RECORD: Darwin, C. R. 1882. [Letter to C. F. Claus, 2 May 1876 and Claus's recollection of an 1871 visit to Darwin]. Neue Freie Presse, Abendblatt (22 April): 2.

REVISION HISTORY: Transcribed and edited by John van Wyhe. RN3

NOTE: See record in the Freeman Bibliographical Database, enter its Identifier here.

Darwin granted permission to have Claus's book dedicated to him. Claus, C. F. 1868. Untersuchungen zur Erforschung der Genealogischen Grundlage des Crustaceen Systems: Ein Beitrag zur Descendenzlehre. See the notes to the letter in Correspondence vol. 24, p. 146. The title of this newspaper is Neue Freie Presse, not Wiener Neue Freie Presse.

"Claus, Carl Friedrich, 1835-99. German zoologist. ... 1871 recollection of CD in C, Autobiographie, 1899, p. 17. 'Lubbock's amiable wife arranged my visit in Darwin's house.' In Darwin Online." (Paul van Helvert & John van Wyhe, Darwin: A Companion, 2021) In the transcription, Darwin's letter and words attributed to him are given in bold.


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Charles Darwin.

Wir haben im heutigen Morgenblatte zwei Briefe veröffentlicht, die Darwin ein halbes Jahr vor seinem Tode an den Professor der Pflanzen-Physiologie an der Wiener Universität, Herrn Dr. Julius Wiesner, gerichtet hat und die uns von diesem Gelehrten auf unser Ansuchen zur Verfügung gestellt werden sind. Ebenso verdanken wir dem Professor der Zoologie und vergleichenden Anatomie, Herrn Karl Dr. Claus, die Mittheilung mehrerer an ihn gerichteter Briefe Darwin's. Professor Claus hatte auch später bei einer Reise nach England Gelegenheit, in persönlichen Verkehr mit Darwin zu treten, worüber er uns eine höchst interessante Skizze zukommen ließ.

Professor Claus hatte, als einer der eifrigsten Anhänger und Vertreter der Theorie Darwin's, demselben un Jahre 1876 sein Werk: "Untersuchungen zur Erforschung der genealogischen Grundlagen des Crustaceen-Systems" (ein Beitrag zur Darwinschen Descendenzlehre), gewidmet. Darwin nahm die Widmung des seinerzeit vielfach besprochenen und in gelehrten Kreisen geradezu epochemachenden Werkes mit großer Freude an und richtete zum Ausdrucke seines Dankes an Herrn Professor Claus einen eigenhändig geschriebenen Brief, worin er jener Anerkennung, welche dem Werke in allen Kreisen der Naturforscher gezollt worden war, auch seinerseits Ausdruck gab. Der Brief lautet:

Down, Beckenham, Kent. Mai 2, 1876.

Mein werther Herr! Ihr Wunsch, mir Ihr grosses Werk über Crustacean zu widmen, ist fur mich eine sehr grosse Ehre, und ich danke Ihnen hierfur aufrichtig aus dem Grunde meines Herzens. Ich wünsche Ihnen Gück, dass Ihre so lange fortgesetzte Arbeit nun nahezu vollendet ist, und es kann über den hohen Werth Ihres Werkes über diese interessanteste aller Classen des Thierreiches kein Zweifel obwalten.

Nochmals für die mir zugedachte Ehre und für Ihr hochst freundliches Schreiben dankend verbleibe ich hochachtungsvoll, mein werther Herr, Ihr Ergebenster Charles Darwin.

Es war übrigens schon in früherer Zeit zwischen Darwin und Professor Claus ein sehr reger Briefwechsel über wissenschaftliche Themata geführt worden. Professor Claus stellte insbesondere das durch seine Wahrnehmungen gewonnene Material über die Untersuchung der Cirripedien (eine Ordnung der Krustenthiere), ein Lieblingsthema Darwin's, demselben zur Verfügung. Durch diese wissenschaftliche Ideen-Association gestaltete sich das Verhältniß, zwischen den beiden Forschern immer intimer, und Professor Claus benützte bei einer wissenschaflichen Reise, die er Anfangs September 1871 nach den, Auslande unternahm, die Gelegenheit, um bei den großen Gelehrten, auf dessen Landsitze Down, vorzusprechen. Die Eindrücke, die Professor Claus bei diesem Besuche empfing, schildert derselbe in der uns freundlichst zur Verfügung gestellten Skizze in nachfolgender Weise: "Down ist eine Stunde von London entfernt. Der große Naturforscher wohnte in einem Landhause, das durch seine geschmackvolle Einfachheit einen freundlichen Eindruck macht. Seine Lebensweise unterschied sich in nichts von der eines einfachen Grundbesitzers und war fern von aller Prätension. Auch in seiner Haushaltung war nicht der mindeste Aufwand zu bemerken. Zwei weibliche Verwandte führten daselbst das Regiment. Eine derselben besorgte Darwin's Correspondenzen. Namentlich in den letzten Jahren, in welchen er seine Briefe nicht mehr selbst schrieb, sondern sie dictierte, war ihm dieser weibliche Secretär unentbehrlich. Nur Personen, denen gegenüber er eine besondere Rücksicht an den Tag zu legen wünschte, schrieb er noch eigenhändige Briefe.

Als ich an jenem Septembermorgen, der mir unvergeßlich bleibt, in den Bordertract des Landhauses eintrat, kam mir der berühmte Gelehrte, geführt von den zwei Damen und gestützt auf einen Stock, entgegen und empfing mich in überaus herzlicher Weise. Nach der Begrüßung sagte Darwin, auf seinen Stock zeigend, lächelnd zu mir: "Sehen Sie, das ist die Trophäe der wissenschaftlichen Kämpfe, die ich mir errungen." Ich folgte seiner Einladung, mich in sein Wohnzimmer zu begeben. Hier erzählte er mir zunächst von den außerordentlichen Strapazen, die er während seiner Weltreise auf dem Schiffe "Beagle" zu ertragen gehabt und die seine Gesundheit derart erschüttert hatten, daß er das Bedürfniß fühlte, sich aus dem unruhigen Getriebe der großen Weltstadt in die stille Abgeschiedenheit seines ländlichen Gutes zurückzuziehen und sich ausschließlich seinen wissenschaftlichen Forschungen zu widmen. Diese Zurückgezogenheit hat auf die Entstehung seines großen Werkes über die Selections-Theorie sehr fördernd gewirtt. In London wurden, wie Darwin weiter bemerkte, seine Kräfte auch durch verschiedene Geschäfte zersplittert, und er drückte mir seine Befriedigung aus, in ländlicher Abgeschiedenheit seine ganze Thätigkeit auf das Studium des großen Problems, das ihn schon auf seinen Reisen beschäftigt hatte, zu concentriren. Der große Gelehrte unterhielt sich mit mir noch über verschiedene wissenschaftliche Fragen, und im anregendsten Gespräche vergingen die Stunden, die ich in Gesellschaft des berühmten Naturforschers zuzubringen das Glück hatte." Ebenso herzlich wie der Empfang war auch der Abschied, den Darwin von Professor Clais mit den Worten nahm, er freue sich, den Mann, den er bisher durch brieflichen Verkehr schätzen gelernt, nun persönlich kennen gelernt zu haben.

Von Interesse dürften die nachfolgenden Bemerkungen über die wissenschaftliche Thätigkeit und über die Charakter-Eigenschaften Darwin's sein. Professor Claus theilt uns hierüber Folgender mit: Während seine Zurückgezogenheit auf seinem Gute beschäftigte sich Darwin vorzugsweise mit dem Studium der Organismen im Culturzustande der Hausthiere und Gartenpflanzen, und zu jedem Besucher sagte der Gelehrte, in dem er auf seine herrliche zoologische Sammlung und auf seinen nicht minder schönen Garten hinwies, es sei dies der nächste richtigste Weg, um zur Selections-Theorie zu gelangen. Zur eingehenden Vergleichung der Culturformen (Racen und Spielarten) mit den wilden, nicht durch Cultur veränderten Organismen (Arten und Varietäten) hatte der Gelehrte in seinem Hause überraschend große Anzahl von Haustauben von allen Racen und Spielarten und bekam solche auch aus allen Weltgegenden geschickt. Ferner fand man in seinem Garten eine große Zahl von Kaninchen. Er war ein so großer Taubenfreund und hatte für diese Thiere eine solche Vorliebe, daß er in London Tauben-Club gründete, in welchem er die Taubencultur Leidenschaft und unermüdlichem Eifer betrieb.

Seine Weltumseglungsreise auf dem "Beagle" hat in einem von Dieffenbach übersetzten Werke beschrieben, in welchem sich bereits Spuren jener Wege erkennen lassen, die später zu seinen großen wissenschaftlichen Problemen führten. Von hohem Werthe ist besonders sein Werk über die Bildung der Korallenriffe. Die Inseln der Südsee bestehen größtenteils aus Korallenriffen, und die verschiedenen merkwürdigen derselben und ihr Verhältniß zu den nicht aus Korallen gebildeten Inseln vermochte man sich früher nicht befriedigend zu erklären. Darwin hat nun hier eine geradezu epochale Entdeckung gemacht, indem er nämlich außer der aufbauenden Thätigkeit Korallenthiere auch die geologischen Hebungen und Senkungen, des Meeresbodens für die Entstehung der verschiedene Riffsgestalten in Anspruch nahm. Diese Entdeckung bildet ein nicht hoch genug anzuschlagendes Verdienst Darwin's. Schließlich sei noch erwähnt, daß Darwin vom Jahre 1837 bis zum Jahre 1858 über seine epochemachende Selections-Lehre nichts geschrieben, hatte. Diese 21 Jahre benützte er nur zur stillen Forschungen, deren Resultat das im Jahre 1859 erschienene weltbewegende Buch über die Selections-Lehre war.

Alle, die das Glück hatten, mit Darwin zu verkehren, rümen seine große Bescheidenheit, namentlich wenn es sich Entwicklung seiner wissenschaftlichen Anschauungen handelte. Trat ihm Jemand mit einer Ansicht entgegen, die Darwin von seinem wissenschaftlichen Standpunkte nicht billigte, so machte er ihm nicht schroffe Opposition, sondern er liebte es hier, sich dabei solcher Syllogismen und Gleichnisse zu bedienen, die seine Ansichten klar und decidirt hervortreten ließen und die seines Gegners zu entkräften geeignet waren. Wirklich rühmenswerthen wissenschaftlichen Leistungen hingegen zollte Darwin geradezu uneingeschränktes Lob.

 

[English translation of the letter:

Down. Beckenham, Kent.

May 2, 1876

Dear Sir!

Your wish to dedicate your great work on Crustacea to me is a very great honour, and I thank you for it sincerely from the bottom of my heart. I wish you good fortune, now that your long continued work is nearly completed, and no doubt can prevail about the great value of your work on this most interesting of all the classes of the animal kingdom.

Thanking you again for the honour bestowed on me and for you most kind letter, I remain, respectfully, dear Sir, your most devoted

Charles Darwin.]


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Citation: John van Wyhe, ed. 2002-. The Complete Work of Charles Darwin Online. (http://darwin-online.org.uk/)

File last updated 7 December, 2022