RECORD: Darwin, C. R. 1877. [First publication of letter to Zacharias stating when Darwin became an evolutionist]. In Otto Zacharias, Das Geburtsjahr der Darwin'schen Theorie. In Emil Rade ed., Charles Darwin und seine deutschen Anhänger im Jahre 1876. Eine Geschichte der deutschen Ehrengabe zu Darwin's 69. Geburtstage. Strasbourg: J. Schneider, p. 51.

REVISION HISTORY: Transcribed and edited by John van Wyhe 10.2022. RN1

NOTE: See record in the Freeman Bibliographical Database, enter its Identifier here.

The letter with important notes is also published in Correspondence vol. 25, stating it was published by Zacharias in 1882 in A79. It was in fact first published here in 1877. In 1882 it was published again by Zacharias in Gegenwart and in the Neue Freie Presse (21 April 1882): 4-5 (A1281) and Zacharias, Charles R. Darwin und die culturhistorische Bedeutung seiner Theorie vom Ursprung der Arten, 1882.


[page] 51

Das Geburtsjahr der Darwin'schen Theorie.

Eine Skizze von Dr. Otto Zacharias.

Während alle Schriften und Abhandlungen Darwins von Laien und Gelehrten mit Eifer studirt werden, erfährt das Reisetagebuch, welches der damals noch jugendliche Forscher in den Jahren 1831-36 an Bord des Beagle schrieb, eine sehr stiefmütterliche Behandlung. Und doch gestattet uns gerade dieses Tagebuch*) interessante Einblicke in die geistige Entwickelung Mr. Darwins. Es liefert uns den Beweis dafür, dass es auch für diesen grossen philosophischen Naturforscher eine Zeit gab, wo er noch fest an die Constanz der Arten glaubte und in ihnen die organische Verkörperung von Schöpfungsplänen sah. Das erscheint uns, nachdem was wir aus den späteren Werken desselben Autors wissen, ganz unglaublich; aber wir werden überführt, wenn wir das Tagebuch zur Hand nehmen und die betreffenden Stellen nachsehen. Auf S. 109 (1. Theil) schildert uns Darwin (bei Gelegenheit seines Aufenthaltes in Patagonien) einen merkwürdigen kleinen Vogel Tinochorus rumicivorus- und hebt hervor, dass derselbe, wenn man ihn classificiren solle, seines für vegetabilische Nahrung passenden Magens, seines gewölbten Schnabels, seiner fleischigen Nasenmündungen und seiner kurzen Beine wegen, zu den Wachteln gezählt werden müsse. Aber so bald der Vogel fliege, ändere man seine Stimmung. Dann erinnerten die langen spitzen Flügel, die unregelmässige Flugweise und ein beim Erheben hörbar werdender Klageton eher an die Schnepfe als an irgend einen hühnerartigen Vogel. In der Gestalt seiner Flügel, der Länge der Schulterfedern, der Gestalt des Schwanzes und der allgemeinen Farbe des Gefieders, nähert er sich auch den Strandläufern.

Darwin zeigt sich zwar in diesem Falle als ganz derselbe scharfe und umsichtige Beobachter, der er auch heute noch ist aber die merkwürdigen Verwandschaftsbeziehungen des Tinochorus veranlassen ihn nicht zu dem geringsten Zweifel

*) Vortrefflich übersetzt v. Dr. Ernst Dieffenbach, Braunschweig 1844.

[page] 52

an der Constanz der Arten. Er hofft vielmehr, dass die in Rede stehende Vogelfamilie dazu beitragen werde, "den grossen Plan der Organisation," der bei den Geschöpfen der Gegenwart und Vergangenheit sich uns überall aufdringe, zu enthüllen. Diese Reflexion stammt aus dem Jahre 1832. Erst 4 Jahre später, als Mr. Darwin sich einige Zeit lang in Australien aufgehalten hatte, machten sich die ersten Spuren von Zweifeln in seinem Geiste geltend. Ich glaube, diese meine Behauptung mit folgender Stelle des Tagebuchs erhärten zu können. Darwin schreibt: "Kurze Zeit vorher hatte ich auf einem sonnigen Abhange gelegen und über den fremdartigen Charakter nachgedacht, den die Thiere in diesem Lande tragen, wenn man sie mit denen der übrigen Welt vergleicht. Ein Skeptiker könnte ausrufen: "Zwei verschiedene Schöpfer müssen geschaffen haben, aber ihr Zweck war derselbe und war sicherlich in jedem Falle vollständig!cWährend ich so dachte, bemerkte ich die kegelförmige Grube des Ameisenlöwen. Zuerst fiel eine Fliege an dem verrätherischen Rande herunter und verschwand augenblicklich; dann kam eine grosse, unvorsichtige Ameise; ihr Kampf war heftig und die merkwürdigen kleinen Sandstrahlen wurden gegen sie gerichtet. Aber die Ameise war glücklicher als die Fliege und entrann den verderblichen Kiefern, die im Grunde das kegelförmigen Loches verborgen Es ist kein Zweifel, dass diese räuberische Larve zu derselben Gattung wie die europäische gehört, obgleich sie eine verschiedene Art bildet. Was sagt der Skeptiker hierzu? Würden zwei Werkmeister einen so schönen, einfachen und doch so künstlichen Mechanismus erdacht haben? Es ist unmöglich Eine Hand hat das Weltall erschaffen."

Eine bilderreiche Sprache lässt immer verschiedene Auslegungen zu, aber ich glaube nicht zu irren, wenn ich die Schlussworte des citirten Passus im descendenztheoretischen Sinne interpretire. Wer weiss, ob Darwin selbst sich mit voller Deutlichkeit jetzt noch alle die Gedanken ins Gedächtniss zurückrufen könnte, die ihn damals, auf jenem sonnigen Abhange, durch den Kopf gegangen sind. Aber es waren jedenfalls einige darunter, die ihn zu der Frage drängten: Wie

[page] 53

kommt es, dass in zwei verschiedenen, weit von einander entfernten Welttheilen dem Ameisenlöwen ganz dieselben Gewohnheiten und Eigenthümlichkeiten zu Theil geworden sind, wie kommt es, dass Australien und Europa, soweit sie sonst von einander differiren, darin übereinstimmen, dass ihnen eine und dieselbe Insektengattung gemeinsam ist? Höchstwahrscheinlich blitzte schon damals im Geiste Darwins der Gedanke an eine die ganze Organismenwelt umspannende Gesetzmässigkeit auf; denn die Eine Hand," welche nach seiner Ansicht bei der Erschaffung des Universums thätig gewesen war, konnte er sich gewiss beim Entstehen und Werden desjenigen Theils der Schöpfung, den wir die "organische Welt" nennen, nicht als müssig denken. Ich spreche hier nur Vermuthungen aus; aber da Mr. Darwin schon im Jahre 1837 wie er die Güte hatte mir mitzutheilen von dem Grundgedanken seiner Theorie überzeugt war, so lassen die von ihm ein Jahr früher gemachten Aeusserungen, gewiss auch schon eine Deutung im descendenztheoretischen Sinne zu. Es unterliegt keinem Zweifel, dass Darwin ganz allmählich und erst nach langem Nachdenken zur Aufstellung seiner berühmten Theorie gekommen ist. Die merkwürdige Entdeckung (die er in Patagonien machte) dass noch vorhandene Thiere eine genaue Verwandschaft in ihrer Gestalt mit den erloschenen Arten desselben Landes haben, trug nicht wenig dazu bei, die grosse Idee im Kopfe Darwins zur Reife zu bringen. Dies geschah jedoch nicht eher als im Juli des Jahres 1837.

Ich richtete vor Kurzem eine Anfrage an Mr. Darwin selbst und bat ihn mir zu sagen , wenn er aufgehört habe an die Beständigkeit der Arten zu glauben und wenn er der Gültigkeit des Evolutions princips überzeugt worden sei. Darauf hat er mir in freundlicher Weise folgendes geantwortet:

[24 February 1877]

Dear Sir,

When J was on board the Beagle I belived in the permanence of species, but as far as I can remember, vague doubts occassionally flitted across my mind. On my return home in the autumn of 1836, I immediately began to prepare

[page] 54

my journal for publication and then saw how many facts indicated the common descent of species, so that in Juli 1837 I opened a note book to record any facts which might bear on the question. But I did not become convinced that speciès were mutable until, I think, two or three years had elapsed.

Diese Eröffnung wird gewiss alle diejenigen, welche sich für den Darwinismus interessiren, von Bedeutung sein.

[This letter with important notes is also published in Correspondence vol. 25, stating it was published by Zacharias in 1882. It was in fact first published here in 1877. In 1882 it was published again by Zacharias in Gegenwart and in the Neue Freie Presse (21 April 1882): 4-5 (A1281) and Zacharias, Charles R. Darwin und die culturhistorische Bedeutung seiner Theorie vom Ursprung der Arten, 1882.]


This document has been accessed 125 times

Return to homepage

Citation: John van Wyhe, ed. 2002-. The Complete Work of Charles Darwin Online. (http://darwin-online.org.uk/)

File last updated 4 September, 2023