RECORD: Darwin, C. R. 1868. Das Variiren der Thiere und Pflanzen im Zustande der Domestication. Stuttgart: Schweizerbart. vol. 1.

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Das Variiren dor iere und Pflanzen Zustande der Domestication

von Charles Darwin.

Erster Band.

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Das Variiren der i e r e und Pflanzen i hi Zustande der Domestication

Charles Darwin.

Aus dem Englischen übersetzt von J. Victor Cams.

In zwei Bänden.

Erster Band.

Mil d r r inn(1 vier/.ii; Holzschnitten.

STUTTGART.

E. Sclnveizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch).

1868 .

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Inhalt.

Einleitung. S. 1. Erstes Capital. Haushunde und Katzen. S. 18. Alte Hundevarietäten. — Ähnlichkeit der Haushunde in verschiedenen Ländern mit eingebornen Caniden. — Thiere. welche den Menschen nicht kennen, fürchten sich anfangs nicht. — Hunde ähneln Wölfen und Schakalen. — Die Gewohnheit zu bellen erlangt und verloren. — Verwilderte Hunde. — Braunrothe Augenflecke. — Trächtigkeitsdauer. — Widerlicher Geruch. — Fruchtbarkeit der Rassen hei der Kreuzung. — Die Verschiedenheiten der einzelnen Rassen zum Theil abhängig von der Abstammung von distincten Arten. — Verschiedenheiten am Schädel und an den Zähnen. — Verschiedenheiten des Körpers und der Constitution. — Wenige Verschiedenheiten von Bedeutung sind durch Zuchtwahl fixirt worden. — Directe Wirkung des Klimas. — Wasserhunde mit Schwimmfüssen. — Geschichte der Veränderungen, welche gewisse englische Hunderassen allmählich durch Zuchtwahl erlitten haben. — Aussterben der weniger veredelten Unterrassen. — Katzen, mit mehreren Arten gekreuzt. — Verschiedene Zuchtrassen finden sich nur in getrennten Ländern. — Directe Wirkungen der Lehensbedingungen. — Verwilderte Katzen. — Individuelle Variabilität. Zweites Capitel. Pferde -und Esel. S. 61. Pferd. —  Verschiedenheiten der Rassen. — Individuelle Variabilität derselben. — Directe Wirkungen der Lebensbedingungen. — Können viel Kälte ertragen. — Rassen durch Zuchtwahl sehr modificirt. — Färbung des Pferdes. — Schecken. — Dunkle Streifen am Rückgrat, den Beinen, Schultern und Stirn. — Graubraune ( dun )  Pferde am häufigsten gestreift. — Die Streifen wahrscheinlich eine Folge der Rückkehr zum primitiven Zustand des Pferdes. — Esel. —  Rassen desselben. — Färbung der Esel. — Bein- und Schulterstreifen. — Schulterstreifen fehlen zuweilen, sind zuweilen gablig. Drittes Capitel. Schwein. — Rind. — Schaf. — Ziege. S. 82. Schweine  gehören zu zwei verschiedenen Typen. Su.i scroplia und S. indica. — Torf-Schwein. — Japanesisches Schwein. — Fruchtbarkeit gekreuzter Schweine. — Veränderung des Schädels bei den hochcultivirten Rassen. — Convergenz des Characters. - Trächtigkeitsdauer. — Einhufige Schweine. Merkwürdige Anhänge an den Kinnladen. — Grössenabnahme der Stoss-

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VI Inhalt. zähne. — Junge Schweine longitudinal gestreift. — Verwilderte Schweine. — Gekreuzte Zuchtrassen. Rind. — Zehn eine besondere Species. — Das europäische Rind stammt wahrscheinlich von drei wilden Formen ab. — Alle Rassen sind jetzt unter einander fruchtbar. — Englisches Parkrind. — Über die Färbung der ursprünglichen Arten. — Constitutionelle Verschiedenheiten. — Südafrikanische Rassen. — Südamerikanische Rassen. — Niata-Rind. — Ursprung der verschiedenen Rinderrassen. Schaf. — Merkwürdige Rassen desselben. — Auf das männliche Geschlecht beschränkte Variationen. — Anpassungen au verschiedene Bedingungen. — Trächtigkeitsdauer des Schafs. — Veränderungen der Wolle. — Halb monströse Rassen. Ziege. — Merkwürdige Variationen derselben. Viertes Capitel. Zahme Kaninchen. S. 128. Die zahmen Kaninchen stammen von dem gemeinen wilden Kaninchen ab. — Frühe Domestication. — Früh gepflegte Zuchtwahl. — Grosse hänge- ohrige Kaninchen. — Verschiedene Zuchtrassen. — Schwankende Cha- ractere. — Ursprung der Himalaya-Rasse. — Merkwürdiger Fall von Vererbung. — Verwilderte Kaninchen auf Jamaica und den Falkland-Inseln. Auf Porto Santo. — Osteologische Charactere. — Schädel. — Schädel von halben Hängeohren. — Die Verschiedenheiten im Schädel sind analog den Differenzen hei verschiedenen Arten von Hasen. — Wirbel. — Brustbein. — Schulterblatt. — Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs auf die Proportionen der Gliedmaassen und des Körpers. — Schädelcapacität und reducirte Grösse des Gehirns. — Zusammenfassung der Modifieatio- nen domesticirter Kaninchen. Fünftes Capitel. Domesticirte Tauben. S. 162. Aufzählung und Beschreibung der verschiedenen Rassen. — Individuelle Variabilität. — Variationen merkwürdiger Art. — Osteologische Charactere: Schädel, Unterkiefer, Zahl der Wirbel. — Correlation des Wachsthums: Zunge und Schnabel: Augenlider und Nasenlöcher mit caruncu- lirter Haut. — Anzahl der Schwungfedern und Länge der Flügel. — Färbung und Dunenkleid. — Mit Bindehaut versehene und befiederte Füsse. — Über die Wirkungen des Nichtgebrauchs. — Länge derFüsse in Correlation mit der Länge des Schnabels. — Länge des Sternum, der Scapula und der Furcula. — Länge der Flügel. — Zusammenfassung der Differenzpunkte bei den verschiedenen Rassen. Sechstes Capitel. Tauben (Fortsetzung). S. 222. Uber die ursprüngliche Stammform der domesticirten Rassen. — Lebensweise. — Wilde Rassen der Felstaube. — Haustauben. — Beweise für die Abstammung der verschiedenen Rassen von Columba livia. —  Fruchtbarkeit der Rassen bei Kreuzung. — Rückkehr zum Gefieder der wilden Felstaube. — Umstände, welche die Bildung der Rassen begünstigen. — Alter und Geschichte der hauptsächlichsten Rassen. — Art und Weise

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Inhalt. VII ihrer Bildung. — Zuchtwahl. — Unbewusste Zuchtwahl. — Sorgfalt, mit welcher Liebhaber ihre Yügel zur Nachzucht auswählen. — Unbedeutend abweichende Descendenzreihen verändern sich allmählich zu scharf mar- kirten Rassen. — Aussterben intermediärer Formen. — Gewisse Rassen bleiben unverändert, während andere sich verändern. — Zusammenfassung. Siebentes Capitel. Hühner. S. 278. Kurze Beschreibung der Hauptrassen. — Gründe zu Gunsten ihrer Abstammung von mehreren Arten. — Gründe zu Gunsten der Annahme, dass alle Rassen von Gallus bankiua  ahstammen. — Rückkehr zur Stammform in der Färbung. — Analoge Variation. — Altere Geschichte des Huhns. ■— Äussere Verschiedenheiten zwischen den verschiedenen Rassen. — Eier. — Hühnchen. — Secundäre Geschlechtscharactere. — Flügel- und Schwanzfedern. Stimme, Temperament u. s. w. — Ostenlogische Verschiedenheiten in Schädeln, Wirbeln u. s. f. - Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs gewisser Theile. — Correlation des Wachsthums. Achtes Capitel. Enten. — Gänse. — Pfau. — Truthuhn. — Perlhuhn. — Canarienvogel. — Goldfisch. — Stoek- biene. — Seidenschmetterling. S. 343. Enten,  verschiedene Rassen. — Verlauf der Domestication. — Ursprung der Rassen von der gemeinen Wildente. — Verschiedenheiten der einzelnen Rassen. — Osteologische Verschiedenheiten. — Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgehrauclis auf die Gliedmaassenknochen. Gänse,  seit Alters domesticirt. — Geringes Variiren derselben. — Seba- stopoler Rasse. Pfau,  Ursprung der scliwarzschultrigen Rasse. Truthuhn,  Rassen desselben. — Kreuzung mit der Art in den Vereinigten Staaten. — Wirkungen des Klimas auf dieselben. Perlhuhn, Canarienvogel, Goldfisch, Stockbiene. Seidenschmetterling,  Arten und Rassen desselben. — Von Alters her domesticirt. — Sorgfalt hei ihrer Zuchtwahl. — Verschiedenheiten der Rassen — im Ei, in der Raupe und dem Coeon-Zustande. — Erblichkeit der Charactere. — Unvollkommene Flügel. — Verlorne Instincte. — Correlative Characterc. Neuntes Capitel. Cultivirte Pflanzen; Cerealien und Küchengewächse. S. 380. Einleitende Bemerkungen  über die Zahl und Abstammung cultivirter Pflanzen. •— Erste Schritte in der Cultur. — Geographische Verbreitung der cultivirten Pflanzen. Cerealien. —  Zweifel über die Zahl der Species. — Weizen: Varietäten desselben. — Individuelle Variabilität. — Veränderte Lebensweise. Zuchtwahl. — Alte Geschichte der Varietäten. — Mais: Grosse Variation desselben. — Directe Wirkung des Klima auf denselben.

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VIII Inhalt. Küchengewächse. — Kohl: Varietäten desselben in den Blättern und dein Stamm, aber nicht andern Theilen. — Abstammung. _ Andre Species von IIraftxica. —  Erbsen: Grösse des Variirens in den verschiedenen Sorten, hauptsächlich in den Schoten und Samen. — Einige Varietäten constant, andre sehr variabel. — Kreuzen sich nicht. — Bohnen. — Kartoffeln: Zahlreiche Varietäten derselben. — Verschiedenheiten gering mit Ausnahme der Knollen. — Charactere vererbt. Zehntes Capitel. Pflanzen (Fortsetzung). — Früchte. — Zierbäume. — Blumen. S. 417. Früchte. —  Wein. — Variirt in merkwürdigen und unbedeutenden Eigen- tliümlichkeiten. — Maulbeere. — Die Orangen-Gruppe. — Eigenthüm- liche Resultate der Kreuzung. — Pfirsiche und Nectarinen. — Knospen- Variation. — Analoge Variation. — Verhältniss zur Mandel. — Aprikose. — Pflaumen. — Variation ihrer Kerne. — Kirschen. — Eigenthümliche Varietäten derselben. — Apfel. — Birne. — Erdbeere. — Verschmelzung der ursprünglichen Formen. — Stachelbeere. — Stätige Grössenzunahme der Frucht. — Varietäten derselben. — Walnuss. — Nuss. — Kürbisartige Pflanzen. — Wunderbare Variationen derselben. Zierbäume. —  Ihre Variationen dem Grade und der Art nach. — Esche. — Schottische Kiefer. — Weissdorn. Blumen. —  Vielfältiger Ursprung vieler Sorten. — Variation in constitu- tionellen Eigenthümlichkeiteu. — Art der Variation. — Rosen. — Mehrere Arten cultivirt. — Stiefmütterchen. — Dahlien. — Ilyaciuthe, Geschichte und Variation derselben. Elftes Capitel. Über Knospen-Variation und über gewisse anomale Reproductions- und Variationsarten. S. 476. Knospen-Variation bei dem Pfirsich, der Pflaume, Kirsche, dem Weine, der Stachel-, Johannisbeere und Banane, wie sie sich in der modificirten Frucht zeigt. — Bei Blumen: Camellien, Azaleen, Chrysanthemums, Rosen u. s. w. — Über das Auslaufen der Farben bei Nelken. — Knospen Variation bei Blättern. — Variiren durch Wurzelschösslinge, Knollen und Zwiebeln. — Über das »Brechen« der Tulpen. — Knospen-Variationen gehen allmählich in Veränderungen über, welche Folgen veränderter Lebensbedingungen sind. — Cytisu« Adami,  sein Ursprung und seine Umwandlungen. — Über die Vereinigung zweier verschiedener Embryonen in einem Samen. — Die dreigesichtige Orange.—Über Rückschlag durch Knospen bei Bastarden und Mischlingen. — Über die Erzeugung modi- ficirter Knospen durch Pfropfen einer Varietät oder Species auf eine andere. — Über die directe oder unmittelbare Wirkung fremden Pollens auf die Mutterpflanze. — Über die Wirkungen einer ersten Befruchtung auf die späteren Nachkommen bei weiblichen Thieren. — Schluss und Zusammenfassung.

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Einleitung. Es ist nicht die Absicht des vorliegenden Werkes, alle die vielen Rassen von Thieren, welche vom Menschen domesticirt worden sind, und von Pflanzen, die derselbe cultivirt hat, zu beschreiben. Selbst wenn ich die hierzu erforderliche Kenntniss besässe, wäre ein so gigantisches Unternehmen hier überflüssig. Meine Absicht ist, bei jeder Art nur solche Thatsachen (wie ich sie habe sammeln und beobachten können.) zu geben, welche den Betrag und die Natur der Veränderungen erläutern, die die Thiere und Pflanzen, seitdem sie unter Herrschaft des Menschen stehen, erlitten haben, oder welche sich auf allgemeine Principien der Variation beziehen. Nur in einem Falle, nämlich bei der Haustaube, werde ich alle Hauptrassen, ihre Geschichte, den Betrag und die Natur ihrer Verschiedenheiten und die wahrscheinlichen Schritte, auf welchen sie sich gebildet haben, ausführlich schildern. Ich habe diesen Fall gewählt, weil hier, wie wir später sehen werden, die Materialien besser sind, als irgendwo anders; und ein Fall ausführlich beschrieben illustrirt in der That alle übrigen. Indess werde ich auch domesticirte Kaninchen, Hühner und Enten mit ziemlicher Ausführlichkeit beschreiben. Die in diesem Bande abgehandelten Gegenstände hängen so zusammen, dass es nicht wenig schwierig ist, sich zu entscheiden. wie sie am besten anzuordnen sind; ich habe mich entschieden. im ersten Theile bei den verschiedenen Thieren und Pflanzen eine grosse Anzahl von Thatsachen zu geben, von denen einige auf den ersten Blick vielleicht nur wenig auf unsern Gegenstand sich zu beziehen scheinen, und den zweiten Theil allgemeinen Discussionen zu widmen. Wo ich es für nöthig fand, Darwin,  Erster Theil. 1

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2 Einleitung. zur Unterstützung irgend einer Ansicht oder eines Schlusses zahlreiche Details zu gehen, wurde kleinere Schrift gewählt. Ich denke der Leser wird dies bequem finden, denn wenn er die Folgerungen nicht bezweifelt, oder sich um die Details nicht weiter kümmert, so kann er sie leicht überschlagen. Doch möchte ich mir die Bemerkung erlauben, dass einige der so gedruckten Discussionen wenigstens von Seiten des Faclmalurforschers Aufmerksamkeit verdienen. Vielleicht ist es für die, welche nichts über natürliche Zuchtwahl gelesen haben, von Nutzen, wenn ich hier eine kurze Skizze des ganzen Gegenstandes und seiner Tragweite in Bezug auf deu Ursprung der Arten gebe \  Dies wird um so erwünschter sein, als ich in vorliegendem Werke unmöglich manche Anspielungen auf Fragen vermeiden kann, welche in späteren Banden ausführlich zur Erörterung kommen. Seit unendlich langer Zeit hat der Mensch in allen Theilen der Welt viele Thiere und Pflanzen der Domestication oder Cul- tur unterworfen. Der Mensch hat keine Gewalt, die absoluten Bedingungen des Lebens zu verändern, er kann nicht das Klima irgend eines Landes ändern, er fügt dem Boden keine neuen Elemente zu, er kann aber ein Thier oder eine Pflanze aus einem Klima in ein anderes versetzen und ihnen eine Nahrung geben, von welcher sie in ihrem Naturzustände nicht lebten. Nur irr- thümlich kann man sagen, der Mensch "spiele mit der Natur" und erzeuge Variabilität. Wenn das organische Wesen nicht eine inhärente Neigung zu variiren besessen hätte, der Mensch würde nichts haben thun können 2 . Er setzt unabsichtlich seine Thiere 1  Für den, der aufmerksam meine »Entstehung der Arten« gelesen hat, ist diese Einleitung überflüssig. I)a ich in jenem Werke gesagt habe, ich würde die Thatsachen, auf welche sich die dort gegebenen Schlüsse stützen, bald veröffentlichen, so sei mir hier zu bemerken erlaubt, dass die grosse Verzögerung in der Herausgabe dieses ersten Werks durch lauge andauerndes Unwohlsein verursacht wurde. 2  Po uchet  hat neuerdings behauptet (Plurality of Races; engl. Ubers. 1864, p. 83), dass Variation im Zustande der Domestication kein Licht auf die natürliche Modification der Arten werfe. Ich verstehe nicht, worin die Stärke seiner Argumente oder, richtiger mich auszudrücken, seiner Behauptungen liegen soll.

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Natürliche Zuchtwahl. 3 mul Pflanzen verschiedenen Lebensbedingungen aus, und die Variabilität erscheint, die er nicht einmal verhindern oder enthalten kann. Man braucht nur einfach eine Pflanze zu beobachten, die während längerer Zeit in ihrem Heiinathlande cultivirt und die folglich keinem Wechsel des Klimas ausgesetzl worden ist. Sie wurde in einem gewissen Grade gegen die concurrirenden Wurzeln anderer Pflanzenarten geschützt: sie wurde meist in gedüngtem Boden erzogen, der aber wahrscheinlich nicht reicher war, als der mancher Alluvialebene, und endlich wurde sie Veränderungen in ihren äusseren Verhältnissen ausgesetzt, insofern sie manchmal in dem einen, manchmal in dem andern District in verschiedenen Bodenarten wuchs. Man kann kaum eine Pflanze namhaft machen, welche unter solchen Verhältnissen, selbst in der rohsten Art cultivirt, nicht mehrere Varietäten hätte entstehen hissen. Es kann kaum behauptet werden, dass solche Pflanzen während der mancherlei Veränderungen, die die Erdoberfläche erlitten hat, und während der natürlichen Wanderungen der Pflanzen, von einem Lande oder einer Insel zu anderen von verschiedenen Arten bevölkerten Theilen der Erde, nicht oft Veränderungen in ihren Lebensbedingungen ausgesetzt gewesen seien, denen analog, welche fast unvermeidlich die cultivirten Pflanzen zum Variircn veranlassen. Ohne Zweifel wählt der Mensch beim Züchten variirende Individuen aus, sät deren Samen und wählt wiederum deren variirende Nachkommen. Aber die ursprüngliche Variation, mit denen der Mensch arbeitet und ohne die er nichts thun kann, wird durch unbedeutende Veränderungen in den Lebensbedingungen verursacht, die oft im Naturzustände vorgekommen sein müssen. Man kann daher sagen, dass der Mensch ein Experiment im riesigen Massstabe versucht habe, und zwar ist dies ein Experiment, welches auch die Natur selbst während des langen Verlaufs der Zeit unablässig versucht hat. Hieraus folgt, dass die Grundsätze der Domestication bedeutungsvoll für uns sind. Das hauptsächlichste Resultat ist, dass so behandelte organische Wesen beträchtlich variirt haben und dass die Variationen vererbt worden sind. Allem Anscheine nach ist dies eine der wichtigsten Ursachen der schon lange von einigen

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4 Einleitung. welligen Naturforschern gehegten Ansicht, dass Arten im Naturzustände der Veränderung unterliegen. Ich werde im vorliegenden Bande so ausführlich, als es meine Materialien erlauben, das ganze Capitel der Variation im Zustande der Domestication erörtern. Wir können hoffen, auf diese Weise irgend ein wenn auch schwaches Licht zu erlangen über die Ursachen der Variabilität, über die Gesetze, welche sie beherrschen, wie die directe Wirkung von Klima und Nahrung, die Wirkungen von Gebrauch und Nichtgebrauch und von Correlation des Wachsthums, und über den Betrag der Veränderungen, denen domesticirte Organismen ausgesetzt sind. Wir werden etwas von den Gesetzen der Vererbung, von den Wirkungen der Kreuzung verschiedener Rassen und von jener Unfruchtbarkeit erfahren, welche oft auftritt, wenn organische Wesen aus ihren natürlichen Lebensbedingungen entfernt und in gleicher Weise, wenn sic einer zu strengen Inzucht ausgesetzt werden. Im Verlauf dieser Untersuchung wird sich zeigen, dass das Princip der Zuchtwahl von ausserordentlicher Bedeutung ist. Wenn der Mensch auch Variabilität nicht verursachen und sie nicht einmal verhindern kann, so kann er doch die ihm von der Natur gebotenen Variationen auswählen, erhalten und häufen, auf welche Weise er nur immer will, und so kann er sicher ein bedeutendes Resultat erzielen. Zuchtwahl kann entweder methodisch und absichtlich, oder unbewusst und unabsichtlich ausgeführt werden. Der Mensch kann jede auf einander folgende Variation in der entschiedenen Absicht, die Brut zu verbessern und zu verändern, und zwar in Übereinstimmung mit einer vorher gefassten Idee, zur Zucht auswählen und erhalten; und dadurch, dass er auf diese Weise Variationen, die oft so unbedeutend sind, dass sie ein unerzogenes Auge kaum bemerkt, anhäuft, hat er wunderbare Veränderungen und Verbesserungen bewirkt. Man kann auch deutlich nachwei- sen, dass der Mensch ohne irgend welche Absicht oder den Gedanken, die Brut zu verbessern, nur dadurch, dass er in jeder folgenden Generation die Individuen, die er am höchsten schätzt, erhält und die werthlosen Individuen zerstört, zwar langsam aber sicher grosse Veränderungen herbeifuhrt. Da hierbei der Wille

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Natürliche Zuchtwahl. 0 des Menschen ins Spiel kommt, so lasst sich verstehen, woher es kommt, dass domesticirle Rassen sich seinen Bedürfnissen und Liebhabereien anpassen. Wir können ferner einseben, woher es kommt, dass doinesticirte Rassen von Thieren und cultivirte Rassen von Pflanzen mit den natürlichen Arten verglichen, oft einen abnormen Character darbieten: denn sie sind nicht zu ihrem eigenen Nutzen, sondern zu dem des Menschen modificirt worden. In einem zweiten Werke werde ich die Variabilität organischer Wesen im Naturzustände erörtern: d. h. die individuellen Verschiedenheiten, welche Thiere und Pflanzen darbieten, und jene unbedeutend grösseren und meist vererbten Verschiedenheiten, welche von Naturforschern als Varietäten oder geographische Rassen aufgezählt werden. Wir werden sehen, wie schwierig oder vielmehr wie unmöglich es oft ist, zwischen Rassen und Subspecies, wie mau die weniger scharf ausgeprägten Formen zuweilen benannt hat, zu unterscheiden; ebenso zwischen Subspecies und wahren Species. Ich werde ferner zu zeigen versuchen, dass die gemeinen und weit verbreiteten oder, wie man sie nennen kann, die herrschenden Arten am häufigsten variircn und dass die grossen und blühenden Genera die grösste Zahl variirender Species enthalten. Varietäten können, wie wir sehen werden, mit Recht beginnende Arten genannt werden. Aber zugegeben, dass organische Wesen im Naturzustände Varietäten darbieten, dass ihre Organisation in irgend einem geringen Grade plastisch ist, dass viele Thiere und Pflanzen bei der Domestication bedeutend variirt haben, und dass der Mensch durch sein Vermögen der Zuchtwahl beständig solche Veränderungen angehäuft hat, bis sich stark markirte und streng erbliche Rassen gebildet haben, — alles dies zugegeben, wie sind, kann man fragen, Arten im natürlichen Zustande entstanden ? Die Verschiedenheiten zwischen natürlichen Varietäten sind unbedeutend, während die Verschiedenheiten zwischen den Arten derselben Gattung beträchtlich und zwischen den Arten verschiedener Gat- tungen noch grösser sind. Auf welche Weise werden diese kleineren Verschiedenheiten zu grösseren? Auf welche Weise werden Varietäten oder wie ich sie genannt habe, beginnende Arten,

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6 Einleitung. in wirkliche und gut bestimmte Arten verwandelt? Auf welche Weise ist jede neue Art den umgebenden physikalischen Bedingungen und den andern Lebensformen, von wehdien sie in irgend welcher Weise abhangt, angepasst worden? Wir sehen rings um uns her zahllose Anpassungen und Beziehungen, welche mit Recht bei allen Beobachtern die grösste Bewunderung erregt haben. So gibt es z. B. eine Fliege (Ceciilomyia), 3  welche ihre Eier in die Staubfäden einer Scrophularia  legt und dabei ein Gift absondert, welches eine Galle producirt, von der die Larve sich nährt. Nun legt aber ein andres Insect t Misocampus ) seine Eier in den Körper der Larven innerhalb der Galle und wird so von seiner lebenden Beute ernährt. So hängt hier ein Hymenopter von einem Dipter und dieses von dem Vermögen ab, in einem besonderen Organ einer besonderen Pllanze ein monströses Wachs- Ihum zu erzeugen. Ähnliches ist in mehr oder weniger klar ausgesprochener Weise lausend und zehntausendmal der Fall, sowohl bei den niedrigsten, als bei den höchsten Erzeugnissen der Natur. Dieses Problem der Verwandlung von Varietäten in Arten, d. h. die Vergrösserung der kleinen für Varietäten clmracteristi- sclicn Verschiedenheiten in die grösseren, welche Arten und Gattungen characterisiren, worin auch die wunderbaren Anpassungen jedes Wesens an seine complieirten organischen und unorganischen Lebensbedingungen eingeschlossen sind, wird den hauptsächlichsten Gegenstand meines zweiten Werkes bilden. Wir werden dabei sehen, dass alle organischen Wesen ohne Ausnahme in einem so hohen Verhältniss zuzunehmen streben, dass kein Bezirk, kein Standort, nicht einmal die ganze Oberfläche des Landes oder des ganzen Oceans die Nachkommen eines einzigen Paares nach einer bestimmten Zahl von Generationen zu fassen im Stande wäre. Das unvermeidliche Resultat ist ein immer wiederkehrender Kampf um das Dasein. Man hat sehr richtig gesagt, dass die ganze Natur sieh im Kriege befinde: der Stärkste siegt endlich, der Schwache unterliegt und wir wissen, dass >ly- 3  Leon Dufour, in den Annales des Sciene. uatur. 3. Ser. Zool. T. r>, p. C.

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Natürliche Zuchtwahl. rinden von Formen von der Oberfläche der Erde verschwunden sind. Wenn daher organische Wesen im Zustande der Natur auch nur in einem geringen Grade variiren. was von den Veränderungen in den umgebenden Bedingungen abhängt ( wofür wir zahlreiche geologische Beweise besitzen), oder von irgend einer andern Ursache. — wenn im weiten Verlauf der Jahrhunderte übei' je erbliche Variationen entstehen, die in irgend einer Weise irgend einem Wesen in seinen so unendlich eomplieirten und wechselnden Lebensbeziehungen von Nutzen sind (und es würde ja eine merkwürdige Thatsaehe sein, wenn derartige wohl- thätige Variationen nie entstehen sollten, da wir ja sahen, wie viele entstanden sind, aus denen der Mensch zu seinem eigenen Nutzen oder Vergnügen Vortheil gezogen hat), — wenn also diese Eventualitäten je eintreten, und ich sehe nicht ein, wie die Wahrscheinlichkeit ihres Eintrittes bezweifelt werden kann, dann wird der heftige und immer wiederkehrende Kampf um das Dasein entscheiden, dass diejenigen Variationen, welche, wenn auch nur im geringen Grade günstig sind, erhalten oder zur Nachzucht ausgewählt und diejenigen, welche ungünstig sind, zerstört werden. Dass während des Kampfes um das Dasein diejenigen Varietäten erhalten werden, welche irgend einen Vortheil in ihrer Slruetur, Constitution oder ihrem Instinkt darbieten, habe ich natürliche Zuchtwahl genannt und Herbert Spencer  hat für dieselbe Idee den ganz guten Ausdruck "Überleben des Passendsten." Der Ausdruck "natürliche Zuchtwahl" ist in mancher Beziehung nicht gut, da er eine bewusste Wahl einzuschliessen scheint. Davon wird man aber nach kurzer Gewöhnung absehen. Niemand wirft dem Chemiker vor, dass er von Wahlverwandtschaften spricht, und es hat doch sicher eine Säure nicht mehr Wahl wenn sie sich mit einer Basis verbindet, als die Lebensbedingungen haben, wenn sie bestimmen, ob eine neue Form zur Zuchtwahl ausgewählt und bewahrt werden soll oder nicht. Der Ausdruck ist insofern ein guter, als er die Erzeugung domesti- cirter Rassen durch das Vermögen des Menschen zur Zuchtwahl mit der natürlichen Erhaltung von Varietäten und Arten im Naturzustände in Zusammenhang bringt. Der Kürze wegen spreche

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8 Einleitung. ich zuweilen von natürlicher Zuchtwahl, wie von einem intelligenten Vermögen, in derselben Weise wie die Astronomen von der Gravitation sprechen, welche die Bewegungen der Planeten dirigire, oder wie Landwirthe davon sprechen, dass der Mensch die Hausthierrassen durch sein Zuchtwahlvermögen hcrvorbrino-e. In dem einen, wie in dem andern Falle ist durch die Zuchtwahl nichts ohne die Variabilität zu erreichen, und dies hängt in irgend einer Weise von der Einwirkung der umgebenden Verhältnisse auf den Organismus ab. Ich habe auch oft das Wort Natur personificirt; denn es ist, wie ich gefunden habe, schwer, diese Zweideutigkeit ganz zu vermeiden. Ich verstehe aber unter Natur nur die zusammengesetzte Wirkung und das Product vieler natürlicher Gesetze und unter Gesetz nur die ermittelte Aufeinanderfolge von Erscheinungen. In dem der natürlichen Zuchtwahl gewidmeten Capitol werde ich nach Versuchen und nach zahlreichen Thatsachen zeigen, dass die grösste Summe von Leben auf einer bestimmten Fläche durch grosse Verschiedenheit oder Divergenz in der Structur und Constitution seiner Bewohner zu erreichen ist. Wir werden auch sehen, dass die fortgesetzte Erzeugung neuer Formen durch natürliche Zuchtwahl, wonach jede neue Varietät irgend welchen Vortheil über andere erhält, fast unvermeidlich zum Aussterben älterer und wenig verbesserter Formen führt. Diese letzteren sind beinahe notliwendig sowohl der Structur als der Abstammung nach intermediär zwischen den letzt erzeugten und deren ursprünglichen Stammformen. Wenn wir nun annehmen, eine Species erzeuge zwei oder mehrere Varietäten und diese im Laufe der Zeit wieder andere, so wird der Grundsatz, dass die Divergenz der Structur von Nutzen sei, allgemein zur Erhaltung der divergentesten Varietäten führen. Es werden auf diese Weise die für die Varietäten characteristischen Verschiedenheiten zu grösseren, Species characterisirenden Differenzen werden und in Folge des Aussterbens älterer, mittlerer Formen werden neue Arten deutlich definirbare Gegenstände. Wir sehen ferner auf diese Weise, woher es kommt, dass organische Wesen nach der sogenannten natürlichen Methode in distincte Gruppen clnssifieirt

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Natürliche Zuchtwahl. 9 werden können, Species unter Genera und Genera unter Familien. Da alle Bewohner einer Gegend, in Folge des hohen Verhältnisses der Reproduction, der Zahl nach als im Zunehmen begriffen bezeichnet werden können, da eine jede Form zu vielen andern im Kampfe um das Dasein in Beziehung steht, denn zerstört man eine, so wird deren Stelle von anderen ergriffen werden, da jeder Theil der Organisation gelegentlich in irgend einem unbedeutenden Grade variirt und da die natürliche Zuchtwahl ausschliesslich durch die Erhaltung von Variationen wirkt, welche unter den unendlich complicirten Bedingungen, denen jedes Wesen ausgesetzt ist, vortheilhaft sind, so gibt es keine Grenze für die Zahl, Eigenthümliohkeit und Vollendung der Beziehungen und Anpassungen, welche auf diese Weise erzeugt werden können. Ein Thier oder eine Pflanze kann so ihrer Structur oder Lebensweise nach in der verwinkeltsten Art mit vielen andern Thicren und Pflanzen und den physikalischen Bedingungen ihrer Heimath in Beziehung treten. Variationen des Baues werden in manchen Fällen durch die Lebensweise oder durch den Gebrauch oder Nichtgebrauch von Theilen unterstützt, und werden durch directe Einwirkung der umgehenden physikalischen Bedingungen und durch die Correlation des Wachsthums geleitet. Nach den hier kurz skizzirten Grundsätzen haben die organischen Wesen keine eingeborne oder nothwendige Neigung zu einem Fortschritt in der Stufenleiter der Organisation. Wir sind fast gezwungen, die Specialisation oder Differenzirung von Theilen oder Organen für verschiedene Functionen als den besten oder selbst einzigen Maassstab des Fortschrittes zu betrachten; denn durch eine derartige Arbeitstheilung wird jede körperliche und geistige Function besser ausgeführt; und da die natürliche Zuchtwahl ausschliesslich durch die Erhaltung vortheilhafter Mo- dificationen des Baues wirkt, und da die Lebensbedingungen auf jedem Gebiet allgemein in Folge der zunehmenden Anzahl verschiedener dasselbe bewohnender Formen und in Folge davon, dass die meisten dieser Formen eine mehr und mehr vollendete Structur erhalten, immer und immer complicirter werden, so kon-

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10 Einleitung. nen wir ruhig annehmen, dass im Ganzen die Organisation l'ort- schreitet. Nichtsdestoweniger kann eine sehr einfache, für sehr einfache Lehensbedingungen passende Form unendliche Zeiträume hindurch unverändert und unverbessert bestehen bleiben: denn was würde es z. B. einem Infusorium oder einem Eingeweidewurm nützen, hoch organisirt zu sein? Glieder einer höheren Gruppe können seihst, und dies ist offenbar vorgekommen. für einfachere Lehensbedingungen geschickter gemacht werden, und in diesem Falle strebt die natürliche Zuchtwahl dahin, die Organisation zu vereinfachen oder niedriger zu machen. Denn ein coinplicirter Mechanismus für einfache Wirkungen würde nutzlos und selbst unvortheilhaft sein. Wenn ich von dem Variiren der Organismen im Naturzustände, von dem Kampfe um das Dasein und dem Grundsatz der natürlichen Zuchtwahl gehandelt haben werde, werde ich in einem zweiten Werke die Schwierigkeiten erörtern, die sich meiner Theorie entgegenstellen. Diese Schwierigkeiten lassen sich in folgende Gruppen ordnen: die für manche Fälle scheinbare Unmöglichkeit, dass ein sehr einfaches Organ durch langsame Stufen in ein hoch vollendetes Organ übergehe: die wunderbare Thalsache des Instincts: die ganze Frage der Hybridität und endlich das Fehlen zahlloser, alle verwandten Species verbindender Glieder, sowohl in der Jetztzeit, als in den geologischen Formationen. Obgleich manche dieser Bedenken von grossem Gewicht sind, werden wir doch sehen, dass viele von ihnen nach der Theorie der natürlichen Zuchtwahl erklärbar, dagegen auf andere Weise unerklärbar sind. Bei wissenschaftlichen Untersuchungen ist es erlaubt, irgend eine Hypothese zu erfinden und wenn sie verschiedene grosse und von einander unabhängige Classen von Thatsaehen erklärt, so erhebt sie sich zum W'erthe einer wohlbegründeten Theorie. Die Undulationen des Äthers und selbst dessen Existenz sind hypothetisch: und doch nimmt jetzt Jedermann die Undulations- theorie des Lichtes an. Das Priucip der natürlichen Zuchtwahl kann man als eine blosse Hypothese betrachten, doch wird sie einigermassen wahrscheinlich gemacht durch das, was wir von

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Natürliche Zuchtwahl. II der Variabilität organischer Wesen im Naturzustände, von dem Kample um das Dasein und der davon abhängigen unvermeidlichen Erhaltung günstiger Variationen positiv wissen und durch die analoge Bildung domesticirter Bassen. Diese Hypothese kann nun geprüft werden und dies scheint mir die einzig (lassende und gerechte Art, die ganze Frage zu betrachten, ihm muss untersuchen, ob sie mehrere grosse und von einander unabhängige Classen von Thalsachen erklärt, wie die geologische Aufeinanderfolge organischer Wesen, ihre Verbreitung in der Vor- und Jetztzeit und ihre gegenseitigen Verwandtschaften und Homologien. Erklärt das Princip der natürlichen Zuchtwahl diese und andere grosse Reihen von Thatsaehen, so sollte man sie annehmen. Aus der gewöhnlichen Ansicht. dass jede Species unabhängig erschallen norden sei, erhalten wir keine wissenschaftliche Erklärung irgend einer dieser Thatsaehen. Wir können nur sagen, dass es dem Schöpfer gefallen hat, die früheren und gegenwärtigen Bewohner der Welt in gewisser Ordnung und auf gewissen Gebieten erscheinen zu lassen, dass er ihnen die ausser- ordentliehste Ähnlichkeit aufgeprägt hat und dass er sie in Gruppen getheilt hat, die anderen Gruppen subordinirt sind. Aber durch derartige Angaben erlangen wir keine neuen Erkenntnisse, wir bringen keine Thatsaehen und Gesetze mit einander in Zusammenhang, wir erklären nichts. ln einem dritten Werke werde ich das Princip der natürlichen Zuchtwahl prüfen und zwar dadurch, dass ich untersuche, in wie weit dasselbe eine Erklärung der eben angeführten Thatsaehen gibt. Gerade die Betrachtung dieser Thatsaehen führte mich zuerst dazu, den Gegenstand aufzunehmen. Als ich während der Fahrt des Beagle den Galapagos-Archipcl, der im stillen Ocean ungefähr 500 engl. Meilen von der Küste von Südamerika entfernt liegt, besuchte, sah ich mich von eigenthiimlichen Arten von Vögeln, Reptilien und Pflanzen umgeben, die sonst nirgends in der Welt existiren. Doch tragen sie fast alle ein amerikanisches Gepräge an sich. Im Gesang der Spottdrossel, in dem scharfen Geschrei des Aasgeiers, in den grossen leuchterähnlichen Opuntien, bemerkte ich deutlich die Nachbarschaft mit Amerika:

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12 Einleitung. und doch waren diese Inseln durch so viele Heilen Ocean vom Festlande getrennt und wichen in ihrer geologischen Constitution und ihrem Klima weit von ihm ab. Noch überraschender war die Thatsaehe, dass die meisten Bewohner jeder einzelnen Insel dieses kleinen Archipels speeifisch verschieden waren, wenn auch unter einander nahe verwandt. Der Archipel schien mit seinen zahllosen Kratern und öden Lavaströmen neueren Ursprungs zu sein und ich glaubte selbst dem Schöpfungsacte nahegerückt zu sein. Ich habe mich oft gefragt, wie diese vielen eigentlüim- lichen Pflanzen und Thiere entstanden sind. Die einfachste Antwort schien zu sein, dass die Einwohner der verschiedenen Inseln von einander abstammten und im Verlauf ihrer Abstammung Modificationen erlitten hatten, und dass alle Einwohner des Archipels von denen des nächsten Festlandes, nämlich Amerika, von wo aus die Colonisation natürlich herzuleiten wäre, abstammten. Es blieb mir aber lange ein unerklärliches Problem, wie der nolliwendige Modifiealionsgrad erreicht worden sein konnte, und es wäre lange so geblieben, hätte ich nicht die Erzeugnisse der Domestication sludirt und mir auf diese Weise eine richtige Vorstellung der Wirkung der Zuchtwahl verschafft. Sobald ich diese Idee völlig in mir aufgenominell hatte, sah ich beim Lesen von Malthus'  Werk über die Bevölkerung, dass natürliche Zuchtwahl das unvermeidliche Resultat der rapiden Zunahme aller organischen Wesen war; denn den Kampf um das Dasein zu würdigen, war ich durch langes Studium der Lebensweise der Thiere vorbereitet. Ehe ich die Galapagos besuchte, hatte ich auf der Reise von Nord nach Süd auf beiden Seiten von Amerika viele Thiere gesammelt: und überall, unter Lebensbedingungen, die so verschieden als nur möglich waren, waren mir amerikanische Formen entgegengetreten; Arten ersetzten Arten derselben eigenthümlichen Genera. So zeigte es sich beim Besteigen der Cordilleren, beim Eindringen in die dichten tropischen Wälder, bei der Untersuchung der Süssw'asser Amerikas. Später besuchte ich andere Gegenden, welche in allen Lebensbedingungen einzelnen Theilen von Südamerika unvergleichlich ähnlicher waren, als die ver-

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Natürliche Zuchtwahl, 13 schiedenen Tlieile dieses Continentes es unter einander waren; und doch muss in diesen Ländern, wie in Australien oder Südafrika, die völlige Verschiedenheit ihrer Erzeugnisse dem Reisenden au Hallen. So drängte sich mir von Neuem der Gedanke auf, dass Gemeinsamkeit der Abstammung von den früheren Einwohnern oder Colonisten Südamerika^ allein das so verbreitete Vorherrschen amerikanischer Typen durch jenes ganze grosse Gebiet erklären könne. Gräbt man mit seiner eigenen Hand die Knochen ausgestorbener gigantischer Säugethiere aus, so tritt die ganze Frage der Aufeinanderfolge der Arten lebendig vor die Seele. Ich hatte in Südamerika grosse Stücke eines getäfelten Panzers gefunden, welche dem des zwerghaften Armadillo vollständig gleich, nur in einem sehr grossen Maassstabe, waren; ich hatte grosse Zähne gefunden, denen des lebenden Faulthieres gleich und Knochen, denen des Meerschweinchens ähnlich; eine analoge Aufeinanderfolge verwandter Formen war früher in Australien beobachtet worden. Hier sehen wir denn das Vorherrschen derselben Typen in denselben Gebieten in Zeit und Raum und zwar als wäre es in Folge von Abstammung, und in keinem von beiden Fällen scheint die Ähnlichkeit der Eedingungen in irgend einer Weise die Ähnlichkeit der Lebensformen genügend zu erklären. Es ist notorisch, dass die fossilen Reste dicht aufeinanderfolgender Formationen im Rau eng verwandt sind und wir verstehen die Thatsache sofort, wenn sie in gleicher Weise durch Abstammung eng verwandt sind. Uie Aufeinanderfolge der vielen dislincten Arten derselben Gattung durch die lange Reihe geologischer Formationen scheint ununterbrochen oder continuirlich gewesen zu sein. Neue Arten treten allmählich, eine nach der andern auf. Alte und ausgestorbene Lebensformen zeigen oft combinirte oder mittlere Charactere, wie es die Wörter einer todten Sprache in Bezug auf ihre verschiedenen Zweige oder lebenden Sprachen thiin. Alles dies und andere solche Tliat- saehen schienen mir auf die Abstammung mit Modificationen als die Methode hinzuweisen, nach welcher neue Gruppen von Arten erzeugt worden sind.

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14 Einleitung. I»io zahllosen vergangenen und gegenwärtigen Bewohner rer Welt hängen unter einander durch die eigenthiindichsten und steil Affinitäten zusammen und können in dorselkni Weise wie Varietäten unter Arten und Subvarieläten unter Varietäten nur mit viel höheren Differenzgraden in Gruppen classi- ficirt werden, die anderen Gruppen subordinirt sind. In meinem dritten Werke wird sich zeigen, dass diese complicirten Verwandtschaftsbeziehungen und die Regeln für die Classification nach dem Grundsatz der Abstammung eine rationelle Erklärung erhalten, und zwar einer Abstammung, welche einerseits Modifica- tionen (durch natürliche Zuchtwahl erlangt) und andererseits Divergenz des Characters und Aussterben von mittleren Formen mit sich führt. Wie unerklärlich ist der ähnliche Bau der Hand des Menschen, des Fusses des Hundes, des Flügels einer Fledermaus, des Ruders einer Robbe nach der Lehre unabhängiger Schöpfungsacte, und wie einfach erklärbar nach dein Grundsatz der natürlichen Zuchtwahl kleiner auffolgender Variationen an den auseinandergehenden Nachkommen eines einzelnen Erzeugers. Dasselbe ist der F'all (um die Structur eines individuellen Thieres oder einer Pflanze einmal zu betrachten), wenn wir die vorderen und hinteren Extremitäten, den Schädel und die Wirbel, die Kiefer und Beine einer Krabbe, die Blüthenblätter, die Staubfäden und Pistille einer Bliithe nach demselben Typus oder Muster gebaut sehen. Während der vielen Veränderungen, denen im Laufe der Zeit alle organischen Wesen ausgesetzt gewesen sind, wurden gewisse Tlieile zuerst von geringerem Nutzen und endlich überflüssig. Und die Beibehaltung solcher Tlieile in einem rudimentären und völlig nutzlosen Zustande lässt sich nach der Abstammungstheorie einfach verstehen. Nach dem Grundsatz, dass Modificationen beim Kinde in demselben Alter vererbt werden, bei welchen jede aufeinander folgende Variation zuerst im Erzeuger erschien, lässt sich einsehen, warum rudimentäre Tlieile und Organe im Allgemeinen in einem sehr frühen Alter der Individuen ganz gut entwickelt sind. Nach demselben Princip der Vererbung in correspondirenden Altern und nach dem Grundsatz, dass Variationen allgemein nicht zu einer sehr frühen Periode

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Natürliche Zuchtwahl. 15 des embryonalen Waclisthmns einlrelen (und diese beiden Gruml- siilzt! lassen sielt nach direoten Zeugnissen als wahrscheinlich erweisen ), wird jene weitaus wunderbarste Thatsache int ganzen Bereich der Naturgeschichte, nämlich die Ähnlichkeit der Glieder derselben Classe in ihren Enihryonalznständen, z. 13. der Embryonen eines Säugelhieres, Vogels, Reptils und Fisches, die kaum von einander zu unterscheiden sind, — einfach verständlich. Die Betrachtung und Erklärung derartiger Thatsachen, wie die vorstehenden, haben mich überzeugt, dass die Theorie der Abstammung mit Modificationen mittels natürlicher Zuchtwahl im Ganzen richtig ist. Diese Thatsachen haben bisher nach der Theorie unabhängiger Schöpfungen keine Erklärung gefunden. Sie können nicht unter einen Gesichtspunct vereinigt werden, sondern jede ist als eine letzte Thatsache zu betrachten. Da der erste Ursprung des Lebens auf dieser Erde ebensowohl wie die Fortsetzung des Lebens jedes Individuums für jetzt ausserhalb des Bereiches der Wissenschaft liegt, so möchte ich nicht viel Gewicht auf die grössere Einfachheit der Ansicht legen, wonach wenig Formen oder nur eine Form ursprünglich erschaffen ist, im Gegensatz zu der, welche zahllose wunderbare Schöpfungen in zahlloser Wiederholung noting macht. Doch ist jene einfachere Ansicht in grösserer Übereinstimmung mit Mauper- luis' philosophischem Grundsatz der kleinsten Wirkung. In Betracht dessen, wie weit die Theorie der natürlichen Zuchtwahl ausgedehnt werden kann d. h. bei der Bestimmung der Zahl der Urformen, von denen die Bewohner dieser Well abstammen, können wir zu dem Schluss kommen, dass wenigstens alle Glieder derselben Classe von einem einzelnen Vorfahren abgestammt sind. Man schliesst eine Zahl organischer Wesen in dieselbe Classe ein, weil sie unabhängig von ihren Lebensweisen denselben fundamentalen Typus des Baues darbielen und weil sie allmählich in einander übergehen. Ausserdem lässt sich zeigen, dass Glieder derselben Classe in den meisten Fällen auf früheren embryonalen Stufen einander sehr ähnlich sind. Diese Thalsachen lassen sich nach der Ansicht ihrer Abstammung von

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16 Einleitung. einer gemeinsamen Form erklären. Man kann daher ruhig annehmen, dass alle Glieder derselben Classe von einem Urerzeu- ger abstammen. Da aber die Glieder völlig verschiedener Classen etwas Gemeinsames im Bau und vieles Gemeinsame in der Constitution haben, so führt die Analogie und die Einfachheit der ganzen Ansicht noch einen Schritt weiter und lässt es als wahrscheinlich erscheinen, dass alle lebenden Wesen von einem einzigen Prototyp abstammen. Ich hoffe, der Leser wartet noch, ehe er zu einem endgültigen und etwa feindseligen Schluss über die Theorie der natürlichen Zuchtwahl gelangt. Die später zu gebenden Thatsachen und Gesichtspuncte haben mich von der Wahrheit der Theorie überzeugt. Der Leser kann meine "Entstehung der Arten" als eine allgemeine Skizze des ganzen Gegenstandes zu Rathe ziehen. In jenem Werke hat er aber viele Angaben auf Treu und Glauben zu nehmen. Ueberlegt er sich die Theorie der natürlichen Zuchtwahl, so werden ihm sicher gewichtige Bedenken entgegentreten. Diese Bedenken beziehen sich aber hauptsächlich auf Gegenstände, wie auf den Grad von Vollständigkeit der geologischen Urkunden, die Verbreitungsmittel, die Möglichkeit von Übergängen bei Organismen etc,, über welche wir eingestandenermassen nichts wissen. Wir wissen nicht einmal wie unwissend wir sind. Sind wir viel unwissender, als gewöhnlich angenommen wird, so verschwinden viele dieser Bedenken vollständig. Der Leser mag sich nur daran erinnern, wie schwierig es ist, ganze Classen von Thatsachen von einem neuen Gesichtspunkte aus zu betrachten. Er mag beachten, wie langsam aber sicher die Ansichten Lyell's, nach welchen die allmählich jetzt auf der Erdoberfläche vor sich gehenden Veränderungen einen hinreichenden Erklärungsgrund darbieten für alles das, was wir in deren früherer Geschichte finden, angenommen worden sind. Die gegenwärtige Wirkung der natürlichen Zuchtwahl mag mehr oder weniger wahrscheinlich erscheinen; ich glaube aber an die Wahrheit der Theorie, weil sie viele scheinbar unabhängige Classen von Thatsachen unter

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Natürliche Zuchtwahl. 17 einem Gesichtspunkte vereinigt und eine vernünftige Erklärung von ihnen gieht 4 . 1  Bei de Bearbeitung der in den vorliegenden und den folgenden Werken behandelten Gegenstände bin ich beständig dazu veranlasst gewesen, viele Zoologen, Botaniker, Geologen, Thier- und Pflanzenzüchter um Rath zu fragen und habe stets und überall die liberalste Unterstützung gefunden. Ohne eine solche Hülfe hätte ich nur wenig ausrichteu können. Wiederholt habe ich mich um Rath und um Exemplare an Ausländer und an in entlegenen Ländern wohnende englische Kaufleute und Regierungsbeamte gewandt und habe mit den seltensten Ausnahmen offene Hände gefunden und prompte, werthvolle Unterstützung erhalten. Ich kann nicht sagen, wie tief ich den vielen Personen verbunden bin, die mir beigestanden sind und welche, wie ich überzeugt bin, gleich bereit sind, Andern bei irgend welchen wissenschaftlichen Untersuchungen beizustehen. Darwin,  Krater Tlieil 2

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festes GapxfeL Haushunde und Katzen. Alte Hundevarietäten. — Ähnlichkeit der Haushunde in verschiedenen Ländern mit eingebornen Caniden. — Thiere, welche den Menschen nicht kennen, fürchten sich anfangs nicht. — Hunde ähneln Wölfen und Schakalen. — Die Gewohnheit zu bellen erlangt und verloren. ■— Verwilderte Hunde. — Braunrothe Augenflecke. — Trächtigkeitsdauer. — Widerlicher Geruch. — Fruchtbarkeit der Rassen bei der Kreuzung. — Die Verschiedenheiten der einzelnen Rassen zum Theil abhängig von der Abstammung von distincten Arten. — Verschiedenheiten am Schädel und an den Zähnen. ■— Verschiedenheiten des Körpers und der Constitution. — Wenige Verschiedenheiten von Bedeutung sind durch Zuchtwahl fixirt worden. — Directe Wirkung des Klimas. — Wasserhuude mit Schwimmfüssen. — Geschichte der Veränderungen, welche gewisse englische Hunderassen allmählich durch Zuchtwahl erlitten haben. — Aussterben der weniger veredelten Unterrassen. — Katzen,  mit mehreren Arten gekreuzt. — Verschiedene Zuditrassen finden sich nur in getrennten Ländern. — Directe Wirkungen der Lebensbedingungen. - Verwilderte Katzen. — Individuelle Variabilität. Der erste und hauptsächlichste Punkt von Interesse in diesem Capitel ist, ob die zahlreichen doinesticirten Varietäten des Hundes von einer einzigen oder von mehreren wilden Arten abstammen. Einige Zoologen glauben, dass alle vom Wolf oder dem Schakal oder einer unbekannten und ausgestorbenen Art abstammen: andere wiederum glauben, und dies ist neuerdings Mode geworden, dass sie von mehreren ausgestorbenen sowohl, als jetzt lebenden Arten abstammen, die sich mehr oder weniger mit einander vermischt haben. Wir werden wahrscheinlich niemals im Stande sein, ihren Ursprung mit Sicherheit zu bestimmen; die Paläontologie 1  wirft nicht viel Licht auf diese Frage. 1 Owen,  British Fossil Mammals, p. 123—133. Pictet, Traite de Paleontologie 1853. T. 1 , p. 202. De Blainville  hat in seiner Osteo-

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1. Cap. Abstammung der Hunde. 19 Dies hängt auf der einen Seite von der grossen Ähnlichkeit der Schädel, sowohl der ausgestorbenen als der lebenden Wolfe und Schakale, auf der andern Seite von der grossen Unähnlichkeit der Schädel der verschiedenen Rassen doincsticirter Hunde ab. Man scheint aber in den neueren Tertiärlagern Überreste gefunden zu haben, die mehr einem grossen Hunde, als einem Wolfe angehören dürften, und dies unterstützt die Ansicht Blain- vi lie's, dass unsere Hunde die Nachkommen einer einzigen ausgestorbenen Art sind. Auf der andern Seite gehen einige Autoren so weit, zu behaupten, dass jede Haupt-Rasse ihren wilden Stammvater gehabt haben müsse. Diese letztere Ansicht ist ausserordentlich unwahrscheinlich; sie lässt der Variation keinen Spielraum, lässt den fast monströsen Character einiger Zuchten unberücksichtigt, und nimmt fast mit Nothwendigkeit an, dass eine grosse Zahl von Arten seit der Zeit ausgestorben sind, seit welcher der Mensch den Hund zähmte. Und doch sehen wir offenbar, dass die Glieder der Hundefamilie nur mit grossen Schwierigkeiten durch den Einfluss des Menschen ausgerottet worden sind. So existirle selbst 1710 noch der Wolf auf einer so kleinen Insel wie Irland ist. Die Gründe, welche verschiedene Autoren zu der Annahme führten, dass unsere Hunde von mehr als einer wilden Art ab- stammen, sind die folgenden * 2 : erstens die grossen Verschieden- graphie. Canidac p. 142, den ganzen Gegenstand ausführlich erörtert und kommt zu dem Schlüsse, dass der ausgestorbene Stammvater aller domesti- cirten Hunde in seiner Organisation dem Wolfe, in seiner Lebensweise dem Schakal am nächsten kam. 2  Ich glaube, Pallas sprach die Ansicht zuerst aus in Acta Acad. Petropolit. 1780, P. II. Ehrenberg hat sie vertreten, wie aus Blain- ville's Osteographie p. 79 hervorgeht. Ausserordentlich weit getrieben hat sie Hamilton Smith in »The Naturalist's Library« Vol. IX. u. X. W. C. Martin folgt ihr in seiner ausgezeichneten History of the Dog 1845, ebenso Dr. Morton, und Nott und Gliddon in den Vereinigten Staaten. Prof. Low kommt in seinen »Domesticated Animals« 1845, p. 666 zu demselben Schlüsse. Am klarsten und mit dem grössten Nachdruck hat der verstorbene James Wilson von Edinburgh diese Ansicht in mehreren vor der Highland Agricultural und der Wernerian Society gelesenen Aufsätzen verfochten. Wenn auch Isidore Geoffroy St. Hilaire (Hist, nat. giiner. T. III, p. 107) glaubt, dass die meisten Hunde vom Schakal 2 *

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20 Hunde, deren Abstammung. 1. Cap. heiten zwischen den verschiedenen Zuchten. Doch wird dies verhältnissmässig weniger Gewicht haben, nachdem wir gesehen haben werden, wie gross die Verschiedenheiten zwischen den verschiedenen Rassen mehrerer domesticirter Thiere sind, welche sicher von einer einzigen Stammform abstammen. Von grösserer Bedeutung ist zweitens die Thatsache, dass in den ältesten bekannten historischen Zeiten mehrere Rassen von Hunden existir- ten, welche einander sehr unähnlich, aber jetzt noch lebenden Rassen sehr ähnlich oder mit diesen gar identisch sind. Wir wollen in Kürze die historischen Urkunden durchlaufen. Zwischen dem 14. Jahrhundert und der classischen römischen Periode sind die Materialien merkwürdig mangelhaft 3 . In der letzteren, früheren Periode existirten verschiedene Rassen, nämlich Parforcehunde, Haushunde, Schoosshunde u. s. w., doch hat bereits Walther  bemerkt, dass es unmöglich ist, die Mehrzahl derselben mit irgend einer Sicherheit wiederzuerkennen. Youatt indessen giebt eine Zeichnung eines schönen Reliefs mit 2 jungen Windspielen von der Villa des Antoninus. Auf einem assyrischen Monument, ungefähr 640 v. dir., ist eine ungeheure Dogge 4 abgehildet und nach Sir Henry Rawlinson  werden, wie mir im britischen Museum mitgetheilt wurde, noch jetzt ähnliche i abstammen, so ist er doch geneigt, einige vom Wolfe ausgehen zu lassen, j Gervais  führt die Ansicht an (Hist. nat. des Mammif. 1855, T. II, p. 09), dass alle domesticirten Rassen die modificirten Nachkommen einer einzelnen Art sind, und sagt nach einer langen Discussion zum Schlüsse: *Cette opinion est, suivant nous du moins, la moins probable.« 3 Berjeau, The varieties of the Dog; in old Sculptures and Pictures 1863. Der Hund von Dr. F. L. Walther, p. 48. Giessen 1817: dieser Schriftsteller scheint sorgfältig alle classischen Schriftsteller über den Gegenstand studirt zu haben. S. auch: Volz,  Beiträge zur Kulturgeschichte. Leipzig 1852, p. 115. Youatt, on the Dog 1845, p. 6. Eine sehr ausführliche Geschichte giebt Blainville  in seiner Ostcograpliie. Canidae. 4  Ich habe Zeichnungen von diesem Hunde vom Grabmale des Sohnes von Esar Haddon und Thonmodelle im Britischen Museum gesehen. Nott u. Gliddon  geben eine Copie dieser Zeichnungen in ihren Types of Mankind. 1854, p. 393. Man hat diesen Hund eine Thibetanische Dogge genannt. Mr. H. A. Olfield  indessen, welcher die sogenannte Thibetanische Dogge genau kennt und die Zeichnungen im British Museum verglichen hat, sagt mir, dass er sie für verschieden halte.

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1. Cap. Alte Varietäten. 21 Hunde in dasselbe Land eingeführt. leb habe die Prachtwerke von Lepsius und Rosellini  durchgesehen. Hier werden auf den Monumenten von der 4. —12. Dynastie, d. i. von ungefähr 3400—2100 v. Chr.. verschiedene Varietäten Hunde dargestellt: die meisten derselben sind den Windspielen verwandt. In der späteren dieser Perioden ist ein dem Parforcebund ähnlicher Hund dargestellt mit hängenden Ohren, aber mit einem längeren Rücken und spitzigeren Kopfe, als bei unseren Parforcehunden. Es findet sich auch ein Dachshund mit kurzen krummen Reinen, der jetzt lebenden Varietät sehr ähnlich. Diese Art Monstrosität ist bei verschiedenen Thieren so häufig, so beim Anconschaaf und nach Rengger  selbst bei Jaguars in Paraguay, dass es voreilig sein würde, dieses monumentale Thier als den Stammvater aller unserer Dachshunde zu betrachten. Oberst Sykes 5  hat auch einen indischen Pariabund beschrieben, der denselben monströsen Character darbietet. Der älteste auf den ägyptischen Monumenten dargestellte Hund ist einer der sonderbarsten. Er gleicht einem Windspiel, hat aber lange spitze Ohren, und einen kurzen gekrümmten Schwanz. Eine nahe verwandte Varietät existirt noch in Jfordafrika, denn E. Vernon Harcourt 6  gibt an, dass der arabische "Eberhund" "ein excentrisches hieroglyphi- sches Thier sei, ein solches mit dem einst Cheops jagte, einiger- massen dem zottigen schottischen Hirschhunde gleichend. Ihre Schwänze sind dicht auf ihren Rücken gekrümmt und die Ohren stehen rechtwinklig ab." Mit dieser ältesten Varietät existirte gleichzeitig ein Paria-ähnlicher. Wir sehen hieraus, dass vor 4—5000 Jahren verschiedene Rassen existirten, nämlich Pariahunde, Windspiele, gewöhnliche Parforcehunde, Doggen, Haushunde, Schoossliunde und Dachshunde, welche mehr oder weniger unseren jetzigen Rassen glichen. Wir haben aber keinen hinreichenden Beweis, dass irgend einer dieser alten Hunde denselben identischen Subvarie- täten angehörte, wie unsere jetzigen Hunde 7 . So lange man 5  Proced. Zoolog. Soc. 12. July 1831. 6 Sporting in Algeria p. 51. 7  Berjeau giebt Facsimiles der Ägyptischen Zeichnungen. C. L.

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22 Hunde, deren Abstammung. 1. Cap. annahm, dass der Mensch nur ungefähr 6000 Jahre auf der Erde existirte, war diese Thatsache von den grossen Verschiedenheiten der Rassen zu einer so frühen Zeit ein schwer wiegender Beweis dafür, dass dieselben von mehreren wilden Quellen aus- giengen; denn es würde nicht hinreichende Zeit zu ihrer Divergenz und Modification dagewesen sein. Seitdem wir aber durch die Entdeckung von Flintgeräthschaften mit Überbleibseln ausgestorbener Thiere in denselben Districten, welche inzwischen grosse geographische Veränderungen erlitten haben, wissen, dass der Mensch eine unvergleichlich längere Zeit existirt hat und wenn wir im Auge behalten, dass selbst die barbarischsten Nationen Haushunde besitzen, so verliert der von der unzureichenden Zeit hergenommene Bew'eis sehr viel an Gewicht. Der Hund war lange vor der Periode irgend welcher historischer Urkunden in Europa domesticirt. In den dänischen Kü- chenhanfen der neueren Steinzeit sind die Knochen eines hundeartigen Thieres enthalten und Sleenstrup  schliesst mit Scharfsinn, dass diese einem Haushunde angehörten. Denn eine ver- hältnissmässig sehr grosse Menge der in diesen Abfallhaufen enthaltenen Vogelknochen sind lange Knochen, welche wie man durch Versuche fand, Hunde nicht verschlingen können * * * * * * * 8 . Diesem alten Hunde folgte in Dänemark während der Broncezeit eine grössere Art, welche gewisse Verschiedenheiten darbot und dieser wiederum während der Eisenzeit eine noch grössere Art. Wir hören von Riitimeyer 9 , dass in der Schweiz während der neueren Steinperiode ein mittelgrosser domesticirler Hund exi- Martin  copirt in seiner History of the Dog 1845 mehrere Figuren von den Ägyptischen Monumenten und äussert sich sehr sicher über ihre Identität mit noch lebenden Hunden. Nott und Gliddon  geben (Types of Mankind. 1854, p. 388) noch zahlreichere Abbildungen. Gliddon  behauptet, ein gekrümmtschwänziges Windspiel, dem auf den ältesten Monumenten ähnlich, sei auf Borneo gemein; der Rajah Sir J. Brooke theilt mir mit, dass dort kein solcher Hund existire. 8  Diese und die folgenden Thatsachen über dänische Reste sind M o r- lot's  interessanter Arbeit in der Soc. Vaudoise des Scieuc. nat. T. VI, 1860, p. 281, 299, 320, entnommen. 9  Die Fauna der Pfahlbauten 1861, p. 117, 162.

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1. Cap. Alte Varietäten. 23 stirt hat, welcher in seinem Schädel ziemlich gleich weit vom Wolf und Schakal entfernt war und gewisse Charactere unserer Jagd- und Wachtelhunde hatte. Rütimeyer  betont sehr stark die Gonstanz der Form, welche dieser älteste bekannte Hund eine lange Zeit hindurch bewahrte. Während der Bronceperiode erschien ein grosser Hund und dieser glich in seinen Kinnladen einem Hunde von demselben Alter in Dänemark. Schmerling fand Überbleibsel von zwei merklich verschiedenen Hundevarietäten in einer Höhle 10 ; ihr Alter kann aber nicht positiv bestimmt werden. Die Existenz einer einzigen in ihrer Form während der ganzen neueren Steinperiode merkwürdig constanten Rasse ist eine interessante Thatsache, die im Widerspruch steht mit den Veränderungen, welche, wie wir sahen, die Rassen während der Zeit der aufeinander folgenden ägyptischen Monumente erlitten und im Widerspruch mit unsere existirenden Hunden. Der Character dieses während der neueren Steinperiode existirenden Thieres, wie ihn Rütimeyer  gibt, unterstützt Blainville's  Ansicht, dass unsere Varietäten von einer unbekannten und ausgestorbenen Form abstammen; wir sollten aber nicht vergessen, dass wir in Bezug auf das Alter des Menschen in den wärmeren Theilen der Erde nichts wissen. Man nimmt an, dass die Aufeinanderfolge verschiedener Hunderassen in der Schweiz und Dänemark von der Einwanderung erobernder Stämme, die ihre Hunde mit sich brachten, herrühre, und diese Ansicht stimmt auch mit dein Glauben überein, dass verschiedene wilde, hundeartige Thiere in verschiedenen Gegenden domesticirt worden seien. Unabhängig von der Einwanderung neuer Menschenrassen sehen wir doch aus dem weit verbreiteten Vorkommen von Bronce, die aus einer Legirung von Zinn bestand, wie viel Verkehr durch Europa zu einer ausserordentlich frühen Zeit bestanden haben muss: und dabei werden wahrscheinlich auch Hunde mit vertauscht worden sein. In der Jetztzeit hält man die Tariuna-Indianer unter den wilden Stämmen des Inneren von Guyana für die besten Hunde- 10  I)e Blainville,  Osteograpliie. Canidae.

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24 Hunde, deren Abstammung. 1. Cap. Züchter. Sie besitzen eine grosse Rasse, die sie zu hohen Preisen mit andern Stammen vertauschen n . Das hauptsächlichste Argument, welches zu Gunsten der Ansicht spricht, dass die verschiedenen Rassen des Hundes von bestimmten wilden Stämmen herrühren, ist die Ähnlichkeit, welche dieselben in verschiedenen Gegenden mit den noch in diesen existirenden distincten Arten besitzen. Hier muss mau unless zugeben, dass die Vergleichung zwischen den wilden und dome- sticirten Thieren nur in wenig Fällen mit hinreichender Genauigkeit ausgeführt ist. Ohne schon hier in Details einzugehen, ist es doch gut, daran zu erinnern, dass a priori keine Schwierigkeit besteht zu glauben, verschiedene Arten von Caniden seien domesticirt worden. In Rezug auf einige andere Haussäugethiere und Vögel herrscht aber in dieser Beziehung viel Schwierigkeit. Glieder der Hundefamilie bewohnen fast die ganze Erde und mehrere Arten stimmen ziemlich nahe in Lebensart mul Bau mit unseren verschiedenen domestieirten Hunden überein. Gallon hat gezeigt 12 , wie gern Wilde Thiere aller Arten halten und zähmen. Gesellig lohende Thiere werden vom Menschen am leichtesten unterworfen und mehrere Arten von Caniden jagen in Haufen. Es verdient bemerkt zu werden, da es ebensogut auf andere Thiere als auf den Hund Bezug hat, dass zu einer frühen Zeit, wo der Mensch zuerst das Land betrat, die dort lebenden Thiere keine instinctive oder ererbte Furcht vor ihm hatten und sich folglich hei Weitem leichter als jetzt werden haben zähmen lassen. Als z. B. die Falkland-Inseln zuerst von Menschen besucht wurden, kam der grosse wolfsähnliche Hund (Canis anlarcticus)  ohne Furcht zu Byron's Matrosen, welche, diese unwissende Neugier für Wildheit haltend, vor ihnen in's Wasser ausrissen; und selbst neuerdings kann ein Mensch, der in der einen Hand ein Stück Fleisch, in der andern ein Messer hält, sie noch Nachts zuweilen erstechen. Als B u t a k o f f eine kleine Insel im Aralsee entdeckte, flohen die Saigak-Antilopen, welche "allgemein sehr furcht- 11  Sir R. Schomburgk  hat mir hierüber Mittheihingen gemacht. Vgl. auch Journ. of the R. Geograph. Soc. Vol. XIII, 1843, p. 65. 12 Domestication of Animals. Ethnologie. Soc., 22. Decbr. 1863.

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1. Cap. Furcht vor Menschen erworben. 25 sam sind, nicht vor ihm, sondern betrachteten die Menschen im Gegentheil mit einer Art Neugierde." Ferner war an den Küsten von Mauritius der Manatee zuerst nicht im Mindesten furchtsam vor den Menschen, und das ist in verschiedenen Theilen der Welt mit Robben und dem Walross der Fall gewesen. Ich habe an einem andern Orte gezeigt 13 , wie langsam die eingebornen Vö- gel verschiedener Inseln die ihnen so heilsame Furcht vor den Menschen erlangt und vererbt haben. Auf den Galapagos-Inseln sliess ich mit der Spitze meiner Flinte Falken von einem Zweige herunter und hielt einen Eimer Wasser andern Vögeln hin, die sich darauf setzten und tranken. Säugethiere und Menschen, die nur selten von Menschen beunruhigt worden sind, fürchten ihn nicht mehr, als unsere englischen Vögel die Kühe und Pferde fürchten, die auf den Weiden grasen. Es ist von grosser Bedeutung, dass verschiedene Arten von Ganiden (wie ich in einem späteren C: " ' zeigen werde) keinen starken AViderwillen oder Schwierigkeiten darbieten, sich in der Gefangenschaft fortzupflanzen, und gerade die Unfähigkeit in der Gefangenschaft sich anzen ist eines der häufigsten Hindernisse für die Domestication. Endlich legen die Wilden, wie wir im Capitel über die Zuchtwahl sehen werden, Hunden den grössten Werth hei; seihst halbgezälnnte Thierc sind ihnen von grossem Nutzen. Die Indianer von Nordamerika kreuzen ihre halbwilden Hunde mit Wölfen und machen sie so zwar noch wilder als vorher, aber kühner; die Wilden von Guyana fangen die Jungen von zwei wilden Canisarten, zähmen sie zum Theil und benutzen sie, wie es die Wilden von Australien mit denen des wilden Dingo tlmn. Philipp King  theilt mir mit, dass er einmal ein Junges des wilden Dingo abrichtete, Rindvieh zu treiben, und dasselbe sehr nützlich fand. Wir sehen aus diesen verschiedenen Betrachtungen, dass wir ohne Schwierigkeiten annehmen können, der Mensch habe in verschiedenen Ländern verschiedene Arten von Caniden domesticirt. Es würde sogar eine eigenthiim- 1 * Journal of Researches etc. 1845, p. 393. In Bezug auf den ('tints anturcticvs  vergl. p. 193. Wegen der Antilope s. Journ. of the R. Geograph. Soc. Vol. XXIII, p. 94.

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26 Hunde, deren Abstammung. 1. Cap. liehe Tlmtsache sein, wenn über die ganze Erde nur eine einzige Species domesticirt worden sei. Wir wollen nun in die Details eingehen. Der genaue und scharfsinnige Richardson sagt: "Die Ähnlichkeit zwischen den nordamerikanischen Wölfen (Cants lupvs, rar. occidentalism und den Haushunden der Indianer ist so gross, dass die Grösse und Stärke des Wolfes der einzige Unterschied zu sein scheint. Ich habe mehr als einmal ein Rudel Wölfe für die Hunde eines Trupps Indianer gehalten und das Geheul der Thiere beider Arten wird so genau in demselben Ton ausgezogen, dass selbst das geübte Ohr der Indianer zuweilen getäuscht wird." Er fügt hinzu, dass die nördlicheren Eskimo-Hunde.nicht bloss den grauen Wölfen des Polarkreises in Form und Farbe ausserordentlich gleichen, sondern ihnen auch in Grösse beinahe gleich sind. Dr. Kaue  hat in den Gespannen seiner Schlittenhunde öfter das schräge Auge fein Merkmal, auf welches einige Zoologen grosses Gewicht legen), den herabhängenden Schwanz und den scheuen Blick des Wolfes gesehen. In ihren Anlagen weichen die Eskimo-Hunde wenig von den Wölfen ab, sind nach Hayes keiner Anhänglichkeit an den Menschen fähig und so wild, dass sie, wenn sie hungrig sind, selbst ihre Herren anfallen. Nach K a n e werden sie sehr leicht wild; ihre Verwandtschaft mit den Wölfen ist so nahe, dass sie sich oft mit ihnen kreuzen und die Indianer nehmen die jungen Wölfe, "um die Zucht ihrer Hunde zu verbessern". Halbwölfe können zuweilen (Lam a re-P icquo t)  nicht gezähmt werden, "doch ist dieser Fall selten". Sic werden aber nicht völlig gezähmt bis zur zweiten oder dritten Generation. Diese Thatsachen zeigen, dass die Eskimo-Hunde und Wölfe, wenn überhaupt, nur in geringem Grade unfruchtbar mit einander sein können, denn sonst, würde man letztere nicht brauchen können, die Zucht zu verbessern. So sagt Hayes von diesen Hunden, sie seien "ohne Zweifel verbesserte Wölfe" u . 14  Die Autoritäten für die obigen Angaben sind: — Richardson, Fauna boreali-americana 1829, p. 64, 75. Dr. Kane,  Arctic Explorations 1856. Yol. I, p. 398, 455. Dr. Hayes.  Arctic. Boat Journey 1860, p. 167. Frankli n's  Narrative Yol. I. p. 269, tlieilt einen Fall mit, wo drei Junge eines

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1. Cap. Hassen wilden Caniden ähnlich. 27 Nordamerika wird von einer zweiten Art Wölfe bewohnt, dem Prairie-Wolf (C. lalrans),  welcher jetzt von allen Zoologen als specifisch vom gemeinen Wolf verschieden angesehen wird. Nach J. K. Lord  steht er in manchen Beziehungen in der Lebensweise zwischen dem Wolf und dem Fuchs. Sir J. R i - chardson  beschreibt den Hund der Hasen-Indianer, der in vieler Beziehung von dem Eskimo-Hunde abweicht, und sagt: "Er steht in derselben Beziehung zum Prairie-Wolf, wie der Eskimo-Hund zu dem grossen grauen Wolfe steht." Er konnte geradezu keine ausgesprochene Verschiedenheit zwischen ihnen auffinden und Nott und Gliddon  fügen noch weitere Details bei,  die ihre grosse Ähnlickheit beweisen. Die von den beiden genannten Stämmen herrührenden Hunde kreuzen sich unter einander ebensowohl als mit den wilden Wölfen, wenigstens mit dem Canis occidentalis, und mit den europäischen Hunden. Nach Bar train weicht der schwarze Wolfshund der Indianer in Florida von den Wölfen dieses Landes in nichts als im Bellen ab 15 . Wenden wir uns zu dem südlichen Tlieile des neuen Continents. Hier fand Columbus zwei Arten von Hunden in West- indien; Fernandez lß  beschreibt drei in Mexico. Einige schwarzen Wolfes . von Indianern weggenommen wurden. Parry, Richardson u. A. führen Beispiele an von freiwilligen Kreuzungen von Wölfen und Hunden in dem östlichen Theile Nordamerika's. Seemann sagt in seinem Voyage of II. M. S. Herald 1853, Vol. II, p. 26, dass der Wolf oft von den Eskimos zum Zwecke der Kreuzung mit ihren Hunden, die dadurch an Grösse und Stärke gewännen, gefangen werde. Lamar e- Picquot  gibt im Bulletin de la Soc. d'Acclimat. Vol. VII, 1860, p. 148, eine gute Beschreibung des Eskimo-Halbzuchtlumdes. 15  Fauna boreali-americana, 1829. p. 73, 78, 80. Nott und Gliddon, Types of Mankind p. 383. Hamilton Smith  citirt in Naturalist's Libr., Vol. X. p. 156, den Naturforscher und Reisenden Bartram.  Ein mexi- canischer Haushund scheint auch einem Wolfe desselben Landes zu gleichen; dies könnte indessen der Prairie-Wolf sein. Ein andrer urtheils- fähiger Schriftsteller. J. K. Lord,  sagt (The Naturalist in Vancouver Island 1866, Vol. II, p. 218), dass der Indianerhund der Spokans in der Nähe des Felsengebirges »ohne alle Frage nichts weiter als ein gezähmter Cayote oder Prairie-Wolf, Ca nix lalrans,  sei«. 16  Ich führe dies nach R. Hill's ausgezeichnetem Bericht über den Alco oder den Haushund in Mexiko an, in Gosse's Naturalist's Sojourn in Jamaica, 1851 p. 329.

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28 Hunde, deren Abstammung. 1. Cap. dieser eingebornen Hunde waren stumm, d. li. sie bellten nicht. Seit der Zeit Buffon's  weiss man, dass die Eingebornen von Guyana ihre Hunde mit einer wilden Art, wie es scheint dem C. cancrivorus,  kreuzen. Sir Roh. Schomburgk,  der diese Länder so sorgfältig durchforscht hat, schreibt mir: "Mir haben Arawaak-Indianer, welche in der Nähe der Küste wohnen, wiederholt erzählt, dass sie ihre Hunde zur Verbesserung ihrer Zucht mit einer wilden Art kreuzen, und einzelne Hunde sind nur gezeigt worden, welche sicher dem Canis cancrivorus  viel mehr glichen, als der gewöhnlichen Hunderasse. Nur selten halten die Indianer den C. cancrivorus  für häusliche Zwecke. Auch wird der Ai, eine andere Art wilder Hunde, den ich für identisch mit dem Dusici/ou siiceslris  von H. Smith  halte, jetzt von den Arecnnas nicht viel zum Jagen benutzt. Die Hunde der Taruma- Indianer sind ganz verschieden und gleichen Buffon's  Windspiel von S. Domingo." Es scheint also, dass die Eingebornen von Guyana zwei wilde Arten zum Theil domesticirl haben und ihre Hunde noch mit ihnen kreuzen. Diese beiden Arten gehören einem von den nordamerikanischen und europäischen Wölfen ganz verschiedenen Typus an. Ein sorgfältiger Beobachter, Rengger 17 , gibt Gründe für die Ansicht, dass, als Amerika zuerst von Europäern besucht wurde, ein haarloser Hund domesticirl wurde. Eiuige dieser Hunde in Paraguay sind noch stumm, und Tschndi 18  gibt an, dass sie in den Cor- dilleren von der Kälte leiden. Dieser nackte Hund ist. indessen von dem völlig verschieden, den man in den alten peruvianischen Grabstätten erhalten findet , den Tsc hu di unter dem Namen C. Incac  beschreibt und von dem er anführt. dass er sowohl Kälte ertrüge als auch belle. Man weiss nicht, ob diese zwei verschiedenen Hunderassen die Abkömmlinge eingeborner Arten sind. Man könnte annehmen, dass, als der Mensch zuerst nach Amerika einwanderte, er von dem asiatischen Continent Hunde mitbrachte, welche nicht bellen konnten. Diese Ansicht scheint indess nicht wahrscheinlich, da die Eingebornen dem Wege ihrer 11  Naturgeschichte der Säugethiere von Paraguay, 1830, p. 151. 18  Citirt in Humboldt's Ansichten der Natur Bd. 1.

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1. Cap. Rassen wilden Caniden ähnlich. 29 Einwanderung von Norden her entlang, wie wir gesehen haben, wenigstens zwei nordanierikanisehe Arten zähmten. Wenden wir uns zur alten Welt, so gleichen mehrere europäische Hunde sehr dem Wolf. So ist der Schaafhund der ungarischen Ebenen weiss oder röthlich braun, hat eine spitze Nase, kurze, aufrechte Ohren, zottigen Pelz und einen buschigen Schwanz und gleicht so sehr einem Wolfe, dass Paget,  der diese Beschreibung gibt, erzählt, er habe einen Ungar einen Wolf für einen seiner eigenen Hunde halten sehen. AnchJeit- teles  führt die grosse Ähnlichkeit des ungarischen Hundes und Wolfes an. Die Schäferhunde in Italien müssen früher den Wölfen sehr ähnlich gewesen sein; denn Columella gibt (VII, 12) den Rath, weisse Hunde zu halten und fügt hinzu: "Pastor album probat, ne pro lupo Canem feriat ." Verschiedene Fälle sind mitgetheilt worden, dass sich Hunde und Wölfe von selbst kreuzten und Plinius behauptet, die Gallier hätten ihre Hündinnen in den Wäldern angebunden, damit sie sich mit Wölfen kreuzten 19 . Der europäische Wolf weicht in geringem Grade von dem nordamerikanischen ab und wird von vielen Zoologen für eine verschiedene Art gehalten. Auch wird der gemeine Wolf von Indien von Einigen für eine dritte Species gehalten; und hier finden wir wieder eine ausgesprochene Ähnlichkeit zwischen den Paria-Hunden gewisser Districte von Indien und diesem indischen Wolf 20 . In Bezug auf die Schakale sagt Isidore Geoffray St. 19 Paget,  Travels in Hungaria and Transylvania. Vol. I, p. 501. Jeitteles,  Fauna Hungariae superioris 1862, p. 13, s. Plinius,  Hist, nat. Lib. VIII. Cap. XI, über das Kreuzen der Hunde bei den Galliern, s. auch Aristoteles,  Hist. Anim. Lib. VIII, c. 28. Für sichere Fälle von natürlicher Kreuzung von Hunden und Wölfen in der Nähe der Pyrenäen s. Mauduyt,  Du Loup et ses Races. Poitiers 1851, auch Pallas  in Acta Acad. Petropolit. 1780, ps. II, p. 94. 20  Ich führe dies nach einer ausgezeichneten Autorität an, die des Mr. Blyth ( unter dem Pseudonym Zoopliilus) in: Indian Sporting Review. Oct. 1856, p. 134. Blyth  führt an, dass ihm die Ähnlichkeit zwischen einer pinselschwänzigen Rasse von Paria-Hunden nordwestlich von Cawnpore und dem indischen Wolf aufgefallen sei. Fälle von weiterer Bestätigung führt er von den Hunden im Tliale von Nerbudda an.

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30 Hunde. deren Abstammung. 1. Cap. Hilaire 2I , dass man nicht einen conslanten Unterschied zwischen ihrem Bau und dem der kleineren Hunderassen aufiveisen könnte. Sie stimmen in ihrer Lebensweise eng überein ; werden Schakale gezähmt und von ihren Herren gerufen, so wedeln sie mit ihrem Schwänze, kriechen und werfen sich auf ihren Bücken. Sie beriechen die Schwänze anderer Hunde und entleeren ihren Harn nach der Seite 22 . Eine Anzahl ausgezeichneter Naturforscher von der Zeit Güldens tädt's bis zu der von Ehrenberg, Hemprich und Cretzschmar,  haben in der stärksten Weise sich in Bezug auf die Ähnlichkeit der halb domesticirten Hunde von Asien und Ägypten und der Schakale ausgedrückt. So sagt z. B. Nord mann: "les chieus d'Awhasie ressembknt etonnammenl ä des chacals."  Ehrenberg 23  führt an, dass die Haushunde Unterägyptens und gewisse inummificirte Hunde in einer Species Wolf jenes Landes (C. lupaster)  ihr Prototyp hätten. Auf der andern Seite haben die Haushunde in Nubien und gewisse andere inummificirte Hunde die engste Beziehung zu einer wilden Art derselben Gegend, nämlich C. sabbar,  welche nur eine Form des gemeinen Schakals ist. Pallas  behauptet, dass Schakal und Hund im Orient sich zuweilen von selbst kreuzen und ein Fall hiervon ist aus Algerien bekannt 24 . Die grössere Zahl Zoologen bringen die Schakale von Asien und Afrika zu verschiedenen Arten; einige vereinigen sie alle zu einer. Ich will hier hinzufügen, dass die Haushunde an der Küste von Guinea fuchsartige Thiere und stumm sind 25 . Auf der 21  Wegen zahlreicher und interessanter Details in Bezug auf die Ähnlichkeit zwischen Hund und Schakal s. Isid. Geoffroy St. Hilaire, Hist. nat. gener. 1860, T. III, p. 101, s. auch Gervais, Hist. nat. des Mammiferes 1855, T. II, p. 60. 22  Güldens^ädt in Nov. Comment. Acad. Petropol. T. XX, pro anno 1775, p. 449. 23  Citirt von Blainville in seiner Osteographie Canidae p. 79, 98. 24  s. Pallas in Acta Acad. Petersb. 1780, ps. II, p. 91. In Bezug auf Algerien s. Isid. Geoffroy St. Hilaire,  Hist. nat. gener. T. III, p. 177. In beiden Ländern ist es der männliche Schakal, welcher sich mit den weiblichen Haushunden paart. 25 John Barbut, Description of the coast of Guinea in 1746.

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1. Cap. Stammen von mehreren wilden Caniden all. 31 Oslkiiste von Afrika, zwischen 4 — 6° siidl. Br. und ungefähr 10 Tagereisen nach dem Innern wird, wie mir S. Erhard  l mit- theilt, ein halb domesticirler Hund gehalten, welcher, wie die Eingebornen behaupten, von einem ähnlichen wilden Thiere ab- slammt. Lichtenstein 26  sagt, dass die Hunde der Buschmänner eine auffallende Ähnlichkeit selbst in der Färbung (mit Ausnahme des schwarzen Streifens entlang dem Rücken) mit dem C. mesomelas  Südafrika's darbieten. E. Layard  theilt mir mit, dass er einen Kaffer-Hund gesehen habe, der einem Eskimo- Hunde sehr ähnlich war. In Australien ist der Dingo sowohl domesticirt als wild, und obschon dieses Thier ursprünglich vom Menschen eingeführt sein mag, muss es doch als eine fast endemische Form betrachtet werden; denn seine Ueberlileibsel sind mit einem ausgestorbenen Thiere in einem ähnlichen Zustande von Erhaltung gefunden worden, so dass seine Einführung sehr alt sein muss 27 . Nach dieser Ähnlichkeit der halb domesticirten Hunde verschiedener Länder mit den in diesen noch lebenden wilden Arten, nach der Leichtigkeit, mit welcher beide oft noch gekreuzt werden können, nach dem Werthe, welchen Wilde selbst halb gezähmten Thieren beilegen und nach anderen früher erwähnten Umständen, welche ihre Domestication begünstigen, ist es sehr wahrscheinlich, dass die domesticirten Hunde der Erde von zwei guten Arten von Wolf (nämlich C. lupus und C. latr arts') und von zwei oder drei anderen zweifelhaften Arten von Wölfen (nämlich den europäischen, indischen und nordamerikanischen Formen), ferner von wenigstens einer oder zwei südamerikanischen Arten von Caniden, dann von mehreren Rassen oder Arten von Schakal und vielleicht von einer oder mehreren ausgestorbenen Arten abstammen. Diejenigen Autoren, welche der Einwirkung des 26  Trave in South Africa, Vol. II, pls. 272. 27 Selwyn,  Geology of Victoria in: Journ. Geolog. Soc. Vol. XIV, 1858, p. 536 und Vol. XVI, 1860, p. 148, und Prof. M'Coy  in: Annals and Mag. of nat. hist. 3. Ser. Vol. IX, 1862, p. 147. Der Dingo ist von den Hunden der centralen Polynesischeu Inseln verschieden. Dieffenbach bemerkt (Travels Vol. II, p. 45), dass auch der eingeborne neuseeländische Hund vom Dingo verschieden sei.

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32 Hunde, deren Abstammung. 1. Cap. Kli na's als solchen grossen Einfluss beilegen, können hiernach die Ähnlichkeit domesticirter Hunde mit eingebornen Thieren derselben Länder erklären. Ich kenne aber keine Thatsaehen, welche der. Glauben an eine so mächtige Einwirkung des Ivlima's unterste,zten. Gegen die Ansicht, dass mehrere Arten von Caniden in alter Zeit domesticirt worden sind, kann man nicht einwenden, dass diese Thiere mit Schwierigkeit zu zähmen sind. In Bezug hierauf habe ich bereits Thatsaehen mitgetheilt. Ich will aber noch hinzufügen, dass die Jungen des C. primaems  in Indien von Hodgson 28 gezähmt worden sind und für Liebkosungen so ennfanglieh wurden und so viel Intelligenz zeigten, als irgend ein Liebhaber-Hund desselben Alters. Wir wir bereits gezeigt haben und sehr bald noch weiter sehen werden, besteht zwischen der Lefensweise der Haushunde der nordamerikanischen Indianer und der Wölfe dieses Landes oder zwischen den orientalischen Paria- Hunden und den Schakalen oder zwischen den in verschiedener: Gegenden wild gewordenen Hunden und den verschiedenen natürlichen Arten dieser Familie kein grosser Unterschied. Die Gewohnheit zu hellen unless, welche bei domesticirten Hunden fasl allgemein ist und welche nicht eine einzige natürliche Art der Familie characterisirt, scheint eine Ausnahme zu bilden. Diese Gewohnheit geht aber leicht verloren und wird leicht wieder erlangt. Der Fall ist oft angeführt worden von den wilden Hunden auf der Insel Juan Fernandez, welche stumm geworden sind; und man hat Grund zur Annahme 29 , dass die I Stunmheit in dem Verlauf von 33 Jahren eintrat. Auf der an- den Seite erlangten Hunde, welche UI loa von dieser Insel mit- nahm, langsam die Gewohnheit zu bellen wieder. Als die Hunde des Mackenzieflusses vom Typus des C. latrans  nach England 28 Proceed. Zoolog. Soe. 1833, p. 112. s. auch in Bezug auf das Zähmen des gemeinen Wolfes L. Lloyd , Scandinavian adventures. Vol. I, p. 460. 1854. Wegen des Schakals s. Gervais,  Hist. nat. des Mammi- ferej. T. II, p.61. In Bezug auf den Aguara von Paraguay s. Renggers Werk. 29  Ko ulin,  in: Memoir, present, par div. Savans. T. VI, p. 341.

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1. Cap. Verwilderte Hunde. 33 gebracht wurden, lernten sie nie ordentlich bellen. Aber einer, ini zoologischen Garten geboren 30 , "liess seine Stimme so laut ertönen, als irgend ein anderer Hund desselben Alters und derselben Grösse." Nach Prof. Nilsson 31  bellt ein von einer Hündin aufgesaugter junger Wolf. Isidore Geoffroy St. Hilaire zeigte einen Schakal, der mit derselben Stimme wie irgend ein gewöhnlicher Hund bellte 33  G. C I a rk e hat einen interessanten Bericht von Hunden gegeben 33 , die auf Juan de Nova im indischen Ocean verwildert sind. "Sie hatten das Vermögen zu bellen vollständig verloren, hatten keine Neigung zur Gesellschaft mit anderen Hunden, auch erhielten sie ihre Stimme wahrend einer Gefangenschaft von mehreren Monaten nicht wieder." Auf der Insel "vereinigen sie sich zu grossen Haufen und fangen Seevögel mit so viel Geschick, als es Füchse thiin würden." Die verwilderten Hunde von La Plata sind nicht stumm geworden; sie sind von bedeutender Grösse, jagen einzeln oder in Haufen und graben Höhlen für ihre Jungen 34 . In diesen Gewohnheiten gleichen die wilden Hunde von La Plata Wölfen und Schakalen. Beide jagen entweder einzeln oder in Rudeln und graben Höhlen 35 . Auf Juan Fernandez, Juan de Nova und in La Plata sind diese wilden Hunde nicht uniform in der Färbung geworden 36 . Die verwilderten Hunde von Cuba beschreibt Poppig  fast alle als mausefarben, mit kurzen Ohren und hell- 30 Martin. History of the Dog p. 14. 31  Citirt von L. Lloyd  in Field Sports of North of Europe. Vol. I, p. 387. 32 Quatrefages,  Soc. d'Acclimat. 11. May 1863, p. 7. 33  Annals and Mag. of nat. hist. Vol. XV, 1845, p. 140. 34 Azara,  Voyages dans l'Anier. merid. Tom. I, p. 381. Seinen Bericht bestätigt Rengger vollständig. Quatrefages  theilt einen Fall von einer Hündin mit,  welche von Jerusalem nach Frankreich gebracht worden war. Sie grub sich eine Höhle und warf in dieser, s. Discours, Exposition des Races canines. 1865, p. 3. 35  In Bezug darauf, dass Wölfe Höhlen graben s. Richardson, Fauna boreali-americana. p. 64. und Beckstein,  Naturgeschichte Deutschlands. Bd. I, p. 617. 36  s. Pöppig,  Reise in Chile. Bd. I, S. 290. G. Clarke , a. a. 0. und Rengger,  p. 155. Darwin, Erster Theil. 3

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34 Ihmdc, deren Abstammung. 1. Cap. Iiliiuen Augen. II a tu. Smith 37  sagt, dass die wilden Hunde auf St. Domingo sehr gross sind, wie Windspiele, von einem gleichförmigen, blassen Aschblau, mit kleinen Ohren und grossen, hellbraunen Augen. Seihst der wilde Dingo, trotzdem er schon so lange Zeit in Australien naturalisirt ist. "variirt bedeutend in der Färbung," wie mir P. P. King  mittheilt. Ein in England gezüchteter Halbblut-Dingo 38  zeigte die Neigung zum Graben. Aus den verschiedenen vorstehend mitgetheilten Thatsachen sehen wir, dass eine llückkehr in den wilden Zustand uns keine Andeutung über die Farbe oder Grösse der ursprünglichen Stammart gibt. Eine Zeit lang glaubte ich allerdings, dass eine Thatsache, in Bezug auf die Färbung von Haushunden, etwas Licht auf ihren Ursprung werfen könne , und sie ist werth, mitgetheilt zu werden; sie zeigt, wie selbst bei so lange und durch und durch domesticirtcn Thieren wie den Hunden die Färbung gewissen Gesetzen folgt. Schwarze Hunde, mit braungelben Füssen, von welcher Zucht sie auch sein mögen, haben fast unveränderlich einen braungelben Fleck am inneren oberen Augenwinkel, auch sind ihre Lippen allgemein so gefärbt. Von dieser Kegel habe ich nur zwei Ausnahmen gesehen, bei einem Wachtelhund und einem Pinscher. Hellbraune Hunde haben oft einen helleren, gelblich braunen Fleck über den Augen, zuweilen ist der Fleck weiss, und bei einem Pinscherbastard war der Fleck schwarz. Mr. Waring hatte die Gefälligkeit einen Haufen von fünfzehn Windspielen in Suffolk für mich zu untersuchen. Davon waren elf schwarz, oder schwarz und weiss, oder gefleckt und diese hatten keine Augenflecken; drei dagegen waren roth und einer schieferblau und diese vier hatten dunkle Flecken über den Augen. Obschon nun hiernach diese Flecke in der Farbe verschieden sind, so haben sie doch eine starke Neigung gelbbraun zu erscheinen. Als Beweis hierfür führe ich au, dass ich vier Wachtelhunde, einen Hühnerhund, zwei Yorker Schäferhunde, einen grossen Bastardlmnd und einige Fuchshunde gesehen habe, welche schwarz und weiss gefärbt waren ohne eine Spur von gelbbraun, mit Ausnahme der Flecken über den Augen und zuweilen eines kleinen Flecken an den Füssen. Diese Fälle und viele andere zeigen n Dogs, in Nat. Libr. Vol. X, p. 121. Auf dieser Insel scheint auch ein endemischer südamerikanischer Hund verwildert zu sein. s. Gosse, Jamaica p. 340. :i8 Low.  Domesticated Animals, p. 650.

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1. Cap. Färbung der Rassen. 35 offenbar, dass die Fiirlnmg der Fiisse und die Augenficcken in irgend welcher Beziehung zu einander stehen. Hei verschiedenen Rassen habe ich jede Abstufung beobachtet, von Fällen, wo das ganze Gesicht gelbbraun gefärbt war, bis zu einem vollständigen Ringe um die Augen, und endlich bis zu einem kleinen Fleck über den inneren oberen Augenwinkeln. Die Flecke kommen bei verschiedenen Unterrassen von Pinschern und Wachtelhunden vor, bei Hühnerhunden, bei Jagdhunden verschiedener Art mit Einschluss des deutschen Dachshundes, bei Schäferhunden bei einem Bastard, dessen Vater und Mutter die Flecke nicht hatten, bei einem reinen Bullenbeisser (doch waren in diesem Falle die Flecke fast weiss) und bei Windspielen. Schwarze und gelbbraune Windspiele sind zwar ausserordentlich selten, doch hat mir Mr. Warwick versichert, dass bei dem Caledonian Champion-Rennen im April 1860 einer mitlief, der " genau so wie ein schwarz und gelbbrauner Pinscher gezeichnet war." Mr. Swinhoe  hat sich auf meine Bitte die Hunde in China, in Amoy, angesehen und hat einen braunen Hund mit gelben Flecken über den Augen gefunden. Oberst H. Smith 39  gibt eine Allbildung der prachtvollen schwarzen Dogge von Thibet mit einem gelbbraunen Streifen über den Augen, Füssen und Lippen; und was noch sonderbarer ist, er bildet den Alco, den eingebornen Haushund von Mexico schwarz und weiss ab, mit schmalen gelbbraunen Ringen um die Augen. Bei der Hundeausstellung in London im Mai 1863 war ein sogenannter Waldhund vom nordwestlichen Mexico zu sehen, welcher blasse, gelbbraune Flecken über den Augen hatte. Das Vorkommen dieser gelbbraunen Flecke bei Hunden von so ausserordentlich verschiedenen Rassen, die in den verschiedensten Theilen der Welt leben, macht die Thatsache höchst merkwürdig. Wir werden später, besonders in dem Capitel über Tauben, sehen, dass Farbenzeichnungen streng vererbt worden und dass sie uns oft zur Entdeckung der primitiven Form unserer Haustliierrassen helfen. Wenn daher irgend eine wilde Art von Caniden diese gelbbraunen Flecke über den Augen deutlich zeigte, so könnte man wohl schliessen, dass dies die Stammform aller unserer Hausrassen sei. Aber nach Durchsicht vieler colorirter Tafeln und der ganzen Sammlung von Bälgen im britischen Museum kann ich keine so gezeichnete Art finden. Ohne Zweifel ist es möglich, dass irgend eine aus- The Xat uralists Library. Dogs. Vol. X, p. 4. 19. 3 *

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Ilunde, deren Abstammung:. 1. Cap. 36 gestorbene Art so gefärbt gewesen ist. Betrachtet man auf der andern Seite die verschiedenen Arten, so tritt ziemlich deutlich eine Beziehung zwischen gelbbraunen Füssen und einem so gefärbten (besieht entgegen, weniger häufig zwischen schwarzen Füssen und einem schwarzen Gesicht, und dieses allgemeine Gesetz der Färbung erklärt bis zu einem gewissen Grade die oben angegebenen Fälle von Correlation zwischen den Augenflecken und der Farbe der Fiisse. Überdies haben einige Schakale und Füchse eine Spur eines weissen Ringes um die Augen, so G. mesomelas, C. aureus,  und nach Oberst H. S m i t h's Abbildung zu urtheilen, (J. Älopex  und G. thaleb.  Andere Arten haben eine Spur einer schwarzen Linie über den Augenwinkeln wie C. variegatus, cinereo-variegatus  und fulous  und der wilde Dingo. Ich möchte daher schliesseu, dass eine Neigung, gelbbraune Flecke über den Augen bei verschiedenen Zuchten von Hunden erscheinen zu lassen, dem von D esm a rest beobachteten Falle analog ist, dass nämlich, wenn irgend an einem Huude AYeiss auftritt, die Spitze des Schwanzes immer weiss ist, "de maniere ä rappeier la fache terminale de meine couleur qui caracterise la plupart des Canides sauvages." 40 Mail hat behauptet, dass unsere Haushunde nicht von AA r öi- fen oder Schakalen abslammen können, weil ihre Trächtigkeitsdauer verschieden sei. Die angeführte Verschiedenheit beruht auf Angaben von Buff on, Gilibert, Bechstein  u. A. Alan weiss aber jetzt, dass diese irrig sind und hat gefunden, dass jene Periode beim AVolf, Schakal und Hund so nahe überein- stimmt, als sich nur hätte erwarten lassen: denn bis zu einem gew issen Grade ist sie oft variabel 41 . Tessier,  welcher diesem 40  Citirt von Gervais,  Hist. nat. d. Mammif. Tom. II, p. 66. 41  J. Hunter  hat nachgewiesen, dass sicli die lange Dauer von drei- undsiebenzig Tagen, welche Buffon  angibt, leicht daraus erklärt, dass die Hündin in einem Zeitraum von sechszehn Tagen den Hund vielemale zugelassen hat (Philos. Transact. 1787, p. 253;. Hunter  fand die Trächtigkeitsdauer eines Bastards von AVolf und Ilund scheinbar dreiundsecliszig Tage (Philos. Transact. 1789, p. 160); denn sie hatte den Hund mehr als einmal zugelassen. Die Träcktigkeitsdauer eines Bastards von Hund und Schakal war neunundfünfzig Tage. Fred. Cuvier fand (Diction, class, d'hist. nat. Tom. IV, p. 8) die Trächtigkeitsdauer des AVolfes zwei Monate und wenig Tage, was mit dem Hunde übereinstimmt. Isid. Geoffroy St. Hilaire, welcher die ganze Frage erörtert hat und nach

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1. Cap. Trächtigkcitsdauer. — Geruch. 37 Gegenstände viel Aufmerksamkeit geschenkt hat, gibt für die Triichtigkeitsdauer des Hundes eine Verschiedenheit von vier Tagen zu. W. I). Fo\ gab mir drei sorgfältig beobachtete Fälle von Wasserhunden, in denen die Hündin nur einmal zum Hunde gelassen worden war. Ziddl man diesen Tag nicht, dagegen den der Geburt mit. so betrug die Dauer 59. 62 und 67 Tage. Die mittlere Dauer ist dreiundsechszig Tage. Bellingeri meint aber, dass dies nur für grosse Hunde gelte und dass bei kleineren Rassen die Dauer 60—63 Tage betrage. Mr. Eyton von Eyton, welcher viele Erfahrungen über Hunde besitzt, theilt mir auch mit, dass bei grösseren Hunden die Trächtigkeit gern länger dauere, als bei kleineren. F. Cuvier meinte, dass der Schakal wegen seines widrigen Geruchs nicht würde domesticirl worden sein; Wilde sind aber in dieser Beziehung nicht empfindlich. Auch variirt der Grad des Geruchs bei den verschiedenen Arten von Schakal 42 , und Oberst H. Smith  gründete geradezu eine Section der Gruppe darauf, dass sie nicht w idrig rieche. Andererseits verhalten sich auch Hunde, z. B. rauh- und glatthaarige Pinscher, sehr verschieden in dieser Beziehung und Godron  führt an, dass der haarlose sogenannte türkisch»! Hund stärker rieche als andere Hunde. Isidore Geoffroy 43  brachte es dahin, dass ein Hund ebenso roch, wie ein Schakal, und zwar dadurch, dass er ihn mit rohem Fleische fütterte. Der Ansicht, dass unsere Hunde von Wölfen, Schakalen, südamerikanischen Caniden und anderen Arten abstammen, steht eine viel bedeutungsvollere Schwierigkeit entgegen. Nach einer sehr weitverbreiteten Analogie zu schliessen, würden diese Thiere welchem ich Bellingeri citire, gibt an (Hist. nat. gener. T. III, p. 112), dass man im Janlin des Plantes die Trächtigkeitsdauer des Schakals zu sechszig bis dreiundsechszig Tagen gefunden hat, genau wie beim Hunde. 42  s. Isid. Geoffroy St. Hilaire, Hist. nat. gener. T. III. p. 112 über den Geruch der Schakale. — Ham. Smith  in: Natur. Libr. Vol. X, p. 289. 44  Citirt von Quatrefages  im Bullet. Societe d' Acclimation Mai 11, 1863.

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38 Hunde, deren Abstammung. 1. Cap. beim Kreuzen im nicht domesticirten Zustande in einem gewissen Grade unfruchtbar gewesen sein und alle die, welche die Abnahme der Fruchtbarkeit gekreuzter Formen als untrügliches Criterium einer specifischen Verschiedenheit ansehen, werden eine derartige Unfruchtbarkeit für beinahe gewiss halten. Wie dem auch sei, in den Ländern, welche diese Thiere gemeinsam bewohnen, halten sie sich getrennt. Auf der andern Seite sind alle Haushunde, w elche wir hier als von mehreren distincten Arten abstannnend annehmen, soweit es überhaupt bekannt ist, gegenseitig untereinander fruchtbar. Doch hat bereits Broca mit Recht bemerkt 44 , dass die Fruchtbarkeit aufeinander folgender Generationen verbastardirter Hunde niemals mit der Sorgfalt untersucht worden ist, welche man hei der Kreuzung von Arten für unentbehrlich hält. Nur wenig Thatsachen führen zu dem Schluss, dass die sexuellen Empfindungen und das Reproductiv- vermügen in den verschiedenen Hunderassen hei der Kreuzung verschieden sind, wobei wir die blosse Grösse übergehen, die die Fortpflanzung schwierig macht. Es sind die folgenden: Der mexikanische Aleo 45  liebt offenbar Hunde anderer Arten nicht, doch ist dies vielleicht nicht streng genommen eine sexuelle Empfindung; der haarlose endemische Hund von Paraguay vermischt sich nach Rengger  weniger mit den europäischen Rassen, als diese mit einander. Vom deutschen Spitzhunde führt man an, dass er den Fuchs leichter zulasse als es andere Rassen thun und Hodgkin  führt an, dass ein weiblicher Dingo in England die wilden Füchse angelockt habe. Kann man sich auf diese Angaben verlassen, so sprechen sie für einen gewissen Grad sexueller Differenz in den Hunderassen. Doch bleibt immer noch die Thatsache bestehen, dass unsere domesticirten Hunde, die doch im äusseren Bau so weit von einander verschieden sind, 44  Journal de la Physiologie Tom. II, p. 385. 45  s. Hill's vortreffliche Schilderung dieser Rasse in Gosse's Jamaica p. 338. Rengger. Säugethiere von Paraguay p. 153. In Bezug auf Spitzhunde s. Bech stein's Naturgeschichte Deutschlands 1801, Bd. I. p. 638. Wegen Hodgkin's vor der British Associat. gemachten Angabe s. The Zoologist. Vol. IV, IS 43 ,!», p. 1097.

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1. Cap. Fruchtbarkeit gekreuzter Kassen. 39 untereinander viel fruchtbarer sind, als wir von ihren angenommenen wilden Stammelten! zu glauben Ursache haben. I'allas nimmt an 4e . dass eine lange Dauer der Domestication diese Sterilität, welche die Stammart kurz nach dem Einfangen gezeigt haben würde,  beseitige. Zur Unterstützung dieser Hypothese kann man nun zwar keine bestimmten Thatsaehen anführen: ohne aber uns auf das von anderen Hausthieren dargebotene Zeugniss zu verlassen, scheint mir die Masse von Thatsaehen so stark zu Gunsten der Ansicht zu sprechen. dass unsere domesticirteri Hunde von mehreren wilden Stämmen herrühren, dass ich geneigt hin. die Wahrheit jener Hypothese zuzugehen. Mil der Theorie der Abstammung unserer domesticirlen Hunde von mehreren wilden Arten hängt noch eine andere nahe verwandte Schwierigkeit zusammen, dass sie nämlich nicht vollkommen fruchtbar mit ihren vorausgesetzten Stammformen sind. Der Versuch ist unless nicht ganz ordentlich angestellt worden. Man sollte z. B. den ungarischen Hund, der dem äusseren Ansehen nach dem europäischen Wolfe so sehr gleicht, mit diesem Wolfe, die Paria-Hunde Indiens mit indischen Wölfen und Schakalen kreuzen und so in andern Fällen. Dass die Unfruchtbarkeit zwischen gewissen Hundeformen und Wölfen und andern Caniden nur gering ist, beweisen die Wilden, welche sich die Mühe gehen, sie zu kreuzen. Buffo  n erhielt aufeinanderfolgend vier Generationen von Wolf und Hund und die Bastarde waren unter einander vollkommen fruchtbar 47 . Neuerdings indessen hat Flourens positiv angeführt, dass nach seinen zahlreichen Experimenten Hybride zwischen Wolf und Hund mit einander gekreuzt in der dritten Generation und die vom Schakal und Hund in der vierten Generation unfruchtbar werden 48 . Diese Thicre waren 4(1  Acta Acad. Petersburg 1780. Ps. II. p. 84, 100. 47 Broca bat gezeigt (Journal de Physiologie T. II. p. 353). dass But foil's Versuche oft falsch wiedergegeben worden sind. In Bezug auf die Fruchtbarkeit gekreuzter Ilunde, Wölfe und Schakale hat Broca viele Thatsaehen gesammelt (a. a. 0. p. 390—395). 48 Flourens.  de la longevite hmnaine 1855. p. 143. — Blytli  erzählt (Indian Sporting Review. Vet. II. p. 137). dass er in Indien mehrere Bastarde vom Paria-IIunde und Schakal und von einem dieser Bastarde und

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40 Hunde, deren Abstammung. 1. Cap. aber in enger Gefangenschaft und, wie wir in einem späteren Capitel sehen werden, werden viele wilden Thiere durch die Gefangenschaft in einem gewissen Grade oder seihst völlig unfruchtbar. Der Dingo, welcher sich in Australien ohne weiteres mit unseren importirten Hunden fortpflanzt, zeugte trotz wiederholter Kreuzungen im Jardin des Plantes nicht 49 . Hunde aus Centralafrika, die Major Denham mitgebracht hatte, pflanzten sich im Tower von London nicht fort 50 , und eine ähnliche Neigung zur Unfruchtbarkeit könnte auch der hybriden Nachkommenschaft eines wilden Thieres mitgetheilt werden. Ausserdem wurden offenbar in Flourens'  Experimenten die Hybride in drei oder vier Generationen in engster Inzucht miteinander gekreuzt; und doch würde dieser Umstand, obschon er fast sicher die Neigung zur Unfruchtbarknit vermehrt haben wird, kaum das Schlussresultat erklären, trotzdem es durch die enge Gefangenschaft noch erleichtert war, wenn nicht eine ursprüngliche Neigung zu einer verminderten Fruchtbarkeit vorhanden gewesen wäre. Vor mehreren Jahren sah ich im zoologischen Garten in London einen weiblichen Bastard eines englischen Hundes und eines Schakals, der selbst in dieser ersten Generation so unfruchtbar war, dass, wie mir der Wärter versicherte, er nicht einmal die Brunstzeiten regelmässig zeigte. Doch war gegenüber den zahlreichen Beispielen fruchtbarer Bastarde von diesen beiden Thieren dieser Fall sicher eine Ausnahme. Bei fast allen Experimenten über die Kreuzung von Thieren gibt es noch so viele Ursachen zum Zweifel, dass es ausserordentlich schwierig ist. zu irgend welchem positiven Schluss zu kommen. Indess scheint doch hervorzugehen, dass diejenigen, w elche unsere Hunde für die Nachkommen einem Pinscher gesehen habe. Hunter's Versuche mit dem Schakal sind bekannt. — s. auch Isid. Geoffroy St. Hilaire, Hist. nat. gener. T. III. p. 217 welcher anführt, dass die hybriden Nachkommen des Schakals drei Generationen lang vollkommen fruchtbar seien. 49  Nach der Autorität von F. Cuvier, den Bronn  in der Geschichte der Natur. Bd. II. p. 1G-1 citirt. 50  W. C. L. Martin, History of the Dog. 1845, p. 203. Philip P. King, der reichliche Gelegenheit zur Beobachtung hatte, theilt mir mit, dass sich der Dingo und europäische Hunde in Australien oft kreuzen.

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1. Cap. Verschiedenheiten der Rassen. 41 mehrerer Arten halten, nicht bloss zugeben müssen, dass deren Nachkommen nach lange dauernder Domestication meist alle Neigung zur Unfruchtbarkeit bei einer gegenseitigen Kreuzung verlieren, sondern dass zwischen gewissen Rassen von Hunden und einigen ihrer hypothetischen Staimneltern ein gewisser Grad von Unfruchtbarkeit erhalten geblieben oder möglicherweise selbst © © erlangt worden ist. Trotz der in den letzten zwei Sätzen erörterten Schwierigkeiten in Bezug auf die Fruchtbarkeit neigt sich doch die Mehrheit der Beweise entschieden zu Gunsten des mehrfachen Ursprungs unseres Hundes, zumal wenn wir die Unwahrscheinlichkeit bedenken, dass der Mensch über die ganze Erde von einer so weit verbreiteten, so leicht gezähmten und so nützlichen Gruppe, wie die Caniden sind, nur eine Art domesticirl haben soll, wenn wir ferner das ausserordentliche Alter der verschiedenen Rassen und besonders wenn wir die ausserordentliche Ähnlichkeit bedenken, welche sowohl im äussern Bau als in der Lebensweise zwischen den domesticirten Hunden verschiedener Länder und den wilden, diese Länder noch bewohnenden Arten bestehen. Verschiedenheiten zwischen den verschiedenen Rassen der Hunde. Stammen die verschiedenen Rassen von verschiedenen wilden Stämmen ab, so kann ihre Verschiedenheit offenbar zum Theil aus der ihrer Stammeltern erklärt werden. So kann z. B. die Form des Windspiels zum Theil durch seine Abstammung von irgend einem dem schlanken abyssinischen C. simensis  ähnlichen Tliiere 51  mit der verlängerten Schnauze erklärt werden, die der grösseren Hunde durch die Abstammung von den grösseren Wöl- i fen, die der kleineren und leichteren Hunde von den Schakalen. Und' vielleicht können wir auf diese Weise gewisse constitutioneile und klimatische Verschiedenheiten erklären. Es würde aber sehr irrig sein, wollten wir annehmen, es hätten ausserdem die For- 51  Küppell. Neue Wirbelthiere von Abessinien 1835—40, Säugeth., p. 39, Tab. XIV. Ein Exemplar dieses schönen Thieres ist im britischen Museum.

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42 Hunde. Menge der Hassen. 1. Cap. men nicht noch bedeutend variirt 3,4 . Die Kreuzung der verschiedenen ursprünglich wilden Stammformen und der später gebildeten Rassen hat wahrscheinlich die Gesanuntzahl der Rassen vermehrt und. wie wir gleich sehen werden, einige von ihnen bedeutend modifieirt. Aus der Kreuzung allein können wir aber den Ursprung solcher extremen Formen, wie Vollhlutwindspiele, Schweisshunde, Bulldoggen, Blenheim-Wachtelhunde, Pinscher, Möpse u. s. w. nicht erklären; wir müssten denn annehmen, dass gleicherw eise oder noch schärfer characterisirte Formen in der Natur existirt hätten. Es wird wohl aber kaum Jemand kühn genug sein, anzunehmen, dass es solche unnatürliche Formen jemals im wilden Zustande gegeben habe oder geben könne. Vergleicht man sie mit allen bekannten Gliedern der Familie der Caniden, so zeigen sie einen besonderen und abnormen Ursprung. Man kennt keinen Fall, dass Wilde solche Hunde gehalten hätten, wie Schweisshunde. Wachtelhunde, echte Windspiele; sie sind das Pro duct einer lange fortgesetzten Civilisation. Die Anzahl von Rassen und Unterrassen des Hundes ist gross. Youatt  beschreibt z. B. zwölf Arten Windspiele. Ich will nicht erst versuchen, die Varietäten aufzuzählen und zu beschreiben, denn wir können gar nicht unterscheiden, wie viel von ihrer Verschiedenheit auf Rechnung der Variation und der Abstammung von verschiedenen Stammformen zu bringen ist. Es wird sich aber der Mühe verlohnen, kurz einige Punkte anzuführen. Beginnen wir mit dem Schädel, so führt Cuvier an 3:i , der Form nach seien die Verschiedenheiten "plus fortes qua celles d'aucunes especes sauvages d'un mime genre naturel".  Das gegenseitige Verhältniss der verschiedenen Knochen, die Krümmung der Kinnladen, die Stellung der Condylen in Bezug zur Zahnebeue (worauf F. Cuvier seine Classification gründete) und hei Doggen die Form ihres hinteren Astes, die Form des Jochbogens, der Schläfengruben, die Stellung des Hinterhauptes, alles variirt beträchtlich ;>4 . Der Hund hat eigentlich sechs Paar Backzähne im Oberkiefer Selbst Pallas gibt dies zu; s. Acta Acad. I'etropol. 1780, p. 93. 51  Citirt von Isid. Gcoffroy St. Hilaire.  Hist. nat. gener. T. III, p. 453. 54  F. Cuvier in: Annales du Museum. T. XVIII, p. 337. Godron, de l'espece. T. I, p. 342. und Ham. Smith  in Naturalist's Library. Vol. IX. p. 101.

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1. Cap. Verschiedenheiten der Rassen. 43 und sieben im Unterkiefer. Mehrere Zoologen haben aber nicht selten im Oberkiefer einen Zahn mehr gesehen 00 ; und Gervais  führt an, dass es Hunde giebt, "qui ont sept paircs de dents stqnrieures et Iruit inferieures". Blainville 06  tlieilt ausführliche Details über die Häufigkeit dieser Ahweichung in der Zahl der Zähne mit und zeigt, dass nicht immer derselbe Zahn überzählig ist. Nach H. Müller 07 stehen bei kurzsclmäuzigen Rassen die Backenzähne schief, während bei langsclmäuzigen Rassen sie longitudinal stehen mit freien Stellen zwischen ihnen. Der nackte, sogenannte ägyptische oder türkische Hund hat ein äusserst unvollständiges Gebiss '' 8 , zuweilen hat er nur jeder- seits einen Backzahn. 'Wenn dies aber auch für diese Rasse charae- teristiseh ist, so muss es doch als Monstrosität betrachtet werden. Girard ° 9 , der dem Gegenstand viel Aufmerksamkeit geschenkt zu haben scheint, führt an, dass die Durchbruchszeit der bleibenden Zähne bei verschiedenen Hunden verschieden sei und bei grösseren Hunden zeitiger eintrete. So erhält die Dogge ihr erwachsenes Gebiss in vier oder fünf Monaten, der Wachtelhund dagegen zuweilen erst in sieben oder acht Monaten. ln Bezug auf untergeordnete Verschiedenheiten braucht wenig angeführt zu werden. Isidore  G co ff roy  hat gezeigt 60 , dass manche Hunde sechsmal so lang sind als andere (ohne den Schwanz) und dass das Verhältniss der Höhe zur Länge des Körpers von 1 : 2 bis 1 : 1 variirt. Beim schottischen Hirschhunde besteht eine auffallende und merkwürdige Verschiedenheit zwischen dem Männchen und Weibchen 6 '. Es ist allbekannt, wie sehr die Ohren bei den verschiedenen Rassen variiren und mit deren bedeutender Entwickelung artrophiren ihre Muskeln. Bei gewissen Hunderassen wird eine tiefe Furche zwischen den Nasenlöchern und Lippen beschrieben. Nach F. Cuvier, auf 55  Isid. Geoffroy St. Hilaire, Hist, des Anomalies 1832, T. I, p. 6(50. Gervais,  Hist. nat. d. Manimif., T. II, 1855, p. 66. Auch Blainville ( Osteograpliic. Cauidae, p. 137) hat einen überzähligen Backzahn auf beiden Seiten gesehen. 50  Osteographie Canidae, p. 137. 57  Würzburger medicinische Zeitschr. 1860, Bd. 1, p. 265. 58 Yarrell  in: Proc. Zoolog. Soc. 8. Oct. 1833. Waterhouse zeigte mir den Schädel eines dieser Ilunde, welcher nur einen einzigen Backzahn auf jeder Seite und einige unvollständige Schneidezähne hatte. 59  Citirt in: The Veterinary, London. Vol. VIII, p. 415. 60  Hist. nat. gener. T. III, p. 448. 61  W. Scrope,  Art of Deer Stalking, p. 354.

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u Hunde, deren Rassen. 1. Cap. dessen Autorität die zwei letzten Angaben beruhen, variiren die Scliwanzwirbel in der Zahl und bei Schäferhunden fehlt der Schwanz fast ganz. Die Zitzen variiren der Zahl nach von sieben bis zehn. Daubenton  untersuchte 21 Hunde und fand achtmal auf jeder Seite fünf Zitzen, achtmal jederseits vier und bei den andern auf beiden Seiten eine ungleiche Zahl 62 . Hunde haben eigentlich vorn fünf Zehen und hinten vier. Oft findet sich aber auch eine fünfte und F. Cuvier gibt an, dass wenn eine fünfte Zehe vorhanden ist, auch ein viertes Keilbein entwickelt ist. In diesem Falle erhebt sich zuweilen das grosse Keilbein und trägt an seiner innern Seite eine grosse Gelenk- fläche für den Astragalus, so dass selbst die relative Verbindung der Knochen, der constitute ste von allen Characteren, variirt. Indess haben diese Modifieatiouen an den Füssen der Hunde keine grosse Bedeutung, weil sie, wie Bla inville  gezeigt hat 63 , für Monstrositäten zu halten sind. Doch sind sie interessant, da sie in Correlation mit der Körpergrösse stehen; denn sie kommen viel häufiger bei Doggen und andern grossen Kassen, als bei kleinen Hunden vor. Indessen sind auch nahe verwandte Varietäten in dieser Beziehung verschieden. 80 giebt Hodgson an, dass die schwarz- und gelbbraune Lassa-Varietät der thibetanischen Doggen den fünften Finger besitzt, während die Mustang-Subvarietät dies Merkmal nicht besitzt. Die Ausdehnung, in welcher sich die Haut zwischen den Zehen entwickelt, variirt gleichfalls sehr, doch werden wir auf diesen Punkt zurückkommen. Wie sehr die verschiedenen Kassen in der Schärfe ihrer Sinne, in ihren Anlagen und ererbten Gewohnheiten verschieden sind, weiss Jedermann. Auch bieten die Rassen einige constitutioneile Verschiedenheiten dar. Youatt  sagt 64 , dass "der Puls nach der Rasse bedeutend variire, ebenso nach der Grösse des Thieres". Verschiedene Hunderassen sind in verschiedenem Grade verschiedenen Krankheiten unterworfen. Sicher 62  Citirt von Ilam. Smith  in Natural. Libr. Vol. X, p. 79. 63 Blain ville,  Osteographie Canidae, p. 131. F. Cuvier,  Ann. du Museum, Tom. XVIII, p. 342. Wegen der Doggen s. Ham. Smith,  Nat. Libr. Vol. X. p. 218. In Bezug auf die thibetanische Dogge s. Hodgson in: Journ. Asiat. Soc. Bengal. Vol. I, 1832, p. 342. 64  The Dog 1845, p. 186. In Bezug auf Krankheiten behauptet Youatt (p. 167). dass das italienische Windspiel Polypen im Uterus und der Vagina »sehr ausgesetzt« sei. Der Wachtelhund und der Mops bekommen gern Bronehocele (p. 182t. Die Neigung zur Laune 'p. 232) ist bei verschiedenen Rassen äusserst verschieden. Uber die Laune s. auch Hute hin son,  on Dog Breaking 1850, p. 279.

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1. Cap. Verschiedenheiten der Rassen. 45 accoimnodiren sic sich verschiedenen Klimaten, unter denen sie lange gelebt haben. Es ist notorisch, dass die meisten unserer besten europäischen Rassen in Indien verschlechtern 65 . R. Everest  glaubt 66 , dass es Niemand gelungen ist, den Neufundländer lange in Indien am Leben zu erhalten. Dies ist nach Lichtenstein 67  selbst am Cap der guten Hoffnung der Fall. Die thibetaner Dogge degenerirt in den Ebenen Indiens und kann nur im Gebirge leben Lloyd behauptet 69 , dass man Versuche mit unsern Schweisshunden und Bulldoggen gemacht habe, dass sie aber die Kälte der nordeuropäischen Wälder nicht ertragen können. Wenn wir nun sehen, in wie vielen Merkmalen die Hunderassen von einander abweichen, und wenn wir uns der Angabe Cuviers erinnern, dass ihre Schädel verschiedener sind, als die der Arten irgend eines natürlichen Genus, und uns ausserdem erinnern, wie nahe die Knochen von Wolf, Schakal, Fuchs und andern Caniden übereinstimmen, so ist es wohl zu verwundern, die Angabe immer und immer wieder zu finden, dass die Hunderassen in keinem wichtigen Merkmale von einander verschieden sind. Gervais, ein sehr competenter Richter, führt an 70 : »Si l'on prenait sans contröle les alterations do nt chacun de ces oryanes est susceptible, on pour r ait croire qu'il y a entre les chiens domestiques des differences plus grand cs qve cedes qui separent ailleurs les especes, quelquefois meine les genres«. Einige der oben aufgezählten Verschiedenheiten sind in einer Hinsicht von verhältniss- mässig geringem Werthe: denn sie characterisiren nicht bestimmte Rassen. Niemand behauptet dies für den überzähligen Backzahn oder für die Zahl der Zitzen. Der überzählige Finger ist meist bei Doggen vorhanden, und einige der wichtigeren Verschiedenheiten im Schädel und Unterkiefer sind für verschiedene Rassen mehr oder weniger characteristisch. Wir dürfen aber nicht ver- 65  s. Youatt, on the Dog, p. 15. The Veterinary, London. Vol. XI, p. 235. 66  Journ. of Asiat. Soc. Bengal. Vol. HI. p. 19. 67  Travels Vol. II, p. 15. 68 Hodgson  in: Journ. Asiat. Soc. Bengal. Vol. I, p. 342. 69  Field Sports of the North of Europe, Vol. II, p. 165. 70  Hist. nat. de Mammif 1855, T. II, p. G6, 67..

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Hunde, deren Rassen. 1. Cap. 41 ) gessen, dass in keinen) dieser Fälle die so einflussreiche Zuchtwahl angewendet worden ist. Wir finden Variabilität in wichtigen Theilen, die Verschiedenheiten sind aber nicht durch Zuchtwahl fixirt worden. Der Mensch legt Gewicht auf die Form und Geschwindigkeit seiner Windspiele, auf die Grösse seiner Doggen. auf die Stärke der Kinnladen hei seinen Bullenbcissern u. s. w., aber die Zahl der Backzähne oder Zitzen oder Finger kümmert ihn nicht. Auch wissen wir nicht, dass Verschiedenheit dieser Organe mit Verschiedenheiten anderer Organe, um die sich der Mensch kümmert, in Correlation stehen, oder in ihrer Entwickelung von ihnen abhängen. Wer die Zuchtwahl mit Aufmerksamkeit beobachtet hat, wird zugeben, dass, da die Natur die Variabilität darbietet, der Mensch, wenn er wollte, ebenso gut fünf Zehen an den Hinterfüssen gewisser Hunderassen fixiren könnte, als an den Füssen seiner Dorking-llühner. Er könnte wahrscheinlich, wenn auch viel schwieriger, ein überzähliges Paar von Backzähnen in jedem Kiefer fixiren, auf dieselbe Weise, wie er gewissen Schaafrassen überzählige Hörner gegeben hat. Wollte er eine zahnlose Hunderasse darstellen und hätte er den sogenannten türkischen Hund mit seinem unvollständigen Gebiss als Ausgangspunkt, so könnte er es wahrscheinlich Ibun: denn es ist ihm gelungen, hornlose Rinder- und Schaafrassen zu erzielen. In Bezug auf die eigentlichen Ursachen und die Schritte, auf denen sich die verschiedenen Hunderassen zu soweit von einander verschiedenen Formen entwickelt haben, sind wir wie in den meisten andern Fällen, in vollständiger Unwissenheit. Einen Theil der Verschiedenheit der äussern Form und Constitution können wir der Vererbung von verschiedenen wilden Stammformen zuschreiben, also Veränderungen, welche im Naturzustände vor der Domestication eingetreten sind. Etwas müssen wir auch der Kreuzung der verschiedenen domesticirten und natürlichen Rassen beilegen. Auf die Kreuzung der Rassen werde ich in- dess sofort zurückkommen. Wir haben bereits gesehen, wie oft Wilde ihre Hunde mit eingebornen wilden Arten kreuzen und Pennant gibt einen interessanten Bericht 71  über die Art und 11 History of Quadrupeds, 1793. Vol. I, p. 238.

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1. Cap. Mittel tier Mollification. 47 Weise wit: Fochabers in Schottland "von einer grossen Zahl von llnmlen eines iinssersl wölfischen Ansehens" bevölkert wurde durch einen einzigen in jene Gegend gebrachten Bastardwolf. Es möchte scheinen, als ob das Klima in einer gewissen Ausdehnung die Form der Hunde direct modificire. Wir haben eben gesehen, dass verschiedene unserer englischen Rassen in Indien nicht leben können, und man hat positiv behauptet, dass sie nach wenig dort gezüchteten Generationen nicht bloss in ihren psychischen Fähigkeiten, sondern auch in der Form dege- neriren. Captain Williamson 72 , welcher diesen Gegenstand sorgfältig verfolgt hat, führt an, dass Parlbrcehunde am schnellsten sinken; "auch verfallen Windspiele und Vorstehhunde sehr schnell." Wachtelhunde sind unless nach acht oder neun Generationen und ohne Kreuzung mit einem europäischen Hunde, noch so gut, wie ihre Vorfahren. Falconer tlieilt mir mil, dass man Bullenbeisser gekannt hat, welche kurz nach ihrer Importation einen Elephanteu beim Rüssel zu stellen im Stande gewesen sind, dass sie aber nach zwei oder drei Generationen an Kraft und Wildheit, gleichzeitig aber auch ihre vorstehenden Unterkiefer verloren haben; ihre Schnauzen wurden dünner, ihre Körper leichter. Englische nach Indien importirte Hunde sind so werth- voll, dass höchst wahrscheinlich eine Kreuzung mit eingebornen Hunden sorgfältig verhindert worden ist; ihre Verschlechterung kann also daraus nicht erklärt werden. Everest  erzählt mir, dass er ein Paar Hühnerhunde, in Indien geboren, erhalten habe, welche ihren schottischen Eltern vollständig glichen. Er erhielt mehrere Würfe von ihnen in Delhi, wobei er die strengsten Vor- sichlsmassregeln anwand, eine Kreuzung zu verhindern; und obgleich dies nur die zw'eite Generation in Indien war, so glückte es ihm doch nie, auch nur einen einzigen jungen Hund zu erhalten, der seinen Eltern der Grösse und Form nach gliche. Die Nasenlöcher waren zusammengezogen, die Nase spitziger, die Grösse geringer und die Glieder schlanker. Diese merkwürdige Neigung zu einer rapiden Verschlechterung bei europäischen Hun- ,2 Oriental Field Sports, citirt von Youatt. the Dog p. 15.

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48 Ilunde, deren Rassen. 1. Cap. den, die in das indische Klima versetzt wurden, kann vielleicht aus der Neigung zu einem Rückfall in den ursprünglichen Zustand erklärt werden, welche viele Thiere beim Eintritt neuer Lebensbedingungen zeigen, wie wir in einem späteren Capitel sehen werden. Einige der die verschiedenen Hunderassen characterisirenden Eigenthümlichkeiten sind wahrscheinlich plötzlich entstanden und können, obschon sie streng erblich sind, Monstrositäten genannt werden; z. B. die Form der Beine und des Körpers beim europäischen und indischen Dachs, die Form des Kopfes und das Vorhängen des Unterkiefers bei der Bulldogge und dem Mops, welche sich in dieser einen Beziehung so ähnlich, in allen andern Beziehungen so unähnlich sind. Eine plötzlich entstehende und daher in einem gewissen Sinne den Namen einer Monstrosität verdienende Eigenthümlichkeit kann unless auch durch die Zuchtwahl des Menschen verstärkt und fixirt werden. Es lässt sich kaum bezweifeln, dass lange fortgesetzte Erziehung irgend welchen directen Einfluss auf den Bau und die Instincte der Hunde gehabt habe; so bei den Windspielen das Hasenjagen, bei den Pudeln das Schwimmen, und ähnliches; auch der Mangel an Übung hat Einfluss, wie bei den Schoosshunden. Wir werden aber sofort sehen, dass die wirksamste Ursache der Änderung wahrscheinlich die beim Züchten eintretende Wahl kleiner individueller Unterschiede gewesen ist, sowohl eine methodische als eine unbewusste. Die letzte Art von Zuchtwahl ist das Resultat der während Hunderten von Generationen eintretenden zufälligen Erhaltungen derjenigen individuellen Hunde, welche für gewisse Zwecke und unter gewissen Lebensbedingungen dem Menschen am nützlichsten waren. In einem späteren Capitel über Zuchtwahl werde ich zeigen, dass selbst rohe Völker den Qualitäten ihrer Hunde eine eingehende Aufmerksamkeit schenken. Diese unbewusste Zuchtwahl von Seiten des Menschen wird nun durch eine Art natürlicher Zuchtwahl unterstützt; denn die Hunde der Wilden haben zum Theil für ihren Unterhalt selbst zu sorgen. So sind sie z. B. in Australien, wie wir von Air. Nind  hören 13 , zuweilen 13  Citirt von Galton, Domestication of Animals p. 13.

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1. Cap. Mitte] dev Modification. 49 (lurch Mangel gezwungen, ihre Herren zu verlassen und für sich selbst zu sorgen; meist kehren sie aber in wenig Tagen zurück. Wir können wohl annehmen, dass Hunde von verschiedener Form, Gi ■össe und Lebensart die beste Aussicht haben, unter verschiedenen Umständen sich zu erhalten: in offenen, unfruchtbaren Ebenen, wo sie ihre Beute durch Laufen zu erjagen haben, an felsigen Küsten, wo sie von Krabben und den in Fluthtümpeln zurückbleibenden Fischen leben müssen, wie es in Neuguinea und dem Feuerlande der Fall ist. Mr. Bridges, der Catechet der Mission im letztgenannten Lande, erzählt mir, dass die Hunde an der Küste die Steine umdrehen, um die unter ihnen liegenden Krustenlhiere zu fangen und sie sind geschickt genug, die Muscheln mit einem Schlag loszulösen; denn es ist bekannt, dass die Muscheln, wenn sie nicht so gelöst werden, eine last unbe- zwingliche Kraft der Adhäsion haben. Es wurde bereits bemerkt, dass Hunde auch in dem Grade, in welchem ihre Füsse mit Schwimmhäuten versehen sind, sich verschieden verhalten. Nach Isidore Geoffroy 74  erstreckt sich bei Hunden der Neufundland-Rasse, welche viel am oder im Wasser leben, die Haut bis zu den dritten Phalangen, während sie bei gewöhnlichen Hunden nur bis zu den zweiten reicht. Bei zwei Neulündländcrhunden, die ich untersuchte, erstreckte sich die Haut, wenn die Zehen auseinander gehalten und von unten betrachtet wurden, in einer fast geraden Linie zwischen dem äus- sern Rand der Zehnballen, während bei zwei Pinschern von verschiedenen Unterrassen die in gleicher Weise untersuchte Haut tief ausgeschnitten war. In Canada findet sich ein diesem Lande eigen Ultimi icher und dort sehr gemeiner Hund und dieser hat "Füsse mit halben Schwimmhäuten und liebt das Wasser" 7ä . Man sagt, dass englische Otterhunde Schwimmhäute an den Füssen haben. Einer meiner Freunde untersuchte die Füsse von zwei solchen Hunden im Vergleich mit den Füssen einiger Hasen- und Schweisshunde. Er fand bei allen die Ausdehnung der 74 Hist. nat. goner. T. III, p. 450. 75 Greenhow, on the Canadian Hog in Loudon's Mag. of nat. hist. Vol. VI, 1883, p. 511. Darwin,  Erster Tlieil. 4

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50 Hunde, deren Rassen. 1. Cap. Haut sehr verschieden, bei den Otterhunden aber mehr entwickelt als bei den andern 76 . Wie Wasserthiere verschiedener Ordnungen Schwimmhäute an den Füssen haben, so wird auch ohne Zweifel diese Eigenthümlichkeit des Baues den Hunden von Nutzen sein, welche oft ins Wasser gehen. Wir können getrost behaupten, dass Niemand je seine Wasserhunde nach der Ausdehnung der Haut zwischen den Füssen gezüchtet habe; alles was ein Mensch thut, ist, die Individuen zu erhalten und zur Zucht zu benutzen, welche am besten im Wasser jagen oder am besten angeschossenes Wild apportiren. Und auf diese Weise züchtet er unbewusst Hunde, deren Füsse eine um ein geringeres grössere Schwimmhaut besitzen. Er ahmt auf diese Weise sehr streng die natürliche Zuchtwahl nach. Ein ausgezeichnetes Beispiel dieses selben Vorganges finden wir in Nordamerika, wo nach Sir J. Richardson 77  alle Wölfe, Füchse und eingebornen domesticirten Hunde ihre Füsse breiter haben als die entsprechenden Arten der alten Welt und "wohl berechnet zum Laufen auf dem Schnee." In diesen arctischen Regionen wird nun oft Leben und Tod jedes Thieres von der Sicherheit abhängen, mit der es über erweichten Schnee jagen kann und dies wird zum Theil wieder von der Breite der Füsse abhängen. Diese dürfen aber nicht so breit sein, dass sie die Beweglichkeit des Thieres, wenn der Boden zähe ist, oder die Fähigkeit Höhlen zu graben oder andere Eigentümlichkeiten der Lebensweise, hindern. Mögen nun Veränderungen in domesticirten Rassen die Folge von Zuchtwahl individueller Variationen oder aus Kreuzungen resultirender Verschiedenheiten sein, so sind solche, welche so langsam erfolgen, dass sie in einer gegebenen Periode nicht bemerkt werden können, die bedeutungsvollsten zum Verständnisse des Ursprungs unserer domesticirten Arten und gleicherweise werfen sie indirect ein Licht auf die im Naturzustände erfolgenden Veränderungen. Ich will daher im Detail solche Fälle mittheilen, wie ich sie zu sammeln im Stande gewesen bin. Law- 78  s. C. 0. Groom-Napier, on the webbing of the hind feet of Otterhounds in: Land and Water. Oct. 13. 1866, p. 270. 17  Fauna boreali-americana 1829, p. 62.

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1. Cap. Mittel der Modification. 51 rence 78 , welcher der Geschichte des Fuchshundes besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat, sagt im Jahre 1829, dass vor achzig bis neunzig Jahren durch die Kunst des Züchters "ein völlig neuer Fuchshund erzogen worden sei." Die Ohren des alten südlichen Parforcehundes seien reducirt worden, die Knochen und Körpermaasse seien leichter, die Taille verlängert und die Statur etwas vergrössert worden. Man nimmt an, dass dies die Wirkung einer Kreuzung mit dem Windspiel gewesen sei, und in Bezug auf diese letztere Rasse sagt Youatt 79 , der meist vorsichtig in seinen Angaben ist, dass das Windspiel innerhalb der letzten fünfzig Jahre, d. h. vor Anfang des jetzigen Jahrhunderts, "einen etwas verschiedenen Character von dem angenommen habe, den es früher besessen hat. Es zeichnet sich jetzt durch eine schöne Symmetrie der Formen aus, deren es sich früher nicht rühmen konnte, und ist jetzt noch flüchtiger als früher. Es wird jetzt nicht mehr dazu benutzt, mit Hochwild zu kämpfen, sondern concurrirt mit seinen Genossen in einem kürzeren und schnelleren Laufe." Ein kenntnissvoller Schriftsteller 80  ist der Ansicht, dass die englischen Windspiele die allmählich verbesserten  Nachkommen der grossen rauhhaarigen Windspiele sind, welche in Schottland bereits im dritten Jahrhundert existirten. Man hat eine Kreuzung in irgend einer früheren Zeit mit dem italienischen Windspiel vermuthet; dies scheint indess kaum wahrscheinlich, wenn man die Schwäche dieser letzteren Rasse in Betracht zieht. Wie bekannt kreuzte Lord Orford  seine berühmten Windspiele, denen es an Muth fehlte, mit einem Bullen- beisser. Er wählte diese Rasse, weil ihr das Vermögen des Spürens abgeht. "Nach der sechsten oder siebenten Generation", sagt Youatt, " war nicht eine Spur der Bullenbeisserform übrig, aber sein Muth und unbezähmbare Ausdauer bestanden fort." Nach einer Vergleichung eines alten Bildes von König Karl's Wachtelhunden mit lebenden Individuen meint Youatt,  dass "die 78 The Horse in all his varieties etc. 1829, p. 230. 234. 79  The Dog, 1845, p. 31. 35; in Bezug auf den Wachtelhund König Karl's s. p. 45, in Bezug auf den Hühnerhund p. 90. 80  In der Encyclop. uf Rural Sports p. 557. 4 *

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52 Hunde, deren Rassen. 1. Cap. jetzige Rasse sich bedeutend zum Schlechteren verändert hat;" die Schnauze ist kürzer geworden, die Stirn vorragender und das Auge grösser. In diesem Falle sind die Veränderungen wahrscheinlich die Folge einfacher Zuchtwahl. Der Hühnerhund ist. wie derselbe Autor an einer andern Stelle bemerkt, "offenbar der grosse Wachtelhund, der zu seiner jetzigen eigenthümlichen Grösse und Schönheit verbessert und gelehrt wurde, das Wild auf eine andere Weise anzuzeigen. Wäre die Form des Hundes für diesen Funkt nicht hinreichend überzeugend, so könnten wir zur Geschichte unsere Zuflucht nehmen." Er bezieht sich dann auf ein Document von 1685, welches auf diesen Gegenstand Bezug hat und fügt hinzu, dass der reine irische Hühnerhund kein Zeichen einer Kreuzung mit dem Vorstehehund erkennen lässt, welche, wie manche Schriftsteller vermuthen, bei dem englischen Hühnerhund eingetreten ist. Ein anderer Schriftsteller 81  bemerkt, dass wenn die Dogge und der englische Bullenbeisser früher so verschieden gewesen wären, als sie es jetzt sind (d. h. 1828), ein so sorgfältiger Beobachter wie der Dichter Gay (Verf. der Rural Sports, 1711) in seiner Fabel vom Ochsen und dem Bullenbeisser und nicht vom Ochsen und der Dogge gesprochen haben würde. Jetzt, wo die Bulldoggen nicht mehr zur Ochsenhetze benutzt werden, unterliegt es keinem Zweifel, dass die Spielarten der Bullenbeisser ohne ausdrückliche Absicht seitens der Züchter bedeutend in der Grösse reducirt worden sind. Unsere Vorstehhunde stammen sicher von einer spanischen Rasse ab, wie man selbst aus den Namen Don, Ponto, Carlos u. s. w. schliessen könnte. Man sagt, dass sie in England vor der Revolution 1688 unbekannt waren 82 . Seit ihrer Einführung aber ist die Rasse sehr modificirt worden; denn Mr. Borrow, welcher Jagdliebhaber ist und Spanien sehr genau kennt, theilt mir mit, dass er in diesem Lande keine Rasse gesehen habe, die "in der ganzen F'i- gur unserm englischen Vorstehhund entspräche. In der Nähe von Xeres finden sich aber echte Vorstehhunde, die von England 81 The Farrier, 1828. Vol. I, p. 337. 82  s. Hamilton Smith,  über das Alter der Vorstehhunde in: Naturalist's Library. Vol. X, p. 190.

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1. Cap. Mittel zur Modification. 53 dort eingeführt sind." Einen nahezu parallelen Fall bietet der Neufundländer-Hund dar, der sicher aus jenem Lande nach England gebracht wurde, der aber seitdem so sehr modificirt worden ist, dass er jetzt keinem in Neufundland existirenden ein- gebornen Hunde ähnlich ist, wie mehrere Schriftsteller bemerkt haben 8:i . Diese verschiedenen und langsamen Veränderungen bei un- sern englischen Hunden bieten ziemliches Interesse dar; denn sind auch die Veränderungen meist, wenn auch nicht ausnahmslos durch eine oder zwei Kreuzungen mit einer verschiedenen Rasse bewirkt worden, so können wir doch nach der bekannten ausserordentlichen Variabilität gekreuzter Rassen sicher sein, dass strenge und lange fortgesetzte Zuchtwahl ausgeübt worden sein muss, um sie in einer bestimmten Weise zu verbessern. Wenn irgend eine Linie oder Familie um ein Geringes verbessert oder veränderten Ihnständen besser angepasst wurde, so wird sie streben, ältere und wenig verbesserte Linien zu verdrängen. Sobald z. B. der alte Fuchshund durch eine Kreuzung mit dem Windspiel oder durch einfache Zuchtwahl verbessert war, und seinen jetzigen Character angenommen hatte — und diese Veränderung wurde wahrscheinlich durch die grössere Geschwindigkeit unserer Jäger nöthig — verbreitete er sich schnell über das ganze Land, und ist jetzt fast überall von gleicher Form. Dieser Verbesse- rungsprocess dauert aber noch immer fort; denn Jedermann sucht seine Zucht dadurch zu verbessern, dass er sich gelegentlich Hunde von bester Zucht zu verschaffen sucht. Durch diesen Process der allmählichen Verdrängung ist der alte englische Parforce- hund verloren worden; dasselbe ist der Fall gewesen mit dein alten irischen Windspiel und wohl auch mit der alten englischen Bulldogge. Das Aussterben früherer Rassen wird aber offenbar noch durch eine andere Ursache befördert; denn wenn irgend 83  Man glaubt, der Neufundländer Hund sei durch eine Kreuzung zwischen dem Eskimo-Hunde und einem grossen Französischen Parforcehunde entstanden s. Hodgkin,  British Assoc. 1844. Bechstein,  Naturgesch. Deutschlands Bd. 1, p. 574. Naturalist's Libr. Vol. X. p. 132. — s. auch Jukes.  Excursion in and about Newfoundland.

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54 Katzen, 1. Cap. eine Rasse nur in geringer Zahl gehalten wird, wie es jetzt mit dem Schweisshunde der Fall ist, so ist er nur mit Schwierigkeit zu züchten; und das ist offenbar eine Folge der üblen Folgen lange fortgesetzter enger Inzucht. Durch Zuchtwahl der in vielen Fällen durch Kreuzungen mit andern Rassen modificirten besten Individuen sind verschiedene Rassen des Hundes zwar wenig, aber merkbar, selbst in einer so kurzen Periode, wie die letzten hundert oder zweihundert Jahre modificirt worden. Und hieraus wie aus dem später noch zu erörternden Umstande, dass das Züchten von Hunden, wie noch jetzt von Wilden, so in alter Zeit bereits geübt wurde, können wir schliessen, dass die Zuchtwahl, selbst wenn sie nur gelegentlich ausgeführt wird, ein wirksames Mittel der Modification darstellt. Hauskatzen. Katzen sind im Orient schon seit Alters her domesticirt worden. Mr. Blytli theilt mir mit, dass sie in einer 2000 Jahre alten Sanskrithandschrift erwähnt worden, und ihr Alter in Ägypten ist bekanntlich noch grösser, wie ihre monumentalen Zeichnungen und ihre mumificirten Körper beweisen. Nach Blain- ville,  der diesen Gegenstand besonders studirt hat S4 , gehören diese Mumien nicht weniger als drei Arten an; nämlich F. cali- gulata, bubastes  und chaus.  Die beiden erst genannten Arten soll man sowohl wild als domesticirt in einigen Theilen Ägyptens noch jetzt finden. Im Vergleich zur Hauskatze Europa's bietet F. ccüigulata  am ersten unteren Milchbackzahn eine Verschiedenheit dar, welche Blainville  zu dem Schluss veranlasste, dass sie nicht zu den Stammformen unserer Katzen gehöre. Mehrere Zoologen, wie Pallas, Temminck,  B1 yth  glauben, dass die Hauskatzen die Nachkommen mehrerer gemischter Arten sind. Sicher kreuzen sich Katzen leicht mit verschiedenen wilden Arten und es möchte wohl scheinen, als sei der Character 84  Blainville,  Osteographie, Felis, p. 65, über den Character der F ealigulata ; p. 85, 89, 90, 175 über die andern mumificirten Arten. Er citirt Ehrenberg  über das mumificirte Vorkommen von F. ma- niciilntii.

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1. Cap. deren Abstammnng. 55 der domestieirten Rasse wenigstens in manchen Fällen hierdurch afficirl worden. Sir W. Jardine  zweifelt nicht daran, dass "im Norden von Schottland die Hauskatze sich gelegentlich mit unserer wilden Katze (F. sylvestris)  kreuze und dass das Resultat dieser Kreuzungen in unseren Häusern gehalten werde." Er fügt hinzu: "Ich habe viele der wilden Katze äusserst ähnliche Katzen gesehen, und eine oder zwei davon konnte man kaum von jener unterscheiden." Zu dieser Stelle bemerkt Rlyth 8S : "Solche Katzen sind aber in den südlichen Theilen von England nie gesehen worden. Doch ist, vergleicht man die gewöhnliche englische Katze mit irgend einer indischen zahmen, die Verwandtschaft der ersteren mit F. sylvestris  offenbar. Auch hängt dieselbe, wie ich vermuthe, von einer häufigen Kreuzung zu einer Zeit ab, in welcher die zahme Katze zuerst nach England eingeführt wurde und noch selten war, während die wilde Art noch viel häufiger war, als jetzt." Nach glaubwürdigen Zeugen versicherte man in Ungarn Jeitteles S6 , dass eine männliche wilde Katze sich mit einer weiblichen Hauskatze gekreuzt habe und dass die Bastarde lange im domestieirten Zustande gelebt haben. In Algier hat sich die Hauskatze mit der wilden Katze jenes Landes (F. lybica ) gekreuzt 87 . E. Layard  theilt mir mit, dass sich die Hauskatzen in Südafrika oft mit der wilden F. caffra vermischen. Er hat ein Paar Bastarde gesehen, welche völlig zahm und ganz besonders der Dame zugethan waren, welche sie aufgezogen hatte. Auch fand Fry, dass diese Bastarde fruchtbar sind. Nach Blyth  hat sich in Indien die Hauskatze mit vier indischen Species gekreuzt. In Bezug auf eine dieser Arten, F. chavs, theilt mir ein ausgezeichneter Beobachter, Sir W. Elliot, mit. dass er einmal in der Nähe von Madras eine wilde Brut geschossen habe, die offenbar Bastarde von der Hauskatze 85 Asiatic Soc. of Calcutta; Curator's Report. Aug. 1856. Die Stelle von Sir W. Jardine  ist diesem Report entlehnt. Blyth,  welcher die wilden und domestieirten Katzen Indiens besonders aufmerksam beobachtet hat, gibt in diesem Bericht eine sehr interessante Erörterung über ihren Ursprung. 86  Fauna Hungariae Super. 1862, p. 12. 87 Isid. Geoffroy St. Hilaire,  Hist. nat. gener. T. III, p. 177.

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56 Katzen. 1. Cap. waren. Diese jungen Thiere hatten einen dicken Iuchsiilinlichen Schwanz und den breiten braunen Streifen an der inneren Seile des Vorderarmes, welcher F. chaus  eharactcrisirt. Sir W. Elliot fügt noch hinzu, dass er bei Hauskatzen in Indien dieselben Streifen am Vorderarme oft beobachtet habe. Blytli  gibt an, dass fast wie F. chaus  gefärbte, aber dieser Art der Form nach unähnliche Hauskatzen in Bengalen sehr häufig sind: er fügt hinzu: "Eine solche Färbung ist bei europäischen Katzen vollständig unbekannt und die eigenthümlich fleckigen Zeichnungen, die bei englischen Katzen so gemein sind (blasse Streifen auf dunklem Grunde in eigenthümlicher und symmetrischer Anordnung) sieht man bei Katzen in Indien nie." I)r. Short  versicherte Mr. Blytli 88 , dass zu Hansi Bastarde von der gemeinen Katze und F. ornata ( oder torquata)  Vorkommen und dass viele Hauskatzen jenes Theiles von Indien von der wilden F. ornata  nicht zu unterscheiden sind. Azara  gibt, freilich nur nach der Autorität der dortigen Bewohner an, dass in Paraguay sich die Katze mit zwei eingebornen Arten gekreuzt habe. Aus diesen verschiedenen Fällen sehen wir, dass die gemeine Katze, die ein freieres Leben führt, als die meisten anderen domesticirten Thiere, sich in Europa, Asien, Afrika und Amerika mit verschiedenen wilden Arten gekreuzt hat und dass in einigen Fällen die Kreuzung hinreichend häufig eingelreten ist, um den Character der Rasse zu affieiren. Mögen nun auch die Hauskatzen von verschiedenen distinc- ten Arten abstammen, oder nur durch gelegentliche Kreuzungen modificirt worden sein, so ist doch ihre Fruchtbarkeit, soviel bekannt ist, nicht beeinträchtigt worden. Die grosse Angora- oder persische Katze ist nach Bau und Lebensweise die distineteste aller domesticirten Rassen. Pallas  glaubt, aber ohne besondere Beweise, dass sie von der F. Manul  Mittelasiens abstamme. Mr. B 1 y t h versichert mich aber, dass diese Katze sich häufig mit indischen Katzen fortpflanze, die, wie wir bereits gesehen haben, offenbar stark mit F. chaus  gekreuzt sind. In England sind 88 Proceed. Zool. Soc. 1803, p. 184.

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1. Cap. Variiren derselben. 57 Halbblut-Angorakatzen mit der gemeinen Katze vollkommen l'rueht- bar. Ich weiss nicht, ob die Halbblut-Individuen unter einander fruchtbar sind, da sie aber in manchen Theilen Europa's häufig sind, so würde ein irgend merklicher Grad von Unfruchtbarkeit kaum der Bemerkung entgangen sein. Innerhalb eines und desselben Landes finden wir keine distincten Katzenrassen, wie wir verschiedene Rassen von Hunden und von den meisten andern Hausthieren finden. Trotzdem bieten die Katzen desselben Landes eine ziemlich ausgedehnte schwankende Variabilität dar. Die Erklärung hiervon liegt offenbar darin, dass nach der nächtlichen und herumtreibenden Lebensweise völlig bunte Kreuzungen ohne viel Mühe nicht verhindert werden können. Eine Zuchtwahl kann man nicht eintreten lassen, um bestimmte Rassen zu erzielen oder die aus fremden Ländern importirten distinct zu erhalten. Auf der andern Seite treffen wir auf Inseln und in völlig von einander getrennten Ländern mehr oder weniger verschiedene Rassen und diese Fälle verdienen um so mehr der Erwähnung, als sie zeigen, dass die Seltenheit distincter Rassen in demselben Lande nicht eine Folge des Mangels an Variabilität in dem Thier ist. Die schwanzlose Katze der Insel Man soll von den gewöhnlichen Katzen nicht bloss im Mangel des Schwanzes, sondern auch in der grösseren Länge der Hinterbeine, in der Grösse des Kopfes und in der Lebensweise abweichen. Die Creolenkatze von Antigua ist, wie mir Mr. Nicolson  mittheilt, kleiner und hat einen längeren Kopf als die englische Katze. Mr. Thwaites  theilt mir brieflich mit, dass in Ceylon Jedermann sofort das von dem englischen Tliiere verschiedene Ansehen der eingebornen Katze bemerkt. Sie ist klein, mit dicht anliegendem Haar, ihr Kopf ist klein, mit zurücktretender Stirn, die Ohren sind aber gross und spitz, sie haben durchaus, was man dort ein "niederes" Ansehen nennt. Rengger 89 sagt, dass die nun schon 300 Jahre in Paraguay gezüchtete Hauskatze eine auffallende Verschiedenheit von der europäischen darbietet. Sie ist um *4 kleiner, hat einen schlankeren Körper, S9  Säugethiere von Paraguay 1830, p. 212.

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58 Katzen. 1. Cap. ihr Paar ist kurz, glänzend, dünn und liegt dicht an, besonders am Schwanz. Wie er hinzufügt, ist die Verschiedenheit in As- censim, der Hauptstadt von Paraguay, geringer in Folge beständiger Kreuzung mit neu importirten Katzen und diese Thatsache erläu.ert sehr treffend die Bedeutung eines räumlichen Getrenntseins. Die Lebensbedingungen in Paraguay scheinen der Katze nicht sehr günstig zu sein, obgleich sie halb wild herumlaufen, werden sie doch nicht vollkommen wild, wie so viele andere euro{äische Thiere. Nach Roulin 90  hat in einem andern Theile von Südamerika die dort eingeführte Katze die Gewohnheit ihres widrigen nächtlichen Geheuls verloren. W. D. Fox kaufte in Portsmouth eine Katze, die, wie man ihm sagte, von der Küste von Guinea kam. Ihre Haut war schwarz und faltig, der lelz blaugrau, kurz, die Ohren fast nackt, die Beine lang und das ^anze Ansehen eigenthümlich. Diese "Negerkatze" war mit der remeinen Katze fruchtbar. Capt. Owen  gibt an 91 , dass auf der  entgegengesetzten Küste von Africa, in Mombas, alle Katzen kurze, steife Haare haben, statt eines Pelzes; er gibt eine merkwürdige Beschreibung einer Katze von der Algoa-Bay, die eine Zeit lang an Bord des Schiffes gehalten wurde und deren Ident tät mit Sicherheit nachzuweisen war. Dieses Thier wurde nur icht Wochen lang in Mombas gelassen, aber während dieser kurzen Zeit "erlitt es eine vollständige Metamorphose, indem es seinei rothfarbigen Pelz verlor". Des märest  beschreibt bei einer Katze vom Cap der guten Hoffnung einen merkwürdig ro- then streifen längs des ganzen Rückens. Ober ein ungeheures Gebiet, nämlich den malayisehen Archipel, Siam, Pegu und Burmah t habet alle Katzen abgestutzte Schwänze, nur von der halben gewöhn ichen Länge 92 , und oft mit einer Art Knoten am Ende. Auf cem Carolinen-Archipel haben die Katzen sehr lange Beine 91 Memoir, pres. p. cliv. Sav. Acad. R. des Sciences, T. VI, p. 346. Gomira  erwähnt diese Thatsache zuerst 1554. 9  Narratife of Voyages. Vol. II, p. 180. 9:  J. Crawfurd,  Descript. Diet, of the Indian Islands, p. 255. Die Katze von Madagascar soll einen gedrehten Schwanz haben, s. Desmarest in:  Eicyclop. meth. Mamm. 1820. p. 233, in Bezug auf einige andere Rassen.

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1. Cap. Deren Yariiren. 59 und sind von einer rötldich gelben Farbe 93 . In China hat eine Rasse hängende Ohren; in Tobolsk giebt es nach Gnielin  eine rothe Rasse, auch linden wir in Asien die bekannte Angora- oder persische Rasse. Die Hauskatze ist in mehreren Ländern verwildert und nimmt überall, soweit man, nach den kurz mitgetheilten Beschreibungen urtheilen kann, einen gleichmässigen Character an. In der Nähe von Maldonado in La Plata schoss ich eine scheinbar völlig wilde. Mr. Waterhouse 94 , der sie sorgfältig untersucht hat, fand an ihr nichts Merkwürdiges, ausser ihrer bedeutenden Grosse. In Neuseeland nimmt nach Dieffenbach  die wilde Katze eine streifig graue Farbe an und dasselbe ist der Fall bei den halbwilden Katzen der schottischen Hochlande. Wir sehen, dass weit von einander liegende Länder verschiedene domesticirte Katzenrassen besitzen. Die Verschiedenheiten können zum Theil von der Abstammung von verschiedenen ursprünglichen Arten oder wenigstens von Kreuzungen mit diesen abhängen. In manchen Fällen, wie in Paraguay, Mombas und Antigua scheinen die Verschiedenheiten eine Folge der directen Einwirkung verschiedener Lebensbedingungen zu sein. In andern Fällen kann man möglicherweise der natürlichen Zuchtwahl eine geringere Wirkung beilegen, da Katzen in vielen Fällen sich im Ganzen selbst zu erhalten und verschiedenen Gefahren zu entgehen haben. In Folge der Schwierigkeit aber, Katzen zu paaren, ist vom Menschen durch eine methodische Zuchtwahl nichts geschehen und wahrscheinlich sehr wenig durch unbewusste Zuchtwahl, trotzdem, dass er bei jeder Brut meist die hübschesten erhält, und eine gute Rasse von Mäuseoder Rattenfängern am meisten schätzt. Die Katzen, welche eine starke Neigung besitzen, auf Wild zu jagen, werden meist durch Fallen zerstört. Da Katzen so viel gehätschelt werden, so würde eine Zucht, die in demselben Verhaltniss zu andern 93  Admiral Lütke's  Reise. Vol, III, p. 308. 94 Zoology of the Voyage of the Beagle. Mammalia, p. 20. Dieffen- bach,  Travels in New-Zealand. Vol. II, p. 185. Ch. St. John,  Wild Sports of the Highlands 1846, p. 40.

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60 Katzen. 1. Cap. Katzm steht, wie Schoosshunde zu andern Hunden, sehr werthvoll gewirden sein, und hätte man Zuchtwahl amvenden können, so würten wir sicher in jedem civilisirten Lande viele Rassen besitzet; denn die Variabilität, von der wir ausgehen können, ist gros;. tVir finden hier in England beträchtliche Verschiedenheiten in du -  Grösse, etwas Verschiedenheit in den Körperproportionen und 'ine ausserordentliche Variabilität in der Färbung. Ich habe dem Gegenstände erst neuerdings Aufmerksamkeit zugewendet, habe aber bereits von manchen eigenthümlichen Fällen von Va- riirei gehört: so von einer Katze aus Westindien, die zahnlos geboen war und es ihr Lebenlang blieb. Te ge tin ei er zeigte mir len Schädel einer weiblichen Katze, deren Eckzähne so stark entwckelt waren, dass sie unbedeckt über die Lippen hinaus- ragtoi; der Zahn war mit seiner Wurzel 0,95", der über das Zalmleisch vorspringende Theil 0.6" lang. Ich habe von einer Fannie sechszehiger Katzen gehört. Der Schwanz \ariirt sehr in dir Länge; ich habe eine Katze gesehen, die ihren Schwanz allenal platt auf dem Rücken trug, wenn sie sich behaglich fühlte. Die Ihren variiren in Form und manche Abstammungszweige hier in England besitzen erblich einen pinselartigen, über 1 l i " langm Haarbüschel an der Spitze ihrer Ohren; dieselbe Eigen- thümichkeit zeichnet nach Blyth  manche indischen Katzen aus. Die (rosse Variabilität in der Länge des Schwanzes und die luchsirtigen Haarbüschel an den Ohren sind offenbar den Ver- schielenheiten gewisser wilder Arten der Gattung analog. Eine Versihiedenheit von viel grösserer Bedeutung ist nach Daubenton B , dass der Darmkanal der Hauskatzen weiter und um l h länge -  ist, als bei wilden Katzen derselben Grösse; und dies ist offeniar die Folge von ihrer weniger strengen carnivoren Kost. 9;  Citirt von Isid. Geoffroy St. Hilaire,  Hist. nat. gtntfr. T. III, p. 427

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Zweites G&pitel. Pferde und Esel. Pferd. — Verschiedenheiten der Kassen. — Individuelle Variabilität derselben. — Directe Wirkungen der Lebensbedingungen. — Können viel Kälte ertragen. — Rassen durch Zuchtwahl sehr modificirt. — Färbung des Pferdes. — Schecken. — Dunkle Streifen am Rückgrat, den Beinen, Schultern und Stirn. — Graubraune (dun)  Pferde am häufigsten gestreift. — Die Streifen wahrscheinlich eine Folge der Rückkehr zum primitiven Zustand des Pferdes. — Esel. — Rassen desselben. — Färbung der Esel. — Bein- und Sehulter- streifen. — Schulterstreifen fehlen zuweilen, sind zuweilen gablig. Die Geschichte des Pferdes verliert sich im Alterthum. Reste dieses Thieres in einem doinesticirten Zustande sind in den Schweizer Pfahlbauten gefunden worden, die zu der spätem Zeit der Steinperiode gehören h Wie man aus jedem Werke filter das Pferd sehen kann 1 2 , ist die Zahl der Rassen der Jetztzeit sehr gross. Betrachten wir nur unsere eingebornen Pony's, so lassen sich die von den Shetland-Inseln, von Wales, von New- Forest und Devonshire unterscheiden. Dasselbe gilt für jede einzelne Insel in dem grossen malayischen Archipel 3 . Einige der 1 Rütimeyer,  Fauna der Pfahlbauten 1861, p. 122. 2  s. Youatt, on the Horse. J. Lawrence, on the Horse 1829. W. C. L. Martin.  History of the Horse 1845. Ham. Smith,  in: Natur. Libr. »Horses« 1841. Vol. XII. Veith,  die Naturgeschichte der Haus- säugcthiere 1856. 3 Crawfurd,  Descript. Diet, of Indian Islands 1856, p. 153. »Es gibt viele verschiedene Rassen, jede Insel hat wenigstens eine ihr eigenthüm- liche.« Auf Sumatra finden sich mindestens zwei, in Achin und Batubara eine, in Java mehrere, eine in Bali, Lemboc, Sumbawa (eine der besten), Tambora, Bima, Gunung-Api, Celebes, Sumba und den Philippinen. Andere Rassen führt Zollinger auf im Journ. of the Indian Archipelago. Vol. V, p. 343.

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62 Pferde. 2. Cap. Zuchten bieten grosse Verschiedenheiten in Grösse, Form der Ohren, Länge der Mähne, Körjierproportion, Form des Widerrist's und der Croupe und besonders im Kopfe dar. Man vergleiche die Grösse eines Renners, eines Karrengaules und eines Sliet- land-Pony's, deren Gestalt und Disposition, und man wird sehen, um wie vieles die Verschiedenheit dieser von einander grösser ist, als die zwischen den 6 oder 7 andern lebenden Arten der Gattung Equus. Von individuellen Variationen, die keine der bekannten Rassen besonders characterisiren und nicht gross genug oder schädlich genug sind, um Monstrositäten genannt zu werden, habe ich nicht viel gesammelt. Mr. G. Brown  vom Cirencester Agricultural College, welcher der Dentition unserer Hausthiere besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat, schreibt mir, dass er "mehremal acht bleibende Schneidezähne statt sechs in jeder Kinnlade beobachtet hat". Eigentlich haben nur männliche Pferde Eckzähne, gelegentlich sind sie aber, wenn auch von unbedeutender Grösse, bei der Stute zu finden 4 . Die Zahl der Rippen beträgt eigentlich 18; Youatt 5  behauptet aber, dass er nicht selten 19 auf jeder Seite finde, wobei die überzählige stets die hinterste Rippe ist. Ich habe mehrere Notizen über Variationen in den Fussknochen gefunden. So spricht Mr. Price 6  von einem überzähligen Knochen in der Ferse, von gewissen abnormen Erscheinungen im Gelenk, zwischen Tibia und Astragalus, w elches beides bei irischen Pferden sehr häufig und keine Folge von Krankheit sei. Nach Gau dry 7  sind oft Pferde beobachtet worden, welche ein Trapezium und ein Rudiment eines fünften Mittelhandknochens besassen, so dass man "in Folge einer Monstrosität eine Structur am Pferdefuss auftreten sieht, welche am Fusse des Hipparion (einem verwandten ausgestorbenen Thier) normal exi- stirte". In verschiedenen Ländern sind hornartige Vorsprünge auf dem Stirnbein des Pferdes beobachtet worden; in einem von 4 » The Horse« etc. by John Lawrence  1829, p. 14. 5 The Veterinary, London. Vol. V, p. 543. 8  Proc. Veterin. Assoc, in: The Veterinary. Vol. XIII, p. 42. 1  Bullet. Soe. Geolog. T. XXII, 1866, p. 22.

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2. Cap. Variiren derselben. 63 Percival beschriebenen Falle entsprangen sie ungefähr zwei Zoll über den Orbitalfortsätzen und waren "denen eines Kalbes von 5—6 Monaten sehr ähnlich, da sie einen halben bis drei Viertel Zoll lang waren 8 . Azara  hat aus Südamerika zwei Fälle beschrieben, wo die Vorsprünge zwischen drei bis vier Zoll lang waren. Andere Fälle sind in Spanien vorgekommen. Dass beim Pferd Variationen sehr vererbt worden sind, kann man nicht bezweifeln, wenn man die Zahl der auf der ganzen Erde oder selbst in einem Lande existirenden Zuchtrassen betrachtet; und man weiss ja ferner, dass sie seit den frühesten bekannt gewordenen Berichten sehr an Zahl zugenommen haben 9 . Selbst mit Bezug auf einen so schwankenden Character als die Färbung, fand doch Hofacker 10  unter 216 Fällen, in denen Pferde von derselben Farbe gepaart wurden, dass nur 11 Paar Junge eine verschiedene Färbung erzeugten. Die englischen Rennpferde bieten, wie Prof. Low * 11  bemerkt hat, die bestmöglichsten Zeugnisse für die Vererbung dar. Will man über ihren wahrscheinlichen Erfolg sich ein Urtheil bilden, so ist der Stammbaum eines Renners von grösserem Wer the, als seine äussere Erscheinung. "King Herod " gewann im Rennen 201,505 Pf. St. und erzeugte 497 Sieger; »Eclipse" erzeugte 334 Sieger. Ob die Verschiedenheit zwischen den verschiedenen Rassen im Ganzen Folge einer Variation ist, ist zweifelhaft. Nach der Fruchtbarkeit der verschiedensten Rassen 12  bei der Kreuzung 8  Percival (vom Enniskillen Dragoner regiment) in: The Veterinary. Vol. I, p. 224. s. Azara,  des Quadrupedes du Paraguay. T. II, p. 313. Der französische Übersetzer von Azara  weist noch auf andere in Spanien vorgekommene Fälle hin, welche Huzard  erwähnt hat. 9 Godron,  de l'espeee, Tom. I, p. 378. 10  Über die Eigenschaften u. s w. 1828, p. 10. 11 Domesticated Animals of the British Islands, p. 527, 532. In alien Aufsätzen und Abhandlungen von Veterinären, welche ich gelesen habe, betonen sämmtliche Schriftsteller die strenge Erblichkeit aller guten und schlechten Neigungen und Eigenschaften beim Pferde. Vielleicht ist das Princip der Vererbung hier factisch nicht stärker als bei irgend einem andern Thier; wegen des hohen Werthes ist diese Neigung hier aber sorgfältiger beobachtet worden. 12 Andrew Knight kreuzte so verschiedene Rassen mit einander wie

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64 Pferde. 2. Cap. haben die Naturforscher alle Hassen meist als von einer einzigen Art zbstammend angesehen. Nur wenige werden mit Oberst H. Smith  übereinstimmen, welcher annimmt, dass sie von nicht weniger als fünf ursprünglichen und verschieden gefärbten Stämmen herrühren l3 . l)a aber mehrere Arten und Varietäten vom Pferd während der späteren tertiären Periode existirten 14  und da Rütimeyer  Verschiedenheiten in der Grösse und Form des Schädels in den frühest bekannt gewordenen domesticirten Pferden fand 15 , so sollten wir doch nicht für sicher annehmen, dass alle unsere Rassen von einer einzigen Art abstammen. Da die Wilden von Nord- und Südamerika bekanntlich die wilden Pferde leicht zähmen, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass Wilde in den verschiedenen Theilen der Erde mehr als eine eingeborne Art oder natürliche Rasse domesticirt haben. Gegenwärtig kennt man kein ursprünglich oder wirklich wildes Pferd; denn mehrere Autoren halten dafür, dass die wilden Pferde des Orients nur entlaufene Hauslhiere sind l0 . Sind unsere domesticirten Rassen von mehreren Arten oder natürlichen Rassen entsprungen, so sind sie offenbar alle im wilden Zustande ausgestorben. Nach unserer jetzigen Kenntniss ist die gewöhnliche Ansicht, dass alle von einer einzigen Art abstammen, vielleicht die wahrscheinlichste. In Bezug auf die Ursachen der Modificationen, welche die Pferde erlitten haben, scheinen die Lebensbedingungen eine beträchtliche directe Wirkung hervorzurufen. D. Forbes, welcher ausgezeichnete Gelegenheit gehabt hat, die spanischen Pferde mit j den südamerikanischen zu vergleichen, theilt mir mit, dass die einen Karrengaul und einen norwegischen Pony. s. A. Walker, on Intermarriage 1838, p. 205. 13 Naturalist's Library, Horses. Vol. XII, p. 208. 14 Gervais, Hist. nat. Mammif. T. II, p. 143. Owen,  Brit. Fossil Mammals, p. 383. 15  Kenntniss der fossilen Pferde, 1863, p. 131. 16  W. C. L. Martin (The Horse 1845, p. 34) macht im Verlauf eines Raisomements gegen die Annahme, dass die wilden Pferde des Orients nur verwildert sind, die Bemerkung, wie es doch unwahrscheinlich sei, dass der Mensch in früheren Zeiten eine Art in Gegenden vernichtet habe, wo sie jetzt ia grosser Anzahl leben kann.

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2. Cap. Variiren derselben. 65 Pferde von Chile, welche unter last denselben Bedingungen wie ihre Stammeltern in Andalusien gelebt haben, unverändert bleiben, während die Pampas-Pferde und die Puno-Ponys beträchtlich mo- dificirt sind. Man kann nicht zweifeln, dass die Grösse der Pferde beträchtlich reducirt und ihr Äusseres verändert wird, wenn sie auf Bergen und Inseln leben, und dies ist offenbar Folge eines Mangels an ausgiebiger oder verschiedenartiger Nahrung. Alle Welt weiss, wie klein und zottig die Ponies auf den nördlichen Inseln und auf den Bergen von Europa sind. Corsica und Sardinien haben ihre eingebornen Ponies und auf einigen Inseln an der Küste von Virginien waren 17  oder sind noch Ponies, welche denen der Shetlandsinseln ähnlich sind und dadurch entstanden sein sollen, wie man glaubt, dass sie ungünstigen Bedingungen ausgesetzt worden sind. Die Puno-Ponys, welche die höheren Gegenden der Cordilleren bewohnen, sind nach Mit- theilungen von D. Forbes eigenthümlich kleine Geschöpfe, die ihren spanischen Voreltern sehr ungleich sind. Weiter südlich auf den Falkland-Inseln sind die Nachkommen der 1764 impor- lirten Pferde bereits in Bezug auf Grösse 18  und Kraft so verschlechtert, dass man sie nicht mehr zum Einfangen wilder Rinder mit dem Lasso benutzen kann. Man muss daher zu diesem Zwecke frische Pferde mit grossen Kosten von La Plata dahin bringen. Die geringere Grösse der Pferde sowohl auf südlichen als nördlichen Inseln und auf mehreren Bergketten kann kaum von der Kälte verursacht worden sein, da eine ähnliche Verkümmerung auf den Inseln bei Virginien und im mittelländischen Meere eingetreten ist. Das Pferd kann einer intensiven Kälte widerstehen, denn wilde Heerden leben auf den Ebenen von Sibirien unter 56° n. Br. ,9 ; und ursprünglich muss das Pferd Länder bewohnt 17 Transact. Maryland Academy. Vol. I, P. I, p. 28. 18 Mackinnon on »The Falkland Islands«, p. 25. Die mittlere Höhe,, der Pferde der Falkland-Inseln wird auf 14 Hand 2 Zoll angegeben; s. auch mein »Journal of Researches«. Pallas,  Acta Acad. Petersb. 1777. P. II, p. 265. In Bezug auf den Instinct der Tarpans, den Schnee wegzuscharren s. Ham. Smith, Natur. Lihr. Vol. XII, p. 165. Darwin,  Erster Thcil. 5

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66 Pferde. 2. Cap. lialien, welche jährlich mit Schnee bedeckt waren; denn der Instinct, den Schnee wegzuscharren, um zu dem darunter sich findenden Rasen zu gelangen, erhalt sich sehr lange. Der wilde Tarpan im Orient hat diesen Instinct, und wie mir Admiral Su- livan  mittheilt, ist dies gleicherweise der Fall bei den auf den Falkland-Inseln verwilderten Pferden. Und dies ist um so merkwürdiger, als die Voreltern dieser Pferde viele Generationen hindurch in La Plata diesem Instinct nicht haben folgen können. Das wühle Rindvieh der Falkland-Inseln kratzt den Schnee niemals weg und verhungert, wenn der Roden lange bedeckt ist. In den nördlichen Theilen von Amerika haben die Pferde, welche von denen abstammen, die die spanischen Erorberer Mexicos einführten, dieselbe Gewohnheit; ebenso die eingebornen Bisons, wogegen das aus Europa eingeführte Rindvieh sie nicht hat 2 ". Das Pferd gedeiht bei intensiver Wärme ebensowohl als bei strengster Kälte; denn bekanntlich erlangt es eine sehr hohe Ausbildung, wenn auch keine sehr bedeutende Grösse, in Arabien und dem nördlichen Afrika. Viel Feuchtigkeit ist offenbar dem Pferde schädlicher, als Wärme oder Kälte. Auf den Falkland- Inseln leiden die Pferde beträchtlich von der Feuchtigkeit und derselbe Umstand erklärt vielleicht zum Theil die eigentluimliche Thatsache, dass östlich von der Bay von Bengalen 21  in dem ausserordentlich grossen und feuchten Gebiet in Ava, Pegu, Siam, dem malayischen Archipel, den Loo-Choo-Inseln und einem grossen Theil von China kein Pferd von voller Grösse gefunden wird. Gehen wir östlich bis Japan, so sehen wir, dass dort das Pferd seine volle Grösse erlangt 22 . Bei den meisten unserer domesticirten Thiere werden manche Rassen wegen ihrer Merkwürdigkeit oder Schönheit gehalten. Das 20 Franklin's Narrative Vol. I, p. 87. Anmerk, von Sir J. Ri- c kardson. 21  J. H. Moor, Notices of the Indian Archipelago. Singapore 1837, p. 189. Die Königin erhielt einmal einen Pony aus Java (Athenaeum 1842, p. 718), der nur 28 Zoll hoch war. Wegen der Loo-Choo-Inseln siehe Bee- chey's Voyage 4th ed. Vol. 1, p. 499. 22 J. Crawford,  History of the Horse in: Journal of Royal United Service Institution Vol. IV.

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2. Cap. Variireu derselben. 67 Pferd wird aber fast mir mich seiner Nützlichkeit geschätzt. Halb monströse Zuchten werden daher nicht erhalten und wahrscheinlich haben sich alle existirenden Hassen entweder durch die di- recte Einwirkung der Lebensbedingungen oder durch die Zuchtwahl individueller Verschiedenheiten gebildet. Ohne Zweifel Hessen sich halb monströse Rassen bilden. So berichtet Wat er. son den Fall einer Stute 2:i , welche hintereinander drei Füllen ohne Schwänze gebar. Hier hätte sich ebenso eine schwanzlose Hasse bilden lassen, wie bei Hunden und Katzen. Eine russische Pferderasse soll krauses Haar haben und Azara 24  führt an, dass in Paraguay zuweilen Pferde geboren aber meist getödtet werden, welche Haare, wie die eines Negerkopfes besitzen. Diese Eigen- thümlichkeit wird selbst Halbblutpferden vererbt und es ist ein eigenthümlieher Fall von Correlation, dass solche Pferde kurze Mähnen und Schwänze, und Hufe von eigenthümlieher Form wie die eines Maulesels besitzen. Es ist kaum möglich zu bezweifeln, dass die lange fortgesetzte Zuchtwahl von Eigenschaften, welche dem Menschen nützlich sind, das hauptsächlichste .Moment bei der Bildung der verschiedenen Pferderassen gewesen ist. Man betrachte einen Karrengaul. Man sieht sofort, wie gut er seiner Aufgabe angepasst ist, schwere Lasten zu ziehen und wie ungleich seine Erscheinung der irgend eines verwandten wilden Thieres ist. Vom englischen Rennpferde weiss man, dass es von dem vermischten Blute der Araber, Türken und Berbern herrührt. Zuchtwahl und Erziehung aber haben dasselbe zu einem von seinen Stammformen sehr verschiedenen Thiere gemacht. So fragt ein Schriftsteller in Indien, der offenbar die reinen Araber sehr gut kennt: "Wer würde, wenn er unsere jetzige Rasse von Rennpferden sieht, auf die Idee gekommen sein, dass sie das Resultat einer Kreuzung des arabischen Pferdes und einer afrikanischen Stute seien?" Die Überlegenheit ist so auffallend, dass bei dem Rennen für den Goodwood Cup "den ersten Nachkommen arabischer, türkischer oder persischer Pferde eine DifTerenz von 18 Pfund Gewicht und 23 Essays on natural history. 2. Ser., p. 161. 24 Quadruples du Paraguay. Tom. II, p. 333. 5 *

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68 Pferde. 2. Cap. wenn beide Eltern uns diesen Landern sind, von 36 Pfund nach- gesehen wird" 2, \ Bekanntlich haben die Araber schon lange eine gleiche Sorge den Stammbäumen ihrer Pferde gewidmet, w ie wir, und dies setzt eine grosse und fortgesetzte Sorgfalt im Züchten voraus. Wenn man sieht, was durch sorgfältiges Züchten in England erreicht worden ist, können wir da bezweifeln, dass die Araber im Laufe von Jahrhunderten gleicherweise eine auffallende Wirkung auf die Qualität ihrer Rosse erzeugt haben? Wir können aber noch weiter in der Zeit zurückgehen; denn im ältesten bekannten Buche, der Bibel, lesen wir von sorgfältig zur Zucht gehaltenen Stuten und von Hengsten, die zu höheren Preisen aus verschiedenen Ländern importirt worden sind 26 Mögen nun die verschiedenen existirenden Rassen des Pferdes von einer oder mehreren ursprünglichen Formen abstammen, so können wir doch folgern, dass die Veränderungen zu einem grossen Theile das Resultat der directen Einwirkung der Lebensbedingungen, und zu einem wahrscheinlich noch grösseren Theil das Resultat der vom Menschen lange fortgesetzten Zuchtwahl geringer individueller Verschiedenheiten sind. Bei mehreren domesticirten Säugethieren und Vögeln werden gewisse Merkmale der Färbung entweder streng vererbt, oder haben die Neigung wieder zu erscheinen, nachdem sie lange verloren waren. Da wir später sehen werden, dass dieser Gegenstand bedeutungsvoll ist, so will ich die Färbung der Pferde ausführlich schildern. Alle englischen Pferde und mehrere von Indien und dem malayischen Archipel bieten, so ungleich sie auch in Grösse und Ansehen sein mögen, ähnliche Grenzen und Ver- j •25 p ro f_ Low,  Domesticated Animals p. 546. In Bezug auf den Autor in Indien s. India Sporting Review. Vol. II, p. 181. Wie Lawrence (the Horse, p. 9; bemerkt hat, »ist der Fall vielleicht niemals vorgekommen, dass ein Dreiviertel-Vollblutpferd (d. h. ein Pferd, dessen Grossvater oder Grossmutter unreinen Blutes war) beim Durchreunen von zwei Meilen mit Vollblutpferden seine Distanz gerettet hat«. Einige wenige Fälle werden angeführt, dass Siebenachtel-Rennpferde Erfolg gehabt haben. 26 Gervais  hat in der Hist. uat. des Mammif. T. II, p. 144 viele Thatsachen hierüber gesammelt. So kaufte z. B. Salomon (1. Buch der Könige, Cap. 10, V. 28) in Ägypten Pferde zu hohem Preise.

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2. Cap. Ihre Farben und Streifen. 69 schiedenheiten der Färbung dar. Das englische Rennpferd indessen soll 27  nie graubraun ((/?/«) sein; da aber graubraune und rahmfarbige Pferde von den Arabern für werthlos und nur "für die Juden gut zum Reiten" 28  gehalten werden, so können diese Färbungen durch lange fortgesetzte Zuchtwahl eliminirt worden sein. Pferde von allen Farben und von so verschiedenen Rassen, wie Karrengäule und Ponys sind alle gelegentlich gescheckt 29 und zwar in der Weise, wie es bei Schimmeln so deutlich ist. Diese Thatsache wirft nicht gerade ein helles Licht auf die Färbung des ursprünglichen Pferdes, ist aber ein Fall von analoger Variation; denn selbst Esel sind zuweilen gescheckt und im britischen Museum habe ich einen Bastard von Esel und Zebra gesehen, der auf der Croupe scheckig war. Unter dem Ausdruck "analoger Variation" (es ist dies einer, den ich oft zu brauchen Veranlassung haben werde) verstehe ich eine in der einen Art oder Varietät vorkonnnende Variation, welche einem normalen Character in einer andern und distincten Art oder Varietät ähnelt. Wie in einem späteren Capitel erklärt werden wird, können analoge Variationen aus verschiedenen Gründen entstehen. Es können zwei oder mehrere Formen von ähnlicher Constitution ähnlichen Bedingungen ausgesetzt gewesen sein oder eine von zwei Formen kann in Folge eines Rückfalles einen Character erhalten haben, den die andre Form von ihrem gemeinsamen Urerzeuger ererbt hat, oder es können beide Formen dasselbe Merkmal durch Atavismus erlangt haben. Wir werden sogleich sehen, dass Pferde gelegentlich die Neigung zeigen, auf einem grossen Theile ihres Körpers gestreift zu werden, und da wir wissen, dass Streifen sehr leicht in Flecke und wolkige Zeichnungen bei den Varietä- « The Field, 13. July 1861, p. 42. 28  E. Vernon Harcourt, Sporting in Algeria p. 26. 29  Ich führe dies nach eigenen Beobachtungen an, welche ich mehrere Jahre hindurch über die Färbung der Pferde angestellt habe. Ich habe rahmfarbige, hellgraubraune und mausegraubraune Pferde gescheckt gesehen, was ich deshalb anführe, weil man behauptet hat (Martin, History of the Horse, p. 134), dass Graubraune nie gescheckt seien. Martin ( p. 205) erwähnt gescheckte Esel. In »The Farrier« (London 1828, p. 453. 455.) finden sich gute Bemerkungen über das Geschecktsein der Pferde, ebenso in Ham. Smith, The Horse.

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70 Pferde. 2. Cap. leu der Hauskatze und mehreren Arten Felis  übergehen, wie ja selbst die Jungen des gleichförmig gefärbten Löwen auf hellerem Grunde dunkelgefleckt sind, so können wir vermuthen, dass das Geschecktsein des Pferdes, welches manche Schriftsteller in Verwunderung gesetzt hat, eine Modification oder eine Spur jener Neigung ist, streifig zu werden. Diese Neigung des Pferdes streifig zu werden, ist in mehreren Beziehungen eine interessante Thatsache. Pferde von allen Farben, von den verschiedensten Kassen haben in verschiedenen Theilen der Welt oft einen dunkleren, den Kücken entlang ziehenden Streifen von der Mähne bis zum Schwanz. Dies ist indess so häufig, dass ich nicht in Details einzugehen brauche 30 . Gelegentlich sind Pferde auf den Beinen quer gestreift, hauptsächlich an der untern Seite. Seltener haben sie einen Streifen auf der Schulter, wie der auf der Schulter des Esels oder einen breiten dunkleren, den Streifen reprä- sentirenden Fleck. Ehe ich in Details eingehe, muss ich vorausschicken, dass der Ausdruck graubraun (dun)  sehr vag ist und drei Gruppen von Färbungen umfasst; nämlich zwischen rahmfarben und rothbraun, welches allmählich in hellbraun oder hellkastanienbraun übergeht (und dies ist, wie ich glaube, was man oft falb nennt); zweitens blei- oder Schieferfarben oder mausebraun, welches allmählich in eine Aschfarbe übergeht, und endlich dunkelgraubraun, zwischen braun und schwarz. Ich habe hier in England einen ziemlich grossen leicht gebauten falbbraunen Devonshire-Pony (Fig. 1) untersucht, der einen auffallenden Streifen längs des Kückens, hellere Querstreifen an den unteren Seiten der Vorderfüsse und vier parallele Streifen auf jeder Schulter hatte. Von diesen 4 Streifen war der hintere sehr klein und undeutlich, der vordere war im Gegentheil lang und breit, aber in der Mitte unterbrochen und am untern Ende abgestutzt, während die vordere Ecke in eine lange Spitze auslief. Ich erwähne diese letztere Thatsache, weil der Schulterstreifen des Esels zuweilen genau dieselbe Form darbietet. Ich besitze eine mir übersandte Skizze und Beschreibung eines kleinen hell falbbraunen Walliser Vollblutpony's 30  Details finden sich in The Farrier 1828, p. 452. 455. Einer der kleinsten Pony's, die icli gesehen habe, ein mausefärbiger, hatte einen deutlichen Rückenstreifen. Ein kleiner Indischer kastanienbrauner Pony hatte denselben Streifen, ebenso ein merkwürdig schwerer kastanienbrauner Karrengaul. Rennpferde haben oft den Rückenstreifen.

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2. Cap. Ihre Farben und Streifen. 71 mit einem Spinalstreif, einem einzelnen Querstreif auf jedem Bein und drei Schulterstrcifen. Der dem Scliulterstreifen des Esels entspre- scftü'3 -m Fig. I. Graubrauner Devonshire-Pony mit Schulter-, Rücken- und Beinstreifen. eilende hintere Streifen war der längste, während die beiden vorderen von der Mähne ausgehenden parallelen Streifen mit den Schulter- streifen des oben erwähnten Devonshire-Pony verglichen in umgekelirter Reihe an Länge abnahm. Ich habe einen hellfalben starken Kenner gesehen, der an den Vorderfftssen in der deutlichsten Weise unten Querstreifen besass; ebenso einen dunkelblei- und mausefarbenen Pony mit ähnlichen, aber weniger deutlichen Streifen; ebenso ein hell falbbraunes zu drei Tkeilen Vollbluthengstfüllen mit sehr deutlichen Querstreifen an den Füssen; ferner einen kastanienbraunen Karrengaul mit einem deutlichen Rückenstreifen, deutlichen Spuren von Scliulterstreifen, aber ohne solche an den Füssen, und ich könnte noch mehr Fälle anführen. Mein Sohn hat mir eine Skizze eines grossen, schweren, graubraunen, belgischen Karrengaules gemacht mit deutlichen Kückenstreifen, Spuren von Fussstreifen und mit zwei parallelen drei Zoll von einander stehenden, ungefähr sieben oder acht Zoll langen Streifen auf beiden Schultern. Auch habe ich ein anderes, etwas helleres, schmutzig rahmfarbiges Karrenpferd gesehen, welches gestreifte Füsse, auf der einen Schulter einen grossen nicht scharf umschriebenen dunkeln wolkigen Fleck und auf der andern Schulter zwei undeutliche parallele Streifen hatte. Alle die bis jetzt erwähnten Fälle betreffen Graubraune von verschiedenen Tönen. Mr. W. W. Edwards  hat aber einen beinahe vollblut-kastanienbraunen Hengst gesehen, welcher den Kückenstreifen und deutliche Querstreifen an den Beinen hatte.

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72 Pferde. 2. Cap. Ferner habe ich zwei braune Wagenpferde mit schwarzen Rückenstreifen gesehen. Eins dieser Pferde hatte auf jeder Schulter einen helleren Schulterstreif, das andere hatte einen breiten schwarzen, nicht scharf umschriebenen, schrägen, die halbe Schulter herablaufenden Streifen; keins hatte Streifen an den Beinen. Der interessanteste Fall, der mir vorgekommen ist, betraf ein Hengstfüllen meiner eigenen Zucht. Eine braune Stute (Tochter einer dunkelbraunen flämischen Stute von einem hellgrauen Turkomannen- Hengst) wurde dem Hercules zum Belegen gegeben, einem dunkelbraunen Vollblut, dessen Vater (Kingston) und Mutter beide braun waren. Das Füllen wurde endlich auch braun; als es aber nur 14 Tage alt war, war es schmutzig braun, mit mausegrau schattirt und an einzelnen Stellen mit einem gelben Ton; es hatte nur eine Spur des Rückenstreifens mit wenigen undeutlichen Querstreifen an den Beinen. Aber fast der ganze Körper war mit schmalen, dunklen Streifen gezeichnet, die au den meisten Stellen so undeutlich waren, dass sie nur in einem gewissen Lichte sichtbar waren, wie die Streifen, die bei schwarzen Kätzchen zu sehen sind. Diese Streifen waren an der Croupe, wo sie vom Rücken ausgiengen, deutlich und bogen sich etwas nach vorn. Viele von ihnen verzweigten sich genau in derselben Weise, wie bei manchen Zebraarten da wo sie vom Rücken ausgiengen. Am deutlichsten waren die Streifen an der Stirne zwischen den Ohren, wo sie eine Reihe spitzer Bogen einer unter dem andern bildeten, die nach der Schnauze zu an Grösse abnahmen. Genau ähnliche Zeichnungen sieht man an der Stirn des Quaggas und des Zebras von Burchell. Als dies Füllen zwei oder drei Monate alt war, waren alle Streifen vollständig verschwunden. Ähnliche Zeichnungen an der Stirn habe ich bei einem erwachsenen falben rennerartigen Pferde gesehen, welches einen deutlichen Rückenstreifen und deutlich gestreifte Vorderbeine hatte. In Norwegen ist die Farbe des eingebornen Pferdes oder Pony's graubraun und variirt von einem fast rahmfarbenen bis zum dunkel- mausebraun. Auch hält man ein Thier für nicht rein gezüchtet, wenn es nicht den Rücken- und die Beinstreifen besitzt 31 . Der Schätzung meines Sohnes nach hat in einem Theile des Landes ungefähr ein 31  Über die Farben der norwegischen Ponies habe ich durch die Gefälligkeit des Generalconsuls J. R. Crowe Mittheilungen von den Professoren Boeck, Rask und Esmark  erhalten. S. auch The Field, 1861. p. 431.

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2. Cap. Ihre Farben und Streifen. 73 Drittel der Ponies gestreifte Peine. Bei einem Pony zählte er sieben Streifen an den Vorder- und zwei an den Hinterbeinen. Nur wenige von ihnen boten Spuren von Schulterstreifen dar. Ich habe aber von einem aus Norwegen importirten Hengste gehört, der die Schulterstreifen ebensowohl entwickelt hatte, als die andern. Oberst H. Smith 32  erwähnt graubraune Pferde mit dem Bückenstreifen in den Sierra's Spaniens und die ursprünglich aus Spanien stammenden Pferde in manchen Theilen von Südamerika sind jetzt graubraun. Sir W. Elliot hat, wie er mir sagt, eine Heerde von 300 südamerikanischen Pferden besichtigt, die nach Madras importirt waren. Viele von diesen hatten Querstreifen auf den Füssen und kurze Schulterstreifen. Das am auffallendsten gezeichnete Individuum, von dem ich eine farbige Zeichnung erhielt, war mausegraubraun mit leicht gegabelten Schulterstreifen. In den nordwestlichen Theilen von Indien sind gestreifte Pferde von mehr als einer Basse offenbar häufiger als in irgend einem andern Thcilo der Welt und in Bezug auf diese habe ich von mehreren Of- ficieren Berichte erhalten; besonders von Oberst Poole, Oberst Curtis, Major Campbell,  Brigadier St. John  u. A. Die Kattywar- Pferde sind oft 15 —16 Hand hoch und sind gut aber leicht gebaut. Sie kommen von allen Farben vor, aber die verschiedenen Arten von Graubraun herrschen vor und diese sind so allgemein gestreift, dass ein Pferd ohne Streifen nicht für reines Blut gehalten wird. Oberst Poole glaubt, dass alle graubraunen Pferde den Biickonstreifen haben. Die Fussstreifen sind meist vorhanden; und er ist der Ansicht, dass ungefähr die Hälfte der Pferde den Schulterstreifen besitzen. Dieser ist zuweilen doppelt oder dreifach vorhanden auf beiden Schultern. Oberst Poole hat auch oft Streifen auf den Backen und den Seiten der Nase gesehen; ebenso Streifen an den Kattywar-Schimmeln und Braunen bald nach der Geburt; doch verschwunden diese bald wieder. Ich halie noch andere Berichte von gestreiften, rahmfarbigen, braun- rothen, braunen und hellgrauen Kattywar-Pferden erhalten. Östlich von Indien haben die Shan-Ponies (nördlich von Burma), wie mir Mr. Blytli  mittheilt, Streifen auf dem Bücken, den Beinen und den Schultern. Sir W. Elliot theilt mir mit, dass er zwei braune Pegu-Ponies mit Streifen an den Beinen gesehen hat. Die Ponies von Burma und Java sind häufig graubraun und haben die drei Arten von Streifen 12  Ham. Smith, Naturalist's Library Vol. XII, p. 275,

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74 Pferde. 2. Cap. in derselben Weise, wie in England 33 . Mr. Swinhoe  erzählt mir, dass er zwei hellgraubraune Ponies zweier chinesischer Rassen untersucht hat, nämlich von Shanghai und Amoy, und beide hatten den Rückenstreifen; der letztere einen unbedeutenden Schulterstreifen. Wir sehen hieraus, dass in allen Theilen der Erde Pferderassen, die sonst so verschieden als möglich sind, die oben erwähnten verschiedenen Streifen besitzen, wenn sie graubraun sind (und ich bezeichne mit diesem Ausdruck eine Färbung, die in weiten Grenzen von rahmfarben bis zu schwarz übergeht), dagegen selten, wenn sie braunroth, grau oder kastanienbraun schattirt sind. Gelbe Pferde mit weissen Mähnen und Schwänzen (die auch zuweilen "dmis"  genannt werden) habe ich nie mit Streifen gesehen 34 . Aus Gründen, die ich im Capitel über Rückfall entwickeln werde, habe ich mich, aber nur mit sehr weuig Erfolg, bemüht, zu sehen, ob Graubraune, welche um so vieles öfter gestreift sind, als andere Pferde, je aus der Kreuzung zweier Pferde entsprungen sind, von denen keins graubraun war. Die meisten Leute, an die ich mich wandte, sind der Ansicht, dass eins von beiden graubraun sein muss und allgemein wird behauptet, dass w-enn dies der Fall ist, die graubraune Färbung und die Streifen streng erblich sind 3a . Ein Fall kam zu meiner Beobachtung, in dem ein Füllen von einer schwarzen Stute und einem braunrothen Hengst, als es erwachsen war, eine dunkel falbgrauo Färbung und einen schmalen aber deutlichen Rückenstreifen erhielt. Hofacker 36  gibt zwei Fälle von Mausrappen, die von Eltern verschiedener Färbung, aber keiner graubraunen, herrührten. Gleichfalls mit geringem Erfolg habe ich ausfindig zu machen versucht, ob die Streifen beim Füllen allgemein deutlicher oder -weniger deutlich sind, als beim erwachsenen Pferde. Oberst Poole sagt mir, er glaube, dass "die Streifen am deutlichsten sind unmittelbar nach der Geburt, dass sie dann immer weniger und weniger deutlich werden, bis das Haar zum ersten Male gewechselt wird. Dann treten sie so stark wie vorher wieder auf, verblassen aber gewiss oft mit dem vorrückenden Alter des Pferdes." Zwei andere Berichte bcstä- 33  G. Clark  in: Annals and Mag. of nat. hist, 2. Ser., Yol. II, 1848, p. 363. Mr. AY a 11 a c e erzählt mir, dass er in Java ein graubraun und thonartig gefärbtes Pferd mit Rücken- und Beinstreifen gesehen hat, 34  s. auch hierüber The Field, 27. July 1861, p. 91. 35 The Field, 1861, p. 431. 493. 545. 36  Über die Eigenschaften u. s. w. 1828, p. 13. 14.

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2. Cap. Ihre Farben und Streifen. <0 tigcn dieses Erblassen der Streifen bei alten Pferden in Indien. Aul der andern Seite gibt ein Schriftsteller an, dass Füllen oft ohne Streifen geboren werden, dass aber diese erscheinen, wenn das Füllen älter wird. Drei Schriftsteller behaupten, dass in Norwegen die Streifen beim Füllen weniger deutlich sind, als beim Erwachsenen. Vielleicht besteht gar keine feste Kegel. In dem oben beschriebenen Falle eines jungen, schmal über den ganzen Körper gestreiften Füllens bestand gar kein Zweifel über das zeitige und vollständige Verschwinden der Streifen. Nr. W. W. Edwards  untersuchte für mich zwei und zwanzig Füllen von Rennpferden und zwölf hatten den Rückenstreifen mehr oder weniger deutlich. Diese uud einige andere Thatsachen, die zu meiner Kenntniss gekommen sind, führen mich zu der Ansicht, dass der Kückenstreifen beim englischen Kennpferde im Alter oft verschwindet. Im Ganzen bin ich der Ansicht, dass die Streifen meist beim Füllen am deutlichsten sind und im hoben Alter zu verschwinden streben. Die Streifen sind der Farbe nach variabel, sind aber immer dunkler als der übrige Körper. Sie  exisliren durchaus nicht immer gleichzeitig an den verschiedenen Theilen des Körpers; die Beine können gestreift sein, ohne dass ein Schulterstreifen vorhanden wäre und umgekehrt; doch ist das Letztere der seltenere Fall. Ich habe aber nie von einem Schulter- oder Beinstreifen gehört, ohne dass ein Rückenstreifen vorhanden gewesen wäre. Der letztere ist weitaus der häufigste von allen Streifungen, wie man auch von vorn herein hätte annehmeu können, da er die sieben oder acht Arten der Gattung charaeterisirt. Merkwürdig ist es, dass ein so unbedeutender Character wie das Doppelt- oder Dreifachsein des Sclmlterstreifens in so verschiedenen Rassen auftreten kann, wie Walliser- und Devonshire-Pony, Shan-Pony, schwere Karrengäule, leichte südamerikanische Pferde und die schlanke Kattywar-Rasse. Oberst H. Smith  glaubt, dass einer seiner fünf angenommenen Primitiv-Stämme graubraun gefärbt und gestreift gewesen sei und dass die Streifungen in allen übrigen Rassen von früheren Kreuzungen mit diesem einen primitiven Graubraunen herrühre. Es ist aber ausserordentlich unwahrscheinlich, dass verschiedene, in soweit von einander ent- ernten Theilen der Welt lebende Rassen sich mit irgend einem

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76 Pferde. 2. Cap. ursprünglich verschiedenen Stamme gekreuzt haben sollten. Auch haben wir keinen Grund zu der Annahme, dass die Wirkungen einer Kreuzung in so früher Zeit durch so viele Generationen sich fortsetzen soll, wie nach dieser Ansicht angenommen werden müsste. In Bezug anf den Umstand, dass die ursprüngliche Farbe des Pferdes eine graubraune gewesen sei, hat Oberst II. Smith 37 viele Zeugnisse gesammelt, welche nachweisen, dass diese Färbung im Orient schon zur Zeit Alexanders vorhanden gewesen ist, und dass die wilden Pferde von Westasien und Osteuropa jetzt in verschiedenen Schattirungen graubraun sind oder es kürzlich noch waren. Eine wilde Rasse graubrauner Pferde mit einem Rückenstreifen scheint vor nicht langer Zeit in den königlichen Gestüten in Preussen gehalten worden zu sein. Aus Ungarn höre ich. dass die Einwohner dieses Landes die graubraunen Pferde mit einem Rückenstreifen für den ursprünglichen Stamm halten und dasselbe ist in Norwegen der Fall. Graubraune Ponies sind in den bergigen Theilen von Devonshire, Wales und Schottland nicht selten, also gerade da, wo sie ursprünglich die beste Aussicht gehabt haben würden, erhalten zu bleiben. Zur Zeit, als Azara  in Südamerika war, wo das Pferd seit ungefähr 250 Jahren verwildert ist, waren von 100 Pferden 90 »bai-chätains u  und die übrigen 10 waren "zains",  und von 2000 war nur eines schwarz. "Zain"  wird gewöhnlich übersetzt mit schwarz ohne irgend etwas weiss, da aber Azara  von Maul- thieren spricht, die " zain-clair"  waren, so vermuthe ich, dass "z-ain"  graubraun bedeutet haben muss. In manchen Theilen der Erde werden verwilderte Pferde sehr gern Rothschimmel 38 . 37 Naturalist's Library. Vol. XII, 1841, p. 109, 156—163. 280. 281. Rahmfärbe, die in Isabellen (d. h. die Farbe des schmutzigen Linnens der Königin Isabella) übergebt, scheint in allen Zeiten gemein gewesen zu sein; s. auch Pallas'  Bericht über das wilde Pferd des Orients, wo er von Graubraun und Braun als den vorherrschenden Farben spricht. 38 Azara.  Quadrupedes du Paraguay T. II, p. 307, in Bezug auf die Färbung der Maulthiere s. p. 350. In Nordamerika, wo man die Pferde für Nachkommen der spanischen Pferde von Mexico hält, beschreibt Ca t lin (Vol. II, p. 57) die wilden Pferde von allen Farben, schwarz, grau, Roth-

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2. Cap. Ihre Farben und Streifen. 77 In den folgenden Capileln über die Taube werden wir sehen, dass in reinen Rassen verschiedener Farben gewisse schwarze Zeichnungen unveränderlich an den Flügeln und dem Schwänze auflreten, sobald nur gelegentlich ein blauer Vogel erzeugt wird. Ebenso erhalt man häufig blaue Vögel mit denselben schwarzen Zeichnungen, wenn verschieden gefärbte Rassen gekreuzt werden. Wir werden ferner sehen, dass diese Thatsachen durch die Ansicht fzu deren Gunsten sie selbst das beste Zeugniss geben ) erklärt werden, dass alle Rassen von der Felstaube oder Columba Livia  abstannnen, welche so gefärbt und gezeichnet ist. Das Auftreten von Streifen in den verschiedenen Pferderassen aber, sobald ein graubraun auftritt, bietet auch nicht annähernd einen so guten Beweis von der Annahme ihrer Abstammung von einem einzigen ursprünglichen Stamme dar, wie bei den Tauben, weil kein mit Sicherheit als wildes Pferd bekanntes als Maasstab zur Vergleichung angeführt werden kann, weil die Streifen, wenn sie auflreten, ihrem Character nach variabel sind, weil durchaus nicht hinreichende Beweise vorliegen, dass die Streifen nach Kreuzung verschiedener Rassen auftreten und endlich weil alle Species der Gattung Equus  den Rückenstreifen und einige die Schulter- und Beinstreifen haben. Nichtsdestoweniger weist die Ähnlichkeit der verschiedensten Rassen in den allgemeinen Schattirungen ihrer Färbung, in ihrem Geschecktwerden und in dem gelegentlichen besonders bei Graubraunen häufigen Auftreten von Beinstreifen und von doppelten oder dreifachen Schulterstreifen, auf die Wahrscheinlichkeit einer Abstammung aller existirenden Rassen von einem einzigen graubraun gefärbten, mehr oder weniger gestreiften ursprünglichen Stamm hin, in welchen unsere Pferde gelegentlich noch Zurückschlagen. scliimmel und grauroth mit fuchsroth gefleckt. F. Mickaux ( Travels in North-America. Engl. Transl., p. 235) beschreibt zwei wilde Pferde aus Mexico als Rothschimmel Auf den Falkland-Iuseln, wo die Pferde nur seit 60 bis 70 Jahren verwildert sind, wurde mir gesagt, dass Rothschimmel und stahlgrau die vorherrschenden Färbungen seien. Diese Thatsachen zeigen, dass die Pferde nicht allgemein zu derselben gleichförmigen Färbung zurückkehren.

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78 Esel. 2. Cap. Der Esel. Es sind von den Zoologen vier Arten Esel, ausser den drei Zebras, beschrieben worden. Man kann jetzt aber nicht zweifeln, dass unsere domesticirten Thiere von einer einzigen Art, nämlich dem Asinus taenioptis  von Abyssinien 39  abstammen. Der Esel wird zuweilen als Beispiel eines seit alter Zeit schon, wie wir aus dem alten Testament wissen, domesticirten Thieres angeführt, welches nur in einem sehr geringen Grade variirt habe. Dies ist aber durchaus nicht streng richtig: denn in Syrien allein gibt es vier Rassen 40 ; erstens ein leichtes und graziöses Thier mit angenehmer Gangart, was von Damen benutzt wird; zweitens eine arabische Rasse, welche ausschliesslich für den Sattel benutzt wird; drittens ein starkes Thier, was zum Pflügen und verschiedenen andern Zwecken benutzt wird und endlich die grosse Rasse von Damaskus, mit dem eigenthümlich langen Körper und Ohren. Obgleich der Esel der äusseren Erscheinung nach durchaus nicht gleichförmig ist, haben sich doch weder in jener Gegend noch allgemein in Centraleuropa verschiedene Rassen ähnlich denen des Pferdes gebildet. Es lässt sich dies wahrscheinlich dadurch erklären, dass das Thier hauptsächlich von armen Leuten gehalten wurde, welche keine grossen Heerden aufziehen und auch die Jungen nicht sorgfältig paaren und auswählen. Wie wir aber in einem späteren Capitel sehen werden, lässt sich der Esel mit Leichtigkeit in Grösse und Stärke durch sorgfältige Zuchtwahl, ohne Zweifel in Verbindung mit guter Nahrung, veredeln und wir können wohl schliessen, dass alle seine andern Charactere der Zuchtwahl in gleicher Weise zugänglich sind. Die geringe Grösse des Esels in England und Nordeuropa ist offenbar weit mehr dem Mangel einer besonderen Sorgfalt im Züchten, als der Kälte zuzuschreiben; denn in Westindien, wo der Esel von der niedern Classe als Lastthier gebraucht wird, ist er nicht viel grösser als ein Neufundländer Hund. "Meist ist er nicht höher als zwanzig bis dreissig Zoll" 41 . 39  P. L. Sclater in: Proc. Zoo). Soc. 1862, p. 164. 40  W. C. Martin, History of the Horse, 1845, p. 207. 41  Sykes, Catalogue of Mammalia in: Proc. Zool. Soc. 12. July 1831;

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2. Cap. Farbe und Streifen der Esel. 79 Der Esel variirt bedeutend in Färbung, und seine Beine, besonders die Vorderbeine, sind sowohl in England, als in andern Ländern, z. B. in China, gelegentlich deutlicher, als bei graubraunen Pferden quer gestreift. Beim Pferde erklärte man das gelegentliche Auftreten von Beinstreifen nach dem Grundsatz des Rückschlags durch die Annahme, dass das primitive Pferd so gestreift war. Beim Esel können wir diese Erklärung auch ganz entschieden anwenden : denn die elterliche Form des A. taeniopus ist bekanntlich an den Beinen, wenn auch nur in einem geringen Grade, quer gestreift. Man glaubt, dass die Streifen am häufigsten und deutlichsten an den Beinen des domesticirten Esels in der ersten Jugend auftreten 4i , wie es offenbar ebenso der Fall beim Pferd ist. Der für die Art so ausserordentlich characteristische Schulterstreifen ist nichtsdestoweniger der Breite, Länge und Art seiner Endigung nach variabel. Ein Schulterstreifen, den ich gemessen habe, war viermal so breit als ein anderer; einige waren zweimal so lang als andre; an einem hellgrauen Esel war der Schulterstreifen nur sechs Zoll lang und so schmal wie ein Stück Bindfaden. Bei einem andern Thier derselben Färbung war nur ein dunkler, einen Streifen darstellender Schatten vorhanden. Ich habe von drei weissen Eseln, keinen Albinos, erzählen hören, dass keiner eine Spur, weder eines Schulter- noch eines Rückenstreifens be- sass 43 ; ich habe neun andere Esel gesehen ohne Schulterstreifen, einige von ihnen ohne Rückenstreifen; drei von diesen neun waren hellgrau, einer dunkelgrau, ein anderer grau in röthlich- grau übergehend, die andern waren braun und zwei von ihnen an einzelnen Stellen mit einem röthlichen oder braunrothen Anflug. Wir können hieraus schliessen, dass wenn graue oder rölhlich braune Esel consequent zur Nachzucht auserwählt worden wären, der Schulterstreifen fast ebenso häufig und ebenso vollständig verloren worden wäre, wie beim Pferd. Williamson, Oriental Field Sports Vol. II, von Martin  citirt, pag. 206. 42 Blyth, in C harl esworth's  Magaz. of nat. hist. Vol. IV, 1840, p. 83. Auch ein Züchter hat mir versichert, dass dies der Fall ist. 43  Einen Fall führt Martin  an. The Horse, p. 205.

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80 Esel. 2. Cap. Der Schulterstreifen ist beim Esel zuweilen doppelt vorhanden und Mr. 131 y t li hat selbst drei oder vier parallele Streifen gesehen 44 . In zehn Fällen habe ich am untern Ende scharf abgestutzte Schulterstreifen gesehen, deren vorderer Winkel in eine Spitze auslief, genau so. wie ich es an dem graubraunen Devon- shire-Pony abgehildet habe. Drei Fälle habe ich gesehen, wo der Endtheil plötzlich in einen Winkel gebogen war und zwei Fälle, wo er deutlich, wenn auch nur seicht, sich gabelte. Dr. Hooker und seine Reisegesellschaft beobachteten in Syrien nicht weniger als fünfmal, dass der Schulterstreif sich über dem Vorderbein deutlich gabelte. Beim gemeinen Maulesel ist er ebenfalls zuweilen gegabelt. Als ich zuerst das Gabeln und die winklige Krümmung des Schulterstreifens bemerkte, hatte ich bereits hinreichende Fälle von Streifungen in den verschiedenen Arten der Gattung Equus  gesehen, um mich überzeugt zu halten, dass selbst ein so unbedeutender Character wie dieser eine besondere Bedeutung habe, und wurde hierdurch darauf geführt, dem Gegenstände besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Ich finde jetzt, dass bei Asinus Burchellii  und Quagga  der dem Schulterstreifen des Esels entsprechende ebenso wie einige der Streifen am Halse sich gabeln und dass manche von denen in der Nähe der Schulter untere Enden haben, die in einem Winkel nach rückwärts geknickt sind. Die Gabelung und Winkelkriim- mung der Streifen auf den Schultern steht offenbar in Beziehung zu der veränderten Richtung der beinahe aufrechten Streifen an der Seite des Körpers und Halses im Verhältniss zu den Querstreifen an den Füssen. Endlich sehen wir, dass die Gegenwart von Streifen auf Schulter, Beinen und Rücken beim Pferd, ihr gelegentliches Fehlen beim Esel, das Vorkommen von doppelten und dreifachen Schulterstreifen in beiden Thieren und die ähnliche Endigungsweise dieser Streifen an ihren unteren Enden alles Fälle analoger Variation beim Pferd und Esel sind. Diese Fälle hängen wahrscheinlich nicht davon ab, dass ähnliche Be- 44  Journal Asiat. Soc. Bengal. Vol. XXVIII, 1860, p. 231. Martin, on the Horse, p. 205.

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2. Cap. Esel. 81 dingungen auf ähnliche Constitution einwirkten, sondern von einem theihveisen Rückschlag in der Färbung auf den gemeinsamen Urzeuger, sowohl dieser beiden Arten als der übrigen Arten dieser Gattung. Wir werden später auf diesen Gegenstand zurückzukommen und ihn ausführlicher zu discutiren haben. ÜARAVlN, Erster Tlieil. 6

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Drittes Ga.piteL Schwein. — Rind. — Sehaaf. — Ziege. Schweine gehören zu zwei verschiedenen Typen. Sus scropka  und .S', indica. — Torf-Schwein. — Japanesisches Schwein. — Fruchtbarkeit gekreuzter Schweine. — Veränderung des Schädels hei den hochcultivirten Rassen. — Convergenz des Characters. -- Trächtigkeitsdauer. — Einhufige Schweine. Merkwürdige Anhänge an den Kinnladen. — Grössenabnahme der Stoss- zähne. — Junge Schweine longitudinal gestreift. — Verwilderte Schweine. — Gekreuzte Zuchtrassen. Rind. —  Zebu eine besondere Species. — Das europäische Rind stammt wahrscheinlich von drei wilden Formen ab. — Alle Rassen sind jetzt unter einander fruchtbar. — Englisches Parkrind. — Über die Färbung der ursprünglichen Arten. — Constitutionelle Verschiedenheiten. — Südafrikanische Rassen. — Südamerikanische Rassen. — Niata-Rind. — Ursprung der verschiedenen Rinderrassen. Sehaaf. —  Merkwürdige Rassen desselben. - Auf das männliche Geschlecht beschränkte Variationen. — Anpassungen an verschiedene Bedingungen. — Trächtigkeitsdauer des Schaafs. — Veränderungen der Wolle. — Halbmonströse Rassen. Ziege. —  Merkwürdige Variationen derselben. Die Rassen des Schweines sind in der neueren Zeit sorgfältiger studirt worden, als die irgend eines andern domesticirten Thieres, obgleich noch viel zu tlnin übrig bleibt. Dies ist von Herrn, v. Nathusius  in zwei ausgezeichneten Werken, besonders in dein spätem über die Schädel der verschiedenen Rassen und von Rütimeyer  in seiner berühmten "Fauna der Pfahlbauten" geschehen J . Nathusius  hat gezeigt, dass alle bekannten 1 Hermann v. Nathusius,  die Rassen des Schweines. Berlin 1860 und Vorstudien für Geschichte und Zucht der Hausthiere zunächst am Schweineschädel. Berlin, 1864. Rütimeyer,  die Fauna der Pfahlbauten. Basel 1861.

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3. Cap. Hausschwcinc. deren Abstammung. 83 Rassen in zwei grosse Gruppen eingetheilt werden können: die eine gleicht in allen Punkten von Bedeutung dein gemeinen Wildschwein und stammt ohne Zweifel von ilnn her. Alan kann daher diese die Sus-scropha-Gvu ppe nennen. Die andere Gruppe weicht in mehreren bedeutenden und constanten osteologi,sehen Merkmalen ab. Ihre wilde Stammform ist unbekannt, der ihr von Na- thusius nach dem Gesetz der Priorität gegebene Name ist Sus indica  Pallas; der Name muss jetzt beibehalten werden, trotzdem er unglücklich gewählt ist, da der wilde Ursprungsstamm nicht Indien bewohnt und die besten bekannten domeslicirten Rassen von Siam und China eingeführt worden sind. Zuerst von Sus-scro p/t«-R as sen oder denen, die dem gemeinen Wildschwein gleichen. Nach Nathusius ( Schweineschädel S. 75) existiren diese noch in verschiedenen Theilen von Central- und Nordeuropa. Früher besass jedes Königreich 2  und fast jede Provinz in Grossbritannien ihre eigene eingeborne Rasse; jetzt sind aber diese überall im rapiden Verschwinden und werden durch verbesserte mit Nus-wn/ma-Formen gekreuzte Rassen ersetzt. Der Schädel der Rassen des S.-scropha-Tx\n\s  gleicht in allen wichtigen Beziehungen dem des europäischen Wildsehweins. Er ist aber (Schweineschädel S. 63—68) höher und im Verhältniss zur Länge breiter geworden; auch steht der hintere Theil mehr aufrecht. Die Verschiedenheiten variiren aber alle dem Grade nach. Die Rassen, welche der S. scropha  in ihren wesentlichen Schädelcharacteren gleichen, weichen in anderer Beziehung von einander auflallend ab: so in der Länge der Ohren und Beine, der Krümmung der Rippen, der Farbe, dem Behaartsein, der Grösse und den Verhältnissen des Körpers. Die wilde Sus scropha  bewohnt ein sehr weites Gebiet, nämlich Europa, Nordafrika, wie Rütimeyer  nach osteologischen Characteren festgestellt hat, und Hindostan, wie es auf ähnliche Weise Nathusius  nachgewiesen hat. Aber die diese verschie- 2  Nathusius, die Rassen des Schweines. Berlin, 1860. In einem vortrefflichen Anhänge wird ein Nachweis über die publicirten zuverlässigen Abbildungen der Rassen jedes Landes gegeben. 6 *

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84 Hausschweine. 3. Cap. denen Länder bewohnenden wilden Eber weichen von einander in äussern Merkmalen so sehr ab ;  dass sie von manchen Zoologen als specifisch verschieden aufgeführt worden sind. Seihst innerhalb Hindostans bilden diese Tliiere nach Blyth  in den verschiedenen Districten sehr verschiedene Rassen. Wie mir R. Everest mittheilt, wird in den nordwestlichen Provinzen der Eber nie höher als 36 Zoll, während in Bengalen einer hei der Messung eine Höhe von 44 Zoll ergab. Man weiss, dass sich in Europa, Nordafrika und Hindostan Hausschweine mit der wilden einge- bornen Art gekreuzt haben 3 , und in Bezug auf Hindostan bemerkt ein sorgfältiger Beobachter 4 , Sir W. Elliot, nachdem er die Verschiedenheiten zwischen den wilden indischen und wilden deutschen Ebern beschrieben hat, dass die gleichen Verschiedenheiten in den domestieirten Individuen der beiden Länder nachweisbar sind. Wir können hieraus schliessen, dass die Rassen des S.-scropha -Typus entweder von Formen abstammen oder durch Kreuzung mit Formen modificirt worden sind, welche man als geographische Rassen ansehen kann, welche aber nach einigen Zoologen distincte Arten sind. Schweine des Sus-indica -Typus sind in England am besten unter der Form der chinesischen Rasse bekannt. Der Schädel von S. indica,  wie ihn Nathusius  beschreibt, weicht von dem von S. scropha  in mehreren untergeordneten Beziehungen, wie in seiner Grösse, Breite und in gewissen Details der Zähne ab, hauptsächlich aber in der Kürze der Thränenbeine, der grösseren Breite des Vordertheils der Gaumenknochen und in der Divergenz der falschen Backzähne. Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, dass diese letzteren Merkmale auch nicht im geringsten Grade von den domestieirten Formen der S. scropha  ange- 3  ln Bezug auf Europa s. Bechstein,  Naturgeschichte Deutschlands. 18U1. Bd. 1, p. 505. Über die Fruchtbarkeit der Nachkommen des wilden und zahmen Schweins sind mehrere Berichte veröffentlicht worden, s. Bur- dach's  Physiologie und Godron,  de l'espece. T. I, p. 370. Für Afrika s. Bull, de la Soc. d'Acclimat. T. IV, p. 389. Für Indien s. Nathusius, Schweineschädel p. 148. 4  Sir W. Elliot,  Catalogue of Mammalia, in: Madras Journal of Lit. and Science. Vol. X, p. 219.

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3. Cap. Deren Abstammung. 85 nominen werden. Nach den von Nathusius  gegebenen Bemerkungen und Beschreibungen scheint es mir auf ein Wortspiel hinauszulaufen, wenn man zweifeln will, ob S. indica  als Species aufzufassen sei; denn die eben angeführten Verschiedenheiten sind stärker ausgeprägt als irgend welche, die z. B. zwischen dem Fuchs und Wolf, oder dem Pferd und Esel nachgewiesen werden können. Wie bereits bemerkt ist S. indica  im wilden Zustande nicht bekannt : seine domesticirten Formen aber kommen nach Nathusius  der S. vittatm  von Java und einigen verwandten Arten nahe. Ein auf den Aru-Inseln wild gefundenes Schwein (Schweineschädel S. 169) ist offenbar mit S. indica  identisch. Es ist aber zweifelhaft, ob dies ein wirklich eingebornes Thier ist. Die domesticirten Rassen von China, Cochinehina und Siam gehören zu diesem Typus. Die römischen oder neapolitanischen Rassen, die andalusischen, die ungarischen und die krausen Schweine von Nathusius,  welche das südöstliche Europa und die Türkei bewohnen und feines lockiges Haar besitzen, ebenso die kleinen Schweizer "Bündtner-Schweine" Rütimeyer's stimmen alle in den wichtigeren Schädelcharacteren mit S. indica überein und haben sich, wie man annimmt, alle sehr reichlich mit dieser Form gekreuzt. Schweine dieses Typus haben lange Zeit hindurch an den Küsten des Mittelmeeres existirt: denn in der begrabenen Stadt Herculanum hat man eine Abbildung gefunden, welche vollständig dem jetzt existirenden neapolitanischen Schweine entspricht (Schweineschädel S. 142). Rütimeyer  hat die merkwürdige Entdeckung gemacht, dass während der späteren Stein- oder neolithischen Periode in der Schweiz gleichzeitig zwei domesticirte Formen lebten, die S. scro- pha  und S. scropha palustris  oder Torfschwein. Rütimeyer beobachtete, dass das letztere sich den orientalischen Rassen nähere und nach Nathusius  gehört es sicher zu der S-indica- Gruppe. Später hat aber Rütimeyer  gezeigt, dass es hiervon in einigen wohl ausgeprägten Characteren abweicht. Der letztere Schriftsteller war früher der Überzeugung, dass sein Torfschwein während des ersten Theils der Steinperiode als wildes Thier existirt hat und während einer spätem Zeit derselben Periode do-

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86 Haus Schweine. 3. Cap. mestieirt worden sei 5 . Nun gibt zwar Nathusius  vollständig die merkwürdige zuerst von Rütimeyer  beobachtete Tbatsacbe zu. dass die Knochen domesticirter und wilder Thiere ihrem verschiedenen Ansehen nach von einander unterschieden werden können: er ist aber von der Wahrheit jener Folgerung in Folge besonderer Schwierigkeiten, die ihm die Knochen des Schweines darbieten (Schweineschädel S. 147) nicht überzeugt, und Rütimeyer  scheint jetzt seihst etwas zweifelhaft geworden zu sein. Da das Torfschwein in einer so frühen Zeit domesticirt war und da seine Überreste in mehreren verschiedenen, historischer und prähistorischer Zeit 6  ungehörigen Theilen von Europa gefunden worden sind, da ferner verwandte Formen noch in Ungarn und an den Küsten des Mittelmeeres e.xistiren, so wird man auf die Vermuthung geführt, dass die wilde S. indica  sich früher von Europa bis China verbreitete, in derselben Weise, wie sich jetzt S. scropha  von Europa his Hindustan erstreckt; oder eine dritte verwandte Art kann auch, wie Rütimeyer  offenbar vermulhet, früher in Europa und dem östlichen Asien gelebt haben. Zu dem S.-/«t/ic«-Typus gehören mehrere Rassen, welche in den Proportionen des Körpers, in der Länge der Ohren, in der Natur des Haares, in der Färbung u. s. w. verschieden sind. Dies kann auch nicht aulfallen, wenn man bedenkt, seit wie langer Zeit diese Form in Europa und China bereits domesticirt worden ist. Nach einem ausgezeichneten Kenner Chinas 7  nimmt man an, dass die Zeit bis 4900 Jahre vor der Jetztzeit zurückreiche. Derselbe Schriftsteller erwähnt die Existenz vieler localer Varietäten des Schweins in China; und in der gegenwärtigen Zeit geben sich die Chinesen ausserordentliche Mühe, ihre Schweine zu füttern und zu pflegen und erlauben ihnen nicht einmal von einer Stelle zur andern zu gehen 8 . Wie Nathusius  bemerkt hat 9 , bietet daher die chinesische Rasse in einem ausserordentlichen Grade die Cha- ° Pfahlbauten p. 163 und an mehreren Stellen. 6  s. Rütimeyer,  Neue Beiträge u. s. w. in: Verhandl. d. naturf. Ge- sellsch. in Basel. IV, 1. 1865, p. 139. 7 Stan. Julien, von Blaiuville  citirt in der Osteograpliie p. 163. 8 Richardson,  Pigs, their Origin etc. p. 26. 9  Die Rassen des Schweines p. 47. 64.

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3. Cap. Deren Variation. 87 raetero einer hochcultivirten Rasse dar; und daher schreibt sich auch ohne Zweifel ihr grosser Werth bei der Veredlung unserer europäischen Rassen. Nathusius  macht die merkwürdige Angabe (Sclnveineschädel 138). dass die Zumischung von 1 ,3> oder selbst 1  64 Blut von 8. indica  zu einer Rasse der 8. scropha  hinreiche, den Schädel der letzteren Art nachweisbar zu modificiren. Diese eigentümliche Thatsache kann vielleicht daraus erklärt werden, dass mehrere der hauptsächlichsten Unterscheidungszeichen von 8. indica , wie die Kürze der Thränenbeine u. s. w.  mehreren Arten der Gattung gemein ist; denn bei Kreuzungen haben offenbar die Charactere, welche vielen Species gemeinsam sind, eine Neigung, die, wmlche nur wenigen Species angehören, zu überwiegen. Das japanesische Schwein (8. pliciceps  Gray), welches vor Kurzem in dem zoologischen Garten zu sehen war, hat wegen seines kurzen Kopfes, der breiten Stirn und Nase, den grossen fleischigen Ohren und der tief gefurchten Haut ein aussergewöhn- Iiches Ansehen. Der umstehende Holzschnitt ist eine Copie einer von Mr. Bartlett gegebenen Figur 10 . Es ist nicht bloss das Gesicht gefurcht, sondern es hängen auch dicke Hautfalten, welche härter als die andern Theile sind und beinah den Platten in der Haut des indischen Rhinoceros gleichen, um Schultern und Rumpf. Es ist schwarz gefärbt mit weissen Füssen und pflanzt sich rein fort. Darüber kann kein Zweifel sein, dass es schon lange do- mesticirt ist. Dies könnte man schon aus der Thatsache schlies- sen, dass seine Jungen nicht längs gestreift sind; denn dies ist ein allen Arten der Gattung Sus  und der verwandten Genera im Naturzustände gemeinsamer Character u . Dr. Gray 12  hat den Schädel dieses Thieres beschrieben, welches er nicht blos für eine besondere Art hält, sondern sogar in eine besondere Section der Gattung einordnet. Nathusius  gibt indessen nach einem sorgfältigen Studium der ganzen Gruppe positiv an (Schweineschädel 153 —158), dass der Schädel in allen wesentlichen Merkmalen 10  Proc. Zool. Soc. 1861. p. 263. 11  Selater, in: Proc. Zool. Soc. 26. Febr. 1861. 12  Proc. Zool. Soc. 1862, p. 13.

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88 Hausschweine. 3. Cip. dein der kurzohrigen chinesischen Rasse des S.-indica -Typus sthr ähnlich ist, Nathusius  betrachtet daher das japanesisdie Schwein nur als eine domesticirte Varietät von S. indica.  1st Fig. 2. Kopf des Japanesischen oder Larven-Schweins (Copie nach Bartlett's Figur a. a. O.). dies wirklich der Fall, so ist es ein wunderbares Beispiel von der Ausdehnung der Modification, die durch die Domestication zu erreichen ist. In den central gelegenen Inseln des stillen Oceans exisirte früher eine eigenthümliche Schweinerasse. Sie werden von D. Tyerman und G. Bennett 13  als kleine Thiere mit einem buckligen Rücken, mit unverhältnissmässig langem Kopf, mit kurzen nach hinten gewendeten Ohren, mit einem buschigen, nicht mehr als zwei Zoll langen und so angewachsenen Schwänze, als wüchse er aus dem Rücken, beschrieben. Innerhalb eines halben Jahrhunderts nach der Einführung europäischer und chi- n Journal of Voyages and Travels from 1821 to 1829, Vol. I, p. 300.

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3- Op. Deren Variation. 89 nesischer Schweine auf diesen Inseln ging die eingeborne Rasse nach den angeführten Autoren, durch wiederholte Kreuzungen mit ihnen fast gänzlich verloren. Abgelegene Inseln scheinen' wie sich erwarten liess, der Production und Erhaltung eigenthüin- licher Rassen günstig zu sein. So sind die Schweine der Orkney- Inseln als sehr klein beschrieben worden, mit aufrechten und spitzen Ohren, und sollen "in ihrer Erscheinung von den ans dem Süden gebrachten Schweinen völlig abweichen" u . Wenn man nun sieht, wie die zum S-iiulica -Typus gehörenden chinesichen Schweine in ihren osteologischen Charaeteren und im äussern Ansehen von den Schweinen des S.-scropha- Typus verschieden sind, so dass inan sie für specifisch verschieden halten müsste, so ist es eine der Aufmerksamkeit werthe Thatsache, dass chinesische und gewöhnliche Schweine wiederholt in verschiedener Weise gekreuzt worden sind ohne Beein- trächtigung der Fruchtbarkeit. Ein grosser Züchter, der reine chinesische Schweine verwendet hatte, versicherte mich, dass die Fruchtbarkeit der Halbrassen unter sich und ihrer zurück- gekreuzten Nachkommen offenbar zugenommen habe und dies ist die allgemeine Annahme der Landwirthe. Ferner ist das japanesische Schwein oder S. pliciceps  Gray seiner Erscheinung nach von allen gewöhnlichen Schweinen so abweichend, dass man sich wirklich Mühe geben muss, noch zu glauben, dass es einfach eine domesticirte Varietät sei. Und doch hat sich gezeigt, dass diese Rasse mit der Berkshire-Rasse vollkommen fruchtbar war, und Mr. Eyton  theilt mir mit, dass er Bruder und Schwester eines Halbblutes mit einander gepaart und sie vollkommen fruchtbar gefunden habe. Die Modificationcn des Schädels in den am höchsten culti- virten Rassen sind wunderbar. Um den Grad der Veränderungen zu würdigen, muss man das Werk von Nathusius  mit seinen ausgezeichneten Abbildungen studiren. Das ganze Aeussere des Schädels in allen seinen Theilen hat sich verändert. Statt dass die hintere Fläche nach hinten abfällt, ist sie nach vorn gerich- 14  G. Low, Fauna Orcadensis, p. 10, s. auch Dr. Hi bb ert's BeschreL buiug der Schweine der Shetland-Inseln.

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90 Hausschweine. 3. Cap. tet, was natürlich viel Veränderungen an andern Theilen mit sich führt. Der vordere Theil des Schädels ist stark concav, die Augenhöhlen haben eine verschiedene Form, der Gehörgang hat eine verschiedene Richtung und Form; die Schneidezähne des Ober- und Unterkiefers berühren sich einander nicht und stehen in beiden Kiefern oberhalb der Backzahnebene; die Eckzähne des Oberkiefers stehen vor p| denen der Unterkiefer, was eine merkwürdige Anomalie ist, die Gelenkflächen der Hinterhaupt- condvlen sind in ihrer Form bedeutend verändert, so dass, wie N a t h u s i u s bemerkt (S. 133), kein Zoolog bei der Betrachtung dieses wichtigen Schädel- theiles für sich allein vermu- then würde, dass er zur Gattung Sus  gehöre. Diese und verschiedene andere Modificatio- nen können wie Nathusius bemerkt, kaum für Monstrositäten gehalten werden; denn sie sind nicht schädlich und werden genau vererbt. Der ganze Kopf ist sehr verkürzt, während bei gewöhnlichen Rassen seine Länge sich zu der des Körpers wie 1 : 6 verhält, Ffr. 3. Kopf eines bilden Ebers und des "Go,. ist  < laS  Verhältnis bei den den Days", eines Schweines der grösseren York- n CultUlTaSSen" wie 1 :9, neuer- shire-Zucht; der letztere nach einer Photographie Pig, edited by lieh selbst wie 1:11 lD . Der fCopirt nach Y ouatt, the Sidney.) nebenstehende Holzschnitt 16  des 15  Die Rassen des Schweines, p. 70. 16  Die Holzschnitte sind nach Abbildungen copirt, welche Mr. S. Sidney in seiner vortrefflichen Ausgabe von Youatt's Buch: The Pig 1860 gegeben hat, s. p. 1. 16, 19.

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3. Cap. Deren Variation. 91 Kopfes eines wilden Ebers und einer Sau nach einer Photographie der grossen Yorkshire-Rasse zeigt, wie bedeutend der Kopf in einer hochcultivirten Rasse modifieirt und verkürzt worden ist. Nathusius  hat die Ursachen der merkwürdigen Veränderungen im Schädel und in der Körperform, welche die hoch- cultivirten Rassen erlitten haben, sehr eingehend erörtert. Hauptsächlich kommen diese Modifikationen in den reinen ungekreuzten Rassen des S.-indica-T\\ms  vor; ihr erstes Auftreten lässt sich aber deutlich in den nur unbedeutend verbesserten Rassen des S.-scropha- Typus nachweisen n . Nathusius  macht als Resultat der gewöhnlichen Erfahrung und seiner Experimente die positive Angabe (S. 99 und 103), dass reichliche und sehr ausgiebige Nahrung, während der Jugend gegeben, durch irgend welche directe Einwirkung den Kopf breiter und kürzer zu machen strebt , dass aber kärgliche Nahrung das entgegengesetzte Resultat hervorruft. Er legt ein grosses Gewicht auf die That- sache, dass alle wilden und halbwilden domesticirten Schweine wegen des Aufwühlens des Grundes mit ihrer Schnauze während der Jugend die starken, am Hintertheil des Kopfes befindlichen Muskeln anzustrengen haben. Bei hochcultivirten Rassen wird diese Gewohnheit nicht mehr ausgeübt und in Folge dessen wird der Rücken des Schädels in seiner Form modifieirt, was wieder andere Veränderungen in andern Theilen mit sich führt. Man kann kaum bezweifeln, dass eine so bedeutende Veränderung in der Lebensweise den Schädel afficirt. Doch ist es zweifelhaft, in wie weit dieser Umstand die bedeutende Reduction der Länge des Schädels und die concave Stirn erklärt. Bei vielen domesticirten Thieren haben die Knochen des Gesichts bekanntlich eine sehr starke Neigung, stark verkürzt zu werden (N a- thusius  selbst führt viele Fälle an S. 104.): so bei Bulldoggen und Möpsen, bei dem Niata-Rind, beim Schaaf, bei polnischen Hühnern, bei den kurzstirnigen Burzeltauben und in einer Varietät des Karpfens. Wie H. Müller  gezeigt hat,  scheint dies beim Hunde durch einen abnormen Zustand des Primordialknorpels verursacht zu werden; indess können wir gern zugeben, dass 17  Schweineschädel, p. 74, 135.

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92 Ilaiisschweine. 3. Cap. reichliche und kräftige Nahrung, viele Generationen hindurch gegeben, eine erbliche Neigung zu einer Vergrösserung des Körpers veranlassen kann, und dass in Folge des Nichtgehrauchs die Gliedmaassen dünner und kürzer werden l8 . In einem späteren Capitel werden wir sehen, dass Schädel und Gliedmaassen offenbar in irgend welcher Weise in Correlation stehen, so dass irgend welche Veränderung in dem einen das andere zu afficiren strebt. Natlmsius  hat die interessante Beobachtung gemacht, dass die eigenthtimliche Form des Schädels und Körpers in den höchst- cultivirten Rassen nicht für irgend eine bestimmte Rasse charac- teristisch ist, sondern allen gemeinsam, wenn sie bis zu einem bestimmten Maasse veredelt sind. So gleichen sich die massige langohrige englische Rasse mit convexem Rücken und die kleine kurzohrige chinesische Rasse mit einem concaven Rücken in der Form des Kopfes und Körpers fast ganz, wenn sie bis zu demselben Zustand der Vollkommenheit gezüchtet worden sind. Dieses Resultat ist wohl offenbar zum Theil Folge davon, dass ähnliche Ursachen der Veränderung auf die verschiedenen Rassen einwirken, und zum Theil davon, dass der Mensch das Schwein zu einem einzigen Zwecke züchtet, nämlich um die grösste Menge Fleisch und Fett zu erhalten, so dass also die Zuchtwahl immer ein und dasselbe Ziel verfolgt hat. Bei den meisten domesticirten Thieren ist das Resultat der Zuchtwahl Divergenz des Characters gewesen, hier aber Convergenz 19 . Die Art der durch viele Generationen gebotenen Nahrung hat offenbar die Länge des Darms beeinflusst. Nach Cuvier 20 ist die Länge des Darmkanals zu der des Körpers beim wilden Eber wie 9:1,  beim gewöhnlichen Hausschwein wie 13-5 : 1 und in der siamesischen Zuchtrasse wie 16:1.  Bei dieser letzteren Rasse ist die grössere Länge entweder Folge der Abstammung von einer besonderen Art oder der noch älteren Domestication. Die J8 Nathusius,  die Rassen des Schweines, p. 71. ia  Die Rassen des Schweines, p. 47. Schweineschädel p. 104. Vergl. auch die Abbildungen des alten irischen und des veredelten irischen Schweines in Richardson, The Pig 1847. 20  Citirt von Isid. Geoffroy St. Hilaire,  Hist. nat. gener. T. III p. 441.

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3. Cap. Keren Variation. 93 Zahl der Zitzen variirt ebenso wie die Träclitigkeitsdauer. Der neueste Autor sagt 21 , dass die "Dauer schwanke von 17—20 Wochen"; ich glaube aber, in dieser Angabe muss ein Irrt hum sein. Nach Tessier's  Beobachtungen an 25 Schweinen, variirte sie von 109 — 123 Tagen. W. D. Fox hat mir den Bericht von 10 sorgfältig beobachteten Fällen von rein gezüchteten Schweinen mit- getheilt, bei denen die Trächtigkeitsdauer von 101 — 116 Tagen schwankte. Nach Nathusius  ist die Dauer bei den Rassen am kürzesten, welche frühreif werden. Bei diesen letzteren scheint aber der Ablauf der Entwickelung nicht wirklich verkürzt zu sein; denn das junge Thier wird, nach dem Zustande des Schädels zu urtheilen, weniger weit entwickelt oder auf einem embryonaleren Zustande 22  geboren, als beim gewöhnlichen Schwein, welches erst später reif wird. Bei den hoch cultivirten und frühreifen Rassen werden auch die Zähne früher entwickelt. Man hat oft die Verschiedenheit in der Zahl der Wirbel und Rippen in verschiedenen Schweinearten angeführt, wie sie auch Mr. Eyton  beobachtet hat 23  und wie sie in der folgenden Tabelle mitgetheilt wird. Das afrikanische Schwein gehört wahrscheinlich zum S.-scropha-Tyyus  und Mr. Eyton  theilt mir mit, dass Lord Hill  seit der Publication seines Aufsatzes gefunden hat, dass zwischen den afrikanischen und englischen Rassen gekreuzte Thiere vollkommen fruchtbar sind. Englische langbeinige Rasse. Afrieanische Sau. Chinesischer Eber. Wilder Eber nach C u v e r. .Französisches Hausschwein, Männchen, nach Cuvier. Rückenwirbel. 15 1.3 15 14 14 Lendenwirbel. 6 6 4 5 5 Rücken- und Lendenwir* bei zusammen. •21 19 19 19 19 Kreuzheinwirbel .... 5 5 4 4 4 Gesammtzabl der Wirbel 26 24 23 23 23 21  S. Sidney, The Pig p. 61. 22  Schweineschädel p. 2, 20. 23  Proc. Zool. Soc. 1837, p. 23. Ich habe die Schwanzwirbel wegge-

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94 Hausschweine. 3. Cap. Besondere Beobachtungen verdienen einige hallnnonströse Zucht- rassen. Schon seit Aristoteles' Zeiten sind in den verschiedenen Theilen der Erde einhufige Schweine gelegentlich beobachtet worden. Obgleich diese Eigentluimlichkeit streng erblich ist, so ist es doch kaum wahrscheinlich, dass alle diese Thiere mit soliden Hufen von denselben Eltern abstammen. Wahrscheinlicher ist diese Eigen- thümlichkeit zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten aufgetreten. Struthers hat vor Kurzem den Bau der Füsse beschrieben und abgebildet 24 ; sowohl an den hintern als den vordem Füssen werden die Endphalangen der beiden grösseren Zehen von einer einzigen grossen huftragenden Phalanx und an den Vorderfüssen die mittleren Phalangen durch einen Knochen repriisentirt, welcher nach unten einfach ist, am oberen Ende aber zwei getrennte Gelenkflächen trägt. Aus anderen Berichten erhellt, dass zuweilen eine intermediäre Zehe noch entwickelt wird. Eine andere merkwürdige Anomalie bieten die Anhänge dar, welche Eudes-Deslongchamps  als oft bei den Schweinen der Normandie vorkommend beschrieben hat. Diese Anhänge sind stets an derselben Stelle befestigt, an den Kieferwinkeln. Sie sind cylin- driscli, ungefähr drei Zoll lang, mit Borsten bedeckt, mit einem Borstenbüschel, der aus einer Vertiefung auf der einen Seite entspringt. Sie haben einen knorpligen Axenstrang mit zwei kleinen Längsmuskeln; sie kommen entweder symmetrisch auf beiden Seiten des Gesichts oder nur auf einer Seite vor. Richardson bildet sie von dem grossen alten "irischen Windspielschwein" ab, und Nathusius  führt an, dass sie gelegentlich bei allen lang- ohrigen Rassen auftreten, aber nicht streng erblich sind; denn bei lassen, da, wie Eyton  meint, einige verloren sein können. In Folge der Bemerkung Owen's (Journ. Linn. Soc. Vol. II, p. 28), nach der die Differenz zwischen Rücken- und Lendenwirbel nur von der Entwickelung der Rippen abhängt, habe ich die Dorsal- und Lumbarwirbel zusammenaddirt. Doch verdient der Unterschied in der Rippenzahl beim Schweine Beachtung. 24  Edinburgh new philosoph. Journal. April 1863. s. auch-Blainville Osteographie, p. 128-, wegen weiterer Autoritäten in Bezug hierauf.

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3. Cap. Deren Variation. 95 Thieren desselben Wurfes kommen sie vor und fehlen auch 25 . Da keine wilden Schweine bekannt sind, welche ähnliche Anhänge haben, so haben wir für jetzt keinen Grund zur Annahme, dass ihr Auftreten von einem Rückschlag abhängig ist; und wenn dies Fig. 4. Altes irisches Schwein mit Kieferanhängen (Copirt nach Richardson,  on Pigs). der Fall ist, so sind wir genöthigt, anzunehmen, dass einiger- maassen complicate, wenn auch offenbar nutzlose Gebilde sich plötzlich ohne die Hülfe einer Zuchtwahl entwickeln können. Dieser Fall ist vielleicht im Stande, etwas Licht auf die Art des Auftretens jener hässlichen fleischigen Auswüchse zu werfen, welche, wenn auch von einer wesentlich verschiedenen Natur im Vergleich zu den eben beschriebenen Anhängen, auf den Backen des Warzenschweines oder Pliacochoerus A/ricamis  vorhanden sind. Es ist eine merkwürdige Thatsache, dass die Männchen aller domesticirten Rassen viel kürzere Stosszähne als die wilden Eber haben. Viele Thatsachen zeigen, dass bei allen Thieren der Zustand des Haares sehr von der Einwirkung des Klimas abhängt; und da wir sehen, dass Haare und Zähne bei türkischen Hunden in Correlation stehen (andere analoge Fälle werden sich später ergeben), könnten wir nicht die Annahme wagen, dass die Reduc- 24 Eudes-Des longc hamps, Mem. Soc. Linn. de Normandie Vol. VII, p. 41, Richardson,  Pigs, their origin, etc. 1847, p. 30. Nathusius, die Rassen des Schweines 1860, p. 54.

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96 Hausschweine. 3. Cap. tion der Stosszähne bei den doinesticirten Ebern mit dem Umstand in Correlation stellt, dass sein Borstenkleid durch die geschützte Lebens« eise weniger entwickelt wird ? Auf der andern Seite werden wir gleich sehen, dass Stosszähne und Borsten bei wild gewordenen Ebern, welche nicht mehr gegen das Wetter geschützt werden, wieder erscheinen. Dass die Stosszähne mehr als die übrigen Zähne afficirt werden, ist nicht überraschend; denn Theile, welche secundäre Sexualcharactere darstellen, sind stets grosser Variation unterworfen. Es ist eine bekannte Thatsache, dass die Jungen von wilden europäischen und indischen Schweinen 26  die ersten sechs Monate lang von hellgefärbten Streifen längsweise gezeichnet sind. Dieser Character verschwindet allgemein im Zustande der Domestication; die türkischen doinesticirten Schweine indess haben, wie die von Westphalen, gestreifte Junge, "wie auch sonst ihre Färbung sein mag 11 27 . Ob diese letzteren Schweine zu derselben kraushaarigen Rasse wie die türkischen Schw r eine gehören, weiss ich nicht. Die auf Jamaika verwilderten und die halbw ilden Schweine von Neu-Granada und zwar sowohl die, welche schwarz sind, als auch die schwarzen mit einem weissen Streifen quer über den Magen, der sich oft auf den Rücken fortsetzt, haben diesen ursprünglichen Character wieder erhalten und erzeugen längs gestreifte Junge. Dies ist gleichfalls, wenn auch nur gelegentlich, bei den sehr vernachlässigten Schweinen in der Zambesi-Niederlassung an der afrikanischen Küste der Fall. 28 26  D. Johnson,  Sketches of Indian Field Sports, p. 272. Mr. Craw- furd  theilt mir mit, dass dasselbe für die wilden Schweine der malayischen Halbinsel gilt. 27  In Bezug auf türkische Schweine, s. D esmarest,  Mammologie 1820, p. 391; in Bezug auf die westphälischen s. Richardson,  Pigs etc. 1847, p. 41. 28  In Bezug auf die vorhergehenden, wie folgenden Angaben über verwilderte Schweine s. Roulin  in: Mem. present, par div. Sav. Paris. T. VI, 1835, p. 326. Es ist zu beachten, dass dieser Bericht sich nicht auf wirklich verwilderte, sondern auf Schweine bezieht, welche, seit langer Zeit in ein Land eiugeführt, in einem halbwilden Zustande leben. In Bezug auf die wirklich verwilderten Schweine von Jamaica s. Gosse, Sojourn in Jamaica, 1851, p. 386 und Ham. Smith  in Natural. Libr. Vol. IX, p. 93. In Bezug

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3. Cap. Charactere der verwilderten Schweine. 97 Der gewöhnliche Glaube, dass alle domesticirten Thiere, wenn sie verwildern, ' zu dein Character ihres Mutterstammes Zurückschlagen, gründet sich hauptsächlich, soweit ich es nach- weisen kann, auf wilde Schweine. Aber selbst in diesem Falle wird der Glaube nicht von hinreichenden Zeugnissen unterstützt; denn die beiden Haupttypen von S. scropha  und indic.a  sind im wilden Zustande nie unterschieden worden. Wie wir eben gesehen haben, erhalten die Jungen die Längsstreifen und die Eber ohne Ausnahme ihre Stosszähne wieder. Sie kehren auch in der allgemeinen Form ihres Körpers, in der Länge ihrer Beine und Schnauzen in den Zustand des wilden Thieres zurück, wie man auch nach der grösseren Bewegung hätte erwarten können, welche sie beim Aufsuchen ihrer Nahrung zu machen genöthigt sind. In Jamaika erlangen die wilden Schweine nie die volle Grösse des europäischen wilden Ebers und "werden nie höher als 20 Zoll an den Schultern". In verschiedenen Ländern erhalten sie ihre ursprüngliche Borstenbekleidung, aber in verschiedenem vom Klima abhängigen Grade. So sind nach Roulin  die halbwilden Schweine in den warmen Thälern von Neu-Granada sehr dürftig bekleidet, während sie auf den Paramos in einer Höhe von 7—8000 Fuss unter den Borsten eine dicke Lage von Wolle erhalten, wie die wirklichen wilden Schweine von Frankreich. Diese Schweine auf auf Africa s. Livingstone , Expedition to the Zambesi, 1865, p. 153. Die genaueste Angabe über die Stosszähne der westindischen verwilderten Schweine giebt P. Labat ( von Roulin  citirt), er schreibt aber den Zustand dieser Schweine ihrer Abstammung von einem domesticirten Stamm zu, den er in Spanien gesehen bat. Admiral Sulivan  hat reichliche Gelegenheit gehabt, die wilden Schweine auf Eagle Islet in den Falkland-Inseln zu beobachten und theilt mir mit, dass sie wilden Ehern mit borstenkämmigem Rücken und grossen Stosszähnen gleichen. Die in der Provinz Buenos-Ayres verwilderten Schweine (Rengger,  Säugethiere von Paraguay p. 331),  sind nicht zum wilden Typus zurückgekehrt. Blainville ( Osteographie p. 132) bezieht sich auf zwei Schädel von Hausschweinen, welche Al. d'Orbigny aus Patagonien geschickt hatte, und führt an, dass sie die Occipitalerhebung des europäischen Wildschweins besitzen, dass aber der Kopf im Ganzen »plus courte et plus ramassee» sei. Er beschreibt auch die Haut eines verwilderten Schweines von Nordamerika und sagt: »il ressemble tout-ä-fait ä, un petit sanglier, mais il est presque tout noir et peut-etre im peu plus raanasse dans ses formes.« Dak. WIN, Krster Thetl. 7

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98 Hausschweine. 3. Cap. den Paramos sind klein und plump. Der wilde Eber von Indien soll die Borsten in seinem Schwänzende wie die Federn eines Pfeiles angeordnet haben, wahrend der europäische Eber eine einfache 0u aste  hat; und eine merkwürdige Thatsache ist es, dass viele, wenn auch nicht alle wilden Schweine in Jamaika, die von einem spanischen Stamme herrühren, einen gefiederten Schwanz haben 29 . Was die Farbe betrifft, so schlagen die wilden Schweine allgemein auf die des wilden Ebers zurück. Wie wir aber gesehen haben, haben in gewissen Theilen von Süd- Amerika einige der halbwilden Schweine eine merkwürdige weisse Binde über ihrem Magen und in andern warmen Lokalitäten sind die Schweine roth; diese Farbe ist auch gelegentlich an den wilden Schweinen von Jamaika beobachtet worden. Aus diesen verschiedenen Thatsachen sehen wir, dass Schweine eine starke Tendenz haben, beim Verwildern in den wilden Typus zurückzuschlagen, dass aber die Tendenz sehr bedeutend von der Natur des Klimas, der Grösse der Bewegungen und anderen Veränderungsursachen, denen sie ausgesetzt gewesen sind, beeinflusst wird. Der letzte bemerkenswerthe Punkt ist, dass uns ausserge- wöhnlich gute Beweise von Schweinerassen vorliegen, welche jetzt vollkommen rein züchten, aber aus der Kreuzung verschiedener distincten Rassen gebildet worden sind. So züchten z. B. die veredelten Essex-Schweine sehr rein. Es besteht aber kein Zweifel, dass sie ihre jetzigen ausgezeichneten Eigenschaften zum grossen Theile Kreuzungen verdanken, welche Lord Western ursprünglich mit der neapolitanischen, später mit der Berkshire- Rasse und wahrscheinlich auch mit der Sussex-Rasse vornahm. (Auch die Berkshire-Rasse ist durch neapolitanische Kreuzungen veredelt worden.) 31  Bei Rassen, welche auf diese Weise aus com- plicirten Kreuzungen entstanden sind, hat sich die sorgfältigste und beständige Zuchtwahl durch viele Generationen hindurch als unentbehrlich herausgestellt. Hauptsächlich in Folge von so vieler 29 Gosse's  Jamaica, p. 386 mit einem Citat aus Williamson's Oriental Field Sports. AuchHam. Smith  in: Natural. Liber. Vol. IX, p. 94. ao  S. Sidney's Ausgabe von Youatt, on the Pig. 1860, p. 7, 26. 27, 29, 30.

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3. Cap. Rind, dessen Abstammung. 99 Kreuzung sind einige bekannte Zuchtrassen so plötzlichen Verän- rungen unterlegen. So ist nach Nathusiu s 31  die Berkshire- Rasse von 1780 von der von 1810 völlig verschieden und von dieser letzten Zeit an haben wenigstens zwei distincte Formen denselben Manien getragen. Rind. Das Hausrind stammt fast sicher von mehr als einer wilden Form ab in der Weise wie es für unsere Hunde und Schweine gezeigt worden ist. Die Naturforscher haben meist zwei Haupt- gnippen vom Rind unterschieden, die mit Höcker versehenen Arten der Tropengegenden, welche in Indien Zebus genannt werden und denen man den specifischen Namen Bos Indiens  beigelegt hat, und die gewöhnliche Form ohne Höcker, die meist unter dem Namen B. taurus  bekannt ist. Die Höckerrinder wurden, wie wir auf den ägyptischen Monumenten sehen, mindestens schon in der zwölften Dynastie, also 2100 Jahre v. Chr. domesticirt. Von dem gewöhnlichen Rinde weicht es in verschiedenen osteologi- schen Characteren nach Rütimeyer 32  in einem noch grösseren Grade ab, als die fossilen europäischen Arten, nämlich B. primi- genius, longifrons  und frontosus  von einander. Wie Mr. Blyth, der dem Gegenstände besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat, bemerkt 33 , sind sie in der allgemeinen Körpergestalt, in der Form ihrer Ohren, in dem Punkte, wo die Wamme entspringt, in der typischen Krümmung ihrer Hörner, in der Art. wie sie ihren Kopf tragen, in den gewöhnlichen Farbenvarietäten, besonders in dem häufigen Vorkommen von "nilgau-ähnlichen Zeichnungen an 31  Schweineschädel p. 140. 32  Die Fauna der Pfahlbauten, 1861, p. 109, 149, 222. s. auch Geoff- roy St. Hilaire in: Mem. du Museum d'hist. nat. T. X, p. 172 und sein Sohn Isidore in: Hist. nat. gener. T. III, p. 69. Vasey  sagt in seinen »Delineations of the Ox Tribe« 1851, p. 127, dass das Zebu-Rind vier, das gemeine fünf Kreuzwirbel babe. Mr. Hodgson fand entweder dreizehn oder vierzehn Rippen, s. eine Anmerkung in Indian Field. 1858, p. 62. 33  The Indian Field. 1858, p. 74, wo Blyth  seine Gewährsmänner in Bezug auf das verwilderte Höcker-Rind giebt. Auch Pickering  führt in seinen Races of Man. 1850, p. 274, den eigenthumlichen Character des dem Grunzen ähnlichen Lautes des Höcker-Rindes an. 7 *

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 Rind. 3. Cap. ihren Füssen" und "in dem Umstande verschieden, dass die eine Form mil bereits durchgebrochenen Zähnen geboren wird, die andere nicht." Sie haben eine verschiedene Lebensweise und ihre Stimme ist vollkommen verschieden. Das Höckerrind von Indien "sucht selten den Schatten und geht nie in das Wasser, um dort, wie die europäischen Rinder, knietief zu stehen"; in einigen Thei- len von Oude und Rohilcund ist es verwildert und hält sich selbst in einer von Tigern bewohnten Gegend. Es hat viele Rassen gebildet, die bedeutend in der Grösse, in der Anwesenheit von ein oder zwei Höckern, in der Länge der Hörner und andern Beziehungen verschieden sind. Blyth  betont ausdrücklich, dass das Höckerrind und das höckerlose zwei verschiedene Species bilden müssen. Betrachten wir, von ihren wichtigen osteologi- schen Verschiedenheiten abgesehen, die Zahl der Merkmale im äussem Bau und in der Lebensweise, in denen sie von einander abweichen und bedenken wir, dass viele dieser Punkte wohl nicht durch Domestication afficirt worden sind, so kann kaum,  trotz der gegenteiligen Meinung einiger Naturforscher, ein Zweifel bestehen, dass das höckerlose und das Höckerrind, für specifisch verschieden angesehen werden müssen. Die europäischen Rassen des höckerlosen Rindes sind sehr zahlreich. Prof. Low zählt 19 britische Zuchtrassen auf,  von denen nur wenige mit den continentalen identisch sind. Selbst die kleinen Canalinseln von Guernsey, Jersey und Alderney besitzen ihre eigenen Unterassen, 34  und diese wieder sind von dem Rinde der andern britischen Inseln wie Anglesea und den westlichen schottischen Inseln verschieden. Des märest,  welcher dem Gegenstände Aufmerksamkeit schenkte, beschreibt 15 französische Rassen, wobei er die Untervarietäten und die aus andern Ländern importirten ausschliesst. In andern Theilen von Europa gibt es mehrere verschiedene Rassen; so das hellfarbige ungarische Rind mit seinem leichten und freien Gange und seinen enormen Hörnern, die zuweilen über vier Fuss von Spitze zu Spitze 35  messen. Das podolische Rind ist merkwürdig wegen 34  H. E. Marquand in: The Times. 23. Juny 1856. 33 Vasey, Delineations of the Ox Tribe, p. 124. Brace's  Hungary,

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3. Cap. Dessen Abstammung. 101 der Höhe seines Vorderrückens. In dem neuesten Werke über das Rind 36  werden Abbildungen von fünf und fünfzig europäischen Rassen gegeben; es ist indess wahrscheinlich, dass mehrere von diesen nur sehr wenig von einander verschieden oder einfach synonym sind. Man darf nicht glauben, dass zahlreiche Zuchtrassen von Rind nur in lange civilisirten Ländern bestehen; denn wir werden sofort sehen, dass von den Wilden in Südafrika verschiedene Arten gehalten werden. In Bezug auf den Stammbaum der verschiedenen europäischen Rassen wissen wir bereits durch Fils son's Abhandlung 37  und ganz besonders durch Rü tim ever 's Pfahlbauten und spätere Werke ziemlich viel. Zwei oder drei Arten oder Formen von Bos,  die den noch lebenden domesticirten Rassen sehr verwandt sind, sind in den neueren Tertiärablagerungen Europas fossil gefunden worden. Nach R ü time v er haben wir: B. primigenius. —  Diese prächtige, wohlbekannte Art wurde während der neueren Steinperiode in der Schweiz domesticirt. Selbst in dieser Zeit variirte sie etwas, und wurde offenbar mit zwei andern Rassen gekreuzt. Einige der grösseren Rassen des Continents, wie die friesische u. s. w. und die Pembroke-Rasse in England gleichen im wesentlichen Bau dem B. primigenius  und sind ohne Zweifel dessen Nachkommen. Dies ist auch die Meinung von Nilsson. Zu Caesar's Zeit existirte B. primigemus  als ein wildes Thier und lebt jetzt halbwild, doch in der Grösse sehr degenerirt, in dem Parke von Chillingkam. Prof. Rütimeyer,  dem Lord Tankerville  einen Schädel geschickt hat, theilt mir mit, dass das Chillingham-Rind vom echten B. primi- pem'ws-Typus weniger abweicht, als irgend eine bekannte Rasse. 38 B. trochocerus. —  Diese Form ist nicht in den 3 oben erwähnten Species enthalten, denn Rütimeyer  betrachtet sie jetzt als das Weibchen einer früher domesticirten Form von B. primigenius  und als den Urerzeuger seiner Frontosus-'Russe.  Ich will hier hinzufügen, dass 1851, p. 94. Das ungarische Rind stammt nach Rütimeyer ( Zahm. Europ. Rind 1866, p. 13) von Hos primigenius  ab. 36 Moll et Gayot,  la connaissance gen. du boeuf. Paris 1860, Fig. 82, stellt die Podolische Rasse dar. 37  Eine Übersetzung erschien in drei Theilen in den Ann. and Mag. of nat. hist., 2. Ser., Vol. IV, 1849. 38  s. auch Rütimeyer's  Beiträge zur paläont. Geschichte der Wiederkäuer. Basel 1865, p. 54.

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 Rind. 3. Cap. man vier andern fossilen Ochsen, die man jetzt für identisch mit B. primigenius  hält, specifische Namen gegeben hat 39 . B. longifrons (brachyccros)  Ow. — Diese ausgezeichnete Art war von geringer Grösse und hatte einen kurzen Körper mit zarten Beinen. Sie ist in England zusammen mit Ueberbleibseln von Elephanten und Rhinoceros gefunden worden 40 . Während des frühesten Theiles der neueren Steinperiode war sie im domesticirten Zustande in der Schweiz die gemeinste Form. Sie wurde während der römischen Periode in England domesticirt und diente den römischen Legionen als Nahrung 41 . Einige Überbleibsel hat man in Irland in gewissen Crannoges gefunden, deren Datum man zwischen 843—933 v. Chr. setzen zu dürfen glaubt 42 . Prof. Owen 43  hält es für wahrscheinlich, dass das Walliser und Hochland-Rind von dieser Form abstammt, wie es nach Rü- timeyer  mit einigen noch jetzt lebenden Schweizer Zuchtrassen der Fall ist. Diese letzteren bieten verschiedene Farbennüancen von hellgrau bis schwarzbraun dar mit einem helleren Streifen den Rücken entlang; sie haben aber keine rein weissen Zeichnungen. Das Rind von Nord-Wales und den Hochlanden ist andrerseits meist schwarz oder dunkel gefärbt. B. front osus. Nilsson.- —  Diese Art ist B. longifrons  verwandt, nach der Meinung mehrerer guter Autoritäten aber von ihm verschieden. Beide existirten während derselben späten geologischen Periode 44 in Schonen gleichzeitig und beide sind in den irischen Crannoges gefunden worden. 4a Nilsson glaubt, dass sein B. frontosus  möglicherweise der Stammvater des Berg-Rindes von Norwegen sein könne, welches zwischen der Basis der Hörner am Schädel einen hohen Vorsprung hat. Da Prof. Owen  glaubt, dass das schottische Hochland- Rind von seinem B. longifrons  abstamme, so ist es erwähnenswerth, 39 Pictet, Paleontologie 2. ed. T. I, p. 365. In Bezug auf trochoceros s. Rütimeyer,  Zahm, europ. Rind. 1866, p. 26. 40 Owen,  Brit. Fossil. Mammals. 1846, p. 510. 41  W. B. Dawkins und W. A. Sandford,  British pleistocene Mammalia. 1866, p. XV. 42  W. R. Wilde,  an Essay on the animal remains etc. Royal Irish Academy. 1860, p. 29. s. auch Proc. R. Ir. Acad. 1858, p. 48. 43  Lecture: Royal Institution. May 2d 1856, p. 4. British Fossil Mammals, p. 513. 44 Nilsson,  Ann. and Mag. of nat. hist. 1849, Vol. IV, 354. 45  s. W. R Wilde, a. a. 0. und Blyth  in Proc. Irish. Acad. March. 5th. 1864.

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3. Cap. Dessen Abstammung. 103 dass ein sehr urtheilsfähiger Schriftsteller 46  die Bemerkung macht, dass er in Norwegen kein der Hochlandrasse ähnliches Kind gesehen habe, dass das Kind dort vielmehr der Devonshire-Kasse ähnlich sei. Wir sehen hieraus, dass drei ursprünglich Europa bewohnende Formen oder Arten von Bus  domesticirt worden sind. Die That- sache enthält aber nichts Unwahrscheinliches, denn die Gattung Bos  ist der Domestication leicht zu unterwerfen. Ausser diesen drei Species und dem Zebu sind der Yak, der Gayal und der Arni 47 ( des Büffels oder Genus Bubalus  nicht zu gedenken) domesticirt worden. Das gibt im Ganzen sieben Arten Bos.  Der Zebu und die drei europäischen Arten sind jetzt im wilden Zustand ausgestorben; denn das Rind des Primigenius-l^ws  in den englischen Parks kann kaum als wirklich wildes angesehen werden. Obgleich gewisse in sehr alten Zeiten in Europa domesti- cirte Rassen von Rind die Nachkommen der drei soeben genannten fossilen Arten sind, so folgt hieraus doch nicht, dass sie hier zuerst domesticirt worden sind. Diejenigen, welche so viel Gewicht auf philologische Beweise legen, scliliessen, dass unser Rindvieh aus dem Orient importirt worden sei 48 . Da indessen Menschenrassen, welche in irgend ein Land eindringen, wahrscheinlich ihre eigenen Namen den Rinderrassen beilegen werden, welche sie dort domesticirt vorfinden, so scheint das Argument nicht beweiskräftig zu sein. Es gibt einen indirecten Beweis, dass unser Rind von Arten herrührt, welche ursprünglich ein temperirtes oder kaltes Klima, aber kein lange mit Schnee bedecktes Land bewohnten ; denn wie wir im Abschnitt über die Pferde gesehen haben, hat offenbar auch unser Rind nicht den Instinct, den Schnee wegzuscharren, um zu dem darunter liegenden Pflanzenwuchs zu gelangen. Niemand kann die prächtigen wilden Bullen der rauhen Falkland-Inseln in der südlichen Hemisphäre sehen und daran zweifeln, dass das Klima ihnen wunderbar gut zusagt. Azara hat bemerkt, dass in den temperirten Gegenden von La Plata die Kühe empfangen, wenn sie zwei Jahre alt sind, während sie in 46 Laing.  Tour in Norway, p. 110. 41  Isid. Geoffroy St. Hilaire.  Hist. nat. gener. T. III, p. 96. 4S  Derselbe, s. ebend. T. III. p. 82, 91.

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 Rind. 3. Cap. dem viel wärmeren Paraguay erst empfangen, wenn sie drei Jahre alt sind. Er fügt hinzu, dass man "aus diesen Thatsachen schlies- sen könnte, dass das Rind in warmen Rändern nicht so gut gedeiht" 49 . Die oben genannten drei fossilen Formen von Bos  sind von beinahe allen Paläontologen für drei distincte Arten erklärt worden, und es würde kaum verständig sein, ihre Bezeichnung zu ändern, einfach deshalb, w'eil man nun gefunden hat, dass sie die Stammformen verschiedener domesticirter Rassen sind. Was aber für uns von der grössten Bedeutung ist, weil es zeigt, dass sie für Species angesehen zu werden verdienen, ist der Umstand, dass sie in verschiedenen Theilen von Europa während derselben Periode gleichzeitig existirten, und sich dort verschieden erhielten. Werden andrerseits ihre domesticirten Nachkommen nicht getrennt erhalten, so kreuzen sie sich mit der grössten Leichtigkeit und w erden untereinander vermischt. Die verschiedenen europäischen Rassen sind so oft absichtlich und unabsichtlich gekreuzt worden, dass wenn irgend Unfruchtbarkeit solchen Begattungen gefolgt wäre, sie sicher entdeckt worden wäre. Da Zebus ein entferntes und viel wärmeres Land bewohnen und in so vielen Characteren von unserm europäischen Rind abweichen, habe ich mir Mühe gegeben, mich zu vergewissern, ob die beiden Formen bei der Kreuzung fruchtbar sind. Der verstorbene Lord Pow is importirte einige Zebus und kreuzte sie mit dem gewöhnlichen Rind in Shropshire und mir hat sein Verwalter versichert, dass die aus dieser Kreuzung hervorkommenden Thiere mit beiden Elternformen vollkommen fruchtbar waren. Mr. Blyth  theilt mir mit, dass in Indien Bastarde mit den verschiedensten Verhältnissen des Blutes vollkommen fruchtbar sind und dies kann kaum unbekannt sein; denn in manchen Gegenden 3U  lässt man beide Arten sich reichlich mit einander begatten. Der grösste Theil des zuerst nach Tasmanien importirten Rindes war Höckerrind. so dass einmal Tausende gekreuzter Thiere dort existirten, und Mr. B. O'Neile Wilson  schreibt mir aus Tasmanien, er 19  Quadrupedes du Paraguay. T. II, p. 360. 50 Walther,  das Rindvieh 1617, p. 30.

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3. Cap. Parkrind. 105 habe nie gehört, dass man irgend welche Unfruchtbarkeit beobachtet habe. Er besass früher selbst eine Heerde solchen gekreuzten Rindes und alle waren vollkommen fruchtbar, und zwar in einem Grade, dass er sich nicht eines einzigen Falles erinnern kann, dass eine Kuh nicht gekalbt hatte. Diese verschiedenen Thatsachen geben der Pallas'sc-hen Theorie eine bedeutende Stütze, dass die Nachkommen von Arten, welche bei einer etwaigen Kreuzung kurz nach ihrer Domestication wahrscheinlich in einem gewissen Grade steril geworden wären, nach einer lang andauernden Domestication vollkommen fruchtbar werden. In einem späteren Capitel werden wir sehen, dass diese Lehre auf die so schwierige Frage des Hybridismus viel Licht wirft. Ich habe das Rind im Chillinghain-Park erwähnt, welches nach Rütimeyer  vom B.-primigenius -Typus nur wenig abgewichen ist. Dieser Park ist so alt, dass ihn bereits ein Bericht aus dem Jahre 1220 erwähnt. Das Rind ist seinem Instinkte und seiner Lebensweise nach wirklich wild. Die Thiere sind weiss, an der innern Seite der Ohren rothbraun, die Augen schwarz gerändert, Schnautzenspitze braun, die Hufe schwarz, die Hörner weiss mit schwarzer Spitze. Innerhalb dreiunddreissig Jahren wurden ungefähr ein Dutzend Kälber geboren "mit braunen und blauen Flecken auf den Wangen oder Nacken. Diese wurden aber eben so wie fehlerhafte Thiere stets entfernt." Nach Bewick erschienen um das Jahr 1770 einige Kälber mit schwarzen Ohren, aber auch diese wurden von dem Wärter entfernt und seit der Zeit sind schwarze Ohren nicht wieder erschienen. Das wilde weisse Rind im Park des Herzogs von Hamilton,  wo, wie ich höre, auch einmal ein schwarzes Kalb geboren wurde, ist nach Lord T ankervi lie's Ansicht geringer als das von Cliillingham. Das bis zum Jahre 1780 vom Herzog von Qu eensberry  gehaltene aber jetzt ausgestorbene Rind hatte schwarze Ohren, Schnauze und Augenhöhlen. Das seit undenklichen Zeiten in Chartley exi- stirende Rind gleicht dem von Cliillingham sehr nahe, ist aber grösser "mit einer kleinen Verschiedenheit in der Farbe der Ohren." "Es hat oft die Neigung ganz schwarz zu werden und in der Nachbarschaft herrscht der merkwürdige Aberglaube, dass

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 Rind. 3. Cap. wenn ein schwarzes Kalb geboren wird, irgend ein Unglück dem edlen Hause von Ferrers bevorsteht. Alle schwarzen Kälber werden getödtet." Das Rind von Burton Constable in Yorkshire, was jetzt ausgestorben ist, hatte die Ohren, die Schnauze und die Schwanzspitze schwarz: das von Gisburne, auch in Yorkshire; war nach Bewick zuweilen ohne dunkle Schnauze und hatte die innere Seite der Ohren braun; und von anderer Seite sagt inan, dass es von geringer Grösse und hornlos gewesen sei 51 . Die verschiedenen eben angeführten Unterschiede des Parkrindes sind, wenn auch unbedeutend, doch der Beachtung werth, da sie zeigen, wie Thiere, welche fast im Naturzustände leben und fast gleichförmigen Bedingungen ausgesetzt sind, wenn man sie nur nicht frei herumstreifen und mit andern Heerden kreuzen lässt, sich nicht so gleichförmig halten, wie wirklich wilde Thiere. Zur Erhaltung eines gleichförmigen Characters selbst in demselben Parke ist ein gewisser Grad von Zuchtwahl, d. h. die Zerstörung der dunkel gefärbten Kälber, offenbar nothwendig. Die Rinder in allen Parks sind weiss; nach dem gelegentlichen Auftreten dunkel gefärbter Kälber aber ist es ausserordentlich zweifelhaft, ob der ursprüngliche B. primigenius  weiss war. Die folgenden Thatsachen zeigen indess, dass das wilde oder ver wilderte Rind unter weit verschiedenen Lebensbedingungen eine sehr starke, wenn auch nicht unveränderliche Tendenz besitzt, weiss zu werden mit gefärbten Ohren. Wenn man sich auf die alten Schriftsteller Boethius und Leslie 32  verlassen kann, so war das wilde Rind von Schottland weiss und mit einer grossen Mähne versehen, die Farbe der Ohren wird aber nicht erwähnt. 51  Ich bin dem jetzigen Earl of Tankerville sehr für Information über sein wildes Rind, ebenso für den an Rütimeyer  gesandten Schädel verbunden. Die ausführlichste Beschreibung des Chillingham-Rindes hat mit einem Briefe des verstorbenen Lord Tankerville Mr. Hindmarsh  gegeben in Ann. and Mag. of nat. hist. Vol. II, 1839, p. 274. — s. Bewick, Quadruped. 2d ed. 1791, p. 35 Anm. In Bezug auf das Rind des Herzogs von Queensberry s. Pennant's Tour in Scotland p. 109; für das von Chart- lev s. Low,  Domesticated Animals of Britain. 1845, p. 238; für das von Gisburne s. Bewick,  Quadrupeds und Encycl. of Rural Sports p. 101. 52 Boethius wurde 1470 geboren. Ann. and Mag. of nat. hist. Vol. II, 1839, p. 281. Vol. IV, 1849, p. 424.

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3. Cap. Park-Rind. 107 Der Urwald erstreckte sieh früher quer über das ganze Land von Chillinghain bis Hamilton und Sir W. Scott  hat öfter behauptet. dass das in diesen beiden Parks an den Enden des Urwaldes noch gehaltene Rind die Überbleibsel seiner ursprünglichen Einwohner seien, und die Ansicht scheint jedenfalls wahrscheinlich. Während des 10. Jahrhunderts wird das Rind in Wales 5 ' als weiss mit rothen Ohren beschrieben. 400 Stück Rind, so gefärbt, wurden dem König Johann geschickt und eine alte Urkunde spricht von 100 Stück Rind mit rothen Ohren, die als Compensation für irgend ein Vergehen verlangt wurden. Wäre aber das Rindvieh von dunkler oder schwarzer Farbe, so müssten 150 gestellt werden. Das schwarze Rind von North-Wales gehört offenbar, wde wir gehört haben, zu dem kleinen longifrons -Typus und da die Alternative gestellt wurde von entweder 150 schwarzem oder 100 Stück weissem Rindvieh mit rothen Ohren, so lässt sich annehmen, dass die letzteren die grösseren und wahrscheinlich zum Primi genius - Typus gehörigen Thiere waren. Youatt  hat bemerkt, dass jetzt Shorthorn-Rassen, wenn sie weiss werden, an den Spitzen ihrer Ohren mehr oder weniger dunkelroth gefärbt sind. Das Rind, welches in den Pampas, in Texas und in den beiden Theilen von Afrika verwildert ist, ist ziemlich gleichförmig dunkelbraunroth geworden 54 . Ungeheure Heerden von Rindern auf den Ladronen-Inseln im stillen Ocean, welche im Jahre 1741 verwilderten, werden als "milchweiss beschrieben, mit Ausnahme ihrer Ohren, welche meist schwarz sind" 35 . Die weit südlicher gelegenen Falkland-Inseln, welche Lebensbedingungen darbieten, die von denen der Ladrones so verschieden als möglich sind, bieten einen noch interessanteren Fall dar. Hier ist das Rind seit 53 Youatt, on Cattle 1834, p. 48, s. auch p. 242 über Shorthorn-Rind. Bell  führt in seinen British Quadrupeds p. 423 an, dass er nach lange darauf gerichteter Aufmerksamkeit gefunden habe, wie ein weisses Rind stets gefärbte Ohren habe. 54 Azara.  Des Quadrupedes du Paraguay. T. II, p. 361. Für das verwilderte Rind von Afrika citirt Azara  den Buffon. Wegen Texas s. Times, 18. Febr. 1846. 55 Anson's  Voyage, s. Kerr u. Porter's Collection. Vol. 12. p. 103.

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 Rind. 3. Cap. 80 — 90 Jahren verwildert und in den südlicheren Districten sind die Thiere meist weiss und haben ihre Füsse oder den ganzen Kopf oder nur die Ohren schwarz. Mein Gewährsmann indess, Admiral Sulivan 56 , welcher lange auf diesen Inseln gewohnt hat, glaubt nicht, dass sie jemals ganz weiss vorkamen. Wir sehen also auf diesen beiden Archipelen, dass das Rind weiss zu werden strebt mit gefärbten Ohren. Auf andern Theilen der Falkland-Inseln herrschen andere Farben vor; in der Nähe von Port Pleasent ist braun die gewöhnliche Farbe. Rings um den Mount Usborne ist ungefähr die Hälfte der Thiere in einigen Heerden blei- oder mausefarbig, was an andern Orten eine ungewöhnliche Färbung ist. Diese letzteren Rinder kalben trotzdem dass sie gewöhnlich Hochland bewohnen, ungefähr einen Monat früher als die andern und dieser Umstand wird dazu beitragen, sie distinct zu erhalten und diese eigenthümliche Färbung fortzupflanzen. Man muss sich daran erinnern, dass blaue oder bleifarbene Zeichnungen gelegentlich an den weissen Rindern von Chillingham aufgetreten sind. In den verschiedenen Theilen der Falkland-Inseln waren die Farben der wilden Heerden so auffallend verschieden, dass, wie mir Admiral Sulivan  mittheilt, beim Jagen derselben in dem einen Districte weisse, in einem andern dunkle Stellen an den entfernten Hügeln ausgekundschaftet wurden. In den zwischenliegenden Districten herrschten intermediäre Färbungen vor. Was nun auch die Ursache sein mag, jedenfalls ist diese Tendenz des wilden Rindes der Falkland- Inseln, welches von einer kleinen, von La Plata herübergebrachten Anzahl abstammt, sich in Heerden von verschiedener Färbung aufzulösen, eine interessante Thatsache. Kehren wir aber zu den verschiedenen britischen Zuchtrassen zurück. Die auffallende Verschiedenheit im allgemeinen Aussehen zwischen den kurzhörnigen und jetzt noch selten zu sehenden Ianghörnigen Rassen, den Herfords, dem Hochlandrind, den Alderneys u. s. w. wird Jedermann geläufig sein. Ein grosser Theil der Verschiedenheit wird ohne Zweifel der Abstammung von ursprünglich verschiedenen Species zuzuschreiben sein. Aber wir 56  s. auch Mackin non's Schriftchen über die Falkland-Inseln p. 24.

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3. Cap. Dessen Variiren. 109 können auch sicher sein, dass ausserdem eine ziemlich beträchtliche Variation dazugekommen ist. Seihst während der neueren Steinperiode war das domesticirte Rind nicht absolut identisch mit der ursprünglichen Stammart. In neueren Zeiten sind die meisten Rassen durch sorgfältige und methodische Zuchtwahl mo- dificirt worden. Wie streng die so erhaltenen Charactere vererbt wurden, lässt sich aus den für verbesserte Rassen gelösten Preisen entnehmen. Schon beim ersten Verkauf von Colling's Shorthorns erreichten elf Bullen den Mittelpreis von 214 L.St. und neuerdings sind Shorthornbullen für 1000 Guineen verkauft und in alle Weltgegenden exportirt worden. Es mögen hier einige constitutioneile Eigenthiimlichkeiten erwähnt werden. Die Shorthorns werden viel früher reif, als die wilden Rassen, wie die von Wales oder den Hochlanden. Mr. Simonds 57  hat diese Thatsache in einer interessanten Weise nachgewiesen. Er gibt eine Tabelle von der mittleren Dentitionsperiode, welche nachweist, dass eine Differenz von nicht weniger als 6 Monaten im Auftreten der bleibenden Schneidezähne besteht. Nach den Beobachtungen, w'elche Tessier  an 1131 Kühen an- slellte, variirt die Trächtigkeitsdauer bis zu 81 Tagen und was noch interessanter ist, es behauptet Lefour, " dass die Trächtigkeitsdauer bei dem grossen deutschen Rind länger ist, als bei den kleinern Rassen" 58 . In Bezug auf die Conceptionsperiode scheint es sicher, dass Alderney- und Zetland-Ivühe oft früher trächtig werden als andere Rassen 59 . Da endlich vier wohlentwickelte Brustdrüsen ein generischer Character der Gattung Bos  sind 60 , so ist es der Bemerkung werth, dass bei unsern domesticirten Kühen die 2 rudimentären Brustdrüsen oft ziemlich gut entwickelt werden und Milch liefern. Da in der Regel zahlreiche Zuchtrassen nur in lange civili- 57 The age of the Ox, Sheap, Pig, von James Simonds; herausgegeben auf Veranlassung der Royal Agricultural Society. 58 Ann. Agricult. France, April 1837 citirt in: The Veterinary. Vol. XII, p. 725. Tessier's Beobachtungen citire ich nach Youatt, on cattle p. 527. 59 The Veterinary. Vol. VIII, p. 681 und Vol. X, p. 268. Low's Domesticated Animals etc. p. 297. 60 Ogi IT y in: Proc. Zool. Soc. 1836, p. 138. 1840, p. 4.

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 Kind. 3. Cap sirtcn Ländern gefunden werden, so verlohnt es sieh wold der Mühe zu zeigen, dass in einigen von wilden Völkerstämnien bewohnten Ländern, deren Einwohner häufig mit einander im Kriege liegen und daher weniger freie Communication haben, mehrere verschiedene Rinderrassen jetzt existiren oder früher existirt haben. Am Cap der guten Hoffnung beobachtete L e gu a t im Jahre 1720 drei Arten 6I . Heutigen Tages haben verschiedene Reisende die Verschiedenheiten in den südafrikanischen Zuchtrassen erwähnt. Vor mehreren Jahren hat Sir Andrew Smith  mir gesagt, dass das Rind der verschiedenen Caffernstämme, die doch unter derselben Breite und in Ländern derselben Natur leben, doch von einander abweiche, und die Thatsache war ihm sehr überraschend. And er ss on 62  beschreibt das Damara-, Bechuana- und Namaqua-Rind und tlieilt mir brieflich mit, dass das Rind nördlich vom See Ngami gleichfalls verschieden sei, wie es Gal ton auch in Bezug auf das Land von Benguela gehört hat. Das Namaqua-Rind gleicht in der Grösse und Form sehr dem europäischen und hat kurze starke Hörner und grosse Hufen. Das Da- mara-Rind ist sehr eigenthümlich dick, knochig, mit schlanken Beinen und kleinen harten Füssen; der Schwanz ist mit einem l'insel von langem buschigem bis auf den Boden reichendem Haar besetzt und die Hörner sind ausserordentlich gross. Das Bechuana- Rind hat selbst noch grössere Hörner und es findet sich jetzt in London ein Schädel, dessen Hörner 8' 8,25" in gerader Linie von Spitze zu Spitze messen und nicht weniger als 13' 5" der Biegung entlang gemessen zeigen. Anders son sagt in seinem Briefe, dass er zwar sich nicht getraue, die Differenz zwischen den vielen verschiedenen Unterstämmen angehörigen Rassen zu beschreiben, dass aber solche sicher existiren, wie schon die wunderbare Leichtigkeit beweise, mit welcher die Eingeborenen sie unterscheiden. Dass viele Rinderrassen durch Variation entstanden sind, ohne von verschiedenen Arten abzustammen, können wir aus dem schlies- 61  Leguat's Reise, citirt von Vasey in seinen Delineations of the Ox Tribe, p. 132. 61  Travels in South Africa p. 317, 336.

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3. Cap. Dessen Varüren. 111 sen, was wir in Südamerika sehen. Dort war das Genus Hos nicht endemisch, und das dort in so ungeheurer Anzahl existirende Kind rührt von wenig importirten Stücken her, die aus Spanien und Portugal kamen. Roulin 63  beschreibt zwei eigenthümliche Rassen aus Columbien, nämlich Pelofies  mit äusserst dünnem und feinem Haar und Calongos,  die absolut nackt sind. Nach Castel- nau  gibt es in Brasilien zwei Rassen, eine dem europäischen Rind ähnlich, die andere davon verschieden mit merkwürdigen Hörnern. In Paraguay beschreibt Azara  eine Rasse, welche gewiss in Südamerika entstanden ist und die man Chicos  nennt, "weil sie verticale conische und an der Basis sehr grosse Hörner haben". In Corrientes beschreibt er ebenfalls eine Zwergrasse mit kurzen Beinen und einem Körper, der grösser als gewöhnlich ist. Rinder ohne Hörner und andere mit vorwärts gerichtetem Haar sind ebenfalls in Paraguay aufgetreten. Eine andere monströse Rasse, Niatas oder Natas, von welcher ich zwei kleine Heerden am nördlichen Ufer des Plata gesehen habe, ist so merkwürdig, dass sie eine ausführliche Beschreibung verdient. Diese Rasse steht zu den andern in derselben Beziehung, wie Bulldoggen oder Möpse zu andern Hunden oder wie veredelte Schweine nach Nathusius  zum gewöhnlichen Schwein 64 . R üt i me y e r glaubt, dass das Rind zum Priniigenius- typus gehöre 6ä . Die Stirn ist sehr kurz und breit, das Nasalende des Schädels ist mit der ganzen Ebene der obern Backzähne nach oben gekrümmt; der Unterkiefer springt vor den Oberkiefer und hat eine entsprechende Krümmung nach oben. Es ist 63 Mem. pres. par div. Sav. T. VI, 1835, p. 333. Wegen Brasilien s. Comptes rendus 15. Juni 1846. Azara, Quadrupedes du Paraguay. T. II, p. 359. 361. 64  Schweineschädel 1864, p. 104. Nathusius  gibt an, dass die für das Niata-Rind characteristische Schädelform gelegentlich beim europäischen Rinde auftritt. Er irrt sich indess, wenn er annimmt, dass dies Rind keine distincte Rasse bilde. Prof. Wyman in Cambridge, Vereinigte Staaten, theilt mir mit. dass der gemeine Kabeljau eine ähnliche Monstrosität darbiete, die die Fischer »bulldog-cod« nennen. Nach zahlreichen Nachforschungen in La Plata kommt Wyman zu dem Schlüsse, dass das Niata- Rind seine Eigentlnimlichkeiten fortpflanzt oder eine Rasse bildet. 65  Über Art des zahmen europäischen Rindes 1866, p. 28.

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 Rind. 3. Cap. eine interessante Tliatsache, dass eine beinah ganz ähnliche Bildung, wie mir Dr. Falconer mitgetheilt hat, das ausgestorbene gigantische Sivatlieriuni  von Indien characterisirt, dagegen bei keinem andern Wiederkäuer bekannt ist. Die Oberlippe ist stark zurückgezogen, die Nasenlöcher sitzen sehr hoch oben und sind weit geöffnet, die Augen springen nach Aussen vor und die Hörner sind gross. Beim Gehen wird der Kopf tief getragen und der Hals ist kurz. Die Hinterbeine scheinen mit den vorderen verglichen länger als gewöhnlich zu sein; die nackten Schneidezähne, der kurze Kopf und die nach oben gedrehten Nasenlöcher geben diesem Rinde einen äusserst komischen, selbstbewussten Anstrich. Den Schädel, den ich dem College of Surgeons geschenkt habe, hat Prof. Owen folgenderinassen beschrieben 66 : "er ist merkwürdig wegen der verkürzten Entwicklung der Nasalia, Praemaxillaria und des Vordertheils des Unterkiefers, welcher ungewöhnlich nach oben gekrümmt ist, so dass er mit den Praemaxillarien in Berührung kommt. Die Nasenbeine sind nur ungefähr ' s der gewöhnlichen Länge, behalten aber fast ihre normale Breite; zwischen den Stirn- und Thränenbeinen ist eine dreieckige Höhlung gelassen, die letzteren Knochen articuliren mit den Praemaxillarien und schliessen auf diese Weise den Oberkieferknochen von jeder Verbindung mit den Nasalien aus." Es ist daher selbst die Verbindung einiger Knochen verändert; andere Verschiedenheiten lassen sich hinzufügen. So ist die Ebene der Condylen etwas modiflcirl und der Endrand der Praemaxillarien bildet einen Bogen. Kurz bei Vergleichung des Schädels mit dem eines gewöhnlichen Ochsen bietet kaum ein einziger Knochen genau dieselbe Form darund der ganze Schädel hat ein wunderbar verschiedenes Ansehen. Die erste kurze Notiz über diese Rasse gab Azara  zwischen den Jahren 1783 — 1796. Don F. Muniz in Luxan hat mir aber freundlichst Nachrichten hierüber gesammelt und gibt an, dass um 1760 dieses Rind als Merkwürdigkeit in der Nähe von Buenos- Ayres gehalten wurde. Sein Ursprung ist nicht positiv bekannt, 66 Descript. Catalogue of Ost. Collect. Coll, of Surg. 1853, p. 624. V a- sey. Delineations of the Ox Tribe, gibt eine Abbildung dieses Schädels und eine Photographie davon habe ich Prof. Rütimeyer  geschickt.

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3. Cap. Ursachen des Variirens. 113 es muss aber nach dem Jahre 1552 aufgetreten sein, in welchem das Rind zuerst eingeführt wurde. Sign. Muniz theilt mir mit, dass nach der gewöhnlichen Annahme die Rasse hei den Indianern südlich vom Plata entstanden sei. Seihst bis auf den heutigen Tag zeigt das in der Nähe des Plata gezogene Rind seine weniger civilisirte Natur darin, dass es wilder als das gewöhnliche Rindvieh ist, und dass die Kuh, wenn sie zu oft gestört ist, sehr leicht ihr erstes Kalb verlässt. Die Rasse züchtet sehr rein und ein Niata-Bulle und Kuh produciren ohne Ausnahme Niata- Kälber; die Rasse besteht wenigstens schon ein Jahrhundert. Ein Niata-Bulle mit einer gewöhnlichen Kuh gekreuzt und die umgekehrte Kreuzung lieferte Nachkommen, die einen intermediären Character tragen, bei denen aber der Niata-Character sehr auffällig ist. Nach Sign. Muniz lässt sich im Gegensatz zu der gewöhnlichen Ansicht der Landwirthe in analogen Fällen deutlich nachweisen, dass die Niata-Kuh hei der Kreuzung mit dem ore- wohnlichen Bullen ihre Eigentlüimlichkeiten stärker fortpflanzt, als es der Niata-Bulle bei der Kreuzung mit einer gewöhnlichen Kuh timt. Sind die Futterkräuter hinreichend hoch, so frisst dieses Rind mit seiner Zunge und seinem Gaumen so gut wie gewöhnliches Rind. Aber während der Zeiten grösserer Dürre, wo so viele Thiere in den Pampas umkommen, steht das Niata-Rind in grossem Nachtheile, und würde, wenn man es nicht pflegte, aussterben; denn das gewöhnliche Rind ist, wie Pferde, im Stande sich durch Benagen der Zweige und des Schilfes mit den Lippen am Leben zu erhalten. Dies kann die Niata-Rasse nicht so gut thun, da sich die Lippen nicht vereinen und daher sieht man sie früher als das gewöhnliche Rind umkommen. Ich halte dies für einen sehr guten Beleg für die Schwierigkeit, nach der gewöhnlichen Lebensweise eines Thieres zu urtheilen, von welchen nur in längeren Zeitintervallen auflretenden Umständen seine Seltenheit oder sein Aussterben abhängt. Es zeigt sich auch hier, wie eine natürliche Zuchtwahl die Niata-Modificationen beseitigt haben würde, wäre sie im Naturzustände aufgetreten. Nach Beschreibung dieser halbmonströsen Niata-Rasse will ich noch einen weissen Bullen erwähnen, der aus Afrika gekommen OAK-WIN, Erster Theil. 8

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 Rind. 3. Cap. sein sollte und den inan in London im Jahre 1829 zeigte. Harvey hat eine gute Abbildung davon gegeben S7 . Er hatte einen Höcker und war mit einer Mahne versehen: die Wamme war eigenthiim- lich; sie war zwischen den Vorderbeinen in parallele Abtheilungen zerfallen. Seine Seitenhufen wurden alle Jahre abgestossen und wuchsen fünf bis sechs Zoll lang. Das Auge war sehr eigen- thümlich; es war merkwürdig vorspringend und "gleich einer Gelenkkugel, wodurch das Thier fähig wurde, nach allen Seiten hin mit gleicher Leichtigkeit zu sehen. Die Pupille war klein und oval oder vielmehr parallelogrammatisch mit abgeschnittenen Enden und stand quer." Wahrscheinlich würde sich durch sorgfältige Züchtung und Auswahl von diesem Thiere eine neue und merkwürdige Art bilden lassen. Ich habe oft über die wahrscheinlichen Ursachen nachgedacht, durch welche jeder besondere District in Grossbritannien dazu kam, in früheren Zeiten schon seine eigene eigenthümliche Rinderrasse zu besitzen und für Südafrika ist die Frage vielleicht noch verwirrender. Nach dem, was wir jetzt wissen, müssen die Verschiedenheiten zum Tlieil der Abstammung von distincten Arten zugeschrieben werden. Dies reicht unless nicht hin. Haben die geringen Verschiedenheiten des Klimas und die Natur der Nahrung in den verschiedenen Districlen von Grossbritannien direct entsprechende Verschiedenheiten im Rinde herbeigeführt ? Wir haben gesehen, dass das halbwilde Rind in den verschiedenen englischen Parks in Färbung und Grösse nicht identisch ist und dass ein gewisser Grad von Zuchtwahl nöthig war, es rein zu erhalten. Es ist fast sicher, dass reichliche Nahrung, durch viele Generationen dargeboten direct die Grosse einer Rasse afficirt 68 . Dass das Klima direct die Dicke der Haut und das Haar afficirt, ist gleichfalls sicher. So bestätigt Roulin 69 , dass die Häute des wilden Rindes von den heissen Llanos "stets viel weniger schwer sind, als die des Rindes von den Hochebenen von Rogata 6 ' Loudon's Magaz. of nat. hist. Vol. I. 1829, p. 113. Einzelne Figuren werden gegeben vom Thiere, seinen Hufen, Augen und seiner Wamme. 68 Low,  Domesticated Animals of the British Isles p. 264. 69  Mem. pres, par div. Savans. T. VI. 1835, p. 332.

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3. Cap. Ursachen lies Yariirens. 115 und dass diese Letzteren an Gewicht und Dicke des Haares denen nahe stehen, welche von den auf den hohen Paramos verwilderten Rindern herrührenDieselbe Verschiedenheit ist an den Häuten beobachtet worden, welche von den auf den rauhen Falklandinseln gezogenen und von dem Rinde der teinperirten Pampas herrühren. Low macht die Bemerkung 70 , dass das die feuchteren Theile Englands bewohnende Rind längere Haare und dickere Haut habe, als andere englische Rinderrassen; und Haare und Hörner stehen in so enger Wechselbeziehung zu einander, dass sie, wie w r ir in einem späteren Capitel sehen werden, sehr geneigt sind gleichzeitig zu variiren. So kann das Klima indirect durch die Haut die Form und Grösse der Hörner afficiren. Vergleichen wir hochveredeltes im Stall gefüttertes Rind mit den wilderen Rassen oder Berg- und Niederland-Rassen, so können wir nicht zweifeln, dass ein bewegteres Leben, welches den freieren Gebrauch der Glieder und der Lungen mit sich bringt, die Form und Proportion des ganzen Körpers afficirt. Wahrscheinlich sind einige Rassen, wie das halbmonströse Niata-Rind, und einige Eigenthümlichkeiten, wie die Hornlosigkeit, plötzlich erschienen, in Folge einer, wie wir sagen, spontanen Variation. Aber selbst in diesem Falle ist eine rohe Art Zuchtw'ahl nöthig und die auf diese Weise ausgezeichneten Thiere müssen wenigstens theil- weise von andern getrennt gehalten werden. Dieser geringe Grad von Sorgfalt ist zuweilen auch in gering civilisirten Gegenden angewandt worden, wo wir ihn am wenigsten hätten erwarten können. So bei dem Niata-, C-hivo- und herrenlosen Rind von Südamerika. Dass zur Modification unseres Rindes methodische Zuchtwahl in neuerer Zeit Wunder gethan hat, bezweifelt Niemand. Während des Processes einer methodischen Zuchtwahl hat es sich gelegentlich ereignet, dass man Structurabweichungen, die zwar stärker als blosse individuelle Verschiedenheiten ausgesprochen, aber durchaus nicht so stark w r aren, um Monstrositäten genannt zu werden, mit Vortheil benutzt hat. So hat der berühmte langhörnige Stier Shakespeare, trotzdem er vom reinen 10  ebend. p. 304. 368. 8 *

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Canley-Stamin war, "kaum ein einziges Merkmal der langhornigen Rasse ererbt, mit Ausnahme der Hörner" 71  und doch hat unter den Händen Mr. Fowler's dieser Bulle seine Rasse bedeutend veredelt. Wir haben auch Grund zur Annahme, dass im Laufe der Zeit eine insofern unbewusst ausgeübte Zuchtwahl als man zu keiner Zeit die bestimmte Absicht hatte, die Rasse zu veredeln oder zu verändern, die meisten unserer Rinder modificirt hat; denn auf diesem Wege in Verbindung mit reichlicher Nahrung haben alle englischen Niederland-Rassen bedeutend an Grösse und an Frühreife seit der Zeit Heinrichs VII. zugenommen 72 . Man sollte nie vergessen, dass jährlich viele Thiere geschlachtet werden müssen, so dass sich jeder Besitzer entscheiden muss, welche getödtet und welche zur Nachzucht erhalten werden sollen. Wie Youatt  bemerkt, besteht in jedem District ein Vorurtheil zu Gunsten der eingebornen Rasse, so dass Thiere mit Eigenschaften, welcher Art diese auch sein mögen, welche in jedem District am höchsten geschätzt werden, auch am häufigsten erhalten werden und diese unmethodische Zuchtwahl wird ganz sicher in der Länge der Zeit den Character der ganzen Rasse afficiren. Man kann aber fragen, ob wilde Völker, wie die in Südafrika, eine solche rohe Art von Zuchtwahl werden ausgeübt haben können. In einem späteren Capitel über Zuchtwahl werden wir sehen, dass dies sicher in einer gewisser Ausdehnung der Fall gewesen ist. Mit Hinblick auf den Ursprung der vielen Rinder-Rassen, welche früher die verschiedenen Districte in England bewohnten, schliesse ich daher, dass, wenn auch geringe Verschiedenheiten in der Natur des Klimas, der Nahrung u. s. w., ebenso wie eine veränderte Lebensweise, dazu der Einfluss der Correlation des Wachsthums und das gelegentliche Erscheinen beträchtlicher Structurabwei- chungen aus unbekannten Ursachen wahrscheinlich einen Einfluss gehabt haben werden, doch die gelegentliche Erhaltung derjenigen individuellen Thiere in jedem District, welche von ihren Besitzern 71  Youatt, on Cattle, p. 193. Eine ausführliche Beschreibung dieses Bullen ist Marshall entlehnt. 72  Youatt, on Cattle, p. 116. Lord Spencer hat über denselben Gegenstand geschrieben.

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3. Cap. Schaf. 117 am meisten geschätzt wurden, bei der Erzeugung der verschiedenen englischen Rassen vielleicht von selbst noch grosserem Einfluss gewesen ist. Sobald zwei oder mehrere Rassen einmal in irgend einem Districte gebildet waren oder wenn neue von besonderen Arten herrührende Rassen eingeführt wurden, wird deren Kreuzung, besonders unterstützt durch eine gewisse Zuchtwahl. die Zahl der Rassen vermehrt und die Charactere der älteren Rassen modificirt haben. Schaf. Ich werde diesen Gegenstand kurz behandeln. Die meisten Schriftsteller betrachten unser Hausschaf als Abkommen mehrerer bestimmter Arten; wie viele aber noch existiren, ist zweifelhaft. Mr. Rlyth  glaubt, dass auf der ganzen Erde vierzehn Species existiren; eine davon, der corsische Mufflon, wird von ihm, wie er mir lnittheilt, für den Vorfahren der kleinen kurzschwänzigen Rassen mit halbmondförmigen Hörnern angesehen, w'ie die alten Hochlandschafe. Die grösseren langschwänzigen Rassen mit doppelt gebogenen Hörnern, wie die Dorsets, Merinos u. s. w. hält er für die Nachkommen einer unbekannten ausgestorbenen Species. Gervais  zählt sechs Species Om 73 ; er kommt aber zu dem Schluss, dass unser Hausschaf eine besondere jetzt complet ausgestorbene Gattung bilde. Ein deutscher Naturforscher 74 glaubt, dass unsere Schafe von zehn ursprünglich distincten Arten herrühren, von denen nur eine noch in wildem Zustande lebt. Ein anderer sorgfältiger Reobachter 7S , wenn auch nicht Naturforscher, meint mit kühner Verachtung von allem, was über geographische Verbreitung bekannt ist, dass allein die Schafe von Grossbritannien die Nachkommen von elf endemischen britischen Formen sind. Bei einem so hoffnungslosen Zweifeln wird es für ,3 Blytli, on the genus Ovis, in: Ann. and Mag. of nat. hist. Vol. VII, 1841, p. 261. In Bezug auf den Stammbaum der Zuchtrassen s. die ausgezeichneten Artikel Mr. Blyth's in: Land and Water. 1867, p. 134. 156. Gervais, Hist. nat. des Mammif. 1855. T. II, p. 191. ,J  L. Fitzinger, Über die Rassen des zahmen Schafes, 1860, p. 86. 14  J. Anderson, Recreations in Agriculture and natural history. Vol. II, p. 164.

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 Schaf. 3. Cap. meinen Zweck ganz nutzlos sein, eine detaillirte Beschreibung der verschiedenen Rassen zu gehen. Einige wenige Bemerkungen will ich aber beibringen. Schafe sind seit einer sehr alten Zeit schon domesticirt wor- den. Rütimeyer 76  fand in den Schweizer Pfahlbauten die Überbleibsel einer kleinen Rasse mit dünnen langen Beinen und # mit ziegenähnlichen Hörnern. Diese Rasse weicht etwas von allen jetzt bekannten ab. Fast jedes Land hat seine eigentümliche Rasse und viele Länder haben viele bedeutend von einander abweichende Rassen. Eine der am schärfsten markirten Rassen ist eine orientalische, mit langem, nach Pallas  20 Wirbel enthaltenden Schwänze, der so mit Fett durchsetzt ist, dass er, weil er für eine Delicatesse gehalten wird, zuweilen auf ein kleines Wägelchen gelegt wird, was das lebende Thier mit sich herumführt. Wenn auch Fitzinger  diese Schafe für eine bestimmte aboriginale Form hält, so scheinen sie doch in ihren Hängeohren das Zeichen einer langen Domestication an sich zu tragen. Dies ist gleichfalls bei den Schafen der Fall, welche zwei grosse Fettinassen am Rumpfe haben, während der Schwanz rudimentär ist. Die Angola-Varietät der langschwänzigen Rasse hat merkwürdige Fettinassen hinten auf dem Kopf und unter den j Kiefern 77 . Nach der Verbreitung der verschiedenen Rassen ! meint Mr. Hodgson in einem ausgezeichneten Aufsätze 78  über j die Schafe des Himalaya, dass "diese Zunahme des Schw-anzes in den meisten ihrer Stadien ein Beispiel von Degeneration bei diesem so eminent alpinen Thiere sei." Die Hörner bieten endlose Verschiedenheiten in ihren Characteren dar; bei dem Weibchen besonders fehlen sie nicht selten, und auf der andern Seite kommen vier oder selbst acht vor. Sind die Hörner zahlreich, so entspringen sie von einer Leiste am Stirnbein , die in einer eigenthümlichen Weise sich erhebt. Es ist merkwürdig, dass Vermehrung der Hörner "allgemein von grösserer Länge und 76  Pfahlbauten p. 127. 193. " Youatt, on Sheep, p. 120. 78  Journal of the Asiat. Soc. of Bengal. Vol. XVI, p. 1007. 1016.

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3. Cap. Dessen Variiren. 119 Grobheit des Yliesses begleitet ist 79 . Indess ist diese Correlation nicht ausnahmslos, denn Mr. D. Forbes theilt mir mit, dass das spanische Schaf in Chile im Vliess und allen übrigen Cha- racteren der elterlichen Merino - Rasse gleiche, ausgenommen, dass es meist vier Hörner trage. Das Vorhandensein eines Paares von Brustdrüsen ist ein generischer Character sowohl bei Otis  als in mehreren verwandten Formen. Nichtsdestoweniger bemerkt Air. Hodgson: "dieser Character ist nicht absolut constant, selbst bei den wahren und echten Schafen, denn mehr als einmal habe ich Cagias (eine domesticirte subhimalayanische Rasse) gesehen, die vier Zitzen hatten" 8o . Dieser Fall ist um so merkwürdiger, als ein Theil oder Organ, welches im Verhält- niss zu demselben Theile bei verwandten Gruppen in kleiner Zahl vorhanden ist, gewöhnlich nur wenig der Variation unterliegt. Das Vorhandensein von Klauenschlauchen ist ebenfalls als generisches Merkmal beim Schafe betrachtet worden. Isidore Geoffroy 81  hat indess gezeigt, dass diese Schlauche oder Taschen in manchen Rassen fehlen. Es besteht bei dem Schaf eine sehr starke Neigung, Charaktere, welche offenbar im Zustande der Domestication erst erlangt worden sind, entweder ausschliesslich dem Alännchen eigen sein, oder bei jenen höher entwickelt sein zu lassen, als bei den Weibchen. So fehlen in manchen Rassen die Hörner bei den weiblichen Schafen, obschon diese gelegentlich bei den AA r eibchen des wilden Alusmon Vorkommen. Bei den Widdern der wallachi- schen Rasse "entspringen die Hörner fast perpendicular von den Stirnbeinen und erhalten dann eine schöne spirale Krümmung. Bei dem Weibchen treten sie fast unter rechten Winkeln vom Kopf ab und werden dann in einer eigentlnimlichen Weise verdreht" 82 . Air. Hodgson führt an, dass die so ausserordentlich gebogene Nase, welche bei mehreren ausländischen Rassen so stark entwickelt ist, nur den Widder characterisire und offen- 19 You at t, on Sheep, p. 142—169. 89  Journal Asiat. Soc. Bengal. Vol. XVI, 1847, p. 1015. 81 Hist. nat. gener. T. III, p. 435. 81 Youatt, on Sheep, p. 138.

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 Schaf. 3. Cap. bar das Resultat der Domestication sei 8S . Ich höre von Mr. Blyth dass die Anhäufung von Fett bei den Fettschwänzen der indischen Ebenen beim Männchen grösserist, als beim Weibchen; undFitzin- ger 84  bemerkt, dass die Mähnen bei der afrikanischen gemahnten Rasse viel stärker beim Widder als beim weiblichen Schafe sei. Verschiedene Schafrassen bieten wie Rinderrassen constitu- tutionelle Verschiedenheiten dar. So kommen die veredelten Rassen zeitiger zur Reife, wie Simonds  aus dem frühen Verlauf ihrer Dentition nachgewiesen hat. Die verschiedenen Rassen sind verschiedenen Arten von Weide und Klima angepasst worden; z. B. kann Niemand Leicester-Schafe in bergigen Gegenden züchten, wo die Cheviots gedeihen. Youatt  bemerkt: "Wir finden in allen den verschiedenen Districten von Grossbritannien verschiedene den von ihnen eingenommenen Localitäten schön angepasste Schafrassen. Niemand kennt ihren Ursprung. Sie sind dem Boden, dem Klima, der Weide und der Localität, wo sie grasen, angeboren, sie scheinen für sie und durch sie gebildet zu sein" 85 . Marshall erzählt 86 , dass eine Heerde schwerer Lincolnshire- und leichter Norfolk-Schafe zusammen auf einer grossen Schafweide gezüchtet wurden, deren einer Theil niedrig, fruchtbar und feucht, deren anderer Theil hoch gelegen und trocken, mit struppigem Pflanzenwuchs bedeckt war. Wurden sie ausgetrieben, so trennten sie sich regelmässig von einander; die schweren Schafe gingen auf den fruchtbaren, die leichteren nach ihren Weiden, so dass "die beiden Rassen, während Gras in Fülle vorhanden war, sich so getrennt hielten, wie Raben und Tauben." Zahlreiche Schafe sind aus den verschiedenen Theilen der Erde während einer langen Reihe von Jahren nach dem zoologischen Garten in London gebracht worden; doch bemerkt Youatt,  der die Thiere als Veterinärarzt behandelte, dass "wenig oder gar keins an Lungenfäule starben, dass sie aber schwind- 83 Journal of Asiat. Soc. Bengal. Vol. XVI. 1847, p. 1015. 1016. 84  Rassen des zahmen Schafes p. 77. 85  Rural Economy of Norfolk. Vol. II, p. 136. 86 Youatt, on Sheep, p. 312. Über denselben Gegenstand s. ausgezeichnete Bemerkungen in Gardener's Chronicle. 1858, p. 868. Über Versuche, Cheviot- mit Leicester-Schafen zu kreuzen s. Youatt,  p. 325.

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3. Cap. Dessen Variiren. 121 süchtig werden. Aus heissen Klimaten überstellt keines das zweite Jahr und wenn sie sterben, sind ihre Lungen tuberculös" 87 . Selbst in gewissen Theilen von England hat man es für unmöglich gefunden, gewisse Schafrassen zu erhalten. So wurden auf einer Farm an den Ufern der Ouse die Leicesterschafe so rapid von Pleuritis weggerafft 8S , dass sie der Besitzer nicht halten konnte. Die grobhäutigen Schafe wurden nie afficirt. Die Trächtigkeitsdauer wurde früher für einen so unveränderlichen Character gehalten, dass eine gemutlnnasste Verschiedenheit zwischen der des Wolfs und Hundes für ein sicheres Zeichen einer specifischen Verschiedenheit angesehen wurde. Wir haben aber gesehen, dass bei den veredelten Schweinerassen und hei den grösseren Ochsenrassen die Periode kürzer ist als in andern Rassen dieser beiden Thiere; und jetzt wissen wir nach der ausgezeichneten Autorität von Herrn, v. A'athusius 89 , dass Merinos und Southdown- Schafe, wenn beide längere Zeit unter genau denselben Bedingungen gehalten worden sind, in ihrer mittleren Trächtigkeitsdauer von einander abweichen, wie die folgende Tabelle ergibt: Merinos.150,3 Tage. Southilowns.144,2 » Halbblütige Merinos und Southdowns . 146,3 » 3 /iblütige Southdowns.145,3 » '/sblütige Southdowns.144,2 » In dieser gradweisen Verschiedenheit bei diesen, verschiedene Proportionen von Southdown-Blut enthaltenden gekreuzten Thieren sehen wir, wie streng die beiden Trächtigkeitszeiten überliefert worden sind. Nathusius  weist darauf hin, dass es nach der merkwürdigen Bapidität des Wachsthums der Southdowns nach der Geburt nichts überraschendes sei, dass ihre fötale Entwickelung abgekürzt sei. Es ist natürlich möglich, dass die Verschiedenheit dieser beiden Rassen von der Abstammung von besondern Stammarten herrühre: da indessen die frühe Reife der Southdowns lange Zeit sorgfältig von den verschiedenen Züchtern 87 Youatt, on Sheep. Anm. p. 491. 88 The Veterinary. Yol. X, p. 217. 89  Eine Übersetzung seines Aufsatzes ist in dem Bull. Soc. d'Acclimat. T. IX. 1862, p. 723 gegeben.

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 Selmf. 3. Cap. gepflegt worden ist, so ist die Verschiedenheit wahrscheinlich ^ das Resultat einer solchen Pflege. Endlich ist auch die Fruchtbarkeit der verschiedenen Rassen sehr verschieden. Einige erzeugen bei einer Geburt Zwillinge oder selbst Drillinge, wovon die merkwürdigen Shangai-Sehafe, mit ihren abgestutzten und rudimentären Ohren und grossen römischen Nasen, die vor kurzem im zoologischen Garten zu sehen waren, ein merkwürdiges Beispiel darboten. Schafe werden vielleicht leichter durch die directe Einwirkung der Lebensbedingungen, denen sie ausgesetzt sind, afficirt, als fast irgend ein anderes Thier. Nach Pallas  und noch neuer nach Ermann  degenerirt das fettschwänzige Kirgisenschaf nach wenigen in Russland erzogenen Generationen; die Fettmasse verschwindet, "die dürftigen und bitteren Kräuter der Steppe scheinen für seine Entwickelung wesentlich zu sein". Eine analoge Angabe macht Pallas  mit Bezug auf eine der krinf sehen Rassen. Bur- nes  führt an. dass die Karakool-Rassc, welche ein feines, lockiges, schwarzes, werthvolles Vliess producirt, dieses eigenthümliche Vliess verliert, wenn sie von ihrem eigenen District« hei Bokhara nach Persien oder in andere Gegenden entfernt wird 90 . In allen solchen Fällen indessen ist es möglich, dass eine Veränderung der Lebensbedingungen irgend welcher Art Variabilität und in Folge dessen den Verlust eines Characters erzeugt, nicht dass gewisse Bedingungen für die Entwickelung gewisser Charaetere nothwendig sind. Grosse Wärme scheint indess direct auf das Vliess zu wirken. Es sind mehrere Berichte veröffentlicht- worden über die Veränderungen, welche von Europa importirte Schafe in 'Westindien erleiden. Dr. Nicholson  von Antigua theilt mir mit, dass nach der dritten Generation die Wolle am ganzen Körper verschwindet. mit Ausnahme der Lenden; und das Thier sieht dann aus wie eine Ziege mit einem schmutzigen Pelzfleck auf dem 90  Ermann's Reisen in Sibirien. Engl. Übers. Vol. I, p. 228. Pallas, über das fettschwänzige Schaf citire ich nach Anderson's Beschreibung der russischen Schafe. 1794, p. 34. In Bezug auf die Krimschen Schafe s. Pallas Reisen. Engl. Übers. Bd. 2, p. 454. Wegen des Kara- kool-Schafes s. Burnes,  Travels in Bokhara. Vol. III, p. 151.

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3. Cap. Ursachen des Variirens. 123 Rücken. Eine ähnliche Veränderung soll an der Westküste von Afrika eintreten 91 . Andererseits leben viele wolltragenden Schafe in den heissen Ebenen von Indien. R o u 1 i n führt an. dass wenn die Lämmer in den niedrigeren und wärmeren Thälern der Cor- dilleren, sobald die Wolle eine gewisse Dicke erlangt hat. ge schoren werden, alles wie gewöhnlich verläuft; werden sie aber nicht geschoren, so löst sich die Wolle in Flocken los und es bildet sich nun für immer ein kurzes, glänzendes Haar wie bei einer Ziege. Dieses merkwürdige Resultat scheint nichts anderes als eine Übertreibung der Neigung zu sein, welche der Merino- Rasse natürlich ist; denn Lord Somerville, eine der grössten Autoritäten, bemerkt : "nach der Scheerzeit ist die Wolle unserer Merinoschafe in einem solchen Grade hart und grob, dass man es für unmöglich hält, annehmen zu können, dasselbe Thier trage Wolle von so entgegengesetzter Qualität, im Vergleich zu der die ihm eben abgenommen wurde. Rückt das kalte Wetter heran, so erhält das Vliess seine weiche Beschaffenheit wieder." Da bei Schafen aller Rassen das Vliess naturgemäss aus längeren und gröberen, die kürzeren und weicheren Wollhaare bedeckenden Haar besteht, so ist die Veränderung, welche in warmen Klimaten eintritt. wahrscheinlich nur ein Fall von ungleicher Entwickelung; denn selbst bei denjenigen Schafen, welche wie die Ziege mit Haaren bedeckt sind, kann man immer eine geringe Quantität darunter befindlicher Wolle finden 92 . Bei dem wilden Bergschaf (0. montana)  von Nordamerika findet ein jährlicher analoger Wechsel der Bekleidung statt: "Die Wolle fängt im zeitigen Frühjahr an auszufallen, und hinterlässt an ihrer Stelle eine Haarbekleidung," die der des Elenns ähnlich ist; eine Ver- 91  s. Report of the Directors of the Sierra Leone Company, citirt von White,  Gradation of Man. p. 95. In Bezug auf die Veränderungen, welche die Schafe in Westindien erleiden s. auch Davy, Edinb. new philos. Journ. Jan. 1852. Über Roulin's  Angabe s. Mem. pres, par div. Sa- vans. T. VI. 1835, p. 347. 92 Youatt, on Sheep, p. 69, wo Lord Somerville citirt wird. s. p. 117 über das Vorhandensein von Wolle unter dem Haar. In Bezug auf das Vliess der australischen Schafe s. p. 185. In Bezug darauf dass Zuchtwahl der Neigung zur Veränderung entgegenwirkt s. p. 70. 117. 120. 168.

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 Scliaf. 3. Cap. änderung im Pelze, die ihrem Character nach völlig verschieden ist von der gewöhnlichen Dickezunahme des Haarkleides, wie sie allen pelztragenden Thieren im Winter eigen ist, z. B. beim Pferde, der Kuh u. s. w., welche ihr Winterkleid im Frühjahr abwerfen" 9:i . Eine geringe Verschiedenheit des Klimas oder der Weide afficirt zuweilen das Vliess ein wenig, wie selbst in verschiedenen Districten von England beobachtet worden ist und wie die grosse Weichheit der aus Südaustralien gebrachten Wolle beweist. Wie aber Youatt  wiederholt betont, so sollte man beachten, dass die Neigung zum Andern allgemein durch sorgfälltige Zuchtwahl aufgehoben werden kann. Nach einer Erörterung dieses Gegenstandes fasst ihn Lasterye  folgendermassen zusammen: "Die Erhaltung der Merino-Rasse in äusserster Reinheit am Cap der guten HolFnung, in den holländischsn Marschen und in dem rauhen Klima von Schweden gibt nur eine weitere Unterstützung für meinen unabänderlichen Grundsatz, dass feinwollige Schafe gehalten werden können, wo nur immer fleissige Menschen und intelligente Züchter existiren." Dass methodische Zuchtwahl bei mehreren Schaf-Rassen grosse Veränderungen hervorgerufen hat, bezweifelt Niemand, der nur irgend etwas über diesen Gegenstand w'eiss. Der Fall von dem von Eli man veredelten Southdowns bietet vielleicht das auffallendste Beispiel dar. Auch hat unbewusste und gelegentliche Zuchtwahl langsam eine grosss Wirkung hervorgebracht, wie w ir in dem Capitel über die Zuchtwahl sehen werden. Dass Kreuzung einige Rassen bedeutend modificirt hat, wird Niemand bestreiten, der die Literatur über diesen Gegenstand, z. B. Mr. Spooner's Aufsatz gelesen hat. Um aber in einer gekreuzten Rasse Einförmigkeit hervorzubringen, ist sorgfältige Zuchtwahl und "rigoroses Ausjäten", wie sich dieser Schriftsteller ausdrückt, unentbehrlich 94 . 93 Audubon and Bachmau, The Quadrupeds of North-America. 1816. Vol. V, p. 365. 91  Journ. R. Agricultur. Soc. of England. Vol. XX, P. II. W. C. Spooner, über Kreuz-Zuchten.

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3. Cap. Ursachen des Yariirens. 125 In einigen Fällen sind neue Rassen plötzlich entstanden. So wurde 1791 in Massachusetts ein Widderlamm mit kurzen krummen Beinen und einem langen Rücken wie ein Dachshund geboren. Von diesem einen Lamm wurde die halbmonstrüse Otter- oder Ancon-Rasse gezüchtet. Da diese Schate nicht über die Hürden springen konnten, so glaubte man, sie würden werthvoll sein. Sie sind aber von Merinos ersetzt worden und auf diese Weise ausgestorben. Diese Schafe sind merkwürdig, weil sie ihren Character so rein fort pflanzten, dass Oberst Humphreys 95 nur von "einem einzigen zweifelhaften Fall hörte, wo ein Ancon- Widder und ein Mutterschaf nicht einen Ancon-Wurf erzeugt hätten. Werden sie mit andern Rassen gekreuzt, so gleicht die Nachkommenschaft mit seltnen Ausnahmen, statt intermediären Characters zu sein, vollständig den beiden Eltern und dies ist sogar bei Zwillingen eingetreten. Endlich hat man "beobachtet, dass sich die Ancons Zusammenhalten und sich von dem Reste der Herde, wenn sie mit andern Schafen in der Einfriedigung gehalten wurden, trennen". Einen noch interessanteren Fall findet man in den Reports der Jury's der grossen Ausstellung von 1851, nämlich die Geburt eines Merino-Widderlammes auf der Mauchamp-Farm im Jahre 1828, welches durch seine lange, glatte, schlichte, seidenartige Wolle merkwürdig war. Bis zum Jahre 1833 hatte Mr. Graux Widder genug erzogen, um seiner ganzen Herde zu dienen und wenige Jahre später war er im Stande von seiner neuen Zuchtrasse zu verkaufen. Die Wolle ist so eigenlhümlich und werthvoll, dass sie 25 p. C. höhere Preise erhält, als die beste Merinowolle. Selbst die Vliesse von Halbzuchtthieren sind werthvoll und in Frankreich unter dem Namen der "Mauchamp-Merino" bekannt. Als einen Beweis dafür, wie allgemein jede scharf gezeichnete Abweichung in der Structur von andern Abweichungen begleitet wird, ist dieser Fall dadurch interessant, dass der erste Widder und seine unmittelbaren Nachkommen von geringer Grösse waren, mit grossen Köpfen, langen Hälsen, schmaler Brust und langen Seiten. Dieser Fehler wurde aber durch sorgfältige Philosoph. Transact. London 1813, p. 88.

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 Ziepen. f? 3. Cap. Kreuzungen und Zuchtwahl beseitigt. Die lange, glatte Wolle tritt in Verbindung mit glatten Hörnern auf, und da Hörner und Haare homologe Bildungen sind, so lässt sich die Bedeutung der Correlation wohl verstehen. Läge der Ursprung der Mauchamp- und Ancona-Rassen ein oder zwei Jahrhunderte zurück, so würden wir keinen Nachweiss über deren Geburt haben, und viele Naturforscher würden ohne Zweifel besonders bei der Mauchamp- Rasse behaupten, dass jede von einer unbekannten Stammform abstammte oder mit ihr gekreuzt worden sei. Ziegen Nach den neueren Untersuchungen von Brandt  glauben jetzt die meisten Zoologen, dass alle unsere Ziegen von Capra ae- gagrus  der Gebirge von Asien abstammen und möglicherweise mit der verwandten indischen Art C. Falconer i  vermischt sind 96 . Während der frühen Steinperiode war die Haus-Ziege in der Schweiz gemeiner als das Schaf und diese so alte Rasse wich in keiner Beziehung von der jetzt in der Schweiz gemeinen ab 97 . In der Jetztzeit sind die vielen in den verschiedenen Theilen der Erde zu findenden Rassen bedeutend von einander unterschieden. Nichtsdestoweniger sind sie alle, soweit man es jetzt versucht hat 98 , bei der Kreuzung vollständig fruchtbar. Die Zuchtrassen sind so zahlreich, dass G. Clark 99  allein acht besondere auf Mauritius importirte Arten beschrieben hat. Die Ohren der einen Art waren enorm entwickelt. Nach der Messung von Clark waren sie 19 Zoll lang und 4 3 4 Zoll breit. Wie beim Rind entwickeln sich die Brustdrüsen der Rassen: welche regelmässig gemelkt werden, sehr bedeutend und wie Clark  bemerkt, "sieht man nicht selten die Zitzen den Boden berühren." Die folgenden Fälle sind bemerkenswerth, da sie ungewöhnliche Variationspunkte 96  Isid. Geoffroy St. Hilaire, Hist. nat. gener. T. III, p. 87. Blyth ist (Land and Water, 1867, p. 37) zu einem ähnlichen Schlüsse gekommen, er glaubt aber, dass gewisse Rassen des Orients Gelleicht zum Theil von dem asiatischen Markhor abstammen. 97  Rtitimeyer, Pfahlbauten p. 127. 98  Godron, de l'espece. T. 1, p. 402. 99 Ann. and Mag. of nat. hist. 2. Ser. Vol. II. 1848, p. 363.

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3. Cap. Ziegen. 127 darbieten. Nadi Godron 100  weichen die Euler bedeutend in den verschiedenen Zuchtrassen der Form nach ab. Bei der gewöhnlichen Ziege sind sie verlängert, bei der Angora-Rasse hemisphärisch, bei den Ziegen von Syrien oder Nubien zweilappig und divergirend. Nach demselben Schriftsteller haben die Männchen gewisser Rassen ihren gewöhnlichen widerlichen Geruch verloren. In einer der indischen Rassen haben Männchen und Weibchen Hörner von sehr verschiedener Form 101  und in manchen Rassen fehlen den Weibchen die Hörner vollständig I02 . Das Vorhandensein von Klauenschläuchen oder Drüsen an allen vier Füssen wurde früher characteristisch für die Gattung Ovis gehalten und ihre Abwesenheit characteristisch für die Gattung Capra. Hodgson hat aber gefunden, dass sie bei der Mehrzahl der Himalaya- Ziegen an den Vorderfüssen existiren lo3 . Hodgson  mass die Darmlänge in zwei Ziegen der Dugu-Rassen und fand, dass der Dünndarm und Dickdarm im Verhältniss ihrer Länge bedeutend dilferirten. In einer dieser Ziegen war der Blinddarm 13 Zoll lang, in einer andern nicht weniger als 36 Zoll. 100  de l'espece T. 1, p. 40C. Auch Clark  führt Verschiedenheiten in der Form der Euter an. Godron  führt an, dass bei der Kubischen Rasse das Scrotum in zwei Lappen getheiit ist, und einen komischen Beweis für diese Thatsache führt Clark  an, welcher auf Mauritius einen Bock der Muscat-Rasse für eine gutmelkende Ziege sehr hoch verkaufen sah. Diese Verschiedenheiten am Scrotum sind wahrscheinlich keine Folge einer Abstammung von distincten Arten; denn Mr. Clark  giebt an, dass dieser Theil der Form nach sehr variire. 101 Clark,  in: Ann. and Mag. of nat. hist. 2. Ser. Vol. II. 1848, p. 361. 10 - Des märest,  Encycl. method. Mammologie, p. 480. I0S  Journal Asiat. Soc. Bengal. Vol. XVI. 1847, p. 1020. 1025.

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Vierte* GapiteL Zahme Kaninchen. Die zahmen Kaninchen stammen von dem gemeinen wilden Kaninchen ab. — Frühe Domestication. — Früh gepflegte Zuchtwahl. — Grosse liänge- ohrige Kaninchen. — Verschiedene Zuchtrassen. — Schwankende Cha- ractere. — Ursprung der Himalaya-Rasse. —• Merkwürdiger Fall von Vererbung. — Verwilderte Kaninchen auf Jamaica und den Falkland-Inseln. Auf Porto Santo. — Osteologische Charactere. — Schädel. — Schädel von halben Hängeohren. — Die Verschiedenheiten im Schädel sind analog den Differenzen bei verschiedenen Arten von Hasen. — Wirbel. — Brustbein. — Schulterblatt. — Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs auf die Proportionen der Gliedmaassen und des Körpers. — Schädelcapacität und reducirte Grösse des Gehirns. — Zusammenfassung der Modificatio- nen domesticirter Kaninchen. Mit Ausnahme eines einzigen sind, soviel ichvveiss, alle Zoologen der Ansicht, dass die verschiedenen domesticirten Rassen des Kaninchens von der gewöhnlichen wilden Art abstanunen. Ich werde sie daher sorgfältiger als in den früheren Beispielen beschreiben. Prof. Gervais 1  gibt an, "dass das ächte wilde Kaninchen kleiner als das zahme sei; seine Körperproportionen seien nicht absolut dieselben; sein Schwanz sei kleiner, seine Ohren seien kürzer und dichter mit Haaren bedeckt und diese Charactere, um von der Färbung ganz zu schweigen, widersprechen jeder einzeln der Annahme, welche beide Thiere unter der gleichen specifischen Benennung zusammenfasst." Wenige Zoologen werden mit diesem Schriftsteller übereinstimmen, dass so leichte Differenzen hinreichen, das wilde und zahme Kaninchen als besondere Species von einander zu trennen. Es wäre doch ausserordentlich, wenn strenge Gefangenschaft, 1  P. Gervais,  Hist. nat. des Mainmiferes. T. 1. 1854, p. 288.

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4. Cap. Kaninchen, deren Abstammung. 129 vollständige Zähmung, unnatürliche Nahrung und sorgfältige Züchtung, wenn alle diese durch viele Generationen forterhaltenen Verhältnisse nicht wenigstens irgend eine Wirkung hervorgebracht hätten ! Das zahme Kaninchen ist seit sehr langer Zeit schon domesticirt worden. Confucius zählt die Kaninchen unter den Thieren auf, welche würdig sind, Göttern geopfert zu werden und da er ihre Vermehrung beschreibt, wurden sie wahrscheinlich schon zu dieser frühen Periode in China domesticirt. Sie werden von mehreren classischen Schriftstellern erwähnt. Im Jahre 1631 schreibt Gervaise Markhain: " Man soll nicht wie bei anderem Vieh auf ihre Form sehen, sondern auf ihren Werth: nur wähle man die Bocke und die grössten und besten Kaninchen aus, die man erhalten kann, und in Bezug auf den Werth des Felles wird das für das werthvollste gehalten, welches die gleichmässigste Mischung von schwarzen und weissen Haaren hat, doch so, dass das Schwarz mehr das Weisse abschattirt. Der Pelz sei dick, tief, glatt und glänzend... . Diese sind am Körper viel fetter und grösser und wenn eine andere Haut 2 oder 3 Pence werth ist, so sind diese zwei Schilling werth." Aus dieser ausführlichen Beschreibung sehen wir, dass silbergraue Kaninchen in England zu jener Zeit schon existirten, und was noch wichtiger ist, wir sehen, dass die Zucht oder Zuchtwahl der Kaninchen schon damals betrieben wurde. Al d rovand  i beschreibt 1637 nach der Autorität mehrerer alten Schriftsteller (wie Scaliger 1557) Kaninchen von verschiedener Farbe, einige "wie ein Hase" und er fügt hinzu, dass P. Val eri a nus (der im hohen Alter 1558 starb) in Verona Kaninchen sah, die viermal so gross waren als unsere. 2 Die Thatsache, dass das Kaninchen schon zu alter Zeit domesticirt worden ist, führt uns darauf, nach der ursprünglichen Stammform in der nördlichen Hemisphäre und allein in den wärmeren gemässigten Gegenden der alten Welt zu suchen. Denn das Kaninchen kann ohne Schutz in so kalten Ländern w ie Schweden nicht leben; und ist es auch auf der tropischen Insel Jamaika verwildert. 2  U. Aldrovandi,  De Quadrupedibus digitatis. 1637, p. 383. In Bezug auf Confucius und Markham s. den Verfasser eines Aufsatzes in: Cottage Gardener. 22. Jan. 1861, p. 250. Darwin,  Erster Theil. 9

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 Kaninchen. 4. Cap. so hat es sich dort nie bedeutend vermehrt, ln den warmen gemässigten Theilen von Europa existirt es jetzt und hat schon lange existirt; denn in mehreren Ländern sind fossile Überbleibsel gefunden worden :i . In diesen Ländern verwildert das zahme Kaninchen leicht und wenn verschieden gefärbte Arten frei sich seihst überlassen werden, so kehren sie meist zu der gewöhnlichen grauen Farbe zurück L Werden die wilden Kaninchen jung eingefangen, so lassen sie sich zähmen, obgleich der Process im allgemeinen sehr mühsam ist 3 4 5 . Die verschiedenen domesticirten Rassen werden oft gekreuzt; man hält sie für vollkommen fruchtbar mit einander und von den grössten domesticirten Arten, mit enorm entwickelten Ohren bis zu der gewöhnlichen wilden Art lässt sich eine vollständige Stufenreihe naclnveisen. Die Stammform muss ein grabendes Thier gewesen sein, und es ist diese Lebensweise, so viel ich finden kann, keiner andern Art der Gattung Lepus  eigen. Nur eine wilde Art ist mit Sicherheit in Europa bekannt. Das Kaninchen vom Berg Sinai (wenn dies wirklich ein Kaninchen ist) und ebenso das von Algerien bieten geringe Verschiedenheiten dar und diese Formen werden von manchen Schriftstellern als specifisch verschieden angesehen 6 . Derartige unbedeutende Verschiedenheiten werden uns aber nur wenig dabei helfen, die beträchtlichen, die verschiedenen domesticirten Rassen characterisirenden Dilferenzen zu erklären. Sind die letzteren die Nachkommen von zwei oder mehreren nahe verwandten Arten, so sind sie alle mit Ausnahme des gemeinen Kaninchens im wilden Zustande ausgestorben und wenn wir bedenken, mit welcher Zähigkeit dieses Thier seine Stellung behauptet, so ist dies sehr unwahrscheinlich. Aus diesen verschiedenen Gründen können wir 3  Owen, British Fossil Mammals p. 212. 4 Pigeons and Rabbits, von E. S. Detainer, 1854. p. 133. Sir J. Sebright (Observations on Instinct. 1836, p. 10) betont die Schwierigkeit sehr stark. Doch ist diese Schwierigkeit nicht ohne Ausnahme vorhanden, da ich zwei Berichte von vollkommener Zähmung und Züchtung des wilden Kaninchens erhalten habe. s. auch P. Broca in: Journ. de la Physiologie T. II, p. 368. 5  Bechstein, Naturgesch. Deutschlands. 1801. Bd. 1, p. 1133. Ähnliches habe ich aus England imd Schottland gehört. 6 Gervais,  Hist. nat. des Mamrnif. T. 1, p. 292.

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4. Cap. Deren Yariiren. 1.31 wohl mit Sicherheit schliessen, dass alle domesticirten Rassen die Nachkommen der gemeinen wilden Art sind. Nach dem aber, was wir von den neuerlichen merkwürdigen Erfolgen in dem Aufbringen von Bastarden zwischen Hasen und Kaninchen 7  hören, ist es möglich, w enn auch nicht wahrscheinlich (wegen der grossen Schwierigkeit, die erste Kreuzung zu bewirken), dass einige der grösseren Rassen, welche wie die Hasen gefärbt sind, durch Kreuzungen mit diesem Thierc modificirt worden sind. Nichtsdestoweniger können die hauptsächlichsten Verschiedenheiten in den Skeletten der verschiedenen domesticirten Rassen, wie wir gleich sehen werden, aus einer Kreuzung mit dem Hasen nicht herrühren. Es gibt viele Zuchtrassen, welche ihre C-haracterc mehr oder weniger rein fortpflanzen. Jedermann hat die hängeohrigen Kaninchen auf unsern Ausstellungen gesehen. Verschiedene verwandte Unterrassen werden auf dem Continent gezüchtet, wie die sogenannte andalusische. von welcher man sagt, dass sie einen grossen Kopf mit einer runden Stirn besässe und eine bedeutendere Grösse erreichte als irgend eine andere Art. Eine andere grosse Pariser Rasse wird Rouennais genannt und hat einen viereckigen Kopf. Die sogenannten patagonisehen Kaninchen haben merkwürdig kurze Ohren und einen grossen runden Kopf. Obgleich ich nicht alle diese Rassen gesehen habe, so möchte ich doch daran zweifeln, dass sie in der Form ihrer Schädel irgendwie ausgesprochene Verschiedenheiten darbieten 8 . Englische hängohrige Kaninchen wiegen oft 8—10 Pfd. und eins ist ausgestellt gewesen, was 18 Pfd. wog; dagegen wiegt ein ausgewachsenes wildes Kaninchen nur ungefähr 3Pfd.  Der Kopf oder Schädel ist bei allen den grossen liäng- ohrigen Kaninchen, die ich untersuchte, im Verhältniss zu seiner Breite viel länger als beim wilden Kaninchen. Viele von ihnen haben bewegliche quere Hautfalten oder Wammen unten am Halse, welche soweit vorgezogen werden können, dass sie fast bis zur Spitze der Kiefern reichen. Ihre Ohren sind fabelhaft entwickelt und hängen 7  s. P. Broca's interessanten Aufsatz über diesen Gegenstand in Brown-Sequard's Journ. de la Physiol. Vot. II, p. 307. s  Sie sind kurz beschrieben in: Journal of Horticulture. 7. May 1861, p. 108. 9 *

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 Kaninchen. 4. Cap. auf beiden Seiten des Gesichtes herab. Ein Kaninchen wurde ausgestellt, dessen beide Ohren von der Spitze des einen bis zur Spitze des andern gemessen 22 Zoll der Länge nach maassen und jedes Ohr war 5 3 ,8 Zoll breit. Bei einem wilden Kaninchen fand ich die Länge der beiden Ohren von Spitze zu Spitze 7 5 /s Zoll, die Breite nur l 7 /8 Zoll. Das bedeutende Körpergewicht der grossen Kaninchen und die ungeheure Entwickelung ihrer Ohren sind die Eigenschaften, welche Preise erlangen und sorgfältig bei der Zuchtwahl berücksichtigt worden sind. Das hasenfarbige, oder wie es zuweilen genannt wird, das belgische Kaninchen, weicht mit Ausnahme der Färbung in nichts von den andern grossen Kassen ab. Mr. J. Young von Southampton, ein grosser Züchter dieser Rasse, theilt mir mit, dass alle von ihm untersuchten weiblichen Exemplare nur sechs Milchdrüsen hatten und bei zw ei Weibchen, die in meinen Besitz kamen, war dies allerdings auch der Fall. Mr. B. P. Brent versichert mich indess, dass die Zahl bei andern Hauskaninchen variabel sei. Das gemeine wilde Kaninchen hat stets zehn Zitzen. Das Angora-Kaninchen ist durch die Länge und Feinheit seines Pelzes merkwürdig, welcher selbst auf den Fusssohlen eine beträchtliche Länge hat. Dies ist die einzige Zucht, welche in ihren psychischen Eigenschaften verschieden ist; denn man sagt, dass es viel geselliger sei, als andere Kaninchen; auch zeigt das Männchen keine Lust seine Jungen zu zerstören 9 . Aus Moskau erhielt ich zwei lebendige Kaninchen, ungefähr von der Grösse der wilden Art, aber mit langem weichen, etwas von dem der Angora verschiedenem Pelz. Diese Moskau-Kaninchen hatten rothe Augen und waren schneeweiss mit Ausnahme der Ohren, zweier Flecke in der Nähe der Nase, der oberen und unteren Fläche des Schwanzes und der hinteren Tarsen, welche schwarzbraun waren; kurz sie waren nahezu so wie die sogenannten Hima- laya-Kaninchen gefärbt, die ich gleich beschreiben werde, und wichen von ihnen nur in dem Character ihres Pelzes ab. Es gibt nur zwei andere Rassen, welche in der Farbe rein züchten, in anderer Beziehung aber abweichen, nämlich silbergraue und Chinchillas. 9 Journal of Horticulture. 1861, p. 380.

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4. Cap. Deren Variiren. 133 Endlich möchte ich noch das Nicard oder holländische Kaninchen erwähnen, welches der Färbung nach variirt und seiner geringen Grösse wegen merkwürdig ist: manche Exemplare wiegen nur 1 l ji  Pfd. Kaninchen dieser Rasse geben ausgezeichnete Aminen für andere und zartere Arten ab 10 . Gewisse Charactere sind merkwürdig schwankend oder werden von zahmen Kaninchen nur sehr schwach fortgepflanzt. So theilt mir ein Züchter mit. dass er bei kleinen Arten kaum je einen ganzen Wurf derselben Farbe gezüchtet habe. Bei den grossen hängohrigen Rassen ist es, wie eine bedeutende Autorität 11  meint, "unmöglich, der Farbe nach rein zu züchten; durch sorgfältige Kreuzung ist aber in dieser Beziehung viel zu erreichen. Der Züchter muss wissen, wie seine Mutterthiere gezüchtet sind, d. h. er muss die Farbe von deren Eltern kennen." Wir werden indess sofort sehen, das gewisse Farben echt überliefert werden. Die Wamme wird nicht streng vererbt. Langohrige Kaninchen, deren Ohren platt auf beiden Seiten des Gesichts herabhängen, vererben diesen Character durchaus nicht echt. D e 1 a m e r bemerkt, dass " bei Spielarten von Kaninchen, wenn auch beide Eltern vollkommen sind, vorschriftmässige Ohren haben und hübsch gezeichnet sind, die Nachkommen doch nicht unabänderlich in gleicher Weise erscheinen." Wenn einer der Erzeuger oder beide Lappohren sind, d. h. Ohren haben, welche rechtwinklig ab- stehen, oder wenn einer der Erzeuger oder beide Halbhängohren sind, d. i. nur ein hängendes Ohr haben, so ist die Wahrscheinlichkeit. dass die Nachkommen beide Ohren entschieden hängend haben beinah ebenso gross, als wären beide Eltern ebenso ausgezeichnet. Man hat mich aber versichert , dass wenn beide Eltern aufrechte Ohren haben, kaum irgend eine Wahrscheinlichkeit besteht, Hängohren zu erzielen. Bei einigen Halbhängohren ist das herabhängende Ohr breiter und länger als das aufrechte 12 , so dass hier der ungewöhnliche Fall eines Mangels von Symmetrie auf beiden Seiten 10 Journal of Horticulture. 28. May 1861, p. 169. 11  Journ. of Horticulture 1861, p. 327. In Bezug auf die Ohren s. De- lamer, Pigeons and Rabbits. 1854, p. 141, ferner Poultry Chronicle. Yol. II, p. 499, dass. 1854, p. 586. 12  De lamer,  Pigeons and Rabbits, p. 136. s. auch Journal of Horticulture, 1861, p. 375.

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 Kaninchen. 4. Cap. eintritt. Diese Verschiedenheit in der Stellung und Grösse der beiden Ohren weist wahrscheinlich darauf hin, dass das Hangen des Ohres eine Folge seiner grossen Länge und seines grösseren Gewichts Fig. 5. Halb-hangohriges Kaninchen (Copirt nach E. S. Dolamer). ist. wobei ohne Zweifel auch die in Folge des Aichtgebrauchs eintretende Muskelschwäehe als begünstigendes Moment w irkt. A n- derson 13  erwähnt eine Rasse, die nur ein einziges Ohr hat und Prof. Gervais  eine andere ohne Ohren. Der Ursprung der Himalaya-Rasse (zuweilen auch chinesische oder polnische oder russische genannt) ist so merkwürdig sowohl an sich als insofern sie auf die Gesetze der Vererbung Licht wirft, dass er im Detail gegeben zu werden verdient. Dieses niedliche Kaninchen ist weiss, mit Ausnahme der Ohren, Aase, aller vier Füsse, und der obern Seite des Schwanzes, welche braunschwarz sind; da sie aber rothe Augen haben, so können sie als Albinos angesehen werden. Es sind mir mehrere Berichte zugekommen, dass sie vollkommen rein züchten. Aach ihren symmetrischen Zeichnungen wurden sie zuerst als specifisch verschieden aufgeführt und wurden provisorisch L. nigripes 14  genannt. Einige gute Beobachter glaubten in ihrer Lebensweise eine Verschiedenheit nachweisen zu können und behaupteten fest, dass sie eine neue Species bildeten. 13  An account of the different kinds of Sheep in the Russian dominions. 1794, p. 39. 14  Proc. Zool. Soc. 23. Juni 1857, p. 159.

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4. Cap. Die Himalava-Ttasse. 135 Ihr Ursprung ist nun wohlbekannt. 1857 führt ein Schriftsteller an 15 , dass er Himalaya-Kaninchen in der folgenden Weise erhalten habe. Vorher ist es aber noting, kurz zwei andere Rassen zu beschreiben. Silhergraue haben allgemein schwarze Kopfe und Füsse und ihr feiner grauer Pelz ist mit zahlreichen schwarz und weissen langen Haaren untermischt. Sie züchten vollkommen rein und sind schon langst in Gehegen gehalten worden. Brechen sie aus und kreuzen sich mit gemeinen Kaninchen, so ist das Erzeugte, wie mir Mr. Wyrley Birch in Wretham Hall mittheilt, nicht eine Mischung der beiden Farben , sondern die Hälfte der Brut hat die Farbe des Vaters, die andere Hälfte die der Mutter. Zweitens haben Chinchillas oder zahme Silbergraue (ich will den ersten Namen beibehalten) einen kurzen blässeren maus- oder schieferfarbigen Pelz, untermischt mit langen schwärzlichen schieferfarbenen und weissen Haaren 16 . Diese Kaninchen züchten vollkommen rein. Der oben erwähnte Schriftsteller nun hatte eine Zucht Chinchillas, die mit dem gewöhnlichen schwarzen Kaninchen gekreuzt worden w r ar, und ihre Nachkommen waren entweder schwarz oder Chinchillas. Diese letzteren wurden wieder mit anderen Chinchillas gekreuzt (die ihrerseits mit Silbergrauen gekreuzt worden w'aren) und aus dieser com- plicirten Kreuzung wurden Himalaya - Kaninchen erhalten. Nach diesen und andern ähnlichen Angaben wurde Mr. Bartlett 17  veranlasst, im zoologischen Garten einen sorgfältigen Versuch anzu- slellen, und fand, dass er durch einfache Kreuzung von Silbergrauen mit Chinchillas stets einige Himalaya-Kaninchen erhalten konnte, und trotz des plötzlichen Ursprungs der letzteren züchteten sie doch, wenn sie getrennt gehalten wurden, vollkommen rein. Die Himalayas sind gleich nach ihrer Geburt vollkommen weiss und wahre Albinos. Aber im Verlauf von wenig Monaten erhielten sie allmählich ihre dunklen Ohren, Nase, Füsse und Schwanz. Wie mir aber Mr. W. A. Wool er  und W. D. Fox  mittheilten, werden gelegentlich Junge von sehr blassgrauer Färbung geboren und der erstgenannte Herr hat mir Exemplare derartigen Pelzes tiber- 15  Cottage Gardener 1857, p. 141. 16  Journal of Horticulture, 9. Apr. 1861, p. 35. 11 Mr. Bartlett, Proc. Zool. Soc. 1861, p. 40.

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 Kaninchen. 4. Cap. sandt. Der graue Ton verschwindet, indessen, wenn sieh das Tliier der Reife nähert. Bei diesen Himalayas bestellt daher eine auf die frühe Jugend beschränkte Neigung, zu der Färbung der erwachsenen silbergrauen Stammform zurückzukehren. Dagegen bieten Silbergraue und Chinchillas während ihrer frühesten Jugend einen merkwürdigen Contrast in ihrer Färbung dar, denn sie werden vollkommen schwarz geboren, nehmen aber bald den ihnen characteristischen grauen oder Silberton an. Dasselbe tritt bei Schimmeln ein, welche so lange sie Füllen sind, meist beinah schwarz sind, bald aber grau und dann weisser und weisser werden mit der Zunahme des Alters. Die gewöhnliche Regel ist daher, dass Himalayas weiss geboren werden und später an gewissen Stellen ihres Körpers sieh dunkler färben, während Silbergraue schwarz geboren und später mit weiss gefleckt werden. Es treten indessen in beiden Fällen gelegentlich Ausnahmen einer direct entgegengesetzten Natur ein; denn zuweilen werden in Gehegen Silbergraue geboren, die, wie Mr. W. Bireh sagt, rahmfarbig sind; diese jungen Tliiere werden aber zuletzt schwarz. Umgekehrt produciren die Himalayas, wie ein erfahrener Liebhaber 18  anführt, zuweilen ein einziges schwarzes Junge in einem Muri;  solche werden aber vor dem Ablauf zweier Monate vollkommen weiss. Fassen wir den ganzen merkwürdigen Fall zusammen: wilde Silbergraue kann man als schwarze ansehen, welche in einer frühen Lebenszeit grau werden. Werden diese mit gemeinen Kaninchen gekreuzt, so sollen die Nachkommen nicht eine Farbenvermischung darbieten, sondern nach einem der beiden Eltern schlagen und in dieser Beziehung sind sie schwarzen und Albino-Varietäten der meisten Säugethiere ähnlich, welche ihre Färbungen oft in derselben ?Weise vererben. Werden sie mit Chinchillas gekreuzt d. h. mit einer blässeren Subvarietät, so sind die Jungen zuerst reine Albinos w erden aber bald an gew issen Theilen ihres Körpers dunkelfarbig und dann Himalayas genannt. Doch sind zuweilen die jungen Himalayas anfangs entweder blassgrau oder vollständig schwarz, werden aber in beiden Fällen nach einiger Zeit weiss. In einem späteren Capitel Phenomenon in Himalayan Rabbits, in: Journal of Horticulture, 1865, 27. Jan. p. 102.

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4. Cap. Himalaya-Rasse. 137 werde ich eine ziemliche Menge von Thatsachen anführen, welche zeigen, dass wenn zwei in der Färbung von ihrer Stammform abweichende Varietäten mit einander gekreuzt werden, die Neigung bei den Jungen sehr stark wird, zn der ursprünglichen Stammfarbe zurückznschlagen; und was sehr merkwürdig ist. dieser Rückschlag tritt gelegentlich nicht vor der Geburt sondern während des Wachsthums des Thieres auf. Liesse sich daher zeigen, dass Silbergraue und Chinchillas das Erzeugniss einer Kreuzung von einer schwarzen und Albino-Varietät mit innig vermischter Färbung seien — eine An- nähme, die an sich nicht unwahrscheinlich ist und von dem Umstande unterstützt wird, dass in Gehegen die Silbergrauen zuweilen ralnn- farbige, endlich schwarz werdende Junge erzeugen —: dann würden alle oben erwähnten paradoxen Thatsachen über die Farbenveränderungen bei Silbergrauen und deren Nachkommen, den Himalayas, unter das Gesetz des Rückschlags fallen, eines zu verschiedenen Wachsthumszeiten und in verschiedenen Graden auftretenden Rückschlags entweder in die ursprüngliche schwarze oder die ursprüngliche Albino-Stammvarietät. Es ist auch merkwürdig, dass die Himalayas rein züchten, trotzdem sie so plötzlich entstanden sind. l)a sie aber in ihrer Jugend Albinos sind, so gehört der Fall unter eine sehr allgemeine Regel. Albinismus ist nämlich als streng erblich bekannt; ich erinnere an wmisse Mäuse und viele andere Säugethiere, selbst an weisse Rlü- then. Man könnte aber fragen, warum kehren nur die Ohren, der Schwanz, die Nase und Fiisse und kein anderer Theil des Körpers zu der schwarzen Färbung zurück? Dies hängt offenbar von einem Gesetz ab, welches sehr allgemein giltig ist, dass nämlich vielen Arten einer Gattung eigene Charactere (und dies weist allerdings auf eine lange, gemeinsame Vererbung von dem alten Urerzeuger der Gattung hin) der Variation widerstehen oder nach dem Verluste wieder erscheinen und zwar beides beständiger als Charactere, welche auf die einzelnen Species beschränkt sind. In der Gattung Lepus  nun hat die Mehrzahl der Arten die Ohren und die Oberfläche des Schwanzes schwarz gefärbt und die Beständigkeit- dieser Zeichnungen sieht man am besten bei den Arten, welche im Winter weiss

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 Kaninchen. 4. Cap. werden. So hat der L. tariabilis  in Schottland 19  in seinem Wintcr- kleide einen gefärbten Fleck auf seiner Nase und seine Ohrspitzen sind schwarz. Der L. tibetanus  hat schwarze Ohren, die Oberfläche des Schwanzes ist grauschwarz und die Fusssohlen sind braun. Bei L. glacialis  ist derWinterpelz rein weiss mit Ausnahme derFusssohlen und der Ohrspitzen. Selbst bei den verschiedenen gefärbten Spielarten der Kaninchen können wir oft an denselben Theilen die Neigung beobachten, dunkler sich zu färben, als der übrige Körper. Auf diese Weise scheint mir das Auftreten der verschieden gefärbten Zeichnungen an den Himalaya-Kaninchen, wenn es alt wird, verständlich zu werden. Ich kann einen nahe analogen Fall anführen. Spielarten von Kaninchen haben sehr oft einen weissen Stern an der Stirn und der gewöhnliche englische Hase hat in der Jugend meist, wie ich selbst beobachtet habe, einen ähnlichen weissen Stern an der Stirn. Werden verschieden gefärbte Kaninchen in Europa freigelassen und hiedurch in ihre natürlichen Bedingungen gebracht, so kehren sie meist zur ursprünglichen grauen Farbe zurück. Dies kann zum Theil eine Folge der allen gekreuzten Thieren eigenen Neigung sein, in ihren ursprünglichen Zustand zurückzukehren, doch herrscht die Neigung nicht immer vor. So werden silbergraue Kaninchen in Gehegen gehalten und züchten rein, trotzdem sie fast in einem Naturzustände leben. Es darf aber ein Gehege nicht mit silbergrauen und gemeinen Kaninchen bestockt werden, "sonst werden in wenig Jahren nur gemeine graue übrig bleiben" 20 . Verwildern in fremden Ländern unter verschiedenen Lebensbedingimyen Kaninchen, so kehren sie durchaus nicht immer zu ihrer ursprünglichen Farbe zurück. Die wilden Kaninchen von Jamaika werden beschrieben als "schieferfarbig, dicht mit weissen Flecken am Hals, an den Schultern und auf dem Rücken besetzt, die unter der Brust und dem Auge zu blauweiss werden" 21 . Auf dieser tropischen In- 19  G. R. Waterhouse, Natural history of Mammalia. Rodents. 1846, p. 52. 60. 105. 20  De lamer, on Pigeons and Rabbits, p. 114. 21 Gosse's Sojourn in Jamaica, 1851, p. 441, nach Beschreibung ebnes ausgezeichneten Beobachters R. Hill.  Dies ist der einzige bekannte Fall von Verwilderung eines Kaninchens in einem warmen Lande. In Loamda

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4. Cap. Verwilderte Kaninchen. 139 sei waren aber die Bedingungen ihrer Vermehrung nicht günstig und sie haben sich nie weit verbreitet. Wie ich von Mr. R. Hill höre, sind sie in Folge eines grossen Waldbrandes jetzt ausgestorben. Auf den Falkland-lnseln sind Kaninchen während vieler Jahre verwildert; in gewissen Theilen sind sie äusserst zahlreich, sie haben sich aber nicht allgemein verbreitet. Die meisten haben die gewöhnliche graue Farbe. Wie mir Adm. Sulivan  mittheilt, sind einige wenige hasenfarbig und viele schwarz, oft mit nahezu symmetrischen weissen Flecken auf dem Gesicht. Lesson hat hiernach die schwarze Varietät als eine distincte Art unter dem Namen L. maghellanicus  beschrieben, dies ist aber, wie ich anderswo gezeigt habe, ein Irrthum 22 . ln neuerer Zeit haben die Seehundsjäger einige der weiter abliegenden Inseln der Falklands-Gnippe mit Kaninchen bestockt. Auf dem Pebble Islet ist eine grosse Zahl hasenfarbig, wie ich von Adm. Sulivan  höre, während auf dem Rabbit Islet eine grosse Anzahl von einer bläulichen Farbe ist, die man an andern Orten nicht sieht. Auf welche Weise sich die auf diese Inseln gebrachten Kaninchen färbten, ist nicht bekannt. Die auf Porto Santo bei Madeira verwilderten Kaninchen verdienen eine ausführlichere Beschreibung. Im Jahre 1418 oder 1419 hatte J. Gonzales Zareo 23  zufällig ein weibliches Kaninchen an Bord, welches während der Reise Junge geworfen hatte, und alle diese setzte er auf die Insel. Diese Thiere vermehrten sich so rapid, dass sie eine Plage wurden und factisch das Aufgeben der Niederlassung veranlassten. Sieben und dreissig Jahre später beschreibt sie Ca da Mos to als unzählig. Auch ist dies nicht überraschend, da die Insel weder von einem Raubthiere noch irgend einem Landthier bewohnt war. Die Charactere des Mutter-Kaninkönnen sie indessen gehalten werden (s. Livingstone, Travels p. 407). ln einzelnen Theilen von Indien gedeihen sie und züchten ganz gut, wie mir Mr. Blytli  mittheilt. 22 Darwin,  Journal of Researches p. 103 (deutsche Übers, p. 243) und Zoology of the Voyage of the Beagle. Mammalia, p. 92. 23 Kerr.  Collection of Voyages. Vol. II, p. 177; wegen Cada Mosto s. p. 205. Nach einem 1717 in Lissabon erschienenen Werke eines Jesuiten: »Ilistoria Insulana« wurden die Kaninchen 1420 ansgesetzt. Manche Autoren glauben, dass die Insel 1413 entdeckt wurde.

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 Kaninchen. 4. Cap. chens kennen wir nicht; wir haben aber allen Grund zur Annahme, dass es das gewöhnliche Haus-Kaninchen war. Die spanische Halbinsel. von der Zarco  ausgesegelt war, war wie bekannt ist seit der frühesten historischen Zeit dicht von der gewöhnlichen wilden Art bewohnt. Da diese Kaninchen zur Nahrung an Bord genommen waren, so ist unwahrscheinlich, dass sie irgend einer besonderen Zucht angehörten. Dass die Rasse vollkommen domesticirt war, beweist der Umstand, dass das weibliche Thier während der Reise warf. Auf meine Bitte hat .Mr. Wollaston zwei dieser wilden Kaninchen mitgebracht und später hat Mr. Haywood mir drei weitere Exemplare in Salzwasser und zwei lebend geschickt. Diese zu verschiedenen Zeiten gefangenen Exemplare gleichen einander vollständig; sie waren erwachsen, wie der Zustand ihrer Knochen ergab. Obschon die Lebensbedinguugen auf Porto Santo offenbar den Kaninchen äusserst günstig sind, wie ihre ausserordentlich rapide Vermehrung beweist, so weichen sie doch auffallend in ihrer geringen Grösse von den w ilden englischen Kaninchen ab. Vier englische Kaninchen von den Schneidezähnen bis zum After gemessen variirten zwischen 17 und 17 S 4 Zoll Länge, während zwei Porto- Santo-Kaninchen nur 14'/2 und 15 Zoll lang waren. Die Grösseahnahme zeigt sich aber am besten durch das Gewicht. Vier wilde englische Kaninchen wogen im Nüttel 3 Pfd. 5 Unzen, während eines der Porto-Santo-Kaninchen, welches vier Jahre lang im zoologischen Garten gelebt hatte, aber mager geworden war, nur 1 Pfd. 9 Unzen wog. Einen noch deutlicheren Beweis gibt die Vergleichung der sorgfältig gereinigten Extremitätenknochen eines auf der Insel getödteten Porto-Santo-Kaninchens mit denselben Knochen eines wilden englischen Kaninchens vonMittelgrösse dar: sie wichen im Verhältniss von beinah fünf zu neun von einander ab. Das Porto- Santo-Kaninchen hat also fast 3 Zoll in der Länge und beinah die Hälfte im Körpergewicht abgenommen 24 . Der Kopf hat nicht im 24  Etwas Ähnliches ist auf der Insel Lipari vorgekommen, wo nach Spallanzani ( Voyage dans les deux Siciles. eitirt von Godron,  de l'es- pece, p. 364) eia Bauer einige Kaninchen aussetzte, die sich ungeheuer vermehrten. Aber, sagt Spallanzani, »les lapins de Pile de Lipari sont plus petits que ceux qu'on eleve en domesticite.«

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4. Cap. Verwilderte Kaninchen. 141 Verhiiltniss zum Körper an Länge abgenommen und die Capacität der Hirnschale ist. wie wir später selten werden, eigentümlich variabel. Ich präparirte vier Schädel und diese glichen einander mehr, als es gewöhnlich die Schädel wilder englischer Kaninchen thun. Der einzige Unterschied in der Structur, den sie darboten, bestand darin, dass der Superorbitalprocess der Stirnbeine schmäler war. Der Färbung nach weicht das Porto-Santo-Kaninchen beträchtlich vom gewöhnlichen Kaninchen ab. Die Oberfläche ist röther und nur selten von irgend welchen schwarzen oder schwarzspitzigen Haaren untermischt. Die Kehle und gewisse Theile der untern Fläche sind meist, statt rein weiss zu sein, blassgrau oder bleifarben. Die merkwürdigste Verschiedenheit liegt aber in den Ohren und dem Schwanz. Ich habe viele englische Kaninchen frisch untersucht, ebenso die grosse Sammlung von Häuten aus verschiedenen Ländern im britischen Museum. Alle haben die Oberfläche des Schwanzes und die Spitzen der Ohren von schwarzgrauem Pelze bedeckt und in den meisten Werken wird dieser als einer der speci- fischen Charactere des Kaninchens angeführt. Bei den sieben Porto- Santo-Kaninchen war die Oberfläche des Schwanzes rothbraun und die Spitzen der Ohren hatten keine Spur von schwarzer Einfassung. Hier stossen wir aber auf einen eigentümlichen Umstand. Im Juni 1861 untersuchte ich zwei von diesen kürzlich erst dem zoologischen Garten übersandten Kaninchen, und ihre Schwänze und Ohren waren gefärbt, wie oben beschrieben. Als mir aber im Februar 1865 eins derselben todt geschickt wurde, waren die Ohren deutlich schwarzgrau eingefasst und die Oberfläche des Schwanzes war schwärzlich grau; der ganze Körper viel weniger röthlich. Unter dem englichen Klima hatte daher dieses individuelle Kaninchen die eigentümliche Färbung seines Pelzes in beinah vier Jahren wieder erlangt. Die zwei kleinen Porto-Santo-Kaninchen hatten, als sie in dem zoologischen Garten lebten, ein merkwürdig verschiedenes Ansehen von der gewöhnlichen Art. Sie waren ausserordentlich wild und lebendig, so dass viele Leute als sie dieselben sahen, ausriefen, dass sie

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 Kaninchen. 4. Cap. mehr grossen Ratten als Kaninchen glichen. In ihrer Lebensweise waren sie in einem ungewöhnlichen Grade nächtlich und ihre Wildheit liess nicht im geringsten Grade nach. Der Oberaufseher, Mr. Bartlett, versicherte mir geradezu, dass er nie ein wilderes Thier unter seiner Pflege gehabt habe. Wenn wir bedenken, dass sie von einer domesticirten Rasse abstamnien, ist die Thatsache eigenthiim- licli. Mich überraschte sie so sehr, dass ich Mr. Haywood bat, an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen, ob sie von den Einge- bornen viel gejagt oder von Habichten oder Katzen oder andern Thieren verfolgt würden. Dies ist aber nicht der Fall und für ihre Wildheit lässt sich keine Ursache beibringen. Sie leben auf dem centraleren, höheren felsigen Lande und in der Nähe der UferrilTe, und erscheinen, da sie äusserst scheu und furchtsam sind, nur selten in den tieferen und cultivirteren Districten. Sie sollen 4—6 Junge in einem Wurf hervorbringen; ihre Brunstzeit ist im Juli und August. Endlich konnte, und dies ist eine sehr merkwürdige Thatsache, Mr. Bartlett es nie erreichen, dass diese beiden Kaninchen, beides Männchen, sich mit den Weibchen mehrerer Rassen, die wiederholt zu ihnen gebracht wurden, vertrugen oder begatteten. Wäre die Geschichte dieser Porto-Santo-Kaninchen nicht bekannt, so würden die meisten Zoologen in Anbetracht ihrer sehr geringen Grösse, ihrer oben röthlichen, unten graulichen Färbung, weder mit schwarzem Schwanz noch mit schwarzen Ohren, sie als distincte Species aufgeführt haben. Sie würden in dieser Ansicht durch die Beobachtungen der lebenden Exemplare im zoologischen Garten und dadurch, dass sie mit andern Kaninchen sich zu paaren weigerten, sehr bestärkt worden sein. Und doch ist dieses Kaninchen, welches, wie wir kaum zweifeln können, für eine distincte Species erklärt worden w äre, sicher um das Jahr 1420 entstanden. Endlich sehen wir, nach den drei Fällen von auf Porto Santo, Jamaika und den Falkland-Inseln verwilderten Kaninchen, dass diese Thiere unter neuen Lebensbedingungen nicht zu ihrem ursprünglichen Character zurückkehren oder diesen behalten, w ie so allgemein von den meisten Schriftstellern behauptet wird.

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4. Cap. Verschiedenheiten in ihren Skeletten. 143 Osteologische Charactere. Wenn wir uns mif der einen Seite erinnern, wie häufig angegeben wird, dass wichtige Tiieile der Structur niemals variiren, auf der andern Seite aber daran, auf was für geringe Verschiedenheiten im Skelett fossile Species oft gegründet werden, so verdient die Variabilität des Schädels und einiger anderer Knochen heim dome- slicirten Kaninchen doch unsere Aufmerksamkeit- Man darf nicht glauben, dass die bedeutenderen von den gleich zu beschreibenden Verschiedenheiten irgend eine bestimmte Zuchtrasse characteri- siren. Man kann nur sagen, dass sie in gewissen Rassen meist vorhanden sind. Man muss im Auge behalten, dass einen bestimmten Character im Skelett durch Zuchtwahl zu fixiren nicht versucht wurde und dass sich die Thiere unter gleichförmigen Lebensverhältnissen oft selbst zu erhalten haben. Die meisten Verschiedenheiten im Skelett können wir nicht erklären. Wir werden aber sehen, dass die Zunahme der Körpergrösse, welche eine Folge der sorgfältigen Erziehung und fortgesetzter Zuchtwahl ist, den Kopf in einer eigen- thümliehen Weise afficirt hat. Selbst die Verlängerrng und das Herabhängen der Ohren hat in einem geringen Grade die Form des Schädels beeinflusst : der Mangel an Körperbewegung hat offenbar die proportionale Länge der Gliedmaassen mit der des Körpers verglichen modificirt. Als Maassstab zur Vergleichung präparirte ich die Skelette zweier wilder Kaninchen von Kent, eines von den Shetland-Inseln und eines von Antrim in Irland. Da die Knochen dieser vier Exemplare aus so weit getrennten Localitäten einander sehr glichen und kaum irgend eine be- merkenswerthe Verschiedenheit darboten, so können wir scliliessen, dass die Knochen des wilden Kaninchens meist einförmig im Character sind. Schädel. —  Ich habe sorgfältig die Schädel untersucht: von zehn grossen hängohrigen Liebhaber-Rassen und von fünf gemeinen zahmen Kaninchen, welche letztere von den Hängohren nur darin abweichen, dass sie keinen so grossen Körper und Ohren hatten, beides aber grösser als das wilde Kaninchen. Was zuerst die zehn Hängohren betrifft, so war bei allen der Schädel im Verhältniss zu seiner Breite merkwürdig verlängert. Bei einem wilden Kaninchen war die Länge 3 ,15  Zoll, bei einer grossen Liebhaber-Varietät 4,30 Zoll. Dagegen war die Breite der das Gehirn einseliliessendon Schädelkapsel bei beiden fast genau die-

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 Kaninchen. 4. Cap. selbe. Selbst wenn man die weiteste Stelle des Jochbogens als Maassstab zur Vergleichung annahm, sind die Schädel der Hängoliren im Verhält - niss zu ihrer Breite 3 /4 Zoll zu lang. Die Höhe des Schädels hat fast in demselben Verhältniss wie die Länge zugenommen, nur die Breite ist nicht vergrössert worden. Das Hinterhaupts- und Scheitelbein, welche das Gehirn einscliliesscn, sind sowohl in der Längs- als Querrichtung weniger gebogen als beim wilden Kaninchen, so dass die Form des Cranium etwas verschieden ist. Die Oberfläche ist rauher, weniger nett sculpturirt, die Nahtlinien vorspringender. Wenn nun auch die Schädel der grossen hängohrigen Kaninchen mit denen des wilden Kaninchens verglichen im Verhältniss zu ihrer Breite sehr verlängert sind, so sind sie doch im Verhältniss zur Körpergrösse durchaus nicht verlängert. Die von mir untersuchten Hängohren waren zwar nicht fett, aber doch mehr als zweimal so schwer als wilde Exemplare; und doch war der Schädel noch weit unter zweimal so lang. Selbst wenn wir den noch richtigeren Maassstab der Körperlänge von der Nase bis zum After annehmen, so ist der Schädel im Mittel um '/a Zoll kürzer als er sein sollte. Andrerseits ist der Kopf des kleinen verwilderten Porto-Santo - Kaninchens i.. Verhältniss zur Körperlänge ungefähr um *4 Zoll zu lang. Ich fand, dass diese Verlängerung des Schädels im Verhältniss zu seiuer Breite nicht nur bei den grossen hängohrigen Kaninchen, sondern bei allen künstlichen Zuchtrassen allgemeiner Character ist, wie auch deutlich am Schädel des Angora-Kaninchens zu sehen ist. Anfangs überraschte mich die Thatsache sehr und ich konnte nicht begreifen, wie die Domestication dieses gleichförmige Resultat erzielen könne. Die Erklärung scheint indess durch den Umstand gegeben zu werden, dass durch eine Reihe von Generationen die künstlichen Zuchtrassen in enger Gefangenschaft gehalten wurden und wenig Gelegenheit hatten, weder ihre Sinne, noch ihren Intellect, noch ihre willkührlichen Muskeln anzustrengen. In Folge dessen hat das Gehirn, wie wir gleich ausführlicher sehen werden, nicht in gleichem Schritt mit dem Körper an Grösse zugenommen und da das Gehirn nicht vergrössert ist, ist auch die dasselbe ein- schliessende Kuochenkapsel nicht vergrössert; und offenbar hat diese wieder durch Correlation die Breite des ganzen Schädels von einem Ende zum andern afficirt. Bei allen Schädeln der grossen hängohrigen Kaninchen sind die Supraorbitalfortsätze oder Platten der Stirnbeine viel breiter als beim wilden Kaninchen und springen meist mehr nach oben vor. Am Joch-

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4. Cap. Verschiedenheiten in ihren Skeletten. 145 bogen ist der hintere vorspringende Punkt des Jochbeins breiter und stumpfer und an dem in Fig. 8 abgebildeten Exemplar ist dies in einem Fig. 7 Schädel eines grossen hängohrigen Kaninehen. Natürl. Grösse. Fig. 6. Schädel des wilden Kaninchen, N'atürl. Grösse. 1  r JBi tön merkwürdigen Grade der Fall. Dieser Punkt reicht näher an den äussern Gehörgang als beim wilden Kaninchen, wie Fig. 8 am besten zeigt, doch hängt dieser Umstand hauptsächlich von der veränderten Richtung des Gehörganges ab. Der Interparietalknochen (s. Fig. 9) weicht bei den verschiedenen Schädeln bedeutend der Form nach ab; meist ist er ovaler, oder hat in der Längsaxe dos Schädels eine grössere Ausdehnung als beim wilden Kaninchen. Der hintere Rand der "viereckigen erhobenen Platte " 20  des Hinterhaupts ist, statt abgestutzt oder leicht vorspringend 25 Waterhouse,  Nat. hist Mammalia. Vol. II, p. 36. Darwin, Erster Theil. 10

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 Kaninchen. 4. Cap. zu sein wie beim wilden Kaninchen, bei den meisten hängohrigen Kaninchen zugespitzt wie in Fig. 9 C. Die Para- mastoide sind im Verhältniss zur Grösse des Schädels meist viel dicker als beim wilden Kaninchen. Das Hinterhauptsloch (F. 10) bietet einige merkwürdigeV erschiedenbeiten dar. Beim wilden Kaninchen ist der unt. Rand zwischen denCoudvlen beträchtlich u. fast winklig ausgehöhlt; der obere Rand tief viereckig eingeschnitten; die Längsaxe Fig. 8. Theil des Jochbogens mit dem , vorspringenden Ende des Jochbeins und Übortriüt daher die quere. Bel detß dem äussern Gehörgange; die obere Figur Schädel der hängohrigen Kaninchen vom wilden, die untere vom grossen häng- ohrigen, hasenfarbigen Kaninchen. übertnfft die Queraxe die longitudinale; A B c  denn in keinem dieser Schädel war der untere Rand zwischen den Condylen so tief ausgehöhlt. Bei fünf von ihnen fand sich kein oberer viereckiger Aus- ... 0 r ... .  schnitt. Bei dreien fand sich rig. 9. Hinteres Ende des Schädels in natürlicher Grösse mit dem Interparietalknochen. A. Wildes hiervon nur eine Spur Und nur Kaninchen. B. Verwildertes Kaninchen von der Insel Porto Santo bei Madeira. C. Grosses hang- ohriges Kaninchen. A. bei zweien war er deutlich entwickelt. Diese Verschiedenheiten in der Form des Hinter- hauptsloches sind wohl merkwürdig, da durch dasselbe ein so wichtiges Gebilde wie das Rückenmark durchtritt, wenn auch offenbar die Contur des letzteren von der Form des Canals nicht afficirt wird. An allen Schädeln der grossen hängohrigen Kaninchen ist der knöcherne Gehörgang auffallend grösser als beim wilden Kaninchen. Bei einem Schädel, der 4,3 Zoll lang, aber kaum breiter als der Schädel eines wilden Kaninchens war (der nur 3,is Zoll lang war), war der längere Durchmesser des Gehörganges genau zweimal so gross. Die Mündung ist ziisammengedriickter und sein dem Schädel zunächst gelegener Rand steht höher als die äussere Seite. Der ganze Gehörgang ist mehr nach Fig. 10. Hinterhauptsloch in natürlicher Grösse. — A von wilden, B von grossen hängohrigen Kaninchen.

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4. Cap. Verschiedenheiten in ihren Skeletten. 147 vorn gerichtet; da bei der Zucht hängohriger Kaninchen die Länge der Ohren und das damit zusammenhängende Herabhängen und platt auf dem Gesicht-liegen derselben die hauptsächlichsten auszeiclmcnden Merkmale sind, so kann man kaum daran zweifeln, dass die grosse Veränderung in der Grösse, Form und Richtung des knöchernen Gehörganges im Vcrhältniss zu demselben Tlieil beim wilden Kaninchen von der fortgesetzten Zuchtwahl von Individuen abhängt, welche immer grössere und grössere Ohren haben. Der Einfluss des äusseren Ohres auf den knöchernen Gehörgang zeigt sich deutlich an den Schädeln von Halbhängeohren (s. Fig. 5) bei denen das eine Ohr aufrecht steht, während das andere und längere herabhängt; denn in diesen Schädeln (von denen ich drei untersuchte) fand sich ein deutlicher Unterschied in der Form und Richtung des knöchernen Gehörganges auf beiden Seiten. Die Thatsache ist aber noch viel interessanter, dass die veränderte Richtung und bedeutendere Grösse des knöchernen Gehörganges den Bau des ganzen Schädels an dieser Seite leicht afficirt hat. Ich gebe hier eine Abbildung des Schädels eines Halbhängeohres (s. folg. Seite) und man wird sehen, dass die Naht zwischen den Scheitel- und Stirnbeinen nicht rechtwinklig auf der Läugsaxe des Schädels verläuft. Das linke Stirnbein springt vor dem rechten vor; sowohl der hintere als vordere Rand des linken Jochbogens auf der Seite des hängenden Ohres steht um ein weniges vor den entsprechenden Knochen der andern Seite. Selbst der Unterkiefer ist afficirt. Die Condylen sind nicht ganz symmetrisch; der linke steht etwas weiter nach vorn als der rechte. Dies scheint mir ein merkwürdiger Fall von Correlation des Wachsthums zu sein. Wer hätte glauben können, dass man indirect fast jede Naht am Schädel und die Form des Unterkiefers dadurch afficiren könne, dass man ein Thier viele Generationen hindurch in Gefangenschaft hielt, es hierdurch zum Nichtgebrauch seiner Ohrmuskeln veranlasste, und fortgesetzt Individuen mit den längsten und grössten Ohren zur Nachzucht auswählte! Bei den grossen härigeohrigen Kaninchen ist der einzige Unterschied am Unterkiefer im Vergleich mit dem des wilden Kaninchens der, dass der hintere Rand des ansteigenden Astes breiter und eingebogener ist. Die Zähne bieten bei beiden Kiefern keine Verschiedenheiten dar, ausgenommen, dass die kleinen Sclmeidezähne unter den grossen im Verhält- niss etwas länger sind. Die Backzähne haben im Verhältniss zur grösseren Breite des Schädels an Grösse zugenommen wenn man den Schädel quer am Jochbogen misst, nicht aber im Verhältniss zu seiner grösseren Länge. Der innere Rand der Alveolen der Backzähne im Oberkiefer bil- 10 *

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 Kaninchen. 4 Cap. det beim wilden Kaninchen eine vollständig gerade Linie; bei einigen der grössten Schädel der Hängohren war dieser Rand deutlich nach innen gebogen. Bei einem Exemplar fand sich ein überzähliger Backzahn auf jeder Seite im Oberkiefer zwischen den Molaren und Praemo- laren. Diese beiden Zähne entsprechen sich aber nicht in der Grösse und da kein Nagethier sieben Backzähne hat, so ist dies nur eine Monstrosität, wenn auch eine merkwürdige. Von den fünf übrigen Schädeln der gemeinen zahmen Kaninchen näherten sich einige der Grösse nach den oben beschriebenen grössten Schädeln, während die andern nur wenig die dos wildenKaninchens übertrafen. Sie verdienen nur deshalb erwähnt zu werden, als sie in Bezug auf die oben angeführten Ver- sclüedenheiten zwischen den Schädeln der grössten Hängohren und der Seiten und die davon anhängige allgemeine wilden Kaninchen eine vollkommene Verdrehung des Schadeis zu zoigen. Das ß e ip e  darbieten. Bei allen indessen linke Ohr des Thiers (in der Figur rechts» hieng nach vorn herab. sind die Supraorbitalfortsätze eher grösser, bei allen ist der Gehörgang in Übereinstimmung mit der bedeutenden Grösse der äusseren Ohren grösser als beim wilden Kaninchen. Der untere Einschnitt am Hinterhauptsloch war bei einigen nicht so tiefals beim wilden Kaninchen; der obere war aber bei allen fünf Schädeln wohl entwickelt. Der Schädel des Angora-Kaniuchens ist wie die zuletzt erwähnten fünf Schädel in seinen allgemeinen Proportionen und in den meisten übrigen Characteren intermediär zwischen denen der grössten Hängohren uud der wilden Kaninchen. Er bietet nur einen eigenthiimlicken Character dar. Trotzdem er beträchtlich länger als der Schädel des wilden Kaninchens ist, ist seine au den hinteren Supraorbitalfissuren gemessene Breite Fig. II. Schädel eines halb - häugohrigen Kaninchen, natürl. Grösse, um die verschiedene Richtung des Gehörgangs auf beiden res I- i  0

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4. Cap. Verschiedenheiten in ihren Skeletten. 149 nahezu um */:i geringer als beim wilden. Die Schädel des Silbergrauen, des Chinchilla und des Himalaya-Kaninchens sind mehr verlängert als beim wilden, mit breiteren Supraorbitalfortsätzcn, weichen aber in jeder andern Beziehung wenig ab, ausgenommen, dass die Ausschnitte am oberen und unteren Rand des Hinterhauptsloches weder so tief noch so deutlich entwickelt sind. Der Schädel des Moskau-Kaninchens weicht in allen Beziehungen kaum von dem des wilden Kaninchens ab. Bei dem verwilderten Kaninchen von Porto Santo sind die Supraorbitalfortsätze meist schmaler und zugespitzter als bei unsern wilden Kaninchen. Da einige der grössten hängohrigen Kaninchen, deren Skelette ich präparirte, fast wie Hasen gefärbt waren und da diese letzteren, wie versichert wird , neuerdings in Frankreich mit Kaninchen gekreuzt worden sind, so könnte man denken, dass einige der oben erwähnten Charactere von einer zu einer sehr frühen Zeit eingetretenen Kreuzung mit dem Hasen herrühren. Ich untersuchte demzufolge Hasenschädel, konnte aber dadurch kein Licht erhalten in Bezug auf die Eigenthümlichkeiten der Schädel der grösseren Kaninchen. Doch ist es eine interessante und das Gesetz, dass Varietäten einer Art oft die Charactere anderer Arten desselben Genus annehmen, erläuternde Thatsache, dass sich bei der Vergleichung der Schädel von zehn Species von Hasen im britischen Museum fand, dass sie hauptsächlich in denselben Punkten von einander abwichen, in denen die domesticirten Kaninchen variiren: nämlich in den allgemeinen Proportionen, in der Form, der Grösse der Supra Orbitalfortsätze, in der Form des freien Endes des Jochbeines und in der Nahtlinie, welche die Scheitel- und Stirnbeine trennt. Überdies waren zwei, beim zahmen Kaninchen eminent variable Charactere, nämlich der Umriss des Hinter- hauptsloches und die Form der aufrechten Platte des Hinterhauptes in zw r ei Fällen bei derselben Species von Hasen gleichfalls variabel. Wirbel. —  Die Zahl ist bei allen von mir untersuchten Skeletten gleich mit zwei Ausnahmen, nämlich bei einem der kleinen verwilderten Kaninchen in Porto Santo und bei einem der grössten hängohrigen Arten. Beide hatten wie gewöhnlieh sieben Hals- und zwölf Rückenwirbel mit Rippen, hatten aber statt sieben beide acht Lendenwirbel. Dies ist merkwürdig, da Gervais  für das ganze Genus Lepus  sieben Lendenwirbel angibt. Die Schwanzwirbel weichen wie es scheint um zwei oder drei ab. Ich habe aber nicht genau auf sie geachtet; auch sind sie schwer mit Sicherheit zu zählen. Am ersten Halswirbel oder Atlas variirt der vordere Rand des oberen Bogens bei wilden Exemplaren etwas. Er ist entweder beinahe glatt

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 Kaninchen. 4. Cap. oder mit einem kleinen supramediauen At- lasfortsatze versehen. Ich habe ein Exemplar mit dem grössten Fortsatz, den ich je gesehen habe, abgebildet; doch wird man bemerken, wie gering an Grösse und verschieden in Form derselbe ist in Vergleich mit dem eines grossen hängohrigen Kaninchens. Beim letzteren ist auch der Inframedian- v ,  P rocess  verhältnissmässig viel dicker und £  länger. Die Flügel siud etwas viereckiger b "  im Umriss. Fig. n. Atlas, natürliche Grösse, Dritter Halswirbel. — Beim wil- untre Fläche schräg gesehen. Obere , rr .  . Figur vom wilden Kaninchen. Untre den  Kamnclieil (Flg. UAa) hat dieser W 11- i'igur vom haseufarbigen grossen bei von der untern Fläche her gesehen einen haugohngen Kaninchen, a Supra- _ " . . . , ... . .  . Quertortsatz, welcher schräg nach hinten gerichtet ist und aus einer einzigen zugespitz- B ten Kuoclienleiste besteht. Am vierten Wirbel ist dieser Fortsatz leicht in der Mitte gegabelt. Bei den grossen hängohrigen Kaninchen ist dieser Fortsatz (Ba) am medianer, b inframedianer Fortsatz. Fig. 13. Dritter Halswirbel, natürliche Grösse. A vom wilden, B vom hasenfarbigen grossen hängohrigen Kaninchen, aa untere Fläche, vordere Gelenkfläche. dritten Halswirbel gegabelt wie am vierten des wilden Kaninchens. Doch weichen die dritten Halswirbel des- wilden und hängohri- geu Kaninchens (Ab, Bb) noch auffallender von einander ab, bb wenn man ihre vorderen Gelenkflächen vergleicht; denn die Enden der oberen Querfortsätze siud beim wilden Kaninchen einfach abgerundet, während sie beim hängohrigen dreitheilig mit einem tiefen centralen Ausschnitt sind. Der Canal für das Rückenmark ist bei dem liäng- ohrigen (Bb) in der Querrichtung mehr verlängert als beim wilden Kaninchen. Auch siud die Durehtrittsöflhungen für die Arterien von einer unbedeutend verschiedenen Form. Diese einzelnen Verschiedenheiten an diesem Wirbel scheinen mir wohl der Beachtung werth. Erster Rückenwirbel. —  Sein oberer Dornfortsatz variirt beim wilden Kaninchen in der Länge. Er ist zuweilen sehr kurz, meist aber mehr als halb so lang als der des zweiten Rückenwirbels. Bei zwei gros-

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4. Cap. Verschiedenheiten in ihren Skeletten. 151 sen hängohrigen Kaninchen habe ich ihn aber 3  t so laug als den des zweiten Riickemvirbels gesehen. Neunter und zehnter Rückenwirbel. —Beim  wilden Kaninchen ist der obere Dorn des neunten Wirbels gerade merkbar dicker als der des achten und der obere Doru des zehnten ist deutlich dicker und kürzer als die aller vorderen Wirbel. Bei den grossen hängohrigen Kaninchen sind die oberen Dornfortsätze des zehnten, neunten und achten und selbst in einem geringen Grade der des siebenten sehr viel dicker und von etwas verschiedener Form im Vergleich mit denen des wildenKaninchens. Dieser Theil der Wirbelsäule weicht daher im Ansehen beträchtlich von denselben Theilen beim wilden Kaninchen ab und ähnelt in einer interessanten Weise denselben Wirbeln in manchen Species von Kig. 14- Rückenwirbel vom sechsten bis zehnten, von der Seite, natürliche Grösse. — A Wildes Kaninchen, B grosses Hasen. Bei denAllgOra-, hasenfarbiges, sogenanntes spanisches Kaninchen. Chinchilla- und Himalaya-Kaninchen sind die oberen Dornfortsätze des achten und neunten Wirbels in geringem Grade dicker als beim wilden. Auf der andern Seite waren bei einem der verwilderten Kaninchen von P. Santo, welche in den meisten ihrer Charactere von dem gemeinen wilden Kaninchen in einer genau entgegengesetzten Weise wie die grossen häugohrigen Kaninchen abwiclien, die oberen Dornfortsätze des neunten und zehnten Wirbels durchaus nicht grösser als die der vor ihnen gelegenen Wirbel. Bei diesem selben Exemplar von Porto Santo fand sich am neunten Wirbel keine Spur der vorderen Seitenfortsätze (s. Fig. 14), welche bei allen englischen wilden Kaninchen deutlich entwickelt sind und noch deutlicher bei den grossen hängohrigen. Bei einem halbwilden Kaninchen von Sandou Park 26  war an der unteren Fläche des 12. 26  Diese Kaninchen sind seit beträchtlicher Zeit in Sandon Park verwildert, ebenso an andern Stellen in Staffordshire und Shropshire. Sie sind, wie mir der Wildwart sagte, aus verschieden gefärbten zahmen Kaninchen entstanden, die man ausgesetzt hat. Sie variiren in der Farbe; viele sind aber symmetrisch gefärbt, sind weiss und in einem Streifen das Rückgrat

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 Kaninchen. 4. Cap. Rückenwirbels ein unterer Dorn massig stark entwickelt, was ich bei keinem andern Exemplar gesehen habe. Lendenwirbel. —  Ich habe bereits angeführt, dass ich in zwei Fällen acht Lendenwirbel fand, statt sieben. Der dritte Lendenwirbel hatte in einem Skelette eines wilden englischen Kaninchens und in einem der verwilderten Kaninchen von Porto Santo einen unteren Dornen. Dagegen fand sich derselbe Dorn wohl entwickelt an demselben Wirbel bei vier Skeletten grosser hängoliriger Kaninchen und beim Himalaya-Ka- ninchen. Becken. —  Bei vier Exemplaren des wilden Kaninchen war dieser Knochen in der Form fast absolut identisch, bei mehreren domesticir- ten Zuchtrassen aber konnte man leichte Verschiedenheiten auffinden. In den grossen hängohrigen Kaninchen ist der ganze obere Theil des Darmbeines gerader und weniger nach aussen geschweift als beim wilden Kaninchen und die Tuberosität am innern Rand des vorderen und oberen Theiles des Darmbeines ist im Verhältniss mehr vorspringend. f Fig. 15. Endstück des Brustbeins, natürl. Grosse. A Wildes Kaninchen, li Hasenfarbiges hängohriges Kaninchen. C Hasenfarbiges spanisches Kaninchen (NB. die linke Ecke des obern Gelenkendes von B war abgebrochen und wurde zufällig so dargestellt). Fig. 16. Acromion des Schulterblattes, natürl. Grösse. A Wildes Kaninchen, BCD grosse, hängohrige Kaninchen. Brustbein. —  Das hintere Ende des hintern Sternalknochens ist beim wilden Kaninchen (Fig. 15. A) dünn und wenig verbreitert. Bei einigen grossen hängohrigen Kaninchen (B) ist er nach dem Ende hin vielmehr verbreitert; während er bei andern Exemplaren (C) von einem bis zum andern Ende von derselben Breite bleibt, am Ende aber viel dicker ist. entlang, an den Ohren und an gewissen Zeichnungen am Kopfe grau-schwarz. Ihr Körper ist eher etwas grösser als bei gemeinen Kaninchen.

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4. Cap. Skelet. — Gebrauch und Nichtgebrauch. 153 Schulterblatt. — Das Acromion schickt einen rechtwinkligen Fortsatz aus, der in einem schrägen Knopf endigt. Dieser letztere variirt beim wilden Kaninchen (Fig. 16. A) etwas in Form und Grösse, ebenso wie die Spitze des Acromion in ihrer Schärfe und der Theil unmittelbar unter dem rechtwinklig abgehenden Fortsatze in der Breite. Die Variationen dieser Tlieile sind aber beim wilden Kaninchen sehr unbedeutend, dagegen bei den grossen hängobrigen Kaninchen beträchtlich. So ist der schräge Endknopf bei manchen Exemplaren (B) zu einem kurzen mit dem rechtwinkligen wieder einen stumpfen Vinkel bildenden Fortsatze entwickelt. Bei einem andern Exemplare (C) bilden diese beiden ungleichen Fortsätze nahezu eine gerade Linie. Die Spitze des Acromion variirt sehr in Breite und Schärfe, wie es eine Vergleichung der Fig. B, C, D ergibt. Gliedmaassen. —  An diesen konnte ich keine Variation entdecken; die Fussknochen mit grosser Sorgfalt zu vergleichen, ergab sich aber als zu mühsam. Ich habe nun alle die Verschiedenheiten am Skelet beschrieben, welche ich beobachtet habe. Es ist kaum möglich, dass der hohe Grad von Variabilität oder Plasticität vieler der Knochen nicht sehr auflallen sollte. Wir sehen, wie irrig die oft wiederholte Angabe ist, dass nur die Knochencristen, welche den Muskeln Ansatzpunkte darbieten, in der Form variiren und dass nur Tlieile von geringer Bedeutung im Zustande der Domestication modificirt werden. Niemand wird z. B. sagen, dass das Hinterhauptsloch oder der Atlas oder die Halswirbel eine geringe Bedeutung haben. Wären die verschiedenen Wirbel wilder und hängohriger Kaninchen, welche ich oben abgebildet habe, fossil gefunden worden, so würden die Paläontologen sofort erklärt haben, dass sie verschiedenen Species angehören. Die AYirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs v o n T h e i 1 e n. — Bei deu grossen hängohrigen Kaninchen ist die proportionale Länge der Knochen desselben Beines und des A'order- und Hinterbeines, mit einander verglichen, fast dieselbe geblieben wie beim wilden Kaninchen. Dem Gewicht nach haben aber die Knochen der Hinterbeine, wie es scheint, nicht im richtigen Yerhältniss mit den A'order- beinen zugenommen. Das Gewicht des ganzen Körpers war bei den von mir untersuchten grossen Kaninchen zwei- bis zwei und ein lialbmal so gross als das des wilden Kaninchens und das Gewicht der Knochen der

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 Kaninchen. i.  Cap. vorderen und hinteren Extremitäten zusammengenommen (mit Ausschluss der Füsse, wegen der Schwierigkeit, so viel kleine Knochen vollständig zu reinigen) hat hei dem grossen hängohrigen Kaninchen in nahezu demselben Verhältniss zugenommen, folglich auch im richtigen Verhältniss zu dem Gewicht des Körpers, den sie zu tragen haben. Nehmen wir die Länge des Körpers als Maassstab zur Vergleichung, so haben die Extremitäten der grossen Kaninchen um ein- oder andcrthalbmal für das richtige Verhältuiss zu wenig an Länge zugenommen. Nehmen wir ferner die Länge des Schädels als lila assstab zur Vergleichung, der, wie wir vorhin gesehen haben, nicht im richtigen Verhältuiss zur Länge des Körpers selbst au Länge zugenommeu hat, so findet man, dass die Extremitäten im Verhältniss zu denen des wilden Kaninchens von Va— 3 , ; 4 Zoll zu kurz sind. AVas für einen Maassstab wir daher auch nehmen, die Extremitätenknochen der grossen hängohrigen Kaninchen haben im richtigen Verhältniss zu andern Theilen des Körpers an Länge nicht zugenommen, dagegen an Gewicht: und dies lässt sich, wie ich glaube, durch die inactive Lebensweise erklären, welche die Thiere viele Generationen hindurch geführt haben. Auch die Scapula hat nicht im richtigen Verhältniss zu der vergrösserten Körperlänge an Länge zugenommen. Die Capacität der knöchernen Gehirnschale ist ein interessanter Punkt. Ich wurde dadurch darauf geführt, ihn zu beachten, als ich, wie früher angegeben, fand, dass bei allen domesticirten Kaninchen die Länge des Schädels im Verhältniss zu seiner Breite verglichen mit dem des wilden Kaninchens bedeutend zugenommen habe. Besässen wir eine grosse Anzahl von domesticirten Kaninchen von nahezu derselben Grösse, wie das wilde Kaninchen, so würde es sehr leicht sein, die Capacität ihrer Schädel zu messen und zu vergleichen; dies ist indess nicht der Fall. Fast alle domesticirten Kassen haben grössere Körper als die wilden Kaninchen und die hängohrigen Arten sind über noch einmal so schwer. Da ein kleines Thier seine Sinne, seinen Intellect und Instinct ganz gleich mit einem grösseren Thiere anzustrengen hat, so haben wir durchaus nicht etwa zu erwarten, dass ein-, zwei- oder dreimal so grosse Thiere auch ein-, zwei- oder dreimal so grosse Gehirne haben müssten 27 . Nach dem Wägen von vier wilden Kaninchen und vier grossen aber nicht fetten Hängeohren fand ich, dass sich im Mittel die wilden zu den hängohrigen dem Gewicht nach verhalten wie 1 : 2,n, der Länge des Körpers nach - 7  s. Prof. Owen's Bemerkungen hierüber in seinem Aufsatz: on the zoological significance of the brain etc. British Assoeiat. 1862. In Bezug auf Vögel s. Proc. Zool. Soc. 11. Jan. 1818, p. S.

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4. Cap. Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs. 15Ö wie 1 : l,4i, dagegen in der Capacitiit des Schädels (die ich auf eine naelilier zu schildernde Weise maass) nur wie 1 : 1,15. Wir sehen daher, dass der Rauminhalt des Schädels und folglich die Grösse des Gehirns im Yerhältniss zur Grössenzunahme des Körpers nur wenig zugenommen hat, und diese Thatsache erklärt die Schmalheit des Schädels aller domesticirten Kaninchen im Yerhältniss zu seiner Länge. In der obern Hälfte der folgenden Tabelle habe ich die Maasse der Schädel von zehn wilden Kaninchen gegeben, in der untern Hälfte die Maasse von elf völlig domesticirten Arten. Da diese Kaninchen so bedeutend in der Grösse verschieden sind, so müssen wir nothwendig irgend einen Maassstab haben, an dem wir ihre Schädelcapacität vergleichen. Als den besten Maassstab habe ich die Schädellänge gewählt; deun wie bereits angeführt, hat sie bei den grösseren Kaninchen sich nicht so ver- grössert, als der Körper. Da aber der Schädel wie jeder andere Theil in der Länge variirt, so bietet weder er noch irgend ein anderer Theil einen vollkommenen Maassstab dar. In der ersten Columne ist die äusserste Länge des Schädels in Zollen und Decimalen angegeben; ich bin mir bewusst, dass diese Maassangaben eine grössere Genauigkeit prätendircn als möglich ist. Ich habe es aber für am wenigsten mühsam gefunden, genau die Länge wiederzugeben, die der Zirkel ergab. Die zweite und dritte Columne ergeben die Länge und das Gewicht des Körpers, so oft nur diese Messungen angestellt worden waren. Die vierte Columne gibt den Raumumfang des Schädels nach dem Gewicht kleinen Schrotes, mit dem der Schädel gefüllt wurde; es soll aber nicht behauptet werden, dass diese Gewichte bis auf wenige Grane genau sein sollen. In der fünften Columne wird die Capacität angeführt, die der Schädel nach seiner Länge im Vergleich mit dem des wilden Kaninchens No. 1 der Berechnung nach haben sollte; in der sechsten Columne wird die Differenz zwischeu der wirklichen und berechneten Capacität, in der siebenten das procentische Yerhältniss der Ab- oder Zunahme gegeben; z. B. da das wilde Kaninchen No. 5 einen kürzeren und leichteren Körper hat, als das wilde Kaninchen No. 1, so hätte man erwartet , dass sein Schädel weniger Capacität haben würde. Die wirkliche, durch das Gewicht des Schrotes ausgedrückte Capacität ist 875 Gran und dies ist um 97 Gran weniger als die des 1. Kaninchens. Vergleichen wir aber diese beiden Kaninchen nach der Länge ihrer Schädel, so sehen wir, dass bei No. 1 der Schädel 3,iö Zoll, bei No. 5 2,96 Zoll laug ist und nach diesem Yerhältniss hätte die Schädelkapsel von No. 5 eine Capacität von 913 Gran Schrot haben sollen, welches mehr beträgt,

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 Kaninchen. 4. Cap. als die wirkliche Capacität, indess nur um 38 Grau. Oder um den Fall von einer andern Seite her darzustellen (wie in Columne VII.): das Gehirn dieses kleinen Kaninchens No. 5 ist für jede 100 Gran Gewicht nur um 4 pCt. zu leicht, d. li. es hätte nach dem als Maassstab dienenden Kanincheu No. 1 4 pCt. schwerer sein sollen. Ich habe das Kaninchen No. 1 als Maassstab der Vergleichung genommen, weil von den die mittlere Länge darbietenden Schädeln der seine die geringste Capacität hatte. Er ist also für das Resultat, welches ich darstellen will, der wenigst günstige, nämlich dafür, dass bei allen lange domesticirten Kaninchen das Gehirn an Grösse abgenommen hat und zwar entweder wirklich oder im Verhältniss zur Länge des Körpers und Kopfes und im Vergleich mit dem Gehirn des wilden Kaninchens. Hätte ich das irländische Kaninchen No. 3 als Maassstab angenommen, so würden die folgenden Resultate noch etwas auffallender geworden sein. IVenden wir uns zur Tabelle. Die ersten vier wilden Kaninchen haben Schädel von derselben Länge und diese weichen nur unbedeutend der Capacität nach ab. Interessant ist das Sandon-Kaninchen (No. 4), das zwar jetzt wild ist, aber von einer domesticirten Zuchtrasse, wie bekannt, abstainmt, was noch seine eigenthümliche Färbung und seine bedeutendere Körperlänge zeigt; nichtsdestoweniger hat der Schädel seine normale Länge und seine volle Capacität wieder erlangt Die nächsten drei Kaninchen sind wild, aber von geringer Grösse und alle haben Schädel mit wenig verringerter Capacität. Die drei verwilderten Kaninchen von Porto Santo, No. 8 —10, bieten einen verwirrenden Fall dar. Ihre Körper sind der Grösse nach bedeutend und ihre Schädel an Länge und wirklicher Capacität in einem geringeren Grade reducirt, wenn man sie mit den Schädeln wilder englischer Kaninchen vergleicht. Vergleichen wir aber die Capacitäten der Schädel der drei Porto-Santo-Kaninchen, so sehen wir eine überraschende Differenz, welche in keinerlei Beziehung zu der unbedeutenden Verschiedenheit in der Länge ihrer Schädel steht, und auch, wie ich glaube, in keiner Beziehung zu irgend einer Verschiedenheit in der Grösse ihrer Körper. Doch habe ich versäumt, ihre Körper einzeln zu wiegen. Ich kann kaum annehmen, dass die Markmasse des Gehirns in diesen drei unter ähnlichen Bedingungen lebenden Kaninchen so weit verschieden sein kann, als es die proportionale Verschiedenheit ihrer Scliädelcapacität audeutet. Auch weiss ich nicht, ob es möglich ist, dass ein Gehirn beträchtlich mehr Flüssigkeit als ein anderes enthalten könne. Ich kann daher diesen Fall nicht aufhellen. Betrachten wir die untere Hälfte der Tabelle, welche die Maass-

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4. Cap. Wirkungen des Gebrauehs und Nichtgebrauchs. 157 angilben von domesticirten Kaninchen enthält, so sehen wir, dass bei allen, wenn auch in sehr verschiedenen Graden die Capacität des Schädels geringer ist, als sich nach der Länge ihrer Schädel im Yerliältniss zu dein des wilden Kaninchens, No. 1, hätte voraus annehmen lassen können. Unter No. 22 sind die Mittelmaasse von sieben grossen lning- ohrigen Kaninchen gegeben. Nun entsteht die Frage, hat die mittlere Capacität des Schädels in diesen sieben grossen Kaninchen um soviel zugenonnnen, als nach der bedeutenden Grössenzunahme des Körpers zu erwarten gewesen wäre? Wir können versuchen diese Frage auf zweierlei Weise |zu beantworten. In der oberen Hälfte der Tabelle haben wir Maasse von Schädeln von sechs kleinen wilden Kaninchen, No. 5 —10, und finden, dass diese Schädel im Mittel der Länge nach 0,is Zoll kürzer, der Capacität nach 91 Gran weniger enthalten, als die mittlere Länge und Capacit ät der drei ersten wilden Kaninchen der Liste. Die sieben grossen liängohrigen Kaninchen haben im Mittel Schädel von 4,n Zoll Länge und 1136 (Iran Capacität. Diese Schädel haben daher an Länge fünfmal so viel zugenonnnen, als die Schädel der sechs kleinen wilden Kaninchen au Länge abgenommen haben und demzufolge konnten wir erwarten, dass die Schädel der grossen hängohrigen Kaninchen an Capacität fünfmal soviel zugenommen haben würden, als die Schädel der sechs kleinen Kaninchen an Capacität abgenommen haben. Dies würde eine mittlere Zunahme an Capacität von 455 Gran ergeben, während die reale mittlere Zunahme nur 155 Gran beträgt. Ferner haben die grossen hängohrigen Kaninchen Körper von fast demselben Gewicht und derselben Grösse, wie der gemeine Hase, aber ihre Köpfe sind länger. Wären daher die hängohrigen Kaninchen wild gewesen, so hätte sich erwarten lassen, dass ihre Schädel nahezu dieselbe Capacität gehabt haben würden, wie der Hasen- scliädel. Doch ist dies bei weitem nicht der Fall, denn die mittlere Capacität der zwei Hasenschädel (No. 23 und 24) ist um so viel grösser, als die mittlere Capacität der sieben hängohrigen Kaninchen, dass die letztere um 21p. C. hätte zunehmen müssen, hätte sie das Mittel beim Hasen erreichen wollen 2S . 28  Dies Mittel ist offenbar beträchtlich zu niedrig; denn Crisp. (Proc. Zool. Soc. 1861, p. 86) giebt 210 Gran als wirkliches Gewicht des Gehirns eines Hasen von 7 Pfd. Körpergewicht und 125 Gran als das Gewicht des Gehirns eines Kaninchens von 3 Pfd. 5 Uz. an, d. i, dasselbe Gewicht wie Kaninchen No. 1 in meiner Tabelle. Nun wiegt der Schädelinhalt des Kaninchen No. 1 in Schrot nach der Tabelle 972 Gran, und nach Crisp's Verhältniss von 125 zu 210, hätte der Schädel des Hasen 1632 Gran Schrot enthalten sollen, während er (.beim grössten Hasen in meiner Tabelle) nur 1455 enthielt.

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4. Cap. Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs. 159 Ich habe schon vorhin bemerkt, dass wenn wir viele zahme Kaninchen von derselben mittleren Grösse als die wilden Kaninchen besässen, es leicht gewesen sein würde, die Capacität ihrer Schädel zu vergleichen. Nun sind die Himalaya-, Moskau- und Angora-Kaninchen (No. 11, 12 und 13 der Tabelle) im Körper nur wenig grösser und haben mir um ein weniges längere Schädel als das wilde Thier, und wir sehen, dass die wirkliche Capacität ihrer Schädel geringer ist als bei dem wilden Thiere und der Berechnung nach (7. Columne) beträchtlich geringer im Verhältnis zur Verschiedenheit in der Länge ihrer Schädel. Die Schmalheit der Gehirukapsel bei diesen drei Kaninchen liess sich deutlich sehen und durch äussere Messsung nachweiseu. Das Chincliilla-Kaninclien ist ein beträchtlich grösseres Thier (No. 14) als das wilde und doch übertrifft die Capacität seines Schädels die des wilden Kaninchens nur unbedeutend. Das Angora-Kaninchen (No. 13) bietet den merkwürdigsten Fall dar. Dieses Thier trägt in seiner rein weissen Farbe und der Länge seines Seidenpelzes den Stempel langer Domestication an sich. Es hat einen beträchtlich längeren Kopf und Körper als das wilde Kaninchen, aber die wirkliche Capacität seines Schädels ist geringer, als selbst die von dem kleinen Porto-Santo-Kaninchcn. Nach der Länge des Schädels gemessen ist die Capacität (s. 7. Columne) nur halb so gross als was sie hätte sein sollen. Ich habe dieses individuelle Thier lebendig gehalten und es war weder ungesund nochldiot. Dieser Fall mit dem Angora-Kaninchen überraschte mich so sehr, dass ich alle Maasse wiederholte, sie aber correct gefunden habe. Ich habe die Scliädelcapacität des Angora-Kaninchens mit dem des wilden nach andern Maassstaben verglichen, nämlich nach der Länge und dem Gewichte des Körpers und nach dem Gewicht der Extremitätenknochen; aber nach allen diesen Maassstaben erscheint das Gehirn viel zu klein, wenn auch in einem geringeren Grade, wenn man den Maassstab der Extremitätenknochen anlegt, und dieser letztere Umstand erklärt sich wahrscheinlich dadurch, dass die Gliedmaassen dieser so lange schon domesticirten Zucht durch ihre lange dauernde unthätige Lebensweise bedeutend an Gewicht reducirt worden sind. Ich gelange daher zu dem Schluss, dass bei der Angora-Rasse, welche von andern dadurch abweichen soll, dass sie ruhiger und socialer ist, die Schädelcapa- cität wirklich eine merkwürdige Reduction erlitten hat. Aus den verschiedenen oben gegebenen Thatsachen, nämlich: 1) dass die wirkliche Scliädelcapacität bei der Himalaya-, Moskau- und Angora-Rasse geringer ist. als bei dem wilden Kaninchen, trotz-

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 Kaninchen. 4. Cap. dem dass sie in allen Dimensionen eher grössere Thiere sind; 2) dass die Schädelcapacitat der grossen hängohrigen Kaninchen nicht in annähernd gleichem Verhaltniss zugenommen hat: und 3) dass die Schädelcapacitat in diesen grossen hängohrigen Kaninchen gegen die des Hasen, eines Thieres von beinahe derselben Grösse, sehr zurücksteht — aus diesen Thatsaehen schliesse ich, trotz der merkwürdigen Verschiedenheit in der Schädelcapacitat des kleinen Porto- Santo-Kaninchens und ebenfalls der grossen hängohrigen Arten, dass bei allen lange domesticirten Kaninchen das Gehirn entweder durchaus nicht im richtigen Verhaltniss zu der Längenzunahme des Kopfes und Grössenzunahme des Körpers zugenommen hat, oder dass es im Verhaltniss zu dem. was bei den Thieren im Zustande der Natur eingetreten sein würde, factisch an Grösse abgenommen hat. Erinnern wir uns, dass Kaninchen, da sie viele Generationen hindurch dome- sticirt und in enger Gefangenschaft gehalten wurden, weder ihren Intellect noch Instinct noch Sinn und willkürliche Bewegungen ausüben konnten, und zwar weder im Vermeiden von verschiedenen Gefahren noch zum Suchen von Nahrung, so können wir schliessen, dass auch ihr Gehirn nur wenig geübt sein werde und daher in der Entwickelung gelitten habe. Wir sehen daher, dass das bedeutungsvollste und complicirteste Organ der ganzen Organisation dem Gesetze der Grössenabnahme in Folge von Nichtgebrauch unterliegt. Endlich, um die bedeutenden Modificationen, welchen domesti- cirte Kaninchen unterlegen sind, zugleich mit den Ursachen, so undeutlich wir sie auch erkennen können, zusarnmenzufassen: In Folge der Zufuhr reichlicher und nährender Kost in Verbindung mit wenig Körperbewegung und in Folge der fortgesetzten Zuchtwahl der schwersten Individuen ist das Gewicht der grösseren Zuchtrassen mehr als verdoppelt worden. Im richtigen Verhaltniss zum vergrös- serten Körpergewicht sind die Extremitätenknochen (aber die hinteren weniger als die vorderen) an Gewicht vergrössert worden. Der Länge nach haben sie aber nicht im richtigen Verhältnisse zugenommen und dies kann Folge des Mangels gehöriger Körperbewegung sein. Mit der Zunahme der Körpergrösse hat der dritte Halswirbel Charactere angenommen, die dem vierten eigen sind, und ähnlich hat der achte und neunte Rückenwirbel Charactere erhalten,

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4. Cap. Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs. 161 die dem zehnten und den hintern Wirbeln eigen sind. Der Schädel hat bei den grösseren Rassen zugenonnnen, aber nicht im richtigen Verhältnisse zur Längenzunahme des Körpers. Das Gehirn hat nicht richtig in den Dimensionen zugenommen oder hat selbst factisch abgenommen. und in Folge dessen ist die knöcherne Schädelkapsel schmal geblieben und hat in Folge der Correlation die Gesichtsknochen und die ganze Länge des Schädels allicirt. Auf diese Weise hat der Schädel seine charaeteristische Schmalheit erhalten. Aus unbekannten Ursachen haben die Supraorbitalprocesse der Stirnbeine und die freien Enden der Jochbeine an Breite zugenommen und bei den grösseren Rassen ist das Occipitalforamen meist viel weniger ausgeschnitten als bei den wilden Kaninchen. Gewisse Theile des Schulterblattes und die terminalen Brustbeinstücke sind der Form nach sehr variabel geworden. Durch fortgesetzte Zuchtwahl haben die Ohren in Länge und Breite enorm zugenommen, ihr Gewicht hat sie, wahrscheinlich in Verbindung mit dem Nichtgebrauch ihrer Muskeln. dazu gebracht, abwärts zu hängen; dies hat die Stellung und Form des knöchernen Gehörganges afficirt. und dies hat ferner durch Correlation in einem geringen Grade die Stellung fast jedes Knochens im obern Schädeltheil und selbst die Stellung der Condylen des Unterkiefers beeinflusst. Dakwin,  Erster Theil. n

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Fünfte* (I(tj)itel, Domesticirte Tauben. Aufzählung und Beschreibung der verschiedenen Rassen. — Individuelle Variabilität. — Variationen merkwürdiger Art. — Osteologische Charac- tere: Schädel, Unterkiefer, Zahl der Wirbel. — Correlation des Wachsthums: Zunge und Schnabel: Augenlider und Nasenlöcher mit caruncu- lirter Haut. — Anzahl der Schwungfedern und Länge der Flügel. — Färbung und Dunenkleid. — Mit Bindehaut versehene und befiederte Füsse. — Uber die Wirkungen des Nichtgebrauchs. — Länge der Füsse in Correlation mit der Länge des Schnabels. — Länge des Sternum, der Scapula und der Furcula. — Länge der Flügel. — Zusammenfassung der Differenzpunkte bei den verschiedenen Rassen. Durch den Umstand, dass die Beweise für die Abstammung aller domesticirten Rassen von einer einzigen bekannten Stammform viel klarer sind, als bei irgend einem andern seit Alters her domesticirten Thiere, bin ich darauf geführt worden, die domesticirten Tauben mit besonderer Sorgfalt zu studiren. Hiezu hat mich zweitens noch bewogen, dass in mehreren Sprachen einige alte Abhandlungen über die Tauben geschrieben worden sind, so dass wir im Stande sind, die Geschichte mehrerer Rassen zu verfolgen, und endlich der Umstand, dass der Betrag des Variirens aus zum Theil erkennbaren Ursachen hier so ausserordentlich gross ist. Die Details werden freilich oft langweilig minutiös sein; es wird dies aber Niemand, welcher wirklich den Fortschritt der Veränderung in unseren Hausthieren zu verstehen wünscht, bedauern; und Niemand, welcher Tauben gehalten und die grossen Verschiedenheiten der einzelnen Rassen, sowie die Reinheit, mit welcher die meisten züchten, bemerkt hat. wird diese Sorgfalt überflüssig finden. Trotz der deutlichen Beweise, dass alle Rassen die Nachkommen einer einzigen Species sind, konnte ich mich doch erst nach mehreren Jahren

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5. Cap. Tauben; Beschreibung der Rassen. 163 davon überzeugen, dass der ganze Betrag der Verschiedenheit zwischen ihnen erst seit der Zeit aufgetreten ist, seil welcher der .Mensch zuerst die wilde Felstaube domesticirt hat. Ich habe alle die verschiedensten Rassen lebendig gehalten, welche ich in England oder vom Continent mir verschaffen konnte, und habe von allen Skelette präparirt. Ich habe Bälge von Persien, eine grosse Zahl von Indien und andern Theilen der Erde erhalten Seil meiner Aufnahme in zwei der Londoner Taubenclubs habe ich von vielen der ausgezeichnetsten Liebhaber die freundlichste Unterstützung erfahren 2 . Die Taubenrassen, welche man unterscheiden kann und welche rein züchten, sind sehr zahlreich. Boitard und Corbie 3  be- 1  The Hon. C. Murray  hat mir einige sehr werthvolle Exemplare aus Persien geschickt und Mr. Keith Abbott  hat mich über die Tauben desselben Landes vielfach informirt. Ich bin dem Sir Walter Elliot für eine immense Sammlung von Bälgen aus Madras und viele Mittheilungen über dieselben ausserordentlich verbunden. Mr. Blyth  hat mir die Schatzkammer seiner Kenntniss über diesen und alle andern verwandten Gegenstände geöffnet. Sir James Brooke hat mir Exemplare aus Borneo, Mr. Swinhoe  aus Amoy in China, und Mr. Daniell  von der Westküste von Afrika gesandt. 2 Mr. B. P. Brent, durch seine zahlreichen Beiträge zur Literatur des Hausgeflügels bekannt, hat mich mehrere Jahre hindurch in jeder Weise unterstützt, ebenso Mr. Tegetmeier  mit unermüdlicher Gefälligkeit. Der letztere, wohl bekannt durch seine Schriften über Hausgeflügel, der auch selbst Tauben vielfach gezüchtet hat, hat dies und das folgende Capitel durchgesehen. Mr. Bult  zeigte mir früher seine unvergleichliche Sammlung von Kropftauben und gab mir Exemplare. Auch konnte ich die Sammlung Mr. Wicking's,  welche einen grossem Reichthum von allen Sorten enthält, als irgend wo anders zu sehen ist, benützen; und stets hat er mich mit Exemplaren und Information in der liberalsten Weise unterstützt. Mr. Haynes und Mr. Corker gaben mir Exemplare ihrer prächtigen Botentauben. Ebenso hat mich Mr. Harrison Weir verpflichtet. Auch kann ich die Hülfe nicht übergehen, welche mir Mr. J. M. Eaton, Mr. Baker, Mr. Evans  und Mr. Bai ly  jun., von Mountstreet, gewährten; dem letztgenannten bin ich für einige werthvolle Exemplare verpflichtet. Allen diesen Herren erlaube ich mir meinen aufrichtigsten und herzlichsten Dank zu sagen. 3  Les Pigeons de Voliere et de Colombier. Paris 1824. Fünfundvierzig Jahre lang bestand die einzige Beschäftigung Hrn. Corbie's darin, die der Herzogin von Berry gehörenden Tauben zu besorgen. 11  *

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 Domesticirte Tauben. 5. Cap. schreiben ini Detail 122 Arten und ich konnte mehrere europäische Arten hinzufügen, die ihnen unbekannt waren. Nach den mir gesandten Belegen zu urtheilen. gibt es in Indien viele hier unbekannte Rassen, und Sir W. Elliot tlieilt mir mit, dass eine von einem indischen Kaufmann nach Madras importirte Sammlung aus Cairo und Constantinopel mehrere in Indien unbekannte Arten enthalten hat. Ich habe keinen Zweifel, dass viel über 15Ü Arten existiren, welche rein züchten und besonders bekannt geworden sind. Die weitaus grössere Zahl von diesen weicht aber nur in unbedeutenden Cha- racteren von einander ab. Derartige Verschiedenheiten werde ich hier vollständig übergehen und mich nur auf die bedeutungsvolleren Structurverhältnisse beschränken. Dass viele wichtige Verschiedenheiten existiren, werden wir gleich sehen. Ich habe die prächtige Sammlung von Columbiden im britischen Museum durchgesehcn und mit Ausnahme von wenig Formen (Didunculus, Caloenas, Goura etc.) stehe ich nicht an, zu behaupten, dass einige domesticirte Rassen der Felstaube vollständig soweit von einander in äusseren Characteren differiren, wie die am meisten distinctennatürlichen Genera. Unter den bekannten 288 Arten 4  suchen wir vergebens nach einem so kleinen und conischen Schnabel, wie dem des kurzstirnigen ßurzlers, nach einem so breiten und kurzen, wie dem derBarb-Taube, nach einem so langen geraden und schmalen mit so enormen Lappen, wie bei der englischen Botentaube, nach einem ausgebreiteten aufrechten Schwänze, wie dem der Pfauentaube oder nach einem Oesophagus w ie dem der Kropftaube. Ich behaupte nicht einen Augenblick, dass die do- mesticirten Rassen in ihrer ganzen Organisation so sehr differiren, wie die distincten natürlichen Genera; ich beziehe mich nur auf äussere Charactere , auf welche indessen, wie man zugeben muss, die meisten Vogelgattungen gegründet worden sind. In einem späteren Capitel, w o wir das Prinzip der vom Menschen befolgten Zucht- wahl erörtern, werden wir deutlich sehen, warum die Verschiedenheiten zwischen den domesticirlen Rassen fast immer auf äussere oder wenigstens äusserlich sichtbare Charactere begründet sind. Wegen der Grösse und der Abstufungen der Verschiedenheit 4  Coup d'oeil sur l'ordre des Pigeons par le Prince C. L. Bonaparte. Paris 1855. Dieser Autor zählt 288 Species aut', die er in 85 Genera vertheilt.

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5. Cap. Beschreibung der Rassen. 165 zwischen den einzelnen Rassen habe ich es bei der folgenden Classification für unumgänglich gehalten, dieselben unter Gruppen, Rassen und Unterrassen zu bringen, und diesen müssen oft noch Varietäten und Subvarietäten, die alle ihre eigentlnimliehen Charactere streng vererben, hinzugefügt werden. Selbst unter den Individuen derselben Subvarietät kann man. wenn sie lange von verschiedenen Liebhabern gehalten worden sind, noch verschiedene Linien unterscheiden. Daran kann kein Zweifel sein, dass, hätte man wohl characte- risirte Formen der verschiedenen Rassen wild gefunden, sie alle als besondere Species aufgeführt und mehrere von ihnen von Ornithologen sicher in besondere Genera gebracht worden wären. Wegen der Art und Weise, in welcher viele der Formen allmählich in einander übergehen, ist eine gute Classification der verschiedenen domesticirten Rassen äussert schwierig. Es ist aber merkwürdig, wie genau dieselben Schwierigkeiten uns hier entgegentreten und dieselben Regeln befolgt werden müssen, wie bei der Classification irgend einer natürlichen aber schwierigen Gruppe organischer Wesen. Man könnte wohl "einer künstlichen Classification" folgen, welche weniger Schwierigkeiten darböte, als eine "natürliche"; eine solche würde, aberviele offenbare Verwandtschaften trennen. Extreme Formen sind leicht zu definiren, aber Zwischenformen und schwierigere zerstören oft unsere Definitionen. Zuweilen muss man auch Formen, die "aberrante" genannt werden können, in Gruppen ein- schliessen, zu denen sie genau genommen nicht gehören. Man muss Charactere aller Art anwenden, aber wie bei Vögeln im natürlichen Zustande sind die durch die Form der Schnäbel dargebotenen Charactere die besten und am leichtesten verwerthbaren. Es ist nicht möglich, die Bedeutung aller der Charactere, welche zur Verwendung kommen, so abzuwägen, dass sich Gruppen und Untergruppen von gleichem Werthe bilden lassen. Endlich kann eine Gruppe nur eine einzige Rasse enthalten; eine andere und weniger deutlich definirte Gruppe umfasst dagegen mehrere Rassen und Unterrassen und in diesem Falle ist es ebenso wie bei der Classification natürlicher Arten schwer zu vermeiden, den Characteren einen zu höhen Werth beizulegen, welche einer grossen Zahl von Formen gemeinsam zukommen.

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 Dnmesticirtc Taulien. 5. Cup. Bei meinen Messungen habe icli mich nie auf das Auge allein verlassen und wenn ich von einem Theile als gross oder klein spreche, so beziehe ich mich immer auf die wilde Felstaube (Columba livia)  als den Maassstab der Vergleichung. Die Maasse habe ich in Decimalen eines Zolles angegeben 5 . Ich will nun eine kurze Beschreibung aller hauptsächlichsten Bassen geben. Die folgende schematische Übersicht wird dem Leser zur Bekanntschaft mit deren Namen und zum Verstiindniss ihrer Verwandtschaften behiilflich sein. Die Felstaube oder Columba livia ( wobei ich unter diesem Namen zwei oder drei eng verwandte Subspecies oder geographische Rassen, die später beschrieben werden sollen, mit verstehe) kann man, wie wir im nächsten Capitel sehen werden, getrost als die gemeinsame Stammform ansehen. Die cursiv gedruckten Namen auf der rechten Seite der Tabelle sind die distinetesten Rassen oder diejenigen, welche den bedeutendsten Grad von Modification erlitten haben. Die Länge der punctirten Linien soll in grober Weise den Grad der Verschiedenheiten jeder Rasse von der Stammform andeuten und die in den einzelnen Co- lumnen unter einander geschriebenen Namen geben die mehr oder weniger eng verbindenden Glieder an. Die Zwischenräume zwi- 5  Da ich mich so oft auf die Grösse der ( livia  oder Felstaube beziehe, ist es zweckmässig, das Mittel der Messungen von zwei wilden Vögeln zu gehen, die mir Dr. Edmon stone freundlichst von den Shetland- Inseln geschickt hat: — Zoll Länge von der befiederten Schnabelbasis bis zum Schwanzende . . 14,25 » » » » » » zur Oeldrtise . . . 9,5 » di>  Schnabelspitze bis zum Schwanzende.15,02 d  der Schwanzfedern.4,62 » von Flügelspitze zu Flügelspitze.26,75 d  des eingeschlagnen Flügels.9,25 Schnabel. — Länge von der Spitze bis zur befiederten Basis . . . 0,77 i  Dicke, vertical am vordem Ende der Nasenlöcher gemessen 0,23 d  Breite, an derselben Stelle gemessen.0,16 Füsse. — Länge vom Ende der Mittelzehe (ohne Kralle) bis zum untern Ende der Tibia.2,77 » Länge vom Ende der Mittelzehe bis zum Ende der hintern Zehe (ohne Krallen) .2,02 Gewicht 14 1 1  Unzen.

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5. Cap. licschrcibung der Rassen. 167 Fig. 17. Die Fetstaube oder Columba Heia **, die Stammform aller domosticirten Tauben. wmm ms äfrtA 4£kfc.fift äigisrt ^?v^vä ?jg'Z ' Sg%£4|l sehen den punctirten Linien repräsentiren annähernd die Grösse der Verschiedenheit zwischen den verschiedenen Rassen. 6  Die Zeichnung ist nach einem todten Vogel gemacht. Die sechs folgenden Figuren hat Mr. Luke Wells  mit grosser Sorgfalt nach lebenden von Mr. Tegetmeier  ausgewählten Thieren gezeichnet. Es kann getrost behauptet werden, dass die Charactere der sechs abgebildeten Rassen nicht im Mindesten übertrieben sind.

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Columba livia oder Fels-Taube. 168 Domesticirte Tauben. 5. Cap Hoftaube. Schwalbentaube. filasstuube. Name. Englische Strupptaube. Lachtaube. Trommeltaube. fc- o 4 > u CO N eä e .2 -5 < ^ • V -ö .55 S * -a e- « .51 -a 5

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5. Cap. Beschreibung der Rassen. 169 1. Gruppe. Diese Gruppe enthüll eine einzige Rasse, die der Kropftauben. Nimmt man die am stärksten ausgebildete rnlerrasse. nämlich die der veredelten englischen Kropftaube, so ist diese vielleicht die distincteste aller domesticirten Tauben. 'nVrS!- • r  J f; •iT'vjiJwL,* i  cv* ?fff'. A "**£*,£ mm- ms i mm ^£5 mm Fig. 18. Englische Kropftaube. 1. Rasse: Kropftauben (Pouter Pigeons engl., Grosses-gorges oder boulans franz.). Oesophagus von bedeutender Grösse , kaum vom Kropf getrennt , oft aufgeblasen. Körper und Beine verlängert. Schnabel von massigen Dimensionen. 1. Unterrasse:  Der veredelte englische Ivropfer  bietet, wenn sein Kropf vollständig aufgeblasen ist, ein wahrhaft erstaune ns-

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 Domesticirte Tauben. 5. Cap. werthes Ansehen dar. Die Gewohnheit, den Kropf leicht aufzublason, ist allen Haustauben eigen, wird aber vom Kröpfer zum Extrem gebracht. Der Kropf weicht mit Ausnahme der Grösse von dem anderer Tauben nicht ab; er ist aber von dem Oesophagus weniger deutlich durch eine schräge Verengung abgesetzt; der Durchmesser des oberen Theiles des Oesophagus selbst bis dicht an den Kopf ist ungeheuer. Bei einem Vogel, den ich besass, war der Schnabel, wenn der Oesophagus vollständig ausgedehnt war, fast völlig begraben. Das Männchen bläst sich, besonders wenn es erregt ist, mehr auf als das AVeibchcn und brüstet sich mit dieser Fähigkeit. VA' ill ein A T ogel nicht spielen, um den technischen Ausdruck zu gebrauchen, so nimmt der Liebhaber, wie ich mich durch den Augenschein überzeugt habe, den Schnabel in seinen Mund und bläst ihn auf wie einen Ballon. Der auf diese AA'eise mit Luft und Stolz aufgeblähte A r ogel stolzirt herum und erhält sich seine prachtvolle Grösse, so lange er nur kann. Kröpfer fangen oft an zu fliegen mit aufgeblasenem Kropf. Einer meiner Vögel hatte einmal ein ordentliches Gericht von Erbsen und Wasser verschlungen und als er aufflog, um sie wieder zu entleeren und damit seine beinah flüggen Jungen zu füttern, hörte ich die Erbsen in seinem aufgeblasenen Kropf wie in einer Blasse klappern. Beim Fliegen schlagen sic oft die Rückseite ihrer Flügel zusammen und machen auf diese AA T eise ein klapperndes Geräusch. Die Kröpfer stehen merkwürdig aufrecht; ihr Körper ist dünn und verlängert. In Verbindung mit dieser Form des Körpers sind die Rippen meist breiter und die AA'irbel zahlreicher, als in anderen Rassen. Wegen ihrer Art zu stehen, erscheinen ihre Beine länger als sie es wirklich sind, obgleich Beine und Füsse, mit denen der C. livia  verglichen, wirklich länger sind. Die Flügel erscheinen sehr verlängert, nach der Messung aber sind sie es im Verhältniss zur Körperlänge nicht wirklich. Auch der Schnabel erscheint länger; er ist aber im A T erhältniss zur Körpergrösse und zum Schnabel der Felstaube factisch etwas kürzer (ungefähr 0,03 Zoll!. Der Kröpfer ist ein grosser Vogel, wenn auch nicht massig; ich maass einen, welcher 34,5 Zoll von Flügelspitze zu Flügelspitze und 19 Zoll von der Schnabelspitze bis zum Ende des Schwanzes hatte. Bei einer wilden Felstaube von den Shetland-Inseln ergaben dieselben Maasse nur 28 1  4 und 14 3 ;4 Zoll. Es gibt viele Subvarietäten der Kropftaube, doch übergehe ich diese. ä. Unterrasse: Holländische Kropftaube. —  Diesescheint die Stammform unserer veredelten englischen Kropftaube zu sein; ich habe ein Paar gehalten, vermuthe aber, dass dies keine reinen A T ögel waren;

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5. Cap. Beschreibung der Rassen. 171 sie sind kleiner als englische Kröpfer und in allen ihren Characteren weniger gut entwickelt. Neumeister 7  gibt an, dass sich die Flügel oberhalb des Schwanzes kreuzen und nicht bis zu dessen Ende reichen. 3. Unterrasse:  Die Liller Kro p ft aube. —  Ich kenne di'seRasse nur nach Beschreibung 8 ; sie nähert sich in allgemeiner Form dem holländischen Kröpfer. Der aufgeblasene Oesophagus nimmt aber eine sphärische Gestalt an, als wenn die Taube eine grosse Orange verschluckt hätte, die dicht unter dem Schnabel stecken geblieben wäre. Diese aufgeblasene Kugel wird so dargestellt, als wenn sie in ein Niveau mit der Wölbung des Kopfes reiche. Nur die mittlere Zehe ist befiedert. Boitard und Corbie beschreiben eine Varietät dieser Unterrasse unter dem Namen "le claquant".  Sie kröpft nur wenig und ist durch die Gewohnheit ausgezeichnet , ihre Flügel oberhalb des Kückens heftig gegen einander zu schlagen, eine Gewohnheit, welche die englische Kropftaube nur in einem geringen Grade besitzt. 4. Unterrasse:  Die gemci ne deutsche Kropftaube. —Ich keime diesen Vogel nur nach den Abbildungen und der Beschreibung, die der genaue N e u m e i s t e r gibt, einer der wenigen Schriftsteller über Tauben, auf den man sich, wie ich gefunden habe, stets verlassen kann. Diese Unterrasse scheint beträchtlich verschieden zu sein. Der obere Thcil des Oesophagus ist viel weniger ausgedehnt, der Vogel stellt weniger aufrecht, die Füsse sind nicht befiedert und die Beine und der Schnabel sind kürzer. In diesen Beziehungen zeigt sich eine Annäherung in der Form an die gemeine Felstaube. Die Schwanzfedern sind sehr lang, docli reichen die Spitzen der zusammengeschlagenen Flügel bis über das Ende des Schwanzes hinaus. Die Länge der Flügel von Spitze zu Spitze ebenso wie die des Körpers ist grösser als beim englischen Kröpfer. 2. Gruppe. Diese Gruppe umfasst drei Rassen, nämlich die Boten-Tauben, die Runt-Tauben und Barb-Tauben, welche offenbar mit einander verwandt sind, ln der That gehen gewisse Boten- und Runt-Tauben durch uumerkliche Zwischenstufen so in einander über, dass eine arbiträre Grenze zwischen ihnen zu ziehen ist. Durch ausländische Rassen gehen auch die Boten-Tauben allmählich in die Felstaube über und doch würde, wenn gut characterisirte Boten-Tauben und ' Das Ganze der Taubenzucht. Weimar 1837, Taf. 11 u. 12. s Boitard und Corbie, Les Pigeons etc., p. 177, pl. 6. . ,

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 Domesticirte Tauben. 5. Cap. Barb-Tauben (s. Fig. 19 u. 20) als wilde Arten existirt hatten, kein Ornitholog beide in dasselbe Genus oder in ein Genus mit der Fels- Taube gebracht haben. Als allgemeine Hegel kann diese Gruppe daran erkannt werden, dass der Schnabel lang, die Haut über den Nasenlöchern geschw ollen, und oft mit Karunkeln oder einem Lappen versehen ist und dass die Haut und die Angen nackt oder gleichfalls mit Karunkeln versehen ist. Der Mund ist sehr weil und die Füsse sind gross. Nichtsdestoweniger hat die Barb-Taube, welche in dieselbe Gruppe gebracht werden muss, einen sehr kurzen Schnabel und einige Runt-Tauben haben um ihre Augen sehr wenig nackte Haut. 2. Rasse: Botentauben (Carriers, Pigeons turcs, Dragons). Schnabel verlängert, schmal, spitz: die Augen von einer in ziemlicher Ausdehnung nackten, meist mit Karunkeln versehenen Haut umgeben, Hals und Körper verlängert. 1. Unterrasse:  Die englische Boteutaube. —  Es ist dies ein schöner Yogel von bedeutender Grösse, dicht befiedert, meist dunkel gefärbt, mit einem verlängerten Hals. Der Schnabel ist verschmälert und wunderbar lang. Bei einem Exemplar war er 1,4 Zoll von der befiederten Basis bis zur Spitze lang, also fast zweimal so lang als der der Felstaube, welcher nur 0,77 Zoll mass. So oft ich irgend einen Thcil an der Botentaube und der Felstaube proportional vergleiche, so nehme ich die Körperlänge von der Schnabelbasis bis zum Schwanzende als Maassstab der Vergleichung und nach diesem Maassstab war der Schnabel bei einer Botentaube beinah V 2  Zoll länger als bei der Felstaube. Der Oberkiefer ist oft leicht gewölbt, die Zunge ist sehr lang. Die Entwickelung der Karunkeln oder der Lappen um die Augen, oberhalb der Nasenlöcher und am Unterkiefer ist enorm. Die Augenlider waren bei männlichen Exemplaren der Länge nach gemessen genau zweimal so lang als bei der Felstaube. Auch die äussere Oberfläche oder Furche der Nasenlöcher war zweimal so lang; der geöffnete Mund ergab in einem Falle an seiuem weitesten Theile O .75  Zoll in der Weite, während er bei der Felstaube ungefähr 0,4 Zoll ist, Diese grosse Weite des Mundes zeigt sich im Skelet an den zurückgebogenen Winkeln des Uuterkieferastes. Der Kopf ist oben platt und zwischen den Augenhöhlen schmal; die Füsse sind gross und rauh; die Länge vom Ende der Hinterzehe bis zum Ende der Mittelzehe ohne die Klauen gemessen war bei zwei Exemplaren 2,6 Zoll und im Vergleich zur Felstaube ergibt dies ein plus von nahebei l  4 Zoll. Eine sehr schöne Botentaube maass von Flügelspitze zu Flügelspitze

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5. Cap Beschreibung der Rassen 173 31 1 / )  Zoll. Vögel dieser Rasse sind zu werthvoll, um sie als Botentauben fliegen zu lassen. B s&ä'JW/.Wi Wifii Ipl mmm: Äite^is ? ii Mi 2. Unterrasse:  Dragons; persische  B o t e n t a u b e. — Der englische Dragon weicht von der veredelten englischen Botentaube darin ab, dass er in allen Dimensionen kleiner ist, weniger Lappen um die Augen und oberhalb der Nasenlöcher und keinen am Unterkiefer hat. Sir AV. Elliot schickte mir von Madras eine Bagdad-Botentaube (zuweilen Khandesi genannt), deren Namen auf ihren persischen Ursprung hinweist; sie würde hier in England für einen sehr schlechten Dragon gelten. Der Körper war von der Grösse der Felstaube mit einem etwas längeren

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 Domosticirte Tauben. 5. Cap. Schnabel; der letztere maas.s nämlich von iler Spitze bis zur befiederten Basis einen Zoll. Die Haut um die Augen war nur wenig belappt, während die oberhalb der Nasenlöcher einen ordentlichen Lappen trug. Ebenso schickte mir Hon. C. Murray  zwei Botentauben direct von Persien. Diese hatten fast denselben Character, wie die Vögel von Madras; sie waren ungefähr so gross wie die Felstaube, bei dem einen Exemplar war aber der Schnabel 1 ,iö  Zoll lang. Die Haut oberhalb der Nasenlöcher war nur massig und die um die Augen fast gar nicht mitKarunkeln versehen. 3. Unterrasse: Bagadotten-Tauben von Neumeister ( Pav- dotten oder Höckertauben). — Ich verdanke der Freundlichkeit Mr. Bai ly jun. ein todtes Exemplar dieser merkwürdigen Rasse, welches aus Deutschland kam. Es ist sicher mit den Kunt-Tauben verwandt, wegen seiner engen Verwandtschaft mit den Botentauben wird es aber am besten hier beschrieben. Der Schnabel ist lang und liackig, d. h. in einer merkwürdigen äVeise nach unten gekrümmt, wie der Holzschnitt zeigen wird, den ich später bei der Betrachtung des Skelettes geben werde. Die Augen sind von einem weiten Fleck hellrother Haut umgeben, welcher wie die Haut oberhalb der Nasenlöcher massig carunculirt ist. Das Brustbein ist merkwürdig vorspringend und ist abrupt nach aussen gebogen. Die Fiisse und Tarsen sind sehr lang, grösser als bei den besten englischen Botentauben. Der ganze Vogel ist von bedeutender Grösse; die Flügel- und Schwanzfedern sind aber im Verhältniss zur Körpergrösse kurz. Eine wilde Felstaube von beträchtlich geringerer Grösse hatte 4,6 Zoll lange Schwanzfedern, während bei der grossen Bagadotte diese Federn kaum über 4,i Zoll lang waren. Riedel 9  macht dieBemerkung, dass es ein sehr schweigsamer Vogel sei. 4. Unterrasse: Bussorah-Botentaube. — Sir "W. Elliot hat mir hiervon zwei Exemplare aus Madras geschickt, das eine in "Weingeist, das andere abgebalgt. Der Name weist auf einen persischen Ursprung. Der Vogel wird in Indien sehr geschätzt und für eine von dem Bagdadcarrier, der meine zweite Unterrasse bildet, verschiedene Rasse gehalten. Anfangs glaubte ich, dass diese beiden Unterrassen neuerdings durch Kreuzungen mit andern Rassen gebildet worden seien, wenn auch das hohe Ansehen, in welchem sie stehen, dies unwahrscheinlich macht. In einer persischen Abhandlung aber 10 , welche wie man annimmt vor * Die Taubenzucht. Ulm 1824, p. 42. 10  Verfasser der Abhandlung ist Sayzid Mohammed Musari, welcher 1770 starb: ich verdanke der grossen Gefälligkeit des Sir W. Elliot eine Übersetzung dieser merkwürdigen Schrift.

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5. Cap. Beschreibung der Rassen. 175 100 Jahren geschrieben worden ist, werden die Bagdad- und Bussorah- Rassen als verschieden beschrieben. Die Bussorah-Botentaube ist ungefähr von derselben Grösse, wie die wilde Felstaube. Die Form des Schnabels, mit ein wenig canmculirter Haut oberhalb der Nasenlöcher, die sehr verlängerten Augenlider, der innen gemessen sehr breite Mund, der schmale Kopf, die im Verhälniss zur Felstaube etwas längeren Ftisse und das allgemeine Ansehen zeigen, dass dieser Vogel eine unzweifelhafte Botentaube war. Doch war in einem Exemplar der Schnabel von genau derselben Länge, wie bei der Folstaube. In einem andern Exemplar war der Schnabel, ebenso wie die Oeffnung der Nasenlöcher, nur sehr wenig länger, nämlich nur um 0,os Zoll; obgleich ein beträchtlicher Fleck nackter und leicht carunculirter Haut um die Augen vorhanden war, so war die oberhalb der Nasenlöcher nur in geringem Grade faltig. Sir W. Elliot sagt mir, dass das Auge beim lebenden Vogel merkwürdig gross und vorragend sei und dieselbe Thatsache erwähnt die persische Schrift. Die knöcherne Orbita aber ist kaum grösser als bei der Felstaube. Unter den verschiedenen mir von Sir W. Elliot aus Madras geschickten Rassen findet sich auch ein Paar von dem Kala-Par, schwarze Vögel mit einem wenig verlängerten Schnabel, mit der Haut über den Nasenlöchern leicht angeschwollen und mit wenig nackter Haut um die Augen. Diese Rasse scheint der Botentaube näher verwaudt zu sein als irgend eine andere Rasse, da sie zwischen der Bussorah-Botentaube und der Felstaube nahezu in der Mitte steht. Die in verschiedenen Theilen von Europa und in Indien den verschiedenen Botentauben-Arten beigelegten Namen weisen alle auf Persien oder die benachbarten Länder als die Quelle dieser Rasse hin und es verdient besonders bemerkt zu werden, dass wir, selbst wenn wir den Kala- Par wegen des zweifelhaften Ursprunges vernachlässigen, eine durch sehr kleine Abstufungen unterbrochene Reihe von der Felstaube durch die Ilussorah-Rasse. welche zuweilen einen durchaus nicht längeren Schnabel als die Felstaube und die nackte Haut um die Augen und über den Nasenlöchern sehr unbedeutend angeschwollen und carunculirt hat, durch die Bagdad-Unterrasse und Dragons bis zu unserer veredelten englischen Botentaube erhalten, welche eine so merkwürdige Verschiedenheit von der Felstaube oder C. licia  darbieten. 3. Rasse: Runt-Tauben (Scanderoons; die Florentiner-Taube und Hinkeltaube vonNeumeister; Pigeon Bagadais; Pigeon Romain). Schnabel lang massiv. Körper von bedeutender Grösse.

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 Domesticirte Tauben. 5. Cap In Bezug auf die Classification, Verwandtschaften und Benennungen der Kunt-Tauben lierrsclit unentwirrbare Confusion. Mehrere Charactere, welche bei andern Tauben meist ziemlich constant sind, wie die Länge der Flügel, des Schwanzes, der Beine, dos Halses und die Ausdehnung nackter Haut um die Augen, sind bei den Runt-Tauben üusserst variabel. Ist die nackte Haut über den Nasenlöchern und um die Augen beträchtlich entwickelt und carunculirt und ist die Körpergrösse nicht sehr bedeutend, so gehen die Runt-Tauben in einer so unmerklichen Weise in Botentauben über, dass die Unterscheidung völlig arbiträr ist. Diese Thatsachen beweisen auch die ihnen in verschiedenen Theilen von Europa beigelegten Namen. Nimmt man aber die distiuctesten Formen heraus, so können nichtsdestoweniger wenigstens fünf Unterrassen, von denen einige gutmarkirte Varietäten einschliessen, unterschieden werden, welche in so wichtigen Punkten der Structur abweichen, dass sie im Naturzustände für gute Arten gehalten werden würden. 1. Unterrasse: Scanderoons der englischen Schriftsteller (Die Florentiner- und Hinkel-Taube von Ne um eist  er.) — Vögel dieser Unterrasse, von welcher ich einen lebend gehalten und seitdem noch zwei andere gesehen habe, weichen von den Bagadotten Neumeister's  nur darin ab, dass sie keinen so stark nach unten gekrümmten Schnabel besitzen und dass die nackte Haut um das Auge und über den Nasenlöchern fast gar nicht carunculirt ist. Nichtsdestoweniger sehe ich mich gezwungen die Bagadotten in die zweite Rasse oder die der Botentauben, den vorliegenden Vogel in die dritte Rasse oder die der Runt-Tauben zu stellen. Der Scanderoon hat einen sehr kurzen schmalen und gehobenen Schwanz; die Flügel sind äusserst kurz, so dass die ersten Schwungfedern nicht länger sind, als die einer kleinen Burzeltaube. Hals lang, sein- gekrümmt, Brustbein vorragend; Schnabel lang, 1 ,iö  Zoll von der Spitze bis zur befiederten Basis, in verticaler Richtung dick, w r enig nach unten gekrümmt, die Haut über den Nasenlöchern geschwollen, nicht carunculirt; die nackte Haut um die Augen breit, nur leicht carunculirt; Beine lang, Füsse selir gross. Die Haut des Nackens hellroth, oft mit einer nackten Linie in der Mitte und einem nackten rothen Fleck am untern Ende des Radius des Flügels. Mein Vogel war von der Schnabelbasis bis zur Schwanzwurzel gemessen volle 2 Zoll länger als die Felstaube, doch war der Schwanz selbst nur 4 Zoll lang, während er bei der Felstaube, die ein viel kleinerer Vogel ist, 4°/s Zoll lang war. Die Hinkel- oder Florentiner-Taube N eumeister's (Taf. XIII, Fig. 1) stimmt mit der eben gegebenen Besclireibung in allen den au-

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5. Cap. Beschreibung der Rassen. 177 geführten Cliaractcren (der Schnabel wird nicht erwähnt) überein, ausgenommen, dass Neumeister  ausdrücklich augibt, dass der Hals kürzer ist, während er bei meinem Exemplar merkwürdig lang und gekrümmt war. Es ist also die Hinkel-Taube eine gut gezeichnete Varietät. 2. Unterrasse: Pigeon Cygne und Pigeon Bagadais von Boitard und Corbie (Scanderoon der französischen Schriftsteller).— Zwei dieser Vögel aus Frankreich habe ich lebend gehalten. Sie wichen von der ersten Unterrasse oder den echten Scanderoons in der viel grösseren Länge der Flügel und des Schwanzes und der geringeren Länge des Schnabels und darin ab, dass die Haut am Kopf warziger war. Die Haut des Halses ist roth, es fehlen aber die nackten Flecke an den Flügeln. Einer meiner Vögel maass 38 1 2  Zoll von Flügelspitze zu Flügelspitze. Nimmt man die Länge des Körpers als Maassstab der Vergleichung, so waren die beiden Flügel nicht weniger als 5 Zoll länger als die der Felstaube! Der Schwanz war 6* 4 Zoll lang, daher 2 ',4  Zoll länger als der des Scanderoons, eines Vogels von nahezu derselben Grösse. Der Schnabel ist im Verhältniss zur Körpergrösse länger, dicker und breiter als bei der Felstaube. Die Augenlider, Nasenlöcher und innern Mundspaltcu sind proportional sehr gross, wie bei den Boteutauben. Der Fuss war vom Ende der mittleren bis zum Ende der hinteren Zehe 2,85 Zoll lang, was im Verhältniss zur Grösse beider Vögel ein Mehr von 0,3 2 Zoll gegen den Fuss der Felstaube ergibt. 3. Unterrasse: Spanisch eund römische Ruut-Taube. —  Ich bin nicht sicher, ob es recht ist, diese Runt-Tauben in eine besondere Unterrasse zu bringen. Nimmt man aber gut characterisirte Vögel, so ist die Trennung zweifellos berechtigt. Es sind schwere, massive Vögel, mit kurzem Hals, kürzeren Beinen und Schnabel im Vergleich mit der vorhergehenden Russe. Die Haut über den Nasenlöchern ist geschwollen, aber nicht carunculirt. Die nackte Haut um die Augen ist nicht breit und nur leicht warzig, und eine schöne, sogen, spanische Runt-Taubc habe ich gesehen, die fast gar keine nackte Haut um die Augen hatte. Von den Vögeln, die man von diesen beiden Varietäten in England sieht, hat die eine seltenere sehr lange Flügel und Schwanz und stimmt ziemlich nahe mit der letzten Unterrasse überein; die andere mit kürzeren Flügeln und Schwanz ist offenbar die Pigeon Romain ordinair von Boitard und Corbie. Diese Runt-Tauben schütteln sich sehr gern, gerade wie die Pfauentauben; es sind schlechte Flieger. Vor wenigen Jahren stellte Mr. Gulliver 11  eine Runt-Taubc aus, welche 1 Pfd. 14 Unzen wog; " Poultry Chronicle. Vol. II, p. 573. Darwin, Erster Theil. 12

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 Dumesticirte Tauben. . Cap. und wie mir Mr. Tegetmeier  mittheilt, waren vor kurzem im Krystall- palast zwei Runt-Tauben aus dem Süden von Frankreich ausgestellt, von denen eine jede 2 Pfd. 2 , ;->  Unzen wog; eine sehr schöne Felstaube von den Shetland-Inseln wog nur llfz  Unzen. 4. Unterrasse: Tronfo von Aldrovandi ( Livorno - Runt- TaubeV). — In Aid rova nd  i's 1600 publicirtcm Werke findet sich ein grober Holzschnitt einer grossen italienischen Taube mit in die Höhe gerichtetem Schwanz, kurzen Beinen, massivem Körper und kurzem und dünnem Schnabel. Ich hatte geglaubt, dass der letztere Character, der in dieser Gruppe so abnorm wäre, nur eine falsche Darstellung nach einer schlechten Zeichnung sei. Aber Moore  sagt in seinem 1735 veröffentlichten Werke, dass er eine Livorno-Runt-Taube besässe, deren Schnabel für einen so grossen Vogel sein -  kurz sei. In anderer Hinsicht gleicht Moore's Vogel der ersten Unterrasse oder den Scanderoons; denn er hatte einen langen gekrümmten Hals, lange Beine, einen kurzen Schnabel, erhobenen Schwanz und nicht viel llautlappen um den Kopf. Es müssen also Aldrovandi's  und Moore's Vögel distincte Varietäten gebildet haben, welche beide jetzt in Europa ausgestoiben zu sein scheinen. Doch sagt mir Sir W. Elliot, dass er in Madras eine von Kairo importirte kurzsclmäblige Runt-Taube gesehen habe. 5. Unterrasse: Murassa (geschmückte Taube) vonMadras. — Bälge dieses hübschen gefelderten Vogels hat mir Sir W. Elliot vonMadras geschickt. Sie sind eher etwas grösser als die grössten Felstauben mit längeren und massiveren Schnäbeln. Die Haut über den Nasenlöchern ist etwas angetreten und sehr unbedeutend carunculirt; um die Augen haben sie etwas nackte Haut; die Füsse sind gross. Diese Zuchtrasse steht in der Mitte zwischen der Felstaube und einer kümmerlichen Varietät von Runt-Tauben oder Botentauben. Aus diesen verschiedenen Beschreibungen sehen wir, dass wir auch bei den Runt-Tauben wie bei den Botentauben eine ganz nette Stufenreihe von der Felstaube (von welcher der Tronfo als ein distineter Zweig ab- gelit) bis zu unseren grössten und massivsten Runt-Tauben haben. Aber die ganze Kette von Verwandtschaft und die grosse Ähnlichkeiten zwischen den Runt-Tauben und Botentauben lassen mich glauben, dass diese beiden Rassen nicht als von einander unabhängige Linien von der Felstaube, sondern von einer gemeinsamen Stammform abstammen (wie es in der Tabelle ausgedrückt ist), welche einen mässig langen Schnabel mit unbedeutend geschwollener Haut über den Nasenlöchern und mit leicht carunculirter nackter Haut um die Augen erlangt hatte.

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5. Cap Beschreibung der Ras;en. 179 4, Rasise: Barb-Tauben (indische Taube, Pigeons Polonais). Schnabel kurz, breit, lief : nackte Haut um die Augen, breit ?und carunculirl; Haut über den Nasenlöchern leicht gasch wollen Durch die ausserordentliche Kürze und die Form des Schnabels irre geführt, bemerkte icli anfangs die nahe Verwandtschaft dieser Rasse mit der Botentaube nicht, bis mich Mr. Brent auf die Thatsache aufmerksam \tt~yz-±z- Äiäl iflrjiiv i üü machte. Nachdem ich später die Bussorah-Botentaube untersucht hatte, sah ich , dass es nur einer geringen Modification bedürfe, um diese in eine Barb-Tanbe zu verwandeln. Diese Ansicht von der Verwandtschaft 12 *

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 Domestirirte Tauben. 5. Caj>. der ISarb-Taubon mit den Iiotentaubon wird durch die analogen Verschiedenheiten zwischen den kurz- und langschnähligen Bunt-Tauben unterstützt und noch stärker durch die Thatsache, dass junge Uarb-Tauben und Dragons in den ersten 24 Stunden nach dem Ausschlüpfen einander viel mehr gleichen, als junge Tauben von andern und gleich distincten Rassen. In diesem frühen Alter ist die Länge des Schnabels, die angeschwollene Haut über den etwas geöffneten Nasenlöchern, die Mundspalte und die Grösse der Fiisse in beiden gleich, trotzdem dass diese Theile später sehr verschieden werden. Vir sehen hieraus, dass bei der Classification domesticirter Varietäten, ebenso wie bei der von Species im Naturzustände Embryologie (wie man vielleicht die Vergleichung sehr junger Thiere nennen könnte) mit ins Spiel kommt. Liebhaber haben nicht Unrecht, wenn sie den Kopf und Schnabel derBarb-Taube mit dem eines Gimpels vergleichen. Wäre die Barb-Taube im wilden Zustande gefunden worden, so würde man jedenfalls eine neue Gattung zu ihrer Aufnahme gebildet haben. Der Körper ist ein wenig grösser, als der der Felstaube, der Schnabel ist mehr als 0,2 Zoll kürzer; trotzdem ist er aber vertical tmd horizontal dicker. Wegen der Auswärtskrümmung der Unterkieferäste ist der Mund innen sehr breit und zwar im Verhältnis» von 0,6 : 0,4 zu dem der Felstaube. Der ganze Kopf ist breit, die Haut über den Nasenlöchern ist geschwollen, aber nicht warzig, nur bei den besten Vögeln wird sie im Alter so. Dagegen ist die nackte Haut um das Auge breit und stark carunculirt. Sie ist zuweilen so bedeutend entwickelt, dass ein Mr. Harrison Weir gehörender Vogel kaum sehen konnte, wenn er Futter vom Boden aufpicken wollte. Die Augenlider waren bei einem Exemplar beinahe zweimal so lang, als die der Felstaube. Die Fiisse sind derb und stark, aber im Verhältnis» eher kürzer als bei der Felstaube. Das Gefieder ist meist dunkel und gleichförmig; kurz, man kann die Barb-Tauben kurzschnäblige Botentauben nennen, die in demselben Verhültniss zu den Botentaubeu stehen, wie der Tronfo von Aldrovaudi zur gemeinen Bunt-Taube. 3. Gruppe. Diese Gruppe ist künstlich und umfasst eine heterogene Menge distincter Formen: sie lassen sich dadurch characterisiren, dass bei den scharf markirten Exemplaren der verschiedenen Rassen der Schnabel kürzer ist als bei der Felslaube und die Haut um die Augen nicht stark entwickelt.

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Cap. Beschreibung dor Rassen. 181 5. Rasse: Pfauentauben. 1. Cntcrrasse: Europäische Pfauentaube (Eaiitail. Trembleurs). Sclnruill mtsijehreilel, nurh oben gerichtet, mix vielen Federn bestehend? Ö/driixe verkümmert. Körper und Srhnabel eher kur*. Die normale Zahl von »Schwanzfedern in der Gattung Columba  ist 12. Pfauentauben haben aber von 12 (wie man behauptet hat) aufwärts ' frf- -mmmm pW w «V 'iyfä $i§K< •iÄtfA-V bis zu 42 (nach Boitard und Corbie). Bei einem mir eigenen Vogel habe ich 33 gezählt; Mr. Blyth in Calcutta zählte bei einem unvoll-

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 Domesticirto Tauben. 5. Cap. ständigen Schwanz 34 Federn I2 . Wie mir Sir W. Elliot mittheilt, ist dies in Madras die typische Zahl. In England wird aber auf die Zahl der Federn viel weniger Werth gelegt als auf die Stellung und Ausbreitung des Schwanzes. Die Federn sind in einer unregelmässigen doppelten Reihe angeordnet; ihre beständige Ausbreitung wie ein Fächer und ihre Richtung nach aufwärts sind merkwürdigere Charactere als ihre grössere Anzahl. Der Schwanz ist derselben Bewegung fähig wie bei andern Tauben und kann soweit niedergedrückt werden, dass er den Boden kehrt. Er entspringt von einer breiteren Basis als bei andern Tauben und bei drei Skeletten fanden sich ein oder zwei Extraschwanzwirbel. Ich habe viele Exemplare verschiedener Färbung und verschiedener Länder untersucht und habe keine Spur einer Üldiüse gefunden; dies ist ein merkwürdiger Fall von Verkümmerung 13 . Der Hals ist schlank und nach hinten gekrümmt; die Brust ist breit und vorspringend; die Füsse sind klein. Die ganze Haltung des Vogels ist von der anderer Tauben sehr verschieden; bei guten Vögeln berührt der Kopf die Schwanzfedern, welche in Folge dessen oft gekrümmt werden. Sie schütteln sicli beständig sehr stark und ihr Hals hat eine ausserordentliche, scheinbar convulsive Bewegung nach vorn und hinten. Der Dang guter Vögel ist merkwürdig, als wenn ihre kleinen Füsse steif wären. Wegen ihres grossen Schwanzes fliegen sie an windigen Tagen schlecht. Die dunkel gefärbten Varietäten sind meist grösser als die weissen Pfauentauben. Obschon zwischen den besten und den gemeinen Pfauentauben, die jetzt in England existiren, in der Stellung und Grösse des Schwanzes, in der Haltung des Kopfes und Halses, in den eonvulsiven Bewegungen des letzteren, in der Art zu gehen und in der Breite der Brust eine ungeheure Verschiedenheit besteht, so verschwinden diese doch so allmählich, dass es unmöglich ist, mehr als eine Unterrasse aus diesen Vögeln zu bilden. Doch gibt Moore,  eine ausgezeichnete ältere Autorität u , an, dass es im Jahre 1735 zwei Sorten breitschwänziger Schüttler (d. h. 12 Annals and Mag. of nat. hist. Vol. XIX. 1847. p. 105. 13  Diese Drüse kommt bei den meisten Vögeln vor; Xitzsch  führt aber (in seiner Pterylographie 1840. p. 55) an, dass sie bei zwei Arten Columba,  bei mehreren Arten Vsittacux,  bei einigen Arten Olix  und bei den meisten oder allen Vögeln der Familie der Strausse fehle. Es ist wohl kaum ein zufälliges Zusammentreffen, dass die beiden Arten Columba,  denen die Oldrüse fehlt, eine ungewöhnliche Zahl von Schwanzfedern haben, nämlich 16. und in dieser Beziehung den Pfauentauben gleichen. 14  s. die beiden ausgezeichneten. 1852 und 1858 erschienenen Ausgaben des W erkes von J  M. Eaton, a Treatise on Fancy Pigeons.

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5. Cap. Beschreibung iler Rassen. 183 Pfauentauben 1 gegeben habe, von (lenen die eine einen viel längeren und schlankeren Hals als die andere hat"; und Mr. B. P. Brent theilt mir mit, dsss jetzt noch eine deutsche Pfauentaube existire mit einem dickeren und kürzeren Schnabel. 2. Unterrasse.  J a v a-P f a u e n t a u b e. — Mr. S w i n h o e hat mir von Amoy in China den Balg einer Pfauentaube geschickt, welcher einer aus Java importirten Rasse angehörte. Sie war in einer eigenthümlichen Weise gefärbt ungleich irgend einer europäischen Pfauentaube und hatte einen für eine Pfauentaube merkwürdig kurzen Schnabel. Trotzdem es ein guter Vogel seiner Art war, hatte er nur 14 Schwanzfedern; in andern Vögeln dieser Rasse hat aber Mr. Sw in hoc von 18 — 24 Schwanzfedern gezählt. Nach einer mir geschickten flüchtigen Skizze wird der Schwanz offenbar nicht so stark ausgebreitet oder so stark aufgerichtet, als bei europäischen Pfauentauben selbst zweiten Ranges. Der Vogel schüttelt seinen Hals wie unsere Pfauentaube; er hatte eine gut entwickelte Öldrüse. Wie wir später sehen werden, kannte man in Indien Pfauentauben vor dem Jahre 1600; und wir können vermuthen, dass wir in der Java-Pfauentaube diese Rasse in ihrem weniger veredelten Zustande vor uns sehen. 6.Rasse; Möven-Tauben(Turbit und Owl, Pigeons ä Cravate). Die Federn an der Kehle und Brust divergirend; Schnabel sehr kurz, vertical ziemlieh dick : Oesophagus etwas erweitert. Möven und Eulentauben weichen unbedeutend in der Form des Kopfes von einander ab. Er trägt bei den ersteren einen Kamm, auch ist die Krümmung des Schnahels verschieden; sie können aber hier ganz zweckmässig vereint werden. Diese netten Vögel, von denen manche sehr klein sind, lassen sich sofort daran erkennen, dass am Vordertheil des Halses die Federn unregelmässig wie eine Krause auseinanderweichen, in derselben Weise, nur in einem geringeren Grade, wie am Nacken des Jaco- biners (oder der Perückentaube). Der Vogel hat die merkwürdige Gewohnheit, den oberen Theil seines Oesophagus beständig für einen Augenblick aufznblasen, was der Krause eine Bewegung mittheilt. Wurde der Oesophagus eines todten Vogels aufgeblasen, so zeigte er sich grösser als bei andern Rassen und nicht so deutlich vom Kropfe getrennt. Die Kropftaube bläst sowohl ihren echten Kropf, als ihren Oesophagus auf; die Möventaube bläst in einem viel geringeren Grade nur den Oesophagus auf. Der Schnabel der Müven-Taube ist sehr kurz, 0,28 Zoll kürzer als der der Felstaube im Verhältniss zur Körpergrösse beider; und bei einigen,

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 Domesticirte Tauben. 5 Cap von K. Vernon Harcourt uns Tunis gebrachten Killen war er noch kürzer. Im Verhältnis« zu dem der Felstaube ist der Schnabel vertical dicker und vielleicht ein wenig breiter. 7. Rasse: Tümmler oder Burzeltaube (Tumblers, Culbutants). Überschlagen sich beim Flug rückwärts, Körper meist klein, Schnabel meist kurz-, zuweilen äusserst kurz und conisch. Diese Kasse lässt sich in vier Unterrassen theilen, nämlich persische, Lotan, gemeine und kurzstirnige Burzier. Diese Unterrassen umfassen viele 4 arietäten, welche rein züchten. Ich habe acht Skelette ver-

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5. Cap. Beschreibung der Rassen. 185 schicdener Arten von Burzlcrn untersucht; mit Ausnahme eines unvollständigen und zweifelhaften Exemplars waren bei ihnen nur sieben Rippen vorhanden, während die Felstaube acht hat. 1. Unterrasse:  Persische Burzeltaube. — Von The Hon. C. M urray habe ich direct aus Persien ein Paar erhalten; es waren eher kleinere Vögel als die wilde Felstaube, ungefähr von der Grösse der gewöhnlichen Haustaube, weiss und gefleckt, an den Füssen wenig befiedert; der Schnabel war gerade merkbar kürzer, als bei der Felstaube. Mr. Keith Abbott  theilt mir mit, dass die Verschiedenheit in der Schnabel- länge so gering ist, dass nur geübte persische Liebhaber diese Burzier von der gemeinen Taube jenes Landes unterscheiden können. Er sagt mir, dass sie in Heerden sehr hoch fliegen und gut burzeln. Manche scheinen gelegentlich schwindlich zu worden und fallen zu Boden, in welcher Beziehung sie manchen unserer Burzier gleichen. 2. Unterrasse:  Lot an oder Low tan, indische Bodenbur zier. —  Diese Vögel zeigen eine der merkwürdigsten vererbten Gewohnheiten oder Tnstincte, von denen man je gehört hat. Die mir von Sir W. Elliot aus Madras geschickten Exemplare, sind weiss, an den Füssen wenig befiedert, die Federn am Kopfe sind umgekehrt, und sie sind eher etwas kleiner als die Fels- oder Haustaube. Der Schnabel ist im Verhältnis« nur wenig kürzer und eher dünner als bei der Felstaube. Schüttelt man die Vögel leicht und stellt sie auf den Boden, so fangen sie sofort an kopfüber zu burzeln und tlnin dies so lange, bis man sic in die Höhe nimmt und ihnen schmeichelt, welche Ceremonie gewöhnlich so ausgeführt wird, dass man ihnen ins Gesicht bläst, so als wollte man eine Person aus einem hypnotischen oder mesmerischeu Zustande wieder zu sich bringen. Man hat versichert, dass wenn man sie nicht in die Höhe nimmt, sie sich so lange fortkugcln, bis sie sterben. In Bezug auf diese merkwürdigen Eigenthümlichkeiteu sind Massen von Zeugnissen vorhanden. Was aber die Sache der Beachtung noch werther macht, ist, dass diese Gewohnheit seit der Zeit- von 1600 streng vererbt worden ist; denn im "Ayeen Akberv" 13  wird diese Rasse deutlich beschrieben. Mr. Evans  hat in London ein Paar gehalten, die Capt. Vigne  mitgebracht 15  Englische Übersetzung von F. Gladwin. 4. Ausgabe. Vol. I. Die Lebensart des Lotan-Burzlers wird auch in der vorhin erwähnten, vor 100 Jahren erschienenen Persischen Schrift beschrieben. Zu jener Zeit waren die Lotans meist weiss mit einem Busch wie .jetzt. Mr. Blyth  beschreibt diese Vögel in: Annals and Mag. of nat. hist. Vol. XIV. 1847, p. 104. Er sagt, dass man sie »bei jedem Calcutta-Vogelhändler sehen könne.

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Domesticirte Tauben. 5. Cap. I St) hatte. Er versicherte mir, dass er sie in der Luft ebenso hat burzeln sehen, wie in der vorherbeschriebenen "Weise auf dem Boden. Sir W. Elliot schreibt mir indess aus Madras, dass man ihm gesagt habe, sie burzelten ausschliesslich auf der Erde oder in einer sehr geringen Höhe über ihr. Er erwähnt auch noch eine andere Untervarietät, die Kalmi Lotan genannt, welche sich zu kugeln beginnt, wenn man sie nur mit einem Stabe am Halse berührt. 3. Unterrasse: Gemeine englische Burzeltaubo. —  Die Vögel haben genau dieselben Gewohnheiten, wie die persischen Burzier, burzeln aber besser. Der englische Vogel ist wenig kleiner als der persische. Der Schnabel deutlich kürzer. Mit der Felstaube verglichen und proportional zur Grösse des Körpers ist der Schnabel von 0,i5 bis beinah 0,2 Zoll kürzer, aber nicht dünner. Es gibt mehrere Varietäten des gemeinen Tümmlers, nämlich Kahlköpfe, Bärte und holländische Boiler. Die letzteren habe ich lebendig gehalten. Sie haben verschieden geformte Köpfe, längere Hälse und befiederte Fiisse. Sie burzeln bis zu einem ausserordentlichen Grade. Mr. Brent bemerkt ,6 : "nach wenig Secunden stürzen sie kopfüber, eine, zwei oder drei Cbersclilagungen auf einmal. Hier und da gibt sich ein Vogel eine schnelle rapide Drehung, wobei er sich wie ein Rad dreht; doch verlieren sie zuweilen das Gleichgewicht und fallen ungraeiös, wobei sie sich gelegentlich durch das An- stossen an andere Gegenstände verletzen. " Aus Madras habe ich mehrere Exemplare des gemeinen indischen Burzlers erhalten, die nur unbedeutend in der Länge ihrer Schnäbel von einander abwichen. Mr. Brent schickte mir ein todtes Exemplar eines "Hausburzlers" n , einer schottischen Varietät, die im allgemeinen Ansehen und der Form des Schnabels vom gemeinen Burzier nicht abweicht. Mr. Brent führt an, dass diese Vögel meist zu burzeln beginnen, ..beinah sobald sie gut fliegen können. "Im Alter von drei Monaten burzeln sie gut, aber fliegen noch stark; im "fünften oder sechsten Monat burzeln sie excessiv und im zweiten Jahre "geben sie, wegen ihres sehr starken Burzeins und weil sie es so nahe "der Erde thun, meist das Fliegen ganz auf. Manche fliegen in Haufen "herum und überschlagen sich regelmässig nach ein Paar Fuss, bis sie "in Folge von Schwindel und Erschöpfung genöthigt sind, sich nieder zu "lassen. Diese werden Luftburzler genannt und überschlagen sich in einer 16  Journal of Horticulture. 22. Oct. 1861, p. 76. " s. die Beschreibung des in Glasgow gehaltenen Hausburzlers in: Cottage Gardener, 1858, p. 285, ebenso Mr. Brent's Aufsatz in: Journal of Horticulture 1861, p. 76.

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5. Cap. Beschreibung der Rassen. ! 87 "Minute gewöhnlich 20 —CO Male und jedesmal nett und reinlich. Ich "besitze einen rothen Taubert, den ich zwei oder drei Mal mit der Uhr "in der Hand beobachtet habe und dabei zählte ich vierzig Burzelbäume "in der Minute. Andere burzeln verschieden. Zuerst überschlagen sie "sich einmal, dann zweimal und endlich wird es ein beständiges Kugeln, "womit das Fliegen aufhört; wenn sie nur wenige Fuss weit fliegen, so "geht es kopfüber und sie rollen, bis sie die Erde erreichen. So sah ich "einen sich selbst tödten und ein anderer brach sein Bein. Viele überschlagen sich nur wenig Fuss über der Erde und überschlagen sich "zwei- oder dreimal, wenn sie quer durch ihr Haus fliegen. Diese nennt "man Hausburzler, weil sie im Hause burzeln. Der Act des Burzeins "scheint ihrer Controle ganz entzogen zu sein; es ist eine unwillkürliche "Bewegung, welche sie, wie es scheint, zu verhindern suchen. Ich habe "gesehen, wie ein Vogel in seinen Anstrengungen manchmal ein oder "zwei Yards aufwärts flog, wobei es ihn rückwärts zwang, während er "sich anstrengte, vorwärts zu kommen. Werden sie plötzlich gescheucht, "oder befinden sie sich an einem fremden Orte, so scheinen sie weniger "fähig zu sein zu fliegen, als wenn sie ruhig in ihrer gewohnten Bc- "lliiUSling sind." Diese Hausburzler weichen von den Lotan oderBoden- burzlern von Indien dadurch ab, dass sie nicht geschüttelt zu werden brauchen, um das Burzeln anzufangen. Die Rasse ist wahrscheinlich dadurch gebildet worden, dass man einfach die besten gewöhnlichen Burzier zur Zucht auswählte. Doch ist es auch möglich, dass sie in einer früheren Zeit mit Lotans gekreuzt worden sind. 4. Unterrasse: Kurzstirnige Burzier.  Dies sind merkwürdige Vögel und sind der Ruhm und Stolz vieler Liebhaber. Mit ihren äusserst kurzen, scharfen und conischen Schnäbeln und der nur sehr wenig entwickelten Haut über den Nasenlöchern weichen sie fast vom Typus der Columbiden ab. Der Kopf ist beinah kugelig, vorn senkrecht, so dass manche Liebhaber sagen 18 , "der Kopf müsse einer Kirsche gleichen mit einem hineingesteckten Gerstenkorn". Es ist dies die kleinste Art von Tauben. Mr. Esquilant  besass einen blauen Kahlkopf, zwei Jahre alt, welcher vor der Futterzeit lebend gewogen nur 6 Unzen 5 Drachm. w T og; von zwei andern wog jeder 7 Unzen. Wir haben gesehen, dass eine wilde Fels taube 14 Unzen 2 Drachm, und eine Kirnt-Taube 34 Unzen 4 Drachm, wog. Kurzstirnige Burzier haben eine merkwürdige, aufrechte Haltung mit vorragender Brust, herabhängenden Flügeln und sehr kleinen Fiis- 18 , 1. M. Eaton, Treatise on Pigeons. 1852, p. 9.

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Dnniestieirte Taubon. 188 5. Ca]). sen. Die Lange dos Schnabels von der Spitze bis zur befiederten Basis betrug bei einem guten Vogel O.i Zoll; bei einer wilden Felstaubc hatte er genau die doppelte Länge. Da diese Burzier kürzere Körper haben, IMS mm mm. -pnJ-Hn r4¥£*.fm '—-V ifr- als die wilde Felstaube, so sollten sie natürlich auch kürzere Schnäbel haben. Aber im Yerhältniss zur Körpergrösse ist der Schnabel 0,28 Zoll zu kurz. Ferner waren die Füsse dieses Vogels factisch 0,45 Zoll und proportional 0,2 i  Zull kürzer, als die Füsse der Felstaube. Die mittlere

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5. Cap. Beschreibung iler Rassen. 189 Zehe hat nur zwölf oder dreizehn, statt vierzehn oder fünfzehn Schildchen. Ms sind nicht selten nur neun statt zehn Schwungfedern erster Reihe vorhanden. Die veredelten knrzstirnigen "Burzier haben fast ihr Vermögen zu burzeln verloren., wir haben aber mehrere authentische Berichte darüber, dass sie gelegentlich doch burzeln. Es gibt mehrere Untcrvarie- täten: so Kahlköpfe, Bärte, "Mottles" und Mandelburzler. Die letzteren sind deshalb merkwürdig, als sie ihre vollständige Färbung nicht eher erlangen, als bis sie drei- oder viermal sich gemausert haben. Wir haben Grund zur Annahme, dass die meisten dieser Untervarietäten, von denen einige rein züchten, seit der Publication von Moore's Abhandlung im Jahre 1735 entstanden sind I9 . AVas endlich die ganze Gruppe der Burzeltauben betrifft; so lässt sich unmöglich eine vollständigere Reihe denken, als ich vor mir liegen habe; von der Felstaube durch die persische, Lotan und gemeine Burzel- taube bis zu den merkwürdigen kurzstirnigen Vögeln. Mach blossen äusseren Cluiracteren würde kein Ornitholog die letzteren in dieselbe Gattung mit der Felstaube bringen. Die zwischen den einzelnen Stufen dieser Reihe auf tretenden Verschiedenheiten sind grösser als die, welche zwischen den gewöhnlichen Haustauben (C. licia )  aus verschiedenen Ländern zu beobachten sind. 8. Rasse: Indische Strupptaube (Indian Frill-back). Schnabel sehr kurz ; Federn umgewendet. Sir AAL Elliot hat mir ein Exemplar dieses A r ogels in Spiritus von Madras geschickt. Er ist von der Strupptaube, die oft in England ausgestellt wird, völlig verschieden. Es ist eher ein kleiner A'ogel, ungefähr von der Grösse des gemeinen Burzlers, hat aber einen in allen seinen Proportionen unserm kurzstirnigen Burzier gleichen Schnabel. A'on der Spitze bis zur befiederten Basis gemessen war der Schnabel nur 0,46 Zoll lang. Die Federn über den ganzen Körper sind umgewendet oder krümmen sich nach rückwärts. AVäre dieser A'ogel in Europa vorgekommen, so würde ich ihn nur für eine monströse Varietät unserer veredelten Burz- ler gehalten haben. Da aber kurzstirnige Burzier in Indien nicht bekannt sind, so glaube ich, muss er für eine distincte Rasse gelten. AVahr- scheinlich ist dies die Rasse, v'elche Hasselquist  1757 in Cairo gesehen hat und von welcher er sagt, dass sie aus Indien gebracht worden sei. 19  J. M. Eaton, Treatise etc. edit. 1858, p. 7G.

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 Domesticirte Tauben. 5. Cap. 9. Rasse: Jaeobiner (Zopf- oder Perüekentaube, Nonnains). Die Federn am Nacken bilden eine Haube; Flügel und Schwanz lang; Schnabel massig kurz-. Diese Taube ist sofort an ihrer Haube zu erkennen, die fast den ganzen Kopf einschliesst und vor dem Halse zusammenstösst. Die Haube scheint nur eine excessive 'Weiterentwickelung des Kammes umgewendeter Federn am Hintertheile des Kopfes zu sein, welcher vielen Untervarietäten gemein ist und welcher bei der Latztaube 20  in einem nahezu mittleren Zustande zwischen einer Haube und einer Federkrone vorhanden ist. Die Federn der Haube sind verlängert, Flügel und Schwanz sind gleichfalls sehr verlängert; so ist der zusammengefaltete Flügel des Ja- cobiners, trotzdem dass es ein etwas kleiner Vogel ist, volle 1 ',4 Zoll länger, als der der Felstaube. Nimmt man die Länge des Körpers ohne den Schwanz als Vergleichungsmaassstab, so ist der gefaltete Flügel (proportional zu den Flügeln der Felstaube) 2 1 ,4 Zoll zu lang und die beiden Flügel von Spitze zu Spitze 5 V Zoll zu lang. Seiner Disposition nach ist dieser Vogel eigenthümlich ruhig, fliegt oder bewegt sich nur selten umher, wie es auch Bechstein und Riedel in Deutschland beobachtet haben 2I . Der letztgenannte Schriftsteller erwähnt auch die Länge des Flügels und des Schwanzes. Der Schnabel ist nahezu 0,2 Zoll kürzer im Verhältniss zur Körpergrösse als bei der Felstaube. Der innere Jlund- spalt ist aber beträchtlich weiter. 4. Gruppe. Die Vögel dieser Gruppe lassen sich dadurch characterisiren, dass sie in allen wichtigen Punkten der Structur, besonders im Schnabel, der Felstaube ähnlich sind. Die Troimneltaube bildet die einzige gut markirte Rasse. Von den zahlreichen andern Unterrassen und Varietäten werde ich nur einige wenige der bestimmtesten anführen, welche ich selbst gesehen und lebend gehalten habe. 10. Rasse: Trommeltau.be (Trumpeter-Pigeon tambour, glougou). Ein Federbüschel an der Basis des Schnabels nach corn gekrümmt; Füsse stark befiedert; Stimme sehr eigenthümlich; Grösse die der Felstaube übertreffend. -°  Neumeister, Taubenzucht. Taf. 4, fig. 1. 21  Riedel, Die Taubenzucht. 1824, p. 26. Bechstein, Naturgeschichte Deutschlands. Bd. IV, p. 36. 1795.

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5. Ca]i. Beschreibung der Rassen. 191 Dies ist eine scharf markirte Kasse mit einer eigenthüinlichen, der aller andern Tauben völlig ungleichen Stimme. Das Gurren wird schnell wiederholt und mehrere Minuten fortgesetzt, daher der Name Trompeteroder Trommel-Taube. Sie ist auch durch einen Büschel verlängerter Federn characterisirt, welche sich über der Sclmabelbasis nach vorn krümmen, und welche keine andere Kasse besitzt; ihre Füsse sind so schwer befiedert, dass sic fast wie kleine Flügel ausselien. Sie ist grösser als die Felstaube, aber ihr Schnabel ist von fast genau derselben proportioneilen Grösse; ihre Füsse sind eher klein; die Kasse war schon zu Moore's Zeit (1735) vollständig entwickelt. Mr. Brent gibt an, dass zwei der Grösse nach verschiedene Varietäten existiren. 11. Basse: Der Structur »ach kaut» von der wilden Columba livia abweichend. 1. Unterrasne: Lachtauben (Laughers). Grösse geringer als bei der Felstaube, Stimme sehr eigenthümlirh. —  Da dieser Vogel fast in allen Verhältnissen mit der Felstaube übereinstimmt, wenn er auch von geringerer Grösse ist, so würde ich ihn doch kaum für der Erwähnung werth gehalten haben, wäre es nicht seiner eigentümlichen Stimme wegen, eines Characters, der wie man annimmt, bei Vögeln nur selten variirt. Obgleich die Stimme der Lachtaube von der der Trommeltaube sehr verschieden ist, so brachte doch eine meiner Trommeltauben gewöhnlich einen einzigen Ton wie den der Lachtaube hervor. Ich habe zwei Varietäten von Lachtauben gehalten, welche nur darin von einander abwichen, dass die eine eine Federkrone besass. Die glattköpfige Art, welche ich der Freundlichkeit Mr. Brent's verdanke, pflegte neben ihrem gewöhnlichen Laute in einer besonders angenehmen Weise zu girren, welche sowohl Mr. Brent und unabhängig von ihm auch mich als dem Tone der Turteltaube sehr ähnlich frappirte. Beide Varietäten kamen aus Arabien; schon Moore  kannte diese Kasse 1735. Eine Taube, welche Yak-roo zu sagen scheint, wird 1600 in dem " Ayeen Akberv" erwähnt und ist wahrscheinlich diese Kasse. Sir W. Elliot hat mir auch von Madras eine Taube geschickt, die Yahui genannt ward, von Mekka gekommen sein soll und im Ansehen von der Lachtaube nicht verschieden ist. "Sie hat eine tiefe melancholische Stimme, wie Yaliu, w T as oft wiederholt wird." Yahu, Yahu bedeutet: "0 Gott, o Gott" und Sayzid Mohammed Musari  sagt in der ungefähr vor 100 Jahren geschriebenen Abhandlung, dass man diese Vögel nicht fliegen lässt, weil sie den

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 Domesticirte Tauben. 5. Cap. Namen Gottes wiederholen. Doch theilt mir Mr. K e ith Abbott  mit, dass die gemeine Taube in Persien Yaliu genannt wird. 2. Unterrasse:  Die Strupptaube ( CommonFrill-back). — Schnabel etwas länger als bei der Felstaube; Federn verkehrt. — Es ist dies ein beträchtlich grösserer Vogel als die Felstaube mit einem im Verhiiltniss zur Körpergrösse etwas längeren Schnabel (d. h. um ungefähr 0,o4 Zoll). Die Federn besonders auf den Flügeldecken haben nach aufwärts und rückwärts gedrehte Spitzen. 3. Unterrasse: Nonnen (Nuns, Pigeous coquilles). Diese eleganten Vögel sind kleiner als die Felstaube, der Schnabel ist factisch 0,n und im Verhältniss zur Köpergrösse 0,i Zoll kürzer als bei der Felstaube, doch von derselben Dicke. Bei jungen Vögeln sind die Schildchen auf den Tarsen und Zehen meist bleischwarz; es ist dies ein merkwürdiger Character (obschon er in einem geringeren Grade auch bei andern Kassen beobachtet wird), da die Farbe der Füsse im erwachsenen Zustande bei allen Kassen nur sehr geringer Variation unterliegt. Bei zwei oder drei Gelegenheiten habe ich dreizehn oder vierzehn Federn im Schwanz gezählt. Dasselbe kommt auch bei der kaum verschiedenen Kasse vor, die* Helmtauben genannt werden ("Helmets"). Die Nonnen sind symmetrisch gefärbt mit übereinstimmend gefärbtem Kopfe, ersten Schwungfedern, Schwanz und Schwauzdecken, nämlich schwarz oder roth, während der Kest des Körpers weiss ist. Die Kasse hat die gleichen Charactere behalten, seitdem Aldrovandi  1600 schrieb. Aus Madras habe ich fast gleich gefärbte Vögel erhalten. 4. Unterrasse:  Die Blässtauben ( Spots, Pigeons heurtes). — Diese Vögel sind um sehr wenig grösser als die Felstaube, mit einem in allen seinen Dimensionen um eine Spur kleineren Schnabel und mit entschieden kleineren Füssen; sie sind symmetrisch gefärbt, mit einem Fleck auf der Stirn, mit gleichgefärbtem Schwanz und Schwanzdecken, während der Kest des Körpers weiss ist. Diese Kasse existirte schon 1676 22 ; und im Jahre 1735 bemerkt Moore,  dass sie rein züchten, wie es auch heutigen Tages noch der Fall ist. 5. Unterrasse: Schwalben-Tauben (Swallows). — VonFliigel- spitze zu Flügelspitze oder vom Ende des Schnabels bis zum Schwanzende gemessen, übertreffen diese Vögel in der Grösse die Felstaube. Ihr Körper ist aber viel weniger massig; auch sind die Füsse und Beine kleiner. Der Schnabel ist von ungefähr derselben Länge, aber etwas schwä- 22 Willoughby,  Ornithology, edit, by Ray.

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5- Cap. Beschreibung der Rassen. 193 eher; im Ganzen ist ihr allgemeines Ansehen von der Felstaube beträchtlich verschieden. Kopf und Flügel sind von derselben Farbe, der Rest des Körpers ist weiss. Ihr Flug soll eigenthümlich sein. Es scheint dies eine moderne Zuchtrasse zu sein, welche indess vor dem Jahr 1795 entstanden ist, denn Bechstein beschreibt sie schon. Ausser den hier beschriebenen Rassen bestanden vor kurzem oder bestehen vielleicht noch in Deutschland und Frankreich drei oder vier andere sehr distincte Arten. Erstens der Carmeliter oder Carme-pigeon, den ich nicht gesehen habe. Er wird als von geringer Grösse beschrieben mit sehr kurzen Beinen und einem äusserst kurzen Schnabel. Zweitens der "Finnikin", der jetzt in England ausgestorben ist. Er hatte nach Moore's Abhandlung 23 , die 1735 erschien, einen Federbusch auf dem Hintertheil des Kopfes, welcher den Rücken herab reichte, einer Pferdemähne nicht unähnlich. Ist der Tauber geil, so erhebt er sich über die Henne und dreht sich drei- oder viermal seine Flügel schlagend herum, dann kehrt er um und dreht sich ebensovielmal nach der andern Seite. Der Dreher (Turner) "dreht sich nur in einer Richtung, wenn er mit dem Weibchen liebelt". Ob man sich auf diese ausserordentlichen Angaben verlassen kann, weiss ich nicht; die Vererbung irgend einer Gewohnheit kann man glauben nach dem was wir in Bezug auf den Bodenburzler von Indien gesehen haben. Boitard und Corbie beschrieben eine Taube 24 , welche die cigenthümliche Gewohnheit hat, eine beträchtliche Zeit durch die Luft zu segeln, ohne ihre Flügel zu schlagen, ähnlich wie ein Raubvogel. In den über die" Draijers", " Smiters ", Finnikins, Dreher, "Claquers" u. s. w., welche alle wegen ihrer Art zu fliegen merk-würdig sind, publicirten Beschreibungen herrscht von der Zeit Aldrovandi's im Jahr 1600 bis zum heutigen Tag eine nicht zu entwirrende Confusion. Mr. Brent theilt mir mit, dass er in Deutschland eine dieser Rassen gesehen hat, deren Flügelfedern durch das häufige Zusammenschlagen verletzt waren; er hat sie aber nicht fliegen sehen. Ein altes ausgestopftes Exemplar eines Finnikin im britischen Museum bietet keine scharf markirten Cha- ractere dar. Drittens wird eine eigcntliiimliche Taube mit einem gegabelten Schwanz in manchen Abhandlungen erwähnt und da Bechstein 20 diesen Vogel "mit einem Schwanz, der vollständig den Bau des der Hausschwalbe hat," kurz beschreibt und abbildet, so muss er einmal existirt haben; denn Bechstein  war ein viel zu guter Naturforscher, 23  J. M. Eaton,  Ausgabe von Moore ( 1858), p. 98. 24 Pigeon Patu Plongeur: »Les Pigeons« etc. p. 165. 25  Naturgeschichte Deutschlands. Bd. IV, p. 17. Darwin, Erster Tlieil. 13

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 Domesticirtc Tauben. 5. Cap. um irgend eine distinct« 1 Art mit der Haustaube verwechselt zu haben. Endlich ist vor kurzem in der Philoperisteron-Gesellschaft in London 26 eine ausserordentliche aus Belgien importirte Taube ausgestellt worden, welche " eine blassrothe Färbung mit einem Eulen- oder Barbenkopf verband, deren auffallendste Eigenthümlichkeit aber die ausserordentliche Länge der Schwauz-und Schwungfedern war, von denen die letzteren sich jenseits des Schwanzes kreuzten und dem Vogel das Ansehen eines riesigen Seglers (Cypselus) oder eines langflügligen Habichts gaben." Mr. Tegetmeier  theilt mir mit, dass dieser Vogel nur 10 Unzen wog; von der Schnabelspitze bis zum Schwanzende maass er aber lS'/'a Zoll, von Flügelspitze zu Flügelspitze 32 Zoll. Die wilde Felstaube dagegen wiegt 14 '/2  Unzen und misst von der Schnabelspitze Ins zum Schwänzende 15 Zoll, von Flügelspitze zu Flügelspitze nur 26 3 ,4 Zoll. Ich habe nun alle mir bekannten domesticirten Tauben beschrieben und einige wenige auf verlässliche Autoritäten hin hinzugefügt. Ich habe sie unter vier Gruppen rangirt, um ihre Verwandtschafts- und Differenzgrade hervorzuheben, aber die dritte Gruppe ist künstlich. Die von mir untersuchten Arten bilden elf Rassen, welche verschiedene Unterrassen einschliesstm und selbst diese letzteren bieten Verschiedenheiten dar, welchen man sicher speci- fischen Werth beigelegl haben würde, hätte man die Vögel im Naturzustände beobachtet. Auch die Unterrassen umfassen viele streng erbliche Varietäten. Im Ganzen müssen also, wie schon früher angeführt, über 150 Arten existiren, welche allerdings meist nach Characteren von äusserst geringer Bedeutung unterschieden werden können. Viele Gattungen der Columbidae,  welche von Ornithologen angenommen werden, weichen in keinem irgend beträchtlichen Grade von einander ab. Nimmt man dies in Betracht, so lässt sich nicht zweifeln, dass mehrere der am schärfsten characterisirten domesticirten Formen, wenn sie wild gefunden würden, in wenigstens fünf neue Gattungen gebracht worden wären. So würde eine neue Gattung zur Aufnahme des veredelten englischen Kröpfers, eine zweite Gattung für Botentauben und Runt-Tauben gebildet worden sein; und das letztere würde ein sehr grosses oder umfassendes Genus gewesen sein, denn es würden gemeine spanische Runt-Tauben ohne ?26  vv. p. Tegetmeier,  Journal of Horticulture. 20 Jan. 1863, p. 58.

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5. Cap. Individuelle Variabilität. 195 irgend welchen Kamin, kurzschnäblige Runt-Tauben, wie den Tronfo, und die veredelte englische Botentaube umfasst haben. Eine dritte würde für die Barb-Taube, eine vierte für die Pfauentaube und endlich eine fünfte für die kurzschnäbligen bartlosen Tauben gebildet worden sein, wie die Höven und kurzstirnigen Burzier. Die übrig bleibenden domestieirten Formen würden in eine und dieselbe Gattung mit der wilden Felstaube gebracht worden sein. Individuelle Variabilität; Variationen merkwürdiger Art. Die bis jetzt betrachteten Verschiedenheiten sind characteri- stisch für distincte Rassen. Es gibt aber andere entweder auf individuelle Vögel beschrankte oder bei gewissen Rassen oft beobachtete Differenzen, die für diese nicht characteristisch sind. Diese individuellen Verschiedenheiten sind von Bedeutung, da sie in den meisten Fallen durch das Zuchtwahlvermögen des Menschen fixirl und gehäuft werden können, so dass eine bereits bestehende Rasse bedeutend modilicirt oder eine neue gebildet werden kann. Liebhaber beachten nur solche geringe Differenzen, welche äusserlich sichtbar sind, und wählen sie zur Nachzucht aus. Die ganze Organisation ist aber durch Correlation des Wachsthums so mit einander verknüpft , dass eine Veränderung in einem Theile häufig von andern Veränderungen begleitet wird. Für unsern Zweck sind Mo- dificationen aller Art gleich bedeutungsvoll und sind, wenn sie einen Theil betreffen, der nicht gewöhnlich variirt, von grösserer Bedeutung als eine Modification in irgend einem auffallenden Theile. Heutigen Tags wird jede sichtbare Abweichung im Character bei einer gut begründeten Rasse als tadelnsw'erth verworfen. Es folgt hieraus aber durchaus nicht, dass in einer früheren Zeit, ehe scharf markirte Zuchtrassen gebildet worden waren, derartige Abweichungen verworfen worden wären. Im Gegentheil wdirde man sie ängstlich zu erhalten gesucht haben, weil sie eine Neuigkeit darboten, und sie würden dann, wie wir später noch deutlicher sehen werden, durch den Process der unbewussten Zuchtwahl lange gehäuft worden sein. Ich habe bei den verschiedenen Rassen zahlreiche Messungen der verschiedenen Körpertheile vorgenommen, und habe sie kaum jemals bei 13*

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 Domesticirte Tauben. 5. Cap. Vögeln derselben Kasse völlig gleich gefunden. Im Gegentheil sind die Differenzen grösser, als wir sie gewöhnlich bei wilden Arten finden. Ich beginne mit den Schwungfedern erster Keihe und den Schwanzfedern. Doch will ich zunächst erwähnen, da vielleicht manche Leser die Thatsache nicht kennen, dass die Zahl der ersten Schwung- und Schwanzfedern bei wilden Vögeln meist constant ist, und nicht nur ganze Gattungen, sondern selbst ganze Familien characterisirt. Sind die Schwanzfedern ungewöhnlich zahlreich, wie z. B. beim Schwan, so variiren sie gern der Zahl nach; dies bezieht sich aber nicht auf verschiedene Arten und Gattungen der Columbideu, welche, soviel ich auffinden kann, nie weniger als zwölf oder mehr als sechszehn Schwanzfedern haben, und diese Zahlen characterisiren mit seltenen Ausnahmen ganze Unterfamilien 27 . Die wilde Felstaube hat zwölf Schwanzfedern; wie wir gesehen haben, variirt bei Pfauentauben die Zahl von 14 — 42; bei zwei jungen Vögeln in demselben Nest zählte ich 22 und 27 Federn. Kröpfer erhalten sehr gern überzählige Schwanzfedern und ich habe bei verschiedenen Gelegenheiten an meinen eignen Vögeln vierzehn oder fünfzehn gesehen. Mr. Bult  hatte ein Exemplar, welches Mr. Yarrpll  untersuchte, mit 17 Schwanzfedern; ich hatte eine Nonne mit dreizehn und eine andere mit vierzehn Schwanzfedern, und bei einer Helmtaube, einer kaum von der Nonne unterscheidbaren Kasse, habe ich fünfzehn gezählt und von andern ähnlichen Beispielen gehört. Auf der andern Seite besass Mr. Brent einen Dragon, welcher sein ganzes Leben lang nie mehr als zehn Schwanzfedern hatte, und einer meiner Dragons, der von dem Mr. B rent's abstammte, hatte nur elf. Ich habe einen kahlköpfigen Burzier mit nur zehn gesehen und Mr. Brent hatte einen Luftburzler mit derselben Zahl, aber auch einen andern mit vierzehn Schwanzfedern. Zwei dieser letzten Burzier, die Mr. Brent gezüchtet hatte, waren merkwürdig. Der eine, weil die beiden centralen Schwanzfedern etwas divergirton; der andere, weil die zwei äusseren Federn um 3 /s Zoll länger waren, als die übrigen, so dass in beiden Fällen der Schwanz die Tendenz darbot, sich zu gabeln, allerdings auf verschiedenem Wege; und dies zeigt uns, wie eine schwalbensclrwänzige Kasse, wie die von Bechstein  beschriebene, durch sorgfältihe Zuchtwahl sich hätte bilden lassen. 27  Coup d'oeil sur l'ordre des Pigeons par C. L. Bonaparte ( Comptes rendus) 1854—55. Blyth  erwähnt (Annals of nat. hist. Vol. XIX. 1847, p. 41) als sonderbare Thatsache, »dass von zwei nahe verwandten Arten von Ectopisles  die eine vierzehn Schwanzfedern hat, die andere, die nordamerikanische Waudertaube, nur die gewöhnliche Zahl — zwölf.«

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5. Cap. Individuelle Variabilität. 197 Was die Schwungfedern erster Keilte betrifft, so ist die Zahl hei den Columbiden, soweit ich es ausmachen kann, immer neun oder zehn; bei der Felstaube sind zehn vorhanden. Ich habe aber nicht weniger als acht kurzstirnige Burzier gefunden mit nur neun Schwungfedern, und das Vorkommen dieser Zahl ist von Liebhabern beachtet worden, da das Vorhandensein von zehn weissen Flugfedern einer der Hauptpunkte bei kurz- stirnigen kahlköpfigen Burzlern ist Mr. Brent besass indess einen Luftburzler, nicht kurzstirnig, welcher an beiden Flügeln elf Schwungfedern erster Reihe hatte. Mr. Corker, der ausgezeichnete Züchter von Preis-Botentauben versichert mir, dass einige seiner Vögel an beiden Flügeln elf erste Schwungfedern hatten. Bei zwei Kröpfern habe ich an einem Flügel elf gesehen. Drei Liebhaber haben mir versichert, dass sie bei Scanderoons zwölf gesehen haben; da indess Neumeister  behauptet dass in der verwandten Florentiner Runt-Taube die mittlere Flugfeder oft doppelt vorhanden ist, so ist die Zahl zwölf vielleicht dadurch entstanden, dass zwei der zehn ersten Schwungfedern jede zwei Schäfte an einer Feder hatte. Die Schwungfedern zweiter Reihe sind schwer zu zählen, die Zahl scheint aber von zwölf bis fünfzehn zu variiren. Die Länge des Flügels und Schwanzes im Verhältniss zum Körper und der Flügel im Verhältniss zum Schwanz variirt sicher; ich habe dies besonders bei den Jacobinern bemerkt In Mr. Bult's  prächtiger Sammlung von Kröpfern variirten die Flügel und der Sclnvanz bedeutend in Länge und waren zuweilen so sehr verlängert, dass die Vögel kaum im Stande waren, sich völlig aufzurichten. In der relativen Länge der ersten Schwungfedern erster Reihe, habe ich nur einen geringen Grad von Variabilität beobachtet. Mr. Brent theilt mir mit, dass nach seiner Beobachtung die Form der ersten Feder sehr unbedeutend variire. Die Variation in diesen letzteren Beziehungen ist aber äusserst gering, verglichen mit dem, was in den natürlichen Species der Columbiden oft zu beobachten ist. Im Schnabel habe ich sehr beträchtliche Differenzen bei Vögeln derselben Rasse, wie bei sorgfältig gezüchteten Jacobinern und Trommeltauben gefunden. Bei Botentauben findet sich oft eine in die Augen springende Verschiedenheit in dem Grade des Spitzerwerdens und der Krümmung des Schnabels. Es findet sich dies allerdings in vielen Rassen. So hatte ich zwei Reihen schwarzer Barb-Tauben, welche auffallend in der Krümmung des Oberkiefers verschieden waren. Bei zwei Schwalbentauben habe ich eine grosse Verschiedenheit in der Breite des Mundes gefunden. Bei Pfauentauben ersten Ranges habe ich einige Vögel mit viel längerem

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 Domesticirte Tauben. 5. Cap, und dünnerem Halse als bei andern gesehen; und ich könnte noch andere analoge Thatsachen anführen. "Wir haben gesehen, dass die Öldrüse bei allen Pfauentauben (mit Ausnahme der Unterrasse von Java) abortirt und ich kann hinzufügen, dass diese Neigung zur Verkümmerung so erblich ist, dass einige wenn auch nicht alle Bastarde von Pfauentauben und Kröpfern keine ölbildende Drüse besassen. Bei einer Schwalbentaube unter vielen von mir untersuchten und bei zwei Nonnen fand ich keine Öldrüse. Die Zahl der Schildchen auf den Zehen variirt oft in derselben Rasse und zuweilen weichen selbst die beiden Füsse desselben Individuums von einander ab. Die Shetland-Felstaube hat an der Mittelzehe und Hinterzehe sechs; dagegen habe ich eineRunt-Taube gesehen mit sechszehn an der Mittel- und acht an der Hiuterzehe und einen kurzstirnigen Burzier mit nur zwölf und fünf an denselben Zehen. Die Felstaube hat eine kaum merkbare Haut zwischen ihren Zehen; ich habe aber eine Blässtaube und eine Nonne besessen, deren Haut zwischen den beiden innern  Zehen sich V-t Zoll weit vor die Gabelung erstreckte. Auf der andern Seite haben, wie später noch ausführlicher gezeigt werden wird, Tauben mit befiederten Füssen sehr allgemein die Basen ihrer äusseren  Zehen durch Haut verbunden. Ich besass einen rothen Burzier, desseu Girren ungleich dem seiner Genossen im Tone dem der Lachtauben sich näherte. Dieser Vogel hatte in einem Grade, wie ich es nie bei irgend einer andern Taube wieder gesehen habe, die Gewohnheit, mit erhobenen und in einer eleganten Weise gebogenen Flügelu umherzugehen. Ober die fast bei jeder Rasse sich findende Variabilität in der Körpergrösse, in der Färbung, in der Befiederung der Füsse und in der Umkehrung der Federn auf dem Hinterkopf brauche ich nichts zu sagen. Ich will aber noch einen merkwürdigen im Krystallpalast ausgestellten Burzier 28  erwähnen, welcher einen unregelmässigen Kamm von Federn auf dem Kopfe hatte, bald wie der Federbusch auf dem Kopfe der polnischen Hühner. Mr. Brent erzog durch Zufall eine Jacobiner-Taube, deren Schenkelfedern so lang waren, dass sie bis auf den Boden reichten, und einen Tauber, der dieselbe Eigenthiimlichkeit, nur in geringerem Grade besass; von diesen beiden Vögeln erzog er andere ähnlich ausgezeichnete, die im Philoperisteron-Club ausgestellt waren. Ich züchtete eine Bastardtaube mit fasrigen Federn und so kurzen und unvollkommenen Flügeln und Schwanzfedern, dass der Vogel auch nicht einen Fuss hoch fliegen konnte. 28  Beschrieben und abgebildet in: Poultrv Chronicle. Vol. III. 1855. p. 82.

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5. Cap. Eigeutluun I iclic Variationen . 199 In deni Gefieder der Tauben treten viele sonderbare und vererbliche Eigenthiimlichkeiten auf. So erhalten Mandelburzier ihr vollständig geflecktes Gefieder nicht eher, als bis sie drei- oder viermal sich gemausert haben. Der"Kite"-burzlerist zuerstschwarz und rotli gefleckt mit einem gestreiften Anseben; wenn er aber "seine Nestfedern verliert, wird er fast schwarz, meist mit einem bläulichen Schwanz und einer rötblichen Färbung am innern Blatt der Schwungfedern erster Reihe" 29 . N eil m e i s t er beschreibt eine Rasse von schwarzer Farbe mit weissen Balken auf den Flügeln und einem weissen halbmondförmigen Fleck auf der Brust. Diese Flecke sind meist vor der ersten Mauser rostroth; aber nach der dritten oder vierten Mauser unterliegen sie einer Veränderung; auch w erden dann die Flügelfedern und die Krone des Kopfes weiss oder grau 30 . Es ist eine bedeutungsvolle Thatsache. und ich glaube, es findet sich kaum eine Ausnahme von dieser Regel, dass die speciellen Charactere. wegen deren jede Zuchtrasse geschätzt wird, äusserst. variabel sind. So sind bei der Pfauentaube die Zahl und Richtung der Schwanzfedern, die Haltung des Körpers und der Grad des Schütteln alles äusserst variable Punkte: bei Kröpfern der Grad bis zu welchem sie sich aufblasen, und die Form ihrer aufgeblasenen Kröpfe; bei der Botentaube die Länge, Schmalheit und Krümmung des Schnabels und die Menge des Bartes; bei kurzstirnigen Burz- lern die Kürze des Schnabels, das Vorspringen der Stirn und die allgemeine Haltung 3] , und beim Mandelburzier die Färbung des Gefieders; bei gewöhnlichen Burzlern die Art zu burzeln; bei der Barb-Taube die Weite und Kürze des Schnabels und die Menge der Lappen um die Augen; bei Runt-Tauben die Körpergrösse, bei Möven die Krause und endlich bei Trommeltauben das Girren ebenso wie die Grösse des Federbüschels über den Nasenlöchern. Diese Charactere, welche für die verschiedenen Rassen distinctiv und durch Zuchtwahl gepflegt sind, sind alle äusserst variabel. 29 The Pigeon Book, by B. P. Brent. 18Ö9, p. 41. 30  Die staarhäkige Taube. Das Ganze der Taubenzucht, p. 21. Taf. 1, f. 4. 31 A Treatise on the Almond-Tutnbler . by J. M. Eaton,  1852, p. 8 und an andern Orten.

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 Domesticirte Tauben. 5. Cap. In Bezug auf die Charactere der verschiedenen Rassen findet sich noch eine andere interessante Tliatsache, dass sie nämlich oft am stärksten von dem männlichen Vogel dargeboten werden. Werden bei Botentauben die Männchen und Weibchen in getrennten Behältern ausgestellt, so sieht man deutlich, dass die Lappen bei dem Männchen viel mehr entwickelt ist, doch habe ich auch eine Mr. Haynes gehörige Botentaube gesehen, die schwer behängen war. Mr. Tegetmeier  theilt mir mit, dass unter 20 Barb-Tauben in P. H. Jones' Besitz meist die Männchen die grössten Augenwarzen hatten. Auch Mr. Esquilant  glaubt an dieses Gesetz, während Mr. H. Weir,  ein Kenner ersten Ranges, die Sache noch etwas bezweifelt. Männliche Kröpfer dehnen ihre Kröpfe zu einer viel bedeutenderen Grösse aus, als die Weibchen. Doch habe ich einen weiblichen Vogel im Besitz von Mr. Evans  gesehen, der ausgezeichnet kröpfte; doch ist dies ein ungewöhnlicher Umstand. Mr. Harrison Weir, ein erfolgreicher Züchter von Preispfauentauben theilt mir mit, dass seine männlichen Vögel oft eine grössere Zahl von Schwanzfedern haben, als die weiblichen. Mr. Eaton  behauptet 32 , dass wenn ein männlicher oder weiblicher Burzier gleich gut wären, das Männchen doppelt so viel Geld werth wäre; und da sich Tauben stets paaren, so dass zur Fortpflanzung eine gleiche Anzahl beider Geschlechter nothwendig ist, so scheint hieraus hervorzugehen, dass bei dem Weibchen hervorragende Eigenschaften seltener sind, als bei dem Männchen. In Bezug auf die Entwickelung der Krause bei Möven, der Haube bei den Jacobinern, der Büschel bei Trommeltauben, des Bürzeln bei Burzeltauben scheint zwischen Männchen und Weibchen keine Verschiedenheit zu bestehen. Ich will hier noch einen allerdings etwas verschiedenen Fall anführen. Es existirt nämlich in Frankreich 33  eine weinfarbige Varietät des Kröpfers, bei der das Männchen meist schwarz gefleckt ist, das Weibchen dagegen niemals. Dr. Chapuis  macht auch die Bemerkung 34 , dass bei gewissen hellfarbigen Tauben die Männchen schwarzgestreifte Federn haben, deren Streifen bei jeder Mauser 32  a. a. 0. p. 10. 33 Boitard et Corbie, Les Pigeons etc. 1824, p. 173. 34  Le Pigeon Voyageur Beige, 1865. p. 87.

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5. Cap. Osteologische Differenzen. 201 an Grösse zunehmen, so dass endlich das Männchen schwarz geflecktwird. Bei Botentauben werden die Lappen sowohl ainSchnabelals um die Augen und bei Barb-Tauben die um die Augen mit zunehmendem Alter grösser. Diese Zunahme der Charactere mit vor- rüekendem Alter und besonders die Verschiedenheit zwischen Männchen und Weibchen in den oben angeführten verschiedenen Punkten sind sehr merkwürdige Thatsachen; denn in der ursprünglichen Felstaube findet sich zwischen den beiden Geschlechtern keine merkbare Verschiedenheit in irgend einem Alter und überhaupt selten irgend eine solche Verschiedenheit in der ganzen Familie der Co- lumbiden 35 . Osteologische Charactere. In den Skeletten der verschiedenen Rassen findet sich grosse Variabilität lind wenn auch in gewissen einzelnen Rassen gewisse Differenzen häufig, andere selten erscheinen, so kann man doch nicht sagen , dass irgend eine absolut charactcristisch für eine bestimmte Rasse sei. Bedenkt man, dass stark markirte domesticirte Rassen hauptsächlich durch das Zuchtwahlvermögen des Menschen gebildet worden sind, so dürfen wir nicht erwarten, grosse und con- stante Differenzen im Skelett zu finden. Denn die Liebhaber können Modificationen der Structur im innern Bau weder sehen, noch kümmern sie sich um dieselben; auch dürfen wir keine Veränderung im Skelett in Folge veränderter Lebensweise erwarten. Denn es wird den verschiedensten Rassen jede Gelegenheit gegeben, denselben Gewohnheiten zu folgen, und die bedeutend modificirten Rassen lässt man nie frei umherwandern und für ihre Nahrung auf verschiedene Weise sorgen. Überdies finde ich bei der Verglei- 33  Prof. A. Newton (Proc. Zool. Soc. 1865, p. 716) bemerkt, dass er keine Species kenne, welche irgend welche bemerkenswerthe sexuelle Unterschiede darböte; es wird aber angegeben (Naturalist's Library Birds. Vol. IX, p. 117), dass die Auswüchse an der Schnabelbasis von Carpophaga oceanicu  Geschlechtseigenthümlichkeiten seien: ist dies correct, so bietet es eine interessante Analogie mit der männlichen Botentaube dar, welche den Caruncelanhang an ihrer Schnabelbasis so viel stärker entwickelt hat, als die weibliche. Mr. Wallace theilt mir mit, dass in der Unterfamilie der Treronidae  die Geschlechter oft in der Lebhaftigkeit der Färbung von einander abweichen.

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 Domesticirte Taulien. 5. Cap. chung der Skelette der Columba livia, oenas, palumbus  und turlur, welche von Systematikern in zwei oder drei distincte wenn auch verwandte Genera gebracht werden, dass die Verschiedenheiten äusserst gering, sicher geringer sind, als zwischen den Skeletten einiger der distinctesten doinesticirten Rassen. In wie fern das Skelet der wilden Felstaube sich constant erhält, kann ich nicht beurtheilen, da ich nur zwei untersucht habe. Schädel. — Die individuellen Knochen, besonders die an der Basis, differiren nicht in der Form. Aber der ganze Schädel weicht in seinen Proportionen, seiner Contur und relativen Richtung der Knochen bei Fij. *24. Tauben-Schädel, von der Seite gesehen, in natürlicher Grösse. A. AVilde Felstaube, Columba livia.  B. Kurzs-tirniger Burzier. C. Englische Botentaube. D. Bagadotte.

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5. Cap. Osteologisehe Differenzen. 203 manchen Kassen bedeutend ab, wie sich bei einer Vergleichung' der Figuren (A) der wilden Felstaube (B), des kurzstiruigen Burzlers (C), der englischen Botentauben und (D) der Bagadotte (von Neumeister)  ergibt, die alle von natürlicher Grösse und von der Seite gesehen gezeichnet sind. Bei der Botentaube ist ausser der Verlängerung der Gesichtsknochen der Kaum zwischen den Augenhöhlen im Verhältniss etwas schmaler als bei der Felstaube. Bei der Bagadotte ist der Oberkiefer merkwürdig gebogen und die Zwischenkiefer sind im Verhältniss breiter; beim kurzstirnigen Burzier ist der Schädel kugliger, alle Gesichtsknochen sind sehr verkürzt und die Stirn und die absteigenden Nasenbeine sind fast senkrecht. Der Oberkieferjochbogen und die Zwischenkiefer bilden eine fast gerade Linie; der Kaum zwischen den vorspringenden ?Winkeln der Augenhöhlen ist eingedrückt. Bei der Barb-Taubc sind die Zwischenkiefer sehr verkürzt und ihr vorderer Theil ist ebenso wie der untere Theil der Nasenbeine dicker als bei der Felstaube. Bei zwei Nonnen war der aufsteigende Ast der Zwischenkiefer in der Nähe ihrer Spitzen etwas verdünnt und bei diesen Vögeln, wie bei einigen andern, z. B. bei der Blässtaube war die Occipitalleiste oberhalb des Hinterhauptloches um ein beträchtliches weiter vorspringend, als bei der Felstaube. Am Unterkiefer ist in vielen Kassen die Gelenkfiäche im Verhältniss kleiner als bei der Felstaube und der vertieale Durchmesser besonders des äusseren Theiles der Gelenkfläche beträchtlich kürzer. Lässt sich dies nicht durch den verringerten Gebrauch der Kiefer in Folge des Umstandes erklären, dass nahrhaftes Futter eine lange Zeit hindurch allen hochveredelten Tauben gereicht worden ist? Bei Kunt-Tauben, Boten- und Barb-Tauben (und in geringerem Grade bei mehreren andern Kassen) ist die ganze Seite des Kiefers in der Nähe des Gelenkendes in einer sehr merkwürdigen Weise nach innen gebogen und der obere Kand des Unterkieferastes jenseits der Mitte ist in einer gleich merkwürdigen Weise gebogen, wie aus den beistehenden Figuren in Vergleich mit dem Kiefer der Felstaube erhellt. Diese Einbiegung des oberen Randes des Unterkiefers hängt offenbar mit dem sonderbaren weiten Mundspalt zusammen, wie er bei Runt-Tauben, Boten- und Barb-Tauben beschrieben wurde. Diese Krümmung ist auch inFig. 26 an einem Kopf einer Runt- Taube von oben gesellen deutlich sichtbar. Man kann liier auf jeder Seite einen breiten, offenen Raum bemerken zwischen den Rändern des Unterkiefers und des Zwischenkiefers. Bei der Felstaube und in mehre- reren domes ticirten Rassen reichen die Ränder des Unterkiefers auf

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 Domesticirte Tauben. 5. Cap. jeder Seite bis dicht an die Zwischenkiefer, so dass kein offener Raum gelassen wird. Auch der Grad der Abwärtskriuninung der vorderen Hälfte des Unterkiefers weicht bis zu einem ausserordentlichen Grade in manchen Rassen ab, wie man aus den Zeichnungen (Fig. A) der Fels- Fig. 25. Unterkiefer, von oben gesehen, in natürlicher Grösse. A. Fels-Taube. II. Hunt- Taube. C. Barb-Taube. Fig. 27. Seitenansicht von Unterkiefern, natürliche Grösse. A. Felstaube. B. Kurz- stirniger Burzier. C. Bagadotte. Fig. 26. Schädel einer Hunt-Taube, von oben gesehen, natiirl. Grosse, mit dem gebogenen Rand der vordem Hälfte des Unterkiefers. taube, (B; des kurzstirnigen Burzlers und (C) der Bagadotte von X eu- meister  sehen kann. Bei manchen Runt-Tauben ist die Symphyse des

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5. Cap. Osteologische Differenzen. 205 Unterkiefers merkwürdig' solid. Niemand würde ohne weiteres geglaubt haben, dass Unterkiefer, die in den eben angeführten Punkten so bedeutend von einander abweichen, derselben Species augeköreu können. Wirbel. — Alle Rassen haben 12 Halswirbel 36 ; aber bei der Bussorah-Botentaube von Indien trug der 12. Halswirbel eine kleine ';4 Zoll lange Rippe mit einer vollkommen doppelten Articulation. Rückenwirbel  sind stets acht vorhanden; bei der Felstaube tragen alle acht Rippen. Die achte Rippe ist sehr dünn, die siebente hat keinen Fortsatz; bei Kröpfern sind alle Rippen äusserst breit und bei drei Skeletten unter vier von mir untersuchten war die achte Rippe zwei- oder selbst dreimal so breit als bei der Felstaube und das siebente Paar hatte deutliche Fortsätze. In vielen Rassen finden sich nur sieben Rippen , wie bei sieben Skeletten, unter acht, von verschiedenen Burzlern und bei meltreren Skeletten von Pfauentauben, Möven und Nonnen. Bei allen diesen Rassen war das siebente Paar sehr klein und ohne Fortsätze, in welcher Hinsicht es von derselben Rippe bei der Felstaube abwich. Bei einem Burzier und der Bussorah-Botentaube hatte selbst das sechste Paar keine Fortsätze. Die Hypapophyse des zweiten Rückenwirbels variirt sehr in ihrer Entwickelung. Zuweilen (wie bei mehreren aber nicht allen Burzlern) springt sie beinahe so weit vor, wie die des dritten Rückenwirbels und die beiden Hypapophysen bilden zusammen einen knöchernen Bogen. Die Entwickelung des von den Hypapophysen gebildeten Bogens am dritten oder vierten Rückenwirbel variirt auch beträchtlich, ebenso wie die Grüsse der Hypapophyse des fünften Wirbels. Die Felstauben haben zwölf Kreuzbein wirbel,  aber diese varii- ren bei den verschiedenen Rassen der Zahl, relativen Grösse und Getrenntheit nach. Bei Kröpfern mit sehr verlängerten Körpern finden sich dreizehn oder selbst vierzehn und, wie wir sofort sehen werden, noch überzählige Schwanzwirbel. Bei Runt- und Botentauben findet sich meist die normale Zahl zwölf. Bei einer Runt-Taube aber und eiuer Bussorah- Botentaube waren nur elf vorhanden. Bei Burzlern finden sich entweder elf, zw T ölf oder dreizehn Kreuzbeinwirbel. Schwanz wir bei  finden sich bei der Felstaube sieben. Bei Pfauentauben, deren Schwänze so bedeutend entwickelt sind, sind ent- 30  Ich bin nicht sicher, ob ich die verschiedenen Arten von Wirbeln richtig bezeichnet habe. Ich finde aber, dass verschiedene Anatomen in dieser Hinsicht verschiedenen Regeln folgen; und da ich bei der Vergleichung aller Skelette dieselben Ausdrücke brauche, so wird dies hoffentlich nichts bedeuten.

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 Domestieirte Tauben. 5. Cap. weder acht oder neun und in einem Falle, wie es scheint, zehn vorhanden. Sie sind ein wenig länger als bei der Felstaube und ihre Form variirt beträchtlich. Auch Kröpfer haben 8 oder 9 Schwanzwirbel. Bei einer Nonne und einem Jacobiner habe ich acht gesehen. Obgleich die Burzier sehr kleine Vögel sind, haben sie stets die Normalzahl sieben; ebenso die Botentauben mit einer einzigen Ausnahme, bei der nur sechs vorhanden waren. Die folgende Tabelle mag zur Übersicht dienen und wird die merkwürdigsten Abweichungen in der Zahl der Wirbel und Rippen zeigen, die ich beobachtet habe. Felstaube Kröpfer von Mr. Bult. Burzier, Holländische]' Roller. Bussorah- Botentaube. Halswirbel . . 12 12 12 12 der 12. trug eine kleine Rippe. Rückenwirbel . 8 8 8 8 Dorsale Rippen 8 8 7 7 das 6. Paar das 6. und 7. das 6. und 7. das 6. und 7. m. Fortsätzen, Paar mit Paar ohne Paar ohne das 7. ohne Fortsatz. Fortsätzen. Fortsätze. Fortsätze. Kreuzbeiu wirbel 12 14 11 11 Schwanzwirbel 7 8 oder 9 7 7 Totalzahl d.'Wirbel 39 42 oder 43 38 38 Das Be cken  weicht bei allen Rassen sehr wenig ab, doch ist der Vorderrand des Darmbeines zuweilen auf beiden Seiten etwas gleich- massiger abgerundet als bei der Felstaube; das Sitzbein ist auch häufig etwas mehr verlängert. Die Incisura obturatoria ist zuweilen, so bei vielen Burziem, weniger entwickelt als bei der Felstaube. Bei den meisten Ruut-Taubeu sind die Leisten auf dem Darmbein sehr hervorragend. An den Extremitätenknochen konnte ich keine Verschiedenheit entdecken, ausgenommen ihre proportionale Länge, so war z. B. der Metatarsus bei einem Kröpfer 1,65 Zoll, bei einem kurzstirnigen Burzier nur 0,95 Zoll lang; es ist dies eine grössere Differenz, als naturgemäss aus der verschiedenen Grösse ihrer Körper folgen würde. Es sind aber beim Kröpfer lange Beine, beim Burzier kleine Füsse bei der Zuchtwahl berücksichtigte Punkte. Bei manchen Kröpfern ist das Schulterblatt

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5. Cap. Osteologische Differenzen. 207 mehr gerade und bei manchen Burzlern ist es gerader mit weniger verlängerter Spitze als bei der Felstaube. Der Holzschnitt, Fig. 28, gibt Fig. 28. Scapulae, natürl. Grosso. A. Felstaube. B. Kurzstirniger Burzier. die Schulterblätter der Felstaube (A) und des kurzstirnigen Hurzlers (B). Die Fortsätze an der Spitze des Coracoids, welche die Enden der Fur- cnla aufnelimen, bilden bei manchen Burzlern eine vollkommenere Höhlung als bei der Felstaube. Bei Kröpfern sind diese Fortsätze grösser und verschieden geformt und der äussere Winkel des Endes des Coracoids, welches mit dem Brustbein articulirt, ist viereckiger. Die beiden Äste der Furcula divergiren bei Kröpfern im Verhältnis zu ihrer Länge weniger als bei der Felstaube und die Symphyse ist solider und spitzer. Bei Pfauentauben variirt der Divergenzgrad der beiden Äste in einer merkwürdigen Weise. In Fig. 29 stellt B und C die Furcula von zwei Pfauentauben dar, und man sieht, dass die Divergenz bei B eher noch geringer ist, als selbst in der Furcula des kurzstirnigen kleinen Burzlers (A), während die Divergenz bei C der bei einer Fels- taube oder einem Kröpfer (D) gleicht, trotzdem der letztere ein viel Fig. 29. Furculue, natürl. Gr. A. Kurzstirniger Burzier. B und C. Pfauentaubeu. D. Kröpfer.

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 Domesticirte Tauben. 5. Cap. grösserer Vogel ist. Die Enden der Furcula, wo sie mit dem Coracoid articuLren, variiren beträchtlich in ihren Conturen. leim Sternum  sind die Differenzen der Form nur gering mit Ausnahme der Grösse und des Umrisses der Löcher, welche sowmlil in den Kassen bedeutender, als in denen geringer Grösse zuweilen klein sind. Auch sind diese Löcher zuweilen entweder nahezu kreisförmig oder verlängert, wie es oft bei Botentauben der Fall ist. Die hintern Löcher sind gelegentlich nicht vollständig eiugeschlossen, sondern am hintern Rande offen. Die Randfortsätze, welche die vorderen Perforationen bilden, variiren bedeutend in der Entwickelung. Der Grad der Convexitat des hinteren Theiles des Brustbeins difl'erirt bedeutend. Zuweilen ist er fast vollkommen flach, bei manchen Individuen ist das Manubrium etwas hervorragender als bei andern und das Loch unmittelbar unter ihm variirt bedeutend in seiner Grösse. Correlation des Wachsthums. — Unter diesem Ausdruck meine ich, dass die ganze Organisation so zusammenhängt, dass wenn ein Theil variirt, auch andere Theile variiren. Aber welche von zwei in Correlation stehenden Abweichungen als die Ursache und welche als die Wirkung anzusehen ist, oder ob beide von einer gemeinsamen Ursache herrühren, können wir selten oder niemals sagen. Der Punkt, welcher für uns Interesse hat, ist, dass Züchter, wenn sie durch die beständige Zuchtwahl unbedeutender Variationen einen Theil bedeutend modificirt haben, oft unbeabsichtigt andere Modific-ationen hervorrufen; z. B. wird der Schnabel sehr leicht lurch Zuchtwahl modificirt und mit der Zu- oder Abnahme seiner Länge nimmt auch die Zunge zu oder ab, indess nicht im richtigen Verhältniss. Denn in einer Barb- und kurzstirnigenBurzel- taube, welche beide sehr kurze Schnäbel haben, war die Zunge, wenn wir auch hier die Felstaube als Maassstab zur Vergleichung nehmen, im Verhältniss nicht kurz genug, während bei zwei Botentauben und einer Runt-Taube die Zunge im Verhältniss zum Schnabel nicht lang genug war. So war bei einer englischen Botentaube ersten Ranges, bei welcher der Schnabel von der Spitze bis zur befiederten Basis genau Ireimal so lang war, als bei einer kurzstirnigen Burzeltaube erster Güte, die Zunge nur wenig mehr als zweimal so lang. Es variirt aber auch die Zunge unabhängig vom Schnabel. So war bei einer Eotentaube mit einem 1,2 Zoll langen Schnabel die Zunge

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5. Cap. Correlation des Wachsthums. 209 0,67 Zoll, während in einer Runt-Taube, welche in der Kürperlänge und in der Flügelbreite von Spitze zu Spitze der Botentaube gleich gross war, der Schnabel 0,92 Zoll maass, wogegen die Zunge 0,73 Zoll lang war, so dass die Zunge factisch länger war, als bei der Botentaube mit ihrem längeren Schnabel. Auch war die Zunge der Runt- Taube an der Wurzel sehr breit. Von zwei Runt-Tauben hatte die eine einen um 0,23 Zoll längeren Schnabel, während ihre Zunge um 0,i4 Zoll kürzer war, als bei der andern. Mit der Zu- oder Abnahme der Schnabellänge variirt auch die Länge des Spaltes, welcher die äussere Öffnung der Nasenlöcher bildet, aber nicht im richtigen Verhältnis, denn wenn man die Felstaube als Maassstah annimmt, so war diese Öffnung bei einem kurz- stirnigen Burzier nicht im richtigen Verhältniss zu seinem sehr kurzen Schnabel verkürzt. Auf der andern Seite (und dies hätte man nicht voraussehen können) war die Öffnung bei drei englischen Botentauben, bei der Bagadotten-Botentaube und bei einer Runl- taube (Pigeon Cygne) um mehr als '/u» Zoll länger als aus der Schnabellänge im Verhältniss zu der Felstaube folgern würde. Bei einer Botentaube war die Öffnung der Nasenlöcher dreimal so lang als bei der Felstaube, trotzdem dass dieser Vogel der Körpergrösse und Schnabellänge nach nicht annähernd zweimal so gross als die Felstaube war. Diese bedeutende Längenzunahme der Nasenlöcher scheint zum Theil mit der Vergrösserung der caruneulirten Haut am Oberkiefer und den Nasenlöchern in Correlation zu stehen und dies ist ein Character, den die Liebhaber bei der Zuchtwald berücksichtigen. Ebenso ist die breite nackte mit llautlappen besetzte Haut um die Augen bei Botentauben und Barben ein bei der Züchtung berücksichtigter Character und in offenbarer Correlation hiemit sind die Augenlider der Länge nach gemessen mehr als doppelt so lang als bei der Felstaube. Die grosse Verschiedenheit (s. Fig. 27) in der Krümmung des Unterkiefers hei der Felstaube, der Burzeltaube und der Bagadotten- Botentaube steht in offenbarer Beziehung zur Krümmung des Oberkiefers und besonders zu dem Winkel, den der Oberkieferjochbogen mit den Zwischenkieferbeinen bildet. Aber bei Botentauben, Runt- und Barb-Tauben stellt die sonderbare Auswärtskrümmung des Ober- Darwin,  Erster Theil. 14

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 Domesticirte Tauben. 5. Cap. ramies des mittleren Theiles des Unterkiefers ('s. Fig. 25) nicht streng in Correlation mit der Breite oder Divergenz (wie Fig. 26 deutlich zeigt ) der Zwischenkieferbeine, vielmehr mit der Breite der hornigen und weichen Theile des Oberkiefers, welche von den Rändern des Unterkiefers stets überragt werden. Bei Kröpfern wird die Verlängerung des Körpers bei der Zuchtwahl berücksichtigt und es sind, wie wir gesehen haben, die Rippen meist sehr breit geworden und das siebente Paar trägt Fortsätze. Die Kreuzbein- und Schwanzwirbel haben an Zahl zugenonnnen; auch das Sternum hat an Länge zugenommen (aber nicht an Höhe des Kammes) und zwar um 0.4 Zoll mehr als im Vergleich mit dem der Felstaube aus dem grösseren Umfang des Körpers folgen würde. Bei Pfauentauben hat die Länge und Zahl der Schwanzwirbel zugenommen. Es ist daher während des allmählichen Verlaufs der Variation und Zuchtwahl das innere Knochengerüst und die äussere Form des Körpers bis zu einem gewissen Grade durch Correlation modificirt worden. Wenn auch die Flügel und der Schwanz in ihrer Länge oft unabhängig von einander variiren. so ist es doch kaum möglich zu bezweifeln, dass sie meist in Correlation zu einander verlängert oder verkürzt zu werden streben. Dies ist deutlich bei Jacobinern (Pe- riicken-Tauben) und noch deutlicher beiRunt-Tauben zu sehen, von denen einige Varietäten sehr lange Flügel und sehr lange Schwänze haben, während andere beides sehr kurz haben. Bei Jacobinern ist die merkwürdige Länge des Schwanzes und der Flügelfedern kein Merkmal, welches mit Absicht von Züchtern bei der Zuchtwahl berücksichtigt wird; aber Jahrhunderte lang schon, wenigstens seit dem Zahre 1600, haben die Liebhaber die Länge der umgekehrten Federn am Halse zu verlängern versucht, so dass die Haube den Kopf noch vollständiger einschliesst: und man kann wohl vermuthen, dass dieLängenziinalnne der Flügel- und Schwanzfedern in Correlation steht zu der Längenzunahme der Nackenfedern. KurzstirnigeBurzel- tauben haben Flügel, deren Kürze in nahezu richtigem Verhältniss zu der reducirten Grösse ihrer Körper steht. Wenn inan aber sieht, wie die Zahl der Schwungfedern erster Reihe bei den meisten Vögeln ein constanter Character ist, so ist es wohl merkwürdig, dass diese Burzier meist nur neun statt zehn erste Schwungfedern haben.

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5. Cap. Correlation des Wachsthums. 211 Ich selbst habe dies bei acht Vögeln beobachtet, und die "Original Columbarian Society" 37  setzte die Zahl bei kahlköpfigen Burzlern von zehn auf neun weisse Flugfedern herab, da man es für unbillig hielt, dass ein Vogel, welcher nur neun Federn besasse, keinen Preis bekommen soll, nur weil er nicht zehn weisse Schwungfedern hätte. Auf der andern Seite sind bei Botentauben und Runt-Tauben, welche grosse Körper und lange Flügel haben, elf erste Schwungfedern gelegentlich beobachtet worden. Mr. Tegetmeier  hat mir einen merkwürdigen und unerklärlichen Fall von Correlation mitgetheilt, dass nämlich junge Tauben von allen Rassen. welche erwachsen weiss, gelb, silbern (d. h. äus- serst blassblau) oder graubraun werden, fast nackt geboren werden, während anders gefärbte Tauben gut mit Dunen bekleidet geboren werden. Doch hat Mr. Esqu ilan  t beobachtet, dass junge graubraune Botentauben nicht so kahl sind, wie junge graubraune Barben oder Burzier. Mr. Tegetmeier  hat zwei junge Vögel in demselben Nest von verschieden gefärbtenEltern gesehen, welche in demGrade, in dem sie zuerst mit Dunen bedeckt waren, bedeutend von einander abwichen. Ich habe einen andern Fall von Correlation beobachtet, der völlig unerklärlich scheint, auf welchen aber, wie wir in einem späteren Capitel sehen werden, das Gesetz, dass homologe Theile in derselben Weise variiren, etwas Licht wirft. Der Fall ist der, dass, wenn die Füsse stark befiedert sind, die Fedenvurzeln durch eine Bindehaut mit einander verbunden werden und dass offenbar in Correlation hiemit die zwei äusseren Zehen in beträchtlicher Ausdehnung durch Haut verbunden werden. Ich habe dies in sehr vielen Exemplaren von Kröpfern, Trommeltauben, Schwalbentauben, Roll- burzlern (bei dieser Zucht auch von Mr. Brent beobachtet) und in geringerem Grade bei andern fiederlüssigen Taulien beobachtet. Die Füsse der kleineren und grösseren Rassen sind natürlich viel kleiner oder grösser als die der Felstaube. Aber die Schildchen oder Schuppen, welche die Zehen und Tarsen bekleiden, haben nicht nur an Grösse ab- oder zugenommen, sondern auch der Zahl nach. So habe ich um ein einzelnes Beispiel zu geben, an der Hinterzehe einer Runt-Taube acht Schildchen, an der eines kurzstirnigen Burz- 37  J. M. Eaton, Treatise etc. ed. 1858. p. 78. 14 *

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 Doniesticirte Tauben. 5. Cap. lers i.ur fünf gezählt. Bei Vögeln im Naturzustände ist die Zahl der Schildchen an den Füssen gewöhnlich ein constanter Character. Die Länge der Küsse und die Länge des Schnabels stehen offenbar in Correlation; da aber offenbar Nichtgehrauch die Grösse der Küsse afli- cirt hat. so gehört dieser Kall wohl mehr zu der folgenden Erörterung. Über die Wirkungen des Nichtgebrauchs. —  In Bezug auf d.e folgende Erörterung über das relative Verhältniss der Füsse, des Sternum, der Kurcula, der Schulterblätter und der Flügel will ich, um dem Leser etwas Vertrauen einzuflössen , vorausschicken, dass meine .Messungen alle in derselben Art und dass alle Messungen der äusseren Theile ohne die geringste Absicht , dieselben für den vorliegenden Zweck zu benutzen, ausgeführt worden sind. Die meisten der Vögel, die in meinen Besitz kamen, maass ich von der befiederten Basis des Schnabels (die Sclmabellänge selbst ist zu variabel) bis zum Schwänzende und zur Öldrüse, aber unglücklicherweise (mit Ausnahme weniger Fälle) nicht bis zur Wurzel des Schwanzes. Ich maass jeden Vogel von der äussersten Flügelspitze bis zur andern und maas5 die Länge des gefalteten Fmdtkeils des Flügels vom Ende der erster Schwungfedern bis zum Radiusgelenk. Die Füsse maass ich ohne Krallen vom Ende der Mittelzehe bis zum Eude der Hinterzehe und den Tarsis zusammen mit der Mittelzehe. Ich habe in jedem Falle die mittleren Maassc zweier wilder Felstauben von den Shetland - Inseln als Maassstab der Vergleichung genommen. Die folgende Tabelle zeigt die wirkliche Länge der Füsse bei jedem Vogel, ferner die Dilferenz, welche die Füsse nach der Körpergrösse eines jeden im Vergleich mit der Kör- pergrisse und Fusslänge der Felstaube, nach der Körperlänge von der Schm.belba.sis bis zur Öldrüse berechnet (mit wenig speciell angeführten Ausnahmen), hätten haben sollen. Wegen der Variabilität der Länge des Sdiwanzes habe ich diesen Maassstab vorgezegeu; ich habe aber ähnlidie Berechnungen gemacht mit Zugrundelegung der Flügelspannung und, in gleicher Weise in den meisten Fällen, der Körperlänge von der Schnubelbasis bis zum Ende des Schwanzes. Das Resultat ist immer nahezu ähnlich gewesen. Um ein Beispiel zu geben: Der erste Vogel in der Tabelle, ein kurzstirniger Burzier, ist viel kleiner als die FeLstaube und vürde natürlich kürzere Füsse haben. Nach der Berechnung aber fand sich, dass die Füsse um 0,n Zoll zu kurz waren im Vergleich mit den Hissen der Felstaube und im Verhältniss zur Körpergrösse die-

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5. Cap. Wirkungen des Nichtgehrauchs. 213 ser beiden Vögel von der ScUnabelbasis bis zur Öldrüse gemessen. Wurde ferner dieser selbe Burzier und die Felstaube nach der Länge ihrer Flügel verglichen oder nach der äussersten Länge ihrer Körper, so fand sich, dass die Füsse des Burzlers in gleicher Weise in sehr nahe demselben Verhältniss zu kurz waren. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass die Maassangaben das Gepräge einer grösseren Genauigkeit an sich tragen als zu erreichen möglich ist. Es machte aber weniger Mühe, die factischen Ausmessungen, die der Zirkel ergab, in jedem Falle niederzuschreiben als nur Annäherungen. 1. Tabelle. Tauben, deren Schnäbel im Verhältniss zur Grösse der Körper meist kürzer waren, als der der Felstaube. Name der Rasse. Wilde Felstaube (mittleres Maass). Wirkliche Länge der Füsse. 2,02 Differenz der wirklichen und berechneten Länge der Füsse im Verhältniss zur Fusslänge u. Körpergrösse der Felstaube. zu kurz um ! zu lang um Kurzstirniger Burzier, Kahlkopf . 1,57 0,11 - » » Maudelburzler 1,60 0,16 Burzier, rother Elster- .... » . gemeiner rother (Maass bis 1,75 0,19 — zum Schwanzende) . . . 1,85 0,07 » , gemeiner kahlköpfiger . . 1,85 0,18 — » , Roller. 1,80 0,06 -? Möventaube. 1,75 0,17 ; — » . 1,80 0,01 1  — » .. 1,84 0,15 — Jacobiner . 1,90 0,02 — Trommeltaube, weisse. 2,02 0,06 ; — » , gefleckte .... Pfauentaube (Maass bis z. Schwanz- 1,95 0,18 ; — ende ...... » (Maass bis z. Schwanz- 1,85 0,15 — i ende. 1,95 0,15 — » Varietät m. Federbusch 1,95 0,0 1 0,0 Indische Strupptaube. 1,80 0,19 — Englische » . 2,10 0,03 1  — Nonne . 1,82 0,02 — Lachtaube. 1,65 0,16 — Barb-Taube. 2,00 0,03 — » .. 2,00 -L 0,03 Blässtaube (Schnipptaube) . . . 1,90 0,02 — « . 1,90 0,07 — Schwalbentaube, rothe. 1,85 0,18 — » , blaue. 2,00 1_ 0,03 Kröpfer. 2 42 _ 0,11 » , deutscher. 2,30 _ ' 0,09 Bussorah-Botentaube. 2,17 _ 0,09 Zahl der Exemplare 28 22 5

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 Domesticirte Tauben. o.  Cap 2. Tabelle. Tauben , deren Schnäbel im Yerhältniss zur Grösse der Körper länger waren als die der Felslaube. Name der Rasse. Wilde Felstaube (Mittleres Maass) Wirkliche Länge der Füsse. 2,02 Differenz der wirklichen und berechneten Länge der Füsse im Verhältnis zur Fusslänge u. Körpergrösse der Felstaube. zu kurz um j zu lang um Botentaube. 2,60 _ 0,31 2,60 — 0,25 » ... 2,40 — 0,21 » , Dragon . 2,25 _ 0,06 Bagadotte. 2,80 _ 0,56 Scanderoon, weiss. 2,80 _ 0,37 » , Pigeon cygne . . . 2,85 _ 0,29 Runt-Taube. 2,87 — 0,27 Zahl der Exemplare 8 - 8 In diesen beiden Tabellen sehen wir in der ersten Columne die wirkliche Länge der Fiisse bei 36 zu verschiedenen Kassen gehörigen Vögeln und in den beiden andern Columnen sehen wir, um wieviel die Füsse nach der Grösse des Vogels im Vergleich zur Felstaube zu kurz oder zu lang sind. In der ersten Tabelle haben 22 Exemplare ihre Füsse im Mittel um ein wenig über ' io Zoll (nämlich 0 , 107 ) zu kurz und fünf Exemplare haben ihre Füsse im Mittel etwas zu lang, nämlich um 0,o7 Zoll; aber einige dieser letzteren ausnahmsweisen Fälle lassen sich erklären; z. B. werden bei Kröpfern die Beine und Füsse der Länge wegen bei der Zuchtwahl berücksichtigt; es wird daher jede natürliche Neigung zu einer Verminderung der Fusslänge bekämpft werden. Bei der Schwalben- und Barb-Taube zeigten sich die Füsse, wenn die Berechnung nach irgend einem Maassstab mit Ausnahme des einen oben benützten (nämlich die Körperläuge von der Schnabelbasis bis zur Öldrüse) angestellt wurde, zu kurz. In der zweiten Tabelle haben wir acht Vögel, deren Schnäbel viel länger als bei der Felstaube sind, sowohl factisch als proportional zur Körpergrösse, und deren Füsse in einer gleichmarkirten Weise länger sind; nämlich im Verhältnis im Mittel um 0,29 Zoll. Ich muss hier erwähnen, dass in der ersteu Tabelle einige wenige Ausnahmen sich finden zu der Annahme, dass der Schnabel proportional kürzer als bei der F eistaube ist. So ist der Schnabel der englischen Strnpptaube gerade merkbar länger und der der Bussorah-Botentaube von derselben Länge oder

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5. Cap. Wirkungen des Nichtgebrauchs. 215 unbedeutend langer als bei der Felstaube. Die Schnäbel von Blässtau- ben, Schwalbentauben und Lachtauben sind nur sehr wenig kürzer oder von derselben proportionalen Länge, aber schlanker. Nichtsdestoweniger weisen diese beiden Tabellen zusammengenommen ziemlich deutlich eine bestimmte Art der Correlation zwischen der Länge des Schnabels und der Grösse der Füsse nach. Züchter von Findern und Pferden glauben, dass es eine analoge Beziehung zwischen der Länge der Beine und des Kopfes gäbe. Sic behaupten, dass ein Kennpferd mit dem Kopf eines Karrengaules oder ein Windspiel mit dom Kopf eines Bullenbeissers ein monströses Erzeugnis« wäre. Da Liebhabevzuchtrasseu von Tauben meist in kleinen Vogelhäusern gehalten und äusserst reichlich mit Nahrung versorgt werden, so müssen sie sich viel weniger Bewegung machen, als die wilde Felstaube und man kann als sehr wahrscheinlich annehmen, dass die Reduction in der Grösse der Füsse der 22 in der ersten Tabelle aufgeführten Vögel die Folge von Nichtgebrauch ist s8  und dass diese Reduction durch Correlation auf die Schnäbel (1er grossen Mehrzahl der Vögel in Tabelle 1. eingewirkt hat. Ist aber auf der andern Seite der Schnabel durch fortdauernde Zuchtwahl successiver geringer Längenzunahmen bedeutend verlängert worden, so sind die Füsse durch Correlation gleichfalls im Vergleich mit denen der wilden Felstaube verlängert, trotzdem sie weniger gebraucht wurden. Da ich bei der Felstaube und den oben angeführten 36 Vögeln Messungen von Ende der Mittelzehe bis zur Ferse des Tarsus gemacht hatte, habe ich mit den oben gegebenen analoge Beobachtungen gemacht und das Resultat ist dasselbe. Es hat nämlich bei den kurzschnäbligen Rassen mit ebensoweuig Ausnahmen wie in dem ersten Falle die mittlere Zehe in Verbindung mit dem Tarsus an Länge abgenommen, während sie bei den langschnübligen Rassen an Länge zugenommen hat, iudess nicht so gleichförmig als im ersten Fall; denn bei manchen Varietäten der Runt-Tauben variirt das Bein sehr in der Länge. Da Liebhaberzuchtrassen von Tauben meist auf Vogelhäuser von massiger Grösse beschränkt sind und selbst wenn sie nicht gefangen gehalten werden, ihre Nahrung nicht selbst suchen, so müssen sie viele Generationen lang ihre Flügel unvergleichlich -weniger als die wilde Felstaube gebraucht haben. Es schien mir daher wahrscheinlich, dass alle die beim Flug benutzten 38  In einer analogen, aber umgekehrten Weise haben gewisse Gruppen der Columbiden grössere Füsse, da sie mehr auf dem Boden leben, als andere verwandte Gruppen, s. Prince Bonaparte's Coup d'oeil sur l'ordre des Pigeons.

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 Domestieirte Tauben. 5. Cap. Theile des Skelettes sich als der Grösse nach reducirt ergeben mussten. Was das Brustbein betrifft, so habe ich hei zwölf Vögeln verschiedener Kassen und bei zwei wilden Felstauben vou den Shetland-Inseln, seine äusserste Länge sorgfältig gemessen; für die proportionale Vergleichung habe ich bei allen zwölf Vögeln drei Maassstäbe benutzt, nämlich die Länge von der Schnabelbasis bis zur Öldrüse, bis zum Schwanzende und die Weite von Flügelspitze zu Flügelspitze. Das Resultat ist in allen Fällen nahezu dasselbe gewesen; das Sternum zeigte sich unveränderlich kürzer als bei der wilden Felstaube. Ich will nur eine einzige Tabelle geben nach dem Maas.sstab von der Schnabelbasis bis zur Öldrüse berechnet; denn das Resultat ist in diesem Falle nahezu das Mittel zwischen den auf Grund der beiden andern Maassstäbe erhaltenen. Länge des Sternum. Name der Rasse. Uche" 1 Z " ; Länge : kurz  ^ ame  der Rasse. Zolle ' um Wirk-; Zu liehe ;  . Länge ^ urz Zolle um Wilde Felstaube 2,55 ! — | Barb-Taube .... 2,35 0,34 Gescheckter Scande- j Nonne. 2,27 0,15 roon. 2,80 0,60 ' Deutscher Kröpfer . 2,36 0,54 Bagadotte .... 2,80 0,17 j Jacobiner. 2,33 0,22 Dragon-Botentaube. 2,45 0,41 Englische Strupptaube 2,40 0,43 Botentaube . . . Kurzstirniger Burzier 2,75 0,35 1 Schwalbentaube . . 2,05 0,28 , 2,45 0,17 Es zeigt diese Tabelle, dass das Sternum in diesen zwölf Rassen im Mittel um '/3 Zoll (genau 0,332) kürzer als bei der Felstaube ist, proportional zur Grösse, ihrer Körper, so dass das Sternum zwischen ein Siebentel und ein Achtel seiner ganzen Länge reducirt ist, und dies ist eine beträchtliche Reduction. Bei 21 Vögeln mit Einschluss der obigen zwölf habe ich aucli das Vorspringen des Brustbeinkammes im Verhältniss zu seiner Länge unabhängig von der Körpergrösse gemessen. Bei zwei von den 21 Vögeln sprang der Kamm in demselben relativen Grade vor wie bei der Felstaube; bei sieben sprang er mehr vor, aber bei fünf von diesen sieben, nämlich bei einer Pfauentaube, zwei Scanderoons und zwei englischen Botentauben lässt sich dieses grössere Vorspriugen bis zu einem gewissen Grade erklären, da eine vorspringende Brust von Züchtern bewundert und bei der Zuchtwahl berücksichtigt wird. In den übrigen zwölf Vögeln war die Prominenz geringer. Es folgt hieraus, dass der Kamm eine geringe

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5. Cap. Wirkungen des Nichtgebrauchs. 217 doch unsichere Neigung zeigt, in Bezug auf das Vorspringen in einem beträchtlicheren Grade reducirt zu werden, als es relativ zurKiirpcrgrösse und im Vergleich mit der Felstaube die Länge des Brustbeins tliut. Die Länge der Scapula habe ich in neun verschiedenen grossen und kleinen Kassen gemessen uud bei allen ist sie proportional kürzer (nach demselben Maassstab wie früher), als bei der wilden Felstaube. Die Längenabnahme ist im Mittel sehr nahe '/s Zoll oder ungefähr einNeuntel der Länge der Scapula bei der Felstaube. Die Arme der Furcula divergirten bei allen Exemplaren, die ich verglich, proportional zur Körpergrösse weniger als bei der Felstaube und das ganze Gabelbein war proportional kürzer. So war bei einer Runt- Taube, welche von Flügelspitze zu Flügelspitze 38 l jz  Zoll maass, die Furcula nur sehr wenig länger (und die Äste divergirten kaum mehr) als bei einer Felstaube, die von Flügelspitze zu Flügelspitze 26 1 2  Zoll maass. Bei einer Barbtaube, welche in allen Maassen wenig grösser als dieselbe Felstaube war, war die Furcula ', 4 Zoll kürzer. Bei einer Kropftaube war die Furcula nicht im Verhältniss mit der vergrösserten Länge des Körpers verlängert worden. Bei einem kurzstirnigen Burzier, der von Flügelspitze zu Flügelspitze 24 Zoll, daher nur 2 1 2  Zoll weniger maass, als die Felstaube, hatte die Furcula kaum zwei Drittel der Länge von der der Felstaube. Wir sehen somit deutlich, dass das Sternum, die Scapula und Furcula allein proportionaler Länge reducirt sind. Wenden wir uns aber zu den Flügeln, so stossen wir auf ein für den ersten Anblick völlig verschiedenes und unerwartetes Resultat. Ich will hier bemerken, dass ich nicht besondere Fälle ausgesucht, sondern jede von mir angestellte Messung benutzt habe. Nimmt inan die Länge von der Schnabelbasis bis zum Schwanzende als Maassstab der Vergleichung, so finde ich, dass von 35 Vögeln verschiedener Rassen 25 Flügel von grösserer und zehn Flügel von geringerer proportionaler Länge als die Felstauben haben. Aber wegen der häufig in Correlation stehenden Länge des Schwanzes und der Schwungfedern ist es besser, als Maassstab der Vergleichung die Länge von der Schnabelbasis bis zur Öldrüse zu nehmen und nach diesem Maassstab hatten von 26 derselben Vögel, die so gemessen wurden, 21 zu lange und nur fünf zu kurze Flügel. Bei den 21 Vögeln übertrafen die Flügel die der Felstaube im Mittel um 1 '/a Zoll, während in den fünf

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 Domesticirtc Tauben. 5. Cap. Vögeln sie nur um 0,8 Zoll kürzer waren. Da ich darüber überrascht war, dass die Flügel nahe verwandter Vögel so häufig an Länge zu- nelmien sollten, so kam ich auf den Gedanken, ob dies nioht lediglich von der grösseren Länge der Schwungfedern abhienge; denn dies ist sicher bei den Jacobinern der Fall, welche ja Schwungfedern von ungewöhnlicher Länge besitzen. Da ich in fast jedem Falle den gefalteten Flügel gemessen batte, so zog ich die Länge dieses End- theiles von der des ausgebreiteten Flügels ab und erhielt so mit einem ziemlichen Grade von Genauigkeit die Länge der Flügel zwischen den Enden der beiden Radien (also der Entfernung von der einen Handwurzel zur andern an unsern Armen entsprechend). Die so gemessenen Flügel derselben 25 Vögel gaben nun ein sehr verschiedenes Resultat: denn sie waren im Verhältniss zu denen der Felstaube bei 17 Vögeln zu kurz und nur bei acht zu lang. Von diesen acht Vögeln waren fünf langschnäblig 39  und diese Thatsache weist vielleicht daraufhin, dass irgend eine Correlation zwischen der Schnabellänge und derLänge derFliigclknochen besteht, ähnlich wie bei den Füssen und Tarsen. Die Verkürzung des Humerus und Radius bei den 17 Vögeln ist vielleicht dem Nichtgebrauch zuzuschreiben, wie bei der Scapula und Furcula, an welche die Flügelknochen befestigt sind. Auf der andern Seite aber ist die Verlängerung der Flügelfedern und folglich die Spannweite der Flügel von Spitze zu Spitze ebenso vollständig unabhängig vom Gebrauch oder Nichtgebrauch als das Wachsthum des Haares oder der Wolle bei unsern langhaarigen Hunden oder langwolligen Schafen ist. Um dies nun zusammenzufassen: Wir können getrost annehmen, dass die Länge des Sternum und häufig auch das Vorspringen seines Kammes, die Länge des Schulterblattes und Gabelknochens, alles im Vergleich mit denselben Theilen bei der Felstaube, an Grösse 39  Es verdient vielleicht einer Erwähnung, dass ausser diesen fünf Vögeln zwei von jenen acht Barb-Tauhen waren, welche, wie ich gezeigt habe, mit den langschnäbligen Boten- und Runt-Tauben in eine Gruppe gestellt werden müssen. Man kann die Barb-Taube füglich kurzschnäblige Botentaube neunen. Es möchte daher scheinen, als hätten -während der Grössenabnahme ihrer Schnäbel ihre Flügel etwas von jenem Überschuss an Länge beibehalten, welches ihre nächsten Verwandten und Urerzeuger characterisirt.

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5. Cap. Zusammenfassung der Differenzpunkte. 219 reducirt worden sind. Und ich vermuthe, dass inan dies ruhig dem Nichtgebrauch oder der verminderten Bewegung zuschreiben kann. Auch die Flügel von den Enden der Radien gemessen sind meist an Länge reducirt worden, aber wegen der Grössenzunahme der Schwungfedern sind die Flügel von Spitze zu Spitze gewöhnlich länger als bei der Felstaube. In gleicher Weise sind die Fiisse ebenso wie die Tarsen in Verbindung mit der Mittelzehe in den meisten Fällen reducirt und dies ist wahrscheinlich durch ihren verminderten Gebrauch verursacht. Doch zeigt sich das Vorhandensein irgend einer Art von Correlation zwischen den Füssen und dem Schnabel deutlicher als die Wirkungen von Nichtgebrauch. Wir linden auch eine leise Andeutung einer ähnlichen Correlation zwischen den Hauptknochen des Flügels und dem Schnabel. Zusammenfassung der Differenzpunkte zwischen den verschiedenen dome sticir ten Rassen und zwischen den individuellen Vögeln. —  Der Schnabel dilferirt ebenso wie die Gesichtsknochen merkwürdig in der Länge, Breite, Form und Krümmung. Der Schädel dilferirt in der Form und bedeutend in dem durch Verbindung der Zwischenkieferbeine, Nasenlöcher und Oberkieferjochbeine gebildeten Winkel. Die Krümmung des Unterkiefers und der Umschlag seines oberen Randes differirt ebenso wie die Mundspalte in einer sehr merkwürdigen Art. Die Zunge variirt sehr in ihrer Länge sowohl unabhängig von der Schnabellänge als in Correlation mit derselben. Die Entwickelung der nackten carun- culirten Haut über den Nasenlöchern und um die Augen variirt in einem äussersten Grade. Die Augenlider, die äusseren Nasenötfnun- gen variiren in derLänge und stehen in einer gewissenAusdehnung in Correlation mit dem Entwickelungsgrade der Hautlappen. Die Grösse und Form des Oesophagus und Kropfes und ihre Fähigkeit, aufgeblasen zu w erden, differiren immens. Die Länge des Halses variirt. Mit der variirenden Form des Körpers variirt auch die Breite und Zahl der Rippen, das Vorhandensein von Fortsätzen, die Zahl der Kreuzbeinw irbel und die Länge des Sternum. Die Zahl und Grösse der Schwanzwirbel variiren offenbar in Correlation mit der Grössenzunahme des Schwanzes. Die Grösse und Form der Perforationen im Brustbein und die Grösse und Divergenz der Äste der

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 Domesticirte Tauben. 5. Cap. Furcula differiren, die Öldrüse variirt in ihrer Entwickelung und ist zuweilen völlig abortirt. Die Richtung und Länge gewisser Federn ist bedeutend inodificirt worden, wie bei der Haube des Jacobiners und der Krause der Möventaube. Die Schwung- und Schwanzfedern variiren meist zusammen der Länge nach, zuweilen aber auch unabhängig von einander und von der Grösse des Körpers. Die Zahl und Stellung der Schwanzfedern variirt in einem unvergleichlichen Grade. Die Schwungfedern erster und zweiter Reihe variiren gelegentlich der Zahl nach, offenbar in Correlation mit der Länge des Flügels, die Länge des Beines und die Grösse der Füsse, und in Verbindung mit der letzten die Zahl der Schildchen, alles variirt. Eine Bindehaut vereinigt zuweilen die Basen der beiden innern Zehen und umfasst ausnahmslos die beiden äusseren Zehen, wenn die Füsse befiedert sind. Die Grösse des Körpers differirt bedeutend. Man hat gefunden, dass eine Runt-Taube mehr als fünfmal so viel wog als ein kurzstir- niger Burzier. Die Eier differiren in Grösse und Form. Nach Par- mentier 40  brauchen einige Rassen viel Stroh zum Bau ihres Nestes, andere wenig; ich kann aber keine neuere Bestätigung dieser Angabe finden. Die Länge der Zeit, die zum Ausbrüten der Eier noting ist, ist bei allen Zuchten gleich; die Zeit, in welcher das cha- racteristische Gefieder einiger Rassen erlangt wird und in welcher gewisse Farbenänderungen eintreten, differirt. Der Grad, in welchem die jungen Vögel nach dem Ausschlüpfen mit Dunen bekleidet sind, ist verschieden und steht in eigentümlicher Weise mit der späteren Färbung des Gefieders in Correlation. Die Art zu fliegen und gewisse ererbte Bewegungen, wie das Zusammenschlagen der Flügel, das Bürzeln entweder in der Luft oder auf dem Boden und die Art und Weise, dem Weibchen die Cour zu machen, bieten die eigenthiimlichsten Verschiedenheiten dar. Der Disposition nach weichen die verschiedenen Rassen von einander ab; einige Rassen sind sehr schweigsam, andere girren in einer eigentümlichen Weise. Trotzdem dass viele verschiedene Rassen in ihren Merkmalen 40 Temminck,  Hist. nat. gen. des Pigeons et des Gallinaces. Tom. I, 1813, p. 170.

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5. Cap. Zusammenfassung der Differenzpunkte. 221 mehrere Jahrhunderte lang gleich geblieben sind, wie wir später noch ausführlicher sehen werden, so findet sich doch bei den reinsten Rassen viel mehr individuelle Variabilität als bei Vögeln im Naturzustände. Von der Regel, dass diejenigen Charactere am meisten variiren, welche jetzt am höchsten geschätzt und von Liebhabern am meisten beachtet, und welche demzufolge jetzt durch fortgesetzte Zuchtwahl veredelt werden, findet sich kaum irgend eine Ausnahme. Dies wird auch indirect von den Züchtern zugegeben, wenn sie sich darüber beschweren, dass es viel schwieriger ist, hochveredelte Liebhaberrassen bis zu dem richtigen Grade der Vortrefflichkeit zu züchten als die sogenannten Spieltauben, welche nur der Farbe nach von einander abweichen. Denn besondere Farben sind, wenn sie einmal erlangt sind, keiner beständigen Veredelung oder Zunahme fähig. Einige Charactere werden aus völlig unbekannten Ursachen stärker bei dem Männchen als beim Weibchen entwickelt, so dass wir bei gewissen Rassen eine Neigung zum Auftreten secundärer Sexualcharactere 41  haben, von denen die ursprüngliche Stammform der Felstaube nicht eine Spur darbietet. 42  Diesen Ausdruck brauchte John Hunter,  um solche Structurver- schiedenheiten zwischen Männchen und Weibchen zu bezeichnen, welche nicht direct mit dem Reproductionsgeschäft Zusammenhängen, wie der Schwanz des Pfauhahns, die Hörner der Hirsche u. s. w.

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Sechstes Ga.pite-L Tauben. ' (Fortsetzung.) Über die ursprüngliche Stammform der domesticirten Rassen. — Lebensweise. — Wilde Rassen der Felstaube. — Haustauben. — Beweise für die Abstammung der verschiedenen Rassen von Columba lieia. —  Fruchtbarkeit der Rassen bei Kreuzung. — Rückkehr zum Gefieder der wilden Felstaube. — Umstände welche die Bildung der Rassen begünstigen. — Alter und Geschichte der hauptsächlichsten Rassen. — Art und Weise ihrer Bildung. — Zuchtwahl. — Unbewusste Zuchtwahl. — Sorgfalt, mit. welcher Liebhaber ihre Vögel zur Nachzucht auswählen. — Unbedeutend abweichende Descendenzreihen verändern sich allmählich zu scharf mar- kirten Rassen. — Aussterben intermediärer Formen. — Gewisse Rassen bleiben unverändert, während andere sich verändern. — Zusammenfassung. D.e im letzten Capitel beschriebenen Verschiedenheiten zwischen len elf Hauptrassen und zwischen individuellen Vögeln derselben Rasse würden von geringerer Bedeutung sein, wenn jene nicht a.le von einem einzigen wilden Stamme abstammten. Die Frage nach ihrem Ursprung ist daher von fundamentaler Bedeutung und muss in hinreichender Ausführlichkeit erörtert werden. Wer nur irgend die Grössenverschiedenheit zwischen den Rassen bedenkt, wer ferner weiss, wie alt viele von ihnen sind und wie rein sie heutigen Tages noch züchten, wird dies nicht für überflüssig halten. Die Züchter glauben fast einstimmig, dass die verschiedenen Rassen von mehreren wilden Stämmen herrühren, während die meisten Zoologen glauben, dass sie alle Nachkommen der Columba lieia oder der Felstaube sind. Te m minck 1  hat richtig beobachtet und Mr, Gould hat gegen 1 Temmingk,  Hist. nat. gen. des Pigeons etc. Tom. 1, p. 191.

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G. Cap. Abstammung der domesticirten Tauben. 223 mich dieselbe Bemerkung gemacht, dass die ursprüngliche Stammform eine Art gewesen sein muss, welche auf Felsen wohnte und dort ihr Nest baute, und ich will hinzufügen , dass es ein socialer Vogel gewesen sein muss; denn alle domesticirten Rassen sind social und von keiner ist es bekannt, dass sie sich gewöhnlich auf Baumen aufhalte oder dort baue. Die ungeschickte Art, mit welcher manche Tauben, die ich in einem Sommerhause in der Nahe eines alten Walnussbaumes hielt, sich gelegentlich auf die nackten Zweige niederliessen , war ganz offenbar 2 . Nichtsdestoweniger theilt mir Mr. R. Scot Skirving  mit, dass er in Oberägypten oft Mengen von Tauben sah,  die sich auf die niedrigen Bäume , aber nicht auf Palmen, niederliessen. und zwar dort lieber als auf die Lehmhütten der Eingehornen. In Indien wohnt, wie mich Mr. Blyth 3  versichert hat, die wilde C. Heia var. intermedia zuweilen auf Bäumen. Ich will hier ein merkwürdiges Beispiel dafür anführen, wie Thiere zur Veränderung ihrer Lebensweise gezwungen werden. Die Nilufer oberhalb 28" 30' Breite sind in einer sehr langen Ausdehnung senkrecht, so dass, wenn der Fluss gefüllt ist, die Tauben nicht an das Ufer treten können, um zu trinken. Mr. Skirving  sah nun wiederholt ganze Herden sich auf das Wasser niederlassen und trinken, während sie den Strom abwärts getrieben wurden. Von weitem gesehen glichen diese Herden Möven an der Oberfläche des Meeres. Stammte irgend eine domesticirte Rasse von einer Art ab, welche nicht social war oder w elche ihr Nest auf Bäumen baute und auf solchen wohnte 4 , so würde das scharfe Auge der Liebhaber irgend 2  Durch Sir Ch. Lyell  habe ich von Miss Buckley gehört, dass viele Jahre hindurch mehrere Halbblut-Botentauben in der Nähe von London sich regelmässig bei Tage auf einige in der Nähe befindliche Bäume setzten und dass sie, nachdem man sie durch Wegnahme ihrer Jungen gestört hatte, sich Nachts auf denselben aufhielten. 3 Annals and Mag. of nat. hist. 2. Ser. Vol. XX. 1857, p. 509; auch in einem der letzten Bände des Journal of the Asiatic Society. 4  In Schriften von Liebhabern über Tauben habe ich die irrige Ansicht ausgesprochen gefunden, dass die von Naturforschern Grund-Tauben genannten Arten (im Gegensatz zu Baum-Tauben) nicht auf Bäumen wohnen und bauen. In den gleichen Werken wird auch gesagt, dass Arten, welche den domesticirten Hauptrassen ähnlich sind, in den verschiedenen Theilen der Erde existiren; diese sind aber den Naturforschern unbekannt.

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 Domesticirte Tauben. 0. Cap. welche Spur eines so verschiedenen ursprünglichen Verhaltens sicher entdeckt haben. Denn dass ursprüngliche Gewohnheiten noch während der Domestication lange beibehalten werden, haben wir allen Grund zu glauben. So finden wir beim gemeinen Esel in dem starken Widerwillen selbst die kleinsten Bäche zu durchschreiten und in der Lust, sich im Staube zu wälzen noch ein Zeichen seines ursprünglichen Wüstenlebens. Derselbe Widerwille, einen Fluss zu kreuzen, ist dem Kameel eigen, welches doch seit sehr früher Zeit domesticirt worden ist. Junge Schweine, die doch sehr zahm sind, werfen sich zuweilen, wenn sie erschreckt werden, platt auf die Erde und versuchen selbst an offenen kahlen Flecken sich auf diese Weise zu verbergen. Junge Truthühner und gelegentlich selbst junge Hühner laufen, wenn ihre Mutter den Warnungsruf ausstösst. zuweilen fort und suchen sich zu verbergen, wie es junge Rebhühner und Fasanen thun, damit die Mutter w egfliegen kann, was diese aber verlernt hat. Die Moschusente (üendrocygna viduata)  sitzt und wohnt in ihrem Heimathlande oft auf Bäumen 5 6 , und trotzdem unsere domesticirten Moschusenten so langsame Vogel sind, so "lieben sie doch sich auf den Gipfel von Scheunen, Mauern u. s. w. zu setzen, und lässt man sie die Nacht im Hühnerhaus, so geht die Ente meist neben die Hühner, der Entrich ist dagegen zu schwerfällig mit Leichtigkeit hinaufzusteigen" e . Von den Hunden wissen wir, dass j wenn sie auch gut und regelmässig gefüttert werden, sie oft wie die j Fuchse die übrige Nahrung vergraben, und wir sehen einen Hund J oft auf einem Teppich im Kreise herumgehen, als trete er Gras nie- | der, um sich ein Lager zu bilden. Auf kahlem Pflaster sehen wir ihn nach hinten scharren, als wollte er Erde über seine Exere- mente werfen, trotzdem ich glaube, dass dies nie geschieht, selbst w'enn Erde vorhanden ist. In dem Ergötzen, mit welchem Lämmer und Ziegen auf den kleinsten Hügeln sich sammeln und springen, sehen wir Überbleibsel ihres früheren alpinen Lebens. Wir haben daher guten Grund zur Annahme, dass alle domesticirten Taubenrassen entweder von einer oder von mehreren Arten 5  Sir R. Schomburgk,  in: Journal R. Geograph. Soc. Vol. XIII 1844, p. 32. 6  E. S. Dixou,  Ornamental Poultry, 1848, p. 63. 66.

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G. Cap. Dero« Abstammung. 225 abstammen, welche sowohl auf Felsen wohnten, als auch ihre Nester dort hauten und welche ihrer Lebensart nach social waren. Da nur fünf oder sechs wilde Arten bekannt sind, welche diese Gewohnheiten haben, und im Bau sich der domesticirten Taube irgend wie nähern, so will ich diese au (führen. Erstens: Die Columba leuconota  gleicht gewissen domesticirten Varietäten in ihrem Gefieder, mit dem einen auflallenden und nie fehlenden Unterschiede, dass eine weisse Binde in ziemlicher Entfernung vom Ende quer über dem Schwanz vorhanden ist. Übrigens bewohnt diese Art den Himalaya nahe an der Schneegrenze und ist daher, wie Mr. Blyth bemerkt hat, schwerlich die Stammform unserer domesticirten Kassen, welche in den wärmsten Ländern wohl gedeihn. Zweitens: Die C. rupestris  Centralasieus, welche zwischen der C. leuconota  und heia  in der Mitte steht 7 ; sie hat aber einen fast ebenso gefärbten Schwanz wie die erste Art. Drittens: Die C. litt oralis baut und lebt nach Temminck auf Felsen im malayischen Archipel; sie ist weiss, ausgenommen gewisse Theile der Flügel und der Schwanzspitze, welche schwarz sind. Ihre Beine sind von einer lividen Färbung und dies ist ein bei keiner domesticirten Taubenrasse beobachteter Character. Ich brauchte aber weder diese noch die nahe verwandte C. luctuosa  zu erwähnen, da sie zur Gattung Carpopluiga  gehören. Viertens: C. Guinea,  welche von Guinea 8 bis zum Cap der guten Hoffnung vorkommt und je nach der Natur des Landes entweder auf Bäumen oder Felsen wohnt. Diese Art gehört zur Gattung Strictoenas  von Keichenbach,  ist aber den ersten Colum- biden nahe verwandt. Bis zu einem gewissen Grade ist sie wie manche domesticirte Rasse gefärbt und soll in Abvssinien domesticirt sein. Mr. Mansfield Parkyns  indess, der die Vögel dieses Landes gesammelt hat und die Arten kennt, theilt mir mit, dass dies ein Irrthum ist. Übrigens zeichnet sich die C. Guinea  noch dadurch aus, dass die Halsfedern eigenthümlich ausgeschnittene Spitzen haben, ein Merkmal, das man in keiner domesticirten Rasse sieht. Fünftens: C. Oenas  Europas, welche auf Bäumen wohnt und ihr Nest in Höhlen, entweder auf Bäumen oder am Boden baut. In Bezug auf äussere Merkmale könnte diese Art die 1 Proceed. Zoolog. Soc. 1859, p. 400. 8 Temminck,  Hist. nat. gen. des Pigeons. Tom. 1.; auch: Les Pigeons par Mad. Knip und Temminck.  Doch glaubt Bonaparte  in seinem Coup d'oeil, dass unter diesem Namen zwei nahe verwandte Arten vermengt werden. Die westindische C. leucocephala  soll nach Temminck  eine Felstaube sein; doch sagt mir Mr. Gosse,  dass dies ein Irrthum ist. Darwin, Erster Theil. 15

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 Domesticirte Tauben. 6. Cap. Stammform mehrerer domesticirter Rassen sein; obgleich sie aber leicht sich mit der echten Felstaube kreuzt, so sind die Nachkommen, wie wir gleich sehen werden, sterile Bastarde, und von dieser Sterilität findet sich bei der Kreuzung der domesticirtcn Rassen nicht die Spur. Es ist auch zu beachten, dass, wenn wir gegen alle Wahrscheinlichkeit annälnnen, eine der ebengenannten fünf oder sechs Arten wäre die Stammform einiger unserer domesticirten Tauben, doch nicht das mindeste Licht auf die hauptsächlichsten Verschiedenheiten zwischen den elf am schärfsten markirten Rassen geworfen würde. Wir kommen nun zu der bestbekannten Felstaube, der Columba Ihm, welche in Europa oft katexogen als die Felstaube bezeichnet wird und welche die Zoologen für die Stammform aller domesticirten Rassen halten. Es stimmt dieser Vogel in allen wesentlichen Charactcren mit den Rassen überein, welche nur unbedeutend modificirt worden sind; sie weicht von allen andern Species darin ab, dass sie schieferblau gefärbt ist mit zwei schwarzen Querbinden auf den Flügeln und mit weisser Croupe (oder Lenden). Gelegentlich sieht man auf den Färöern und den Hebriden Vögel, deren schwarze Binden durch zwei oder drei schwarze Flecke ersetzt sind. Br e hm 9  hat diese Form C.amaliae  genannt, indessen haben andere Ornithologen diese Art nicht anerkannt. Graba 10  fand selbst eine Verschiedenheit zwischen den Flügelstreifen eines und desselben Vogels auf den Färöern. Eine andere und etwas distinctero Form ist entweder wirklich wild oder ist auf den Rillen d"r englischen Küste verwildert. Sie wurde von Mr. Blyth * 11  zweifelhaft als C. a f finis bezeichnet, wird von ihm aber jetzt nicht mehr als eine distincte Art betrachtet. C. affinis  ist etwas kleiner als die Felstaube der schottischen Inseln und hat ein etwas verschiedenes Ansehen, weil die Flügeldecken schwarz gefeldert sind mit ähnlichen sich oft über den Rücken verbreitenden Zeichnungen. Die Fclderung entsteht dadurch, dass jede Feder auf beiden Seiten, aber hauptsächlich der äusseren, einen grossen schwarzen Fleck trägt. Die Flügelbinden bei der echten Felstaube und bei der gefelderten Varietät sind allerdings die Folge ähnlicher, doch grösserer Flecke, welche symmetrisch die Schwungfedern zweiter Reihe und die grösseren Deckfedern kreuzen. Es entsteht dabei die Felderung nur durch eine Ausdehnung dieser Zeichnungen auf andere Theile des Ge- 9  Handbuch der Naturgeschichte der Vögel Deutschlands. 10  Tagebuch einer Reise nach Färö. 1830, p. 62. 11 Annals and Mag. of nat. hist. Vol. XIX, 1847, p. 102. Dieser ausgezeichnete Aufsatz über Tauben verdient sehr zu Rathe gezogen zu werden.

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6. Cap. Deren Abstammung. 227 fieders. Gefelderte Yögel sind nicht auf die Küsten von England beschränkt; denn Graba  hat solche auf den Färöern gesehen und W. Thompson 12  sagt, dass er in Islay reichlich die Hälfte der wilden Felstauben gefeldert getroffen habe. Oberst King  in Hy the bevölkerte seinen Schlag mit jungen wilden Vögeln, die er sich seihst aus den Nestern von den Orkney-Inseln verschaffte und mehrere, mir freundliclist von ihm gesandte Exemplare waren alle deutlich gefeldert. Da wir hiermit sehen, dass gefelderte Vögel mit echten Felstauben zusammen an drei verschiedenen Stellen auftreten, nämlich den Färöern, den Orkney-Inseln und Islay, so ist dieser natürlichen Variation im Gefieder keine Bedeutung beizulegen. Prinz C. L. Bonaparte 13 , ein grosser Artenspalter, zählte die C. turricola  von Italien, die C. rupestris  von Dahurien und C. Schimperi von Abyssinien als von C. livia  distincte Formen, doch mit einem Fragezeichen auf; es weichen indess diese Vögel von der C. livia  in den aller- unbedeutendsten Merkmalen ab. Im britischen Museum befindet sich eine gefelderte Taube aus Abyssinien, wahrscheinlich die C. Schimperi  Bonap. Diesen kann noch C. gymnocyclus  G. K. Gray von Westafrika zugefügt werden, welche ein wenig distincter ist und etwas mehr nackte Haut um die Augen hat, als die Felstaube. Es ist indess nach den Mittheilungen, die mir Dr. Daniell  gegeben, zweifelhaft, ob dies ein wilder Vogel ist; denn an der Küste von Guinea werden Haustauben (die ich auch untersucht habe) gehalten. Noch allgemeiner wird die Felstaube von Indien (G. intermedia  Strickland) als besondere Art angenommen. Sie weicht besonders dadurch ab, dass das Hintertheil blau ist, statt sclmeeweiss zu sein. Wie mir aber Mr. Blyth  mittheilt, variirt die Färbung und wird zuweilen weisslich. Wird diese Form domesticirt, so treten gefelderte Vögel, genau so wie es in Europa bei der wirklichen wilden C. livia  der Fall ist, auf. überdies werden wir sofort nachweisen, dass das blaue und weisse Hintertheil ein äusserst variables Merkmal ist. Schon Bechstein 14  führt an, dass bei Haustauben in Deutschland dies der schwankendste aller Clutractere des Gefieders ist; wir können daher scliliessen, dass C. intermedia nicht als specifisch verschieden von C. livia  anzusehen ist. In Madeira findet sich eine Felstaube, welche einige wenige Orni- 12  Natural history of Ireland. Birds. Vol. II, 1850, p. 11. — Graba, a. a. 0. 13  Coup d'oeil sur l'ordre des Pigeons. Comptes rendus 1854—55. 14 Naturgeschichte Deutschlands. Bd. IV, 1795, p. 14. 15 *

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 Domesticirte Tauben. G. Cap. Biologen für von G. livia  verschieden halten zu können gemeint haben. Ich habe zahlreiche Exemplare, die Mr. E. V. Harcouit und Mr. Mason gesammelt haben, untersucht. Sie sind etwas kleiner, als die Felstaube von den Shetland-Inseln und ihre Schnäbel sind deutlich schwächer. Aber die Dicke des Schnabels variirte bei den verschiedenen Exemplaren. Am Gefieder findet sich eine merkwürdige Verschiedenheit; einzelne Exemplare sind in jeder einzelnen Feder (.ich spreche nach wirklichen Vergleichungen) iteutisch mit der Felstaube von den Shetland-Inseln; andere sind gefeldert wie C. af finis von den Riffen Englands, meist aber in einem höheren Grade, da sie über den ganzen Rücken fast schwarz sind. Andere sind mit der sogenannten G. intermedia von Indien in der blauen Färbung ihres Hinterthcilos identisch, während andere diesen Theil sehr blass- oder sehr dunkelblau haben und gleicherweise gefeldert sind. Eine so grosse Variabilität erregt die wohlbegrüudete Vennuthung, dass diese Vögel domesticirte Tauben sind, welche nur verwilderten. Nach diesen Tliatsaclien lässt sich kaum zweifeln, dass C. livia, affinis, intermedia und die von Bonaparte mit einem Fragezeichen markirten Formen alle zu einer einzigen Species gerechnet werden müssen. Es ist indess völlig gleichgültig, ob man dies thut oder nicht; und ob einige von diesen Formen oder alle die Urerzeuger der verschiedenen domesticirten Arten sind, soweit es die Aufklärung betrifft, die man hieraus in Bezug auf die Verschiedenheit zwischen den scharf markirten Rassen erhält. Dass die gemeinen Haustauben, die in verschiedenen Theilen der Erde gehalten werden, von einer oder von mehreren der oben erwähnten wilden Varietäten von C. livia  abstannnen, wird Niemand, der sie vergleicht, bezweifeln. Ehe wir aber über die Haustauben uoch ein paar Bemerkungen machen, will ich noch anführen, dass die wilde Felstaube in verschiedenen Ländern sich als leicht zähmbar gezeigt hat. "Wir sehen, dass Oberst King  in Hytho seinen Taubenschlag vor länger als zwanzig Jahren mit jungen wilden auf den Orkney-Inseln gefangenen Vögeln bevölkerte und seit dieser Zeit haben sie sich bedeutend vermehrt. Der genaue Macgillivray lj  führt au, dass er auf den Hebriden eine 15 History of British Birds. Vol. I, p. 275—284. Mr. Andrew Duncan zähmte eine Felstaube auf deu Shetland-Inseln. Mr. James Barclay und Mr. Smith  von Uyea Sound sagen beide, dass die wilde Felstaube leicht gezähmt werden kann, und der erstere behauptet, die gezähmten Vögel brüteten viermal des Jahres. Dr. Lawrence Edmon stone theilt mir mit, dass eine wilde Felstaube in Balta Souud auf deu Shetland-Inseln gekommen sei, sich in seinem Taubenhause niedergelassen und mit seinen

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(i. Cap. I »ereil Abstammung. 229 wilde Felstaube vollständig gezähmt habe und inan kennt mehrere Berichte, dass diese Tauben in Schlägen auf den Shetland-Inseln gebrütet haben. Wie mir Capt, Hutton  mittheilt, ist die wilde Felstaube in Indien leicht zu zähmen und züchtet leicht mit der domesticirten Art. Auch führt Mr. Blyth 16  an, dass häufig wilde Vögel zu den Taubenschlägen kommen und sich mit deren Insassen reichlich vermischen. In dem alten "Aveen Akberv" wird gesagt, dass wenn ein Paar wilder Tauben genommen werden, "sehr bald tausend andere ihrer Art sich zu ihnen gesellen." Haustauben sind solche, welche in Taubenschlägen in halbdomesti- eirtem Zustande gehalten werden. Man sorgt sich nicht speciell um sie und sie sorgen selbst für ihr Futter mit Ausnahme des kältesten Wetters. In England und, nach Boitard und Corbie's Werke zu urtheilcn, auch in Frankreich gleicht die gemeine Haustaube genau der gefelderten Varietät von C. Ihm.  Ich habe aber Haustauben aus Yorkshire gesehen ohne irgend eine Spur von Felderung wie die wilde Felstaube von den Shetland- Inseln. Die gefelderten Haustauben von den Orkney-Inseln wichen, nachdem sie Oberst King  länger als 20 Jahre domesticirt hatte, in der Dunkelheit ihres Gefieders und in der Dicke ihrer Schnäbel unbedeutend von einander ab; dabei war der dünnste Schnabel etwas dicker als der dickste von den Madeira-Vögeln. Nach Beck st ein  ist in Deutschland die gemeine Haustaube nicht gefeldert; in Indien werden sie oft gefeldert und oft mit weiss gescheckt. Auch das Hintertheil wird, wie mir Mr. Blyth  sagt, beinah weiss. Ich habe von Sir J. Brooke einige Haustauben erhalten, welche ursprünglich von den S. Natunas-Iuseln im ma- lavischen Archipel kamen und welche mit den Singapore-Haustauben gekreuzt worden waren. Sie waren klein und die dunkelste Varietät war der dunkel gefelderten Varietät mit blauem Hintertheil von Madeira sehr ähnlich; doch der Schnabel war nicht so dünn, wenn auch entschieden dünner als bei der Felstaube von den Shetland-Inseln. Eine mir von Mr. Swinhoe  von Fu-tscku in China geschickte Haustaube war ebenfalls eher klein, wich aber in anderer Hinsicht nicht ab. Durch die Gefälligkeit des Dr. Daniell  habe ich auch vier lebende Haustauben von Sierra Leone 17  erhalten; diese waren reichlich so gross wie die Shet- Tauben fortgepflanzt habe; er hat mir noch andere Fälle von wilden Felstauben mitgetheilt, wo jung eingefangene Vögel sich in der Gefangenschaft fortpflanzten. 16 Annals and Mag. of nat. hist. Vol. XIX,  1847, p. 103 und 2. Ser. Vol. XX. 1857. p. 512. 17  Haustauben der gewöhnlichen Art werden in John Barbut's De-

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 Domesticirte Tauben. G. Cap land-Felstaube mit selbst noch massigeren Körpern. Im Gefieder waren einige von ihnen mit der Shetland-Felstaube identisch, doch war der metallische Schein offenbar noch brillanter. Andere hatten einen blauen Hintertheil und glichen der gefelderten Varietät von C. intermedia von Indien. Noch andere waren so stark gefeldert, dass sie nahezu schwarz waren. Bei diesen vier Vögeln differirte die Sclmabelliinge unbedeutend, doch war der Schnabel bei allen entschieden kürzer, massiver und starker, als bei der wilden Felstaube von den Shetland-Inseln oder bei der englischen Haustaube. Verglich man die Schnäbel dieser afrikanischen Tauben mit den dünnsten Schnäbeln der wilden Exemplare von Madeira, so war der Contrast sehr gross. Die ersteren waren ein volles Drittel in verticaler Richtung dicker, als die letzteren, so dass auf den ersten Blick sich wohl jeder versucht fühlen wdirde, diesen Vogel als specifisch verschieden anzusehen. Es liess sich aber eine so vollständige allmähliche Keilte zwischen den oben erwähnten Varietäten bilden, dass es offenbar unmöglich war, sie zu trennen. Fassen wir dies zusammen: Die wilde Columba licia,  unter welchem Namen wir die C. affinis, intermedia und die andern noch näher verwandten geographischen Rassen umfassen, hat eine sehr weite Verbreitung: von der Südkiiste von Norwegen und den Färöer-Inseln bis zu den Küsten des mittelländischen Meeres, von Madeira und den canarischen Inseln nach Abyssinien, Indien und Japan. Sie variirt bedeutend im Gefieder, ist an manchen Orten schwarz gefeldert und hat entweder ein weissesoder blaues Hintertheil oder Leudentheil: sie variirt auch gering in der Grösse des Schnabels und Körpers. Haustauben, welche, wie Niemand bestreitet, von einer oder mehreren der oben genannten wilden Formen abstammen, bieten einen ähnlichen aber noch grösseren Umfang von Variationen im Gefieder, in der Körpergrösse und in der Länge und j Dicke des Schnabels dar. Zwischen der blauen und weissen Fär- I bung des Hintertheiles und der Temperatur des sowohl von der ' wilden als der Haustaube bewohnten Landes scheint irgend eine Beziehung zu bestehen; denn fast alle Haustauben im nördlichen Europa haben ein weisses Hintertheil, wie die wilde europäische seription of the Coast of Guinea p. 215, 1746 als ziemlich zahlreich erwähnt dem Namen, den sie führen, zu Folge, sollen sie eingeführt worden sein.

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G. Cup. Deren Abstammung. 231 Felstaube mul fast alle Haustauben von Indien haben ein blaues Hinter- tlieil. wie das der wilden C. intermedia von Indien. Da sieh gezeigt hat, dass in verschiedenen Ländern die wilde Felstaube leicht zu zähmen ist, so scheint es äusserst wahrscheinlich, dass die Haustauben über die ganze Welt die Nachkommen von mindestens zwei und vielleicht mehreren wilden Stammformen sind. Aber diese können, wie wir eben gesehen haben, nicht für von einander specifisch verschieden angesehen werden. In Bezug auf dasVariiren von C. lirta  können wir ohne Furcht vor Widerspruch noch einen Schritt weiter gehen. Diejenigen Taubenzüchter. welche glauben, dass alle Hauptrassen, wie Botentauben, Kröpfer, Pfauentauben u. s. w. von distincten Stammformen herrühren, geben doch zu. dass die sogenannten Spieltauben, welche von der Felstaube mit Ausnahme der Färbung nur wenig abw eichen, von diesem Vogel abstamnmn. Unter Spieltauben versteht man solche Vögel, wie Blässtauben, Nonnen, Helmtauben, Schwalbenlauben, Priester, Mönche, Porzellantauben, Schwaben, Gimpeltauben (Neu ineis  t e r),  Schildtauben und andere in Europa und viele andere in Indien. Es würde indess ebenso kindisch sein anzunehmen, dass alle diese Vögel von ebensoviel distincten wählen Stämmen abstammen, als zu glauben, dass dies mit den vielen Varietäten der Stachelbeeren, des Stiefmütterchens oder der Georginen der Fall wäre. Doch züchten alle diese Tauben rein und viele von ihnen bieten Subvarietäten dar,  welche gleichfalls ihren Character echt fortpflanzen. Sie weichen von einander und yon der Felstaube bedeutend im Gefieder ab, geringer in der Grösse und den Proportionen des Körpers, in der Grösse der Fiisse und der Länge und Dicke ihrer Schädel. Sie weichen in diesen Beziehungen mehr von einander ab, als es Haustauben thun. Wenn wir auch getrost annehmen können, dass die letzteren, welche nur unbedeutend, und dass die Spieltauben, welche in Übereinstimmung mit ihrem höher domesticirten Zustande in einem höheren Grade variiren, von der C. Heia  abstammen (wobei wir unter diesem Namen wieder die oben aufgezählten wilden geographischen Rassen einschliessen), so wird die Frage doch bei weitem schwieriger, wenn wir die elf Hauptrassen in Betracht ziehen, von denen die meisten so eingrei-

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 Domesticirte Tauben. 6. Cap. fend nodificirt worden sind. Es llisst sich indess durch indirecte Beweise von einer vollständig bindenden Kraft zeigen, dass diese Haup'.rassen nicht von ebensoviel wilden Stammen abstammeii; und wird dies einmal zugegeben, so wird man kaum bestreiten, dass sie die Nachkommen von C. Uvia  sind, welche mit ihnen in Lebensweise und den meisten Merkmalen so nahe übereinstimmt, welche im Naturzustände variirt und welche sicher einer bedeutenden Va- riatioi unterlegen ist. ähnlich wie bei den Spieltauben. Wir werden übrigens sofort sehen, wie ausserordentlich günstig die Umstände waren ;ur bedeutenden Modification der sorgfältiger gepflegten Rassen. Die Gründe, welche uns zu dem Schluss veranlassen, dass die verschiedenen Hauptrassen nicht von so vielen ursprünglichen und unbekannten Stammformen herrühren, lassen sich unter die folgenden sechs Punkte bringen. Erstens:  Sind die elf Hauptrassen nicht durch Variation irgend einer Species in Verbindung mit deren geographischen Rassen entstanden, so müssen sie von mehreren äusserst verschiedenen Stammarten abstammen; denn keine noch so ausgelehnte Kreuzung zwischen nursechs oder sieben wilden Formen könnte Rassen produciren, die so distinct sind, wie Kröpfer, Boten- taubei, Runt-Tauben, Pfauentauben, Möven, kurzstirnige Burzier, Jaeobner und Trommeltauben. Wie könnte z. B. eine Kreuzung einen Kröpfer oder eine Pfauentaube erzeugen, wenn nicht die beiden aigenommenen Stammeltern die merkwürdigen Charactere dieser Rissen besessen haben. Ich weiss wohl, dass manche Natur- forscler mit Pallas  glauben, dass die Kreuzung eine starke Neigung zuin: Variiren hervorbringt, unabhändig von den von beiden Elterr vererbten Charaeteren. Sie glauben, dass es leichter sein würde, einen Kröpfer oder eine Pfauentaube aus einer Kreuzung zweier distincter Arten zu erziehen, von denen keine die Charactere diesei Rassen besässe, als von irgend einer einzelnen Art. Ich kann nur wenig Thatsachen finden, die diese Theorie unterstützen und glaubf nur in einem sehr beschränkten Grade an sie. In einem späteien Capitel werde ich aber auf den Gegenstand zurückzukommen laben. Für unsern vorliegenden Zweck ist der Punkt ohne Be- deutuig. Die uns hier interessirende Frage ist, ob viele neue und

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6. Cap. Deren Abstammung. 233 wichtige Charactere seit der Zeit, wo der Mensch zuerst die Taube domesticirte, entstanden sind oder nicht. Nach der gewöhnlichen Ansicht ist Variabilität Folge veränderter Lebensbedingungen; nach der Pallas'schen Theorie ist die Variabilität oder das Auftreten neuer Charactere Folge gewisser mysteriöser Wirkungen der Kreuzung von zwei Arten, von denen keine die in Rede stehenden Merkmale besass. In einigen wenigen Fällen ist es wohl glaublich, in- dess aus verschiedenen Gründen nicht wahrscheinlich, dass gut gezeichnete Rassen durch Kreuzung gebildet worden sind. So könnte z. B. eine Barb-Taube aus einer Kreuzung einer langschnäbligen Botentaube mit grossen Augenlappen und irgend einer kurzschnäb- ligen Taube entstanden sein. Dass viele Rassen durch Kreuzung in einem gewissen Grade modificirt worden sind und dass gewisse Varietäten, welche nur durch eigenthümliche Färbungen unterschieden sind, aus Kreuzungen zwischen verschieden gefärbten Varietäten entstanden sind, kann als beinah sicher zugegeben werden. Nach der Theorie nun, dass die Hauptrassen ihre Verschiedenheiten der Abstammung von distincten Arten verdanken, mussten wir armeh- irien, dass wenigstens acht oder neun oder wahrscheinlicher ein Dutzend Species alle mit derselben Gewohnheit auf Felsen zu leben und zu brüten und in Gesellschaft zu leben entweder jetzt irgendwo existiren oder früher existirt haben. jetzt aber als w ilde Vögel aus- gestorben sind. Wenn man aber bedenkt, mit w elcher Sorgfalt wilde Tauben auf der ganzen Erde gesammelt worden sind und wie auffällige Vögel die Tauben, besonders wenn sie auf Felsen wohnen, sind, so ist es äusserst unwahrscheinlich,, dass acht oder neun Species, welche seit langer Zeit domesticirt sind und daher irgend welches schon lange bekannte Land bewohnt haben müssen, noch in wildem Zustande existiren und den Ornithologen unbekannt sind. Die Hypothese, dass solche Species früher existirten, aber ausgestorben sind, ist um ein wenig wahrscheinlicher. Das Aussterben aber so vieler Arten innerhalb der historischen Zeit ist eine kühne Hypothese, wenn man sieht, wie gering der Einfluss des Menschen auf die Ausrottung der gemeinen Felstaube, welche in allen Eigen- thtimlichkeiten der Lebensweise mit den Hausrassen übereinstimmt, gewesen ist. Die C. livia  existirt und gedeiht jetzt auf den kleinen nörd-

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 Domesticirte Tauben. C. Cap. lieh gelegenen Färöern, auf vielen Inseln an der schottischen Küste, auf Sardinien, auf den Küsten des Mittelmecres und im Centrum von Indien. Züchter haben zuweilen geglaubt, dass die verschiedenen imaginären Stammarten ursprünglich auf kleine Inseln beschränkt vvarer und so leicht vertilgt worden sein können. Die eben angeführten Thatsachen begünstigen unless die Wahrscheinlichkeit ihres Aussterbens selbst auf kleinen Inseln nicht. Nach dem, was wir über die Verbreitung der Vögel wissen, ist es auch nicht wahrscheinlich, dass die Inseln in der Nähe von Europa von eigenthümlichen Arten von Tauben bewohnt gewesen sein sollen, und wenn wir annehmen, dass weit entfernte oceanische Inseln die Heimathsorte der imaginären Stamr.iarten gewesen w ären, so müssen w ir uns daran erinnern, dass die Rtisenin alter Zeit übertrieben langsam waren und dass damals die SchifTe sehr schlecht mit frischer Nahrung versorgt waren, so dass es nicht leicht gewesen wäre, lebende Vögel mit nach Hause zu nehmen. Ich sage Reisen in alter Zeit, denn beinah alle Rassen der Tauben waren schon vor dem Jahre 1600 bekannt, so dass die an- genomnenen w ilden Arten vor diesem Datum gefangen und domesti- cirt worden sein mussten. Zweitens. — Die Theorie, dass die hauptsächlichsten dome- sticirUn Rassen von mehreren ursprünglichen Arten abstammen, enthäl. die Annahme, dass mehrere Arten früher so vollständig do- mesticirt w orden sind, dass sie in der Gefangenschaft sich ordentlich fortpflmzten. Wenn es nun auch leicht ist. die meisten w ilden Vögel zu zahnen, so zeigt uns doch die Erfahrung, dass es schwer ist. sie in derGefangenschaft ordentlich zum Brüten zu bringen, wenn auch zuzugfben ist, dass dies bei Tauben weniger schwierig als bei den meisttn andern Vögeln ist. Während der letzten zwei- oder drei- hunde't Jahre sind viele Vögel in Vogelhäusern gehalten worden, aber ktuin einer ist unserer Liste gezähmter Arten hinzuzufugen, und chch müssten wir nach dei obigen Theorie annehmen, dass vor langer Zeit beinah ein Dutzend Taubenarten, die jetzt in wildem Zustarde unbekannt sind, völlig domesticirt worden seien. Tritten  s. — Die meisten unserer domesticirten Thiere sind in verschiedenen Theilen der Erde verw ildert, indess Vögel offenbar w'egen des theilweisen Verlustes des Flugvermögens weniger oft

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6 Cap. Deren Abstammung. 233 als Säugethiere. Nichtsdestoweniger habe ich Berichte gefunden, welche zeigen, dass das Haushuhn in Südamerika und vielleicht auch in Westafrika, ebenso auf verschiedenen Inseln verwildert ist. An den Ufern des Parana war der Truthahn eine Zeit lang fast verwildert und das Perlhuhn ist auf Ascension und Jamaika vollständig wild geworden. Auf der letzteren Insel ist der Pfau gleichfalls "ausgesetzt worden". In Norfolk wandert die gemeine Ente von ihrer Heimath aus und wird fast wild. Bastarde von der gemeinen und Moschus-Ente, die wild gew orden waren, sind in Nordamerika . Belgien und in der Nähe des Caspi-Sees geschossen worden. T)ie Gans ist, wie man sagt, in La Plata verwildert. Die gemeine Haustaube ist auf Juan Fernandez, auf der Norfolk-Insel, Ascension, wahrscheinlich in Madeira, an den Küsten von Schottland und wie man behauptet, an den Ufern des Hudson in Nordamerika 18 wild geworden. Aber wie verschieden sind diese Fälle von den elf Haupt-Taubenrassen, welche nach der Annahme mehrerer Autoren von ebenso vielen distincten Arten abstammen. Nicht einer von ihnen hat je behauptet, dass irgend eine dieser Rassen in irgend einem Theil der Erde wild gefunden worden ist, und doch sind sie überall hin transportirt worden und einige von ihnen müssten zu- ls  In Bezug auf verwilderte Tauben auf Juan Fernandez s. Bertero in: Annal. des Scienc. nat. T. XXI. p. 351. auf der Norfolk-Insel s. E. S. Dixon in the Dovecote, 1851. p. 14, nach der Autorität Air. Gou Id's. In Bezug auf Ascension berufe ich mich auf handschriftliche, mir von Air. Layard  gegebene Alittheilungen. Wegen der Ufer des Hudson s. Blyth, in: Ann. of nat. hist. Vol. XX, 1857, p. 511; wegen Schottlands s. Alac- gillivray.  British Birds, Vol. I, p. 275, auch Thompson, Nat. history of Ireland. Birds. Vol. II, p. 11. Wegen der Ente s. E. S. Dixon.  Ornamental Poultry, 1847, p. 122. In Bezug auf die verwilderten Bastarde der gemeinen und AIosehus-Ente s. Audubon, American Ornithology und Se- lys-Longchamps.  Hybrides dans Ia famille des Auatides. In Bezug auf Gänse s. Isid. Geoffroy St. Hilaire,  hist. nat. gen. Tom. III. p. 498; in Bezug auf Perlhühner s. Gosse, a naturalist's sojourn in Jamaica, p. 124 und ausführlicher in seinen Birds of Jamaica. Ich habe das wilde Perlhuhn auf Ascension gesellen. In Bezug auf den Pfau s. A week at Port Royal von R. Hill,  einer competenten Autorität, p. 42. In Bezug auf den Truthahn verlasse ich mich auf mündliche Alittheilungen; ich überzeugte mich, dass es keine Cnrassaos waren. In Bezug auf Hühner werde ich die Nachweisungen im nächsten Capitel gehen.

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 Domesticate Tauben. 6. Cap. rück n die ursprüngliche Heimath gelangt sein. Nach der Ansicht, dass alle die Rassen Erzeugnisse des Variirens sind, können wir verstehen, «oberes kommt, dass sie nicht verwildert sind; denn der bedeutende Grad von Modification, den sie erlitten haben, zeigt uns, wie Enge und wie vollkommen sie domestieirt worden sind und dies würde sie unfähig machen in völlig wildem Zustande zu leben. Viertens. — Nimmt man an, dass die characteristischen Verschiedenheiten zwischen den verschiedenen domestieirten Rassen die Folge einer Abstammung von verschiedenen Stammarten sind, so missen wir schliessen, dass der Mensch in alten Zeiten entweder unabsichtlich oder durch Zufall eine Anzahl äusserst abnormer Tauben zur Domestication auswählte; denn dass Species, welche solchen Vögeln, wie Kröpfern, Pläuentauben, Botentauben, Barb- Tauben, kurzstirnigen Burzlern, Möven u. s. w. gleichen, im Vergleich mit allen existirenden Gliedern der grossen Taubenfamilie im höchsten Grade abnorm sein würden, lässt sich nicht bezweifeln. Wir iriissten daher glauben, dass es dem Menschen früher nicht bloss gelang, änsserl abnorme Species völlig zu domestieiren, sondern auch, lass dieselben Arten seitdem alle ausgestorben oder wenig- stens ;etzt unbekannt sind. Dieser doppelte Zufall ist so äusserst unwahrscheinlich, dass die Annahme der Existenz so vieler abnormer Arten eine Unterstützung durch die stärksten Zeugnisse bedürfte. Stammen auf der andern Seite alle Rassen von der C. livia ab, so können wir, wie hernach ausführlich erklärt werden wird, wohl ^erstehen , woher es kommt, dass jede geringe Abweichung des Bfues nach ihrem ersten Auftreten beständig durch Erhaltung der an stärksten ausgezeichneten Individuen vergrössert worden sein würde; und da die Wirkung der Zuchtwahl nach der Liebhaberei des Menschen angewandt worden sein würde und nicht zum Bester des Vogels selbst , so würde die Anhäufung solcher Abweichungen sicher im Vergleich mit dem Bau der Tauben im Naturzustand von abnormer Art gewesen sein. bh habe bereits die merkwürdige Thatsache erwähnt, dass die characeristischen Verschiedenheiten zwischen den hauptsächlichsten domes icirten Rassen äusserst variabel sind. Wir sehen dies deutlich in der grossen Verschiedenheit der Zahl der Schwanzfedern bei

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6. Ca]). Deren Abstammung. 237 der Pfauentaube, in der Entwickelung des Kropfes bei den Kröpfern, in der Lange des Schnabels bei Burzlern, in der Entwickelung der Hautlappen bei Botentauben u. s. w. Sind diese Cliaractere das Resultat durch Zuchtwahl gehäufter succesiver Variationen, so können wir einsehen, warum sie so variabel sind; denn es sind dies eben die Tlieile, welche seit der Domestication der Taube variirt haben und welche daher gern noch variiren. Ferner sind diese Variationen neuerdings durch Zuchtwahl des Menschen angehäuft worden und werden es noch; sie sind daher noch nicht fest fixirt worden. Fünftens. —  Alle domesticirten Rassen paaren sich leicht und, was von gleicher Bedeutung ist, ihre Bastardnachkommen sind völlig fruchtbar. Um diese Thatsache sicher zu stellen. habe ich viele Versuche gemacht, welche in der Anmerkung hierunten mit- getheilt werden; und neuerdings hat Mr. Te ge tin ei er ähnliche Versuche gemacht und dieselben Resultate erhalten ,9 . 19  Ich habe eine lange Tabelle über die von Züchtern angestellten Kreuzungen zwischen den verschiedenen domesticirten Rassen ausgezogen, halte aber deren Veröffentlichung für nicht der Mühe werth. Zu demselben Zweck habe ich selbst viele Kreuzungen gemacht; sie waren alle vollkommen fruchtbar. Ich habe an einem Vogel fünf der distinctesten Rassen vereinigt , und ohne Zweifel würde ich mit Geduld sie haben alte vereinigen können. Dass fünf distiucte Rassen ohne Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit zu verschmelzen waren, ist von Bedeutung, weil Gärtner  gezeigt hat, dass es eine sehr allgemeine, wenn auch nicht universelle Regel ist, dass complicirte Kreuzungen zwischen mehreren Rassen äusserst steril sind. Mir sind nur zwei oder drei Berichte vorgekommen über Sterilität der Nachkommen gewisser Rassen nach der Kreuzung. Bist or (das Ganze der Feld- Taubenzucht, 1831, p. 15) behauptet, dass Bastarde von Indischen (Barb-) und Pfauentauben unfruchtbar seien: ich habe bewiesen, dass dies ein Irrthum ist und zwar nicht bloss dadurch, dass ich derartige Hybride mit mehreren andern Hybriden gleicher Abstammung kreuzte, sondern durch die noch viel strengere Probe, dass ich Bruder und Schwester derselben unter sich  paarte und sie vollkommen fruchtbar fand. Temminck  hat (Hist, nat. gen. des Pigeons, Tom. I, p. 197) angegeben, dass die Möven- oder Eulentaube sich nicht leicht mit andern Rassen kreuzte. Meine Möven kreuzten sich aber, wenn sie freigelassen wurden, leicht mit Mandelburzlern und mit Trommeltauben; dasselbe ist (E. S. Dixon,  The Dovecot, p. 107 ) zwischen Möven-, Haustauben und Nonnen vorgekommen. Ich habe Möven mit Barben gekreuzt, ebenso Mr. Boitard ( p. 34), welcher angibt, die Hybride wären sehr fruchtbar. Hybride von einer Möven- und einer Pfauentaube sind unter einander fruchtbar gewesen (Riedel,  Taubenzucht und

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 Domesticirte Tauben. 6. Cap. Der ;u verlässige N e 11 me i s te r 20 führt an. dass wenn Haus- taubei mit Tauben irgend einer andern Rasse gekreuzt- werden, die Basta-de äusserst fruchtbar und kräftig sind. R o i t a r d und Co r- bie 2  versichern nach ihrer ausgedehnten Erfahrung, dass bei Kreuzung on Tauben, je distincter die Rassen sind, die Bastardnaeh- komnen um so productiver sind. Ich gebe zu, dass die zuerst von Pal Its aufgestellte Theorie, wenn auch nicht wirklich bewiesen, doch sehr wahrscheinlich ist, nämlich dass nahe verwandte Species, welclu im Naturzustände oder frisch eingefangen bei der Kreuzung in eimm gewissen Grade steril gewesen sein würden, diese Sterilität in lange andauernder Domestication verlieren. Betrachten wir indes. 1  die grosse Verschiedenheit zwischen derartigen Rassen, wie Kröpbr, Botentauben, Runt-Tauben, Pfauentauben, Möven, Burzlern u. s. v., so wird die Thatsache ihrer vollkommenen oder selbst ver- grössfrten Fruchtbarkeit bei Kreuzungen in der complicirtesten Art ein stirker Beweis zu Gunsten der Annahme ihrer Abstammung von einer einzelnen Art. Dieses Argument wird noch viel stärker, wenn wir htren (ich füge in einer Anmerkung 22  alle die Fälle bei, welche Beeil stein, Naturgeschichte Deutschlands, Bd. IV, p. 44). Möventauben sind (liedel, p. 26) mit Kröpfern und Jacobinern und mit einer hybriden Tromnel-Jacobiner (Riedel, p. 27) gekreuzt worden. Der letztgenannte Schriftsteller hat allerdings einige ganz allgemeine Angaben (p. 22) über die Unfrucitbarkeit der Möventauben nach Kreuzungen mit gewissen andern gekremten Zuchten gemacht. Ich zweifle aber nicht daran, dass die Er- klärun:, welche E. S. Dixon von solchen Angaben gibt, correct ist, wonach nimlich individuelle Vögel von Möventauben und andern Rassen ge- legentlch steril sind. 20  Das Ganze der Taubenzucht p. 18. 21  Les Pigeons etc. p. 35. 22  Domesticirte Tauben paaren sich leicht mit der verwandten <oenas (Bechitein, Naturgesch. Deutschlands, Bd. IV, p. 3); Mr. Brent hat dieselb) Kreuzung mehreremale in England gemacht; die Jungen aber pflegten, venn sie ungefähr zehn Tage alt waren, zu sterben. Einen Bastard (von C oenas  und einer Antwerpuer Botentaube) zog er auf und paarte ihn mit eiiem Dragon; er legte aber nie Eier. Bechsteiu  führt ferner an (p. 26) dass domesticirte Tauben sich wohl mit C. palumbus, Tortur ri- soria  uid T. vulgaris  kreuzen; von der Fruchtbarkeit der Hybride sagt er abe- nichts, und dies würde jedenfalls erwähnt worden sein, wäre die Thatsabe ermittelt worden. Im Zoologischen Garten (nach einem hand- schriftlchen Bericht Mr. James Hunt's) paarte sich ein männlicher Ba-

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0. Cap. Deren Abstammung. 239 ich sammeln konnte), 'lass kaum ein einziges wohl beglaubigtes Beispiel bekannt ist, dass Hybride zwischen zwei guten Species von Tauben, sei es unter sich, oder selbst bei der Kreuzung mit einer ihrer reinen elterlichen Formen fruchtbar gewesen wären. Sechstens. —  Wenn wir gewisse wichtige characteristische Verschiedenheiten ausnehmen, so stimmen die Hauptrassen sowohl unter einander als mit der C. livia  in allen übrigen Beziehungen streng überein. Wie bereits bemerkt, sind alle ausserordentlich gesellig: alle verschmähen es auf Bäumen zu sitzen und zu wohnen stard von Turtiir vulgaris und eine Haustaube »mit mehreren verschiedenen Tauben; von den gelegten Eiern war aber keines gut.« Bastarde von C. oenas und gyninophthalmos waren steril. In Loudon's Mag. of nat. hist. Yol. VII, 1834, p. 154 wird erzählt, dass ein männlicher Bastard (von Turtur vulgaris, Männchen und der rahmfarbigen T. risoria, Weibchen) sich mehrere Jahre hindurch mit einer T. risoria gepaart habe; die letztere legte viele Eier, die aber alle steril waren. Boitard und Corbie (Les Pigeons etc, p. 235) führen an, dass Bastarde von diesen beiden Turteltauben unveränderlich sowohl unter sich als mit beiden Elternformen steril seien. Das Experiment wurde von Mr. Corbie »avec une espece destination« angestellt; ebenso von Mr. Mauduyt und Mr. Vieillot. Auch Temminck  fand die Bastarde dieser beiden Arten vollkommen unfruchtbar. Wenn daher Bec liste in ( Naturgesch. Deutschlands, Bd. IV, p. 101) behauptet, dass die Bastarde dieser beiden Turteltauben unter einander sich ebenso gut wie eine Species fortpüanzen, und wenn ein Schriftsteller in dem Journal »Field« (in einem vom 10. Nov. 1858 datirten Briefe) eine ähnliche Behauptung macht, so scheint doch ein Missverständnis vorzuliegen. Worin dies aber liegt, weiss ich nicht, da doch jedenfalls wenigstens Beeil stein die weisse Varietät der T. risoria gekannt haben muss. Es würde eine Thatsache ohne Gleichen sein, wenn dieselben zwei Species zuweilen äus- serst  fruchtbare, zuweilen äusserst  unfruchtbare Nachkommen erzeugten. In dem handschriftlichen Bericht aus dem Zoologischen Garten wird angegeben , dass Hybride von Tartar vulgaris und suratensis und von T. vulgaris und Eclopistes migralorius steril seien. Zwei der letzteren hybriden Männchen paarten sich mit ihrer reinen mütterlichen Form, nämlich Tortur vulgaris und Eclopistes, ebenso mit T risoria und mit Columba oenas. Es wurden viele Eier gelegt, sie waren aber alle unfruchtbar. In Paris Isid. Geoffroy St. Hilaire,  Hist. nat. gen. T. III, p. 180) sind Bastarde von Tortur auritus mit T. cambayetisis und mit T. suratensis erzogen worden; über ihre Fruchtbarkeit wird aber nichts gesagt. Im Zoologischen Garten in London erzeugten Goura coronata und victoriae einen Bastard, welcher sich mit der einen G. coronatu paarte und mehrere Eier legte; diese zeigten sich aber unfruchtbar. Im Jahr 1860 erzeugten Columba gyninophthalmos und maculosa Hybride in demselben Garten.

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 Domesticirte Tauben. 6. Cap. und dirt ihr Nest zu bauen. Alle legen zwei Eier, trotzdem dies keine allgemeine Regel für die Columbiden ist- alle brauchen, so viel idi erfahren habe, dieselbe Zeit zum Ausbrüten ihrer Eier, alle ertragen dieselbe grosse Verschiedenheit des Klima's, alle lieben diesebe Nahrung und sind für Salz passionirt, alle zeigen (mit Ausnahm; des Finnikins und Drehers, welche in allen andern Characte- ren ncht sehr abweichen) dieselben eigenthümlichen Manieren, wenn sie si;h paaren wollen und alle (mit Ausnahme der Trommel- und Lachtiuben, welche gleichfalls in allen andern Characteren nicht ab- weiclen) girren in derselben eigenthümlichen Weise ungleich der Stimne irgend einer andern wilden Taube. Alle gefärbten Rassen besitzen denselben eigenthümlichen Metallglanz auf der Brust, ein durclaus bei Tauben nicht allgemeiner Character. Jede Rasse bietet nahem ähnliche Farbenvariationen dar und bei den meisten Rassen findet sich auch die sonderbare Correlation zwischen der Entwickelung les Dunenkleides der Jungen und der späteren Färbung des Gefieiers. Bei allen ist die proportionale Länge ihrer Zehen und ihrer Schwungfedern erster Reihe nahezu dieselbe, Merkmale, welche in dei verschiedenen Gliedern der Columbiden sehr leicht differiren. Bei dmjenigen Rassen, welche irgend eine merkwürdige Abweichung der Structur darbieten, wie im Schwanz der Pfauentauben, im Kiopf der Kröpfer, im Schnabel der Bolentauben und Burzier u. s. v., bleiben die übrigen Theile beinahe unverändert. Alle Zoologen werden nun zugeben, dass es kaum möglich ist, in irgend einer Familie ein Dutzend natürlicher Arten auszuwählen, w elche in der L;bensweise und im allgemeinen Bau streng übereinstimmen und nir in ein Paar Characteren bedeutend abweichen. Durch die Theode der natürlichen Zuchtwahl wird diese Thatsache erklärlich; denn jede successive Modification des Baues in jeder natürlichen Specbs wird nur deshalb erhalten, weil sie von Nutzen ist; und werdtn solche Modificationen gehäuft, so bedingen sie eine grosse Veräiderung in der Lebensweise und dies wieder führt sicher zu ändert Veränderungen des Baues und der ganzen Organisation. Sind auf der andern Seite die verschiedenen Taubenrassen vom Mensthen durch Zuchtwahl und Variation entstanden, so können wir Dicht einsehen, woher es kommt, dass sie einander in der

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C. Cap. Rückschlag in der Färbung. 241 Lebensweise und in allen jenen Characteren noch übereinstimmen, welche der Mensch nicht zu niodificiren versucht hat, wahrend sie in den Theilen, die ihm in die Augen fielen oder für die er eine Liebhaberei hatte, in so fabelhaftem Grade abweichen. Ausser den oben aufgezählten Punkten, in denen alle domesti- eirten Rassen einander und der C. livia  ähnlich sind, gibt es noch einen, der besondere Beachtung verdient. Die Felstaube hat eine schieferblaue Färbung, die Flügel tragen zwei quere schwarze Binden, das Hintertheil variirt in der Färbung und ist bei den europäischen Tauben meist weiss, bei den indischen blau. Der Schw anz hat nahe am Ende eine schwarze Binde und die äusseren Strahlen der äusseren Schwanzfedern sind mit Ausnahmen der Spitzen weiss gerändert. Diese Charactere finden sich in keiner wilden Taube mit Ausnahme der C. livia  combinirt. Ich habe sorgfältig die grosse Sammlung von Tauben' im britischen Museum durchgegangen und finde, dass eine dunkle Binde am Ende des Schwanzes häufig ist, dass die weissen Bänder der äusseren Schwanzfedern nicht selten sind, das weisse Hintertheil ist aber äusserst selten und die zwei schwarzen Binden auf den Flügeln kommen in keiner andern Taube vor, mit Ausnahme der alpinen C. leuconota  und C, rupestris.  aus Asien. Wenden w ir uns nun zu den domesticirten Rassen, so ist es äusserst merkwlirdig, dass, wie mir ein ausgezeichneter Züchter, Mr. Wi eking, mittheilt, sobald in irgend einer Rasse ein blauer Vogel auftritt, die Flügel fast unveränderlich die doppelten schwarzen Binden darbieten 23 . Die Schwungfedern erster Reihe mögen weiss oder schwarz, der ganze Körper mag von irgend einer Farbe sein, sind aber die Flügeldeckfedern allein blau, so treten sicher die 23  Von dieser Regel gibt es eine Ausnahme, nämlich eine Subvarietät der Schwalbentaube deutschen Ursprungs, welche Neumeister abbildete und die mir Mr. Wicking  gezeigt hat. Der Vogel ist blau, hat aber nicht die schwarzen Flügelbindeu; für unseren Zweck, die Abstammung der Hauptrassen zu verfolgen, bedeutet aber diese Ausnahme um so weniger, als die Schwalbentaube im Bau der C. lieia  sehr nahe kommt In vielen Subvarietäten sind die schwarzen Binden durch verschieden anders gefärbte Binden ersetzt. Die Abbildungen Neumeister's  reichen hin um zu zeigen, dass wenn die Flügel allein blau sind, auch die schwarzen Flügelbinden erscheinen. DAKWIN, Erster Theil. 16

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 Domesticirte Tauben. (i. Cap. beiden schwarzen Binden auf. Blaue Vög-el mit schwarzen Binden auf den Flügeln mit entweder weissem oder sehr blassem oder dunkelblauem Hintertheil, mit einem am Ende eine schwarze Bindezeigenden Schwänze und mit aussen weiss oder sehrblass geränderten äusseren Federn, habe ich hei den folgenden Bassen, welche, wie ich in jedem Falle sorgfältig untersuchte, völlig rein zu sein schienen, seihst gesehen, oder von ihrem Auftreten zuverlässiges Zeugniss erhalten, wie ich unten mittheile 24 : nämlich hei Kröpfern, l'fauen- tauben. Burzlern. Jacobinern. Möven, Barben, Botentauben, Runt- Tauben von drei verschiedenen Varietäten, Trommeltauben, Schwalben und in vielen andern Spieltauben, welche, da sie nahe mit C. -?* Blaue Vögel mit alle den oben erwähnten Zeichnungen, welche rein gezüchtet zu sein schienen und auf verschiedenen Ausstellungen zu sehen waren, habe ich in den folgenden Rassen beobachtet: Kröpfer mit der doppelten schwarzen Flügelbinde. mit weissem Hintertheil. dunkler Rinde am Ende des Schwanzes und weiss geränderten äussern Schwanzfedern; Möven- tauben mit allen diesen selben Merkmalen; Pfauentaubeu mit denselben, nur war das Hintertheil bei einigen bläulich oder rein blau; Mr. Wie king zog blaue Pfauentauben von zwei schwarzen Vögelu; Botentauben (mit Einschluss der Bagadotten von Neu meiste  r) mit allen Zeichnungen; zwei Vögel, welche ich untersuchte, hatten weisse, zwei blaue Hintertheile; die weisse Bänderung au den äussern Schwanzfedern war nicht bei allen vorhanden. Mr. Corker, ein bedeutender Züchter, sagt, dass wenn man schwarze Bo- teulauben viele Generationen hintereinander paart, die Nachkommen erst aschfarben und dann blau mit schwarzen Flügelbindeu weiden. Ruut-Tau- ben der gestreckten Rasse hatten dieselben Zeichnungen, doch war das Hintertheil blassblau; die äussern Schwanzfedern hatten weisse Ränder. Neumeister  bildet eine grosse Florentiner (Runt-) Taube ab, blau mit schwarzen Binden. Jacobiner sind sehr selten blau; ich habe aber authentische Berichte von wenigstens zwei Fällen, in denen die blaue Varietät mit schwarzen Binden in England vorgekommen ist. Mr. Brent bat blaue Jacobiner von zwei schwarzen Vögeln gezogen. Ich habe gemeine, sowohl Indische als Englische, und kurzstiruige Burzier gesehen, welche blau waren, schwarze Elügelbinden, eine schwarze Binde am Schwanzende und die äus- seru Schwanzfedern weissgeräudert hatten; das Hintertheil war bei allen blau oder äusserst blassblau, aber niemals absolut weiss. Blaue Barb- und Trommeltauben scheinen excessiv selten zu sein; doch bildet Neumeister, dem man unbedenklich trauen darf, von beiden blaue Varietäten mit schwarzen Flügelbinden ab. Mr. Brent sagt mir. dass er eine blaue Barb-Taube gesehen habe; uud Mr. H. Weir  erzog einmal, wie mir Mr. Tegetmeier mittheilte, eine Silberbarbtaube (d. h. eine sehr blassblaue) von zwei gelben Vögeln.

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<3. Cap. Rückschlag in tier Färbung. 243 Heia  verwandt sind, des Aufzählens nicht werth sind. Wir sehen daher, dass in rein gezüchteten Rassen aller Art, die man in Europa kennt, gelegentlich blaue Vögel anftreten, welche alle die die C. livia  characterisirenden Zeichnungen tragen, die in keiner andern wilden Art Vorkommen. Mr. ßlyth  hat in Bezug auf die verschiedenen domesticirten Rassen, die in Indien bekannt sind, dieselbe Beobachtung gemacht. Gewisse Variationen im Gefieder sind bei der wilden C. Urin, bei Haustauben und bei allen am höchsten modificirten Rassen in gleicher Weise gemein. So variirt bei allen das Hintertheil von weiss bis blau, in Europa ist es am häufigsten weiss, in Indien sehr allgemein blau 1 °.  M ir sehen, dass die wilde C. liria  in Europa und Haustauben in allen Theilen der Erde oft die oberen Flügeldecken mit schwarz gefeldert haben und sämmtliche distincteste Rassen sind, wenn sie blau sind, gelegentlich in genau derselben Art gefeldert. So habe ich Kröpfer, Pfauentauben, Botentauben, Möveu, Burzier (indische und englische), Schwalbentauben, Kahlköpfe und andere. Spieltauben blau und gefeldert gesehen und Mr. Esquil ant hat eine gefelderte Runt-Taube gesehen. Von rein blauen Burzlern erzog ich einen gefelderten Vogel. Die bis jetzt gegebenen Thalsachen beziehen sich auf das gelegentliche Auftreten blauer Vögel mit schwarzen Flügelbinden und ebenso blauer und gefelderter Vögel in reinen Rassen. Wir w erden aber nun sehen, dass, wenn zwei, distinctcn Rassen angehörende Vögel gekreuzt werden, von denen keiner eine Spur von blau in ihrem Gefieder oder eine Spur von Flügelbinden und die anderen characteristischen Zeichnungen besitzt , noch wahrscheinlich viele Generationen hindurch besessen hat, sie sehr häufig Bastardnach- 23 Mr. Blytti tkeilt mir mit, dass alle domesticirten Rassen in Indien das Hintertheil blau haben. Doch ist dies nicht ausnahmslos der Fall; ich besitze eine sehr blassblaue Simmali-Taube mit vollkommen weissem Hintertheil, welche mir SirW. Elliot aus Madras geschickt hat. Eine schieferblaue und gefelderteNakschi-Taube hat nur am Hintertheil einige weisse Federn. Bei einigen andern Tauben aus Indien waren nur einige wenige weisse Federn auf das Hintertheil beschränkt, dasselbe habe ich bei einer Botentaube aus Persien beobachtet. Die Java-Pfauentaube (nach Amoy importirt und von dort mir zugesandt) hatte ein vollständig weisses Hintertheil. 16*

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 Domesticirte Tauben. 6. Cap. kommen erzeugen von blauer Färbung, zuweilen gefeldert mit schwarzen Flügelbinden u. s. I'., oder wenn sie nicht blau sind doch mit mehr oder weniger deutlich entwickelten characteristischen Zeichnungen. Ich wurde darauf geführt, diesen Gegenstand zu untersuchen, als Boitard und Corbie 26  behauptet haben,dass inan aus Kreuzungen gewisser Rassen nur selten etwas anderes erhält, als wilde oder Haustauben, welche, wie wir wissen, blaue Vögel mit den gewöhnlichen characteristischen Zeichnungen sind. Wir werden später sehen, dass dieser Gegenstand, abgesehen von unserem jetzigen Zweck, beträchtliches Interesse darbietet, so dass ich die Resultate meiner eigenen Versuche ausführlich mittheilen werde. Ich wählte zum Versuche Rassen, welche rein gezüchtet sehr selten Vögel von blauer Färbung oder mit Binden auf ihren Flügeln und Schwanz erzeugen. Die Nonne ist weiss mit einem schwarzen Kopf, Schwanz und schwarzen Schwungfedern erster Reihe. Es ist dies eine Rasse, welche bereits 1601) entstanden war. Ich kreuzte eine männliche Nonnentaube mit einem weiblichen rothen gemeinen Burzier, welche letztere Varietät meist rein züchtet; es hatte keins der Eltern eine Spur von blau im Gefieder oder von Binden auf den Flügeln oder dem Schwanz. Ich will noch vorausschicken, dass gemeine Burzier in England selten blau sind. Aus dieser Kreuzung erzog ich mehrere Junge: das eine war auf dem ganzen Rücken roth, der Schwanz war aber so blau, wie der der Felstaube. Die Binde am Ende fehlte allerdings, doch waren die äusseren Federn mit weiss gerändert. Ein zweites und drittes Exemplar glichen dem ersten sehr nahe; der Schw anz zeigte aber bei beiden eine Spur der Binde am Ende. Ein viertes war bräunlich und die Flügel hatten eine Spur der doppelten Binde. Ein fünftes war über die ganze Brust blassblau, ebenso am Rücken, dem Hintertheil und Schwanz, aber der Hals und die Schwungfedern erster Reihe waren röthlich; die Flügel boten zwei deutliche Binden von einer rothen Färbung dar, der Schwanz war nicht quergestreift , aber die äusseren Federn waren weiss gerändert. Diese letzten merkwürdig gefärbten Vögel kreuzte 26  Les Pigeons etc. p. 37.

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fi. Cap. Rückschlag in der Färbung. 245 ich mit einem schwarzen Bastard complicirter Herkunft, nämlich von einer schwarzen Barb-Taube, einer Blässtaube und einem Mandel- hurzler, so dass die beiden jungen Vögel, die aus dieser Kreuzung hervorgiengen. Blut von fünfVarietäten enthielten, von denen keine eine Spur von blau oder von Flügel- und Schwanzbinden darbot. Einer der beiden jungen Vögel war bräunlich-schwarz mit schwarzen Flügelbinden, der andere war rothbraun mit röthlichen Flügelbinden. die blässer als der Rest des Körpers waren, mit blassblauem Hintertheil, bläulichem Schwanz und einer Spur der endständigen Binde auf diesem. Mr. Eaton 27  paarte zwei kurzstirnige Burzier, von denen keiner blau oder gestreift war, und erhielt aus dem ersten Nest einen vollkommen blauen Vogel, aus dem zweiten einen silbergrauen oder blassblauen Vogel, von denen beide, aller Analogie zufolge, ohne Zweifel die gewöhnlichen characteristischen Zeichnungen darboten. Ich kreuzte zwei schwarze Barb-Tauben mit zwei rothen Blässlauben: die letzteren sind am ganzen Körper und den Flügeln weiss mit einem rothen Fleck an der Stirn und rothem Schwanz und Schwanzdecken. Die Rasse exislirt mindestens seit 1676 und züchtet jetzt vollkommen rein, w r ie es schon 1735 der Fall war 2S .  Barben sind gleichförmig gefärbte Vögel, die selten auch nur eine Spur von Binden auf den Flügeln oder dem Schwänze haben; man weiss, dass sie sehr rein züchten. Die aufgezogenen Bastarde waren schwarz oder beinah schwarz oder dunkel oder hellbraun, diese zuweilen leicht mit weiss gescheckt. Von diesen Vögeln boten nicht weniger als sechs doppelte Flügelbinden dar; bei zweien waren die Binden deutlich und vollständig schwarz, bei sieben traten einige w'eisse Federn am Hintertheil auf und bei zweien oder dreien fand sich eine Spur der Endbinde am Schwänze, aber bei keinem waren die äusseren Schwanzfedern weiss gerändert. Ich kreuzte sclnvarze Barben (aus zw'ei ausgezeichneten Linien) mit rein gezüchteten schneeweissen Pfauentauben; die Ba- 27 Treatise on Pigeons, 1858, p 145. 28  J. Moore's Columbarium. 1735. in Mr. Eaton's Ausgabe von 1852, p. 71.

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 Domesticirte Tauben. G. Cap. startle waren meist völlig schwarz und einige wenige der ersten Schwung- und Schwanzfedern waren weiss. Andere waren dunkel- rothbraun und andere schneeweiss. Keiner hatte eine Spur von Flügelbinden oder vom weissen Hintertheile. Ich paarte dann zwei dieser Bastarde, nämlich einen braunen und einen schwarzen Vogel, und deren Nachkommen zeigten die Fliigelbinden zwar schwach aber dunkler braun als den übrigen Körper. Aus einer zweiten Brut von denselben Eltern ging ein brauner Vogel hervor, der mehrere weisse auf das Hintertheil beschränkte Federn hatte. Ich kreuzte einen männlichen graubraunen Botentauber ( Dragon) aus einerFamilie, welche mehrere Generationen hindurch graubraun ohne Flügelbinden gewesen war, mit einer rothen Barb-Taube (deren Eltern zwei schwarze Barben gewesen waren), und die Nachkommen boten deutliche aber schwache Spuren der Flügelbinden dar. Ich kreuzte eine gleichförmig rothe männliche Runt-Taube mit einer weissen Trommeltaube und die Jungen hatten einen schieferblauen Schwanz mit einer Querbinde am Ende und dieäussern Federn weiss gerändert. Ich kreuzte ferner eine schwarz und weiss gefelderte Trommeltaube (von einer andern Familie als die letzte) mit einem männlichen Mandeltümmler, von denen keine eine Spur von blau oder von einem weissen Hintertheil oder von der Binde am Ende des Schwanzes darbot. Auch ist es nicht wahrscheinlich, dass die Vorfahren dieser beiden Vögel viele Generationen lang irgend einen dieser Charactere dargeboten hätten: denn ich habe nie von einer blauen Trommeltaube hier zu Lande gehört und mein Mandel- burzler war rein gezüchtet: und doch war der Schwanz dieses Bastardes bläulich mit einer breiten schwarzen (Juerbinde am Ende und das Hintertheil war vollkommen weiss. In mehreren dieser Fälle ist zu beachten, dass der Schwanz zuerst eine Neigung zeigt, in Folge eines Rückschlages blau zu werden und diese Thatsache der Persistenz der Färbung an Schwanz und Schwanzdecken 29  wird Niemand überraschen, der der Kreuzung von Tauben irgend eine Aufmerksamkeit zugewendet hat. 29  Ich könnte zahlreiche Beispiele anführen, (loch werden zwei genügen Ein Mischling, dessen vier Grosseltern eine weisse Möven-, eine weisse Trommel-, eine weisse Pfauentaube und ein blauer Kröpfer gewesen waren,

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(i. Cap. Rückschlag in der Färbung. 247 Der letzte Fall, den ich aiifiihrcn will, ist der merkwürdigste. Ich paarte einen weiblichen Barb-Piäuentauhen-Bastard mit einem männlichen Barben-Blässtauben-Bastard. Keiner von beiden hatte auch nur das geringste Blau an sich. Man muss sich erinnern, dass blaue Barben äusserst selten sind, dass Blässtauben, wie bereits angeführt. schon im Jahre 1676 vollständig als solche characterisirt waren und völlig rein züchten; und dies ist in gleicherweise bei weissen l'fauentauben derFall und zwar so sehr, dass ich nie von weissenPfauen- tauben gehört habe, die irgend eine andere Farbe hervorgebracht hätten ; — nichtsdestoweniger waren die Nachkommen der obigen beiden Bastarde von genau derselben blauen Färbung über den ganzen Rücken und die Flügel, als die wilden Felstauben von den Shetland-Inseln. Die doppelten schwarzen Flügelbinden waren in gleicher Weise deutlich; der Schwanz war in allen seinen Merkmalen genau jenen gleich und das Hintertheil war rein weiss. Der Kopf indessen hatte eine leichte Schattimng von rotli, offenbar von der Blässtaube her und war blässer blau als bei der Felstaube ebenso wie die Magengegend. Zwei schwarze Barben, eine rothe Blässtaube und eine weisse Pfauentaube, als die vier reingezüchteten Grosseltern, erzeugten daher einen Vogel von derselben allgemeinen blauen Färbung in Verbindung mit allen characteristischen Zeichnungen, wie die wilde Columba lirüt. In Bezug darauf, dass gekreuzte Zuchten häufig blaue, mit schwarz gefelderte Vögel erzeugen, die in allen Beziehungen sowohl der Haustaube als der gefelderten wilden Varietät der Felstaube gleichen, wird fast die schon oben angeführte Angabe von Boitard und Corbie genügen. Ich will aber hier noch drei Fälle vom Auftreten solcher Vögel aus Kreuzungen anführen, bei denen eines der Eltern oder Grosseltern allein blau, aber nicht gefeldert war. war über und über weiss mit Ausnahme einiger weniger Federn um den Kopf herum und an den Flügeln; aber der ganze Schwanz und die Schwanzdeckfedern waren dunkelbläulich-grau. Ein anderer Mischling, dessen vier Grosseltern eine rothe Runt-, eine weisse Trommel-, eine weisse Pfauentaube und derselbe blaue Kröpfer gewesen waren, war über und über rein weiss. mit Ausnahme des Schwanzes und der obern Schwanzdeckfedern, welche blass-rehbraun waren, und der Flügel, welche eine äusserst schwache Spur der doppelten Binde von demselben blassen rehbraunen Colorit zeigten.

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 Domesticirte Tauben. 6. Cap Ich kreuzte eine männliche blaueMöventaubc mit einer schneeweissen Trommeltaube und das nächste Jahr mit einem dunkelbraunen kurz- stirnigen Burzier. Die Jungen nach der ersten Kreuzung waren so vollständig gefeldert wie irgend eine Haustaube und die aus der zweiten in einem solchen Grade, dass sie fast so schwarz waren wie die am dunkelsten gefelderten Felstauben von Madeira. Ein anderer Vogel, dessen Gross-Grosseltern eine weisse Trommeltaube, eine weisse Pfauentaube, eine weisse Blässtaube, eine rothe Runt- Taube und ein blauer Kröpfer waren, war schieferblau und genau wie eine Haustaube gefeldert. Mr. Wi eking, welcher im Züchten von Tauben verschiedener Farben mehr Erfahrung hat, als irgend eine andere Person in England, machte gegen mich eine Bemerkung, die ich doch hier anführen will; nämlich dass, wenn in irgend einer Rasse ein blauer oder ein blauer und gefelderter, mit schwarzen Flügelbinden versehener Vogel auftritt, und zur Zuchtwahl zugelassen wird, diese Charactere so streng überliefert werden, dass es äusserst schwierig ist, sie zu beseitigen. Was haben w ir nun aus dieser Neigung aller Hauptrassen, sowohl beim reinen Züchten als besonders bei der Kreuzung Nachkommen von blauer Färbung mit denselben characteristischen und in derselben Weise variirenden Zeichnungen wie bei der C. licia  zu produciren, für einen Schluss zu ziehen ? Geben wir zu, dass diese Rassen sämmtlich von der C. licia  abstammen, so wird kein Züchter daran zweifeln, dass das gelegentliche Auftreten blauer Vögel mit jenen Merkmalen aus dem bekannten Grundsatz des "Rückschlags" oderder Rückkehr zu erklären ist. Warum eineKreuzungdie Neigung zum Rückschlag so verstärkt, wissen wir nicht mit Sicherheit, aber sehr zahlreiche Beweise für diese Thatsache werden die folgenden Capitel noch darbieten. Es ist wahrscheinlich, dass ich selbst ein Jahrhundert hindurch reine schwarze Barb-Tauben, Blässtauben, Nonnentauben, weisse Pfauentauben, Trommeltauben u. s. w. hätte züchten können, ohne einen einzigen blauen oder mit Querbinden versehenen Vogel zu erhalten : und doch erhielt ich bei der Kreuzung dieser Rassen in der ersten und zweiten Generation, im Verlauf von nur drei oder vier Jahren, eine beträchtliche Anzahl junger Vögel, welche mehr oder weniger deutlich blau gefärbt waren und diemei-

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6. Cap. Rückschlag in der Färbung. 249 sten der characteristischen Zeichnungen an sich trugen. Werden schwarze und weisse oder schwarze und rothe Vögel gekreuzt , so scheint eine geringe Neigung in beiden Eltern obzuwalten, blaue Nachkommen hervorzubringen, und die Vereinigung dieser Neigungen überwiegt das in jedem einzelnen elterlichen Vogel auftretende Streben, schwarze oder weisse oder rothe Nachkommen zu pro- duciren. Weisen wir die Ansicht, dass alle Taubenrassen modificirle Nachkommen der C. livia  sind, zurück und nehmen wir an. dass sie von verschiedenen ursprünglichen Stammformen herrühren, so müssen wir zwischen den drei folgenden Annahmen wählen: Erstens, es haben früher wenigstens acht oder neun Arten existirt, welche ursprünglich in verschiedenerWeise gefärbt waren, aber seitdem in so völlig gleicher Art variirt haben, dass sie die Färbung von C. livid annahmen: doch w irft diese Annahme nicht das geringste Licht auf das Auftreten derartiger Färbungen und Zeichnungen, wenn die Rassen gekreuzt w erden. Oder zweitens, wir können annehmen, dass die ursprünglichen Arten alle blau gefärbt waren, und die Flügelbinden und die andern characteristischen Zeichnungen der C. livia  besassen. Diese Annahme ist indess höchst unwahrscheinlich , da ausser dieser einen Art kein jetzt existirendes Glied der Columbiden diese vereinigten Charactere darbietet. Auch würde es nicht möglich sein, irgend einen andern Fall zu finden, dass mehrere im Gefieder identische Species doch in wichtigen Punkten der Structur so verschieden sind, wie Kröpfer, Pfauentau- ben, Botentauben, Burzier u. s. w. Oder endlich wir können annehmen, dass alle Rassen, mögen sie nun von C. livia  oder von mehreren ursprünglichen Arten abstammen, trotzdem sie mit sehr vieler Sorgfalt gezüchtet und von Liebhabern so hoch geschätzt worden sind, während eines Dutzend oder höchstens zwanzig Generationen sämmtlich mit C. livia  gekreuzt worden sind und hierdurch ihre Neigung, blaue Vögel mit den verschiedenen characteristischen Zeichnungen zu erzeugen, erlangt haben. Ich sagte, dass man an- nelnnen müsse, jede Rasse sei mit C. livia.  innerhalb eines Dutzend oder im äussersten Falle innerhalb zwanzig Generationen gekreuzt worden: denn wir haben keinen Grund zur Annahme, dass ge-

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 Doinestioirtc Tauben. (i. Caji. kreuzte Nachkommen je zu den .Merkmalen eines ihrer Vorfahren zurüekkehren, wenn sie durch eine grössere Anzahl von Generationen von ihm getrennt sind. Ist eine Rasse nur einmal gekreuzt worden, so wird natürlich die Neigung zum Rückschlag in den folgenden Generationen immer geringer und geringer werden, da in jeder derselben immer weniger und weniger Blut der fremden Rasse enthalten ist. Hat aber keine Kreuzung mit einer bestimmten Rasse stattgefunden und findet sich bei beiden Eltern die Neigung zu irgend einem lange verlornen Character zurückzukehren , so kann diese Neigung nach allem, w'as wir darüber wissen, unvermindert eine unbeschrankte Zahl von Generationen hindurch überliefert werden. Diese beiden besonderen Fälle von Rückschlag sind oft vor. denen, die über Vererbung geschrieben haben, mit einander verwechselt worden. Bedenkt man auf der einen Seite, wie unwahrscheinlich die drei eben erörterten Annahmen sind, und auf der andern, wie einfach die Thatsaehen nach dem Grundsatz des Rückschlags erklärt werden, so können wir schliessen, dass das gelegentlich bei allen sowohl rein gezüchteten als besonders gekreuzten Rassen sich bildende Auftreten blauer, zuweilen gefelderter Vögel mit doppelten Flügelbinden, mit weissem oder blauem Hintertheil, mit einer Binde am Ende des Schwanzes und mit weiss geränderten äusseren Schwanzfedern ein Argument von grösstem Gewicht zu Gunsten der Ansicht ist, dass alle Rassen von C. Heia  abstammen, wobei wir unter diesem Namen noch die drei oder vier wilden Varietäten oder Subspecies einschliessen, die früher erwähnt wurden. Ich will nun die sechs vorstehenden Argumente, welche der Ansicht , dass die Hauptrassen Nachkommen von mindestens acht oder neun oder vielleicht von ein Dutzend Arten sind, entgegenstehen, zusammenfassen: die Kreuzung von irgend einer geringeren Zahl würde nicht die characteristischen Verschiedenheiten zwischen den einzelnen Rassen ergeben. Erstens  die Unwahrscheinlichkeit, dass so viele Arten noch irgendwo existiren, aber den Ornithologen unbekannt sein sollen, oder dass sie in historischer Zeit auss'estor- ben sein sollten, trotzdem der Mensch so wenig Einfluss auf das Vertilgen der wilden C. liria  hat. Zicciteus  die Unwahrscheinlich-

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(>. Cap. Rückschlag in der Färbung. 25 i keit, dass der Mensch in früherer Zeit so viele Species vollkommen domesticirt und in der Gefangenschaft fruchtbar gemacht hat. Drittens  sind diese angenommenen Species nirgends verwildert. Viertens die ausserordentliche Thatsache, dass man absichtlich oder durch Zufall zur Domestication mehrere in ihren Characteren so äusserst abnorme Arten ausgewählt habe und ganz besonders, da die Struc- turverhältnisse, welche diese vermeintlichen Species so abnorm machen. jetzt so ausserst variabel sind. Fünftens  die Thatsache. dass alle diese Rassen, trotzdem sie in vielen wichtigen Theilen ihres Baues verschieden sind, vollständig fruchtbare Bastarde erzeugen, während alle Bastarde, welche selbst zwischen nahe verwandten Arten in der Familie der Tauben erzogen worden sind, steril sind. Sechstens:  Die merkwürdigen soeben gemachten Angaben über die bei allen sowohl rein gezüchteten als gekreuzten Rassen vorhandene Neigung, in vielfachen kleinen Detailpunkten der Färbung zu den Merkmalen der wilden Felstaube zurüekzuschlagen. und in einer ähnlichen Manier zu variiren. Diesen Argumenten lässt sich noch die ausserordentliche Unwahrscheinlichkeit hinzufügen, dass früher eine Anzahl von Arten existirt hat. welche in einigen wenigen Punkten bedeutend von einander abw ichen , sich einander aber so sehr wie die domesticirten Rassen in andern Punkten ihrer Struetur, in der Stimme und in allen ihren Lebensgewohnheiten ähnlich waren. Nimmt man diese einzelnen Thatsachen und Argumente gehörig in Betracht, so bedürfte es einer überwältigenden Masse von Beweisen, um uns zur Annahme zu bewegen, dass die hauptsächlichsten domesticirten Rassen von mehreren ursprünglichen Stämmen herrühren; und von derartigen Beweisen gibt es absolut nichts. Die Ansicht, dass die zahmen Hauptrassen von mehreren w ilden Stämmen herrühren, ist ohne Zweifel Folge der scheinbaren Unw ahrscheinlichkeit, dass solche bedeutende Modificationen im Bau bewirkt worden seien, seitdem der Mensch zuerst die Felstaube domesticirt hat. Dass man zögert, ihren gemeinsamen Ursprung anzunehmen, überrascht mich auch nicht. Wenn ich früher meine Vogelhäuser besuchte und solche Vögel, wie Kröpfer, Botentauben, Barben, Pfauentauben, kurzstirnige Burzier u. s. w. beobachtete, konnte ich mich nicht überreden, dass alle diese von demselben w ilden Stamme her-

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 Domesticirte Tauben. 6. Cap. rühren, und dass folglich in einem gewissen Sinne der Mensch diese merkwürdigen Modificationen geschaffen habe. Ich habe daher die Frage von ihrem Ursprung mit grosser und wie Mancher glauben wird, mit zu grosser Länge behandelt. Endlich spricht noch zu Gunsten der Ansicht, dass alle Rassen von einem einzigen Stamme herrühren, der Umstand, dass wir in der C. litia  eine noch existirende und weit verbreitete Species haben, welche in verschiedenen Ländern domesticirt werden kann und worden ist. Diese Species stimmt mit den verschiedenen doine- sticirten Rassen in den meisten Punkten ihrer Structur und in allen Theilen der Lebensweise ebenso wie gelegentlich in jedem Detail des Gefieders überein. Sie pflanzt sich reichlich mit ihnen fort und erzeugt fruchtbare Nachkommen. Sie variirt im Naturzustände 30 und noch mehr, wenn sie halb domesticirt ist. wie sich ergibt, wenn man die Sierra-Leone-Tauben mit denen von Indien oder mit denen vergleicht, welche auf Madeira offenbar verwildert sind. Eine noch bedeutendere Variation haben sie in den zahlreichen Spielarten erlitten, die Niemand für die Nachkommen distincter Arten hält : und doch haben einige dieser Spieltauben ihre Charactere Jahrhunderte lang fortgepflanzt. Warum sollten wir daher an jene noch grössere Variation zu glauben zögern, welche zur Erzeugung der elf Hauptrassen nöthig ist? Man muss sich daran erinnern, dass bei zwei der am schärfsten markirten Rassen, nämlich bei den wilden Tauben und kurzstirnigen Burzlern die üusserston Formen mit der elterlichen Art durch allmähliche Verschiedenheiten verbunden werden können, welche nicht grösser sind als die, welche man zwischen den Haustauben verschiedener Länder oder zwischen den verschiedenen Arten von Spieltauben beobachtet— Abstufungen, welche sicher dem Variiren zuzuschreiben sind. Dass die Umstände für die Modification der Taube durch das Variiren und die Zuchtwahl äusserst günstig gewesen sind, soll nun 30  Es verdient, als auf das Capitel von der Variation allgemein bezüglich, Beachtung, dass nicht nur C. livia  mehrere, von einigen Zoologen für Species, von andern für Subspecies oder blosse Varietäten gehaltene wilde Formen darbietet, sondern dass die Arten mehrerer verwandter Gattungen dasselbe zeigen Dies ist, wie mir Mr. Blyth  mittheilt, mit Treron, Pa- lumbns  und Turtur der Fall.

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6. Cep. Bildung von Rassen. 253 o-ezeiut werden. Der älteste Bericht über Tauben im domesticirten Zustande findet sich, wie mir Prof. Lepsius  gezeigt hat, in der fünften ägyptischen Dynastie, ungefähr 30ÜÜ Jahre v. dir. 31 . Mr. Bi rcli vom britischen Museum theilt mir aber mit, dass die Taube in einem Speisezettel von der vorhergehenden Dynastie vorkommt. Haustauben werden im 1. und 3. Buch Mosis und im Jesaias erwähnt 32 . In der Römerzeit wurden, wie wir aus Plinius 33  sehen, für Tauben immense Preise gezahlt, "ja sie sind soweit gekommen, dass sie ihren Stammbaum und ihre Rasse vorzählen". In Indien wurden um das Jahr 1600 Tauben von Akber-Khan sehr geschätzt, 20,000 Vögel befanden sich im Gefolge des Hofes und die Kaufleute brachten vverthvolle Sammlungen. "Die Monarchen von Iran und Turan sandten ihm einige sehr seltene Rassen; Se. Majestät," sagt der Hof-Historiograph, "hat durch Kreuzung der Rassen, welches Verfahren nie zuvor ausgeübt worden war, dieselben erstaunlich veredelt" 34  Akber-Khan besass siebzehn verschiedene Arten, von denen acht nur wegen ihrer Schönheit geschätzt wurden. Ungefähr um dieselbe Zeit, um 1600, waren dem A 1 d r o v a n d i zufolge die Holländer eben so eifrig in Bezug auf die Tauben, wie es früher dieRömer gewesen waren. Die Rassen, w elche während des 15. Jahrhunderts in Europa und in Indien gehalten wurden, wichen offenbar von einander ab. Die ungeheure Zahl von Taubenhäusern in Persien erwähnt Tavernier in seiner Reise 1677, ebenso Chardin  im Jahre 1735, und der erstere erwähnt, dass viele gemeine Leute, weil den Christen nicht erlaubt war, Tauben zu halten, factisch nur zu diesem Zwecke Mohammedaner wurden. Der Kaiser von Marocco hatte, w ie in Moore's 1737 publicirter Abhandlung erwähnt wird, seinen Favoritentaubenwärter. Seit derZeit W i 1 lu ghby's, 1678, bis auf den 31  Denkmäler. Abth. II, Bl. 70. 32 The Dovecote by the Rev. E. S. Dixon,  1851, p. 11-13. Adolphe Pictet gibt (in seinen »Les Origines Indo-europeennes, 1859, p. 399) an, dass es in der alten Sanskrit-Sprache zwischen 25—30 Namen für die Taube gegeben habe, weitere 15 bis 16 Persische Namen. Keiner dieser Ausdrücke ist europäischen Sprachen eigen. Diese Thatsache weist auf das hohe Alter der Domestication von Tauben im Orient hin. 33  Buch X, Cap. XXXVII. 34  Ayeen Akbery, übersetzt v. F. Gladwin. 4°-Ausgabe. Vol. 1, p. 270.

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 Doraesticirte Tauben. G. Cap. heutigen Tag, sind in England elienso wie in Deutschland und in Frankreich zahlreiche Allhandlungen über die Tauben veröffentlicht worden. Vor ungefähr 100 Jahren wurde in Indien eine persische Abhandlung geschrieben 5  und der Verfasser hielt dies für keine leichte Aufgabe, denn er beginnt mit einem feierlichen Anruf "im Namen des gnädigen Gottes". Viele grosse Städte in Europa und den vereinigten Staaten haben jetzt Gesellschaften von Taubenzüchtern; augenblicklich gibt es drei solcher Gesellschaften in London. Wie mir Mr. Blyth  sagt, sind in Indien die Einwohner von Delhi und einiger anderer grosser Städte eifrige Taubenliebhaber. Mr. Layard  theilt mir mit, dass in Ceylon die meisten der bekannten Rassen gehalten werden. Nach Mittheilungen von Mr. Swinhoe in Amoy und Dr. Lockhart  in Shangai, werden in China Botentauben, Pfauentauben, Burzier und andere Varietäten mit Sorgfalt erzogen, besonders von den Bonzen oder Priestern. Die Chinesen befestigen eine Art Pfeife an die Schwanzfedern ihrer Tauben und wenn nun die Heerde durch die Luft kreist, bringen sie einen angenehmen Klang hervor. In Ägypten war der verstorbene Abbas Pascha ein grosser Züchter von Pfauentauben: in Cairo und Con- stantinopel werden viele Tauben gehalten und diese sind, wie mir Sir W. Elliot mittheilt, vor Kurzem von eingebornen Kaufleuten nach dem südlichen Indien importirt und zu hohen Preisen verkauft worden. Die vorstehenden Angaben zeigen, in wie vielen Ländern und wie lange Zeit schon viele Menschen sich dem Züchten von Tauben mit Leidenschaft hingegeben haben. Man höre nur, was ein enthusiastischer Liebhaber des heutigen Tages schreibt: "Wenn es feinen und gebildeten Leuten möglich wäre, den wundervollen Trost und das ausserordentliche Vergnügen zu kennen, was Mandelburzler darbieten, wenn sie anfangen, ihre Eigenthümlichkeiten einzu- sehn, so sollte ich meinen, dass kaum irgend ein feiner oder gebildeter Mann ohne einen Schlag von Mandelburzlern existiren könnte" 35 . Das hierdurch sich bietende Vergnügen ist von ausserordentlicher Wichtigkeit, da es die Liebhaber dazu bringt , jede un- 35  J. M. Eaton, Treatise on the Almond Tumbler. 1851. Preface, p. VI.

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G. Cep. Bildung von Rassen. 255 bedeutende Abweichung der Structur, die ihrer Liebhaberei auffällt, sorgfältig zu notiren und zu erhalten. Tauben werden oft ihr ganzes Lehen lang in enger Gefangenschaft gehalten; sie erhallen nicht ihrer Natur gemäss verschiedenartige Nahrung; sie sind oft von einem Klima zum andern transportirt worden und alle diese Veränderungen in ihren Lebensbedingungen werden sehr wahrscheinlich Variabilität erzeugen. Tauben sind nahezu 5000 Jahre domesticirt und an vielen Orten gehalten worden, so dass die während der Domestication erzogene Anzahl enorm gew esen sein muss, und dies ist ein weiterer Umstand von hoher Bedeutung; denn es begünstigt offenbar die Chance, dass seltene Modificationen der Structur gelegentlich auftreten. Unbedeutende Variationen aller Art werden fast sicher beobachtet und, wenn sie für werthvoll gehalten werden, wegen der folgenden Umstände mit ungewöhnlicher Leichtigkeit erhalten und fortgepflanzt worden sein. Verschieden von irgend einem andern domesticirten Thiere können Tauben leicht für ihr ganzes Leben gepaart werden, und wenn man sie auch mit andern Tauben zusammenhält, so werden sie doch nur selten einander untreu. Selbst wenn das Männchen sein Ehegelübde bricht, so verlässt es doch seine Genossin nicht bleibend. Ich habe in denselben Häusern viele Tauben verschiedener Arten gezüchtet und nie einen einzigen Vogel unreinen Blutes erzogen. Es kann daher ein Liebhaber mit der grössten Leichtigkeit seine Vögel auswählen und paaren. Er wird auch sehr bald die guten Resultate seiner Sorgfalt sehen; denn Tauben brüten mit ausserordentlicher Schnelligkeit. Er kann auch Vögel von untergeordnetem Werthe sehr reichlich beseitigen. da sie in frühem Alter ein ausgezeichnetes Nahrungsmittel darbieten. Um zusammenzufassen: Tauben sind leicht zu halten, zu paaren und auszuwählen; ungeheure Zahlen sind erzogen worden, ihrem Züchten ist von vielen Menschen in den verschiedensten Ländern grosser Eifer gewidmet worden und dies führt zu einer sehr scharfen Unterscheidung und zu dem sehr starken Verlangen. irgend eine Neuigkeit darzubieten oder andere Züchter in der Vortrefflichkeit bereits bestehender Rassen zu übertreffen.

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 Domesticirte Tauben. 6. Cap. Geschichte der hauptsächlichsten Taubenrassen 16 . Ehe ich die Mittel und die Stufen, durcli welche sich die Hauptrassen gebildet haben, erörtere, ist es rathsam, einige historische Details zu geben; denn von der Geschichte der Taube, so gering es auch sein mag, ist mehr bekannt, als von irgend einem andern domesticirten Thiere. Einige Fälle sind interessant, da sie beweisen, wie lange domesticirte Varietäten mit genau denselben oder nahezu denselben Characteren fortgepflanzt werden können; und andere Fälle sind noch interessanter, da sie zeigen, trie langsam aber sicher Kassen im Laufe der Generationen bedeutend modificirt worden sind. Im letzten Capitel habe ich angegeben, dass Trommel- und Lachtauben, die beide ihrer Stimme wegen so merkwürdig sind, schon 1735 vollkommen characterisirt waren, und Lachtauben waren offenbar in Indien schon vor dem Jahre 1600 bekannt. Blässtauben waren 1676 und Nonnen zur Zeit Aldrovandi's vor 1600 genau so, wie sie jetzt sind. Gemeine Burzier und Bodenbuizler boten vor dem Jahre 1600 in Indien dieselben ausserordentlichen Eigenthüm- lichkeiten des Fluges dar, wie sie es heutigen Tages thun; denn im "Ayeen Akbery" sind sie gut beschrieben. Diese Bassen können alle eine noch längere Zeit existirt haben, wir wissen nur, dass sie in den eben angegebenen Zeiten vollständig characterisirt waren. Die durchschnittliche Lebensdauer ist wahrscheinlich 5 — 6 Jahre und wenn dies der Fall ist, haben einige dieser Kassen ihren Character mindestens 40 oder 50 Generationen hindurch erhalten. Kröpfer. Soweit man aus der sehr kurzen Beschreibung eine Vergleichung abnehraen kann, scheinen diese Vögel schon zu Aldro- vaudi's Zeit 37  scharf characterisirt gewesen zu sein, also vor 1600. Die Länge des Körpers und die Länge der Beine sind heutigen Tages die beiden Hauptpunkte ihrer Vortrefflichkeit. Im Jahre 1735 sagt Moore (s. die von Mr. J. M. Eaton besorgte Ausgabe) — und Moore war ein Züchter ersten Kanges —, dass er einmal einen Vogel gesehen habe mit einem 20 Zoll langen Körper, "doch wird eine Länge von 17 oder 18 Zoll für eine sehr gute Länge gehalten" ; er hat ferner die Beine nahe 7 Zoll lang gesehen, doch musste ein Bein von 6(2— 6 3 /, Zoll " schon für ein sehr gutes angesehen werden ". Mr. Bult, der erfolgreichste Züchter von Kröpfern, den es gibt, tlieilt mir mit, dass jetzt (1858) die 36  Da ich in der folgenden Erörterung oft von der Gegenwart spreche, so muss ich bemerken, dass dies Capitel im Jahr 1858 vollendet wurde. 37  Ornithologia, 1600. Vol. II, p. 360.

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0. Cap. Geschichte der Ilauptrasscu. 257 vorsckriftsmässige Länge des Körpers nicht weniger als 18 Zoll ist; er hat aber einen Vogel von 19 Zoll Länge gemessen und hat von 20 und 22 Zoll gehört, bezweifelt aber die Richtigkeit dieser letzteren Angaben. Für die 1!einlänge ist jetzt 7 Zoll Vorschrift; Mr. Bult  hat aber kürzlich zwei seiner eigenen Vögeln gemessen, deren Beine 7 ',•> Zoll waren. In den 123 Jahren, welche seit 1735 verflossen sind, hat also die vorschrift- mässige Länge des Körpers kaum irgendwie zugenommen; 17 oder 18 Zoll wurde früher für eine sehr gute Länge angesehen und jetzt sind 18 Zoll vorschriftsmässiges Minimum. Die Länge der Beine scheint aber zu- genommen zu haben, da Moore  keine von 7 Zoll voll gesehen hat; jetzt ist die Vorschrift 7 Zoll und zwei von Mr. Bult's  Vögeln messen seihst 7 1 /2 Zoll. Die äusserst geringe Verbesserung bei Kröpfern, welche mit Ausnahme der Beinlänge während der letzten 123 Jahren eingetreten ist, ist zum Thcil durch die Vernachlässigung zu erklären, unter welcher sie, wie mir Mr. Bult  mittlieilt, bis zu den letzten 20 oder 30 Jahren gelitten halten. Um 1765 38  trat ein Wechsel der Mode ein: starke und voller befiederte Beine wurden dünneren und nahezu nackten Beinen vorgezogen. Pfauen taub  en. Die erste Notiz von der Existenz dieser Rasse stammt aus Indien und zwar vor dem Jahre 1600, wie sie in dem " Ayeen Akbery" 39  enthalten ist. Um diese Zeit war die Rasse, nach Aldro- vandi  zu urtheilon, in Europa unbekannt. Willughby  spricht 1677 von einer Pfauentaube mit 26 Schwanzfedern. 1735 sah Moore  eine mit 36 Federn und 1824 behaupten Boitard und Corbie, dass in Frankreich Vögel mit 42 Schwanzfedern leicht zu finden sind. Gegenwärtig wird in England die Anzahl der Schwanzfedern nicht so beachtet, wie ihre Richtung nach oben und ihre Ausbreitung; ebenso wird die allgemeine. Haltung des Vogels sehr beachtet. Die älteren Beschreibungen genügen hier nicht, um zu sehen, ob in dieser letzteren Hinsicht die Rasse sehr veredelt worden ist. Hätte es aber früher Pfauentauben gegeben, deren Kopf und Schwanz sich einander berührten, wie heut zu Tage, so würde die Thatsache fast sicher bemerkt worden sein. Die Pfauentauben, wie man sie jetzt in Indien findet, stellen wahrscheinlich den Zustand der Rasse, soweit die Haltung es betrifft, zu der Zeit dar, als sie in Europa eingeführt wurde, und einige, welche aus Calcutta gekommen sein soll- 38 A Treatise on domestic pigeons, dedicated to Mr. Mayor.  1705. Preface p. XIV. 39  Mr. Blyth  hat in den Annals of nat. hist. Vol. XIX, 1847, p. 104, die Übersetzung eines Theils des »Ayeen Akbery« gegeben. Dakavin,  Erster Tlieil. 17

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 Domesticirte Tauben. G. Cap ten, und die ich lebend gehalten habe, waren in einer auffallenden Art geringer gegen unsere Ausstellungsvögel. Die Javapfauentaube zeigt dieselbe Differenz der Haltung und obgleich Mr. Swinhoe 18 und 24 Schwanzfedern bei seinen Vögeln gezählt hat, besass doch ein Exemplar erster Qualität, welches mir geschickt wurde, nur 14 Schwanzfedern. Jacobin er. Diese Rasse existirte vor 1600, aber nach der Figur Aldrovandi's zu urtheilen, umfasste die Haube den Kopf bei weitem nicht so vollständig wie jetzt; auch war der Kopf damals nicht weiss, Flügel und Schwanz nicht so lang. Diese letzteren Merkmale konnten aber von dem mittelmässigen Zeichner übersehen worden sein. Zu Moore's Zeit, 1735, wurde die Jacobinertaube für die kleinste Taubenart gehalten und vom Schnabel wird gesagt, dass er sehr kurz sei. Es muss also entweder der Jacobiner, oder die andern Arten, mit denen er verglichen wurde, seitdem beträchtlich modifieirt worden sein; denn Moore's Beschreibung, und man muss bedenken, dass er ein vorzüglicher Beurtheiler war, lässt sich offenbar, soweit sie die Körpergrösse und Schnabellänge betrifft, auf unsere jetzigen Jacobiner nicht anwenden. Nach Bechstein zu urtheilen, hatte 1795 die Rasse ihre jetzigen Cha- ractere angenommen. Möven. Von den älteren Schriftstellern über Tauben ist meist angenommen worden, dass die Möventaube der "Cortbeck" des Aldro- vandi  sei; wäre dies aber der Fall, so wäre es eine ausserordentliche Thatsache, dass die characteristischc Krause nicht bemerkt sein sollte. Auch wird der Schnabel des Cortbeck als dem des Jacobiners sehr ähnlich beschrieben und dies beweist eine Veränderung in der einen oder andern Rasse. Die Möventaube mit ihrer eharacteristischen Krause wird unter ihrem jetzigen Namen 1677 von AVillughby  beschrieben. Vom Schnabel wird gesagt, dass er dem eiues Gimpels gliche, ein treffender Vergleich, jetzt aber noch besser auf den Schnabel der Barb-Taube passend. Die Unterrasse, die man Eulentauben nennt, war zu Mo ore's Zeit, 1735, wohl bekannt. Bur zier.  Gewöhnliche Burzeltauben ebenso wie Bodenburzler existirten, was das Bürzeln angeht, vollkommen bereits vor 1600 in Indien; und um diese Zeit scheint man die verschiedenartigen Flugweisen, so das Fliegen in der Nacht, das Aufsteigen zu einer grossen Höhe, die Art des Herabkommens, in Indien sehr beachtet zu haben, wie auch heutigen Tages noch. Belon 40  sah 1555 in Paphlagonien, wie er sagt, 40  L'Histoire de la Nature des Oiseaux, p. 314.

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G. Cap. Geschichte der Hauptrassen. 259 "ein vollkommen neues Ding', nämlich Tauben, welche so hoch in die Luft flogen, dass sie aus dem Auge verschwanden, aber zu ihrem Taubenhause zurückkehrten, ohne sich getrennt zu haben." Diese Art zu fliegen ist für unsere heutigen Tümmler characteristisch; aber offenbar würde Belon das Bürzeln erwähnt haben, wenn die von ihm beschriebenen Tauben geburzelt hätten. Burzier waren in Europa 1600 noch nicht bekannt, da sie Aldrovandi  uicht erwähnt, welcher doch über den Plug der Tauben spricht. VonWillughby  werden sie 1687 erwähnt als kleine Tauben, "welche in der Luft wie Bälle aussehen." Die kurzstirnige Rasse existirte um diese Zeit nicht; denn Willughby würde Vögel, die wegen ihrer geringen Grösse und ihrer kurzen Schnäbel so merkwürdig sind, nicht übersehen haben. Wir können selbst einige der Schritte verfolgen, auf denen diese Rasse erzeugt worden ist. Moore  führt 1735 ganz richtig die Hauptpunkte ihrer Vorzüge auf, gibt aber keine Beschreibung der verschiedenen Unterrassen; und aus dieser Thatsache scliliesst Mr. Eaton 4 *, dass der kurzstirnige Burzier damals noch nicht zur Vollkommenheit gelangt sei. Moore  spricht sogar vom Jacobiner als der kleinsten Taube. Dreissig Jahre später, 1765, werden in der Mayor dcdicirten Abhandlung kurzstirnige Mandelburzier ausführlich beschrieben. Der Verfasser, ein ausgezeichneter Züchter, führt aber in der Vorrede (pag. XIV) ausdrücklich an, dass sie "nach grosser Sorgfalt und bedeutenden auf ihre Zucht verwendeten Kosten zu so grosser Vollkommenheit gelangt und von dem, was sie vor 20 und 30 Jahren waren, so verschieden geworden sind, dass sic ein alter Züchter verworfen haben würde und zwar aus keiner andern Ursache, als weil sie dem nicht mehr glichen, was der Mode zufolge damals für gut gehalten wurde." Hiernach möchte es scheinen, dass in dem Character des kurzstirnigen Burzlers um diese Zeit eine ziemlich plötzliche Veränderung aufgetreten sei und wir haben Gründe, zu vermuthen, dass damals ein zwerghafter und halbmonströser Vogel als elterliche Form der verschiedenen kurzstirnigen Unterrassen aufgetreten ist. Ich vermutlie dies deshalb, weil kurzstirnige Burzier mit Schnäbeln geboren werden, welche (nach directen sorgfältigen Messungen) im Verhältnis« zur Grösse ihrer Körper so kurz sind, wie im erwachsenen Vogel, und in dieser Hinsicht weichen sie bedeutend von allen andern Rassen ab, welche während des Wachstlmms langsam ihre verschiedenen characteristischen Qualitäten erlangen. Seit dem Jahre 1765 ist in einem den hauptsächlichsten Charactere 17  * 41 Treatise on Pigeons 1852, p. 64.

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Domesticirte Tauben. C. Cap 2t>0 der kurzstirnigenBurzler, nämlich in der Länge desSchnabels einige Veränderung eingetreten. Liebhaber messen den "Kopf und Schnabel" von der Schnabelspitze bis zum vorderen Augenwinkel. Um das Jahr 1765 wurde ein "Kopf und Schnabel" für gut angesehen 42 , welcher in der gewöhnlichen Art gemessen 7 /sZoll lang war; jetzt darf er °/s Zoll nicht überschreiten. "Es ist indess möglich", wie Mr. Eaton sehr often bekenne, "einen Vogel für sehr annehmbar und nett zu halten selbst mit 6 /g Zdl, aber über diese Länge hinaus muss er für der Beachtung un- werti betrachtet werden." Mr. Eaton führt an, dass er in seinem Leben nie mehr als zwei oder drei Vögel gesehen hat, deren Kopf und Schnabel 1 /2  Zoll Länge nicht überschritt, und doch glaube ich, dass im Laufe weniger Jahre Kopf und Schnabel verkürzt sein werden und dass llalb- zollvigel dann nicht für solche grosse Merkwürdigkeiten gehalten werden, wie in der jetzigen Zeit. Dass Mr. Eaton's Ansicht Beachtung verd.ent, lässt sich nicht bezweifeln, wenn wir seinen Erfolg in dem Gewinnen von Preisen auf unsern Ausstellungen bedenken. Aus den oben gegebenen Tliatsachen lässt sich endlich in Bezug auf den Burzier schlossen, dass er ursprünglich aus dem Orient nach Europa, wahrscheinlich iuerst nach England, eingeführt wurde und dass er damals unsern gewiluilichen englischen Burziem oder wahrscheinlicher dem persischen j oder indischen Burzier ähnlich war, deren Schnäbel nur gerade merkbar j kürzer 'waren, als die der Haustauben. In Bezug auf den kurzstirnigen ! Burzier, von dem man nicht weiss, dass er im Orient existirt, lässt sich j kann zweifeln, dass die ganze wunderbare Veränderung in der Grösse des j| Kopfes, Schnabels, Körpers und der Füsse und in der allgemeinen Hai- | tung während der letzten zwei Jahrhunderte durch beständige Zuchtwahl | hervorgebracht worden ist, wahrscheinlich unterstützt durch die Geburt j eines halbmonströsen Vogels um das Jahr 1750 herum. J Hunt-Ta üben.  Von ihrer Geschichte lässt sich wenig sagen. Zu I Plia ius'  Zeit waren die Tauben von Companion die grössten bekannten ; und nach dieser Thatsache allein behaupten manche Autoren dass es Bunt- j Taulen wären. Zu Aldrovandi's  Zeit, 1600, existirten zwei Unter- j rassiu; eine von diesen aber, die kurzschnäblige, ist jetzt in Europa aus- 1 gestirben. Barb -Ta üben.  Trotz mehrerer Angaben zum Gegentheil scheint es nur unmöglich in Aldrovandi's  Beschreibungen und Abbildungen die Barb-Taube wiederzuerkennen. Doch existirten 1600 vier Kassen, 12 J. M. Eaton, Treatise on the Breeding and Managing of the Al- mout Tumbler, 1851. Vergl. p. V. der Vorrede, p. 9 und p. 32. j

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0. Cap. Geschichte der Hauptmassen. 261 welche offenbar sowohl den Barb- als den Botentauben verwandt waren. Um zu zeigen, wie schwierig es ist, mehrere der von Aldrovandi  beschriebenen Bassen wiederzuerkennen, wall ich die verschiedenen Ansichten über die obigen vier Arten anführen, die er C. indica, cretcnsis, guiturosa  und persica  nennt. Willugliby  glaubte, dass die C. indica eine Mövcntaube sei, aber der ausgezeichnete Züchter Mr. Brent glaubt, dass es eine geringe Barb-Taube gewesen sei. C. cretensis  mit einem kurzen Schnabel und einer Schwellung an dem Oberkiefer kann nicht wieder erkannt werden. C. ( fälschlich genannt) guiturosa,  w r elche nach ihrem "rostrum breve, crassum et tuberosum", wie mir scheint der Barb- Taube am nächsten kommt, hält Mr. Brent für eine Botentaube; und endlich in Bezug auf die C. persica  und turcica ist Mr. Brent der Ansicht, in der ich völlig mit ihm übereinstimme, dass es eine kurzsclmäblige Botentaube gewesen sei mit sehr wenig Carunkeln. Tm Jahre 1687 war die Barb-Taube in England bekannt und Willugliby  beschreibt den Schnabel als dem der Mövcntaube ähnlich. Es ist aber nicht glaublich, dass seine Barb-Tauben einen dem unserer heutigen Vögel gleichen Schnabel gehabt haben sollen; denn ein so genauer Beobachter hätte dessen grosse Breite nicht übersehen können. Englische Botentauben. In Aldrovandi's  Werk suchen wir vergeblich nach irgend einem Vogel, der unsern Preisbotentauben ähnlich wäre. Die C. persica et turcica dieses Verfassers kommen ihnen am nächsten, sie sollen aber einen kurzen dicken Schnabel haben. Sie müssen daher dem Character der Barb-Taube sich genähert haben und bedeutend von unsern Botentauben verschieden gewesen sein. In Wil- lughby's  Zeit, 1677, können wir die Botentauben deutlich Wiedersehen; er fügt aber hinzu: Der Schnabel ist nicht kurz, sondern von massiger Länge; eine Schilderung, welche Niemand auf unsere heutigen Botentauben, die wegen der ausserordentlichen Länge ihrer Schnäbel so auffällig sind, anwenden wdirde. Die alten Namen, welche man den Botentauben in Europa gab und die verschiedenen jetzt in Indien gebräuchlichen Namen weisen darauf hin, dass die Botentauben ursprünglich aus Persien kamen und Willugliby's  Beschreibung passt vollständig auf die Bussorah-Taube, wie sie jetzt in Madras existirt. In späteren Zeiten können wir zum Theil den Fortschritt der Veränderungen in unsern englischen Botentauben verfolgen. Moore  sagt 1735: 1 'h Zoll wird für einen langen Schnabel gehalten, obschon es sehr gute Botentauben gibt, welche 1 1 1 Zoll nicht überschreiten. Diese Vögel müssen den vorher beschriebenen jetzt in Persien gefundenen Botentauben ähnlich oder

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 Domesticirte Tauben. G. Cap. vielleicht etwas überlegen gewesen sein. In England gibt es heutigen Tages, wie Mr. Eaton 43  anführt, "Schnäbel, welche (vomAugenwinkel bis zur Schnabelspitze) l 3 /t  Zoll, einige wenige selbst 2 Zoll, in der Länge messen würden. Aus diesen historischen Details sehen wir, dass nahezu alle der hauptsächlichsten Rassen vor dem Jahre 1600 existirten; einige die nur der Färbung wegen merkwürdig waren, scheinen mit unsern jetzigen Rassen identisch gewesen zu sein, einige waren nahebei dieselben, einige beträchtlich verschieden, und andere sind seitdem ausgestorben. Mehrere Rassen, wie die Finnikins und Dreher, die schwalbenschwänzigen Tauben von R e c h s t e i n und der Carmeliter, scheinen innerhalb derselben Periode entstanden und wieder verschwunden zu sein. Jeder, der jetzt ein gut bevölkertes englisches Vogelhaus besucht, wird sicher als die distinctesten Arten die folgenden herausheben : die massive Runt-Taube, die Botentaube mit ihrem wunderbar verlängerten Schnabel und den grossen Fleischlappen, die Barb-Taube mit ihrem kurzen breiten Schnabel und den Carunkein um die Augen, den kurzstirnigen Burzier mit seinem kleinen eonischen Schnabel, den Kröpfer mit seinem grossen Kropf, langen Beinen und Körper, die Pfauentaube mit ihrem aufgerichteten, weit ausgebreiteten, wohlbefiederten Schwanz, die Möventaube mit ihrer Krause und dem kurzen stumpfen Schnabel, und den Jacobiner mit seiner Haube- Wenn nun dieselbe Person die Tauben hätte sehen können, welche vor 1600 Akber-Kh an  in Indien und Aldrovandi  in Europa hielten, so würde er den Jacobiner mit einer weniger vollständigen Haube, die Möventaube offenbar ohne ihre Krause, den Kröpfer mit kurzen Beinen und in jeder Weise weniger merkwürdig gesehen haben (d. h. wenn Aldrovandi's  Kröpfer der alten deutschen Art ähnlich war); die Pfauentaube würde im äusseren Ansehen weit weniger eigenthümlich gewesen sein und viel weniger Federn in ihrem Schwänze gehabt haben; er würde ausgezeichnet fliegende Burzier gesehen haben, aber vergebens nach den wunderbaren kurzstirnigen Rassen gesucht haben. Er würde Vögel gesehen haben, die den Barben verwandt waren, es ist aber äusserst zweifelhaft, ob er un- 4 * Treatise on Pigeons, 1852, p. 41.

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6. Cap. Riklimgsweise der Ilauptrassen. 2t>3 sere wirkliche Barb-Taube gefunden haben würde und endlich er würde Botentauben gefunden haben, welche die Schnäbel und die Hautlappen unvergleichlich weniger entwickelt hatten, als unsere englische Botentaube. Er würde wohl die meisten dieser Rassen in dieselben Gruppen wie jetzt eingeordnet haben, die Verschiedenheiten zwischen den Gruppen waren aber damals viel weniger scharf ausgesprochen als jetzt; kurz die verschiedenen Rassen waren zu jener Zeit noch nicld in einem so bedeutenden Maasse von ihrer ursprünglichen elterlichen Form der wilden Felstaube abgewichen. Bildungsweise der Hauptrassen. Wir wollen nun die wahrscheinlichen Schritte, auf welchen die hauptsächlichsten Rassen gebildet worden sind, etwas näher betrachten. So lange Tauben in ihrem Heimathlande halb domestieirt in Taubenhäusern und zwar ohne Sorgfalt im Auswählen und Paaren derselben gehalten werden, variiren sie nur wenig mehr als die wilde C. litia.  Nämlich die Flügel werden mit schwarz gefeldert, das Hintertheil wird blau oder weiss und die Körpergrosse variirt. Werden indess Haustauben in verschiedenartige Länder transportirt, wie nach Sierra Leone, dem malaiischen Archipel und Madeira (wo es nicht bekannt, dass die wilde C. livia  existirt), so werden sie neuen Lebensbedingungen ausgesetzt; und offenbar in Folge hiervon variiren sie in einem etwas grösseren Maasse. Werden sie in enger Gefangenschaft gehalten, entweder des Vergnügens wegen sie zu beobachten, oder um ihr Herumstreifen zu verhindern, so müssen sie selbst in ihrem heimathlichen Klima beträchtlich verschiedenen Bedingungen ausgesetzt werden; denn sie können die natürliche Verschiedenheit in der Nahrung nicht mehr erhalten und, was wahrscheinlich noch bedeutungsvoller ist, sie werden sehr reichlich gefüttert, während sie verhindert sind, sich viel Bewegung zu machen. Nach Analogie mit allen übrigen domesticirten Thieren können wir unter diesen Umständen wohl envarten. eine grössere individuellere Variabilität zu finden, als bei der wilden Felstaube und dies ist auch der Fall. Der Mangel an Körperbewegung strebt offenbar dahin, die Grösse der Füsse und der Flugorgane zu reduciren und nach dem Gesetz der Correlation des Wachsthums wird dann offenbar auch

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 Domesticirte Tauben. 6. Cap. der Schnabel afficirt. Nach dem, was wir gelegentlich in unsern Vogelhäusern stattfinden sehen, können wir schliessen, dass plötzliche Variationen oder Spielarten, wie das Auftreten eines Federbusches auf dem Kopf oder befiederte Küsse, einer neuen Farben- schattirung, einer überzähligen Feder im Schwanz oder dem Flügel, während der vielen Jahrhunderte, welche seit der Zeit, dass die Taube zuerst domesticirt wurde, verflossen sind, wohl aufgetreten sein werden. Heutigen Tages werden solche Naturspiele meist als Fehler verworfen und bei der Taubenzucht herrscht so viel Geheim- niss, dass, wenn ein werthvolles Naturspiel erschien, seine Geschichte oft verborgen gehalten w urde. Vor den letzten 150 Jahren ist kaum eine Aussicht vorhanden, die Geschichte irgend eines solchen Naturspieles berichtet zu finden. Es folgt aber hieraus durchaus nicht, dass in früheren Zeiten wo die Taube noch weniger Variation dargeboten hatte, derartige Naturspiele verworfen sein würden. In Bezug auf die Ursache jeder plötzlichen und scheinbar spontanen Variation ebenso wie die der unendlich zahlreichen Niiancen der Verschiedenheit zwischen den Vögeln derselben Familie, sind wir in völliger Unwissenheit. In einem späteren Capitel werden wir aber sehen, dass alle derartigen Variationen das indirecte Resultat von Veränderungen irgend welcher Art in den Lebensbedingungen zu sein scheinen. Nach einer lange fortgesetzten Domestication können wir nun wohl erwarten, bei der Taube eine grosse individuelle Variabilität, gelegentlich plötzliche Variationen ebensowohl als unbedeutende Modifikationen als Folge des geringeren Gebrauchs gewisser Tlieile in Verbindung mit den Wirkungen der Correlation des Waehsthums zu finden. Ohne Zuchtwahl würde dieses alles ein äusserst geringes oder gar kein Resultat produciren; denn ohne eine derartige Hülfe würden aus den folgenden zwei Ursachen Verschiedenheiten aller Arten bald verschwinden. In einer gesunden und kräftigen Heerde Tauben werden vielmehr junge Vögel zur Nahrung benutzt oder sterben, als zur Reife erzogen werden, so dass ein Individuum mit irgend einem eigenthümlichen Merkmale eine grosse Wahrscheinlichkeit für sich haben würde, im Fall es nicht zur Zuchtwahl ausgewählt wird, zerstört zu werden; und wird es nicht zerstört, so

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6. Cap. Biklungsweise der Hauptrassen. 265 würde die in Frage stehende Eigenthiindichkeit fast sicher durch die völlig freien Kreuzungen verwischt werden. Es kann sich unless gelegentlich treffen, dass dieselbe Variation wiederholt anflritt und zwar wegen der Wirkung eigenthündicher und gleichförmiger Lebensbedingungen; und in diesem Falle könnte sie unabhängig von einer Zuchtwahl bestehen bleiben. Kommt aber Zuchtwahl mit in's Spiel, so wird Alles verändert, denn dies ist der Grundstein bei der Bildung neuer Rassen und gerade bei der Taube sind, wie wir bereits gesehen haben, die Umstände für die Zuchtwahl äusserst günstig. Ist ein Vogel, der irgend eine auffallende Variation darbietet, erhalten w orden und seine Nachkommen zur Zuchtwahl ausgew ählt, sorgfältig gepaart und wieder fortgepflanzt worden, und zwar dies durch mehrere Generationen, so ist das ganze Princip so in die Augen fallend, dass nichts weiter darüber gesagt zu werden braucht. Dies kann man method i sch e Zuch t wähl  nennen, denn der Züchter hat ein bestimmtes Object im Auge, nämlich irgend einen Character, der aufgetreten war, zu erhalten oder irgend eine Verbesserung, die er sich ideal vorgezeichnet hat, nun hervorzurufen. Eine andere Form der Zuchtwahl ist von den Autoren, die den Gegenstand erörtert haben, kaum beachtet worden, ist aber selbst von noch grösserer Bedeutung. Man kann diese Form unbewusste Zuchtwahl  nennen, denn der Züchter wählt seine Vögel unbewusst, unabsichtlich und ohne Methode aus, bewirkt aber doch mit Sicherheit, wenn auch langsam, ein grosses Resultat. Ich beziehe mich hier auf die Wirkungen, welche daraus resultiren, dass jeder Züchter sich zuerst so gute Vögel als er nur kann, verschafft, und später sie ebenso erzieht, und zwar je nach seiner Geschicklichkeit und nach dem in jeder Periode aufgeslellten Maasstab der Vortrefflich- keit. Er will nicht beständig seine Rasse modificiren, er blickt nicht in eine ferne Zukunft oder speculirt über das Endresultat der viele Generationen hindurch andauernden Häufungen successiver kleiner Veränderungen; er ist einfach zufrieden, wenn er eine gute Heerde hat und noch zufriedener, wenn er seine Rivalen besiegen kann. Wenn ein Züchter zur Zeit A 1 d r o v a n d i 's im Jahre 1600 seine eignen Jacobiner, Kröpfer oder Botentauben bewunderte, so überlegte er sich nicht, was aus deren Nachkommen im Jahre I860 ge-

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 Domesticirtc Tauben. 6. Cap. worden sein könne; er würde erstaunt sein, wenn er unsere Jaco- biner, unsere veredelten englischen Botentauben und unsere Kröpfer hätte sehen können. Er würde wahrscheinlich geleugnet haben, dass dies die Nachkommen seiner eigenen einstmals bewunderten Heerde wären und würde sie vielleicht nicht so hoch geschätzt haben, aus keiner andern Ursache "als, wie 1765 geschrieben wurde, weil sie dem nicht mehr glichen, w as der Mode zufolge für gut gehalten wurde." Niemand wird den verlängerten Schnabel der Botentaube, den verkürzten Schnabel des kurzstirnigen Burzlers, das verlängerte Bein des Kröpfers, die vollkommen einschliessende Haube des Ja- cobiners u. s. w. — Veränderungen, welche seit Aldrovandi  oder selbst in einer noch späteren Zeit eingetreten sind —Niemand wird, sage ich, diese Veränderungen der directen und unmittelbaren Wirkung der Lebensbedingungen zuschreiben; denn diese verschiedenen Rassen sind auf verschiedenen und selbst direct entgegengesetzten Wegen modificirt worden, trotzdem sie in demselben Klima gehalten und in jeder Hinsicht in einer so gleichförmigen Weise als nur möglich behandelt worden sind. Jede geringe Veränderung in der Länge oder Kürze des Schnabels, in der Länge des Beines u.s. w. ist ohne Zweifel indirect und entfernt durch irgend eine Veränderung in den Bedingungen verursacht worden, welchen der Vogel ausgesetzt gewesen ist. Das endliche Resultat aber, wie es in den Fällen, von denen wir irgend einen historischen Bericht haben, offenbar wird, müssen wir der fortgesetzten Zuchtwahl und der Häufung vieler kleiner successive! - Variationen zuschreiben. Die Wirkung unbewusster Zuchtwahl hängt soweit es die Tauben betrifft, von einem allgemeinen Prineip der menschlichen Natur ab, nämlich von unserer Rivalität und dem Wunsche, unsere Nachbarn zu überbieten. Wir sehen dies bei jeder fluctuirenden Mode, selbst in unserm Anzug und es führt dies den Züchter zu dem Streben, jede Eigenthümlichkeit in seinen Rassen zu übestreiben. Eine grosse Autorität über Tauben 44  sagt: "Liebhaber bewundern keinen mittleren Maassstab und wollen ihn nicht bewundern, d.h. keine Halbheit, w'elche weder hier noch dort ist , sondern bewundern Extreme." Er bemerkt, dass der Züchter von kurzstirnigen Burzlern 44 Eaton's Treatise on Pigeons 1858. p 86.

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0. Cap. Bildungsweise der Hauptrassen. 267 einen sehr kurzen Schnabel wünscht und dass der Züchter von lang- stirnigen Barlburzlern einen sehr langen Schnabel wünscht, und sagt dann in Bezug auf einen von mittlerer Länge: "Man täusche sich nicht. Glaubst du auch nur für einen Augenblick, dass der Züchter von kurzstirnigen Burzlern einen solchen Vogel als Geschenk annehmen würde? sicher nicht; der Liebhaber kurzstirniger Vögel würde ihn nicht für schon halten, der von langstirnigen w ürde darauf schwören, dass er gar nichts tauge u. s. f." In diesen komischen aber in vielem Ernst geschriebenen Stellen finden wir das Princip, was von jeher die Liebhaber geleitet hat und sie zu so grossen Modificationen in allen unsern domesticirten Rassen geführt hat, welche nur ihrer Schönheit oder Curiosität wegen geschätzt werden. Die Moden bleiben bei der Taubenzucht für lange Perioden bestehen; wir können die Structur eines Vogels nicht so schnell verändern , wie die Mode unserer Kleidung. Ohne Zweifel wurde zur Zeit Aldrovandi's der Kröpfer um so höher geschätzt, je mehr er sich aufblies; niehtsdestow'eniger wechseln bis zu einem Grade die Moden. Zuerst wird ein Punkt der Structur beachtet und dann ein anderer, oder verschiedene Rassen werden zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern bewundert. Der eben angeführte Autor bemerkt: "Die Mode hat Ebbe und Fluth; ein ordentlicher Züchter lässt sich heutigen Tages nicht dazu herab. Spielvögel zu züchten "; und doch sind gerade diese Spielvögel jetzt Gegenstand einer sorgfältigen Zucht in Deutschland. Zuchten, welche heutigen Tages in Indien hoch geschätzt sind, werden in England für werth- los gehalten; ohne Zweifel degeneriren Rassen, wenn sie vernachlässigt werden, doch können wir annehmen, dass solange sie unter denselben Lebensbedingungeu gehalten werden, einmal erlangte Charactere zum Tlieil lange Zeit beibehalten werden und den Ausgangspunkt bilden für den ferneren Verlauf der Zuchtwahl. Dieser Ansicht von der Wirkung einer unbewussten Zuchtwahl kann man nicht etwa entgegenhalten . dass Liebhaber äusserst geringe Differenzen nicht beobachten oder ihnen keine Sorgfalt zuwenden würden. Nur diejenigen, die mit Züchtern umgegangen sind, kennen deren sehr scharfe Unterscheidungsgabe, eine Folge ihrer langen Übung, und die Sorge und Mühe, die sie auf ihre Vögel w en-

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 Domcsticirto Tauben. 6. Cap. den. Ich habe einen Züchter gekannt, der seine Vögel Tag für Tag mit grossem Redacht studirte, um zu entscheiden, welche er paaren und welche er verwerfen solle. Man sehe, wie schwierig dieser Gegenstand einem der ausgezeichnetsten und erfahrensten Züchter erscheint. Mr. Eaton,  Inhaber vieler Preise, sagt: "Ich möchte Sie hier besonders davor warnen, eine zu grosse Verschiedenheit von Tauben zu halten, sonst werden Sie ein wenig von allen Arten, aber nichts von einer so wissen, wie Sie es wissen sollten." "Es ist möglich, dass es einige wenige Züchter gibt, die eine gute allgemeine Kenntniss der verschiedenen Liebhaberrassen besitzen; es gibt aber sehr viele, welche in der Täuschung befangen sind, sie wüssten etwas, was sie nicht wissen." Er spricht nun ausschliesslich von einer Subvarietät einer Rasse, nämlich vom kurzstirnigen Mandel- burzler, sagt dann, dass einige Züchter Alles zum Opfer bringen, um einen guten Kopf und Schnabel zu erreichen, dass andere Züchter Alles an das Gefieder setzen und bemerkt dann: "Einige jüngere Züchter, welche übereifrig sind, gehen für alle fünf Eigenschaften auf einmal in's Zeug, und sie erhalten ihren Lohn darin, dass sie nichts erreichen." Wie ich von Mr. Blyth  höre, werden auch in Indien die Tauben mit grosser Sorgfalt ausgewählt und gepaart. Nach den Verschiedenheiten welche jetzt nach der Bildung vieler Rassen, von denen jede ihren eignen Maassstab der Vollendung hat, und durch unsere zahlreichen Ausstellungen gleichförmig bewahrt hat, dürfen wir nicht die unbedeutenden Verschiedenheiten beurteilen, welche in alten Zeiten hoch geschätzt worden wären. Der Ehrgeiz der energischsten Züchter kann vollständig durch die Schwierigkeit befriedigt werden, andere Züchter in bereits bestehenden Rassen zu übertrelfen, ohne den Versuch zu machen, irgend eine neue zu bilden. In Bezug auf das Vermögen der Zuchtwahl wird vielleicht eine Schwierigkeit bereits dem Leser aufgefallen sein, nämlich: was kann die Züchter zuerst darauf geführt haben, die Bildung so eigentümlicher Rassen, wie Kröpfer, Pfauentauben, Botentauben u. s. w. zu versuchen ? Aber gerade diese Schwierigkeit beseitigt das Prin- cip der unbew ussten Zuchtwahl. Zweifellos hat kein Züchter je ab-

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6. Cap. Bildungsweisc der Ilauptrassen. 269 sichtlich einen derartigen Versuch gemacht; alles was wir anzuneh- men noting haben, ist, dass eine Variation eintrat, hinreichend auffallend, um das beobachtende Auge irgend eines alten Liebhabers zu treten, und dann wird die unbewusste, viele Generationen fortgesetzte Zuchtwahl das Übrige thun, nämlich der Wunsch späterer Züchter, ihre Concurrenten zu übertreffen. Bei der Pfauenlaube können wir annelmien, dass der erste Erzeuger dieser Kasse einen nur wenig aufgerichteten Schwanz besessen hat, wie wir es jetzt bei gewissen Runt-Tauben 45  sehen, not einer etwas vergrösserten Zahl der Schw anzfedern, wie es jetzt gelegentlich bei Nonnen auftritt. Bei dem Kröpfer können wir annehmen, dass irgend ein Vogel seinen Kropf etwas mehr als andere Tauben aufgeblasen hat, wie es jetzt in einem geringeren Grade mit dem Oesophagus der Möven- taube der Fall ist. Vom Ursprung des gemeinen Burzlers wissen wir nicht das geringste, w ir können aber annehmen, dass ein Vogel mit irgend einer Gehirnaffection geboren wurde, die ihn dazu brachte, in der Luft Burzelbäume zu schlagen. Und die Schwierigkeit wird für diesen Fall noch dadurch verringert, dass wir wissen, dass vor dem Jahre 1600 in Indien Tauben w'egen ihrer verschiedenartigeu Flugarten hoch geschätzt, und auf Befehl des Kaiser Akber-Khan eifrig gezüchtet und sorgfältig gepaart wurden. In den vorstehenden Fällen haben wir angenommen, dass eine plötzliche Variation, auffällig genug, um einem Liebhaber ins Auge zu fallen, zuerst erschien; aber selbst dieser Grad von Abruptheit in dem Process des Variirens ist zur Bildung einer neuen Basse nicht noting. Ist dieselbe Taubenart rein gezüchtet und lange Zeit hindurch von zwei oder mehreren Liebhabern erzogen worden, so können oft Differenzen in den einzelnen Linien erkannt werden. So habe ich Jacobinertauben ersten Ranges in Jemandes Besitz gesehen, welche in mehreren Characteren unbedeutend von denen abwichen, die ein anderer hielt. Ich selbst habe einige ausgezeichnete Barb- Tauben, die von einem Paare herrührten, das einen Preis gewonnen hatte, und eine andere Anzahl besessen, welche von einer Heerde abstammte, die früher der berühmte Züchter Sir J. Sebright hielt; 45  s. Neumeister's Abbildung der Florentiner Runt-Taube. Taf. 13 in: Das Ganze der Taubenzucht.

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 Domesticirte Tauben. G. Cap. und beide wichen offenbar in der Form des Schnabels ab. Die Differenzen waren aber so unbedeutend, dass sie sich kaum mit Worten beschreiben lassen. Ferner weichen der gemeine englische und holländische Burzier in etwas grösserem Grade sowohl in der Länge des Schnabels als Form des Kopfes von einander ah. Was zuerst diese unbedeutenden Verschiedenheiten verursachte, kann ebensowenig erklärt werden, als warum ein Mensch eine lange und ein anderer eine kurze Nase hat. In den Reihen, welche verschiedene Züchter lange einzeln gehalten haben, sind derartige Verschiedenheiten so häufig, dass sie nicht durch den Zufall erklärt werden können, dass die zuerst zur Zucht ausgewählten Vögel ursprünglich so verschieden gewesen seien, als sie es jetzt sind. Die Erklärung liegt ohne Zweifel darin, dass in jedem Falle Zuchtwahl von einer unbedeutend verschiedenen Art angewendet worden ist; denn nicht zwei Züchter haben genau denselben Geschmack, und folglich geben auch nicht zwei genau denselben Vögeln den Vorzug oder wählen sie bei der sorgfältigen Auswahl und Paarung ihrer Vögel aus. Da Jedermann natürlich seine eigenen Vögel bewundert, so sucht er beständig durch Zuchtwahl die unbedeutenden Eigentlnimlichkeiten, die sie besitzen, zu vergrössern. Dies wird noch besonders bei Züchtern sich ereignen, die in verschiedenen Ländeni leben, welche also ihre Heerden nicht vergleichen und nach einem gemeinsamen Maassstabe der Vollendung hinstreben. Ist daher eine solche Reihe einmal gebildet worden, so führt unbewusste Zuchtwahl stetig dazu, die Verschiedenheiten zu vergrössern, diese Linie in eine Unterrasse und diese endlich in eine scharf markirte Zucht oder Rasse zu verwandeln. Man sollte das Princip der Correlation des Wachsthums nie aus dem Auge verlieren. Die meisten Tauben haben kleine Füsse, offenbar verursacht durch den verringerten Gebrauch: und, wie es wohl scheint, durch Correlation des Wachsthums sind auch ihre Schnäbel in der Länge reducirt worden. Der Schnabel ist ein in die Augen fallendes Organ und sobald er merkbar gekürzt ist, werden sich die Züchter last sicher bemühen, ihn durch die beständige Zuchtwahl von Vögeln mit den kürzesten Schnäbeln noch weiter zu verkürzen, während gleichzeitig andere Züchter (und wir wissen, dass dies

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6. Cap. BildtingsweUe der Hauptrassen. 271 factiscli der Fall gewesen ist) ihn in andern Unterrassen zu verlängern suchen. Mit der zunehmenden Länge des Schnabels wird auch die Zunge bedeutend verlängert werden, ebenso wie die Augenlider mit der bedeutenden Entwickelung der Carunkeln um das Auge. Mit der reducirten oder vermehrten Grösse der Füsse wird auch die Zahl der Schildchen variiren, mit der Länge der Flügel wird die Zahl der ersten Schwungfedern verschieden, mit der Längezunahme des Körpers beim Kröpfer wird auch die Zahl der Kreuzbeinwirbel vermehrt. Diese bedeutenden und in Correlation stehenden Differenzen der Structur characterisiren nicht unveränderlich irgend eine Rasse. Hätte man sie aber beachtet und mit ebensoviel Sorgfalt als die augenfälligeren äusseren Verschiedenheiten bei der Zuchtwahl berücksichtigt, so lässt sich kaum zweifeln, dass man sie constant gemacht haben würde. Züchter hätten sicher eine Rasse von Burzlern bilden können mit neun statt zehn Schwungfedern erster Reihe, da man sieht, wie oft die Zahl neun erscheint, ohne dass sie es wünschen und bei den weissflügligen Varietäten geradezu gegen ihren Wunsch. In ähnlicher Weise, wären die Wirbel sichtbar gewesen und hätten sie die Züchter beachtet, so hätte sicher eine grössere Zahl beim Kröpfer fixirt werden können. Wären diese letzteren Merkmale je constant gemacht geworden, so würden wir nie vermuthet haben, dass sie zuerst äusserst variabel gewesen wären, oder dass sie in Folge von Correlation in dem einen Falle mit der Kürze der Flügel, im andern Falle mit der Länge des Körpers aufgetreten wären. Um zu verstehen, wie die hauptsächlichsten domesticirten Rassen von einander deutlich verschieden geworden sind, ist es von Wichtigkeit im Auge zu behalten, dass die Züchter beständig von den besten Vögeln zu züchten suchen und dass folglich die Vögel, welche in den erforderlichen Qualitäten geringer sind, bei jeder Generation vernachlässigt werden. Nach einer Zeit werden daher die weniger veredelten Formen und viele später gebildete Zwischengrade ausgestorben sein. Dies ist bei den Kröpfern, Möven und Trommeltauben eingetreten; denn diese hochveredelten Rassen stehen jetzt einzeln, ohne dass sie durch irgend enge Glieder weder mit einander noch mit der ursprünglichen Felstaube verbunden wür-

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 Domesticirte Tauben. G. Cap. den. Es können allerdings in andern Ländern, wo nicht dieselbe Sorgfalt aufgewandt wurde, oder wo nicht dieselbe Mode herrschte* die früheren Können länger unverändert oder nur in einem unbedeutendem Grade verändert bestehen bleiben und hierdurch werden wir zuweilen in den Stand gesetzt, die verbindenden Glieder zu entdecken. Dies ist in Persien und Indien mit dem Burzier und der Botentaube der Fall, welche dort in den Verhältnissen ihrer Schnäbel nur unbedeutend von der Felstaube abweichen. So haben ferner in Java die Pfauentauben zuweilen nur 14 Schwanzfedern und der Schwanz ist weniger erhoben und ausgebreitet als bei unsern Vögeln, so dass der Javavogel ein verbindendes Glied zwischen einer Pfauentaube ersten Ranges und der Felstaube bildet. Gelegentlich kann eine Rasse wegen irgend einer eigenthüm- lichen Qualität in einer nahezu unveränderten Form in einem und demselben Lande zusammen mit bedeutend modificirten Abzweigungen oder Unterrassen, die wegen irgend einer distincten Eigenschaft geschätzt werden, erhalten bleiben. Wir sehen dies in England, wo der gemeine Burzier, der nur seines Fluges wegen geschätzt wird, nicht sehr von seiner elterlichen Form, dem orientalischen Burzier, alnveicht, während der kurzstirnige Burzier, der nicht seines Fluges wegen sondern anderer Qualitäten wegen geschätzt wird, fabelhaft inodificirt worden ist. Aber der in gewöhnlicher Weise fliegende Burzier von Europa hat bereits begonnen, sich in unbedeutend verschiedene Unlerrassen abzuzweigen, wie der gemeine englische Burzier, der holländische Roller, der Glasgow-llausburzler und der langstirnige Bartburzler u. s. w.; und im Laufe von Jahrhunderten werden diese Unterrassen, wenn die Moden nicht bedeutend sich verändern, in Folge der langsamen und unmerkbaren Fortschritte der unbew ussten Zuchtwahl divergiren und in immer grösserem und grösserem Grade inodificirt werden. Nach einer gewissen Zeit werden die vollständig sich abstufenden Glieder, welche jetzt alle diese Unterrassen untereinander verbinden, verloren sein; denn es würde gar keinen Zweck haben und sehr schwierig sein, eine solche Menge intermediärer Subvarietäten zu erhalten. Das Princip der Divergenz in Verbindung mit dem Aussterben der vielen früher existirenden Zwischenformen ist zum Verständniss

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G. Cap. Bildungsweise dor Hauptmassen. 273 des Ursprungs der Hausrassen ebensowohl wie des der Species im Naturzustände, so wicldig, dass ich mich über den Gegenstand noch etwas verbreiten will. Unsere dritte Hauptgruppe umfasst Botenlauben, Barb- und Runt-Tauben, welche deutlich miteinander verwandt , aber in mehreren wichtigen Merkmalen verschieden sind. Nach der im letzten Capitel gegebenen Ansicht stammen diese drei Rassen wahrscheinlich von einer unbekannten Rasse ab, die einen intermediären Character hatte; und diese wieder von der Felstaube. Ihre characterislischcn Verschiedenheiten hält man für eine Folge des Umstandes, dass in früher Zeit verschiedene Züchter verschiedene Punkte ihrer Structur bewundert haben, und es werden dann nach dem anerkannten Princip der Züchter, Extreme zu bewundern, dieselben ohne an die Zukunft zu denken, fortwährend so gute Vögel gezüchtet haben, als sie nur konnten. Züchter von Botentauben haben lange Schnäbel mit sehr starken Carunkelu, Züchter von Barb- Tauben kurze dicke Schnäbel mit sehr viel carunculirter Haut um die Augen vorgezogen, und Züchter von Bunt-Tauben haben sich nicht um den Schnabel oder die Carunkeln gekümmert, sondern nur um die Grösse und das Gewicht des Körpers. Dieser Process wird zur Vernachlässigung und dem endlichen Aussterben der früheren geringeren und intermediären Formen geführt haben; und so ist es denn gekommen, dass diese drei Rassen jetzt in Europa so ausserordentlich von einander verschieden sind. Im Orient, von wo sie ursprünglich gebracht wurden, ist aber die Mode verschieden gewesen und wir finden dort Rassen, welche die so hoch modificirte englische Botentaube mit der Felstaube, und andere welche in einem gewissen Grade Botentauben mit Runt-Tauben verbinden. Blicken wir zurück in die Zeit von Aldrovandi,  so finden wir, dass vor dem Jahre 1600 in Europa vier Rassen existirten, welche den Boten- und Barb-Tauben nahe verwandt waren, welche aber eompetente Autoritäten jetzt nicht mit unsern gegenwärtigen Barb- und Botentauben identificiren können. Auch können A ldrovandi's  Runt- Tauben nicht mit unsern jetzigen Runt-Tauben für identisch gehalten werden. Diese vier Rassen wichen sicher von einander nicht soviel ab, als es unsere jetzt existirenden englischen Botentauben, Barbund Runt-Tauben thun. Dies ist genau, was sich hätte voraussehen Darwin, Erster Theil. 18

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 Domestieirte Tauben. G. Cap. lassen. Konnten wir die Tauben, die je gelebt haben, alle, von der Zeit vor den Römern bis auf den heutigen Tag Zusammenhängen, so würden wir im Stande sein, sie in verschiedene von der alleren Felstaube abzweigende Linien zu gruppiren. Jede Linie wiide aus fast unmerkbaren Graden bestehen, gelegentlich wohl durch irgend unbedeutend grössere Variationen oder Naturspiele unterbrochen sein, und eine jede würde in einer unserer jetzigen so hoch mo- dificirten Formen sich gipfeln. Von den vielen früher existirenden Verbindungsgliedern würden wir einige absolut ausgestorben, ohne irgend welche Nachkommen linden, während andere, wenn auch ausgestorben, sich doch als die Urerzeuger jetzt existirender Rassen herausstellen würden. Ich habe es als einen befremdenden Umstand erwähnen hören, dass wir gelegentlich von dem localen oder completen Aussterben von Hausrassen hören, während wir nichts von ihrem Ursprung hören. Wie können, hat man gefragt, diese Verluste compensirt werden oder mehr als compensirt: denn wir wissen, dass fast bei allen domesticirten Tlüeren die Zahl der Rassen sich seit der Römerzeil bedeutend vermehrt hat? Aber nach der hier entwickelten Ansicht können wir diesen scheinbaren Widerspruch verstehen. Das Aussterben einer Rasse in historischer Zeit ist ein Ereigniss, was wohl beachtet wird, aber ihre stufenweise und kaum merkbare Modification durch unbewusste Zuchtwahl und ihre spätere Divergenz entweder in demselben Lande oder häufiger noch in getrennten Ländern in zwei oder mehrere Linien und deren allmähliche Umwandlung in Unterrassen und dieser wieder in scharf markirte Rassen sind Ereignisse, welche selten beachtet werden dürften. Das Aussterben eines Baumes, der riesige Dimensionen erlangt hat, wird berichtet, das langsame Wachslhum kleiner Bäume und die Zunahme ihrer Zahl erregt keine Aufmerksamkeit. Übereinstimmend mit dem Glauben an die grosse Kraft der Zuchtwahl und an die sehr geringe directe Einwirkung veränderter Lebensbedingungen, ausgenommen, dass dies im Allgemeinen Variabilität oder Plasticität der Organisation verursacht, überrascht es nicht, dass Haustauben seit undenklichen Zeiten unverändert geblieben sind und dass gewisse Spieltauben, welche ausser in der

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(j. Cap. Bildungsweisc der Ilauptrasscu. 275 Färbung nur wenig von den Haustauben abweichen, denselben Character für Jahrhunderte bewahrt haben; denn wenn eine dieser Spieltauben einmal schön und symmetrisch gefärbt war, wenn z. 15. eine Blässtaube erzeugt war, deren Krone, Schwanz und Schwanzdecken von gleichmässiger Farbe war, während der Rest des Körpers schneeweiss war, so wird man keine Veränderung oder Verbesserung gewünscht haben. Auf der andern Seite ist es nicht überraschend, dass während derselben Zeit unsere hochgezüchteten Tauben erstaunliche Veränderrngen erlitten haben: denn in Bezug auf diese gibt es keinen begrenzten Wunsch für die Züchter; auch kennt man in Bezug auf die Variabilität keineGrenzen. Was möchte den Züchter verhindern zu wünschen, seinen Botentauben immer längere und längere Schnäbel oder seinen Burzlern immer kürzere und kürzere Schnäbel zu geben? Auch ist die äussersteGrenze der Variabilität im Schnabel, wenn es überhaupt eine solche gibt, noch nicht erreicht worden. Trotz der in neuerer Zeit heim kurzstirnigen Mandelburzier bewirkten Veredelung bemerkt Mr. Eaton, " das Feld ist noch genau so offen für neue Concurrenten, als es vor tüü Jahren war". Dies ist aber vielleicht eine übertriebene Behauptung; denn die Jungen aller hochvcrcdelten Liebhabervögel sind Krankheiten und Sterben äusserst ausgesetzt. Ich habe einwerfen hören, dass die Bildung der verschiedenen domesticirten Taubenrassen kein Licht auf den Ursprung der wilden Species von Columbiden wirft, weil ihre Verschiedenheiten nicht von derselben Natur sind; z. B. weichen die domesticirten Rassen gar nicht oder kaum in der relativen Länge und Form der Schwungfedern erster Reihe, in der relativen Länge der hinteren Zehe oder in der Lebensweise, wie im Wohnen und Bauen auf Bäumen von einander ab. Der obige Einwand zeigt aber, wie vollständig das Princip der Zuchtwahl missverstanden worden ist. Es ist nicht wahrscheinlich. dass die von dem Eigensinn des Menschen bei der Zuchtwahl berücksichtigten Charactere Differenzen ähnlich sind, welche unter natürlichen Bedingungen erhalten werden; und zwar erhalten werden, entweder weil sie jeder Species von directem Nutzen sind oder weil sie zu anderen moditicirten Bildungseigenthümlichkeiten in Correlation stehen. So lange der Mensch keine Vögel zurZucht- 18 *

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 Domesticirte Taubon. C. Cap. wähl auswählt, welche in der relativen Länge der Schwungfedern oder Zehen abweichen, kann man keine merkbaren Veränderungen in diesen Theilen erwarten. Andererseits kann der Mensch nichts thun, wenn diese Theile nicht im Zustande der Domestication zufällig variiren. Ich behaupte nicht positiv, dass dies der Fall ist, trotzdem ich Spuren solcher Variabilität an den Schwungfedern und ganz sicher an den Schwanzfedern gesehen habe. Es wäre eine befremdende Thatsache, wenn die relative Länge der Hinterzehe nie variiren sollte, da man ja sieht, wie variabel der Fuss ist, sowohl in der Grösse als in der Zahl der Schildchen. In Bezug darauf, dass die Hausrassen nicht auf Bäumen leben und dort bauen, werden offenbar Züchter niemals derartige Veränderungen in der Lebensweise beachten oder hei der Zuchtwahl berücksichtigen. Wir haben aber gesehen, dass die Tauben in Ägypten, welche aus irgend welchem Grunde sich nicht gern auf die niedern Lehmhütten der Ein- gebornen setzen, offenbar dazu gezw ungen werden, haufenweise auf Bäumen zu sitzen. Wir können selbst behaupten, dass, w enn unsere domesticirten Rassen in einer der eben angeführten Beziehungen bedeutend modifieirt worden wären, und wenn es sich nachvveisen Hesse, dass die Züchter derartige Punkte nie beachtet hätten, oder dass diese Punkte nicht in Correlation mit andern bei der Zuchtwahl beachteten Characteren ständen, dass dann diese Thatsache nach den in diesem Capitel vertheidigten Ansichten eine sehr ernstliche Schwierigkeit darbieten würde. Wir w ollen in Kürze den Inhalt der beiden letzten Capitel über die Tauben zusammenfassen: Wir können mit vollkommenem Vertrauen scldiessen, dass alle domesticirten Rassen trotz ihrer grossen Differenz von der C. livia  abstammen, unter welchem Namen wir dann gewisse wilde Rassen mit einscbliessen; die Differenzen zwischen diesen letzteren Formen werfen aber durchaus kein Licht auf die Charactere, welche die Hausrassen unterscheiden. Bei jeder Rasse oder Unterrasse sind die individuellen Vögel mehr variabel, als Vögel im Naturzustände und gelegentlich variiren sie in einer plötzlichen und scharf markirten Weise. Diese Plasticität der Organisation ist offenbar das Resultat veränderter Lebensbedingungen. Nichtgebrauch hat gewisse Körpertheile reducirt. Correlation des

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6. Cap. BiUlungsweise der Hauptrassen. 277 Wachsthums verknüpft die Organisation so, dass wenn ein Tlieil variirt, andere Theile zu derselben Zeit variiren. Sind einmal verschiedene Rassen gebildet worden, so unterstützt ihre Kreuzung den Fortgang der Modification und hat selbst neue Unterrassen hervorgebracht. Da aber wie bei dem Aufführen eines Gebäudes die blossen Steine oder Ziegel ohne die Kunst des Erbauers von geringem Nutzen sind, so hat bei der Erzeugung neuer Rassen die Zuchtwahl die oberste Gewalt. Züchter können durch Zuchtwahl auf ausserordentlich unbedeutende individuelle Verschiedenheiten einwirken, ebenso wie auf jene grossem Differenzen, die man Naturspiele nennt. Zuchtwahl wird methodisch befolgt, wenn der Züchter eine Rasse nach einem vorausbestimmten Maasstabe derVollendung zu veredeln und zu modificiren sucht; er handelt unmethodisch und unbewusst, wenn er ohne irgend einen Wunsch oder eine Absicht die Rasse zu verändern, einfach versucht, so gute Vögel zu erziehen, als er nur kann. Der Fortgang der Zuchtwahl führt fast unvermeidlich zur Vernachlässigung und zum endlichen Aussterben der früheren und wenig veredelten Formen, ebenso wie der vielen verbindenden Zwischenglieder in jeder längeren Descendenzreihe. Auf diese Weise ist es gekommen, dass die meisten unserer Rassen sowohl von einander wie von der ursprünglichen Felstaube wunderbar verschieden sind.

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Hühner. Kurze Beschreibung der Hauptrassen. — Gründe zu Gunsten ihrer Abstammung von mehreren Arten. — Gründe zu Gunsten der Annahme, dass alle Rassen von Gallus bankiva  abstammen. — Rückkehr zur Stammform in der Färbung. — Analoge Variation. — Ältere Geschichte des Huhns. — Äussere Verschiedenheiten zwischen den verschiedenen Rassen. — Fier. — Hühnchen. — Secundäre Geschlecbtscharactere. — Flügel- und Schwanzfedern, Stimme, Temperament u. s. w. — Osteologische Verschiedenheiten in Schädeln, Wirbeln u. s. f. — Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs gewisser Tlieile. — Correlation des Wachsthums. Da manche Naturforscher mit den Hauptrassen der Hühner nicht nahe bekannt sein werden, wird es rathsam sein, eine kurze Beschreibung- derselben zu geben l .  Nach dem, was ich gelesen und von Exemplaren aus mehreren Theilen der Welt gesehen habe, glaubeich, dass die meisten der Hauptrassen auch nach England importirt worden sind, viele Unterrassen sind aber wahrscheinlich hier unbekannt. Die folgende Erörterung über den Ursprung der verschiedenen Rassen und über ihre characterislischen Verschiedenheiten macht nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, dürfte aberden 1  Ich habe diese kurze Synopsis nach verschiedenen Quellen zusammengestellt. namentlich nach mündlichen Mittheilungen Mr. T egetmeier's. Derselbe hat die Freundlichkeit gehabt, dies ganze Capitel durchzusehen; in Folge seiner anerkannten Erfahrungen kann man den hier angeführten Angaben volles Vertrauen schenken. Auch hat mich Hr. Tegetmaier  auf alle Weise bei der Erlangung von anderweitigen Informationen und von Exemplaren unterstützt. Ich kann diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne auch Mr. Brent für seinen unermüdlichen Beistand und für viele mir geschenkte Exemplare meinen herzlichen Dank zu sagen.

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7. Cap. Hüluier; Beschreibung der Rassen. 279 Naturforschern einiges Interesse (larbieten. So viel ich sehen kann, lasst sich die Classification der Rassen nicht natürlich machen; sie weichen von einander in verschiedenen Graden ab und bieten keine einander subordinirten Charactere dar, durch welche sie sich in Gruppen eintheilen liessen. Sie scheinen alle auf unabhängigen und verschiedenen Wegen von einem einzelnen Typus ausgegangen zu sein. Jede Hauptrasse umfasst verschieden gefärbte Untervarietäten, von denen die meisten rein fortgepflanzt werden können; es wäre aber überflüssig, sie zu beschreiben. Die verschiedenen mit Federkronen versehenen Hühner habe ich als Unterrassen zu dem polnischen Huhn gebracht; ich zweifle aber sehr, ob dies ein natürliches, die wahre Verwandtschaft und Blutangehörigkeit beurkundendes Ar rangement ist. Es ist kaum möglich zu vermeiden, auf das häufige Vorkommen einer Rasse Gewicht zu legen; wären gewisse ausländische Rassen hier zu Lande zahlreich gehalten worden, so würden sie vielleicht zu dem Range von Hauptrassen erhoben worden sein. Mehrere Rassen sind abnorm in ihrem Character, d. h. sie weichen in gewissen Funkten von allen wilden hühnerartigen Vögeln ab. Anfangs versuchte ich eine Einthcilung der Rassen in normale und abnorme, das Resultat w'ar aber durchaus nicht zufriedenstellend. 1) Kampfhahn-Rasse. —  Man kann diese als die typische Rasse ansehen, da sie nur imbedeutend von dem wilden Gallus bankiva, oder wie er vielleicht richtiger zu nennen wäre, ferruginous abweicht. Schnallet stark; Kamm einfach und aufrecht; Sporen lang und scharf; Federn am Körper dicht angedrückt, Schwanz mit der normalen Zahl von 14 Federn. Eier oft blass rütlilich-gelb. Disposition unbezähmbar muthig, selbst bei den Hennen und Hühnchen. Es existirt eine ungewöhnliche Anzahl verschieden gefärbter Varietäten, so: rothe mit schwarzer und brauner Brust, entenfliiglige (,duckwings u ), schwarze, weisse, T Piles" u. s. w.; auch die Beine sind verschieden gefärbt. 2) Malayisclie Rasse. —  Körper von bedeutender Grösse, Kopf, Hals und Beine verlängert; Haltung aufrecht; Schwanz klein, abwärts geneigt, meist aus 10 Federn gebildet. Kamm und Lappen klein; Ohrlappen und Gesicht roth, Haut gelblich; Federn dicht angedrückt; Halsschuppenfedernkurz, schmal, hart. Eier oft blass röthlich-gelb; die Jungen spät befiedert. Dispositon ziemlich wild, orientalischen Ursprungs.

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 Hühner. 7. Cap. 3) Co chin chi na- oder Slian gai- Rasse. — Grösse bedeutend ; Flügelfedern kurz, gebogen, in dem weichen Dunengefieder faxt verborgen; kaum fällig zu fliegen; Schwanz kurz, meist aus 16 Federn gebildet, sich bei dem jungen Männchen spät entwickelnd; Beine dick befiedert, Sporen kurz und dick, Nagel der mittleren Zehe flach und breit, nicht selten entwickelt sich eine überzählige Zehe. Haut gelblich; Kamm und Lappen wohl entwickelt, Schädel mit tiefer mittlerer Furche, Hinterhauptsloch fast dreieckig, vertical verlängert; Stimme eigenthümlich. Fig. 30. Spanisches Huhn. Eier rauh, rötlilich-gelb. Disposition äusserst ruhig. Chinesischen Ursprungs. 4) D or king-Kasse. -  Grösse bedeutend; Körper gedrungen, compact; Füsse mit einer überzähligen Zehe; Kamm wohl entwickelt, der Form nach aber sehr variirend, Lappen gut entwickelt; Farbe des Gefieders versclüeden; Schädel zwischen den Orbiten merkwürdig breit. Englischen Ursprungs.

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7. Cap. Beschreibung der Rassen. 28 t Die weissen Dorking-Hiilmer können als eine distincte Unterrasse betrachtet werden, da sie weniger massive Vögel sind. 5) Spanische Rasse. ( Fig. 30) — Hoch, mit stattlicher Haltung ; Tarsen lang; Kamm einfach, tief gesägt, von ungeheurer Grösse; Lappen bedeutend entwickelt, die grossen Ohrlappen und Seiten des Gesichts weiss, Gefieder schwarz, metallisch grün schillernd; sie brüten nicht; von zarter Constitution; der Kamm leidet oft von der Kälte. Eier weiss, glatt, von bedeutender Grösse. Die Hühnchen werden spät befiedert, aber die jungen Hähne zeigen ihre männlichen Charactere und pA;'4fSls pig. 31. Hamburger Huhn. krähen in einem frühen Alter. Stammen von den Küsten des Mittelmeeres. Die Andalusier  können als eine Unterrasse betrachtet werden ; sie sind von schieferblauer Färbung und ihre Jungen sind wohl befiedert; manche Schriftsteller beschreiben auch eine kleinere kurzbeinige holländische Unterrasse als eine distincte Rasse. 6) Hamburger Rasse ( Fig.31). — Grösse massig; Kammplatt, nach hinten verlängert, mit zahlreichen kleinen Spitzen besetzt; Lappen von massiger Ausdehnung; Ohrlappeu weiss, Beine bläulich, dünn; brüten

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 Hühner. 7. Cap. nicht. Am Schädel .stehen die Spitzen der aufsteigenden Äste der Zwischenkiefer und die Nasenbeine etwas von einander getrennt; der Vorderrand der Stirnbeine weniger eingedrückt als gewöhnlich. Es gibt hiervon zwei Unterrassen, das " gefütterte " (spangled) Hamburger Huhn, englischen Ursprungs, wo die Spitzen der Federn mit einem schwarzen Fleck gezeichnet sind, und das gestrichelte Hamburger Huhn, holländischen Ursprungs, wo jede Feder schwarze Qucrlinien hat und der Körper Fig. 32. Polnisches Huhn. etwas kleiner ist. Diese beiden Unterrassen umfassen Gold- und Silbervarietäten, wie noch einige andere Untervarietäten. Schwarze Hamburger Hühner hat man durch eine Kreuzung mit der spanischen Rasse erhalten. 7) Polnische  oder Haubenhuhn-Rasse ( Fig. 32). — Kopf mit einer grossen abgerundeten Federkrone, die auf einem halbkugeligen Vorsprung der Stirnbeine steht, welcher letztere den Vordertheil des Gehirns einschliesst. Die aufsteigenden Äste der Zwischenkiefer und die innern Nasenfortsätze sind sehr verkürzt. Die Mündung der Nasen-

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7. Cap. Beschreibung der Rassen. 283 löcher erhaben und halbmondförmig; Schnabel kurz; Kamm fehlt oder ist klein und halbmondförmig; Lappen entweder vorhanden oder durch einen bartartigen Federbüschel ersetzt; Beine schieferblau; die Geschlechts- verschiedenheiten treten erst spät im Leben auf; brüten nicht. Es gibt mehrere schöne Varietäten, welche in der Färbung und unbedeutend auch in anderer Beziehung von einander abweichen. Die folgenden Unterrassen stimmen darin überein, dass sie eine Federkrone mein -  oder weniger entwickelt haben und dass der Kamm, wenn er vorhanden ist, halbmondförmig ist. Der Schnabel bietet fast dieselben merkwürdigen Eigenthümlichkeiten der Structur dar, wie der des echten polnischen Huhns. Unterrasse (a). Suit ans-Huhn. —  Eine türkische Rasse, die den weissen polnischen Hühnern ähnlich ist, mit grosser Federhauhc und Bart, mit kurzen, gut befiederten Füssen. Der Schwanz hat additionelle Sichelfedern; brüten nicht 2 . Unterrasse (bl. Schneehuhn. —  Eine geringere, der letzten nahe verwandte Rasse, weiss, eher klein, Beine stark befiedert, Haube zugespitzt ; Kamm klein, abgestutzt, Lappen klein. Unterrasse (c). Ghoondooks. —  Eine andere türkische Rasse von ausserordentlichem Ansehen; schwarz und schwanzlos; Federbusch und Bart gross, Beine befiedert. Die inneren Fortsätze der beiden Nasenbeine kommen in Folge der vollständigen Absorption der aufsteigenden Äste der Zwischenkiefer mit einander in Berührung. Ich habe auch eine verwandte, weisse, schwanzlose Rasse aus der Türkei gesehen. Unterrasse (d). Crevc cocur. —  Eine französische Rasse von bedeutender Grösse, kaum fällig zu fliegen, mit kurzen schwarzen Beinen; Kopf mit Federkrone; Kamm in zwei Spitzen oder Hörner ausgezogen, zuweilen etwas verzweigt, wie das Geweih eines Hirsches; sowohl Bart als Lappen vorhanden; Eier gross; Disposition ruhig 3 . Unterrasse (e). Gehörntes Huhn. —  Mit einer kleinen Federkrone ; Kamm in zwei grosse Spitzen ausgezogen, die von zwei verknöcherten Vorsprüngen getragen werden. Unterrasse (f). Houdan. —  Eine französische Rasse von massiger Grösse; kurze Beine mit fünf Zellen; Flügel gut entwickelt; das Gefieder 2  Die beste Beschreibung des Sultans gab Miss Watts in: The Poultry Yard. 1856. p. 79. Durch die Freundlichkeit Mr. Brent's konnte ich einige Exemplare dieser Zucht untersuchen. Eine gute von Abbildungen begleitete Beschreibung dieser Unterrasse findet sich in: Journal of Horticulture. 10. Juni 1862, p. 206.

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 Hühner. 7. Cap. ausnahmslos schwarz, weis.« und strohgelb gefleckt; Kopf mit Federkrone und einem dreifachen quergestellten Kamm; sowohl Lappen als Bart vorhanden 4 . Unterrasse (g). Guelderländer. —  Kein Kamm;* der Kopf soll von einem longitudinalen Kamm weicher sammetartiger Federn überragt werden ; die Nasenlöcher sollen halbmondförmig sein ; Lappen gut entwickelt; Beine befiedert; Färbung schwarz; aus Nordamerika. Das Breda- Hulm scheint dem Guelderländer nahe verwandt zu sein. 8) Das Bantam-Huhn. —  Ursprünglich aus Japan 5 6 , nur durch die kleine Grösse characterisirt; Haltung stolz und aufrecht. Es gibt hiervon mehrere Unterrassen, wie Cochinchina-, Kampf- und Sebright- Bantams, von denen einige neuerdings durch verschiedene Kreuzungen gebildet worden sind. Die schwarzen Bantams haben verschieden geformte Schädel, dessen Hinterhauptsloch dem des Cochinchinahulms ähnlich ist. 9) Schwanzlose Hühner. —  Diese sind in ihrem Character so variabel 8 , dass sie kaum als Kasse bezeichnet zu werden verdienen. Wer nur die Schwanzwirbel untersuchen will, wird finden, wie monströs die ganze Kasse ist. 10) Kriecher  oder Hüpfer. —  Dieselben werden durch eine fast monströse Kürze der Beine characterisirt, so dass sie sich mehr durch Hüpfen als durch Gehen fortbewegen; auch sollen sie nicht am Boden scharren. Ich habe eine Varietät aus Burma untersucht, welche einen etwas ungewöhnlich geformten Schädel hatte. 11) Strupp-  oder K aff er - II ü hner. —  In Indien nicht ungewöhnlich , die Federn rückwärts gekräuselt; erste Schwungfedern und Schwanzfedern unvollständig; Periost schwarz. 12) Seidenhühner. —  Federn seidenartig, erste Schwung-und Schwanzfedern unvollständig; Haut und Periost schwarz; Kamm und Lappen dunkelschieferblau, Ohrläppchen mit blauem Anflug; Beine dick, oft mit überzähliger Zehe. Grösse gering. 13) Schwarzes Huhn.  Eine indische Kasse, weiss mit russ- 4  Eine Beschreibung mit Abbildungen ist von dieser Rasse in: Journal of Horticulture. 3. Juni 1862, p. 186 gegeben worden. Manche Schriftsteller beschrieben den Kamm als zweihörnig. 5 Crawfurd. Descript. Diet, of the Indian Islands, p. 113. Bantams werden in einer alten Japanesischen Encyclopädie erwähnt, wie mir Mr. Birch vom britischen Museum mittheilt. 6  Ornamental and Domestic Poultry, 1848.

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7. Cap. Dereu Abstammung. 285 schwarz gefleckt, mit schwarzer Haut und schwarzem Feriost; nur die Hennen sind auf diese Weise eharacterisirt. Aus dieser t'bersichl sehen wir, dass die verschiedenen Rassen bedeutend von einander abweichen, und sie würden für uns fast ebenso interessant sein, wie die Tauben, wenn inan ebenso gute Beweise für ihre Abstammung von einer elterlichen Species hätte. Die meisten Züchter glauben, dass sie von mehreren Urstämmen herrühren. E. S. D ixon 7  vertheidigt sehr stark diese Ansicht und ein Züchter denuncirt geradezu den entgegengesetzten Schluss und fragt: "Sehen wir nicht jenen Geist des Deismus vorherrschen?" Die meisten Zoologen, mit Ausnahme weniger, wie Temminck, glauben, dass alle Rassen von einer einzelnen Art abstammen; aber in Bezug auf einen solchen Punkt gilt Autorität nur wenig. Die Züchter sehen sich in allen Theilen der Erde nach allen möglichen Quellen ihrer unbekannten Stammformen um, wobei sie die Gesetze der geographischen Verbreitung ignoriren. Sie wissen sehr wohl, dass die verschiedenen Arten selbst in der Farbe rein züchten, sie behaupten, aber wie wir sehen werden auf sehr schwachem Grunde, dass die meisten Rassen äusserst alt sind. Die grossen Verschiedenheiten zwischen den Hauptrassen haben einen sehr starken Eindruck auf sie gemacht und sie fragen mit Nachdruck: Können Verschiedenheiten im Klima, in der Nahrung oder in der Behandlung Vögel erzeugen, die so verschieden sind, wie das stattliche spanische Huhn, das diminutive elegante Bantam, das schwere Cochinchina-Huhn mit seinen vielen Eigenthümlichkeiten und das polnische Huhn mit seinem grossen Federbusch und vorspringenden Schädel ? Während aber die Züchter die Wirkung der Kreuzung verschiedener Rassen zugeben und selbst überschätzen, ziehen sie nicht hinreichend die Wahrscheinlichkeit in Betracht, dass im Laufe der Jahrhunderte gelegentlich Vögel mit abnormen und erblichen Eigenthümlichkeiten geboren werden. Sie übersehen die Wirkungen der Correlation des Wachsthums, des lange fortgesetzten Gebrauchs und Nichtgebrauchs der Theile und den etwaigen directen Erfolg, den eine Veränderung der Nahrung und des Klimas hat, obschon ich in Bezug auf diesen letzten Punkt keine hinreichenden Beweise gefunden habe; und endlich 1  Ornamental and Domestic Poultry, 1848.

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 Hühner. 7. Cap. übersehen sie, soviel ich weiss, alle gänzlich die überaus grosse Bedeutung der unbewussten und unmetliodischen Zuchtwahl, obschon es ihnen bekannt ist, dass ihre Vogel individuell verschieden sind und dass sie durch Auswahl der besten Vögel in wenig Generationen ihre Stämme verbessern können. Ein Liebhaber schreibt Folgendes 8 : "Die Thatsache, dass die Hühner bis vor kurzem nur wenig Aufmerksamkeit von Seilen der Züchter gefunden haben und dem Bereich des Producenten für den Markt überlassen blieben, würde allein schon die Unwahrscheinlichkeit uns nahe legen, dass jene beständige und nicht nachlassende Aufmerksamkeit bei der Zucht angewendet worden ist, welche noth- wendig ist, um bei den Nachkommen zweier Vögel übertragbare, von beiden Eltern nicht dargebotene Formen hervorzubringen." Auf den ersten Blick scheint dies richtig zu sein; in einem späteren Capitel über Zuchtwahl werde ich indessen zahlreiche Thatsachen beibringen, welche beweisen, dass nicht bloss sorgfältige Züchtung, sondern geradezu Zuchtwahl in alten Zeiten und bei kaum civilisir- ten Menschenrassen angewendet worden ist. In Bezug auf das Huhn kann ich keine directen Thatsachen beibringen, weiche die von Alters her geübte Zuchtwahl nachwiesen; die Römer hielten aber bei Beginn der christlichen Zeitrechnung sechs oder sieben Rassen und Columella "empfiehlt besonders diejenigen Arten als die besten, welche fünf Zehen und weisse Ohren haben" 9 . Im 15. Jahrhundert waren in Europa mehrere Rassen bekannt und beschrieben und fast um dieselbe Zeit werden in China sieben Arten genannt. Ein noch auffallenderes Beispiel ist, dass auf einer der Philippinen heutzutage die halbbarbarischen Bewohner besondere eingeborne Bezeichnungen für nichtweniger als neun Unterrassen des Kampfhuhns haben 10 . A z a r a 1  welcher gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts schrieb, 8 Ferguson's Illustrated Series of Rare and Prize Poultry. 1854. Vorrede, p. VI. 9  E. S. Dixon gibt in seinem Buche: Ornamental Poultry, p. 203, einen Bericht über Columella's Schrift. 10 Crawfurd,  On the relation of the domesticated animals to Civilisation. Besonderer Abdruck, p. 6. Zuerst vor der British Association in Oxford, 1860, gelesen. 11 Quadruples du Paraguay. Tom. II, p. 324.

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7. Cap. Deren Abstammung. 287 führt an. dass in den inneren Theilen von Südamerika, wo ich nicht erwartet hatte, dass mich nur die geringste Sorge um die Hühner zu linden wäre, eine schwarzhäutige und schwarzknoehige Rasse gehalten wird, weil sie für sehr fruchtbar und ihr Fleisch fiir kranken Personen gut gehalten wird. Nun weiss Jeder, der Hühner gehalten hat, wie unmöglich es ist, verschiedene Rassen distinct zu erhalten, wenn man nicht die äusserste Sorge amvendet, die Geschlechter zu trennen. Wird es nun zuviel sein, anzunehmen, dass diejenigen, welche in alten Zeiten und in halbcivilisirten Ländern sich die Mühe gaben, ihre Rassen distinct zu erhalten und sie daher schätzten, nicht gelegentlich geringere Vögel zerstört und gelegentlich ihre besten Vögel erhalten haben? Und das ist alles, was gefordert wird. Es wird nicht behauptet, dass irgend Jemand in alten Zeiten die Absicht hatte, eine neue Rasse zu bilden, oder nach irgend einem idealen .Maassstabe der Vorzüglichkeit eine alte Rasse zu verbessern. Wer sich um Hühner kümmerte, wird einfach gewünscht haben, die besten Vögel, die ihm nur möglich waren, zu erhalten und später zu erziehen. Aber diese gelegentliche Erhaltung der besten Vögel wird im Laufe der Zeit die Rasse ebenso sicher, w enn auch durchaus nicht so schnell modifieiren, als es heutzutage die methodische Zuchtwahl timt. Wenn eine Person von Hunderten oder eine von Tausenden auf das Züchten ihrer Vögel Acht hatte, so würde das hinreichend sein: denn die auf diese Weise gepflegten Vögel würden bald anderen überlegen sein und eine neue Linie bilden und diese Linie würde, wie im letzten C-apitel erklärt wurde, ihre eharacteristisehun Verschiedenheiten langsam vermehrt haben und schliesslich in eine neue Rasse oder Unterrasse verwandelt w orden sein. Es würden aber auch Rassen für eine Zeit lang vernachlässigt worden sein und verschlechtern; sie würden indess zum Tlieil ihren Character beibehalten und später wieder in die Mode kommen und auf einen höheren Maassslab der Vollendung gebracht werden, als früher, wie es factiseh ganz neuerlich mit polnischen Hühnern der Fall gewesen ist. Würde indessen eine Rasse vollständig vernachlässigt, so würde sie aussterben, wie es neuerdings mit einer der polnischen Unterrassen sich ereignet hat. So oft im Laufe der vergangenen Jahrhunderte ein Vogel mit irgend einer ge-

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 Hühner. 7. Cap. ringen abnormen Structureigenthümlichkeit, wie z. B. mit einer lerchenartigen Federhaube erschien, wird er wahrscheinlich oft aus jener Vorliebe für Neuigkeiten erhalten w orden sein, w elche manche Personen in England dazu bringt, schwanzlose Hühner und andere in Indien Strupp-Hühner zu halten, und nach einiger Zeit w ird jede solche abnorme Erscheinung sorgfältig erhalten werden, weil man sie für ein Zeichen der Reinheit und Vortrefflichkeit der Rasse hält. Denn nach diesem Princip schätzten die Römer vor 18 Jahrhunderten die fünfte Zehe und den weissen Ohrlappen an ihren Hühnern. Bedenkt man daher das gelegentliche Auftreten abnormer, wenn auch anfangs nur unbedeutender Charaetere, die Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs der Theile, die möglicherweise doch noch eintretenden Wirkungen einer Veränderung im Klima und in der Nahrung, die Correlation des Wachsthums, die gelegentliche Rückkehr zu alten und längst verlorenen Characteren, bedenkt man ferner die Kreuzung der Rassen, sobald überhaupt mehr als eine sich gebildet hatte, bedenkt man aber vor allen die viele Generationen hindurch eingetretene unbewusste Zuchtwahl, so halte ich nach meinem besten Wissen die Annahme der Ansicht, dass alle Rassen von irgend einer elterlichen Stammform herrühren, nicht für unübersteiglich schw ierig. Kann nun irgend eine einzelne Art genannt werden, von welcher man vernünftigerweise annehmen kann, dass alle Rassen davon abstammen? Der Gallus bankiva  entspricht offenbar jeder Anforderung. Ich habe bereits so unparteiisch als ich konnte, die Gründe angeführt, die zu Gunsten des vielfachen Ursprungs der verschiedenen Rassen sprechen; ich will nun diejenigen geben, welche der gemeinsamen Abstammung von G. bankita  günstig sind. Es wird aber zweckmässig sein, zuerst alle bekannten Arten von Gallus  kurz zu beschreiben. Der G. Sonueratn  verbreitet sich nicht bis in die nördlichen Theile von Indien; nach Oberst Sykes 12  bietet er auf verschiedener Höhe der Ghauts zwei scharf markirte Varietäten dar, die vielleicht Species genannt zu werden verdienen. Eine Zeit lang wurde er für die primitive Stammform aller unserer domosticirten Rassen gehalten und dies zeigt, dass er im allgemeinen Bau dem gemeinen Huhn 12  Proced. Zoolog. Soc. 1832, p. 151.

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7. Cap. Deren Abstammung. 289 .sehr nahe kommt, Seine Schuppenfedern bestehen aber zum Theil aus äusserst eigenthümlichen hornigen Lamellen, welche Querstreifen von drei Farben tragen. Ich habe keinen authentischen Bericht darüber, dass ein derartiges Merkmal bei einer domesticirten Kasse gefunden worden sei ' 3 . Die Art weicht auch darin bedeutend von dem gemeinen Huhn ab, dass der Kamm fein gesägt ist, und dass in den Weichen keine echten Schuppenfedern vorhanden sind; seine Stimme ist völlig verschieden. In Indien lässt er sich leicht mit Haushennen kreuzen und lflyth 14  Hat gegen 100 Bastard-Hühnchen erzogen; sie waren aber sehr zart und starben meist sehr jung. Die aufgezogenen waren absolut steril, wenn sie untereinander oder mit irgend einem der beiden Eltern gekreuzt wurden. Im Zoologischen Garten waren imless einige Bastarde derselben Abstammung nicht völlig so unfruchtbar; Mr. Dixon hat, wie er mir mittheilt, mit Mr. V a rr ell's Hülfe den Gegenstand besonders untersucht, und es wurde ihm versichert, dass aus 50 Eiern nur fünf oder sechs Küchlein erzogen wurden. Doch wurden einige dieser Halbblutthiere mit einem ihrer Erzeuger, nämlich einem Bantam gekreuzt und producirten einige wenige äusserst schwache Küchelchen. Auch Mr. Dixon erhielt einige dieser Vögel und kreuzte sie in verschiedener Weise, aber alle waren mehr oder weniger unfruchtbar. Nahezu ähnliche Versuche wurden neuerdings in grösserem Maassstabe im Zoologischen Garten angestellt, aber fast mit demselben Erfolg'h Aus 500 Eiern, die von verschiedenen ersten Kreuzungen und Hybriden von G. Sonneratii, banhiva  und varius herrührten, wurden nur 12 Küchlein erzogen; von diesen waren nur drei das Product von Hybriden inter se. Nacli diesen Thatsachen und nach den oben erwähnten stark markirteu Verschiedenheiten in der Structur zwischen dein Haushuhn und G. Sonneratii  können wir diese letztere Art als Stammform irgend einer Hausrasse nicht anerkennen. Ceylon Besitzt ein dieser Insel cigenthihnliches Huhn, nämlich G. Stanleyn.  Diese Art nähert sich dem Haushuhn mit Ausnahme der Färbung des Kammes so sehr, dass Layard und Kellaert 16 ,  wie sie mir 13  Ich habe die Federn einiger im Zoologischen Garten erzogenen Bastarde von einem männlichen O. Sonneratii  und einer rotheu Kampfhenne untersucht; dieselben boten die echten Charactere des (?'. Sonneratii  dar, nur waren die hornigen Lamellen viel kleiner. 14  s. auch einen ausgezeichneten Brief über die Hübner von Indien von Blytli in: Gardener's Chronicle, 1851, p. 619. 15  S. J. Salter, in: Natural History Review, April 1863, p. 276. 46  s. auch Layard's  Aufsatz in: Annals and Mag, of nat. History. 2. Ser. Vol. XIV, p. 62. Dabwin,  Erster Theil. 19

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 Hühner. 7. Cap. mittheilcn, dasselbe fiir eine der Stammformen gehalten haben würden, hätte es nicht eine so eigenthiimlich verschiedene Stimme gehabt. Dieser Vogel kreuzt sich, wie der letzterwähnte, leicht mit zahmen Hennen und besucht selbst einzeln liegende Meierhöfe und kreuzt sich dort. Zwei auf diese Meise erhaltene Hybride, Hahn und Henne, fand Mr. Mit ford vollkommen unfruchtbar. Beide hatten die eigenthümliche Stimme des G. Stanleyii  geerbt. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist auch diese Art als eine der primitiven Stammformen des Haushuhns zu verwerfen. Java und die östlich davon bis Flores gelegenen Inseln werden von G. varius ( oder furcatus)  bewohnt, welcher in so vielen Characteren verschieden ist (grünes Gefieder, nichtgesägtem Kamm und einfach medianem Lappen), dass Niemand ihn für die elterliche Form irgend einer unserer Rassen hält. Doch tlieilt mir Mr. Cr a w fur d 17  mit, dass Hybride von dem G.  panw-s-Hahn und der gemeinen Henne häufig erzogen und ihrer grossen Schönheit wegen gehalten werden; sie sind aber ohne Ausnahme unfruchtbar. Doch war dies mit einigen, die im Zoologischen Garten erzogen wurden, nicht der Fall. Eine Zeit lang hielt man diese Hybride für spe- cifisch verschieden und nannte sie G. acneus. Mr. Blyth  und andere sind der Ansicht, dass auch G. Temminckü 18 ( dessen Geschieht«! man uiclit kennt) ein ähnlicher Bastard ist. Sir J. Brooke schickte, mir einige Bälge von Haushülmern aus Borneo und bei einem dieser fanden sich, wie Mr. T e g e t m e i e r bemerkte, auf dem Schwänze quere blaue Binden, wie die, welche er auf den Schwanzfedern der Bastarde von G. varius, die im Zoologischen Garten erzogen waren, gesehen hatte. Diese Tliat- sache weist scheinbar darauf hin, dass einige der Hühner von Borneo in einem geringeren Grade von Kreuzungen mit G. varius  beeinflusst worden sind; doch kann der Fall möglicherweise durch analoge Variation erklärt werden. Ich kann mich auf den G. yiganteus  beziehen, der so oft in Werken über Hühner als wilde Art aufgeführt wird; doch spricht Marsden 19 ,  der erste Beschreiber, von ihm als einer zahmen Rasse, und das Exemplar im britischen Museum hat offenbar das Ansehen einer domesticirten Varietät. Die letzt zu erwähnende Species, nämlich G. bankira,  hat eine viel weitere geographische Verbreitung, als die drei vorausgehenden Arten. n  s. auch Crawfurd,  Descriptive Diction, of the Indian Islands, 1856, p. 113, 18  Von G. R. Gray beschrieben in: Proceed. Zoolog. Soc. 1849, p G2. 19  Die Stelle aus Marsden gibt Dixon  in seinem Poultry Book, p. 176. Kein Ornitholog bait jetzt diesen Vogel für eine besondere Art.

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7. Cap. Deren Abstammung. 291 Sie bewohnt das nördliche Indien, westlich bis Sinde und steigt am Himalaya bis zu einer Höhe von 4000 Fuss auf. Sie bewohnt Hurma, die malayisclie Halbinsel, die indo-chinesischen Länder, die Philippinen und den malayischen Archipel östlich bis Timor. Im wilden Zustande variirt die Species beträchtlich. Mr. 15ly th tlieilt mir mit, dass die aus derNähe des Himalaya gebrachten Exemplare, sowohl Hahn als Henne, etwas blässer gefärbt sind, als die aus andern Theilen von Indien, während die von der malayischen Halbinsel und aus Java lebhafter gefärbt sind als die indischen Vögel. Ich habe Exemplare aus diesen Ländern gesehen, und die Verschiedenheit der Färbung der Schuppenfedern war deutlich nachweisbar. Die malayischen Heimen waren an Brust und Hals eine Schattirung röther, als die indischen Hennen; die malayischen Hähne hatten meist einen rothen Ohrlappen statt eines weissen, wie die indischen. Mr. Blyth  hat aber ein indisches Exemplar gesehen ohne den weissen Ohrlappen; die Beine sind beim indischen blau-schwarz, während sie bei malayischen und javanischen Exemplaren eine Neigung zeigen, gelblich zu werden. Bei den ersteren findet Mr. Blyth  den Tarsus merkwürdig variabel in seiner Länge. Nach Temminck 20  weichen die Exemplare von Timor als Localrasse von den javanischen ab. Diese verschiedenen wilden Varietäten sind bis jetzt noch nicht als distincte Arten aufgestellt worden; sollte dies aber, was nicht unmöglich ist, später noch geschehen, so würde doch dieser Umstand in Bezug auf die Abstammung und die Verschiedenheit unserer Hausrassen von durchaus gar keiner Bedeutung sein. Der wilde G. bankiva  stimmt am nächsten mit dem schwarzbrüsti- gen rothen Kampfbahn überein, sowohl in der Färbung als in allen übrigen Beziehungen, nur dass er kleiner ist und der Schwanz mehr horizontal getragen wird; aber die Art, wie der Schwanz getragen wird, ist in vielen unserer Kassen äusserst variabel. Denn wie mir Mr. Brent mittheilt, hängt bei den Malay en der Schwanz sehr herab, ist bei dem Kampfhahn und einigen andern Kassen aufrecht und bei den Dorkings, Bantams u. s. w. mehr als aufrecht. Es gibt noch eine andere Verschiedenheit, nämlich dass nach Mr. Blyth  bei G. bankiva  die Halsschuppenfedern nach ihrer Mauser während zwei oder drei Monaten nicht von andern Schuppenfedern, wie bei nnsern Haushühnern, sondern von kurzen, schwärzlichen Federn ersetzt werden 21 . Mr. Brent hat indessen 20  Coup d'oeil general sur Finde Archipelagique. Tom. III (1849), p. 177. s. auch Blyth  in: Indian Sporting Keview. Vol. II, p. 5. 1856. 21 Blyth  in: Auuals and Mag. of nat. hist. 2. Ser. Vol. 1 (1848), p. 455. 19*

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 Hühner. 7. Caj). bemerkt, dass diese schwarzen Federn heim wilden Vogel bis nach Entwickelung der untern Schuppenfedern bleiben, und beim domesticirtcn Vogel zu derselben Zeit mit ihnen erscheinen, so dass der einzige Unterschied darin besteht, dass die unteren Schuppenfedern beim wilden Vogel langsamer ersetzt werden als beim zahmen. Da imless bekannt ist, dass das Leben in der Gefangenschaft zuweilen das männliche Gefieder beeinflusst, so kann man dieser unbedeutenden Verschiedenheit kein Gewicht beilegen. Eine bezeichnende Thatsaehe ist, dass dieStimme sowohl des Halmes als der Henne von G. bnnkiva,  wie Blvth und Andere bemerkt haben, der Stimme beider Geschlechter des gemeinen Haushuhns äus- serst ähnlich ist. Doch wird der letzte Ton beim Krähen des wilden Vogels etwas weniger lange ausgehalten. Capt.Hutton, der durch seineUnter- suchung über die Naturgeschichte von Indien wohl bekannt ist, theilt mir mit, dass er mehrere gekreuzte Hühner von der wilden Art und den chinesischen Bantams gesehen habe; diese gekreuzten Hübner pflanzen sich reichlich mit Bantams fort, wurden aber unglücklicher Weise nicht unter sich gekreuzt. Capt. Hutton zog aus Eiern des G.bankica  Junge und diese waren zwar Anfangs sehr wild, wurden aber später so zahm, dass sie um seine Eiisse herumlicfen. Es glückte ihm nicht, sic zur Keife zu bringen; er bemerkt indess, dass "kein wilder hühnerartiger Vogel Anfangs mit hartem Korn gut gedeiht". Auch Mr. Blyth  fand es sehr schwierig, den G. bunkiva  in der Gefangenschaft zu erhalten. Auf den Philippinen-Inseln muss es indess den Eingebornen besser gelingen, denn sie halten wilde Hähne zum Kampf mit ihren domesticirtcn Kampf- hülmern 2i . Sir W. Elliot theilt mir mit, dass die Hennen einer eingebornen domesticirtcn Basse vonPeguvon derllenne des wilden G.bankiva nicht zu unterscheiden sind, und die Eingebornen fangen beständig wilde Hähne dadurch, dass sie zahme Hähne nehmen, um sie in den Wäldern mit ihnen kämpfen zu lassen 23 . Mr. Crawfurd  bemerkt, dass der Etymologie nach zu schliessen sei, dass das Huhn zuerst von Malayen und Japanesen doniesticirt worden sei 24 . Es ist auch eine merkwürdige That- sache, die mir von Mr. Blyth  versichert worden ist, dass wilde Exemplare des G. bankiva,  die von den Ländern östlich von der Bai von Bengalen kommen, viel leichter gezähmt werden, als die aus Indien. Auch 22 Crawfurd, Descript. Diet, of the Indian Islands, 1856, p. 112. 23  Wie ich von Mr. Blyth  höre, kreuzen sich in Burma die wilden und zahmen Hühner beständig, und man sieht daher irreguläre Übergangs- formen. 24  a. a. 0. p. 113.

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7. Cap Deren Abstammung. 293 ist die Tliatsache nicht ohne Parallele; denn wie Humboldt  schon vor längerer Zeit hemerkt hat, zeigt dieselbe Species zuweilen in dem einen Lande viel zähmbarere Anlagen als in einem andern. Nehmen wir an, dass der G. bankiin  zuerst von Malaven gezähmt und später nach Indien importirt wurde, so können wir eine Beobachtung verstehen, die mir Mr. B1 y t h mittheilte, dass nämlich die domesticirten Hühner von Indien dem wilden G. bankü-a  nicht melir gleichen, als die von Europa. Nach der äusserst grossen Ähnlichkeit zwischen G bankim. und dem Kampfhuhn in Färbung, allgemeinem Bau und besonders in der Stimme, nach der Fruchtbarkeit beider bei der Kreuzung, soweit diese ermittelt worden ist. nach der Möglichkeit die wilde Art zu zähmen, und nach dem Variiren derselben im wilden Zustande können wir dieselbe zuverlässig als die Eltern-Form der am meisten typischen aller domesticirten Rassen, nämlich der Kampfhühner, an- sehen. Es ist eine bezeichnende Tliatsache, dass fast alle Naturforscher in Indien, nämlich Sir W. Elliot, S. N. Ward, Layard, C. J erd on und Bly th 25 , welche mit dem G. bankim  vertraut sind, glauben, dass dieser der Erzeuger der meisten oder aller unserer domisticirten Rassen ist. Aber selbst wenn zugegeben wird, dass G. bankim  die Elternform der Kampfrasse ist, so könnte geltend gemacht werden, dass andere wilde Arten die Erzeuger der andern domesticirten Rassen gewesen seien, und dass diese Arten, wenn auch unbekannt , noch in irgend einem Lande existiren oder ausoestorben sind. Indess ist das Aussterben mehrerer Arten von Hühnern eine unwahrscheinliche Hypothese, da wir sehen, dass die vier bekannten Arten in den am längsten und dichtest bevölkerten Gegenden des Orients nicht ausgestorben sind. Es gibt in der That nur eine Art domesticirter Vögel, nämlich die chinesische Gans oder Anser cygnoides,  deren wilde Elternform noch unbekannt oder ausgestorben sein soll. Wegen der Entdeckung neuer oder der Wiederentdeckung alter Species von Gallus  dürfen wir nicht, wie es die Züchter öfters thun, uns auf der ganzen Erde Hinsehen; die grösse- - 5  J erd on in: Madras Journ. of Lit. and Science. Vol. XXII, p. 2; er spricht von G. bunhivu  und bemerkt dazu: »ohne Frage die Ausgangsform der meisten Varietäten unsrer domesticirten Hühner.« Wegen Blyth s. dessen ausgezeichneten Artikel in: Gardener's Chronicle, 1851, p. 619, und in Annals and Mag. of nat. hist. Vol. XX, 1847, p. 388.

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 Hühner. 7. Cap. ren, liülinerarligen Vögel haben, wie Blyth  bemerkt bat 26 , meist eine beschrankte Verbreitung. Wir sehen dies deutlich in Indien, wo die Gattung Gallus  den Fuss des Himalaya bewohnt, höher hinauf von Gallophasis  vertreten wird und noch weiter nach oben von Phasianus.  Australien mit seinen Inseln kommt als Heimath unbekannter Species dieser Gattung gar nicht in Frage. Es ist auch ebenso unwahrscheinlich, dass ein Gallus  Südamerika 27  bewohnen sollte, als wenn ein Colibri in der alten Welt gefunden werden sollte. Nach dem Character der andern hühnerartigen Vögel von Afrika ist es nicht wahrscheinlich, dass Gallus  eine afrikanische Gattung ist. Wir brauchen auch nicht die westlichen Theile von Asien zu durchblicken, denn Blyth und Craw fu rd,  welche diesem Gegenstände ihre Aufmerkamkeit geschenkt haben, bezweifeln, ob Gallus  in einem wilden Zustande selbst nur soweit westlich als Per- 26 Gardener's Chronicle, 1851. p. 619. 27  Ich habe hierüber eine vorzügliche Autorität consultirt, Mr. Scla- ter, und er meint, dass ich mich nicht zu stark ausgedrückt habe. Ich weiss wohl, dass ein älterer Schriftsteller. Acosta, von Hühnern spricht, welche Südamerika zur Zeit seiner Entdeckung bewohnt hätten, und vor noch kürzerer Zeit, um 1795, spricht Olivier de Serres von wilden Hühnern in den Wäldern von Guiana; dies waren wahrscheinlich verwilderte Vögel. L)r. Daniell sagt mir, er glaube, es seien an der Westküste des äquatorialen Afrika Hühner verwildert; doch dürften diese keine echten Hühner, sondern hühnerartige Vögel von der Gattung l'ha.sitlux  sein. Der alte Reisende Barbut sagt, dass Hühner nicht in Guinea heimisch seien. Capt. W. Allen (Narrative of Niger Expedition, 1848. Vol. II, p. 42) beschreibt wilde Hühner auf Illia dos Rollas, einer Insel in der Nähe von St. Thomas, an der Westküste von Afrika. Die Eingebornen sagten ihm, dieselben seien von einem in der Näbe vor vielen Jahren gestrandeten Schiffe entflohen; sie waren äusserst wild und hatten »eine von der des Ilaushuhns völlig verschiedene Stimme;« auch war ihr Ansehen etwas verändert. Es ist daher trotz der Angabe der Eingebornen nicht wenig zweifelhaft, ob diese Vögel wirklich Hühner waren. Dass das Huhn auf mehreren Inseln verwildert ist. ist sicher. Mr. F ry, ein competent«' Richter, theilte Layard brieflich mit, dass die auf Ascension verwilderten Hühner »fast alle zu ihrer ursprünglichen Färbung, rothe und schwarze Hähne und rauchig-graue Hennen, zurückgekehrt seien«. Unglücklicherweise kennen wir aber die Färbung der ausgesetzten Hühner nicht. Auf den Nicobaren sind Hühner verwildert (Blyth, in dem: Indian Field, 1858, p. 62), ebenso auf den La- dronen i A ns on 's Reise). Die auf den Pellew-Inseln gefundenen hält man für verwildert (C raw für d); endlich wird noch angegeben, dass sie auf Neu-Seeland verwildert seien; ob dies aber richtig ist, weiss ich nicht.

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7. Cap. Deren Abstammung. 295 sien je existirt hat. Obgleich die frühesten griechischen Schriftsteller von dein Huhn als einem persischen Vogel sprechen, so weist dies wahrscheinlich nur auf die Linie der Importation hin. Wegen der Entdeckung unbekannter Arten müssen wir Indien, die Indochinesischen Länder und die nördlichen Theile des malayischen Archipels ins Auge fassen. Das wahrscheinlichste Land ist der südliche Theil von China; doch theilt mir Mr. Blyth  mit, dass Bälge schon während einer sehr langen Zeit aus China exportirt worden sind, und dass lebende Vögel sehr verbreitet und in Vogelhäusern gehalten werden, so dass irgend eine eingeborne Arl\on Gallus  wahrscheinlich bekannt geworden sein würde. Mr. Birch vom britischen Museum hat mir Stellen aus einer chinesischen Encyklopädie übersetzt, die zwar 1609 erst publicirt, aber aus noch älteren Documenten compilirt worden ist. In dieser wird gesagt, dass Hühner Creaturcn des Westens und nach dem Orient (d. h.China) unter einer Dynastie von 1400 vor Chr. eingeführt worden seien. Was man auch über ein so frühes Datum denken mag, so sehen wir, dass die indochinesischen und indischen Bezirke früher von den Chinesen als die Heimath des domesticirten Huhnes angesehen wurden. In Folge dieser verschiedenen Betrachtungen müssen wir in Bezug auf die Entdeckung früher domesticirt gewesener aber jetzt in wildem Zustande unbekannter Arten auf die gegenwärtige Metropole der Gattung, nämlich die südöstlichen Theile von Asien, unser Auge lenken und die erfahrensten Ornithologen halten es nicht für wahrscheinlich, dass solche Arten noch entdeckt werden. Wenn wir untersuchen, ob die domesticirten Bassen von einer Art. nämlich G. bankica,  oder von mehreren abstammen, dürfen wir die Bedeutung der Fruchtbarkeitsprobe nicht völlig übersehen, wenn wir sie auch nicht überschätzen dürfen. Die meisten unserer domesticirten Rassen sind so oft gekreuzt und ihre Bastarde so verbreitet gehalten worden, dass, wenn irgend ein Grad von Unfruchtbarkeit bei ihnen existirt hätte, er beinahe sicher würde aufgefunden worden sein. Auf der andern Seite produciren die vier bekannten Species von Gallus  bei der Kreuzung untereinander oder, mit Ausnahme von G. bankira,  bei der Kreuzung mit dem Haushuhn unfruchtbare Bastarde.

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 Hühner. 7. Cap. Wir haben endlich in Bezug auf die Hühner nicht so gute Beweise, wie bei den Tauben, dass alle Bassen von einer einzigen primitiven Stammform abstammen. In beiden Fällen muss man etwas Gewicht auf die Fruchtbarkeit legen: in beiden liegt die Unwahrscheinlichkeit vor, dass es dem Menschen in alten Zeiten geglückt sei, mehrere supponirte Arten, von denen die meisten in Vergleich mit ihren natürlichen Verwandten äusserst abnorm sind, vollständig zu domesticiren, noch dazu, da sie alle entweder unbekannt oder ausgestorben sind, während doch die Elternform von kaum irgend einem andern domesticirten Vogel verloren gegangen ist. Bei dem Aufsuchen der supponirten Stammformen der verschiedenen Taubenrassen waren wir im Stande uns auf Species zu beschränken, welche eigenthümlicheLebensgewohnheilen hatten, dagegen ist bei Hühnern in der Lebensweise nichts vorhanden, was in irgend einer markir- ten Weise von der anderer hühnerartigen Vögeln verschieden wäre. Bei den Tauben habe ich gezeigt, dass rein gezüchtete Vögel jeder Rasse und die gekreuzten Nachkommen distincter Rassen häufig der wilden Felstaube in der allgemeinen Färbung und in jeder eharaele- ristischen Zeichnung ähnlich sind, oder zu diesen zurückkehren. Bei Hühnern treffen wir auf Thatsachen ähnlicher Natur, die aber weniger scharf ausgesprochen sind und die wir nun erörtern wollen. Rückfall und analoge Variation.  Rein gezüchtete Kampfhühner, Malayen, Cochinchinesen , Dorkinghühner, Bantams und wie ich von Mr. Tegetmeier  höre, Seidenhühner, trifft, man häufig oder gelegentlich mit Gefieder, welches mit dem des wilden G. bankiva  fast identisch ist. Dies ist eine wohl der Beachtung werthe Thatsaehe, wenn wir bedenken, dass diese Rasse zu den allerdistincte- sten gehört. So gefärbte Hühner werden von Liebhabern schwarz- brüstige Rothe genannt. Die Hamburger Hühner haben eigentlich ein sehr verschiedenes Gefieder: nichtsdestoweniger besteht, wie mir Mr. Tegetmeier  mittheilt, "die grosse Schwierigkeit, Hähne der goldgeflitterten Varietät zu züchten, in ihrer Neigung- schwarze Brüste und rot he Rücken zu bekommen." Die Hähne der weissen Bantams und weissen Cochinchinesen nehmen, wenn sie

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7. Cap. Rückfall mul analoge Variation. 297 zur Reife kommen, oft eine gelbliche oder safnmfarbene Färbung an. und die langen Halsschuppenfedern schwarzer Bantam-Halme 28 werden, wenn sie zwei oder drei Jahre alt sind, nicht selten rostig. Diese letzteren Bantams werden gelegentlich "nach der Mauser selbst kupferfliiglig oder geradezu rotli geschultert. 1 ' Wir sehen daher in diesen verschiedenen Fallen eine offenbare Tendenz zur Rückkehr zur Färbung des G. banlira  und zwar selbst während der Lebenszeit eines individuellen Vogels. Bei spanischen, polnischen, gestrichelten Hamburgern , silbergeflitterten Hamburger Hühnern und bei einigen andern weniger häutigen Rassen habe ich nie davon gehört, dass ein schwarzbriistiger rotlier Vogel aufgetreten sei. Nach meiner Erfahrung bei Tauben machte ich folgende Kreuzungen. Zuerst tödtete ich alle meine eigenen Hühner, andere lebten in der Nähe meines Hauses nicht, und dann verschaffte ich mir mit Mr. Teg et meier's Beistand einen schwarzen spanischen Hahn ersten Ranges und Hennen von den folgenden reinen Rassen: weisse Kampfhühner, weisse Gochinchinesen, silbergeflilterte polnische, silbergeflitterte Hamburger, silbergestrichelte Hamburger und weisse Seidenhühner. In keiner dieser Rassen findet sich eine Spur von rotli, auch habe ich, wenn sie rein gehalten wurden, nie von dem Auftreten einer rothen Feder gehört, trotzdem dass ein solches Vorkommen bei weissen Kampfhühnern und weissen Cochinchinesen nicht sehr unwahrscheinlich sein würde. Unter den vielen ans den obigen sechs Kreuzungen erzogenen Hühnchen war die Mehrzahl sowohl in den Dunen als im ersten Gefieder schwarz. Einige waren weiss und sehr wenige waren schwarz und weiss gelleckt. Von einem Satze von elf gemischten Eiern vom weissen Kampf- und weissen Gochinchina-Huhn und dem schwarzen spanischen Hahn waren sieben Hühnchen weiss und nur vier schwarz. Ich erwähne diese Thatsaehe, um zu zeigen, dass das weisse Gefieder streng vererbt wird und dass die Annahme des überwiegenden Einflusses des Männchens, seine Färbung zu überliefern, nicht immer richtig ist. Die Hühnchen wurden im Frühjahr ausgebrütet und in der zweiten Hälfte des Augusts begannen mehrere der jungen Hälme eine Ver- 28 Hewitt, in: The Poultry Book, by \V. B. Tege tm ei er.  18G6, p. 248.

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 Hühner. 7. Cap. änderung darzubieten , welche hei einigen von ihnen im Laufe der folgenden Jahre zunahm. So war ein junger Hahn von der silber- gellitlerten polnischen Henne in seinem ersten Gefieder kohlschwarz und vereinigte in seinem Kamm, Federkrone. Lappen und Bart die Charactere beider Ellern. Als er zwei Jahre alt war, wurden die Schwungfedern zweiter Reihe gross und symmetrisch weiss gezeichnet, und während bei G. hankira  die Schuppenfedern roth sind, waren sie in diesem Vogel den Schaft entlang grünlich schwarz, schmal mit braunschwarz gerändert und dies wieder mit sehr blassgelblich-braun breit eingefasst, so dass dem allgemeinen Ansehen nach das Gefieder statt schwarz zu sein, blass geworden war. In diesem Falle trat mit dem zunehmenden Alter eine grosse Veränderung ein, aber keine Rückkehr zur rotlien Färbung des G. bankira. Ein Hahn mit einem ordentlichen Rosen-Kamine, welcher enlweder von der gefütterten oder gestrichelten silbernen Hamburger Henne'hcrrUhrte, war gleichfalls anfangs vollständig sclnvarz, aber in nicht ganz einem Jahre wurden dicHalssc* enfedern, w ie im letzterwähnten Falle weisslich, während die an den Weichen eine entschieden röthlichgelbe Färbung annahmen. Hier sehen wir das erste Symptom einer Rückkehr: dasselbe kam noch bei einigen andern jungen Hähnen vor, welche hier nicht beschrieben zu werden brauchen. Ein Züchter hat auch berichtet 29 , dass er zwei silbergestrichelte Hamburger Hennen mit dem spanischen Hahn kreuzte und eine Anzahl Hühnchen erzog, welche alle schwarz waren, unter denen aber die Hähne goldene, die Hennen bräunliche Schuppenfedern batten, so dass auch in diesem Beispiel eine Neigung zum Rückfall deutlich war. Zwei junge Hähne von meiner weissen Kampfhenne waren zuerst schneeweiss; von diesen erhielt einer später blassorange Schuppenfedern, hauptsächlich an den Weichen, und der andere sehr zahlreiche schön orangerothe Schuppenfedern am Halse, an den Weichen und an den Flügeldecken. Hier haben wir wieder eine noch entschiedenere, wenn auch nur theilweise Rückkehr zu den Farben von G. bankira.  Dieser zweite Halm war in der That ge- 29  Journal of Horticulture, 4. Jan. 1862, p. 325.

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7. Cap. Rückfall und analoge Variation. 299 fiirbl wie ein geringerer "Pile "-Kampfbahn. Wie mir nun Mr. Te- gel meie r mittlieilt, lässt sieli diese l'nterrasse durch Kreuzung eines schwarzbriistigen reihen Kampfhahnes mit einer weissen Kmnplhenne erzeugen und die auf diese Weise erhaltene "Pile"-Un- lerrasse kann später echt fortgepilanzt werden. Wir haben auf diese Weise die merkwürdige Thatsaehe vor uns, dass der glänzende, schwarze spanische Halm und der sclnvarzbriislige rotlie Kampfbahn hei der Kreuzung mit weissen Kampfhennen Nachkommen von nahebei derselben Färbung produciren. Ich erzog mehrere Vögel von den weissen Seidenhennen und dem spanischen Huhn. Alle waren kohlschwarz und alle manifestir- ten deutlich ihre Abstammung dadurch, dass sie schwärzlichen Kamm und Knochen hatten. Keiner ererbte die sogenannten Seidenfedern, wie denn die Niehtvererbung dieses Characters schon von andern beobachtet worden ist. Die Hennen variirten nie in ihrem (lefiedcr. Als die jungen Hähne älter wurden, erhielt einer von ihnen gelhlichweisse Schuppenfedern und wurde hierdurch in einem ziemlichen Grade den Hybriden von der Hamburger Henne ähnlich. Der andere wurde ein sehr stattlicher Vogel und zwar so, dass ein Ilekannler von mir ihn aufbewahrte und ihn nur seiner Schönheit wegen ausstopfen Hess. Wenn er umherstolzirte, so glich er dem wilden G. bankiva  sehr, nur waren die rotlien Federn eher dunkler. Hei näherer Vergleichung hol sich eine beträchtliche Verschiedenheit dar; es waren nämlich die Schwungfedern erster und zweiter Reihe grünlich schwarz gerändert, statt wie hei G. bankira  bräunlich und roth gerändert zu sein: auch war der Streifen entlang den Rücken, welcher dunkelgrüne Federn trägt, breiter. In allen übrigen Beziehungen, seihst in untergeordneten Details des Gefieders herrschte die engste Übereinstimmung. Es war überhaupt ein merkwürdiger Anblick, diesen Vogel zuerst mit G. bankiva,  dann mit seinem Vater, dem glänzenden grünschwarzen spanischen Hahne und mit seiner diminutiven ?Mutter, der weissen Seidenhenne zu vergleichen. Dieser Fall von Rückschlag ist um so ausserordentlicher, als man von der spanischen Rasse schon lange weiss, dass sie rein züchtet und als kein Beispiel bekannt ist, dass sie eine einzige rotlie Feder erhält. Auch die Seidenhenne züchtet rein und wird für alt

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Hühner. 7. Cap. 300 gehalten; denn Aldrovandi  erwähnt vor 1600 wahrscheinlich diese Rasse und beschreibt sie als mit Wolle bedeckt. Sie ist in vielen Characteren so eigenthiimlich, dass sie von manchen Schriftstellern für specifisch verschieden gehalten wird: wie wir aber jetzt sehen, ergibt sie bei der Kreuzung mit dem spanischen Hahn Nachkommen. die dem wilden G. bankita  sehr ähnlich sind. Mr. Tegetmeier  war so freundlich auf meine Bitte die Kreuzung zwischen einem spanischen Malm und einer Seiden- llenne zu wiederholen und erhielt ähnliche Resultate; denn er erhielt ausser einer schwarzen Henne sieben Hähne, von denen alle dunkle Körper und mehr oder weniger orangerothe Schuppenfedern hatten. Im folgenden Jahre paarte er die schwarze Henne mit einem ihrer Brüder und erzog drei junge Hähne, welche alle wie ihr Vater gefärbt waren, und eine schwarz mit weiss gefleckte Henne. Die Hennen aus den sechs oben beschriebenen Kreuzungen zeigten kaum irgend eine Neigung, zu dem braun gefleckten Gefieder des weiblichen G. bankira  zurückzukehren. Doch wurde eine Henne von der weissen Cochinchinesin, welche zuerst kohlschwarz war, leicht braun oder russlärben. Mehrere Hennen, welche eine lange Zeit hindurch sclmeeweiss waren, erhielten als sie alt wurden, einige wenige schw arze Federn. Eine Henne von der weissen Kampfhenne, welche eine lange Zeit vollkommen schwarz und grün glänzend war, bekam, als sie zwei Jahre alt war, einige Schw ungfedern erster Reihe grauweiss und zahlreiche Federn über ihrem Körper wurden symmetrisch weiss gefleckt oder gestreift. Ich hatte erw artet, dass einige der Hühnchen, so lange sie noch mit Dunen bekleidet waren, die bei hühnerartigen Vögeln so allgemeinen Längsstreifen erhalten würden. Diese kamen aber nicht in einem einzigen Beispiele vor; nur zwei oder drei waren um den Kopf rothbraun. Unglücklicherweise verlor ich fast alle weissen Hühnchen aus den ersten Kreuzungen, so dass bei den Enkeln schwarz vorherrschte. Sie waren aber in ihrer Färbung sehr verschieden; einige waren russig, andere gefleckt und ein schwärzliches Hühnchen hatte eigentümliche mit braun gefleckte und gebänderte Federn. Ich will hier einige Thatsaehen, die mit der Rückkehr und mit

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7. Cap. Rückfall und analoge Variation. 301 dem Gesetz der analogen Variation Zusammenhängen, noch mit- theilen. Wie in einem früheren Gapitel angegeben, sagt dieses Gesetz uns, dass die Varietäten einer Species häufig distinct« aber verwandle Species nachalunen, und die Thatsaehe würde nach der von mir vertretenen Ansicht aus dem Grundsätze erklärt, dass verwandle Species von einer Primitivform abstammen. Wie Mr. Hewitt und Mr. R. Orton bemerkt haben, degenerirt das weisse Seidenhuhn mit schwarzer Haut und schwarzen Knochen in unserem Klima, d. h. es kehrt zu der gewöhnlichen Färbung des gemeinen Huhnes in seiner Haut und seinen Knochen zurück, selbst wenn man jede Kreuzung mit aller Sorgfalt verhindert hat. Auch in Deutschland ' ,0 hat man beobachtet, dass eine distincte Rasse mit schwarzen Kilo eben und mit schwarzem nicht seidenartigem Gefieder degenerirt. Mr. Tegetmeier tlieilt mir mit. dass, wenn verschiedene Rassen gekreuzt werden, häufig Hühner erzeugt werden, deren Federn mit schmalen queren, dunkler gefärbten Linien gezeichnet oder gestreift werden. Dies lässt sich zum Theil durch directe Rückkehr zu der Elternform der Bankica -Henne erklären; denn dieser Vogel hat den oberen Theil seines Gefieders fein dunkel und rölh- licli braun gefleckt, wobei die Flecke zum Theil und undeutlich in Querlinien angeordnet sind. Aber die Neigung zur Strichelung wird wahrscheinlich durch das Gesetz der analogen Variation noch verstärkt : denn die Hennen einiger andern Arten von Gallus  sind deutlicher gestrichelt und die Hennen vieler hühnerartigen Vögel, die zu anderen Gattungen gehören, wie das Rebhuhn, haben gestrichelte Federn. Mr.Tegetmeier hat auch die Bemerkung gegen mich gemacht, dass wir, trotzdem bei domesticirten Tauben eine so grosse Verschiedenheit der Färbung auftritt, dort niemals weder gestrichelte noch gefütterte Federn sehen und nach dem Gesetz der analogen Variation ist diese Thatsaehe verständlich, da weder die wilde Felstaube noch irgend eine nahe verwandte Art solche Federn haben. Das häufige Auftreten von Strichelung bei gekreuz- 30  Die Hühner- und Pfauenzucht. Ulm, 1827, p. 17. Wegen Hewitt's Angabe in Bezug auf das weisse Seidenhuhn s. Poultry Book von W. B. Tegetmeier, 1866, p. 222. Ich verdanke Mr. Orton einen Brief über diesen Gegenstand.

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 Hühner. 7. Cap ten Vögeln erkliirl wahrscheinlich die Existenz sogenannter Ku- kuksunlerrnssen bei den Kampf-, polnischen, Dorking-. Cochin- china-, amlalnsischen und Bantam - Rassen. Das Gefieder dieser Vögel ist schieferblau oder grau, jede Feder ist mil dunkleren Linien quergestreift, so dass es in einem gewissen Grade dem Gefieder des Kukuks ähnlich wird. Bedenkt man, dass das .'Männchen keiner einzigen Species von Gallus  auch nicht im mindesten gebändert ist, so ist es eine eigenthümliche Thatsache, dass das kukuksähnliche Gefieder oft auf das Männchen übertragen wird, besonders bei dem Kukuks-Dorkinghuhn; und die Thatsache ist um so sonderbarer, als bei gold- und silbergestrichelten Hamburgern, bei denen die Strichelung für die Rasse characteristisch ist, das Männchen fast gar nicht gestrichelt ist, diese Art von Gefieder vielmehr auf das Weibchen beschränkt bleibt. Ein anderer Fall von analoger Variation ist das Auftreten gefütterter Unterrassen bei Hamburger, polnischen, malayischen und Bantam-Hühnern. Gefütterte Federn haben eine dunklere Zeichnung an ihren Spitzen, eigentlich halbmondförmig, während gestrichelte Federn mehrere Querbinden haben. Das Geflitteit-werden kann nicht von einer Rückkehr zum G. bankiva  abhängen, auch ist es, wie ich von Mr. Tegetmeier  höre, nicht oft die Folge von Kreuzung verschiedener Rassen; es ist vielmehr ein Fall von analoger Variation, denn viele hühnerartige Vögel haben gefütterte Federn, z. B. der gemeine Fasan. Gefütterte Rassen werden daher oft Fasanhühner genannt. Ein anderer Fall von analoger Variation bei mehreren domesticirten Rassen ist unerklärlich; er besteht darin, dass die noch mit Dunen bedeckten Hühnchen der schwarzen Spanier, des schwarzen Kampfhuhnes, der schwarzen polnischen und schwarzen Bantam-Hühner alle eine weisse Kehle und weissc Brust und oft noch etwas weiss auf ihren Flügeln haben. 31  Der Herausgeber des "Poultry Chronicle" 32  bemerkt, dass alle die Rassen, welche eigentlich rothe Ohrlappen haben, gelegentlich Vögel erzeugen mit weissen Ohrläppchen. Diese Bemerkung be- 31 Dixon, Ornamental and domestic Poultry, p. 253. 324. 335. Wegen der Kampfhühner s. Ferguson, on Prize Poultry, p. 260. 32 Poultry Chronicle. Vol. II, p. 71.

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7. Cap. Rückfall und analoge Variation. 303 zieht .sich besonders auf die Kampfrasse, welche von allen dem G. ba nkir.a  am nächsten kommt, und wie wir gesehen haben, variirt hei dieser Species im Naturzustände der Ohrlappen in seiner Farbe; in den malayischen Gegenden ist er roth und in Indien meist, aber nicht ausnahmslos, weiss. Indem ich diesen Theil meiner Aufgabe schliesse, will ich wiederholen, dass es eine weit verbreitete, variirende und gemeine Species von Gallus , nämlich G. bankiva  gibt, welche gezähmt werden kann und bei der Kreuzung mit gewöhnlichen Hühnern fruchtbare Nachkommen erzeugt und in ihrer ganzen Structur, in ihrem Gefieder und in ihrer Stimme der Kampfrasse äusserst ähnlich ist. Man kann sie daher getrost als die Elternform dieser, der typischsten der domesticirten Rassen ansehen. Wir haben gesehen, wie die Annahme, dass andere jetzt unbekannte Arten die Eltern der andern domesticirten Rassen seien, auf grosse Schwierigkeit stösst. Wir wissen, dass alle Rassen äusserst nahe verwandt sind, was durch die Ähnlichkeit in den meisten Theilen ihres Raues, iu ihrer Lebensweise und durch die analoge Art und Weise, in welcher sie variiren, gezeigt wird. Wir haben auch gesehen, dass mehrere der distincte- sten Rassen gelegentlich oder gewöhnlich im Gefieder dem G. ban- kica  sehr ähnlich werden und dass die gekreuzten Nachkommen anderer Rassen, welche nicht so gefärbt sind, stärker oder schwächer die Neigung zeigen, zu demselben Gefieder zurückzukehren. Einige der Rassen, welche am distinctesten und als solche erscheinen, bei denen die Abstammung von G. bankiva  am unwahrscheinlichsten ist, wie die polnischen Hühner mit ihren vorspringenden und wenig ossificirten Schädeln, die Cochinchinesen mit ihren unvollständigen Schwänzen und kleinen Flügeln, tragen in diesen Cliaracteren das deutliche Zeichen ihres künstlichen Ursprungs. Wir wissen sehr gut, dass in den letzten Jahren methodische Zuchtwahl viele Cha- ractere bedeutend veredelt und fi.xirt hat und w ir haben allen Grund zu glauben, dass viele Generationen hindurch angewandte unbewusste Zuchtwahl jede neue Eigentluimliehkeit stetig vermehrt und hierdurch neue Rassen hervorgebracht haben wird. Sobald einmal zwei oder drei Rassen gebildet worden waren, wird die Kreuzung

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 Hühner. 7. Caj) in Bezug auf die Veränderung ihrer Cliarartere und auf die Vermehrung ihrer Anzahl ins Spiel gekommen sein. Brama Pulras kielen einem neuerdings in Amerika publieirlen Berichte zufolge ein gutes Beispiel einer Basse dar, welche erst vor Kurzem gebildet wurde, aber rein gezüchtet werden kann. Ein anderes und ähnliches Beispiel bieten die bekannten Sebright-Banlams dar. Wir können daher sehliessen, dass nicht bloss die Kampfrassen, sondern alle unsere Rassen wahrscheinlich die Nachkommen der malayischen oder indischen Varietät des G. bankira  sind. Ist dies der Fall, so hat die Species seit dem sie zuerst domesticirt wurde, bedeutend variirt, aber hierzu hat sie reichlich Zeit gehabt, wie wir jetzt zeigen werden. Geschichte des Hahns. Rü tim ei er fand in den alten Schweizer Pfalbauten keine Überbleibsel des Huhns; im alten Testamente wird es nicht erwähnt, auch wird es auf den alten ägyptischen Monumenten nicht abgebildet 3;! . Homer oder Hesiod erwähnen es nicht (ungefähr 900 v.Chr.j, dagegen erwähnen es Theognis und Aristophanes zwischen 400 und 500 v. Chr. Es ist auf einigen der babylonischen Cylinder abgebildet, von denen mir Mr. Layard  einen Abdruck schickte, zwi- 33  rickering sagt in seinen »Races of man«, 1850, p. 374, dass in einer Tributprocession der Kopf und Hals eines Huhns dem Tkoutraousis III. dargebracht wurde (1445 v. Chr.); Mr. Birch vom Britischen Museum bezweifelt aber, ob die Abbildung mit dem Kopf eines Ilulms identificirt werden könne. Wegen des starken und weitverbreiteten Vorurtheils gegen das I-Iulm muss das Fehlen von Abbildungen dieses Vogels auf den ägyptischen Monumenten mit Vorsicht beurtheilt werden. Mr. S. Krhardt  theilt mir mit, dass die meisten Heidenvölker auf der Ostküste von Afrika von 4° bis 6° S. Br. einen Widerwillen gegen das Huhn haben. Die Eingebor- nen der Pellew-Inselu wollten Hühner nicht essen, ebensowenig wollen es die Indianer in manchen Theilen von Süd-Amerika. In Bezug auf die ältere Geschichte des Huhns s. auch Volz,  Beiträge zur Culturgeschichte, 1852, p. 77, und Isid. Geoffroy St. Hilaire, Hist. nat. gener. T. Ill, p. 61. C rawfurd  hat eine vorzügliche Geschichte des Huhns in seinem Aufsatz »on the relation of domesticated animals to civilisation« gegeben, der vor der British Association in Oxford, I860 gelesen und separat gedruckt wurde. Ich citire nach ihm den griechischen Dichter Theognis und das Harpyen- Grabmal, was Sir C. Fellowes  beschrieben hat. Die Lehren des Manu citire ich nach einem Briefe Mr. Blyth's.

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7. Cap. Hire Geschichte. 305 sehen deni 6. und 7. Jahrhundert v. dir.: ebenso auf dein Ilarpven- Grabmal in Lycien, ungefähr 600 v. dir., so dass wir mit ziemlicher Sicherheit ainielunen können, dass das Huhn nach Europa kam etwa in der Nähe des sechsten Jahrhunderts v. dir. Bei Beginn der christlichen Zeitrechnung- Avar es etwas weiter nach Westen gewandert, denn J. Caesar fand es in Grossbritannien, ln Indien muss es domeslieirt worden sein, als die Gesetze des Manu niedergeschrieben wurden, d. i. nach Sir W. Jones  1200 v. Chr.. indess nach der spätem Autorität von Mr. H. Wilson  nur 800 v. Chr.; denn es wird verboten, das Hausliuhn zu essen, während das wilde erlaubt ist. Dürfen wir, wie vorhin bemerkt, der alten chinesischen Encyklo- pädie trauen, so muss das Huhn mehrere Jahrhunderte früher dome- sticirt worden sein, da dort gesagt wird, dass es um 1400 v. dir. aus dem Westen nach China eingeführl worden sei. Die Geschichte der einzelnen Bassen zu verfolgen sind die Materialien nicht hinreichend. Um den Beginn der christlichen Zeitrechnung erwähnt Columella eine fünfzehige kämpfende Basse und einige provinziale Bassen; von diesen wissen wir aber nichts mehr. Er spricht auch von Zwerghühnern; diese können aber nicht dieselben, wie unsere Bantams gewesen sein, welche, wie Mr. Craw- furd  gezeigthat, von Japan nach Bantam in Java eingeführt wurden. Ein Zwerghuhn, wahrscheinlich das echte Bantam, wird in einer alten japanesischen Encyklopädie erwähnt, wie mir Mr. Birch mittheilt. In der 1596 publicirten, aber aus verschiedenen zumTlieil sehr alten Quellen compilirten chinesischen Encyklopädie werden sieben Bassen erwähnt mit Einschluss derer, die wir jetzt Hüpfer oder Kriecher nennen, und ebenso Hühner mit schwarzen Federn, Knochen und schwarzem Fleisch. 1600 beschreibtAldrovandi  sieben oder acht Bassen von Hühnern und dies ist der älteste Bericht, aus welchem wir auf das Alter unserer europäischen Bassen schliessen können. Der Gallus tureicm  scheint sicher ein gestrichelter Hamburger zu sein. Mr. Brent, ein sehr fähiger Beurtheiler, glaubt aber, dass Aldrovandi " offenbar das abbildete, was er zufällig sah und zwar nicht das beste Beispiel der Basse". Mr. Brent hält geradezu alle Hühner Aldrovandi's  für nicht reinen Blutes. Viel wahrscheinlicher ist indess die Ansicht, dass alle unsere Kassen seit seiner Zeit bedeu- Dauwis,  Erster Tlieil. 20

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 Hühner. 7. Cap. tend veredelt und modifieirt worden sind: denn wenn er einmal die Kosten so vieler Abbildungen trug, so wird er wahrscheinlich cha- racteristische Exemplare sich verschafft haben. Die Seidenhenne indess existirte wahrscheinlich schon damals in ihrem gegenwärtigen Zustande, wie auch beinah sicher das Huhn mit krausen oder rückwärts gewendeten Federn. Mr. Dixon 34  hält A 1 dro vandi's Paduaner Huhn für eine Varietät des polnischen, während Mr. Brent meint, es sei dem malayischen noch näher verwandt gewesen. Die anatomische Eigentümlichkeit des Schädels der polnischen Rasse wurde von P. Borelli  1656 bemerkt: ich will hinzufügen, dass 1737 eine polnische Unterrasse, nämlich die goldgeflitterle bekannt war, aber nach Albin's  Beschreibung zu urtheilen war der Kamm damals grösser, die Federkrone viel kleiner, die Brust gröber gefleckt, der Bauch und die Schenkel viel schwärzer: ein golden gefüttertes polnisches Huhn in diesem Zustande würde jetzt werthlos sein. Verschiedenheiten im ä u s s e r n u n d i n n e r n Bau de r Rassen: individuelle Variabilität.  Hühner sind verschiedenartigen Lebensbedingungen ausgesetzt worden und wie wir eben gesehen haben, ist hinreichende Zeit für bedeutende Variabilität und für die langsame Wirkung unbewusster Zuchtwahl vorhanden gewesen. Da wir guten Grund zur Annahme haben, dass alle Rassen von G.bankiva  abstammen, so ist es schon derMiihe worth, einiger- maassen detaillirt die Hauptpunkte der Verschiedenheit zu beschreiben. Ich beginne mit den Eiern und Hühnchen, gehe dann zu den secundären Geschlechtscharacteren und dann zu den Verschiedenheiten im äussern Bau und dem Skelet über. Ich theile die folgenden Details hauplächlich deshalb mit, um zu zeigen, w ie variabel fast jeder Character im Zustande der Domestication geworden ist. Eier. — Mr. Dixon bemerkt 3ä , dass "jede Henne eine Eigen- thümlichkeit in der Form, Färbung und Grösse ihrer Eier besitzt, welche während ihrer Lebenszeit niemals sich verändert, so lange sie gesund bleibt und welche denen, welche ihr die Eier zu nehmen pflegen, 34  Ornamental and Domestic Poultry, 1847, p. 185: aus Columella übersetzte Stellen s. p. 312. In Bezug auf goldne Hamburger s. Albin,  Natural History of Birds, 3 Bde., mit Taf., 1731—38. 35  Ornamental and Domestic Poultry, p. 152.

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7. Cap. Verschiedenheiten zwischen den Rassen. 307 sowohl bekannt ist, als die Handschrift ihrer nächsten Bekannten 11 . Ich glaube, dass dies im Allgemeinen richtig ist, und dass, wenn keine grosse Zahl von Hennen gehalten wird, die Eier einer jeden fast immer erkannt werden. Die Eier verschieden grosser Rassen sind natürlich in der Grösse sehr verschieden, aber offenbar nicht immer im strengen Verhältniss zur Grösse der Henne. So ist die Malayeriu ein grösserer Vogel als die spanische, aber im Allgemeinen producirt sie nicht so grosse Eier; weisse Bantams sollen kleinere Eier legen als andere Bantams 36 . Weisse Co- cldnchinesen auf der andern Seite legen, wie ich von Mr. Tegetmeier höre, bestimmt grössere Eier als gelbrothe Cochinchinesen; doch variiren die Eier der verschiedenen Rassen beträchtlich im Character. So führt z. B. Mr. Ballancc  an 37 , dass seine malayischen "Hühnchen vom letzten Jahre Eier legten, die denen irgend einer Ente an Grösse gleich waren, während andere malayische Hennen, die zwei oder drei Jahre alt waren. Eier legten, welche nur sehr wenig grösser als ein ordentliches Bantam-Ei waren. Einige waren so weiss, wie die Eier einer spanischen Henne, andere variirten von einer hellen Rahmfarbe bis zu einem tiefen gelb-roth, oder selbst zu braun". Auch die Form variirt; bei den Cochinchinesen sind die beiden Enden viel gleichmässiger abgerundet als bei Kampf- oder polnischen Hühnern. Spanische Hühner legen glättere Eier als Cochinchinesen, deren Eier meist granulirt sind. Die Schale ist bei der letztgenannten Rasse und besonders bei den Malayen gern dicker als bei Kampf- oder spanischen Hühnern, aber die Minorkas, eine Unterrasse der Spanier, sollen härtere Eier legen als echte Spanier 38 . Die Färbung differirt beträchtlich; die Cochinchinesen legen röthlich-gelbe Eier, die Malayen ein blässeres variables gelb-roth und Kampfhühner dieselbe Farbe noch blässer. Es möchte scheinen, als ob dunkler gefärbte Eier die Rassen characterisircn, welche später aus dem Orient gekommen oder denen, die jetzt noch dort leben, ähnlicher sind. Nach Ferguson  ist die Färbung des Dotters ebenso wie der Schale in den Unterrassen des Kampfhuhns leicht verschieden und steht in einem gewissen Grade in Correlation mit der Färbung des Gefieders. Mr. Brent hat mir auch mit- 3°  Ferguson, on Rare Prize Poultry, p. 297. Wie man mir sagt, kann man sich nicht allgemein auf diesen Schriftsteller verlassen. Er gibt indessen Abbildungen und viele Mittheilungen über Eier. s. p. 34 und 235 über die Eier der Kampfhühner. *' s. Poultry Book, by Tegetmeier,  180G, p. 81 und 78. 38  The Cottage Gardener, Oct 1855, p. 13. Über die Dünnheit der Kampfhuhn-Eier s. Mowbray,  on Poultry, 7. ed. p. 13. 20 *

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 Hühner. 7. Cap. getheilt. dass dunkle rebhuhnfarbige Cochinchinesen-Hennen dunkler gefärbte Eier legen, als die andern Cochinchina-Unterrassen. Das Arom und die Würze der Eier ist sicher bei verschiedenen Rassen verschieden; die Productivität der verschiedenen Kassen ist sehr verschieden. Spanische , polnische und Hamburger Hennen haben den Instinct zum Rrüten verloren. Hühnchen.  Da die Jungen fast aller hühnerartigen Vögel, selbst des schwarzen Curassow, des schwarzen Birkhuhns, so lauge sie mit Dunen bedeckt sind, auf dem Rücken längsgestreift sind, von welchem Character keines der beiden Geschlechter im erwachsenen Zustande eine Spur behält, so hätte sich erwarten lassen, dass die Hülmehen aller unserer domesticirten Hühner ähnlich gestreift sein würden 39 . Indess wäre dies nicht zu erwarten gewesen, wo das erwachsene Gefieder beider Geschlechter so bedeutend verändert worden ist, dass es ganz weiss oder schwarz ist. Bei weissen Hühnern verschiedener Rassen sind die Hühnchen gleichförmig gelblich weiss und gehen bei dem schwarzknochigen Seidenlmhn in ein helles kanariengelb über. Dies ist auch allgemein bei den jungen weissen Cochinchinesen der Fall. Ich höre aber von Mr. Zurho st,  dass sie zuweilen gelblich-rüthlich oder eichenfarbig sind, und dass alle, welche die letzte Färbung zeigten, wenn man sie genauer verfolgte, sich als Männchen erwiesen. Die Hühnchen gelb-rother Cochinchinesen sind goldgelb und leicht von der blässeren Färbung der weissen Cocliiuchinesen unterscheidbar. Auch sind sie oft von dunkleren Schatti- rungen längs gestreift. Die Hühnchen von silberzimmetfarbigen Cochinchinesen sind fast immer röthlich-gelb; die Hühnchen der weissen Kampfbahn- und Dorking-Rasse bieten in besonderen Beleuchtungen nach der Autorität Mr. Brent's zuweilen schwache Spuren von Längsstreifen dar. Hühner, welche völlig schwarz sind, nämlich spanische, schwarze Kampf-, schwarze polnische und schwarze Bantam-Hülmer zeigen einen neuen Character; ihre Hähnchen haben nämlich ihre Brust und Kehle mehr oder weniger weiss und zuweilen an andern Stellen noch etwas weiss. Auch spanische Hühnchen haben gelegentlich (Brent), wenn ihre Dunen weiss waren, an ihren ersten wahren Federn eine Zeit lang weisse Spitzen. Der 39  Meine durchaus nicht vollständige Information über Hühnchen im Dunenkleide rührt vorzüglich aus Dixon's Ornamental and Domestic Poultry. Mr. B. P. Brent und Mr. Tegetmeier  haben mir brieflich viele Thatsaehen mitgetheilt. Ich führe in jedem Falle meine Autorität in Parenthese an. Wegen der Hühnchen des weissen Seidenhuhns s. Tegetmeier, Poultry Book, 18C6, p. 221.

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7. Cap. Verschiedenheiten zwischen den Rassen. 309 ursprünglich gestreifte Character wird von den Hühnchen der meisten Kampfhahn-ITnterrassen beibehalten (Brent, Dixon), ebenso von Dorkings, desgleichen von den rebhuhn- und birkhuhnfarbigen Unterrassen der Cochinchiuesen (Brent), dagegen, wie wir gesehen haben, von keiner der andern Unterrassen; dagegen wiederum von den Fasan-Malayen (Dixon), aber von andern Malayen oflenbar nicht (was mich sehr überraschte). Die folgenden Rassen und Unterrassen sind kaum oder durchaus nicht längsgestreift; nämlich gold- und silbergestrichelte Hamburger, welche kaum in den Dunen von einander unterschieden werden können (Brent), da sie beide einige wenige dunkle Flecke am Kopf und Rumpf und gelegentlich einen Längsstreifen (Dixon) am Nacken haben. Ich habe nur ein einziges Hühnchen der silbergeflitterten Hamburger Rasse gesehen, und dieses war den Rücken entlang undeutlich gestreift. Goldgeflitterte polnische Hühnchen sind von einer warmen roth-braunen Färbung (Tegctmcier);  silbergeflitterte polnische Hühnchen sind grau, zuweilen (D ix on) mit ockerfarbigem Fleck auf dem Kopf, den Flügeln und der Brust. Kukuks- und blau-roth-braune Hennen ( Dixon) sind im Dunenkleido grau. Die Hühnchen von Se- bright-Bantams (Dixon) sind gleichförmig dunkler braun, während diejenigen der braunbrüstigen rotlien Kampf-Bantam-Hülmer schwarz sind, mit etwas weiss an der Kelde und Brust. Aus diesen Thatsachen sehen wir, dass die Hühnchen der verschiedenen Rassen und selbst derselben Hauptrasse in ihrem Dunengefieder sehr verschieden sind und dass die Längsstreifen, trotzdem sie die Jungen aller wilden hühnerartigen Vögel characterisiren, in mehreren domesticirten Rassen verschwinden. Vielleicht kann man es als eine allgemeine Regel annehmen, dass, jemehr das erwachsene Gefieder von dem des erwachsenen G. bankiva  verschieden ist, die Hühnchen um so vollständiger ihre eigenthümlichen Streifen verloren haben. In Bezug auf die Zeit, zu welcher die jeder Rasse characteri- stischen Eigenthiimlichkeiten zuerst erscheinen, ist zunächst klar, dass solche Structurverhältnisse, wie überzählige Zehen, lange vor der Geburt gebildet werden müssen. Bei polnischen Hühnern wird die ausserordentliche Protuberanz des vorderen Theiles des Schädels wohl entwickelt, ehe die Hühnchen das Ei verlassen 40 ; die 1,1 Wie ich von Mr. Tegetmeier  höre; s. auch Proceed. Zoolog. Soc. 1856, p. 366. Über die späte Entwicklung der Federkrone s. Poultry Chronicle. Vol. II, p. 132.

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 Hühner. 7. Cap- Federkrone indess, welche von diesem Vorsprunge gelragen wird, ist erst schwach entwickelt, und erhält ihre volle Grosse erst im zweiten Jahr. Der spanische Hahn ist durch seinen prächtigen Kamm ausgezeichnet und dieser wird in einem ungewöhnlich frühen Alter entwickelt, so dass die jungen Männchen von den Weibchen schon unterschieden werden können, wenn sie nur wenige Wochen alt sind, also früher als in andern Hassen. Sie krähen gleichfalls sehr früh, nämlich wenn sie ungefähr sechs Wochen alt sind. In der holländischen Unterrasse des spanischen Huhns werden die weissen Ohrlappen zeitiger entwickelt, als hei der gewöhnlichen spanischen Rasse 41 . Cochinchinesen sind durch einen kleinen Schwanz characterisirt und bei den jungen Hähnen wird der Schwanz ungewöhnlich spät entwickelt 4 ' 2 . Kampfhühner sind wegen ihrer Kampfsucht bekannt, und die jungen Hähne krähen, schlagen ihre Flügel und kämpfen obstinat mit einander, selbst während sie noch unter der Pflege ihrerMutter sind 43 . Ein Schriftsteller sagt 44 : "Ich habe oft ganze Hruten gehabt, welche, kaum befiedert, vom Kämpfen stockblind waren. Die kämpfenden Paare ruhten in irgend einem Winkel aus und erneuerten ihre Kämpfe beim ersten Lichtstrahl." Rei den Männchen aller hühnerartigen Vögel besteht der Nutzen ihrer Waffen und ihrer Kampflust darin, um den Resitz ihrer Weibchen zu kämpfen, so dass die Neigung unserer Kampfhähnchen, in einem ausserordentlich frühen Alter zu kämpfen, nicht bloss nutzlos, sondern schädlich ist, da sie selbst durch ihre Verwundungen sehr leiden. Das Erziehen zum Kampf in einer frühem Zeit mag beim wilden G. bankica  natürlich sein; da aber der Mensch viele Generationen hindurch, die am obstinatesten kampfsüehtigen Hähne zur Nachzucht ausgewählt hat, so ist es wahrscheinlich , dass ihre Kampflust unnatürlich vergrössert und unnatürlich den jungen männlichen Hühnchen übertragen worden ist. ln derselben Weise ist es auch wahrscheinlich, dass die ausserordentliche Entwickelung 11  Über diese Punkte s. Poultry Chronicle, Vol. Ill, p. 106, und Te- getmeier. Poultry Book, 1866, p. 105 und 121. Dixon, Ornamental and Domestic Poultry, p. 273. 11 Ferguson, on Bare and Prize Poultry, p. 261. 44 Mowbray,  on Poultry, 7. ed. 183-1, p. 13.

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7. Cap. Geschlechtliche Differenzen. 311 des Kammes beim spanischen Halm unabsichtlich den jungen Halmen übertragen worden ist : denn die Züchter werden sich nichtdaruin kümmern, ob ihre jungen Vögel grosse Kamme haben, sondern werden zur Nachzucht die Erwachsenen auswiihlen, welche die schönsten Kämme haben, gleichviel ob sie sich spät oder früh entwickelt haben. Der letzte hier zu erwähnende Punkt ist, dass die Hühnchen der spanischen und malayischen Hühner gut mit Dunen bekleidet sind, dass sie aber die echten Federn ungewöhnlich spät erhalten; eine Zeit lang sind daher die jungen Vögel theilweise nackt und leiden daher leicht von der Kälte. Secundäre Ges chl echt schar actere.  In der elterlichen Form, dem G. bankiva,  sind die beiden Geschlechter in der Färbung sehr verschieden: bei unsere domesticirten Rassen ist die Verschiedenheit niemals grösser, vielmehr oft geringer und variirt selbst bei den Unterrassen derselben Hauptrasse bedeutend dem Grade nach. So ist bei gewissen Kampfhühnern die DilFerenz so gross, wie in der elterlichen Form, während bei den schwarzen und weissen Unterrassen keine Verschiedenheit im Gefieder vorhanden ist. Air. ßre n t theilt mir mit,  dass er zwei Linien schwarzbrüsti- ger rolher Kainpflüihner gesehen habe, bei denen die Hähne nicht unterschieden werden konnten, während die Hennen der einen reb- hulmbraun, der andern rehbraun waren. Ein ähnlicher Fall ist in den Descedenzlinien des braunbrüstigen rolhen Kainpfhuhns beobachtet worden. Die Henne des "entenflügligen" Kampfhulms ist "ausserordentlich schön" und weicht bedeutend von den Hennen aller übrigen Kampfhuhn-Unlerrassen ab. Allgemein lässt sich indessen, so bei dem blauen und grauen Kampfhuhn und bei einigen Untervarietäten des "Pile "-Kampflmhns eine mässig nahe Beziehung zwischen dem Alännchen und Weibchen hinsichtlich der Variation ihres Gefieders beobachten 45 . Ein ähnliches Verhältniss ist auch deutlich, wenn wir die verschiedenen Varietäten der Cochinchinesen vergleichen. In den beiden Geschlechtern der gold- und silbergellitterten und röthlichgelben polnischen Hühner herrscht sehr allgemein eine Ähnlichkeit der Färbung und der Zeichnungen des ganzen Gefieders, 45  s. die ausführliche Beschreibung der Varietäten des Kampfhuhns in: Tegetmeier. Poultry Book, 1866, p. 131, wegen Kukuk -Dorkings s. p. 97.

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 Hühner. 7. Cap. natürlich mit Ausnahme der Schuppenfedern, der Federkrone und des Bartes. Auch bei den gefütterten Hamburgern findet sich ein beträchtlicher Grad von Ähnlichkeit zwischen den beiden Geschlechtern: auf der andern Seite sind bei den gestrichelten Hamburgern die Geschlechter sehr unähnlich. Die Strichelung, welche für Hennen characteristisch ist, fehlt bei dem Männchen sowohl der goldenen als silbernen Varietät fast ganz. Wie wir aber bereits gesehen, lässt sich nicht als allgemeine Regel aufstellen, dass Hähne nie gestrichelte Federn haben: denn Kukuk-Dorking-Hühner sind "merkwürdig wegen der nahezu ähnlichenZeichnungen in beidenGeschlechtern." Es ist eine eigenlhümliehe Thatsache, dass die Männchen gewisser Unterrassen einige ihrer secundären männlichen Charactere verloren haben und wegen ihrer grossen Ähnlichkeit im Gefieder mit den Weibchen "hennies" genannt werden. Die Meinungen sind sehr getheilt, ob diese Männchen in irgend einem Grade unfruchtbar sind. Dass sie zuweilen, wenigstens theilweise steril sind, scheint klar zu sein 46 ; doch kann dies auch durch zu enge Inzucht veranlasst worden sein. Dass sie nicht vollständig steril sind und dass der ganze Fall von dem sehr verschieden ist, wo alte Hennen männliche Charactere annelnuen, gehl offenbar daraus hervor, dass mehrere dieser hennenartigen Unterrassen lange fortgepflanzt worden sind. Die Männchen und Weibchen der gold- und silbergestreiften Sebright-Bantams können kaum von einander unterschieden werden, mit Ausnahme ihrer Kämme, Lappen und Sporen; sie sind gleich gefärbt und die Männchen haben keine Schuppenfedern, auch fehlen ihnen die geschwungenen sichelartigen Schwanzfedern. Eine hen- nenschw änzige Unterrasse von Hamburgern w urde vor kurzem sehr geschätzt. Es gibt auch eine Rasse von Kampfhühnern, bei welcher die Männchen und Weibchen einander so sehr ähnlich sind, dass die Hähne oft auf dem Kampfplatz ihre hennenfedrigen Gegner für wirkliche Hennen gehalten und sie darüber ihr Leben verloren haben 47 . Sind auch die Hähne mit hennenartigen Federn bekleidet, so sind sie doch "stolzeVögel und ihrMuth ist oft erprobt worden." 46 Hewitt, in: Tegetmeier, Poultry Book. 1866, p. 24G und 156. Wegen hennenschwänziger Kampfhähne s. p. 131. 47 The Field. Apr. 20. 1861. Her Verfasser sagt, er habe ein halbes Dutzend Hähne auf diese Weise sich opfern sehen.

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7- Cap. Geschlechtliche Differenzen. 313 Es ist sogar eine Abbildung von einem berühmten hennensclnvän- zigen Sieger veröffentlicht worden. 31r. Tege tmeier 48  hat den merkwürdigen Fall eines braunbrüstigen rothen Kampfhahns bekannt gemacht, welcher nach Annahme seines vollständigen männlichen Gefieders im Herbste des folgenden Jahres henncnficdrig wurde, doch verlor er weder Stimme noch Sporen, noch Kraft und Productivität. Dieser Vogel hat nun fünf Jahre lang dieselben Cha- ractere beibehalten und hat sowohl hennenfiedrige als hahnenfiedrige Nachkommen erzeugt, 31r. G rant ley F. 13 erkel ey  erzählt den noch merkwürdigeren Fall von einer berühmten Familie von "Iltis-Kampfhühnern", welche in fast jeder Brut einen einzigen Hennenhahn producirte. "Die grosse Eigenthümlichkcit bei einem dieser Vögel bestand darin, dass derselbe in aufeinanderfolgenden Jahren nicht immer ein Hennenhahn war, und nicht immer die sogenannte Iltisfärbung, ein gewisses Schwarz, besass. Aus dem Iltis- und Hennenhahngefieder des einen Jahres mauserte er sich zu einem völlig männlich befiederten schwarzbrüstigen Rothen und im folgenden Jahre kehrte er zum ersten Gefieder zurück" 49 . In meiner "Entsehung der Arten" habe ich bemerkt, dass se- eundäre Geschlechtscharaetere sehr gern in den Arten eines und desselben Genus verschieden und dass sie ungewöhnlich variabel in den Individuen einer und derselben Species sind. Dasselbe gilt für die Hühnerrassen, wie wir bereits gesehen haben, in Bezug auf die Färbung des Gefieders und ebenso in Bezug auf die andern se- cundären Geschlechtscharaetere. Erstlich weicht der Kamm in den verschiedenen Rassen sehr ah 50  und seine Form ist für jede Art ausserordentlich characteristisch, mit Ausnahme unless der Dorkings, hei welchen seine Form von den Züchtern noch nicht bestimmt und durch Zuchtwahl fixirt worden ist. Ein einfacher tief gesägter Kamm ist die typische und häufigste Form. Er differirt bedeutend in der Grösse: bei spanischen Hühnern ist er immens entwickelt und bei 4S Proceed. Zoolog. Soc. March, 1861, p. 102. Die oben erwähnte Abbildung des hennenschwänzigen Halmes wurde in der Gesellschaft vorgelegt. 49 The Field, Apr. 20. 1861. 50  Ich bin Herrn Brent sehr verbunden für eine mit Abbildungen versehene Schilderung aller ihm bekannten Modiflcationen des Kammes, ebenso des Schwanzes, auf welche ich sofort kommen werde.

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 Hühner. 7. Cap einer localen Rasse. "Rothmützen" genannt, ist er zuweilen "vorn über 3 Zoll breit und über 4 Zoll lang, bis zu dein Ende des Zipfels gemessen" 5I . Bei einigen Rassen ist der Kamm doppelt und wenn die beiden Enden mit einander verkittet sind, so bildet er einen "Becherkamm." In dem "Rosenkamin" ist er platt gedrückt, mit kleinen Vorsprüngen bedeckt und nach hinten verlängert; bei den gehörnten und Creve-eoeur-Hühnern ist er in zwei Hörner ausgezogen, bei den pfauenkämmigen Bramas ist er dreifach, bei den Malayen kurz und abgestutzl und bei den Guelderländern fehlt er. Bei den bequaste- ten Kampfhühnern entspringen einige wenige lange Federn vom Rücken des Kammes und in manchen Rassen ersetzt eine Federkrone den Kamm. Ist die Federkrone wenig entwickelt , so entspringt sie von einer fleischigen .Hasse, ist sie dagegen stark entwickelt, von einer hemisphärischen Protuberanz des Schädels. Bei den besten polnischen Hühnern ist sie so bedeutend entwickelt, dass ich Vögel gesehen habe, welche kaum ihre Nahrung aufpicken konnten, und ein deutscher Schriftsteller behauptet dass sic in Folge dessen den Angriffen der Habichte sehr ausgesetzt sind. Monströse Structurverhältnisse dieser Art würden daher im Naturzustände unterdrückt werden. Auch die Lappen variiren bedeutend in der Grösse. Bei Malayen und einigen andern Rassen sind sie klein, bei gew issen polnischen Unterrassen sind sie durch einen grossen Federbüschel ersetzt, welcher Bart genannt wird. Die Schuppenfedern sind in den verschiedenen Rassen nicht sehr verschieden, sind aber bei Malayen kurz und steif und fehlen bei " bennies ". Wie in einigen Vögelordnungen die Männchen ausserordentlich geformte Federn besitzen, wie nackte Schäfte mit Scheiben am Ende u. s. w\, so wird der folgende Fall der Erwähnung werth sein. Beim wilden Gallus bankiva  und in uusern domesti- cirten Hühnern sind die Fasern, welche von jeder Seite der Enden der Schuppenfedern ausgehen, nackt oder nicht mit Fäserchen versehen, so dass sie Borsten gleichen. Mr. Brent schickte mir aber einige Schuppenfedern von den Schultern eines jungen " Birchen I)uekw'ing"-Kampfhahnes, bei welchem die nackten Fasern nach den 51  Tegetmeier, The Poultry Book, 1866. p. 234. 52  Die Hühner- und Pfaueuzucht. 1827, p. 11.

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7. Cap. Geschlechtliche Differenzen. 315 Spitzen hin dicht mit Fäserchen bedeckt waren, so dass diese Spitzen, welche dunkel gefärbt und mit einem metallischen Glanze versehen waren, von den untern Theilen durch eine symmetrisch geformte durchscheinende Zone getrennt waren, welche aus den nackten Theilen der Fasern bestand. Es erschienen daher die gefärbten Spitzen wie kleine besondere metallische Scheiben. Die Sichelfedern im Schwanz, von denen es drei Paar gibt, und welche äusserst characteristisch für das männliche Geschlecht sind, sind in den verschiedenen Rassen sehr verschieden. Bei einigen Hamburgern sind sie säbelförmig statt lang und «allend zu sein, wie in den typischen Rassen; bei den Coehinchinesen sind sie äusserst kurz und sind bei " bennies " gar nicht entwickelt. BeiDorking- Hidmern und Kampfhähnen werden sie mit dem ganzen Schwänze aufrecht getragen, hängen aber bei Malayen und einigen Cocliin- chinesen sehr herab. Sultans sind durch das Vorhandensein überzähliger seitlicher Sichelfedern characterisirt. Die Sporen variiren bedeutend, indem sie hoher oder niedriger am Beine angebracht sind. Bei Kampfhühnern sind sie äusserst lang und scharf, bei Coehinchinesen kurz und stumpf. Diese letztem Vögel scheinen zu wissen, dass ihre Sporen keine wirksamen Waffen sind; denn obgleich sie sie gelegentlich benutzen, so kämpfen sie doch, wie mir Mr. Te ge tin ei er mittheilt, häufig so, dass sie einander mit ihren Sc' ' acken und schütteln. Bei einigen indischen Kampfhähnen, die Mr. Brent aus Deutschland erhielt, sind, wie er mir init- theilt, 3, 4 auch selbst 5 Sporen an jedem Beine vorhanden; auch einige Dorkings haben zwei Sporen an jedem Bein 53 , und bei Vögeln dieser Rasse stellt der Sporn oft fast an der Aussenseite des Beines. Doppelte Sporen werden in der alten chinesischen Ency- dopädie erwähnt. Ihr Vorkommen kann als ein Fall von analoger Variation betrachtet werden; denn einige wilde hülmerartige Vögel, z. B. PolyplectroH , haben doppelte Sporen. Nach den Verschiedenheiten zu urtheilen, welche allgemein die Geschlechter bei den Gallinaceen unterscheiden, scheinen gewisse >:1 Poultry Chronicle. Vol. 1, p. 595. Mr. Brent hat mir dieselbe Thatsache mitgetheilt. ln Bezug auf die Stellung der Sporen bei Durkings s. Cottage Gardener, 18. Sept. 1800, p. 980.

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 Hühner. 7. Cap. Characterc bei unseni domesticirten Hühnern von einem Geschlecht auf das andere übertragen worden zu sein. Bei allen Arten (mit Ausnahme von Turnix'),  wo irgend eine auffallende Verschiedenheit im Gefieder zwischen Männchen und Weibchen besteht, ist das Männchen stets das schönste, aber bei goldgeflitterten Hamburgern ist die Henne ebenso schön wie der Hahn und unvergleichlich schöner als die Henne in irgend einer natürlichen Species von Gallus, so dass hier ein männlicher Character auf das Weibchen übertragen worden ist. Auf der andern Seite ist bei Kukuk-Dorkings und andern Kukuks-Rassen die Strichelung, welche bei Gallus  ein Attribut des Weibchens ist, auf das Männchen übertragen worden. Auch ist diese Übertragung nach dem Princip der analogen Variation nicht überraschend, da die Männchen vieler hühnerartigen Vögel gebändert oder gestrichelt sind. Bei den meisten dieser Vögel ist ein Kopfschmuck aller Art bei dem Männchen vollständiger entwickelt, als beim Weibchen, aber bei polnischen Hühnern ist die Federkrone, welche beim Männchen den Kamm ersetzt, in beiden Geschlechtern gleich entwickelt. Bei gewissen Unterrassen, welche deshalb, weil die Henne eine kleine Krone hat, Lerchenkronen genannt werden, "nimmt beim Männchen zuweilen ein einzelner aufrechter Kamm vollständig die Stelle der Federkrone ein" 54 . Nach diesem letzteren Falle und nach einigen sofort zu gebenden Thatsachen in Bezug auf die Protuberanz des Schädels bei polnischen Hühnern sollte man vielleicht die Federkrone bei dieser Rasse als einen weiblichen Character ansehen, der auf das Männchen übertragen worden ist. Bei der spanischen Rasse hat, wie wir wissen, das Männchen einen ungeheuren Kamm, und dieser ist zum Theil auf das Weibchen übertragen worden, denn ihr Kamm ist ungewöhnlich gross, wenn auch nicht aufrecht. Bei Kampfhühnern ist das kühne und wilde Temperament des Männchens gleichfalls bedeutend auf das Weibchen übertragen worden 53  und es besitzt zuweilen selbst den so eminent männlichen Character der Sporen. Viele Fälle von Hennen mit Spo- 51 Dixon. Ornamental and Domestic Poultry, p. 320. Mr. Tegetmeier theilt mir mit, dass die Kampfhennen so streitsüchtig befunden worden sind, dass man jetzt allgemein jede Henne in einem besondern Behälter ausstellt.

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7. Cap. Geschlechtliche Differenzen. 317 ren sind verzeichnet worden und R e c h s t e i n 56  zufolge sind in Deutschland die Sporen hei der Seidenhenne zuweilen sehr lang. Er erwähnt auch noch eine andere, ähnlich characterisirle Rasse, hei welcher die Hennen ausgezeichnete Leger sind, aber ihre Eier wegen ihrer Sporen gern stören und zerbrechen. Mr. Layard 57  hat eine Hühnerrasse von Ceylon beschrieben mit schwarzer Haut, schwarzen Knochen und Lappen, aber mit gewöhnlichen Federn, "die nicht passender beschrieben werden kann, als wenn man sie mit einem w eissen Huhn vergleicht, welches durch einen nissigen Schornstein gezogen worden ist. Es ist indess," fügt Mr. Layard  hinzu, "eino merkwürdige Thatsache, dass ein männlicher Vogel der reinen nissigen Varietät fast so selten ist, wie ein dreifarbiger Kater." Mr. Blyth  findet, dass dieselbe Regel für diese Rasse in der Nähe von Calcutta gilt. Auf der andern Seile weichen die Männchen und Weibchen der schwarzknochigen europäischen Rasse mit Seidenfedern von einander nicht ab, so dass in der einen Rasse schwarze Haut und Knochen und dieselbe Art des Gefieders beiden Geschlechtern eigen sind, während in der andern Rasse diese Character« auf das w'cihliche Geschlecht beschränkt sind. Heutigen Tages ist in allen Rassen von polnischen Hühnern die grosse knöcherne Protuberanz an den Schädeln, welche einen Theil des Gehirns einscldiesst und die Federkrone trägt, bei beiden Geschlechtern gleich entwickelt. Früher trug aber in Deutschland nur der Schädel der Hennen diese Hervorragung. Im Jahre 1813 gibt Blumenhach 58 , welcher abnorme Eigenthümlichkeiten bei Haus- thieren besonders beachtete, an, dass dies der Fall sei; und schon 56  Naturgeschichte Deutschlands. Bd. III, 1793, p. 339, 407. ä ' On the Ornithology of Ceylon, in: Annals and Mag. of nat. hist. 2. Ser. Vol. XIV, 1854, p. 63. 58  Ich citire Bin men hach nach der Autorität Tegetmeier's, der in den Proceed. Zoolog. Soc., 25. Nov. 1856, einen sehr interessanten Bericht über die Schädel polnischer Hühner gibt. Mr. Tegetmeier, der Bechstein's Angaben nicht kannte, bestreitet die Genauigkeit von Blumen bach's Angaben. Wegen Beeil stein  s. dessen Naturgeschichte Deutschlands. Bd. III, 1793, p. 399. Anm. Ich will noch hinzufügen, dass ich auf der ersten Hühnerausstellung im Zoological Gardens im Mai 1845 Hühner sah, sogenannte Friesländer, deren Hennen mit Federkronen, deren Hähne mit einem Kamm versehen waren.

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 Hühner. 7. Cap. vorher, im Jahre 1793, hatte Bechstein dieselbe Thatsaehe bcob- achtet. Dieser letzte Schriftsteller hatte die Wirkungen einer Federkrone auf den Schädel nicht bloss bei Hühnern, sondern auch bei Enten, Gänsen und Kanarienvögeln sorgfältig beschrieben. Er führt an, dass wenn die Federkrone nicht stark entwickelt ist, sie von einer fettigen Masse getragen wird: ist sie aber stark entwickelt, so wird sie immer von einer knöchernen Protuberanz wechselnder Grösse getragen. Er beschreibt die Eigenthümlichkeiten dieser Vorlegungen ganz gut und beachtet auch die Wirkungen der modificir- ten Gestalt des Gehirns auf den Intellect dieser Vögel und bekämpft Pallas' Angabe, dass sie stupid seien. Dann gibt er ausdrücklich an, dass er diese Protuberanz niemals bei männlichen Hühnern beobachtet habe. Es lässt sich daher hiernach nicht zweifeln, dass dieser merkwürdige Character im Schädel polnischer Hühner früher in Deutschland auf das weibliche Geschlecht beschränkt war, nun aber den Männchen mitgetheill worden und so beiden Geschlechtern gemeinsam geworden ist. Äussere, nicht mit dem Geschlecht zusammenhängende Verschiedenheiten zwischen den Rassen und zwischen den individuellen Vögeln. Die Grösse des Körpers differirt bedeutend. Mr. Tegetmcier kannte ein Drama-Huhn, welches 17 Pfund wog, einen malayischen Hahn von 10 Pfund, während ein Sebright-Bantam ersten Banges kaum mehr als ein Pfund wiegt. Während der letzten zwanzig Jahre ist die Grösse einiger unserer Kassen durch methodische Zuchtwahl bedeutend ver- grössert worden, während die anderer Bassen sehr vermindert ist. Wir haben bereits gesehen, wie bedeutend die Färbung selbst innerhalb einer und derselben Basse variirt. Wir wissen, dass der wilde G. bankiva  in der Färbung unbedeutend variirt; wir wissen ferner, dass die Färbung bei allen unsern domcsticirten Thieren variabel ist; nichtsdestoweniger glauben einige eminente Züchter so wenig an Variabilität, dass sie factisch zu dem Schluss gelangt sind, die Ilauptunterrassen des Kampfhuhns, welche von einander in nichts anderem als der Farbe abweichen, stammen von distincten wilden Arten ab! Kreuzung verursacht oft fremdartige Modificationen der Färbung. Mr. Tegetmeier theilt mir mit, dass wenn gelblich-rothe und weisse Cocliinchinesen gekreuzt werden, einige der Hühnchen fast ausnahmslos schwarz sind. Mr. Brent zufolge erzeugen

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7. Cap. Äussere Verschiedenheiten. 319 schwarze und weisse Cochin Chinesen gelegentlich Hühnchen von schiefer- blauer Färbung und dieser selbe Ton erscheint, wie mir Mr. Teget- meier  sagt, nach der Kreuzung woisser Cochinchinesen mit spanischen schwarzen Hühnern oder weissen Dorkings mit schwarzen Minorkas ° 9 . Ein guter Beobachter 60  führt an, dass eine silbergeflitterte Hamburger Henne allmählich die characteristischsten Qualitäten der Kasse verlor; die schwarze Einfassung ihrer Federn verschwand und ihre Beine veränderten sich von grau in weiss. Vas aber den Fall zu einem merkwürdigen macht, ist, dass diese Neigung in der Familie lag; denn ihre Schwester veränderte sich in einer ähnlichen, wenn auch nicht so stark markirten Weise, und Hühnchen von dieser letzteren waren Anfangs beinah rein weiss, "erhielten aber nach der Mauser schwarze Halsbinden und einige gefütterte Federn mit fast obliterirten Zeichnungen ", so dass eine neue A'arietät in dieser eigenthümlichen Weise entstand. Pie Haut difforirt in den verschiedenen Kassen sehr in der Farbe, sie ist bei gemeinen Arten weiss, bei Malayen und Cochinchinesen gelb, bei Seidenhühnern schwarz. Sie ahmt daher, wie Godron 61  bemerkt, die drei Haupttypen der Haut beim Menschengeschlecht nach. Derselbe Schriftsteller fügt hinzu, dass, da verschiedene Arten von Hühnern, die in entfernten und isoürten Thoilen der Erde leben, schwarze Haut und Knochen haben, diese Färbung zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten aufgetreten sein muss. Die Form und Haltung des Körpers und die Form des Kopfes diffe- riren sehr. Der Schnabel variirt unbedeutend in der Länge und Krümmung, aber unvergleichlich weniger als bei Tauben. Bei den meisten mit Federbusch versehenen Hühnern bieten die Nasenlöcher eine merkwürdige Eigenthümlichkeit darin dar, dass sie mit einer halbmondförmigen Contur erhoben sind. Die Schwungfedern erster Reihe sind bei Cochinchinesen kurz; bei einem Männchen, welches mein' als zweimal so schwer als G. bankica  gewesen sein muss, waren diese Federn in beiden Vögeln von derselben Länge. Ich habe mit Mr. Tegetmeier's  Hülfe die Schwungfedern erster Reibe in dreizehn Hähnen und Hennen ver- 59  Cottage Gardener, 3. Jan. 18G0, p. 218. 60 Williams  in einem vor der Dublin Nat. hist. Soc. gelesenen Aufsatz, citirt in Cottage Gardener, 185G, p. 161. 61  De l'Espece. 1859, p. 442. In Bezug auf das Vorkommen schwarzknochiger Hübner in Süd-Amerika s. Koniin  in: Memoir, de l'Acad. des Sciene. Tom. VI, p. 351, und Azara,  Quadrupedes du Paraguay. Tom. II, p. 324. Ein Strupphuhn, was ich von Madras erhielt, hatte schwarze Knochen.

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 Hühner. 7. Cap. schiedener Kassen gezählt; hei vier von diesen, nämlich hei zwei Hamburgern, einem Cochinchinesen mul einem Kampf-Hantamhuhn waren zehn statt der normalen Zahl von neun vorhanden. Aber beim Zählen dieser Federn habe ich die Praxis der Züchter befolgt und habe die erste üusserst kleine primäre Schwungfeder, die kaum 3 4  Zoll lang ist, nicht mitgerechnet. Diese Federn differiren beträchtlich in relativer Länge; die vierte oder fünfte oder sechste ist die längste; dabei ist die dritte entweder der fünften gleich oder beträchtlich kürzer. Bei wilden hühnerartigen Vögeln ist die relative Länge und die Anzahl der Haupt- Schwung- und Schwanzfedern äusserst constant. Der Schwanz differirt sehr in dem Aufgerichtetsein und der Grösse. Fr ist bei Malayen klein und sehr klein bei Cochinchinesen. Unter dreizehn Hühnern verschiedener Kassen, welche ich untersucht habe, hatten fünf die Normalzahl von vierzehn Federn, die zwei mittleren Sichelfedern hierbei mitgerechnet; sechs andere (nämlich ein Ivaffer-Hahn, ein gold- gefütterter polnischer Hahn, eine Cocliinchinesen-Heime, Sultan-Henne, Kampf-Henne und Malay en-Henne) hatten secliszelm; und zwei (ein alter Cochinchinesen-Hahn und eine malayische Henne) hatten siebenzehn Federn. Das schwanzlose Huhu hat keinen Schwanz und bei einem Vogel, den ich lebend hielt, war die Öldrüse abortirt. War aber auch bei diesem Vogel das Os coccygis äusserst unvollkommen, so hatte er doch eine Spur eines Schwanzes mit zwei ziemlich langen Federn an der Stelle der äusseren Schwanzfedern. Dieser Vogel kam aus einer Familie, w'o, wie mir mitgctheilt wurde, die Kasse zwanzig Jahre hindurch sich rein gehalten hatte. Docli erzeugen oft schwanzlose Hühner Junge, die mit Schwanz versehen sind 62 . Ein ausgezeichneter Physiolog 63  hat neuerdings von dieser Kasse als einer distincten Art gesprochen; hätte er aber den missgebildeten Zustand des Os coccygis untersucht, so würde er nie zu diesem Kesultate gekommen sein. Er wurde walirscheinüch durch die in manchen Werken zu findenden Angaben irregeleitet, dass schwanzlose Hühner auf Ceylon sich wild fänden. Diese Angabe ist indessen, wie mir Mr. Layard und Kellaert versicherten, welche die Vögel von Ceylon so eingehend studirt haben, volllkommen falsch. Die Tarsen variiren beträehtiieh in der Länge; bei spanischen und Strupp-Hühnern sind sie im Verhältniss zum Oberschenkel beträchtlich länger, beim Seiden- und Bantam-Hulm kürzer, als beim wilden G-.bankiva;  beim 62 Hewitt, in Tegetmeier's Poultry Book. 18G6, p. 231. 63 Broca, in: Brown-Sequard's Journal de la Physiologie. Tom. II, p. 3G1,

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7. Cap. Äussere Verschiedenheiten. 321 letzteren variiren aber, wie wir gesehen haben, die Tarsen in der Länge. Die Tarsen sind oft befiedert, die Fiissc bei vielen Kassen mit überzähligen Zehen versehen. Goldgeflitterto polnische Hühner sollen 64  die Haut zwischen ihren Zehen stark entwickelt haben. Mr. Tegetmeier  beobachtete dies bei einem Vogel; aber bei einem, welchen ich untersuchte, war es nicht der Fall. Bei Cochiuchinesen soll die mittlere Zehe 65  nahezu doppelt so lang sein, als die seitliche und daher viel länger als bei G. bankiva  oder bei andern Hühnern; bei zweien, welche ich untersuchte, war dies aber nicht der Fall. Die Kralle der mittleren Zehe bei dieser Kasse ist überraschend breit und platt, aber in einem variablen Grade, wie ich bei zwei Vögeln gefunden habe. Bei G. bankiva  findet sich von dieser Bildung der Kralle nur eine Spur. Die Stimme differirt, wie mir Mr. Dixon mitgetheilt hat, in beinah jeder Rasse etwas. DieMalayen 66  haben ein lautes, tiefes, etwas ausgehaltenes Krähen, aber mit beträchtlicher individueller Verschiedenheit. Oberst Sykes  bemerkt, dass der Kulm-Haushalm in Indien nicht den scharfen, klaren Schrei des englischen Vogels hat und die "Skala seiner Töne scheint beschränkter". Dr. Hooker war über das "ausgehaltene heulende Geschrei" der Hähne in Sikhim überrascht 67 . Das Krähen der Cochinchincsen ist von dem des gemeinen Hahnes in der bekannten lächerlichen Weise verschieden. Das Temperament der vcrscldedenen Rassen ist sehr abweichend; es variirt von der wilden herausfordernden Gemüthsart des Kampfhahns bis zu der äusserst friedlichen Natur des Cochiuchinesen. Die letzteren "grasen, wie behauptet wird, viel ausgedehnter, als andere Varietäten". Die spanischen Hühner leiden mehr von Frost als andere Rassen. Ehe wir zum Skelet übergehen, muss man die Unterschiede der verschiedenen Rassen von G. bankiva  kennen lernen. Manche Schriftsteller sprechen von der spanischen als einer der distincte- sten Rassen und so verhält es sich auch in Bezug auf das allgemeine Ansehen. Ihre characteristischen Differenzen sind aber nicht bedeutend. Die malayische Rasse scheint mir distincter zu sein; so nach ihrer hohen Gestalt, dem kleinen herabhängenden Schwanz mit 64 Dixon, Ornamental Poultry, p. 325. 85 Poultry Chronicle, Vol. I, p. 485. Tegetmeier's  Poultry Book, 1866, p. 41. Über das Grasen der Cochinchinesen ebenda. 66 Ferguson, on Prize Poultry, p. 187. 64  Oberst Sykes  in Proceed. Zoolog. Soc. 1832, p. 151. Hooker, Himalayan Journals. Vol. I, p. 314. Darwin, Erster Thetl. 21

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 Hühner. 7. Cap mehr als vierzehn Schwanzfedern und nach ihren kleinen Kämmen und Lappen. Nichtsdestoweniger ist eine malayische Unterrasse fast genau so wie G. bankira  gefärbt. Manche Schriftsteller betrachten das polnische Huhn als sehr distinct : dies ist aber eine halbmonströse Rasse, wie der protuberanle und unregelmässig durchbohrte Schädel beweist. Die Coehinchinesen bilden wahrscheinlich die di- stincteste von allen Rassen. Ich verweise auf ihre lief gefurchten Stirnbeine, ihr eigenthümlich geformtes Hinterhauptsloch, ihre kurzen Schwungfedern, ihren kurzen mehr als vierzehn Federn enthaltenden Schwanz, die breite Kralle an ihrer Mitlelzehe; ihr flockig rauhes Gefieder, ihre rauhen und dunkel gefärbten Eier und besonders ihre eigenthümliche Stimme. Wenn irgend eine unserer Rassen von einer unbekannten Species, verschieden von G. bankira , abge- sianunt ist, so ist es wahrscheinlich dieCochinchinesen-Rasse. Aber ein Abwägen des für und wider spricht nicht zu Gunsten dieser Ansicht. Alle die characteristischcn Verschiedenheiten der Coeliin- china-Rasse sind mehr oder weniger variabel und lassen sich in einem grösseren oder geringeren Grade hei andern Rassen auffinden. Eine Unterrasse ist sehr nahe wie G. bankira  gefärbt. Die befiederten oft mit einer accessorischen Zehe versehenen Beine, die zum Flug unfähigen Flügel, das äusserst ruhige Temperament deuten eine lange andauernde Domestication an; und dann kommen diese Hühner aus China, wo wir wissen, dass Pflanzen und Thiere seit sehr alter Zeit mit ausserordentlicher Sorgfalt gepflegt worden sind, wo wir folglich erwarten können, eingreifend modificirle do- mesticirte Rassen zu finden. Osteologische Differenzen.  Ich habe siebenundzwanzig Skelette und dreiundfünfzig Schädel verschiedener Rassen, drei von G. bankira  eingeschlossen, untersucht. Beinah die Hallte dieser Schädel verdanke ich der Freundlichkeit Mr. Tegetmeier's  und drei der Skelette Mr. Eyton. Der Schädel differirt bei verschiedenen Rassen unbedeutend in Grösse. Bei den grössten Coehinchinesen ist er fast zweimal so lang, aber nicht annähernd zweimal so breit, als bei Bantams. Die Knochen an der Schädelbasis vom Hinterhauptsloch bis zum Vorderende (mit Einschluss der Quadrat- und Fliigelbeine) sind der Form  nach bei allen Schädeln absolut identisch. Dies ist auch mit dem Unterkiefer der Fall.

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7. Cap. Osteologisehe Differenzen. 323 In der Stirn sind oft unbedeutende Differenzen zwischen dem Männchen uud Weibchen zu sehen, die offenbar durch das Vorhandensein des Kammes veranlasst sind. In allen Fällen nahm ich den Schädel von G. ban- teva  zum Maassstab der Vergleichung. Bei vier Kampfbülmern, einer malawischen Henne, einem afrikanischen Huhn, einem Strupphahn von Madras und zwei schwarzknochigen Seidenliennen kommen keine der Beachtung werthe Differenzen vor. Bei drei spanischen  Hähnen weicht die Form der Stirn zwischen den Augenhölden beträchtlich ab; bei einem ist sie beträchtlich eingedrückt, während sie bei den beiden andern eher vorragt und eine tiefe mittlere Furche hat. Der Schädel der Hennen ist glatt. Bei drei Schädeln von S ebright-B antanis  ist die Schädelhöhle mehr kuglig uud fällt plötzlicher nach dem Hinterhaupte ab, als bei G. ban- kiva.  Bei einem Bantam oder Hüpfer von Burma sind dieselben Cha- ractere noch stärker ausgesprochen und das Supraoccipital ist zugespitzter. Bei einem schwarzen Bantam ist der Schädel nicht so kuglig, das Hinterhauptsloch ist sehr gross und hat beinah dieselben subtriangulären Umrisse, wie sie gleich von den Cochinchinesen beschrieben werden sollen. Auch waren in diesem Schädel die beiden aufsteigendeu Äste des Zwi- schenkiefers in einer eigonthümlichen Weise von den Fortsätzen der Nasenbeine überlappt. Da ich aber nur ein Exemplar gesehen habe, können einige dieser Differenzen individuell gewesen sein. Vou Cochinchinesen  und Bramas (die letzteren sind eine gekreuzte sich den Cochiu- chinesen sehr annähernde Rasse) habe ich sieben Schädel untersucht. An dem Punkte, wo die aufsteigenden Äste des Zwischenkiefers sich an die Stirnbeine lehnen, ist die Oberfläche sehr deprimirt und von diesem Eindrücke aus reicht eine tiefe mittlere Grube in variabler Ausdehnung nach hinten. Die Ränder dieser Spalte sind etwas vorspringend, ebenso die Höhe des Schädels hinter und über den Augenhölden. Bei den Hennen sind diese Charactere weniger entwickelt, die Flügelbeine B A Fig. 33. Hinterhauptloch, natürliche Grosse. — A. Wilder Gallus banlira.  B. Cocliinchina. Hahn. und Fortsätze des Unterkiefers sind im Verhältuiss zur Grösse des Kopfes breiter als bei G. banUva  und dies ist gleichfalls bei Dor- 21 *

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 Hühner. 7. Cap. kings der Fall, wenn sie eine bedeutende Grösse erreichen. Die terminale Gabelung des Zungenbeines ist bei Cochinchinesen zweimal so breit als bei G. banhka,  während die Länge der andern Knochen des Zungenbeinapparates sich nur verhält wie 3 : 2. Der merkwürdigste Character ist aber die Form des Hinterhauptloches. Hei G. banhka ( A) übertrifft die in einer horizontalen Linie gemessene Breite die in einer verticalen Linie gemessene Höhe uud die Coutur ist beinah kreisförmig. Bei Cochinchinesen dagegen (B) ist die Contur subtiiangulär und die verticale Linie übertrifft die horizontale an Länge. Dieselbe Form findet sich auch bei den oben erwähnten schwarzen Bantams und eine Annäherung hierzu lässt sich bei einigen Dorkings und in einem unbedeutenden Grade bei gewissen andern Kassen auffinden. Yon Dorkings habe ich drei Schädel untersucht, von denen einer der wcisseu Unterrasse angehörte. Der eine Beachtung verdienende Character ist die Breite der Stirnbeine, welche in der Mitte mässig gefurcht sind. So ist bei einem Schädel, der weniger als ein- und einhalbmal so lang wie der von G. banhka  war, die Breite zwischen den Augenhöhlen genau zweimal so gross. Von Hamburgern  habe ich vier Schädel (Männchen und Weibchen) der gestrichelten Unterrasse und einen (Männchen) der gefütterten Unterrasse untersucht. Die Nasenbeine stehen merkwürdig weit von einander, aber in einem variablen Grade; es bleiben daher schmale, häutig bedeckte Zwischenräume zwischen den Spitzen der beiden aufsteigenden Aste der Zwischenkiefer, welche ziemlich kurz sind, und zwischen diesen Ästen und den Nasenbeinen. Die Oberfläche des Stirnbeines, an welches sich die Aste des Zwischenkiefers legen, ist sehr wenig deprimirt. Diese Eigenthümlichkeiten stehen ohne Zweifel in enger Beziehung zu dem breiten, abgeplattetem Kosenkamm, der der Hamburger Rasse characteristisch ist. Ich habe vierzehn Schädel von polnischen und andern mit Federbusch verseheneu  Uutcrrassen untersucht; ihre Verschiedenheiten sind ausserordentlich. Ich erwähne zuerst neun Schädel verschiedener Unterrassen englischer Haubenhühner. Die halbkugligo Protuberanz der Stirnbeine 68  ist in den nebenstehenden Zeichnungen zu sehen, 68  s. Mr. Tegetmeier's  von Holzschnitten begleitete Beschreibung des Schädels Polnischer Hühner in: Proceed. Zoolog. Soc. 25. Nov. 1856, p. 366. Wegen andrer Nachweise s. Isid. Geoffroy St. Hilaire, Hist, gener. des Anomalies. Tom. 1, p. 287. C. Dareste  vermuthet (Recherches sur les conditions de la Vie etc. Lille, 1863, p. 36), dass die Vorragung nicht von den Stirnbeinen, sondern von einer Verknöcherung der harten Hirnhaut gebildet werde.

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7. Cap. Osteologische Differenzen. 325 wobei B den Schädel eines weissbuschigen polnischen Huhnes schräg von oben, A den Schädel von G-. banliva  in derselben Stellung zeigt. In Figur 35 sind Längsschnitte gegeben und zwar von dem Schädel eines polnischen Huhnes und zur A'ergleichung von dem eines Cochincliinesen A Fig. 34. Schädel, natürliche Grösse, von oben gesehen, etwas schräg. A Wilder Gallus bankiva.  B Weissbuschiger polnischer I-Iahn. von derselben Grösse. Bei allen polnischen Hühnern nimmt die Protuberanz dieselbe Stelle ein, differirt aber bedeutend in Grösse. Bei einem meiner neun Exemplare war sie äusserst unbedeutend. Der Grad, in welchem diese Protuberanz verknöcherte, variirt bedeutend; grössere oder geringere Partien sind durch Haut ersetzt. Bei einem Exemplar fand sich nur eine einzige offene Stelle; meist sind aber viele verschieden geformte offene Stellen vorhanden, so dass der Knochen ein unregelmässi- gesNetzwerk bildet. Ein medianes, der Länge nach gestelltes gebogenes Knochenband wird meist erhalten. In einem Exemplar fand sich aber über die ganze Protuberanz durchaus gar kein Knochen und wurde der gereinigte Schädel von oben angesehen, so bot er die Erscheinung eines offenen Beckens dar. Die Veränderung an der ganzen inneren Form des Schädels ist überraschend gross. Das Gehirn wird in einer entsprechenden Weise modificirt, wie es die beiden Längsschnitte nachweisen, welche aufmerksame Betrachtung verdienen. Die obere und vordere Höhle von den dreien, in welche der Schädel getheilt werden kann, ist diejenige,

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 Hühner. 7. Cap. welche so bedeutend modified! ist. Sie ist offenbar viel grösser, als in dem Schädel des Cochincliinesen von derselben Grösse; auch erstreckt sie sich viel weiter über die Orbitalscheidewand hinaus, ist aber seitlich weniger tief. Ob diese Höhlung völlig von Gehirn erfüllt wird, lässt sich bezweifeln. Im Schädel des Cocliinchinescn und aller gewöhnlicher Hühner trennt ein starker, innerer Knochenvorsprung die vordere von der ® a Safe i'ig. 35. Längsschnitte von Schädeln, natürliche Grösse, von der Seite gesehen. A. Polnischer Hahn. B. Cochinchina Hahn, zur Vergleichung mit dem obigen gewählt, da er nahezu von derselben Grösse ist. mittleren Höhlung. Dieser Vorsprung fehlt aber in dem hier abgebildeten polnischen Schädel vollständig. Die Form der centralen Höhle ist bei den polnischen Hühnern kreisförmig, bei den Cochinchinesen verlängert. Die Form der hinteren Höhlung ist ebenso wie ihre Lage, Grösse und Zahl der Nervenlöcher bei diesen beiden Schädeln bedeutend verschieden. Eine tief in das Hinterhauptsbein eintretende Grube beim Co- chinchinesen fehlt beim Schädel des polnischen Huhns vollständig, während sie bei einem andern Exemplar gut entwickelt war. Bei diesem zweiten Exemplar weicht die ganze innere Oberfläche der liinteren Höhlung auch bis zu einem gewissen Grade in der Form ab. Ich machte Durchschnitte von zwei andern Schädeln, nämlich von einem polnischen Huhn mit einer eigenthümlich gering entwickelten Protuberanz und von einem

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7. Cap. Osteologische Differenzen. 327 Sultanhuhn, bei welch' letzterem sie etwas mehr entwickelt waren. AVui- deu diese beiden Schädel zwischen die oben abgebildetcn (Fig. 35) gestellt, so liess sich in der Configuration jedes einzelnen Theiles der inneren Oberfläche eine vollständige Abstufung nachweisen. Bei dem Schädel des polnischen Huhns mit der kleinen Protuberanz war die Knochenleiste zwischen der vorderen und mittleren Höhlung vorhanden, aber niedrig. Bei dem Sultanhuhu war diese Leiste von einer schmalen, auf einer breiten erhabenen Vorragung stehenden Furche ersetzt. Man kann natürlich fragen, ob diese merkwürdigen Modificationen in der Form des Gehirns den Intellect der polnischen Hühner afficire. Einige Schriftsteller haben angeführt, dass sie äusserst stupid sind. Aber Bechstein und Mr. Tegetmeier  haben gezeigt, dass dies durchaus nicht der Fall ist. Nichtsdestoweniger gibt Bechstein 69  an, dass er eine polnische Henne besessen habe, welche verrückt war und den ganzen Tag ängstlich herumwanderte. Eine Henne in meinem Besitz liebte sehr die Einsamkeit und war oft so in Träume versunken, dass sie sich anrühren liess. Es fehlte ihr auch in der eigenthümlichsten Weise die Fähigkeit, ihren Weg zu finden, so dass sie, wenn sie sich hundert Yards von ihrem Futterplatze entfernt hatte, vollständig verloren war und dann obstinat versuchte, ihn in der falschen Richtung zu erreichen. Auch habe ich noch andere und ähnliche Berichte von polnischen Hühnern, die scheinbar stupid und halb Idioten waren, erhalten 70 . Kehren wir aber jetzt zum Schädel zurück. Der hintere Theil von aussen gesehen weicht nur wenig von dem des G. banlcwa  ab. Bei den meisten Hühnern stossen die hinteren seitlichen Fortsätze des Stirnbeins und der Fortsatz des Schläfenbeines zusammen und ossificiren in der Nähe ihrer Enden. Indess ist diese Vereinigung der beiden Knochen bei keiner Rasse constant und bei elf Schädeln von vierzehn mit Federbüschen versehenen Rassen waren diese Fortsätze vollständig distinct. Sind diese Fortsätze nicht vereinigt, so steigen sie rechtwinklig zum Unterkiefer abwärts, statt wie bei allen gewöhnlichen Rassen nach vorn geneigt zu sein; und in diesem Falle ist auch die längere Axe der knöchernen Öhrkapsel gleicherweise senkrechter als bei andern Rassen. Ist der Schuppenfortsatz frei, statt an der Spitze sich auszubreiten, so wird er zu einem äusserst feinen und zugespitzten Griffel verschiedener Länge reducirt. Die Flügel- und Quadratbeine bieten keine Verschiedenheiten dar. Die 69  Naturgeschichte Deutschlands. Bd. 3, 1793. p. 400. ,0 The Field. 11. Mai, 1861. Von Mr. Brent und Tegetmeier hab e ich Mittheilungen iu ähnlichem Sinne erhalten.

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 Hühner. 7. Cap. Gaumenbeine sind etwas mehr in ihren hinteren Enden nach oben gekrümmt. Die Stirnbeine sind vor der Protuberanz, wie bei Dorkings, sehr breit, aber in variablen Grade. Die Nasenbeine stehen entweder von einander ab, wie bei Hamburgern, oder berühren fast einander. In einem Falle waren sie zusammen verknöchert. Jedes Nasenbein schickt eigentlich zwei Längenfortsätze von gleicher Länge nach vorn ab, die eine Gabel bilden; aber bei allen Schädeln von polnischen Hühnern, mit Ausnahme eines, war der innere Fortsatz beträchtlich aber in schwankendem Grade verkürzt und etwas uach oben gewendet. Hei allen Schädeln, mit Ausnahme eines, sind die beiden aufsteigenden Äste des Zwischenkiefers, statt nach oben zwischen die Fortsätze der Nasenbeine zu treten und auf den Siebbeinen zu ruhen, sehr verkürzt und enden in einer stumpfen etwas nach oben gewendeten Spitze. In den Schädeln, bei welchen die Nasenbeine einander sehr nahe kommen oder verknöchern, würde es den aufsteigenden Ästen des Zwischenkiefers unmöglich sein, das Siebbein oder die Stirnbeine zu erreichen. Wir sehen daher, dass selbst die relative Verbindung der Knochen verändert worden ist. Offenbar in Folge davon , dass die Äste des Zwischenkiefers und die inneren Fortsätze der Nasenbeine etwas nach oben gekrümmt sind, sind die äusseren Öffnungen der Nasenlöcher erhaben und erhalten eine halbmondförmige Contur. Ich muss noch wenige Worte über einige der ausländischen Kassen mit Federkronen sagen. Der Schädel eines schwanzlosen weissen türkischen Haubenhuhns hat eine sein -  unbedeutende Protuberanz und ist nur wenig durchbohrt. Die aufsteigenden Äste des Zwischenkiefers sind gut entwickelt. Bei einer andern türkischen Kasse, den Ghoondooks, ist der Schädel beträchtlich protuberant und durchlöchert. Die aufsteigenden Äste des Zwischenkiefers sind so bedeutend abortirt, dass sie nur 1 i 5  Zoll vor- spriugenund dLinneren Fortsätze des Nasenbeines sind so vollständig abortirt, dass die Oberfläche, wo sie hätten vorspringen sollen, vollständig glatt ist. AYir sehen daher diese beiden Knochen im äussersten Grade modifi- cirt. Von Sultan-Hülmern , einer andern türkischen Kasse, untersuchte ich zwei Schädel. Bei dem des Weibchens ist die Protuberanz viel grösser als beim Männchen. In beiden Schädeln waren die aufsteigenden Äste des Zwischenkiefers sehr kurz und bei beiden war der Basaltheil der inneren Fortsätze der Nasenbeine mit einander verknöchert. Diese Schädel der Sultan-Hühner wichen von den englischen Haubenhühner darin ab, dass die Stirnbeine vor ihrer Protuberanz nicht breit waren. Der letzte Schädel, den ich beschreiben muss, ist einzig in seiner Art und wurde mir von Mr. Tegetmeier  geliehen. Er ist dem Schädel

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7. Ca]i. Osteologische Differenzen. 329 eines polnischen Huhns in den meisten seiner Charactere ähnlich, hat aber nicht die grosse Protuberanz der Stirn. Dagegen besitzt er zwei abgerundete Vorsprünge anderer Natur, welche mehr nach vorn über den Thränenbeinen stehen. Diese merkwürdigen Vorsprünge, in welche das Gehirn nicht eintritt, sind durch eine tiefe mittlere Grube von einander Fi". 36. Schädel eines gehörnten Huhns, natürliche Grösse, von oben und etwas schräg gesehen (im Besitz Mr. Togetmeier's.). getrennt und diese wird von wenig feinen Poren durchbohrt. Die Nasenbeine stehen ziemlich weit von einander, ihre inneren Fortsätze und die aufsteigenden Äste des Zwischenkiefers sind nach oben gewendet und verkürzt. Die beiden Vorsprünge trugen ohne Zweifel die beiden grossen hornartigen Fortsätze des Kammes. Aus den vorstehenden Thatsachen sehen wir, in welcher erstaunlichen Weise einige der Schädelknochen bei Hühnern mit Federbusch variiren. Die Protuberanz kann man sicher in einem gewissen Sinne eine Monstrosität nennen, da sie völlig ungleich irgend etwas in der Natur zu beobachtendem ist. Da sie aber in gewöhnlichen Fällen für den Vogel nicht schädlich ist und streng vererbt wird, so kann sie in einem andern Sinne kaum Monstrosität genannt werden. Man kann eine Reihe bilden und mit dem schwarzknochigen Seidenhuhn beginnen, welches eine sehr kleine Federkrone hat und dessen Schädel darunter nur von wenig äus- serst kleinen Öffnungen durchbohrt ist, der aber in seiner Structur keine andere Veränderung zeigt. Von dieser ersten Stufe können wir dann zu Hühnern übergehen, mit einem massig grossen Federhusch, welcher nach Bechstein  auf einer fleischigen Masse ruht, aber ohne irgend eine Protuberanz am Schädel. Ich will hinzufügen, dass ich eine ähnliche fleischige oder fibröse Masse unter dem Federbusch am Kopf einer Haubenente gesehen habe, und in diesem Falle fand sich keine wirkliche Protu-

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33U Hühner. 7. Cap. beranz um Schädel; er war nur etwas knylig-er geworden. Wenn wir zuletzt zu Hühnern mit einem bedeutend entwickelten Federbusch kommen, so wird der Schädel auch bedeutend protuberant und wird von einer Menge unregelmässiger offener Stellen durchbohrt. Die nahe Beziehung zwischen der Federkrone und der grossen knöchernen Protuberanz zeigt sich noch in einer andern Weise; denn Mr. Tegetmeior theilt mir mit, dass wenn eben ausgeschlüpfte Hühnchen mit grosser knöcherner Protuberanz ausgewählt werden, sie, wenu sie erwachsen sind, eine grosse Federkrone tragen. Es kann kein Zweifel darüber sein, dass in früheren Zeiten die Züchter polnischer Hühner nur der Federkrone und nicht dem Schädel Beachtung schenkten. Nichtsdestoweniger haben sie dadurch, dass sie die Federkroue vergrösserten, wobei sie einen wunderbaren Erfolg hatten, auch uubewusst den Schädel bis zu einem erstaunlichen Grade protuberant gemacht; und durch Correlation des Wachsthums haben sie dann in derselben Zeit die Form und relative Verbindung des Zwischenkiefers und der Nasenbeine, die Form der Nasenöffnungen, die Breite der Stirnbeine, die Form der hinteren seitlichen Fortsätze der Stirn- und Schuppenbeine, die Richtung der Axe der knöchernen Ohrkapsel und endlich die innere Configuration des ganzen Schädels zusammen mit der Form des Gehirns afficirt. Wirbel. -- Bei G. bankiua  sind vierzehn Halswirbel, sieben Rückenwirbel mit Kippen, wie es scheint fünfzehn Lenden- und Kreuzwirbel und sechs Schwanzwirbel vorhanden 71 . Die Lenden- und Kreuzwirbel sind aber so sein -  anchylosirt, dass ich ihrer Zahl nicht sicher bin, und dies macht die Vergleichung der Gesammtzalil von Wirbeln in den verschiedenen Kassen schwierig. Ich habe von sechs Schwanzwirbeln gesprochen, weil der Basalwirbel fast vollständig mit dem Becken anchylosirt ist; nehmen wir aber die Zahl sieben an, so stimmen die Schwanzwirbel in allen Skeletten überein. Halswirbel sind, wie eben angeführt, dem Anschein nach vierzehn vorhanden; aber von drei und zwanzig Skeletten in einem der Untersuchung passenden Zustande trug bei fünf von ihnen, nämlich in zweiKampfhühnern, zwei gestrichelten Hamburgern und einem polnischen Huhn, der vierzehnte AVirbel Rippen, welche wenn auch klein, doch vollständig mit einer doppelten Gelenkverbindung entwickelt waren. 71  Es scheint, dass ich die einzelnen Wirbelgruppen nicht richtig bezeichnet habe; denn eine bedeutende Autorität, W. K. Parker  führt bei dieser Gattung 16 Hals-, 4 Rücken-, 15 Lenden- und 6 Schwanzwirbel an (Transact. Zoolog. Soc. Vol. V, p. 198). Ich habe aber bei allen folgenden Beschreibungen dieselben Bezeichnungen gebraucht.

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7. Cap. Osteologische Differenzen. 311 Das Vorhandensein dieser kleinen Hippen kann nicht als Thatsache von grosser Bedeutung angesehen werden, denn alle Halswirbel tragen Repräsentanten von Rippen. Ihre Entwickelung am vierzehnten Wirbel aber verringert die Grösse der Canäle in den Querfortsätzen und macht diesen "Wirbel genau dem ersten Rückenwirbel gleich. Das Hinzutreten dieser kleinen Rippen afficirt nicht blos den vierzehnten Halswirbel, denn eigentlich sind die Kippen des ersten wahren Rückenwirbels ohne Fortsätze, aber an einigen der Skelette, bei denen der vierzehnte Halswirbel kleine Rippen trug, besassauch das erste Paar wirklicher Rippen gut entwickelte Fortsätze. "Wenn wir wissen, dass der Sperling nur neun und der Schwan drei und zwanzig Halswirbel hat 72 , dürfen wir darüber nicht überrascht sein, dass die Zahl der Halswirbel beim Huhn, wie hieraus hervorgeht, variabel ist. Es sind sieben Rückenwirbel, die Rippen tragen, vorhanden; der erste ist nie mit den folgenden vier anchylosirt, welche meist unter einander anchylosirt sind. Doch waren bei einem Sultan-Hulm die ersten beiden Rückenwirbel frei. Bei zwei Skeletten war der fünfte Rückenwirbel frei. Meist ist der sechste frei (wie bei Cr. bankiva);  zuweilen indess nur an seinem hinteren Ende, wo er mit dem siebenten sich berührt. Der siebente Rückenwirbel war in allen Fällen, mit Ausnahme eines spanischen Huhns, mit den Lendenwirbeln anchylosirt; es ist daher der Grad, bis zu welchem diese mittleren Rückenwirbel anchylosiren, variabel. Die normale Zahl wahrer Rippen ist sieben; aber bei zwei Skeletten des Sultan-Huhns (bei denen der vierzehnte Halswirbel nicht mit kleinen Rippen versehen war) fanden sich acht Paare. Das achte Paar schien an einem Wirbel entwickelt zu sein, welcher dem ersten Lendenwirbel bei Cr. bankiva  entspricht. Das Sternalende beider Rippen, sowohl der siebenten als der achten, erreichte das Sternum nicht. Bei vier Skeletten, an denen Rippen am vierzehnten Halswirbel entwickelt waren, fanden sich, diese Halsrippen mit gerechnet, acht Paare. Aber bei einem Kampfhahn, bei welchem der vierzehnte Halswirbel Kippen trug, fanden sich nur sechs Paar wirklicher dorsaler Rippen. Das sechste Paar hatte in diesem Falle keine Fortsätze und glich hierdurch dem siebenten Paare an andern Skeletten. Bei diesem Kampfbahn fehlte, soweit sich aus dem Ansehen der Lendenwirbel urtheilen liess, ein ganzer Rückenwirbel mit seinen Rippen. Wir sehen hieraus, dass die Kippen (mag man nun das kleine am vierzehnten Halswirbel hängende Paar mitzählcn oder 7 - Macgillivray,  British Birds. Yol. 1, p. 25.

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 Hühner. 7. Cap. nicht) von sechs bis achtI'aar variiren. Pas sechste Paar ist häufig- ohne Fortsätze, das Sternalende des siebenten Paares ist bei Cochinchinesen äusserst breit und vollständig ossificirt. Wie vorhin angegeben, ist es kaum möglich, die Lendenkrcuzbeinwirbel zu zählen. Sicher entsprechen sie sich aber in den verschiedenen Skeletten nicht völlig in der Zahl und der Form. Die Schwanzwirbel sind bei allen Skeletten einander sehr ähnlich. Die einzige Differenz liegt darin, ob der Basahvirbel mit dem Becken auchylosirt ist oder nicht; sie variiren kaum in der Länge und sind bei Cochinchinesen mit ihren kurzen Schwanzfedern nicht kürzer als in andern Kassen. Doch waren bei einem spanischen Huhn die Schwanzwirbel etwas verlängert. Bei drei schwanzlosen Hühnern fanden sich nur wenige Schwanzwirbel und sie waren zu einer unförmlichen Masse mit einander auchylosirt. Au den individuellen Wirbeln sind die Differenzen derStructur sehr unbedeutend. Am Atlas ist die Höhle für den Hinterhaupteondylus entweder zu einem Ringe ossificirt, oder wie bei Bankiea  an ihrem oberen Rande offen. Der obere Bogen des Spinalcanals ist bei Cochinchinesen in Übereinstimmung mit der Form des Hinterhauptloches etwas mehr gebogen als bei G. bankica.  Bei mehreren Skeletten hisst sicli eine zwar nicht sehr bedeutungsvolle Differenz beobachten, welche am vierten Halswirbel beginnt und ungefähr am sechsten, siebenten oder achten Wirbel am grössten ist. Sic besteht darin, dass die unteren absteigenden Fortsätze mit dem Körper des Wirbels durch eine Art von Pfeiler verbunden sind. Diese Bildung ist bei Cochinchinesen, polnischen Hühnern, manchen Hamburgern und wahrscheinlich noch andern Rassen zu beobachten. Bei Kampfhühnern, Dorkings, spanischen, Bantams und mehreren andern von mir untersuchten Rassen fehlt sie indessen oder ist kaum entwickelt. Auf der Rückenfläche Fig. st.  Sechster Halswirbel, des sechsten Halswirbels sind bei Cochiuchine- naturiiche Grosse, von der sen  d re i vorspringende Spitzen viel stärker ent- Seite gesehen. A 'Wilder Gallus batilcica,  R Cochinchina- wickelt, als an dem entsprechenden Wirbel des Hahn - Kampfhuhns oder des G. bankiva. Becken. — Dieses differirt bei den verschiedenen Skeletten in einigen wenigen Punkten. Der Yorderraud des Darmbeines scheint auf den ersten Blick in seiner Contur sehr zu variiren; dies hängt aber hauptsächlich von dem Grade ab, in welchem der Rand des mittleren Theiles mit dem Kamm der Wirbelsäule verwachsen ist. Die Umrisse sind in-

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7. Cap. Osteologische Differenzen. 333 dessen verschieden; sie sind bei Bantams mehr abgestutzt, bei gewissen andern Bassen, wie bei Cocliinchinesen, mehr abgerundet. Die Umrisse des Foramen ischiadicum differiren beträchtlich. Sie sind bei Bantams nahezu kreisförmig, statt wie bei Banhiva  eiförmig zu sein, in manchen Skeletten regelmässig oval wie bei den spanischen. Die Incisura obtu- ratoria ist bei manchen Skeletten auch viel weniger verlängert, als bei andern. Das Ende des Schambeines bietet die grösste Verschiedenheit dar. Bei dem Banhiva  ist es kaum verbreitert , bei den Cochinchiucsen beträchtlich und allmählich verbreitert, in einem geringeren Grade auch in einigen andern Bassen, und bei Bantams ist es plötzlich verbreitert. Bei einem Bantam-Huhn erstreckte sich dieser Knochen sehr wenig über das Ende des Sitzbeines. Das ganze Becken bei diesem letzteren Vogel wich in seinen Verhältnissen bedeutend ab; es war im Verhältniss zu seiner Länge breiter als beim Banhiva. Brustbein. —  Dieser Knochen ist meist so missgebildet, dass es kaum möglich ist, seine Form in den verschiedenen Bassen streng zu vergleichen. Die Form des dreieckigen Endes der Seitenfortsätze ist beträchtlich verschieden; es ist entweder beinahe gleichseitig oder beträchtlich verlängert; der obere Tlieil des Kammes ist mehr oder weniger senkrecht und variirt be-* deutend; ebenso die Krümmung des hintern Endes und das Plattsein der unteren Oberfläche. Die Umrisse des Manubrium - Fortsatzes variiren gleichfalls; er ist keilförmig beim Banhiva,  bei der spanischen Kasse abgerundet. Der G a- belknochen  differirt darin, dass er mehr oder weniger gebogen ist; ebenso bedeutend, wie aus den nebenstehenden E»d. der Für«,,.,, natürliche Grosse, von der .Seite gesehen. A Wilder Figuren ZU sehen ist, in der Form der Gallus lankica ; B Geflittertes Polnisches Endplatte. Doch wich die Form dieses Huh "; 0 S i> anisches « " h "; Dorti ''s- 1 #  Huhn. Theiles bei zwei Skeletten des wilden Banhiva  etwas ab. Die Coracoide  bieten keine erwäkneiiswertlie Verschiedenheit dar. Das Schulterblatt  variirt in der Gestalt; es ist bei Banhiva  von nahezu gleichförmiger Breite, beim polnischen Huhn in

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 Hühner. 7. Cap. der Mitte viel breiter und bei den zwei Sultan-Hühnern nach der Spitze zu plötzlich verschmälert. Ich verglich alle einzelnen Knochen des Kusses und Flügels im Verhältnis* zu denselben Knochen beim wilden Bankim  sorgfältig bei den folgenden Kassen, welche, wie ich vermuthete, am ehesten noch von einander abwichen; nämlich bei Cochinchinesen, Dorkings, Spaniern, polnischen Hühnern, Burma-Bantams, indischen Strupp-Hühnern und schwarzknochigen Seidenhiilmern, und es war wirklich überraschend zu sehen, wie absolut jeder Fortsatz, jede Gelenkfläche und jedes Loch iiber- eiustimmten, trotzdem, dass die Knochen in der Grösse bedeutend verschieden waren. Diese Übereinstimmung ist viel absoluter als in andern Theilen des Skelettes. 'Wenn ich dies sage, so beziehe ich mich nicht auf die relative Dicke und Länge der verschiedenen Knochen; denn die Tarsen variirten in diesen beiden Rücksichten beträchtlich; die andern Gliedmaassenknochen aber selbst in der relativen Länge nur wenig. Endlich: ich habe keine hinreichende Zahl von Skeletten untersucht, um sagen zu können, ob irgend welche der vorstehend ge- geschilderten Verschiedenheiten, mit Ausnahme der am Schädel, für die verschiedenen Rassen characteristisch sind. Offenbar sind manche Verschiedenheiten in gewissen Rassen häufiger als in andern, — wie eine Rippe am vierzehnten Halswirbel bei Hamburgern und Kampfhühnern, und die Breite des Schambeinendes bei Cochinchinesen. Beide Skelette der Sultan-Hühner hatten acht Rückenwirbel, und bei beiden war das Ende des Schulterblattes etwas verschmälert. Am Schädel scheint die tiefe mediane Furche an den Stirnbeinen und das vertical verlängerte Hinterhauptloch für die Cochinchinesen characteristisch zu sein, ebenso die grosse Breite der Stirnbeine für die Dorkings. Die Trennung und die offenen Stellen zwischen den Spitzen der aufsteigenden Äste der Zwischenkiefer und den Nasenbeinen, ebenso wie die geringe Depression des vordem Theils des Schädels characterisiren die Hamburger. Die kuglige Form des hintern Theils des Schädels scheint für die bor- dirten Bantams characteristisch zu sein; und endlich sind die Pro- tuberanz des Schädels, das theilweise Abortiren der aufsteigenden Äste der Zwischenkiefer, zusammen mit den übrigen vorhin aufgeführten Differenzen in hohem Grade characteristisch für die polnischen und andern mit Federkronen versehenen Hühner.

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7. Cap. Osteologisohe Differenzen. 335 Das auffallendste Resultat unserer Untersuchung des ganzen Skelets ist aber die grosse Variabilität aller Knochen mit Ausnahme der der Extremitäten. Ris zu einem gewissen Grade können wir verstehen, warum das Skelet so sehr in seiner Structur schwankt. Hühner sind unnatürlichen Lebensbedingungen ausgesetzt worden und dadurch ist ihre ganze Organisation variabel geworden. Der Züchter ist aber gegen alle Modificationen des Skelets völlig indifferent und berücksichtigt diese niemals absichtlich bei der Zuchtwahl. In derselben Weise wie die verschiedenen Theile des Skelets, schwanken bei unsern domesticirten Hübnern auch äussere Charactere, wenn sie der Mensch nicht beachtet, — wie die Zahl der Schwanz- und Schwungfedern und ihre relative Länge, welche bei wilden Vögeln meist constante Punkte sind. Eine überzählige Zehe ist bei Dorkings ein Vorzug und ist ein fixirter Character geworden, ist aber bei Cochinchinesen und Seiden-Hühnern variabel. Die Färbung des Gefieders und die Form des Kamms sind bei den meisten Rassen, und selbstUnterrassen, ausgezeichnet fixirte Charactere: bei Dorkings hat man aber diesen Punkten keine Beachtung geschenkt, und hier sind sie variabel. Steht irgend eine Modification am Skelet zu irgend einem, vom Menschen geschätzten äussern Character in Beziehung, so ist er Seitens des Menschen unabsichtlich durch die Zuchtwahl beeinflusst worden und wird mehr oder weniger fixirt. Wir sehen dies an der wunderbaren Protuberanz des Schädels, welche die Federkrone bei polnischen Hühnern trägt und welche durch Correlation andere Theile des Schädels afficirt hat. Wir sehen dasselbe Resultat an den beiden Höckern, welche die Hörner des gehörnten Huhns tragen, und an der abgeplatteten Gestalt des Vordertheils des Schädels bei Hamburgern mit ihren abgeplatteten und breiten "Rosen- Kämmen". Wir wissen nicht im geringsten, ob überzählige Rippen, oder die veränderten Umrisse des Hinterhauptlochs, oder die veränderte Gestalt des Schulterblattes oder des Endes der Furcula irgendwie mit andern Bildungen in Correlation stehen, oder ob sie in Folge der veränderten Lebensbedingungen und Lebensweisen, denen unsere Hühner ausgesetzt sind, entstanden sind: wir haben aber keinen Grund daran zu zweifeln, dass diese verschiedenen Mo- dificationen im Skelet entweder durch directe Zuchtwahl oder durch

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 Hühner. 7. Cap. Zuchtwahl in Correlation stehender Bildungen ebenso constant und für jede Rasse charaeteristisch gemacht werden könnten, wie es die Grösse und Form des Körpers, die Farbe desGefieders und die Form des Kammes sind. Wirkungen des Nichtgebrauchs von Theilen. Nach der Lebensweise unserer europäischen hühnerartigen Vögel zu ur- theilen, dürfte auch Gallus bankiva  in seinen heimathlichen Räumen seine Beine und Flügel mehr gebrauchen als unsere domesticirten Hühner, welche, nur selten, ausser nach ihren Ruheplätzen, fliegen. Das Seiden- und Strupp-Huhn können gar nicht fliegen, da sie unvollkommene Flügelfedern haben; und wir haben Grund zu glauben, dass diese beiden Rassen alt sind, so dass ihre Vorfahren viele Generationen hindurch nicht geflogen sein können. Auch die Cochinchinesen können wegen ihrer kurzen Flügel und schweren Körper kaum auf eine niedrige Stange fliegen. Man hätte daher bei diesen Rassen, besonders bei den beiden ersten, eine beträchtliche Verminderung der Flügelknochen erwarten können; dieselbe findet sich indess nicht. Bei allen Exemplaren verglich ich, nachdem ich die Knochen auseinander genommen und gereinigt hatte, sorgfältig die relative Länge der beiden hauptsächlichen Flügelknochen zueinander und der beidenHauptbeinknochen zu einander mit denen des G. bankiva;  und da war es (mit Ausnahme der Tarsen) überraschend zu sehen, wie genau dieselbe relative Länge erhalten war. Diese Thatsache ist merkwürdig, da sie zeigt, wie streng die Proportionen eines Organs vererbt werden können, trotzdem dass es viele Generationen hindurch nicht völlig func- tionirt hat. Ich verglich dann bei mehreren Rassen die Länge des Femur und der Tibia mit der des Humerus und der Ulna, und ebenso diese selben Knochen mit denen von G. bankiva.  Das Resultat war, dass die Flügelknochen bei allenRassen (mit Ausnahme des burmesischen Hüpfers, der unnatürlich kurze Beine hat) im Verliältniss zu den Beinknochen unbedeutend verkürzt sind; die Abnahme ist aber so unbedeutend, dass sie vielleicht darauf zu schieben ist, dass das als Maassstab benutzte Exemplar von G. bankiva  zufällig um ein Unbedeutendes längere Flügel als gewöhnlich hatte. Es verlohnt sich daher nicht, die Maasse mitzutheileu. Es verdient aber Beachtung, dass die Flügel der Seiden- und Strupp- hühuer, welche völlig unfähig zu fliegen sind, weniger  reducict waren im Verhältniss zu ihren Beinen, als fast in allen übrigen Rassen. Wir haben bei domesticirten Tauben gesehen, dass die Flügelknochen

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7. Cap. Wirkungen des Nichtgebrauchs. 337 etwas an Länge abgenommen haben, wogegen ihre primären Schwungfedern eher an Länge gewonnen haben; und es ist wohl möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich, dass bei den Seiden- und Strupp-Hiilineru jede Neigung, die Länge der Flügelknochen in Folge des Nichtgebrauchs abnehmen zu lassen, durch das Gesetz der Compensation znrückgedrängt wurde, indem nämlich das Wachsthum der Schwungfedern abnahm, dem Knochen daher reichlichere Nahrung zuströmte. Die Flügelknochen sindindcss bei diesen beiden Rassen unbedeutend in der Länge reducirt, relativ zu denselben Theilen bei G. bankica,  wenn man sie nach der Länge des Brustbeins oder Kopfes misst. Das wirkliche Gewicht der Hauptknochen des Beins und Flügels hei zwölf Rassen ist in den beiden ersten Columnen der folgenden Tabelle (siehe folgende Seite) gegeben. Das berechnete Gewichtsverhältniss der Flügelknochen zu den Beinknochen im Vergleich mit den Bein- und Flügelknochen von G. bankica  ist in der dritten Coluinnc gegeben, wobei das Gewicht der Flügelknochen bei G. bankica  gleich hundert gesetzt ist 73 . Bei den ersten acht, zu distincten Rassen geliörigenVögeln in dieser Tabelle sehen wir eine entschiedene Reduction des Gewichts der Flügelknochen. Bei dem indischen Strupp-Huhn, welches nicht fliegen kann, ist die Reduction am grössten, nämlich bis auf dreiunddreissig Procent des proportionalen Gewichts. Bei den nächsten vier Vögeln, mit Einschluss der Seiden-Henne, welche unfähig zu fliegen ist, sehen wir, dass die Flügel relativ zu den Beinen unbedeutend an Gewicht zugenommen haben; man muss indess beachten, dass, wenn bei diesen Vögeln die Beine aus irgend welcher Ursache an Gewicht verloren hätten, die Flügel irr- thümlich als au Gewicht zugenommen erscheinen würden. Bei dem Bur- meser Hüpfer, dessen Beine abnorm kurz sind, ist nun eine solche Reduction sicher eingetreten, und bei den zwei Hamburgern und dem Seiden-Huhn haben die Beine, trotzdem sie nicht kurz sind, merkwürdig dünne und ,3  Es ist vielleicht zweckmässig, zu erklären, wie die Berechnung der dritten C'olumne ausgefiihrt worden ist. Bei G. bankiva verhalten sich die Beinknochen zu den Flügelknochen wie 60 : 54, oder (mit Weglassung der Decimalen) wie 100:62, — bei Coeliinchinesen wie 311:162 oder wie 100 : 52, — bei Dorkings wie 557 : 248 oder wie 100 : 44, und so fort für die andern Rassen. Wir erhalten hier die Reihe von 02, 52, 44 für die relativen Gewichte der Flügelkuochen bei G. bankiva. Cockinchinesen, Dorkings u. s. w. Nehmen wir nun 100, statt 62, für das Gewicht der Flügelknochen bei G. bankiva , so erhalten wir durch eine andere Regel-de-tri- Rechnung 83 als das Gewicht der Flügelknochen bei Cochinchinesen, 70 bei Dorkings, und so fort für den Rest der dritten Colunme in der Tabelle. Darwin,  Erster Theil. 22

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 Hühner. 7. Cap. Tabelle I. Name der Rassen. Wirkliches Gewicht des Femur und der Tibia. Wirkliches Gewicht des Humerus und der Ulna. Gewicht der Flügelknochen im Verhält- niss zu den ßein- knochen, und im Vergleich mit denselben Knochen bei G. bankiva. Gran. Gran. Gallus bankiva,  wilder Hahn 86 54 100 1. Cochincliina ... » 311 162 83 2. Dorking .» B57 248 70 3. Spanier (Minorca) . » 386 183 75 4. Goldgeflittertes Pol- nisches Huhn... » 30G 145 75 5. Kampfhuhn, schwarz- brüstig.» 293 143 77 6. Malaye.Henne 231 116 80 7. Sultan.Hahn 189 94 79 8. Indisches Strupphuhn » 200 88 67 9. Burmesen Hüpfer. . Henne 53 3G 108 10. Hamburger (ge- strichelt) ....  Halm 157 104 106 11. Hamburger (ge- strichelt) ....  Henne 114 77 108 12. Seidenhuhu (schwarz- knochig) .... » 88 57 103 leichte Knochen. Ich mache diese Angaben nicht nach blossem Augcn- maass, sondern nachdem ich die Gewichte der Beinknochen im Verhält- niss zu denen von Cr. bankiva  berechnet habe, und zwar nach den beiden einzigen anzuwendenden Maassstäben der Vergleichung, nämlich der relativen Länge des Kopfes und Brustbeins; das Gewicht des Körpers bei G. bankiva,  wrns einen bessern Maassstab abgegeben haben würde, kenne ich nicht. Nach diesen Maassstäben sind die Beinknochen bei diesen vier Hühnern in einer ausgesprochenen Weise viel leichter als in irgend einer andern Rasse. Man kann daher schliesseu, dass in allen Fällen, wo die Beine nicht in Folge irgend einer unbekannten Ursache sehr an Gewicht abgenommen haben, die Flügelknochen mit denen des G. bankiva  verglichen, im Yerhältniss zu den Beinknochen an Gewicht reducirt worden sind. Und diese Gewichtsabnahme kann, so viel ich sehen kann, sicher dem Nichtgebrauch zugeschrieben werden.

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7. Cap. Wirkungen des Nichtgebrauchs. 339 Uin die vorstehende Tabelle vollständig befriedigend zu machen, hätte gezeigt werden sollen, dass bei den ersten acht Vögeln die Beinknochen nicht wirklich im richtigen Verhältniss zum ganzen übrigen Körper an Gewicht zugenommen haben. Dies konnte ich aber nicht nacli- weisen, da ich, wie bereits bemerkt, das Gewicht des wilden Bankiva nicht kannte ' 4 . Ich möchte allerdings vermuthen, dass die Beinknochen des Dorkings, No. 2 in der Tabelle, proportional zu schwer sind; doch war dieser Vogel ein sehr grosser, er wog 7 Pfund 2 Uz., trotzdem er sehr mager war. Seine Beinknochen waren über zehnmal so schwer als die des Burnieser Hüpfers. Ich suchte die Länge sowohl der Bein- alsFlngel- knochen im Verhältniss zu andern Theilen des Körpers und Skelets zu ermitteln; die ganze Organisation dieser so lange schon domesticirten Vögel ist aber so variabel geworden, dass zu keinen sicheren Folgerungen zu gelangen war. Wurden die Knochen mit denselben Theilen beim G. bankiva  verglichen, so waren z.B. die Beine des eben erwähnten Dorking- Hulms nahezu drei Viertel Zoll im Verhältniss zur Länge des Sternum zu kurz, und über drei Viertel Zoll im Verhältniss zur Länge des Schädels zu lang. Die folgende Tabelle II. enthält in den beiden ersten Columnen in Zollen und Decimalen die Länge des Brustbeins mul die äusserste Höhe seines Kammes, an welchen sich die grossen Brustmuskeln ansetzen. Die dritte Columne ergibt die berechnete Höhe des Kammes im Verhältniss zur Länge des Brustbeins, verglichen mit denselben Theilen bei G. bankiva 75 . Ein Blick auf die dritte Columne zeigt uns, dass in allen Fällen die Höhe des Kammes im Verhältniss zur Länge des Sternums (mit dem G. bankiva  verglichen) verringert ist, und zwar meist zwischen zehn und zwanzig Procent. Aber der Grad der Reduction variirt sehr, zum Theil in Folge des häufig missgebildeten Zustandes des Brustbeiues; beim Sei- denhulin, welches nicht fliegen kann, ist der Kamm 34 Procent weniger tief, als er hätte sein sollen. Diese Keduction des Kammes bei allen Kassen erklärt auch wahrscheinlich die früher erwähnte grosse Variabi- 74 Blyth  gibt (Annals and Magaz. of nat. hist. 2. Ser. Vol. I. 1848, p. 456) als das Gewicht eines völlig erwachsenen Bankiva-IIahns 3 l ji  Pfd. an; nach dem aber, was ich an Skeletten und Bälgen verschiedener Rassen gesehen habe, kann ich nicht glauben, dass meine zwei Exemplare von (i bankiva so viel gewogen haben könnten. 75  Die dritte Columne wurde nach demselben Princip berechnet, wie in der Anmerkung 73 auf p. 337 auseinandergesetzt worden ist. 22  *

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 Ilülmer. 7. Cap. Tabelle II. Name iler Rassen. Länge des Brustbeins. Zoll. Höhe des Brustheinkammes. Höhe des Kammes, im Verhaltniss zur Länge des Brustbeins verglichen mit O. bankivu. Zoll. (luUux bankivu. Hahn 4,20 1,40 100 1. Cochinchinese . . » 5,83 1,55 78 2. Dorking .... P 6,95 1,97 84 3. Spanisches Huhn . » 6,10 1,83 90 4. Polnisches » P 5,07 1,50 87 5. Kampf » » 5,55 1,55 81 6. Malayan » Henne 5,10 1,50 87 7. Sultan » Hahn 4,47 1,36 90 8. Strupphuhn . . . P 4,25 1,20 84 9. Burmeser Hüpfer . Henne 3,06 0,85 81 10. Hamburger . . . Halm 5,08 1,40 81 11. Hamburger . . . Henne 4,55 1,26 81 12. Seidenhuhn . . . P 4,49 1,01 66 litiit in der Krümmung der Furcula mul in der Form von deren sternalem Ende. Ärzte glauben, dass die so häufig bei Frauen der höheren Classen beobachtete abnorme Form des Rückgrates daher komme, dass die sich an dasselbe setzenden Muskeln nicht geübt wurden. Dasselbe ist der Fall mit unsern Haushühueru; sie brauchen ihre Pectoralmuskeln nur wenig; und von 25 von mir untersuchten Brustbeinen waren nur drei vollständig symmetrisch, zehn waren massig verkrümmt uud zwölf waren im äusser- sten Grade missgestaltet. Wir können endlich in Bezug auf die verschiedenen Rassen des Huhnes schliessen, dass die Hauptknochen des Flügels wahrscheinlich in einem sehr geringen Grade verkürzt worden sind: dass sie sicher bei allen den Rassen, bei welchen die Beinknochen nicht unnatürlich kurz oder zart sind, im Verhaltniss zu diesen Knochen leichter geworden sind und dass der Brustbeinkannn , an welchen sich die grossen Brustmuskeln setzen, ausnahmslos weniger vorspringend geworden, wie auch das ganze Sternum selbst einer Deformität ausserordentlich ausgesetzt ist. Diese Resultate können wir dem verringerten Gebrauch der Flügel zuschreiben.

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7. Cap. Correlation ties Wachstlmms. 341 Correlation des Wachst hums. — Ich will hier die wenigen Thatsachen, welche ich über diesen dunklen, aber wichtigen Gegenstand gesammelt habe, kurz zusammenfassen. Bei Cochinchi- nesen und Kampfhühnern besteht irgend eine Beziehung zwischen der Färbung des Gefieders und der Dunkelheit der Eischaale und selbst des Dotters. Bei Sultans stehen die überzähligen Sichelfedern im Schwänze offenbar in Beziehung zu der allgemeinen Üppigkeit des Gefieders, wie aus den gefiederten Beinen, dem grossen Federbusch und Bart hervorgeht. Bei zwei schw anzlosen Hühnern, w elche ich untersuchte, war die Öldrüse abortirt. Ein grosser Federbusch scheint, wie Mr. Tegetmeier  bemerkt hat, stets von grosser Verminderung oder von einem fast völligen Fehlen des Kammes begleitet zu sein. Ebenso ist ein grosser Bart auf ähnliche Weise von einer Verminderung oder einem Fehlen der Lappen begleitet. Diese letzten Fälle fallen offenbar unter das Gesetz der Compensation oder Ausgleichung des Wachsthums. Ein grosser Bart unter dem Unterkiefer und eine grosse Federkrone auf dem Schädel gehen oft zusammen; hat der Kamm irgend eine eigenthümliche Form, wie bei gehörnten spanischen und Hamburger Hühnern, soafficirt er in einer entsprechenden Weise den darunter liegenden Schädel und wir haben bereits gesehen, in welch wunderbarer Weise dies bei Kronenhühnern der Fall war,  w'enn die Federkrone bedeutend entwickelt ist. Mit der Protuberanz der Stirnbeine ist auch die Form der inneren Oberfläche des Schädels und des Gehirns bedeutend modificirt. Das Vorhandensein einer Federkrone beeinflusst auch in irgend einer unbekannten Weise die Entwickelung der aufsteigenden Äste des Zwischenkiefers und der inneren Fortsätze der Nasenbeine und ebenso die Form der äusseren Öffnungen der Nasenlöcher. Zwischen einer Federkrone und dem unvollständig ossificirten Zustande des Schädels besteht eine offenbare und merkw ürdige Correlation. Dies gilt nicht bloss für beinahe alle mit Federkronen versehenen Hühner,  sondern auch für Federbusch-Enten und wie mir Dr. Günther  mittheilt, auch für Federbusch-Gänse in Deutschland. Endlich: die die Federkrone bei männlichen polnischen Hühnern bildenden Federn sind Schuppenfedern ähnlich und der Form nach sehr von denen in der Federkrone des Weibchens verschieden. Der

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 Hühner. 7. Cap. Hals, Flügeldecken und Weichen sind beim männlichen Vogel gehörig mit Schuppenfedern bedeckt, und cs scheint, als hätten sich Federn dieser Form durch Correlation bis auf den Kopf des Männchens verbreitet. Diese an und für sich geringfügige Thatsache ist doch interessant: denn wenn auch beide Geschlechter einiger wilden hühnerartigen Vögel einen ähnlichen Kopfschmuck besitzen, so besteht doch oft eine Verschiedenheit in der Grösse und Form der Federn, welche diese Federkrone bilden. Übrigens besteht in manchen Fällen, wie bei dem männlichen Gold- und dem männlichen Amherst-Fasan (P. pictus  und Amlierstii)  eine nahe Beziehung sowohl in der Färbung als in der Structur zwischen den Federn auf dem Kopfe und an den Weichen. Es scheint daher, als hätte dasselbe Gesetz den Zustand der Federn am Kopf und dem Körper re- gulirt, sowohl bei Arten, welche im natürlichen Zustande leben, als bei Vögeln, welche irn Zustande der Domestication variirt haben.

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Achtes Enten. — Gänse. — Pfau. — Truthuhn. — Perlhuhn. - Canarienvogel. — Goldfisch. — Stockbiene. Seidenschmetterling. Enten,  verschiedene Rassen. — Verlauf der Domestication. — Ursprung der Rassen von der gemeinen Wildente. — Verschiedenheiten der einzelnen Rassen. — Osteologische Verschiedenheiten. — Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs auf die Gliedmaassenknochen. Gänse,  seit Alters domesticirt. — Geringes Variiren derselben. — Seba- stopoler Rasse. Pfau,  Ursprung der schwarzscluiltrigen Rasse. Truthuhn,  Rassen desselben. — Kreuzung mit der Art in den Vereinigten Staaten. — Wirkungen des Klimas auf dieselben. Perlhuhn, Canarienvogel, Goldfisch, Stockbiene. Seidenschmetterling,  Arten und Rassen desselben. — Von Alters her domesticirt. — Sorgfalt bei ihrer Zuchtwahl. — Verschiedenheiten der Rassen — im Ei, in der Raupe und dem Cocon-Zustande. — Erblichkeit der Charactere. — Unvollkommene Flügel. — Verlorne Instincte. — Correlative Charactere. Wie in den vorausgehenden Fällen will ich zuerst kurz die hauptsächlichsten domesticirten Rassen der Ente beschreiben. Erste Basse: gemein eHausente. —  Sie variirt sehr in der Färbung und in den Körperproportionen und weicht im Instinct und Temperament von der wilden Ente ab. Es gibt mehrere Unterrassen: 1) Die Aylesbury ; von bedeutender Grösse, weiss, mit blassgelbem Schnabel und Beinen. Der Bauchsack bedeutend entwickelt. 2) Die Rouen; von bedeutender Grösse, Färbung wie bei der wilden Ente mit grünem oder geflecktem Schnabel, Bauchsack bedeutend entwickelt. 3) Haubenente; mit einem grossen Busch feiner, duniger Federn auf dem Kopf, der von einer fleischigen Masse getragen wird;  der Schädel unter ihm durchbohrt. Der

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 Domesticirte Enten. 8. Cap. Federbusch bei einer Eute, die ich von Holland mitbrachtc, hält 2 */2 Zoll im Durchmesser. 4) Labrador- (oder canadische oder Buenos-Avres oder ostindische) Ente; Gefieder völlig schwarz, Schnabel im Yerhältniss zu seiner Lauge breiter als bei der wilden Ente; Eier leicht mit schwarz schattirt. Diese Unterrasse sollte, vielleicht als Rasse bezeichnet werden; sie umfasst zwei Untervarietäten, die eine so gross, wie die gemeine Hausente, und diese habe ich lebend gehalten; die andere kleiner und oft flugfähig Ich vermutlie, diese letztere Untervarietät ist es, welche in Frankreich 2  beschrieben wurde, als gutfliegend, eher wild, und bei ihrer Zubereitung zur Tafel mit dem Arom der wilden Ente. Nichtsdestoweniger ist diese Untervarietät polygam wie andere domesticirte Enten und ungleich der wilden Ente. Diese schwarzen Labrador-Enten züchten rein; Dr. Turral  führt aber einen Fall an, wo die französische Untervarietät Junge erzeugte mit einigen weissen Federn auf dem Kopfe und dem Halse und mit einem ockerfarbigen Fleck auf der Brust. Zweite Rasse: Hakenschnablige Ente. —  Dieser Yogel bietet ein ausserordentliches Ansehen dar, wegen seiner nach abwärts gerichteten Krümmung des Schnabels. Der Kopf trägt oft einen Busch. Die gewöhnliche Farbe ist weiss, manche sind aber wie wilde Enten gefärbt; es ist dies eine alte Kasse, die bereits 1676 erwähnt wird 3 . Ihre lange dauernde Domestication beweist sie durch das fast beständige Legen von Eiern ähnlich wie bei den Hühnern, die man ewige Leger nennt 4 . Dritte Rasse: Sehnatter-Ente. ( Call-duck.) — Merkwürdig wegen ihrer geringen Grösse und wegen der ausserordentlichen Schwatzhaftigkeit des Weibchens. Schnabel kurz. Es sind diese Yögel entweder weiss oder wie die wilde Ente gefärbt. Vierte Rasse: Pinguin - Ente. —  Dies ist die merkwürdigste von allen Rassen und scheint im malayischen Archipel entstanden zu sein. Beim Gehen hält sie ihren Körper äusserst aufrecht und streckt ihren dünnen Hals gerade nach oben. Schnabel etwas kurz; Schwanz ' Poultry Chronicle. Vol. II. 1854. p. 91, und Yol. 1, p. 330. 2  Dr. Turral  in: Bullet. Soc. d'Acclimat. Tom. YII. 1860, p. 541. 3 Willugbhy's  Ornithology, ed. by Ray,  p. 381. Diese Rasse ist auch 1734 abgebildet von Albin  in seiner Nat, History of Birds. Vol. II, p. 86. 4  F. Cuvier, in: Annales du Museum, Tom. IX, p. 128, sagt, dass nur das Mausern und Brüten das Legen dieser Enten unterbreche. Mr. B. P. Brent macht eine ähnliche Bemerkung in: »Poultry Chronicle«, 1855. Yol. Ill, p. 512.

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8. Cap. Äussere Verschiedenheiten. 345 nach oben gewendet, nur 18 Federn enthaltend. Femur und Metatarsen verlängert. Fast alle Naturforscher nehmen an, dass die verschiedenen Rassen von der gemeinen Wildente (Anas boscltas)  abstammen. Auf der andern Seite sind die meisten Züchter, wie gewöhnlich, einer sehr verschiedenen Ansicht 3 . Wenn wir nicht leugnen wollen, dass eine Jahrhunderte hindurch währende Domestication selbst so unwichtige Charactere wie Färbung, Grösse und in einem geringeren Grade die proportionalen Grössenverhältnisse und geistige Disposition afficiren kann, so haben wir auch gar keinen Grund zu zweifeln, dass die Hausente von der gemeinen wilden Art abstamme; denn beide sind von einander in keinem wichtigen Character verschieden. In Bezug auf den Zeitpunkt und den Verlauf der Domestication der Ente haben wir einige historische Nachweise. Den alten Ägyptern, den Juden des alten Testamentes und den Griechen der homerischen Periode war sie unbekannt 6 . Vor ungefähr achtzehn Jahrhunderten sprachen Columella 7 undVarro  von der Noth- vvendigkeit, Enten wie anderes wildes Geflügel in mit Netzen bedeckten Einfriedigungen zu halten, so dass also um diese Zeit die Gefahr nahe lag, dass sie davonflogen. Übrigens zeigt, wie Mr. Dixon bemerkt, der von Columella empfohlene Plan, dass nämlich die, welche die Zahl ihrer Enten zu vermehren wünschten, die Eier des wilden Vogels sammeln und sie ihren Hennen unterlegen sollten. "dass die Ente um diese Zeit noch nicht ein völlig naturalisirter und fruchtbarer Bewohner des römischen Hühnerhofes geworden war." Der Ursprung der Hausente von der wilden Art wird fast in allen europäischen Sprachen, wie schon vor langer Zeit Aldro- vaudi  bemerkte, dadurch anerkannt, dass derselbe Name für beide angewendet wird. Die wilde Ente hat eine weite Verbreitung vom 4  E. S. Dixon, Ornamental and Domestic Poultry (1848), p. 117. B. P. Brent in: Poultry Chronicle. Vol. Ill, 1855, p. 512. 6 Crawfurd. on the Relation of domesticated Animals to Civilisation gelesen vor der British Association, Oxford 1860. 7 Dureau de la Malle,  in: Annates des Scienc. natur. Tom. XVII, p. 164, und Tom. XXI. p. 55. E. S. Dixon, Ornamental Poultry, p. 118. Zahme Enten waren zu Aristoteles' Zeit nicht bekannt, wie Volz  bemerkt in seinen Beiträgen zur Culturgeschiclite, 1852, p. 78.

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 Domesticirte Enten. 8. Cap. Himalaya bis nach Nordamerika. Sie kreuzt sich leicht mit dem do- mesticirten Vogel und die aus der Kreuzuug hervorgehenden Jungen sind vollkommen fruchtbar. Sowohl in Nordamerika als in Europa hat man gefunden, dass die wilde Ente leicht zu zähmen und zu züchten ist. In Schweden wurden dieselben Versuche von Tiburtius  sorgfältig angestellt. Es gelangihm, wildeEnten drei Generationen hindurch zu erziehen; trotzdem sie aber wie gemeine Enten behandelt wurden, variirten sie auch nicht in einer einzigen Feder. Die jungen Vögel litten dadurch, dass man ihnen gestattete, in kaltem Wasser herumzuschwimmen 8 , wie es ja bekannt ist, dass dies die Jungen der gemeinen Hausente thun, obgleich es allerdings befremdlich ist. Ein sorgfältiger und bekannter Beobachter in England 9 , hat seine oft wiederholten und erfolgreichen Versuche, die wilde Ente zu dome- sticiren, im Detail beschrieben. Junge Vögel sind leicht aus Eiern zu erziehen, die einer Bantam-Henne untergelegt werden; um aber einen Erfolg zu erzielen, ist es durchaus noting, nicht etwa die Eier der wilden und zahmen Ente derselben Henne unterzulegen; denn in diesem Falle "sterben die jungen wilden Enten weg und lassen ihre kräftigeren Geschwister im ungestörten Besitze der pflegmütterlichen Sorge. Die Verschiedenheit der Lebensweise der eben ausgeschlüpften jungenEiiten führt ein solches Resultat fast mit Sicherheit herbei." Die jungen wilden Enten waren im Anfang gegen alle die, welche sie besorgten, völlig zahm, und zwar so lange, als sie dieselbe Kleidung an hatten. Ebenso auch gegen die Hunde und Katzen des Hauses; sie bissen sogar mit ihren Schnäbeln nach den Hunden und trieben sie von einem Fleck weg, den sie gerne haben wollten. Fremde Leute und Hunde beunruhigten sie aber sehr. Verschieden von dem, was in Schweden eintrat, fand Mr. Hewitt, dass seine jungen Vögel im Laufe von zwei oder drei Generationen 8  Ich citire diese Erzählung nach »Die Enten- und Schwanenzucht«. Dim, 1828, p. 143. s. Audubon's Ornithological Biography. Vol. Ill, p. 168, über das Zähmen von Enten auf dem Mississippi. Wegen derselben Thatsache in England s. Wat ertön in Loudon's Magaz. of nat. hist. Vol VIII, 1835, p. 542, und St, John,  wild Sports and Nat. History of the Highlands. 1846, p. 129. 9  E. Hewitt  in: Journal of Horticulture, 1862, p. 773, und 1863, p. 39.

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8. Cap. Äussere Verschiedenheiten. 347 sich immer veränderten und den Character verschlechterten, trotzdem dass grosse Sorgfalt angewendet wurde, irgend welche Kreuzung mit zahmen Enten zu verhüten. Nach der dritten Generation verloren seine Vögel die elegante Haltung der wilden Art und fingen an, den Gang der gemeinen Ente anzunehmen. Sie nahmen in jeder Generation au Grösse zu und ihre Beine wurden weniger zart; die vveisse Binde um den Hals des wilden Enterichs wurde breiter und weniger regelmässig und einige der längeren Schwingen erster Reihe wurden mehr oder weniger weiss. Trat dies ein, so zerstörte Mr. Hewitt stets seinen alten Stamm und verschallte sich aus wilden Nestern frische Eier, so dass er ein und dieselbe Familie nie länger als fünf oder sechs Generationen hindurch züchtete. Seine Vögel paarten sich beständig und wurden nie polygam wie die gemeine Hausente. Ich habe diese Details deshalb gegeben, weil, soviel mir bekannt ist, kein anderer Fall des Fortgangs der Veränderung bei wilden, mehrere Generationen hindurch im domesticirten Zustande gezüchteten Vögeln von competenten Beobachtern sorgfältig berichtet worden ist. Nach diesen Betrachtungen kann man kaum zweifeln, dass die wilde Ente die Elternform der gemeinen Hausente ist; auch brauchen wir wegen der Abstammung der distincleren Rassen, nämlich der Pinguin-, Schnatter-, hakenschnäbligen-, Federbusch- und Labrador-Enten uns nicht nach distincten Species umzusehen. Ich will hier die in früheren Capiteln angezogenen Argumente nicht wiederholen, wie die Umvahrscheinliehkeit, dass der Mensch in alten Zeiten mehrere Species, welche seitdem unbekannt oder extinct geworden sind, domesticirt habe, trotzdem dass Enten im wilden Zustande nicht leicht auszurotten sind; ferner den Umstand, dass einige der vermeintlich älteren Species im Vergleich mit allen andern Arten der Gattung abnorme Charactere hätten haben müssen, wie bei den hakenschnäbligen und den Pinguin-Enten; ferner dass alle Rassen, so weit bekannt ist. unter einander fruchtbar sind 10 , dass alle Rassen 10  Ich habe mehrere Angaben über die Fruchtbarkeit der verschiedenen Rassen hei der Kreuzung gefunden. Mr. Yarrell  versicherte mir, dass die Schnatter- und gemeine Ente mit einander vollkommen fruchtbar sind. Ich habe hakenschnäbtige und gemeine Enten, und eine Labrador-

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 Domesticirte Enten. 8. Cap. dieselbe allgemeine Disposition, denselben Instinct haben u. s. w. EineThatsache indess, die auf diese Frage Bezug hat, mag noch erwähnt werden. In der grossen Entenfamilie nämlich hat nur eine Art, das Männchen von A boschos  die vier mittelsten Schw ungfedern nach aufwärts gerollt ; nun finden sich in jeder einzelnen der oben genannten domeslicirten Rassen diese gekräuselten Federn, und nach der Voraussetzung, dass jene von distincten Arten abstammen, müssten wir annehmen, dass der Mensch früher auf Species gestossen sei. w elche alle diesen jetzt ganz einzig dastehenden Character besessen hätten. Ausserdem sind Untervarietäten jeder Rasse fast genau so wie die wilde Ente gefärbt, was ich bei den grössten wie bei den kleinsten Rassen gesehen habe, nämlich bei den Rouens und Schnatter-Enten, und was, wie Mr. Brent 11  angibt, auch bei hakenschnäbligen Finten der Fall ist. Mr. Bren t kreuzte, wie er mir mittheilte, einen w eissen Aylesbury-Entericii mit einer schwarzen Labrador-Ente und einige der jungen Enten nahmen, wie sie heranwuchsen, das Gefieder der wilden Ente an. Was Pinguins betrifft, so habeich nicht viel Exemplare gesehen, und keines war genau so wie die wilde Ente gefärbt. Sir James Brooke schickte mir jedoch drei Bälge von Lombok und Bali im malayischen Archipel; die beiden Weibchen waren blässer und röthlieher als die wilde Ente und der Enterich wich darin von ihr ab, dass die ganze obere und untere Fläche (mit Ausnahme des Halses, der Schwanzdecke, des Schwanzes und der Flügel) silbergrau. fein mit dunklen Linien gestrichelt, und gewissen Theilen des Gefieders des wilden Enterichs sehr ähnlich war. Ich fand aber, dass dieser Enterich in jeder Feder mit einer Varietät der gemeinen Rasse, die ich von einem Meierhofe in Kent erhielt, identisch war und se- ' <5 legentlich habe ich auch anderswo ähnliche Exemplare gesehen. Das Vorkommen einer Ente, welche unter einem so eigenthiimlichen Klima, wie das des malayischen Archipels, wo die wilde Art nicht mit einer Pinguin-Ente gekreuzt, und die gekreuzten Nachkommen waren vollkommen fruchtbar; doch wurden sie nicht unter einander gekreuzt, so dass das Experiment nicht ganz vollständig ist. Einige halbblütige Pinguins und Labradors wurden wieder mit Pinguins gekreuzt und später dann unter sich gepaart und waren äusserst fruchtbar. )l Poultry Chronicle, 1855. Vol. III. p. 512.

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8. Cap. Äussere Verschiedenheiten. 349 existirt. gezüchtet wurde, und doch genau dasselbe Gefieder besass, wie mau es gelegentlich auf unsern Meierhöfen sieht, ist eine der Beachtung werthe Thatsai he. Doch scheint das Klima des malayisehen Archipels das Variiren der Ente in einem ziemlichen Grade zu begünstigen; denn Zollinger 12  sagt bei Gelegenheit derErwähnung der Pinguin-Rasse, dass es in Lombok "eine ungewöhnliche und wunderbare Varietät von Enten gibt". Ein Pinguin-Enterich, den ich lebend gehalten habe, wich von denen, deren Balg mir aus Lombok zugeschickt wurde, darin ab, dass seine Brust und sein Rücken zum Theil kastanienbraun gefärbt waren, und er so dem wilden Enterich sehr ähnlich wurde. Aus diesen verschiedenen Thatsachen und besonders aus dem Umstande, dass die Enteriche aller Rassen gekräuselte Schwanzfedern besitzen und dass gewisse Untervarietäten aller Rassen gelegentlich im allgemeinen Gefieder der wilden Ente ähnlich sind, können wir mit Sicherheit schliessen, dass alle Rassen von der A. boschas  ab- stammen. Ich will nun einige Eigenthümliclikeiteii anführen, die für die verschiedenen Rassen characteristisch sind. Die Eier variiren in der Färbung. Manche gemeine Enten legen blass-grünliche, andere völlig weisse Eier. Die in jederSaison von der schwarzen Labrador-Ente zuerst gelegten Eier sind schwarz gefärbt, als wären sie mit Tinte berieben. Es besteht daher bei den Enten ebenso wie bei den Hühnern ein gewisser Grad von Correlation zwischen der Färbung des Gefieders und der Eischale. Ein guter Beobachter versicherte mir, dass in einem Jahre seine Labrador-Enten fast vollkommen weisse Eier legten, dass aber die Dotter in derselben Saison schmutzig olivengrün waren, statt von der gewölmliclien goldgelben Farbe zu sein, so dass es fast schien, als wäre die schwärzliche Färbung nach innen getreten. Ein anderer merkwürdiger Fall zeigt, was füreigen- thümliche Variationen zuweilen auftreten und vererbt werden. Mr. IIanseil 13  erzählt, dass er eine gemeine Ente gehabt hahe, welche stets Eier legte mit dunkelbraunem Dotter, wie geschmolzener Leim, und die jungen Enten, die aus diesen Eiern ausgebrütet wurden, legten dieselbe Art Eier, so dass die ganze Zucht zerstört werden musste. Die hakensclmäblige Eilte hat ein äusserst merkwürdiges Ansehen 12  Journal of the Indian Archipelago. Vol. V, p. 334. 13 The Zoologist. Vol. VII. VIII. 1849—50, p. 2353.

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 Domesticirte Enten. 8. Cap. (s. die Abbildung- des Schädels Fig. 39); ihr hakenförmiger Schnabel ist mindestens seit dem Jahre 167G vererbt worden. Es ist diese Structur offenbar mit der analog, die bei der Kagadotten-Kotentaube beschrieben wurde. Mr. K reu t sagt 14 , dass wenn er hakenschnäblige Enten mit gemeinen Enten kreuzte, "viele Junge entstanden, deren Oberkiefer kürzer als der Enterkiefer war, was nicht selten den Tod des Vogels verursacht". Ein Federbusch auf dem Ivopf ist durchaus kein seltenes Ereigniss, nämlich bei der echten Federbusch-Kasse, der hakenschnäbligen, der gemeinen Hofente und bei einer Ente, die keine andern Eigentümlichkeiten besass und mir vom malayisclien Archipel geschickt worden war. Der Federbusch ist nur insofern von Interesse, als er den Schädel afficirt, welcher dadurch etwas mehr kuglig gemacht wird und von zahlreichen Öffnungen durchbohrt ist. Schnatter-Enten sind wegen ihrer ausserordentlichen Geschwätzigkeit merkwürdig, nur die Enteriche zischen, wie die gemeinen Enteriche. Trotzdem pflanzt er, wenn er mit der gemeinen Ente gepaart wird, seiner weiblichen Nachkommenschaft eine starke Tendenz zum Quaken fort. Auf den ersten Klick scheint es überraschend, dass ein Character wie diese Geschwätzigkeit im Zustande der Domestication erlangt worden sei; doch variirt die Stimme bei den verschiedenen Kassen. Mr. Kren  t 1,1  sagt, dass hakenschnäblige Enten sehr geschwätzig sind und dass Kouens " einen dumpfen, lauten, monotonen Ton ausstossen, der von einem erfahrenen Olir leicht zu unterscheiden ist". Da diese Geschwätzigkeit der Schnatter-Ente von grossem Nutzen ist, weil diese Vögel auf Lockplätzen gehalten werden, so kann diese Eigenschaft durch Zuchtwahl vergrössert worden sein. So sagt z. K. Oberst Hawker: AVenn man keine jungen wilden Enten für einen Lockplatz erhalten könne, "soll man sich behelfen und zahme Ah'igel auswählen, welche am meisten schnattern, selbst wenn ihre Färbung nicht der der wilden gleichen sollte" 16 . Es ist irrthiimlich angegeben worden, dass Schnatter-Enten ihre Eier in kürzerer Zeit ausbrüten, als gemeine Enten 17 . Die Pinguin-Ente ist die merkwürdigste von allen Kassen. Der dünne Hals und Körper werden aufrecht getragen, die Flügel sind klein, der Schwanz nach oben gewendet und die Schenkel und Metatarsen sind 14 Poultry Chronicle, 1855. A'ol. Ill, p. 512. 15 Poultry Chronicle, A'ol. III. 1655, p. 312. In Bezug auf Kouens s. ebenda. Vol. 1. 1854, p. 167. 16 Hawker's  Instructions to Sportsmen, citirt von Dixon  in seinem Ornamental Poultry, p. 125. 17  Cottage Gardener, 9. April, 1861.

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8. Cap. Osteologisclie Cliaractere. 351 im Yerliiiltniss zu denselben Knochen bei der wilden Ente beträchtlich verlängert. Bei fünf von mir untersuchten Exemplaren fanden sich nur achtzehn Schwanzfedern statt zwanzig, wie bei der wilden Ente; ich habe aber auch bei zwei Labrador-Enten nur achtzehn und neunzehn Schwanzfedern gefunden. Bei drei Exemplaren waren an der Mittelzehe sieben und zwanzig oder acht und zwanzig Schildchen vorhanden, während bei zwei wilden Enten sich ein und dreissig oder zwei und dreissig fanden. Bei der Kreuzung überträgt die Pinguin-Ente ihre eigenthümliche Körperform und ihre Haltung der Nachkommenschaft sehr stark; dies zeigte sich deutlich bei einigen Bastarden, die im Zoologischen Garten von einem dieser Vögel und der ägyptischen Gans 18 (Tadorna aegyptica)  erzogen waren; ebenso bei einigen Hybriden, weicheich von der Pinguin-und Labrador-Ente erzog. Es überrascht mich nicht sehr, dass manche Schriftsteller behauptet haben, die Kasse müsste von einer unbekannten und distincton Art abstammen; aber nach den bereits angeführten Gründen scheint es mir viel wahrscheinlicher, dass sie die durch Domestication in einem unnatürlichen Klima sehr modifleirte Nachkommenschaft von A. boschas  ist. Osteologische Charactere. Die Schädel der verschiedenen Kassen weichen unter einander und von dem Schädel der wilden Ente sehr wenig ab mit Ausnahme der pro- Fig. 39. Schädel, von der Seite gesehen, zwei Drittel natürlicher Grosse. A wilde Ente, 11 hakenschnablige Ente. 18  Diese Hybride bat Selys-Deslongchamps  beschrieben in: Bullet. Acad. Roy. de Bruxelles, Tom. XII, No. 10.

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 Domesticirte Enten. 8. Cap. portionalcn Länge und Krümmung der Zwischenkiefer. Diese letzteren Knochen sind hei der Schnatter-Entc kurz und eine von ihren Enden bis zur Schädelhölle gezogene Linie ist fast gerade, statt wie bei der gemeinen Ente concav zu sein, so dass der Schädel dem einer kleinen Gans ähnlich wird. Bei der hakenschnäbligen Ente (Fig. 39) krümmen sich sowohl diese Knochen, als auch der Unterkiefer in einer äusserst merkwürdigen Weise nach abwärts, wie es die Abbildung ergibt. Bei der Labrador-Ente sind die Zwisclienkiefer eher breiter als bei der wilden Eute; und bei zwei Schädeln dieser Kasse sind die senkrechten Leisten auf jeder Seite des Supraoccipitalknochens sehr vorspringend. Bei der Pinguin-Ente sind die Zwischenkiefer verhältnissmässig kürzer als bei der wilden Ente und die unteren Spitzen der Paramastoide sind vorspringeu- der. Bei einer holländischen Federbusch-Ente war der Schädel unter dem enormen Federbusch ein wenig kugliger und von zwei grossen Öffnungen durchbohrt. An diesem Schädel waren die Thränenbeine viel weiter nach hinten verlängert, so dass sie eine verschiedene Form hatten und fast die hintern Seitenfortsätze der Stirnbeine berührten und beinahe die knöcherne Augenhöhle schlossen. Da die Quadrat- und Flügelbeine von so complicirter Gestalt sind und mit so vielen andern Knochen in Beziehung stehen, so verglich ich sie bei allen Hauptrassen sorgfältig; aber mit Ausnahme der Grösse boten sie keinen Unterschied dar. Wirbel und Kippen.  An einem Skelet der Labrador-Ente waren die gewöhnlichen fünfzehn Halswirbel und die gewöhnlichen neun rippen- tragenden Rückenwirbel vorhanden. An dem andern Skelet fanden sich fünfzehn Hals- und zehn Rückenwirbel mit Rippen. Soweit sich urtheilen liess, hieng dies nicht bloss davon ab, dass sich eine Rippe an dem ersten Lendenwirbel entwickelte; denn in beiden Skeletten stimmten dieLenden- wirbel der Zahl nach, ebenso in der Grösse und Form mit denen der wilden Ente vollständig überein. In zwei Skeletten der Schnatter-Ente waren fünfzehn Hals- und neun Rückenwirbel vorhanden; bei einem dritten Skelet waren kleine Rippen an den sogenannten fünfzehnten Halswirbel befestigt, was im Ganzen zehn Rippenpaare ergab. Diese zehn Rippen entsprachen aber den zehn an der oben erwähnten Labrador-Ente nicht; auch entspringen sie nicht von denselben Wirbeln. Bei der Schnatter- Ente , welche kleine Rippen am fünfzehnten Halswirbel befestigt hatte, entsprechen die untern Dornenfortsätze des dreizehnten und vierzehnten (Hals-) und des siebenzehnten (Rücken-) Wirbels den Dornfortsätzen am vierzehnten, fünfzehnten und achtzehnten Wirbel der wilden Ente, so dass jeder dieser Wirbel eine Structureigenthiimlichkeiterlangt hatte, die einem

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8. Cap. Osteologische Charactere. 353 dor Stellung nach hinter ihm gelegenen Wirbel eigen war. Am zwölften Halswirbel dieser selben Sclmatter-Ente (Fig. 40 B) standen die beiden Äste des unteren Dorncnfortsatzes viel näher an einander, als bei der wilden Ente (A) und die absteigenden unteren Bogenfortsätze waren sehr verkürzt. Bei der Pinguin-Ente scheint der Hals wegen seiner Dünnheit und des Aufrechtstehens, aber nur fälschlich (wie die Messung ergab), sehr verlängert zu sein; aber die Hals- und Rückenwirbel bieten keine Verschiedenheiten dar; doch sind die hinteren Rückenwirbel vollständiger mit dem Becken anchylosirt, als bei einer wilden Ente. Die Ayles- i n i i i r- n  i tt , , ,  Fig. 40. Halswirbel, natürliche Grösse. bury-Ellte hat fünfzehn Hals- und zehn A Achter  Halswirbel der wilden Ente, mit Rippen versehene Rückenwirbel, von unten  gesehen, b  Achter Halswirbel , ., . , . , ,. der Sehnatter-Ente, von unten. C Zwölf- aber soweit es Sich verfolgen liess, die- ter  Halswirbel der wilden Ente, von der selbe Zahl von Lenden-, Kreuzbein- Seite gesehen. D Zwölfter Halswirbel , 0 , . , , , .. ...  der Aylesbury. Ente, von der Seite ge- und Schwanzwirbel, als die wilde sehen Ente. Die Halswirbel dieser selben Ente (Fig. 40 D) waren viel breiter und dicker im Verhältniss zu ihrer Liiuge, als bei der wilden (C) und zwar in einem solchen Grade, dass ich es für der Mühe werth hielt, ciue Abbildung des achten Halswirbels dieser beiden Vögel zu geben. Nach den vorstehenden Angaben sehen wir, dass der fünfzehnte Halswirbel gelegentlich zu einem Rückenwirbel modificirt wird, und wenn dies der Fall ist, werden alle benachbarten Wirbel modificirt. Wir sehen auch, dass gelegentlich ein überzähliger eine Rippe tragender Rückenwirbel entwickelt wird, wobei die Zahl der Hals- und Lendenwirbel offenbar dieselbe wie gewöhnlich bleibt. Ich habe die knöcherne Erweiterung der Luftröhre bei dom Männchen der Pinguin-, Schnattcr-, hakenschnäbligen, Labrador- und Ayles- bury-Easse untersucht; bei allen war sie der Form nach identisch. Das Becken  ist merkwürdig gleichförmig, aber im Skelet der hakenschnäbligen Ente ist der vordere Theil sehr nach innen gekrümmt; bei der Aylesbury- und einigen andern Rassen ist das Foramen ischiadi- cum weniger verlängert. Im Sternum, derFurcula, den Coracoiden und der Scapula sind die Verschiedenheiten so unbedeutend und so variabel, dass Darwin, Erster Theil. 23

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 Domesticirte Enten. 8. Cap. sie kaum der Erwähnung' worth sind, ausgenommen, dass bei zwei Skeletten der Pinguin-Ente das Endstück der Scapula sehr verdünnt war. An den Knochen des Beines und des Flügels liess sich in der Form keine Modification nachweisen. Bei der Pinguin- und hakenschnäbligen Ente sind aber die Endphalangen des Flügels etwas verkürzt; hei der ersteren sind Femur und Metatarsus (aber nicht die Tibia) im Yerluiltniss zu denselben Knochen bei der wilden Ente und zu den Flügelknochen beider Vögel beträchtlich verlängert. Diese Verlängerung der Bein- knoclien liess sich schon während des Lebens desVogsls sehen und hängt ohne Zweifel mit der eigenthümlich aufrechten Art zu gehen zusammen. Auf der andern Seite war bei einer grossen Aylesbury-Ente die Tibia der einzige Knochen am Bein, welcher im Verhältniss zu den andern Knochen unbedeutend verlängert war. Über die Wirkungen des vermehrten und vermindehrten Gebrauchs der Gliedmaasseu. —  Bei allen Kassen sind die Flügelknochen (einzeln nach ihrer Peinigung gemessen) im Verhältniss zu den Knochen des Beines unbedeutend verkürzt, wenn man sie mit denselben Knochen bei der wilden Ente vergleicht. Es zeigt sich dies in der folgenden Tabelle: Name der Rasse. Länge von Femur, Tibia und Metatarsus zusammen. Länge von Humerus, Radius und Metacarpus zusammen. Oder wie Zoll. Zoll. Wilder Enterich . 7,14 9,28 100 : 129 Aylesbury-Ente. . 8,64 10,43 100 : 120 Federbusch- » (hol- ländische) . . . 8,25 9,83 100 : 119 Pinguin-Ente . . 7,12 8,78 100 : 123 Schnatter-Ente . . 6,20 7,77 100 : 125 Länge derselben Länge aller Flügel- Knochen. knoeben. ZoD. Zoll. Wilde Ente (ein an- deres Exemplar) 6,85 10,07 100 : 147 Gemeine Ilausente 8,15 11,26 100 : 138 Wir sehen aus der vorstehenden Tabelle, dass, im Vergleich mit der wilden Ente, die Reduction in der Länge der Flügelknochen im Verhältniss zu den Beinknochen zwar unbedeutend aber ganz allgemein ist. Die

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8. Cap. Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs. 355 Reduction ist am geringsten bei der Sclmatter-Ente, welche das Vermögen zu fliegen besitzt und auch ihrer Gewohnheit nach häufig fliegt. Im Gewichte besteht eine grössere relative Verschiedenheit zwischen den Knochen des Beines und Flügels, wie aus der folgenden Tabelle hervorgeht : Name der Rasse. Gewicht von Femur, Tibia und Metatarsus. Gewicht von Humerus, Radius und Metacarpus. Oder wie Gran. Gran. Wilder Enterich 54 97 100 : 179 Aylesbury-Ente . . 164 204 100 : 124 Hakenschnäbl. Ente Federbusch-Ente 107 160 100 : 149 (holländische) . . 111 148 100 : 133 Pinguin-Ente. . . 75 90,5 100 : 120 Labrador-Ente . . 141 165 100 : 117 Schnatter-Ente . . 57 93 100 : 163 Gewicht aller Bein- und Fussknochen. Gran. Gewicht aller Flügelknoclien. Gran. Wildente (anderes Exemplar) . . . 66 115 100 : 173 Gemeine Hausente. 127 158 100 : 124 Bei diesen domesticirten Vögeln dürfte das beträchtlich verminderte Gewicht der Flügelknochen (d. h. im Mittel fünf und zwanzig Procent ihres eigentlichen proportionalen Gewichts), ebenso wie die geringe Verminderung ihrer Länge im VerhältnisszudenBeinkuochen, nicht sowohl von einer wirklichen Abnahme der Flügelknochen herrühren als von der Zunahme an Gewicht und Länge auf Seite der Knochen des Beines. Die erste der folgenden zwei Tabellen zeigt, dass die Beinknochen im Ver- hältniss zu dem Gewicht des ganzen Skelettes factisch an Gewicht zu- genommon haben. Die zweite Tabelle zeigt aber, dass nach demselben Maassstab auch die Flügelknochen factisch an Gewicht verloren haben, so dass das in den vorhergehenden Tabellen sich zeigende Missverhält- niss zwischen den Flügel- und Beiuknochen im Vergleich mit denen der wilden Ente zum Theil von der Zunahme an Gewicht und Länge der Beinknochen, zum Theil von der Abnahme an Gewicht und Länge der Flügelknochcn abhängt. 23 *

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 Domesticirte Enten. 8. Cap. In Bezug auf die beiden folgenden Tabellen will ich zuerst anführen, dass ich sie dadurch prüfte, dass ich ein anderes Skelet einer wilden Ente und einer gemeinen Haus-Ente nahm und das Gewicht aller Knochen des Beines mit dem aller Knochen des Flügels verglich ; und das Resultat war dasselbe. In der ersten dieser Tabellen sehen wir, dass die Beinknochen in allen Fällen an wirklichem Gewicht zugenommen haben. Es hätte sich erwarten lassen, dass mit der Zu- oder Abnahme des Gewichts des ganzen Skelettes die Beinknochen proportional schwerer oder leichter geworden wären; ihr grösseres Gewicht bei allen Rassen im Ycr- Name der Rasse. Gewicht des ganzen Skelets (NB. Ein Metatarsus und Fuss wurde bei jedem Skelet entfernt, da er in 2 Fällen zufällig verloren war). Gewicht von Femur, Tibia und Metatarsus. Oder wie Gran. Gran. Wilder Enterich . . 839 54 1000 : 64 Aylesbury-Ente . . 1925 164 1000 : 85 Federbusch-Ente (holländische) . . 1404 111 1000 : 79 Pinguin-Ente . . . 871 75 1000 : 86 Schnatter - Ente (von Mr. Fox) ... 717 57 1000 : 79 Gewicht des Gewicht von Hu- Skelets merits, Radius und wie oben. L ina, und Meta- carpus. Gran. Gran. Wilder Enterich . . 839 97 1000:115 Aylesbury-Ente . . 1925 204 1000:105 Federbusch-Ente (holländische) . . 1404 148 1000:105 Pinguin-Ente . . . 871 90 1000:103 Schnatter - Ente (von Mr. Baker) . . 914 100 1000:109 Schnatter - Ente (von Mr. Fox) • - , 717 92 1000:129

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8. Cap. Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs. 357 hältniss zu den andern Knochen lässt sich aber nur dadurch erklären, dass diese domesticirten Vögel ihre Beine zum Gehen und Stehen viel mehr gebraucht haben als die wilden, denn sie fliegen niemals, und die künstlicheren Kassen schwimmen auch selten. In der zweiten Tabelle sehen wir mit Ausnahme eines einzigen Falles eine offenbare Reduction im Gewicht der Flügelknochen und dies ist ohne Zweifel das Resultat ihres verringerten Gebrauchs. Der eine Ausnahmefall, nämlich bei einer der Schnatterenten, ist thatsächlich keine Ausnahme, denn dieser Vogel hatte beständig die Gewohnheit herumzufliegen. Ich habe ihn Tag für Tag von meinem Grundstück aufsteigen und eine lauge Zeit in Kreisen von mehr als einer Meile Durchmesser herumfliegen sehen. Bei dieser Schnatterente findet sich nicht bloss keine Abnahme, sondern eine wirkliche Zunahme im Gewicht der Flügelknochen im Verhältniss zu dem der wilden Ente und dies ist wahrscheinlich eine Folge der merkwürdigen Leichtigkeit und Dünne aller Knochen des Skelets. Endlich wog ich die Furcula, die Coracoide und die Scapula einer wilden Ente und einer gemeinen Hausente und fand, dass ihr Gewicht im Verhältniss zu dem des ganzen Skelettes wie 100 bei der ersteren sich zu 89 bei der letzteren verhielt. Dies zeigt, dass diese Knochen bei der Haus-Ente um elf Procent ihres eigentlichen proportionalen Gewichts reducirt worden sind. Das Vorspringen des Brustbeinkammes im Verhältniss zu seiner Länge ist bei allen domesticirten Rassen gleichfalls sein -  reducirt. Diese Veränderungen sind offenbar durch den verringerten Gebrauch der Flügel verursacht worden. Es ist bekannt, dass mehrere, verschiedenen Ordnungen ungehörige und oceanische Inseln bew ohnende Vögel in der Grösse sehr reducirte Flügel haben nnd nicht fähig sind, zu fliegen. In meiner "Entstehung der Arten" vermuthete ich, dass die Reduction der Flügel, da diese Vögel von keinerlei Feinden verfolgt werden, wahrscheinlich durch allmählich verminderten Gebrauch verursacht w orden sei; man hätte daher erwarten können, dass w ährend der früheren Stufen diesesReductionsprocesses solche Vögel in Bezug auf den Zustand ihrer Flugorgane unsern domesticirten Enten glichen. Dies ist auch der Fall mit dem Wasserhuhn (Gallinula nesiotis)  von Tristan d'Acunha, welches "ein wenig flattern kann, aber offenbar seine Beine und nicht seine Flügel zur Flucht benutzt." Nun findet Mr. Sc lat er 19 19  Proc. Zoolog. Soc. 1861, p. 261.

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 Domesticirte Gans. 8. Cap. bei diesem Vogel, dass die Flügel, das Sternum und die Coracoide alle in ihrer Länge reducirt sind, ebenso der Brustbeinkamm in seiner Höhe, wenn man diese Knochen mit denselben Knochen bei dem europäischen Wasserhuhn (G. chloropus)  vergleicht. Auf der andern Seite haben die Schenkelknochen und das Becken an Länge zugenommen, die ersteren um vier Linien im Verhältniss zu denselben Knochen bei dem gewöhnlichen Wasserhuhn. Es sind daher im Skelet dieser natürlichen Art nahezu dieselben Veränderungen eingetreten, nur noch etwas weiter getrieben, als bei unsern do- mesticirten Enten, und in diesem letzteren Falle vcrmuthe ich, dass Niemand bestreiten wird, dass sie das Resultat des verringerten Gebrauchs der Flügel und des vermehrten Gebrauchs der Beine sind. Die Gans. Es verdient dieser Vogel eine besondere Erwähnung, da kaum irgend ein anderes seit Alters her domesticirtes Thier, Säugethier oder Vogel, so weuig variirt hat. Dass Gänse in alter Zeit domesti- cirt wurden, wissen wir aus gewissen Versen  im Homer, ebenso aus der Thatsache, dass diese Vögel auf dem Capitol in Rom der Juno geheiligt gehalten wurden (388 vor Chr.), welche Heilighaltung ein bedeutendes Alter bedingt -°. Dass die Gans in einem gewissen Grade variirt hat, können wir daraus schliessen, dass die Zoologen in Bezug auf ihre wilde Elternform nicht einstimmig sind; doch liegt die Schwierigkeit vorzüglich darin , dass drei oder vier nahe verwandte wilde europäische Arten existiren 21 . Eine bedeutende Majorität fähiger Beurtheiler ist überzeugt, dass unsere Gänse von der wilden grauen Gans (Anse; - ferus)  abstammt, deren Junge leicht gezähmt werden können 22 , und welche von den Lappländern do- mesticirt wird. Wird diese Art mit der Hausgans gekreuzt , so er- •° J. E. Tennent, Ceylon. 1859, Yol. I, p. 485. s. auch Crawfurd, on the Relation of Dornest. Anim, to Civilisation. British. Asoc. 1860. s. auch E. S. Dixon, Ornamental Poultry, 1848, p. 132. Die auf ägyptischen Monumenten abgebildete Gaus scheint die rothe Gans von Ägypten gewesen zu sein. 11 Macgillivray.  British Birds. Vol. IV, p. 593. 22 A. Strickland ( Annals and Mag. of nat. hist. 3. Ser. Yol. III. 1859, p. 122) erzog mehrere wilde Gänse und fand sie in allen Cliaracteren und Gewohnheiten mit der Ilausgans identisch.

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8. Cap. Variationen derselben. 359 zeugt sie, wie es im Zoologischen Garten der Fall war und wovon man mich 1849 versicherte, vollständig fruchtbare Nachkommen 23 . Yarrell 24  beobachtete, dass der untere Theil der Trachea der Hausgans zuweilen abgeplattet ist und dass ein Kranz weisser Federn zuweilen die Schnabelbasis umgibt. Diese Charactere scheinen auf den ersten Blick Hinweisungen auf eine früher stattgehabte Kreuzung mit der weissstirnigen Gans zu sein (A. albifrons aber der weisse Kranz ist bei der letzten Species variabel. Auch dürfen wir das Gesetz analoger Variation nicht übersehen , d. h. dass eine Species Charactere verwandter Species annimmt. Da sich die Gans in ihrer Organisation als so unbeugsam unter lange fortgesetzter Domestication gezeigt hat, so ist es wohl der Mühe werth, die Grosse der Variation anzugeben, die bei ihr nachzuweisen ist. Sie hat an Grosse und Fruchtbarkeit zugenommen 2ä , und variirt von einer weissen bis zu einer dunkelgrauen Färbung. Mehrere Beobachter 26  haben angegeben, dass der Gänserich häufiger weiss ist. als die Gans und dass er im Alter fast unabänderlich weiss wird; dies ist indess mit der Elternform der A. ferus  nicht der Fall. Auch hier mag das Gesetz der analogen Variation ins Spiel gekommen sein, da das schneeweisse Männchen der Felsengans CBernicla antarctica ), das am Strande neben seiner dunkelgrauen Ehehälfte steht, allen denen, welche die Buchten des Feuer- landes und der Falkland-Inseln besucht haben, w'ohl bekannt ist. Einige Gänse haben Federbüsche auf dem Kopfe und der Schädel ist, w ie früher angegeben, darunter durchlöchert. Neuerdings ist eine Unterrasse erzogen worden, bei der die Federn am Rückentheil des Kopfes und Halses umgekehrt sind 27 . Der Schnabel variirt 23  s. auch J. Hunter's Essays, edit, by Owen. Vol. II, p. 322. 24  Yarrell's British Birds. Vol. III, p. 142. Er erwähnt, dass die Lappländer die Gans domestieiren. 25  L. Lloyd, Scandinavian Adventures. 1854. Vol. II, p. 413, sagt, dass die wilde Gans fünf bis acht Eier legt, welches eine viel kleinere Zahl ist, als sie unsere Hausgaus legt. 26  Diese Beobachtung scheint zuerst L. J e n y n s in seinen »British Animais« gemacht zu haben, s. auch Yarrell, und Dixon in seinem »Ornamental Poultry« (p. 139) und Gardener's Chronicle. 1857, p. 45. 21 Mr. Bartlett legte einen so characterisirten Kopf und Hals in der Zoological Society im Februar 1860 vor.

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 Domesticirte Gans. 8. Cap. etwas in Grösse und ist gelblicher, als bei der wilden Art, doch ist seine Färbung ebenso wie die der Beine in geringem Grade variabel 28 . Diese letztere Thatsache ist der Aufmerksamkeit werth. weil die Farbe der Beine und des Schnabels zur Unterscheidung der verschiedenen nahe verwandten wilden Formen düsterst werthvoll ist 29 . Bei unsern Ausstellungen werden zwei Bassen gezeigt, nämlich die Embden- und Toulouse-Gans; sie weichen aber in nichts ab, als in der Farbe 30 . Neuerdings ist eine kleinere, eigentümliche Varietät aus Sebastopol importirl worden 3I , deren Schulterdeckfedern (wie ich von Mr. Tegetmeier  hörte, der mir auch Exemplare schickte) bedeutend verlängert, gekräuselt und selbst spiral aufgerollt sind. Die Bänder dieser Federn sind durch die Divergenz der Bärte und Bartfasern flockig geworden, so dass sie in einem gewissen Grade denen vom Rücken des schwarzen australischen Schwanes ähnlich sind. Diese Federn sind auch merkwürdig wegen des mittleren Schaftes, welcher übertrieben dünn und durchscheinend und in feine Filamente gespalten ist, welche, nachdem sie eine Zeit lang frei geblieben sind, zuweilen wieder mit einander verwachsen. Es ist eine merkwürdige Thatsache, dass diese Federn auf jeder Seite regelmässig mit feinem Daun oder Barteln besetzt sind, genau so, wie an den eigentlichen Bartfäden der Feder. Diese Structur der Federn wird Halbblutvögeln vererbt. Bei Gallus son- neratii  verschmelzen die Bärte und Bartfasern mit einander und bilden dünne, hornige Platten von derselben Natur wie der Schaft. In der in Rede stehenden Varietät der Gans theilt sich der Schaft in Fäden, welche Bartfasern erhalten und so wirklichen Bärten gleichen. Obschon die domesticirte Gans sicher etwas von allen bekannten wilden Arten abweicht, so ist doch der Betrag an Variation, dem sie unterlegen ist, verglichen mit den meisten domesticirten is Thompson, Natural History of Ireland, 1851. Vol. Ill, p. 31. E. S. Dixon machte mir Mittheilungen über die variireude Färbung an Schnabel und Beinen. 29 A. Strickland in: Annals and Mag. of nat. hist. 3. Ser. Vol. III, 1859, p. 122. 30 Poultry Chronicle, Vol. I. 1854. p. 498. Vol. III. p. 210. 31  The Cottage Gardener, 4. Sept. 1860, p. 348.

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8. Cap. Der Pfau. 361 Thiercn merkwürdig gering. Die Thatsache kann zum Tlieil dadurch erklärt werden, dass Zuchtwahl in durchaus keinem hohen Grade ins Spiel gekommen ist. Vögel aller Arten, welche viele distinct« Rassen darbieten, werden als Liebhabereien oder als Schmuckvögel geschätzt. Niemand hat eine besondere Liebhaberei für die Gans; es ist geradezu in mehr als einer Sprache der Name schon ein Ausdruck des Tadels. Die Gans wird wegen ihrer Grösse und ihres Geschmackes, wegen der Weisse ihrer Federn geschätzt, welche letztere den Werth noch erhöht, und wegen ihrer Fruchtbarkeit und Zahmheit. In allen diesen Punkten w eicht die Gans von ihrer wilden Elternform ab und dies sind gerade die Punkte, die bei der Zuchtwahl berücksichtigt w orden sind. Selbst in alten Zeiten schätzten die römischen Gutsclnnecker die Leber der weissen Gans: und im Jahre 1555 spricht Pierre Belon 32  von zwei Varietäten, von denen die eine grösser, fruchtbarer und besser gefärbt ist, als die andere, und er gibt ausdrücklich an, dass gute Hauswirthe genau Acht haben auf die Färbung der jungen Gänschen, damit sie wissen, welche sie zu erhalten und zum Züchten auszuwählen haben. Der Pfau. Es ist dies ein anderer Vogel, der kaum unter der Domestication variirt hat. ausgenommen, dass er zuweilen w r eiss oder scheckig ist. Mr. Waterhouse verglich, wie er mir mittheilt, sorgfältig Bälge des wilden indischen und des domesticirten Vogels. Sie waren in jeder Hinsicht identisch, ausgenommen, dass das Gefieder des letzteren vielleicht etwas dichter war. Ob unsere Pfauen von denen abstammen, welche zur Zeit Alexanders nach Europa eingeführt wurden, oder ob sie später noch importirt wurden, ist zweifelhaft. Sie pflanzen sich bei uns nicht sehr zahlreich fort und werden selten in grosser Anzahl gehalten, Umstände, weiche der allmählichen Zuchtwahl und Bildung neuer Rassen bedeutende Hindernisse darbieten dürften. In Bezug auf den Pfau findet sich doch eine merkwürdige Tliat- 32  L'Hist. de la nature des Oiseaux. par P. Beton, 1555, p. 150. In Bezug darauf, dass die Römer die Lebern der weissen Gänse vorzogen s. Isidore Geoffroy St. Hilaire.  Hist. uat. gener. Tom. III. p. 58.

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 Der Pfau. 8. Cap. suche, nämlich das gelegentliche Auftreten der sogenannten "laekir- ten" oder "schwarzschultrigen" Art in England. Neuerdings ist diese Form von der bedeutenden Autorität des Mr. Sc la ter als distincte Species mit dem Namen Pavo niyripcnnis  bezeichnet worden und er glaubt, dass sie später noch in irgend welchem Lande, aber nicht in Indien, wo sie sicher unbekannt ist, wild gefunden werden wird. Diese schwarzschultrigen Vögel weichen von dem gemeinen Pfau in der Färbung ihrer Schwungfedern zweiter Reihe, Schulterdeckfedern, Flügeldeckfedern und Schenkel auffallend ab; die Weibchen sind viel blässer und auch die Jungen weichen ab, wie ich von Mr. Bartlett höre. Sie lassen sich vollständig rein züchten. Wenn sie auch nicht den Bastarden von P. cristatus  und muticus  ähnlich sind, so sind sie nichtsdestoweniger in manchen Beziehungen im Character intermediär zwischen diesen beiden Species ; und diese That- sachc unterstützt, wie Mr. Sc later  glaubt, die Ansicht, dass sie eine distincte und natürliche Art bilden ;!3 . Auf der andern Seite gibt Sir R. Heron an 34 , dass er sich entsinnen könne, dass diese Rasse in Lord Brown low's grosser Heerde von scheckigen, weissen und gemeinen Pfauen plötzlich aufgetreten sei. Dasselbe kam in Sir J. T revc ly ans  Heerde vor, welche gänzlich aus der gemeinen Form bestand; ebenso in Mr. T h o r n ton's Heerde gemeiner und scheckiger Pfauen. Es ist merkwürdig, dass in den beiden letzteren Fällen die schwarzschultrige Art zunahm bis zum Aussterben der vorher vorhandenen Rasse. Durch Mr. Sclater  erhielt ich auch eine Angabe von Mr. Hudson Gurney, dass er vor vielen Jahren ein Paar schwarzschultriger Pfauen von der gemeinen Art erzog; und ein anderer Ornitholog, Prof. A. Newton,  gibt an, dass er vor fünf oder sechs Jahren einen weiblichen Vogel, der in allen Beziehungen dem Weibchen der schwarz- schultrigen Art ähnlich war, aus einer Heerde von gemeinen Pfauen in seinem Besitz erlrielt, welche mehr als zwanzig Jahre lang mit keinem Vogel irgend einer andern Linie gekreuzt worden w ar. Wir haben hier fünf entschiedene Fälle von plötzlichem Auftreten 33  P. L. Sclater, on the black-shouldered peacock of Latham. Proceed. Zoolog. Soc. 24. Apr. I860. 31  Proceed. Zool. Soc. 14. Apr. 1835

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8. Cap. Der Pfau. 363 schwarzschultriger Vögel unter Heerden tier gemeinen Art, die in England gehalten wurden. Bessere Zeugnisse für das erste Auftreten einer neuen Varietät lassen sich kaum beibringen. Verwerfen wir dieses Zeugniss und glauben, dass der "lackirte" Pfau eine distincte Art ist, so müssen wir annehmen, dass in allen diesen Fällen die gemeine Rasse zu irgend einer früheren Periode mit der angenommenen Art P. nigripennis  gekreuzt worden sei, aber jede Spur der Kreuzung verloren habe, dass aber doch die Vögel gelegentlich Junge erzeugen, welche plötzlich und vollkommen in Folge eines Rückschlages die Charactere von P. nigripennis  wiedererlangen. Von einem andern ähnlichen Falle derart habe ich weder im Thier- noch Pflanzenreich irgend etwas gehört. Um die völlige Unwahrscheinlichkeit eines solchen Vorkommens uns deutlich zu machen, können wir annehmen, dass eine Hunderasse zn irgend einer früheren Zeit mit dem Wolf gekreuzt worden ist, aber jede Spur des wolfsähnlichen Characters verloren hat. dass aber trotzdem die Rasse in fünf Fällen innerhalb desselben Landes und zwar innerhalb eines verhält- nissmässig geringen Zeitraums Junge producirte, die in jedem Character vollständig Wölfe waren. Wir müssen ferner annehmen, dass in zweien dieser Fälle die neuprodueirten Wölfe sich später von selbst in einer solchen Ausdehnung vermehrten, dass sie das Aussterben der älteren Form der Heerde veranlassen. Eine so merkwürdige Form wie der P. nigripennis  würde bei seiner ersten Importation einen hohen Preis erlangt haben; es ist daher unwahrscheinlich, dass er ganz im Stillen eingeführt und seine Geschichte später verloren gegangen sein sollte. Im Ganzen scheint mir, wie es auch Sir R. Hero n schien, das Zeugniss sehr zu Gunsten der Ansicht zu sprechen, dass die sclnvarzschultrige Rasse eine Variation ist, welche entweder von dem englischen Klima oder von irgend einer unbekannten Ursache veranlasst wurde, wie z. B. Rückschlag zu einem ursprünglichen und ausgestorbenen Zustande der Art. Nach der Ansicht, dass der sclnvarzschultrige Pfau eine Varietät ist, ist dies der merkwürdigste je berichtete Fall von dem ganz abrupten Auftreten einer neuen Form, welche so sehr einer echten Species gleicht, dass sie einen der erfahrensten unter den lebenden Ornithologen getäuscht hat.

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 Das Truthuhn. 8. Cap. Das Truthuhn. Es scheint durch 11 r. Go ul d 35  ziemlich sicher ausgemacht zu sein, dass das Truthuhn in Übereinstimmung mit der Geschichte seiner ersten Einführung von einer wilden mexikanischen Art (Meleagris mexicana)  abstammt, welche von den Eingebornen bereits vor der Entdeckung von Amerika domesticirt worden war, und welche, wie allgemein geglaubt wird, von der gemeinen wilden Art der Vereinigten Staaten specifisch abweicht. Einige Zoologen indess meinen, dass diese beiden Formen nur als gut gezeichnete geographische Rassen aufgeführt werden sollten. Wie dies auch sein mag, so verdient der Fall doch Erwähnung, weil in den Vereinigten Staaten zuweilen wilde Truthähne domesticirten Hennen, welche von der mexicanischen Form abstanunen, den Hof machen und "von diesen allgemein mit grossem Vergnügen zugelassen werden" 36 . Es sind auch mehrere Berichte über junge Vögel publi- eirt worden, welche in denVereinigten Staaten aus Eiern der wilden Art aufgezogen sich mit der gemeinen Rasse kreuzten und vermischten. Auch in England ist dieselbe Species in mehreren Parks gehalten worden. Aus zwei derselben erhielt W. D. Fox Vögel und sie kreuzten sich sehr reichlich mit der gemeinen domesticirten Art; und wie er mir mittheilt, zeigten noch viele Jahre später die Truthühner in seiner Nachbarschaft deutlich das Zeichen dieser ge- kreuzten Abstammung. Wir haben hier ein Beispiel, dass eine do- mestieirte Rasse durch eine Kreuzung mit einer distincten Species oder wilden Rasse modificirt worden ist. Schon im Jahr 1802 ver- muthete F. Michaux 37 ,  dass das gemeine domesticirte Truthuhn 35  Proc. Zoolog. Soc., 8. Apr. 1856, p. 61. Prof. Baird (citirt in Te- getmeier's Poultry Book, 1866, p. 269) glaubt, dass unsre Truthühner von einer jetzt ausgestorbenen westindischen Art abstammen. Aber abgesehen von der Unwahrscheinlichkeit, dass ein Vogel auf diesen grossen und üppigen Inseln schon lange ausgestorben sein soll, scheint (wie wir gleich sehen werden) das Truthuhn in Indien zu degeneriren; und diese Thatsacbe weist darauf hin, dass es nicht ursprünglich ein Bewohner tropischer Niederungen gewesen ist. 36 Audubon's  Ornithological Biographies, Vol. I. 1831, p. 4—13, und Naturalist's Library. Vol. XIV. Birds, p. 138. 37  F. Michaux,  Travels in North America, 1802. Englische Übers, p. 217.

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8. Cap. Das Truthuhn. 365 nicht allein von der Art in den Vereinigten Staaten abstammt, sondern gleichfalls von einer südlichen Form und er gieng so weit anzunehmen, dass englische und französische Truthühner deshalb von einander abwichen, weil sie verschiedene Proportionen vom Blut der beiden Flternformen hatten. Englische Truthühner sind kleiner als beide wilde Formen; sie haben in keinem bedeutenden Grade variirt, doch gibt es einige Rassen, die man wohl unterscheiden kann, wie Norfolk, Suffolk, weisse und kupferfarbige (oder Cambridge), welche alle, wenn man eine Kreuzung mit andern Rassen hindert, rein züchten. Von diesen Sorten ist die distincteste das kleine derbe, mattschwarze Norfolk-Trut- hulin, dessen Junge schwarz sind, gelegentlich mit weissen Flecken um den Kopf. Die andern Rassen sind kaum verschieden mit Ausnahme der Färbung und ihre Jungen sind meist über und über mit braun-grau gefleckt 38 . Der Haarbüschel auf der Brust, welcher nur dem Männchen eigenthiimlich ist, erscheint gelegentlich auch auf der Brust des domesticirten Weibchens 39 . Die unteren Schwanzdecken variiren der Zahl nach und einem deutschen Aberglauben zufolge legt die Henne soviel Eier, als der Hahn Federn dieser Art besitzt 40 . In Holland gab es früher nach Temminck  eine schöne gelb-rötldiche Rasse, die einen grossen weissen Federbusch auf dem Kopfe besass. W i 1 m o t hat einen weissen Truthahn beschrieben 41 mit einem Federbusch, der "aus ungefähr vier Zoll langen Federn mit nackten Schäften und einem an der Spitze hervorwachsenden Büschel weicher vveisser Dunen gebildet war". Viele von den jungen Vögeln erbten, so lange sie jung waren, diese Art von Federbusch: später fiel er aber entweder ab oder wurde von den andern Vögeln ausgepickt. Dies ist ein interessanter Fall, da sich mitSorg- falt wahrscheinlich hier eine neue Rasse hätte bilden lassen und ein Federbusch dieser Art würde in einer gewissen Ausdehnung dem analog gewesen sein, welchen dieMännchen in mehreren verwandten Gattungen tragen, wie Euplocomus , Lophophorus  und Pavo. 38  Ornamental Poultry, by E. S. Dixon. 1848, p. 34. 39  E. S. Dixon, ibid. p. 35. 40  Bechstein, Naturgeschichte Deutschlands. Bd. 3. 1793, p. 309, 41 Gardener's Chronicle. 1852, p. 699.

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 Perlhuhn. 8. Cap. Wilde Truthühner j die man in allen einzelnen Fällen als aus den Vereinigten Staaten importirl annahm, wurden in den Parks der Lords Powis, Leicester, Hill und Derby  gehalten. W.D.Fox verschaffte sich Vögel aus den zwei erstgenannten Parks und er theilt mir mit, dass sie sicher etwas von einander in der Form ihrer Körper und in dem gebänderten Gefieder auf ihren Flügeln abwichen. Auch waren diese Vögel von Lord Hill's Heerde verschieden. Einige dieser letzteren, welche von Sir P. Egerton  in Oulton gehalten wurden, erzeugten gelegentlich, trotzdem ihre Kreuzung mit den gemeinen Truthühnern vermieden wurde, viel blässer gefärbte Vögel und einen, welcher fast weiss, aber kein Albino war. Diese halbwilden Truthühner bieten in dem Umstand, dass sie von einander unbedeutend abweichen, einen analogen Fall zu dem wilden Rind dar, welches in den englischen Parks gehalten wird. Wir müssen annehmen, dass die Verschiedenheiten ein Resultat davon sind, dass eine freie Kreuzung zwischen Vögeln, die eine weite Verbreitung haben, verhindert wurde, und dass die Bedingungen, denen sie in England ausgesetzt wurden, verschieden waren. In Indien hat das Klima offenbar eine noch grössere Veränderung im Truthuhn hervorgebracht; dennMr.Blyth beschreibt es 42  als in der Grösse sehr degenerirt, "völlig unfähig sich auf den Flügeln zu erheben", von schwarzer Färbung und mit einer enormen Entwickelung der langen herabhängenden Anhänge über dem Schnabel". Das Perlhuhn. Die Naturforscher sind jetzt derMeinung, dass das domesticirle Perlhuhn von der Numidaptilorhynca  abstamme, welche sehr heisse und theilweise äusserst dürre Districte in Ostafrika bewohnt; es ist demzufolge in England äusserst verschiedenen Lebensbedingungen ausgesetzt worden. Nichtsdestoweniger hat eskaum irgendwie variirt, ausgenommen dass das Gefieder entweder heller oder dunkler gefärbt ist. Es ist eine eigenthümlieheThatsache, dass dieser Vogel in Westindien und auf dem spanischen Festlande unter einem heissen, jedoch feuchten Klima in der Färbung mehr variirt als in Europa 4S . In Ja- 42  E. Blyth, in: Annals and Mag. of nat. hist. 1847. Vol. XX. p. 391. 43 Roulin  macht diese Bemerkung in: Memoires pres, par div. Sav.

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8. Cap. Canarienvogel. 367 maika und San Domingo 44  ist das Perlhuhn völlig verwildert und hat an Grösse abgenommen: die Beine sind schwarz, während die Beine des ursprünglich afrikanischen Vogels grau sein sollen. Diese geringe Veränderung ist derBeachtung worth, da die Angabe so oft wiederholt wird, dass alle verwilderten Thiere unabänderlich in jedem Character zu ihrem ursprünglichen Typus Zurückschlagen. Der Canarienvogel. Da dieser Vogel in neuerer Zeit, nämlich innerhalb der letzten 350 Jahre domesticirt worden ist, so ist seine Variabilität der Beachtung werth. Er ist mit neun oder zehn andern Arten von Fringilli- den gekreuzt worden und einige der Hybriden sind fast vollkommen fruchtbar. Wir haben aber keine Bew eise, dass irgend eine distincte Rasse aus solchen Kreuzungen entstanden ist. Trotz der modernen Domestication des Canarienvogels sind viele Varietäten erzeugt werden; selbst vor dem Jahre 1718 wurde in Frankreich 45  eine Liste von 27 Varietäten publicirt und im Jahre 1779 w urde von der "London Canary Society" ein langer Zettel mit den w Ansehens werthen Qualitäten gedruckt , so dass eine beträchtliche Zeit hindurch methodische Zuchtw'ahl ausgeübt worden ist. Die grössere Zahl der Varietäten differirt nur in der Färbung und in den Zeichnungen des Gefieders: einige Rassen indessen weichen auch in der Form ab: so die "hooped" oder "bowed" Canarienvogel und die belgischen mit ihren sehr verlängerten Körpern. Mr. Brent 46 maas einen der letzteren und fand ihn acht Zoll lang, w'ährend die wilden Canarienvogel nur oYiZoll lang sind. Es gibt auch Canarienvogel mitFeder- biischen auf dem Kopf, und es ist eine merkwürdige Thatsache, dass, Acad. d. Scienc. Tom. VI. 1835, p. 349. Mr. Hill  von Spanisch Town theilt mir brieflich die Beschreibung von fünf Varietäten der Perlhühner von Jamaica mit. Ich habe eigenthiimlich blass gefärbte Varietäten gesehen, die aus Barbados und Demerara eingeführt waren. 44  Wegen S. Domingo s. M. A. Salle  in: Proceed. Zoolog. Soc. 1857, p. 236. Mr. Hill  theilt mir in seinem Briefe Bemerkungen über die Färbung der Beine bei den verwilderten Vögeln auf Jamaica mit. 45  B. P. Brent,  The Canary, British Finches etc. p. 21. 30. 46  The Cottage Gardener, 11. Dec. 1855, p. 184. Hier wird eine Beschreibung aller Varietäten gegeben. Viele Messungen der wilden Vögel s. bei E. Vernon Harcourt,  ebenda, 25. Dec. 1855. p. 223.

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 Goldfische. 8. Cap. wenn zwei solcher Vögel gepaart werden, die düngen statt sehr schöner Federbüsche zu haben, meist kahl sind oder selbst eine wunde Stelle am Kopfe haben 47 . Es möchte fast scheinen, als wenn der Federbusch von irgend einer krankhaften Beschaffenheit abhinge, welche bis zu einem schädlichen Grade vergrössert würde, wenn zwei Vögel in solchem Zustande gepaart würden. Es gibt eine fiederfüssige Rasse und eine andere, bei welcher eine Art von Krause die Brust herabläuft. Ein anderer Character verdient erwähnt zu werden, da er auf eine Periode des Lebens beschränkt ist und zu derselben Periode streng vererbt wird: nämlich dass die Flügel- und Schwanzfedern bei Preiscanarienvögeln schwarz sind, "diese Farbe erhält sich indess nur bis zur ersten Mauserung; haben sie sich einmal gemausert, so verschwindet die Eigentümlichkeit" 48 . Canarienvögel differiren sehr in Temperament und Character, in einem geringen Grade auch im Gesang. Sie legen drei oder viermal während eines Jahres Eier. Goldfische. Ausser Säugethieren und Vögeln sind nur wenige den andern grossen Classen ungehörige Thiere domesticirt worden. Um aber zu zeigen, dass es ein fast universelles Gesetz ist, dass Thiere, wenn sie aus ihren natürlichen Lebensbedingungen entfernt werden, va- riiren, und dass, wenn Zuchtwahl angewendet w ird, Rassen gebildet werden können, ist es nothwendig einige Worte über Goldfische, Bienen und Seidenschmetterlinge zu sagen. Goldfische (Cyprimis aurat-us)  wurden erst vor zwei oder drei Jahrhunderten nach Europa eingeführt. Man glaubt indess, dass sie schon seit alter Zeit in China in Gefangenschaft gehalten wurden. Nach der analogen Variation andererFische vermuthetMr. Blyth 49 , dass goldgefärbte Fische im Naturzustände nicht Vorkommen. Diese Fische leben häufig unter den unnatürlichsten Bedingungen und ihre Variabilität in der Färbung, Grösse und in einigen wuchtigen Punkten 47  Bechstein,  Naturgeschichte der Stuhenvögel, 1840, p. 243. s. p. 252, über den ererbten Gesang der Canarienvögel. In Bezug auf ihre Kahlheit s. auch W. Kidd,  Treatise on Song Birds. 48  W. Kidd,  Treatise on Song Birds, p. 18. 49  The Indian Field, 1858, p. 255.

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8. Cap. Goldfische. 369 der Structur ist sehr gross. Sauvigny  hat von nicht weniger als 89 Varietäten Beschreibungen und colorirte Abbildungen gegeben 50 . Viele dieser Varietäten indessen, wie dreifache Schwanzflossen u. s. w. müssen Monstrositäten genannt werden. Es ist aber schwierig, irgend eine bestimmte Grenze zwischen einer Variation und Monstrosität zu ziehen. Da Goldfische als Schmuckthiere und als Merkwürdigkeiten gehalten werden, und da "die Chinesen gerade das Volk sind eine zufällige Varietät irgend welcher Art getrennt gehalten und von ihr weiter gezüchtet zu haben" 51 , so können wir ziemlich sicher annehmen, dass bei der Bildung neuer Rassen Zuchtwahl ausgedehnt angewandt worden ist. Es ist indess eine merkwürdige Thatsache, dass einige der Monstrositäten oder Variationen nicht vererbt werden; denn Sir R. Heron 52  hielt viele von diesen Fischen und brachte alle Deformirten, namentlich solche, denen die Rückenflosse fehlte und die, welche mit einer doppelten oder dreifachen Schwanzflosse versehen waren, in einen Teich für sich. Sie "brachten aber im Verhältniss nicht mehr delörmirte Nachkommen hervor, als die gesunden Fische." Übergehen wir die fast unendliche Verschiedenheit der Farbe, so begegnen wir den ausserordentlichsten Modifieationen der Structur. So beobachtete unter ungefähr zwei Dutzend gekaufter Exemplare Mr. Yarrell  einige, deren Rückenflosse sich weiter, als über die Hälfte der Rückenlänge erstreckte, andere, bei denen diese Flossen nur auf fünf oder sechs Strahlen reducirt war, und einen ohne Rückenflosse. Die Schwanzflossen sind zuweilen doppelt und der Schwanz oft dreifach. Diese letzte Structurabweichung scheint allgemein "auf'Kosten einer andern Flosse entweder im Ganzen oder eines Theiles derselben" vorzukommen 33 ; doch sah Bory de St. Vincent 04  in Madrid Goldfische mit einer Rückenflosse und einem dreifachen Schwanz. Eine Varietät ist durch einen Buckel auf dem Rücken in der Nähe des Kopfes characterisirt undL. Jenyns 55  hat 50 Yarrell.  British Fishes. Vol. 1, p. 319. 51  E. Blyth,  in The Indian Field, 1858, p. 255. 52 Proceed. Zoolog. Soc. 25. Mai, 1842. 53 Yarrell,  British Fishes Vol. 1, p. 319. 54  Dictionn. class, d'hist. nat. Tom. V, p. 276. 55 Observations in natur. hist. 1846, p. 211. Eine fast ähnliche Varie- Darwix, Erster Theil. 24

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 Stockbiene. 8. Cap. eine äusserst merkwürdige aus China importirte Varietät beschrieben, die derForm nach fast kuglig war, wie ein Diodon,  bei welcher "der fleischige Theil des .Schwanzes fast wie weggeschnitten war: die Schwanzflosse sass etwas hinter der Rückenflosse und unmittelbar über der Afterflosse". Bei diesem Fisch war die After- und Schwanzflosse doppelt; die Afterflosse war dem Körper vertical angeheftet, auch waren die Augen enorm gross und vorspringend. Stock biene. Bienen sind seit alter Zeit domesticirt worden, wenn man überhaupt ihren Zustand als einen domesticirten betrachten kann: denn sie suchen sich ihre Nahrung selbst mit Ausnahme von nur wenig, was man ihnen während des Winters gibt. Ihre Wohnung ist ein Bienenstock, statt einer Höhlung in einem Baum. Indess sind Bienen nach fast allen Welttheilen transportirt worden, so dass das Klima, wenn es überhaupt eine directe Wirkung hervorzubringen im Stande ist, hier eine solche hervorgerufen haben sollte. Es wird häufig behauptet, dass die Bienen in verschiedenen Theilen von Grossbritannien in der Grösse, Färbung und im Temperament verschieden sind, und Godron 56  sagt, dass sie im südlichen Frankreich meist grösser sind als in andern Theilen von Frankreich. Auch ist angeführt worden, dass die kleinen braunen Bienen von Oberburgund, wenn sie nachLaBresse transportirt werden, in der zweiten Generation gross und gelb werden. Diese Angaben bedürfen aber der Bestätigung. Was die Grösse betrifft, so ist bekannt, dass in sehr alten Waben erzeugte Bienen kleiner sind, da die Zellen durch die successiven alten Puppenhülsen kleiner geworden sind. Die besten Autoritäten 57 stimmen darin überein, dass mit Ausnahme der ligurischen Rasse oder Art, die ich gleich zu erw ähnen haben werde, in England oder auf dem Continent distinete Rassen nicht existiren; doch findet sich tat, aber ohne Rückenflosse, hat Gray in: Annals and Mag. of nat. hist. 1860. p. 151 beschrieben. 56  De l'espece, 1859. p. 459. In Bezug auf die Burgunder Bienen s. M. Gerard, Artikel »Espece« in Dictioun. Univers. d'hist. nat. 51  s. eine Erörterung über diesen Gegenstand als Beantwortung einiger von mir gestellter Fragen in: Journal of Horticulture, 1862, p. 225—242; s. auch Mr. Bevan Fox,  ebenda, 1862, p. 284.

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8. Cap. Stockbiene. 371 selbst in demselben Stock einige Variabilität in der Färbung. So gibt Woodbury an a8 . dass er mehrmals Bienenköniginnen der gemeinen Art gesehen habe, welche wie ligurische Königinnen gelb geringelt waren, ebenso die letzteren wie gewöhnliche Bienen dunkel gefärbt. Auch hat er Variationen in der Färbung der Drohnen gesehen ohne entsprechende Differenzen an Königinnen oder Arbeiterinnen desselben Stockes. Der grosse Bienenzüchter Dzie rzon sagt, meine Fragen über diesen Gegenstand beantwortend, "dass in Deutschland Bienen mancher Stöcke entschieden schwarz sind, während andere wegen ihrer gelben Färbung merkwürdig sind". Auch scheinen Bienen in verschiedenen Districten in ihrer Lebensweise abzuweichen, denn Dzierzon  fügt hinzu: "Wenn viele Stöcke mit ihren Nachkommen mehr zum Schwärmen neigen, während andere reicher anllonig sind, so dass mancheBienenzüchter geradezu zwischen schwärmenden und honigsannnelnden Bienen unterscheiden, so ist dies eine Gewohnheit, welche zur zweiten Natur geworden ist. verursacht durch die gewöhnliche Weise die Bienen zu halten und durch die Weideart desDistrictes; z.B. was für eine Verschiedenheit in dieser Beziehung sieht man zwischen den Bienen der Lüneburger Haide und denen dieser Gegend". . .. "Eine alte Königin zu entfernen und eine junge vom laufenden Jahr dafür zu substituiren, ist bei uns ein untrügliches Mittel den stärksten Stock vom Sclnvärmen abzuhalten und Drohnenbriitigkeit zu verhindern, während dieselben Mittel in Hannover angewendet sicher ohne Erfolg sein würden". Ich verschaffte mir einen Bienenstock voll todter Bienen ans Jamaika, wo sie schon lange naturalisirt sind und bei einer sorgfältigen Vergleichung derselben unter dem Mieroscop mit meinen eigenen Bienen konnte ich nicht eine Spur von Verschiedenheit entdecken. Diese merkwürdige Gleichförmigkeit bei derStockbiene. wo sie auch gehalten wird, läst sich wahrscheinlich durch die grosse 58  Auf diesen ausgezeichneten Beobachter kann man sich sicher verlassen. s. Journal of Horticulture, 14. Juli, 1863, p. 39. 89 Journal of Horticulture, 9. Sept. 1862, p. 463. s auch Kleine, ebendarüber (11. Nov. p. 643); er fasst das Einzelne dahin zusammen, dass, wenn auch in der Färbung etwas Variabilität besteht, doch hei den Bienen in Deutschland keine constanten und wahrnehmbaren Verschiedenheiten vorhanden sind.

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 Stockbiene. 8. Cap. Schwierigkeit oder vielmehr Unmöglichkeit erklären, hier durch das Paaren besonderer Königinnen und Drohnen Zuchtwahl ins Spiel zu bringen; denn dieselnsecten begatten sich nur während des Fluges. Auch kennt man keinen Fall, mit einer einzigen theilweisen Ausnahme, dass Jemand von einem Stock gezüchtet habe, in welchen die Arbeiterinnen irgend eine merkbare Verschiedenheit darboten. Um eine neue Rasse zu bilden, würde, wie wir jetzt wissen, ein Getrennthalten von andern Bienen unumgänglich sein; denn seit der Einführung der italienischen Biene in Deutschland und England hat man gefunden, dass die Drohnen mindestens zwei Meilen von ihren eigenen Stücken wandern und sich oft mit den Königinnen der gemeinen Bienen kreuzen 60 . Ist auch die italienische Biene vollkommen fruchtbar bei der Kreuzung mit der gewöhnlichen Art, so wird sie doch von den meisten Naturforschern für eine distincte Art gehalten, während sie Andere für eine natürliche Varietät erklären. Doch braucht diese Form hier nicht erwähnt zu werden, da wir keinen Grund zur Annahme haben, dass sie das Product einer Domestication ist. Auch die ägyptische und einige andere Bienen werden von Dr. Gerstäeker Bl , aber von keinen andern competentenRichtern, für geographische Rassen gehalten. Er gründet seinen Schluss hauptsächlich auf die Thatsache, dass in gewissen Districten, so in der Krim und in Rhodos, die Stockbiene so sehr in der Färbung variirt, dass sie mit verschiedenen geographischen Rassen durch intermediäre Formen verbunden werden kann. Ich habe oben ein einziges Beispiel der Trennung und Erhaltung einer besonderen Form von Bienen angeführt. Mr. Lowe 62 verschaffte sich von einem Bauer wenig Meilen von Edinburgh einige Bienen und bemerkte, dass sie von der gemeinen Biene darin abwichen, dass die Haare am Kopf und Thorax heller gefärbt und viel zahlreicher w aren. Nach dem Datum der Einführung der italienischen Biene in England können wir sicher sein, dass diese Bienen 8 " Mr. Woodbury bat mehrere solche Berichte veröffentlicht im Journal of Horticulture, 1861 und 1862. 81 Annals and Mag of nat. hist. 8. Ser. Vol. XI. p. 839. *'•' The Cottage Gardener, May, 1860, p. 110, und derselbe im Journal of Horticulture, 1862, p. 242.

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8. Cap. Seidensehmetterling. 373 nicht mit jener Form gekreuzt worden sind. Mr. Lowe  pflanzte diese Varietät fort, trennte aber unglücklicherweise diesen Stock nicht von seinen andern Bienen und nach drei Generationen war der neue Character fast vollständig verloren. Er fügt hinzu: Nichtsdestoweniger "behält eine grosse Zahl der Bienen noch immer, wenn auch schwache Spuren der ursprünglichen Colonie". Dieser Fall zeigt uns, was eine sorgfältige und lange fortgesetzte ausschliesslich auf die Arbeiter angewandte Zuchtwahl bewirken könne; denn wie wir gesehen haben, lassen sich Königinnen und Drohnen nicht auswählen und paaren. Seidenschmetterlinge. Diese Insecten sind in mehr als einer Beziehung interessant, besonders weil sie in frühen Lehensperioden bedeutend variirt haben und die Variationen zu entsprechenden Lebensaltern vererbt worden sind. Da der Werth des Seidenschmetterlings gänzlich von dem Cocon abhängt, so wird jede Veränderung in seiner Structur und seinen Dualitäten sorgfältig beachtet und es sind Rassen erzeugt worden, welche in dem Cocon bedeutend, im erwachsenen Zustande fast gar nicht difl'eriren. Bei den Rassen der meisten andern dome- sticirten Thiere gleichen sich die Jungen einander sehr, während die Erwachsenen sehr difl'eriren. Selbst wenn es möglich wäre, würde es doch nutzlos sein, alle die vielen Arten von Seidenschmetterlingen zu beschreiben. In Indien und China existiren mehrere distincte Arten, welche brauchbare Seide erzeugen und einige von diesen sind im Stande, sich mit der gewöhnlichen Seidenmotte reichlich zu kreuzen, wie man neuerdings in Frankreich ermittelt hat. Capt. Hutton 63  führt an, dass auf der ganzen Erde mindestens sechs Arten domesticirt worden sind; er glaubt, dass die in Europa gezogenen Seidenschmetterlinge zwei oder drei Arten angehören. Dies ist indess die Ansicht mehrerer fähiger Autoritäten nicht, welche der Pflege dieses Insectes in Frankreich besondere Aufmerksamkeit geschenkt haben. Auch stimmt es mit einigen sofort zu gebenden Thatsachen kaum überein. 63 Transact. Entomolog. Soc. 3. Ser. Vol. III, p. 143—173, und p. 295 bis 331.

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 Seidenschmetterlingn. 8. Cap Der gemeine Seidenspinner (Bombyx mori)  wurde im sechsten Jahrhundert nach Constantinopel gebracht, von wo er nach Italien mul im Jahre 1694 nach Frankreich gebracht wurde 64 . Alle Umstände waren der Variation dieses Insectes günstig. Man glaubt, dass es in China schon seit 2700 Jahren v. Chr. domesticirt worden ist; es ist unter unnatürlichen und verschiedenartigen Lebensbedingungen gehalten und in viele Länder transportirt worden. Wir haben Grund zur Annahme, dass die Natur der Nahrung, welche man der Raupe gibt, in einer gewissen Ausdehnung den Character der Rasse beeinflusst 65 . Nichtgebrauch hat offenbar die gehemmte Entwickelung der Flügel befördert; aber das bedeutungvollste Element bei der Erzeugung der vielen jetzt existirenden, vielfach modificirten Rassen ist ohne Zweifel die sorgfältige Aufmerksamkeit gewesen, welche man in vielen Ländern jeder versprechenden Variation zugewendet hat. Die Sorgfalt, mit der man inEuropa die besten Cocons und Schmetterlinge zurNachzucht ausgewählt hat, ist notorisch 66 , und das Erzeugen von Eiern als besonderer Handelszweig in einzelnen Theilen von Frankreich ebenfalls. Durch Dr. Falconer habe ich mich in Indien erkundigen lassen, und es wurde mir versichert, dass die Eingebornen in dem Process der Zuchtwahl in gleicher Weise sorgfältig sind. In China ist die Erzeugung von Eiern auf gewisse Di- stricte beschränkt und die Züchter sind durch Gesetze von der Erzeugung von Seide ausgeschlossen, so dass ihre ganze Aufmerksamkeit nothwendig sich auf diesen einzelnen Gegenstand concen- trirt 67 . Die folgenden Details über die Verschiedenheiten der einzelnen Rassen sind, wenn nicht das Gegentheil angeführt wird, aus Robinet's ausgezeichnetem Werke 68  entnommen, welches alle Zeichen von Sorg- 64 Godron,  de l'espece. 1859. Tom. I, p. 460. Das hohe Alter des Seidenspinners in China gebe ich nach der Autorität Stanislaus J u lien's. 65  s. die Bemerkungen von Prof. Westwood,  General Hearsey  und anderer in einer Sitzung der Eutomolog. Soc. London. Juli 1861. 66  s. z. B. A. de Quatrefages, Etudes sur les maladies actuelles du Ver ä Soie. 1859, p. 101. 64  Meine Autoritäten für diese Angaben werde ich in dein Capitel über Zuchtwahl geben. fi8  Manuel de l'Educateur de Vers ä Soie. 1848.

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8. Cap. Deren Verschiedenheiten. 375 fait und grosser Erfalirung an sich trägt. Die Eier  der verschiedenen Rassen variiren in der Färbung, in der Form (sie sind entweder rund, elliptisch oder oval) und in der Grösse. Die im südlichen Frankreich im Juni, in dem centraleren im .Juli gelegten Eier entwickeln sich erst im folgenden Frühling, und vergebens, sagt Mr. Robinet,  setzt man sic einer langsamen steigenden Temperatur aus, um etwa hierdurch die Raupe sich schneller entwickeln zu lassen. Gelegentlich werden indess ohne irgend bekannte Ursache Eierklumpen erzeugt, welche sofort die gewöhnlichen Veränderungen durchlaufen und in zwanzig bis dreissig Tagen ausschlüpfen. Rach diesen und einigen andern analogen Thatsachen kann man schliessen, dass die Trevoltini-Seidenwürmer von Italien, deren Räup- clieu in fünfzehn bis zwanzig Tagen ausschlüpfen, nicht wie man behauptet hat, nothweudig eine bestimmte Art bilden. Wenn auch die in temperirten Ländern lebenden Rassen Eier produciren, welche nicht sofort durch künstliche Wärme ausgebrütet werden können, so erlangen sie doch, wenn sie in ein warmes Land gebracht und dort erzogen werden, allmählich den Character der schnelleren Entwickelung, wie bei den Tre- voltini-Eassen 69 . Raupen.  Diese variiren bedeutend in der Grösse und Färbung. Die Haut ist meist weiss, zuweilen mit schwarz oder grau gefleckt und gelegentlich ganz schwarz. AA'ie Air. Robinet  behauptet, ist indess die Färbung nicht constant selbst in völlig reinen Rassen, mit Ausnahme der Race tigree, so genannt wegen der schwarzen queren Streifuugen. Da die allgemeine Färbung der Raupe nicht in Correlation mit der der Seide steht 10 , so beachten sie die Züchter nicht und sie ist durch Zuchtwahl nicht fixirt worden. In dem vorhin erwähnten Aufsatz macht Capt. Hut- ton  nachdrücklich darauf aufmerksam, dass die dunklen tigerähnlichen Zeichnungen, welche während der späteren Häutungen bei Raupen verschiedener Rassen so häufig auftreten, Folge eines Rückschlags sind; denn die Raupen mehrerer verwandter wilder Species von Bonibyx  sind 69 Robinet,  a. a. 0. p. 12, 318. Ich will hinzufügen, dass Eier nord- amerikanischer Seidenspinner nach den Sandwich-Inseln gebracht sich dort sehr unregelmässig entwickelten, und die aus ihnen erzogenen Schmetterlinge producirten Eier, die in dieser Hinsicht noch schlimmer waren. Einige krochen in zehn Tagen aus, andre nicht bis nach Verlauf vieler Monate. Ohne Zweifel würde zuletzt ein regelmässiger frühzeitiger Character erlangt worden sein. s. die Anzeige (in Athenaeum, 1844, p. 329) von J. Jarves's  Scenes in the Sandwich Islands. ™ The Art of rearing Silk-worms, translated from Count Dandolo. 1825, p. 23

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 Seidensehmetterlinge. 8. Cap. in dieser Weise gezeichnet und gefärbt. Er trennte einige Raupen mit diesen tigerähnlichen Zeichnungen und in dem nächstfolgenden Frühling (pg. 149, 298) waren fast alle von diesen erzogenen Raupen dunkel gefleckt und die Färbungen wurden in der dritten Generation noch dunkler. Auch die aus diesen Raupen 11  erzogenen Schmetterlinge wurden dunkler und glichen in der Färbung dem wilden B. huttoni.  Mach dieser Ansicht, dass die tigerähnlichen Zeichnungen Folge eines Rückschlags sind, wird die Persistenz, mit welcher sie übertragen werden, verständlich. Vor mehreren Jahren gab sich Mrs. Whitby grosse Mühe, Seidenwürmer in grossem Maassstabe zu erziehen und sie theilte mir mit, dass einige ihrer Raupen dunkle Augenbrauen hätten. Wahrscheinlich ist dies der erste Schritt zu einer Rückkehr zu den tigerähnlichen Zeichnungen und ich war neugierig zu erfahren, ob ein so unbedeutender Character vererbt werden würde. Auf meine Bitte trennte sie 1848 zwanzig von diesen Raupen und nachdem sie auch die Schmetterlinge getrennt gehalten hatte, züchtete sie von ihnen weiter. Von den vielen auf diese Weise erzogenen Raupen hatte "jede einzelne ohne Ausnahme Augenbrauen, einige dunkler und noch ausgesprochener, als die anderen, aber alle hatten mehr oder weniger deutlich sichtbare Augenbrauen." Gelegentlich treten schwarze Raupen unter denen der gewöhnlichen Art auf, aber in einer so variablen Art und Weise, dass nach Mr. Robinet  dieselbe Rasse das eine Jahr ausschliesslich weisse Raupen, das nächste Jahr viele schwarze hervorbringt. Nichtsdestoweniger hat mir A. Bossy in Genf mitgetheilt, dass wenn von diesen schwarzen Raupen, getrennt gehalten, gezüchtet wird, sie dieselbe Farbe reproduciren. Aber die von ihnen erzogenen Cocons und Schmetterlinge bieten gar keine Verschiedenheiten dar. In Europa häutet sich die Raupe gewöhnlich viermal, ehe sie in den Coconzustand übergeht. Es gibt aber Rassen "ä trois mues" und auch die Trevoltini-Rassc häutet sich nur dreimal. Man hätte denken können, dass eine so wichtige physiologische Verschiedenheit nicht in der Domestication entstanden sein würde, aber Robinet 72  gibt an, dass einerseits gewöhnliche Raupen ihren Coeon nach nur drei Häutungen gelegentlich zu spinnen anfangen und andererseits "presque toutes les races ä trois mues, que nous avons experimentees, ont fait quatre mues ä la seconde ou ä la troisieme annee, ce qui semble prouver, qu'il a suffi de 71 Transact. Entoni. Soc. a. a. 0. p. 153, 308. 72 Robinet,  ebenda, p. 317.

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8. Cap. Bereu Verschiedenheiten. 377 les placer dans des conditions favorables pour leur rendre une faculte qu'elles avaient perdue sous des influences moins favorables." Cocons. Beim Übergange der Raupe in den Cocou verliert sie ungefähr 50 Procent ihres Gewichtes; aber die Grösse des Verlustes ist bei verschiedenen Rassen verschieden und dies ist für den Züchter von Bedeutung. Der Cocon bietet in den verschiedenen Rassen characteri- stische Verschiedenheiten dar; er ist gross oder klein, fast kuglig, ohne Einschnürung, wie bei der Race de Loriol, oder cylindrisch mit einer tiefen oder seichten Einschnürung in der Mitte, mit beiden Enden oder nur einem Ende mehr oder weniger zugespitzt. Die Seide variirt in der Feinheit und Qualität und ist entweder fast weiss in zwei Tönen oder gelb. Allgemein wird die Farbe der Seide nicht streng vererbt. In dem Capitel über Zuchtwahl werde ich aber einen merkwürdigen Bericht geben, wie im Verlauf von fünfuudsechszig Generationen die Zahl gelber Cocons sich bei einer Rasse in Frankreich von hundert bis auf fünfunddreissig unter Tausend vermindert hat. Nach Robinet  ist die weisse, Sina genannte, Rasse durch sorgfältige Zuchtwahl während der letzten 75 Jahre "arrivee ä un tel etat de purete, qu'on ne voit pas un seul cocon jaune dans des millions des cocons blaues" 73 . Zuweilen werden, wie bekanut ist, Cocons gebildet vollständig ohne Seide, welche dennoch Schmetterlinge erzeugen. Unglücklicherweise wurde Mrs. Whitby durch einen Zufall verhindert, sich zu vergewissern, ob dieser Character sich als ein erblicher erweist. Erwachsener Zustand.  Ich kann keinen Nachweis irgend einer constanten Differenz in den Schmetterlingen der verschiedensten Rassen findeu. Mrs. Whitby versicherte mich, dass sich bei den verschiedenen Arten, die sie gezüchtet hat, kein Unterschied fände, und eine ähnliche Angabe habe ich von Mr. de Q.uatrefages  erhalten. Auch Capt. Hutton  sagt 74 , dass die Schmetterlinge aller Arten sehr iu der Färbung variiren , aber in nahezu der gleichen und beständigen Weise. Bedenkt man, wie sehr die Cocons in den verschiedenen Rassen abweichen, so ist diese Thatsache von Interesse und lässt sich wahrscheinlich nach demselben Princip erklären , wie die schwankende Variabilität der Färbung bei der Raupe, dass nämlich hier kein Motiv Vorgelegen hat, irgend eine eigenthümliche Variation zur Nachzucht zu wählen und dauernd zu erhalten. Die Männchen der wilden Bombyciden "fliegen bei Tag und am " Robinet,  ebenda, p. 306—317. '? Transact. Entomol. Soc. a. a. 0. p. 317.

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 Seidenschmetterlingo. 8. Cap. Abend, sehr lebendig - , die Weibchen sind aber gewöhnlich sehr träge und inactiv" 7o . Bei mehreren Motten dieser Familie haben die Weibchen abortive Flügel; kein Beispiel ist aber bekannt, dass die Männchen unfähig wären, zu fliegen; denn in diesem Falle hätte die Species kaum erhalten werden können. Beim Seidenspinner haben beide Geschlechter unvollkommene, verschrumpfte Flügel und sind unfähig zu fliegen, doch findet sich noch eine Spur der characteristischen Y r erschiedenheit bei beiden Geschlechtern. Denn trotzdem ich bei der Vergleichung einer Anzahl von Männchen und Weibchen in der Entwickelung ihrer Flügel keine Differenz entdecken konnte, so versicherte mich doch Mrs. Whitby, dass die Männchen der von ihr gezüchteten Schmetterlinge ihre Flügel mehr gebrauchten als die Weibchen und nach abwärts flattern konnten, dagegen nie aufwärts. Sie führt auch an, dass wenn die Weibchen zuerst den Cocon verlassen, ihre Flügel weniger ausgebreitet sind, als die der Männchen. Doch variirt der Grad der Unvollkommenheit der Flügel sehr in den verschiedenen Bassen und unter verschiedenen Umständen. Q.uatrefages sagt 76 , dass er eine Anzahl von Schmetterlingen gesehen habe, deren Flügel auf ein Drittel, Viertel oder Zehntel ihrer normalen Dimension, ja selbst zu blossen kurzen geraden Stümpfen reducirt waren: "il me semble qu'il y a lä un ve'ritable arret de devoloppement partiel. " Auf der andern Seite beschreibt er die weiblichen Schmetterlinge der Andre'-Jean-Kasse mit "leurs ailes larges et e'tale'es. Un seul presente quelques courbures irre'gulieres et des plis anomaux." Da Motten und Schmetterlinge aller Arten, die man aus wild gefangenen Kaupen in der Gefangenschaft zieht, oft verkrüppelte Flügel haben, so hat wahrscheinlich dieselbe Ursache, was diese auch sein mag, auf den Seidenspinner gewirkt; doch ist, wie man vermuthen kann, der Nichtgebrauch ihrer Flügel durch so viele Generationen gleichfalls ins Spiel gekommen. Die weiblichen Schmetterlinge vieler Bassen versäumen ihre Eier an die Oberfläche, auf welche sie gelegt sind 77 , anzukleben; nach Capt. Hutton 78  kommt dies aber nur daher, dass die Drüsen ihres Ovipositors geschwächt sind. Wie bei andern lange domcsticirten Thieren haben auch die In- 75  Stephens, Illustrations, Haustellata. Vol. II, p. 35. s. auch Capt. Hutton, Transact. Entomol. Soc. a. a. 0. p. 152. 76  Etudes sur les maladies du Ver ä Soie, 1859, p. 304. 209. 77 Quatrefages,  Etudes etc., p. 214. 78 Transact. Entomol. Soc., a. a. 0. p. 151.

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8. Cap. Deren Variationen. 379 stincte des Seidenspinners gelitten. Verden die Raupen auf einen Maulbeerbaum gesetzt, so begehen sie häufig den befremdlichen Irrthum, die Basis des Blattes zu verzehren, auf welchem sie sitzen, und fallen demzufolge herab. Nach Roh in et 79  sind sie aber im Stande, -nieder den Stamm hinauf zu kriechen. Doch fehlt zuweilen selbst diese Fähigkeit; denn Martins 80  setzte einige Raupen auf einen Baum; die, welche herabfielen, waren nicht im Stande, wieder hinauf zu kriechen und verhungerten. Sie waren nicht einmal im Stande, von Blatt zu Blatt zu kriechen. Einige der Modificationen, welche der Seidenspinner erlitten hat, stehen miteinander in Correlation. So weichen die Eier der Schmetterlinge, welche weisse Cocons erzeugen und derjenigen, welche gelbe Co- cons hervorbringen, unbedeutend imEarbenton von einander ab. Die Ab- dominalfüsse der Raupen, welche weisse Cocons bilden, sind gleichfalls immer weiss, während die Füsse derer, welche gelbe Cocons geben, unveränderlich gelb sind 8] . Wir haben schon gesehen, dass die Raupen mit dunklen tigerartigen Streifen Motten erzeugen, welche dunkler schattirt sind als andere. Es scheint ziemlich sicher ausgemacht 82 , dass in Frankreich die Raupen der Rassen, welche weisse Seide erzeugen, und gewisse schwarze Raupen der Krankheit, welche in neuerer Zeit die Sei- dendistricte verwüstet hat, besser als andere Rassen widerstanden haben. Endlich weichen die Rassen auch in ihrer Constitution von einander ab; denn einige gedeihen nicht so gut unter einem temperirtem Klima als andere und ein feuchter Boden beeinträchtigt nicht auf gleiche Weise alle Rassen 83 . Aus diesen verschiedenen Thatsachen sehen wir, dass Seidenspinner gleich wie die höheren Thiere im Verlauf lange fortgesetzter Domestication bedeutend variiren. Wir lernen hier auch die bedeutungsvolle Thatsache kennen, dass Variationen zu verschiedenen Perioden des Lebens eintreten und zu entsprechenden Perioden vererbt werden können; und endlich sehen wir, dass Insecten dem grossen Grundsätze der Zuchtwahl zugänglich sind. 79  Manuel de l'Educateur etc. p. 26. 80  Godron, de l'Espece. p. 462. 81 Quatrel'ages, Etudes etc. p. 12. 209. 214. 82  R ob inet,  Manuel etc. p. 303 83 Robinet,  ebenda, p. 15.

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Keimt e s Gapite l, Cultivirte Pflanzen; Cerealien und Küchen- gewächse. Einleitende Bemerkungen über die Zahl und Abstammung cultivirter Pflanzen. •— Erste Schritte in der Cultur. — Geographische Verbreitung der cultivirten Pflanzen. Cerealien. — Zweifel über die Zahl der Species. — Weizen: Varietäten desselben. — Individuelle Variabilität. - Veränderte Lebensweise. Zuchtwahl. — Alte Geschichte der Varietäten. — Mais: Grosse Variation desselben. — Directe Wirkung des Jflima auf denselben. Küche u ge wüchse. —  Kohl: Varietäten desselben in den Blättern und dem Stamm, aber nicht andern Theilen. — Abstammung. — Andre Species von Brassica. —  Erbsen: Grösse des Variirens in den verschiedenen Sorten, hauptsächlich in den Schoten und Samen. — Einige Varietäten constant, andre sehr variabel. — Kreuzen sich nicht. — Bohnen. — Kartoffeln: Zahlreiche Varietäten derselben. — Verschiedenheiten gering mit Ausnahme der Knollen. — Charactere vererbt. In Bezug auf die Variabilität der cultivirten Pflanzen werde ich nicht in so viel Details eingehen, als bei doinestieirten Thieren. Der Gegenstand bietet viel Schwierigkeiten dar. Die Botaniker haben die cultivirten Varietäten meist vernachlässigt als jenseits ihres Bereiches liegend. In mehreren Fällen ist die wilde Urform unbekannt oder nur zweifelhaft bekannt, und in andern Fällen ist es kaum möglich, zwischen vertragnen Sämlingen und wirklich wilden Pflanzen zu unterscheiden, so dass es an einem sicheren Maassstab der Vergleichung fehlt, nach dem man den muthmasslichen Betrag der Veränderung beurtheilen konnte. Nicht wenig Botaniker glauben, dass mehrere unserer seit Alters her cultivirten Pflanzen so tief modifi- cirt worden sind, dass es jetzt unmöglich ist, ihre ursprüngliche Form zu erkennen. In gleicher Weise verwirrend sind die Zweifel,

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9. Cap. Cultivii'tc Pflanzen. 381 öl» einige von ihnen von einer Species oder von mehreren, durch Kreuzung und Variation unentwirrbar vermischten Arten abstammen. Variationen gehen oft in Monstrositäten über und können von solchen nicht unterschieden werden: und Monstrositäten sind für un- sern Zweck von geringer Bedeutung. Viele Varietäten sind nur durch Pfropfreiser, Knospen, Ableger, Zwiebeln u. s. w. fortzupflanzen, und häufig weiss man nicht, in wie weit ihre Eigentümlichkeiten durch Fortpflanzung mittelst Samens zu übertragen sind. Nichtsdestoweniger lassen sich einige Thatsachen von Werth erlangen und andere Thatsachen werden später noch beiläufig gegeben werden. Einer der hauptsächlichsten Zwecke der folgenden beiden Ca- pitel ist zu zeigen, wie allgemein fast jedes Merkmal in unsern cul- tivirten Pflanzen variabel geworden ist. Ehe ich in Details eingehe, w ill ich noch wenig allgemeine Bemerkungen über den Ursprung cultivirter Pflanzen hier einführen. Alph. D e Candolle 1  gibt in einer vorzüglichen Erörterung über diesen Gegenstand, in welcher er eine wunderbare Kenntniss entfaltet, eine Liste von 157 der nützlichsten cultivirlen Pflanzen. Er glaubt, dass 85 von diesen fast sicher in ihrem wilden Zustande bekannt sind. Andere competente Richter 2  sind aber in Bezug hierauf sehr zweifelhaft. Von TU aus jenen gibt De Can do  11 e zu, dass der Ursprung zweifelhaft ist, entweder wegen einer gewissen Unähnlichkeit, welche sie bei der Vergleichung mit ihren nächsten Verwandten im wilden Zustande darbieten, oder wegen der Wahrscheinlichkeit, dass die letzteren nicht wirklich wilde Pflanzen, sondern nur Sämlinge sind, die sich aus Culturstrecken verloren haben. Von den ganzen 157 rechnet DeCandolle  nur 32 als völlig unbekannt in ihrem ursprünglichen Zustande. Man muss aber bemerken, dass er in seiner Liste mehrere Pflanzen nicht aufzählt, w elche nicht scharf definirte Charactere darbieten, nämlich die verschiedenen Formen von Kürbis, Hirse, Sorghum, Scluninkbohne, Dolichos, spanischen Pfeffer und Indigo. Auch lässt er die Blumen fort und 1  Geographie botanique raisonnce. 1855, p. 810 bis 991. 2  Anzeige von Bentham  in Horticult. Journal, Vol. IX, 1855, p. 133, mit dem Titel: Historical notes on cultivated Plants, by Dr. A. Targioni- Tozzetti. s. auch Edinburgh Review, 1866, p. 510.

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 Cultivirte Pflanzen. 9. Cap. mehrere der schon seit alter Zeit cultivirten Blumen, wie gewisse Rosen, die gemeine Kaiserkrone, die Tuberose und selbst der türkische Hollunder, sollen 3  im wilden Zustande nicht bekannt sein. Nach den oben angegebenen relativen Zahlen und nach andern Gründen von grossem Gewicht kommt DeCandolle  zu dem Schluss, dass Pflanzen durch die Cultur selten soweit modifieirl worden sind, dass sie mit ihren wilden Urformen nicht mehr zu idenli- ficiren sind. Nach dieser Ansicht unless und wenn man beachtet, dass die Wilden wahrscheinlich seltene Pflanzen nicht zur Cultivation gewählt haben werden, dass nützliche Pflanzen gewöhnlich in die Augen fallend sind, und dass sie nicht Bewohner von Wüsten oder von entfernt gelegenen und neuerdings entdeckten Inseln gewesen sein können, erscheint es mir befremdend, dass so viele unserer cultivirten Pflanzen in ihrem wilden Zustande noch immer unbekannt oder nur zweifelhaft bekannt sein sollten. Sind dagegen andererseits viele dieser Pflanzen durch die Cultur sehr tiefgehend modificirt worden, so verschwindet die Schwierigkeit. Auch würde ihre Ausrottung im Verlauf des Fortschrittes der Civilisation in gleicher Weise die Schwierigkeit beseitigen; aber DeCandolle hat gezeigt, dass dies wahrscheinlich nur selten eingetreten ist. Sobald eine Pflanze in irgend einem Lande zu einer cultivirten wurde, werden die halbcivilisirten Bewohner nicht inehr nöthig haben, die ganze Oberfläche ihres Landes darnach zu durchsuchen, und so ihr Ausrotten herbeiführen; und selbst wenn dies während einer Hungersnoth einträte, würde ruhender Samen im Boden zurückgelassen werden. Wie schon vor langer Zeit Humboldt  bemerkte , so überwältigt in tropischen Ländern die wilde Üppigkeit der Natur die schwachen Anstrengungen der Menschen. In seit Alters her civilisirten temperirten Ländern, wo das ganze Ansehen des Landes bedeutend verändert worden ist, lässt sich kaum bezweifeln, dass manche Pflanzen ausgerottet worden sind. Trotzdem hat De Candolle nachgewiesen, dass alle die Pflanzen, von denen historisch bekannt ist, dass sie zuerst in Europa cultivirt worden sind, noch immer hier in wildem Zustande existiren. 3 Hist, notes, wie vorhin, von Ta rgioni-Tozzet ti.

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9. Cap. Einleitende Bemerkungen. 383 L o i s e 1 eu r I) e s I o n g c h a m p s 4  und De C a n do 11 e haben die Bemerkung gemacht, dass unsere cultivirten Pflanzen und ganz besonders die Cerealien ursprünglich in nahebei ihrem jetzigen Zustande existirt haben müssen; denn im andern Falle würden sie nicht beachtet und alsNahrungsgegenztände geschätzt worden sein. Beide Schriftsteller haben aber offenbar die vielen Berichte nicht beachtet, welche Reisende von der von Wilden eingesammelten kümmerlichen Nahrung gegeben haben. Ich habe einen Bericht über die Wilden von Australien gelesen, welche während einer Hungersnoth viele Vegetabilien auf verschiedene Weise gekocht haben, in der Hoffnung sie unschädlicher und nahrhafter zu machen. Dr. Hooker fand, dass die halbverhungerten Bewohner eines Dorfes in Sikhim sehr davon litten, dass sie Arumwurzel 5  gegessen hatten, welche sie zerkleinert und mehrere Tage hatten kochen lassen, um auf diese Weise ihre giftige Natur zu beseitigen, und er fügt noch hinzu, dass sie viele andere tödtliche Pflanzen kochten und assen. Sir Andrew Smith  tlieilt mir mit, dass in Südafrika in Zeiten von Hungersnoth eine grosse Anzahl von Früchten und saftigen Blättern, besonders aber von Wurzeln benutzt werden. Es kennen allerdings die Eingebornen die Eigenschaften einer grossen Liste von Pflanzen, von denen sie während Hungersnöthen erfahren haben, dass sie essbar sind, andere, die sie als der Gesundheit nachtheilig oder selbst tüdtlich kennen gelernt haben. Er traf auf eine Anzahl Baquanas, welche nach ihrer Vertreibung durch die siegreichen Zulus jahrelang von Wurzeln oder Blättern, die nur wenig Nahrungsstoff darboten, gelebt und ihre Magen ausgedehnt hatten, um nur die Schmerzen des Hungers zu stillen. Sie sahen aus wie wandelnde Skelette und litten fürchterlich an Verstopfung. Sir Andrew Smith  theilt mir auch mit, dass bei solchen Gelegenheiten die Eingebornen als Fingerzeig für sich selbst beobachten, was die wilden Thiere essen, besonders Paviane und Affen. 4 Considerations sur les Cereales, 1842, p. 37. Geographie botan. 1855, p. 930. »Plus on suppose l'agriculture ancienne et remontant ä une epoque d'ignorance, plus il est probable que les cultivateurs avaient clioisi des especes offrant ä l'origine meme un avantage incontestable.« 5 Dr. Hooker hat mir dies mitgetheilt. s. auch dessen »Himalayan Journals«. 1854. Vol. II, p. 49.

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 Cultivirte Pflanzen. 9. Cap. Die nährende«, reize Eigenschaften der Pflanzen, welche am wenigsten versprachen, wurden wahrscheinlich zuerst in Folge zahlloser, durch dringende Nothwendigkeit ange- stellter Experimente Seitens der Wilden in jedem Lande entdeckt und die Resultate nun durch Tradition überliefert. So erscheint es z. B. auf den ersten Blick als eine unerklärliche Thatsache, dass Menschen ohne weitere Anleitung in drei weit auseinander liegenden Theilen der Erde unter einer grossen Menge eingeborncr Pflanzen entdeckt haben sollten, dass die Blätter der Theepflanze und der »Verva Matte" und die Beeren des Caffeestrauches alle einen reizenden und nährenden Bestandtheil hatten, von dem man jetzt weiss, dass er chemisch derselbe ist. Es lässt sich auch sehen, dass Wilde, die an hartnäckiger Verstopfung leiden, natürlich beobachten werden, ob irgend eine von den Wurzeln, die sie verschlingen, als Eröflhungsmittel wirke. Wir verdanken wahrscheinlich unsere Kenntniss von der Wirkung fast aller Pflanzen Menschen, welche ursprünglich in einem barbarischen Zustande existirten und welche oft durch harten Mangel dazu getrieben wurden, fast alles was sie kauen und verschlingen konnten, als Nahrungsmittel zu versuchen. Nach dem, was wir von der Lebensweise wilder Völker in vielen Theilen der Erde w issen, haben wir keinen Grund zu der Annahme, dass unsere Cerealien ursprünglich in ihrem jetzigen, dem Menschen so werthvollen Zustande existirten. Wir wollen nur einmal einen Continent betrachten, nämlich Afrika. Barth 6  gibt an, dass die Sklaven über einen grossen Theil der centralen Gegenden regelmässig die Samen eines wilden Grases, des Penniselum distichmn sammeln. In einem andern Districte sah er Weiber die Samen einer Poa auf die Weise sammeln, dass sie eineArtKorb durch das reiche Wiesenland schwangen. In derNähe von Tete beobachteteLiving- stone,  dass die Eingebornen den Samen eines wilden Grases sammelten, und wie mir An d ers son mittheilt benutzen weiter südlich die Eingebornen sehr vielfach die Samen eines Grases von ungefähr der Grösse des Canariengras, welche sie in Wasser kochen. Sie essen auch die Wurzeln gewisser Schilfarten und wohl jeder hat 6  Reisen in Central-Afrika. Bd. 1, p. 402, 427, 600, und Bd. 2, p. 17, 230. Livingstone's Travels, p. 551.

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9. Cap. Einleitende Bemerkungen. 385 davon gelesen, wie die Buschmänner herumstreifen und mit einem im Feuer gehärteten Pfahl verschiedene Wurzeln ausgraben. Ähnliche Thatsachen in Bezug auf das Einsammeln von Samen wilder Grasarten in andern Theilen der Welt Messen sich noch beibringen * * * * * 7 . An unsere ausgezeichneten Gemüse und süssen Früchte gewöhnt, können wir uns kaum dazu überreden zu glauben, dass die faserigen Wurzeln der wilden Mohrrübe und Pastinake oder die kleinen Schösslinge des wilden Spargels oder Holzäpfel, Schlehen u. s. f. jemals haben geschätzt werden können; und doch brauchen wir nach dem, was wir von der Lebensweise der Eingebornen von Australien und Südafrika wissen, hierüber nicht zu zweifeln. DieEinwoh- ner der Schweiz sammelten während der Steinperiode in ausgedehnter Weise wilde Holzäpfel, Schlehen, Haferschlehen, Hagebutten, Fliederbeeren, Bucheckern und andere wilde Beeren und Früchte 8 . Jemmy Button,  ein Feuerländer an Bord des Beagle, bemerkte gegen mich, dass die armseligen und sauren dunklen Johannisbeeren des Feuerlandes seinem Geschmacke nach zu süss wären. Hatten einmal die wilden Eingebornen jedes Landes durch viele und schwere Versuche ausgefunden, w elche Pflanzen nützlich waren oder durch verschiedene Proeesse der Zubereitung nützlich gemacht werden konnten, so werden sie nach einer gewissen Zeit den ersten Schritt zur Cultivation dadurch gethan haben, dass sie sie in der Nähe ihrer gewöhnlichen Aufenthaltsorte anpflanzten. Livingstone 9  führt an, dass die wilden Batokas zuweilen wilde Fruchtbäume in ihren Gärten stehen Messen und sie selbst gelegentlich pflanzten, "eine Gewohnheit, die man sonst nirgends unter den Eingebornen antrifft". Du Chaillu  indess sah eine Palme und einige ' So in Nord- und Süd-Amerika. Mr. Edgeworth gibt an (Journ. Proceed. Linn. Soc. Vol. VI. Bot. 1862, p. 181), dass in den Wüsten des Pendschab arme Weiber die Samen von vier Grasgattungen, nämlich Agm- sli.s. I'unicum , Cenchrus  und l'enniselu>u , ebenso die Samen von vier andern, verschiedenen Familien angehörenden Pflanzen »mit einem kleinen Besen in Strohkörbe« einsammeln. 8  0. Heer,  Die Pflanzen der Pfahlbauten, 1865, aus den Neujahrsheften der Züricher naturf. Gesellschaft. 186C, nnd PI. Christin Rütimeyer's Fauna der Pfahlbauten, 1861, p. 226. * Travels, p. 535. DuChaillu, Adventures in Equatorial Africa 1861, p. 445. Darwin,  Erster Theil. 25

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 Cidtivirto Pflanzen. 9. Cap. andere wilde Fruchtbäume. welche gepflanzt worden waren: und diese Bäume wurden für Privateigenthum angesehen. Der nächste Schritt in der Cultivation, der nur wenig Vorbedacht erfordert, wird der sein, die Samen nützlicher Bilanzen auszusäen: und da der Boden in der Nähe der Hütten 1 " derEingebornenofl in einem gew issen Grade gedüngt sein wird, werden veredelte Varietäten früher oder später entstehen. Oder es wird eine wilde und ungewöhnlich gute Varietät einer eingebornen Pflanze die Aufmerksamkeit irgend eines alten weisen Wilden auf sieh lenken, und er w ird sie umpflanzen oder ihren Samen aussäen. Dass bessere Varietäten wilder Fruchtbäume gelegentlich gefunden werden, ist sicher, w ie bei den amerikanischen Artendes W'eissdorns, der Pflaumen, Kirschen, Trauben und Walnüsse, die Prof. A sa Gray  angeführt hat 11 . Auch Downing  erwähnt gewisse wilde Varietäten des Hickory-Baumes als "von viel bedeutenderer Grosse und feinerem Geschmack als die gewöhnliche Art". Ich habe amerikanische Fruchtbäume angeführt, weil wir in diesem Falle nicht von Zweifeln beunruhigt werden können, ob die Varietäten Sämlinge sind, welche der Cultur entgangen sind. Irgend eine bessere Varietät umzupflanzen oder deren Samen zu säen, setzt kaum mehr Vorbedacht voraus, als sich in einer früheren und roheren Periode der Civilisation erwarten lässt. Selbst die australischen Barbaren "haben ein Gesetz, dass keine samentragende Pflanze ausgegraben werden darf, nachdem sie geblüht hat": und Sir G. Grey 12  sah dieses Gesetz, offenbar zur Erhaltung derPflanze gegeben, niemals verletzt werden. Wir sehen denselben Geist in der abergläubischen Meinung der Feuerländer, dass dem Tüden von Wasserhühnern, während sie noch sehr jung sind, "viel Regen, Schnee und viel Wind" folgen wird 13 . Ich will hinzufügen, dass es ein Beweis für das Vorausdenken der niedrigsten Barbaren ist. dass die Feuerländer, wenn sie einen gestrandeten Walfisch finden, grosse Portio- 10  Auf dem Feuerlande konnte die Stelle, wo früher Wigwams gestanden hatten, schon aus grosser Entfernung aus der lebhaft grünen Färbung der einheimischen Vegetation erkannt werden. 11  Americ. Acad, of Arts and Scienc. 10. April, 1860, p. 413. Downing, The Fruits of America. 1845, p. 261. 12  Journals of Expeditions in Australia, 1841. Vol. II, p. 292. 13  Darwin, Journal of researches, 1845, p. 215.

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9. Cap. Einleitende Bemerkungen. 38T nen im Sande vergraben und während der oft wiederkelirenden Hungersnötlie von grosser Entfernung dahin wandern und die Überbleibsel dieser halbverfaulten Massen holen. Es ist oft bemerkt worden 14 , dass wir nicht eine einzige nutzbare Pflanze Australien oder dem Cap der guten Hoffnung — Ländern, die in einem ganz ohne gleichen hohen Grade an endemischen Species reich sind — oder Neuseeland oder dem südlich vom Plata gelegenen Theile von Amerika verdanken; ebensowenig nach manchen Schriftstellern dem nördlich von Mexico gelegenen Amerika. Ich glaube nicht, dass wir irgend eine essbare oder werthvolle Pflanze, mit Ausnahme des Canariengrases von einer oceanischen oder unbewohnten Insel erlangt haben. Hätten nahezu alle unsere nützlichen Pflanzen, in Europa, Asien und Südamerika heimisch, ursprünglich in ihrem jetzigen Zustande existirt, so würde das vollständige Fehlen in ähnlicher Weise nützlicher Pflanzen in den grossen eben genannten Ländern allerdings eine überraschende Thatsache sein. Wenn aber diese Pflanzen durch die Cullur so bedeutend modificirt und veredelt worden sind, dass sie nicht länger irgend einer natürlichen Art ähnlich sind, so können wir wohl verstehen , warum die obengenannten Länder uns keine nützlichen Pflanzen gegeben haben; denn sie wurden von Menschen bewohnt, welche den Boden durchaus nicht cultivirten, wie am Cap der guten Hoffnung, oder welche ihn nur unvollkommen cultivirten, w'ie in manchen Theilen von Amerika. Diese Länder erzeugen Pflanzen, welche wilden Menschen nützlich sind, und Dr. Hooker 15  führt allein von Australien nicht weniger als 107 solcher Arten auf. Diese Pflanzen sind aber nicht veredelt worden und können füglich mit denen nicht concurriren, welche während Tausender von Jahren in der civilisirten Welt cultivirt oder veredelt worden sind. Neuseeland, welcher schönen Insel wir bis jetzt keine weit cultivirten Pflanzen verdanken, könnte dieser Ansicht entgegen gehalten werden; denn als es zuerst entdeckt wurde, cultivirten die Eingebornen mehrere Pflanzen. Alle Forscher glauben indess, in 14 DeCandolle  hat die Thatsacken in einer äusserst interessanten Weise zusammengestellt, in seiner Geographie botan., p. 986. 15  Flora of Australia. Introduction, p. CX. 25 *

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 Cultivirte Pflanzen. »? Ca,). L bereinstimmung mil den Überlieferungen der Eingebornen. dass die frühen polynesischeu Colonisten Samen und Wurzeln (ebenso wie den Hund) mit sich brachten, welche wegen ihrer langen Reise wohlweislich aufbewahrt wurden. Die Polynesier verlieren sich so oft auf dem Ocean, dass dieser Grad von Klugheit fast jeder herum- wandernden Gesellschaft eigen sein würde. Es werden daher die früheren Colonisten von Neuseeland, wie die späteren europäischen Colonisten kein starkes Bedürfniss gehabt haben, eingeborne Pflanzen zu cultiviren. Nach De Candolle verdanken wir dreiund- dreissig nützliche Pflanzen Mexico, Peru und Chile; auch ist dies nicht überraschend, wenn w'ir uns des civilisirten Zustandes der Eingebornen erinnern, welcher aus der Thatsache hervorgeht, dass sie künstliche Bewässerung eingeführt haben und Tunnels durch harte Felsen bauten, ohne den Gebrauch von Eisen oder Schiesspulver gekannt zu haben; auch kannten die Eingebornen, wie wir in einem spateren Capitel sehen werden, sow eit es Thiere betrifft und daher wahrscheinlich auch in Bezug auf Pflanzen , das bedeutungsvolle Princip der Zuchtwahl vollständig. Einige Pflanzen verdanken wir Brasilien und die früheren Reisenden, nämlich Vespu- cius und Cabral beschreiben das Land als dicht bevölkert und cultivirt. In Nordamerika 16  cultivirten die Eingebornen Kürbisse, Flaschenkürbisse, Bohnen. Erbsen; "alle von unsern verschieden," und Tabak, und wir sind kaum berechtigt anzunehmen, dass keine unserer jetzigen Pflanzen von diesen nordamerikanischen Formen abstammen. Wäre Nordamerika eine so lange Zeit civilisirt und so dicht bevölkert gewesen, w ie Asien und Europa , so hätten wahrscheinlich der eingeborne Wein, die Walnüsse, Maulbeeren, Holzäpfel und Pflaumen nach einer langdauernden Cultur eine Menge Varietäten gegeben, manche äusserst verschieden von ihren Stammformen; auch würden zufällig forlgeführte Sämlinge in der neuen 16  In Bezug auf Canada s. J. Cartier's Reise von 1534; wegen Floridas. Narvaez und Ferdi na nd de Soto's Reisen. Da icli diese und andre alte Reisen in einer allgemeinen Sammlung von Reisen eingeselien habe, gebe ich keine bestimmten Citate von Seitenzahlen, s. auch wegen mehrfacher Nachweisungen: Asa Gray in American Journal of Science, Vol. XXIV, Nov. 1857, p. 441. In Bezug auf die Traditionen der Neu-Seeläuder s. Crawfurd's Grammar and Diction, of the Malay Langnage, 1852, p. CCLX.

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9. Cap. Cerealien. 389 Well ebenso wie in der alten viel Verwirrung in Bezug auf ihre specifischc Verschiedenheit und Abstammung verursacht haben 17 . Cerealien. Ich will nun auf Details eingehen. Die in Europa cultivirten Cerealien bestehen aus vier Gattungen: Weizen, Koggen, Gerste und Hafer. Aus dem Weizen machen die besten neueren Autoritäten 18 vier oder fünf oder selbst sieben distincte Arten, aus dem Koggen eine, aus der Gerste drei und aus dem Hafer zwei, drei oder vier Arten. Im Ganzen werden daher unsere Cerealien von verschiedenen Autoritäten zu 10 —15 distincten Arten gerechnet. Diese haben eine Menge von Varietäten entstehen lassen. Es ist eine merkwürdige Thatsache, dass die Botaniker nicht allgemein über die ursprüngliche Elternform irgend einer der Getreidepflanzen übereinstimmen. So schreibt z. B. eine bedeutende Autorität im Jahre 1855 19 : "Wir selbst zögern nicht, unsere Überzeugung als das Kesultat aller der verlässlichsten Zeugnisse dahin auszusprechen, dass keine der Cerealien in ihrem gegenwärtigen Zustande wirklich wild existirt oder existirt hat, sondern dass sie alle nur cultivirte Varietäten von Arten sind, die jezt in grosser Menge in Südeuropa oder Westasien wachsen." Auf der andern Seite hat Alph. De Candolle 20 zahlreiche Beweise dafür beigebracht, dass der gemeine Weizen (Triti- cum vulgare)  in verschiedenen Theilen von Asien wild gefunden worden ist, wo es nicht wahrscheinlich ist, dass er sich von cultivirten Strichen aus ausgesäet habe. Auch hat Godron's Bemerkung ziemliches Gewicht , dass bei der Annahme, diese Pflanzen wären ausgesäte Wildlinge 21 , ihre fortdauernde Ähnlichkeit mit cultivirtem Aleizen, wenn sie n  S. z. B. Hewett C. Watson's Bemerkungen über englische wilde Pflaumen, Kirschen und Holzäpfel in: Cybele Britannica. Vol. I, p. 330, 334, etc. Van Mons (in seinen »Arbres Fruitiers, 1835, Tom. I, p. 444) erklärt. die Typen aller unsrer cultivirten Varietäten in wilden Sämlingen gefunden zu haben; er betrachtet aber dann diese Wildlinge als ebenso viele ursprüngliche Stammformen. 18  s. A. DeCandolle,  Geographie botan., 1855, p. 928 u. folgende. Godron,  de l'Espece, 1859. Tora. II, p. 70, und Metzger,  die Getreidearten u. s w. 1841. 19 Bentham  in seiner Anzeige »Historical notes on cultivated Plants by A. Targioni-Tozzetti«,  im Journal of Horticult. Soc. Vol. IX (1855), p. 133. -° Geographie botan. p. 928. Der ganze Gegenstand ist mit bewunderungswürdiger Fülle und Kenntniss erörtert. 21 Godron.  de I'Espece. Tom. II, p. 72. Vor wenig Jahren führten die ausgezeichneten, aber falsch gedeuteten Beobachtungen Fab re's  Viele zu der irrigen Annahme. Weizen sei ein modificirter Nachkomme von I«-

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 Cerealien. 9. Cap. sich in wildem Zustande mehrere Generationen hindurch fortgepflanzt hätten, es wahrscheinlich mache, dass der letztere seinen ursprünglichen Character beibehalten habe. DeCan dolle  betont sehr stark das häufige Vorkommen von Roggen und einer Art Hafer in einem scheinbar wilden Zustande in Österreich. Mit Ausnahme dieser beiden Fälle, die indess doch etwas zweifelhaft sind, und mit Ausnahme zweier Formen von Weizen und einer von Gerste, von denen er glaubt, dass sie wirklicli wild gefunden worden seien, scheint DeCan dolle  von den andern mitgethcil- ten Entdeckungen der Elternform unserer anderen Cerealien nicht völlig befriedigt zu sein. In Bezug auf den Hafer lässt sich nacliBuckman 22 die wilde englische Arena fatua  durch wenige Jahre fortgesetzte sorgfältige Cultur und Zuchtwahl in Formen umwandeln, welche mit zwei sehr distincten cultivirten Rassen fast identisch sind. Das ganze Capitel des Ursprungs und der specifischen Distinctheit der verschiedenen Cerealien ist ein äusserst schwieriges; wir werden aber vielleicht etwas besser im Stande sein, darüber zu urtheilen, wenn wir betrachtet haben werden, wie weit der Weizen variirt hat. Metzger  beschreibt sieben Species von Weizen, Godron  erwähnt fünf, DeCandolle  nur vier. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ausser den in Europa bekannten Arten andere scharf characterisirte Formen in den entlegeneren Theilen der Erde existiren; denn Loiseleur- Deslong champs 2,5  spricht von drei neuen Species oder Varietäten, die 1822 aus der chinesischen Mongolei nach Europa geschickt worden waren, welche er für dort eingeboren ansieht. M o o r c r o f t 24  spricht auch von dem Hasora-Weizen in Ladakh als sehr eigenthiimlich. Haben die Botaniker recht, welche glauben, dass ursprünglich wenigstens sieben Species von Weizen existirten, dann ist der Betrag desVariirens in irgend einem bedeutungsvollen Character, welches der Weizen unter der Cultur erlitten hat, unbedeutend. Haben aber nur vier oder eine noch geringere Zahl von Species ursprünglich existirt, dann sind offenbar so scharf mar- kirte Varietäten entstanden, dass sie von urteilsfähigen Autoritäten für gitop.i; Godron  hat aber (Tom. I, p. 165) durch sorgfältige Versuche gezeigt, dass der erste Schritt in der Reihe, nämlich Aegitops triticoides ein Bastard von Weizen und le. ovata ist. Die Häufigkeit, mit welcher diese Hybride von selbst entstehen, und die allmähliche Art und Weise, in welcher das Ae. triticoides in echten Weizen umgewandelt wird, lassen allein noch Zweifel über diesen Gegenstand. 22  Report British Association. 1857, p. 207. 23 Considerations sur les Cereales. 1842—13, p. 29. 24  Travels in the Himalayan Provinces etc. 1841. Vol. I, p. 224.

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9. Cap. Weizen. 391 specifisch distinct betrachtet worden sind. Indess macht es die Unmöglichkeit zu entscheiden, welche Formen als Species und welche als Varietäten erklärt werden sollten, nutzlos, die Differenz zwischen den verschiedenen Arten von Weizen im Detail anzuführen. Allgemein gesprochen, differiren die Vegetationsorgane wenig 20 ; doch wachsen einige Arten dicht und aufrecht, während andere sich ausbreiten und den Boden entlang ziehen. Das Stroh differirt darin, dass es mehr oder weniger hohl ist und ebenso in der Qualität. Die Ähren 36  sind in der Farbe und Form verschieden; sie sind vierkantig, comprimirt oder nahezu cylin- driseh; dieBlüthchen differiren in ihrer Annäherung an einander, in ihrer Behaarung und darin, dass sie mehr oder weniger verlängert sind. Die Gegenwart oder das Fehlen von Grannen ist eine auffallende Verschiedenheit, sie bieten bei gewissen Gramineen selbst generische Charactere dar 27 . Doch ist, wie Godron 28  bemerkt hat, das Vorhandensein von Grannen bei gewissen wilden Grasarten und besonders bei solchen, wie Bromus secalinus  und Lolium femulentum,  welche gewöhnlich zwischen unsern Cerealien gemischt wachsen und auf diese Weise unbeabsichtigt der Cultur mit ausgesetzt worden sind, variabel. Die Körner differiren in Grösse, Gewicht und Farbe, und darin, dass sie an einem Ende mehr oder weniger flaumig, dass sie glatt oder gerunzelt, dass sie entweder nahezu kuglig, oval oder verlängert sind und endlich, dass die innere Textur zart oder hart oder fast hornig ist, wie auch in dem Verhältniss von Kleber, welchen sie enthalten. Nahezu alle Rassen oder Species von Weizen variiren, wie Godron 29  bemerkt hat, in einer genau parallelen Weise darin, dass der Samen flaumig oder glatt ist, in der Färbung, und darin, dass die Blftth- chen begrannt sind oder nicht u. s. w. Diejenigen, welche der Ansicht sind, dass alle Formen von einer einzigen wilden Species abstammen, können dieses parallele Variiren durch die Vererbung einer ähnlichen Constitution erklären und einer daraus folgenden Neigung in derselben Manier zu variiren. Diejenigen aber, welche an die allgemeine Theorie einer Abstammung mit Modification glauben, können diese Ansicht auf 25 J.  Le Couteur, on the varieties of Wheat, p. 23. 79. 26  Loi sei eur-DeslongcKamps.  Consider, sur les Cereal, p. 11. 27  s. eine vortreffliche Review in Hooker's  Journal of Botany. Vol. VIII. p. 82. Anm. 28 De l'Espece. Tom. II, p. 73. 29 Ebenda. Tom. II, p. 75.

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 Cerealien. 9. Cap. die verschiedenen Species von Weizen, wenn solche je im Naturzustände existirt haben, ausdelmen. Obschon wenige der Weizen-Varietäten irgend welche auffallende Verschiedenheiten darbieten, so ist ihre Zahl doch gross. Dalbret cultivate während dreissig Jahren 150 — 160 Arten und mit Ausnahme der Qualität des Korns züchteten alle rein. Oberst Le Couteur  besass über 150 und Philippar  322 Varietäten 30 . Da Weizen eine jährige Pflanze ist, so sehen wir hieraus, wie streng viele geringfügige Differenzen im Character viele Generationen hindurch vererbt werden. Dieselbe That- sache betont Oberst Le Couteur  stark. Bei seinen ausdauernden und erfolgreichen Versuchen durch Zuchtwahl neue Varietäten zu erziehen, begann er damit, die besten Ähren auszuwählen, fand aber bald, dass die Körner in ein und derselbeu Ähre so variirten, dass er gezwungen war sie einzeln auszuwählen und allgemein übertrug jedes Korn seinen eigenen Character. Der grosse Betrag von Variabilität in einer Pflanze derselben Varietät ist ein anderer interessanter Punkt, welcher nie hätte entdeckt werden können, ausgenommen von einem lange an diese Arbeit gewöhnten Auge. So berichtet Oberst LeCouteur 31  dass Prof. La Gas ca auf einem seiner eigenen Weizenfelder, welches er für mindestens so rein hielt, wie das irgend eines seiner Nachbarn, 23 Sorten fand, und Prof. He nslow  hat ähnlicheThatsachenbeobachtet. Ausser solchen individuellen Variationen erscheinen zuweilen Formen, welche hinreichend scharf markirt sind, um geschätzt und weiter cultivirt zu werden. So hatte Mr. Sheriff  das Glück, während seines Lebens sieben neue Varietäten zu erziehen, welche jetzt in vielen Theilen von England in ausgedehnter Weise erzogen werden 32 . Wie bei vielen andern Pflanzen, so sind einige Varietäten, sowohl alte wie neue, bei weitem constanter im Character, als andere. Oberst LeCouteur  war genöthigt, einige seiner neuen Subvarietäten, von denen er vermuthete, dass sie aus einerKreuzung hervorgegangen waren, als unverbesserlich abspielend zu verwerfen. In Bezug auf die Neigung zu variiren, gibt Metzger 33  nach seiner eignen Erfahrung einige intcr- 30  In Bezug auf Dalbret und Philippar s. L o i seleur-Desl ong- champs, Consul, sur les Cereales, p. 45, 70. Le Couteur, on Wheat, p. 6. 31 Varieties of Wheat. Introduction, p. VI. Marshall bemerkt in seiner Rural Economy of Yorkshire, Vol. II, p. 9. dass »auf jedem Kornfeld so viel Varietät herrsche, wie in einer Heerde Vieh«. 32 Gardener's Chronicle and Agricultural Gazette. 1862, p. 963. 33  Getreidearten, 1811, p. 66. 91, 92, 116, 117.

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9. Cap. Weizen. ,393 essante Thatsachen. Er beschreibt drei spanische Subvarietäten, besonders eine, von der man weiss, dass sie in Spanien constant ist, die aber in Deutschland ihren cigenthümlichen Character nur während heisser Sommer erhielt, eine andere Varietät hielt sich rein nur in gutem Lande, wurde aber, nachdem sie 25 Jahre lang cultivirt worden war, constanter. Er erwähnt zwei andere Subvarietäten, welche Anfangs inconstant waren, später aber und wie es schien ohne Zuchtwahl, an ihren neuen Standort gewöhnt wurden und ihren eigenthümliclien Character bewahrten. Diese Thatsachen zeigen, was für geringe Veränderungen in den Lebensbedingungen Variabilität verursachen, und sie zeigen ferner, dass eine Varietät an neue Bedingungen gewöhnt werden kann. Man ist zuerst mit Loiseleur-Deslongchamps  zu schliessen geneigt, dass in einem und demselben Land cultivirter Weizen merkwürdig gleichförmigen Bedingungen ausgesetzt ist, aber die Düngung ist verschieden. Es werden Samen von einer Bodenart auf die andere gebracht und was von noch grösserer Bedeutung ist, die Pflanzen werden so wenig als möglich der Concurrenz mit undern Pflanzen ausgesetzt und auf diese Weise befähigt unter verschiedenartigen Bedingungen zu existiren. Im Naturzustände ist jede Pflanze auf die eigenthümliche Stelle und Nahrungsart beschränkt, welche sie den andern Pflanzen, welche sie umgeben, abringen kann. Weizen nimmt schnell neue Lebensweisen an; der Sommer- und Winterweizen wurden von Linne  für verschiedene Arten gehalten; Monnier 34  hat aber nachgewiesen, dass die Verschiedenheit zwischen ihnen nur temporär ist. Er säte Winterweizen im Frühjahr und von hundert Pflanzen brachten nur vier reife Samen. Diese wurden gesät und wieder gesät und in drei Jahren hatte er Pflanzen erzogen, deren Samen sämmtlich reiften. Umgekehrt wurden fast alle aus Sommerweizen erzogenen Pflanzen, der aber im Herbst gesät war, vom Frost zerstört. Einige wenige erhielten sich aber und erzeugten Samen und in drei Jahren war diese Sommervarietät in eine Wintervarietät umgewandelt. Es ist daher nicht überraschend, dass Weizen bald in einer gewissen Ausdehnung acclimatisirt wird und dass von fernen Ländern nach Europa gebrachter und hier gesäter Samen Anfangs oder selbst eine beträchtliche Zeit hindurch 3o  in einer von unsern europäischen Varietäten ver- 34  Citirt von Clodron,  de l'Espece. Tom. II, p. 74. So verhält es sich nach Metzger ( Getreidearten, p. 18) mit Sommer-und Winter-Gerste. Sä Loiseleur-Des 1 ongchamp s,  Cereales. part II, p. 224. Le Couteur,  p. 70. Es liessen sich noch viele andere Berichte hinzufügen.

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 Cerealien. 9. Caj). schiedenen 'Weise vegetirt. In Canada fanden die ersten Ansiedler, nach Kal in 36  die Winter für den aus Frankreich mitgebracliten Winterweizen zu streng, ebenso die Sommer oft zu kurz für Sommerweizen; und bis sie sich Sommerweizen aus den nördlichen Theilen von Europa, welcher wohl gedieh, verschafft hatten, hielten sie ihr Land nicht für im Stande, Kornfrüchte zu erzeugen. Es ist notorisch, dass die Menge von Kleber unter verschiedenen Klimaten differirt. Auch das Gewicht des Kornes wird vom Klima sehr schnell afficirt. Loiseleur-Deslong- cliamps 37  säte in der Nähe von Paris 54 Varietäten, die er von dem südlichen Frankreich und vom schwarzen Meer erhalten hatte und zweiundfünfzig von diesen ergaben Samen, welche um 10 — 40 Procent schwerer waren als der Muttersamen. Er schickte daun diese schwereren Körner wieder zurück in das südliehe Frankreich; dort ergaben sie aber unmittelbar wieder leichteren Samen. Alle die, welche dem Gegenstände nähere Aufmerksamkeit geschenkt haben, betonen die enge Anpassung verschiedener Weizenvarietäten an verschiedene Bodenarten und Klimate selbst innerhalb eines und desselben Landes. So sagt Oberst Le Couteur 38 : "dadurch, dass jeder Sorte stets ein  besonderer Boden zusagt, wird der Farmer befähigt, seine Keilte zu zahlen, wenn er die eine Varietät sät, während er nicht imstande wäre es zu tliun, wollte er versuchen, eine andere scheinbar bessere Art zu produciren". Zum Theil mag dies davon abhängen, dass jede Art ihren "Lebensbedingungcii sich angewöhnt, was, wie Metzger  gezeigt hat, sicher eintritt; wahrscheinlich aber hängt es in der Hauptsache davon ab, dass die verschiedenen Varietäten augeborno Differenzen besitzen. Es ist viel über die Verschlechterung des Weizens gesprochen worden. Dass die Qualität des Mehles die Grösse der Körner, die Zeit der Bliithe, die Kräftigkeit, durch Klima und Boden modificirt werden, scheint ziemlich sicher zu sein; dass aber der ganze Körper irgend einer Subvarietät jemals in eine andere distincte Subvarietät umgeändert werde, haben wir keinen Grund zu glauben. Was offenbar Le Couteur 39  zu- 36  Travels in North-America, 1753—1761. Engl, transl. Vol. III, p. 165. 31  Cereales, part II, p. 179—183. 38 On tbe Varieties of Wheat. Introduction, p. VII. s. Marshall, Rural Economy of Yorkshire, Vol. II, p. 9. In Bezug auf ähnliche Fälle von Anpassung der verschiedenen Hafer-Varietäten s. mehrere interessante Aufsätze in: Gardener's Chronicle und Agricultural Gazette. 1850. p. 204. 219. 39 On the Varieties of Wheat, p. 59. Mr. Sheriff (und eine bedeu-

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0. Cap. Weizen. 395 folge Statt hat, ist, dass irgend eiue von den vielen auf einem und demselben Felde aufzufindcuden Subvarietäten fruchtbarer ist, als die andere, und allmählich die Varietät, welche zuerst gesät wurde, verdrängt. In Bezug auf die natürliche Kreuzung distincter Varietäten widersprechen sich die Thatsachen, doch überwiegen die gegen das häufige Vorkommen solcher. Viele Schriftsteller behaupten, dass die Befruchtung in der geschlossenen Bliithe erfolgt; nach meinen eigenen Beobachtungen glaube ich aber bestimmt, dass dies nicht der Fall ist, wenigstens nicht bei den Varietäten, auf die ich geachtet habe. Da ichindess diesen Gegenstand in einem andern Werke zu erörtern haben werde, kann er hier übergangen werden. Zum Schluss: alle Schriftsteller gehen zu, dass zahlreiche Varietäten von Weizen entstanden sind: deren Verschiedenheiten sind aber nur bedeutungslos, wenn man nicht geradezu einige der sogenannten Species für Varietäten rechnen will. Diejenigen, welche glauben, dass vier bis sieben wilde Species von Trilicum  ursprünglich in nahezu demselben Zustande wie jetzt existirten, gründen ihre Ansicht hauptsächlich auf das hohe Alter der verschiedenen Formen 4o . Es ist eine wichtige Thatsache, welche wir neuerdings durch die bewunderungswürdigen Untersuchungen Heer's 41  kennen gelernt halten, dass die Einwohner der Schweiz selbst schon in der neueren Steinperiode nicht weniger als zehn Cerealpflanzen cultivirten, nämlich fünf Arten von Weizen, von denen mindestens vier gewöhnlich als distincte Species angesehen werden, drei Arten von Gerste, ein Panicum  und eine Setaria.  Liesse sich zeigen, dass iin ersten Dämmerungsstadium der Agricultnr fünf Arten von Weizen und drei von Gerste cultivirt worden wären, so würden wir natürlich genöthigt sein, diese Formen als distincte Arten zu betrachten. Wie aber Heer  bemerkt hat. hatte die Agricultnr selbst schon in der Zeit der Pfahlbauten bereits beträchtliche Fortschritte gemacht; denn ausser den zehn Cerealien wurden bereits Erbsen, tendere Autorität kann nicht angeführt werden) sagt, Gard. Chron. and Agricult. Gaz. 1862, p. 963. »Ich habe niemals Korn gesehen, welches durch Cultur entweder verbessert oder verschlechtert wäre, so dass es die Veränderung auf die folgende Ernte übertragen hätte. 40  Alpli. DeCandolle,  Geographie botan. p. 930. 41  Pflanzen der Pfahlbauten, 1866.

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 Cerealien. 9. Cb p . Mohn, Flachs und wie es scheint auch Aplel cultivirt. Aus dein Umstande, dass eine Varietät von Weizen die sogenannte ägyptische ist. und nach dein was wir sowohl über das lleiinathlaml des Pani- cum  und der Sclaria  wissen, als nach der Natur der Unkräuter, welche mit dem Getreide gemengt aufwuchsen, kann man schliessen, dass die Plählbaulenbewohner entweder noch immer Handelsverkehr mit irgend einem südlichen Volke unterhielten oder ursprünglich als Colonisten von dem Süden her eingewandert waren. L ois e leur-Des Io  n geh  a m ps 42  ist zu dein Schluss gekommen, dass wenn unsere Cerealien durch Cultivation bedeutend modificirl worden wären, auch die unter sie gemengten Unkräuter in gleicher Weise modificirt worden wären. Dieses Argument zeigt aber, wie vollständig das Princip der Zuchtwahl übersehen worden ist. Dass derartige Unkräuter nicht variirt haben, oder wenigstens jetzt in keinem ausserordentlich hohen Grade variiren, ist die Meinung von H. C. Watson und As a Gray,  wie sie mir selbst mittheilen. Wer wird aber behaupten mögen, dass sie nicht ebenso variiren, wie die individuellen Pflanzen einer und derselben Subvarietät von Weizen? Wir haben bereits gesehen, dass reine Varietäten von Weizen, die in einem und demselben Felde cultivirt werden, viele geringe Variationen darbieten, die zur Nachzucht ausgewählt und getrennt für sich fortgepflanzt werden können: ebenso dass gelegentlich stärker ausgesprochene Variationen auftreten, welche wie Mr. Sheriff  nachgewiesen hat, einer ausgedehnten Cultivation wohl werth sind. Nicht eher, als bis man die gleiche Aufmerksamkeit auf die Variabilität und Zuchtwahl der Unkräuter gelenkt hat. erhält das von ihrer Constanz während der unbeabsichtigten Cultur hergenommene Argument irgend welchen Werth. Im Anschluss an die Grundsätze der Zuchtwahl können wir verstehen, woher es kommt, dass in den verschiedenen cultivirten Varietäten von Weizen die Vegetationsorgane so wenig differiren; denn würde eine Pflanze mit eigenthümlichen Blättern auftreten, so würde sie vernachlässigt werden, wenn nicht gleichzeitig die Körner in Qualität oder Grösse vorzüglicher wären. Die Zuchtwahl des Samen- 42  Les Geniales, p. 94.

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9. Cap. Weizen. 397 kornes wurde selion in allen Zeiten von Columella und Ce Is us nachdrücklich empfohlen 43 : und Virgil  sagt: »Selbst die gewähltere Saat, mit Arbeit lange gemustert, »Sah ich dennoch entarten, wenn menschliche Mühe nicht jährlich »Grösseres nur mit der Hand auslas.« Ol) aber in alten Zeiten die Zuchtwahl methodisch befolgt worden ist, dürfte doch bezweifelt werden, wenn wir büren, wie mühsam Le Couleur  diese Arbeit fand. Von wie grosser Bedeutung auch der Grundsatz der Zuchtwahl ist. so spricht doch das Wenige, was der Mensch mit unablässiger Anstrengung 44  während tausender von Jahren in Bezug darauf, die Pflanzen productiver oder die Körner nahrhafter als zur Zeit der alten Ägypter zu machen, erreicht hat, scheinbar stark gegen ihre Wirksamkeit. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass in jeder der aufeinanderfolgenden Perioden der Zustand der Agricultur und die Quantität des dem Lande dargebotenen Düngers das Maximum der Productivität bestimmt haben wird. Denn es würde unmöglich sein, eine hoch productive Varietät zu culti- viren, wenn das Land nicht einen hinreichenden Vorrath der noth- wendigen chemischen Elemente enthielte. Wir wissen jetzt, dass der Mensch in einer unendlich entfernt liegenden Zeit schon hinreichend civilisirt war, den Boden zu culti- viren, so dass der Weizen schon seit langer Zeit bis auf den Grad von Vorzüglichkeit veredelt sein konnte, welcher bei dem damals vorhandenen Zustande der Agricultur möglich war. Eine kleine Classe von Thatsachen unterstützt die Ansicht der langsamen und allmählichen Veredelung unserer Cerealien. In den ältesten Pfahlbautenwohnungen der Schweiz, als der Mensch nur Flintwerkzeuge benutzte, war der am ausgedehntesten cultivirte Weizen eine eigen- thümliehe Art mit merkwürdig kleinen Ähren und Körnern 45 . "Während die Körner der modernen Form durchschnittlich 7—8 mm an Länge erreichen, zeigen die grösseren der Pfahlreste 6, selten 7, und die kleineren 4 mm . Die Ähre ist dabei viel gedrängter, und in 43  Citirt von LeCouteur, p. 16. 44  A. DeCaudolle, Geographie botan., p. 932. 45  0. Heer, die Pflanzen der Pfahlbauten, 1866. Die folgende Stelle ist citirt nach Dr. Christ in Rütimeyer's Fauna der Pfahlbauten, 1861, p. 225.

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 Cerealien. 9. Cap. Folge dessen stellen die Ährchen mehr horizontal von der Spindel ab als hei den heutigen Formen." Ebenso hatte die am ältesten und am extensivsten cultivirte Art von Gerste kleine Ähren, die Körner waren aber "kleiner, namentlich kürzer, stumpfer und dichter zu- sammengedrängt als bei der bei uns cultivirten Sorte. Sie sind ohne die Spelzen 2 1  4 Linie lang und schwach 1 l b  Linie breit, während diejenigen unserer Sorte bei fast derselben Breite eine Länge von 3 Linien haben." 46 . Diese kleinkörnigen Varietäten von Weizen und Gerste hält Heer für die Elternformen gewisser jetzt existiren- der verwandter Varietäten, welche ihre elterliche Form verdrängt haben. Heer gibt eine interessante Darstellung des ersten Erscheinens und des endlichen Verschwindens der verschiedenen Pflanzen, welche in grösserer oder geringerer Menge während früher auf einander folgender Perioden in der Schweiz cultivirt wurden und welche allgemein mehr oder weniger von unsern existirenden Varietäten abwichen. Die eigenthümliche kleinährige und kleinkörnige bereits erwähnte Weizenart war während der Steinzeit die gemeinste Sorte. Sie dauerte bis in das römisch-schweizer Alter und starb dann aus. Eine zweite Sorte war anfangs selten, wurde aber später häufiger; eine dritte, der ägyptische Weizen (T, turgidum)  stimmt nicht genau mit irgend einer existirenden Varietät überein und war während der Steinzeit selten; eine vierte Art ( T. dicocciim ) weicht von allen bekannten Varietäten dieser Form ab; für die Existenz einer fünften Art (7\ monococcum')  während der Steinperiode hat die Auffindung einer einzelnen Ähre den alleinigen Beweis gegeben; eine sechste Art, das gemeine 7'. spelta , wurde erst während des Broncezeital- ters in der Schweiz eingeführt. Von Gerste wurden ausser der kurzährigen und kleinkörnigen Art zwei andere cultivirt. von denen die eine sehr selten und unserm genieinen IL distichmn  ähnlich war. Während der Broncezeit wurden Roggen und Hafer eingeführt. Die Haferkürner waren etwas kleiner, als die von unsern jetzt bestehenden Varietäten kommenden. Der Mohn wurde während der Steinzeit reichlich cultivirt, wahrscheinlich wegen seines Öles; die 46  Heer, citirt von Carl Vogt, Vorlesungen über den Menschen, Bd. II, 1863, p. 139.

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9. Cap. Weizen. 399 Varietät aber, welche damals existirte, ist jetzt unbekannt. Eine eigenthümliche Erbse mit kleinem Samen bestand von der Steinzeit bis zur Broncezeit und wurde dann extinct, während eine eigen- tluimliche gleichfalls kleine Samenkörner habende Bolme in der Broncezeit auftrat und bis zur Römerzeit dauerte. Diese Details klingen so, wie die von einem Paläontologen gegebenen Schilderungen der Fonnveränderungen, des ersten Auftretens, der zunehmenden Seltenheit und des endlichen Aussterbens fossiler, in den aufeinanderfolgenden Etagen einer geologischen Formation eingebetteten Arten. Endlich: es muss Jeder für sich selbst beurtbeilen, ob es wahrscheinlicher ist, dass die verschiedenen Formen von Weizen. Gerste, Roggen und Hafer von zehn bis fünfzehn Species abstainmen, von denen die meisten jetzt entweder unbekannt oder ausgestorben sind, oder ob sie von vier bis acht Species abstammen, welche entweder unsern gegenwärtigen cultivirten Formen sehr ähnlich oder soweit von ihnen verschieden waren, dass sie der Identification sich entziehen. Im letzteren Falle müssen wir schliessen, dass der Mensch die Cerealien in einer enorm fern liegenden Zeit schon cul- tivirte und dass er früher schon in einem gewissen Grade Zuchtwahl anwandte, was an und für sich nicht unwahrscheinlich ist. Wir können vielleicht auch ferner annehmen, dass als der Weizen zuerst cullivirt wurde, die Ähren und Körner schnell an Grösse Zunahmen, in derselben Weise, wie die Wurzeln der wilden Mohrrüben und Pastinaken bekanntlich unter Cultivation schnell an Masse zunehmen. Mais: Zca Mays. —  Die Botaniker sind fast einstimmig darüber, dass alle cultivirten Sorten zu einer und derselben Species gehören. Er ist zweifellos 47  amerikanischen Ursprungs und wurde von den Eingebor- nen den ganzen Continent entlang von Neu-England bis Chile angebaut. SeineCultur muss ausserordentlich alt sein, denn Tschudi 48  beschreibt zwei Sorten, jetzt in Peru nicht bekannt oder ausgestorben, welche aus zwei Gräbern entnommen wurden, die offenbar in die Zeit vor die Dy- s. Alph. DeCandolle's lange Erörterung in seiner Geographie botan., p. 942. In Bezug auf Neu-England s. Silliman's  American Journal, Vol. XLIV, p. 99. 48  Travels in Peru, Engl, transl. p. 177.

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40Ü Cerealien. 9 Cap. nastie der Incas gehören. Es gibt aber selbst noch einen stärkeren Beweis für ihr Alter; denn ich fand an der Küste von Pern 49  Maiskolben, die zusammen mit achtzehn Species recenter Seemuscheln in einem Kieslager eingebettet waren, welches mindestens 85 Fuss über dem Meeresspiegel emporgehoben war. Im Einklänge mit dieser alten Cultur haben sich denn auch zahlreiche amerikanische Varietäten gebildet. Die ursprüngliche Form ist bis jetzt noch nicht im wilden Zustand entdeckt worden. Man hat nach unzureichenden Zeugnissen angeführt, dass eine eigentlmm- liche Art 011 , bei welcher die Körner statt nackt zu sein, von Spelzen von elf Linien Länge bedeckt sind, wild in Brasilien wachse. Es ist beinah gewiss, dass die ursprüngliche Form einen derartigen Schutz über ihren Körnern besessen haben werde 0l ; aber die Samen der brasilianischen Varietät erzeugen, wie ich von Prof. As a Gray  höre, und wie auch in zwei publicirten Darstellungen angegeben wird, entweder gewöhnlichen oder mit Spelzen versehenen Mais;. und es ist nicht glaublich, dass eine wilde Art nach ilirer ersten Cultur so schnell und in einem so hohen Grade variiren sollte. Der Mais hat in einer ausserordentlichen und auffallenden Art va- riirt. Metzger 52 ,  der der Cultur dieser Pflanze besondere Aufmerksamkeit widmete, bildet zwölf Kassen (Unterarten) mit zahlreichen Subvarietäten ; von den letzteren sind einige ziemlich constant, andere völlig inconstant. Die Höhe der verschiedenen Kassen variirt von 15 —18 Fuss bis herab zu nur 16 —18 Zoll, wie bei einer von Bonafous  beschriebenen Zw r ergvarietät. Der ganze Kolben ist der Form nach variabel; er ist entweder lang und schmal oder kurz und dick oder verzweigt. Der Kolben bei der einen Varietät ist über viermal so lang als der einer zwerghaften Sorte. Die Samen sind im Kolben in von sechs bis auf zwanzig 49  Geolog. Observat. on South-America, 1846, p. 49. 50  Dieser Mais ist abgebildet in dem prächtigen Werke von Bona- ious, Hist. nat. du Mais, 1836. PI. V bis  und im Jourual of Horticult. Soc. Vol. I. 1846, p. 115, wo auch über die Resultate der Aussaat Bericht gegeben wird. Ein junger Guarani-Indianer sagte beim Aublick dieser Maissorte zu Auguste St. Hilaire (s. DeCandolle, Geographie botan. p. 951), dass er in den feuchten Wäldern seines Heimathlandes wild wachse. T e- sehemacker  gibt einen Bericht über die Aussaat dieser Sorte, Proceed. Boston Soc. Hat. hist. 19. Oct. 1842. 51 Moquin-Taudon,  Elemens de Teratologie. 1841, p. 126. 52  Die Getreidearten, 1841, p. 208. Einige wenige von Metzger's Angaben habe ich nach dem grossen Werke von Bonafous,  Hist. nat. du Mais. 1836, etwas modificirt.

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9. Cap. Mais. 401 Reihen ungeordnet oder unregelmässig gestellt; die Samen sind gefärbt, weiss, blassgelb, orange, rotli, violett oder elegant mit schwarz gestrichelt 53 , und in demselben Kolben finden sich zuweilen Samen zweierlei Färbung. In einer kleinen Sammlung fand ich, dass ein einzelnes Korn der einen Varietät beinah so viel wog als sieben Körner einer andern Varietät. Die Form des Samens variirt bedeutend. Er ist entweder sehr platt, oder nahezu kuglig, oder oval, breiter als lang oder länger als breit, ohne irgend eine Spitze oder in eineu scharfen Zahn ausgezogen, und dieser Zahn ist zuweilen rückwärts gebogen. Eine Varietät (die rugosa  von Bonafous)  hat merkwürdig geschrumpfte Samen, die dem ganzen Kolben ein eigenthümlichcs Ansehen geben. Eine andere Varietät (die cymosa  von Bonafous)  trägt ihre Kolben so dicht zusammengehäuft, dass sie Mals ä bouquet genannt wird. Die Samen einiger Varietäten enthalten viel Zucker statt Stärke. Zuweilen treten männliche Blüthen zwischen den weiblichen Blüthen auf und vor kurzem hat J. Scott  den noch seltneren Fall beobachtet, dass weibliche Blüthen an einer echten männlichen Ähre auftreten; in gleicher Weise auch Zwitterbliitlien 54 . Azara  beschreibt 55  eine Varietät von Paraguay, deren Körner sehr zart sind und gibt an, dass mehrere Varietäten sich dazu eignen, auf verschiedene Weise zubereitet zu werden. Die Varietäten differiren auch bedeutend in der Schnelligkeit des Reifens und haben in verschiedenem Grade das Vermögen der Trockenheit und der Wirkung heftiger Winde zu widerstehen 56 . Einige der vorstehenden Verschiedenheiten würden bei Pflanzen im Naturzustände sicher für specifiscli werthvoll betrachtet werden. Der Graf Re gibt an, dass die Körner aller der Varietäten, welche er cultivirte, endlich eine gelbe Farbe annahmen; Bonafous  hat aber gefunden o1 , dass die meisten von denen, die er zehn Jahre hintereinander säte, die ihnen eigenthümlichen Färbungen rein behielten; under fügt hinzu, dass in den Pyrenäenthälern und in den Ebenen von Piemont ein weisser Mais länger als ein Jahrhundert cultivirt worden ist und keine Veränderung erlitten hat. 53 Godron,  de PEspece. Tom. II, p. 80. Alph. DeCandolle,  a. a. 0. p. 951. 54 Transact. Bot. Soc. of Edinburgh. Vol. VIII, p. 60. 33 Voyages dans PAmerique meridionale. Tom. I, p. 147. 36 Bonafous,  Hist. nat. du Mais, p. 81. 31  ebenda, p. 31. Darwin, Erster Thet'I. 26

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 Cerealien. 9. Cap. Die in südlichen Breiten angebauten und daher grösserer Wärme ausgesetzten hohen Arten brauchen sechs bis sieben Monate um ihre Samen zu reifen, während die in nördlicheren und kälteren Klimaten erzogenen Zwergvarietäten nur drei bis vier Monate brauchen ° 8 . Peter Kalm 59 , der dieser Pflanze besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat, sagt, dass in den Vereinigten Staaten die Pflanze beim Vorgehen von Süden nach Norden stetig an Umfang verliere. Aus Virginien, vom 37. Breitengrade, gebrachte und in Neu-England, im 43.—44. Breitengrade, gesäte Samen bringen Pflanzen hervor, welche ihre Samen nicht zur Reife bringen oder sie nur mit äusserster Schwierigkeit reif werden lassen. Dasselbe gilt für Samen der aus Neu-England nach Canada unter dem 45.-47. Grade gebracht wurde. Wendet man anfangs grosse Sorgfalt an, so reifen die südlicheren Arten nach der Cultur einiger Jahre ihre Samen vollständig an ihren nördlicheren Standorten, so dass wir hier einen analogen Fall haben mit dem der Umwandlung von Sommerweizen in Winterweizen und umgekehrt. Wird hoher Mais und Zwergmais zusammengepflanzt, so sind die Zwergsorten in voller Bliithe, ehe. die andern auch nur eine einzige Bliithe erzeugt haben und in Pennsylvanien reifen sie ihre Samen sechs Wochen früher, als der hohe Mais. Metzger  erwähnt auch einen europäischen Mais, dessen Samen vier Wochen früher reifen, als der einer andern europäischen Sorte. Nach diesen Tliat- sachen, die so offenbar eine vererbte Acclimatisation beweisen, können wir gern Kalm  glauben, welcher anführt, dass in Nordamerika Mais und einige andere Pflanzen allmählich immer weiter und weiter nordwärts cultivirt worden sind. Alle Schriftsteller stimmen darin überein, dass um die Varietäten rein zu erhalten, sie getrennt gepflanzt werden müssen, damit sie sich nicht kreuzen. Die Wirkungen des Klima's von Europa auf amerikanische Varietäten ist in hohem Grade merkwürdig. Metzger  erhielt von verschiedenen Theilen von Amerika. Samen und cultivirte mehrere Arten in Deutschland. Ich will einen Abriss der Veränderungen geben, die in einem Falle, nämlich bei einer hohen Art (Zea altissima,  breitkörniger Mais) aus den wärmeren Theilen von Amerika beobachtet wurde 60 . Während des ersten Jahres waren die Pflanzen zwölf Fuss hoch und wenige Samen wurden ausgebildet. Die unteren Samen in den Kolben blieben ihrer 58 Metzger,  Getreidearten, p. 206. 59  Beschreibung des Mais von P. Kalm  in Acta Holmiensia. 1752. Vol. IV. 60  Getreidearten, p. 208.

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9. Cap. Mais. — Kolli. 403 eigenthümlichcn Form treu, die oberen Samen wurden aber unbedeutend verändert. In der zweiten Generation wurden die Pflanzen neun bis zehn Fuss hoch und ihre Samen reiften besser; der Eindrnck auf der äussern Seite des Samens war fast verschwunden und die ursprünglich schöne weisse Farbe war gräulich geworden. Einige der Samen waren selbst gelb geworden und näherten sich in der nunmehr abgerundeten Form dem gemeinen europäischen Mais. In der dritten Generation hatte sich fast alle Ähnlichkeit mit der ursprünglichen und sehr distiucten amerikanischen Elternfonn verloren. In der sechsten Generation glich dieser Mais vollständig einer europäischen Varietät, die als die zweite Subvarietät der fünften Rasse oder Unterart beschrieben wird. Als Metzger sein Buch veröffentlichte, wurde diese Varietät noch in der Nähe von Heidelberg cultivirt und konnte von der gemeinen Art nur durch ihr etwas kräftigeres 'Wachsthum untei schieden werden. Analoge Resultate wurden auch bei der Cultur einer andern amerikanischen Rasse, dem 'Weisszahn-Korn, erhalten, bei welcher der Zahn selbst schon in der zweiten Generation fast verschwand. Eine dritte Rasse, das "Hühnchcn-Korn", erlitt keine so grosse Veränderung, aber die Samen wurden weniger glänzend und durchscheinend. Diese Thatsachen bieten das merkwürdigste mir bekannte Beispiel der directen und sofortigen Einwirkung des Klima's auf eine Pflanze dar. Es hätte sich erwarten lassen, dass die Höhe des Stammes, die Vegetationsperiode und das Reifen des Samens in dieser Weise afficirt werden würde; eine viel überraschendere Thatsache ist es aber, dass auch die Samen eine so grosse und rapide Veränderung erlitten. Da indess die BlUthen mit ihrem Producte, dem Samen, durch eine Metamorphose des Stammes und der Blätter gebildet werden, so wird sich auch irgend eine Modification dieser letzteren Organe durch Correlation gern auf die Fructificationsorgane ausdehnen. Kohl (Brassica oleracea). —  Es ist allgemein bekanut, wie bedeutend die verschiedenen Sorten von Kohl im Aussehen diiferiren. Auf der Insel Jersey ist in Folge der Einwirkung eigenthümlicher Cultur und des Klima's ein Stamm bis zur Höhe von sechszehn Fuss emporgewachsen und "in seinen Frühjahrschösslingen an der Spitze hatte eine Elster ihr Nest gebaut"; die holzigen Stämme sind nicht selten von zehn bis 26*

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 Küehengewächse. 9. Cap. zwölf Fuss Höhe und werden dort als Sparren 61  und Spazierstöcke benutzt. Wir werden hierdurch daran erinnert, dass in gewissen Ländern Pflanzen, die zu der meist krautartigen Ordnung der Cruciferen gehören, sich zu Bäumen entwickeln. Jedermann kann die Verschiedenheit zwischen grünem und rothem Kohl mit grossen einzelnen Köpfen erkennen; den Brüsseler Kohl mit zahlreichen kleinen Köpfen, den Broccoli und Blumenkohl mit der Mehrzahl ihrer Blüthen im abortiven Zustande, nicht fähig Samen zu produciren und in einem dichten Corymbus zusammeu- gestellt, statt in einer offenen Kispe; Savoyer Kohl, mit seinen blasigen und gerunzelten Blättern; Grünkohl und Braunkohl, welche der wilden Elternform am nächsten kommen. Es gibt auch verschiedene krau- sige und geschlitzte Arten, einige mit so schönen Farben, dass Vilrno- rin in seinem Catalog von 1851 zehn Varietäten aufzählt, die nur als Zierpflanzen geschätzt w'erden, und sich durch Samen fortpflanzen. Einige Arten sind weniger allgemein bekannt, so der portugiesische Couvo Tron- chuda, mit bedeutend verdickten Blattrippen, und der Kohlrabi oder choux-rave, dessen Stämme in grosse rübenartige Massen oberhalb der Erde verdickt sind; ferner die neuerdings gebildete neue Basse 62  von choux-raves, die bereits neun Subvarietäten umfasst, bei welcher der verdickte Theil unter der Erde liegt, wie eine Rübe. Wenn wir auch solche grosse Verschiedenheiten in der Form, Grösse, Farbe und Wachsthumsart der Blätter und des Stammes, und derBlüthen- stämme beim Broccoli und Blumenkohl, sehen, so ist es doch merkwürdig, dass die Blüthen selbst, die Samenschoteu und Samen äusserst unbedeutend oder durchaus gar keine Differenzen darbieten 63 . Ich habe die Blüthen aller Hauptarten verglichen; die des Couve Tronclmda sind weiss und eher etwas kleiner als bei den gewöhnlichen Kohlarten; die des Portsmouth Broccoli haben schmälere Kelchblätter und weniger verlängerte Blüthenblätter; bei keinem andern Kohl konnte irgend eine Differenz nachgewiesen werden. Was die Samenschoten betrifft, so wichen sie nur beim purpurnen Kohlrabi ab, wo sie etwas länger und schmäler als gewöhnlich sind. Ich habe eine Sammlung von Samen von achtund- 61  » Cabbage-Timber. « Gardener's Chronicle, 1856, p. 744, citirt nach Hooker's Journal of Botany. Ein aus einem Kohlstamm gefertigter Spazierstock ist im Museum in Kew aufgestellt. 62  Journal de la Soc. Imp. d'IIorticulture, 1855, p. 254, citirt aus Gartenflora, April 1855. 63 Godron,  de l'Espece. Tom. II, p. 52. Metzger,  System. Beschreibung der kultiv. Kohlarten, 1833, p. 6.

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9 Cap. Kohlarten. 405 zwanzig verschiedenen Arten gemacht und die meisten waren ununterscheidbar. Bestand irgend eine Differenz, so war sie ganz ausserordentlich unbedeutend; so sind die Samen verschiedener Broccoli's und Blumenkohl, wenn man sie in Masse sieht, ein wenig röther, die Samen des zeitigen grünen Ulmer Savoy erkohls sind etwas kleiner, und die des Breda-Krauskohls unbedeutend grösser als gewöhnlich, aber nicht grösser als die Samen des wilden Kohls von der Küste von Wales. Welcher Contrast in der Grösse der Verschiedenheit bietet sich dar, wenn wir auf der einen Seite die Blätter und Stämme der verschiedenen Arten von Kohl mit ihren Blüthen, Schoten und Samen, und auf der andern Seite die entsprechenden Tlieile in den Varietäten von Mais und Weizen mit einander vergleichen. Die Erklärung liegt auf der Hand. Bei unsern Cerealien werden nur die Samen geschätzt und deren Variationen sind bei der Zuchtwahl berücksichtigt worden, während beim Kohl die Samen, Samenschoten und Blüthen gänzlich vernachlässigt worden sind, während viele nützliche Variationen in ihren Blättern und Stämmen beachtet und seit einer äusserst entfernt liegenden Zeit erhalten worden sind; denn Kohl wurde schon von den alten Kelten cultivirt 64 . Es würde nutzlos sein, eine classificirte Beschreibung 6 '' der zahlreichen Kassen, Unterrassen und Varietäten des Kohls zu geben; es mag aber erwähnt werden, dass Dr. Lindley  vor Kurzem ein System vorgeschlagen hat 66 , welches auf den Zustand der Entwickelung der endständigen und seitlichen Blattknospen und der Blüthenknospen begründet ist. So: I. Alle Blattknospen activ und often wie beim wilden Kohl, Krauskohl u. s. w. II. Alle Blattknospen activ, aber Köpfe bildend, wie beim Brüsseler Kohl u. s. w. III. Terminale Blattknospe allein activ und einen Kopf bildend, wie beim gemeinen Kohl, Savoyer etc. IV. Terminalknospe allein activ und offen, die meisten Blüthenknospen abortiv und succulent, wie beim Blumenkohl und Broccoli. V. Alle Blattknospen activ und offen, die meisten Blüthenknospen abortiv und succulent, wie bei demSprossen- Broccoli. Diese letztere Varietät ist eine neue und steht in demselben Verhälniss zum gemeinen Broccoli, wie der Brüsseler Kohl zu dem gemeinen Kohl steht; sie trat plötzlich in einem Beete von gewöhnlichem Broccoli auf und man fand, dass sie ihre neu erlangten merkwürdigen Charactere fortpflanzte. 64  Rognier, De l'Economie Publique des Geltes, 1818, p. 438. 65  s. den älteren De Candolle in Transact. Horticult. Soc. Vol. V, und Metzger, Kohlarten etc. 66 Gardener's Chronicle, 1859, p. 992.

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K üc hcnge wach se. 9. Cap. 406 Die Hauptarten des Kolils haben mindestens schon im sechsehnten Jahrhundert 67  existirt, so dass zahlreiche Modiflcationen der Structur lange Zeit hindurch schon vererbt worden sind. Diese Thatsache ist um so merkwürdiger, als grosse Sorgfalt angewendet werden muss, um eine Kreuzung der verschiedenen Arten zu verhindern. Um einen Beweis hierfür zu liefern: Ich erzog 233 Sämmlinge von Kohl verschiedener Arten, welche absichtlich nahe an einander gepflanzt worden waren und von dieser Sammlung waren nicht weniger als 155 offenbar verscldechtert und verbastadirt. Auch waren die übrigbleibenden 78 nicht alle vollständig rein. Man kann bezweifeln, ob viele permanente Varietäten durch unabsichtliche oder zufällige Kreuzungen gebildet worden siud; denn solche gekreuzte Pflanzen stellen sich als sehr inconstant heraus. Eine Art indessen, sogenannter , Cottager's Kaie" ist neuerdings dadurch gebildet worden, dass man gemeinen Krauskohl und Brüsseler Kohl kreuzte und mit rotliem Broccoli zurückkreuzte 68  Diese soll rein züchten, aber von mir erzogene Pflanzen waren auch nicht annähernd so constant in ihrem Character als irgend ein gemeiner Kohl. Wenn auch die meisten Arten bei sorgfältiger Verhinderung einer Kreuzung rein züchten, so müssen doch die Samenbeete jährlich untersucht werden, und einige Sämlinge werden meist als falsch erkannt. Aber selbst in diesem Falle zeigt sich die Stärke der Vererbung; denn wie Metzger  bemerkt hat 69 , wo er von dem Brüsseler Kohl spricht, es halten die Variationen meist an ihrer Unterart oder Hauptrasse. Aber um irgend eine Art rein fortzupflanzen, dürfen in den Lebensbedingungen keine grossen Veränderungen eintreten. So bilden Kohlpflanzen in warmen Ländern keine Köpfe und dasselbe ist bei einer englischen Varietät beobachtet worden, -welche während eines ausserordentlich warmen und feuchten Herbstes in der Mähe von Paris 70  wuichs. Auch ausserordentlich armer Boden afficirt die Charactere gewisser Varietäten. Die meisten Schriftsteller glauben, dass alle Rassen von dem an den Westküsten von Europa gefundenen wilden Kohl abstammen. Alph. De Candolle 71 weist aber sehr eindringlich mit historischen und andern Gründen nach, dass es wahrscheinlicher ist, dass zwei oder drei 61 Alph. DeCandolle,  Geographie botan., p. 812 und 98!>. 68 Gardener's Chronicle. Febr. 1858, p. 128. 69  Kohlarten, p. 22. ,0 Godron,  de l'Espece. Tom. II, p. 52. Metzger,  Kohlarten, p. 22. 11  Geographie botan. p. 840.

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9. Cap. Kolilartwi. 407 nahe verwandte meist als distincte Species rangirte und noch in den Mittelmeergegenden lebende Formen die Eltern der verschiedenen culti- virten Arten, aber jetzt alle untereinander vermischt sind. In derselben Art, wie wir es oft bei domesticirten Thieren gesehen haben, wirft die Annahme eines mehrfachen Ursprungs des Kohls kein Licht auf die characteristischen Verschiedenheiten zwischen den cultivirten Formen. Sind unsere Kohlarten die Nachkommen von drei oder vier distincten Species, so ist jede Spur irgend welcher Sterilität, welche ursprünglich zwischen ihnen existirt haben mag, jetzt verloren gegangen; denn keine der Varietäten kann distinct erhalten werden, ohne mit ängstlicher Sorge eine Kreuzung zu vermeiden. Die andern cultivirten Formen der Gattung Brassica  stammen nach der von Godron und Metzger  angenommenen Ansicht von zwei Arten ab, II. napus  und rapa;  nach andern Botanikern aber von drei Species, während noch andere stark vermuthen, dass alle diese Formen, sowohl die wilden als die cultivirten, als eine einzige Species angesehen werden sollten. Brassica napus  hat zwei grosse Gruppen entstehen lassen, schwedische [Kohl-] Kuben (von Einigen für hybriden Ursprungs gehalten) 7 3  und Colzas [Winterraps], deren Samen Öl geben. Auch Brassica rapa ( Koch) hat zwei Kassen entstehen lassen, nämlich die gemeinen Rüben und den ölgebenden Rübsen. Der Beweis, dass diese letzteren Pflanzen, trotzdem sie im äusseren Ansehen so verschieden.sind, zu derselben Species gehören, ist ungewöhnlich deutlich; denn Koch und Godron  haben beobachtet, dass, wenn Rüben in uncultivirtem Boden gezogen werden, sie ihre dicken Wurzeln verlieren; und werden Rübsen und Rüben zusammengesät, so kreuzen sie sich so stark, dass kaum eine einzige Pflanze echt kommt 74 . Metzger  verwandelte durch Cultur den zweijährigen oder Winterrübsen in den einjährigen oder Sommerrübsen, Varietäten, welche von einigen Autoren für specifisch distinct gehalten worden sind 1o . In der Production grosser fleischiger, rübenartiger Stämme haben wir einen Fall von analoger Variation bei drei Formen, welche meist für distincte Arten gehalten werden; aber kaum irgend eine Modification scheint so leicht erlangt •werden zu können, als eine succulente Anschwellung des Stammes oder der Wurzel, d. i. ein Aufspeichern vonNahrungs- material zum eigenen späteren Nutzen der Pflanze. Wir sehen dies in 71 Godron.  de TEspece. Tom. II, p. 54. Metzger,  Kohlarten, p. 10. 73 Gardener's Chronicle and Agricult. Gazette, 1856, p. 729. 11  Gardener's Chronicle and Agricult. Gazette, 1855, p. 730. ,5 Metzger, Kohlarten, p. 51.

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 Küchengewächse. 9. Cap. unsern Rettigen, Beten und in dem weniger allgemein bekannten "rübenwurzligen" Sellerie, ebenso in dem Fiuocchio oder der italienischen Varietät des gemeinen Fenchels. Buck man  hat vor Kurzem durch seine interessanten Versuche nachgewiesen, wie schnell die Wurzeln der wilden Pastinake vergrössert werden können, ebenso wie cs früher Vilm or in für die Mohrrüben nachgewiesen hat 16 . Diese letztere Pflanze weicht in ihrem cultivirten Zustande kaum in irgend einem Character von der wilden englischen Species ab mit Ausnahme einer allgemeinen Üppigkeit und der Grösse und Qualität ihrer Wurzeln; es werden aber in England zehn in der Farbe, Form und Qualität der Wurzeln differirende Varietäten cultivirt 77  und durch Samen echt gezüchtet. Wie es daher für die Mohrrübe und für so viele andere Fälle, z. B. für die zahlreichen Varietäten und Untervarietäten des Rettigs gilt, so scheint der Theil der Pflanzen, welcher vom Menschen geschätzt wird, fälschlich allein variirt zu haben; die Wahrheit aber ist, dass nur Variationen dieses Theils bei der Nachzucht berücksichtigt worden sind, und da die Sämlinge eine Tendenz in derselben Weise zu variiren erben, so sind analoge Modificatio- nou fort und fort ausgewählt worden, bis endlich eine bedeutende Veränderung bewirkt worden ist. Erbse (Visum sativum). —  Die meisten Botaniker betrachten die Gartenerbse als von der Felderbse (V. arvense)  specifisch verschieden. Die letztere existirt im südlichen Europa wild. Die ursprüngliche Elteruform der Gartenerbse ist indess nur von einem einzigen Sammler, und wie er angibt, in der Krim 78  gefunden worden. Andrew Knight kreuzte, wie mir A. Fitch mitgctheilt hat, die Felderbse mit einer bekannten Gartenvarietät der "preussischen Erbse" und die gekreuzten Nachkommen 76  Diese Versuche von Vilmorin  sind von vielen Schriftstellern citirt worden. Ein ausgezeichneter Botaniker, Decaisne,  hat vor Kurzem nach seinen eignen negativen Resultaten Zweifel ausgedrückt; doch sind negative Resultate nicht positiven gleichwerthig. Auf der andern Seite hat neuerdings Barriere (Gardener's Chronicle, 1865, p. 1154' angegeben, dass er Samen von einer wilden Mohrrübe nahm und ihn weit entfernt von jedem cultivirten Boden säete: und schon in der ersten Generation wichen die Wurzeln seiner Sämlinge darin ah, dass sie spindelförmig, länger, weicher und weniger faserig waren als die der wilden Pflanze. Aus diesen Sämlingen erzog er mehrere Varietäten. 77 Loudon's  Encyclopaedia of Gardening, p. 835. 78 Alph. DeCandolle, Geographie botau. p. 960. Bentham ( Hor- ticult. Journ. Vol. IX. 1855, p. 141) glaubt, dass Garten- und Felderbsen zu derselben Art gehören und weicht in dieser Hinsicht von Targioni- Tozzetti ab.

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9. Cap. Erbsen. 409 schienen vollkommen fruchtbar zu sein. Dr. Ale feid  hat neuerdings das Genus mit Sorgfalt studirt 79 , und nachdem er ungefähr fünfzig Varietäten cultivirt hatte, kommt er zu dem Schluss, dass sicher alle zu derselben Species gehören. Es ist eine interessante bereits erwähnte Thatsaclie, dass, Oswald Heer 80  zufolge, die in den Pfahlbautenwohnungen der Schweiz gefundenen Erbsen aus der Stein- und Bronce- periode einer ausgestorbenen Varietät mit ganz ausserordentlich kleinen Samen angehörten, welche dem P. arvensc  oder der Felderbse verwandt waren. Die Varietäten der gemeinen Garteuerbse sind zahlreich und weichen beträchtlich von einander ab. Zur Vergleichung pflanzte ich zu derselben Zeit einundvierzig englische und französische Varietäten, und in diesem einen Falle will ich ihre Verschiedenheiten minutiös beschreiben. Die Varietäten weichen bedeutend in der Höhe, nämlich von sechs und zwölf Zoll bis acht Fuss 81 , in der Art zu wachsen und in derZeit zu reifen von einander ab. Einige Varietäten differiren im äusseren Ansehen selbst schon, wenn sie nur zwei oder drei Zoll hoch sind. Die Stämme der "preussischen Erbse" sind viel verzweigt; die hohen Sorten haben grössere Blätter als die zwerghaften, aber in keiner strengen Proportion zu ihrer Höhe. " Hair's Dwarf Monmouth" hat sehr grosse Blätter und die "Pois nain hatif" ebenso wie die nur mässig hohe "blaue preussische" haben Blätter, die ungefähr zwei Drittel so gross sind wie die der höchsten Sorte. Bei der "Danecroft-Erbse" sind die Blättchen eher klein und etwas zugespitzt, bei der "Queen of Dwarfs" etwas abgerundet und bei der "Queen of England" breit und gross. Bei diesen drei Erbsen werden die unbedeutenden Verschiedenheiten in der Form der Blätter von geringen Differenzen in der Färbung begleitet. Bei der "Pois geant sans parche- min", welche purpurne Blftthen trägt, sind die Blättchen bei der jungen Pflanze roth gerändert; und bei allen Erbsen mit purpurnenBlüthen sind die Stipulae mit roth gezeichnet. Bei den verschiedenen Varietäten werden entweder eine oder zwei oder mehrere Blüthen in einem kleinen Busch auf demselben Blüthenstiel getragen; und dies ist eine Differenz, welche bei manchen Leguminosen als von speeifischem Werth betrachtet wird. Bei allen Varietäten sind sich die Blüthen mit Ausnahme der Farbe und Grösse sehr ähnlich. Sie 19  Botanische Zeitung, 1860, p. 204. 80  Die PflanzeD der Pfahlbauten, 1866, p. 23. 81  Eine Rouncival genannte Varietät erreicht diese Höhe, wie Gordon anführt, Transact. Horticult. Soc. 2. Ser. Vol. I. 1835, p. 374; ich habe diesem Aufsatz mehrere Thatsachen entnommen.

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 Küchengewäehse. 9. Cup. sind meist weiss, zuweilen purpurn, die Farbe ist aber selbst in derselben Varietät inconstant. In "Warner's Emperor", welches eine hohe Sorte ist, sind die Blüthen nahebei doppelt so gross als die der "Pois naiu liatif", aber "Hair's Dwarf Monmouth" , welche grosse Blätter hat, hat gleicherweise grosse Blüthen. Der Kelch bei "Victoria Marrow" ist gross und bei den "Bishop's Long Pod" sind die Kelchblätter eher schmal. Bei keiner andern Sorte findet sich irgend eine Verschiedenheit in der Blüthe. Die Schoten und Samen, wmlche bei natürlichen Species so constante Charactere darbieten, weichen in den cultivirten Varietäten der Erbsen bedeutend von einander ab. Dieses sind nun die werthvollen Tlieile und in Folge dessen werden sie bei der Zuchtwahl berücksichtigt. Zuckererbsen, oder Pois sans parchemin sind merkwürdig wegen ihrer dünnen Schoten, welche, so lange sie jung sind, gekocht und ganz gegessen werden; und in dieser Gruppe, welche nach Gordon elf Subvarietäten umfasst, ist es die Schote, welche am meisten differirt. So hat "Lewis's Negro-podded Pea" eine gerade breite, platte und dunkle purpurne Schote, deren Schale nicht so dünn ist, wie bei den andern Sorten; die Schote einer andern Varietät ist ausserordentlich gekrümmt, die der "Poisge'ant" ist am Ende sehr zugespitzt und in der Varietät "ä grands cosses" sind die Erbsen durch die Schale hindurch in einer so aullallenden Weise zu sehen, dass die Schote, besonders wenn sie trocken ist, auf den ersten Blick kaum für die einer Erbse erkannt wird. Bei den gewöhnlichen Varietäten differiren die Schoten auch sehr in der Grösse, ebenso wie in der Färbung; so ist die der "Woodford's Green Marrow", wenn sie getrocknet ist, hellgrün, statt blassbraun zu sein; und die der purpurschotigen Erbse ist wie ihr Name ausdrückt; ebenso in der Glätte: so ist die "Danccroft" merkwürdig glänzend glatt, während die der "Ne plus ultra" rauh ist; — ferner darin, dass sie entweder nahezu cyliudriseh oder breit und platt sind, und dass sie am Ende zugespitzt, wie bei "Thurston's Keliance" oder stark abgestuzt sind, wie bei der amerikanischen Zw r ergerbse. Bei der Auvergne-Erbse ist das ganze Ende der Schote aufwärts gekrümmt; bei der "Queen of the Dwarfs" und in der "Scimitar-Erbse" ist die Schote beinah elliptisch von Gestalt. Ich gebe hier Abbildungen der vier distinctesten Schotenformen, welche die von mir cultivirten Pflanzen erzeugten. In der Erbse selbst finden wir beinah alle Farbentöne zwischen fast rein weiss, braun, gelb und intensiv grün; bei den Varietäten der Zuckererbsen haben wir dieselben Färbungen ausserdem noch mit rotli, welches

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9. Cap. Erbsen. -m durch hellpurpur in eine dunkle Chocoludenfärbung übergeht. Diese Färbungen sind entweder gleichförmig oder in Punkte, Streifen oder moosartige Zeichnungen vertheilt. Sie hängen in manchen Fällen von der Farbe der durch die Haut sichtbaren Cotyledonen ab; in andern Fällen von den äusseren Hüllen der Erbse selbst. In den verschiedenen Varietäten enthalten die Schoten nach Gordon von elf oder zwölf bis nur vier oder fünf Erbsen. Die grössten Erbsen sind nahezu zweimal so gross im Durchmesser als die kleinsten und die letzteren werden nicht I II in iv ifJZ'S Wi'.v Bä® m- a a b c d Fig. 4t. Schoten und Krbsen. — I. Queen of Dwarfs. II. Amerikanische Zwergerbse. III. Thurston's Reliance. IV. Pois geant saus parchemin. a Dan O'Iiourke - Erbse, b Queen of Dwarfs-Erbse. c Knight's Tall "White Marrow, d Lewis's Xegro Pea. immer von den zwerghaftesten Sorten getragen. Die Erbsen differiren auch sehr in Form; sie sind glatt und sphärisch, glatt und oblong, beinah oval in der "Queen of Dwarfs", nahezu cubisch und runzelig in vielen der grösseren Sorten.

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 Küchengewächse. 9. Cap Was den Werth der Verschiedenheiten zwischen den Hauptvarietii- ten betrifft, so ist nicht zu bezweifeln, dass wenn eine der grossen Zuckererbsen mit purpurnen Blüthen, dünnen häutigen Schoten von einer ausserordentlichen Form und Grösse, dunkelpurpurne Erbsen enthaltend, wild an der Seite der niedrigen "Queen of Dwarfs" mit weissen Blüthen, gräulich grünen abgerundeten Blättern, säblig gekrümmten Schoten mit oblongen glatten, blass gefärbten Erbsen, die zu einer verschiedenen Zeit reiften, oder wild zur Seite einer der gigantischen Sorten, wie des "Champion of England" mit sehr grossen Blättern, zugespitzten Schoten, und grossen grünen runzligen, fast cubisclien Erbsen wüchsen, alle drei Sorten für unbestreitbar distiucte Species gehalten werden würden. Andrew Knight hat beobachtet 82 , dass die Varietäten der Erbsen sich sehr rein halten, weil sie von Insecten nicht gekreuzt werden. Was die Tliatsache des reinen Züchtens betrifft, so höre ich von Mr. Masters  von Canterbury, der als der Erzieher verschiedener neuer Sorten wohl bekannt ist, dass gewisse Varietäten eine beträchtliche Zeit hindurch constant geblieben sind, z.B. " Knight's blue dwarf, " welche um das Jahr 1820 aufkam 83 . Die grosse Anzahl von Varietäten haben aber eine merkwürdig kurze Existenz; so bemerkt Loudon 84 , dass Sorten, welche 1821 sehr hoch geschätzt waren, jetzt (im Jahre 1833) nirgends zu finden sind; und bei einer Vergleichung der Listen von 1833 mit denen von 1855, finde ich, dass nahezu alle Varietäten geändert haben. Mr. Masters  theilt mir mit, dass die Natur des Bodens die Ursache ist, dass manche Varietäten ihren Character verlieren. Wie es bei andern Pflanzen der Fall ist, so können gewisse Varietäten rein fortgepflanzt werden, während andere eine entschiedene Neigung zum Variiren zeigen; so fand Mr. Masters  zwei in der Form verschiedene Erbsen, von denen die eine rund, die andere gefaltet war, innerhalb derselben Schote; aber die aus der runzligen Sorte erzogenen Pflanzen zeigten stets eine starke Neigung, runde Erbsen zu produciren. Von einer Pflanze einer andern Varietät erzog Mr. Masters  vier distinctc Subvarietäten, welche blaue und runde, weisse und runde, blaue und runzlige und weisse und runzlige Erbsen trugen; und obgleich er mehrere aufeinanderfolgende Jahre diese vier Varietäten getrennt aussäte, so erzeugte doch jede Sorte stets alle vier Arten durcheinander gemischt! In Betreff des Umstandes, dass die Varietäten sich nicht natürlich 8i  Philosoph. Transactions, 1799, p. 196. 83 Gardener's Magazine. Vol. I. 1826, p. 153. Encyclopaedia of Gardening, p. 823.

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9. Cap. Erbsen. 413 kreuzen, habe ich ermittelt, dass die Erbse, welche in dieser Hinsicht von manchen andern Leguminosen abweicht, ohne Hülfe der Iusecten vollkommen fruchtbar ist. Doch habe ich Hummeln gesehen, welche beim Saugen des Nectars die Kielblätter so niederdrückten , und so dick mit Pollen bestäubt wurden, dass es gar nicht fehlen konnte, dass etwas hiervon auf dem Stigma der midisten Blüthe, welche sie besuchten, zurückgelassen wurde. Ich habe bei mehreren grossen Züchtern von Samenerbsen Erkundigungen angestellt und finde, dass nur wenig sie getrennt aussäen. Die Mehrzahl wendet keine Vorsichtsmaassregeln an, und es ist sicher, wie ich selbst gefunden habe, dass reine Samen wenigstens mehrere Generationen hindurch vor distinc- ten Varietäten, die dicht nebeneinander wachsen, bewahrt werden können 85 . Unter solchen Umständen erzog Mr. Fitch, wie er mir mittheilt, zwanzig Jahre hindurch eine Varietät, welche stets rein kam. Nach der Analogie mit Bohnen hätte ich erwartet 86 , dass gelegentlich vielleicht nach längeren Zeitabschnitten, wenn irgend ein geringer Grad von Unfruchtbarkeit in Folge der lange fortgesetzten Selbstbefruchtung aufgetreten wäre, so nahe an einander wachsende Varietäten sich gekreuzt hätten; und im elften Capitel werde ich zwei Fälle anführen, wo sich distincte Varietäten von selbst kreuzten, und zwar haben hier nachweisbar (in einer später zu erklärenden Art) die Pollenkörner der einen Varietät direct die Samen der andern beeinflusst. Ob das beständige Auftreten neuer Varietäten zum Theil von solchen gelegentlichen und zufälligen Kreuzungen abhängt, und ihre schwankende Existenz von Veränderungen der Mode, oder ferner, ob die nach lange andauernder Selbstbefruchtung auftretenden Varietäten schwächlich sind und bald verkümmern, darüber kann ich nicht einmal eine Conjectur aufstelleu. Es mag indessen erwähnt werden, dass mehrere von Andrew Knight's Varietäten, welche länger als die meisten Sorten ausgehalten haben, gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts durch künstliche Kreuzungen erzeugt wurden. Einige von diesen waren, glaube ich, noch im Jahre 1860 kräftig; aber jetzt, im Jahre 1865, sagt ein Schriftsteller, welcher von Knight's vier Arten von , Marrows" spricht 87 : sie haben eine berühmte Geschichte, aber ihr Ruhm ist vergangen. 85  s. Anderson,  der Ähnliches angibt, in: Bath Soc. Agricultural Papers. Vol. IV, p. 87. 86  Ausführliche Details von Experimenten über diesen Gegenstand habe ich in Gardener's Chronicle, 25. Oct. 1857, veröffentlicht. 81 Gardener's Chronicle, 1865, p. 387.

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 Kiichengewächse. 9. Cap. In Bezug auf Bohnen (Faha vulgaris)  sage icli nur wenig. Dr. Ale fehl hat kurze diagnostische Charactere von vierzig verschiedenen Varietäten gesehen Jeder, der eine Sammlung gesehen hat, muss von der grossen Verschiedenheit in der Form , Dicke, proportionalen Länge und Breite, Farbe und Grösse frappirt sein, welche die Bohnen darbieten. Was für ein Contrast besteht zwischen der "Windsor-" und einer Pferdebohne ! Wie bei den Erbsen gieng unseren jetzt existirenden Varietäten während des Bronzezeitaltcrs in der Schweiz eine eigenthümlichc und jetzt ausgestorbene Varietät voraus, welche sehr kleine Bohnen erzeugte 89 Kartoffel (Solanum tuberosum). —  Ober die Abstammung dieser Pflanze herrscht nur wenig Zweifel; denn die cultivirten Varietäten weichen im allgemeinen Ansehen äusserst wenig von der wilden Species ab, welche in ihrem Heimathlande auf den ersten Blick wieder erkannt werden kann 9Ü . Die in England cultivirten Varietäten sind zahlreich; so gibt Lawson 91  eine Beschreibung von 175 Sorten. Ich pflanzte achtzehn Sorten in benachbarten Reihen; ihre Stämme und Blätter diffe- rirten nur wenig und in mehreren Fällen bestand zwischen den Individuen einer und derselben Varietät eine genau so grosse Verschiedenheit, wie zwischen den verschiedenen Varietäten selbst. Die Blüthen variiren in Grösse und in der Färbung, zwischen weiss und purpurn, aber in keiner andern Hinsicht, mit Ausnahme, dass in der einen Sorte die Kelchblätter etwas verlängert werden. Eine merkwürdige Varietät ist beschrieben worden, welche beständig zwei Arten von Blüthen producirt; die erste gefüllt und steril, die zweite einfach und fruchtbar 92 . Auch die Frucht oder die Beeren difleriren, aber nur in einem unbedeutenden Grade 93 . Auf der andern Seite bieten aber die Knollen eine ganz wunderbare Verschiedenheit dar. Diese Thatsaclie stimmt zu dem Grundsätze, dass die werthvollen und bei der Zuchtwahl berücksichtigten Theilo aller cul- 88  Bonplandia, X. 1862, p. 348. 89  0. Heer,  Die Pflanzen der Pfahlbauten. 1866, p. 22. 90 Darwin,  Journal of Researches 1845, p. 285. 91  Synopsis of the vegetable products of Scotland, citirt in Wilson's British Farming, p. 317. 92  Sir G. Mackenzie,  in: Gardener's Chronicle, 1845, p. 790. 93 Putsche and Vertue h, Versuch einer Monographie der Kartoffeln. 1819, p. 9. 15. s. auch Anderson, Recreations in Agriculture. Vol. IV, p. 325.

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9. Cup. Kartoffeln. 415 tivirten Producte den grössten Betrag von Modification darbieten. Sie differiren bedeutend in Grösse und Form, sind kuglig, oval, glatt, nierenförmig oder cylindriscli. Ans Peru wird eine Varietät beschrieben 94  als vollständig gerade, mindestens sechs Zoll lang, doch nicht dicker als ein Mannsfinger. Die Augen oder Knospen sind in der Form, Stellung und Farbe verschieden. Die Art, in welcher die Knollen an den sogenannten Wurzeln angeordnet sind, ist verschieden; so bilden sie bei den Gurken- kartofl'eln eine Pyramide mit abwärts gekehrter Spitze, bei einer andern Varietät graben sie sich tief in den Boden ein. Die Wurzeln selbst laufen entweder nahe an der Oberfläche oder tief in der Erde. Auch sind die Knollen in der Glattheit und Farbe verschieden; sie sind äusserlich weiss, roth, purpurn, oder fast schwarz und innerlich weiss, gelb oder beinah schwarz. Auch in Geschmack und Qualität siud sie verschieden; entweder w r achsig oder mehlig. Ebenso variirt die Zeit ihrer Reife und die Fähigkeit, lange aufbewahrt werden zu können. Wie es bei vielen anderen Pflanzen der Fall ist, welche lange Zeit hindurch durch Knospen, Knollen, Schnittreisser u. s. f. fortgepflanzt worden sind, durch welche Mittel dasselbe Individuum eine lange Zeit hindurch verschiedenartigen Bedingungen ausgesetzt wurde, so bieten auch Kartotfelsämlinge meist zahllose unbedeutende Verschiedenheiten dar. Mehrere Varietäten sind, selbst wenn sie durch Knollen fortgepflanzt werden, weit entfernt constant zu sein, wie wir in dem Capitel über Knospenvariation sehen werden. Dr. Anderson 9d  erhielt Samen von einer irischen Purpur-Kartoffel, welche weit von irgend einer andern Sorte wuchs, so dass sie wenigstens nicht in dieser Generation gekreuzt sein konnte; und doch variirten die vielen Sämlinge in beinah jeder möglichen Hinsicht, so dass "kaum zwei Pflanzen genau gleich waren." Einige der oberhalb der Erde sich sehr ähnlich sehenden Pflanzen pro- ducirten äusserst unähnliche Knollen und einige Knollen, welche äusserlich kaum von einander zu unterscheiden waren, wichen beim Kochen weit von einander ab. Selbst in diesem Falle äusserster Variabilität hatte der Elternstamm ziemlichen Einfluss auf die Nachkommen; denn die grossere Zahl der Sämlinge glich in einem gewissen Grade der elterlichen irischen Kartoffel. Nierenkartofl'eln müssen unter die am böschten culti- virten und künstlichen Rassen gerechnet werden; und doch lassen sich 94 Gardener's Chronicle. 1862, p. 1052. 95 Bath Society Agricult. Papers. Vol. V, p. 127, und Recreations of Agriculture, Vol. V, p. 86.

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 Küchengewäehse. 9. Cap. ihre Eigenthftmlichkeiten oft streng durch Samen fortpflanzon. Eine grosse Autorität, Mr. R