

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Lichtstrahlen bezw. dem jeweiligen Sonnenstande zu richten, so sehe ich nicht ein, warum wir nicht bei den Zugvogein auf dieselben Ursachen schliessen sollten. Nichtsdestoweniger will ich dies vorlaufig noch dahingestetlt sein lassen. Die Erscbeinung, dass Zugvôge), gleich vielen andern Tieren, irgendwie imstande sind, einen richtigen Kurs nach einem bestimmten Ziele cinzuhatten, ist in der That noch nicht erklärt. Es ist dies aber noch kein Beweis gegen unsre Theorie im grossen und ganzen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass jene Erscheinung noch cine genügende Erklirung finden wird und wenn wir erst mit Hestimmtheit diese Erklärung zu geben vermogen, so werden wir auch angeben konnen, ob die Fahigkeit des Wegfindens mit unsrer Entwicklungstheorie, soweit sie den Instinkt betriftt, vereinbar ist oder nicht.

Wenden wir uns nun zu der zweiten der Wallaceschen Voraussetzungen, die darauf hinausgeht, dass wenigstens einige Zugvugel durch Vererbung eine sehr genaue Kenntnis der zu verfol-genden Richtung besitzen mussen. Es ist ohne Frage eine erstaunliche Thatsache, dass ein jungcr Kuckuck dazu getrieben wird, seine Pflegeettern zur gegebenen Jahreszeit zu verlassen und, ohne alle Fuhrung, den Weg zu suchen, den seine eigentlichen Eltern vorher genommen haben; jede Instinktlehre, die vollstSndig sein will, hat jedoch mit dieser Thatsache zu rechnen. Nach unsrer eignen Theorie kann diese Erscheinung nur als ein vererbtes Gedächtnis aufgefasst werden. Offen gestanden, halte ich es allerdings fur unglaublich, dass viele hundert Meilen Landschafts-Szenerie, abgesehen von weiten Meeresstrecken, das Objekt eines vererbten Gedachtnisses bilden sollten;*) der Fall erscheint mir aber gamicht .so hoffnungstos, um einer so extremen Hypothese zu bedürfen. Wenn wir dabei bleiben, dass nach unsrer Theorie der junge JCuckuck auf seiner ersten Reise den Weg mit Hilfe seines vererbten Gedachtnisses findet, so brauchen wir nicht notwendig an-

«) Diese Anschauunn ist .«erst von Canon KUgsley (Nature 1867 Jan. IS) veröffentlicht worden; derselbe hat aber seitdem noch mehrerr un~bhängige Nachfolger gefunden.

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zunehmen, dass dies die Erinnerung an eine Landschatt sei. Wie ich schon frUher gesagt, wissen wir hoch gar nicht, was den Kurs der Zugvôgel im allgemeinen leitet; was dies aber auch sein mSge, es wird kaum die aussere Erscheinung der Landschaft sein, Uber die sie hinwegfliegen, zumal wenn wir bedenken, dass die Entfer-nungen zuweilen ungeheuer und die betreffenden Länder oft durch zwei bis dreihundert Meilen Ozean von einander getrennt sind, abgesehen davon, dass die Vogel haufig ihre Reise auch bei Nacht machen. Auf was beruht denn aber das vererbte Gedachtnis des jungen Kuckucks (bezw. auch andrer Zugvôgel)? Wir vermëgen nur zu antworten: Auf denselben Ursachen (welches dieselben auch sein mOgen) wie bei den alten VOgeln. Wenn wir diese kennen, werden wir auch wissen, ob sie mit unsrer Entwicklungstheorie, die vermuten lasst, dass wir es hier mit einem Objekt vererbten Gedachtnisses zu thun haben, vereinbar sind oder nicht. Wenn wir z. B. annehmen, dass die alten Vëgel bei ihrem Wegzug sich nach dem Sudwind richten, dem sie entgegenziehen (wie z. B. W. Black vermutet, der glaubt, dass die Schwalben stets gegen den Südwind anfliegen), so würde die Vererbung leichtes Spiel haben, indem sie den warmen, feuchten Hauch des Windes nur mit dem Verlangen verbande, diesem entgegen zu fliegen. Ich stelle diese Vermutung nur auf, um zu zeigen, wie einfach die blosse Vererbungsfrage sich gestalten wurde, wenn wir einmal die Mittel kennen, mit Hilfe deren die Zugvoget ihren Weg zu finden wissen. Der einzige Unterschied zwischen der Fahigkeit, die Heimat zu finden, und dem Wandertrieb in Verbindung mit dem Orientierungssinn, scheint mir darin xu liegen, dass der junge Kuckuck, und wahrscheinlich auch die andern Zugvdgel, ihren Weg instinktiv oder wenigstens ohne jeden Unterricht kennen. Wenn wir aber ermitteln kOnnten, auf was die Fahigkeit des Heimat-findens beruht (die, beilaufig gesagt, kein Instinkt ist, da ihr Vorkommen selbst innerhalb der damit begabten Art eine Ausnahme und nicht die Regel büdet), so wurden wir damit wahrscheinlich auch einen Aufschluss daruber erhalten, in welcher Weise die Vererbung diese Fghigkeit zum Wanderungsinstinkt steigerte.

Ohne Zweifel ist diese Diskussion unbefriedigend, und zwar

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aus dem Grunde, weil über diesen Erscheinungen noch ein so grosses Dunkel herrscht. Alles, was ich thun konnte, beschränkt sich darauf zu zeigen, dass, soviet wir von der Sache wissen, der Wandertrieb unsrer Lehre von der Bildung der Instinkte im allgemeinen kein Hindernis bietet. Ich berufe mich dabei auf die , schon erwähcte allgemeine Thatsache, dass der Wanderungsinstinkt sowohl abänderungs- als steigerungsfahig ist, dass er gelegentlich auch bei domestizierten Tieren auftritt und dass der Orientierungs. sinn, auf dem er beruh,, ganz allgemein sowohl bei Tieren, wie beim wilden Menschen vorkommt; alle diese Erscheinungen deuten * aber übereinstimmend darauf dahin, dass, was audt die Ursache ,, des Wandertriebs sein môge, derselbe wahrscheinlich im Sinne \ der allgemeinen Entwicklung sich ausgebildet hat.                             ,

F. Instinkt gechhcechtsloser Ineekten.

< Darwnn selbst wies bereits auf eine ernstliche Schwierigkeit .

in seiner Theorie vom Ursprung der Instinkte durch natürtiche ,! Zuchtung hin, die, wie er bemerkte, zu seincr Uberraschung noch , niemand geltend gemacht habe. Die Schwierigkeit bestehr darin, dass bei verschiednen Arten gesellschaftlich lebender Insekten, wie . z. B. bei Bienen und Ameisen, geschlechtslose Individuen vor- a kommen, die ganz andre Instinkte, als die andern, geschlechtlichen Individuen zur Schau tragen; da aber die Geschlechtslosen keine Nachkommen erzielen, so ist es schwierig tu verstehen, wie ihre besondren, deutlich unterschiednen Instinkte sich durch natürliche < Züchtung entwickelt haben kônnen, zumal die letztere, wie wir wissen, zu ihrer Wirksamkeit doch der erblichen OberIieferung , geistiger Fahigkeiten bedarf. Die Schwierigkeit wachst, wenn wir \, bedenken, dass bei Termtten und Ameisenarten in ein und demselben Neste verschiedene Varietaten oder Kasten von Geschlechts- l losen vorkommen, die sowohl in ihrem organischen Bau, als aucb in ihren Instinkten weit von einander abweichen. Den einzigen Weg~ auf dem wir dieser Schwierigkeit begegnen kônnen, hat Darwin. '; selbst angegeben, indem er die Vermutung aufstellte, dass die na- , türliche ZOchtung sich sowohl auf die Familie, als auch auf das ,.

I )

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Individuum erstrecke. Der Macht der Auslese kann man wohl zutrauen, dass sie bei einer gewissen Rindviehrasse stets Ochsen mit ausserordentlich langen Hörnern hervorzubringen vermOge, wenn man nur sorgf~ltig daruber wacht, Stiere und Kühe mit moglichst langen Hörnern zusammenzubringen; und doch wird ein Ochse niemals seinesgleichen hervorbringen. Ahntich verhält es sich natürlich auch mit den Geschlechtslosen. Mit andern Worten, wir kënnen das Nest oder den Stock selbst als ein Individuum be-trachten, dessen Organe die geschlechtlichen Insekten und die ver. schiednen Kasten der Geschlechtslosen bilden; dabei kënnen wir uns die natürlichen Beziehungen auf diesen Organismus ais Ganzes wirkend denken, etwa in der Weise, wie wir uns in der Regel ihren Einfluss dem "sozialen Organismus" oder den menschlichen Gemeinschaften gegenüber vorstellen. Allerdings ist, genau ge. nommen, die Analogie zwischen einem Ameisennest und einem Organismus, oder selbst zwischen einem Ameisennest und einer sozialen Gemeinschaft kein sehr starker, insofern es den modus operandi der natürlichen Zuchtung betrifft; denn einerseits entspricht den Organen eine Mannigfaltigkeit getrennter Individuen, wahrend andrerseits kein so grosser Kontrast zwischen den verschiednen Klassen der menschlichen Gemeinschaft besteht, wie zwischen den verschiednen Kasten einer Insektenkolonie. Das Wesentliche der Frage besteht in Wirklichkeit darin, ob es der natürlichen Züchtung mogtich ist oder nicht, auf spezifische Typen, im Untcr. schied von den individuellen Gliedern derSpezies, zu wirken? Zu Lebzeiten Darwins hatte ich den Vorzug, diese Frage mit ihm zu besprechen, under versicherte mir, dass die damit zusammenhangenden Bedenken ihn namentlich wahrend seiner Bearbeitung der "Entstehung der Arten" sehr beschäftigt hatten; er habe aber die Frage so verwickelt gefunden, dass es ihm nicht rätlich er-schien, naher auf sie einzugehen. Es würde zu viel Raum erfordern, diesen Versuch hier zu wagen und ich nahm nur deshalb Bezug darauf, weil ich zu zeigen wunschte, dass die spezielle Schwierigkeit, die uns gegenw&rtig beschäftigt, gerade in jener allgemeinen Frage enthalten ist. Bei einer künftigen Gelegenheit beabsichtige ich indessen diesen Gegenstand nSher zu erôrtern und hoffe

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dann auch zugleich die Bedeutung jener speziellen Schwierigkeit abzuschwSchen. Nur auf einen schon von Darwnn erwahnten Punkt will ich hier noch aufmerksam machen, der darauf hindeutet, dass die verschonen Kasten der Geschlechtslosen allmahtich und deshalb wohl unter dem Eufins der natürlichen Züchtung entstanden sind. Die' , ser Punkt besteht darin, dass bei sorgfältiger Untersuchung Ge-schlechtste der verschiednen Kasten mit mehr oder weniger aus-gepragten Obergangen in ihrem organischen Bau gelegentlich in einem und demselben Nest angetroffen werden.*) Im grossen c Ganzen halte ich also diesen eigentümtichen schwierigen Fall fUr -nicht so schwerwiegend, dass er eine durch die Hypothese der f natürlichnn ZUchtung gebotne Erklärung ausschlösse, zumal wenn wir bedenken, dass wir diese Hypothese schon bei andern und , weniger schwierigen Falten stichhaltig fanden.                                   ;]

t G. Instinkt der Raubwespe (Splux).                        <

Diese Abteilung der Hyraenopteren zeigt in einigen ihrer Arten

die merkwOrdigsten Instinkte der Welt Dieselben bestehen darin,    g

dass sic Spinnen, Insekten und Raupen in ihre Hauptnervencentren    ;( stechen, infolge dessen die Opfer nicht sofort getotct, sondern nur

widerstandsios gemacht werden; sie werden alsdann zu der von    k

den Wespen vorher fertig gestellten Höhle geschleppt, und da sie    t

in ihrem gelahmten Zustand mehrere Wochen lang bleiben, dienen     , sie schliesstich den heranwachsenden Larven trefflich zur Nahrung. Die genaue anatomische, um nicht zu sagen physiologische Kenntnis,

die dem Insekt eigen zu sein scheint, indem es nur in die     '

Nervencentren seiner Beute sticht, bedarf jedenfalls einer naheren    f

Erorterung. Was man von dieser ûberraschendnn Thatsache weiss,     

ist aber im wesentlichen folgendes:                                                  a

Ein und dieselbe Spezies der Spltex stelltj stets ein und derselben Art von Beutetier nach. Ist das Opfer eine Spinne, so lässt     , der Instinkt des Angreifers ihn einen einzigen Stich in das grosse     , Ganglion machen, wo die meiste centrale Nervenmaterie ange-     ,

*) Vergl. .Ziehung der Arten" 320 u. <gd.

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sammett ist. Besteht die Beute aus einem Kafer, so wirft ihn die Wespe - und es sind acht Arten Sphex, die zwei Gattungen von Käfern nachstellen - zuerst auf den Rücken, umarmt ihn und bohrt ihm dann den Stachel in die Membran tischen dem ersten und dem zweiten Fusspaar. Der Stachel trifft in diesem Fall das Hauptnervencentrum, welches bei den betreffenden Käfern unge-wohntich stark entwickelt ist. Hat das Tier eine Grille gefangen, so wird dieselbe ebenfalls auf den Rücken gezerrt, und wahrend die Wespe dann die Mandibeln fest auf das letzte Hinterleibs-Segment ihres Opfers stemmt und mit den Füssen den Korper desselben seitlich niederhält - mit den Vorderfissen die langen Hinterbeine der Beute niederdrückend und mit den Hinterfdssen die Mandibeln derselben zurückhaltend, um sie araBeissen zu hindern, zugleich die hautige Verbindung zwischen Kopf und Rumpf an-straffend - stôsst sie ihren Stachel nacheinander in die Nerven-centren, und zwar zuerst in dasjenige untcrhatb des Halses, den sie zu diesem Zwecke nach hinten drückt, dann in das hinter der Vorderbrust und zuletzt noch in das dahinter gelegene. Eine auf diese Weise gelähmte Grille lebt noch mindestens sechs Wochen und mehr. Bitdet eine Raupe das Opfer, so erhält sie eine Anzahl von sechs bis neun Stichen, einen zwischen jedes Körpersegment, von oben angefangen, worauf der Kopf schliesslich durch einen Biss mit den Mandibeln xusammengedruckt wird/)

So weit es nun die Spinne und den Käfer betrifft, finde ich in dem Mitgeteilten kein Bedenken gegen unsre Theorie von der Bildung des Instinkts, denn da sowohl die grossen Nervencentren der Spinne, wie der Stachel der Sphex sich auf der Medianlinie ihrer Besitzer befinden und dieses Zusammentreffen von vornherein den Stich in das Ganglion ausserordentlich erleichtern musste, so ist es ziemlich klar, dass die natürliche Züchtung ein sehr geeignetes Material vorfand, um den Instinkt in der geschilderten Weise zu entwickeln. Auch bezügtich des Kafërs weist Fabee ausdrucklich darauf hin, dass der einzige verwundbare Punkt der harten Hülle des Tieres in der Gelenkverbindung liegt, in welche die

*) V«rgl. Fabre, Souvenir, Entomologies, t8y9 u. 1883.

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Sphex ihren Stachel versenkt. Sonach kann es denn nicht auf-fallen, dass die natUrtiehe Züchtung den Instinkt in der Weise entwickelte, dass der Korper des Beutetieres an dem einxigen Punkte durchstochen wurde, «o der Stich mechanisch überhaupt anzubringen war.

Ganz anders liegt aber der Fall bei der Grille und der Raupe, denn hier - und besonders in letzterem Falle - begegnen wir der außergewôhntichen Erscheinung, dass ein Insekt ohne vorherige Anleitung und ohne mechanisch dazu genStigt zu sein, instinktiv eine Anzahl kleinster Punkte an dem einfOrmig weichen KOrper seiner Heuie auswahtt, und zwar mit der anscheinend sehr genauen Kenntnis, dass nur an diesen Stellen die eigentümlich lahmcnde Wirkung des Stiches beizubringen sei. Nach eingehender Erwägung dieses Falles muss ich offen gestehen, dass ich ihn für die verblüffendste Erscheinung halte, die mir jemals bekannt geworden, eine Erscheinung uberdies, die nur sehr schwer mit den Prinzipien unsrer Theorie in Einklang zu bringen ist. Dennoch scheint es ausserst wünschenswert, dass man eingehendere Nachforschungen darüber anstelle, um noch mehr Licht über den Ursprung und die-Entwicklung dieses Instinkts xu gewinnen. So weit sich unser Wissen bisher daruber erstreckt,' vermute ich, dass die Entstehung des Instinktes rein sekundarer Natur ist, obwohl seine nachmalige Entwicklung wahrscheinlich .durch naturliche Züchtung unterstüzt wurde. Mit andern Worten, soweit wir heute darüber urteile* kënnen, kann ich nur schliessen, dass jene .vespenartigen Tiere ihren heutigen Instinkt der hohen Intelligenz ihrer Vorfahren zu danken haben, die aus Erfahrung die Wirkung von Stichen zwischen den Segmenten von Raupenkorpern herausfanden und in der Fotge diese Praxis so lange ausübten, bis sie zu einem Instinkt wurde~

Noch im letzten Jahre seines Lebens unterhielt ich mich mit Darwin Uber diesen Gegenstand und nachdem er denselben hin-und her Uberlegt hatte, kam auch er endlich zu der eben aufgestellten Schlussfolgerung. Es geht dies aus dem folgenden Briefe an mich hervor, der in wenigen Worten die Wege andeutet, die allem Anschein nach zur Erwerbung dieses eigentümlichen Instinktes fuhrten:

n

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"Ich dachte an PoMpilus und Verwandte - lesen Sie ge-'iSUigst einmal Uber die Durchbohrung der Gorolh seitens Bienen, Ende des elften Kapitels meiner Kreuz- und Selbstbefruchtung. Bienen legen soviel Intelligen, in ihren Handlungen an den Tag, dass es mir nicht unwahrscheinlich vorkommt, dass die Vorfahren von Pompilus ursprünglich Raupen und Spinnen etc. irgendwo an ihrem KSrper angestochen und dann, vermoge ihrer Intelligenz, beobachtet hatten, dass wenn sic sie an einer bestimmten Stelle anstachen, wie z. B. zwischen den Segmenten der hintern Seite, ihre Beute sofort gelähmt war. Mir scheint es durchaus nicht unglaublich, dass diese Handlung sodann instinktiv, d. h. durch das Cedachtnis, von einer Generation zur andern ubermittett wurde. Es scheint mir nicht notig vorauszusetzen, dass wenn Pompüus seine Beute in das Ganglion stach, er dies gerade beabsiehtigte oderwusste, dass seine Beute noch lange am Leben bleiben wurde. Die Entwicklung der Larven kann in der Folge mit Bezug auf ihre halbtote statt ganztote Beute modifiziert worden sein; die Annahme, dass die Beute von vornherein völlig getotet worden sei, erfordert ■viele Stiche. Überlegen Sie sich dies einmal u. s. w.«|

Im vierzehnten Kapitel gab ich bereits einen kurzen Bericht über das Anbohren der Corolla seitens der Hummeln und der darauffolgenden Benutzung dieser Locher seitens der Honigbienen. Man wird sich erinnern, dass ich diese Thatsachen in Verbindung mit der Macht der Nachahmung zwischen verschiedenen Arten in Verbindung brachte, insofern die Honigbienen bemerkten, dass die Hummeln Xeit ersparten, indem sie an den Lochern saugten, statt in die Blüten hinein zu gehen. Die Hauptsache dabei ist aber die Intelligenz der Hummeln, welche sozusagen die Idee fassten, die Locher zu bohren. Eine eingehende Beobachtung zeigt uns, dass sie die Locher mit einer so genauen Kenntnis der Morpho!ogte der Blüten bohren, wie sie von der Spltex hinsichtlich der Morphologie der Spinnen, Insekten oder Raupen an den Tag gelegt wird. So beissen sie z. B. bei den Schmetterlingsblüten nur durch die Fahne und stets an der linken Seite gerade uber dem Nektargang, der hier breiter ist als an der rechten Seite. Deshalb ist 'es, wie Francis Darwin bemerkt, "schwierig zu sagen, wie die

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Bienen jene Gewohnhcit annehmen konnten. Ob sie die Ungleichheit im Umfange der Nektarien beim regelrechten Ansaugen der Blüten bemerkten und dann ihre Kenntnis dazu benutzten, das Loch an der geeigneten Stelle durchzunagen oder ob sie es fur das Beste fanden, die Fahne an verschiednen Stellen durchzubeißen , und sich dann deren Lage bei andern Blüten erinnerten: in jedem Fall zeigten sie eine beachtenswerte Fahigkeit zur Benutzung dessen, was sie durch Erfahrung gelernt hatten.)*)

Hieraus geht hervor, dass Hymenopteren in der That eine auffallend richtige Kenntnis des morphologischen Baues an den Tag legen und ich bin mit Darwnn der Meinung, dass dieselben der « Sphex an die Seite zu stellen seien. Es bedarf in der That keiner i grôsseren Kenntnis, um die Wirkungen eines Stichs bei einer Raupe ,: zu würdigen, als auf die Idee zu kommen, an die Außenseite einer a Blüte zu gehen und ein Loch durch die linke Seite eines beson- i dem Blumenbiattes gerade überdem grösseren Nektargangzu beissen. r Jedoch halte ich, wie gesagt, dafUr, dass weitere Beobachtungen. i - namentlich auf dem Wege des Experiments - erforderlich sind, ti ehe wir zu einer bestimmten theoretischen Erklärung von alledem n berechtigt sind. Alles was ich sagen kann, ist, dass beim gegen- F wütigen Stande unsrer Kenntnisse, Darwnss Anschauung alle Wahrscheinlichkeit fur sich hat. Wir sind nicht sonderlich uberrascht Uber den Instinkt, der den Angriff eines Frettchens gegen das ver- s längerte Mark eines Kaninchens richtet oder einen Iltis Frosche i und Kroten durch Verletzung ihrer Himhemisphären paralysieren 1 lasst; in beiden mit den obigen so auffallend ahnlichen Falfen muss 5; aber der Instinkt von einer intelligenten Beobachtung der Wirkungen eines Bisses in die betreffenden Telle der Beute ausgegangen sein. t Weder ein Frettchen, noch ein Iltis sind aber besonders intelligent           ti

zu nennen, sodass wir nicht allzusehr überrascht zu sein brauchen, r wenn wit einem ahntichen Grade von Intelligenz bei Insekten begegnen, die m der intelligentesten Gruppe der wirbellosen Tiere , gehôren.                                                                                                                          b

*) Xalurc .874. P- 189.

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H. Sichtotsten.en.

Es ist allgemein bekann,, dass verschiedne Arten von Tieren den Instinkt zeigen, im Falle der Gefahr sich tot zu stellen. Da es offenbar unmôglich ist, diese Erscheinung auf eine Idee vom Tode und eine bewusste Simulierung desselben aufsehen der Tiere zurückzufuhren, so erscheint der Gegenstand wichtig genug, um ihn einer naheren Betrachtung zu würdigen. Ich werde nun zunachst alle hierzu bekannt gewordnen Thatsachen anfUhren und dann zu ihrer Erklärung übergehen.

Das bekannteste Beispiel des in Rede stehenden Instinkts liefern verschiedne Arten von Spinnen und Insekten, von denen sich einige langsam xergliedern oder allmahlich zu Tode rôsten lassen, ohne die leiseste Bewegung zu verraten. Von Fischen bleibt der gefangene Star ruhig und bewegungslos im Netz, wahrend der Barsch sich tot stellt und auf dem Rücken schwimmt/) Nach Wrangel») strecken sich die wilden Ganse von Sibirien, wenn sie wâhrend der Mauserung beunruhigt werden und nicht zu fliegen vermëgen, der Lange nach, den Kopf versteckt, auf den Grund, wie um sich tot zu stellen und den Jager zu tauschen. Couhh zufoige ist diese Gewohnheit bei der Wiesenralle, der Feldterche und andern Vogetn allgemein. Über die Saugetiere sagt derselbe Verfasser: "Das Opossum von Nordamerika ist so bekannt wegen seines Sichtotstellens, dass sein Name sprichwörtlich geworden ist als ein Ausdruck fur Tauschung;; auch werden Beispiele über dieselbe Erscheinung bei Mäusen, Eichhornchen und Wieseln beigebrach.. Ahnliche Zeugnisse mit Bezug auf Wolfe und Füchse sind so überaus zahlreich vorhanden, dass man an der Wahrheit der Thatsache nicht zweifetn kann. So z. B. schreibt Kapt. Lyon in dem Bericht über seine Polar-Expedition, dass cin in einer Falle gefangener Wolf eines Tages anscheinend tot an Bord gebracht wurde. „A!s er auf dem Verdeck lag, bemerkte man jedoch, dass sein Auge zuckte, sobald ein Gegenstand in seine Nahe gebracht wurde,

*) Cooch, Illustrations of InstinH, ,>. '99. *) „Reben in Sibirier,".

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man hielt deshalb einige Vorsichtsmassregeln für nëtig, band seine Beine fest zusammen und zog das Tier, mit dem Kopfe nach unten, in die Hohe. In diesem Augenblicke gab er sich, zu unser aller Ûberrasehung, einen kraftigen Schwung nach denen, die sich in seiner Nahe befanden und wandte sich dann wiederholt aufwarts, um das Seil, an dem er aufgehangen war, zu erreichen und zu durchbissen.«

Noch zahlreicher sind die Beispiele von Fuchsen, die sich tôt stellten. Wie Blyth erzahtt,*) "hatte ein Fuchs, der in einem Hühnerhaus überrascht worden war, sich tot gestellt und sogar gedulden, dass man ihn am Schwanze forttrug und auf einen DUngerhaufen warf, von wo er sich jedoch alsbald aufraffte und Reissaus nahm, zum grossen Verdrusse des angeführten Menschen. In ahniicher Weise Hess sich ein solches Tier Uber eine Meile auf der Schul-ter, mit dem Kopfe abwNrts hângend, davon tragen, bis es sich durch cine List befreite." Couch, der noch eine ganze Anzahl ahniicher Beispiele bringt, fasst dieselben folgendermassen zusam-men: „Wenn der Fuchs vom Menschen plotztich überrascht wird, so stellt er sich haufig tôt, lässt sich anfassen und sogar misshandein, ohne ein Zeichen von Empfindung zu verraten. Diese hohe Verstellungskunst schreibt man seiner vollendeten Klugheit zu, die, wenn sich andre Auswege nicht mehr bieten, ihn zu der Kriegslist treiben, sich unfahig zu jeder Verteidigung oder Flucht zu zeigen, bis er jedcn Verdaeht entwaffnet hat und sich aller weite-ren Feindseligkeit entziehen kann.") Nach Jesse „stellensich auch

*) Loundoun's Mag. Nat. Hut. I., p. 5.

«) HlHarM»» of Instinct, p. 197. Sir E. Tcnncnt to seiner AW. Ilist. of Ceylon ercählt von einem Elefanten, der sich tot stellte; da aber unter ~en dort erahnten Umständen Elefanten oft wirklich sterben, so ist dieser Fall doch möglicherweise nicht einer absichtlichen Tiuschung seitens desTieres zuauschreiben. Dic (Schichte lautet wie foigt: ,W.Cripps mahlte uns einen Fall, bei dem ein kürzlich empfaogener Etefant entweder besinnangslos aus Furcht wurdc oder, wie die Einceben,«» meinen, sieh tot stellte, um seine Frcihcit zu ertangen. Er wurdc wie gewShnlich .wischen zwei zahmen Tieren ans dem Gchege geführt and war nicht mehr weit von seinem Bestimmungsort entfernt. Als nun die Nacht hereinbtach und Fackeln angezündet wurden, weigertc er sich weiter tu gehen und sank schliesslich anscheinend leblos zn

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Schlangen haufig tot und liegen bewegungslos, so lange sie sich fUr beobachtet oder gefährdet halten; wenn sie aber den Feind entfernt und sich ausser Gefahr glauben, entschlüpfen sie mit der grôssten Hast in das nâchste Versteck."

Unter den Vogein ist die Ralle fur diese Art List bekannt. Eine solche wurde einst, anscheinend vollig tot, einem Herrn von seinem Hunde apportiert; der Herr drehte sie mit dem Fusse um und um, wie sic an der Erde lag und hielt sich tiberzeugt, dass kein Leben mehr in ihr sei. Nach einer Weile sah er indessen, wie der Vogel ein Auge öffnete, er nahm ihn wieder auf, aber sein Kopf fiel herab, seine Füsse hingen lose, wiederum schien er sicher tot zu sein. Er steckte ihn darauf in die Tasche, fùhlte aber bald darnach, wie er Anstrengungen machte, zu entkommen; als er ihn aber herausnahm, schien er so leblos wie zuvor. Er legte ihn sodann auf die Erde und zog sich ein wenig xuruck, um ihn zu beobachten; nach etwa funf Minuten bemerkte er, wie der Vogel seinen Kopf behutsam in die Hahe richtete, um sich blickte und dann in aller Eile sich davon machte."

Bingley schreibt: "Diese List wird auch von der gemeinen Krabbe ausgeUbt, die bei Ann&herung von Gefahr wie tot daliegt, indem sie auf eine Gelegenheit wartet, sich bis an die Augen in den Sand zu graben."

Hieraus geht hervor, dass von den Insekten an auiwarts der Instinkt, sich tot zustellen, wenn nicht bei allen, so doch bei den meisten Klassen des Tierreichs vorkommt. Der Gegenstand verlangt deshalb eine aufmerksame Betrachtung, weil einerseits, wie gesagt, die Idee vom Tode und einer bewussten Vortauschung des-

BoduTM.Cripp. Hess dieFessln von seinen Fussen entfernen uud als die Hebeversuche sich verblich erwiesenn war er von seinem Tode so fest ûberzeugtt dass er befahl die Stricke abzunchmee und den Leichnam im Stiche zu lassen. Wahrend man damit bcschäftigt war, lehnten cr und ein Herr aus seiner Be. gleitung ansruhend au dem Korper des Tieres. Aïs sie nun nach ciner Weile ihrcnMarsch wieder aufnahmen und eine Jurze Strecke weiter gegangen waren, sahen sie ~u ihrem Erstaunen den Eletanten mit der grössten Schnelllgkeit sich erheben und nach den Dtchuageln fliehen, indem er aus vollem Halse schrie so dass seine Rufe noch lange zu haren waren, nachdem er selbst schon im Schatten des Waldes verschwunden war.«

Bomsnes, Entwicklung d«> Oabtes.                                                  2S

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selben eine hochgradigere Abstraktion erfordert, als wir sie irgend einem Tiere zutrauen kônnen, andrerseits es aber nicht eben leicht ist, die Thatsachen auf andre Weise zu erklären.

Ich werde in erster Linie anführen, was Couhh hieruber sagt, der, soviel ich weiss vor allen andern, es fUr ausgemacht hielt, dass Tiere bewusster Weise sich tot stellen, und zugleich auch eine vernünftige Hypothese darüber aUfstelIte. Er sagt:

„Eine wahrscheinliche Erklärung ist die, dass diePlötzlichkeit des Begegnisses, zu einer Zeit, da das GeschOpf sich dessen nicht gewartig hält, die Wirkung hat, seine Sinne zu betauben, so dass eine Anstrengung zur Befreiung ausser seiner Macht liegt und der Anschein des Todes nicht eine vorgetauschte List, sondern die Folge des Schreckens ist. Dass diese Erklärung richtig ist, scheint, ausser andern Beweisen, auch aus dem Verhalten eines so kühnen und wilden Tieres, wie der Wolf es ist, in diesem Fall hervorzugehen. Man sagt, dass wenn derselbe sich in einer Fallgrube gefangen hat, er vor Ûberraschung so betaubt ist, dass ein Mensch ohne weiteres zu ihm hinabsteigen, ihn binden und wegführen oder auch auf den Kopf schlagen kann. Auch soll er, wenn er auf seinen Streifungen in eine unbekannte Gegend kommt, viel von seinem Mut verlieren und ohne Gefahr angegriffen werden kSnnen.

Ein ahnliches Verhalten wie beim Fuchs, wird auch von einem kleinen Tier befolgt, dem man im allgemeinen keinen ungewohn-lichen Grad von Klugheit oder Zuversicht in seine eignen Hilfsquellen zuschreibt. In den Fachern eines Bucherschranks, abge-sperrt vom Licht, wurden einige Dinge verwahrt, die den Mausen noch zusagender zu sein pflegen als Bûcher; eines Tages, als die Thtren plötz!ich geöffnet wurden, bemerkte man dort eine Maus, und so festgebannt White sich das kleine Tier an seiner Stelle, dass es alle Anzeichen des Todes verriet und nicht einmal ein Glied rUhrte, als man es in die Hand nahm. Ein andres Mal sah man beim Ofïnen einer Stubenthür im vollen Tageslicht eine Maus still und bewegungslos in der Mitte des Zimmers; bei der Annâherung unterschied sie sich in keiner Weise von einem toten Tier, nur dass sie nicht auf die Seite gefallen war. Weder dieses noch jenes Tier machte irgend einen Versuch zu entweichen; beide

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Hessen sich nach Belieben aufnehmen, und doch hatten sie keine Verletzung oder Unbill erfahren, denn kurz darauf schienen sie wieder ganz lebendig und wohlauf.

Es dürfte wohi ebenso schwer halten, ein Wiesel schlafend, als in einem unbewachten Augenblick zu treffen; noch unwahrscheinlicher hort es sich aber an, dass es, Leblosigkeit vortauschend, die scharfen Griffe einer Katze geduldig über sich ergehen tasscn kOnnte; und doch traf es sich eines Tages, dass in der Nnhe einer Katze, die scheinbar gteichgültig fUr alles rings umher dalag, ein Wiesel unerwartet aufsprang, in demselben Augenblick ergriffen wurde und, wie tot zwischen den Zahnen des Raubers hcrabhangend, nach dem nahegelegnnn Hause getragen wurde. Da die Thür geschlossen war, legte die Katze, durch die anscheinende Leblosigkeit ihres Opfers getâusch,, dasselbe auf die Stufen, um, wie gewohnlich, durch ihr Miauen Einlass zu erwirken. Unterdessen hatte das kleine Tier seine Besinnung wieder erlangt und schtug mit einem Mal seine Zahne tief in seines Feindes Nase. Nun ist es wahr-scheinlich, dass neben der plëtziichen Uberraschung der feste Griff der Katze rund um den Kërper des Wiesels jedcn Widerstand unmôglich machte, zumal unsre kleinen Vierfüssler, die so kUhn zu beissen verstehen, auf diese Weise gewOhnIich ohne Schaden festgehatten werden; es istabek kaum anzunehmen, dass das Wiesel eine Tauschung versucht hatte, so lange es die Katze im Mau)e trug."

Diese Hypothese erfordert indessen noch speziellere Versuche, ehe man sie ohne weiteres annehmen kann; und zwar würden diese Versuche darin zu bestehen haben, dass man einem Tier in demselben Augenblick, da es sich totstellte, sofort die Freiheit wieder-gabe und es nun, ohne sein Wissen, überwachte. Bleibt es dann noch eine Zeitlang bewegungslos, so würde dies fur Couchs Hypothese sprechen; wogegen, wenn es sich sofort aufrafft, dies die Vermutung rechtfertigen würde, die Bewegungslosigkeit angesichts der Gefahr beruhe auf einer bewussten Absicht. Ich glaubte eines Tages dieses Experiment' selbst machen zu konnen. Ich hatte ein Eichhörnchen in einem Tuche gefangen und bemerkte, dass es sofort bewegungslos wurde. Ich legte es darauf an die Erde und erwartete lange Zeit im Verborgnen sein Wiederaufleben; da dies aber nicht

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erfotgte, so schritt ich zur naheren Prüfung und fand, class es nicht tauschtc, sondern wirklich tot war. Ich erwähne diesen Zwischenfall nur, weil ich ihn für eine wichtige Stutze für Couchs Hypothèse halte. Es geht daraus hervor, dass bei dcr Geiangennehmung eines wilden Tieres der blosse Schreck seinen Tod verursachen kann) und die Untersuchungen Prof. Preyers <ber den Hypno-tkmus') zeigen, dass die Furcht eine starke, prädisponierende Ursache der ,Kataplexie« d. h. des magnetischen Schiafes bei Tieren ist.

Hinsichtlich Preyers'«) Untersuchungen muss ich noch bemerken, dass derselbe das Sichtotstellen der Insekten ausschliesslich auf Kataplexie xurückfuhrt. Nachdem er die Macht dieses Einflusses bei der Hervorrufung ahniicher Erscheinungen im neuromuskulären System der höheren Tiere - bis zum Krebs herunter, den er im hypnotischen Zustande auf dem Kopfe stehen Hess - kennen gelernt, war es durchaus logisch von ihm, den Scheintod der Insekten auf dieselbe Ursache zurückzuführen. Seine Beweisführung wUrde aber noch überzeugendcr gewesen sein, wenn er die wichtigen Thatsachcn gekannt hätte, die von Darwnn beobachtet wurden und nun im Anhang zu diesem Huche veroffentlicht sind. Mit Bezug darauf kann man sagen, dass es keine Spinnen- oder Insektenart giebt, von der man behaupten könnte, ihre Haltung beim Scheintod stimme mit derjenigen überein, die das Tier im wirklichen Tode aufweist; sowie ferner, dass in vielen Fällen jene Haltung verschieden ausfällt und dass deshalb jeder Fall von Scheintod bei diesen Tieren eine Betätigung des Instinkts ist, bewegungslos und deshalb unauffällig in Gegenwart des Feindes zu bleiben. Begreiflicherweise Hess sich dieser Instinkt, seibst ohne Hilfe der Intelligenz durch die natürliche Züchtung leicht ausbilden, insofern diejenigen Individuen, die am wenigsten geneigt waren, vor dem Feinde wegzulaufen, vor denjenigen, die sich durch Bewegung auffällig machten, erhalten blieben.

) Dieselbe wurden spät« als Couchs Buch veröffentlicht und haben ertlich keinen direkten B<*„g auf die vorliegende Frage. «J Physiologische Abbandlungen 11, 1.

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Mit andern Worten, es ist klar, .|«s dieser lnstinkt durch primare Mittel entwickelt werden konnte, denn wenn es voiteilhafter fur ein Tier war, wenn es in Gefahr regungslos und deshatb dem Feinde gegenüber unauffällig verblieb, als wenn es sein Hei) in der Flucht versuchte, so musste offenbar die natürtiche Zuchtung iu Gunsten der Ruhe eingreifen, ebenso wie sie in andern Fällen zu Gunsten der Beweglichkcit wirkt. Ich halte es aber durchaus nicht fur unwahrschein)ich, dass die Kataplexie von ~rossem Kinfluss bei der Entstehung und Aushildung dieses Instinkts war. Denn wenn diese eigentumtiche physiologische Erscheioung bei Insekten und Spinnen vorkommen kann - wie sie z. 13. zweifellos bei dem zu derselben Klasse gehorenden Krebs beobachtet wurde - so wäre der naturtichen Zuchtung damit ein Material geliefert, aus dem sie woht jenen Instinkt zu bilden vcrmoch'e. Wenn aber der Ursprung desselben hier xu finden ist, so kënnen wir wohl annehmen, da» er bei seiner Entwicklung auch diesetbe Richtung eingehatten hat, insofcrn die natürtiche Züchtung stets die katapte-gische Empfangtichkeit unterstütze und sonach mit grosser Rasch-heit unter dem Einflu» gewisser Reize jenen Zustnnd hervorrief, den sic zugleich nur so lange andauern Hess, als die verursachenden Reize wirkten. So kommen wir zu dem bckanntcn Zustande hei Tieren, die, wie der Holzwurm, bei jeder Beunruhigung sofort in einen kataptegischen Zustand verfallen (in dem sie gegen jedcn Schmerx gefühllos sind), sich aber sofort wieder aufraffen, sobald die Quelle der beunruhigenden Reizung beseitigt ist.')

Wir haben hier also ein nicht unwahrschein)iches und jedenfalls interessantes Beispiet davon, in welche fremdartigen und so-

*) EinBcdcnken gegen dicseAnschauung wMtDuncan(,~M imdiml') auf. Derselbe sagt, dass Spinnen im scheintote» Zustand ..Ich mit Nadeln durchstechen und in Stücke reissen lassen,'ohae das gfringste Zcicben von Furcht zu verraten«! er ftgt hinzu, dnss wenn die Ursache wirklich ,eine Art durch Schreck verursachter Beübung« «re, das Tier nicht so rasch wieder ïu slch kommen würde, sobald der Gcgenstand des Schrecks beseitigt ist. In der That geht aber .die Betäubung« durchaus nicht so rasch nach Aufhören des Reizes vorüber; sic dauert bei manchen Vögeln so lang a!s der kataple-gische Zustand, bei der Eule z. B. so lange man sic beim Rucken festhältt

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zusagen weitab gclegnen Gebiete die natürtiche Züchtung zu Gunsten eines vorteilhaften Instinkts einzugreifen vermag. Ich will jedoch ausdrückiich bemerken, dass ich dieses Beispie) nur beilaufig anführe. Ich halte, rnitPreyer, den Scheintod der Insekten fûr eine Erscheinung, in der die Prinzipien des Hypnotism!» wahrscheinlich beteiligt sind. Damit betrachee ich aber diese Prinzipien nur als ein Material, aus dem die natürliche Züchtung jenen Instinkt gebildet hat. Ob dièse Prinzipien in Wirklicbkeit bei jenen Erschci-nungen beteiligt sind oder nicht, ist eine Frage für sich; die Hauptsache fUr uns bleibt die, dass der Instinkt, mag er nun mit oder ohne Untcrstützung der Kataplexie entwickelt worden sein, jedenfalls durch die naturlicheZtchtung entwickelt wurde. Darwnss Beobachtungen stellen diese Folgerung Hber allen Zweifel; und selbst wenn die Erscheinungen der Kataplexie für die Zwecke der natürlichen Züchtung nicht geeignet waren, so ist .dies doch ohne Zweifet mit andern Materialien der Fall; denn a priori scheint es keine grëssere Schwierigkeit zu verursachen, den Instinkt zu entwickeln, unter gewissen Umstandcn bewegungslos zu bleihen, als den, hinwegzulaufen, und es ist wenigstens Thatsache, dass aile Tiere mit Schutzfarbung, sei es als Ursache oder Folgcwirkung, ihren Instinkt in der ersteren Richtung entwickelt haben. Wir' dürfen deshalb vermuten, dass ein Tier, welches nicht hinreichend beweglich ist, um sein Heil in der Flucht zu finden, durch die. naturJiche Zuchtung in der Richtung eines ruhigen Verhaltens unterstutzt wird - sei es mit oder ohne Unterstützung der Kataplexie, die indessen an und fUr sich allein keinen Instinkt zu bilden vermag. So weit scheint die Sache ziem-lich klar. Nun haben wir aber noch einige wichtige Unterscheidungen zu treffen. Der simulierte Tod bei einem hoch intelligenten Tiere wie dem Fuchs ist z. B., psychologisch betrachte,, ein ganz andres Ding als der bei Insekten, so dass eine Erklärung, die dem einen Fall vollkommen Rethnung tragt, durchaus nicht fur den andern passt. Wahrend ich z. B. die gedachte Erscheinung bei den Insekten auf einen nicht-intelligenten Instinkt zuruckfUhre, der in der oben geschilderten Weise durch die natürliche Züchtung entwickelt wurde, halte ich nicht dafUr, dass dies auch bei den Wir-beltieren der Fall sei.

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Ein Fuchs wurde niemals Aussiel« haben, seinem Feinde zu entrinnen, wenn er bewegungslos bliebe, statt seine Beine zu gebrauchen und den Jagdhund hinter sich zu lassen. Der Scheintod ist in dicsem Fall durchaus nicht immer derselbe und deshalb auch nicht, wie bei den Insekten, instinktiv. Ich stimme demnach nicht ganz mit Prey er uberein, wenn er die allgemeine instinktive Regungslosigkeit gewisser Insekten bei Beunruhigung lediglich dem Einfluss der Kataplexie xuschreibt; dagegen halte ich das gelegentliche (xufällige) ruhige Vcrhalten bei wilden Wirbeltieren unter ahnlichen Umständen fUr eine unzweideutige Stütze seiner Anschauung. Denn hier ist die Handlung nicht allgemein, ja nicht einmal gewëhniich, und wenn sie Platz greift, wird sie in der Regel dem Tiere cher schadtich als alles andere sein, wenn wir bedenken, dass die ganze Organisation des Tieres im ubrigen auf rasche Bewegung angepasst ist. Ich halte deshalb Couchs Hypothese in Bezug auf Vogel und Saugetiere fùr die annehmbarste, namentlich wenn wir sie mit den neuerdings bekannt gewordenen Thatsachen der Kataplexie in Zusammenhang bringen.')

Anderseits habe ich hinreichenden Anhalt zur Vermutung, dass gewisse Affen sich tot stellen, und zwar zu dem wohlbedachten Zweck, nicht etwaigen Feinden zu entgehen, sondern um ihre Opfer zu tauschen. Hier kann also weder von Schreck, noch von Kataplexie die Rede sein, wir müssen vielmehr die Thatsache hinnehmen und uns nach einer andern Erklgrung umsehen,

Thompson erzahtt") einen Fall von einem gefangnen Atfen, der an einer aufrechtstehenden langen Bambusstange in den Dschungeln von Tillicherry festgebunden war. Der Ring am Ende seiner Kette hing nur lose um die glatte Stange, so dass das Tier im stande war, an der letzteren nach Belieben auf und ab zu klettern. Er hatte sich gewShnt, auf der Spitze der Stange zu sitzen, und die Krahen, Vorteil aus seinem hohen Sitze ziehend, pflegten dann sein Futter zu stehlen, das ihm jeden Morgen und jeden Abend

<inbaren sein.

**) Passion* of Mimais, p. m

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an den Fuss der Stange gestelit wurde. ,Dem gegenüber hatte er schon vergebens durch Zahnefletschen sein Missfallen ausgedrückt; auch andre Anzeichen seines Unwillens blieben wirkungslos, jene setzten ihre periodischen Plünderungen fort. Aïs er herausfand, dass er vollstandig unbeachtet blieb, sann er einen Racheplan aus, der ebenso wirkungsvoll, als sinnreich war. Eines Morgens, als seine Qualgeister besondess storend auftraten, schien er etnstiich erkrankt; er schloss die Augen, Hess den Kopf sinken und zeigte noch ver. schiedne andre Symptome ernsten Leidens. Kaum war seine gewôhniiche Ration am Fuss der Stange niedergesetzt, als die Krahen, die Gelegenhett wahrnehmend, in grosser Anzahl herzuflogcn uhd ihrer Gewohnheit gemass seine Vorrate zu plündern begannen. Der Affe begann nun die Stange ganz langsam herabzustcigen, als wenn die Anstrengung ihm sehr schmerzhaft ware und die Krankheit ihn so übermannt hatte, dass seine Kraftc kaum noch zu dieser An-strengung ausreichten. A!s er den Boden erreichte, wälzte er sich einige Zeit wie im Todeskampf umher, bis er sich dicht bei dem Gefâsse befand, das sein Futter enthielt, welches die Krahen mittlerweile fast ganz verschlungen hatten. Es war jedoch noch immer etwas zurückgebiieben, das ein einzelner Vogel, durch die anscheinende Krankheit des Affen kühn gemacht, zu ergreifen Miene machte. Das verschmitzte Tier lag in diesem Augenblick in einem Zustande von anscheinender Empfindungslosigkeit am Fuss der Stange, dicht bei der Schüssel. In demsetben Momente aber, wo die Krahe ihren Kopf ausstreckte und bevor sie noch eine Portion der verbotnen Speise sich hatte sichern kônnen, ergriff der wachsame Vergelter den Dieb mit der Schnelligkeit eines Gedankens am Halse und beugte damit einem weiteren Unrecht seinerseits fürs erste vor. Darnach fing er an zu grinsen und mit dem Ausdruck des grëssten Triumphs mit den Zâhnen zu fletschen, wahrend die Krahen krachzend umhernlogen, als ob sie für ihren gefangnen Gefahrten Fürbitte thun wollten. Der Affe fuhr noch eine Zeit lang mit seinem Zahnefletschen und Grinsen fort, nahm dann bedachtig die Krahe zwischen seine Kniee und fing an sie mit dem grossten Ernste zu rupfen. Ats er sie bis auf zwei grosse Federn an den Flügein und am Schwanz vollstandig entblösst hatte, schwang er sie aus allen

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Kraften hoch in die Luft; der Vogel schiug einige Mate mit den nackten Flüge]n und ;fiel dann schwer zur Erde, die übrigen Krahen, die glücklieb genug gewesen waren, einer ahntichen Züchtigung zu entgehen, umringten nun ihren Kameraden und hackten ihn alsbald zu Tode. Der Affe kletterte dann auf seine Stange und als man ihm das nachste Mal sein Futter brachte, wagte sich nicht eine einzige Krahe heran."

Ich führe dicscn vielleicht etwas unglaubtich ktingenden Fall an, nicht nur, weil Thompson cine anerkannte Autorität ist, sondern weil er sich in allen wcsenttichenDetaits der unbewussten Unterstützung eines Freundes von mir, des verstorbenen Dr. W. Brydnn erfreut. Dieser letztere, dem obige Anecdote unbekannt war, erzählte mir, dass er in Indien wiederholt Zeuge davon gewesen sci, wie ein zahmer Affe lange Zeit vollstandig regungs)os auf dem RUcken lag, bis die Krahen aus der Nachbarschaft, die ihn fûr tot hielten, in seinen Bereich kamen, worauf er plëtzlich auf eine von ihnen zu-sprang, sie ergriff und sie nach und nach zu rupfen begann, - wie es schien, aus blossem Hang zur Grausamkeit - wenn er auch dabei den Saft aus dem Ende der grësseren Federn zu saugen pflegte. Da ich mich fur die Wahrhaftigkeit Brydens verbUrgen kann, auch eine mangethafte Beobachtung dabei ausgeschlossen ist, so bin ich um so mehr geneigt, auch der vorhergehenden Anekdote, der ich sonst jedenfalls misstraut hatte, Glauben zu schenken.

Wenn sonach einige Affen wirklich die List anwenden, sich absichtlich tot zu stellen, so kann die Erklärung für diese That-sache doch nur die sein, dass sic sahen, wie Krahen sieh ofters um Leichname sammelten, und daraus schlossen, dass wenn sie regungslos blieben, diese Tiere dadurch verleitet wurden, in ihre Greifweite zu kommen. Ohne Zweifel spricht dies fUr einen erstaunlichen Betrag von Nachdenken und Schlussvermôgen; jcdoch muss man berUcksichtigen, dass die Thatsache noch keine abstrakte Idee vom Tode in sich schliesst; sie schliesst nur die Idee ein, einen früher beobachteten Zustand der Bewegungslosigkeit nachzuahmen, zu dem Zwecke, das namtiche Resultat - die Annahe-rung der Vogel - zuwege zu bringen, wie jener früher gesehene Zustand. Da wir wissen, dass Affen sowohl grosses Nachahmungs-

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früher zugegebenen

ergiebt sich aber, dass man ungeachte

,4*1** den ***** Tod de, Wölfe,

plexie .uruckzufUhren, noch auf einc intelligente Absicht

und Füchse auf Kata-

zr rzri^z^ ■» » ~*»- ™ie ~

beobachtet zu sein scheinen,

verôffentlichte Fall') rUhrt vom Brigade- Jahren, da ich

ArztG. Bide.. Derselbe schreibt: „Vor einigen Jahren

ich dort ein Haus in-

Das hohe Gras in

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talent besit~en, als auch aufmerksame Beobachter sind so scheint ^Auslegung von vornherein nicht mehr so unglaubiich, aïs sic anfangs ohne Zweifel zu sein schien. "un dürfenwir aber f

terweise und absiel

., ein besiimmtes O

enteTiere dessenw sich aber, dass n

„keit, den simulierte

.uruckzufUhren, noc

Zu Gunsten dieser

, die mir hinreichen

)er erste, neuerding

■i. Bide.. Derselb

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.„, dass diese Stiere

, es gestattet ist na<

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der nUX dal8 dt Stier wieder auf seinen Füssen stehe

bildete cine grosse Versuchung

fUr das Vieh des

Nun dürfenwir aber folgern, dass wenn Affen im stande sind, " absichtlich bi mtes Objekt w »ssen wohl ebe

dass man ung mulierten Tod en, noch auf e

dieser Annah «reichend siche ,erdings veröff« Derselbe schrei ore aufhielt, 1 forgen guten ldete cine gro d man den Ei ein. Meine D treiben;, eines

erzählten, das >t liegen geble . Stiere geheili

ist nach Belie' iden, zu fresse m der Eindrn u besichtigen;

das Leben ber ininigermassen ingebornen zuz

Prüfung auf, s n DistriktsbeW

Zwecke, ein besiimmtes Objekt zu erlangen, andre, nahezu^ebenso telligente Tiere dessen wohl eh-«'- ,' giebt sich aber, dass man u [ogHchkeit, den simulierten Tb. lexie .uruckzufUhren, noch auf arf. Zu Gunsten dieser Anna Uhrcn, die mir hinreichend sie! Der erste, neuerdings verô «t G. Bide.. Derselbe schr nich in West-Mysore aufhielt, ritten mehrerer Morgen guten liesem Gehege bildete cine g Dorfes und sobald man den Obertretung allgemein. Meine Eindringlinge wegzutreibendem stürzt .u mir und erzählten, d schlagen hatten, tot liegen geb «verden, dass diese Stiere gehe denen es gestattet ist nach Bel den offncn Kaufläden, zu fres Als ich hSrte, dass der Eindr um den Kôrper zu besichtigen genauso, als ob das Leben b diesesVorkommnis ninigermasse keiten mit den Eingebornen z mit einer langern Prüfung auf,

- - Distriktsbehörden zu melden. Ich hatte mich

illigente Tiere dessen wohl ebenfalls fähig sein können. Hieraus

geachtet der früher

dcrWölfe und Fuel einc intelligente Absic une will ich noch z r beobachtet zu sein entlichte Fall') rUhrt ibt: „Vor einigen Ja

bewohnte ich dort ■

Weidelandes. Das >sse Versuchung fUr ;ingang offen stehen Diener thaten ihr mo s Tages kamen sie a ss der Brahma-Stier leben sei. Es mag h ligte und bevorrechte äben herumzustreifen en, was und wo sie ngling tot sei, ging

da lag er denn auc Kitsaus ihm entalohe

ziehrkonn'te^Weh"

sondern ~ehrte nach ~ause zurück,

ZL« .Ug-in. Metae Dien» M. "*^ *

aZZ « «stattet ist nach Belieben herumzustreifen und, selbst in

tTo^'SSi. zu fressen, was und wo sie etwas finden

Als ich hSrte, dass der Eindringling tot sei, ging ich sofort hin

um den Kôrper zu besichtigen; da lag er denn auch wirklich und

glt so aUob das Leben bereits aus ihm entalohenwäre, Ube,

°                       ...               u^„^«,Ki«f An m mir Verdriessuch

diesesVorkommnis ninigermassen beunruhigt, aa esmi               ^

*) Nature XVIII, p. «44-

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ruhig grase. Es bedarf wohl kaum der Erwahnung, dass das Tier die List gebraucht hatte, sich scheintot zu stellen, um seine Vertreibung unmdgtich zu machen. Diese List wurde mit Rücksicht auf mein gutes Gras noch haufiger ausgeübt und obwohl mich dies eine Zeit lang belustigte, so wurde es mir doch schliesslich lästig; entschlossen, mich ein für atlemat davon zu befreien, Hess ich eines Tags, als er wieder niedergcfallen war, heisse Asche aus der Küche holen, die ich ihm auf den Körper legte. Anfangs schien er sich nicht viel daraus zu machen; a)s aber die Hitxe zunahm, hob er langsam seinen Kopf in die Hëhe, warf einen prUfenden Blick auf die Asche, machte sich schieunigst auf die Beine und sprang Uber den Zaun, gleich einem Reh. Unser Freund besuchte uns von da an auch nie wieder."

Hier haben wir also einen häufig wiederhotten Fall anscheinenden Sichtotstellens zu einem bewusstcn Zweck, und da der Berichterstatter ein Arzt ist, haben wir aile Ursache, die Beobachtung der Simulation fUr zuverlâssig zu halten. Nichtsdestoweniger braucht die von dem Tiere gefasste Idee nur die gewesen zu sein, passiv zu bleiben und im Vertrauen auf das eigne Gewicht die Entfernung zu verhindern. Der Fall ist indessen sehr beachtenswert und die von mir gebotne Auslegung verliert vielleicht noch an Wahrscheinlichkeit mit Hinsicht auf den andern Fall, zu dem ich jetzt übergehe. Derselbe findet sich in Morgans Buch uber den Biber und wurde dem Verfassermitgeteilt von Mr. Coall C. White von Aurora, Neu-York, der den Fuchs heraustrug. Seine Glaubwurdigkeit ist nicht anzuzweifeln:

„Ein Fuchs brach eines Nachts in das Hühnerhaus eines Landmanns ein und nachdem er eine grosse Anzahl Geflüget getôtet hatte, stopfte er sich so voll, dass er nicht mehr durch die enge Offnung zurück konnte, durch die er eingedrungen war. Der Eigentumer fand ihn den andern Morgen auf dem Boden ausgestreckt, anscheinend ein Opfer seiner Unmassigkeit. Er nahm ihn bei den Beinen und trug ihn ahnungslos auf eine kurze Entfernung von seinem Hause, wo er ihn ins Gras warf. Reineke fuhite sich «icht so bald frei, als er auf seine Fusse sprang und entwischte. Er schien zu wissen, dass er nur als toter Fuchs den Schauplatz

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seiner Raubercien verlassen konne und der fein ausgedachte Plan zu seiner Befreiung erforderte deshalb keine geringe Geistcsan-strengung etc.«

Wenn die obigen Thatsachcn richtig wiedergegeben sind (und sie stimmen in allen wesentlichen Punkten mit einigen von Couch gegebcncn Fallen überein), so kann man einesteils kaum voraus-setzen, dass die blosse Annäherung des Menschen xur Öffnung der HUhnethausthutr die hoch~rudige Aufre~ung verursacht hätte, die bekanntlich Kataptexie hervorruft, wahrend es andernteils zweifethaft ist, ob der durch den Wurf aufs Gras verursachte Reiz hinrcichte, den kataplegischen Xustand plötzlich aufhoren zu machen. In einem solchen Fall scheint mir die Wahrscheinlichkeit cher dahin zu neigen, dass der simutierte Tod einem intelligenten Zwecke dient, wenn schon wir dcm Ticre nicht xutrauen dürfen, dass es eine Idee vom Tnd ais solchem, oder von einer bewussten Simutierung desselben habe. Sonach scheint mir der Fall, gerade mit Hexug auf die hCheren Ticre, von nicht geringer Schwierigkeit xu sein. Die Sach]age verhält sich einfach so, dass wir noch einen zu grossen Mangel an experimentellen Beobachtungen zu beklagen haben, um jetzt schon in der Lage zu sein, genau zu bestimmen, ob Wölfe und noch spezieller Fuchse den Tod" vortauschen, d. 1, unter gewissen gefahrtichen Umstanden regungslos bleiben, zu dem bewussten Zweck, ihr Entkommen xu erm~gtichen; oder, was nicht mehr oder weniger wahrscheinlich, ob die regungslose Hattung dieser Tiere unter den besagten Umstanden dem Auftreten eines hypnotischen Zustandes zu verdanken ist.

Mit Bczug auf diese Tiere, sowie auf den Brahma-Stier, hielt ich es deshaib für geraten, eine bestimmte Meinung nicht abzugeben, sondern jedes Fur und Wider hinzustellen, in der Aussicht, von irgend einer berufnen Seite her eine experimentelle Untersuchung darüber zu veran!assen.') Eine ebensolche, von Darwnn mit Bezug auf Insekten und Spinnen gefUhrte Untersuchung hat allerdings zu

^n"n Mr. C. C. White,  nachdem er das oMg. gelesen und die

Hauptsache verstanden hatte, seinen  Fuel« mit grfcater Behutsamkeit auf den

Rasen gelegt uml sich dann sofort  verborgen hatte, so würde er die Lösung der Frage sehr gefördert haben.

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einem Abschluss in dieser Richtung geführt, in sofern keine Veranlassung mchr vorliegt, das Verhalten dieser Ticrc auf eine be-wusste Absicht zuruckzuführen. DicselbeFrage lässtaber bezügtich der hoheren Säugetiere eine ganz verschiedne Beantwortung enwarten und es erseheint deshalb die Beibringung weiterer Beweise in diesem Sinne unbedingt erforderlich.

Immerhin hat die in diesen Fällen liegende Schwierigkeit nichts mit der Frage Obcr den Instinkt xu thun - denn im Gegensatz zu den Insekten tritt die Gewohnheit hier zu ausnahmsweise auf, als dass wir sie für rein instinktiv halten dürften -; dagegen bedarf es noch der Feststetlung, ob jene Erscheinungen einer intelligenten Absicht zuzuschrcibcn oder lediglich die physiologischen Wirkungen der Furcht sind. Bei dem auffallendsten der obigen Fälle ist die letzte Vermutung allerdings nicht gestattet, wohl aber bei cinigen andern; aber auch dort, wo diese Hypothèse nicht anwendbar ist, scheint es äusserst wünschenswert, die Art Ideen kennen zu lernen, welche das Tier dazu verteitea, sich in einer Weise zu verhalten, die dem Scheintod so nahe steht. Ich kann jedoch nicht umhin, wiederholt darauf hinzuweisen, dass die Schwierigkeit, zu cinem solchen Verstandnis zu gclangen, nichts mit der uns beschaftigenden Theorie von der Bildung der Instinkte zu thun hat.

I. Simuaation von Vcrletzungen.

In der „Contmporarj, Rmmv« (Juli 1875) weist der Herzog von Argyll in einem Artikel über tierischen Instinkt darauf hin, dass eine weibliche Ente, vielleicht bewusst, die Bewegungen eines verwundeten Vogels nachahmen !erntc, und dass die jungen Sagetaucher, die sich bei Beunruhigungen auf den Schtamm drUcken und sich auf diese Weise unauffällig machen, wahrend die Altep wegfliegen, sich in demselbcn Falle befinden. Darwin bemerkt in scinen Manuskripten, dass er mit dem Herzog jinsofcrn übcreinstimme, aïs er die tauschenden Bewegungen der weibllchen Ente einer bewussten Nachahmung venvundeter VOget xuschreibe; er glaubt aber, dass ein weiblicher Vogel, der in der Sorge für seine Nestlinge selbst den Kampf mit einem vierfdssigen Tiere aufnimmt,

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durch abwechselnden Angriff und Ruckzug unabsichtlich den Feind vom Neste entfernt. Die diese ursprUngtiche Gewohnheit begun-stigende natur!iche ZUchtung wird dann das Entfernen vom Nest zu einem Instinkt ausgebildet haben, und wenn, wie wahrscheinlich, vierfllssige Fleischfresser leichter solche Vogel verfolgen, die anscheinend zum Fliegen unfähig sind, als anscheinend gute Flieger, so wird das Hangentassen der FlUgel u. dg). nach und nach entwickelt worden sein.

Der Instinkt des Niederduckens junger Vogel, die auf diese Weise unauffällig werden, wurde ohne Zweifel auf dieselbe Weise und zu demselben Zwecke erworben, wie der Instinkt desSichtet-stellens bei Insekten. Der Instinkt der jungen VSgel mag ursprünglich von älteren Tieren (insofern diese von vornherein teilweise durch Furcht gelähmt wurden) erworben und dann, gemass der allgemeinen Vererbungsgesetze, durch die Nachkommen auf ein fruheres Alter vererbt worden sein.

Es geht daraus hervor, dass Darwin geneigt war, sowohl den Instinkt der Mutter, wie auch den der Jungen, auf einen ausschliesslich primaren Urspung zuruckzufûhren; ich gestehe aber, dass mir der Fall etwas bedenklich erscheint und dass ich eher zu der An-nahme hinneige, der Instinkt der Mutter bei der Ente, dem Rebhuhn und allen andern hierher gehSrigen Vëgein sei ursprünglich durch Intelligenz unterstOtzt gewesen. Nach dem, was wir von den Hennen wisser,, mussen wir zugeben, dass die muttertichen Gefühle so stark sind, dass jene selbst lieber Gefahr oder Tod erdulden, als dass ihrer BrutÂhniiches widerfahre. Wenn sonach in Gegenwart eines vierfussigen Feindes der mutterliche Vogel in der von Darwnn angedeuteten Weise abwechse!nd anzugreifen und zurückzuweichen beginnt, so wird er, wenn er intelligent genug ist wahrzunehmen, dass man ihm beim Zuruckweichen ohne Beistand der Flügel eher folgt, mit der Zeit absichtlich den Feind von seinen Jungen hinweglocken. Wenn dies der Fall ist, so werden diejenigen Eltern, welche hinreichenden Scharfsinn besassen, diese List anzuwenden, ohne Zweifel eine grossere Brut aufgezogen haben, als die Eltcrn mit mangelhafter Beobachtung, und die Jungen der intelligenten Eltern werden wieder die Neigung zu derselben List

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weiter vercrbt haben, wenn sie ihrerseits Eitern geworden sind. Auf diese Weise wird die ursprüng!iche intelligente List nach und nach als Instinkt ausgebildet und sodann mit mechanischer Pünktlichkeit von jedem Rebhuhn-, Regenpfeifer- und Enten-Individuum vollzogen worden sein. Die grësste Schwierigkeit besteht nun darin, das Schleppen des Flüge!s zu erklären, und dies kann meines Erachtens nur geschehen, wenn wir es mit Darwnn auf eine rein primäre Entstehungsweise zurückführen. Immerhin ist aber die Erscheinung in hohem Grade beachtenswert.

Dies sind die einzigen Instinkte, die eine gewisse Schwierigkeit gegenüber unsrer Theorie vom Ursprung und der Entwicklung 'des Instinkte im allgemeinen zu bieten scheinen. Darwin hat in einem Kapitel seines Buches "Von der Entstehung der Arten" noch einige andre Instinkte in dieser Beziehung besprochen (wie z. B. den parasitischen Instinkt des Kuckucks, den zellenbauenden Instinkt der Bienen nnd den sklavenhaltenden Instinkt der Ameisen); da :dieselben aber in Wirklichkeit kein ernsteres Bedenken enthalten, so brauche ich auch hier nicht lange dabei zu verweilen.

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Neunzehntes Kapitel.

Vernunft.

Ich mochte zur Einleitung dieses Kapitels eine Definition des Wortes Vernuntt geben, um klar erkennen zu lassen, was Ich unter diesem Ausdruck verstehe. Vernunft halte ich für diejenige Fahigkeit, die in der absicht-lichen Anpassung von zweckentsprechenden Mitteln zum Ausdruck kommt. Sie uraschliesst also eine bewusste Kenntnis der Beziehungen zwischen den angewandten Mitteln und den erreichten Endzwecken und bethStigt sich in der Anpassung an Lebensumstände, die sowohl den bisherigen Erfahrungen des Individuums wie der Spezies gegenûber neu sind. Mit andern Worten: Mit der Vernunft ist das Vermôgen gegeben, Analogieen oder gegenseitige Verhältnisse wahrzunehmen; sie ist insofern also gleichbedeueend mit Schlussvermëgen oder der Fâhigkeit, aus einer wahrgenommnen Gleichartigkeit von Verhältnissen Schlüsse zu ziehen. Dies ist die einzig zulässige Auslegung des Wortes und in diesem Sinne werde ich mich seiner auch in der Fotge bedienen. Die Fahigkeit, Beziehungen abzuwagen, Folgerungen zu ziehen, auch aus vorhergesehenen Wahrscheinlichkeiten, umfasst unzahlige Abstufungen.

Im vorliegenden Kapitel werde ich die wahrscheinliche Ent-stehung dieses Vermëgens zu zeigen versuchen und dabei, wie gesagt, die Ausdrücke „Vernunft" und „Schlussverm8gen" im Sinne der oben erläuterten Fahigkeiten gebrauchen, wahrend ich unter „Fotgerung« die weniger hoch entwickelten geistigen Vorstufen der-

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selben verstehe, aus denen, wie ich darthunwül, dia Vernunft sich entwickelt hat. Ohne Zweifel ist jeder Vernunf~akt auch ein Folgerungsakt, wir werden aber finden, dass es absolut notwendig ist, einige Beziehungen zur Verfügung zu haben, die gleichmassig die niedersten, wie die hochsten Stufen jener ganzen Klasse geistiger Prozesse umfassen, die in der symbolischen BeïechnuMg gipfeln. Das Wort „Folgerung" ist das beste, welches ich finden konnte, und es will in dem Sinne verstanden sein, dass wenn auch alle Vernunftakte Akte der Folgerung sind, darum nicht alle Folgerungsakte notwendig auch Akte der Vernunft zu sein brauchen.

Nach dieser Klarstellung der Terminologie kônnen wir zu unsrem eigentlichen Gegenstand ubergehen. Schon in den fruheren Kapiteln versuchte ich zu zeigen, dass Bewusstsein wahrscheinlich aus Reflexthatigkeit entspringt (oder dass das geistige Elemcnt an sich anpassende Nervenprozesse gebunden ist~, wenn dieselbe zu einem solchen Grad der Kompliziertheit gelangt (oder auf aussere Umstande von so unbeständigem Charakter Bezug nimmt), dass das Nervencentrum der Sitz eines verhaltnismassigen Zusammen-stosses molekularer Krafte wird. Wenn diese Stufe erreicht ist und ein Nervencentrum seiner eignen Wirksamkeit bewusst wird, treten wir, meiner Klassifizierung zufolge, ans dem Gebiet der Reflexthatigkeit in das des Instinkts, wobei der Instinkt, meiner Terminologie zufolge, als eine Reflexthatigkeit unter Hinzutritt eines Be-wusstseinselememsjaufzufassen ist. Insofern nun im Laufe der Entwicklung die niederen Lebensformen nach und nach ihre Thätig-keiten an Umstande von wachsender Kompliziertheit und Unbestândigkeit oder an Gewohnheiten von seltenem Vorkommen anpassen, werden auch die organisierten Instinkte, mit denen sie begabt sind, an irgend einem Punkte anfangen unvollkommen zu werden; eine grossere Biegsamkeit hinsichtlich der Fahigkeit zu entsprechenden Beantwortungen wird erforderiich, und wenn eine solche Biegsamkeit unter der Voraussetzung der Ganglienwirkung ermogticht ist, so werden diejenigen ~Individuen, die dieses Ziel am leichtesten erreichen, Uberleben und die Vervoltkommnung der ganzen Spezies damit allgemein werden. Nun wissen wir, dass eine solche Biegsamkeit unter der Bedingung der Gangtienthatigkeit moglich istt

»«»»«< KntwicUaag d,. G1.W..                                          3J

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wir haben diese Zunahme der Biegsamkeit auf der subjektiven Seite als diejenige Fahigkeit kennen lernen, die wir Vernunft nennen, und haben nun festzu~tellen, woraus diese Fahigkeit bestcht.

Bei unsern Untersuchungen über die Genesis der Wahrneh. mung wies ich darauf hin, dass dieses Vermogen zahllose Ab. stufungen zulässt. Dieselben beruhen, wie wir sahen, hauptsachiich auf dem Grade der Kompliziertheit der wahrgenommnen Objekte oder Beziehungen. Wenn nun eine Wahrnehmung eine gewisse Stufe der Ausbildung erreicht hat, so dass sie eine Beziehung zwischen Beziehungen zu erkennen vermag, so geht sie in Vernunft oder Schlussvermëgen über. Auf ihren hOchsten Entwicktungsstufen ist aber das Schlussvermôgen lediglich ein hochkomplizierter Wahr-nehmungsprozess, d. h. eine Wahrnehmung der Gleichwertigkett wahrgenommner Verhältnisse, welche wiederum fUr sich auf mehr oder weniger ausgearbeiteten Vorstellungen beruhen, die auf noch einfacheren Vorstellungen, d. h. Vorstellungen, die den unmittelbaren Daten der Sinnesempfindung naher liegen, aufgebaut sind. So kann also das Schtussvermëgen ganz allgemein als eine hôhere Entwicklung der Wahrnehmung aufgefasst werden; denn an keinem Punkt kônnen wir die Grenze ziehen und sagen, dass das Hüben und Draben verschieden sei.- Mit andern Worten, eine Wahrneh-mung bestcht im wesentlichen stets aus dem, was die Logiker einen "Schluss" nennen, mag sie sich nun auf die einfachste Erinnerung an eine vergangne Empfindung oder auf das hôchste Produkt abstrakter Gedankenarbeit beziehen. Denn wenn man die letztere analysiert, so wird man finden, dass die Grundelemenee derselben stets aus direkt von den Sinnen geliefertem Material bestehen; jede Stufe des symbotischen Gedankenaufbaus, aus dem sich ein Abstraktionsprozess zusammensetzt, beruht auf Wahrnehmung-akten niedrer Stufen. Allerdings beziehen sich diese Wahmehmung--akte auf Symbole von Ideen, die an sich von den einfachen und ^mittelbaren Erinnerungen an vergangne Empfindungen weit entfernt sein konnen; da sich aber nirgends eine Grenze zwischen Wahrnehmungen von dieser oder jener Klasse ziehen lasst, so mUssen wir anerkennen, dass es sich bei dieser Fahigkett niemals um einen Unterschied der Art, sondern hSchstens um einen Unterschied dem

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Grade nach handelt; oder, anders ausgedruckt, intelligente Prozesse, die in symbolischen -Verstandesoperaiionen gipfeln, sind stets Er. kenntnisprozesse, und für diese Prozesse haben wir die allgemeine Bezeichnung „Wahrnehmung".

Da sonach in meinen Augen keine Kluft zwischen dem Er. kennen der niedersten und dem der hôchsten Stufe besteht, so will ich im Interesse einer historischen Darstellung dazu über-gehen, diejenigen Punkte zu bezeichnen, an denen wir, zu unsrer Bequemlichkeit Entwicklungsstufen anbringen müssen. FUr die niederen Stufen habe ich dies schon in meinem Kapitel über Wahr-nehmung gethan, wo ich nachwies, dass die erste Stufe lediglich in der einfachen Wahrnehmung eines aussern Objekts als eines soichen besteht, die nachste Stufe in der Erkennung der einfachsten Eigen. schaften eines Objekts, die dritte Stufe in der geistigen Gruppierung der Objekte mit RUcksicht auf ihre wahrgencmmnen Eigenschaften oder Beziehungen, und die vicrte Stufe in der Folgerung nicht wahr. genommner Eigenschaften oder Beziehungen aus wahrgenommenen, wie man z. B. bei Anhôrung eines Geknurrs sofort auf die Gegenwart eines gefahrlichen Hundes schliesst.

Hiernach ist es wahrscheinlich, dass der Folgerungsprozess, womit wir uns in diesem Kapitel beschaftigen wollen, auf seinen frûhesten oder mindest entwickelten Stufen niemals ein Vorgang bewusster Vergleichung ist. Die Folgerung wird unmittelbar aus der Wahrnehmung herausgebildet und braucht nicht durch einen solchen Prozess des Nachdenkens hindurchzugehen, wie ihn das Schtussvermögen erforder;; die Verhaltnisse werden auf dieser Stufe wahrgenommen, mit einander verglichen und die Folgerung daraus gezogen, ohne dass es des erwagenden Denkens bedurfte. Ich bin z. B. im Begriff, nach dem Bahnhof zu eilen und begegne auf der Strasse einem Menschen, der nach der entgegengesetzten Richtung eilt; wir beginnen beide von einer Seite nach der andern hinüber zu tanzen, im Bestreben, aneinander voruberzukommen, und jedes-mal wenn wir dies tfaun, haben wir offenbar gefolgert, dass der andre nach der entgegengesetzten Seite auszuweichen beabsichtige: jedoch folgen sich diese Folgerungsakte so rasch aufeinander, dass dabei von einem Nachdenken keine Rede sein kann, sondern dass

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man nur spater mittelst eines solchen Nachdenkens herausfindet, dass man eine Reihe von besondren Folgerungsakten vollzogen haben musse. Offenbar haben~wir auf diesen niederen Stufen der Wahrnehmung nach dem ersten Aufkeimen der Vernunft zu suchen; xu diesem Zwecke haben wir zuvorderst unsre eignen Wahrnehmungen zu befragen. In welchem Umfang das Folgern selbst in das Wesen unsrer gewëhntichsten Wahrnehmungen eingeht, ist leicht nachzu-weisen. Sir Davss Brewster hat aufeine Thatsache hingewiesen, die ein jeder schon einmal bcobachtet haben wird: Wenn man durch ein Fenster sieht, auf dessen Scheibe eine Fliege sitxt, und den Blick auf eine grëssere Entfernung gerichtet hält, so dass die Fliege nicht genau im Fokus sitzt, so folgert man sofort, dass man einen Vogel oder sonst einen grôsseren Gegenstand in weiterer Entfernung sahe. Daraus geht hervor, dass bei allen unsern Gesichtswahrnehmungen stets geistige Folgerungen wirksam sind, welche die Wirkungen der Entfernung durch scheinbare Verkleinerung der Objekte ausgleichen. In gleicher Weise wirkt die geistige Folgerung durch Ausgleichung der Wirkungen des blinden Flecks auf der Netzhaut. Denn wenn man auf eine gefärbte Oberfläche schaut, so wird der dem blinden Fleck entsprechende Teil derselben in Wirklichkeit nicht gesehen. Scheinbar wird er aber doch gesehen und zwar in derselben Farbe, wie der ubrige Teü der Oberfläche, indem eine unbewusste Folgerung die Farbe ersetzt. Sully widmete einen grossen Teil seines Werkes „über Illusionen" einer Ûbersicht und Klassifizierung der „Illusionen der Wahrnehmung"; beiden meisten zu diesem Zweck angeführten Beispielen entsteht die Illusion anscheinend durch "die geistige Anwendung einer fur die Majoritat der Fälle gultigen Regel auf einen Ausnahmefall«, d. h. die Illusion entsteht aus einer irrtümlichen Folgerung. Eine weitere Anführung von Beispielen scheint mir hiernach uberflössig.

Die erste oder früheste Stufe der Folgerung finden wir somit dort, wo die letztere in oder zusammen mit der Wahrnehmung entsteht; wie z. B. wenn wir folgern, dass eine Mücke ein Vogel, oder dass der dem blinden Fleck der Netzhaut entsprechende Teil der Oberfläche gleich den Ubrigen Teilen ringsum geflrbt sei; hier ist die Folgerung als ein Bestandteil der Wahrnehmung amu-

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sehen.') Mit andern Worten, wir empfinden in solchen Fällen nicht wirklich alles, was wir wahrnehmen; der Rest der Wahrnehmung wird durch eine Folgerung geliefert, die nur deshalb unbewusst ist, weil sie <o ungemein rasch verlauft. Der Grund zu dieser letztern Erscheinung liegt darin, dass der von der Folgerung gelieferte Tell regelmâssig so eng mit dem durch die Empfindung gelieferten verbunden ist, dass in demselben Augenblick, wo die letztere wahrgenommen wird, auch das geistige Moment dazutritt. Dies geht nicht nur aus der soeben gelieferten deduktiven Betrachtung hervor, sondern findet auch seine induktive Bestatigung in den Thatsachen, die sich ergeben, wenn ein Blindgeborner plOtztich sehend wird. Ein schlagendes Beispiel hierzu liefert der bekannte (etwa zwôlf. jahrige) Knabe, dem Cheselden den Star auf beiden Augen stach. Ich lasse hier einige Stellen aus Cheseldens Bericht folgen:

„A!s der Knabe zum erstenmal das Auge aufschlug, vermochte er so wenig die Entfernungen zu beurteilen, dass er alle Dinge, die - wie er sich auszudrücken pflegte - seine Augen beruhrten, so empfand, als ob sie seine Haut beruhrten, und nichts so angenehm fand, wie glatte und regelmassige Gegenstânde, obschon er ihre Gestalt nicht iu beurteilen oder zu sagen wusste, was ihm eigentlich daran gefiel. Er war nicht im stande, den Umriss irgend eines Gegenstandes genau zu erkennen, noch ein Ding vom andern zu unterscheiden, so verschieden an Gestalt und Grosse sie auch sein mochten. Nachdem man ihm aber gesagt, was die Dinge seien, deren Gestalt er vorher nach dem GefUhl kennen gelernt, merkte er sie sich sorgfältig, um sie spater wieder zu erkennen; da er aber allzuviele Gegenstande auf einmal zu lernen hatte, vergass er manches wieder; wie er sagte, lernte er tagtich tausend Dinge kennen und wieder vergessen. Nachdem er ofter verlernt hatte, was eine Katze und was ein Hund sei, schamte er sich darnach zu fragen; da er aber einst eine Katze - die er dem Gefühl nach erkannte - gefangen hatte, schaute er sie aufmerksam an, setzte sie dann nieder und sagte: ,So Kâtzchen! Nun werde ich dich

*) Ganz b derselben Weise, wie wir f~nden, daM die Wahrne~mung einen wesentlichen Tell des Gedächtnisses und der Ideenverbindung ausmache.

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künftig behalten"'.... Wir glaubten, dass er bald die Gemalde, die wir ihm nagten, kennen lernen würde, fanden aber, dass wir uns getNuscht hatten; denn etwa zwei Monate nachdem er geheilt war, ersah man, dass er sie fur feste Kôrper hielt, wahrend er sie anfangs nur für teilweise gefarbte Flächen angesehen hatte; nun aber war er selbst nicht wenig davon überrascht, da er bei den Ge-mälden dieselbe Empfindung erwartet hatte, wie bei den Gegcnständen, die sie darstellten, und er wurde ganx verwirrt, als sich ihm diejenigen Teile derselben, die durch Licht und Schatten rund oder uneben schienen, so flach anfühlten, wie das übrige; dabei fragte er, welcher Sinn hier tiusche, das GefUhl oder das Gesicht."

Dr. W. B. Carpenter teilt einen ahntichen Fall mit, der seiner Beobachtung unterlag;*) die obige Erzahtung genOgt aber umsomehr fUr unsern Zweck, als dieser letztere Patient, der frdher sehend gewesen, nicht in der Lage war, aus seinen Gesichtswahr-nehmungen diejenigen geistigen Schlussfolgerungen zu ziehen, welche allein jene Empfindungen als Leiter oder Reize zu Handlungen nutzbar zu machen vermëgen; mit andern Worten: mangels jener Folgerungen waren die Wahrnehmungen unvollstBndig. Er begann dagegen sofort in bewusster und zweckdienlicher Weise jene zahl-losen Verbindungen zwischen Gesicht und Gefdhl herzustellen, die gewohntich sehon in irUher Kindheit erlangt werden und notig sind, um die Daten fur die geistigen Schlussfolgerungen zu liefern, die uns gegenwartîg beschäftigen. Die Anzahl dieser speziellen Schlussfolgerungen sind aber so gross und mannigfaltig, dass es geradezu wunderbar erscheint, wie es ihm innerhalb eines Zeitraums von drei Monaten moglich war, die Tauschung seiner Gesichtswahmehmung durch die Kunst der Schattierung und der Perspektive zu erkennen. Auf diesen Punkt werde ich gleich noch naher eingehn. Vorlaufig möchte ich nur bemerken, dass der Fall beweist, wie der Wert unsrer Gesichtswahrnehmungen auf dem geistigen Bestandteil der Schlussfolgerung beruht, der durch die herkömmlichen Associationen geliefert wird; und natUrlich gilt dasselbe auch für die Wahrneh-

*) Bmm Phytiolm, p. 105 x, Contemp. Rmw, XXI, p. 18!.

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mungen der andern Sinne/) Auf diese Weise verstehe ich die erste oder rudimentarste Stufe" der Folgerung, wo, dank der bestandigen Ideenverbindung, der Folgerungsakt organisch mit einer sinnlichen Wahrnehmung verbunden ist, wie er denn auch in der That einen integrierenden Teil einer solchen Wahrnehmung bildet und deshalb von einem Eindringen in das Bewusstsein, als ein besondrer Akt der Geistesthâtigkeit, ausgeschlossen erscheint.

Die nachste Stufe im Fotgerungsproxess halte ich fur diejenige, die Spencer als die hochste ausgibt. Sie besteht nach seinem eignen Ausdruck in jenemSchlussvcrmOgen, durch welches die grosse Masse der uns umgebenden Gleichzeitigkeiten und Folgen erkannt wird.") Das heisst,wenn gewohnheitsmassig zusammenhangende Gruppen von be-kannten ausseren Gegenstanden, Attributen und Beziehungen allzu zahl-reich und kompliziert sind um alle zugleich erkannt zu werden, oder aber, wenn von einer Reihe von Gruppen, die gewohnheitsmassig aufeinander folgen, nur die erste auftritt, so werden die nicht wahrgenommen Gogenstânde, Attribute oder Beziehungen gefolgert. Zum Beispiel: Wenn ein Jager auf die Schnepfenjagd geht und ein Vogel von der Grosse und Furbung einer Schnepfe vor ihm auffliegt, von dem er nicht mehr zu sehen die Zeit hat, als dass es eben ein Vogel von der Grosse und der Farbe einer Schnepfe ist, so schliesst er sofort auf die ubrigen Eigenschaften der Schnepfe und ärgert sich nicht wenig, wenn er spater findet, dass er eine Drossel geschossen. Ich selbst habe dies erlebt und wollte kaum glauben, dass die Drossel derselbe Vogel war, nach dem ich geschossen, so vollkommen war die geistige Vervollstândigung zu meiner Gesichtswahrnehmung. Es wird ohne weiteres einleuchten, dass dasselbe Prinzip auch auf die gewOhnIichen Folgerungen anzuwenden ist.

') Adam Smith bemerkt in «einer Abbandlung über duselbe Thema ,Wenn der j»»ge Mau» sagte, dass die gesehenen Gegenstände seine Augen

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Die zweite Stufe der Folgerungen ist also erreicht, wenn, dank der bestandigen Verbindung von Gegeastanden, Eigenschaften oder Beziehungen in der Umgebung, eine entsprechende bestSndige Ideen. verbindung im Geiste stattfindet, sodass wenn einige Glieder der ausseren Gruppe wahrgenommen werden, auf die andern Glieder ge-schlossen wird. In einer Beziehung gleichen die Folgerungen auf dieser Stufe derjenigen auf der früheren, wahrend sie sich dagegen in einer andern vonjenen unterscheiden. Die Âhntichkeit bestehtdarin, dass der Folgerungsakt allzu rasch vor sich geht, um ihn als einen besondren, von der Wahrnehmung klar unterschiednen Geistesakt erkennen zu lassen. Die Unterscheidung ergibt sich aus der darauffotgenden Ober. legung, dass der Folgerungsakt etwas Versch!ednes vom Wahrneh-mungsakt und deshalb durch einen kurzen Zeitraum von diesem getrennt gewesen sein mUsse; die Folgerung bildet also nicht, wie im früheren Fall, einen integrierenden Bestandteil der Wahrnehmung.

Die darauffolgende Stufe, diewirbiim SchIussvermOgen zu unter. scheiden vermOgen, besteht meiner Meinung nach in derbewussten Vergleichung der Dinge, Eigenschaften oder Beziehungen. Hier gelangen wir zu dem eigentlichen sogenannten Vernunftschluss, aber noch immer nicht notwendig zu einem selbstbewussten Denken. Auf dieser Stufe machen wir, wis Mivatt „praktische Schlussfo!ge. rungen" nennt, d. h. wir vergleichen eine Gruppe von Verhaltnissen mit einer andern, ohne sie jedoch als Verhâltnisse aufzufassen. Wenn ich z. B. einem verdachtig aussehenden Menschen auf einer einsamen Strasse in Irland begegne, so beginne ich bewusster-weise die Moglichkeiten zu uberdenken, ob er zu einer „Bruderschaft" gehëre und ob er in diesem Falle mich erwarte, ich uberdenke dies in meinem Sinne, wahrend wir uns einander nahern, und ohne uber meine Gedanken nachzudenken. Wenn ich dies thâte, so wüsste ich, dass ich im Begriff bin, den Prozess eines Vernunftschlusses zu verfolgen; ich bin aber mit diesem Prozess beschaftigt, auch ohne dass ich jemals in der Folge dazu komme, [ dies als einen solchen geistigen Prozess aufzufassen.

Die letzte oder hochste Stufe des Schiussvermogens wird er- . reicht, wenn jener Prozess im Bewusstsein als ein geistiger Prozess erkannt wird und als solcher selbst Gegenstand unsrer Erkenntnis

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bildet Es ist dies die Stufe, auf welcher es zuerst mogtich wird, die Eigenschaften oder Beziehungen mit Vorbedacht zum Zwecke der Folgerung zu abstrahieren. Erst hier bietet sich die Môglichkeit, sich der Symbote von Ideen statt der wirklichen Ideen zu bedienen, und damit taucht die „Logik der Zeichen" hier zum erstenmal aus der „Logik der Empfindungen" auf. In meinem nach. sten Werke werde ich manches hierüber zu sagen haben; da diese Stufe aber nur bcim Menschen vorkommt, muss ich hier darUber lünweggehen.

Wenden wir uns wieder zu den Tieren, so ist es klar, dass sic die erste ode,, wie wir sic nennen kûnnten, die Wahrnehmungsstufe der Folgerung einnehmen; denn andernfalls würde man voraussetzen mUssen, dass der ganze Mechanismus ihrer Wahrnehmung verschieden von unsrem eignen sei. In Wirklichkeit kann jedoch nur in einer gewissen Beziehung eine Verschiedenheit herrschen, wdrauf wir auch schon in frUheren Kapiteln hinwiesen: insofern nämtich frisch ausgebrütete Vogel oder neugeborne Saugetiere im stande sind, auch ohne individuelle Erfahrung alle geistigen Schluss-folgerungen, die zur Vervollstandigung ihrer sinnlichen Wahrnehmungen nëtig sind, sofort und unmittelbar zu erganzea. Die Er-klarung dafùr liegt wohl darin, dass die Vererbung in diesen Fällen s~hon ihre Aufgabe erledigt hat, so dass das junge Tier mit einer geistigen Befähtgung zu "gefolgerter Wahrnehmung" auf die Welt kommt, und diese Art Wahrnehmung ist ebenso vollstandig ausge-arbeitet und wirksam, als seine korperliche Befahigung zu Wahr. nehmungen mittelst Empfindung. Die Frage ist aber die: Warum ist dies nicht auch beim Menschen der Fall? Dass es an dem nicht so ist, beweisen schon die oben mitgeteilten Resultate des Star-stechens; warum es aber nicht so ist, ist nicht so ganz klar und ist auch bisher noch nicht hinlängiich festgestellt; denn erst seit Spaldings Versuchen sind diese Thatsachen mit Bezug auf die Tiere bekannt geworden.*) Ich glaube diese Frage, wie folgt, beantworten zu konnen.

ijl^eau to touf hingewiesen, dass wahrend junge Kinder nicht im stande sind, einen Schmerz oder irgend eine andere Empfindung « lokali. sieren, neugeborne Kalber dies mit völliger Genaoigkeit tu thun vermögen.

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Es ist vor allem nicht zu bestreiten, dass auch beim Menschen die Vererbung einen sehr bedeutenden Anteil (wenn auch nicht so bedeutend wie bei den Tieren) an der Vervollstandigung des Mecha-msmus fur gefolgerte Wahrnehmung hat; denn nur mit Hilfe dessen sind wir im stande, uns zu erklären, wie der junge Mann, dessen Fall Mr. Cheselden so anschaulich beschrieb, nach der kurzen Zeit von drei Monaten die tauschenden Wirkungen des Schattens und der Perspektive in einem Gemälde wahrzunehmen vermochte. Aber selbst wenn wir den grossen Anteil der Vererbung zugeben, so bleibt immer noch ein Missverhaltnis hinsichtlich des Grades ihrer Beeinflussung, im Vergleich zu ihrer absoluten Vollkommen-heit bei den niedern Tieren. Ich glaube jedoch, dass zwei Erwagungen genOgen, dieses Missverhaltnis zu erklären. In erster Linie haben wir bereits bei der Abhandlung über die ererbten instinktiven An-lagen bei Tieren gesehen, dass der Mechanismus dieser Beanlagung aufgehoben wird, wenn ihm zu einer Zeit des Individuals, wo er normalerweise zum erstenmal in Wirksamkeit treten sollte, nicht voller Spielraum gelassen wird. So scheint es , B. bei dem erwahnten jungen Mann sehr wahrscheinlich, dass wâhrend der zwölf Jahre seiner Blindheit jede Anlage, die er ererbt haben mochte, um gefolgerte Wahrnehmungen mit Hilfe des Gesichtssinnes zu büden, erCsstenteils verkümmerte, wenn nicht ganz verschwand. Die andre Erwagung ist die: WKhrend der zwôlf Jahre lag seine Fahigkeit zu gefolgerter Wahrnehmung nicht etwa brach, sondern wurde nur zu den Wahrnehmungen verwandt, die aus Gefühl und Gehôr enstanden. Es ist demnach hochst wahrscheinlich, dass selbst auf dieser nie. dersten Stufe der Folgerung die starke Organisation, die sich zwischen jener Fahigkeit und denGeiichts- und Gehôrswahrnehmungen bilde,e, es jener Fâhigkeit um so schwieriger machte, eine neue Organisation mit den Wahrnehmungen des Gesichtssinnes zu bilden. Ich halte es ferner nicht fur unwahrscheinlich, dass der menschliche Geist, der seiner Natur nach bei den hochsten Schlussfolgerungs-prozessen beteiligt ist, nicht so leicht mittelst unbewusster Assoziation eben Mechanismus wahrnehmender oder automatischer Folgerungen aufzustellen vermochte, wie es im ahniichen Fall der weniger hoch entwickelte Geist eines Tieres zu thun im stande wäre. Ubrigens

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meine ich, dass es sich der Mühe lohnen wurde, versuchsweise einem Tiere bei seiner Geburt die Augen zu vcrbinden und die Binde nicht vor dem ersten oder zweiten Jahre zu entfernen. Es ware dann zu prüfen, ob sein gefolgertes Wahrnehmungsvermogen dem eines andern Tieres bald nach der Geburt gleicht oder nicht.

Dass die Folgerungen des zweiten Grades ebenfalls bei Tieren vorkommen, wird niemand bestreiten, obwoht mir manche Psychologen einwerfen mOchten, dass diese Art Ideenverbindung den Namen Folgerung nicht verdienen. Ich erwahnte schon in dem Kapitel Uber Gedachtnis und Ideenverbindungen, dass es unmôglich sei, die niedersten jener Tiere zu bezeichnen, die diese Fâhigkeiten besitzen; es dürfte aber noch schwieriger sein zu bestimmen, wo im Tier-reich die Folgerungen der ersten oder der zweiten Stufe beginnen; wir konnen nur sagen: Wo eine Gesichts- oder anderweitige Sinnes-wahrnehmung vorhanden ist, die zur Wahrnehmung eine Abschätzung oder irgend eine andere einfache, nicht unmittelbar durch die Em-pfindung gegebne, sondern gedanklich aus der Empfindung redu. zierte Beziehung erfordert, dort müssen wir die erste Stufe des FotgerungsvermOgens voraussetzen; wo aber eine Ideenverbindung besteKt, in der Weise, dass eine Wahrnehmung die gefolgerte Er-kenntnis einer jene Wahrnehmung erganzenden Thatsache oder die gefolgerte Voraussicht eines künftigen Begebnisses entstehen lasst, da mNssen wir die zweite Stufe des Fo!gerungsvermögens voraussetzen. Obwohl wir nun nicht Im stande sind, die Grenze mit Genauigkeit zu ziehen, so wissen wir doch, dass beide Bedingungen schon ziemlick tief bei den Wirbellosen gegeben sind.

Die nXchste Folgerungsstufe ist bereits die hochste, die bei Tieren vorkommt. Es ist die Stufe, aufwelcher Gegenstande, Eigen. schaften und Beziehungen, Âhniichkeiten oder Unähnlichkeiten (Ana-logieen) erwagead mit einander verglichen werden; die darauffolgende Handlung wird daher mit der Erkenntnis oder der Wahrnehmung der Beziehungen zwischen den angewandten Mitteln und dem er-reichten Zweck unternommen. Dies ist, wie ich oben sagte, diejenige Folgerungsstufe, aufwelche erst der Ausdruck Vernunft oder Ver-nunftschluss passt, weshalb ich auch hier zum ersten Mâle mich die-ses Wortes bediene. Dass diese Stufe des Folgerungsprozesses von

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fast allen warmblütigen Tieren und selbtt von einigen Wirbellosen er-reicht wird, dürfte wohl niemand bezweifeln/) Meiner Ansicht nach liefern dieHymenopteren die merkwürdigsten Beispiel dafür; denn obschon die gedachte Fähigkeit bei ihnen nicht einen so hohen Grad erreich,, als bei manchnn warmblütigen Wirbeltieren, so er-freuen sie sich doch einer verhältnismässigen hohen Entwicklun,, mogen wir nun ihre Stellung in der zoologischen Stufenfolge im allgemeinen, oder ihre allgemeinen psychologischen Anlagen verg!eichswesse heranziehen, und zwar würden, wenn die letzteren entsprechend fortgeschritten wâren, diese Insekten einen gleich hohen Rang mit den V6geln, wenn nicht mit manchen der intelligenteren Saugetiere einnehmen. Beurteilen wir ihre Psychologie aber als ein Ganzes, so wird ihr geistiger Standpunkt wohl die Stufe, die ich ihm in meinem Diagaamm angewiesen, verdienen, obwoh,, wie ich nicht leugnen will, die besondre Natur der Ameise-- und Bienen-Intelligenz einen Vergleich mit der Intelligenz höherer Tiere sehr erschwert.

Nach alledem ist es wohl unverkennbar, dass meine Ansichten

*) Ich fûhre hierzu ein auffeilendes Beispiel von fast menschenShnticher Vernunft bel einem Ticre an, das ich Dr. Bastians Buch .Über dasGehirn als Organ des Geisteo* (S. 329) entnehme: „Mit Rücksicht auf den hohen Intelligenzgrad des Orangs berute ich mich auf dasZeugnts Leurets, der be. richtet (Amt. Omp. du Syst. Nerv. 1, P. 640/ wie folgt; .Einer der Orange, die kürzlich in der Menagerie des Museums starben, war gewBhnt, wenn die Essenszeit herannahte, dieThttr des Zimmers zu öfinen, wo er seine Mahlzeit mit mehreren Persouen eianahm. Da er aber nicht bis zum Thflrschloss reichte, hing er sich an einen Strick, schwan: sich hin und ber und erreichte nach einigem Schwanken glücklich das Schloss. Sein Warter, Cber etne so grosse PCnktlichkeii nicht erbaut, mhm eines Tages die Gelegenheit wahr, drei Knoten in den Strick n machen, der nun, um so viel kSrzer, denOrang nicht mehr das Schloss erreichen Hess. Das Tier erkannte nach einem fcucht. losen Versuch dcnGrund desHindernisses, der sich seinem Wunsche entgegenstellte, kletterte am Strick hinauf, setzte sich Ober den Knoten fest und loste sic aile drei in Gegenwart Geoffroy Saint-Hilalres, der mir dieseThat-sache erzählte. DemselbenAffen, dereineThüre su ößhen wanschte, gab sein Warter ein Bund von !5 Schlüssetn, der Affe probierte dieselben, bis er den erforderliehen gefunden hatte. Ein anderes Mal bot man ihm eine Eisenttangc an, die er als Heber benutzte**

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über den Ursprung und die Entwicklung der Instinkte sich wesentlich von denen Spencsrs unterscheiden. Wenn ich aber den Ein-fluss bedenke, den jener mit Recht auf dem ganzen Gebiete der psychologischen Forschung ausübt, so fuhte ich mich verpflichtet, etwas tiefer auf die GrUnde einzugehen, warum ich mich, wenn auch mit Widerstreben, von ihm trennen musste.

Nach Spencer entsteht die Vernunft aus einer zusammengesetzten Rerlexthatigkeit oder dem Instinkt, wenn derselbe einen gewissen Grad von Kompliziertheit erreicht hat.*) Nun habe ich schon früher die Gründe dargeleg,, die mich hindern, der Spencerschen Auffassung des Instinkts, als einer zusammengesetzten Reflexthatig-keit, beizupflichten; meine Obereinstimmung mit seiner Lehre vom Ursprung und der Entwicklung der Vernunft kann daher nur eine ganz allgemeine sein. Immerhin sind einige Punkte, in denen wir Ubereinstimmen, vorhanden, und so will ich denn mit deren Auf-stellung beginnen.

Spencrr schreibt: „Die Unmoglichkeit, irgend eine Grenze zwischen beiden - Instinkt und Vernunft - zu ziehen, lilsst sich leicht darthun. Wenn jede instinktive Tätigkett eine Anpassung innerer an aussere Beziehungen ist, und wenn jede Vernunftthatig. keit gleichfalls eine Anpassung innerer an aussere Beziehungen darstellt, so kann offenbar die behauptete Unterscheidung auf nichts anderm fussen, als auf irgend einem Unterschied in den Merkmaten der Beziehungen, zwischen denen die Anpassungen stattfanden. Es kann also nicht anders sein, als dass beim Instinkt der Zusam-menhang nur mischen inneren und ausseren Beziehungen stattfindet, die kompliziert oder speziell oder abstrakt oder selten sind. Allein Kompliziertheit, Speziatitat, Abstraktheit und Seltenheit von Beziehungen sind bloss eine Sache des Grades . . . Wie sollte es nun moglich sein, irgend eine bestimmte Stufe der Kompliziertheit oder Seltenheit als die Grenze anzugeben, an welcher der Instinkt endigt und die Vernunft beginnt?"

Hiermit stimme ich voltstandig überein, nur muss ich noch hinzufügen, dass das Gesagte sich ledigiich auf die objektive, zum

*) Prinzipien der Psychologie, S. 474.

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Unterschied von der subjektiven Seite der Erscheinungen bezieht. Mit andern Worten: Solange wit es nur mit der physischen Seite der Erscheinungen (d. h. der Physiologie der Ganglienprozesse, me sie in den angepassten Bewegungen des Organismus xum Aus. druck kommt) zu thun haben, ist das Gesagte unangreifbar. Wenn wir aber von der Physiologie zur Psychologie übergehen, so verliert diese Darstellung ihren Wert, denn sowohl auf dem Gebiet der subjektiven, als auch der ejektiven Psychologie lässt sie die wesentliche Unterscheidung zweier ganz verschiednen geistigen Thatigkeiten ausser acht: Derjenigen, mit der keine Kenntnis der Beziehungen zwischen den angewandten Mitteln und dem erreichten Zweck verbunden ist, und derjenigen, mit einer solchen Kenntnis.*)

Gehen wir über diesen Punkt hinweg, so gelangen wir zu der lichtvollen Darstellung, dass "wenn der Zusammenhang bis zu jenen Dingen und Vorgangen in der Umgebung vorgeschritten ist, welche Gruppen von Attributen und Beziehungen in erheblicher Kompliziertheit darbieten und welche mit verhältnismassiger Seltenheit auftreten; wenn infolge dessen die Wiederholung der Erfahrungen nicht mehr gen0gt, um die durch solche Gruppen hervorgerufen sensorischen Veranderungen in Zusammenhang zu bringen; wenn also solche motorischen Veranderungen und die sie begleitenden EindrUcke nur noch eben im Bewusstsein auftauchen, <o entstehen demgemass bloss Idenn von solchen motorischen Veranderungen und EindrQcken oder, wie bereits dargelegt, Erinnerungen an jene motorischen Veranderungen, welche frUher unter ahnlichen Umstanden ausgeführt wurden, sowie an die damit verbundnen EindrOcke." Doch tritt hier noch keine Vernunftthatigkeit auf, sondern erst dann, wenn die Verschmelzung eines komplizierten Eindrucks mit einem damit verwandten Eindruck auch eine Verschmelzung zwischen auftauchenden motorischen Erregungen ver-

^nn wir Spencess Definition des Infekts annehmenn wird die Kluft auf der geistigen Seite noch trweitert, buofem der Unterschied «vischen Instinkt und Vernunft dann gleichbedeutend ist mit dem Unterschied mischen NcrvcnthlUigkciten ohne alle geistige Begleiterscheinungen und NcrventhUtig-keiten, die auf ihrer subjektiven Seite bewusst angepasst sind.

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ursacht, woraus ein gewisses Zôgern entsteht und schliesslich eine bestimmte Gruppe von motorischen Erregungen das Übergewicht über die andern bekommt." Die stârkste Gruppe wird sodann zur Ausführung gelangen und da diese Gruppe gewohnlich auf diejenigen Umstande Bezug nimmt, die am haufigsten in der Erfahrung vorkommen, so wird die Thätigkeit in den meisten Fällen eine solche sein, die den Umständen am besten angepasst ist. Eine auf so!che Weise hervorgerufne Thatigkeit aber ist nichts anderes als eine Vernunftthätigkeit . . . Dies ist aber genau der Vorgang, welcher, wie wir gesehen haben, stattfinden muss, wenn infolge zunehmender Komplizierthett und abnehmender Haufigkeit die automatische Anpassung von inneren an aussere Beziehungen unsicher oder zôgernd wird. Daraus ergiebt sich deutlich, dass die Tätigkeiten, die wir instinktiv nennen, ganz atlmahtich in jene ThStigkeiten Obergehen, die man venüünftig nennt."

In einem fruhcren Teil dieser Untersuchung sprach ich aber schon meine Ansicht dahin aus, dass Bewußtsein entsteht, wenn ein Nervencentrum einem verhältnismassigen Zusammenstoss molekularer Krafte unterworfen wird, der seinen physiologischen Ausdruck in einem Aufschub der Beantwortung oder, wie Spencrr sich ausdruckt, in einem „Zôgern« findet. Ich glaube jedoch nicht, dass in allen diesen Fällen die Vernunft, im Unterschied vom Be-wusstsein, entstehen muss. Deshalb mOchte ich sagen, dass obwohl Vernunft nicht ohne eine derariige Ganglienreibung besteht, diese selbst dagegen ohne Vernunft auftreten kann; ja es mag z. B. ein grosser und sogar schmerzhafter Grad von Reibung bei einem Konflikt zwischen Instinkten vorkommen. In solchen Fal!en kann die verlängerte Zogerung damit endigen, dass "die stârkste Gruppe der antagonistischen Tendenzen schliesslich in Thatigkett tritt", und doch braucht dies noch keine Vernunftthätigkett zu sein.

In welcher Beziehung weichen wir denn nun von Spencrr hinsichtlich der Entstehung der Vernunft ab?

Erstlich darin, dass wir einen Akt der Vernunft fUr ein bestandigeres oder unabanderlicheres Anzeichen von Ganglienreibung halten, als einen unter andern Umstanden psychischer Thatigkeit entstehenden Akt. Deshalb halte ich auch nicht dafur, dass die

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Vernunft notwengig aus einer solchen Reibung entstehen rauss. Zweitens bin ich nicht der Ansicht, dass die Vernunft lediglich aus dem Instinkt entspringen kann.

Wenn wir diese beiden Punkte getrennt betrachten, so brauche ich wohl beglich des ersten nur noch zu sagen, dass er bloss    . auf den frühesten Ursprung der Vernunft oder auf Vernunftakte    a der einfachsten Art Bezug nimmt; bei komplizierten Vernunftthätig-keiten muss die Ganglienreibung ohne Zweifet stark sein, andernfalls waren solche TMtigketten nicht denkbar. Es ist dies aber      , etwas ganz andres, als wenn ich annehme, überall wo Gangtienrei-      ' bung einen gewissen Grad von Kompliziertheit erreicht, müsse Ver-    ei nunft (im Unterschied von einem starken Bewusstsein) entstehen.    si Im Gegenteil glaube ich, dass auf den niederen Stufen der Vernunft (und a fortion auf allen Stufen, wo Folgerungen nach meiner    U1 Definition môglich sind) nicht mehr und nicht einmal soviel Gang-      , lienreibung oder daraus folgende Verzogerung vorhanden zu sein    le braucht, als dort, wo keine Vernunf~thatigkeit beteiligt ist, wie z. B.    „ bei einem Konflikt von Instinkten.

Der zweite Punkt, von dem ich mich von Spencer unter-    n scheide, ist der, dass ich keinen genügenden Grund einsehe, um    c, mit ihm anzunehmen, dass Vernunft nur aus dem Instinkt entstehen    , könne. Im Gegenteil, da die Vernunft, wie ich auseinander ge-    h setzt habe, ihre Vorläufer, in den regelmassigen Folgen der sinn-    , lichen Wahrnehmung hat; der Instinkt (zum Unterschied von Re-      , flexthatigkeit) ebenfalls seine Vorlaufer in der sinnlichen Wahrneh-     r murag besitzt; und da weder Vernunft noch Instinkt uber diesen    „ ersten Ursprung hinauszukommen vermögen, ohne einen stets pa-    >r rallel damit gehenden Fortschritt in der Fahigkeit der Wahrneh-    t( mung: angesichts dessen bin ich zu der Schlussfolgerng genotigt,    J( dass die Wahrnehmung den gemeinsamen Stamm bildet, aus dem    -a Instinkte und Vernunft als unabhangige Âste entspringen. Insofern     „ nun Wahrnehmung das Folgern, Instinkt die Wahrnehmung, und     , Vernunft wieder die Schlussfolgerung in sich schliesst, besteht da-     d mit auch eine genetische Verbindung zwischen Instinkt und Vernunft; diese Verbindung ist aber offenbar nicht derart, wie Spen-     h cer angiebt, sie ist einfach organisch und nicht historisch.                N

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Diese wesentliche Abweichung von den Spe ncerschen Ansichten glaube ich auf die Art und Weise zuruckfuhren zu mussen, wie er die Beziehungen zwischen den Nervenänderungon mit Bewusst. sein und solchen ohne Bewußtsein betrachtet. Somit beginnt die Verschiedenheii unserer Ansichten schon bei der Untersuchung des Gedachtnisses (S. 137), wo ich sagte: "Ich kSnne nicht zugeben, dass wenn psychische Yeränderungen (zum UnterFchied von physiologischee Veränderungen) vollstandig automatisch sind, sie deshalb nicht für mnemonisch gehalten werden dOrften ... In-sofern sie die Gegenwart einer bewussten Erkenntnis, zum Unter-schied vonReflexthatigkeit, einschliessen, insofern, meinte ich, Hesse sich keine Grenze zwischen ihnen und weniger vollkommnen Erinnerungen ziehen.«« Der Gegensatz trat bei dem Abschnitt uber d:eWahmehmung(S.147)zuTage, bezüglich deren ich es fdr sehr fraglich hielt, ob die einzigen Faktoren, die zu der Differenzierung psychischer Proze~se aus reflektorischen Nervenprozessen fuhren, wie Spencer behauptet, "aus der Kompliziertheii der Wirkungen in Verbindung mit der Seltenheit des Vorkommens bestehen.«') Die fragliche Verschiedenheit wurde noch deutlicher, als ich zu der Erforschung des Instinktes kam; denn indem wir den Instinkt mit zusammengesetzter Reflexthätigkeit identifizierten, fanden wir, dass Spencer gânziich ausser acht liess, was ich fur das wesentliche Unterscheidungsmerkmaa des Instinkts halte, namiich die Gegenwart der Wahrnehmung, als von der Empfindung unterschieden. Da wir nun zum Gebiete der Vernunft kommen, so tritt dieselbe Divergenz uns wiederum entgegen. Ob ich nun zu unserm gegehwartigen Zwecke Spencess Definition des Instinkts, als einer zusammengesetzten Reflexthätigkeit, acceptiere, oder be: meiner eignen Definierung desselben, als einer Reflexthâtigkeit, zu welcher ein Bewusstseinselement hinzutritt, beharre - in beiden Fällen kann ich unmöglich finden, dass Vernunft notwendig und ausschliesslich aus dem Instinkt entspringe.

Nehmen wir zuvorderst Spencess Definition, so kann ich nicht einsehen, dass die Vernunft notwendig und lediglich aus zu-

*)Vergl. Prinzipien der Pönologie 4*6. Born»».*, Bntwiokloxg d«. Oaiitn.                                              ,4

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sammengesetzter Reflexthâtigkeit entspringen soli, weil ich die That-sache vor Augen habe, dass bei den hôheren Organismen zahlreiche Fälle von ausserordentlich zusammengesetzter Reflexthâtigkeit vorkommen, die nichtsdestoweniger keine Ansehen von Vernunft-massigkeit enthalten. Einige dieser Fälle konnen, beiläufig bemerkt, niemals und zu keiner Periode ihrer Entwicklungsgeschichte vernunftmassig gewesen sein, um dann etwa durch die hlufige Wieder-holung automatisch zu werdcn. Dies betrifft x.B. die zusammengesetzten Reflexthätigketten des Gebarens, ebenso gewisse, noch dunklere Reflexthätigkeiten, die unsrem vernûnftigen Denken ganz unbegreiflich sind - ich meine die durch ein befruchtetes Ei in der Hülle des Uterus hervorgerufen Veranderungen. Das sind Beispiele von ungemein stark zusammengesetzter Reflexthâtigkeit, die im Lebenslauf der Individuen stets nur von seltenem Vorkommen gewesen und zu keiner Zeit jemals Ursache oder Wirkung von Vernunft geworden sein kënnen.

Wenn wir dagegen meine eigne Definition des Instinktes nehmen, so vermag ich nicht einzusehen, dass Vernunft notwendig und ausschliesslich aus Reflexthâtigkeit entstehen muss, in welche ein Element von Bewusstsein hineingetragen worden. Denn dieses Element ist lediglich ein Etement der Wahrnehmung, und ich kenne keinen Grund, der mich zu der Folgerung berechtigte, dass die Wahrnehmung nur aus der wachsenden Komplitiertheit und Seltenheit von Reflexthätigketten entspringe. Wie ich in meinem Kapitel über die Wahrnehmung sagte, ist die Wahrheit die, "dass soweit eine bestimmte Kenntnis uns zu irgend einer Aussage befahigt, der einzige bestandige physiotogische Unterschied zwischen einem vom Bewusstsein begleiteten Nervenprozess und einem Nervenprozess ohne Bewusstsein lediglich ein Unterschied der Zeit ist. In sehr vielen Fällen mag dieser Unterschied durch die Schwierigkeit oder Neuheit der von Bewusstsein begleiteten Nervenprozesse verursacht sein;" wenn wir aber sehen, dass, wie oben erwähnt, bei uns selbst hoch verwickelte und ausserst seltne Nervenprozesse mechanisch vor sich gehen konnen, so halte ich uns nicht zu dem Schlusse berechtigt, dass die Kompliziertheit und Seltenheit der Ganglien-thatigkeit die einzigen Faktoren zur Hervorrufung des Bewusstseins

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seien. Selbst wenn wir im Interesse unsres Beweisganges voraus. seben wollten, dass dies der Fall ware, so wurde immer noch nicht daraus foigen, dass der einzige Weg zur Vernunft durch den Instinkt hindurch ginge. Da die Wahrnehmung das gemeinschaftliche Element beider Faktoren, sowohl des Instinktes, wie der Vernunft ist, so kënnte es ja schr wohl mOgtich sein (und ich glaube sogar, dass es so ist), dass die Vernunft direkt aus jenen automa-tischen Folgerungen, entsteht, die, wie wir sehen, mit der Wahrnehmung gegeben sind und die, wie wir ebenfalls gesehen, die Bedingungen zur Entstehung des Instinkts liefern. Ich will also nicht in Abrede stellen, dass die Vernunft aus dem Instinkt hervorgehen kann und in vielen Fällen wohl auch wahrscheinlich hervorgeht, insofern die wahrnehmende Grundlage des Instinktes das Material zu den hoheren Wahrnehmungen der Vernunft zu bieten vermag, ich verwahre mich nur gegen die Doktrin, dass die Vernunft in keiner andern Weise entstehen kënne. Die Unwahrschein-lichkeit dieser Lehre ergiebt sich schliesslich auch aus den zahl. reichen, in den Kapiteln über den Instinkt gegebnen Beispielen vnn der gegenseitigen Wirksamkeit zwischen Instinkt und Vernunft -insofern die Entwicklung des ersteren zuweilen auch die weitere Entwicklung der letzteren nach sich zieht, zuweilen aber auch, wie z. B. in allen Fällen von Instinktbildung, durch Zurücktreten der Intelligenz die Entwicklung der letzteren zur Weiterentwicklung des ersteren führt. Solche Wechseiwirkungen kônnten nicht stattfinden, wenn der Instinkt stets und überall der Vorläufer der Vernunft ware. Ich darf das Thema nicht verlassen, ohne der herrschenden Ansicht (der ich setbstverstandtich in keiner Weise beistimme) zu gedenken, dass die betreffende Fâhigkeit cin Vorrecht des Menschen sei. Da einer der beruhmtesten und bestunterrichteten Autoren der neueren Zeit, St. G.Mivar,, jüngst diese Lehre unterstützte, werde ich ihn als den hauptsachlichsten Trager derselben betrachten und seine Beweisführung. als die beste, die jene Theorie fur sich an-führen kann, einer naheren Prufung unterziehen. ^Darwin teilt') folgenden Fall von vernünftiger Handlungsweise

*) .Abttammuag des Menschen«, S. 3S4-

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seitens einer Krabbe mit: „Mr. Gardener sah einer Strandkrabbe (QelamnusJ zu, wie sie ihre Grube baute, und warf einige Muschelschalen nach der Höhlung hin. Eine davon rollte hinein und drei andre Schalen blieben wenige Zoll von der Öffnung entfernt liegen. In etwa fünf Minuten brachte die Krabbe die Muschel, welche in die Höhle gefallen war, wieder heraus und schleppte sie bis tu einer Entfernung von einem Fuss von der Öffnung; dann sah sie die drei andern /der Nahe liegen, und da sie augenscheintich dachte, dass diese gleichfalls hineinrollen konnten, schleppte sie auch diese zu der Stelle, wo sie die erste hingebracht hatte. Ich meine, es darfte schwer fallen, diese Handlungen von einer solchen zu unterscheiden, die der Mensch mit Hilfe der Vernunft ausûbt."

Mivart, der diese Stelle in seinem Buche') ebenfalls anführt, nennt sie eine „erstaun!iche Bemerkung". Gehen wir nun zu einer näheren Betrachtung jener vorherrschenden Meinung, dass die Vernunft ein Vorrecht des Menschen sei, <ber.

Ich beginne mit der wiederholten Bemerkung, dass die Vernunft, im SiL einer ,Erkenntnis der Beziehungen zwischen angewandten Mitteln und erreichtem Endzweck" - zahllose Stufen um-schliesst; ich halte es aber für eines der grOssten Missverständnisse in psychologischer Hinsicht; wenn man vermutet, es kônnte auch ein UnterscLd der Art nach bestehen; moge diese Fâhigkeit sich auf die hëchsten Abstraktionen des forschenden Gedankens oder die niedersten Erzeugnisse der sinnlichen Wahrnehmung beziehen; mogen die damit zusammenhängenden Ideen von allgemeiner oder spezieller, von komplizierter oder einfacher Natur sein: wo immer 1 Folgerungsprozess aus ihnen entsteht, der in der Herstellung eines angemSenen Schlusses unter ihnen resultiert, da haben wir stets etwas mehr, als eine blosse Ideenverbindung; und dieses Etwas ist eben die Vernunft. Wenn ein grosser Stein durch das Dach meiner Behausung fiele, und ich, auf die Mauer kletternd, noch drei oder vier andre Steine gerade am Rande derselben lie-gen sahe, so wûrde ich schliessen, dass der zuerst hereingefallne Stein in einer ahniichen Beziehung zu meiner Behausung gestanden

') Lmm from Nature, p. 2'j.

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hätte, wie die letzteren, und dass es deshalb geraten sei, auch diese aus ihrer drohenden Lage zu entfernen. Dies würde aber kein Akt der Ideenverbindung, sondern ein Vernunftakt (obschon ein ganz einfacher) gewesen sein, und es ist dies, psychologisch gesprochen, ganz Ideutisch mit dem von der Krabbe vollzogen Akte. J. S. Mill zufolge geht jede Folgerung vom Besonder« zum Besonderen: „Allgemeine Satze sind lediglich die Verzeichnisse bereits gemachter Folgerungen und kune Formeln zur Herstellung von weiteren." Obschon diese Lehre von den Logikern nicht allgemein angenommen ist - Whately behauptet z. B. entschieden das Gegenteil und viele weniger bedeutende Schriftsteller stimmen mehr oder weniger mit ihm uberein -, so fühle ich mich doch aus verschiedenen, rein logischen Grunden, die nichts mit der Entwicklungslehre zu thun haben, mit Mill einverstanden. Mir scheint, dass nur mit Hilfe seiner Doktrin der Vernunftschluss von einigem Werte ist: „Es ist setbstverstSndtich, dass in jedem Syllogismus, wenn man ihn als ein Argument fur die Richtigkeit des Schlusses betrachte,, eine peUtio prMpü steckt. Wenn wir sagen: ,Alle Menschen sind sterblich, Sokrates ist ein Mensch, folglich ist So. krates sterblich' - so werden die Gegner der syllogistischen Theorie ohne Zweifel einwenden, dass die Behauptung ,Sokrates ist sterblich' schon in der allgemeinen Voraussetzung ,alle Menschen sind sterblich* inbegriffen sei« Deshalb kann "ein Schluss vom Allgemeinen zum Besondern als solcher nichts beweisen, da wir von einer allgemeinen Behauptung auf nichts Besondres schliessen konnen, ausser auf das, was der Vordersatz selbst schon als bekannt annimmt." Es ist hier nicht der Ort, des weiteren auf diese rein logische Frage einzugehen; ich beschränke mich daher ledig-lich auf Mills Auseinandcrsetzung.*) Da ich mich nun von der Ansicht nicht losmachen kann, dass die Hauptvoraussetzung. in einem Vernunftschluss bloss eine verallgemeinerte Wiedergabe fruherer besondrer Erfahrungen, und jedes Urteil daher !m Grunde eine Folgerung vom Besondern zu Besonderm sei, so halte ich den Schluss (ganz abgesehen von der Entwicklungstheorie) hin-

*) l*gh, 1 aap. III.

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reichend gestùtzt, dass kein Unterschied der Art zwischen dem von jener Krabbe vollzognen Vernunftakt und irgend einem menschlichen besteht. Die allgemeine Frage, ob überhaupt ein Unterschied zwischen der geistigen Organisation beim Menschen und derjenigen, beim Tiere der Art nach im ganzen bestehe, wird eine eingehendere Behandlung in meinem künftigen Werke erfahien. Hier will ich nur darlegen, dass ein solcher Unterschied, sofern er die besondre Unfähigkeit betrifft, die unter meine Definition der Vernunft fällt, nicht besteht. Ein bewusster Folgerungsprozess als solcher ist seiner Art nach überall derselbe, wo und in welchem Grade der Ausbildung er auch vorkommen mag.

Hier begegne ich indessen einer oft gehörten Behauptung, die auch von Mivatt in der bei ihm gewohnten logischen Form und deshalb mit grosser Oberzeugender Kraft unterstUtzt wird. Er sagt: "Zwei Fahigkeiten sind der Art nach verschieden, wenn wir che eine in aller Volikommenheit besitzen konnen, ohne dass wir dabei im Besitz der andern sind; in noch h&herem Grade aber, wenn beide Fahigkeiten in umgekehrtem Verhaltnis zunehmen, indem die Vervollkommnung der einen mit einer Abnahme der andern verbunden ist. Dies ist aber gerade die Unterscheidung zwischen dem instinktiven und dem vernünftigen Teil der menschlichén Natur. Seine instinktiven Handlungen sind, wie jedermann zugeben wird, nicht die vernünftigen, seine vernunftigen keine instinktiven. Ja, wir konnen sogar sagen, dass je instinktiver die Handlungen eines Menschen sind, sie um so weniger vernünftig sind, und umgekehrt. Daraus geht aber hervor, dass die Vernunft unmöglich aus dem Instinkt sich entwickelt haben kann. Beim Menschen sehen wir dieses umgekehrte Verhältnis xwischen Empfindung und Wahrnehmung und bei Tieren finden wir gerade dort, wo die Abwesenheit der Ver-nunft allgemein zugegeben wird (d. h. bei Insekten), den Gipfel und die hëchste Vollkommenheit des Instinkts bei den Ameisen und den Bienen .... Sir Wil.. Hamilton hat dieses umgekehrte Verhaltnis schon vor längerer Zeit hervorgehoben; wenn aber die beiden Fshigkeiten gar in umgekehrtem Verhaltnis zuzunehmen pflegen, so ist der Unterschied unzweifelhaft einer der Art nach.-; -^I^m from Nature *io.

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Ich begegne diesem Beweisgang dadurch, dass ich die behauptete Thatsache entschieden in Abrede stelle. Es ist einfach nicht wahr, dass ein solches bestandig umgekehrte Verhältnis wie das oben erwShnte besteht. Wenn es auch (den Grundsatzen unsrer Entwicklungstheorie gemass) ganz im allgemeinen angenommen werden kann, dass in dem Masse, wie die Tiere in der Stufenreihe der geistigen Entwicklung fortschreiten, auch ihr geistiges Anpassung» verm8gen in weiterem Umfang zu ihrem weniger ausgebildeten Ver. mëgen an instinktiver Anpassung hinzutritt, so wird jedem, der seine Aufmerksamkeit jemals auf geistige Anlagen der Tiere lenkte, klar sein, dass dagegen kein umgekehrtes Verhältnis mischen diesen beiden Fahigkeiten besteht. Ja, der Fall, dass "bei Bienen und Ameisen die Abwesenheit der Vernunft ganz allgemein zugegeben sei", ist so weit davon entfernt, wahr zu sein, dass aile Forscher, deren Schriften mir bekannt sind, einstimmig darin Übereinkommen, dass es unter den Wirbellosen keine Tiere giebt, die hinsichtlich ihrer Befahigung zu geistigen Folgerungen mit den Ameisen und Bienen verglichen werden könnten. Mit Bezug auf die Tiere im allgemeinen môchte ich ferner sagen, dass, mangels einer engen Verwandtschaft zwischen den Fahigkeiten des Instinkts und dem intelligenten Folgerungsvermagen, das unter ihnen bestehende Ver. haltnis uns eher zu der Auffassung berechiigt, dass die Kompliziertheit der geistigen Organisation, die ihren Ausdruck in einer hohen Entwicklung instinktiver Fâhigkeiten findet, zur Entwicklung intelligenter Fahigkeiten neigt. Schon die Entwicklungstheorie lässt uns erwarten, dass eine solche allgemeine Beziehung vorhanden sei, denn die fortschreitende Komptiziertheit des Instinktes ist, wie Spencer bemerkt, dazu geeignet, ihren rein automatischen Cha-rakter abzuschwachen. Auf der andern Seite ist aber zu vermuten, dass diese Beziehung allgemein und nicht konstant ist, insofern der Instinkt entweder ohne Vorgang der Intelligenz oder durch Zurück. treten der Intelligenz entstehen kann.

Was nun den Menschen anbelangt, so halte ich Mivarss Be. weisfuhrung hier für nicht weniger ungerechtfertigt. Es ist aller. dings richtig: ,Je instinktiver die Handlungen eines Menschen sind, um so weniger sind sie vernünftig, und umgekehrt." Es stimmt dies

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ganz mit unsrer Annahme Uberein, dass die menschlichen ïnstinkte ererbten Erfahrungen zu danken seien, wahrend die bewussten Fotge-rungsprozesse sich hauptsgchlich aus der individuellen Erfahrung herleiten lassen. Daher kommt es, dass die instinktiven Handlungen in der ersten Kindheit die intelligenten Handlungen überwiegen, wahrend in der späteren Kindheit diese Reihenfolge umzukehren beginnt. Dabei tritt aber nirgends ein Unterschied in der Art her-vor; im spSteren Leben xeigt sich ihre generische Obereinstimmung in der Thatsache, dass das Prinzip der zurUcktretenden Intelligenz, selbst in den Grenzen individueller Erfahrung, Thätigkeiten entstehen lässt, die anfangs bewusst angepasst oder vernûnftig, durch Wieder-holung aber automatisch oder instinktiv werden.

Wetchem Missverständnii haben wir denn aber jene vorherr-schende Anschauung, dass Vernunft ein spezielles Prarogativ des Menschen sei, zuzuschreiben? Ich glaube, dieses Missverständnii entsteht aus der irrigen Bedeutung, die dem Worte Vernuntt an-haftet. Mivart folgt z.B. fortwahrend der herkömmlichen Gewohn-heit und legt dem Worte die Bedeutung eines selbstbewusssen Denkens bei. So sagt er z. B. ausdrücklich, dass, wahrender den Tieren die Vernunft ableugne, er nur behaupte, dass ihnen "das Urteitsvermögen fehte,)) das heisst, nach seiner eignen Definition vom Urteil: das erwâgende selbstbewusste Denkvermôgen. Ich will hier nur noch beifügen, dass die Fahigkeit des erwagenden Denkens, welches das Urteilsvermögen in sich schliesst, nicht notwendig beim Vernunftprozess als solchem beteiligt zu sein braucht, obwohi seine Anwesenheii unfraglich diesem Prozess vieles neue geeignete Material zufthrtt Wie gesagt, betrachte ich den Vernunftschluss als einen bewussten Folgerungsprozess und schliesse daraus, dass es keinen Unterschied in unsrer Klassifizierung der Tatsachen der Vernunft macht, ob das Gebiet ihrer Betatigung auf die Gefühlsoder die Gedankensphare Bezug nimmt. Da nun Mivart zugiebt, dass Tiere „praktische Folgerungen" ziehen, so vermute ich, dass mein Gegensatz zu der von ihm vertretnen Lehre nur in der Terminologie beruht. Ohne Zweifet besteht ein ungeheurer Unterschied

*)£««* Av» A'aftr», p. 217.

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zwischen der Psychologii des Menschen und der der niederen Tiere; im folgenden werde ich naher darauf eingehen, worin dieser Unterschied besteht. Hier will ich nur noch bemerken, dass er nicht darin besteht, dass den Tieren jede Spur von Vernunft in dem oben erläuterten Sinne abgehe. Um dies deutlich zu machen, halte ich es aber, wie gesagt, für überflüssig, noch weitere spexielle Bei-spiele tierischer Vernunft anzuführen, als in den frUheren Kapiteln bereits mitgeteilt wurden.

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Zwanzggstes Kapitel.

Gemütsbewegungen bel Tieren nebet einer Ûbersieht der intellektuellen Fahigkeiten.

flenn wir uns wieder zu unserm Diagramm wenden, so finden wir, dass ich den Tieren folgende GemUtsbewegungen zu. schreibe, die ich nach der Reihe ihrer wahrscheinlichen historischen Entwicklung wie folgt anführe: Uberraschung, Furcht, geschlechtliche und elterliche Zuneigung, soziale Gefühle, Kampf-lust, Fleiss, Neugierde, Eifersucht, Ârger, Spielerei, Neigung, Sympathie, Nacheiferung, Stolz, Empfindlichkeit, asthetische Vorliebe für Zierrat, Schreck, Kummer, Hass, Grausamkeit, Wohlwollen, Rachsucht, Zorn, Scham, Reue, Verschlagenheit, Lustigkeit. Dièses Verzeichnis, welches viele menschliche Erregungen unerwahnt lässt, erschôpft alle Affekte, von denen ich Nachweise in der Psychologie der Tiere fand. Ehe ich jedoch diese Nachweise im einzelnen vorbringe, wird es vielleicht nicht Oberflüssig sein, tu betonen, dass wenn wir einem Tiere diese oder jene GemUtsbewegung zuschreiben, wir nur aus seinen Handlungen auf eine solche schliessen kOnnen; dass aber diese Schlussfolgerung notwendig an Gültigkeit einbOsst, je tiefer wir im Tierreich zu Organismen herabsteigen, die sich in der Âhntichkeit immer mehr von uns entfernen, sodass, wenn wir bis zu den Insekten hinunterkoramen, wir, meiner Meinung nach, zuversichtiich nur so viel behaupten k8nnen, dass die bekannten Thatsachen der menschlichen Psychologie die bestmogtiche SchabIone zur Beurteilung der wahrscheinlichen Thatsachen der Psycho-

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logie bei Insekten bietcn. Infolge dessen haben wir bei dieser Ab-handlung über die GemUtsbewegungen dieselbe Methode zu befolgen, die wir vorher bei der Abhandiung über die intellektuellen Fahigkeiten befolgten: wahrend wir namtich der Thatsache volle Rechnung tragen, dass die Analogie an Wert verliert, je tiefer wir im Tierreich vom Menschen abwarts steigen, haben wir uns doch dieser Analogie, ats des einzigen Forschungsmittels, welches wir besitzen, zu bedienen, so weit es eben geht.

Ich werde nun in aller KOrxe nachzuweisen versuchen, was mich daxu veranlasste, die einzeinen oben erwahnten Gemütsbewcgungen den Tieren zuzuschreiben. Wenn wir dabei, meinem Dia-gramm zufolge, die ersten Spuren derselben mit dem Beginn der geistigen Entwicklung zusammenfallen Hessen, wird es sich finden, dass in der Mehrheit der Fälle mit der hoheren geistigen Entwicklung auch die GemStsbewegungen in einer höher entwickelten Form auftreten. Im Diagramm liess ich dieselben aus der auf. keimenden geistigen Organisation entstehen und brachte sie auf ein und dieselbe Stufe mit dem Ursprung des Wahrnehmungsver. mogens. Ich bin namiich der Meinung, dass sobald ein Tier oder ein junges Kind im stande ist, seine Empfindungen wahrzunehmen, es auch im stande sein wird, Freude und Schmerz zu empfinden; wenn daher der Vorlaufer einer schmerzhaften Wahrnehmung im Bewusstsein wiederkehrt, so wird das Tier oder das Kind auch die Wiederholung jener Wahrnehmung voraussehen; es wird eine gedankliche Wiederbotung jener Schmerzen erleiden, und ein solches Erleiden ist die Furcht. Dass aber eine Furcht von dieser niedern oder unbestimmten Art schon um die zweite oder dritte Woche der Kindheit vorkommt, ist die übereinstimmende Ansicht aller, welche die Entwicklung der Kindes-Psychologie verfolgten. Die genaue Bezeichnung der Tierklasse, bei welcher eine wirkliche Erregung von Furcht zum ersten Male auftritt, ist begreiflicherweise eine schwierige Sache und wird, beim Mangel jeder Kenntnis bezuglich der Klasse, bei welcher die Wahrnehmung zum ersten Male auftritt, geradezu unmCglich. Wahrend ich aber, wie gesagt, nicht ~u sagen im stande bin, ob die Cölenteraten, und noch weniger die Echinodermen, ihre Empfindungen wahrzuNehmen vermëgen, halte

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ich dies doch fur wabrscheinlich in Bezug auf Insektenlarven und Würmer. Dass die einen wie die andern bei eintretender Gefahr Symptome der Beunruhigung an den Tag legen, ist leicht nachzuweisen. Vor wenigen Monaten hatte ich z. B, die Gelegenheit, die Gewohnheiten der Prozessionsraupe zu beobachten. ) Da ich

mich zu tiberzeugen wUnschte, ob ich den Reiz, den der Kopf der einen Raupe auf das Hinterende der nachttvorderen ausübt (und der die letzteee wissen tot, dass die Reihe nicht unterbrochen

ist), künstlich hersteleen könne, nahm ich das letzte Glied der ganzen Reihe weg. Wie immer, blieb das vorletzte Glied stehen, dann das folgende u. s. w., bis die ganze Reihe hatt machte Wenn

ich nunedas letzte Glied wieder mit dem Kopf an das Hinterende

.            M--------. Reihe sich wiedrr

des vorletzten brachte, so begann die ganze

■*-- '-*- -«— ;CW(. *.„.... .v

der nunmehr le

und

fortzubewegen. Statt dessen nahm ich aber jetzt einen fernen Pinsel und berührte damtt leise dasHbterende der nunmhhr letzten Raup.. Sofort begann dieses Glied sich wieder zu bew bald darauf war der ganze Zug wieder in Bewegun. Um aber den Marsch fortdauern zu lassen, war es notig, da» ich anha tend das Hinterende des letzten Gliedes mit dem Pinsel berührte.

') Vergl. Amnml Intelligence, p. ajS.-bBwig.nf diesen Fall gehen die belden haupMchlichsten Beobachter, de Villi.»^"^^ einander. Der erstere behauptet, das* wenn man eine Raupe aus der Kette Herne, die gan,eKe«e J* mit einem Mal, gleich +~J££^£ mns halt mache. Dahis sagt dagegen, dass eine solcheNachricht von Raupe

„ Raupe mitgeteilt würde und.w~r iu cinem ^_- von etwas weni^r ~*'--tt Raupe. Trotzdem ich „atig.ng iür de Villi«. vi,' in jeder Begehung~ Glied aus der sich fortl. . . „aebstvord.re Glied nicht nur halt machte, sondern auch seinen Kopf »n

als einer S.kunde per Raupe. Trott*» ich den Versuch viele Male wieder-- .tatigung iür de VIII           "

dass sobald ich jZZ ™^^^^J^Z

halte blieb jede Be.tatig.ng iür de Villiers Behauptung aus; dagegen fand

tttx^x&z^^~»

seinen Kopf in derselben Weise

zu bewegen beginnt u. s. f.. bis alle vor

derünterbUungsstelle befindlich.n Raupen still «ehe« und **-*£ Seitenbewegungen machen. Sie fahren ohne Untetbrechung mit dieser Kopf-b^wegungTTange fort, bis die Prozession wieder vorwârts geht. Ich habe ^Bewegung Igen, ausschUesslich Dur unter diesen besonderen Umstanden ausführen sehen.

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Wenn dieses Pinseln aber im geringsten zu stark geschah, so dass es den durch den haarigen Kopf der Raupe gebotnen Reiz nicht hinreichend genau wiedergab, fdhlte sich das Tier beunruhigt und zog sich in Form eines Knauets zusammen. Ich versuchte das Tier dadurch in Verwirrung zu setzen, dass ich das Hinterende anfang!ich kürzere Zeit ganz leise anpinselte (so dass es den Umstanden nach nicht anders gtauben konnte, als dass ich eine Raupe sei), sodann aber nach und nach immer stärker zu pinseln begann. Ich konnte jedoch nur hetaus6inden, dass ich einen Punkt erreichte, bei welchem das Tier in Verwirrung geriet; denn das Pinseln war immerhin noch ausserordentlich sanft, sodass, wenn das Tier durch einen reinen Reflex-Mechanismus in Bewegung gesetzt werden konnte, ich nicht «mutet hätte, dass eine so unendlich kleine Differenz in dem Betrag des Reizes einen so grossen Unterschied in der Natur der Beantwortung hervorzubringen vermôchte.

In betreff der WUrmer hat Darwnn in seinem Werke über Regemvürmer nachgelesen, dass diese Tiere furchtsame Anlagen haben, indem sie wie Kaninchen in ihre Höhlung stürxen, wenn sie beunruhigt werden. Wahrscheinlich haben andre Arten WUrmer, die besser mit speziellen Sinnesorganen versehen sind und infolge dessen mehr Intelligenz besitzen, auch mehr Gemütsbewegungen.

Hinsichtlich kleiner Kinder ist Preyer derMeinung, dass die früheste Erregung in der Ûberraschung oder dem Erstaunen Uber die Wahrnehmung eines Wechsels oder einer auffallend neuen Gestalt in der Umgebung bestehe. Aus Rucksicht auf diese Meinung setzte ich die Uberraschung auf dieselbe Stufe der Gemutsbewegung wie die Furcht; in beiden Fällen ist aber diese Stufe so niedrig, dass nur der Keim solcher Erregungen hier vorausgesetzt werden kann.

Diese fruheste Stufe (18) entspricht also den dem „Setbst. schutz" dienenden GemNtsbewegungen. Die nachste Stufe (19) Hess ich mit dem Ursprung der "Erregungen zum Schutz der Art" zusammenfallen und von diesen machen sich die sexuellen zuerst geltend. Im Tierreiche - oder richtiger gesagt, auf der psycho-logischen Stufenleiter - begegnen wir diesen Gemutsbewegungen zuerst in unzweideutiger Weise bei den Mollusken, die in diesem

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Betreff sowohl, wie infolge der bei dem Abschnitt uber die Ideen. verbindungen gegebenen Gründe die entsprechende Stufe auf der andern Seite des Diagrammes einnehmen. Die darauf folgende Stufe (20) wird durch die elterliche Liebe, die sozialen GefUhte, die Kampflust b~zeiehnet, Erregungen, die zur sexuellen Auslese, zum Fleiss und zur Neugier leiten. Die betreffende Stufe entspricht deshalb dem Ursprunge des Zweiges mit den sozialen Erregungen im mittleren Teile des psychologischen Baumes, sowie dem ersten „Erkennen der Nachkommenschaft« auf Seite der intelligenten Fahigkeiten. Die Tiere, die als die ersten diesen Bedingungen entsprechen, sind die Insekten und Spinnen. Denn hier finden wir, selbst abgesehen von den Hymenopteren, Beweise von elterlicher Zuneigung in der Sorgfalt, welche Spinnen, Ohrwurmer und gewisse andre Insekten ihren Eiern etc. erweisen. Zahlreiche Insekten. arten besitzen ferner hochsoziate Gewohnheiten, andre sind sehr streitsuchtig; andre auffallend fleissig; die meisten fliegenden In. sekten zeigen (wie wir schon im t8. Kap. sahen) Neugier, und nach Darwins Untersuchungen finden wir bei dieser Klasse auch die ersten Nachweise einer sexuellen Auswahl. Der zu Stufe habe ich das erste Auftreten der Erregungen der Eifersucht, des Ârgers, und der Spielerei zugeschrieben, die unzweifethaft bei Fischen vor. kommen. Auf die 23. Stufe brachte ich das Auftauchen der nicht sexuellen Zuneigung, mit Rücksicht auf die Zuneigung einer Pythonschlange gegenuber denen, die sie wie ein Haustier hielten. Auf die 2~. Stufe setzte ich das Auftauchen der Sympathie, die wir unfraglich, wenn auch vielleicht nicht andauernd, von Hyme-nopteren an den Tag gelegt sehen. Auf der n~chsten Stufe (ajj) finden wir die Nacheiferung, den Stolz, die Empfindlichkeit, die Ssthetische Vorliebe fUr Zierrat, sowie Schreck, im Unterschied von Furcht. Allen diesen Eigenschaften begegnen wir, meines Wissens, zuerst bei Vôgeln; in derselben Klasse zudem noch mehreren der bisher namhaft gemachten Gemütsbewegungen in einer huheren Entwicklung.*) Wir kommen sodann zu Kummer, Hass, Grausam-

*) Vößel sind die niedersten Tiere, die, soweit meine Kenntnis relcht,

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keit und Wohlwollen, die zuerst bei den intelligenten Saugetieren auftreten. Kummer kann sich hier steigern bis zu einem Sich.zu-Tode-Grämen über die Trennung von einem geliebten Herrn oder Gefahrten; Hass zeigt sich durch anhaltenden Widerwillen; Grausamkeit bei der Behandlung einer Maus durch die Katze; Wohlwollen z. B. durch folgende, mir neuerdings bekannt gewordene Züge: "Eine Hauskatze," schreibt 0. Fitch, „beobachtete man, wie sie einige Fischgraten aus dem Hause nach dem Garten trug, und als man ihr folgte, bemerkte man, dass sie dieselben einer fremden, anscheinend halb verhungerten und elend aussehenden Katze vorlegte, von der sie verschlungen wurden; damit nicht genug, kehrte unsre Katze zurück, verschafite sich frischen Vorrat und wiederholte ihr mitleidiges Anerbieten, das anscheinend mit der gleichen Dankbarkeit angenommen wurde. Nach diesem Akt der Wohlthatigkeit kehrte die Katze zu ihrem gewohnten Platze zurück und frass die ubrig gebliebnen Graten.«*) Ein ganz ahnticher Fall wurde mir vonDr. Allen Thomson mitgeteilt. Dereinzige Unterschied dabei bestand nur darin, dass die Katze die Aufmerksamkeit der Kôchin auf die hungernde Fremde draussen lenkte, indem sie jene am Kleide zupfte und nach dem betr. Platze hinführte. A]s die Kachin der Hungernden etwas Nahrung reichte, stolzierte die andre, so lange die Mahlzeit dauerte, laut schnurrend um sie herum. Schliesslich noch ein dritter Fall: Mr.H. A. Macpherson schrieb mir, dass er im Jahre 1876 im Besitz eines alten Katers nebst einem wenige Monate alten Katzchen war. Der Kater, der lange der bevorzugte GUnstling gewesen, wurde eifersûchtig auf das Katzchen und trug einen grossen Widerwillen gegen dasselbe zur Schau. Eines Tages wurde der Fussboden im unteren Stock des Hauses repariert und einige neue Dielen gelegt. Am Tage nach der Vollendung dieser Arbeit "kam der Kater in die Küche, rieb sich an der KOchin und miaute ohne Unterlass, bis er deren Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte; hin und herrennend, leitete er sie darauf zu dem Zimmer, in dem jene Arbeit verrichtet worden war. Die Kochin wusste sich dies Verhalten nicht zu erklären, bis sie

*) Nature, 9. April t883.

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dicht unter ihren Fussen ein schwaches Miauen hôrte. Man entfernte die Diele und das Katzcheo kam heil und gesund, obwohl sehr entkraftet, darunter zum Vorschein. Der Kater uberwachte den Vorgang mit der grossten Aufmerksamkeiit bis das Kätzchen befreit war; nachdem er sich aber vergewissert, dass demselben nichts fehle, verliess er sofort das Zimmer, ohne eine besondre Genugtuung über die Errettung xu zeigen. Auch wurden sie spaterhin niemals wirktich gute Freunde."

Auf die folgende Stufe setzte ich die Rache, zum Unterschied von der Empfindlichkeit, und den Zorn, zum Unterschied von Ârger. Schon in meinem früheren Werke') fuhrte ich einige Beispiele von Rachsucht bei Vogetn an; da aber die Art dieser Erregung dabei vielleicht nicht ganz unverkennbar » Ausdruck kommt, so sehe ich hier davon ab und verweise die Rachsucht auf eine psycho* logische Stufe mit dem Elefanten und dem Affen, bei welchen Tieren sie sehr deutlich auftritt. Dasselbe gilt für den Zorn, zum Unterschied von dem weniger heftigen Gefühle der Feindseligkeit, welches ich unter dem Ausdruck „Ärger" kennzeichne. Zuletzt kommen wir zur 28. Stufe, welche die hochste Entwicklung der Gemùtsbewegungen bei Tieren aufweist. Dieselben bestehen in der Scham, der Reue, der Hinterlist und der Lustigkeit, wozu nament-lich Hunde und Affen zahllose Beispiele liefern.

Bei dieser kurzen Übersicht über das Gebiet der Gemütsbewegungen im Tierreich war es mein Bestreben, eine mehr generische, als spezifiiche Darstellung derselben zu geben. Ich sah deshalb von allen Einzelheiten des Charakters bei diesem oder jenem Tiere ab, wie ich mich auch aller weiteren Aufzählung von Beispielen enthielt. Man wird dieselben im Oberfluss in meinen früheren Darstellungen finden.

Ehe ich nun das letzte Kapitel mein« Buches schliesse, mochte ich noch eine kurze Übersicht der Stufen gewahren, die ich flir die entsprechende andre Seite des Diagrammes bestimmte, welcher die Aufgabe zufällt, die wahrscheinllche Geschichte der geistigen Ent-wicklung in Hinsicht auf die Fahigkeiten des Intellekts zu zeichnen. Es ist allerdings auch schon im Bisherigen hâufig darauf Bezug

~~*) Animal McMgence P. *17.

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genommen worden; jedoch glaube ich unsre Ërforschung der Tier-Psychologie nicht beenden zu durfen, ohne die Gründe anzuführen, die mich dazu veranlassten, den verschiednen Tierklassen jene Stufen der psychologischen Entwicklung, wie geschehen, anzuweisen. Es wird wohl kaum notig sein vorauszuschicken, dass ich mich dabei nicht bei der Psychogenem des Kindes aufhalten kann, die einem künftigen Werke über die geistige Entwicklung beim Menschen vorbehalten ist. Ich .brauche ferner nur zu bemerken, dass die be. sondren psychischen Fahigkciten in der betreffenden senkrechten Kolumne die geistige Entwicklung nur andeuten und nicht etwa die samtiichen Verschiedenhetten in der Art der Entwicklung erschOpfen sollen. Wenn wir die Thatsache ins Auge fassen, dass unsre Klassi-. Aliening der Fahigkeiten überhaupt mehr eine Sache des Ubereinkommens ist, ais dass sie in der objektiven Natur der Sache beruht, so kônnen wir nicht erwarten, dass irgend eine derartige diagrammatische Darstellung den Anspruch auf Genauigkeit erheben kônne, denn bei einigen Tieren finden wir gewisse Fahigkeiten hëher ent-wickelt, als bei andern, die mit RUcksicht auf ihre allgemeine Psycho-logie dennoch eine hohere Stufe der geistigen Entwicklung einnehmen. Ich wahite die in der senkrechten Kolumne auigeführten Fahigkeiten also nur deshalb, weil sie uns eine annehmbare Übersicht verschaffen, auf welche Weise der Fortschritt in der geistigen Entwicklung des Tierreichs vor sich gegangen ist.

Ich habe schon wiederholt meine Bedenken hinsichtlich der Stufen unterhalb der Artikulaten ausgedruckt und erklärt, dass diese Bedenken aus der Schwierigkeit oder vielmehr der UnmSgtichkeit èntspringen, sich uber den Punkt der psychologischen Entwicklung ~u vergewissern, bei welchem das Bewußtsein zum erstenmal auftaucht. Die Stellung, die ich den Côlenteraten und Echinodermen anwies, sind daher rein willkurlich und lediglich dem Umstande zuzuschreiben, dass ich nicht im stande war, bei diesen Tieren ein unverkennbares Zeichen von Wahrnehmung, zum Unterschied von Empfindung, zu beobachten. Diese Bemerkung gilt besonders für die Côlenteraten, die nach meiner Meinung keinen Anhalt zu der Beurteilung bieten, ob ihre beantwortenden Bewegungen wahrnehmender oder bewusster Natur seien. Bezugtich der Echinodermen scheint

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meine Beurteilung weniger stichhaltig; denn obwohl ich Grund habe, ibnen bezüglich ihres Sinnesvermogens eine hohere Stufe anzuweisen, als den Cölenteraten, so bin ich doch nicht ganz sicher, ob ich sie nicht noch eine Stufe hôher (auf die !8. statt der 17.) hätte setzen sollen, um sie an den Beginn der Wahrnehmung zu bringen, denn die akrobatischen und aufrichtenden Bewegungen dieser Tiere lassen mindestens wirkliches Wahfnehmungsvermogen erwarten. Dass ich mich fUr berechtigt halte, diesen Tieren ein schwaches Erinne. rungsvermôgen (zum Unterschied von Ideenverbindungen) zuzuschreiben, geht meines Erachtens aus folgender Thatsache hervor. Wenn ein Seestern am senkrechten Rande seines Wasserbehälters zur Oberfläche emporkrieeht, so pflegt er dann und wann seme Strahlen zurUckzuziehen, um nach einer andern Anheftungsfläche umherzufühlen; bietet sich aber eine solche Flache nicht, so setzt er seine Strahlen wieder in der frUheren Richtung weiter,.um das. selbe ManSver nach einiger Zeit von neuem zu beginnen. Da aber diese Bewegungen lange Zeit erfordern. so bietet meines Erachtens die Thatsache, dass das Tier seine Vorwartsbewegung in der alten Richtung wieder aufnimmt, einen ziemlich deutlichen Beweis zu Gunsten eines bleibenden Eindrucks auf die betreffenden Nerven-centren, der sicherlich keinen bestehenden organischen Bedingungen zu verdanken ist, zumal wenn wir sehen, dass bei nicht zwei Gelegenheiten das Manover in genau derselben Weise oder auch in denselben Zeitabstïnden vollzogen wird.

Auf die nachste Stufe brachte ich die Larven der Insekten und Anneliden. Mein Grund dafür ist, dass diese beiden Klassen von Organismen unzweifelhaft Instinkte primarer Art aufzeigen, wie sie auch die betreffende Stufe andeutet Bei beiden Klassen von Tieren begegnen wir gewissen Tatsachen, die uns zu der Frage fuhren, ob hier nicht eine hohere Intelligenz vorhanden sein mag; aber auch hier will ich, wie oben, lieber nach der einen Seite irren, um nach der andren um so sicherer zu gehen.

Bei den Mollusken begegnen wir zuerst der deutlichen Fahigkeit, durch Erfahrung zu lernen, deshalb setzte ich diese Tierktasse auf die nHchste Stufe, wo die „Assoziation durch Kontiguitat« auftritt. Wenn der Bericht Lonsdales an Darwin in betreff der

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beiden Laodschnccken (S. , ,8) durch weitere Beobachtungen bestatigt wird, so mussen die Gasteropoden von den andern Mollusken ge' trcnnt und auf eine hûhere Stufe des Diagramms gesetzt werden.

Wir kommen sodann bei den Insekten und Spinnen xu einer Stufe mit der ersten Erkennung der Nachkommenschaft und dem Auftauchen sekundarer Instinkte. Da* beide Fxhigkeiten bei den in Rede stehenden Abteilungen der Artikulaten vorkommen, ist un-zweife!haft, selbst wenn wir von den Hymenopteren absehen und dieselben etwa einer besondern psychologischen Klasse zuweisen wollen.

Fische und Batrachier stehen auf der nachstfolgenden Stufe, die dem Ursprung der „Assoziation durch Âhntichkeit" entspricht, welche wir zuerst diesen Tieren zuzuschreiben berechtigt sind. Auf der 22. Stufe stehen die hëheren Krustazeen. Es ist dies diejenige Stufe, auf der ich, nach irüheren Auseinandersetzungen, das Auf-tauchen der Vernunft (zum Unterschied vom blossen Fotgern) bc-obachtete, und das niederste Tier, psychologisch betrachtet, bei dem ich ein Anzeichen dieser FShigkeit entdeckte, ist die Krabbe.

Sodann gelangen wir zur Stufe 23, auf die ich die Reptilien und Cephalopoden setzte. Mein Grund dafür ist, dass ich diese Stufe in der psychologischen Entwicklung fUr hinreichend vorgeschritten halte, um die Erkennung von Personen zu ermoglichen. und dieser Grad von Fortschritt wird zweifellos von Reptilien und Cephalopoden erreicht. Man wird bemerken, dass ich diese Stufe mit den beiden vorhergehenden durch eine Klammer verband, und zwar aus dem Grunde, weil die betreffenden Tiere und die ge. nannten Fahigkeiten gewissermassen in einander übergreifen. So z. B. vcrmogen Batrachier Personen wieder zu erkennen, und es ist magtich, dass Fische urteilen, w~hrend andcrscits Reptile und Cephalopoden in Bezug 'auf ihre allgemeine Psychologie nicht so weit die Batrachier und Fische überragen, als man ohne .die Klammer vermuten konnte; dennoch fuhite ich mich nicht berechtigt, diese Tiere alle auf eine Stufe zu stellen, weil es uns an Anhalt dazu fehlt, bei Batrachicrn und Fischen ein Urteilsvermogen in der Art, wie bei Krustazeen, Cephalopoden und Reptilien vorausxusetzen. Im grossen und ganzen glaube ich, dass jene ver-schiednen, sich einander kreuzenden Beziehungen am besten in der

2S*

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von mir befoigten Weise zum Ausdruck gelangen. Es ist nicht xu erwarten, dass unsre wesentlich kunstliche Unterscheidung psycho-logischer Fähigkeiten so genau der Natur entspreche, dass bei ihrer Anwendung auf das Tierreich unsre Ktassifizierung der Fahig-keiten stets genau mit unsrer Klassifizierung der Organismen übereinstimme, so zwar, dass jeder Ast unsres psychologischen Baumes genau einem Ast unsres zoologischen Baumes entspreche. Es ist immer ein gewisses Cbergreifen xu erwarten und bei einer derartigen Vergleichung einer Klassifizierung mit der andern war ich nur uberrascht, wie genau die beiden im grossen und ganzen zusammenfielen.

Auf der 24. Stufe findet man die Hymenopteren mit der diese Stufe streng unterscheidenden geistigen Entwicklung, d. h. der Fahigkeit, Ideen mitzuteilen, einer Fahigkeit, die Ameisen und Bienen unstreitig besitzen.

Wir kommen dann zu den Vogetn mit dem psychologischen Vorzug, bildliche Darstellungen zu erkennen, Worte xu verstehen und zu traumen. Ich habe keinen Nachweis daruber gefunden, dass diese Fähigkeiten auch bei niederen Wirbeltieren vorkommen.

Auf der folgenden Stufe stehen die Nagetiere und Fteisch-fresser, mit Ausnahme des Hundes. Der bezeichnendste psychologische Unterschied fUr diese Stufe ist das Verstandnis von Mecha-aismen. Obwohl mir ein Beispiel dieses Verstandnisses auch bei VSgetn bekannt ist und obschon es unzweifelhaft bei Wiederkauern vorkommt, scheint doch das Verstandnis sich in jedem Falle nur auf die einfachste Art von Mechanismen zu beschrSnken und kann deshalh nur der Art nach mit der weitaus grosseren Fertigkeit verglichen werden, welche in dieser Beziehung bei Ratten, FUchsen, Katzen und dem Vielfrass vorherrschen.~) Wir kommen nun zu

*) Sir James Paget erzählte mir von einem Papagei, der durch auf-merkte* Studium ein Schioss öffnen ternte; obwohl solche Fälle bei Vö-geln vorkommee konnen, and sie doch verhältnbmtoig so selten, dass ich es far das beste hie!t, die Fähigkeit, einfache mechanische Anwendungen kennet n lernen, auf die nachste Stufe « briagen, denn nur hier kflnnen wir.sicher sein, dass diese Handlungen nicht auf blosser Ideenverbindung benmen. Eiae Kaue, die nach dem ThOrschlos» springt, den gebogenen Handgriff mit einer

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deu AfTen und dem Elefanten, die abgesehen von den Anthropoiden die einzigen Tiere sind, welche, so weit ich mich ûberzeugen konnte, von Werkzeugen Gebrauch machen.

Endiich gelangen wir auf der 28. Stufe zu der hochsten Enwicklung psychischer Fähigkeiten, denen wir bei Tieren begegnen, und diese Stufe wies ich dem Hunde und den anthropoiden Affen an. Die Bedeutung des Ausdrucks „unbestimmte Moratität«, die ich dieser Stufe der geistigen Entwicklung zuschreibe, werde ich in einem nachsten Werke erklären, wo ich es mit der Genesss des moralischen Sinnes zu thun haben werd.. Ich mochte aber diese Diskussion nicht teilen; deshabb ziehe ich es vor, die Betrachtung dieser frühestem Phase der Entwicklung des Bewusstseins bis dorhin zu verschieben. Aus demselben Grunde verschiebe ich auch meine Untersuchung der niederen Stufen der Absrraktion und des Willens, welche beide durch die eben erreichee Stufe gekreuzt werden, mit der unsre Untersuchung der geistigen Entwicklung bei Tieren ein Ende erreicht.

Vorderpfote ntederhält, den Riegel mit der andern zarackdrückt und die Thüre mit den Hinterpfoten öffnet, zeugt offenbar Ar eine intelligente Würdigung der Tatsachen, dass der Riegel die Thür versehlißt, dass wenn er zurück-gedrückt wird, diese befrett, und wenn sie dann gestossen wird, die Thare aufgeht. Wenn man aber danach noch vermuten konnte, dass diese vollständige Kenntnis durch einfache Ideenverbindung erreicht würde, so haben wir noch den merkwürdtgea Fall vom Affen, der durch eigne geduldige Nach-forschung und ohne dass er jemals die dazu gehorige Handlung verrichten sah, das mechanische Prinxip der Schraube herausfand. Es ist bemerkenswert, dass diese Kenntais einfacher mechanischer Anwendungen nicht immer in einer ganz genauen oder quantitativen Beziehang zur allgemeinen geistigen Entwick-lung der betreffenden Spezi«-« ~u stehen scheint. So ist x. B. der Hand nach seiner ganzen Intelligenz unzweifeth~ft der Katze ubertegen; dennoch ist seine Geschicklichkeit in der eben besprothenen Richtung gewiss nicht so hoch, wah. rend andrerseits Rindvieh und Pferde in dieser Beziehung eine grSssere FShigkeit zeigen, wie in jeder andern. Wahrscheinlich liegt die Erklärung dièses anscheinenden MiMverhältnisses in den zur Verrichtung jener Fertigketten dienenden Korperglieder«. Der Affe, welcher mechanische Anwendungen am testen zu würdigen vermag, ist auch dasjenige Tier, welches mit Organen des Tattsinnes am reicblichsten ausgestattet ist; die Vordetpfoten einer Katze sind be«re Instrumente in diesem Sinne, als diejenigen des Hundes, wShtend der Russet des Elefanten, die Lippen des Pferdes und das Horn des Wiederkàuers diesen Tieren in der gedachten Bezichung einen Vorteil Nber die meisten anderen Saugetiere von einem Nhnlichen Grad von Intelligenz geben.

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Anhang.

Der Instnnkt

Ein nachgelassener Essyy CharlJDarwüi.

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Anhang\

Der Instinkt. Ein nachgelassener Essay von Charles Darwin.-)

Wanderun.en.

ff u Wandern junger \ dgel über brette Meeresarme hinwe~, * das Wandern junger Lachse aus dem süssen ins Satzwasser und die ROckkehr beider nach den Stâtten ihrer Geburt sind oft und mit Recht a)s merkwurdige Instinkte hervorgehoben worden. Was nun die beiden wichtigsten hier zu besprechenden Punkte betrifft, so lässt sich erstens in verschiedenen Gruppen der Vëge! eine vollständige Reihe von Uberggngen beobachten von solchen, die innerhalb eines gewissen Gebietes entweder nur gelegentlich oder regeimassig ihren Wohnsitz, wechseln, bis zu solchen, die periodisch nach weit enttegenen LSndern ziehen, Mobei sie oft bei Nacht das offene Meer auf Strecken von 240 bis 300 (englischen) MeiJen zu überschreiten haben, wie z. B. von der Nordostküste Grossbritanniens nach dem südlichen Skandinavien hinMber. Zweitens ist bezüglich der Variabititat des Wanderinstinkts zu sagen, dass eine und dieselbe Art oft in einem Lande wan-

" "T^e" Abhandlung sollte ~rsprunglich in die .Entstehung der Atten* aufgenommee werden und einen Teil des Kapitels über .tnstinkt* bilden; sie wurde aber dann gleich mehreren anderen Partie*» vom Verfasser unter-

tTvo*:«* irnicht m umfönguch werden tu lassen"tvw8L auch

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den, wahrend sie in einem andern stationar ist; ja sogar in dem-selben Gebiete konnen die Individuen einer Art zum Teil Zugvogel, mm Teil Standvagel sein und sich dabei durch unbedeu-tende Merkmate zuweiten von einander unterscheiden lassen.*) Dr. Andrew Smith hat mich mehrfach darauf aufmerksam gemacht, wie fest der Wanderinstinkt bei mehreren Saugetieren von Südafrika eingewurzelt ist, ungeachtet der Verfolgungen, denen sie sich dadurch aussetzen; in Nordamerika jedoch ist der Büffel in neue-rer Zeit") durch unausgesetzte Verfolgung genotigt worden, bei seinen Wanderungen das Felsengebirge zu überschreiten, und jene „grossen Heerstrassen, die sich Hunderte von Meilen weit hinziehen und mindestens einige Zoll, oft sogar mehrere Fuss tief sind", wie man sie auf den ostlichen Ebenen durch die wandernden Büffel ausgetreten findet, werden westlich von den Rocky Mountains nie-mals angetroffen. In den Vereinigten Staaten haben Schwalben und andere Voget- ihre Wanderungen ganz neuerdings Uber ein , weit grôsseres Gebiet ausgedehnt.)"*)                                              i

Der Wandertrieb geht bei Voge!n manchmal ganz verloren, , wie z. B. bei der Waldschnepfe, welche in geringer Zahl, ohne jede , bekannte Ursache die Gewohnheit angenommen hat, in Schottland , «i brüten und stationar zu werden. +) In Madeira kennt man , den Zeitpunkt des ersten Auftretens der Waldschnepfe auf der

"~^Gould hat di« aufMatta, sowie auf der südlichee Halbkugee in , Tasmanien btobachtet. Bechstcin (Stubenvögel, t8~0, S. :9„ s~gt, in Deutschland Hessen sich die wandernden von den nichtwanden.de» Prosseil

t£Z>\ grösserer*! » bleiben. um daselbst » brüten. (W.Thomp- t son, IM. Hist. of Ireland, „Birds«, II, p. 70.)

*.) Cot. Frémon,, Report of goring EpeüiUon, .845. p. 144. *«*) S.Dr. Bachmanns trefflicheAbhandlung hierüber in ail.man'sPia-

tag*.*«*, vol. 30, p. 8..                                               lli|lhmn»d

+) W. Thompson hat über diese ganze Frage emen vorzüglichen und    s

ausfischen Bericht erstattet (A~. JIM. of Irelanä „Birgit, H1-rt    ,

worin er auch die Ursache besprichtt Es scheint ausgemacht (p. 254). das»    ,,

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jnset,*) und auch dort wandert sie nicht, ebensowenig wie unsere gemeine Mauerschwalbe, obgleich diese zu einer Gruppe gehort, die ja sozusagen zum Sinnbild der Zugvoget geworden ist. Eine Ringelgans, die verwundet worden war, lebte 19 Jahre in der Gefangenschaft; in den ersten zwölf Jahren wurde sie jeden Frühling wahrend der Zugzeit unruhig und suchte gleich anderen gefangenen Individuen dieser Art so weit als mëglich nordwarts zu gehen; in den spateren Jahren aber „hSrte sie ganz auf, um diese Jahreszeit irgend eine besondere Erregimg zu verraten«.") Offenbar hatte sich also der Wandertrieb zuletzt völlig verloren.

Beim Wandern der Vogel sollte meiner Ansicht nach der Instinkt, welcher sie in bestimmter Richtung vorwarts treibt, wohl unterschieden werden von dem ratsethaften Vermôgen, das sie lehrt, eine Richtung der anderen vorzuziehen und auf der Wanderung ihren Kurs selbst in der Nacht und Uber dem offenen Meere festzuhalten, und ebenso auch von dem Vermôgen - mag dies nun auf einer instinktiven Verbindung mit dem Wechsel der Temperatur oder mit eintretendem Nahrungsmangel u. s. w. beruhen - das sie veran-lasst, zur rechten Zeit aufzubrechen. In diesen wie in anderen Fällen ist oft Verwirrung dadurch entstanden, dass man eben die verschiedenen Seiten der Frage unter dem Ausdruck „Instinkt" zu-sammen warf.)") Was die Zeit des Aufbruchs betrifft, so kann es natürlich nicht auf Erinnerung beruhen, wenn der junge Kuckuck zwei Monate nach der Abreise seiner Eltern zum erstenmal auf-bricht; immerhin aber verdient es Beachtung, dass Tiere irgendwie

die wandernden und die »ichrwandernden Individuee von «inander unterschieden werden können. Ober Schottland s. St. Johns TW %»<* of the Highlands, 1846, p. sso.

*) Dr. Heineken in Zoological Jotmal', vol. V, p. 7$, ferner E;V. Harcourts^A^^Wm, l8si(p. »0.

»*) W. Thompson, 1. c. voUU, 63. rn Dr. Baehmanns schon er. wähnter Atbeit wird auch von kanadischen Gansen berichtet, die jedes Frühjahr aus der Gefangenschaft nordwärts *« entfliehen suchen.

*)*) Siehe E. P. Thompso,, Pamon* of Animals, .851, p. 9, und Alisons Bemerkungen hierüber in derCyolopacdm of Anatomy andPhynol, Artikel ,hsthct\ p. 23.

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eine Oberraschend genaue Vorstellung von der Zeit erlanger» konnen. A. d'Orbigny erz~hlt, dass ein lahmer Fatke in Sudamerika die Zeit von drei Wochen genau kannte, indem er jedesmal in solchen Zwischenraumen einige Klôster xu besuchen pflegte, wo den Armen Lebensmittel ausgeteilt wurden. So schwer es auch zu verstehen sein mag, wie manche Tiere durch Verstand oder Instinkt dazu kommen, einen bestimmten Zeitabschnitt zu kennen, so werden wir doch gleich sehen, dass in manchen Fällen auch unsere Haustiere einen alljährIich wiedererwachendnn Wandertrieb erworben haben, welcher dem eigentlichen Wanderinstinkt ausserordentlich ahn!ich, wo nicht mit demselben identisch ist und kaum auf blosser Erinnerung beruhen kann.

. Es ist ein eigentümticher Instinkt, der die Ringelgans antreibt, ein Entkommen nach Norden zu versuchen; allein wie der Vogel Nord und Sud unterscheidet, dass wissen wir nicht. Ebensowenig konnen wir bis jetzt begreifen, wie ein Vogel, der des Nachts seine Wanderung übers Meer antritt, was ja so viele thun, dabei seinen Kurs so trefflich einzuhalten weiss, als ob er einen Kompass mit sich führte. Man sollte sich aber ernstlich davor hüten, wandernden Tieren irgend ein hierauf bezNgtiches besonderes Vermôgen zuzuschreiben, das wir selbst nicht besitzen, obschon dasselbe allerdings bei ihnen bis zu wunderbarer Vollkommenheit entwickelt ist. Um ein analoges Beispiel zu erwahnen: der erfahrene Nordpolfahrer Wrangel«) verbreitet sich ausführtich und voller Erstaunen Uber den „unfehlbaren Instinkt" der Eingebornen von Nordsibirien, vermoge dessen sie ihn unter unaufhörlichen Änderungen der Richtung durch ein verworrenes Labyrinth von Eisschollen geleiteten; wahrend Wrangel "mit dem Kompass in der Hand die mannigfaltigen Windungen beobachtete und den nchtigen Weg herauszuklügein suchte, zeigte der Eingeborne stets instinktiv eine voll-

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kommene Kenntnis desselben.» - Uberdies ist das Vermogen der wandernden Tiere, ihren Kurs einzuhatten, keineswegs unfehlbar, wie schon die grosse Xahi der verirrten Schwalben lehrt, welche von den Schiffen haufig auf dem Atlantischen Ozean angetroffen werden, auch der wandernde Lachs verfehlt beim Aufsteigen oft ~einen heimischen Fluss und „mancher Lachs aus dem Tweed wird im Forth getroffen« Auf welche Wcise aher ein kleiner schwacher Voget, der von Afrika oder Spanien kommt und übers Meer geflogen ist, dieselbe Hecke inmitten von Kngland wiederfindet, in welcher er voriges Jahr genistet batte, ist wirklich wunderbar/)

Wenden wir uns nun zu unseren Haustieren. Es sind viele Fälle bekannt, wo solche Tiere auf gam unerklärliche Weise ihren Heimweg fanden; es wird versichert, dass Hochlandschafe that* sachiich über den Firth of Forth geschwommen und nach ihrer wohl hundert Meilen entfernten Heimat gewandert sind"'), und wenn sie auch drei und vier Generationen hindurch im Tiefland gehalten werden, so behalten sie doch ihre ruhelose Art bei. !ch habe keinen Grund, den genauen Bericht anzweifeln, welchen Hogg von einer ganzen Famitie von Schafen giebt, die eine erbliche Neigugg zeigten, jedesmal zur Urunstzeit nach einem zehn Meilen entfernten Ort zurückzukehren, von wo der Stammvater der Familie gebracht worden war; wenn aber deren Lammer ait genug waren, kehrten sie von selbst dahin zurück, wo sie gcwôhnlich sich aufgehalten hatten, und diese vererbte, an die Wurfzeit anknupfende Neigung wurde so lästig, dass der Eigentümer sich genotigt sah,

*) Die Mehrzahl der Vôgel, welche gelegentlich die von Europa so weit entfernten Azoren besuchen (Konsnl C. Hun,, im .fem,. Oeogr. Soe. XV, 2, p. 282), kommen wahrscheinlich nur deshalb dorthin, weil sie wirrend des Zuges ihre Richton« verlor«; <o hat auch W. Thompson (AW. IM. of Irleand, „BM#>, H, ijz) geteigt, dass nordamerikanische VSgel, die gelegentlich nach Irland herüberkommen, im allgemeinen um dieselbe Zeit anlangen, wo sie drûben !m Ziehen begriffen sind. Bezüglich des Ltchses siehe Scope's Iky« of Salmon FMn«!h p. 47.

**) Gardeners »rwtfcfa >85*. P- 79S; andere FSlle bd Youatt, Ok tfaep, p. 37«.

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die ganxe Sippschaft tu verkauien.)) Noch interessanter ist der von mehreren Autoren gegebene Bericht Uber gewisse Schafe in Spanien, die seit alten Zeiten alljghrlich im Mai von einem Teil des Landes vierhundert Meilen weit nach einem andern ziehen: samttiche Beobachter)) bezeugen Ubereinstimmend, dass, "sobald der April kommt, die Schafe durch wunderliche unruhige Bewegungen ihr tebhaftes Verlangen kundgeben, nach ihrem Sommeraufenthatt zurCckzukehren.« „Die Unruhe, welche sie verraten," sagt ein anderer Autor, „k8nnte im Notfall einen Kalender ersetzen." „Die Schafer müssen dann ihre ganxe Wachsamkeit aufbieten, um sie am Entkommen xu verhindern, denn es ist allbekann,, dass sie sonst genau nach dem Ort hinziehen würden, wo sie geboren sind." Es ist mehrfach vorgekommen, dass drei oder vier Schafe doch entkamen und ganz allein die weite Reise machten; gewëhnlich allerdings werden solche Wanderer von den Wölfen zerrissen. Es ist sehr die Frage, ob diese Wanderschafe von jeher im Lande einheimisch waren, und jedenfalls sind ihre Wanderungen in ver-hältnismassig neuerer Zeit bedeutend weiter ausgedehnt worden; dann lässt sich aber meiner Ansicht nach kaum bezweifeln, dass dieser ,natürliche Instinkt", wie er von einem Berichterstatter genannt wird, regetmassig um dieselbe Zeit in bestimmter Richtung zu wandern, erst im domestizierten Zustande erworben worden ist und sich ohne Frage auf jenes leidenschaftliche Bestreben, zur Stâtte der Geburt zuruckzukehren, grUndet, das, wie wir gesehen haben, manchen Schafrassen eigen ist. Die ganze Erscheinung entspricht, wie mir scheint, durchaus den Wanderungen wilder Tiere. OberJegen wir uns nun, auf welche Weise die merkwurdigsten

*) Citiert von Youatt in Vtterimnj ~ournal V, a8a. **)BoMrgoannes „Reisen in Spanien" (eag). Au~.) r789> vol. ,, p. 38 bis 54. In Mill'» Trmttee m Cattle, 176, p. 34: findet sich der Auszog eb.es Briefes von einem Herrn aus Spanien, den ieh benutzt habe. Youatt (0» fflteep, p. 153J verwebst auf drei andere Berichte ähnlichee Art. Ich bemerke noch, da« auch v. Tschudi (Tierlebe«, der Alpenweh, 1856)

wisaen, dass dies das Zeichen zum ,nahen Aufbtuch« in die hoheten Alpen bt

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Wanderungen wahrscheinlich ihren Ursprung genommnn haben moge.. Denknn wir uns zunacht einen Voge,, der alljahrlich durch Kälte oder Nahrungsmangel veranlasst werde, langsam sudwärts zu ziehen, wie dies bei so manchen Vôgehn der Fall ist, so künnen wir uns wohl vorstellen, wie dieses notgedrungene Wandenn zuletzt zu einem insiinktiven Trieb werden kann, gleich dem der spanischen Schafe. Werden nun Thäler im Lauf der Jahrhunderte zu Meeresbuchten und endiich zu immer breiteren und breiteren Meeresarmen, so lässt sich doch ganz wohl denken, dass der Trieb, welcher die flügeHlahme Gans drang,, sich zu Fuss nach Nordnn aufzumachen, auch unsem Vogel über die pfadlosen Gewässer geleiten wird, so dass er mit Hitfe jenes unbeknnnten Vermögens, das viele Tiere (und wilde Menschen) eine bestimmte Richtung einhatten lehrt, unversehrt über das Meer hinwegfliegen wird, welchss jetzt den ver-sunkenen Pfad seiner fruheren Landreise bedeckt.')

*) Damit soll nicht gesagt sein, dass die Zug!trasscn der Voget stets die Lage von früher zusammenhängenden Landstiecken bezeithnen. Es mag wohl vorkommen, dass ein zufällig nach einer entfernten Gegend oder Insel verschlagener Vogel, nachdem er einige Zeit dort geblieben ist und daselbst gebratet hat, durch seinen angebornen Instinkt vcranlasst wird, tm Herb« foftzuwandern und in der BriUeteit wieder dahin zurückzukehren. Allein ich kenne keine Thatsachen, welche dièse Annahme st~tzten, und auderseits hat. was ozeaniscbe Inseln betrifft, die nicht alkuweit vom Festtand entfernt tiegeu, jedoch, wie ich aus spater anzuführeaden Gründen vermute, niemals in Zu-sammenbang mit demselben standen, die Thatsache grossen Wndruck auf mich gemacht, dass nur hBchst selten einzelne Zugvögel auf salchen vorzukommen scheinen. E. V. Harcourt, welcher die Vogel von Madeira heatbeitet hat. teilte mir mit, dass diese Insel keine besltzt, und dasselbe gilt, wie mir Carew Hunt versichert, von den A~oren, obschon er meint, die Wachtel, dw von Inse! zu Insel zieht, mochte vielleicht auch die gante Inselgruppe verlassen. [Mit Bleistift ist hier im Manuskript beigefagt: .Die kanarischen Inseln habcn keine». R.] Aufden Falklandsinseln wandert.sovie! ichsehen kann.keinLand-vogel. Die von mir eingezogenen Erkundigungen haben ferner ergeben, dass auch auf Mauritius oder Bourbon keine Zagvogel vorkommen. Colenso versichert (Tümanian Journal, II, p. «7j, da« ein Kuckuck auf NeuSeeland (CiMlus Mtlw) wandere, indem er nur drei bis vier Monate auf der Insel bleibe; Neu-Seetand ist aber eine so grosse Insel, dass derselbe wohl einfach nach dem SSden ziehen und dort bleiben kann, ohne dass die Eingebornen im Kotden davon wissen. Die Farüer, ungefähr tSo Meiten von

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!Ich mSchte noch ein Beispiel dieser Art anfuhren, das mir anfängl)ch ganz besondere Schwierigkeiten darzubieten schien. Es wird berichtet, dass im aussersten Norden von Amerika Eten und Rentier alljahr)ich, als ob sie auf eine Entfernung von hundert Meilen das grüne Gras wittern konnten, einen absoutt wüssenn Landstrich kreuzen sollen, um gewisse Plätze aufzusuchen, wo sie reichlichere (obwohl immer noch spärliche) Nahrung finden. Was mag den ersten Anstoss zu dieser Wanderung gegeben habeo? Wenn das Klima früher etwas milder war, so kann sich die hundert Meilen breite Wüste woht hinlänglich mit Vegetation bedeckt haben, um die Tiere eben noch zum Überschreiten derselben zu veranlassen, wobei sic dann die fruchtbareren nordtichen Plätze fanden. Allein das harte Klima der Eiszeit ist unserem gegenwartigen vorausgegangen, die Annahme eines früher milderen Ktimas erscheint daher ganz unhaltbar. Sollten jedoch jene amerikanischen Geologen im Rechte sein, welche aus der Vcrbreitung rezenter Muschetn geschlossen haben, dass auf die Eiszeit zunachst eine etwas warmere Periode als die gegenwartige fotgte, so hatten wir damit vielleicht auch den Schlüsse) Air die Wanderung von Eten und Rentier durch die Wüste gefunden.)')

Insninktive Furcht.

Die erbiiche Zahmhett unserer Haustiere wurde schon früher besprochen; aus dem folgenden entnehme kh, dass unzweifelhatt die Furcht vor dem Menschen im Naturzustand immer erst erworben werden muss und dass sie im domestizierten Zustand bloss wieder verloren geht. Auf den wenigen von Menschnn bewohnten Inseln und Inselgruppen, über die ich aus der frühestenZeit stammende

der Nordspitze Schottlands gelegen. besit.cn verschiedcne Zugvögel (Graber, Tagebuch, 1830, S. 2o5); Island scheint die stärkste Ausnahmt von der allgemeinen Regel *» bilden, allein es liegt nnr . . . Meilen von der . . . Lin!e von .... 100 Faden entfernt. [Der terne Satz ist unvollendet mit Bleistift beigefflgt. R.]

*) [Der hier in eckige Klammern eingeschlosseneAbKchnitt ist im Minuskript mit dem Bleistift schwach durchgestrichen. R.]

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Berichce finden konnte, entbehrten die einheimischen Tiere stets durchaus der Furcht vor dem Menschen: ich habe dies in sechs Fällen aus allen Erdteilen und fUr Vôgel und Saugetiere der ver. schiedensten Abteilungen festgestellt.') Auf den Galapagos-Inseln stiess ich einen Falken mit dem Flintenlauf von einem Baume herunter und die kleineren Vûget tranknn Wasser aus einem Ge-fäss, das ich in der Hand hielt. Näheres hieriber habe ich bereits in meiner Reisebeschreibung mitgeteilt; hier will ich nur noch bemerken, dass diese Zahmhett nicht allgemein ist, sondern bloss dem Menschnn gegenüber gilt, denn auf den Falklandsinseln z. B. bauen die Ganse ihre Nester der Füchse wegen nur auf den vorliegenden Inseln.. Diese wotfahntichen FHchse waren jedoch hier ebenso furchtlos dem Menschnn gegenüber, wie die Vögel: die Matrosen auf Byrons Reise liefen sogar, weil sie ihre Neugierde fUr Wildheit hielten, ins Wasse,, um ihnen zu entgehen. In allen altzivili-sierten Landern dagegen ist die Vorsicht und Furchtsamkeit selbst junger Füchse und Wölfe hinlängiich bekannt") Auf den Galapagos waren die grossen Landeidechsen (AmbUjrhynclm) vollkommen zahm, so dass ich sie am Schwänze anfassen konnte, wShrend sonst grosse Eidechsen wenigstens furchtsam genug sind. Die zu der-selben Gattung gehörige Wassereidechse lebt an der Küste, hat vorzügtich schwimmnn und tauchen geternt und nahrt sich von unter-

) m meiner .Reise um die Welt« (Gesamm. Werke I, S. 4~7) tinden sieh Einzelheiten übet dte Falkland* und Galapagos-Inseln, Cada Mosto (Keros Collection of voyages, II, p. 246) enaählt, «of den kapverdibchen In. se!n seien die Tauben so zahm gewesen, dass man sie leicht fangen konate. Dics sind also die cmdgen grösseren Inselgruppen, mit Ausnahme der oieani-schen (aber dte ich keinen Bericht an» der ersten Zeit finden kann), die bei ibrer Entdeckung unbewohnt waren. Thomss Herbert schildert (1626) in seinen .Rexsen« <p. 349) «t Zahmheit derVOget auf Mauritius und DuBois bespricht diesen Gegenstand t669-72 ganz ausfohrtichjin Besag auf sämtliche Vôgel von Bourbon. Kap. Moresby )ieh mir einen handscbriftlicben Bericht über seine Untersuchung von St. Pierre und den Frovidence-ïnse!n nCrdlich von Mtdagaskar, worin er die ausserordentliche Zahmheit der Tauben schildert. Gleiches erwähnte Kap. Carmichael von den VOgetn auf Tristan d'Acunha.

-) Le Roy, TMrts Philosoph, p. S6. Bo«»»„EE»t«i0kl»ngd«0eUt,..                                          26

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getaucht lebenden Atgen-, dabei ist sic ohne Zweifel den Angriffen von Haifischen ausgesetzt, weshalb ich sie, obschon sie am Lande ganz zahm ist, nicht ins Wasser treiben konnte, und wenn ich sie hinein warf, so achwamm sie stets sofort ans Ufer zurUck. Welch ein Gegensatz zu allen amphibisch lebenden Tieren in Europa, die, so oft sie von dem gefahrlichsten Tier, dem Menschen, auigescheucht werden, mstinktiv und augenblicklich im Wasser ihre Zuflucht suchen 1

Die Zahmheit der Vôgel auf den Falklandsinseln ist besonders deshalb interessant, weit ihre meist denselben Arten angehangen Verwandten auf dem Feuerland, vornehmiich die grôsseren Vëget, ausserordentlich scheu sind, da sie hier seit vielen Generationen von den Wilden eifrig verfolgt wurden. Ferner ist fur diese Inseln, wie fur die Galapagos bemerkenswert, dass, wie ich in meiner „Reise um die Welt" durch Vergleichung der verschiedenen Be-richte bis zur Zeit unseres Besuches dieser Inseln nachgewiesen habe, die VSgel nach und nach immer weniger xahm geworden sind, und wenn man bedenkt, in welchem Grade sie gelegentlich während der letzten sweihundert Jahre der Verfolgung ausgesetzt waren, so muss es überraschen, dass sie nicht viel wüder wurden; man ersieht daraus, dass die Furcht vor dem Menschen nur langsam erworben wird.

In langst bewohnten Landern, wo die Tiere einen hohen Grad von instinktiver allgemeiner Vorsicht und Furcht erlangt haben, scheinen sie sehr rasch von einander und vielleicht sogar von an-deren Arten zu lernen, sich vor jedem einzelnen Gegenstand scheu zu huten. Es ist notorisch, dass sich Ratten und Mause nicht lange in derselben Art von Fallen fangen lassen, so verlockend auch der Kôder sein mag-) da es aber selten vorkommtt dass eine, die wirklich schon gefangen war, wieder entwischtt so müssen die anderen die Gefahr aus den Leiden ihrer Genossen kennen gelernt haben. Selbst das schrecklichste Ding, wenn es nie Gefahr bringt und nicht instinktiv geflrchtet wird, sehen die Tiere bald mit dem grassten Gleichmut an, wie wir bei unseren Eisenbahnzügen be-

*) E. P. Thompsoe, Passions of Animts, p. ao.

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obachten kônnen. Welcher Vogel ist so schwer xu beschrieben wie der Reiher und wie viele Generationen mussten wohl vergehen, bis er die Furcht vor dem Menschen abgelegt hatte? Und doch erzahtt Thompson/) dass diese Vogel nach einer Erfahrung von wenigen Tagen einen Zug furchtlos in halber Flintenschussweite vorûber donnern lassen.") Obgleich nicht zu bezweifeln ist, dass die Furcht vor dem Menschen in langst bewohnten Gegenden zum Teil immer von neuem erworben wird, so ist sie doch sicherlich zugleich auch instinktiv, denn die noch im Nest sitzenden jungen VCge! erschrecken allgemein beim ersten Anblick des Menschen und fürchten ihn jedenfalls weit mehr, als die meisten alten Vogel auf den Fatktands- und Galapagosinseln dies thun, nachdem sie jahrelangen Verfolgungen ausgesetzt gewesen sind.

Wir haben übrigens in England selbst vorzügliche Beispiele dafür, dass die Furcht vor dem Menschen ganz entsprechend der durchschnittlichen Gefahr erworben und vererbt wird, denn wie schon vor langer Zeit der Hon. Dannes Barrnngton bemerkt hat,-smd alle unsere grösseren Vôgel, junge wie alte, ausserordentlich scheu. Nun kann aber doch keine Beziehung zwischen Grosse und Furcht bestehen, wie denn auch auf noch unbewohnten Insein bei den ersten Besuchen die grossen Vogel stets ebenso zahm waren,

) ITA Eist, of Ireland, „BMs<>, II, p. m.

*') [Ich erlaube mir hier auf die Bestätigung hinzuweisen, welche diese Angaben kürzlich durch einen Btiefwechsel zwitchenDr. Rae und Mr Good-sir gefunden haben. Vgl. ,Nalnre>, 3, «. und t9. Juti t883. Der erstere «gt, dieWildenten, Kriekenten u. s. w., die gowisss Strecken bewohnea, durch welche die Pacific.Eisenbabn in Kanada geführt wurde, hätte) alle Parent vnr den Zügen «hon wenige Tage nach Eröffimng des Verkehrs verloren, und der ktztere beïetgt 5hnUch« von den wilden Vögeln in AustraUen, indem er hinzu.

liche Unruhe und derHöllenlärm einer gtossenEisenbahnstation, die sieh einen Steinwurt von ihren Wohnplatzen entfernt abspieten, bleiben jetzt von die«« gewöhnlich so ausserordentlich wachsamen und vorsichtigen Vögeln (d. h. den Wildenten) gänzlich unbeachtet. Würde ich nicht beiurchtenf Jhren Raum ungebührlich in Anspruch zu nehmen, so könnte ich Ihnen „och viete andere Belege * die Richtigkeit von Dr. Ras, Bemerkungen] geben." - R.] "*) AM*. ~K~m*, !773. p. a64.

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wie die kleinen. Wie vorsichtig ist nicht unsere Elster; vor Pferden oder Rindemn zeigt sie aber keine Furcht und setzt sich ihnen sogar

gar manchmll auf den Rucken, ganz wie die Tauben auf den Galapagss sich 1684 auf Cowleys Schultern niederließen. In Nor-

wegen, wo die Elster nicht verfolgt wird, pickt sic ihr Futter „dicht vor den Thiren auf und dringt oft sogar in die Häuser em»') So ist auch die Nebelkrähe (Corvus cornix) einer unserer scheuesten VOge,, in Egypten dagegen ist sie vollstgndig zahm")) Unmöghch kann jede einzetne junge Elster und Krahe in England vom Men-schen erschreckt worden sein, und doch fUrchten sie ihn sämtlich aufs ausserste; auf den Falklands- und Galapagosinseln anderseits mQssen viele alte VSgel und früher schon ihre Vorfahren erschreckt worden und Zeugen des gewaltsamen Todes anderer gewesen sein, und doch haben sie noch nicht die heilsame Furcht vor dem mörderischsten aller Tiere, dem Mensche,, sich angeeignet.'")

Dass Tiere, wie man zusagen pflegt, sich totstellen sollen, - der Tod ist ja ein jedem lebenden Wesen unbekannter Zustand - erschien mir immer als ein hôchst merkwurdiger Instink.. Ich stimme ganz mit denen uberein,+) welche glauben, dass in dieser Sache viel Ubettreibung herrscht, und bezweifte nich,, dass

^"cTiewiuon in Maycnme o~ 7M. and Botamj, II, p. 31'. **) Geof.. St. Hilairc, A>m. de, Mm., t. IX, p. 47«. *)► TEs wurde bereite angedeutet, U» zu welch gecanef Abstufong solche insn„ktil[ Fur! t vorlm M sieh entwickelt, wenn dem Tiere die Möglichkeit gegeben ist, mit Sicherheit au unterscheiden, wie weit es entfernt L muss, um ausser Schussweite M sein. Neuerdings hat Dr.Rae in .Nature' luden schon erwähntenBriefen folgende Beobachtane mitgeteQt, die von Interesse ist, weil sic zeigt. wie rasch eine solcheFiinhett der Unterscheidung «langt wird „Es sei gestattet, noeh eines von den vieten mir bekannten Bei-££ Ik anzufühl, mit welcher Scbnelligkeit Vogel sich die Kenntnis eLr Gefahr erwerben. Wenn die Goldregenpfeifer von ihren Brüten m höheren Bretten nach SOden ziehen. so besuchen sie die notdlich von Schott. land gelegenen Insela in bedeutender Anzahl und halten sich in grossen Schwan betsammen: Zuerst kann man ihnen dann leicht nahe kommen allein sobald man nur wenige Schüsse auf sie abgefeuert hat, werden sie nicht bloss scheuer, sondern scheinen auch mit grosser Genaaigkeit die Entfernung abzumessen, bis su welcher sie vor Schaden sicher sind.' - R.] f) Couch, Illustrations of Tnstimt, p. aot. "

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Ohnmächten (ich habe ein Rotkehlchen in meinen Handen in Ohnmacht fallen sehen) und die lähmende Wirkung iibergrosser Furcht oft mit Simulation des Todss verwechselt worden sind.") Am bekanntesten sind in dieser Hinsicht die Insekten. Wir finden bei ihnen vollstandige Reihen, selbst innerhabb einer und derselben Gattung (wie ich bei OmuKo und Chrysomek beobachtet habe,, von Arten, welche nur eine Sekunde lang und manchmll sehr unvollkommnn sich totstellen, indem sie noch ihre FHhter bewegnn (wie z. B. manche Stutzkäfer [Hister]), und welche sich auch nie ein zweites Mal verstellen, wie sehr man sie auch reizen mag - bis zu andern Arten, die sich, nach De Gee,, grausam auf schwachem Feuer rôsten lassen, ohne das geringste Lebenszeichen von sich zu geben - und wieder zu anderen, die eine lange Zeit (bis 23 Minuten, wie ich bei Cltrysomela spartü gesehen habe) bewegungslos bleiben. Manche Individuen derselben Ptinus-An nahmen bei dieser Gelegenheit eine andeee Stellung an, als die übrigen.

Man wird nun wohl kaum in Abrede stellen wollen, dass die Art und die Dauer des Totstellens jeder Spezies von Nutzen sein wird, je nach der Art der Gefahren, denen sie gewOhnlich ausgesetzt ist; es hat also auch durchaus keine grössere Schwierigkeit, sich die Erwerbung dieser eigentümlichen erblichen Haltung durch natürliche

**) Den merkwürdigst«« Fall von anscheinend wirklichem Sichtotttello» berichtet Wrangel (Travels in Siberia, p. 3») von den Gänsen, welche in die Tundren «ehen, am da *u mausern, und dann gaa* unfähig sind, «. ftiegen. Er sagt, sie hätten sich so meisterbaft totgestellt, „mit ganz steif ausgestreckten Beinen und Hälsen, dass ich ruhig an ihnen vorbti ging und sie für tot hielt.« Die Eingcboraen jedoch Hessen sich dadurch nicht tauschen. Diese Verstellung wOrde sie oatürlich auch nicht vor FOchstn, Wölfen u. s. w. schützen, die doch wohl in den Tundren vorkommen; sollte sie ihnen vielleicht vor den ANgriffen der Falken und Habichte SchuU gewthren? Jeden-felis ist die Sache sehr sonderbar. Einc Eideehse in Patagenien (Reise um die Welt, S. tu), welche auf dem Sande au der Küste lebt und wie dieser gesprenkelt ist, stellte sich, wenn sie erschreckt wurde, tot mit ausgesttecktem Beinen, flachgedrücktem Kôrper und geschlossenea Augen; wurde sie welter belästigt, so grob sie sich rasch in den Sand ein. Wenn die Häsin ein klei-»es, unauffaUiges Tier wâre und wenn sie, in ihr Lager geduckt, die Augen anmachte, würden wir nicht sagen, sie stelle sich tot? Ober Insekten siehe Kirby und Spence, Introduction to Entomology, vol. H, p. 234.

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Züchtung vorzustellen, als die irgend einer andern. NichtsdestoMeniger erschien es mir als ein hdchst merkwdrdtges Zusammen. treffen, dass die Insekten hiernach dahin gelangt sein sollten, genau die Haltung nachzuahmen, die sie im Tode annehmen. Ich xeichnete mir daher sorgfältig die Stellungen auf, welche siebzehn verschiedene Insektenarten (einschliesslich eines Mus, einer Spinne und einer Assei), Angehörige der verschiedenartigsten Gattungen, sowohl gute als schlechte Künstter in der Verstellung, dabei anzunehmen pflegen; dann verschafftc ich mir von einigen dieser Arten eines natür)ichen Todes gestorbene Exemplare, andere tötete ich leicht und langsam mit Kampher. Das Ergcbnis war, dass die Haltung in keinem einzigen Falle Ubereinstimmte und dass mehrfach das sich totstellende Tier so viel als nur m0g!ich von dem wirklich toten abwich.

Nesterbau und Wohnplätze.

Wir kommen nun zu verwickeiteren Instinkten. Die Nester der Vôgel sind wenigstens in Europa und den Vereinigten Staaten ge-nau beobachtet worden, so dass sic uns eine gute und seltene Gelegenheit darbieten, zu untersuchen, ob in einem so wichtigen Instinkt Abanderungen vorkommen. Wir werden sehen, dass dies aller-dings der Fall ist und ferner dass gunstige Umstande und Ver-standesthätigkeit nicht selten den Bauinstinkt in geringem Grade abandernd beeinflussen. Ûberdies haben wir ia den Nestern der Vûget eine ungewöhnlich vollkommene Reihe vor uns, von sotchen, die gar kein Nest bauen, sondern ihre Eier auf die packte Erde legen, zu andern, die ein hochst einfaches und unordentliches Nest herstellen, m noch anderen mit vollkommneren Bauten u. s. w., bis wir bei jenen wunderbaren Gebilden anlangen, welche beinahe der Kunst des Webers spotten.

Selbst wenn es sich um ein so eigentümliches Nest handelt wie das derSatangane (CWocalia miknia), das von den Chinesen gegessen wird, glaube ich doch die verschiedenen Stufen verfolgen zu konnen, welche die Ausbildung dieses fiir die betreffenden TIere so notwendigen Instinktes durchiaufen hat Das Nest besteht be-

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kanntlich aus einer brUchigen, weissen, durchscheinenden Substanz, die reinem Gummi arabicum oder selbst Glas sehr ahniich sieht, und ist mit daran festgeklebten FIaumfedern ausgekleidet. Das Nest einer verwandten Art im British-Museum besteht aus unregetmassig netxformigen Fasern, die zum Teil so fein sind wie . ..') von gleichem Stoff; bei einer andern Spezies werden StUcke von Seetang durch eine ahnliche Substanz zusammengeleimt. Dieser trockene schleimige Stoff quillt im Wasser bald auf und wird weich, unter dem Mikroskop zeigt er keinerlei Struktur ausser Spuren von Schich-tung und Ubetall eingestreuten bimförmigen Luftblasen von ver-schiedenster Grosse; letztere'treten sogar in kleinen trockenen Stückchen sehr deutlich hervo,, und manche boten fast das Aussehen von blasiger Lava dar. Wird ein kleines reines Stück in die Flamme gehalten, so knistert es, schwillt etwas an, verbrennt nur langsam und riecht stark nach tierischer Substanz. Die Gattung OollocaUa gehort nach G. R. Gra,, dem ich fdr seine Erlaubnis zur Untersuchung aller im British Muséum befindlichen Exemplare sehr verbunden bin, zu derselben Unterfamilie wie unsere Mauerschwalbe. Dieselbe bemachtigt sich gewëhniich einfach eines Sperlingsnestes, Herr Macgillivray hat aber zwei Nester sorgfältig beschrieben, in welchen das lose zusammengefügte Nestmaterial durch ausserst dunne Faden einer Substanz verklebt war, die in der Flamme knisterte, aber nur langsam verbrannte. In Nordameiika'*) klebt eine Art von Mauerschwalben ihr Nest an die senkrechten Wande

) [Hier wat im Manuskript absichtlich Platz gelassen, um filter eta paedes Wott einige». . R.]

**) Übef Cypaelm murorim s. Macgillivray, Britük BM*, m, 1840, p. 625. Ober C. pdosyim s. Peabodfls ausgezeichnet« Arbeit üb« die Voget von Massachusetts, in Boston Jwrn. of Nat. Hut. III, p. 187. M. E. Robett (Qmptes Rmdua, citiert in Ann. e. Mag. Not. Bist, VHI, !842, p. 476) fand, das« die Nestor der Uferschwalbe (Cotyle riparia) in den kietigen U<erbänken der Wolga an ihrer oberen Seite mit einer gelben tierischen Subetam ausgepflastert waren, die er fur Fischlaich hielt. Sollte er vielleicht die Art verwechselt haben? - denn wir kamen kaam aanehmen, da» unsere Ufcrschwalbeirgend eine solche Gewohnheit habe. Sollte sich die Richtigkeit der Beobachtung doch bestätigen, so lige hier eine hôchst merk-würdige InstiaktabSaderung vor, um so merkwardiger, da dieser Vogel

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von Schornsteinen fest und baut es aus kleinen, parallel neben einander gelegten Stockcben, die durch kuchenformige Massen verharteten, sprôden Schleims zusammengekittet sind, welcher, gleich demjenigen der essbaren Schwalbennester, im Wasser anschw,llt und aufweichtt in der Flamme knistert, sich aufbläht, nur langsam verbrennt und dabei einen starken tierischen Geruch verbreuet; es unterscheidet sich nur dadurch, dass es gelblichbraun ist, nicht so viele grosse Luftblasen enthält, deutlicher geschichtet ist und sogar ein gestreiftes Aussehen xeigt, das von unzähligen ellip-tischen, ganz winzig kleinen ErhShungen herrührt, die wohl nichts anderes als emporgezogene kleine Luftbläschen sind.

Die meisten Autoren nehmen an, die essbaren Schwalbennester bestUnden entweder aus Tang oder aus dem Laich eines Fisches, von anderen ist wohl auch die Vermutung ausgesprochen worden, es handle sich um eine Änderung der Speicheldrüsen des Vogels. Nach den oben mitgeteilten Beobachtungen kann ich nicht bezweifeln, dass die letztere Ansicht zutreffend ist. Die Gewohnheiten der im Inlande lebenden Mauerschwalbe und das Verhalten der fraglichen Substanz in der Flamme widerlegen schon fast allein die Annahme, dass sic aus Tang bestehc. Ebenso ist es mir, nachdem ich getrockneten Fischlaich untersuchtt hôchst unwahrscheinlich, dass man nicht irgend eine Spur von zelligem Aufbau in den Nestern sollte entdecken kônnen, wenn sie aus sol-chern Material bestunden. Wie konnten auch unsere Mauerschwalben, deren Lebensweise so gut bekannt ist, Fischlaich holen, ohne dabei gesehen zu werden? Macgillivray bat gezeigt, dass di& Follikel der Speicheldrüsen bei der Mauerschwalbe bedeutend entwickell sind, weshalb er auch annimmt, der Stoff, mit welchem sie ihr Nestmaterial zusammenkittete werde von diesen Drusen ausgesondert. Ich hege keinen Zweifell dass auch die ganz ahniiche, nur reichlichere Substanz im Neste der nordamerikanischen Mauer-

den Schlamm, aus dem sie iht Nest aufbaut, mit kW**» Speichel befeuchte.

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schwalbe sowie der Colkcdia esaulenta gleichen Ursprungs ist. Dies macht ihren blasigen und blättrigen Bau erklärtich, wie nicht minder die eigentumiiche netzformige Beschanfenheit derselben bei der Spezies von den Philippinen. Mit dem Instinkt dieser verschiede-nen Vogel braucht nur die eine Veranderung vor sich gegangen, zu sein, dass sie immer weniger und weniger fremdes Material zum Nestbau verwendeten. Man kann also wohl sagen, dass die Chinesen ihre köstliche Suppe aus getrocknetem Speichel bereiten.*)■ Sieht man sich nach vollkommenen Reihen bei anderen min-der haufigen Formen von Vogelnestern um, so darf man nie vergessen, dass alle heute lebenden Vôgel einen fast verschwindend kleinen Bruchteil aller derer darstellen, die auf Erden gelebt haben seit der Zeit, wo jene Fussspuren in der Bucht der Buntsandsteinformation von Nordamerika eingedrückt worden sind.

Wenn man einmal zugiebt, dass das Nest eines jeden Vogels, wo immer es sich befinden und wie es gebaut sein mag, stets fdr diese Spexies unter den ihr eigentümlichen Lebensverhältnissen passend ist; wenn femer der Nestbauinstinkt auch nur ganz wenig abweicht, sobald ein Vogel unter neue Umstande gerät, und wenn was sich kaum bezweifeln lässt, solche Abweichungen auch vererbt werden kënnen, dann vermag die natürtiche Zuchtung gewiss das Nest eines Vpgets, verglichen mit dem seiner fruhesten Vorfahren, im Lauf der Zeiten beinahe bis zu jedem betiebigen Grade umzugestalten und zu vervollkommnen. Greifen wir aus den naher bekannten Beispielen eines der auffälligsten heraus und sehen wir zu, in welcher Weise etwa die Auslese dabei thatig gewesen. sein mag. Ich meine Goulds Mitteitungen") über die au?tralischen Grossfusshahner (Megapodidae). Das Buschhuhn {Tbkgalla LathatmJ

*) [Es braucht wohl kaum dar.» erinaert *» werden, das* wir nicht ver-gessen dürfen, vor wie langer Zeit das Obige schon getrieben worden ist Dagegen ««cht< ich darauf autaerbam ».La, das Home bereit, !8,7 (Philo*. Transact» p. 332) bemerkt hat, der Vormagen der Salangane sei d» tigentümliches Dribengebilde, das wahrscheinlich den Stoff auszusondern vermöge, ans welchem dax Nest bestehe. _ R.]

«*) Bdrds of Australia und Mroductim to the Birds of Australia, 1848, p. 8t.

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schartt zwei bis vier Wagenladungen von in Zerfall begriffenen PrWnteilen zu einer grossen Pyramide zusammen, in deren Mitte «i seine Eier versteckt Diese werden durch Vermittlung der in Gährung Ubergehenden Masse, deren Warme nach der Schatzung bis auf qo°F (32 °C) ansteigt, ausgebrütet und die jungen Vogel arbetten sich selbst aus dem Haufen hervor. Der Trieb zum Zu. sammenscharren ist so lebendig, dass ein in Sydney gefangen ge-haltener einzelner Hahn alljährtich eine ungeheure Masse von Pflanzenteiten auftürmte. Ldpoa oceUala macht einen Haufen von 45 Fuss Durchmesser und 4 Fuss Hohe aus dick mit Sand bedeckten Blättern und lâsst ihre Eier gleichfalls durch die Gahrungs-wärme ausbrUten. Megapel timulus in Nordaustralien haut sogar einen noch viel hëheren Hügel auf, der aber anscheinend weniger vegetabilische Bestandteile enthalt, und andere Arten im Sundaarchipel sollen ihre Eier in Lëcher im Boden legen, wo sie <ier Sonnemvärme allein zum Ausbrûten abertassen bleiben. Es 1 ist weniger überraschend, dass diese Vôgel den Brutinstinkt verloren haben, wenn die nôtige Wärme durch Gihrung oder von der 1 Sonne geliefert wird, als dass sie die Gewohnheit angenommen : haben, im voraus einen grossen Haufen von Pflanzenstoffen aufzutUrmen, damit dieselben in Gahrung geraten sollen; denn wie man <iies auch erklären mag, jedenfalls steht fest, dass.andere VOgel : ihre Eier einfach zu verlassen pflegen, wenn die natürliche Warme zum Ausbruten genugt, wie dies z. B. der Ftiegenschntpper lehrt, -der sein Nest nn Knigths Gewâchshaus gebaut batte.*) Selbst I -die Schlange macht sich ein Mistbeet zu nutze und legt ihre Eier >■ hinein, und ebenso benutzte, was uns hier noch naher angeht, eine i ~ewohnliche Henné, nach Prof. Fischer, "die kunsttiche Warme ! .eines Treibbeetes, um ihre Eier ausbrUten zu lassen.)«) Femer haben Reaumur sowohl als Bonntt beobachtet«^, dass die '■ Ameisen ihre mühselige Arbeit, die Eier alltagtich je nach dem --Gang der Sonnenwgrme an die Oberfläche und wieder hinunter zu 1

....."> YarrelU British Sink, I, p. t66.                                           '

«, Alison, Artiket .iMUf 1« Todds Cyclop, of Anat. md \

^»t'l'uX'y und Spence, Introd. to Untcnol. II, p. s'9.                    j

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tragen, sofort einstellten, als sie ihr Nest zwischen den beiden Fächern eines Bienenstockes gebaut hatten, wo eine angenehme und gteiehmassige Temperatur herrschte.

Nehmen wir nun an, die Lebensbedingungen hatten die Ausbreitung eines Vogels dieser Familie, in welcher die Eier gewohn-Jich ganz den Sonnenstrahlen zum Ausbraten übertassen werden, in ein kühleres, feuchteres und dichter bewaldetes Land begünstigt. Da werden denn diejenigen Individuen, bei denen die Neigung » Zusammenscharren ïufällig soweit abgeandett ist, dass sie mehr Blätter und weniger Sand wahten, bei der Ausbreitung offenbar im Vorteil sein, denn indem sie mehr Pflanzenstonfe verwenden, wird die Gahrung derselben für die mangelnde Sonnenwarme Ersatz bieten und es werden deshalb bei ihnen mehr Junge auskriechen, die ebensogut die eigentümtiche Neigung ihrer Eltern zur Aufhaufung von Pflanzenstoffen erben konnen, wie von unsern Hunderassen die eine den ererbten Trieb zeigt, das Wild aufzujagen, die andere, vor demselben zu stehen, eine dritte, es bellend zu umkreisen. Und so mochte die natürliche Zuchtwahl fortwirken, bis die Eier schliesslich nur noch der Gahrungswârme allein ihre AusbrUtung verdankten, wobei se)bstverständtich die Ursache dieser Wârme dem Vogel ebenso unbekannt btieb, wie die seiner eigenen Kôrperwärme.

Wenn es sich um korperliche Bildungen handelt, wenn z. B. zwei nah verwandte Arten, von denen die eine vielleicht halb im Wasser, die andere nur auf dem Lande lebt, entsprechend ihrer verschiedenen Lebensweise sich etwas verandern, so sind die wesentlichen und allgemeinsten Übereinstimmungen in ihrem Bau .nach unserer Theorie eine Folge ihrer Abstammung von gemeinsamen Vorfahren, wahrend ihre schwachen Unterschiede auf spâterer Abanderung durch natürliche Zuchtwahl beruhen. Wenn wir, nun hören, dass die sOdamerikanische Drossel (Urdus faWanäeus) gleich unsern europsischen Arten ihr Nest in ebenso eigentümlicher Weise mit Schlamm auskleidet, obgleich sie sich, inmitten ganz verschiedener Pflanzen und Tiere lebend, unter einigermaßen ab-weichendea Bedingungen befinden muss; oder wenn wir hdren, dass in Nordamerika die Mannchen der dortigen Zaunkonigarten ebenso

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wie bei uns die seltsame und abnorme Gewohnheii haben, „Hahnennester" zu bauen, die nicht mit Federn ausgepolstert sind und ihnen nur zum Schutze dienen,") - wenn wir von solchen Fällen, horen, und es giebt deren in reicher Anzahl aus allen Klassen des Tierreichs: so müssen wir doch wohl auch hier das Obereinstimmende an den Instinkten auf Vererbung von gemeinsamen Vorfahren, die Unterschiede dagegen entweder auf durch naturtiche-Zuchtung festgehaltene vorteilhafte Abanderungen oder auf zufgllig angenommene und vererbte Gewohnheiien zurückführen. Ebenso wie die Drosseln der nôrdtichen und der sudtichen Halbkugel ihre instinktive Eigentümlichkeii im allgemeinen von einem gemeinsamen Stammvater überkommen haben, so haben unzweifelhaft auch unsere Drosseln und Amseln viel von ihrem gemeinsamen, Erzeuger geerbt, daneben aber, in dereinen oder in beiden Arten, etwas betrachttichere Abweichungen vom Instinkt ihres unbekannten. alten Vorfahren dazu erworben.

Gehen wir nun uber zur Variabititat des Nestbauinstinkts. Es ' wurdcn sich jedenfalls noch viel zahlreichere Beispiele anführen lassen, wenn diesem Gegenstande auch in anderen Landern dieselbe ' Aufmerksamkeii geschenkt worden ware, wie in Grossbritannien und ' den Vereinigten Staaten. - Aus der allgemeinen Obereinstimmung: I der Nester jeder einzelnen Art ersieht man deutlich, dass selbst ' unbedeutende Einzelheiten, wie das dazu verwendete Material oder ' die dafur gewählte Stelle auf einem hohen oder niedrigen Ast, am Ufer oder auf ebenem Boden, vereinzell oder mit anderen zusammen, nicht auf Zufall, noch auf verstandiger Überlegung, sondern auf Instinkt beruhen. 8&k qffofafe z. B. unterscheidet sich von ' zwei nachst verwandten Grasmücken am allersichersten dadurch, dass ihr Nest mit Federn ausgekleidet ist.))

Indessen werden die Vogel durch Notwendigkeii oder Zwang haufig veranlasst, ihre Nester in veranderter Lage anzulegen. Ich ' könnte aus atlen Teilen der Erde zahlreiche Beispiele dafur bei- '

») Yartells Bntisli Birds.

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oringen, dass Vôgel, die gewûhnltch auf Baumen nisten, in baum-losen Gegenden auf der Erde oder wischen Felsen brüten. Audubon') berichtet, dass die Mowen auf einer Insel an der Kaste von Labrador "wegen der Verfolgungen, denen sie ausgesetzt waren, jetzt auf Baumen nistcn", statt wie bisher auf den Felsen. Couch*) erzah!t, dass, nachdem den Haussperlingen drei- oder viermal nacheinander die Nester zerstôrt worden waren, "die ganze Gesellschaft wie auf gemeinschaftltche Verabredung die Stelle aufpb und sich auf einigen in der Nähe befindlichen Bau-men ansiedelte - ein Nistplatz, den, obwohl er in manchen Gegenden haufig zu beobachten ist, weder sie selbst, noch ihre Vorfahren jemals bei uns gewâhlt hatten, weshalb ihre Nester bald den Gegenstand allgemeiner Verwunderung bildeten." Der Sper-iing nistet uberhaupt bald in Mauerlöchern, bald auf hohen Bau-men im Gezweig, im Epheu, unter den Nestern von Krahen oder in den von Uferschwalben gegrabenen Ggngen, und haufig nimmt er Beste vom Nest einer Hausschwalbe; "auch die Form des Nestes wechselt ausserordentlich, je nach seiner Lage«-) Der Reiherf) baut sein Nest auf Baumen, auf steilen Klippen am Meeresufer und in der Heide auf ebener Erde. In den Vereinigten Staaten nistet Jrdea herodiasft) ebensowohl auf hohen oder niedrigen Bäumen, wie auf dem Boden und Uberdies, was noch auffallender ist, bald in grossen Gemeinschaften oder Reiherfamilien, bald ganz vereinzelt.

Hgufig kommt die Bequemlichkeii mit ins Spiel. Wir wissen, dass der Schneidervogel in Indien gern künstlichen Faden benutzt, statt ihn selber zu spinnen. Ein wilder Distelfinkf+t) nahm erst Wolle, dann Baumwolte und zuletzt FIaumfedern, die man in die Näheseines Nestes gelegt hatte. Das gemeine Rotkehlchen baut

) CiHcrt in Bostm Jmm. Not. Bist. IV, p. I49. *>) rututratiom of Instinkt, p. 218. ~) Montague. Omithol. Diet. p. 482. t) Macgillivray, Bril. BMs IV, p. „6; W. Thompson, »,. Ost. of Ireland, II, p. 146.

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oft unter Schutzdachern; in einem Sommer sind vier Fälle dieser Art an einem Ort beobachtet worden/) In Wates baut die Haus-schwalbe ifanmb «rto) an senkrechten Klippen, im game» Flachgebiet von England aber an den Hausem, was ihre ZahL und Verbreitung ungemein gefordert haben muss. 1m arktischer, Amerika fing mundo lunifrons") im Jahre 1825 zum erstenmal an, an Häusern zu nisten, und die Nester waren nicht haufenweise —engedrangt und jedes mit einem rOhrenförmigen Ein-gang versehen, sondern unter den Dachrinnen in einer Reihe befestigt und ganz ohne Eingangsröhre oder nurmit einem vorspringenden Rand. Ebenso kennt man genau die Zeit einer ahniichen Ânde-rung in den Gewohnheiten von Birumlo fulm.

Bei allen solchen Veranderungen, môgen sie durch Verfolgung oder Bequemlichkeit veranlasst sein, muss der Verstand der Tiere wenigstens bis zu einem gewissen Grade beteiligt sein. Der Zaunkônig (»***. «*rtTa der an verschiedenen Plltzen nistet, macht sein Nest gewöhnlich den Dingen in der Umgebung ahnlich;'") doch beruht dies vielleicht auf Instinkt Wenn wir aber von Whtte hëren+), dass ein Weidenschlüpfer, weil er durch einen Beobachter gestôrt wurde, die Offnung seines Nestes versteckte (und ich habe selbst einen ahniichen Fall beobachtet), sc-durfen wir wohl schliessen, dass.es sich hier um Verstandesthätig-keithandelte. WederdeZ Zaunkönig.noch die Wasseramsel-ff) über-wolben ihr Nest bestândig auch dann, wenn dasselbe in geschützter Lage angelegt ist. Jesse erzählt von einer Dohle, die ihr Nest auf einer stark geneigten Fläche in einem Turm baute und dabei einen zehn Fuss hohen senkrechten Stoss von Stôcken aufführt& - eine Arbeit von siebzehn Tagen; und ich kann hinzufugen-Hi), dass man ganze Famitien dieser Vôgel regelmässig in einera Kaninchenbau nisten gesehen hat. Zahlreiche ahniiche Fâlle k8nn-

"^-rr^^,„,,,,...,J3,

tt) JA**. ofZooL H, .838, p.4*9. +tt) White, „Selbourne", 2.. Brieff

I

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ten noch angeführt werden. Das Wasserhuhn (Gallinuta M^m) soll gelegent!ich seine Eier zudecken, wenn es das Nest verlässt; an einer von Natur geschützten Stelle aber, berichtet W. Thomson«), geschah dies niemals; Wasserhühner und Schwäne, die im oder am Wasser nisten, pflegen instinktiv das Nest zu erhöhen, sobald sie bemerken, dass das Wasser zu steigen beginnt.**) Ganz besonders merkwOrdig ist aber folgender Fal:: Yarrell zeigte mir eine Zeichnung vom Nest des australischen schwarzen Schwans, das gerade unter der Traufe einer Dachrinne gebaut worden war, um nun die unangenehmen Folgen davon zu vermciden, fügten das Mannchen und Weibchen gemeinschaftlicb halbkreisformige . . .*»') an das Nest an, bis dasselbe eiNwSrts vom Bereich der Dachtraufe bis an die Mauer reichte, und dann schoben sie die Eier in den neuen Anbau hinüber, so dass sie nun ganz trocken lagen. Die Elster (terms pica) baut unter gewûhntichen UmstNnden ein ziemlich auffälliges, aber sehr regetmassiges Nest; in Norwegen nistet sie in Kirchen oder in den Ausgüssen unter den Dachrinnen der Hiuser, so gut wie auf Baumen. In einer baumlosen Gegend von Schottland nistete ein Paar mehrere Jahre hiatereinandrr ir» einem Stachelbeerstrauch, den sie aber ringsum in ganz erstaunlicher Weise mit Domen und Gestrupp verbarrikadierten, so dass es „einem Fuchs wohl mehrere Tage Arbeit gekostet haben wurde, um hineinzuhängen". In einer Gegend von Irland anderseits, wo man auf jedes Ei einen Preis gesetzt und die Elstern eifrig verfolgt hatte, nistete ein Paar am Grunde einer niederen, dichten Hecke, „ohne irgend erhebliche Ansammlung von Niststoffen, welche die Aufmerksamkeit hatten erregen konnen." In Cornwall sah Couhh nahe bei einander zwei Nester, das eine in einer Hecke, kaum eine Elie uber dem Boden und „in ganz ungewôhniicher Weise mit einem dicken Wall von Dornen umgeben", das andere „im Wipiel einer sehr schlanken und einzetn stehenden Ulme - offenbar gebaut in der Voraussicht, dass kein lebendes Geschôpf eine so

J> W. Thompson, l. c. II, p. 328. ^ -! p£ fehf Tu^iTort im SLLpt. R.]

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schwanke Saute zu erklettern wagen werde". Ich selbst war oft erstaunt zu sehen, was für schlanke Baume die Elstern manchmal auswâhlen; allein so gescheit auch dieser Vogel ist, so kann ich doch nicht glauben, dass er voraussehen sollte, dass Knaben solche Baume nicht ïu erklettern vermôgen, sondern meine vielmehr, er werde, nachdem er einmal einen solchen Baum gewählt, durch Erfahrung herausgefunden haben, dass derselbe einen sichern Nistplatz bietet.*)

Obgleich nicht zu bezweifeln ist, dass Verstand und Erfahrung beim Nestbau der Vogel o(t wirksam sind, so kOnnen sie doch .auch oft ihr Ziel verfehlen. Es wurde beobachte,, wie eine Dohle sich umsonst abmUhte, einen Stock durch ein Turmfenster herein-zubringen, ohne dass sie darauf gekommen wSre, ihn der Lânge ,nach hindurch zu ziehen. Whiee erwahnt**) einiger Hausschwalben, die Jahr für Jahr ihre Nester an einer den RegengUssen ausgesetzten Mauer bauten, wo sie regelmässig heruntergewaschen wurden. Fmurk» mtmtkmus in Sudamerika grabt in den Schlammbänken tiefe Höhlengange, um darin zu nisten; ich sah nun,)**) wie diese kleinen VOget auch durch eine aus erhartetem Schlamm gebaute niedrige Mauer, über die sie bestandig hin-.und herflogen, xahlreiche Locher bohtten, ohne dabei zu bemerken, dass die Mauer für ihre Nistgänge lange nicht dick ge-nug war.

Viele Abweichungen lassen sich gar nicht erklgren. ?bto-nus nuwukrimV legt seine Eier manchmal auf die nackte Erde und manchmal in ein flüchtig aus Gras gemachtes Nest. Black-wall hat den merkwurdigen Fall von einer Goldammer (Embmxä-.ciirmelta) verzeichnet!!), welche ihre Eier auf die nackte Erde

*) Ober Norwegen t. Mag. of Zool. and Bot. 1838, II, p. „„ uber Schotttandd Rev. J. Hall, Travels in Scotland; Aitikel .Mfarf* hCydop. of Mat. a. PkysM., p. m über Irland W. Thompson, Nat. Eist, of Mand, TL, 329! über CornwalU stehe Couch, Itlustr. of Institut, p. 213. «*)„^«™«,6.Brier. ««, „Reise um die Welt«, S. 109. ij Peabody, Bosi. Journ. Nat. Hist. Ill, p. ao9. tfl Yarrelss British Birds.

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legte und da ausbrutete; dieser Vogel nistet gewohnlich auf oder ganz nahe dem Boden, in einem Falle wurde aber sein Nest in einer HChe von sieben Fuss über der Erde gefunden. Von einem Nest des Buchfinken (Fringtlb eoekh) wird berichtet«), dasselbe sei durch ein Stück Peitschenschnur befestigt gewesen, das einmal um einen Fichtenast geschlungen und dann fest mit dem Material des Nestes verBochten war. Das Nest des Buchfinken lasst sich fast immer an der Eleganz erkennen, mit der es Nußerlich mit Flechten bekleidet ist; Hewitson hat aber eines beschrieben»), bei dem Papierschnitzel statt Flechten verwendet waren Die Singdrossel (Tur<ks mtunml) nistet in GebUschen, manchmal aber, auch wenn BUsche genug vorhanden sind, in Mauerlöchem oder unter vorspringenden Dachern, und in zwei Fällen fand sich ihr Nest einfach auf der Erde in langem Grase und unter Ruben. blättern.-) Der Rev. W. D. Fox teilt mir mit, dass "ein exzen-trisches Amselpaar" (T. memla) drei Jahre nach einander im Epheu an einer Mauer nistete und das Nest regelmässig mit schwarzem Rosshaar ausfutterte, obschon kein Anlass vorhanden war, der sic zur Verwendung gerade dieses Materials verleiten konnte; auch waren ihre Eier nicht geneckt. Derselbe vorzugliche Beobachter beschrieb)) die Nester zweier Rotschwanzchen, von denen nur das eine mit einer Fülle weisser Federn austapeziert war. Das Gotdhahnchen-H-) baut gewöhnlich ein offenes, an der Unterseite eines Fichtenastes befestigtes Nest; manchmal liegt es aber auch auf dem Aste, und Sheppard sah eines, „das aufgehangt war und das Loch auf der Seite hatte". Von den wundervollen Nestern des indischen Webervogels {EoceM Phüippenm) \\\) haben unter fünizigen nur je eines oder zwei eine obere Kammer, in welcher das Männchen haust und welche es aushahite, indem es

Mm «. J%. Aä/. FM VIII, .84i,p.38.. «) Brit. Oology, p. 7.

) W. Tompson, Nat Hut. of Ireland, I, p. t36; Couch, lUudr. ofhKUnct, p. 319.

t)HewiUo»s, BriV.O^. tt)ShepPard,L»«H.JVt«iS.XV,p.,4. ttt)*»** A», J* 27.1853.

Bem.»«, Eotwtekl«t,R .!.» 0.i.t«                                            2?

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die ROhre des Nestes erweiterte und ein Schutzdach daran be-festigte. Ich schliesse mit zwei allgemeinen Aussprüchen uber diesen Gegenstand von seiten zweier trefflicher Beobachter, She*-pard») und Blackwall»): „Esgibt wenige VOget, die nicht ge!egentlich beim Bau ihres Nestes von der allgemeinen Form des-selben abweichen," und „es ist unbestrettbar," sagt Blackwall, „dass Angehörige derselben Art die Fahigkeit zum Nestbau in sehr verschiedenem Grade der Vollkommenheit besitzen, denn die Nester einzelner Individuen sind in einer Weise ausgefUhrt, welche das Durchschnittsmass der Art weit hinter sich IM."

Einige der oben angeführten Beispiele, wie das von Totanw, der entweder ein Nest macht oder auf nackter Erde brütet, oder von der Wasseramset, welche ihr Nest bald mit, bald ohne obere Wölbung baut, sollten vielleicht eher einem doppelten Instinkt, als einer blossen Abweichung zugeschrieben werden. Der merkwürdigste Fall eines solchen doppelten Instinkts aber, der mir aufge-stossen ist, findet sich nach Dr. P. Sav)*») bei Sylvia cistieola. Dieser Vogel baut bei Pisa alljahrlich zwei Nester: das Herbstnest besteht aus Blättern, die mit Spinnweben und Pflanzenhaaren zusammengenaht sind, und findet sich im Sumpfland, das Frühlingsnest dagegen liegt auf Grasbuschein in den Kornfeldern und seine Blätter sind nicht zusammengenäht, es ist aber auf den Seiten dicker und besteht aus ganz anderem Material. In solchen { Fällen kônnte. wie schon früher in Bezug aufkörperliche Bildungen l( bemerkt wurde, ein. grosser und scheinbar plötzticher Wechsel im Instinkt eines Vogels dadurch bewirkt werden, dass derselbe ' nur die eine Form des Nestes beibehielte.

In manchen Fällen zeigt das Nest Verschiedenheiten, wenn . der Verbreitungsbezirk der Art in ein Land mit abweichendem d Klima hinuberreicht. So baut Arlanm sordidm auf Tasmanien ein x grOsseres, festeres und hübscheres Nest als in Australien.-}-) Sterna

*) Um. Kam. XV, p. 14.                                                                b

«) Clüert bei Yarrel.. Brit. UM,, ï. p. .4*                                      ,

D Gould, Bird» of Amlralia.

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«to*» scharrt nach Audubon*) in den südiichen und mittleren Vereinigten Staaten nur eine flache Grube in den Sand, „an der Küste von Labrador dagegen haut sie aus trockenem Moos ein gauz niedliches Nest, das sorgfältig geflochten und beinahe so gross ist, wie das von %* migmtorius«. Die Individuen von Icterus Bald-mnn »welche im SUden nisten, machen ihr Nest aus lockerem Moos, das die Luft durchstreichen lâsst, und vollenden es ohne innere Auskteidung, wahrend dasselbe in dem kälteren Klima der Neuenglandstaaten aus weichen, innig verwobenen Stoffen besteht und inwendig hübsch warm austapeziert ist.«

Wohnungnn der Saugetre.e.

Diesen Gegenstand werde ich nur mit wenigen Worten be-rühren, nachdem die Nester der Vogel so ausführlich behandett worden sind. Die vom Biber errichteten Bauten sind von altersher berühmt; wir finden aber wenigstens einen Schritt auf dem Wege, auf welchem sein wunderbarer Bauinstinkt sich entwickelt und vervollkommnet haben mag, bei einem nahe verwandten Tiere, der Bisamratte (Fiber ~toOwm), in ihrem einfacheren Bau verkôrpert, der immerhin,wieHearnm bemerkt»»), demjenigen des Bibers einiger-massen gleicht. Die vereinzelt lebenden Biber in Europa üben be-kanntlich ihren Bauinstinkt nicht aus oder sie haben ihn doch zum grOssten Teil verloren. Gewisse Rattenarten bewohnen jetzt ganz allgemein die DScher der Hauser*), andere Arten aber halten sich in hohten BSumen auf- eine Abweichung, welche der bei den Schwalben beobachteten entspricht. Dr. Andrew Smith teilt mir mit, dass die Hyânen in den noch nicht bewohnten Teilen SUdafrikas nicht in HChIen leben, wie dies in bewohnten und haufiger von Menschen gestorten Gegenden der Fall istf+). Manche Sauge-

*) Ann. of Nat. Hist, tt 18i9, p. 46a. ") Peabody, Bett. Jomu of Not. Hut. HL p. 97. »♦*) EeuM'i Travel», p.380. Er hat weitausdiebesteSchilderung von der Lebensweise des Biber: geliefert.

t) Rev. L. Jenytis in Um,. Tram. XVI, 166. ft) Der Sfter citterte Fall, dass Hasea an alku offenen Stellen HOhten

27'

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iiere und VOgel bewohnen für gewôhnliih von anderen Tieren gegrabene Hôhlen; wo solche aber nicht zu haben sind, da graben sie sich ihre eigenen Wohnungen aus*).

In der zur Familie der Honigbienen gehërigen Gattung Omia (Erzbiene) zeigen nicht nur die verschiedenen Atteu ganz auffallende Unterschiede in ihren Instinkten, wie dies F. Smith geschildert hat»), sondern selbst die Individuen einer und derselben Art variieren in dieser Hinsicht außergewöhnlich stark. Dies bestatigt augenscheinlich das fUr kOrperllche Eigenschaften unzweifelhaft gültige Gesetz, dass Teile, welche bei nahe verwandten Arten erheblich von einander abweichen, in der Regel auch innerhalb derselben Art , gern variieren. Bine andere Biene, Mgachik maritima, gräbt sich, wie mir Mr. Smith schreibt, in der Nahe der Küste Gange in , den Sandbanken, wihrend sie in bewaldeten Gegenden Locher , in hölzerne Pfosten bohrt . . .«)

Im Vorhergehenden habe ich einige der bedeutsamsten Gruppen : von Instinkten besprochen es bleiben aber noch eine Anzahl Bemerkungen über verschiedene Punkte übrig, welche hier wobl am , Platze sein dürften. Zunachst seien einige Falle von Abanderungen , angeführt, die mir besondersauffällig erschienen: EineSpinne, die , zum KrUppel geworden war' und ihr Gewebe nicht mehr verfertigen , konnte, ging aus Not von ihrer bisherigen Lebensweise zur Jagd , uber - eine Art des Nahrunperwerbs, die bekanntlich fUr eine andere grosse Abteilung der Spinnen die Regel bildet-].). Manche , Insekten zeigen unter verschiedenen Umstinden oder in verschiedenen Perioden ihres Lebens zwei sehr verschiedene Instinkte; nun ,

hab% Zoology oft!« Voyage of the „Bcagk«, MmmUa, p. 90.

") Catalogue of British Bymenoptera iSSS. p. 158.

**) [Der hier anschliessende Abschnitt über d!e Instinktt des Parasitismus, des Sldavenmachens and des Zellenbauene (der Korbbienen) ist wegge-lassen worden, da er schon in der .Entetetag der Arten' veröffentlicht wer-

dea % dttoLh den Angabee von Sir J. Banks in Joum. Um. Soc.

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kann aber der eine davon durch natürliche ZUchtung zurückgedrängt werden, was natürlich einen scheinbar ganz unvermittelten Gegensatz im Instinkt, verglichen mit demjenigen der ngchsten Verwandten des betreffenden Insekts, bedingen muss. So pflegt die Larve eines Kafers (Oionm mvphukriae), wenn sie auf **h** lebt, eine klebrige Masse auszusondern, welche zu einer durch--sichtigen Blase wird, in deren Innerem sie ihre Verwandlung durch-macht; ist die Larve aber, von selbst oder von Menschen versetzt, auf Verbaseum geraten, so beginnt sie zu bohren und durchläuft ihre Verwandlung in einem Blatte'). Die Raupen gewisser Nacht-schmetterlinge scheiden sich in zwei grosse Klassen, solche, die im Parenchym der Blätter Gange bohren, und solche, die mit wunderbarer Geschicklichkeii Blätter zusammenrollen, nun sind aber einige Raupen in ihrem ersten Stadium Minierer und werden erst nachher Blattwicklerr und dieser Wechsel der Lebensweise wurde mit Recht fUr so bedeutend gehalten, dass man erst in unserer Zeit ~ntdeckte, dass die Raupen zu einerund derselben Art gehoren"). Die Jbgmm»*«* tritt gewohnlich in zwei Generationen auf: die erste erscheint, im Frühling aus Eiern, die im Herbat auf in Kornkammern aufgehauften Körnern abgelegt worden waren; und fliegt nach dem Ausschlüpfën sofort in die Felder hinaus, ihre Eier auf dem jungen lebenden Getreide, statt auf den rings um sie aufgespeicherren nackten Körnern abzulegen; die Motten der zweiten Generation (aus den auf das stehende Getreide abge-iegten Eiern stammend) schlüp!en erst nach der Ernte auf den Kornboden aus und verlassen diese nicht, sondern legen ihre Eier auf die herumliegenden nackten Körner, woraus dann wieder die Fruhlbgsgeneration mit dem Instinkt, die Eier auf das grüne Getreide zu legen, hervorgeht*). Manche Jagdspinnen geben das Jagen auf, wenn sie Eier und Junge haben, und spinnen ein Gc webe, in dem sie ihre Beute fangen; dies gilt z. B. fur eine Sd-Hcus-te, welche ihre Eier in Schneckenhäuser legt und zu dieser

*) P. Huber tu Mm. to. Bys. de Qentoe, X, «. «) Westweod in Gardeners Chronic!, l8S3, p *i. ™) Bonnet, eiäert v. Kirby und Sp...e, »Lri* n. 480.

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Zeit ein grosses senkrechtes Netz herstellt'). Die Puppen einer Art von Famun sind getegentlich»») unbedeckt, d. h. nicht in Kokons eingehüllt, was gewiss eine hochet merkwürdige Abweichung ist, und dasselbe soll beim gemeinen Floh vorkommen. - Lord Brougham««) führt den merkwurdigen Instinkt an, dass das Küch-lein in der Schale ein Loch pickt und dann „mit dem Zahn seines Oberschnabels weiter meisselt, bis es ein ganzes Stück der Schale herausgebrochen hat. Es geht stets von rechts nach links vor und macht das Loch stets am stumpfen Ende der Schale". Allein dieser Instinkt ist keineswegs so unabgnderlich: im Ekka-leobion (Brütanstalt) wurde mir versichert (Mai »840), dass Fälle vorkamen, wo das Kûchlein so nahe am stumpfen Ende beginnt, dass es durch das von hier aus gemachte Loch nicht aus der Schale heraus kann und infotgedessen nochmals !u meisseln anfangen muss, um ein zweites, grësseres Stuck Schale toszubrechen; ausserdem kommt es gelegentlich vor, dass es am spitzen Schalenende an-fängtt. Dass das Kanguruh manchmal sein Futter wiederkäut, ist vielleicht eher auf eine Zwischenstufe oder Abweichung in der Ausbildung eines Organs zurückzuführen, als auf Instinkt; jedenfalls ist es aber erwahnenswert - Bekannt ist, dass Voget derselben An in verschiedenen Gegenden geringe Unterschiede in ihren Lautausse-rungen zeigen; so bemerkt ein vorzüglicher Beobachter: "Eine Kette irischer Rebhûhner fliegt auf, ohne einen Laut von sich zu geben, wahrend drüben in Schottland die Kette mit aller Macht schreit, wenn sie aufgejagt wirdf).« BechStein erklärt, aus vieljahriger Erfahrung sich Oberzeugt zu haben, dass bei der Nachtigall die Neigung, mitten in der Nacht oder am Tage zu singen, bei einzelnen Familien vorherrsche und sich streng vererbeff). Es

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st hochst merkwurdig, dass manche Vogel die Fahigkeit haben, lange und schwere Melodieen pfeifen zu lernen, und andere, wie die Elster, alle môglichen Tône und Gerâusche nachzumachen, ohne dass sic im Naturaistande jemals solche Fahigkeiten an den Tag

Da es oft schwer hält, sich vorzustellen, wie ein Instinkt m allererst entstanden sein mag, so ist es wohl nicht Uberflüssig, einige wenige Beispiele aus der grossen Zah! der bekannten Fälle von zufällig auftretenden sonderbaren Gewohnheiten herauszuheben, welche aber nicht als als richtige Instinkte betrachtet werden kônnen, wohl aber, unserer Ansicht nacb, zur Ausbildung solcher den Anlass geben mëchten. So wird mehrfach von Insekten, die von Natur eine ganz verschiedene Lebensweise haben, berichten, dass sie im Innern des menschlichen Körpers zur Entwicklung gekommen seien, - schon mit Hinsicht auf die Temperatur, der sie ausgesetzt waren, eine sehr bemerkenswerte Thatsache, was uns wohl die Entstehung des Instinkts der Dasselfliege (Oestrus) erklären mag. Wir könne», auch verstehen, wie sich bei den Schwalben eine sehr innige Vergesellschaftung entwickeln kdnnte, denn Lamarck-) beobachtete, wie etwa ein Dutzend dieser Vûgel einem Paar derselben, das seines Nestes beraubt worden, behilflich war, und zwar so wirksam, dass das neue Nest am zweiten Tage fertig war, und nach den von Macgillivrayf) berichteten Thatsachen lässt sich gar nicht mehr an der Richtigkeit der alten Geschichten von Hausschwalben zweifeln, die sich zusam-

*) BIackwall» ~esmrclm 4»*»ftyft 1834, !S8. Cuvlerhat schon vor langer Zeit darauf hin~ewiesen, dass alle Passeres offenbar eben wesentt lich fibereinstimmenden Bat. ihrer St!mmorgane besitz und dass doch nur wenige, und bel die«» nur die Männchen, wirklich singen, was heweist, da» das Vorhandensein eines geeigneten Organs keineswegs immer die entsprechende Lebenswege oder Gewohnheit bedingt [Was die Schallnacbahmung bei Vögeln in der Gefangenschaft betriffi, welche im Naturzustände diese Fähigkeit nicht «igen sollen, *\ S. «*, wo mehrere Mittellungee über wilde Vögel, die gleichfalb die TSne von a~dern VSgeln nachahmen, *« finden sind. R.] *) Rev. L. Jeayn,, ObserP. Ä» Nat. Hist, 1846, *8o. —) Citiert v. Geoffr. St. Hilaire in Am. des Mus., IX, 471. '

tl /WIM 2tt*. HI, 59»;

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mengethan und Sperlinge, welche eines ihrer Nester in Besitz ge-nommen, bei lebendigem Leibe eingemauert haben sollen. Es ist allgemein bekannt, dass Korbbienen, deren Pflege vernachlässigt worden ist, "die Gewohnheii annehmen, ihre fleißigeren Nachbarn auszuplündern«, und dann Piraten genannt werden, Huber er-sählt den noch viel merkwürdigeren Fall von einigen Korbbienen, die fast völlig vom Neste einer Hummel Besitz nahmen, welche letztere dann drei Wochen lang fleissig Honig sammelte, um ihn regetmässig zu Hause auf Vprantassung der Bienen, ohne dass diese irgendwie Gewalt angewendet hatten, wieder von sich zu geben»). Dies erinnert an die Raubmôwen (Zestris), welche ausschliesslich davon leben, dass sie andere Mowen verfolgen und sie zwingen, ihre bereits verschluckte Beute wieder auszuspeien").

Bei der Korbbiene kommen manchmal Handlungen vor, die xu den sonderbarsten Instinkten zu zshien sind, und dennoch müssen diese Instinkte oft vieie Generationen hindurch latent bleiben: Ich habe z. B. den Fall im Auge, wo die Königin umgekommen ist; dann müssen mehrere Arbeiterlarven aus ihrem bisherigen Entwicke. lungsgang herausgerissen, in grosseZellen versetzt und mit koniglichem Futter ernahrt werden, wodurch sie sich zu fruchtbaren Weibchen entwickeln; ferner: wenn ein Stock seine Kônigin besitzt, so werden alle Mannchen im Herbst unfehlbar durch die Arbeiter getôtet; ist aber keine Konigtn da, so wird auch nichteine Drohne je abge-schtachtet*"). Vielleicht wirft unsere Theorie doch ein schwaches Licht auf diese geheimnisvollen, aber wohlverbürgten 1 Tatsachen, indem sie unter Beiziehung der Analogie von andern Formen der Bienenfamilie zu der Ansicht fUhrtt dass die Korbbiene von andern Bienen abstamme, bei denen rege!mässig zahtreiche Weibchen den ganzen Sommer aber dasselbe Nest bewohnten und die Minnchen

Fall s.*)SKuby "* SpeaC8' Mi0mI' "' 2°7, 1*aTOaHub"c'zitUtea FftU «/W'i« sog« »it gatem Gmndd ,« vem««« (MacgilHvray, &*

"«TSrb'y and Spence, MOamkn, II. 5.0-13..

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niemals von jenen getôtet wurden, so dass also, wenn die Drohnen nicht vernichtet und wenn zahlreiche